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Wenn der Winter kommt

Die Verzweiflung der Hoffnung.

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    Lachend stand sie auf, strich sich den Rock glatt, zog ihren Zopf noch einmal nach. Eine nervöse Geste, die sie immer und immer wieder tat. Wie beruhigend es war, druch das stumpfe Haar zu fahren, immer und immer wieder. Sie war blass, doch wenn sie lächelte, strahlte sie Lebensfreude aus. Recht klein für ihr Alter, gar zierlich. Meist wurde sie jünger geschätzt.
    Stand auf, vorsichtig, um sich nicht an dem Holztisch zu stoßen, rutschte leicht weg und stieß sich doch, Geschirr klapperte leise, als ihr Knie das massive Tischbein berührte. Blicke hefteten sich vorsichtig auf sie, Stimmen hoben und senkten sich sanft, wenn auch fraglich.

    Ein wohlwollendes Lächeln mehr unterstrich die süße künstliche Perfektion, der sich alle hier hingaben. Freundlich falsche Blicke fanden den Austausch, kurz stand sie noch, kurz und ließ die freundlich-feindlich anmutende Atmosphäre auf sich wirken, verabschiedete sich bewusst zügig und doch überschwänglich.

    Ein alter Satz, aufdringlich in ihrem Kopf bohrend, ja er war von ihm gekommen, früher als sie sich noch gekannt hatten.

    Sie verließ den stickigen Raum, kalte Luft schlug ihr entgegen, als sie die Tür hastig aufstieß, über ihr das Auge der Nacht, hinter ihr die freundliche familiäre Kälte.

    Drehte sich um, ein ordentliches Reihenhaus, ein perfekt gehaltener Vorgarten. Das Glück der Verbitterung hielt sich eisern in den Wänden dieses genormten Hauses. Und gleich nebenan wohnten die Nachbarn, in einem Haus, welches sich äußerlich nicht unterschied. Schöner Einheitsbrei, gewollt von Menschen, welche das Anderssein nicht ertragen, Menschen, die es nie wollten und blind einem Herden(an)führer furchtlos in den Untergang folgen, wie bereits ihre Eltern und Großeltern es taten.

    Unerträgliche Nähe mischt sich mit erbarmungsloser Distanz.

    Sie lief die Straße herunter, unten das kleine Auto geparkt, weil nicht genug Platz vor den Haus war. Weil Platz nie gewollt gewesen war. Sie durchwühlte die Jackentasche, um die Rettung, den Autoschlüssel zu finden und der ländlichen Einöde entfliehen zu können.

    Sie war ein Großstadtkind, schon immer gewesen, mochte die Endlosigkeit der Einöde, doch hasste zugleich die widerliche Nähe, die die Menschen hier zu einander hatten. Sie wollte keine Freunde, nur gute Bekannte.

    Ein kaltes, metallisches Gefühl in ihrer Hand, sie erschrak und der Schlüssel fiehl klirrend auf die Straße. Das Licht eines nahegelegenen Hauses ging schlagartig an, ein Vorgang wurde zur Seite geschoben, das Gesicht dahinter erschien.

    Eine junge Frau, wunderschön und doch zugleich hässlich.
    Sie starrte hinaus in die Dunkelheit, erschrocken von dem Klirren, erschrocken von der Fremden, fast vor ihrer Türe stehend. Erschocken von ihrem eigenen Argwohn.

    Doch, die da draußen, die Böse da, sie war fremd. Anderes Kennzeichen, unbekannt, anders aussehend. Der schwache Schein des Lichtes sorgte dafür, dass ein Blick in ihr Gesicht möglich war, wenn sie nicht fremd gewesen wäre, dann wäre sie schon fast schön gewesen.

    Sie bückte sich langsam, bedrachtete das Gegenüber im Fenster, grapschte, mit den Fingern den Erdboden berührend, den Schlüssel, setzte zum Aufschließen des Kleinwagens an, ein skeptischer Blick der Gestalt am Fenster, ein sich grotesk verziehendes Gesicht.

    Die Fremde bewegte sich.Die Einheimische starrte noch immer, kalt und ohne jegliche Regung, sie sah plötzlich, dass die Fremde ihren Blick erwiderte, doch hörte nicht auf.

    Auf einmal hob die Fremde die Hand, schwenkte sie hin und her in der kalten Nachtluft.

    Warum winkt sie mir? Die Frau hinter dem Fenster erstackte. Schaute zum Boden, schaute dann wieder auf, ein sekundenschnelles Hin und Her einer blassen kleinen Hand, kostete sie mehr Überwindung, als das Lesen der alltäglichen Nachrichten.

    Sie wartete. Die Fremde stand immer noch, winkend.

    Sie ertrug es nicht mehr, ließ den Rollladen des Fensters nach unten sausen. Durch die Ritzen, die geblieben waren, weil sie ihn nicht ganz heruntergelassen hatte, erkannte sie:

    Die Fremde winkt mir immer noch.

    Doch, wenn der Winter kommt, dann wird sie gegangen sein, wenn der Winter kommt, wird sich dieser klare Blick nicht mehr abheben vom weißen Schnee.

    Wenn der Winter kommt, dann gehen die Fremden zurück in die Städte, denn dann ist es kalt und die Vögel zieh'n ge'hn Süden.

    Wenn der Winter kommt, dann vermischt sich die Kälte der Einsamkeit mit dem Hass der Einheimischen, geübter Spott,über Generationen eintrainiert, verfestigt sich dann zu einem Eisklumpen.

    Diese Eisklumpen werden Sie sammeln, sich gut in Erinnerung halten und spricht das fremde Menschenwesen ein falsches Wort, ist die Existenz schon
    beendet, bevor sie anfangen hat. Wer fremd ist, hat sich zu fügen, hat zu schweigen. Hat zu akzeptieren. Nicht widersprechen. Nicht in die Augen blicken. Sie sollen sich bücken und in der gebückten Haltung verharren, ansonsten wird man ihnen beibringen, sich zu bücken. Die Eisklumpen des Hasses, niemand wird scheuen, all die Probleme in sie zu setzten, sie zu Blutdiamanten zu formen. Nein, sie werden auch nicht zögern, sich selbst zu zerstören, um andere zu zerstören.


    Und die Frau, hinter dem Vorgang versteckt, weiß, dass Eisklumpen schmerzen, wenn man sie nach Fremden wirft.

    Sie wand sich ab, ging weg vom Fenster, weg von dieser Gestalt da draußen, verdrängte eine bittere Erinnerung. Schluckte Schmerz hinunter und spürte, wie er in ihrer Kehle brannte, wusste, dass sie Etwas geworden war, was sie nie hatte sein wollen.

    Weiß, dass sie heute war wie diejenigen, die sie früher so sehr verachtet hatte. Und weil sie nichts Besseres wusste, ließ sie ihren Frust im Internet aus. Nahm das Heulen eines Motors nur noch als Randnotiz war.

    Den anderen machte es Freude, Leute davon zujagen, zu demütigen, doch sie war vom Gruppenzwang erfasst worden, hatte Angst, vor dem Verlust ihrer nicht vorhandenden sozialen Stellung, wieder diejenige zu seien, mit der niemand reden würde. Dabei verdrängte sie, was sie ganz genau wusste:,, Du bist fremd. ''

    Je länger sie blieb, desto fremder fühlte sie sich, hatte sich hingegen der sozialen Isolation und der Hoffnung, dass es Morgen vorbei sein wird, hingegeben.
    Der zerbrochene Traum von Freiheit.

    Oh, wie schön muss der Ort sein, an dem man Mensch sein kann, ohne von Menschen beurteilt zu werden?

    Wenn der Winter kommt, ist sie verlassen. Wenn der Winter kommt, weiß sie, wie alleine sie ist, wenn der Winter kommt, weiß sie, dass sie bereut. Wenn der Winter kommt, weiß sie, dass sie nur noch eine leere Hülle ist.

    Wenn der Winter kommt, weiß sie nicht, ob sie den Nächsten erleben wird, oder ob sie verschwinden wird mit ihm, mit ihm gehen wird, wie der Schnee schmelzen wird, und nur noch ein kleiner Schatten, eine entfernte Erinnerung für sie sein wird.
    Fremd geworden durch Fremd geblieben sein. Allein geworden durch Allein gelassen werden. Abhängig geworden durch Unabhängigkeit.

    Fremd.


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