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Blitzsterns Reise

Die SturmClan-Anführerin Blitzstern trifft einen schwerwiegenden Entschluss: Der RegenClan schwebt in einer Gefahr, die das Leben aller Clans auslöschen könnte. Als keiner der anderen drei Clans sich bereit erklärt, einige Katzen zum RegenClan loszuschicken, ziehen drei SturmClan-katzen los. Aber der Weg zum RegenClan ist gar nicht so einfach: Erst einmal den Wald durchqueren, dann das schneebedeckte Gebirge erklimmen und, und, und..
Während sich Blitzstern und zwei ihrer Krieger auf eine Reise machen, die womöglich ohne widerkehr ist, geht es im SturmClan drunter und drüber. Der Heiler Skarabäuskralle ist ratlos: Noch nie musste der Clan ohne Anführerin auskommen! Tauche ein in das Abenteuer des SturmClans und begleite die Clan-katzen auf ihrem Weg: D

Viel Spaß, Noemie P.

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    Blitzsterns Reise

    Falleskorte blickte sich aufmerksam um. Blitzstern und Rabensturm liefen neben ihm und gaben ein straffes Tempo vor, weshalb er schon fast rennen musste, um mit seinen Clan-kameraden mitzukommen. Blitzsterns Gesicht war ernst. Ihre Gefühle waren sorgfältig von einem eiskalten Schleier verdeckt, vor dem der kleine Kater zurückschreckte. Rabensturms Augen huschten unruhig hin und her, als würde er darauf warten, dass die Erde unter ihnen aufbrach und sie verschluckt wurden. Falleskorte hätte sich gerne mit einem Gespräch abgelenkt, aber seine Begleiter schwiegen stur. Sie erreichten den Gipfel des Hügels und blieben stehen. Vor ihnen tat sich ein endloser Wald auf, den sie nun durchqueren mussten. Und dann hatten sie gerade mal einen Viertel des Weges geschafft! Blitzstern sah nach unten und nickte ihren Begleitern zu.
    ,, Am Waldrand“, miaute sie und sprang leichtfüßig den Hügel hinab. Rabensturm folgte ihr nach einigem Zögern. Falleskorte wartete ein paar Herzschläge und jagte ihm hinterher. Unten angekommen blieb er neben Blitzstern stehen, die aufmerksam witterte. Er hob seinen Kopf und sog die frische Luft mit der Nase ein.
    ,, Es riecht nach Beute“, bemerkte Rabensturm und leckte sich die Lippen. Blitzstern nickte.
    ,, Ich gehe jagen, Rabensturm, könntest du dich nach einem geschützten Schlafplatz umsehen? Und du Falleskorte kommst mit mir. Ich jage dort, im dichten Unterholz und du wirst dein Glück hier an der Lichtung versuchen, In Ordnung?“. Falleskorte miaute kurz als Zustimmung und Rabensturm lief lautlos zwischen den tiefhängenden Ästen hindurch und verschwand bald.
    ,, Folge seinem Geruch wenn du etwas gefangen hast“, bat ihn die Anführerin und glitt ins Unterholz. Falleskorte duckte sich zu Boden und stellte die Ohren auf, bereit, das kleinste Geräusch zu verfolgen. Er witterte eine Maus und schlich sich an sie heran. Ein schneller Biss ins Genick und er erhob sich von der Erde. Vielleicht hatte Rabensturm ja schon einen Unterschlupf gefunden? Falleskorte beschloss, die Maus zu ihm zu bringen. Auf halber Strecke hörte er plötzlich wütendes knurren und Jaulen, erfüllt von Qual und Schmerz. Die Maus war vergessen. Falleskorte flitzte durch den Wald, so schnell er konnte. Äste schlugen ihm ins Gesicht und er kniff die Augen zusammen. Ein lautes Jaulen brachte ihn dazu, sie wieder zu öffnen. Vor sich sah er eine mit langem Gras bewachsene Fläche, die von einer Seite mit einer Steinwand geschützt war. An diesem Stein lag zitternd und mit weit aufgerissenen Augen…
    ,, Rabensturm!“, keuchte Falleskorte. Der Blick seines Bruders flog zu ihm und sofort ertönte ein drohendes knurren. Rotbraune Pelze, gefletschte Zähne und leise Pfoten. Das hatte ihnen gerade noch gefehlt! Füchse, drei erwachsene, starke Tiere drehten ihre spitzen Schnauzen in seine Richtung.,, Lauf!“, keuchte Rabensturm und Falleskorte sah ihn panisch an. Sein Bruder hatte ein eingerissenes Ohr und viele tiefe Kratzer abbekommen, er durfte ihn nicht hier lassen!
    ,, Kannst du laufen?“, erkundigte er sich. Rabensturm schüttelte schwach den Kopf. Falleskortes Gedanken rasten, während die Füchse ihn einzukreisen begannen. Sein Herz pochte immer schneller, die Angst wuchs in seinen Augen. Er hatte nur eine einzige Chance. Falleskorte wirbelte herum und lief weg, immer schneller. Nach einigen Herzschlägen vollbrachte er eine scharfe Wendung. Seine Krallen bohrten sich in den weichen Waldboden und der Kater flitzte in die Richtung aus der er gekommen war. Die Füchse, die ihm bellend gefolgt waren rissen die Augen auf. Falleskorte rannte immer schneller, auf die Füchse zu, die jaulend anzuhalten versuchten. Nur noch zwei Fuchslängen trennten sie. Der Krieger zog die Augen zu Schlitzen zusammen. So stark er konnte stieß er sich mit den Pfoten von Boden ab und flog über die verdutzten Füchse hinüber. Eine exakte Landung folgte und Falleskorte strengte seine Muskeln an. Schneller, schneller! Die Füchse hatten sich von ihrem Schock erholt und hingen ihn nun wieder an den Fersen. Der Stein an dem Rabensturm lag hatte er fest im Visier. Es kam nur auf seine Strategie an. Der Kater wirbelte wieder herum. Gut, die Füchse waren deutlich zurückgefallen. Rabensturm leckte mit Schmerverzerrtem Gesicht seine Schulter, an der ein langer blutender Riss klaffte. Falleskorte leckte ihm kurz über den Kopf. Sein Bruder zuckte zusammen. Er hatte nicht genug Kraft, um auch nur den Kopf zu heben. Falleskorte stellte sich vor ihn, wohlwissend, dass er diesen Kampf nicht gewinnen konnte. Aber da sprang etwas von dem Felsen über seinem Kopf und warf sich auf die Füchse. Diese jaulten überrascht auf. Fellfetzen flogen durch die Luft, Blut spritzte auf und Krallen blitzten in der untergehenden Sonne. Staub umhüllte die kämpfenden und Falleskorte sah reglos zu, wie der kleinste der Füchse auf drei Pfoten aus dem Getümmel taumelte und das Weite suchte. Die anderen zwei folgten nach einigen Herzschlägen. Der Staub war so dicht, das der Kater die schwarze Gestalt nicht gleich sah. Erst als Blitzstern aus der Erdwolke heraushinkte, erkannte er sie.
    ,, Blitzstern!“, miaute er, aber die Anführerin nickte kurz.
    ,, Rabensturm“, sagte sie sanft. Falleskorte bemerkte ein gefangenes Kaninchen, das auf dem Boden lag und sah Blitzstern fragend an. Sie erwiderte plötzlich seinen Blick und nickte kurz. Rabensturm hatte durch unmögliche Anstrengung seinen Kopf gehoben und sah sie an.
    ,, Falleskorte, ich such Wurzel der großen Klette. Du bleibst bei Rabensturm! Wenn es ihm schlechter gehen sollte oder er einzuschlafen droht, spreche ihn an! Er darf nicht schlafen!“. Falleskorte stutzte. Woher wusste seine Anführerin das alles? Die Kätzin duckte sich unter einem umgefallenen Baum hindurch und verschwand im Ginster. Rabensturm erzitterte.
    ,, Rabensturm, ist dir kalt?“, fragte Falleskorte und setzte sich neben ihn.
    ,, Nein.“. Die Stimme des Kriegers zitterte und sein Nackenfell sträubte sich.
    ,, Soll ich deine Wunden sauberlecken?“, bot der kleinere Kater und Rabensturm nickte schwach. Falleskorte begann, die Wunde an der Schulter sauber zu lecken. Sie war tief und blutete stark, und sein Bruder zuckte Schmerzgequält zusammen. Der Riss war sauberer geworden und er ging zu den kleineren über. Hinter ihm raschelte es und Blitzstern tauchte mit einer Wurzel im Maul auf. Sie biss ein Stück der Wurzel ab und zerkaute sie gründlich. Dann spuckte die Kätzin den Brei auf die größte Wunde und rieb kräftig daran. Der Saft stoppte die Blutung und Falleskorte atmete erleichtert auf, als Rabensturms Blick wieder klar wurde. Der Kater begann, sich langsam aufzurichten, als Blitzstern eindringlich miaute:
    ,, Ruhe dich aus, Rabensturm! Das ist ein Befehl!“. Der Kater ließ sich gehorsam nieder und die Anführerin seufzte erleichtert.,, Ich suche uns etwas Moos zusammen und du bleibst hier und hällst Wache“, richtete sie sich an Falleskorte.,, In Ordnung, Blitzstern“, nickte er und sie verließ die kleine Lichtung. Der Krieger hörte sie noch murmeln:,, Wir werden wohl eine kurze Rast einlegen müssen…“. Rabensturm sah ihr aufmerksam nach, dann drehte er seinen Kopf zu Falleskorte.,, Du hast mir das Leben gerettet“, flüsterte er heiser.,, Was hättest du denn an meiner Stelle getan?“, fragte sein Bruder gedankenverloren und ließ seinen Blick durch die Baumstämme schweifen.
    ,, Du hast recht…“, gab Rabensturm zu und legte seinen Kopf auf die Pfoten. Einige Herzschläge herrschte Stille, dann raschelte es im Gebüsch und Blitzstern legte ein Moosbündel vor ihren Begleitern ab.,, Ich habe nicht weit entfernt eine Quelle mit frischen Wasser gefunden“, gab sie bekannt und deutete mit den Ohren hinter sich.
    ,, Das ist gut.“, miaute Falleskorte und leckte sich die trockenen Lippen.,, Rabensturm, ich möchte nicht, dass du aufstehst, andererseits brauchst du Bewegung damit dein Bein nicht steif wird…“.
    ,, Ich hab's“, verkündete Rabensturm und stemmte sich auf drei Pfoten hoch. Die vierte hielt er behutsam in der Luft.
    ,, Sehr gut“, lobte Blitzstern und die Gruppe machte sich auf den Weg zum Fluss. Er war nicht besonders breit oder tief, aber um einen Katzendurst zu stillen genau das richtige.
    ,, Mal sehen, ob es hier Fische gibt“, murmelte Blitzstern und duckte sich am Ufer. Falleskorte sah gerade noch silberne Schuppen im Wasser aufblitzen, als seine Anführerin ihn bereits an Land schleuderte.
    ,, Falleskorte? Könntest du bitte schon mal etwas Moos von der Wiese dort vorne holen? Wir tragen es hier zusammen und dann zu dem Stein, wo wir waren.“. Der Kater lief gehorsam los, als Rabensturm ihm folgte.
    ,, Ich helfe dir beim tragen“, erklärte der schwarze Krieger und Falleskorte blinzelte ihn dankbar an. Zusammen trugen sie das Moos an den Fluss, wo Blitzstern am Ufer kauerte und ab und zu eine Pfote ins Wasser platschen ließ, um den vorbeischwimmenden Fisch zu ergattern.
    ,, Ich glaube das reicht“, nickte sie nach dem sechsten Fisch und blickte befriedigt den Moosberg an, den ihre Begleiter sorgfältig am Fluss getürmt hatten. Zu dritt trugen sie das Moos zu ihrem neuen Lager und Blitzstern schob jedem behutsam zwei Fische entgegen. Falleskorte fiel auf, dass die Kätzin einen ihrer Fische aß und den zweiten neben ihr Nest legte.
    ,, Vielen Dank für die leckeren Fische, Blitzstern“, bedankte sich Rabensturm bei ihr. Blitzstern sah auf und nickte kurz. Sie hatte sich aus dem Moos das sie gesammelt hatte ein kleines, aber gemütliches Nest errichtet. Falleskorte und Rabensturm hatten beschlossen, ein Nest zusammen zu machen. Die Kätzin hatte sich etwas weiter Richtung Abhang niedergelassen, um Wache zu halten. Falleskorte war ihr dankbar dafür. All die Ereignisse an dem Tag hatten ihm seine ganze Energie geraubt. Blitzstern jedoch sah aus, als wären sie gerade einmal einige Fuchslängen aus dem Lager geschlendert, um sich dort unter einem knorrigen Baum nieder zu lassen. Das letzte, was er vor dem Einschlafen sah, war das schwarze Fell von Rabensturm, das sich in dessen Atemrhythmus gleichmäßig hob und senkte.
    Die Sonne kitzelte Rabensturm in der Nase und er verkniff sich ein herzhaftes niesen. Vorsichtig, um seinen schlafenden Bruder nicht aufzuwecken erhob er sich und lief zu seiner Anführerin, die wachsam das Territorium um sie herum betrachtete.
    ,, Guten Morgen, Rabensturm“, miaute Blitzstern, ohne sich umzudrehen.
    ,, Wünsche ich dir auch“, nickte der Krieger und machte einen ausgiebigen Buckel.,, Könntest du kurz die Wache übernehmen, während ich uns etwas zu fressen besorge?“, erkundigte sie sich und sah ihn an.
    ,, Gerne“, willigte Rabensturm ein und setzte sich hin. Die Kätzin sprang los in Richtung Unterholz, hielt dann aber inne und drehte sich noch einmal zu ihm um.
    ,, Wie geht es deiner Schulter?“.
    ,, Gut“, neigte Rabensturm respektvoll den Kopf und seine Anführerin verschwand zwischen den Ästen. Hinter sich hörte er ein ausgiebiges gähnen und Falleskorte tappte zu ihm.
    ,, Blitzstern ist jagen gegangen“, informierte Rabensturm ihn. Falleskorte schien nicht überrascht. Zusammen beobachteten sie, wie die Sonne jedes einzelne Blatt zur Begrüßung aufleuchten ließ, um nach einigen Herzschlägen zum nächsten über zu gehen.
    Als die Sonne schon hoch am Himmel stand, kehrte Blitzstern mit drei Mäusen und einem Kaninchen zurück. Hungrig schlang Rabensturm seinen Anteil herunter und leckte sich zufrieden das Maul, während Falleskorte an seiner Maus nagte. Blitzstern hatte sich ein Stück von Kaninchen abgerissen und fraß es nun mit zierlichen, kleinen Bissen. Die Maus, die sie für sich gefangen hatte, lag ordentlich neben ihr. Blitzstern hatte versucht, sie so wenig wie möglich zu verletzen, bemerkte Rabensturm und hob seinen Kopf nach oben.
    ,, Ich denke mal, wir können heute weiterziehen“, miaute er und sah seine Begleiter erwartungsvoll an.
    ,, Sicher?“. Blitzstern wirkte etwas zweifelnd.
    ,, Sicher.“, nickte Rabensturm entschlossen. Die Gruppe erhob sich. Es wurde beschlossen, noch einmal den Fluss aufzusuchen und ein wenig zu trinken. Kurz nach Sonnenhoch machten sich Blitzstern, Rabensturm und Falleskorte wieder auf den Weg.
    Die Äste schwankten bedrohlich über Blitzsterns Kopf und die Kätzin stellte ihr Nackenfell auf. Das Wetter hier war unvorhersehbar! Am Morgen schien die Sonne, und jetzt war der Himmel von grauen Gewitterwolken überzogen. Sie sah immer wieder besorgt zu Rabensturm, der tapfer hinter ihr her tappte. Der Krieger biss mit aller Kraft die Zähne zusammen, er wollte und konnte nicht aufgeben. Wenn sie wegen ihm zu spät kamen, würde er es sich niemals verzeihen. Dann hätte wegen ihm das Leben vieler, mutiger Katzen eine blutrote Farbe angenommen und wäre mit einem letzten keuchenden Atemzug verklungen. Diesen Gedanken schluckte er jedoch schnell hinunter, als Blitzstern vor ihm plötzlich die Ohren aufstellte und mit zusammen gekniffenen Augen nach vorne sah. Falleskorte neben ihm peitschte nervös mit dem Schwanz, sein Blick war auch nach vorne gerichtete. Etwas knarzte ohrenbetäubend und der Kater wurde von seinem Bruder unsanft zur Seite geschubst. Seine Schulter durchfuhr ein scharfer Schmerz und er jaulte laut auf, wurde aber von dem immer lauter werdenden knarzen übertönt. Blitzstern vor ihm warf sich schlagartig zur Seite, wobei ein langer Schatten auf Rabensturm fiel. Ein Baum, mindestens einhundert Blattwechsel alt, fing an, auf ihn zu kippen. Erdbrocken wurden in die Luft geworfen, als die Wurzeln des Baumes aus der Erde gezogen wurden. Der Kater wurde im Nacken gepackt und energisch zur Seite geschleudert, einen halben Herzschlag bevor der Baum auf den Boden donnerte.
    Sein Herz schlug schneller als je zuvor, noch nie war er dem Tod so nahe gewesen. Selbst als ihn die Füchse beinahe zerfleischt hätte, hatte er nicht so große Angst gehabt. Hinter sich hörte er plötzlich verkrampftes Atmen und Blitzstern taumelte mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen nach vorne. Äste wurden auseinander geschoben und Falleskorte schob sich zu ihnen herüber.
    ,, Das war…knapp“, presste Blitzstern schließlich heraus. Eine Weile schwiegen alle, bis Blitzstern wieder das Wort ergriff.
    ,, Wir sollten weiterkommen, die Zeit zerrinnt uns zwischen den Pfoten“, miaute sie und Rabensturm regte sich. Der Schmerz war kaum zu ertragen. Langsam erhob er sich von der Seite und humpelte neben Falleskorte. Die Gruppe mit Blitzstern an der Spitze machte sich wieder auf den Weg. Rabensturm wurde heiß vor Schmerz, seine Schulter wurde immer wieder von Schmerzwellen ergriffen und jeder einzelne Knochen begann zu zittern.

    Frostschwinge schlug ihre Augen auf. Für einen schrecklichen Herzschlag lang sah sie den toten Körper von Blitzstern, zerfetzt und verblutet, in der Ecke liegen sehen. Die Kätzin schüttelte diesen Gedanken ab und lugte aus dem Kriegerbau. In der Mitte der Lichtung, vor dem Anführerbaum, sah sie eine Gruppe von Katzen, die aufgeregt tuschelten und in deren Mitte umkreisten sich Sturmherz und Himmelsschwinge mit gebleckten Zähnen und aufgestelltem Fell. Schnell eilte Frostschwinge zu der Gruppe.
    ,, Was ist hier los?“, fragte sie mit spitzer Stimme und die Katzen fuhren herum.
    ,, Ich weiß nicht“, meldete sich Tintenpfote, die Schülerin von Sturmherz, zu Wort.
    ,, Ich war mit Sternenflügel, Dämmerpfote und Kirschblüte auf Patrouille. Als wir zurückkamen, haben sie bereits gekämpft.“. Frostschwinge dachte fieberhaft nach, was sie jetzt tun sollte, als hinter ihr jemand knurrte
    ,, Das gibt’s doch nicht. Ihr streitet immer noch!“.
    ,, Kardamonpelz?“, miaute Frostschwinge und drehte sich zu der Ältesten um.
    ,, Weißt du zufällig, worum es geht?“.
    ,, Na, selbstverständlich!“. Die Kätzin kniff genervt die Augen zusammen.
    ,, Sturmherz saß vor dem Frischbeutehaufen und aß seine Maus, was Himmelsschwinge als Unverschämtheit empfand, da die Beute ja knapp wird.“.
    ,, Ich habe vollen Anspruch auf diese Maus!“, fauchte im selben Moment Sturmherz und warf Himmelsschwinge einen giftigen Blick zu.
    ,, Ja! Du denkst wohl, der Wald würde rund um die Blattwechsel so reich an Beute sein wie in der Blattgrüne! Dann sage ich dir jetzt, dass es nicht so ist!“. Frostschwinge sah sie betrübt an. Seit Blitzstern gegangen war, waren die meisten Katzen gereizt und nervös. Streit hatte es deshalb aber noch nie gegeben. Schlechte Laune gab es, ja, aber Kämpfe…
    ,, Hört jetzt gefälligst auf!“, knurrte sie die Krieger an, wobei sie darauf achtete, keinen von ihnen aus den Augen zu lassen. Himmelsschwinge sah ein, dass es diese eine Maus nicht wert war, Streit anzufangen.
    ,, Es tut mir leid Sturmherz“, seufzte er schließlich und senkte den Kopf.
    ,, Ich durfte deswegen nicht Streit anfangen, das sehe ich nun ein. Es ist nur…ich habe die ganze Nacht kein Auge zugemacht, wahrscheinlich bin ich deswegen so gereizt.“. Sturmherz senkte ebenfalls den Kopf.
    ,, Entschuldige du mich, ich durfte mich nicht auf diesen Streit einlassen. Ich habe diese Nacht ja auch schlecht geschlafen.“. Frostschwinge seufzte erleichtert. Diesen Streit konnten die Krieger ja klären, aber wenn sich nun der ganze Clan in zwei Hälften spaltete, gegeneinander kämpfte?

    Falleskorte warf einen besorgten Blick auf Rabensturm. Der Krieger war sichtlich langsamer geworden, immer öfter stolperte er über herausragende Wurzeln oder dicke Äste. Blitzstern vor ihm hatte sich zurückfallen lassen und stützte den Kater von der Seite, obwohl Rabensturm ihr immer wieder unzufriedene Blicke zuwarf. Falleskorte hatte Blitzsterns vielsagenden Blick gesehen und blickte sich aufmerksam nach einer Kaninchenhöhle um. Rabensturm war so stark vom Schmerz gefesselt, dass er den leichten Richtungswechsel nicht wahrnahm. Falleskorte lief geradewegs auf das Loch zu, wobei er darauf achtete, möglichst unbekümmert zu wirken.
    ,, Mäusedung!“, fauchte er im nächsten Augenblick und setzte seine Pfote im Loch fest. Blitzstern sah ihn dankbar an und eilte zu ihm.
    ,, Meine Pfote!“, jaulte Falleskorte und tat so, als würde er aus aller Kraft an seinem Fuß ziehen. Blitzstern packte seinen Fuß mit ihren spitzen Zähnen und zerrte an ihm. Falleskorte gab seine Pfote unerwartet frei und fiel nach hinten. Sofort rappelte er sich auf und verzerrte sein Gesicht wie vor Schmerz. Blitzstern sah ihn mit wahrhaftig gespielter Sorge an und miaute:
    ,, Das sieht nicht gut aus. Die Pfote ist gezerrt, ist aber zum Glück nicht schlimm. Wir können gegen Mondaufgang weitergehen.“. Falleskorte warf ihr einen dankbaren Blick zu und ließ sich neben einem Baum nieder. Rabensturm legte sich neben ihn, sichtlich erleichtert über die kurze Pause.
    ,, Tut es sehr weh?“, fragte der Krieger und Falleskorte rieb seinen Kopf an den Hals seines Bruders.
    ,, Es geht wenn ich ruhe, aber beim Laufen ist es spürbar.“, murmelte er und schloss seine Augen. Rabensturm rollte sich neben ihm zusammen und atmete einmal tief durch. Schon nach wenigen Herzschlägen war er eingeschlafen und Falleskorte sah Blitzstern verschwörerisch an.
    ,, Bleibe du hier, während ich uns was zu essen besorge“, wisperte die Anführerin und huschte in den Wald. Falleskorte bemerkte, dass Rabensturm seine Schulter ausgestreckt hatte und nun ruhig dalag. Vorsichtig, um den erschöpften Kater nicht zu wecken, fuhr Falleskorte mit der Zunge über das Gelenk. Rabensturm schnurrte im Schlaf und ermutigte Falleskorte damit, weiter zu lecken. Diesmal hatte er genügend Zeit, die Wunde ordentlich zu säubern und das Fell drum herum zu pflegen. Die rhythmischen Leck Bewegungen entspannten die verkrampften Muskeln des schwarzen Katers und Falleskorte spürte sein Wohlbehagen in Strömen von ihm ausgehen.
    Seine Bewegungen wurden langsamer und leichter, bis sie schließlich ganz aufhörten. Bald kam Blitzstern mit einem Kaninchen zurück, das sie in drei Teile teilte. Vom Geruch der frischen Beute wurde Rabensturm wach. Schläfrig erhob er sich von dem Waldboden, und spitzte überrascht die Ohren.
    ,, Der Schmerz hat nachgelassen“, miaute er und blickte zu Falleskorte.
    ,, Bei mir auch“, beeilte er sich zu sagen. Nach dem essen hatte keiner so richtig Lust weiter zu ziehen, aber Blitzstern blieb hart.
    ,, Ein Nickerchen können wir uns zu Hause erlauben!“. Falleskorte konnte sich nur zu gut denken, welche Worte ihr dabei durch den Kopf gingen:
    ,, Wenn wir überhaupt zurückkehren werden…“. Falleskorte hatte sich freiwillig gemeldet, Blitzstern zu begleiten, sie hatte keinen gezwungen mit zu kommen. Nein, er bereute seine Entscheidung nicht, aber… er hatte keine fünf Leben vor sich wie Blitzstern, er hatte ein einziges, eine einzige Chance, es zu genießen. Schnell rief er sich ins Gedächtnis, dass Blitzstern jede Katze vor ihrer Kriegerzeremonie fragte, ob sie im Clan bleiben wollen oder doch lieber als Einzelläufer ihr Glück finden. Keine Katze hatte bisher auf diese Frage zu den Clan verlassen, und das fand der kleine Kater bemerkenswert. Sie alle waren bereit im Kampf für ihren Clan zu sterben, er kannte es auch nicht anders. Während er in seinen Gedanken vertieft war hatte Blitzstern ihre Beherrschung widergewonnen und scheuchte ihn und Rabensturm den Wald entlang. Der Himmel über ihren Köpfen wurde immer dunkler und dunkler, aber Blitzstern beharrte darauf, in der Nacht weiter zu gehen.
    ,, Wir verlieren kostbare Zeit!“, widerholte sie unermüdlich. Falleskorte wusste, wenn er und Rabensturm nicht mitgegangen wären, hätte Blitzstern den Weg in höchstens vier Sonnenaufgängen zurückgelegt. Und plötzlich kam er sich so vor wie eine Last, die auf den Schultern seiner Anführerin ruhte und ihr das Leben schwerer machte als es ohnehin schon war. Aber sofort fiel ihm das Ziel ein, auf das sie zusteuerten.,, Es ist ein Kampf, mit mir wird einer mehr gegen die Feinde des RegenClans ankämpfen können.,, Aber bin ich wirklich so ein guter Krieger?“. Er erinnerte sich an seine Schülerzeit, an die Aufgabe, Rabensturm, damals Rabenpfote umzustoßen um an dessen Bauch zu kommen. Er konnte sich flink aus dem Gebüsch hinausstehlen und Rabenpfote anspringen, aber er war zu leicht um ihm um zu rempeln. Rabenpfote drehte sich leicht um und packte Fallpfote im Genick. Im Kampf wäre das sein Ende gewesen. Aber außer ihm hatte sich praktisch der ganze Clan gemeldet, mit zu kommen, trotzdem hatte Blitzstern ihn unter all den klugen, starken und schnellen Katzen herausgesucht…das hatte wohl seine Gründe, die er ehrlich gesagt nicht verstand. Und wieder unterbrach ihn Blitzstern bei seinen Gedanken, während sie voraustappte.
    ,, Hat jemand eine Idee, wie wir am schnellsten das Gebirge hinter uns schaffen?“. Rabensturm begann sofort, fieberhaft nach zu denken, aber Falleskorte blickte sie bloß leicht beschämt an. Er war noch nie im Gebirge gewesen, er kannte es nicht einmal. Ob es da wohl Schnee gab? Die weißen, kalten Flocken wollte er nicht so schnell wieder an seinen Pfoten spüren.


    Lorbeerpfote hustete kraftlos und Skarabäuskralle legte ihm beruhigend die Pfote auf die Flanke. Er betete zum SternenClan, dass Blitzstern so bald wie nur möglich zurückkehrte. Der Schüler, den sie einst gerettet hatte, war krank vor Sorge und verbrachte schon den zweiten Sonnenaufgang in einer Position, und nur seine bebende Flanke zeigte, dass er noch lebte. Sein Fieber ging nicht herunter, Skarabäuskralle hatte alles versucht. Es brachte es nicht übers Herz, dem Kater von seinem Traum zu erzählen. Dort spritzte Blut und Fellfetzten flogen durch die Luft, die mit fauchen, jaulen und kreischen erfüllt war. Seine Pfoten umspülte die klebrige, dunkelrote Flüssigkeit, es roch nach Metall und Tod. Tod einer tapferen Katze, die alles aufs Spiel setzte, um ihrer Seelenverwandten zu helfen. Er kannte nur eine solche Katze.
    ,, Aber sie hat noch fünf Leben!“, rief er sich ins Gedächtnis und seufzte. Gegenüber diesem Kampf erschienen ihm die fünf Leben seiner Anführerin nun wie wenige Herzschläge. Lorbeerpfotes rasselnder Atem ging schnell und flach.,, Lorbeerpfote, du schaffst es…“, flüsterte Skarabäuskralle und schob mit der Nase die Maus etwas näher, die er vorhin vom Frischbeutehaufen genommen hatte.,, Du musst was essen!“. Der Schüler öffnete seine Augen. Er reckte seine Schnauze und schloss seine Zähne um das Genick des kleinen Tierchens. Der Schüler zog sie sich etwas näher und biss ein kleines Stück ab.,, Wenn ich wieder zurück bin, möchte ich, dass du die ganze Maus aufgegessen hast“, miaute der Heiler leise und hinter seinem Rücken schlüpfte jemand in den Bau.,, Ist er aufgewacht?“, fragte Schattenwasser und kauerte sich neben den Schüler.
    ,, Sieh zu, dass er die Maus isst“, murmelte Skarabäuskralle und tappte aus dem Lager. Er dachte daran, wie Donnerschatten die ganzen Pflanzen erforschte, die ihm Krausnase so sorgfältig beigebracht hatte. Beim Andenken an seinen Mentor seufzte Skarabäuskralle. Er konnte ihn damals nicht retten, es war eine Krankheit, die er noch nie gesehen hatte. Skarabäuskralle schüttelte diesen Gedanken ab. Er musste Fiebersenkende Kräuter sammeln, das Leben eines Schülers stand auf dem Spiel.


    Blitzstern juckte es in den Pfoten, einen Zahn zu zulegen, aber ihre Begleiter stolperten in der Dunkelheit über Äste und Wurzeln, die sie mit ihrem scharfen Auge leicht sehen konnte. Der Mond hatte sich hinter Wolken verborgen und die Sinne der Anführerin knisterten wörtlich vor Aufmerksamkeit, was man nicht gerade von den beiden Kriegern hinter ihr sagen konnte.
    ,, Beeilung, Beeilung!“, miaute sie und umkreiste sie beiden mit hoch erhobenem Schwanz. Wenn sie noch rechtzeitig ankommen wollten, mussten sie schneller als der Wind sein. Für sie allein wäre es ja kein großes Problem, aber für ihre Begleiter, die jetzt schon am Ende ihrer Kräfte waren. Aber sie konnte sie nicht zurücklassen, das wäre besonders für eine Anführerin Verantwortungslos.
    ,, Bitte, könnt ihr wenigstens drei Schritte pro Herzschlag machen?“, riss sich ihrer Vernunft der Faden. Rabensturm und Falleskorte, von ihrem kalten Ton überrascht, beschleunigten ihre Schritte und liefen schweigend weiter. Wenigstens können wir etwas Zeit damit aufholen, munterte Blitzstern sich auf.


    Lorbeerpfote sah Skarabäuskralle den Bau verlassen, dann kauerte sich Schattenwasser sich neben ihn. Der Schüler sog die Luft kraftlos mit der Nase ein und presste sie wieder heraus. Es wurde mit jedem Mal immer schwerer. Es tröstete ihn nur, dass Blitzstern mit Falleskorte und Rabensturm unterwegs war. Lorbeerpfote schloss die Augen und sah Blitzsterns Leichnam. Es war ein grausamer Anblick, der ihn panisch zucken ließ. Neben ihm regte sich Schattenwasser.,, alles in Ordnung, Lorbeerpfote“, murmelte sie, aber ihre Stimme zitterte vor Anspannung und Sorge. Der Kater verfiel in einen unruhigen Schlaf.


    Falleskorte pochte das Blut in den Ohren, die Pfoten schmerzten vom langen laufen. Blitzstern vor ihm lief ungerührt weiter, nichts schien sie beunruhigen. Aber wie sehr Falleskorte sich da irrte…Blitzsterns Gedanken rasten, die Kätzin wurde von ihrer Sorge um das Urteil des RegenClans von innen ausgefressen. Rabensturm hatte seine Schulter vergessen. Er jagte hinter ihr her, seine Angst lag nur zu deutlich in seinen Augen. Falleskorte dagegen kämpfte mit aller Kraft gegen seine Angst an, was ihm auch gelingen würde, wenn sie nicht so groß wäre. Keine der drei Katzen sagte ein Wort, und Blitzstern schluckte ihre Sorge tapfer herunter. Sie würden am Morgen die Berge erreichen, was schon mal ganz gut war.

    Frostschwinge tappte erschöpft durch den Wald. Die Gedanken der Kätzin wurden vom fauchen zweier Kätzinnen unterbrochen. Kirschblüte und Schattenwasser lieferten sich einer heißen Debatte und bemerkten anscheinend nicht, dass sie die ganze Beute aufscheuchten. Immer wieder sah Frostschwinge eine Maus über den Boden flitzen, war aber viel zu müde, um ihr nach zu jagen. Seit des ersten Streits zwischen Sturmherz und Himmelsschwinge waren zwei Sonnenaufgänge vergangen. Aber die Streitigkeiten der Krieger nicht. Immer wieder musste sie eingreifen, damit sich die gut ausgebildeten Krieger nicht zerfetzten. Was würde Blitzstern von ihr denken, wenn wirklich jemand in so einem Streit verletzt wurde? Frostschwinge sah die vor Schock erstarrte Blitzstern vor sich und zog den Kopf ein. Sie überhörte dabei völlig den fremdartigen Geruch, der jeder Katze die Luft abschnüren würde. Als sie dann schließlich darauf aufmerksam wurde, ertönte ein lauter Knall…

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    Während sich Frostschwinge noch um das Geräusch zu sorgen hatte, kämpften sich Blitzstern, Falleskorte und Rabensturm schon seit Sonnenhoch die Felsstufen hinauf. Am Anfang war es noch leicht gewesen, aber nun schienen ihre Pfoten einfach nirgends Halt zu finden. Falleskortes Herz klopfte ihm jedes Mal bis zum Hals, wenn er seine Pfote auf einen höheren Stein setzte, auf dem einige Herzschläge zuvor Blitzstern gestanden hatte. Hinter ihm bewegte sich Rabensturm mit großer Vorsicht hinter seinen Begleitern, und Falleskorte verstand ihn auch: Ein Fehltritt-und er stürzte in den sicheren Tod. Blitzstern hielt unerwartet an. Einige Herzschläge lang starrte sie abschätzend nach vorne, dann nickte sie.
    ,, Wir springen.“. Falleskortes Magen drehte sich vor Schreck um. Springen? Wohin springen? Was war hier los? Blitzstern drehte ihren Kopf nach hinten.
    ,, Bloß eine Fuchslänge, dort ist es sicherer. Oder willst du da lang?“. Und die Kätzin deutet mit ihrem Schwanz über ihren Kopf und wies die Aufmerksamkeit des Kriegers auf eine senkrecht aufgehende, glatte Wand mit kleinen Einhöhlungen, gerade mal so groß wie eine Katzenpfote. Falleskorte schüttelte sich.
    ,, Besser nicht.“
    ,, Glaube ich auch. Dann mal los…“, miaute Blitzstern. Sie duckte sich, ihre Krallen kratzten an dem Felsvorsprung auf dem sie stand. Ihr Schwanz war konzentriert gesenkt. Und dann sprang sie. Ihre Pfoten scharrten an dem Stein. Falleskortes Herz blieb beinahe stehen. Blitzstern hatte mit ihren Vorderpfoten die gegenüberliegende Seite zu packen bekommen. Ihre Krallen hinterließen eine weiße Spur auf den dunkelgrauen Felsen.,, Blitzstern!“, rief Rabensturm atemlos. Falleskorte wusste nicht, was er tun sollte. Herzschlag um Herzschlag verstrich. Aber da packte Blitzstern ihre Entschlossenheit am Schwanz und zog sich Stück für Stück auf das Felsplateau. Falleskorte hörte seinen Bruder erleichtert ausatmen. Ihm selbst schien ein ganzes Gebirge von Herz zu fallen. Die Anführerin stand nun sicher auf der anderen Seite und wartete. Nun war er an der Reihe. Blitzstern war klein, kleiner als er, ganz zu schweigen von Rabensturm. Wenn Falleskorte etwas mehr Schwung in seinen Sprung legen würde… Seinen Blick fest an den Felsvorsprung geheftet, sprang er ab. Für einen kurzen Augenblick lang sah es so aus, als würde er in die Schlucht stürzen, aber schließlich landete der Kater sicher auf der anderen Seite.
    ,, wunderbarer Sprung“, nickte Blitzstern anerkennend. Nun war Rabensturm an der Reihe. Der Kater trat vorsichtig vor-und stürzte beinahe nach unten. Der letzte Vorsprung, von dem die beiden Katzen vor ihm abgesprungen waren war abgebrochen. Fassungslos sah der Krieger zu, wie das Steinchen in die Tiefe fiel, dann sah er zu seinen Kameraden herüber.
    Rabensturm wusste nicht, wie er herüberkommen sollte. Gut eine Kaninchenlänge mehr musste er nun überqueren, und so ein guter Weitspringer war er nun auch wieder nicht. Zweifelnd trat er von einer Pfote auf die andere. Und was wenn er verfehlte? Durfte er überhaupt verfehlen? Ein ungutes Gefühl beschlich sein Herz, dass wenn er stürzen sollte, ihre gesamte Reise in sich zusammenfiel wie ein Laubhaufen im Wind.,, Jeder einzelne hat zum Gelingen dieser Reise beizutragen…“. Blitzsterns Worte hallten immer noch in seinem Kopf nach. Jeder einzelne… Was trug er wohl bei, wenn er diesen Sprung verfehlte. Die Klauen des Katers schienen vor unzähmbarer Angst zu beben. Erstaunt sog Rabensturm die Luft ein. Er hatte keine Angst davor, zu verfehlen. Es war die Angst, seine Freunde zu verraten, die ihn da zurückhielt. Blitzstern schien zu spüren, was in ihm vorging.
    ,, Rabensturm“, rief sie ruhig. Der Krieger sah auf.
    ,, Ich weiß, dass du nicht am besten springst. Ich weiß, dass du Angst hast, uns zu verraten. Aber das brauchst du nicht. Du würdest uns verraten, wenn du nun zurückbleibst. Ich muss auch ständig Sachen versuchen, Rabensturm. Glaubst du, ich weiß alles und habe für jede einzelne Gefahr eine Lösung parat?“.
    Rabensturm schluckte. Darin war er sein Leben lang überzeugt gewesen.
    Aber Blitzstern fuhr fort:,, Falls ja, irrst du dich, Krieger. Sein einiger Zeit bin ich nur noch am versuchen, weil einfach niemand weiß, was zu tun ist.“. Falleskorte stand still neben der Kätzin. Sein Flussblauen Augen schienen etwas zu sehen, was den anderen verborgen blieb. Es schien ihn weder zu freuen noch zu beunruhigen. Rabensturm wagte noch einen Blick in die Tiefe. Also gut. Er würde es versuchen. Selbst wenn er sterben würde, hatte er es wenigstens versucht. Und mit diesem Gedanken stieß er sich von dem Felsvorsprung ab.

    3
    Frostschwinge wurde schwindelig vor Schmerz. Sie verstand nicht einmal, was ihr wehtat, das einzige, was die Kätzin realisierte, war Gefahr. Durch unmögliche Anstrengung formte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen Worte.,, Frostschwinge! Frostschwinge!“, schrie jemand. Die Panik in der Stimme war nicht zu überhören. Frostschwinge schüttelte ihren Kopf. Das Atmen fiel ihr immer schwerer. Immer neue Schmerzwellen durchzuckten ihren Körper, jetzt erkannte sie auch die Schmerzquelle. Durch den Nebel, der sie zu überwältigen drohte, spürte sie den Schmerz in ihrer Brust. Scharf wie ein Dorn, totbringend wie eine Giftnatter, spürte sie den Schmerz, vergleichbar bloß mit der Verzweiflung einer ertrinkenden Katze, welcher ihr den Atem verschlug. Die zweite Anführerin spürte den Boden unter sich nicht mehr.,, Frostschwinge! Ich flehe dich an, sag etwas!“. Die Stimme ihrer Clan-kameradin war kaum mehr als ein Rauschen in den Ohren von Frostschwinge. Mit der Verzweiflung einer erstickenden Katze krallte sich die Kätzin an ihr entweichendes Bewusstsein. Kälte, so durchdringend wie ein Schneesturm, durchfuhr sie, ließ sie erzittern. Der Schmerz schien wie ein Echo abzuklingen, an seine Stelle trat völlige Ruhe.

    Kirschblüte sah aus ihrem Augenwinkel, wie Frostschwinge umkippte. Die Augen der Kätzin blickten starr nach vorn.,, Frostschwinge?“, miaute die Kriegerin unsicher. Schattenwasser neben ihr umrundete Frostschwinge. Die Königin senkte den Blick und ihre Ohren zuckten.,, Was? Was ist da?“, drängte Kirschblüte. Sie traute sich nicht, es selbst zu sehen. Schattenwasser rang nach Atem. Es schien, dass sie die junge Kriegerin völlig vergessen hatte. Plötzlich erzitterte Schattenwasser. Sie hob ihre Vorderpfote und in ihren Augen spiegelte sich das blanke Entsetzen. Der Streit war vergessen. Kirschblüte setzte zu der Kätzin und betrachtete die Pfote der Königin. Blut. Frisches Katzenblut, aber eine Wunde war nicht zu sehen. Anscheinend war Schattenwasser der gleiche Gedanke gekommen, denn sie deutete Wortlos auf Frostschwinge. Kirschblüte holte tief Luft und blickte herab. Ihr Herzschlag setzte für einen Herzschlag aus, und raste sofort auf das doppelte. Frostschwinges Augen waren halb geschlossen, der Iris war kaum sichtbar. Blutspritzer säumten die weiße Schnauze der Kätzin, Kirschblütes Blick folgte dem Hals. Für einen Augenblick drohte ihr Verstand sie zu verlassen. Eine furchterregende, blutunterlaufene Wunde zierte den Hals der Kätzin. Die rote Flüssigkeit tropfte auf die trockenen Blätter, eine kleine Pfütze hatte sich bereits vor der Wunde gebildet. Das Blut floss aus dem Körper, zog das Leben mit sich. Schattenwasser erwachte aus ihrer Starre des Entsetzens.,, Frostschwinge! Ich flehe dich an, sag etwas!“. Aber es war zu spät. Die zweite Anführerin lag leblos, von jeglichem Leid erlöst, zu ihren Pfoten. Kirschblüte sog einmal tief die Luft ein, dann drückte sie ihre Schnauze in Frostschwinges Schulter. Tränen, hell wie Birkensaft, ergossen sich über das Fell der gestorbenen.

    4
    Kurze Leseunterbrechung
    Es ist mir recht schwer gefallen, mich von Frostschwinge abzuwenden, aber es wäre ja nicht Warrior Cats mäßig, wenn keiner stirbt. Aber um diesen Tod etwas zu (mir fällt das Wort nicht ein), habe ich ein Paar Fakten zu Frostschwinge:
    1. Frostschwinge hat zwei Junge zur Welt gebracht, diese sind Kirschblüte und Natternherz.
    2. Frostschwinges Gefährte war Scheinkralle, er ist auch der Vater der beiden Jungen.
    3. Frostschwinge ist die erste der drei zweiten Anführer/Innen, die Blitzstern ernannt hat.
    4. Frostschwinge spürte, dass ihr Tod nahe war, und war deshalb nicht erfreut, als der Clan in ihren Pfoten gelassen wurde.
    5. Frostschwinge war kurz davor, den Verstand zu verlieren.

    5
    Krallen kratzten an Stein, dann jaulte jemand erschrocken auf. Falleskorte verschlug es den Atem. Blitzstern machte einen Satz nach vorne und versuchte, Rabensturm im Genick zu packen, aber sie war so klein, und er so groß. Falleskorte kam der Anführerin zur Hilfe und verbiss sich seinerseits im Rabensturms Genick. Gemeinsam konnten sie den Krieger zu sich hochziehen. Rabensturm atmete erleichtert auf und auch Blitzstern, Falleskorte war sich sicher, war ein erleichterter Gesichtsausdruck anzusehen. So schnell er auch gekommen war, so schnell verschwand er auch wieder und eine Falte legte sich auf Blitzsterns Stirn.
    ,, Wir müssen weiter“, miaute sie und betrachtete den schmalen Felsweg, der sich um das Gebirge wand wie eine Natter. Falleskorte nickte Rabensturm kurz zu, ehe er sich etwas beeilte um mit Blitzstern Schritt zu halten. Rabensturm machte die Nachhut, und da war auch etwas. Die ganze Zeit schon hatte er sich beobachtet gefühlt. Hier war eindeutig jemand, das wusste er. Blitzstern und Falleskorte hingegen blieben erstaunlich ruhig. Wussten sie etwas, was er nicht wusste? Das bezweifelte der Krieger zwar, aber plötzlich vergaß er seine Gedanken vor Schreck. Vor Blitzstern ragte ein riesiges Tier auf, Drei Mal so hoch wie sie und genauso breit. Blitzstern stand reglos da, verharrt wie ein Jäger. Falleskorte machte einen kleinen Schritt zurück. Das unbekannte etwas riss das Maul auf.
    ,, Steinbock“, miaute Blitzstern unsicher und tappte neugierig an das Wesen heran.
    ,, Blitzstern“, flehte Rabensturm leise.,, Mach das nicht!“. Aber Blitzstern schien den Kater nicht zu bemerken. Mit geweckter Interesse verfolgte sie mit ihrem Blick das junge Tier, welches sich bereits weiter den Abhang heruntergemacht hatte. Falleskorte neigte den Kopf.
    ,, Was war da…“, fing er an, aber Blitzstern schob ihn den Weg zurück.,, Leise! Das war ein Jungtier, und die Eltern kommen es sicher nicht allein suchen!“. Kaum hatte sie das gesagt, durchzuckte den Boden unter ihnen ein leichter Impuls...

    6
    ,, Skarabäuskralle, Skarabäuskralle!“. Der Heiler öffnete blinzelnd seine Augen. Gerade hatte er davon geträumt, alles wäre in Ordnung. Aber nun, nachdem er mit solch einer respektlosen Art und Weise aus dieser Vorstellung gerissen wurde, nahm die kalte, unvorhersehbare Realität wieder Gestalt an.,, Was?“, brummte der Kater deshalb leicht genervt und hievte sich auf die Pfoten. Vor ihm stand Tintenpfote. Der Schweif der jungen Schülerin zuckte nervös und Skarabäuskralle bedeutete ihr, sich zu setzten.,, Schattenwasser und Kirschblüte sind gerade zurückgekommen“, begann Flugpfote leicht angebunden.,, Ist Frostschwinge nicht mit ihnen gegangen?“, miaute der Heiler bedächtig.,, Sie hat mir gesagt, sie macht einen kleinen Spaziergang mit den beiden.“. Das schien der Punkt zu sein, an dem Flugpfotes Nerven nachgaben. Tränen blitzten in den Augen der Schülerin auf und sie schniefte.,, Ja, das war sie…aber lebend hat sie es nicht geschafft…“.
    Für einen Moment schien Skarabäuskralle, jemand hätte ihm den Boden unter den Pfoten weggezogen.,, Wie meinst du das?“, keuchte er und trat ohne eine Antwort abzuwarten auf die Lichtung. Eine leere, verzweifelte Stimmung lag in der Luft. Vor dem mächtigen Baum, von dem Blitzstern ihre Anreden hielt, hatte sich der gesamte Clan versammelt. In ihrer Mitte lag Frostschwinges regloser Körper. Selbst am anderen Ende der Lichtung stehend spürte der Kater die Kälte, die von dem Körper ausging. Es ist wahr… . Langsam, wie eine furchteinflößende Natter, die sich ihrer Beute nähert, dämmerte es dem Heiler. Der Clan war allein. Völlig allein gelassen den anderen Clans gegenüber. Ihm wurde übel, als er Schattenwassers leise Stimme hörte, die erzählte, wie der Tod ihrer zweiten Anführerin zu Stande kam. Wer führt jetzt den Clan an, bis Blitzstern wieder da ist?
    Dieser Gedanke stach dem Heiler wie ein Dorn ins Herz. Irgendwo da draußen begaben sich Blitzstern und zwei weitere seiner Clan-Gefährten in Lebensgefahr, nicht ahnend, dass ihr Clan nicht einmal mehr eine zweite Anführerin hatte. Was würde der SternenClan sagen, wenn er davon wüsste? Wachte er überhaupt noch über sie? Wie sonst könnte so etwas geschehen?
    Skarabäuskralle kehrte erschüttert in seinen Bau zurück. Lorbeerpfote reagierte nicht, als der Heiler in dem ausgehöhlten Baumstamm nach etwas zu suchen begann. Der Kater packte schnell ein paar Kräuter und schlang sie herunter. Sein Fell sträubte sich bei dem ekligen Geschmack, der sich in seinem Maul ausbreitete und Skarabäuskralle tappte aus seinem Bau. Während er an den trauernden Katzen vorbeilief, hörte er sie leise reden.
    ,, Wer nimmt jetzt Frostschwinges Posten an sich?“
    ,, Weiß Blitzstern schon, was geschehen ist?“
    Der Kater beschleunigte seine Schritte und trabte aus dem Lager. Seine Pfoten schmerzten, als wäre er heute schon um den gesamten Wald gelaufen, aber er beachtete das nicht. Seine Gedanken waren ihm schon voraus zur Mondlichtung geeilt.

    7
    Falleskorte packte das blanke Entsetzen, als er die kräftigen Tiere sah, die dicht aneinander gepresst den Hang hinabsausten. Auf den Köpfen der Tiere befanden sich komisch, geschwungene Holzstücke, die der Meinung des Katers nach recht kräftig aussahen. Rabensturm neben ihm schien sich aber mehr für die Tiere zu interessieren, als für ihre Möglichkeiten, ihn umzubringen.
    ,, Sind wir hier sicher?“, fragte Falleskorte Blitzstern und die Kätzin nickte bestimmt.
    ,, Ja, Falleskorte, solange wir nicht so mäusehirnig sind, um ihr Junges zu klauen, sollten sie uns nichts tun.“.
    Falleskorte verstummte. Wie es dem Clan wohl ging? Hatte Frostschwinge die Kontrolle beibehalten können? Rabensturm schien an das gleiche zu denken, denn in seinen Augen spiegelte sich ein wehmütiger Geist, wie der von einer Katze, die lange zuvor ihre Familie verloren hatte und nun daran erinnert wurde. Ohne den Kopf zu drehen miaute Blitzstern plötzlich:,, Wir kehren sobald wie möglich zurück. Der Clan ist in weisen Pfoten gut aufgehoben, vertraut mir.“. Falleskorte spürte, wie die Spannung von seinen Schultern streifte. Blitzsterns Überzeugung, die eiserne Bestimmung, mit der sie ihre Worte aussprach, gaben jeder Katze das Gefühl von Sicherheit. Schleierhaft wie Geister schienen seine Sorgen zu verschwinden.,, Die Tiere sind weg“, bemerkte in diesem Moment Rabensturm und Blitzstern trat nach draußen.,, Gut. Die Luft ist rein“, betätigte sie und Falleskorte folgte ihr eilig den steinernen Pfad hinauf. Die Anführerin streifte mit ihrem Pelz die kalte Klippe und ihre Klauen klickten leise wie kleine Kiesel auf dem Pfad.

    8
    Skarabäuskralle tappte schweigend über das große Moorgebiet, hinter dem die Mondlichtung lag. Die Gedanken des Heilers trübte Sorge, kettete sein Herz mit undurchtrennbaren Ranken fest und drohte es zu stoppen. Skarabäuskralle schüttelte sich und Staub rieselte aus seinem Fell zur Erde. Seit Blitzsterns abreise hatte es so viel zu tun gegeben, dass er nicht zum Putzen kam. Und obwohl seine Schülerin, nahezu vollständig ausgebildete Heilerin, half, wo sie nur konnte, glaubte Skarabäuskralle manchmal in seinen Pflichten zu ertrinken. Eine verwirrte Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.,, Skarabäuskralle?“, rief Vlad und sprang in großen Sätzen zum Heiler herüber.,, Sei gegrüßt, Vlad“, miaute Skarabäuskralle geistesabwesend und wich den Blicken des Streuners aus.,, Ist alles in Ordnung im SturmClan?“, fragte Vlad weiter. Interesse und Sorge schwankten in seiner Stimme mit.,, Ich muss jetzt weiter“, miaute Skarabäuskralle, aber Vlad versperrte ihm den Weg.,, Wie geht es Blitzstern?“, bohrte er weiter. Skarabäuskralle seufzte. Er verstand die Neugier des Katers zwar, aber Zeit für sich hatte es gerade nicht.,, Ich weiß nicht, wie es ihr geht.“, murmelte er und sein Fell kribbelte vor Unbehagen.,, Wie?“, erstarrte Vlad uns sein eisfarbener Blick bohrte sich in Skarabäuskralles Herz.,, Sie ist losgezogen, um dem RegenClan zu helfen“, presste er widerwillig heraus. Ohne ein weiteres Wort flitzt Vlad weg. Der Heiler brauchte sich nicht umzusehen, um zu wissen, dass Vlad sich zum SturmClan-Lager aufgemacht hatte. Skarabäuskralle setzte seinen Weg fort, während die Wahrheit ihn von innen auszufressen drohte.
    Die Sonne war schon beinahe untergegangen, als der Heiler die Mondlichtung erreichte. Erschöpft ließ sich Skarabäuskralle neben der Mondblüte nieder und streckte sich vor, um den Tau von ihren Blütenblättern zu lecken. Sofort packten ihn kalte Krallen und zogen ihn weg. Panisch wand sich der Heiler, konnte ihnen aber nicht entkommen. Plötzlich verschwanden die Krallen aus seinem Fell und Skarabäuskralle stürzte in die Dunkelheit. Scharfer Schmerz stach ihm in ins Herz, eine Stimme hallte durch seinen Kopf:,, Nicht Schrammen sind der wahre Schmerz…Verluste verunstalten dein Herz, am Ende hört es auf zu schlagen…“. Skarabäuskralle schrie. Plötzlich spürte er Nässe an seinem Hinterkopf und im nächsten Moment tauchte er in eine dunkle, schwappende Flüssigkeit. Sie füllte Nase und Maul des Heilers, Angst schoss ihm durch das Mark. Seine Lungen schrien nach Luft, aber Skarabäuskralle hat jegliche Orientierung verloren. Blindlings schlug er mit den Pfoten um sich, spürte, wie das Blut durch seinen Pelz drang. Es war kalt, kälter als die eisigen Krallen, die ihn hatten stürzen lassen. Gefühle schlugen wie Wellen auf Skarabäuskralle ein, der bemüht war, nicht das Bewusstsein zu verlieren. Wut und Trauer traten zuerst auf und versetzten ihm einen Stich. Sofort schwappten die Erinnerung wie altes Tümpelwasser über ihm zusammen und er spürte die Verzweiflung, so wie er sie nie hatte zu spüren bekommen. Gleich darauf folgten Fassungslosigkeit und die grauen Schleier der Gleichgültigkeit. Skarabäuskralle sprang auf die Pfoten und taumelte rückwärts. Die Mondblüte stand unberührt da, das Mondlicht zog bereits weiter und die glänzenden Tautropfen wurden unsichtbar für neugierige Katzenaugen. Der Heiler stolperte von der Lichtung und sah zum Silbervlies empor. Was auch immer sie ihm mit diesem Traum sagen wollten, er verstand diese Botschaft nicht. Plötzliche Pfotenschritte ließ ihn aufschrecken. Die Botin* des SturmClans, Himbeergeist, tauchte aus dem Schatten und blieb vor ihm stehen.,, Skarabäuskralle“. Die Stimme der Kätzin bebte.,, Der GrottenClan attackiert das Lager, Azurpfote ist weg…“. Skarabäuskralle sah sie erschüttert an.,, Wie…wie konnte das passieren?“, brachte er schließlich heraus und Himbeergeist seufzte.,, Jemand muss ihnen verraten haben, dass Blitzstern losgezogen ist…“. Skarabäuskralle war mit den Nerven am bitteren Ende.,, Weshalb tust du uns das an, SternenClan! Wachst du überhaupt noch über uns!“, heulte er und starrte zu den Sternen hinauf. Kalt schienen sie zu den beiden Katzen herunter, Schweigen folgte auf die verzweifelte Frage. Entschlossen wandte sich Skarabäuskralle an seine Clan-gefährtin:,, Wir müssen zurück. Lauf du voraus, Ich bin nicht schnell genug, um mit dir mithalten zu können.“. Himbeergeist nickte. Einige Herzschläge später hatte der Heiler ihrem dunklen Schatten schon aus den Augen verloren. Er folgte ihrer Geruchsspur, so schnell wie es seine alternden Knochen erlaubten und wurde die bittere Erkenntnis nicht los, dass es eine gewisse Schuld an der gesamten Sache trug. Ich sollte Blitzstern davon abhalten, selbst loszuziehen… dachte er mit anwachsendem Verständnis, wie mäusehirnig er war, Blitzstern gehen zu lassen. Ein Geräusch im Schatten weckte seine Aufmerksamkeit. Er blieb stehen und witterte, als plötzlich drei Katzen aus dem Gebüsch sprangen. Der Herzschlag des Heilers setzte für einen Augenblick aus, als er die drei Katzen erkannte. Streuner, erbarmungslos und kalt. Tod, Kralle und Zahn.
    *Bote/Botin- Ist für das überbringen wichtiger Nachrichten innerhalb des Clans zuständig. Boten sind die schnellsten Läufer des Clans, vom Kämpfen und Jagen sind sie jedoch auf den gleichen Level wie ein Heiler. Die Ausbildung zum Boten dauert rund zwei Monde länger als die Kriegerausbildung.

    9
    ,, Falleskorte, Vorsicht!“. Blitzsterns Warnruf hallte über den Schneebedeckten Hang und wenige Herzschläge später krallte sich die Anführerin in das Nackenfell des Kriegers. Falleskortes Herz hämmerte in seiner Brust, beinahe wäre er in die Tiefe gestürzt. Eilige Pfotenschritte kündigten Rabensturm an und im nächsten Moment bohrten sich weitere Krallen in sein Nackenfell und zogen ihn Stück für Stück hoch. Blitzsterns Hinterläufe zitterten erschöpft, das verfilzte Fell der Kätzin sah alt und struppig aus. Rabensturm sah zwar nicht viel besser aus, aber trotzdem schien er kräftiger als seine Anführerin. Falleskortes Herz zog sich schmerzlich zusammen unter der Vorstellung, Blitzstern so weitergehen lassen zu müssen. Wie oft er und Rabensturm auch versuchten, die Kätzin zu einer Pause zu überreden, es war zwecklos. Blitzstern, normalerweise wohlüberlegt und ruhig, schien nun allmählich zu ihrer zweiten Seite zu wechseln. Die sture Entschlossenheit ihrer scheinbar kleinen und schutzlosen Gestalt musste ausreichen, um ihren gesamten Clan aufzufordern, gegen die anderen drei Clans des Waldes zu kämpfen. Rabensturm trat zurück und warf einen besorgten Blick zu Blitzstern, die mit geschlossenen Augen und bebenden Flanken neben ihm stand. Die Rippen zeichneten sich zwar noch undeutlich, aber sichtbar auf ihrem Fell ab.,, Blitzstern?“, miaute Falleskorte, entschlossen, sie zu überreden. Die Anführerin öffnete ihre Augen und sah ihren Krieger an. Es schien, sie wäre wieder ganz wie vorher, aber sobald Falleskorte seinen Vorschlag aussprach, verfinsterte sich ihr Gesichtsausdruck.,, Meinst du etwa, ich sei nicht stark genug, um diesen in SternenClans Namen noch einmal Weg zu überqueren! Bin ich in deinen Augen schwach!“.,, Aber du musst wirklich eine Pause machen!“, kam Rabensturm seinem Bruder zur Hilfe und sah Blitzstern streng an. Ohne ein Wort wandte die Anführerin sich ab und stapfte weiter. Ihr langer Schweif zog eine kaum sichtbare Spur in den Schnee, die Pfoten der Kätzin sanken bis an ihre Kniebeugen ein, aber sie schien das nicht einmal zu bemerken. Falleskorte seufzte. Nach so einer klaren Antwort, war es zwecklos, mit Blitzstern verhandeln zu wollen. Wie verständnisvoll sie auch sein mochte, Loyalität stand für sie deutlich höher als ihre eigene Gesundheit. Rabensturm neben ihm tappte missmutig durch den Schnee und schüttelte nach jedem Schritt angewidert die weißen Flocken von seinem Fell. Falleskorte blickte kurz zur Seite, aber als er wieder nach vorne sah, war Blitzstern verschwunden. Sein Bruder schien genauso verwirrt und sprang in großen Sätzen zu der Stelle, wo gerade noch seine Anführerin gestanden hatte. Falleskorte folgte ihm und sah sich vor einem engen Felsspalt, der scheinbar einige Fuchslängen in die Tiefe ging. Unter dem Schnee war er nicht zu sehen gewesen, schoss Falleskorte durch den Kopf und er beugte sich vor.,, Blitzstern?“, rief er besorgt in die Tiefe. Als Antwort hallte ein Hustenanfall zwischen den steinernen Wänden der Höhle zu ihm hoch. Rabensturm setzte vorsichtig eine Pfote auf eine der Wände und rutschte beinahe selbst nach unten.,, Geht ohne mich weiter“, krächzte Blitzstern, als ein Paar kleine Steinchen, durch Rabensturms nach Halt scharrende Krallen ausgelöst, zu ihr herabfielen und auf ihre Schultern trafen. Falleskorte reckte sich vor und steckte seinen Kopf in den Spalt. Unten, fast unerkennbar, regte sich etwas.,, Alles in Ordnung, Blitzstern? Hast du dich verletzt?“, rief er nach unten und wartete. Kurz darauf antwortet die Anführerin, aber ihre Stimme klang so anders, dass sich Falleskorte nicht gewundert hätte, wenn da noch eine Katze drinsaß.,, Alles in Ordnung, Falleskorte. Geht weiter, der RegenClan braucht eure Hilfe.“, miaute Blitzstern. Ihren Worten folgte ein weiterer Hustenanfall, Falleskorte konnte sich nur zu deutlich ausmalen, wie der Körper der Kätzin unter dem unkontrollierbaren Husten erzitterte. Er winkte Rabensturm zu sich heran und flüsterte verzweifelt:,, Wie holen wir sie daraus? Der Spalt ist nicht groß genug für uns beide und allein…“. Er zögerte. Die leichte Kätzin könnten er oder Rabensturm einzeln aus der Höhle bekommen, aber nach Blitzsterns Befehl, allein weiterzugehen, befürchtete er, sie hätte sich womöglich ernsthaft verletzt. Rabensturm sah abschätzend zum Spalt und seufzte.,, Blitzstern hat genau in den Spalt gepasst, ich würde da steckenbleiben. Es könnte problematisch werden, zu zweit da raus zu klettern, wo Blitzstern womöglich auch noch verletzt ist… aber wenn du zu ihr herunter gelangen könntest, hätte ich oben eine gute Position, um euch herauszuhelfen. Natürlich nur wenn du einverstanden bist. Ansonsten werde ich gehen, koste es, was es solle.“, flüsterte er leise und sah Falleskorte nachdenklich an. Dieser nickte schnell.,, Ich werde versuchen, sie nach oben zu stemmen, damit du sie übernehmen kann. Irgendwie muss es ja möglich sein, da raus zu klettern“, miaute er grimmig und sah in die Dunkelheit hinab. Blitzstern hustete immer noch und sein Fell sträubte sich unwillkürlich bei der Vorstellung, die Anführerin könnte grünen Husten haben. Aber sofort schüttelte er diesen Gedanken ab und suchte die kahlen Wände nach herausragenden Steinen ab, an denen er sich festhalten könnte. Vorsichtig setzte er eine Pfote auf den obersten Stein. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, aber als der Stein unbewegt an seiner Stelle blieb, atmete er erleichtert auf und suchte eilig nach der nächsten Trittstelle. Noch könnte Rabensturm ihn abfangen, sollte er abstürzen. Aber je tiefer der Krieger sich nach unten arbeitete, desto mulmiger wurde ihm zu Mute. Die Luft unten war stickig und warm, Falleskorte nieste.,, Warum hast du meinen Befehl nicht befolgt?“, brummte plötzlich eine Stimme weniger als eine Mauslänge unter ihm. Der Kater verlor vor Überraschung den Halt und plumpste auf etwas Weiches.,, Geht es auch eine Spur vorsichtiger?“, beschwerte sich Blitzstern und Falleskorte rollte schnell zur Seite. Sein Fell streifte die kalte Steinwand und er zuckte zusammen. Von oben hatte der Spalt viel geräumiger ausgesehen. Seine Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit und er sah Blitzsterns Silhouette, die an die Steinwand gepresst neben ihm lag.,, Kannst du aufstehen?“, fragte Falleskorte und blinzelte besorgt, als Blitzstern wieder anfing zu Husten.,, Alles gut da unten?“, tönte Rabensturms angespannte Stimme von oben und Schritte umkreisten die Felsspalt.,, Halbwegs“. Falleskorte bemühte sich, entspannt zu klingen, aber seine Stimme bebte gerade so vor Anspannung. Blitzstern atmete tief durch und murmelte:,, Lass das. Ich komme hier nicht weg.“. Falleskorte schob seine Pfote vor und berührte Blitzsterns Flanke.,, Warum kommst du hier nicht weg?“, flüsterte er und seine Anführerin ließ ein hoffnungsloses Lachen durch die Steinwände hallen, dicht gefolgt von heiserem Husten. Der leere Laut drang in Falleskortes Ohren und er zuckte zurück. Blitzstern lachte nie. Selbst eine Katze, die Blitzstern nicht kannte, würde erkennen, dass die Kätzin nicht lachte, weil sie fröhlich war. Ihr Lachen war bloß ein leerer Laut, es drückte keine Gefühle aus. Falleskorte sah verzweifelt nach oben. Rabensturms Schatten fiel zu ihm herunter, aber selbst das spendete ihm kaum Trost.,, Warum kommst du hier nicht weg?“, wiederholte er seine Frage und Blitzsterns Augen leuchteten erschöpft auf.,, Sieh selbst.“. Und die Kätzin rückte so gut es ging zur Seite. Falleskorte erkannte, dass die Pfote der Kätzin hoffnungslos unter einem Felsen gefangen war und seufzte.,, Ideen?“, miaute er und blinzelte zu seinem Baugefährten hoch.,, Was ist überhaupt passiert?“, kam Rabensturms Antwort und der Kater bückte sich über die Öffnung.,, Blitzstern steckt fest, ihre Pfote ist unter einem großen Felsen. Wie wollen wir sie da rauskriegen?“, rief Falleskorte und Blitzstern lachte leise auf. Falleskortes Gedanken waren undeutliche, verwischte Flecken, die er nicht fassen konnte. Aber plötzlich erzitterte er.,, Blitzstern? Warum lachst du?“, flüsterte er der Kätzin zu. Die Anführerin drehte sich weg, ein erneuter Hustenanfall schüttelte sie und Falleskorte legte ihr seinen Schwanz auf die Schulter. Blitzstern hörte langsam auf zu husten, ihre Flanken hoben und senkten sich langsamer. Als sie sich zu dem Krieger drehte, senkte Falleskorte schnell den Blick. Blitzsterns Gesicht verriet puren Schmerz.,, Warum?“, wiederholte sie mit kratziger Stimme.,, Ich weiß es nicht. Aber deinem Gesichtsausdruck nach ist dies keine Situation, in der mir zum Lachen zumute sein sollte. Meinst du, ich sollte weinen?“. Falleskorte wusste nicht, was er antworten sollte. Vorsichtig packte er Blitzsterns Pfote und versuchte, sie unter dem Felsen hervorzuziehen. Sie bewegte sich keine Schnurrhaarbreite.,, Versuch mal, diesen Stock zwischen Blitzsterns Pfote und die Steinwand zu schieben! Vielleicht gelingt es euch ja, sie so herauszuschieben!“. Im nächsten Herzschlag bekam Falleskorte einen massiven Stock an seinem rechten Ohr zu spüren. Vorsichtig nahm er den langen und leicht gebogenen Ast ins Maul und schob ihn zu Blitzsterns Pfote durch. Zu seiner Erleichterung umschlang die Biegung des Astes die Pfote der Anführerin und Falleskorte zog. Zuerst schien der Stock nicht zu helfen, aber dann gab er mit einem Ruck nach und Falleskorte donnerte mit vollen Wucht gegen die Steinwand.,, Falleskorte? Geht es dir gut?“, miaute Blitzstern und der Krieger spürte ihren heiseren Atem an seiner Pfote.,, Ja…alles…gut“, presste er heraus und stemmt sich auf die Pfoten.,, Rabensturm? Es hat funktioniert!“, miaute er nach oben und sofort kam Rabensturms erleichterte Antwort:,, Gut! Blitzstern, kannst du selber hoch klettern?“. Blitzstern begann leise zu lachen. Ihre Augen waren fest zusammengekniffen und sie schüttelte langsam den Kopf. Falleskorte sah zu ihrer Pfote herunter, die unter dem Felsen geklemmt hatte. Ein langer Riss zog sich über das Fell und endete vermutlich irgendwo am dem Ballen der Anführerin. Der Krieger starrte abschätzend die Steinwand hinauf. Mit Blitzstern im Maul könnte er es vermutlich schaffen, die Steinwand zu erklettern und sie dann Rabensturm zu übergeben. Blitzstern schien seine Gedanken erraten zu haben, denn sie schüttelte entschlossen den Kopf.,, Ich werde das schon irgendwie hinkriegen müssen.“, miaute sie und sah die Steinwand hinauf.

    10
    Skarabäuskralle machte einen Schritt zurück. Gegen drei junge Streuner konnte er nicht ankommen, ganz zu schweigen gewinnen. Zahn kam mit einem gemeinen Grinsen auf ihn zu und stieß den Heiler zurück. Dieser stolperte ungelenk, aber fasste sich sofort wieder und wich zurück.,, Naaaaaa?“, fragte Zahn mit einem belustigten Laut und schnippte Skarabäuskralle mit seiner Schwanzspitze über den Kopf. Der Heiler bleckte die Zähne und knurrte. Die sollen nicht denken, ich wäre zu nichts fähig
    Kralle trat neben seinen Freund und knurrte:,, Seit wann schlendern Clan-katzen in unserem Revier! Es gehört nun uns, ihr seid hier nicht willkommen!“. Hinter ihnen räusperte sich Tod.,, Er kann das ja nicht wissen“, miaute er unsicher und tappte aus dem Schatten. Skarabäuskralle schluckte. So klein wie er auf den ersten Blick aussah, war Tod gar nicht. Seine Pfoten waren kräftig, das zottelige, nachtschwarze Fell glänzte leicht im Mondlicht. Farblose, fast weiße Augen leuchteten ruhig in der Dunkelheit. Zahn knurrte.,, Und du willst mit dieser Weltvorstellung deinen Gefährten treu sein?“. Tod reckte sich vor und miaute:,, Natürlich. Ältere Katzen zu verwunden gilt nicht als Stärke, das solltest selbst du wissen. Ich kann mein Revier genauso gut verteidigen wie du, aber ich tue es mit Verstand.“. Er neigte respektvoll den Kopf vor Skarabäuskralle und trat zurück.,, Alt? Der ist kaum aus dem Jungenalter raus!“, spottete Kralle und übersah dabei demonstrativ die silbernen Härchen an der Schnauze des Heilers.,, Sei nicht dämlich!“, fauchte Tod scharf und blitzte seinen Gruppengefährten empört an. Skarabäuskralle machte noch einen kleinen Schritt zurück. Sein Clan brauchte ihn, er konnte nicht ewig mit diesen Streunern streiten! Als hätte er seine Gedanken erraten bot Tod an:,, Ich begleite dich zu deinem Territorium. Komm mit.“. Ohne sich auch einmal zu Kralle und Zahn umzusehen, trabte er los. Der Heiler folgte ihm und passte seinen Schritt dem seinen an. Tod wandte ihm sein Gesicht zu und fragte:,, Wie heißt du eigentlich? Einfach aus Interesse, weißt du?“. Skarabäuskralle murmelte etwas Unverständliches und beschleunigte seine Schritte. Ob Azurpfote inzwischen aufgetaucht war? Ohne Heiler war ein Clan im Kampf so gut wie verloren. Tod riss ihn aus seinen Gedanken.,, Glaubst du, ich könnte dir im Clan behilflich sein?“. Skarabäuskralle wusste nicht recht, was er antworten sollte. Was würde Blitzstern sagen, wenn bei ihrer Rückkehr ein völlig unbekannter Streuner im Lager saß und sich mit ihrem Heiler die Zungen gab? Begeistert wäre sie wohl kaum. Aber tief in seinem Inneren spürte Skarabäuskralle, dass Tod einen großen Nutzen für den SturmClan haben würde.,, Wie möchtest du mir den behilflich sein?“, fragte er vorsichtig. Tod zuckte mit den Schultern.,, Ich weiß nicht. Was hast du denn für eine Position im Clan?“. Skarabäuskralle reckte stolz den Hals.,, Ich bin der Heiler des SturmClans. Meine Aufgabe besteht darin, meine Clangefährten gesund zu halten.“. Tod schwieg eine Weile.,, Das klingt nach sehr viel Verantwortung“, entschied er.,, Zu viel für eine Katze. Habt ihr denn noch einen zweiten Heiler?“. Skarabäuskralle sah in Tods farblose Augen. Was er vorher als weiß empfunden hatte, war zu einem unglaublich hellen blau geworden.,, Ich hatte eine Schülerin, aber Himbeergeists Worten nach ist sie verschwunden. Vielleicht ist sie inzwischen wieder aufgetaucht, ich weiß es nicht.“, erklärte er dem Streuner. Dieser nickte mitfühlend. Sie erreichten die Grenze des SturmClan Territoriums und Tod blieb stehen.,, Kommst du?“, miaute Skarabäuskralle und sah sich um.,, Darf ich denn?“, fragte der Kater unsicher und beschnupperte die Grenzmarkierung.,, Wir haben keine Zeit zu verlieren!“, drängte der Heiler und sah Tod ungeduldig an. Der Streuner machte einen eleganten Satz über die Grenze und folgte Skarabäuskralle ins Herz des Territoriums, zum Lager. Die beiden Katzen flitzten durch den Tunnel und blieben entsetzt stehen. Auf der Lichtung herrschte das pure Chaos. GrottenClan und SturmClan kämpften verbittert um Leben und Tod, Fellfetzten flogen durch die Luft und wütendes Fauchen hallte durch das Lager. Auf dem Anführerbaum stand Asternschweif. Der Kater schaute zufrieden nach unten, wo die Katzen gegeneinander kämpften und machte keine Anstalten, ihnen zu helfen.,, Skarabäuskralle! Hilfe!“, jaulte jemand vom Rand der Lichtung aus und der Heiler schaute sich suchend um. Tod erhob sich auf die Hinterpfoten und rief:,, Da vorne! Beim großen Astgestell!“. Er ließ sich auf alle viere fallen und bedeutet Skarabäuskralle, ihm zu folgen. Der Streuner schlug sich Schritt für Schritt nach vorne durch, dicht gefolgt von dem Heiler. Die beiden Katzen erreichten bald den Schülerbau und schlüpften hinein. Im schwachen Licht der Morgendämmerung erkannte Skarabäuskralle den Botenschüler Fuchspfote. Der Kater beugte sich über ein Moosnest. Tod trat vorsichtig näher. Sofort sprang Fuchspfote auf und entblößte fauchend die Zähne.,, Wer ist das! Er riecht nicht nach SturmClan!“, knurrte er und musterte Tod misstrauisch.,, Es tut uns nichts“, versicherte Skarabäuskralle und kniff die Augen zusammen, um die Katze im Nest identifizieren zu können. Er erkannte sie zwar sofort, wollte es aber nicht wahrhaben. Himbeergeist lag mit bebenden Flanken im Moos, ein tiefer Riss zog sich über ihre Seite. Blut sickerte heraus und tropfte auf das bereits scharlachrote Moosnest. Die Botin keuchte schwer, ihre Augen waren halb geschlossen.,, Himbeergeist“, wimmerte Fuchspfote und vergrub seine Schnauze in Himbeergeists kurzem Fell. Tod reckte sich vor und betrachtete die Wunde sorgsam.,, Kannst du sie retten?“, miaute er leise und sah Skarabäuskralle an. Der Heiler seufzte.,, Ich tue was ich kann. Aber in diesem Fall kommt jede Hilfe zu spät.“. Im selben Herzschlag regte sich Himbeergeist und blickte Fuchspfote an.,, Fuchspfote“, flüsterte sie heiser.,, Du bist schon alt genug, um ein Bote zu werden.“.,, Himbeergeist, nein“. Fuchspfotes Stimme klang verzweifelt. Himbeergeist fuhr ungerührt fort:,, Versprichst du, deinen Clangefährten treu zu dienen, selbst wenn es dein Leben kosten sollte?“. Fuchspfote nickte stumm.,, Gut. Dann gebe ich dir mit der Macht des SternenClans deinen Botennamen. Fuchspfote, von diesem Augenblick an wirst du Fuchspelz heißen.“. Die Kätzin lächelte schwach.,, Ich bin so stolz auf dich…“.,, Himbeergeist, stirb nicht!“, beharrte Fuchspelz und sah flehend zu Skarabäuskralle auf. Der Heiler drehte sich weg und senkte den Blick. Ich kann nichts mehr für sie tun…, dachte er bestürzt und seufzte. Fuchspelz wandte sich an seine Mentorin.,, Himbeergeist, ich möchte in deinen Ehren Fuchsgeist heißen. Darf ich das?“. Himbeergeist holte keuchend Luft.,, Also gut, Fuchspelz. Von nun an wirst du Fuchsgeist heißen. Der SternenClan ehrt deine Schnelligkeit und deine Treue…“. Skarabäuskralle wartete im Stillen auf den nächsten Atemzug der Kätzin, aber er kam nicht. Als der Heiler die Augen öffnete, sah er Fuchsgeist reglos neben seiner Mentorin kauern.

    11
    ,, Rabensturm, aufwachen!“, flüsterte eine leise Stimme in das schwarze Ohr des Kriegers. Der Kater erwachte mit einem herzhaften Gähnen und sah sich etwas verloren um. Rabensturm brauchte einige Herzschläge, um sich in der Dunkelheit zurecht zu finden. Vor ihm stand Falleskorte. Die Augen des Kriegers sahen ihn erschöpft an und er gähnte.,, Du bist dran“, miaute er und tappte zu einem glatten Felsbrocken, um sich darauf zusammenzurollen. Rabensturm streckte sich und schlurfte zu Blitzstern. Die Kätzin lag ausgestreckt auf einem Felsen, der Windgeschützt in einer kleinen Mulde Platz fand. Rabensturm setzte sich neben sie. Nachdem er und Falleskorte Blitzstern aus dem Felsspalt befreit hatten, war sie zu erschöpft gewesen, um sich weiter durch den Schnee zu kämpfen. Falleskorte hatte eine kleine Höhle entdeckt und sich gleich auf die Suche nach Katzenminze gemacht. Als die Sonne schon fast untergegangen war, kam er mit einigen welken Stängeln zurück, die er neben einem Zweibeinernest im Schnee gefunden hatte. Blitzstern hatte er zwei der Pflänzchen gegeben und die Anführerin hatte diese schwach aufgeleckt. Rabensturm blinzelte sich den letzten Schlaf aus den Augen und lauschte Blitzsterns keuchendem Atem. Sollte er ihr vielleicht etwas Katzenminze geben? Unsicher erhob sich der Krieger auf die Pfoten und tappte zu dem erbärmlichen Häufchen, das noch übrig war. Der intensive Duft der leicht verwelkten Blätter stieg ihm in die Nase und er musste niesen. Plötzlich erzitterte Blitzsterns Körper und ihr ersticktes Husten hallte durch die Höhle. Vorsichtig nahm der Krieger einige Blätter und tappte zu seiner Anführerin. Hitze wehte ihm entgegen, als er sich leise über sie beugte. Besorgnis flammte in seinen Augen auf und er strich Blitzstern vorsichtig über die Schulter. Die Kätzin zuckte zusammen, als hätte Rabensturm sie mit glühendem Stein in Berührung gebracht und ihre Flanken bebten unter der Anstrengung, den Husten zu zügeln.,, Blitzstern“, miaute der Krieger hilflos und legte die Katzenminze vor ihrer Schnauze ab. Die Anführerin hob immer noch hustend den Kopf und sah zu Rabensturm hoch. Ihr heiserer Atem stach Rabensturm ins Gesicht und er kniff die Augen zusammen.,, Iss diese Katzenminze“, miaute er leise und schob Blitzstern die Blätter noch etwas näher. Aber die Kätzin bemerkte sie nicht. Ihre schwache Aufmerksamkeit galt etwas hinter Rabensturms Rücken, das nur sie allein sehen konnte. Nervös sah der Krieger sich nach seinem schlafenden Bruder um. Der einst Heilerschüler gewesene Krieger würde bestimmt wissen, was er tun sollte. Im selben Herzschlag senkte Blitzstern den Kopf und schloss die Augen. Immer wenn ich Unterstützung brauchte, war Blitzstern an meiner Seite... Und wer unterstützt sie?
    Rabensturms Gedanken wurde von Blitzsterns leisem Lachen unterbrochen. Sie lacht?
    Vor Erstaunen konnte der Krieger seinen Blick nicht von der lachenden Kätzin abwenden. An ihrer Stelle wäre ihm nicht zum Lachen zumute. Und obwohl Falleskorte ihm bereits von Blitzsterns Verhalten im Felsspalt erzählt hatte, war es eine Sache, von etwas zu hören und eine andere, es selbst zu sehen. Durch den Höhleneingang sah der Kater, dass die Sterne bereits verblichen und sich grauer Nebel am Himmel breitmachte. Falleskorte hatte weit über seine Wache hinaus auf die Anführerin aufgepasst und Rabensturm verspürte einen Anflug von Bewunderung gegenüber Falleskortes Ausdauervermögen. Und auf einmal, ganz unerwartet, verstummte die Kätzin. Ihr Kopf fiel herunter und ihr Atem verhallte in der düsteren Höhle. Rabensturms Herz schien für einen Herzschlag zu Eis zu gefrieren, um dann doppelt so schnell loszuschlagen.,, Blitzstern!“, rief der Kater und sah sich fieberhaft um. Der Gedanke, Falleskorte zu wecken, erlosch genauso schnell, wie er gekommen war. Blitzstern lag reglos da und für einen kurzen Augenblick fürchtete Rabensturm, es könnte ihr letztes Leben gewesen sein. Aber dieser Gedanke verflüchtigte sich sofort. Ich hätte gewusst, wenn sie ihr letztes Leben gelebt hätte!

    12
    Etwas kitzelte Skarabäuskralle an seiner Flanke und er hob den Kopf. Vor ihm stand Tod. Der Kater legte vorsichtig ein kleines Bündel Schachtelhalm vor die Pfoten des Heilers und seine Schnurrhaare zuckten ruhig.,, Das ist Schachtelhalm“, begann er und fuhr mit seiner Pfote über die borstigen Stängel.,, Sie werden zur Behandlung von entzündeten Wunden verwendet. Der Heiler zerkaut die Stängel und trägt die Paste auf die Wunde auf.“. Skarabäuskralle streckte sich.,, Perfekt, Tod. Und wie verwendest du Ringelblume?“. Tod dachte kurz nach.,, Ringelblume wirkt entzündungshemmend. Wie sah sie noch einmal aus?“. Seine letzten Worte versetzten Skarabäuskralle einen Stich. Azurpfote konnte sich auch nie merken, wie Ringelblume aussah, so oft er es ihr auch erklärte. Tod schien bemerkt zu haben, was in ihm vorging und senkte den Blick.,, Ringelblume erkennst du an ihren gelben bis orangefarbenen Blüten. Die Blütenblätter und die grünen Blätter werden zerkaut und auf die Wunde aufgetragen.“. Tod nickte stumm und begann, den Schachtelhalm in den Kräutervorrat einzusortieren. Seine präzisen Bewegungen erinnerten Skarabäuskralle an Azurpfote. Sie war immer noch nicht gefunden, keine Spur der Heilerschülerin. Aber in seine Clangefährten sowie er prägten die schwache Hoffnung, die Kätzin sei noch am Leben. Tod leckte sich die Pfoten sauber und trat zu ihm.,, Du solltest einen kleinen Spaziergang machen“, riet er seinem Mentor und klang dabei so bestimmt, dass Skarabäuskralle sich nicht einmal die Mühe machte, ihm zu wiedersprechen. Schweigend tappte er aus dem Bau und wurde beinahe von Neumondpfote angerannt. Der junge Schüler sah etwas verstreut zu Skarabäuskralle empor und blinzelte entschuldigend.,, Gibt’s was?“, miaute der Heiler und Hoffnung glomm in seinen Augen auf. Neumondpfote schüttelte zögernd den Kopf und sein Blick trübte sich.,, Wir haben die Grenzen abgesucht, aber da sind bloß die gewöhnlichen Markierungen. Ich wollte dich bitten, nach Regenflamme zu sehen. Er ist in letzter Zeit sehr schwach geworden..“. Skarabäuskralle versuchte, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen, obwohl klar war, dass sie ihm ins Gesicht geschrieben stand. Zum Glück horchte Neumondpfote im nächsten Herzschlag auf und seufzte dann.,, Zweifelpelz ruft, ich muss los“, miaute er kurz und flitzte zu seiner Mentorin. Skarabäuskralle sah etwas unsicher zum Ältestenbau. Er hatte morgens bei Tod für Verwirrung gesorgt, als er Lorbeerpfote doch im Ernst Ringelblume geben wollte, damit dieser etwas zu Kräften kam. Wäre es nicht besser, Tod aufzutragen, nach Regenflamme zu sehen? Skarabäuskralle ertappte sich bei dem Gedanken, dass er Tod einen Teil seiner Verantwortung abgeben wollte. War er der Verantwortung eines Heilers überhaupt gewachsen? Er war immer noch halb in Gedanken versunken, als Flugpfote aus dem Ältestenbau kletterte und auf ihn zuhielt.,, Skarabäuskralle!“. Ihre Stimme klang verzweifelt. Der Heiler sah verständnislos zu ihr herunter, als Tod aus dem Heilerbau glitt und zu ihnen eilte.,, Ich kümmere mich darum“, schlug er vor und sah Flugpfote fragend an.,, Was ist passiert?“. Flugpfote betrachtete ihn mit leichtem Argwohn, dann meinte sie:,, Regenflamme. Ich wollte ihm Frischbeute bringen, als er anfing in seinem Nest zu zittern. Ich fragte ihn, was los sei, aber er antwortete mir nicht!“. Tod sah Skarabäuskralle etwas beschämt an.,, Ich fürchte, das habe ich noch nicht gelernt“, miaute er und Flugpfote senkte den Blick. Skarabäuskralle dachte kurz nach und miaute dann schnell zu Tod:,, Hol Hufflatich und Honig, alles weitere werden wir dann sehen.“. Tod nickte kurz und verschwand dann im Heilerbau, während Skarabäuskralle und Flugpfote zum Älstestenbau eilten. Vor dem Eingang standen Harzfell, Kurzkralle und Kardamonpelz. Die drei Ältesten blickten den beiden Katzen besorgt entgegen und Kurzkralle miaute:,, Dem SternenClan sei Dank, dass wir einen Heiler haben...“. Skarabäuskralle ignorierte seine Worte, obwohl seine Gedanken ihm rieten, stehen zu bleiben und den Ältesten zu verbessern. Nicht einen Heiler hatten sie, sondern zwei. Im Bau war es stickig und halb dunkel. Der Kater entdeckte den gefleckten Pelz seines Clangefährten nicht gleich, erst dessen Husten brachte ihn auf die richtige Spur. Regenflamme lag ausgestreckt in seinem Nest, sein Körper zuckte konvulsiv und unaufhörlich. Erst jetzt fiel Skarabäuskralle auf, wie mager der Älteste war. Die Rippen stachen deutlich unter seinem Fell hervor, die Wirbelsäule zeichnete sich deutlich auf seinem Rücken ab. Der Heiler konzentrierte sich auf den schwachen Atem des Katers und gleich darauf fand er sich auf einer hell erleuchteten Lichtung wieder. Vor ihm standen zwei Katzen, eine davon war Regenflamme. Skarabäuskralle tappte vorsichtig näher.,, Wie viel Zeit habe ich noch?“, hörte er Regenflamme mit ruhiger Stimme fragen. Seine Gesprächspartnerin, eine Skarabäuskralle unbekannte SternenClan-katze senkte seufzend den Kopf.,, Drei Sonnenaufgänge“, miaute sie leise und Regenflamme nickte. Er entdeckte Skarabäuskralle und tappte zu ihm. Der Heiler bemerkte, wie eine der Vorderpfoten immer wieder unter dem Kater wegknickte, seine Augen von grauem Schleier überzogen wurden. Regenflamme war erblindet. Skarabäuskralle war wie erstarrt, als der Älteste vor ihm stehen blieb und ihn ruhig ansah.,, Mach dir keinen Kopf, Skarabäuskralle. Du hast immer für mich getan, was du konntest.“, flüsterte er und schenkte dem Heiler ein gutmütiges Lächeln.,, Meine Zeit ist noch nicht gekommen. Kehre nun zurück, ich folge dir gleich.“. Skarabäuskralle überkam eine Welle von Ruhe, wie er sie seit Blitzsterns Abreise nicht gekannt hatte. Widerstandlos ließ er sich zurück in die Realität sinken und fühlte kurz darauf, wie jemand ihn an die Schulter tippte.,,, Skarabäuskralle?“, miaute Tod besorgt und der Heiler öffnete blinzelnd seine Augen. Um ihn und Regenflamme hatte sich ein Kreis besorgter Katzen gebildet, der größtenteils aus Schülern bestand. Der Heiler hievte sich mühsam auf die Pfoten.,, Nichts ernstes“, log er und betrachtete nervös Regenflammes noch immer reglosen Körper. Er musste irgendwann aufgehört haben zu zittern. Im nächsten Herzschlag erwachte Regenflamme und blinzelte die versammelten Katzen schwach an.,, Alles wird gut“, krächzte er und warf Skarabäuskralle einen vielsagenden Blick zu.

    13
    Falleskorte erwachte von einem leisen Geräusch über sich. Seine Ohren zuckten leicht, als er sich aufrichtete und feststellte, dass Blitzstern über ihm damit beschäftigt war, Ranken von der Höhlendecke abzutrennen. Wie sie sich mühelos da oben fortbewegte, wurde ihm erst klar, als die gerade erst aufgehende Sonne das kräftige Efeugeflecht über seinem Kopf erleuchtete. Die Anführerin packte eine der Ranken mit den Zähnen und riss kräftig an ihr. Die Pflanze löste sich mit einem befriedigenden, Ratsch‘ vom Stein ab und Blitzstern ließ sie Falleskorte vor die Pfoten fallen. Neugierig beugte sich der Krieger herunter und schnupperte an der Pflanze.,, Wozu brauchen wir die?“, fragte er ungläubig und sah zu Blitzstern hoch, die gerade damit beschäftigt war, eine beachtlich große Ranke von der Decke abzulösen. Sie ließ kurz von ihr ab und reckte ihren Kopf zu Falleskorte.,, Das Leben im Clan steht nie still“, miaute sie leise und blickte den Kater durchdringlich an.,, Gewinne gehören dazu- aber auch Verluste...“. Falleskorte sah sie mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Trauer an.,, Wer?“, hauchte er und Blitzstern seufzte. Sie machte sich wieder daran, die Ranke vom Stein zu lösen.,, Es sind zwei... Himbeergeist und... und Frostschwinge...“. Falleskorte war, als würde ihm jemand die Hoffnung für immer aus dem Herz reißen. Sein Clan, der SturmClan, hatte nicht nur keine Anführerin, er hatte auch seine zweite Anführerin verloren. Das hieß er war völlig verwundbar den anderen Clans gegenüber.,, Aber... aber dann müssen wir schleunigst umkehren!“, stammelte er verzweifelt, aber Blitzstern schüttelte bestimmt den Kopf. Ihr Gesicht wurde vom Schatten versteckt, aber der Krieger war sicher, dass sie mit aller Kraft gegen ihre eigenen Zweifel ankämpfte.,, Ich habe Vertrauen in meinen Clan, Falleskorte. Sie sind stark, auch ohne mich und Frostschwinge. Wenn es darauf ankommt, sind sie bis aufs unerschütterliche mutig und weise.“. Falleskorte seufzte.,, Willst du sagen, der Clan bräuchte dich nicht?“. Die Anführerin löste ihre Krallen aus den Ranken und landete geschickt vor Falleskorte. Ihr eisblauer Blick blitzte wild.,, Wir werden nicht bei den ersten Schwierigkeiten aufgeben! Ist es das, was mein Vorgänger Kreiselstern getan hätte! Kreiselstern hat nie aufgegeben! NIE! Merk dir das, Falleskorte! Glaubst du, er wäre so ein guter Anführer gewesen, wenn er sich bei jedem einzelnen Tod hingekauert und gejammert hätte!“. Ihre Stimme ähnelte klirrendem Eis. Falleskorte blieb ihr die Antwort schuldig, stattdessen sah er sich nach Rabensturm um. Der Krieger lag zusammengerollt am Eingang zur Höhle und schlief. Sein schwarzer Pelz glänzte in den Strahlen der aufgehenden Sonne. Falleskorte tappte zu ihm und weckte seinen Bruder, der gleich mit einem herzhaften Gähnen erwachte und sofort auf die Pfoten sprang.,, Wo ist Blitzstern?“, fragte er leicht nervös und nickte erleichtert, als er sie kommen sah.,, Wo wir von Gewinnen sprechen“, miaute die Anführerin und zum ersten Mal seit langem huschte ein kurzes Lächeln über ihr Gesicht.,, Skarabäuskralle hat einen neuen Schüler.“.,, Wirklich!“. Rabensturms Augen weiteten sich erfreut.,, Und Azurpfote? Ist sie jetzt eine richtige Heilerin? Wie sie wohl heißt... Azurschweif vielleicht? Azurfell? Azurherz?“. Blitzstern unterbrach ihn abrupt mit einem raschen Schwanzschnippen. Ihr Blick verdüsterte sich wieder.,, Sie ist verschwunden, und keiner weiß, wohin“, erklärte sie und seufzte bedauernd. Falleskorte betrachtete mit stummer Trauer den scharlachroten Himmel. Azurpfote war seine Halbschwester gewesen. Rabensturm blickte zu seinen Pfoten und schnippte ein kleines Steinchen zur Seite. Blitzstern schwieg kurz, dann miaute sie leise:,, Du hast mich vorhin gefragt, wofür wir die Ranken brauchen, Falleskorte. Blutstern hat mir mal ein Ritual gezeigt, mit dem man die gestorbenen in seinen Erinnerungen verewigen kann. Ich habe dieses Ritual zwar noch nie angewendet, aber ich finde, da wir gerade keine Totenwache für die zwei halten können, könnten wir sie wenigstens verewigen.“. Niemand sagte ein Wort, während die drei Katzen schweigend einen Kreis aus Ranken auslegten und zwei Steine in der Mitte platzierten. Um jeden Stein legten sie ein Geflecht aus Efeublättern, das die Verwandtschaft von Frostschwinge und Himbeergeist darstellen sollte.,, Und Azurpfote?“, miaute Falleskorte schließlich und brach damit das Schweigen.,, Noch wissen wir nicht, ob sie wirklich tot ist“, gab Blitzstern zu bedenken.,, wie du weißt, stirbt die Hoffnung zuletzt.“. Die drei Katzen ließen sich um den Rankenkreis nieder und ihre Anführerin begann mit leiser Stimme zu sprechen:,, Frostschwinge, du hast deinem Clan treu gedient. Du hast einen qualvollen Tod sterben müssen, aber wir alle hoffen, dass es dir nun gut geht und deinem Geist für immer die Schmerzen erspart bleiben, wie du sie zu Lebenszeiten hast ertragen müssen. Ich, Blitzstern, Anführerin des SturmClans, gebiete dir nun ewige Ruhe.“. Die Kätzin senkte den Kopf und berührte den helleren der beiden Steine mit der Nase. Falleskorte wartete, bis Rabensturm der ehemaligen zweiten Anführerin seinen Abschied geboten hatte und berührte den Stein seinerseits mit der Nase. Kaum hatte er seinen Kopf gehoben, erhob sich um die drei Katzen ein Wirbelsturm aus bläulich schimmerndem Licht. Im nächsten Herzschlag sah er Frostschwinges vertraute Gestalt wie Nebel durch den Wirbel huschen und spürte wie neuer Mut durch seine Adern floss. Rabensturm neben ihm schloss die Augen und ein seliges Lächeln verblieb auf seinem Gesicht. Falleskorte sah zu Blitzstern herüber, überzeugt, dass auch die Kätzin den Vorgang der Verewigung genoss. Was er sah, überraschte ihn. Blitzstern saß reglos da, ausdrucklos starrte sie zu Boden und schien wie abgeschottet vom Rest der Welt.,, Blitzstern!“, rief er, aber sein Schrei ging im Tosen des Sturmwirbels nieder, der sich allmählich zu legen begann. Wenige Herzschläge später war alles so, wie es gewesen war. Blitzstern sah auf.,, Himbeergeist, du warst eine treue Botin“, begann sie und ihre Stimme bebte leicht.,, Wir danken dir für jeden einzelnen Auftrag, den du erfüllt hast. Jeder einzelne von uns dankt dir für deinen Dienst. Wir werden dich nicht vergessen.“. Nacheinander berührten die Katzen den übrig gebliebenen Stein. Wieder erhob sich ein Wirbelsturm, diesmal in orangeroten Tönen. Falleskorte sah Himbeergeists durchdringende Augen im Lichtwirbel aufblitzen und sein Blick huschte zu Blitzstern. Wie bei Frostschwinges Verewigung saß die Anführerin bewegungslos an ihrem Platz. Sie hatte ihre Augen geschlossen und schien weit entfernt, wenn auch sie hier in dieser Höhle saß. Nachdem sich der Wirbel gelegt hatte, erwachte sie aus ihrer Starre und schüttelte sich.,, Na dann“, miaute sie matt.,, Möge unsere Reise weitergehen!“.

    14
    Skarabäuskralle betrachtete voller Zuneigung, wie Lorbeerpfote sich langsam aber sicher durch den Heilerbau bewegte. Nachdem der Schüler so lange fast reglos in seinem Nest gelegen hatte, musste er sich erst wieder an Bewegung gewöhnen. Tod wich nicht von der Seite des Schülers und stützte ihn geschickt mit dem Schwanz. Aber Skarabäuskralles Gedanken vermochten nicht, die gleiche Freude aufzuweisen wie es sein Lächeln tat. Zwei Sonnenaufgänge waren vergangen, seit er in Regenflammes Bewusstsein gelangt war. Sobald die Sonnenstrahlen des dritten Sonnenaufgangs die erste Baumspitze des Waldes berührt haben, wird die Seele des weisen Katers für immer ihren Körper verlassen., hallten ihm die Worte durch den Kopf, die er in der Nacht darauf im Traum gehört hatte. Der Heiler schüttelte diesen Gedanken von sich. Er musste mit dem Ältesten reden, bevor dieser sich den unzähligen Reihen des SternenClans anschloss.
    Regenflamme schien geahnt zu haben, dass Skarabäuskralle vorhatte, mit ihm zu sprechen, denn er erwartete den Kater bereits am Eingang zum Ältestenbau. Er war allein, anscheinend schliefen seine Baugefährten noch. Als Skarabäuskralle zu ihm tappte, hievte er sich mühsam auf die Pfoten. Seine einst hellblauen Augen waren über die vielen Blattwechsel hinweg ausgeblichen und ihr Besitzer erblindet. Erstaunlich, dachte Skarabäuskralle, wie ich das nicht bemerkt habe... Regenflamme bedeutete dem Heiler mit einem Schwanzschnippen ihm zu folgen und zusammen traten die Katzen aus dem Lager. Der Älteste blieb kurz stehen und für einige Augenblicke kam es Skarabäuskralle vor, als könnte der Kater wieder sehen, so echt war der Ausdruck von trauriger Freude auf dessen Gesicht gewesen. Regenflamme sagte einige Herzschläge lang nichts, dann wandte er sich an den Heiler.,, Ich werde gehen. Heute noch.“. Skarabäuskralle stockte der Atem.,, Aber... möchtest du deine... letzten Herzschläge nicht im Umkreis deiner Clangefährten verbringen?“. Regenflamme schüttelte den Kopf.,, Nein, Skarabäuskralle, ich möchte den Schmerz in ihren Augen nicht sehen, verstehst du? Mir wäre es lieber, allein unter ein Paar Wurzeln zu sterben. So wurde ich geboren, so werde ich auch sterben.“. Skarabäuskralle sagte nichts. Er verstand den Ältesten nur zu gut. Regenflamme fuhr fort:,, Mit Tod hast du eine gute Wahl getroffen, Skarabäuskralle. Er wird ein würdiger Nachfolger für dich sein, wenn deine Zeit gekommen ist...“. Der Heiler sah zum Wolkenbedeckten Himmel empor. Er wünschte, er könnte irgendetwas sagen, egal was, damit Regenflamme blieb, aber er wusste, dass es sinnlos sein würde. Regenflamme fuhr Skarabäuskralle kurz zärtlich über das Ohr. Als Abschied. Der Heiler folgte ihm.,, Wie wirst du dich im Wald zurechtfinden?“, miaute er. Der Kater fühlte sich wie ein hilfloses Junges, das seine Mutter anbettelte, nicht zu gehen.,, Dies lass meine Sorge sein- ich bin ja schon seit einigen Monden blind“, miaute Regenflamme, ohne sich umzusehen. Skarabäuskralle sah dem Ältesten nach, lange nachdem dieser im Dickicht verschwunden war stand er reglos einige Fuchslängen entfernt vom Lager. Er konnte sich nicht erklären warum, vielleicht hoffte er innerlich, dass Regenflamme doch umkehren würde und er wieder den struppigen Pelz des Ältesten sehen würde.,, Lebe wohl, Regenflamme“, miaute er leise.
    Im Lager wurde Regenflammes fehlen noch nicht bemerkt. Ungesehen schlüpfte Skarabäuskralle über die Lichtung und glitt in seinen Bau. Lorbeerpfote war es inzwischen mit Tods Hilfe gelungen, auf die Lichtung des SturmClans zu laufen und so war der Heiler allein. Er verkroch sich nachdenklich in sein Nest. Das goldbraune Fell des Heilers harmonierte gut mit den dunkelgrünen Augen, zum Verstecken war es aber eher unpraktisch. Und so kam es, dass er nur wenige Herzschläge später von Eispfote entdeckt und aus seinen Gedanken gerissen wurde.,, Skarabäuskralle! Da bist du ja! Komm schnell, Mövenfeder bekommt ihre Jungen!“. Der Heiler erschrak. Von Mövenfeders Wurf hatte er in dieser ganzen Aufregung völlig vergessen! Schnell packte er ein Kräuterbündel, das er vorsichtshalber immer in seinem Vorrat aufbewahrte und flitzte zur Kinderstube, vor der sich bereits der halbe Clan versammelt hatte. Wachholderkralle, der Vater der Jungen, lief sorgenvoll auf und ab. Skarabäuskralle glitt in die warme Kinderstube und sah zu seinem Erstaunen Tod über Mövenfeder gebeugt.,, Du machst das gut“, ermutigte er die Kätzin immer wieder, während er konzentriert ihre Atmung kontrollierte. Mövenfeder gab keinen Laut von sich. Sie war eine erfahrene Königin und machte das ganze schon nicht zum ersten Mal durch.,, Warte!“, rief Skarabäuskralle und wollte seinen Schüler beiseite drängen, aber Tod blieb, wo er war.,, Ich habe alles unter Kontrolle. Bitte, Skarabäuskralle, ich mache das nicht zum ersten Mal!“. Der Heiler trat erschüttert zurück. Sein Schüler machte alles völlig falsch, aber es schien zu funktionieren.,, Noch einmal, Mövenfeder!“, feuerte Tod sie an. Die Königin strengte sich an und kurz darauf glitt ein kleines Fellknäul ins Moos.,, Geschafft! Du hast das perfekt gemeistert, Mövenfeder!“, jubelte der Heilerschüler und schob das winzige Junge näher zu der Kätzin heran. Die Königin betrachtete es glücklich und bevor Tod sich anwenden konnte, rieb sie ihren Kopf an seine Pfote.,, Danke Tod“, flüsterte sie und seufzte.,, Du hast uns gerettet“. Tod strich ihr vorsichtig über den Kopf und wandte sich dann an Skarabäuskralle.,, Ich würde jetzt Wachholderkralle holen, ist das in Ordnung?“, fragte er ruhig. Skarabäuskralle nickte schnell. Als Tod die Kinderstube verließ, beugte er sich zu dem Jungen herunter. Es war eine weiße Kätzin mit schwarzen und grauen Flecken. Mövenfeder leckte ihr Junges mit sanften Zügen sauber.,, Dem SternenClan sei Dank ist alles glatt gegangen“, hauchte sie und im selben Herzschlag drängte sich Wachholderkralle in die Kinderstube er leckte seiner Gefährtin zärtlich über den Kopf und beschnupperte dann seine Tochter.,, Sie ist wunderschön“, flüsterte er und Mövenfeder schnurrte.,, Wie wollen wir sie nennen?“, fragte die Königin und Wachholderkralle überlegte kurz.,, Sie ist so zierlich wie eine Lotusblüte... ich schlage vor, wir nennen sie Lotusjunges.“.,, Einverstanden“, nickte Mövenfeder und rollte sich um das Junge zusammen. Skarabäuskralle ließ die kleine Familie allein und tappte zu seinem Bau. Er fand Tod in dessen Nest vor. Der Heilerschüler war gerade damit beschäftigt, sich zu waschen, als Skarabäuskralle ihn rief.,, Was gibt es, Skarabäuskralle?“, miaute der Kater gleich und erhob sich auf die Pfoten.,, Ich wollte fragen... woher wusstest du, was du tun musstest? Wir Heiler haben ganz andere Methoden, wie also?“. Tod nickte kurz als Zeichen, dass er verstanden hatte, worauf sein Mentor hinauswollte.,, Ich war noch im Schüleralter, als mein Vater meine Junge erwartende Mutter allein ließ. Ich war ihr einziger Sohn, meine beiden Geschwister hatte mein Vater mitgenommen.“. Tod unterbrach sich kurz und seufzte.,, Wir haben danach zwar wieder zusammen gefunden, aber sie waren nicht mehr dieselben...“.,, Sind das... Kralle und Zahn?“, hakte Skarabäuskralle nach und Tod nickte.,, Aber zur Sache: Meine Mutter und ich waren allein in einer dunklen Gasse. Ich versteckte sie hinter einer Kiste mit Krähenfraß, da traten auch schon die Wehen ein.“. Tod schluckte.,, Ich tat einfach, was mir mein Instinkt riet. Die Tatsache, dass ich seit dem mit meinen Brüdern umhergezogen bin, erklärt was passiert ist. Natürlich ist sie gestorben. Und ihre Jungen auch.“. Zum ersten Mal, seit Skarabäuskralle Tod gesehen hatte, bebte dessen Stimme vor bitterem Hass zu sich selbst. Er senkte den Blick und begann, sein Pfoten zu betrachten.,, Ich redete mir ein, dass sie einfach nicht genug Kraft hatte, ich wollte nicht wahrhaben, dass es meine Schuld war... am Ende stimmte es. Mövenfeder ist eine starke Königin, sie hat das geschafft, was meiner Mutter nicht zustand.“. Skarabäuskralle war einen kurzen Herzschlag lang dazu geneigt, Tod seinen Schweif auf die Schulter zu legen, aber dann dachte er daran, wie es Tod seitdem ergangen sein musste und ließ es bleiben. Stattdessen meinte er nur:,, Ich glaube, wir sollten unsere Nestpolster erneuern. Lass uns gehen.“. Schulter an Schulter traten Schüler und Heiler aus dem Bau, überquerten die Lichtung und verließen das Lager.

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    ,, Da wären wir“, miaute Blitzstern und hielt vor einer Ansammlung von steinernen Plateaus an.,, Der Graben des Todes- oder eher die Überreste.“. Rabensturm erlaubte sich einen Blick nach unten. Dünne Steinplatten wurden über die vielen Blattwechsel hinweg von wachsenden Bäumen aus der Erde getrieben und wurden nun von Ästen gehalten.,, Also gut.“. Die Anführerin wandte den Kopf zu ihren Begleitern.,, Auf mein Kommando rennt ihr, als wäre euch der Tod auf den Fersen und seht euch nicht um. Ist das klar?“. Rabensturm warf einen kurzen Blick zu Falleskorte und nickte dann.,, In Ordnung. Auf mein Kommando... los!“. Rabensturm zögerte keinen Augenblick und schloss zu Falleskorte auf, der die Truppe anführte. Blitzstern flitzte hinter ihm über die bedrohlich schwankenden Felsplatten. Plötzlich ertönte hinter ihnen ein herzzerreißender Schrei. Rabensturm hörte Blitzstern jaulen, das Geräusch wie Krallen an Stein kratzten und dann lautes Krachen. Falleskorte vor ihm sah sich um und im nächsten Herzschlag brach die Platte, über die die beiden Katzen liefen, entzwei. Rabensturm packte den Rand des Steins mit den Krallen und versuchte angestrengt, sich hochzuziehen. Unter ihm krachten weitere Steinplatten aneinander und der Krieger kreischte auf. Unerwartet packte Falleskorte ihn im Nacken und zog ihn auf festen Grund.,, Wann haben wir Blitzstern verloren!“, schrie Rabensturm, um das ohrenbetäubende Donnern der immer noch herabbrechenden Steinplatten zu übertönen.,, Wir müssen zurück!“, kam Falleskortes bestimmtes Heulen zur Antwort. Rabensturm versperrte seinem Bruder den Weg.,, Willst du umkommen da unten! Wir müssen warten, bis alles sich beruhigt hat!“. Falleskorte stieß ihn zur Seite.,, Wir können Blitzstern nicht ihrem Schicksal überlassen!“, jaulte er in das Ohr seines Bruders. Rabensturm schüttelte sich den Staub aus dem Fell. Kleine Bruchstücke von Stein prasselten auf die beiden Katzen nieder, die sich erschrocken niederkauerten. Rabensturm schloss die Augen und wartete. 4, 5, 6... Das Krachen verstummte abrupt und Falleskorte neben ihm sprang auf.,, Blitzstern!“, heulte er und seine Stimme hallte als Echo über den Steinverschütteten Graben. Es folge Totenstille und Rabensturm sprang vorsichtig auf einen Felsbrocken. Falleskorte folgte ihm und gemeinsam arbeiteten sich die beiden Katzen bis zur Mitte durch, dahin, wo wie sie vermuteten Blitzstern sein musste. Rabensturm spähte zwischen zwei Steinplatten hindurch, als Falleskorte aufgeregt rief:,, Rabensturm! Hierher!“. Der Kater sah sich auf der Suche nach seinem Bruder um, entdeckte dessen Schweifspitze zwischen zwei Felsen und sprang besorgt zu ihm. Zuerst sah er nur Falleskortes dunkle Silhouette neben sich, dann entdeckte er im Schatten das pechschwarze Fell seiner Anführerin.,, Blitzstern“, flüsterte er und zwängte sich zu der Kätzin durch. Die Anführerin lag zusammengerollt unter einem Felsen, der sich weniger als eine Schnurrhaarlänge über ihrem Kopf befand. Vorsichtig stieß er die Kätzin an. Bewegung kam in Blitzsterns Körper und sie schob ihren Schweif ein wenig bei Seite. Zum Vorschein kam eine kleine Kätzin, gerade einmal 6 Monde alt. Ihr Fell war hellbraun getigert, die Augen hatte sie fest zusammengekniffen.,, Und?“, miaute Falleskorte und sein heiserer Atem berührte Rabensturms Hinterlauf. Blitzstern drehte den Kopf zu Rabensturm und nickte erschöpft.,, Alles gut, ich komme gleich raus“, miaute sie und Rabensturm trat zur Seite. Blitzstern nahm die junge Katze behutsam hoch und glitt nach draußen. Rabensturm und Falleskorte folgten ihr und die drei versammelten sich um die kleine Katze, die leicht zitternd in ihrer Mitte lag. Blitzstern tippte sie vorsichtig mit der Nase an. Das Kätzchen schreckte hoch und sah die drei SturmClan-katzen mit großen, grünen Augen an.,, Bist du verletzt?“, fragte Blitzstern besorgt. Als Antwort schüttelte die Kätzin schüchtern den Kopf. Sie öffnete das Maul, als wolle sie etwas sagen, aber im nächsten Herzschlag drängte sie sich an Blitzsterns Pfote und schmiegte sich eng an sie.,, Du hast mich gerettet“, flüsterte sie und Blitzstern beugte sich zu ihr herunter, um ihr Fell zu glätten. Ratlos sahen sich Falleskorte und Rabensturm an.,, Was hast du in dieser Gegend gesucht? Wo sind deine Eltern?“, wagte Falleskorte schließlich, zu fragen. Die kleine Katze sah ihn mit ihren großen Augen an.,, Ich habe euch hier gesehen“, miaute sie und zog ängstlich den Kopf ein.,, Ich wollte euch warnen, dass dieser Weg nicht sicher ist... aber ich war nicht schnell genug.“. Rabensturm warf Blitzstern einen nachdenklichen Blick zu. Es gab keinen anderen Weg, außer sie würden die steile Felswand hochklettern, die den Graben des Todes von zwei Seiten umschloss. Schweigend kletterten die vier Katzen über die Felsen, als Rabensturm plötzlich fragte:,, Wie heißt du denn eigentlich?“. Die Kätzin, die davor still hinter den Clan-katzen her getrottet war, hob den Kopf und musterte Rabensturm etwas eingeschüchtert.,, Geh weg“, miaute sie leise. Rabensturm wechselte einen verständnislosen Blick mit Blitzstern, die genauso ratlos schien.,, Geh weg?“, wiederholte Falleskorte und sah die Kätzin fragend an.,, So nannten mich meine Eltern immer“, gestand die junge Katze kleinlaut und senkte den Blick. Blitzstern dachte kurz nach, dann miaute sie:,, Wie möchtest du denn heißen?“. Schüchtern sah die Kätzin ihre Retterin an und flüsterte dann:,, Wenn ich wählen dürfte, würde ich Blüte heißen... So nannte mich mein Bruder immer, wenn wir zusammen gespielt haben.“. Die Anführerin neigte freundlich den Kopf.,, Wie wäre es mit Blütenpfote?“, schlug sie vor und die Kätzin sah zu ihr auf.,, Blütenpfote? Ich mag den Namen.“.,, Gut. Dann wirst du ab jetzt Blütenpfote heißen“, miaute Blitzstern ruhig und Blütenpfote hüpfte aufgeregt zu Rabensturm.,, Und was ist mit euch?“, fragte sie neugierig und sah die drei Katzen an.,, Wie heißt ihr? Seid ihr eine Familie?“. Blitzstern lächelte.,, So ähnlich. Das ist Rabensturm, dies Falleskorte und ich bin Blitzstern. Wir gehören zum SturmClan.“. Blütenpfotes Augen weiteten sich interessiert.,, Ein Clan? Das klingt sooo aufregend!“. Falleskorte sah die Kätzin mit Zuneigung an.,, Ja, das ist es auch.“, miaute er mit einem belehrenden Ton in der Stimme.,, Darf ich denn zu eurem Clan dazu gehören?“, fragte Blütenpfote und sah Blitzstern bittend an. Diese sah fragend zu den beiden Kriegern.,, Kurze Besprechung“, erklärte sie und die drei Clan-katzen steckten die Köpfe zusammen.,, Wir können neue Krieger gebrauchen“, miaute Falleskorte und Rabensturm nickte.,, Wir können sie nicht allein hier lasen.“. Blitzstern sah die beiden Geschwister ernst an.,, Gut.“. Die Anführerin drehte sich zu Blütenpfote und verkündete mit feierlicher Stimme:,, Blütenpfote, von nun an gehörst du zum StumClan dazu!“. Blütenpfote tänzelte glücklich um die Anführerin herum und sah dann nachdenklich zum Himmel.,, Werden wir in der Dunkelheit weitergehen?“, fragte sie unsicher und ihre Ohren zuckten. Rabensturm sah zum Himmel empor. Tatsächlich, die Sonne ging bereits unter.,, Ja...“, fing Blitzstern an, aber Falleskorte stieß sie kaum merklich an.,, Wir können in der Dunkelheit nie sicher sein, ob wir den richtigen Weg gehen“, wisperte er und Blitzstern seufzte.,, Gut-gut, wir werden einen Unterschlupf für die Nacht suchen.,, Ich habe einen gefunden!“, miaute Blütenpfote und eilte ihren Clan-gefährten voran zu einer Höhle, deren Boden mit Moos überzogen war.,, Perfekt!“, rief Falleskorte und ließ sich nicht weit entfernt vom Eingang nieder. Rabensturm tappte zu ihm und setzte sich ins Moos. Während Blitzstern eintrat, fiel der letzte Strahl der untergehenden Sonne auf sie und ihr rechtes Auge blitzte auf. Blütenpfote sprang zu der Anführerin und betrachtet ihr Auge.,, Bist du da... blind?“, fragte sie schließlich leise und Blitzsterns nickte. Sie ging zu einer der Höhlenwände und machte es sich dort gemütlich. Blütenpfote folgte ihr unsicher und miaute schüchtern:,, Wie ist das passiert?“. Blitzstern schloss kurz die Augen und sah Blütenpfote dann lange an. Die Schülerin setzte sich neben Rabensturm und sah Blitzstern gespannt an. Die Anführerin richtete sich auf.,, Es war die dunkelste Neumondnacht, die ich je erlebt habe“, begann sie mit einer ungewöhnlich düsteren Stimme zu sprechen.,, Wir kämpften damals gegen den GrottenClan, sie waren klar in der Überzahl. Ich sah, wie einer von ihnen Rissklinge, damals noch Risspfote, in die Enge trieb. Sie war bereits stark verletzt und würde nicht gegen ihren Feind ankommen können. Ich rannte über das Schlachtfeld, während meine Pfoten in Blutpfützen versanken. Dieser Krieger, Torfpelz hieß er, wollte dem Jungen meiner verstorbenen Schwester an den Hals springen, aber sein Plan ging nicht auf. In Bruchteilen eines Herzschlags warf ich mich vor Risspfote und genau da sprang er.“. Blitzstern sah ihre Zuhörer finster an.,, Seine Krallen, die er in Risspfotes Kehle bohren wollte- trafen mein Auge. Ich hatte Glück, er beschädigte nicht meinen gesamten Augenapfel“, fuhr sie fort und leckte sich kurz über die Pfote.,, Dank Skarabäuskralles Pflege- Vielleicht auch dem Willen des SternenClans- verheilte die Wunde rasch. Auch wenn ich an meinem rechten Auge nun nichts sehen kann, habe ich es immer noch.“. Rabensturm atmete auf. Die gesamte Erzählung lang hatte er unwillkürlich die Luft angehalten. Etwas weiches berührte seine Flanke und er sah an sich herab. Blütenpfote hatte ihre Wange an sein Fell gepresst und sah Blitzstern mit großen Augen an. Die Anführerin blickte nach draußen und gähnte.,, Gute Nacht“, miaute sie kurz und rollte sich zusammen. Blütenpfote stand leise auf und tappte zu der Kätzin. Sie drehte sich kurz und rollte sich dann neben Blitzstern zusammen. Rabensturm legte den Kopf auf die Vorderpfoten, Falleskorte neben ihm murmelt ein leises,, gute Nacht, Rabensturm“ und rollte sich ebenfalls zusammen. Rabensturm schloss die Augen und überließ sich den wirren Träumen, die ihn in letzter Zeit immer öfter aufsuchten.

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    Skarabäuskralle ließ eine Ladung Moos in seine Schlafmulde fallen und begann, es sorgfälltig zu einem Nest zu formen.,, Skarabäuskralle?“, ertönte Tods unsichere Stimme und im nächsten Herzschlag streckte der Heilerschüler seinen Kopf in den Bau.,, Wir haben diese Nacht Halbmond.“. Überrascht sah der Heiler ihn an.,, Was? Schon? Mir scheint, wir seien erst vor einigen Sonnenaufgängen bei der Mondblüte gewesen!“. Tod sah ihn leicht belustigt an.,, So war es auch. Aber nicht mit den anderen Heilern.“, bestätigte er und Skarabäuskralle konnte sich ein ebenfalls belustigtes Schnurren nicht verkneifen.,, Stimmt. Es wird Zeit, dass du die Heiler der anderen Clans kennenlernst.“. Tod sah ihn etwas zögernd an und fragte dann zweifelnd:,, Denkst du, sie werden mich aufnehmen? Ich war schließlich ein ...“. Weiter kam er nicht, da Skarabäuskralle ihn mit einem scharfen Schwanzschnippen unterbrach.,, Für uns zählt nicht, was war, Tod! Für uns zählt, was ist.“. Sein Schüler schien noch nicht vollständig überzeugt zu sein und Skarabäuskralle änderte das Thema.,, Wir sollten uns langsam auf den Weg machen, bei Sonnenuntergang treffen wir die anderen Heiler an der AstClan-grenze. Erinnerst du dich noch, welche Kräuter in die Reisemischung gehören?“. Tod kniff kurz ein Auge zusammen. Dies tat er immer, wenn es angestrengt nachdachte.,, Ja“, miaute er schließlich und tappte zum Vorrat. Flink packte er einige Blätter jeder benötigten Pflanze und schob sie zu zwei Häufchen zusammen. Eines davon schluckte er selbst herunter, das andere überließ er seinem Mentor. Skarabäuskralle leckte die Kräuter auf. Es schien nichts zu fehlen, Tod hatte alles richtig gemacht. Azurpfotes Stärkte war auch immer die Reisemischung gewesen, schoss es ihm durch den Kopf und er seufzte gehalten. Tod wartete bereits am Eingang. Der junge Kater bearbeitete mit seinen spitzen Krallen nervös die Erde unter seinen Pfoten und sah erst auf, als sein Mentor direkt vor ihm stehen blieb.,, Gehen wir?“, fragte Skarabäuskralle und Tod nickte. Gemeinsam überquerten sie die Lichtung und traten aus dem Lager. Die Nachtwächterin Abendmond nickte ihnen kurz zu und drehte sich im nächsten Herzschlag zu einer kleinen Gruppe aus Schülern, die auf sie zuhielt. Skarabäuskralle konnte nicht genau hören, was sie sagten, aber der Art nach schienen sie zu streiten. Tod tappte schweigend neben Skarabäuskralle her, während der Heiler fieberhaft nachdachte, wie er seinen Schüler aufmuntern könnte.,, Ich bin mir sicher, du wirst die anderen Heiler mögen.“, miaute er leise und sah kurz zu seinem Schüler herüber. Tod wandte ihm sein Gesicht zu.,, Blicken wir der Realität ins Auge, Skarabäuskralle“, erklärte er düster.,, Die Wahrscheinlichkeit, dass die anderen Heiler mich erfreut willkommen heißen, ist viel geringer als dass sie mich verabscheuen werden!“. Skarabäuskralle seufzte und sah Tod in die Augen.,, Du denkst über Probleme nach, bevor sie existieren“, gab er zurück und sah zum Himmel hinauf. Die Sonne war fast untergegangen.,, Konzentrier dich besser darauf, nichts von unseren Schwierigkeiten preiszugeben, besonders vor dem GrottenClan.“. Tod sah ihn mit gewecktem Interesse an.,, Wer ist denn der GrottenClan-heiler?“, fragte er neugierig und Skarabäuskralle gähnte.,, Knochenglanz. Eingebildet, naiv, mäusehirnig...“. Tod unterbrach ihn mit einem schnellen Nicken.,, Du siehst in ihr, was du sehen willst. Vielleicht ist sie ja auch gar nicht so schlimm.“. Skarabäuskralle konnte sich ein bitteres Lachen nicht verkneifen.,, Oh doch, das ist sie“, miaute er und rümpfte bei der Erinnerung an die alte Kätzin die Nase.,, Hat sie denn einen Schüler?“, hakte Tod nach und sein Mentor schüttelte den Kopf.,, Nein. Diese Krähenfraßfresserin macht sich nicht viel aus jungen Katzen.“. Sein Begleiter spitzte die Ohren und blieb stehen.,, Sind sie das?“, flüsterte er zu Skarabäuskralle und der Heiler nickte. Tatsächlich, an der Grenze saßen bereits vier Katzen.,, Sei gegrüßt Skarabäuskralle“, begrüßte ihn Waldzahn, der Heiler des NebelClans. Seine Schülerin, eine drahtige Kätzin mit eisgrauem Fell nickte dem Heiler höflich zu. Knochenglanz zog es vor, die beiden Neuankömmlinge zu ignorieren.,, Und wer ist das?“, wisperte Tod plötzlich in Skarabäuskralles Ohr und deutete mit einem Kopfnicken zu einer jungen Kätzin, die sich gerade ein Stück Moos aus dem Fell schnippte.,, Das ist Bienenblüte“, erklärte Skarabäuskralle und bemühte sich, völlig sorgenlos dreinzuschauen. Waldzahn war der erste, der nach einer unangenehmen Pause wieder das Wort ergriff.,, Wie ich sehe hast du einen neuen Schüler, Skarabäuskralle.“. Er betonte das Wort, neunen‘ und sah den Heiler prüfend an.,, Was ist mit Azurpfote?“. Tod kam Skarabäuskralle mit der Antwort zuvor und miaute ruhig:,, Sie konnte nicht kommen“, erklärte er den Kater mit einem respektvollen Unterton in der Stimme und neigte den Kopf. Waldzahn sah ihn kurz zweifelnd an und nickte dann zu Bienenblüte. Die Heilerin bemerkte das Zeichen und richtete sich auf.,, Gehen wir“, miaute sie freundlich und tappte an die Spitze der Gruppe. Skarabäuskralle bedeutete Tod mit einem Ohrenzucken zu warten, bis die anderen Katzen sich in einer Reihe aufgestellt hatten und trat dann ans Ende. Sein Schüler reihte sich neben ihm ein und die Katzen setzten sich in Bewegung. Schweigend durchquerten sie das Territorium und gelangten zum Moorland. Sie steigerten ihr Tempo und erreichten schließlich die Mondblüte. Prachtvoll schimmerten ihre Blütenblätter im Mondlicht. Große, schimmernde Tautropfen zitterten leicht in der Nachtbrise und Bienenblume drehte sich zu den anderen Heilern um.,, Viel Glück“, miaute sie und ließ sich neben der Blüte nieder. Skarabäuskralle, Tod und die anderen drei Katzen machten es ihr gleich und reckten sich vor, bereit, das kühle Wasser zu kosten.,, Ganz kurz“, miaute Waldzahn plötzlich und Skarabäuskralle hielt inne.,, Steht es denn so schlimm um Azurpfote, dass du dir schon einen neuen Schüler gesucht hast?“. Skarabäuskralle schwieg. Vor nicht allzu langer Zeit war ihm Tods Ausrede als völlig annehmbar vorgekommen, aber jetzt wünschte er, der Schüler hätte nichts gesagt. Der Heiler streckte wortlos die Zunge aus und leckte einen der kalten Tautropfen auf. Die Kälte durchflutete seine Kehle und beruhigte ihn, gab ihm das Gefühl von Geborgenheit. Als der Heiler die Augen wieder aufschlug, fand er sich in einer großen Felsschlucht wieder. Auch hier schien die Nacht gerade hereingebrochen zu sein. Skarabäuskralle plusterte sein Fell auf, es war hier deutlich kälter. Vorsichtig, um ja niemanden hier auf sich aufmerksam zu machen, tappte er los. Auf den beiden Kammspitzen über seinem Kopf erkannte er weiße Flecken, anscheinend lag hier vor einiger Zeit noch Schnee. Ziellos lief der Heiler weiter, bis er plötzlich einen bekannten Geruch wahrnahm. Die Ohren des Katers zuckten neugierig und er folgte den Geruch. Kurz darauf kam er bei einer Höhle an und blieb wie angewurzelt stehen. In der Höhle lagen zusammengerollt Falleskorte und Rabensturm, nahe des Eingangs schlief Blitzstern und neben ihr eine Skarabäuskralle unbekannte Katze, die ihn gerade aber wenig interessierte. Zu erleichternd war der Anblick, wie die drei reisenden Katzen heil in einer Höhle schliefen. Leise trat der Heiler etwas näher heran und betrachtete schweigend die beiden Krieger und ihre Anführerin. Blattwechsel schienen vergangen zu sein, als Blitzsterns Ohren leicht zuckten und die Kätzin ihre Augen einen Spaltbreit öffnete. Skarabäuskralle war sich bewusst, dass sie ihn nicht sehen konnte. Umso überraschter war er dann, als sich Blitzsterns Augen plötzlich weiteten und sie den Kopf schüttelte. Der Heiler machte einen kleinen Schritt auf sie zu und sofort sprang die Kätzin auf. Ihr Blick huschte über sein Gesicht und sie neigte verständnislos den Kopf.,, Skarabäuskralle?“, raunte sie unsicher und der Heiler nickte stumm. Blitzstern umrundete ihn einmal und schüttelte dann den Kopf.,, Aber... wie?“. Skarabäuskralle antwortete nicht, sondern starrte die Anführerin an, begierig, jedes Detail zu behalten. Die eisblauen Augen, die gerade völlig durcheinander dreinschauten, die halbzerfetzten Ohren... Die Kätzin sah kurz zum Himmel hinauf und miaute dann, leise zwar, aber verständlich:,, Ist das ein Traum?“. Der Heiler nickte erneut und Blitzstern betrachtete ihn nachdenklich.,, Du... du bist gerade bei der Mondblüte.“. Skarabäuskralle zuckte zur Bestätigung kurz mit den Ohren und neigte leicht den Kopf. Es wird Zeit für mich, zurückzukehren
    Die felsige Landschaft verschwand aus Skarabäuskralles Sicht und er fand sich neben der Mondblüte wieder. Nicht weit entfernt von ihm schüttelte sich Tod gerade die nächtliche Kälte aus dem Fell. Die anderen Heiler schienen noch zu schlafen, weshalb Skarabäuskralle seinem Schüler geradewegs zurief:,, Hast du gute Neuigkeiten?“. Tod sah zu ihm auf und der Heiler bereute seine Frage plötzlich. Sein Schüler schüttelte tief besorgt den Kopf.,, Nein, Skarabäuskralle, wir haben große Probleme...“

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    ,, Kurze Frage Blitzstern, was ist eigentlich unser Ziel?“, miaute Blütenpfote und kratzte mit den Zähnen geschickt das restliche Fleisch von einem Mauseknochen ab. Als jüngstes Mitglied der Gruppe hatte sie sich an die Rangordnung zu halten. Blitzstern sah kurz von ihrer Fellpflege auf.,, RegenClan, wir werden ihnen im Kampf gegen den RauchClan zur Seite stehen. Und wer weiß“, sie schnippte sich lässig ein kleines Blatt vom Brustfell.,, Vielleicht werden wir ja auch siegen.“. Blütenpfote schlang schnell ihren Anteil herunter und stand auf. Es war ihr erster Tag als Blitzsterns Schülerin und sie wollte der Anführerin auf keinen Fall zur Last fallen. Falleskorte neben ihn nickte ermutigend und Rabensturm warf ihr einen wohlwollenden Blick zu.,, Alle bereit?“, hakte Blitzstern nach und ihre Schülerin nickte eifrig. Die Anführerin bildete die Spitze der Gruppe, dicht hinter ihr folgte Blütenpfote und die Nachhut bestand aus Rabensturm und Falleskorte. Die Sonne stand bereits hoch über ihren Köpfen, als Blitzstern ihr Tempo verlangsamte und schließlich ganz stehen blieb. Blütenpfote witterte einen unbekannten Geruch und ihre Ohren zuckten nervös. Dass dies Katzengeruch war, war unbestreitbar, Blütenpfotes Sorge galt mehr den Ansichten dieser Katzen und so stieg ihr Unbehagen immer mehr, während Blitzstern ruhig und mit gespitzten Ohren auf die Besitzer des Geruchs wartete.,, Acht Katzen... von Wieselgeruch flankiert...“, murmelte Blitzstern mehr zu sich selbst als zu ihren Begleitern. Bald darauf erschienen aus eines Seitenhöhle und traten der Gruppe aus SturmClan-katzen gegenüber. Blütenpfote stutzte: Die fremden Katzen hatten sich als Schmuck Wieselpelze um die Pfoten gebunden. Von der Spitze der Gruppe löste sich eine grau-getigerte Kätzin und blieb vor bedrohlich nah vor Blitzstern stehen.,, Wer hat bei euch das Sagen?“, miaute sie. Ihre Stimme klang alt und gebrechlich, als fehle ihr die Übung beim Sprechen. Blitzstern wollte etwas erwidern, als Falleskorte sich an ihr vorbeidrängte und die fremde anblitzte.,, Wir haben keinen“, erklärte er düster. Blütenpfote sah kurz fragend zu Rabensturm herüber, aber der Krieger war zu sehr damit beschäftigt, die anderen Katzen feindselig zu mustern. Blitzstern schob den Krieger leicht aufdringlich zur Seite und wandte sich dann mit einer kaum heraushörbaren Andeutung von Missachtung:,, Ich bin die Anführerin.“. Die grau getigerte antwortete nicht, ihre Ohren zuckten kaum merklich und drei der hinter ihr stehenden Katzen nahmen Blitzstern in ihre Mitte.,, Führt sie weg“, befahl ihre Anführerin und die drei Katzen drängten Blitzstern die Schlucht entlang. Die schwarze Kätzin blieb erstaunlich ruhig, Blütenpfote verstand nicht recht, wie das überhaupt möglich war. Falleskorte knurrte und machte einen drohenden Schritt auf die graue zu, aber einer ihrer Gruppenmitglieder versperrte ihm den Weg.,, Ich bin Gaufre, allerdings geht euch das nichts an“, erklärte die Streunerin mit einem Gesichtsausdruck, als hätte ihr jemand einen toten Fuchs vor die Pfoten geworfen. Rabensturm brummte etwas als Antwort, aber Blütenpfote war sich sicher: Der Name der Kätzin interessierte ihn überhaupt nicht. Falleskorte zog es vor, diese karge Vorstellung zu ignorieren und wandte sich stattdessen an seinen Bruder.,, Gehen wir, meine Freunde, wir haben ein Ziel.“. Mit diesen Worten drehte er sich um und stapfte davon.,, Moment!“, grollte Gaufre und die zurückgebliebenen vier Krieger umringten Rabensturm, Falleskorte und Blütenpfote. Die Schülerin zog ihre Lippen zurück und entblößte ihre scharfen Zähne. So einfach würde sie sich nicht einschüchtern lassen, nicht von einer Gruppe Bergstreuner. Rabensturm neben ihr knurrte und fuhr die Krallen aus. Falleskorte schien es ihm gleich zu tun, denn Blütenpfote hörte seine Krallen an dem steinigen Untergrund kratzen. Gaufre verdrehte desinteressiert die Augen und musterte die Gefangenen zweifelnd.,, Killian, geh und berichte mir, ob diese Kätzin irgendwas über ihr Ziel verraten hat.“. Der Kater, der Blütenpfote am nächsten stand löste sich von seinem Platz und tappte in die Richtung, in die die Gruppe mit Blitzstern in der Mitte verschwunden war. Im selben Augenblick jaulte Rabensturm ohrenbetäubend auf und Blütenpfote schoss instinktiv in die Lücke, die Killian zuvor gefüllt hatte. Falleskorte und Rabensturm, das sah sie gerade noch, holten sie mit eleganten Sätzen zu ihr auf und die drei Clan-katzen flitzten an Killian vorbei, Blitzsterns Geruchsspur nach. Blütenpfote wusste nicht, wie die beiden Geschwister neben ihr die Spur so schnell entziffern konnten, denn mittlerweile rannten sie schon schneller, als Blütenpfote je gerannt war und schafften es erstaunlicherweise, auf der Spur zu bleiben. Ein wütender Schrei kündigte an, dass Killian die Situation verstanden hatte. Falleskorte lenkte seine Clangefährten geschickt in eine kleine Höhle und die drei Katzen bremsten schockiert. In der Höhle waren die drei Streuner, aber von Blitzstern war nichts zu sehen. Erst nach einigen Herzschlägen ungläubiger Stille entdeckte Blütenpfote ihre Mentorin. Die Kätzin lag in einer Mulde, ihre Pfoten schienen mit den Efeuranken darin verwachsen zu sein. Ein plötzliches Rumpeln hinter ihr ließ die Schülerin überrascht herumfahren und feststellen, dass einer der drei Katzen einen riesigen, glatten Stein exakt über den Eingang gerollt hatte. Sie hörte Rabensturm leise zischen, als die zwei anderen Katzen in der Dunkelheit wortlos zur anderen Wand tappten und irgendwo zu scharren begannen. Plötzlich umspülte Wasser Blütenpfotes Pfoten und im nächsten Herzschlag schlug eine Welle über ihrem Kopf zusammen. Panisch nach Luft japsend kam die Kätzin an die Oberfläche des Wassers. Jemand lachte.,, Das habt ihr davon, euch mit uns anzulegen!“, rief eine Stimme über ihrem Kopf und Blütenpfote jaulte wütend. Etwas nasses streifte ihre Flanke, dem Geruch nach war es Rabensturm. Der Kater kämpfte sich durch das Wasser in die Richtung, wo die Clangefährten ihre Anführerin zum letzten Mal gesehen hatten. Allmählich gewöhnten sich Blütenpfotes Augen an die Dunkelheit und sie folgte Rabensturm, der bereits abgetaucht war. Mittlerweile stand ihr das Wasser bis zum Kinn. Wir werden hier alle sterben!
    Die Kätzin holte tief Luft und tauchte ihr Gesicht in das eisige Wasser. Sie würde ihrer Mentorin helfen, egal, was es kosten würde.

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    Skarabäuskralle wälzte sich unruhig in seinem Nest und schlug schließlich die Augen auf. Der Atem des Katers ging schnell, das Fell stand ihm zu Berge. Nach der Rückkehr vom Heilertreffen war er zwischen Erleichterung und Verzweiflung hin- und her gerissen gewesen. Einerseits wusste er, dass es Blitzstern und ihren Begleitern gut ging, andererseits bereitete ihm die düstere Prophezeiung die Tod empfangen hatte Unbehagen., Verrat wird kommen, von der Katze, der du traust‘. Einer Katze, der Tod traute. Den Kreis der verdächtigten verkleinerte das nicht, Tod traute jedem aus dem SturmClan. Skarabäuskralle trat aufgewühlt aus dem Heilerbau und sah finster nach oben, zum Silbervlies empor. Eine kalte, klare Nacht war es, allerdings würde bald Schnee kommen. Die Blattleere würde Schnee und Hunger bringen, das erlebte der Heiler nicht zum ersten Mal. Hinter sich hörte er plötzlich Schritte und Tod trat an seine Seite. Der Heilerschüler schwieg eine Weile, ehe er Skarabäuskralle das Gesicht zuwandte.,, Ich weiß, du zerbrichst dir den Kopf über die Prophezeiung“, miaute er leise. Skarabäuskralle nickte, ohne den Blick vom Himmel abzuwenden. Was würde er nur dafür geben, um zu wissen, ob Azurpfote einer dieser Sterne war. Seine Hoffnung, die Schülerin lebend zu finden wurde mit jedem Tag immer schwächer. Der Heiler konnte nur beten, dass es ihr gut ging, egal, wo sie war. Tod starrte eine Weile schweigend nach oben, dann wisperte er:,, An was denkst du, Skarabäuskralle? Wenn ich nicht wüsste, dass du hier neben mir sitzt und in die Sterne siehst, würde ich denken, du wärst von mir gegangen.“. Der Heiler seufzte lautlos und strich Tod mit seiner Schwanzspitze über die Flanke.,, Irgendwann wirst du es verstehen. Irgendwann.“. Tod war noch zu jung, um den Verlust einer nahen Katze so zu empfinden, wie sein Mentor es tat. Der Heilerschüler erhob sich auf die Pfoten und tappte nachdenklich zum Anführerbaum. Der Ast, auf dem Blitzstern normalerweise saß wirkte kalt und leer. Tod umrundete den Baum einmal und blieb vor den Eingang in Blitzsterns Bau stehen. Skarabäuskralle richtete sich ungelenk auf und tappte zu seinem Schüler.,, Glaubst du, ihn hat seit ihrer Abreise jemand betreten?“, flüsterte sein Schüler und blickte in die verlassene Höhle. Der Heiler neigte unentschlossen den Kopf.,, Kann sein“. Ihn überkam der Gedanke, den Bau zu betreten und Blitzsterns- wenn auch lang verklungene -Anwesenheit zu empfinden. Tod folgte ihm leise, als Skarabäuskralle zwischen den Wurzeln hindurchglitt, die Ranken zur Seite schob und in den Bau trat. Alles war so, wie Blitzstern es zurückgelassen hatte, bloß war alles, das Nest, der Boden und die verschiedensten Trophäen mit einer dicken Staubschicht überdeckt. Tod beugte sich interessiert über einem kleinen Gegenstand.,, Woher hat Blitzstern eigentlich diese Kralle?“, fragte er neugierig und Skarabäuskralle musste amüsiert lächeln.,, Als ich noch jung war, hat Blitzstern, damals Blitzpfote, eine Kampfpatrouille zum GrottenClan begleitet. Wie du bestimmt erraten kannst gab es einen Kampf, etwas anderes erwartet man von einer Kampfpatrouille ja nicht. Jedenfalls hat Blitzstern ihrer Gegnerin eine Kralle ausgerissen.“. Skarabäuskralle schmunzelte.,, Und wer ist sie, diese Kriegerin?“, miaute Tod gespannt.,, Kaltherz, die jetzige zweite Anführerin. Seit diesem Kampf ist sie ungelenk auf dieser Pfote geworden, weißt du? Die Wunde hat sich entzündet. Bei Vollmond, wenn wir auf der großen Versammlung sind, wirst du sie leicht an ihrem Humpeln erkennen können.“. Tod sog gebannt die Luft ein.,, Sie tut mir Leid“, gab Skarabäuskralle nach kurzem Überlegen hinzu.,, Der Heiler hat nicht schnell genug eingegriffen, ihre Pfote könnte absterben.“. Tod seufzte.,, Stimmt, mir tut sie auch leid.“. Die beiden Katzen schwiegen eine Weile, dann deutete Tod mit einem Kopfnicken auf ein Efeugeflecht. Skarabäuskralle verstand und erklärte:,, Das ist Blitzsterns größter Schatz. Ihr Gefährte schenkte ihr diese Kette zu ihrer Kriegerernennung, kurz bevor er an grünem Husten starb. Sie war so unfassbar traurig... vier Sonnenaufgänge lang lag sie bewegungslos neben seinem Grab, nahm Abschied, wie keiner es zuvor getan hatte.“. Sein Schüler verstummte und sah mitleidig auf das Geflecht, das von einigen vor langer Zeit verwelkten Blüten verziert wurde.,, Möge der SternenClan über die beiden wachen“, flüsterte er und senkte respektvoll den Kopf.

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    Falleskorte blinzelte sich die Dunkelheit aus den Augen. Immer schneller stieg das Wasser, während er zusammen mit Rabensturm und Blütenpfote an dem Efeugeflecht zerrte, das Blitzsterns Pfoten gefangen hielt. Die Kätzin hatte inzwischen Mühe, den Kopf über Wasser zu strecken. Der Krieger bohrte seine Krallen in das Geflecht und zog. Blütenpfote und Rabensturm taten das gleiche. Langsam und mit viel Ziehen und scharren lockerten sich die Fesseln und Blitzstern konnte ihre Pfoten befreien. Keuchend tauchten die vier Katzen auf und sahen sich um. Wie sollten sie hier rauskommen? Plötzlich rief Blütenpfote:,, Klettert nach oben! Schnell!“. Falleskorte schwamm zu der Höhlenwand und zog sich auf einen der kantigen Steine. Er war nass bis auf die Knochen, was seine Laune nicht unbedingt besserte. Nicht weit entfernt von sich hörte kletterte Rabensturm gerade auf die Erhöhung. Der Ruf der Schülerin hallte durch die Höhle:,, Alle meiner Stimme nach! Passt auf, in der Dunkelheit kann man die spitzen Steine sehr schlecht sehen!“. Falleskorte folgte vorsichtig dem Klang von Blütenpfotes Stimme und stieß dabei auf Rabensturm. Erleichtert, irgendjemanden gefunden zu haben spitzte er wieder die Ohren und traf bald bei Blütenpfote ein. Blitzstern saß schon neben ihr und schüttelte sich wahrscheinlich das Wasser aus dem Fell. Blütenpfotes Schweif berührte kurz seine Pfote und die eiligen Schritte der Kätzin hallten durch den engen Gang. Falleskorte lief dicht gefolgt von Rabensturm durch den dunklen Gang. Schweigen erfüllte den Tunnel, als Blütenpfote plötzlich flüsterte:,, Also gut, sie liegen da unten und feiern anscheinend ihren Sieg.“. Falleskorte konnte zwar nur die Umrisse der Schülerin erkennen, konnte sich aber ausmalen, wie ihr Gesicht sich vor Abscheu verzog.,, Ich habe einen Plan“, miaute Rabensturm leise und sah seine Clankameraden verschwörerisch an.,, Der Tunnel führt in die Richtung, in die wir ja sowieso müssen. Was haltet ihr davon, wenn wir über diese Mäusehirne hinwegspringen und während sie und überrascht hinterherschauen, zischen wir ab.“. Falleskorte dachte kurz nach und nickte dann.,, Ich bin dafür. Besonders schlau scheinen die ja nicht zu sein.“. Blütenpfote sah fragend zu Blitzstern. Die Anführerin hatte seit ihrer Befreiung noch kein einziges Wort gesagt, ihre Augen hielt sie fest geschlossen. Falleskorte beschlichen plötzlich Zweifel. War das überhaupt Blitzstern? Auf einmal ging alles ganz schnell. Die Kätzin schlug die Augen auf. Grelles gelb blitzte dem Krieger entgegen. Rabensturm fauchte überrascht und trat zurück. Blütenpfotes Augen wurden groß.,, Wo ist dann Blitzstern?“, wisperte sie leise, so leise, dass nur Falleskorte sie verstehen konnte. Die Erschütterung traf den Kater wie Eis.,, Glaubst du sie ist...“, begann er, als Rabensturm plötzlich an der unbekannten Katze vorbeischoss.,,, Blitzstern!“, heulte er und sein Ruf hallte als Echo in der dunklen Höhle wieder. Blütenpfote huschte hinterher und Falleskorte war bereit, ebenfalls zurück zur Höhle zu kehren, als die schwarze Kätzin ihm den Weg versperrte und einen schmerzhaften Hieb auf die Nase verpasste. Falleskorte schüttelte den Kopf, um das Blut loszuwerden und funkelte seine Feindin wütend an. Diese knurrte herausfordernd und stellte das Fell auf. Falleskorte presste sich an die kalte Steinwand. Noch während er die Kätzin einschätzend ansah und überlegte, welche Kampfzüge ihm in so einem kleinen Raum nutzen erweisen würden, ertönte in der Höhle ein herzzerreißender Schrei. Die Aufmerksamkeit der Kätzin sank für einen kurzen Augenblick, aber dieser Augenblick war für Falleskorte jetzt kostbarer als ein gesamter Sonnenaufgang. Der SturmClan war als der schnellste Clan im Wald bekannt und genau diesen Vorteil nutzte der Krieger nun aus. Wie ein Blitz schoss er die abgerundete Steinwand entlang an der Kätzin vorbei und jagte mit halsbrechender Geschwindigkeit durch den Gang. Schon hörte er das Plätschern des Wassers, hinter ihm allerdings rannte die feindliche Katze. So schnell wie er war sie zwar nicht, allerdings war sie auch nicht langsam, stellte der Krieger fest. Kurz vor dem kleinen und tiefen See, der sich hier inzwischen gebildet hatte hielt er an. Aber seine Verfolgung raste mit voller Geschwindigkeit in ihn hinein und der Kater stürzte ins kalte Wasser. Nicht weit entfernt vernahm er das Geräusch von paddelnden Pfoten, als würde jemand auftauchen. Aber im nächsten Herzschlag verstummte das Paddeln. Wahrscheinlich war dieser jemand wieder abgetaucht. Ohne eine Vorstellung zu haben, was da auf ihn wartete, schwamm Falleskorte vorsichtig zu der Stelle. Wieder ertönte das Geräusch und etwas nasses berührte Falleskortes Pfote.,, Hallo? Wer ist das?“, rief eine bekannte Stimme neben ihm und der Krieger sah sich panisch um.,, Blütenpfote? Was machst du hier?“. Aber die Kätzin antwortete nicht, stattdessen zog sie ihn mit nach unten und schob seine Pfoten an etwas weiches, das abrupt bei einem Geflecht endete. Efeugeflecht! Also gehörte die Pfote Blitzstern! Falleskorte riss an den Fesseln, aber je mehr er zog, desto fester schienen die Knoten zu werden. Neben ihm war Blütenpfote dabei, Blitzsterns zweiten Hinterlauf zu befreien. Zwei Pfoten waren schon frei. Im nächsten Herzschlag gelang es Falleskorte, die Fesseln von Blitzsterns Vorderpfote zu streifen und er half Blütenpfote mit der letzten. Rabensturm packte die Anführerin im Nackenfell und zerrte sie nach oben. Falleskorte und Blütenpfote kletterten als erste aus dem Wasser und nahmen Rabensturm die Kätzin ab. Mit bebenden Flanken standen die drei um Blitzstern herum, die reglos vor ihnen lag. Ihre klaren Augen waren geschlossen, das Fell triefte vor Wasser. Sie atmete nicht mehr. Eisige Stille senkte sich über die Clankatzen, sie alle standen wie erstarrt da und keiner von ihnen wusste, was sie jetzt tun sollten. Falleskorte konnte und wollte nicht glauben, dass Blitzstern, die entschlossene und weise Anführerin einfach tot war. Rabensturm neben ihm hob den Kopf zur Höhlendecke. Falleskorte wusste, dass sein Bruder zum SternenClan betete. Er selbst hätte gerade alles getan, damit Blitzstern plötzlich die Augen aufschlug und sich regte. Und so richtete auch er sein wortloses Gebet an den SternenClan. Kaum hatte er die Augen geschlossen, schien Leben durch den durchnässten Körper seiner Anführerin zu fließen. Schwach öffnete sie ein Auge. Blütenpfote bemerkte es als erste.,, Sie lebt!“, hauchte die Kätzin und beugte sich zu ihrer Mentorin herunter. Rabensturms Augen, die gerade noch glanzlos und trüb gewirkt hatten, leuchteten nun wie zwei Monde. Falleskorte wusste nicht, ob sein Dank jemals ausreichen würde, um sich für dieses Wunder zu bedanken. Unendlich erleichtert senkte er den Kopf berührte Blitzsterns Flanke mit der Nase. Die Anführerin hustete und Wasser floss aus ihrem Maul. Es dauerte noch eine Weile, bis sie sich aufsetzen und immer noch leicht zitternd ihrer Fellpflege wenden konnte. Ihre drei Begleiter saßen nicht weit entfernt und jeder hatte ein stilles Lächeln auf den Lippen, wenn auch es ihnen wegen der Dunkelheit verborgen blieb. Unerwartet ertönte Blitzsterns leises Miauen:,, Ich danke euch, wenn auch meine Worte nicht ausreichen können um zu beschreiben, wie sehr ich euren Mut schätze. Ihr hättet ertrinken können!“. Falleskorte war tief gerührt. Blütenpfote tappte zu ihrer Mentorin und schmiegte sich eng an sie.,, Nein, Blitzstern, wir danken dir“, miaute sie sanft.,, Danke, dass du lebst.“. Falleskorte konnte die Anführerin zwar nicht sehen, aber trotzdem fühlte er, wie sehr diese Reise Rabensturm, Blitzstern, Blütenpfote und ihn vereint hatte. Ersterer unterbrach die Stille allerdings bald:,, Wir sollten schleunigst einen Ausweg suchen, die Katzen außerhalb der Höhle könnten irgendwann durch den Gang hier rein kommen und dann sind wir in der Falle.“

    20
    ,, Regenflamme! Regenflamme!“. Tod sah leicht abwesend von seiner Arbeit auf. Gerade war er dabei gewesen, die neuen Kräuter, die er im Morgengrauen gesammelt hatte einzuordnen, während Skarabäuskralle sich wegen einer,, wichtigen Angelegenheit“ aus dem Lager verzogen hatte. Inzwischen kannte sich sein Schüler gut genug aus, sodass er erst mal nicht gebraucht wurde. Tod schob gerade vier Bündel Schachtelhalm zusammen, als Laubsonne in den Bau stürzte. Ihr Fell war zerzaust, der Blick verzweifelt.,, Hast du Regenflamme gesehen!“, fragte sie und ein schwacher Schimmer der Hoffnung glomm in ihren Augen auf.,, Skarabäuskralle hat ihn womöglich gesehen“, antwortete er ausweichend. Er hatte den Ältesten nie wirklich gekannt, kurz nachdem er sich dem SturmClan angeschlossen hatte, war der Kater verschwunden. Laubsonne war in der letzten Zeit kaum im Lager gewesen, immer hatte es etwas für sie zu tun gegeben. Nicht erstaunlich, dass sie sein Fehlen erst jetzt bemerkt, schoss Tod durch den Kopf. Die Kriegerin sah sich auf der Suche nach dem besagten Heiler um und auf ihrem Gesicht nahm sterbende Hoffnung Gestalt an.,, Er ist wegen einer wichtigen Sache im Wald unterwegs“, erklärte der Heilerschüler und spürte deutlich, wie Laubsonne sich anspannte.,, Im Wald?“, fragte sie nach, als hätte Tod behauptet, sein Mentor würde auf Rabenflügeln durch den Himmel fliegen.
    ,, Da ist ein Dachs unterwegs!“. Dem Schüler war, als hätte jemand seine Kehle aufgerissen und er langsam erstickte.
    ,, Ein Dachs?“, schrie er mit unüberhörbarer Panik und stolperte aus dem Bau. Laubsonne folgte ihm.,, Du kannst ihm nicht helfen!“. Tränen der Verzweiflung spiegelten sich in ihrer Stimme wieder. Tod antwortete nicht, stattdessen flitzte er aus dem Lager und suchte fieberhaft nach der Spur des alten Katers. Die verschiedensten Gerüche erfüllten seine Nase, aber inzwischen konnte er sie so schnell und präzise unterscheiden wie jede andere Clankatze und folgte halb rennend, halb springend der frischen Geruchsspur von Skarabäuskralle. Der Heiler schien es eilig gehabt zu haben, wenn auch Tod keinen Dachsgeruch wittern konnte. Laubsonne hatte ihn eingeholt und versperrte ihm nun den Weg.
    ,, Weißt du überhaupt, was ein Dachs ist?“, fauchte sie aufgebracht und blitzte den Heilerschüler an.
    ,, Natürlich“, gab der Kater zurück und ehe sie sich versah flitzte er an ihr vorbei. Wenn auch er nicht die geringste Vorstellung hatte, was ein Dachs war, es hörte sich nicht gut an. Plötzlich geschahen zwei Dinge gleichzeitig: Tod witterte einen erbärmlichen Gestank und blieb mit zusammengekniffenen Augen stehen. Laubsonne konnte nicht rechtzeitig abbremsen und stieß in dem Heilerschüler hinein, wodurch dieser den Halt verlor und die zwei Katzen den Hang herunterflogen. Trockene Blätter blieben in den Fellen der beiden hängen, aber das interessierte Tod gerade herzlich wenig. Laubsonne kreischte, ihre Krallen hätten um ein Haar die Augen des Katers erwischt.,, Vorsicht!“, schrie jemand und im nächsten Herzschlag spürten die beiden Katzen den Grund auf eine sehr unangenehme Weise. Eine riesige Pranke verfehlte Abendmonds Hinterlauf nur um eine Schnurrhaarbreite und Tod konnte sich gerade noch rechtezeitig vor den schnappenden Kiefern des riesigen Tiers retten. Der Kater erblickte massige Pfoten, schwarz weißes Fell und kleine Perlenaugen. Im nächsten Herzschlag startete das Wesen wieder zum Angriff und Tod wich zurück. Wer hatte geschrien? Er ahnte, wer es war, konnte die besagte allerdings nirgendwo sehen.,, Da! Vorne!“, jaulte Laubsonne und verschwand hinter einem Baumstamm, während das Tier sich wieder in ihre Richtung drehte. Tod sah sich fieberhaft um. Vorne? Wo war das? Da vorne war doch nichts, außer...,, Skarabäuskralle!“, hustete der Kater und sein Mentor sah halb entsetzt, halb erschrocken zu ihm herüber.,, Was macht ihr hier? Verschwindet, bevor der Dachs euch umbringt!“. Tod ignorierte den Befehl des Heilers und sprang auf den Rücken des Tieres. Der Dachs knurrte wütend und versuchte, den Heilerschüler abzuschütteln, aber da war Laubsonne schon zur Stelle und bohrte ihre Krallen in die Schnauze des Feindes. Aber da tat der Dachs etwas, was keiner vorher hätte sagen können. Anstatt sich weiter gegen Tod zu währen, riss er Laubsonne unsanft von sich herunter, trat sie weg und wankte ungelenk zu Skarabäuskralle, der ihm mit bebenden Flanken, verwundet, aber immer noch gegenüberstand.,, Nein, Skarabäuskralle! Lauf weg!“, flehte Tod, aber der Kater hörte nicht auf ihn. Der Dachs erhob sich auf die Hinterpfoten, um den Heiler mit seinen Pranken zu treffen. Tod verbiss sich panisch in seinem Ohr und betete, dass das Tier seinen Entschluss ändern würde und stattdessen ihn im Visier hätte. Wütend schnaubend drehte der Dachs seinen Kopf, die spitzen Zähne glänzten im Licht der Sonne. Die riesige, Krallengesäumte Pranke schnellte zur Seite. Wahrscheinlich wollte das Tier Tod von sich streifen, aber es verfehlte. Statt den Heilerschüler zu treffen, traf sie dessen Mentor. Skarabäuskralle wurde durch die Luft geschleudert und blieb einige Fuchslängen entfernt reglos im Laubbedeckten Gras liegen. Blut sickerte aus seinen Wunden, rubinrot und glänzend wie Todesbeerensaft.,, Skarabäuskralle!“, schrie Tod. Das Echo seiner Stimme halte im Wald wieder. Zuvor hatte der Kater nur ein Mal spüren müssen, was richtige Angst und Trauer sind, umso schmerzhafter traf ihn nun der Schock, dass Skarabäuskralles Tod eine größere Wahrscheinlichkeit hatte als sein Überleben. Laubsonne jaulte irgendwas, das er nicht verstand. Wut durchflutete seine Adern, verdrängte die Angst. Das einzige was er empfand, war Wut. Zorn, in Maßen die er nie hätte vermuten können. Mit ohrenbetäubendem Heulen stürzte er nach vorne und packte den Dachs erbarmungslos an der Nase. Der metallene Geschmack von Blut erfüllte seinen Mund, aber sein Griff wurde nur noch fester. Der Dachs winselte und versuchte, seinen Angreifer loszuwerden, aber Tods Gebiss schloss sich eisern um dessen Nase.,, Tod!“, jaulte Laubsonne und war mit einem Satz auf dem Rücken des Tiers.,, Lass los! Skarabäuskralle braucht deine Hilfe, er stirbt gleich!“. Der Verstand schien mit einem Schlag zu dem Kater zurückzukehren, er ließ los. Der Dachs schüttelte den Kopf und ergriff die Flucht.,, Ich jage ihn aus dem Territorium!“, rief Laubsonne zu Tod herüber und verschwand im Unterholz. Der Heilerschüler hievte sich auf die Pfoten und spuckte ein Maulvoll Dachsblut aus. Aber da war noch anderes Blut. Sein Blut. Tod schüttelte den Kopf. Er durfte nicht an seine Verletzungen denken, Skarabäuskralle war wichtiger. Mit einem Satz war er bei seinem Mentor und beugte sich über ihn. Die Flanke des Katers sah am schlimmsten aus, die Pranke des Dachses hatte nur um zwei Mauslängen die Kehle verfehlt. Ampfer, er brauchte Ampfer! Aber wo sollte er das herkriegen? Die Blattleere war bereits angebrochen, frische Kräuter gab es nicht mehr. Würde er es bis zum Lager schaffen und rechtzeitig wieder zurück sein? Müdigkeit überwältigte ihn, Krallenspuren zierten seine Pfoten. Sollte er aufgeben? Durfte er aufgeben? Die Antwort war einfach. Hastig leckte er Skarabäuskralle über den Kopf und rannte los, in Richtung SturmClan-lager. Tod konnte nur hoffen, dass sie noch Ampfer hatten. Der Heilerschüler konnte sich nicht daran erinnern, am Morgen Ampfer gesammelt zu haben. Kälte kroch unter sein Fell und er schüttelte sich. Kleine Schneeflocken wirbelten ihm entgegen, der erste Schnee der Blattleere. Würde der Mentor des Katers nicht schwer verletzt im Wald liegen, hätte er sich über die weichen und kalten Flocken gefreut. Was hätte er nur dafür gegeben, dass es aufhören würde zu schneien! Der Kater kniff die Augen zusammen und beschleunigte seine Schritte. Die Hoffnung war es, die sein Herz schlagen ließ, sie war es, die seine Bewegungen kontrollierte. Eisern wie die Bedeutung seines Namens hielt sie ihn in ihren Klauen, wenn auch er ihr unterbewusst zu entweichen versuchte. Nein, er wollte die Hoffnung nicht aufgeben, aber sie war so klein und schwach...

    21

    Rabensturm sah gedankenverloren nach draußen. Der Himmel war von grauen Schneewolken überzogen, auch hier, vergleichsweise tief nahm die Blattleere mit jedem Sonnenaufgang immer mehr Gestalt an. Und Kälte bringt nun einmal lang vergessenen Schmerz an die Oberfläche. Der Krieger senkte den Kopf und tauchte somit die letzten Spuren seiner offenen Trauer in Schatten. Wie ein regloser Abdruck im inneren seiner Augen blickte Rabensturm in das liebevolle Gesicht seiner Mutter. Diese Augen würde er nie vergessen, so hell und leuchtend wie seine eigenen. Wie offen sie seine Gefühle zeigten, das genaue Gegenteil von Blitzstern. Ja, er hatte die Anführerin während der Reise deutlich besser kennengelernt, aber so gut man die Kätzin auch zu kennen vermochte, ihre Gefühle schienen so schwer zu deuten wie zuvor. Ein kalter Windzug strich sachte über die Wangen des Katers und er fröstelte. Die Morgendämmerung lag noch wie es ihm schien Monde entfernt, ganz zu schweigen von dem ersten Strahl der Sonne, falls sie die dichte Wolkendecke durchbrechen würde. Rabensturm drehte den Kopf und betrachtete seine schlafenden Gruppenmitglieder. Blütenpfote lag nicht weit entfernt von Blitzstern, sie hatte sich in eine feste Kugel zusammengerollt, während die Anführerin den Kopf auf die Pfoten gebetet in einem leichten Schlaf versunken immer wieder zusammenzuckte und ihr Nackenfell sich sträubte. Der Bruder des wachenden Kriegers lag etwas näher am Eingang auf der Seite, kleine Dampfwölkchen stiegen zur Decke der Höhle empor. Seufzend wandte Rabensturm sich wieder der Beobachtung ihrer Feinde zu. Sie waren die Kälte wahrscheinlich gewöhnt, denn die gesamte Gruppe schlief seelenruhig unter der unermüdlichen Wache der Clankatzen, von der sie natürlich nichts wussten.,, Wenn ich den Mut hätte, würde ich mich wie ihr von ihnen verbergen und eine Überraschung planen“, miaute jemand leise hinter ihm und der Krieger nahm deutlich die Traurigkeit in der Stimme der Katze war. Rabensturm verharrte bewegungslos, bereit einen Angriff abzuwehren und seine Freunde zu warnen, aber nichts und niemand schien in der Höhle schien es auf einen Kampf abgesehen zu haben und so sah der Krieger sich immer noch auf der Hut um. Helle Augen begrüßten ihn und einen Herzschlag später machte Rabensturm die Katze aus. Jung, mit seidigem Fell in Rottönen saß sie vor ihm und blickte ihn schüchtern an. Unsicher neigte der Krieger den Kopf.,, Und... wer bist du?“.,, Dimsie. Dienerin der Bergbande, die du gerade bewachst“, erklärte die Kätzin und warf einen besorgten Blick auf Blitzstern.,, Den Bergen sei Dank, ihr habt sie befreien können...“. Rabensturm stutzte:,, Wie? Du warst auch da?“. Dimsie nickte beschämt.,, Ja, ich habe beobachtet, wie sie eure Anführerin festgekettet haben, und dann noch einen ihrer Freunde, der manchmal hier vorbeischaut. Man kann vieles über sie sagen, aber dumm sind sie nicht. Und ich sage es ja ungern, aber ich habe Angst vor ihnen, wie auch die anderen Gefangenen. Mir haben sie es angetan, als ich 4 Vollmonde alt war.“. Mit diesen Worten streckte die Kätzin ihre Vorderpfoten in den kleinen Lichtfleck, der durch den Eingang fiel und sah betrübt zur Seite. Rabensturm verstand nicht gleich, was Dimsie meinte, aber dann verstand er.,, Sie... haben dir deine Krallen gezogen?“, fragte er, obwohl die Antwort offensichtlich war.,, Ja“, raunte die Dienerin und senkte den Kopf.,, Jedes Mal, wenn meine Krallen lang genug sind, um eine Katzenkehle auf zu schlitzen, reißen sie sie aus... Allen ergeht es so, fünf Katzen im Ganzen..“. Rabensturm wusste nicht, was er antworten sollte. Es musste grausam sein, eine von zwei Verteidigungsmöglichkeiten immer wieder aufs Neue zu verlieren.,, Aber warum macht ihr nichts?“, hauchte der Krieger und sah in Dimsies bernsteinfarbene Augen. Sie atmete stockend auf.,, Keiner will diesen Versuch mit seinem Tod bezahlen. Uns wurde nie beigebracht, wie man kämpft. Unser einziges Können ist das Jagen- um unsere Führer zu versorgen. Wenn wir nicht genug fangen, werden wir bestraft. Bitter bestraft.“. Die Kätzin zeigte ihre Flanke. Unzählige Schrammen und frische Kratzspuren zierten diesen Teil ihres schlanken, fast schon ausgemagerten Körpers.,, Bevor ich geboren wurde, hat einer von uns einen Aufstand gegen diese Ungerechtigkeit gewagt.“. Diemsis Stimme versagte und sie schluckte.,, Ist er?“, begann Rabensturm und die Dienerin nickte und klärte damit seine Frage.,, Ja, er ist umgebracht worden. Aber nicht von Gaufre oder einem der Gruppe. Sie haben meiner Mutter befohlen, ihn umzubringen... sie hat sich geweigert, schließlich war er ihr älterer Sohn, aber...“. Dimsie brach ab und schüttelte den Kopf. Der Kater konnte sich denken, was geschehen war. Gaufre oder jemand anderes hatte der Dienerin mit dem Tod aller ihrer Kinder gedroht, wenn sie den Befehl nicht befolgte. Was sollte sie da erwidern, als mit zersplitterndem Herzen die Kehle ihres eigenen Sohnes aufzureißen. Dimsie fuhr mit bebender Stimme fort.,, Aber der Rest von uns wagt nicht, so etwas auf die Pfoten zu stellen. Die Bande hat ihr Ziel erreicht- sie haben uns den letzten Mut aus dem Leib getrieben“, vollendete sie seufzend ihren Bericht und blickte mit unverdeckter Abscheu auf die schlafenden Katzen außerhalb der Höhle herab.
    ,, Und wo sind die anderen?“, fragte der Krieger und zum ersten Mal huschte ein Lächeln über Dimsies Gesicht.,, Diese Nacht erledigt Chesko die Jagd, meine Mutter, Rio, Maylon und Schnee sind in unserem Versteck. Komm mit, ich zeigs dir.“. Unsicher sah Rabensturm auf seine Clangefährten, aber die Kätzin winkte ab.,, Keine Sorge, wir werden diese Höhle nicht verlassen. Wir müssen nur hier hoch.“. Lautlos richtete sich die Dienerin auf und sprang auf leisen Pfoten den Steinberg an der Höhlenwand hoch. Der Krieger folgte ihr vorsichtig und erblickte ein kleines Loch in der Wand, in dem Dimsie gerade verschwunden war. Noch einmal sah er zu seinen Freunden herunter und glitt dann in die Öffnung. Er befand sich in einem kleinen, aber gemütlichen Bau. Jemand regte sich nicht weit entfernt und eine schläfrige Stimme flüsterte:,, Dimsie? Bist du das? Alles in Ordnung?“.,, Ja Mama“, nickte die junge Kätzin und ihre Augen leuchteten leicht in der Dunkelheit. Die Dienerin hob den Kopf und spitzte die Ohren misstrauisch Richtung Rabensturm.
    ,, Wen hast du da mitgebracht?“, miaute sie, unsicher, ob sie Unterwerfung oder Freundlichkeit zeigen sollte.,, Keine Sorge, das ist der Freund von der Kätzin, die sie gefesselt haben. Sie haben sie befreien können!“. Freudig schwenkte Dimsie ihren Schweif durch die Luft und ihre Mutter entspannte sich sichtlich.,, Den Bergen sei Dank.. Rio, wie geht es dir?“. Neben Rabensturm schreckte der angesprochene auf und erschöpfte blaue Augen blitzten auf.,, Es geht schon“, miaute Rio heiser und reckte sich im Dunkeln nach hinten. Rabensturm gewöhnte sich nach und nach an die Finsternis und gleichzeitig stieg ihm der Geruch nach frischem Blut in die Nase. Dimsie schlüpfte an ihm vorbei zu dem Kater und leckte ihm besorgt über die Ohren.,, Er wird dir nichts tun“, beruhigte sie den Diener, als dieser beim Anblick von Rabensturm nervös die Ohren anlegte.
    ,, Ich bin Rabensturm“, stellte der Krieger sich zaghaft vor und Rio nickte als Begrüßung.,, Frag dich nicht, warum es hier nach Blut riecht. Rio ist beim Jagen abgerutscht und hätte sich beinahe den Hals gebrochen... Wir anderen haben die Menge an Beute, die er aufgrund seiner Verletzungen nicht besorgen konnte, natürlich erlegt, aber Killian verletzt Katzen eben zum Spaß, selbst wenn er das gewollte kriegt.“, miaute Dimsies Mutter und ergänzte beiläufig:,, Ich bin Schwindel, schön dich kennenzulernen Rabensturm.“
    Der Krieger beobachtete eine Weile, wie Rio sich mit Dimsies Hilfe bemühte, seine Wunden auszulecken und schlug dann vor:,, Mein Bruder war einmal Heilerschüler, vielleicht könnte er mit den Verletzungen helfen.“. Eine Weile schwiegen alle, dann miaute Rio leise,, Das wäre nett, aber sinnlos- meine Wunden sind bereits entzündet und Kräuter haben wir hier in der Nähe keine.“
    ,, Egal!“, unterbrach Dimsie ihm und sah Rabensturm mit aufflammendem Optimismus an.,, Glaubst du, dein Bruder schafft es auch mit ein wenig Ringelblume? Ich hab letztens welche am Rand der Klippe entdeckt!“. Rabensturm nickte.,, Aber wenn die Wunde entzündet ist, müssen wir uns schleunigst beeilen.“
    Schließlich müssen wir heute noch von hier wegkommen...

    22

    ,, Lorbeerpfote?“.
    ,, Ja, Tod?“.
    ,, Glaubst du, er schafft es?“.
    ,, Das kann ich nicht wissen, Tod...“. Der Heilerschüler vergrub sein Gesicht in seinen kalten Pfoten. Verzweiflung durchflutete das Bewusstsein des Katers und er seufzte. Nachdem die kleine Gruppe die nach seiner Beschreibung losgezogen war Skarabäuskralle ins Lager gebracht hatte, hatte er die Wunden des Heilers versorgt und ihn halbwegs ins Bewusstsein zurückgeholt. Monde schienen vergangen, während er und Lorbeerpfote im Heilerbau saßen und ab und zu ein Wort miteinander wechselten. Beiden war bewusst, dass wenn Skarabäuskralle nicht überlebte, eine der am meisten an Blitzsterns Rückkehr glaubenden Katzen von ihrer Seite weichen würde. Denn inzwischen bestand der Alltag des Clans größtenteils daraus, auf den Anteil seiner Beute mit jemand anderem darauf zu wetten, ob Blitzstern zurückkommen wird oder nicht. Und völlig irrelevant, dass der Frischbeutehaufen mit jedem Tag immer kleiner wurde, die Katzen wollten ihre Meinung verteidigen. Im angrenzenden Bau regte sich Skarabäuskralle und sofort waren Tod und Lorbeerpfote auf den Pfoten. Der Heiler wisperte etwas und Tod musste sein Gehör anstrengen, um ihn verstehen zu können.,, Nimm dir einen Krieger mit, egal wen. Geht zum verschneiten Abhang, überquert den Fluss der Herrschaft und... vertraut euch die Wahrheit an. Und bitte, bevor du das nächste Mal deinen Pelz riskierst um mich zu retten, bedenke, dass ich es nicht wert bin, das Leben für mich aufs Spiel zu setzen.“.,, Wovon redest du?“, flüsterte Tod verständnislos und ignorierte die letzten Worte seines Mentors.,, Welche Wahrheit?“. Skarabäuskralle hob den Kopf und sein nebeliger Blick traf auf den seines Schülers.,, Verschwende keine Zeit, nimm dir einen Krieger und mach das, was ich dir gesagt habt“. Tod seufzte leise und nickte. Als Schüler hatte er sich den Befehlen seines Mentors ohne Widerrede zu fügen.,, In Ordnung. Lorbeerpfote, ich weiß zwar nicht, wann ich zurückkomme, aber ich würde dich bitten, bei Skarabäuskralle zu bleiben.“. Der Schüler nickte ernst.,, Verlass dich auf mich. Ich werde schon irgendwie damit fertig.“. Tod beugte sich kurz zu dem Heiler und womöglich besten Freund den er je hatte und schmiegte sich kurz an seine Wange. Er spürte den heißen Atem des Katers und schloss für einige Herzschläge die Augen. Dann verließ er mit schnellen Schritten den Heilerbau und tappte zu dem ersten Krieger, der ihm ins Auge fiel. Asternschweif war, wie Skarabäuskralle es ihm erzählt hatte, eines der Jungen von Blitzsterns verstorbener Schwester.,, Weihaster! Auf ein Wort unter vier Augen“, miaute er. Obwohl Skarabäuskralle nicht erwähnt hatte, dass kein anderer davon erfahren sollte, hatte er das Gefühl, dass es so besser wäre. Asternschweif hievte sich auf die Pfoten und trat zu dem Heilerschüler. Frost glänzte an seinen Schnurrhaaren, einige Schneeflocken hatten sich in seinem hellen Fell verfangen.,, Was?“, zischte er und dem angefressenen Ausdruck auf seinem Gesicht nach schien er nicht in bester Laune zu sein.,, Ich soll mich einem Krieger den Fluss der Herrschaft überqueren und am anderen Ufer sollen wir uns gegenseitig die Wahrheit anvertrauen. Ich wollte dich fragen... willst du mich begleiten?“. Einige Herzschläge blickte Asternschweif verdrossen drein, dann meinte er leicht säuerlich.,, In Ordnung.“. Er klang alles andere als begeistert, aber Tod war zu beschäftigt mit dem Sinn der Wanderung um sich weitere Gedanken über die Laune seines Begleiters zu machen. Gemeinsam verließen sie das Lager und schlugen den Weg durch den verschneiten Wald ein. Der Sturm hatte sich einigermaßen gelegt, aber die Sonne konnte die hartnäckigen Schneewolken noch immer nicht durchdringen. Asternschweif führte ihn schweigend zu dem Abhang, von dem Skarabäuskralle gesprochen haben musste und hielt vor einem Baumstamm. Tod wagte einen Blick nach unten und erschauderte. Nebel umwehte seine Pfoten, er schien aus der Schlucht aufzusteigen und irgendwo da unten hörte er das Tosen des Flusses. Asternschweif schnippte in Richtung eines quer über die mindestens drei Fuchslängen breite Schlucht und meinte schroff:,, Also gut. Ich gehe vor, dann folgst du mir, sobald ich die Mitte des Stammes erreicht habe.“. Tod sah noch einige Herzschläge lang zweifelnd nach unten und dachte darüber nach, wie er klarkommen würde, falls er vom Baumstamm abrutschte, aber da war Asternschweif bereits elegant auf das leise knarzende Holz gesprungen und wartete mit sichtbarer Ungeduld auf den Heilerschüler. Vorsichtig setzte Tod seine Pfote auf das Holz. Seltsam, keine einzige Wurzel sicherte den Baum von jeglichen Bewegungen. Ob die kleine Aushöhlung in der Erde wohl ausreichte, um das Ganze zu halten? Schnell schüttelte er den Schnee von seinen Ballen und stand nun sicher auf dem stamm.,, Die Wahrheit sollst du also wissen...“, begann Asternschweif und schnippte energisch mit dem Schwanz. Ein mulmiges Gefühl machte sich in dem Bauch des Heilerschülers breit und er machte einen vorsichtigen Schritt zurück. Unerwartet blitzte Aggression in den Augen des Kriegers auf und er lachte.,, Die Wahrheit ist, dass ich an dieser Brücke bereits sieben Katzen in die Schlucht geworfen habe und nie jemand davon erfahren hat! Und noch eine kleine Wahrheit: Du bist die achte.“. Tod hatte keine Zeit, zurück zu weichen. Asternschweif sprang über ihn hinweg und trieb ihn mit Krallenhieben rückwärts über den Stamm, ohne ihm die Möglichkeit zu geben, sich umzudrehen. Das Nackenfell des schwarzen Katers stand ihm zu Berge, während ihm nichts anderes übrigblieb als widerstandslos über den Baum zu gehen und darauf hoffen, nicht herunter zu fallen. Ohne jegliche Vorwarnung begann der stamm unter seinen Pfoten sich plötzlich zu drehen. Asternschweif bäumte sich fauchend vor Tod auf. Der Heilerschüler machte einen schnellen Sprung nach hinten, spürte hohes, weiches Gras unter seinen Pfoten. Der Krieger auf dem Baumstamm sah geistesabwesend nach unten und während seine Hinterläufe vom frostigen Holz abrutschten regte sich etwas in Tods Innerem. Im nächsten Herzschlag zersplitterte das Holz unter Asternschweifs Krallen und der Kater kniff die Augen zusammen. Aber er fiel nicht. Zähne in seinem Nackenfell verrieten, dass ihn jemand abgefangen hatte. Dieser jemand zog ihn Richtung Festland und legte den völlig durcheinandergebrachten Krieger unerwartet weich ab. Einige Herzschläge lang herrschte Schweigen, dann knurrte Tod kühl:,, Das nächste Mal stürze ich mich nicht auf morsches Holz, um einem Mörder wie dir das Leben zu retten.“. Ohne sich um zu sehen, stapfte der Kater mit schnellen Schritten zurück zum Lager. Seine Pfoten hinterließen eine leichte Spur im dem Schnee der frühen Blattleere, die Gedanken des Katers flossen im Takt zu seinen Schritten durch seinen Verstand wie ein rauschender Fluss, als plötzlich ein klarer und lauter Ruf ertönte. Eilig, aber gleichzeitig auch ein neues Problem befürchtend rannte Tod in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war. Schon bald sah er eine kleine Katzengruppe. An ihrer Spitze schlug Natternherz mit kräftigen Hieben eine Schneise in den immer höher werdenden Schnee. Hinter der Kriegerin arbeiteten sich die Geschwister Sonnenflügel und Sterntreue stetig voran. Den Schluss der Patrouille bildete Kapernschweif.,, Lichtjunges! Saphirjunges!“, rief Natternherz, die Stimmen ihrer Begleiter hallten in einem Chor mit ihrer über die Schneebedeckte Landschaft. Der Heilerschüler erstarrte. Nein, das konnte nicht wahr sein! Lichtjunges und Saphirjunges konnten doch nicht wirklich weggelaufen sein, nicht bei dieser Kälte! Natternherz sah den Heilerschüler als erstes.,, Tod! Hast du Lichtjunges oder Saphirjunges gesehen?“. Der Kater schüttelte nachdenklich den Kopf. Das Territorium des SturmClans war beinahezu riesig, Skarabäuskralle hatte es ihm aufgrund seines Alters nicht vollständig zeigen können, auch wenn er für seine 64 Monde noch recht ausdauerfähig war.,, Wir haben die wage Vermutung, dass sie sich zu den Sternenfelsen aufgemacht haben“, miaute Sonnenflügel nachdenklich. Natternherz schnaufte.,, Diese Vermutung basiert lediglich darauf, dass du und Sternentreue als Junge selbst mal dahin wolltet.“. Sonnenflügel hob entschuldigend die Schultern und witterte angestrengt.,, Wir sollten uns beeilen, in dieser Kälte werden sie die Nacht nicht überstehen“, drängte Kapernschweif und folgte dem Beispiel seiner Tochter. Tod hob überrascht den Kopf. Tatsächlich, es war bereits später Abend.,, Hoffentlich haben die anderen mehr Erfolg bei ihrer Suche“, seufzte Natternherz und wandte sich an Tod.,, Im Lager sind nur noch einige Krieger, Königinnen sowie Ältesten geblieben. Ich habe Fichtenblick aufgetragen, nach Skarabäuskralle zu sehen, allein ist er nicht. Nach dem letzten Kampf in dem wir Himbeergeist verloren haben befürchten die meisten, dass der Verräter bei der nächsten Gelegenheit wieder zuschlagen wird. Am besten du kehrst zurück zum Lager. Falls es zu einem Kampf kommen sollte... Es wird an dir liegen, den verletzten zu helfen.“. Tod nickte knapp und bedeutet ihr, sich vorzubeugen. Als ihr Ohr für einige Herzschläge seine Schnauze berührte, flüsterte er:,, Nehmt euch vor Asternschweif in Acht, traut ihm kein Wort. Er wird sicher versuchen, euch in die Quere zu kommen.“. Natternherz blinzelte kurz als Zeichen dass sie auf der Hut sei und die kleine Gruppe machte sich wieder auf den Weg. Der pudrige Schnee klebte dem Kater an den Schnurrhaaren, während er so schnell er konnte zum Lager sprintete. Am Eingang stand Laubsonne, Frost zierte ihr helles Fell. Aber etwas hatte sich an ihr verändert. Der energiegeladene Glanz war aus ihren Augen verschwunden, als hätte man ihr das wichtigste weggenommen, was sie hatte, was sie auszeichnete. Die Kriegerin hob den Blick, als sie Tods eilige Schritte hörte und nickte wortlos.,, Alles in Ordnung?“, fragte Tod leise und strich der Kätzin mit dem Schweif über die Schulter, wie es sich als Clangefährte gehörte. Laubsonne seufzte leise.,, Er ist tot... Lichtertanz hat ihn in dem alten Dachsbau gefunden, wo er auch geboren wurde...“.,, Das tut mir leid...“, flüsterte Tod und senkte den Kopf. So fühlte es sich also an, den Schmerz eines Gruppenkamerades spüren zu müssen. Ja, er kannte den gestorbenen nicht, aber dieser Kater hatte treu der Gemeinschaft gedient, der Tod nun angehörte.,, Laubsonne! Tod!“. Der Heilerschüler fuhr mit aufgestelltem Nackenfell herum, als Fuchsgeist mit voller Geschwindigkeit aus dem Wald auf sie zustürzte und nur wenige Mauslängen vor der Eingangswächterin anhielt. Er atmete schwer, wahrscheinlich war er schneller als der Wind zum Lager gerast und hatte dabei einen beachtlichen Weg zurückgelegt. Ohne erst zu Atem zu kommen, miaute der Bote:,, GrottenClan-patrouille im Anmarsch, Buschstern, Kaltherz, Kastanienschweif und Flussglanz. Schlecht gelaunt, ich habe Natternherz‘ Patrouille informiert, die sollten die Eindringlinge inzwischen flankiert haben.“.,, Gut“. Laubsonnes Stimme bebte angespannt und sie nickte dem Kater ernst zu.,, Ich und Tod empfangen sie am Eingang, kümmere du dich um die Sicherheit von den Königinnen und ihren Jungen- und vergiss die Ältesten nicht!“. Der Bote glitt an den beiden Katzen vorbei ins Lager und Tod richtete seine Sinne nach draußen, in den Wald. Irgendwo dort waren Lichtjunges und Saphirjunges, eine feindliche Patrouille und ein Dachs, der Skarabäuskralle beinahe umgebracht hätte. Im Lager verteilte Fuchsgeist Befehle, gerade schickte der Bote drei der sieben ihm zur Verfügung stehenden Krieger zur Kinderstube und scheuchte Mövenfeder, Schattenwasser und Wacholderblick hinein.,, Da kommen sie auch schon“, knurrte Laubsonne und Tod sah wie das Fell der Kätzin sich leicht aufstellte. Die Gruppe wurde diesmal von Sternentreue angeführt, Natternherz bildete die Nachhut. In der Mitter der seiner Clankameraden drängten sich vier BuschClan-katzen dicht aneinander um so viel Abstand wie möglich zu ihren Erzfeinden zu halten und warfen ihnen unverwandte Blicke zu. Von der anderen Seite näherte sich gerade der zweite Suchtrupp, der von Rankenschatten angeführt wurde. Sternentreue verlangsamte das Tempo und warf Tod und Laubsonne einen fragenden Blick zu. Die beiden nickten kurz und die Kriegerin führte die Besucher ins Lager. Heilerschüler, Eingangswächter und Suchtrupp folgten ihnen auf Schritt und Tritt, während vor Ältestenbau und Kinderstube sämtliche Krieger Kampfbereit die Zähen entblößten. Nach dem letzten Angriff hatte sich die Beliebtheit des GrottenClans sich hier nicht unbedingt an Unterstützern gewonnen. Demonstrativ schärfte Fichtenblick seine Krallen vor dem Heilerbau und stellte es geschickt an, die misstrauischen Blicke der BuschClan-katzen, die in den Heilerbau gerichtet waren, abzufangen. Sternentreue führte die Besucher zum Anführerbaum und bedeutete ihnen, sich zu setzen. Tod wartete gespannt, was der Krieger als nächstes tun würde, denn Buschstern miaute mit fester Stimme:,, Ich will Frostschwinge sprechen. Das Blitzstern nicht hier ist, weiß ich schon.“.,, Sie ist gerade auf Patrouille“, antwortet Sternentreue ruhig. Lügen konnte der Kater beinahe so gut wie Kämpfen und Buschstern schien ihm tatsächlich zu glauben.,, Dann euren Heiler... Ich habe vergessen wie der hieß.“. Natternherz trat neben ihren ehemaligen Schüler und blickte Buschstern kühl an.,, Skarabäuskralle ist gerade nicht hier. Wenn ihr uns etwas mitzuteilen habt, dann macht das jetzt und verschwindet.“. Der Anführer verdrehte die Augen, wahrscheinlich hielt er es für eine Demütigung, mit Kriegern eines anderen Clans zu sprechen.,, Wir machen euch ein Angebot“, begann er und seinem Ton nach war er damit alles andere als Unglücklich.,, Ihr erlaubt uns, auf eurem Territorium zu Jagen und wir greifen euch nich...“. Buschstern hatte nicht einmal Zeit, seinen Satz zu vollenden, als Naternherz ihm mit einem scharfen Schwanzschnippen das Wort abschnitt. Das Fell der Kätzin war gesträubt, ihre Augen blitzten zornig.,, Abgelehnt!“, fauchte sie und zustimmendes Knurren von den Eingängen der Baue bekräftigten diese Antwort. Buschstern sah sich gleichgültig um.,, Ganz wie du meinst. Kommt, wir gehen zurück.“. Mit diesen Worten erhob sich die Katzen und stapften aus dem Lager. Natternherz warf ihnen einen vernichtenden Blick hinterher, wirkte allerdings beunruhigt.,, Hoffentlich war das kein Fehler...“, murmelte sie leise, als am Lagereingang ein Schrei ertönte.

    23

    ,, Alles gut, Rio! Alles ist in Ordnung!“, murmelte Schwindel angespannt und leckte dem Kater über den Kopf, während Dimsie hoffnungsvoll zu Falleskorte sah. Der Krieger betrachtete nachdenklich die entzündete Wunde des Streuners, während dieser halb bewusstlos vor Schmerz auf dem von den Steinwänden ab gescharrten Moos lag. Hoffentlich würde Blitzstern bald zurückkehren, zusammen mit Chesko hatte sie sich seiner Bitte nach auf die Suche nach Ringelblume gemacht. Dimsie hatte ihnen den Weg beschrieben und die Anführerin hatte sich umgehend zu der besagten Stelle aufgemacht. Blütenpfote saß nicht weit entfernt und betrachtete zum Teil neugierig, zum Teil erschrocken auf Rios Wunde. Falleskorte wollte der jungen Schülerin nicht noch mehr Unbehagen bereiten, deshalb behielt er lieber für sich, dass er schon schlimmere Verletzungen gesehen hatte und das diese meistens das letzte an kämpferischen Angelegenheiten war die sie erlebten. Rabensturm kauerte vor dem Eingang und hielt Wache. Der Schweif des Katers zuckte nervös hin und her und Falleskorte wusste, dass er hin und her gerissen war zwischen dem Bedürfnis, den Streunern zu helfen und sich so schnell wie möglich auf den Weg zum RegenClan zu machen. Rio öffnete schwer keuchend die Augen, sein Blick war benebelt.,, Ich habe eine Idee, wie ihr fliehen könnt.“. Falleskorte spitzte die Ohren, während er den Fuß um die Wunde herum sorgfältig ausleckte.,, Und der wäre?“, hakte Dimsie nach und kratzte mit der Vorderpfote noch etwas Moos von der Wand des Höhle.,, Ihr schließt euch zu einer Gruppe zusammen, so könnt ihr sie überraschen. Falls sie euch verfolgen, lenkt sie in die Richtung in die ihr müsst. Dann teilen sich Clan-und Dienerkatzen, letztere versuchen, die Bande weg zu lenken.“.,, Das ist ja alles schön und gut“, unterbrach ihn Schwindel vorsichtig,,, aber wo bleibst du in der Zeit, während wir das tun?“. Rio antwortete nicht, Falleskorte spürte fast die Wellen von Schmerz, die durch die verletzte Pfote des Dieners flossen.,, Mach dir keine Sorgen, ich komme schon klar“, seufzte der Kater nach einigen Herzschlägen von eisigem Schweigen. Das leise Geräusch von auf Stein treffenden Krallen kündigte Rabensturm an.,, Chesko ist zurück, Blitzstern...“. Er zögerte kurz und murmelte dann leise:,, Nun... sie hat sich als Ablenkung von der Bande erwischen lassen, damit Chesko unbemerkt mit der Ringelblume hier her gelangen konnte.“. Wie als Bestätigung seiner Worte tauchte Chesko in dem Blickfeld der Katzen auf. Er keuchte schwer, in seinem Maul hatte er ein Bündel säuberlich gepflückter Blüten. Falleskorte hätte gerne jemandem die Schuld für Blitzstern jetzigen Aufenthaltsort gegeben, nur nicht ihr. Aber die Realität war so kalt wie eh und je, es war die Entscheidung und folglich auch die Schuld der Anführerin. Schweigend nahm er Chesko die Ringelblume ab und begann, sie zu einer Paste zu zerkauen.,, Was haben sie mit ihr gemacht?“, hörte er die leise Stimme von Schwindel, während sie Rio abwesend mit dem Schweif über die Flanke fuhr. Der Diener bekam nicht die Möglichkeit, Einzelheiten zu erzählen, denn ein lauter, markerschütternder Schrei hallte durch die Höhle. Falleskorte würgte die zerkaute Pflanze auf Rios Wunde, sein Herz schien den Schlag um unzählige Male zu beschleunigen. Er hatte Blitzstern noch nie vor Schmerz oder gar Qual schreien hören, geschweige denn so laut. Die steinharte Überzeugung, dass es die SturmClan-anführerin war, deren Schrei noch immer als Echo in seinen Ohren sein Dasein fortsetzte, fraß sich mit jedem verstreichenden Herzschlag immer tiefer in seine Zweifel, bis diese schließlich starben, als wären sie nichts weiter als verdorbene Beute. Rabensturm schien zu dem gleichen Schluss gekommen zu sein, ohne zu zögern verließ er zügig die Höhle und Falleskorte hörte nur noch, wie sein Bruder die aufgetürmten Steinmassen herabsauste, dicht gefolgt von Dimsie, Schwindel, Schnee und Chesko. Rio sah ihn an.,, Das ist eure Chance. Befreit eure Anführerin und rennt, rennt um euer Leben.“. Der Krieger sah in das erschöpfte, von Schrammen durchfurchte Gesicht des Dieners und nickte. Ohne ein weiteres Wort glitt er durch die Öffnung aus der Höhle und rannte die Steine herab, dabei riskierend, jeden Herzschlag zu stürzen und sich den Hals zu brechen. Die frische Spur der kleinen Gruppe wies ihm den Weg. Die frische Morgenluft zerzauste seinen Pelz und steigerte schlagartig seine Aufmerksamkeit. Die Bande musste mit Blitzstern zu einer anderen Höhle gezogen sein, aber Falleskorte brauchte kein ausgebildeter Krieger zu sein, um den tiefen Spuren im Schnee folgen zu können. Noch einmal schrie Blitzstern, allein die Tatsache, dass jemand ihr solche Schmerzen zufügte, dass sie Schreien musste, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Immer näher kam er der Stelle die er suchte, er konnte schon die lauten Stimmen der Bande hören, wenn auch er die einzelnen Worte nicht verstehen konnte. Jetzt war es wichtig, nichts zu überstürzen, schließlich würde er seiner Anführerin kaum helfen, wenn er sich von ihren Feinden schnappen ließ. Hoffentlich waren die anderen genauso vernünftig wie er. Aber schon nach kurzer Zeit stellten sich sein Sorgen als völlig falsch heraus, denn er vernahm Rabensturms Knurren und lugte vorsichtig hinter in die Höhle. Er entdeckte den Krieger etwas abseits, die Bande drängte ihn mit wütenden Prankenschlägen zurück. Aber Falleskorte kannte seinen Bruder zu gut, um in dieselbe Falle zu tappen wie ihre Gegenspieler. Sein Blick wanderte in die entgegengesetzte Richtung und er konnte sich ein amüsiertes Zucken der Schnurrhaare nicht verkneifen. Zu seltsam war der Anblick von Schwindel, wie die Kätzin den Kopf seitlich an den Boden gepresst auf einem bizarren Gegenstand herumkaute, während Chesko Blitzstern mühselig aus der Efeukette an ihrer Vorderpfote befreite. Die Anführerin sah ziemlich mitgenommen aus, konnte sich zum Glück aber auf den Pfoten halten und half dem Diener so gut es ging mit den Fesseln. Rabensturms kehliges Knurren reichte völlig aus, um die volle Aufmerksamkeit der Bande geschickt auf sich zu lenken und seinen Verbündeten somit die Möglichkeit zu geben, Blitzstern zu befreien. Falleskorte huschte leise durch den Eingang und der glühende Blick seines Bruders fiel für einen kurzen Herzschlag auf ihn. Der Kater gleichte seinen Fehler allerdings sofort durch einen heftigen Prankenhieb Richtung Killian aus. Die Katzen umstellten den SturmClan-krieger wie hungrige Jäger ihre Beute und Falleskorte machte einen möglichst unauffälligen Hechtsprung zu Schwindel. Dimsie und Schnee hielten sich anscheinend im Schatten über Rabensturm versteckt, wo ein kleiner Vorsprung ihnen einen sicheren Ort zum Lauern bot. Er verstand zwar nicht, wie sie unbemerkt da hoch gekommen waren, aber schließlich war er keine Bergkatze, die Tag für Tag ihr Leben nach den hiesigen Bedingungen richten musste. Ohne den Blick von Rabensturms Feinden zu wenden, fuhr er die Krallen aus, bereit, in jedem Herzschlag einzugreifen. Eine leichte Berührung an seiner Flanke ließ seine Konzentration kurz nachlassen und sich nach hinten drehen. Dimsie deutete mit ihrem Blick wortlos auf Blitzstern, die nun befreit von jeglichem Efeu leicht den Kopf schüttelte. Wahrscheinlich um einen klaren Kopf zu bekommen, entschied Falleskorte und wandte sich wieder seinem Bruder zu. Rabensturm war gerade dabei, einige schwerwiegende Beleidigungen gegenüber Gaufres ausgesprochen grässlichem Charakter auszusprechen, als Dimsie wild mit dem Schweif gestikulierend zuerst auf Blitzstern, dann auf den Ausgang zeigte. Rabensturm nickte kaum merklich und wandte sich unvermittelt an Romi.,, Ach ja übrigens, ich sag es ja nur ungern, aber ich habe zwei Neuigkeiten, eine gute und eine schlechte. Die gute ist, dass ihr mich gerne zerfleischen könnt.“.,, Und die schlechte?“, knurrte Killian und trat näher an Rabensturm heran, der nicht auch nur eine Schnurrhaarlänge zurückwich.,, Dafür müsstet ihr mich erst fangen“, antwortete der Krieger und ehe jemand seiner Feinde verstanden hatte, was er damit meinte, sprang er über sie hinweg und schrie so laut, dass es Falleskorte in den Ohren klingelte:,, RAUS HIER, ALLE RAUS!“. Falleskote, Blütenpfote, Blitzstern, Rabensturm und die Diener rannten aus der Höhle und Blitzstern rief, immer noch etwas geschwächt, aber verständlich:,, Immer dem Wind nach, wir müssen da lang!“. Falleskorte, an die Spitze geraten, korrigierte hastig die Richtung. Der kühle Wind blies ihm nun in den Rücken und plusterte ihm das Fell auf. Lautes Gekreische hinter ihnen kündigte die Bande an.,, Trennen!“, befahl Schwindel und die Diener vollbrachten eine erstaunlich schnelle Windung und flitzten zurück, ihren ewigen Feinden entgegen. Falleskorte riskierte einen Blick nach hinten, sah gerade noch, wie Dimsie mit Gaufre zusammenstieß und von der Führerin der Katzen mitgerissen wurde, wie Schwindel in Killian krachte ihm die Schulter in den Brustkorb rammend nach hinten drängte. Sie würden sie zurückhalten, sie...,, CHESKO!“, schrie Dimsie. Der Kopf der jungen Katze tauchte kurz aus dem Getümmel auf und verschwand sofort wieder. Aus dem Augenwinkel sah Falleskorte, wie sich Romi und noch zwei weitere Bandenmitglieder mit vor Wut blitzenden Augen sich an ihren kämpfenden Gefährten und deren Feinden vorbeidrängten und die Verfolgung wieder aufnahmen, während Chesko von Fuchs immer wieder mit tödlichen Schlägen nach hinten gedrängt wurde.Falleskortes Blut rauschte ihm in den Ohren.,, Was machen wir jetzt?“, miaute er und hoffte mit ganzem Herzen auf eine Antwort.,, Wenn du dich mit den Möglichkeiten nicht zufriedengibst, die wir haben, dann sorge für eine andere.“, riet Rabensturm und im nächsten Herzschlag befahl Blitzstern kühn.,, Trennt euch! Schnell, da vorne! Falleskorte, Rabensturm, ihr biegt nach links, ich und Blütenpfote nach rechts!“. Falleskorte wollte etwas erwidern, aber schon im nächsten Moment stieg der Pfad neben ihm rasant an, während er, dicht von Rabensturm gefolgt, einen fast senkrecht herabfallenden Weg herunterrannte. Die wütenden Rufe der Bande wurden leiser, was darauf hindeutete, dass sie werde den beiden Kriegern noch deren anderen beiden Gruppenmitgliedern gefolgt waren. Er erhaschte sich einen Blick nach vorne. Der rasante Abstieg endete nicht weit entfernt, dann begann eine Art Schlucht, was bedeutete, dass die beiden Krieger sich eine Zeit lang im Schatten bewegen mussten. Vielleicht war das auch besser so, denn Falleskorte war sich nicht sicher, was für gefährliche Kreaturen ihn und Rabensturm gerade in diesem Moment als eine leckere Mahlzeit betrachten konnten. Er betete zum SternenClan, dass Blitzstern und Blütenpfote nichts zugestoßen war, dass Blütenpfote lange genug mit der Anführerin Tempo halten konnte, um in Sicherheit zu gelangen. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie sehr die Reise sie alle verbündet hatte und jetzt, wo er von der Hälfte der Gruppe getrennt wurde kam es ihm so vor, als hätte jemand die Hälfte seiner Seele aus seinem Körper gerissen. In seinem Kopf erschienen grausame Bilder. Blitzsterns verrenkter Körper, Blütenpfote, die verzweifelt den Namen ihrer Mentorin ausrief, die in den Tod gestürzt war. Die junge Schülerin, von grünem Husten geplagt in einer kalten Höhle liegend, während Blitzstern sich durch Eis und Schnee kämpfte, auf der Suche nach Katzenminze. Schnell verdrängte er diese Gedanken, ein Schauder durchlief ihn. Aber sogleich nahm eine andere Vorstellung, schlimmer als alle bisherigen, Gestalt an. Blitzstern und Blütenpfote standen einem wilden Tier gegenüber. Er konnte zwar nur die Silhouetten erkennen, aber es war größer, stärker und kräftiger als seine Anführerin und ihre Schülerin. Die zwei Katzen wurden in eine Ecke gedrängt, Wunden, die tief ins Fleisch reichten, säumten ihre Körper, während das große Tier sie immer weiter nach hinten drängte. Und dann kam der letzte, entscheidende Schlag. Blütenpfotes Atem erstarb zuerst, Blitzstern sah dem Wesen noch einmal entgegen, schwankte leicht und glitt schließlich an der Steinwand herunter. Eine dunkle Spur ihres Bluts blieb am Stein haften. Falleskorte schob mit aller Willenskraft, die er aufzubringen vermochte aus seinem Bewusstsein und richtete seine Konzentration nach vorne. Egal, was sie erwartete, die Gruppe würde sich früher oder später wieder vereinen

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    Skarabäuskralle hörte halb erstarrt vor Entsetzen zu, wie Natternherz Buschsterns Angebot ablehnte und die GrottenClan-katzen das Lager verließen. Die Entscheidung der Kätzin war richtig, aber der Heiler hatte das ungute Gefühl, dass ihre Feinde es nicht darauf belassen würden. Gedankenverloren ließ er seinen Blick durch den ihm so vertrauten Bau wandern. Erinnerungen aus seiner Schülerzeit nahmen wieder Realität an, erwachten aus der Vergessenheit. Wie einfach, wie leicht ihm das Leben damals erschienen war. Die Wunden des Katers durchfuhr dumpfer Schmerz, als er sich auf die Pfoten hievte. Ihm war leicht schwindelig, während er reglos in seinem Nest stand und die Einzelheiten des Heilerbaus betrachtete. Wie lange dies wohl noch sein Zuhause sein würde? Er spürte es innerlich, viel Zeit war es nicht mehr.,, Schnell, Tod! Wir haben sie gefunden!“. Bei dem Schrei irgendwo am Lagereingang zuckte Skarabäuskralle zusammen. Wen gefunden? Im nächsten Herzschlag stürzten drei Katzen in den Bau, darunter auch sein Schüler. Fuchsgeist und Lichtertanz hielten zwei kleine Fellknäule fest gepackt, ihre Pelze glänzten vom Frost. Tod rannte zu dem ausgehöhlten Baumstumpf und begann, ein Kraut nach dem anderen behutsam aus dem Vorrat zu nehmen.,, Skarabäuskralle?“. Die Stimme des Schülers zitterte leicht vor Anspannung, während er zu seinem Mentor herüberblickte.,, Wärmt sie, sorgt dafür, dass ihnen nicht kalt ist“, wies Skarabäuskralle Fuchsgeist und Lichtertanz an und kniff leicht die Augen zusammen, um die Schwindelgefühle unter Kontrolle zu bekommen.,, Leg dich hin“, hörte er die wieder etwas gefasstere Stimme seines Schülers und im nächsten Herzschlag berührte der heiße Atem des Katers seine Flanke. Tod überwachte noch kurz, wie sein Mentor sich hinsetzte und eine der unzähligen Wunden auszulecken begann, dann wandte er sich wieder den Kräutern zu.,, Saphirjunges! Lichtjunges! Geht es ihnen gut?“. Zusammen mit einem Wall Schnee brach Elsternfeder durch den Eingang und sah sich hektisch um. Fuchsgeist richtete sich etwas unbeholfen auf und gab die Sicht zu Saphirjunges frei. Der dunkelgraue Kater mit den schwarzen Sprenkeln atmete stoßweise, sein Pelz war von dem geschmolzenen Frost und Schnee nass, aber er lebte. Lichtertanz ließ ihren Schweif leicht beiseite gleiten und schob Lichtjunges sanft ihrer Mutter entgegen, die ihre Tochter behutsam aufnahm und zu ihrem Bruder trug. Die Königin leckte die beiden Ausreißer sorgfältig trocken, während die anderen Katzen schweigend um sie herum standen und warteten. Nach einiger Zeit, die Skarabäuskralle wie viele Blattwechsel vorkam, öffnete Saphirjunges schwach die Augen. Fuchsgeist reckte sich leicht vor und berührte das Fell des Jungen kurz mit der Nase. Tod schob dem Kater etwas Thymian entgegen, damit er es Saphirjunges überreichen konnte, aber Fuchsgeist trat leicht zurück und überließ es Elsternfeder. Skarabäuskralle stieß unerwartet ein wohlbekannter Geruch in die Nase.,, Fuchsgeist? Kannst du bitte kurz näher kommen?“, bat er den Kater leicht durcheinander und als dieser nähertrat witterte er abermals. Tatsache.,, Alle raus aus dem Bau! Elsternfeder, Lichtjunges und Saphirjunges brauchen nicht viel mehr als ein wenig Wärme, sobald Lichtjunges auch aufgewacht ist, bitte ich jemanden, ihnen etwas Thymian zu bringen.“. Als sich der Bau gelehrt hatte und noch Fuchsgeist, Tod und er darin waren, miaute er leise an Tod gewandt:,, Weißt du, wo Katzenminze wächst?“. Tod kniff kurz die Augen zusammen, dann sträubte sich unerwartet sein Nackenfell.,, Du meinst er hat?“, fragte er und sah zu Fuchsgeist. Der Bote wirkte tatsächlich irgendwie erschöpft, fast schon müde. Fuchsgeist“, miaute Tod sanft und trat zu dem Kater.,, Du hast grünen Husten. Leg dich bitte hin, wir haben noch etwas Katzenminze übrig, aber ich fürchte, falls noch andere Katzen krank werden, ich damit nicht auskomme.“. Fuchsgeist sah ihn einige Herzschläge lang schweigend an und rief dann, laut genug, um den gesamten Clan davon zu überzeugen, dass im Heilerbau gerade Zweibeiner mit langen, silbernen Stöcken die sich darin befindenden Katzen attackierten:,, Ich kann mir keine Auszeit leisten, nur weil ich krank bin! Früher ja, ging das, weil ich jemanden hatte, der für mich einspringen konnte aber seit...“, er brach abrupt ab und rauschte aus dem Bau. Tod sah dem Kater kurz hinterher, ehe er ebenfalls den Bau verließ. Skarabäuskralle hörte laute Stimmen, dann Tods bestimmtes Miauen und ein ersticktes Husten, das ihm einen Schauer über den Rücken jagte. Er konnte sich wahrhaft vorstellen wie die Katze, die gerade hustete von dem unkontrollierbaren Anfall geschüttelt wurde. Er war ein Heiler, und als Heiler hatte er die Aufgabe, kranke oder verletzte Katzen zu versorgen. Der Schmerz schien bei der Erinnerung an den in seiner Schülerzeit geleisteten Schwur abzuklingen, auch wenn der tiefste Winkel seines Bewusstseins ihn warnte, dass er sich schonen sollte, den Wunden Zeit zum verheilen geben sollte., Versprichst du, deinen Clangefährten immer zu helfen, selbst wenn es dein Leben kosten wird?‘. Die Worte seines Mentors hallten wie ein vor langer Zeit vergessener Rat. Skarabäuskralle verließ den Bau, und steuerte auf den Anführerbaum zu.,, Skarabäuskralle! Nein, warte!“, rief Tod. Sein Schüler. Der Heiler überhörte die Worte des ehemaligen Streuners und blieb neben Fuchsgeist stehen. Tod hatte ihn bereits etwas Richtung Heilerbau gestützt, und wich auch jetzt nicht von der Seite des Boten. Seine fast farblosen Augen sahen Skarabäuskralle mit einer Mischung aus Sorge und leichter Verwirrung an.,, Wolltest du nicht noch Katzenminze besorgen?“, fragte Skarabäuskralle. Tod legte den Kater behutsam auf der verschneiten Lichtung ab und eilte ohne ein weiteres Wort zum Lagerausgang. Der Heiler sah kurz auf und erblickte fast den gesamten Clan, der das Geschehen neugierig verfolgte. Seufzend wandte er sich wieder dem Boten zu. Er hatte noch ein wenig Katzenminze im Bau. Kurz entschlossen machte er sich also auf den Weg zu seinen Vorräten und durchwühlte sie.,, Skarabäuskralle?“, unterbrach eine leise Stimme hinter ihm seine Arbeit. Der Kater sah sich um, bereit, der ihm gestörten Katze eine Rede darüber zu halten, dass er gerade dabei war, das Leben ihres noch einzig verbliebenen Boten zu erhalten, als er erkannte, dass es Saphirjunges war. Das Junge schien genau zu wissen, dass es ihn wohl besser nicht hätte stören sollen und blickte deshalb etwas scheu drein. Mit aller Anstrengung, die er aufzubringen vermochte ließ Skarabäuskralle alle Anzeichen von maximaler Entnervtheit und Gereiztheit aus seinem Gesicht verschwinden und setzte einen freundlichen Was-gibt’s-denn Ausdruck auf.,, Ja, Saphirjunges? Was ist?“, fragte er so ruhig wie möglich, während er seine Vorräte hastig weiter durchsah.,, Ich hab gehört was Fuchsgeist gesagt hat. Glaubst du, ich kann in einem Viertelmond sein Schüler werden?“. Skarabäuskralle verbiss sich die kühle Bemerkung, dass Fuchsgeist zuerst mit dem grünen Husten fertig werden musste und antwortete stattdessen:,, Das müsstest du Fuchsgeist fragen, ich kann ihn schließlich nicht dazu zwingen, dich als Schüler aufzunehmen. Ah, hier ist sie ja!“. Der Heiler zog ein Paar Stängel mit intensiv riechenden Blättern zwischen Schachtelhalm und Mohnsamen hervor und begab sich damit zum Ausgang, als Saphirjunges leise murmelte:,, Und wenn ich irgendwann so alt werde wie du, werde ich dir im Heilerbau helfen.“. Bei diesen Worten musste Skarabäuskralle unwillkürlich traurig lächeln. Saphirjunges hatte noch so gut wie keine Erfahrung mit dem Tod gemacht, ihm war nicht bewusst, dass wenn er so alt sein würde wie der Heiler, der letztere bereits im SternenClan über ihn und den SturmClan wachen würde.

    25

    Falleskorte? Rabensturm? Wo sind sie? Blitzstern! Falleskorte und Rabensturm sind weg! Nein, warte... wir haben uns getrennt. Blütenpfotes Herz raste. Irgendwo vor ihr rannte Blitzstern. Blitzstern, ihre Mentorin, Blitzstern, die sich gerade umsah und ihre eisblauen Augen leicht leuchteten, während es um sie herum immer dunkler wurde. Blütenpfote hörte ihr eigenes Keuchen, spürte das Brennen im Hals.,, Blütenpfote!“. Die Kätzin wäre um ein Haar in die plötzlich stehengebliebene SturmClan-anführerin hineingerauscht, wäre sie nicht wenige Schritte davor zusammengebrochen. Sie konnte nicht mehr. Neben ihr ertönten leise Schritte und im nächsten Herzschlag leckte ihr Blitzsterns leicht raue Zunge über die Stirn. Der Atem der schwarzen Kätzin ging fast ganz ruhig, nur ihr Herzschlag deutete darauf hin, dass sie gerade erst Kopf über Hals vor einer ihren Tod wollenden Bande weggerannt war.,, Alles gut, ganz ruhig“, hörte Blütenpfote sie murmeln. Immer noch ganz außer Atem öffnete sie die Augen. Erst jetzt fiel ihr auf, dass die Rufe der Bergkatzen in der Ferne verklungen waren. Sie hatten es geschafft. Blitzstern saß leicht über die Schülerin gebeugt neben ihr, der sich hinter ihnen auftuenden Schlucht in der gerade Falleskorte und Rabensturm unterwegs waren den Rücken zugewandt. Ihr gesundes Auge musterte sie prüfend. Erst jetzt erkannte Blütenpfote die fast unsichtbaren Krallenspuren um das rechte Auge der Anführerin. Langsam beruhigte sich ihr Atem und sie wollte sich bereits aufrichten, aber Blitzsterns Pfote ruhte unerwartet auf ihrer Flanke.,, Regel Nummer eins, nutze jede Gelegenheit, Kräfte zu sammeln, die sich dir bietet.“, miaute sie sanft, aber bestimmt. Blütenpfote gehorchte der Kätzin. Wahrscheinlich hatte diese bereits oft genug am eigenen Leib spüren müssen, wie es war, keine sichere Unterkunft zum Ausruhen zu haben. Die Anführerin richtete sich auf, folgte dem Pfad noch eine Fuchslänge und blieb wieder stehen.,, Sag mir, wenn du zum Weitergehen bereit bist“, lauteten die Worte, als Blütenpfote den Hals reckte um zu sehen, was Blitzstern gerade betrachtete. Sie blieb noch ein wenig liegen bis sie spürte, wie neue Kraft sie durchströmte und tappte dann an die Seite ihrer Mentorin. Die ersten Herzschläge kam es ihr so vor, als würde sie in die gähnende Leere des sich auftuenden Abgrunds sehen. Aber dann entdeckte sie den nur wenige Schnurrhaarlängen breiten Pfad, der sich ungefähr eine Fuchslänge unter ihnen erstreckte. Sie sah zu ihrer Mentorin herüber. Das Gesicht der Anführerin wirkte nachdenklich, bis sie schließlich miaute, ohne Blütenpfote direkt anzusehen:,, Traust du dir das zu?“. Diese fünf Worte trafen die Schülerin wie eine Steinlawine. Würde sie es riskieren und Ja sagen, könnte ein falscher Schritt ihren Tod bedeuten.,, Habe ich eine Wahl?“, fragte sie leise. Einige Augenblicke herrschte Schweigen, und kurz darauf erwiderte Blitzestern zögernd:,, Nein.“.,, Dann traue ich es mir wohl zu.“. Die Anführerin nickte.,, Ich gehe vor. Dies ist einer der wenigen Fälle, wo ich dir als Unterstützung bloß das Zusehen anbieten kann. Sollte ich abstürzen, setzt du die Reise alleine fort. Dein Weg liegt stets Richtung Sonnenuntergang.“. Ohne ein weiteres Wort hinzuzufügen, trat die Kätzin an den Rand der Klippe und presste ihr Fell leicht gegen die danebenliegende Steinwand. Mit einem eleganten Satz landete sie auf dem engen Vorsprung. Blütenpfote kannte die Anführerin nicht sehr lange, aber sie war sich mehr als sicher, dass wenn die Kätzin bei sich im Wald ebenso abgemagert war wie jetzt, sie wohl kaum an dem Ort verbleiben würde. Rippen so wie Wirbelsäule stachen bereits deutlich unter ihrem Fell hervor, welches Blitzstern allerdings stets gepflegt hielt. Blütenpfote beobachtete mit unbewusst angehaltenem Atem, wie die Kätzin sich vorsichtig ihren Weg über den schmalen Pfad bahnte. Einige Male sah es so aus, als würde Blitzstern gleich den Halt verlieren, aber immer schaffte sie es irgendwie, die Situation auszugleichen und weiter zu kommen. Sobald der Pfad breit genug wurde, um sich zu wenden, drehte die Kätzin sich zu ihr um.,, Bereit?“, rief sie zu ihrer Schülerin herüber. Blütenpfote schnippte als Bestätigung mit dem Schweif und tappte wie Blitzstern kurz zuvor zur Steinwand herüber. Ihr Fell streifte den groben Stein, augenblicklich breitete sich die Kälte auf ihrer Haut aus. Sie machte sich bereit zum Sprung, als-,, Nein! Stopp! Blüte, halt!“. Sie fuhr erschrocken herum und erstarrte. Ihr Bruder stand wenige Fuchslängen hinter ihr und sah sie an. Aber etwas hatte sich verändert. Blütenpfote wusste nicht genau, wie diese Erkenntnis in ihr sich mit jedem weiteren Augenblick bekräftigte, je länger sie ihn ansah. Ein kalter Wind fuhr durch ihr Fell und sie schüttelte sich. Ein Paar Schneeflocken landeten auf ihrer Schnauze und die Kätzin zuckte zurück. Sie musste weiter.,, Komm mit uns- mir mir...“, flüsterte die Schülerin. Er antwortete nicht, sah sie einfach aus seinen warmen Augen an. Ihr Schweif streifte versehentlich die Pfote des Katers. Nein, er streifte sie nicht, er ging durch sie hindurch. Blütenpfote sprang vor Überraschung zurück. Ihre Gedanken überschlugen sich. Wie war das möglich? War das wirklich ihr Bruder? Der Kater stand auf, sie machte einen unbeholfenen Schritt rückwärts.,, Blüte, ich bins, keine Angst.“. Seine Stimme. Es war seine Stimme, die Stimme ihres Bruders. Aber er war anders. Ohne ein weiteres Wort wandte Blütenpfote sich ab und sprang auf den Sims. Sie hörte sein Miauen, es jagte ihr Tränen in die Augen. Blitzstern rief etwas, aber die Schülerin sah es bereits selbst. Ein riesiger Steinadler streckte ihr die Klauen entgegen, bereit, sie zu packen. Das Blut gefror ihr in den Adern, sie sah bereits das hungrige Glimmen in seinen Perlenaugen. Die Angst ließ ihre Pfoten mit dem Stein unter ihr verschmelzen, Blütenpfote konnte sich nicht rühren. Sie wandte den Blick ab. Gleich würden sich scharfe Krallen in ihren Körper bohren, ihr Blut vergießen und sie fortschleppen. Aber plötzlich kreischte der Vogel auf, als hätte jemand die Krallen in seinen federbekleideten Körper versenkt. Blütenpfote öffnete unsicher ein Auge und sofort entfuhr ihr ein entsetzter Schrei. Blitzstern hing an dem wild mit den Flügeln schlagenden Vogel, unter ihnen riss der Abgrund in einem lautlosen Gähnen seinen Schlund auf. Die Anführerin wirkte unnatürlich klein im Vergleich zu ihrem Gegner, der laut kreischend mit ihr rang.,, Blitzstern!“, rief Blütenpfote und versuchte vergebens, nicht in Panik zu geraten. Die Klauen des Steinadlers kratzten erbarmungslos an dem Körper der Kätzin, aber Blitzstern gab keinen Laut von sich. Sie hatte Mühe, ihre Kehle vor dem blind auf sie einhackenden Vogel zu schützen und Blütenpfote überlegte schon, sich ebenfalls auf den Vogel zu stürzen und Blitzstern zu helfen. Aber da drehte die Kätzin sich ruckartig in ihre Richtung und die Schülerin verstand: Blitzstern würde diesen Kampf allein ausfechten. Blütenpfote zwang sich zur Ruhe, unterdrückte das Verlangen einzugreifen und sah ihre Mentorin an. Für den Bruchteil eines Herzschlags glaubte sie so etwas wie Anerkennung in ihren Augen zu sehen, dann stieß der Vogel einen wütenden Ruf aus und schoss mit Blitzstern im Schlepptau zu den Sternen empor. Wenige Augenblicke später waren die beiden schon in den Wolken verschwunden und nur noch Blitzsterns Befehl hallte als Echo in den kalten Schluchten des Gebirges wieder:,, Folge immer dem Sonnenuntergang, Blütenpfote! Immer dem Sonnenuntergang!“...

    26

    Die Luft im Bau war kalt und gleichzeitig so stickig, dass es Skarabäuskralle so vorkam, als würde ihn jemand in einen Tümpel mit abgestandenem Wasser drücken und jegliche Atmung verwehren. Die Müdigkeit zerrte mit jedem neuen Tag immer mehr an ihm, während der Hunger sich langsam aber sicher durch die Reihen der SturmClan-katzen fraß. Keiner beklagte sich, doch der Heiler wusste, wie oft ihnen nun der Duft nach frischer Beute durch die Träume waberte, wie viel mühsamer es mit jedem Sonnenaufgang wurde, sich von dem kalten Moos zu erheben und seinen Pflichten nachzukommen. Der Kater saß bewegungslos auf einem umgekippten Baumstamm und lauschte dem heulenden Wind. Es war einer der wenigen Momente, die er nun für sich hatte. Er genoss förmlich den Schmerz der Kälte in seinen Ohren, es war wie eine Erlösung von der Qual, die er täglich bei dem Klang des keuchenden Hustens seiner Clankameraden empfand. Sie hatten grünen Husten. Wie viele genau, konnte Skarabäuskralle nicht sagen, er hatte schon lange aufgehört zu zählen. Sein Alltag war zu einem stätigen hin- und her wandern zwischen der Stelle an der Katzenminze wuchs und zurück zum SturmClan-lager geworden. Der Himmel wurde von grauen Wolken bedeckt, seit Tagen schon hatte er kein Sonnenlicht mehr gesehen. Und alles war entweder eingeschneit, vereist oder schlicht und einfach kalt.
    Skarabäuskralle fühlte sich verantwortlich. Verantwortlich für seine Clan- kameraden, verantwortlich für die missliche Lage, in der sie sich befanden, verantwortlich für die Hoffnungslosigkeit, die im Lager herrschte. Tod wurde schweigsamer, der Heiler vermisste schon fast die Abende, an denen sie sich unbekümmert wie Mentor und Schüler die Zungen gegeben haben. Jetzt bestanden ihre seltenen Unterhaltungen aus knappen Berichten darüber, ob etwas während ihrer Schicht vorgefallen war. Skarabäuskralle wachte bei Nacht über die Katzen, trotz der Müdigkeit konnte er in der dunklen Tageszeit kein Auge zubekommen. Vielleicht lag es an einer tief in seinem inneren liegenden Angst, der SternenClan könnte die kranken Katzen im Schutz der Nacht zu sich rufen, oder an der stillen Verzweiflung, die sich bei Anbruch der Dunkelheit in ihm ausbreitete. Tod schien hingegen taub zu all den Ängsten zu sein, die an ihm nagten wie hungrige Tiere. Er verrichtete seine Arbeit, verbrachte die Nacht reglos in seinem Nest und verrichtete sie am nächsten Morgen wieder. Skarabäuskralle wusste, dass dies der mentale Schutz seines Schülers war, der ihn bei diesem stressigen Dasein bei Verstand hielt, aber es tat trotzdem weh, in dieses ausdruckslose Gesicht zu sehen. Unerwartet wehte ein schwacher Katzengeruch zu ihm herüber und riss ihn aus seinen Gedanken. Der Heiler erblickte eine kleine Katzengruppe, die eng zusammengedrängt eilig auf den Lagereingang zuhielt. Er glitt von seinem Platz und tappte zu Himmelsschwinge, der am Eingang Wache hielt. Der Krieger hatte die Katzen ebenfalls bemerkt und gab etwas an die neben ihm stehende Tintenpfote weiter, die sofort im Eingang verschwand. Skarabäuskralle erreichte den Kater und neigte leicht den Kopf.,, NebelClan, oder?“, miaute er an Himmelsschwinge gewandt. Der nickte, ohne den Blick von der kleinen Gruppe zu nehmen. Skarabäuskralle erkannte schon von weitem das hellgraue Fell von Silberstern, das regelrecht zu leuchten schien. Neben der Anführerin sprang Rosenzweig durch den Schnee. Sie hatte erst vor kurzem ihre Ausbildung hinter sich gebracht- genauso wie die Trauerphase aufgrund des Todes ihrer Mentorin. Aber wie junge Katzen nun mal waren, schoss es Skarabäuskralle durch den Kopf, verweilte sie nicht lange an diesem Abschnitt ihres Lebens. Hinter den beiden Kätzinnen entdeckte er Silbersterns Vertreter Tigerseele. Der Kater bemerkte den Blick des Heilers und nickte ihm freundlich zu, ehe er wieder eine ernste Miene aufsetzte und sich entnervt den Schnee vom Fell schüttelte. Die Gruppe erreichte den Eingang und hielt an. Himmelsschwinge neigte als Gruß leicht den Kopf, Skarabäuskralle übernahm das Sprechen.,, Seid gegrüßt“, begann er und zwang sich ein Lächeln aufs Gesicht. Egal, wie gut sich Sturm- und NebelClan verstanden, in Zeiten, wo die höchstbesetzte Position im Clan der Heiler war, durfte man nicht auf andere Clans zählen.,, Hallo Skarabäuskralle!“, rief Rosenzweig und ihre glänzenden Augen leuchteten nur so vor Energie. Silberstern lächelte, und im Gegensatz zu seiner Geste, die kurz davor war, zu einem ernsten Stirnrunzeln zu werden, war ihr Lächeln echt. Himmelsschwinges Gesicht war zu einer täuschend echten Maske der Sorglosigkeit geworden, und würde Skarabäuskralle den Kater nicht schon seit unzähligen Blattwechseln kennen, hätte er sie ihm abgekauft.,, Wir grüßen euch ebenfalls“, strahlte Silberstern und sah leicht verlegen zu Rosenzweig, die wie ein ungeduldiges Junge um Tigerseele herumtollte.,, Was bringt euch zu uns?“, brach der Heiler schließlich das unangenehme Schweigen und Silbersterns Gesicht wurde ernst.,, Wir haben von dem Kampf gehört“, fing sie an und ausnahmsweise fuhr Rosenzweig nicht dazwischen und schaffte es sogar, still zu sitzen. Die Anführerin des NebelClans musterte nachdenklich einen kahlen Busch neben Himmelschwinge, bevor sie fortfuhr.,, Beziehungsweise von Silvia erfahren. In letzter Zeit ist sie komisch geworden, wisst ihr? Erzählt ständig irgendwas, und kurz darauf wird es war. Jedenfalls...“. Sie wurde von Sturmherz und Sonnenflügel unterbrochen, die sich zu den beiden SturmClan-katzen am Eingang gesellten. Himmelsschwinge bedeutete ihnen mit einem kaum merklichen Schwanzzucken, sich nicht einzumischen. Skarabäuskralle sah die Anführerin an, seine Gesichtszüge verrieten absolut nichts über seine Gedanken.,, Was wollt ihr von uns, Silberstern?“, fragte Sturmherz und betrachtete die Kätzin mit einer Mischung aus Herausforderung und Zweifel. Sie seufzte.,, Schon gut, Sturmherz. Als Blitzstern fragte, wer sie und zwei ihrer Krieger auf der Reise zum RegenClan begleiten wolle, verbot ich meinen Clankameraden, sich bereit zu erklären. Ich hatte Angst. Angst, sie zu verlieren. Ich war...“. Sie zögerte.,, Feige“, half Sonnenflügel bereitwillig, kassierte aber sofort einen warnenden Blick von Himmelsschwinge.,, Ja, feige“, bestätigte Silberstern und senkte leicht den Kopf.,, Aber wir sind nicht herzlos. Womöglich kehren die GrottenClan-katzen zurück und missachten –mal wieder- das Gesetz der Krieger. Wir wollen euch beistehen, und so frage ich euch, Skarabäuskralle, Himmelsschwinge, Sturmherz und Sonnenflügel: Nehmt ihr unsere Hilfe an? Ihr könnt es gerne mit eurem Clan besprechen und dann jemanden zu uns rüberschicken.“. Skarabäuskralle warf einen kurzen Blick zu seinen Clan-kameraden. Das Angebot war so verlockend, so... Nein, allein der Gedanke, dass sie sich mit einem anderen Clan zusammenschlossen, weil sie einen Angriff ihrer Feinde fürchten sollten, war falsch. Sie waren der SturmClan, unbezwingbar, schnell und klug. Seit der Clan von Blutstern gegründet worden war, hatten sie alles alleine geschafft. Aber seitdem hatten sie auch noch nie keine Anführerin gehabt, rief er sich ins Gedächtnis und seufzte innerlich. Vielleicht wäre es doch gar nicht so schlecht zu wissen, dass jemand auf ihrer Seite kämpfen würde, während der halbe SturmClan vom grünen Husten oder -wie Skarabäuskralle ihn nannte- grünen Tod auf der Schwelle des Todes gehalten wurde. Himmelsschwinge dachte einige Herzschläge lang nach, wahrscheinlich überlegte er ob es sinnvoller wäre, den Clan einzuweihen oder Silbersterns Angebot abzulehnen. Himmelsschwinge selbst, da war sich der Heiler mehr als sicher, würde es gerne abweisen und dem GrottenClan stattdessen zuvorzukommen und sie zuerst anzugreifen. Hätten ihn Hunger und Erschöpfung nicht zu einer völlig anderen Verhaltensweise geführt, hätte er das ohne zu zögern auch getan. Diese Blattleere veränderte sie alle, ohne dass sie es wirklich merkten, dachte Skarabäuskralle mit einem traurigen Lächeln, welches seine Schnurrhaare erzittern ließ. Himmelsschwinge wechselte einen Blick mit Sonnenflügel, Sturmherz und dem Heiler und wandte sich dann an Silberstern.,, Wir werden über euer Angebot reden. Danke, Silberstern.“. Er stand auf und schüttelte sich den Schnee vom Fell.,, Sonnenflügel, Sturmherz, könnt ihr mich kurz ablösen? Ich muss mich mit Natternherz besprechen.“.,, Natürlich, Himmelsschwinge.“. Silberstern neigte zum Abschied den Kopf.,, Möge der SternenClan eure Wege erleuchten. Und Blitzsterns Weg auch“, fügte sie leise hinzu und bedeutete Rosenzweig und Tigerseele, ihr zu folgen. Sonnenflügel sah den NebelClan-katzen hinterher und drehte den Kopf leicht zu seinen Clankameraden.,, Glaubt ihr ihnen?“, lautete die Frage der Kätzin. So kurz und unschuldig, und doch bedeutend. Himmelsschwinge schnalzte nachdenklich mit der Zunge.,, Gut möglich, dass Silberstern es ernst meint. Normalerweise gibt sie ungern ihre Fehler zu. Apropos Fehler“. Er warf Sonnenflügel einen strengen Blick zu.,, Ich will das Wort feige nicht mehr von dir hören- insbesondere nicht gegenüber Anführern!“. Sonnenflügel verdrehte kaum merklich die Augen, war aber klug genug den Mund zu halten. Himmelsschwinge betrat das Lager und Skarabäuskralle folgte ihm. Es wurde immer dunkler, wahrscheinlich war es schon Abend. Schweigend betraten sie den Heilerbau und der alte Kater legte unwillkürlich die Ohren an. Wenn Ohren bei einem quälenden Geräusch bluten würden, wäre Skarabäuskralle schon vor Tagen verblutet. Sein Schüler hob bei den Schritten der beiden Katzen den Kopf und der Heiler nickte kurz. Augenblicklich verzog Tod sich in die kleine Nische, in der sich sein Nest befand und ließ sich aufs trockene Moos fallen. Himmelsschwinge trat zu Natternherz und setzte sich. Die Kätzin war abgemagert bis auf die Knochen und wäre nicht das helle Glimmen ihrer blattgrünen Augen gewesen, würde sie nichts mehr von einer toten Katze unterscheiden. Der Krieger vor ihr räusperte sich etwas unbeholfen und Natternherz‘ Blick wanderte zu ihm hoch. Skarabäuskralle entfernte sich höflich von ihnen, obwohl ihm bewusst war, dass er das Recht hatte mitzuhören. Stattdessen nahm er ein paar verwelkte Pflänzchen von Katzenminze aus dem spärlichen Vorrat und tappte zu Fuchsgeist. Der Bote lag alle Viere von sich gestreckt auf der Seite, sein rasselnder Atem jagte dem Heiler einen Schauder über den Rücken.,, Fuchsgeist? Wie geht es dir?“, erkundigte er sich und legte die Katzenminze vor seinen Pfoten ab.,, Passt schon“, lautete die knappe Antwort, dicht gefolgt von einem Hustenanfall. Behutsam schob Skarabäuskralle die Katzenminze näher zu der Schnauze des kranken Katers heran, aber seine Gedanken waren wieder woanders. Die Katzen hatten seit Tagen nichts getrunken. Der See war zugefroren und selbst wenn es jemandem doch gelang, ein Leck ins Eis zu schlagen, war das Wasser viel zu kalt, um auch nur einen Schluck runterzukriegen. Das Moss, das sie hatten, war trocken und bröselig und nahm praktisch kein Wasser mehr auf. Einige Katzen hatten angefangen, in ihrer Verzweiflung Schnee zu fressen. Es stillte zwar den Durst, aber selbst diese scheinbar harmlose Handlung hatte ihren Preis. Immer mehr Katzen klagten über Halsschmerzen, Schnupfen und Schüttelfrost. Besonders qualvoll wurde es in der Nacht, in der es noch kälter wurde als am Tag. Himmelsschwinges Stimme riss ihn abrupt aus seinen Gedanken. Er hatte gar nicht bemerkt, wie der Krieger an ihn herangetreten war.,, Skarabäuskralle? Ich habe mit Natternherz gesprochen. Wir sollten den Clan einweihen. Und... da du gerade den höchsten Rang besetzt... wir dachten, du solltest das tun.“. Der Heiler hörte nur halb zu, aber bei den letzten Worten des Kriegers hätte er sich um ein Haar an seiner eigenen Zunge verschluckt.,, entschuldige, was?“, brachte er schließlich hervor. Aber seine Verwirrung schien Himmelsschwinge nur noch mehr in seinen Worten zu versichern.,, Du überbringst dem Clan Silbersterns Vorschlag, Skarabäuskralle.“. Der Heiler versuchte vergebens, seine Nervosität zu verbergen.,, Das ist nicht meine Aufgabe und du weißt das. Warum also?“. Aber er wurde von Natternherz unterbrochen, die den Kopf hob und schwach miaute:,, Der SturmClan respektiert dich, er hört auf dich. Du bist der Anker all der Katzen –und das sind wirklich viele-, die daran glauben, dass Blitzstern zurückkommen wird. Bitte, tu es für den SturmClan.. tu es für Blitzstern.“. Der Heiler schloss kurz die Augen.,, In Ordnung“, nickte er nach einigen Herzschlägen und sah Himmelsschwinge an.,, sorg dafür, dass alle so schnell wie möglich beim Hochbaum sind.“

    27

    Die Beute schmeckte kalt und hart in seinem Maul, aber der Hunger tat seine Arbeit, egal, wie sehr man sich wünschte, er existiere nicht. Falleskorte hätte das sehnige Fleisch am liebsten wieder ausgewürgt, aber schon als Schüler hatte er gelernt, dass man nicht wählerisch sein durfte, wenn die Beute knapp war. Und in ihrem Fall war sie knapp. Sehr knapp. Der Krieger vergrub die kleinen Knochen im Schnee und sah zu Rabensturm. Zwei Sonnenaufgänge waren vergangen, seit sie sich von Blitzstern und Blütenpfote getrennt hatten, und drei, seit er zum letzten Mal mit der Sicherheit eingeschlafen war, am nächsten Morgen aufzuwachen. Davor war es für ihn so etwas wie eine Selbstverständlichkeit gewesen, aber seit er und Rabensturm allein in diesem für sie fremden Territorium überleben mussten, hatte sich diese fehlerhafte Vorstellung in der kalten Luft aufgelöst, als wäre sie nie dagewesen. Falleskorte seufzte leise und sah, wie sich das Nackenfell seines Bruders kaum merklich aufstellte, während er seinen Anteil des Fanges herunterwürgte. Der Krieger schüttelte sich die Kälte des frühen Morgens aus dem Pelz. Weit über ihnen leuchteten die verbleichenden Sterne zu ihnen herab. Ob der SternenClan noch über uns wacht?
    Zum ersten Mal seit Beginn ihrer Reise fragte sich Falleskorte, ob der SternenClan Blitzsterns Entscheidung billigte oder sie für eine Verräterin ihres eigenen Clans hielt. Hatten sie ihr die Prophezeiung über den nahenden Kampf geschickt, weil sie die Anführerin zum Handeln drängen wollten, oder weil sie keine Wahl hatten? Zu viele unbeantwortete Fragen lagen unausgesprochen in der Luft. Der Kater hätte seine Zweifel liebend gern im pudrigen Schnee vergraben, vom dem es hier unten Unmengen gab, aber Gedanken zu vergraben, die einen von innen ausfraßen, war gar nicht so einfach. Rabensturm schob mit einer Pfote etwas Schnee über die feinen Gelenke und Knochen, von denen er davor mühselig das harte Fleisch gekratzt hatte und glitt zu Falleskorte herüber. Stumm trat der Krieger neben seinen Bruder und sie tappten los, dem stets durch die Schlucht pfeifenden Wind nach. Neben Falleskorte zog sich ein Spalt durch den vereisten Stein, wie eine klaffende Wunde. Instinktiv hielten sich die Krieger so nah beieinander wie möglich, einerseits, um dem anderen das Gefühl von Sicherheit zu geben und andererseits, um es zu bekommen. Keinem der beiden war nach einem Gespräch zu Mute, obwohl etwas in ihnen sich nichts sehnlicher wünschte, als die nur vom trägen Pfeifen des Windes unterbrochene Stille zu brechen. Die Kälte drang langsam wie eisiges Gift durch seine Glieder, doch Falleskorte wagte nicht, aus dem leichten Trab ins Rennen zu verfallen. Das gespenstische Dämmerlicht machte all die schaurigen Geschichten aus dem Ältestenbau nah und greifbar. Mit einem Schaudern erinnerte er sich an die Erzählung über das Schattenmonster, ein gigantisches Geschöpf mit Reißzähnen, die sich in die Erde gruben und Krallen, so lang und scharf wie ein ausgewachsener Wolf. Aber nicht das war es gewesen, das ihm nächtliche Alpträume beschert hatte. Das Wesen hatte blutunterlaufene, rote Augen mit Pupillen, die tödlichen Wunden ähnelten. Sein Fell stellte sich unwillkürlich bei der Vorstellung auf, diese roten Augen würden plötzlich im Schatten neben ihm erscheinen und das letzte, was er in seinem Leben sehen würde, wäre das aufblitzen der todbringenden Krallen. Der Krieger widerstand der Versuchung, sich nach hinten umzusehen und sich zu vergewissern, dass das Monster ihnen nicht hinterherschlich. Seine Nerven waren ohnehin schon angespannt wie nie zuvor. Um sich zu beruhigen, ließ er seinen Blick zum fernen, mit grauen Wolken überzogenen Himmel wandern. Jeden Augenblick fängt es an zu schneien, schoss es dem Kater durch den Kopf. Seine Pfoten waren bereits taub und sein Fell fühlte sich so feucht und fremd an wie ein Haufen nasser Blätter. Aber unangenehmer als das körperliche Unwohlsein war die Ungewissheit. Wer garantierte ihm, dass er in der Nacht nicht erfror? Dass ihn kein zufällig herabstürzender Eisblock erschlug? Würde er seine Clankameraden je wiedersehen? Falleskorte wären noch unendlich viele Fragen eingefallen, zu denen er gerne die Antwort wüsste, wenn Rabensturm nicht urplötzlich in ihn hineingestolpert und sie beide zum Sturz in die Dunkelheit des Spaltes gebracht hätte. Falleskorte drehte sich im Fallen und kniff die Augen zusammen, um wenigstens ungefähr abschätzen zu können, wie tief sie noch fallen würden, aber kein einziger Lichtstrahl erhellte die Höhle und alles, was er sah, war undurchdringliche Schwärze. Rabensturm irgendwo unter ihm rief etwas von Eisschollen, aber Falleskorte hörte ihn nicht. Sein Hinterlauf schrammte die glatte Oberfläche, bevor er es verhindern konnte. Gellender Schmerz schoss durch die Pfote des Katers und er biss sich auf die Zunge. Warmes Blut ergoss sich in seinen Rachen und der Krieger würgte. Das einzige, woran er gerade denken konnte, war, sich bloß nicht auf den Rücken zu drehen. Seine Chancen zu überleben, wenn er auf den Pfoten landete waren gering, aber eine harte Landung auf seine Wirbelsäule war nicht gerade vielversprechender. Falleskorte hätte seine blanke Panik gerne ausgeschrien, aber er wusste nur zu genau, dass wenn er jetzt losschrie, Rabensturm völlig den Kopf verlieren würde. Wenn ein Krieger wortwörtlich den Kopf verlor, hatte das nie etwas Gutes zu bedeuten, das wusste der Kater. Er brachte all seine Willenskraft auf und fokussierte seine Gedanken auf seinen anderen vier Sinnen. Falleskorte fühlte, wie die kalte Luft an seinem Pelz zerrte, spürte, wie sie ihm ins Gesicht peitschte und ihm den Atem verschlug. Über das heulen des Windes hinweg hörte er irgendwo in der Ferne Eis knacken. Er traute sich nicht die Augen zu schließen und zu riskieren, völlig die Orientierung zu verlieren, deshalb hob er so gut es ging den Kopf und stieß- mit offenen Augen- ein stilles Gebet zum SternenClan aus.,, Falleskorte?“, kam es von irgendwo unten.,, Ja?“, rief der Krieger und wandte seinen Blick wieder nach unten.,, Ich glaube, da unten ist ein Fluss! Und er ist tief!“. Jetzt hörte es Falleskorte auch. Das Rauschen und tosen des Flusses ließ darauf schließen, dass Unmengen an Wasser sich ihren Weg zwischen den gigantischen Eisschollen hindurchbahnten. Die Gefahr zu ertrinken übersah er in diesen Augenblick, denn seine Instinkte schrien von nichts anderem als dem lang ersehnten Ende des Falls. Das Tosen wurde immer lauter, schon bald konnte Falleskorte nichts anderes mehr hören. Der Krieger streckte die Pfoten aus und ignorierte das schmerzhafte Ziehen in seinem Hinterlauf. Er konnte von Glück sprechen, wenn es sich um eine gerissene Sehne handelte. Und dann...
    Die Kälte schien für einen Augenblick das Herz des Katers zu stoppen. Das Wasser war überall- jegliche Vorstellungen von unten und oben waren mit einem mal wie weggeblasen. Falleskorte riss seinen Mund auf, unfähig, seine Angst länger im Zaum zu halten. Sein Körper brannte, seine Ohren und Augen lagen in kalten Feuer. Die Lungen des Katers schrien nach Luft. Falleskorte hätte unzählige Monde seines Lebens für einen einzigen, tiefen Atemzug gegeben, bloß um ein paar weitere, kostbare Momente zu bekommen. Ein Schauder nach dem anderem schüttelte seinen Körper, während er mit zunehmender Verzweiflung gegen die tödliche Flut kämpfte. So fühlte es sich also an, zu ersticken. Blutrote Ringe kreisten in seinem Blickfeld, die einzige Farbe, die er seit geraumer Zeit gesehen hatte. Optimismus war nie seine Stärke gewesen, und jetzt spürte Falleskorte, was für eine Gefahr das Fehlen dieser Charaktereigenschaft wirklich darstellte. Es war, als würde er einen hitzigen Streit von der Seite beobachten. Sein Überlebensinstinkt kreischte so laut, dass es in den Ohren wehtat, dass er ja nicht aufhören sollte, mit den Pfoten zu strampeln, doch die Hoffnungslosigkeit legte sich wie ein lähmender Bann über seine Muskeln. Warum sollte er weiterkämpfen? Er würde sterben, egal, was er jetzt tat. Falleskorte gab beiden Recht, es gab kein einziges Argument, welches das des anderen schlagen konnte. Doch nach und nach wurden seine Bewegungen immer langsamer, plötzlich wurde ihm bewusst, wie müde er eigentlich war, wie kalt das träge durch seine Adern strömende Blut wirklich war. Er spürte weder seine Pfoten, noch sonst irgendetwas- alles, was er wahrnahm, war das laute Pochen seines Herzens. Unerwartet blitzte Frotschwinges Silhouette vor seinen Augen auf und ihre leicht barsche Stimme drang an sein Gehör.,, Denk an Rabensturm, Falleskorte. An Blitzstern und Blütenpfote, an deine Clankameraden- Sie brauchen dich, sie bauen ihre Hoffnungen auf deinen Schultern.“. Mögen sie doch Territorien auf meinem Gewissen aufschlagen, ich kann nicht mehr kämpfen..
    Doch Frostschwinge schenkte seinem Gedanken keine Beachtung.,, Denk an all die jungen Katzen, Krieger. Denk an die Jungen und Schüler, an ihre Träume und Ziele. Du weißt, Träume sind wertvoll, Falleskorte- willst du das alles wirklich aufgeben?“
    Die Frage ist nicht, was ich will. Die Frage ist, was ich kann.
    Die zweite Anführerin seufzte.,, Ich kann dich nicht zwingen, ich kann es dir auch nicht befehlen. Aber ich kenne Blitzstern, seit sie die Augen geöffnet hat. Ich weiß, dass sie euch mehr braucht, als du denkst. Weißt du..“. Frostschwinge unterbrach sich selbst und sah Falleskorte eindringlich an.,, Sie war nicht immer so. Früher war sie offen, energiegeladen, fröhlich- der Sonnenschein in Person. Aber dann starb beinahezu ihre ganze Familie, allen voran ihre Eltern. Am Ende blieb ihr nur noch ihre Schwester; kannst du dir vorstellen, wie sehr Blitzstern sich um sie sorgte? Salzträne konnte keinen Schritt ohne Blitzsterns Begleitung machen. Am Ende... sie hielt es nicht mehr aus. Du weißt, was danach passiert ist.“. Falleskorte wusste es. Salztränes Tod, Blitzsterns Tränen, die Beerdigung. Aber Frostschwinge war noch nicht fertig.,, Sie hat versucht, ihr Leben wieder in Ordnung zu bringen, sie hat es wirklich versucht. Blitzstern lernte Flutgeist näher kennen, ging mit ihm Jagen, kämpfte an seiner Seite. Flutgeist wurde bald zum zweiten Anführer ernannt. Keiner freute sich so sehr für ihn wie Blitzstern. Aber kurz darauf vergiftete er sich an dem Fleisch einer kranken Amsel. Tag und Nacht war sie bei ihm. Er hat es nicht geschafft. Und wieder stand sie allein da.“. Der Krieger sah der SternenClan-kätzin zum ersten Mal in die Augen.,, Ich lasse sie nicht allein“, wisperte er und ein leichte Spur ihres herzlichen Lächelns legte sich über Frostschwinges Lippen.,, Der SternenClan steht euch bei, egal was passiert.“, miaute sie leise und vom einen auf den anderen Augenblick war sie verschwunden. Falleskorte erwachte aus seiner Starre. Sofort machten sich Kälte und Luftmangel wieder bemerkbar, doch jetzt hatte der Kater ein genaues Ziel vor Augen. Er wollte überleben. Musste überleben.

    28

    Ihre Blicke waren allesamt in seine Richtung gewandt, nervös schüttelte er sich. Der Heiler wusste nur zu gut, dass sie alles andere als begeistert darüber waren, in der eisigen Kälte zu hocken und ihm zuzuhören. Sein Blick glitt zu der Gruppe der kranken Katzen, die sich am Eingang des Heilerbaus versammelt hatten. Ihre Augen waren aus dem gesamten Clan am trübsten, ihre Knochen stachen am deutlichsten unter ihren Fellen hervor. Skarabäuskralle wusste, dass auch er aussah wie ein alter Streuner, aber sein Herz schien bei dem Anblick des abgemagerten Clans regelrecht zu bluten. Sie wäre so enttäuscht von mir, so unendlich enttäuscht... Der Gedanke an Blitzstern versetzte ihm tief in seiner Brust einen schmerzhaften Stich. Skarabäuskralle schloss kurz die Augen. Nach Frotschwinges Tod war die ganze Verantwortung wie ein Wall aus Steinen auf seine Schultern gestürzt, alles war von einem Augenblick auf den anderen so unmöglich kompliziert geworden. Er war ein Heiler, er heilte die Wunden der Katzen; er führte sie nicht in den Krieg. Aber es war genau das, was die Umstände verlangten. Skarabäuskralle hatte in seinem gesamten Leben nur einmal gegen das Gesetz gehandelt- er hatte Tod ohne Blitzsterns Wissen im Clan aufgenommen. Doch als Heiler in den offenen Krieg zu ziehen widersprach so ziemlich allem, was er an Gesetzen wusste. Nun stand der Kater vor einer schweren Entscheidung: Der Clan, oder das Gesetz und somit der SternenClan. Der Entschluss fiel fast sofort.
    ,, Viele von euch wissen bereits, dass wir ein Angebot von Silberstern erhalten haben.“, begann er und musterte stumm die Reihen der Katzen.
    ,, Der GrottenClan hat eine Lektion verdient! Das Blut zu vieler SturmClan-katzen klebt an ihren Pfoten! Wir werden diese Aasfresser nicht länger ungestraft davonkommen lassen!“. Zustimmendes Miauen und Fauchen erhob sich aus der Menge. Aus dem Augenwinkel sah Skarabäuskralle, wie Fuchsgeist sich schwach erhob und in seine Richtung tappte. Seine Schritte waren langsam, unsicher, als hätte er seit Monden nicht mehr auf seinen eigenen Pfoten gestanden. Der Bote erreichte den Baum und lehnte sich an den Baumstamm. Stille senkte sich über die Versammlung. Skarabäuskralle sprang zu Fuchsgeist herunter und setzte sich leise neben ihn- nur für den Fall, dass es dem Boten schlechter gehen sollte.
    ,, Skarabäuskralle hat recht“, knurrte Fuchsgeist und legte die Ohren an, um sie vor dem kalten Wind zu bewahren.
    ,, Bei ihrem letzten Angriff haben sie gegen das Gesetz der Krieger verstoßen- sie haben getötet. Ein Tod ist einer zu viel!“. Wieder brach der Clan in zustimmendem Kreischen aus, während Fuchsgeist sich abwandte und hustend zusammenkrümmte. Skarabäuskralle sah dunkle Tropfen auf den Schnee spritzen, sein Herz schien sich in Eis zu verwandeln. Mit einem Satz war er bei dem Boten.
    ,, Nein, nein.. nein..“, murmelte er und sah sich hektisch um.
    ,, Ist alles in Ordnung?“, hörte er die Stimme seines Schülers. Tod war lautlos an seine Seite getreten und blickte ihn zum ersten Mal seit Sonnenaufgängen direkt an. Die Müdigkeit stand ihm ins Gesicht geschrieben. Skarabäuskralle sah mit leeren Blick in den mit Wolken überzogenen Himmel. Das konnte nicht wahr sein, das durfte es einfach nicht.
    ,, Geh schlafen“, befahl er, sich selbst nicht bewusst, wie matt seine Stimme klang. Tod seufzte.
    ,, Die Verantwortung als Heiler trägst nicht du allein, Skarabäuskralle. Was ist los?“. Skarabäuskralle sah reglos auf die bereits im Schnee versickernden Bluttropen, die Fuchsgeist immer noch hustend auf den Boden spuckte. Zum letzten Mal hatte er das als Schüler bei seiner Mutter gesehen. Krausnase hatte alles getan, was in seiner Macht stand, hatte die undenkbarsten Kräutermischungen zubereitet. Aber es war alles sinnlos gewesen.
    , Ihre Lunge war wahrscheinlich so schlimm entzündet, dass sich die Haut darin einfach abgelöst und blutende Wunden geschaffen hat. Sie.. Sie ist praktisch in ihrem eigenen Blut ertrunken‘, hatte Krausnase bei ihrer Totenwache gemurmelt. Die Worte waren nicht für seinen Schüler bestimmt gewesen, es war einfach eine vage Vermutung der Todesursache, aber Skarabäuskralles junger Verstand hatte das Husten von Blut für immer in ein unabwendbares Todesurteil verwandelt. Nun hatte auch Tod das Blut bemerkt. Die Erschöpfung schien mit einem Mal von ihm zu weichen.
    ,, Fuchsgeist, ganz ruhig.“, miaute er in einem beruhigenden Ton und beugte sich zu dem Kater herab, sodass er auf Augenhöhe mit dem keuchenden Boten war. Fuchsgeist bemühte sich krampfhaft, zu Atem zu kommen, aber jedes Mal ergriff ihn ein erneuter Hustenanfall. Skarabäuskralle hörte nur mit einem Ohr zu.
    ,, Fuchsgeist! Fuchsgeist! Skarabäuskralle, was ist mit ihm?“. Der Heiler sah sich um. Noch immer unter Schock setzte er ein leicht besorgtes, aber zuversichtliches Lächeln auf und sah zu der herangeeilten Katze. Saphirjunges. Der junge Kater bremste eine Mauslänge vor Skarabäuskralles tauben Vorderpfoten und hob den Kopf.
    ,, Er wird doch wieder gesund werden, oder? Er wird ganz bestimmt wieder gesund!“. Skarabäuskralle behielt sein zuversichtliches Lächeln. Innerlich donnerte er seinen Kopf gegen die Wand seines Baus und schrie vor Schmerz und Verzweiflung.
    ,, Skarabäuskralle?“. Saphirjunges sah ihn mit großen Augen voller Besorgnis und Hoffnung an. Der Heiler fasste sich nicht gleich.
    ,, Ja.. ja, Saphirjunges. Er wird wieder gesund werden.“. Er hasste es zu lügen.. Aber Saphirjunges war einfach zu jung für die Härte der Realität.
    ,, Saphirjunges? Wo bist du hin? Komm her, sonst erkältest du dich noch!“, rief Elsternfeder gereizt aus der Kinderstube. Saphirjunges bedachte Skarabäuskralle mit einem langen, durchdringenden Blick, ehe er sich umdrehte und in der Kinderstube verschwand. Aus allen Bauten drangen laute Stimmen- die Katzen malten sich die Schlacht gegen den GrottenClan aus. Nur im Heilerbau herrschte Totenstille- die erschöpften Katzen darin waren in einen unruhigen Schlaf verfallen. Tod sah ihn an, und in seinem Blick war etwas, dass Skarabäuskralle klarmachte: es hatte keinen Sinn, ihn anzulügen.,, Bring ihn in den Heilerbau“, ordnete er an. Sein Schüler widersetzte sich nicht. Behutsam stützte er Fuchsgeist zum Eingang des Baus und drehte sich noch einmal zu seinem Mentor um.
    , Ich komme klar‘, verstand Skarabäuskralle und senkte kurz den Kopf. Er brauchte wirklich etwas Zeit, um alles, was in letzter Zeit vorgefallen war zu verdauen.
    In einer unberechenbaren Welt leben wir.. schoss es ihm durch den Kopf. Vor langer Zeit, als ich ein Schüler war; hätte ich da je wissen können, dass ich irgendwann gegen den Glauben stellen werde, nach dem ich von Geburt an gelebt habe?

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