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Sieben Worte - Affenzorn

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1 Kapitel - 2.357 Wörter - Erstellt von: Mississippi - Aktualisiert am: 2018-01-09 - Entwickelt am: - 54 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

JANUAR

http://www.testedich.de/quiz44/quiz/1475077173/Sieben-Worte-fuer-ein-Wunder-Ein-Schreibwettbewerb

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    Ich sog tief die schwere, süßliche Luft ein und stemmte mich mit aller Kraft nach oben. Unter meinen soliden Schuhen rollten kleine Kiesel fort und
    Ich sog tief die schwere, süßliche Luft ein und stemmte mich mit aller Kraft nach oben. Unter meinen soliden Schuhen rollten kleine Kiesel fort und stets rutschte ich wieder nach unten, sobald ich auch nur ein wenig an Höhe gewonnen zu haben glaubte. „Michaela!“, rief Magnus von oben. „Gleich hast du es! Ja! Ein kleines ...“ Ich spürte, wie er mich an den Klettergurten packte und kräftig nach oben zog. Etwas schwerfällig landete ich auf den Knien und stierte gereizt zu ihm hoch. „Das wollte ich allein schaffen.“ Ich setzte mich auf und sah über die Schulter zurück, den Felsvorsprung hinunter. Das war schon ein gutes Stück über dem Erdboden, wenn auch noch längst nicht über den Wipfeln der uralten Bäume. „Ja ja, jetzt sieh dir das doch mal an!“ Magnus brannte vor Aufregung, das konnte ich spüren. Er hatte sich der Höhle zugewandt, die Hände auf die Knie gestützt, und starrte fasziniert in die kühle, schwarze Finsternis. „Ich hab dir gesagt, dass es eine ist. Und wir sind garantiert die ersten. Garantiert. Siehst du die Spinnenweben?“ Ich vermied es ihm zu sagen, dass Spinnen ihre Netze innerhalb von Stunden weben können. Stattdessen nickte ich, stand auf und wischte mir spitze Steinsplitter von der Hose. „Also schön, du hattest Recht. Willst du denn nicht wenigstens die Armbrust hier lassen?“ Ich deutete auf das große, unförmige Ding, dass er seit unserer Ankunft stets über der Schulter trug, obwohl ich insgeheim infrage stellte, dass er es je benutzen würde. „Es ist eine Armbrustpistole. Und Nein, ich werde sie nicht hier lassen. Der Urwald ist voller Gefahren.“ Gegen Giftschlangen oder Skorpione würde die ihm wohl kaum etwas nutzen. Ich verdrehte nur die Augen. Das mit der Besserwisserei hatte ich schon lange aufgegeben. „Armbrustpistole … Auch gut. Dann geh jetzt vor, du hast die bessere Taschenlampe.“ Er nickte etwas zögerlich und tauchte den Höhleneingang wenig später in blendend kaltes, weißes Licht. Da war nur nackter, kahler Stein. Ich hörte ihn tief einatmen, bevor er sich langsam in Bewegung setzte. Ich hielt mich still hinter ihm und achtete auf den Boden. Der spröde Fels löste sich an einigen Stellen gefährlich, wenn man falsch auftrat und das Moos und die Pilze die hier wuchsen, kündeten von Feuchtigkeit. Als ich die schartige Höhlenwand allerdings berührte, war sie Staubtrocken. Mit großen Schritten zogen wir weiter. Die Decke fiel etwas ab, der Weg wurde zusehend schmaler und wenn ich mich umkehrte, konnte ich hinter uns bald nur noch Dunkelheit erkennen. „Hier ist eine Kreuzung.“, flüsterte Magnus vor mir. Die Höhle schluckte seine Stimme seltsam und warf kein Echo zurück. Bis auf uns war es hier totenstill. „Wir trennen uns, dann sind die Chancen größer, dass wir etwas finden.“ Jetzt merkte ich auf. „Spinnst du? Wir trennen uns ganz sicher nicht. Auf unerforschten Gelände bewegt man sich niemals allein. Hörst du Magnus, Niemals!“ Ich spürte seine Hand beschwichtigend an meinem Arm. „Ist ja gut. Sieh mal, dass hier ist nur eine kleine Höhle. Da kann gar nichts passieren.“ Ich lächelte bitter. Ich weiß nicht, was plötzlich in mir vorging, aber ich hielt es keine Sekunde länger an seiner Seite aus. Sein geheuchelter Mut machte ihn so unvorsichtig. Dabei war er ein Feigling. Das wusste ich ganz genau. Ich erinnerte mich, wie er die Perforation der Theaterkarten damals noch einmal sorgfältig mit der Schere nachgeschnitten hatte, weil er befürchtete, dass sie sich sonst schneller abnutzen und ungültig werden würden. Niemand sonst würde so etwas tun. Nur Magnus. Der Übervorsichtige und Übermütige Magnus. Der Magnus, der nun bereit war sich in jede Gefahr zu stürzen, nur um einmal etwas erlebt zu haben. „Also gut.“, zischte ich. „Nun wirst du sehen, was du davon hast.“ Die Höhle schluckte den Ton meiner Stimme und ließ mein Worte noch widerlicher klingen, beinahe infam. Aber jetzt konnte ich keinen Rückzieher machen. Ich knipste meine Taschenlampe an und folgte dem Gang nach links. Ich konnte spüren, wie er mir hinterher sah. „Ruf, wenn du etwas findest, ja?“ Er klang schon leise, als wäre er Meter entfernt. „Jaja.“, grummelte ich. Hier gab es doch nichts. Nur alten, morschen Stein. Eine ganze Weile ging ich geradeaus, ohne dass sich etwas veränderte. Mein Atem kam mir viel zu laut vor in der Stille. Dann bemerkte ich, wie es heller wurde. Ich schaltete die Lampe ab und tatsächlich … da lag goldenes Tageslicht auf dem Stein. Ein Ausgang. Erleichtert ging ich etwas schneller. Höhlen hatte ich noch nie gemocht. Zu eng, zu düster, zu … Ich blieb stehen. Das Bild, das sich mir bot war von einer nahezu absurden Schönheit und Grausamkeit. Denn das Sonnenlicht rührte nicht von einem Ausgang her, sondern von einem riesigen, perfekt rechteckigen Loch in der Decke, durch das Moos und Farne herein hingen. Ich konnte den Urwald hören, das Kreischen der Affen, die wilden, fremdartigen Vögel… All das schien so nah, doch das Loch lag viel zu hoch, als dass man es jemals erreichen könnte. Es stank nach schimmelnder Erde und faulen Eiern, es war schier unerträglich. Und die Quelle dieses Gestanks lag direkt vor mir. Von den Farnen und Moosflechten oben tropfte es stetig in ein Becken, dass sich vor mir im Boden befand und von dem klar definierbar der beißende Geruch ausging. Es hatte exakt die gleichen Maße wie die Öffnung in der Decke, jedenfalls soweit ich das einschätzen konnte, und die Kanten im Stein waren so glatt und gerade, dass sie unmöglich natürlichen Ursprungs sein konnten. Kurz erinnerte es mich an ein Peristyl, wie wir es in Griechenland gesehen hatten. Feine Säulen, schlicht und edel, die stille Abgelegenheit des Gynaikonitis , die mir so Zugesagt hatte… Ja, das war ein reiches Erleben gewesen, aber dieshier war anders. Hier war nichts still und edel. Als ich zögerlich näher an das Becken trat, konnte ich eine dicke, modrig braune Flüssigkeit darin erkennen, die an einigen Stellen mit grünlichem Schimmelpilz überzogen war. Ein toter Pavian schwamm in der Masse, überzogen mit Schlamm und Moder. Sein Maul war im Tode weit aufgerissen, sodass man die spitzen Zähne sehen konnte. Ein Schauern überfuhr mich. Wie hatte das Tier so schnell sterben können, scheinbar mitten in der Bewegung? So ekelerregend und furchteinflößend dieser Anblick auch war, er minderte die schreckliche Schönheit des Ganzem nicht. Die Höhlenwände hatten sich hier weit zurückgezogen und jemand hatte sie mit wilden Verzierungen übersät. Da waren die Fratzen wütender Affen in den Stein geschlagen, die Augen aus glänzenden, schwarzen Edelsteinen. Sie tanzten an der Wand entlang, rund herum um das stinkende Becken, hielten einander gepackt an Schwänzen und Tatzen oder verbissen sich in ihnen. Es waren ihre zornigen Blicke, die mich zu verfolgen schienen, die mir direkt ins Herz starrten. Das Singen des Urwaldes kam mir plötzlich abweisend vor, hasserfüllt. Und unleugbar ästhetisch. Ich stolperte zurück, als hätte mich jemand gestoßen und hastete zurück in den Gang. „MAGNUS!“, brüllte ich. „ICH HABE ETWAS!“ Die Höhle schluckte meine Worte mit derselben, grässlichen Stille, wie eh und je. Erst jetzt fiel mir auf, wie kalt die Luft hier war, im Vergleich zu der schweren Hitze, die draußen herrschte. Ich rannte etwas schneller, der Lichtpunkt meiner Lampe tanzte vor mir her. Etwas später erreichte ich die Gabelung und ohne zu zögern bog ich in den rechten Gang ab. „Magnus?“, rief ich wieder. Schweigen antwortete mir. Ich kam nicht weit. Mächtige Gesteinsbrocken versperrten den Gang, der immer schmaler und niedriger geworden war. Staub rieselte noch von der Decke. Ich brauchte eine knappe Minute, um endlich zu begreifen, was das bedeutete. Aber das konnte doch nicht sein! Ich hätte es hören müssen. Verdammt, wenn die Decke einbricht, dann hört man das! Aber ich hatte nichts gehört. Panik überfiel mich. „MAGNUS!“ Ich kreischte nun so laut, dass es in meinen eigenen Ohren schmerzte und zerrte wie besessen an den Steinen herum, holte mir Kratzer an scharfen Kanten und brachte doch nur den ein oder anderen Brocken zum rollen. So würde das nie etwas bringen. Ich nahm mir vor einmal im Leben vernünftig zu sein, umzukehren und Hilfe zu holen. Dann würden sie diesen Gang frei sprengen und Magnus befreien. Denn er war noch am Leben. Er musste einfach noch am Leben sein. Irgendwo hinter dieser Blockade auf der anderen Seite. Wahrscheinlich gab es dort sogar einen Ausgang. Ich atmete tief durch. Dann sah ich sie, die Pfeilspitze. Magnus heilige Pfeilspitze. Vorsichtig zog ich sie zwischen dem Geröll hervor. Das Lederband hatte sich gelöst und hing in zwei Strähnen leblos nach unten. Ich wusste, wie stolz Magnus auf diesen Fund gewesen war. Wir hatten drei von dieser Sorte in Tunesien entdeckt. Zwei davon lagen inzwischen im Nationalmuseum von Bardo in Tunis, die dritte hatte er von Anfang an Geheim gehalten. Sie war uralt und sie zu behalten war das illegalste, was er je in seinem Leben getan hatte. Nie hätte er sie zurückgelassen, nicht einmal in allergrößter Gefahr. Tränen rannen mir über das Gesicht und ich starrte auf den schmalen Spalt zwischen den Steinen, aus der ich die Spitze gezogen hatte. Vorsichtig streckte ich die Hand aus, tastete blind weiter. Gerade, als der Platz zu eng wurde und ich mich zurückziehen wollte, spürte ich ihn an den Fingerspitzen. Seine warme, nachgiebige Haut, ein spitzer, zersplitterter Knochen, der sich nach außen gebohrt hatte… Als ich die Hand mit einem Ruck zurück zog, klebte das Blut an ihnen. Magnus war tot. Ein verwirrtes Schluchzen stieg aus meiner Kehle auf, die Fassungslosigkeit kochte eisig kalt durch meine Adern. Magnus war … „Was machst du denn da? Heulst du etwa?“ Ich wirbelte herum. Und das stand er. Über seiner Schulter hing diese lächerliche Armbrustpistole und seine Stimme hallte ein wenig. Doch das störte mich nicht im geringsten. Ich sprang auf und stürmte ihm entgegen, schmiss mich in seine Arme. „Ich … Ich dachte, du wärst unter den Steinen ...“ Er legte die Arme um mich und sein vertrauter Geruch umfing mich. „Aber, Michaela… Ich bin doch in den anderen Gang gegangen. Und ich habe etwas entdeckt, du wirst es nicht glauben. Es sieht ganz nach einem … Affentempel aus.“ Ich hielt Inne. „Einem … Meinst du so ein Steinbecken in einem Raum mit tanzenden Affen an den Wänden?“ Verdutzt sah er mich an. „Ja, genau. Es hat ganz übel gestunken. Aber woher weißt du das?“ Ich schüttelte ungläubig den Kopf. Der Schock saß mir noch immer in den Gliedern. „Ich habe es gesehen. Aber dich nicht. Vielleicht … sind wir aneinander vorbei gelaufen?“ Das war unmöglich. In diesem Gang hätten wir nicht einmal nebeneinander stehen können. Eine Gänsehaut überfuhr mich und die zornigen Augen kamen mir wieder in den Sinn. Das Blut, das immer noch an meinen Händen klebte. Etwas war hier. „Magnus… Lass uns gehen, ja?“ Ich packte seine Hand und zog ihn mit mir. Fort von den Steinen, zurück zu dieser unheilvollen Kreuzung. „Jetzt warte doch mal.“ Er hielt mich fest und lächelte warm, als könnte er damit die Kälte dieser Höhle neutralisieren. „Lass uns das noch einmal gemeinsam ansehen. Bitte. Bevor die Öffentlichkeit davon erfährt.“ Ich seufzte schwer. „Nur ganz kurz. Ich fühle mich nicht wohl hier. Etwas stimmt nicht...“ Er küsste meine Stirn und hauchte ein „Ich liebe dich“ in mein Ohr, dann ging er voran, in den Gang, aus dem ich ursprünglich gekommen war. Ich folgte ihm so schnell ich konnte, aber bald verlor ich ihn aus den Augen und auch das Licht meiner Taschenlampe konnte ihn nicht mehr erfassen. „Jetzt warte doch ein bisschen!“, schnaufte ich. Als mir ein warmer, bitterer Lufthauch entgegen schlug, wusste ich, dass es nicht mehr weit war. Und tatsächlich, kurz darauf erreichte ich das seltsame Becken und die tobenden Affen wieder. Aber Magnus war nicht da. Wütend drehte ich mich einmal um mich selbst, hielt nach ihm Ausschau. „Das ist nicht lustig.“, fauchte ich. „Du weißt, dass ich das hier gruselig finde. Lass das!“ Aber er tauchte nicht auf und es gab ohnehin keinen Ort, an dem er sich hätte verstecken können. Der Raum war eine Sackgasse. Also war er entweder durch das Loch in der Decke hinaus geflogen oder … Ich fand ihn im Becken. Und es sah nicht so aus, als wäre er versehentlich hinein gefallen. Es sah so aus, als würde er schon seit Jahrzehnten dort treiben, mumifiziert von dieser grässlichen Flüssigkeit. Die Armbrustpistole ragte vermodert und verwittert aus dem Schlamm, der Gurt hing über der schwarz verfaulter Haut. Von oben drangen die Schreie der Affen an mein Ohr, sie tanzten an den Wänden, sie lachten mich aus. Ich drehte mich um und rannte. Ich habe nie aufgehört zu rennen, bis heute nicht. Ich bin an die entlegensten Orte dieser Welt gezogen, ich habe mich in der Wüste versteckt und in den Bergen. Aber die Schreie der Affen, sie hallen immer noch. Das Echo der Höhle tobt in meinem Inneren und es wird mich nie wieder los lassen.

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Sieben Worte - Affenzorn
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