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Paranormal

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2 Kapitel - 6.721 Wörter - Erstellt von: XMarie Potter - Aktualisiert am: 2018-01-01 - Entwickelt am: - 86 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Ich war nur ein Mädchen. Nur ein Mensch. Bis zu meinem achtzehnten Geburtstag, an dem sich mein Leben abrupt wendete. Nun musste ich Angst haben und war jeden Morgen glücklich, wenn ich noch lebendiges Fleisch und Blut war.

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    ((bold))((maroon))Prolog((ebold))((emaroon)) Es war nichts hier was mich auch nur annäherungsweise an die Realität erinnerte. Wo ich auch um mich bl
    Prolog
    Es war nichts hier was mich auch nur annäherungsweise an die Realität erinnerte. Wo ich auch um mich blickte, sah ich nur erstickende Finsternis, die mich von allen Seite zu erdrücken drohte und so unendlich wirkte, dass ich nirgends die Linie des Horizonts ausmachen konnte. Innerlich wusste ich, dass dies nur ein Traum sein konnte. Und ich fühlte es.
    Aber das linderte meine Aufregung keineswegs. Mein Herz schien schon in unregelmäßigen Abständen zu hämmern und dieser Albtraum schnürte mir die Kehle zu. Ich wusste keinen Ausweg, um aus dieser finsteren Hölle zu entkommen.
    Ich blickte auf meine Füße. Der Boden war mit einem Knebelschleier überzogen, der an meinen Fußknöcheln schwebte und diesem Albtraum ein gewisses Etwas verlieh. Also schloss ich die Augen und versuchte mich so fest auf das Aufwachen zu konzentrieren, dass es funktionieren musste.
    Doch es klappte nicht. Als ich erneut meine tränenden Augen aufschlug, erwartete mich wieder die Finsternis wie einen alten Freund. Ob diese Welt wirklich unendlich wäre? Nichts ist unendlich, dem war ich mir sicher. Aber das hier war ja schließlich keine reale Welt. Jetzt spürte ich wie sich meine Brust in Bewegung setzte. Ich fing an vor Panik zu keuchen und mein Magen schien zu rebellieren. Ich war verloren in dieser Finsternis, die niemand zuordnen konnte. Das einzige, was ich ausmachen konnte, war der gepflasterte Boden unter mir auf dem ich bewegte.
    Dann, ohne jegliche Vorwarnung fing ich an zu rennen. Ich könnte mir denken, noch nie so schnell gerannt zu sein. Ich wollte aufwachen und mich wieder in meinem Zimmer wiederfinden, in meinem Bett und wissen, dass das hier nur ein Traum war. In der erdrückenden Stille, die sich über der Fläche spannte hörte ich meine schnellen Schritte und mein unregelmäßigen Keuchen. Ein Stechen machte sich in meiner Seite breit, doch ich ignorierte es. Ich wollte das Ende dieser Dunkelheit erreichen und aufwachen. Ich ließ das Dunkel vor mir nicht aus den Augen und hoffte mit aller Kraft, irgendwo ein Licht zu sehen.
    Plötzlich erkannte ich eine schwache Silhouette. Mein Hecheln wurde schneller und ich linderte mein Tempo. Es war die Silhouette einer kleinen Drehorgel, die mitten in diesem Niemandsland auf dem Fußboden stand und die regelmäßige Welt durchtrennte. Sie schien nicht hierhin zu passen.
    Ich blieb stehen und betrachtete das Stück. Das lackierte Holz war mit aufwändigen Mustern verziert und neben der Orgel lag ein Klangblatt mit kleinen Eingravierungen, die nur schwach zu erkennen waren. Ohne lange zu überlegen, bückte ich mich und umschloss das Klangblatt mit meinen kalten Fingern. Sie zitterten auf dem zarten Papier. Es tat unbeschreiblich gut, etwas in der Hand zu halten. Nicht komplett wehrlos in einer unbekannten Welt zu stehen.
    Mit der anderen Hand hängte ich mir die Drehorgel um die Schulter und führte das Klangblatt hinein. Das Knistern jagte mir einen eiskalten Schauder über den Rücken. Ich hatte keinerlei Kontrolle mehr über das was ich tat. Ich tat es einfach, ohne darüber nachzudenken. Ich wollte diese grässliche Stille durchbrechen, vielleicht würde ich dadurch aufwachen. Meine zitternde Hand umklammerte den Griff und ich fing an zu drehen.
    Zuerst vernahm ich nur das unangenehme Quietschen der alten Maschine, doch dann Ernte ein Klingen. Am Anfang in langen Abständen, dann immer regelmäßiger und all diese Klänge bildeten eine Melodie. Gänsehaut bildete sich auf meiner Haut. Die Melodie war eher ein Klimpern, das ich wohl nicht so gerne alleine in der Dunkelheit hören würde. So dringend ich auch aufhören wollte, meine Hand dreht immer weiter an der Kurbel und wurde dabei immer schneller. So wurde die Melodie auch immer schneller und ich spürte wie Tränen in meine Augen teigen. Mein Herz trommelte, meine Knie wurden weich und mein Magen drehte sich um sich selbst. Alle Gedanken kreisten in meinem Kopf umher. Hör auf, dachte ich so angestrengt wie möglich, doch nichts geschah. Ich spürte wie sich meine Hand schmerzhaft um den Griff verkrampfte, doch sie drehte immer weiter. Als würde jemand anderes mich steuern.
    Plötzlich erblickte ich Umrisse in der Dunkelheit. Diesmal konnte ich die Finger eines Mannes ausmachen. Kombiniert mit dieser Musik, die immer schneller wurde, jagte sie mir eine schreckliche Angst ein, die ich am liebsten mit allen Mitteln gestoppt hätte, wäre es mir möglich gewesen. Die Gestalt kam näher. Erst, als ich die Augen zukniff, um ihn besser zu erkennen, sah ich, dass die Gestalt langsam und unsicher zu der Melodie, die ich abspielte, torkelte. Es erinnerte mich sehr an den Tanz eines Betrunkenen, der nicht mehr ganz fest auf den Beinen stand. Die Gestalt schaukelte und bewegte die Arme im Rhythmus der Musik, wankte mit dem Kopf. Mit jedem Schritt, den der typ machte, schlug mein herz schneller, bis ich glaubte, es könnte jeden Moment nachgeben. Doch die Gestalt umrundete mich in ihrem seltsamen Tanz, ohne mich aus den Augen zu lassen. Ich hätte niemals gedacht, dass ich einmal behaupten würde, das wäre schlimmer als die Dunkelheit allein.
    Panik stieg in mir auf und betäubte alle meine Sinne. Ich wollte die Augen schließen, doch es ging einfach nicht.
    Mit jeder Runde, die der Typ um mich drehte, kam er näher und blickte mich mit seinem leeren Blick an. Als er nah genug war, konnte ich sein Aussehen ausmachen. Es verschlug mir den Atem und ich hatte das Gefühl, meine Beine würden das Gewicht meines Körpers nicht mehr halten können. Kurzes, schütteres Haar wuchs auf seinem Kopf, er war kaum größer als ich, kleine schwarze hervorquellende runde Augen saßen in seiner blassen faltigen Haut, seine Nase war klein und unauffällig und er war in Anzug gekleidet. Doch nicht das allein, ließ mich fast zusammensacken, es war etwas anderes, das alles in mir in Panik versetzte. Sein Mund.
    Der riesige Mund war zu einem Grinsen aufgerissen, die fahlen, gräulichen Lippen umrahmten die großen Zähne, die sich zusammenschlossen und seine zusammengepressten Zahnreihen präsentierten. Dieses Grinsen schien nur mir zu gelten. Aber es war falsch. Diese leeren Augen blickten überall hin und das Lächeln schien ihn nur noch unheimlicher zu machen. Und sein Tanz war mehr als nur unheimlich.
    Plötzlich spürte ich einen Ruck in meiner Wirbelsäule. Ich taumelte nach hinten und auf einmal verklang die Musik. Ich spürte jeden einzelnen Finger wieder, ich konnte wieder blinzeln und auch schreien. Es löste in mir eine gewisse Art Erleichterung aus, denn ich hatte aufgehört, das Klangblatt, das schon fast ganz abgespielt worden war, abzuspielen. Doch dann sah ich, dass der Typ auch seinen Tanz beendet hatte und nun geradewegs auf mich zu geschwankt kam. Mein Herz schien auszusetzen und ich glaubte einen erschreckenden Moment mit achtzehn Jahren an einem Herzinfarkt sterben zu müssen.
    Reflexartig fing ich wieder an an der Orgel zu drehen und sobald die Musik wieder erklang, blieb der Grinse-Mann stehen und fuhr mit seinem jämmerlichen Tanz fort. Mein Kopf schien sich wieder einigermaßen beruhigt zu haben und ich versuchte klar zu atmen. Er kommt nur näher an dich heran, wenn die Musik aus ist, dachte ich verzweifelt und versuchte mich damit zu beruhigen, doch dann ertönte ein schiefer Ton und die Musik verlangsamte sich, auch wenn ich schneller drehte. Ich warf einen panischen Blick auf die Drehorgel. Ich hatte das Klangblatt abgespielt. Es schälte sich langsam von der Maschine ab und mit eisernem Blick sah ich zu, wie es langsam zu Boden fiel. Alles war wieder totenstill, die letzte Note war verklungen.
    Ich wollte meinen Blick nicht heben. Ich wollte einfach nur aus diesem Albtraum aufwachen. Schließlich nahm ich mir die Drehorgel von den Schultern und stellte sie vor mir mit einem dumpfen Schlag ab. Dann schluckte ich den bloß in meinem Hals hinunter und hob den Blick. Ich spürte mein herz längst nicht mehr schlagen, solch ein Tempo hatte es erreicht.
    Die grinsende Gestalt stand nur noch wenige Meter von mir entfernt. Ich wusste, dass sie jetzt kommen würde. Ich wusste, dass nur die Musik sie davon abgehalten hatte, zu mir zu kommen, weil er von seinem Tanz abgelenkt worden war.
    Der Mann legte den Kopf schief in den Nacken und grinste mich an. Am liebsten wäre ich zusammengebrochen und hätte mich im Boden vergraben, nur um nicht mehr in dieses falsche Lächeln zu blicken. Ich hielt die Luft an und hoffte, dadurch aufzuwachen.
    Die Gestalt machte einen torkelnden Schritt vorwärts auf mich zu, wobei der Kopf von einer Seite zur anderen schaukelte. Mein Magen rutschte mir in die Hose und ich fühlte, wie mein Hals ganz trocken wurde.
    Nun war sie nur noch wenige Zentimeter von mir entfernt und ich konnte mich nicht rühren. Dann hielt die Gestalt inne. Ich konnte jede einzelne Falte in seinem Gesicht ausmachen, die sich in seine Haut grub und ich konnte die feinen Adern erkennen, die sich durch die kleinen Rabenaugen schlängelten.
    Ich schloss die Augen und hoffte, dass ich irgendwie aufwachen würde, obwohl alles in mir wusste, dass das nicht der Fall sein würde. Ich kniff mich in den Arm, doch nichts geschah. Wieso auch? Ich konnte erst wieder aufwachen, wenn ich das hier überstanden hatte.
    Langsam öffnete ich wieder meine Augen und versuchte regelmäßige zu atmen, jedoch vergeblich. Aber es hatte sich etwas geändert. Ich war nicht mehr alleine mit dieser Figur.
    Um uns herum standen genau zwölf andere Personen, alle Menschen, die einigermaßen normal aussahen. Alle hatten ih Gesicht im Schatten einer Kapuze versteckt und blickten zu Boden. Nur eine Person stand etwas anders dort. Nicht wie alle anderen, blickte er mir furchtlos in die Augen. In dem Kreis, die die zwölf Leute um den Typen und mich gebildet hatten, stand er hinter dem Grinse-Mann. Mein Herz machte einen kleinen Hüpfer, als ich seine Augen erkannte. Ein seltsam gemischtes Himmelblau, das nicht in diesen Traum passte. Es war viel zu sonderbar um in diesen Albtraum zu passen. Seine Haut schien von hier hinten fahl und fast aschgrau. Sein Gesicht war makellos und hatte weiche Züge, nur eine Stupsnase erhob sich aus dem sanften Schatten seiner Wangen. Seine Haare hatten eine undefinierbare Stellung. Sie standen ihm zu allen Seiten vom Kopf ab, nur ein Pony bedeckte sein linkes Auge. Es war eine gewagte Frisur, aber ich musste zugeben, dass sie ihm stand. Seine Augen sahen aus, als hätte man alle Brauntöne in einen Topf geworfen und zu dieser unbeschreiblichen Frisur gemischt. Sie waren schwarz umrandet und wahrscheinlich geschminkt. Wäre ich nicht in diesem Traum, hätte ich seine Einstellung wahrscheinlich lustig gefunden.
    Irgendwie passte der Typ insgesamt nicht in diesen Traum, aber ich konnte nicht erklären wieso ich so dachte. Er war viel zu perfekt, um in diese finstere Welt zu fassen.
    Ich wusste, dass ich nicht aufwachen würde, ehe diese seltsame Gestalt gehandelt hatte. Mein Herz überschlug sich fast und ich hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Alles in mir schrie, doch es fand keine Mittel und Wege, um dies auszustoßen, sodass die ganze Angst sich an einem Punkt sammelte und ich Todesangst hatte.
    Mit großen Augen, die schon schmerzten, starrte ich die Gestalt an, obwohl ich am liebsten meine Augen geschlossen hätte. Plötzlich riss die Gestalt in Zeitlupentempo ihr gigantisches Maul auf und entblößte unzählige Reihen an spitzen, weißen Zähnen, die sich zu einer blutroten Kehle kämpften. Ich konnte schon in den Magen des Typen sehen. Es ist nur ein Traum!
    Da löste ich mich aus meiner Sperre, ich spürte meine Beine wieder, konnte wieder sprechen und mich bewegen. Ein langer Schrei, der sich in mir aufgestaut hatte, verließ meine Kehle, doch es war längst zu spät. Ich spürte die spitzen Zähne in meinem Nacken und verlor den Atem, als ich die Speiseröhre hinunterglitt und schließlich mit schmerzenden Gliedern aufkam.

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    ((bold))((maroon))1.Kapitel((ebold))((emaroon)) Schweißgebadet fand ich mich in meinem Bett wieder, mein Herz trommelte in meiner Brust und meine Kni

    1.Kapitel

    Schweißgebadet fand ich mich in meinem Bett wieder, mein Herz trommelte in meiner Brust und meine Knie waren weich. Alles in mir schrie auf. Meine Muskeln verkrampften ich schmerzhaft. Die Finsternis meines Zimmers verschlang mich und für einige Sekunden dachte ich, noch immer in dieser unendlichen Dunkelheit gefangen zu sein, doch da fiel mir der kleine graue Lichtstrahl auf, der zwischen den Vorhängen des Fensters hervorkroch und den kalten Fliesenboden meines Zimmers erhellte. Mit zitternden Händen überwand ich meine Angst und schwang die Beine über die Bettkante. Ich zuckte bei der Kälte zusammen, als meine nackten Füße die kalten Fliesen berührten, doch ich zwang mich aufzustehen und den Vorhang aufzuziehen.
    Meine Augen verabscheuten das grelle Licht, das der helle, graue Himmel in mein Zimmer warf. Ich blinzelte, bis sich meine Augen an die wohlige Helligkeit gewöhnt hatten. Es tat einigermaßen gut, zu sehen, was sich um mich herum befand. Ich warf einen Blick auf den Wecker, der mich nicht wie sonst geweckt hatte. Bei dem Gedanken, wieder einzuschlafen und wieder bei all den Gestalten aufzuwachen, zuckte ich ängstlich zusammen.
    Mit schweren Schritten schleppte ich mich durch mein Zimmer und lauschte, ob schon jemand im Haus wach war. Wieso sollte jemand am ersten Ferientag schon um halb sechs aufstehen? Ich schüttelte den Kopf und bei einem Blick auf den Kalender, der im Flur an der cremefarbenen Wand hing, wurde mir bewusst, dass heute mein Geburtstag war. Ich war über die Nach achtzehn geworden. Das jagte ein Lächeln über meine Lippen, bevor ich ins Bad schlenderte um mich zu waschen. Beim Vorbeigehen warf ich einen Blick auf den Wandspiegel. Mein Herz machte einen Aussetzer. ich hatte das Gefühl, mein Magen würde Saltos schlagen. Was hatte ich da im Gesicht? Mit meinem Zeigefinger fuhr ich über die gerötete Stelle an meiner Wange. Bei meiner blassen Haut fiel die Röte ziemlich auf. Ich beugte mich nach vorne über das Waschbecken, um besser in den Spiegel sehen zu können. Aber der rötliche Fleck alleine, war nicht das, was mich schockierte. Ein seltsames pechschwarzes Zeichen aus feinen, geraden Linien hatte sich mitten in diesem Fleck in meine Haut gegraben. Es war ein seltsames Zeichen, das ich noch nie zuvor gesehen hatte.
    Wie konnte das möglich sein? Gestern hatte ich das doch nicht? Es war schwer zu denken, wie solche unnatürlich geraden Linien von einem Tag auf den anderen entstehen konnten. War das überhaupt möglich? Es war nicht größer als ein Fingernagel, aber es fiel trotzdem in meinem blassen, gleichmäßigen, weichen Gesicht auf. Hätte ich jemand anderes damit herumlaufen gesehen, hätte ich vermutlich geglaubt, es wäre ein Tattoo. Aber ich konnte mich nicht daran erinnern, mir jemals über Nacht ein Tattoo stechen zu lassen. Und schon gar nicht mitten im Gesicht.
    Als ich das Bad verließ, nach jeglichen erfolglosen Versuchen, diesen hässlichen Fleck zu verdecken, machte ich mich auf den Weg zur Küche, wo mittlerweile hoffentlich meine Mutter warten würde.
    ,, Ich muss aber in fünf Minuten im Café sein. Es tut mir leid, aber ich muss heute dann doch noch eine Schicht einlegen. Du weißt, wie es freitags immer ist. Aber was-“, hastete meine Mutter, während sie ihre Schlüssel in den Schubladen der Kommode suchte. Dann drehte sie sich zu mir um und blieb mit offenem Mund stehen.,, Was hast du denn im Gesicht?“ Ich zuckte leicht genervt mit den Schultern. Es war nicht das erste Mal, dass sie meinen Geburtstag Schichten arbeiten musste. Jedes Jahr versprach sie mir, sie würde sich für meinen Geburtstag freinehmen, aber dann musste sie doch arbeiten.
    Sie hatte zwei Arbeiten, einmal als Kellnerin in einem Café am anderen Ende der Stadt und als Zimmermädchen in einem Hotel. Sie versuchte sie uns über Wasser zu halten, seit mein Bruder ausgezogen war und sich von uns abgespaltet hatte. Nun hatte sie sichtlich Angst, ich würde sie auch verlassen, wenn ich volljährig war, doch das kam mir keineswegs in den Sinn.
    ,, Wahrscheinlich hast du falsch geschlafen. Morgen ist es bestimmt weg“, versicherte sie mir, doch ich wusste, dass sie das nur sagte, um endlich loszukönnen. Zeit war Geld, das war das Motto meiner Mutter, nach dem sie lebte.,, Aber vor halb acht komme ich wahrscheinlich nicht mehr heim. Was hast du denn? Schlecht geträumt?“, fragte sie besorgt und legte sich ihren Mantel um die Schultern. Ich nickte knapp und stützte den Kopf auf den Küchentisch.,, Weißt du was ich immer gemacht habe, wenn ich einen Albtraum hatte“, sie legte mir eine Hand auf die Schulter und ich blickte auf.,, Du musst all diese gruseligen Erlebnisse aufzeichnen. Male ein Bild. Und danach geht es viel besser, das versichere ich dir.“ Ich rollte die Augen, als sie sich abwandte. Es stimmte, dass mir dieser Traum zu schaffen gemacht hatte. Ich hatte lange keinen so furchterregenden Traum wie diesen gehabt, aber ich war mir sicher, dass das in ein paar Tagen verflogen sein würde.
    Schlussendlich saß ich an meinem Schreibtisch und stocherte mit einem Bleichstift in meinen Wasserfarben herum. Versuchen konnte ich es ja. Was hatte mir denn solche Angst bereitet? Mit dem Bleistift zeichnete ich die Umrisse des grinsenden Mannes vor mir, der eine Hand nach mir ausstreckte. Zeichnen war schon immer meine Stärke gewesen und es machte mir auch wirklich Spaß, aber in letzter Zeit hatte ich keine Zeit hierfür gefunden. Als ich mit der Gestalt fertig war, versuchte ich mich an den zwölf Figuren im Kreis . Ich konnte mich nicht mehr an die genauen Gesichter der Personen erinnern, deshalb bedeckte ich sie mit den Schatten ihrer Kapuzen. Bloß der geschminkte Junge hatte sich in meinen Kopf eingeschweißt. Er war so sonderbar, dass ich mir nicht vorstellen konnte, ihn in ganz London herumlaufen zu sehen. Ich betonte seine Augen, in deren Vielfalt der Farben ich mich verloren hatte. Auch die sonderbare Frisur versuchte ich mit einer möglichst passenden Frisur auszufüllen. Schließlich stellte ich die Drehorgel auf den unsichtbaren Boden meines Bildes und steckte den Pinsel zurück in den Becher. Erschöpft ließ ich mich in meinen Stuhl sinken. Manchmal hasste ich es, das die Ferien mitten im Winter waren. Vier Monate lang Langeweile und Regen. Aber ich hatte vier Monate, um mich auf meine Schule zu konzentrieren, die ich nach meinem Abschluss machen wollte.
    Freunde hatte ich nie wirklich gehabt, die Schule war für mich dafür da, um zu lernen, und da hätten mir Freunde im Weg gestanden. Und ich war so glücklich, meinen Abschluss gemacht zu haben, da es meine Mutter so glücklich gemacht hatte.
    Nun hatte ich jedoch einen freien, klaren Kopf. Die Erinnerung an diesen Traum schien wie abgetrennt von meinen anderen Gedanken und kreiste nur noch schwammig in meinem Kopf herum. Es kam mir seltsam war, dass die Methode meiner Mutter geholfen hatte. Ich war ihr für so vieles dankbar. Ich wünschte, ich könnte ihr das irgendwie zeigen.
    Aber jetzt musste ich mich darauf konzentrieren, die Ferien zu überstehen.
    Ich faltete die Zeichnung zusammen und verstaute sie in der untersten Schublade meines Schreibtisches.
    Immer noch verschlafen, versuchte ich gegen meine schlechte Laune anzukämpfen, die meinen Kopf verstopfte. Draußen schien es wie us Eimern zu schütten. Ich malte mir aus, wie die kühlen, befreienden Tropfen auf meine heiße, glatte Haut fielen und dann in winzigen Strömen meine Wangen hinunterfielen. Mir lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter.
    Da mir keine andere Ablenkung einfiel, steckte ich meine Füße in meine roten Lackschuhe und packte mich in meine Jacke ein.
    Ein kleiner Spaziergang über den Weihnachtsmarkt würde mir bestimmt guttun. Auch, wenn wahrscheinlich alle Verkäufer ihre Waren in die Wagen geräumt hatten und hofften, dass der Regen bald aufhören würde.
    Ich zwang mich durch den Regen, der inzwischen meine Jacke komplett durchnässt hatte und verfluchte das Wetter hier in London. Ich wusste nicht, was schlimmer war: Dass die Ferien im Winter waren oder dass die gesamte Stadt bald überschwemmt werden würde. Ich rollte die Augen. Die Straßen waren menschenleer, was mich bei diesem Wetter nicht wunderte. Meine Finger waren inzwischen durchgefroren und fühlten sich steif an. Deshalb vergrub ich sie in den Tiefen meiner Jackentaschen. Wasser rann meinen Rücken hinunter und ich zuckte zusammen. Der Himmel hatte eine dunkelgraue Farbe angenommen und verschwamm mit dem Ende der Straße, sodass sich ein Nebelschwaden über den Boden schwebte und meine Füße bedeckte. Jedoch musste ich mir wohl oder übel eingestehen, dass diese Kälte etwas Befreiendes an sich hatte. Ich bezweifelte stark, dass ich jede Tag in diesem Wetter einen Spaziergang machen werden würde.
    Ich war so in Gedanken, dass ich nicht bemerkte, wie ich mit dem Kopf gegen jemanden lief. Ein höllischer Schmerz breitete sich an meiner Stirn aus und ich verlor fluchend das Gleichgewicht. Das brachte mir den Tiefpunkt meiner Laune. Mit meinem Glück landete ich auch noch in einer Pfütze, die sich bei einem verstopften Bulli gebildet hatte. Das Wasser durchweichte meine Kleider und ich kniff die Augen zusammen.,, Kannst du nicht aufpassen?“, fauchte ich und sprang auf. Ich wrang mir das Wasser aus meinen patschnassen Haaren und strich über meine Jacke.
    ,, Tut mir leid, ich war in Gedanken“, hörte ich es von der anderen Person und hob meinen funkelnden Blick. Mir blieb der Atem weg. Alles in mir verkrampfte sich und mein Kopf schien wie mit Watte gestopft.
    ,,Äh“, erwiderte ich und merkte, wie meine Stimme versagte. Meine Wut war wie weggeblasen. Ich starrte meinen Gegenüber entsetzt an und mein Herz fing an, unregelmäßig zu schlagen.
    Trotz des strömenden Regens konnte ich die Umrisse seines Gesichtes genau erkennen. Die Erinnerung wurde in mir von einer Sekunde auf die andere wachgerufen und ich konnte ihn nur noch vollkommen verschreckt anstarren.
    Ich hätte dieses Gesicht und diese Art überall wiedererkannt.
    ,, Macht doch nichts.“ Ich blinzelte ein paar Mal, um mich aus meiner Starre zu lösen und wich peinlich berührt seinem Blick aus.
    Seine schwarze Schminke um seine Augen war vom Regen ganz verwischt, seine kastanienbraunen Augen musterten mich verwirrt, der pechschwarze Pony klebte ihm im Gesicht, die blasse Haut spiegelte de trostlosen Himmel wider und seine Stupsnase schien wie die einzige Unebenheit, die grob an seinen sanften Zügen zerrte. Etwas unbeholfen stand er vor mir, genauso real wie in meinem Traum, nur dass ich ihn hätte anfassen können, wenn ich nur meine Hand ausgereckt hätte. Er war ziemlich mager und eher zierlich, trotzdem überragte er mich um einige Zentimeter.
    ,, Jetzt bist du aber ganz nass“, entgegnete er skeptisch und warf einen Blick auf meine Jacke. Mittlerweile zitterte ich am ganzen Leib vor Kälte und das war mir so unvorstellbar peinlich, dass der Fußboden plötzlich viel interessanter war. Ich strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die an meiner Wange geklebt hatte.
    ,, Naja, das macht mir nichts aus. Ich kann die ja zu Hause trocknen“, sagte ich schulterzuckend und wagte nun, ihn anzusehen, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken. Diese Unterhaltung war so uns beiden wohl ziemlich peinlich. Als ich ihm fest in die Augen blickte, um nicht vor Angst zusammenzuzucken, merkte ich, wie sich seine Augen um ein ganzes Stück weiteten und sich seine Lippen spalteten, als würde er etwas sagen wollen.
    Ich schluckte den Kloß in meinem Hals herunter.
    Unheimlich sah er schon aus, wenn ich ihn aus meinem Traum kannte und er nun in der Realität vor mir stand und mich anstarrte.,, Hab ich irgendwas im Gesicht?“, fragte ich etwas panisch und strich mir über mein nasses Gesicht.
    Regentropfen perlten an meinem Kinn herunter, dann blieben meine Hände an dem seltsamen schwarzen Zeichen stehen, das ich heute Morgen bemerkt hatte. Mein Blick zuckte von ihm zu meinen Händen. Als ich den Fleck mit meinem Daumen verdeckte, blinzelte der Typ plötzlich zweimal und stellte sich dann wieder ordentlich hin.
    ,, Tut mir leid, wenn ich neugierig bin, aber was ist das da in deinem Gesicht?“
    ,, Keine Ahnung“, ich kam mir ziemlich dämlich vor, aber am liebsten wäre ich einfach weggelaufen. Wir standen immer noch ungerührt mitten auf der Straße und fingen ein unbeholfenes Gespräch an.
    ,, Ich glaube, ich geh dann mal wieder nach Hause, um äh-Du weißt schon…“, stammelte ich und hoffte, dass er wusste, dass ich meine patschnasse Jacke meinte. Ich wollte mich schon umdrehen, da spürte ich eine Hand auf meiner Schulter und Finger, die sich in meine Schulter bohrten.
    ,, Nein, warte!“ Mein Herz machte einen keinen Aussetzer. Jetzt hatte er fast geschrien und mich grob zu sich zurückgezogen. Mein Bauch fing an aufgeregt zu kribbeln. Er schien zu bemerken, dass er mich ziemlich erschreckt hatte, denn er fing an zu stammeln:,, So war das nicht gemeint! Ich meine, das ist nicht gerade normal, wenn man mit einem derart symmetrischen Zeichen im Gesicht herumläuft. Aber meine Oma kennt sich damit aus, sie kann dir bestimmt helfen!“
    Ich war ganz und gar nicht begeistert, irgendeinem kranken Typen, den ich heute Nacht in meinem Traum gesehen hatte, zu folgen.
    ,, Das ist ja ganz nett, aber ich werde mal sehen wie es morgen aussieht“, protestierte ich nun sichtlich panischer und ging einige Schritte nach hinten. Am liebsten wäre ich gerannt, doch alles in mir verkrampfte sich schmerzhaft und ich hatte das Gefühl, gleich würde mein Herz vor Panik zerspringen. Mein Kopf dröhnte. Ich wollte weg. Aber meine Beine waren wie angewurzelt und nun machte ich mir keine Mühe mehr zu verbergen, dass ich ihn einfach anstarren wollte. Ich wollte jeden Winkel seines Gesichtes kennen und mich vergewissern, dass ich genau ihn gesehen hatte. Dann hob ich einen Arm und schloss die Augen. Mit zitternden Händen griff ich nach dem Jungen. Meine Finger umschlossen einen abgenutzten, ledrigen Stoff und mir wurde bewusst, dass hier wirklich der vor mir stand, den ich gefürchtet hatte.
    Beschämt zog ich meine Hand zurück und versuchte mich zu beruhigen. Ich hörte mein Herz deutlich schlagen. Mir wurde bewusst, dass ich mich in der Vielfalt seiner Augen verloren hatte und mich nicht mehr zusammenreißen konnte.
    Ich schluckte schwer.
    ,, Falls du es dir doch anders überlegst-“, fing er mit kratziger Stimme an, dann umfasste er mein Handgelenk, zog meinen Arm in seine Richtung und krempelte den Ärmel meiner Jacke hoch. Ich war längst zu geschockt, um mich irgendwie zu wehren, was mein Verstand mir jedoch dringend anbot.
    Behutsam zückte er einen Stift und fing an, auf meinen Unterarm zu schreiben. Die feinen Härchen auf meinem Arm stellten sich auf, als ich den Stift auf meiner Haut spürte. Ich war am Ende meiner Kräfte.
    Schließlich hörte ich ein klicken und wagte ihn wieder anzusehen. Er hatte den Stift wieder eingesteckt und ging nun wortlos weiter.
    Verwirrt warf ich einen Blick auf meinen Arm. Er hatte mir eine Handnummer aufgeschrieben. Ich nahm an, dass es seine war. Noch nie in meinem gesamten Leben hatte ich eine solche Angst verspürt. Ich zwang mich wieder nach Hause, wo ich mich auf mein Bett fallen ließ und meine Augen schloss.
    Was war hier passiert? Was war mit mir passiert?
    Ein Schauder lief mir über den Rücken und ich rollte mich auf meiner Bettdecke zusammen. Wie gerne hätte ich jetzt jemandem, dem ich von meinem Traum erzählen konnte. Aber das hatte ich noch nie gehabt: Ich hatte nie wirklich Freunde gehabt. Nur Klassenkameraden, die ich meine ganze Schulzeit über um mich hatte, und die nur etwas mit mir unternommen hatten, weil ich Jahrgangsbeste war.
    Widerwillig schüttelte ich den Kopf.
    Ich hatte auch nie eine Vertrauensperson gehabt. Meiner Mutter wollte ich nicht auch noch diese Aufgabe zuteilen. Sie hatte schon genug zu tun, mit ihren zwei Jobs und sie musste mich jetzt auch noch trösten können. Andere würden sie als schlechte Mutter bezeichnen, doch ich würde sie als die beste bezeichnen. Sie hatte vielleicht nicht wirklich viel Zeit für mich, aber sie machte alles, damit ich mich wohl fühlte. Vor ein paar Jahren hatte ich entschlossen selbstständiger zu werden und so hatte ich mich selbst weiterentwickelt und mir mein Leben selber aufgebaut.
    Sie bedeutete mir sehr viel und ich wusste, dass sie es nicht leicht hatte, nachdem ihr Mann und ihr Sohn nichts mehr mit ihr zutun haben wollten. Aber manchmal merkte ich, dass sie sehr unter dem Verlust litt.
    Ich hob meinen Kopf, der sich anfühlte, als würde er Tonnen wiegen, und stellte fest, dass es bereits später Nachmittag war. Und ein weiterer Geburtstag vorbei. Bis nächstes Jahr. Ein Seufzen konnte ich mir nicht unterdrücken, doch es klang verzweifelter, als ich es eigentlich vorhatte. Mit schweren Schritten machte ich mich auf ins Wohnzimmer, wo ich wahrscheinlich den restlichen Abend verbringen würde. So war es immer: Ich schaute fern und wartete meistens bis spät in die Nacht hinein, bis meine Mutter zu Hause war. Dann ging ich ins Bett, nur um morgens mit Kopfschmerzen aufzuwachen.
    Genervt hüllte ich mich in eine Wolldecke ein und tippte auf der Fernbedienung herum. Sonst hatte ich nie wirklich gerne ferngesehen, aber nun gehörte es zu meinem Alltag dazu. Zu einem ganz normalen Ferienalltag in meinem Leben.
    Ich versuchte meinen Kopf für die nächsten Stunden auszuschalten und konzentrierte mich auf die Dokumentation, die sich gerade vor meinen Augen abspielte. Ich hörte jedoch nur halbwegs zu, denn mit einem Ohr wartete ich auf das bekannte Klicken der Wohnungstür, wenn meine Mutter überarbeitet heimkehrte. Durch die unregelmäßigen Stimmen und den flimmernden Bildschirm spürte ich, wie meine Augenlider schwer wurden. Schließlich wurde ich von einer betäubenden Welle Schlaf gepackt und grob mitgezogen.

    Als ich nach einer traumlosen Nacht aufwachte, fand ich mich immer noch auf dem ausgeleierten Sofa zurück. der Bildschirm war erloschen und die Decke lag sorgfältig gefaltet neben mir. Ich nahm alles nur halbwegs wahr, denn ich hatte das Gefühl, meine Augäpfel wären ausgetrocknet. Es schmerzte, wenn ich versuchte sie zu öffnen und mein Kopf pochte unangenehm. Das kommt davon, wenn du zu viel fernsiehst, schimpfte ich mit mir selbst und legte mir meine rechte Hand an die Stirn. Da fiel mir die seltsame Schrift auf meinem Am auf. Ich hatte beinahe vergessen, was gestern vorgefallen war, aber nun war alles wieder da; Die Angst und die ständige Panik die mein unregelmäßig schlagendes Herz antrieb.
    Ich versuchte keinen weiteren Gedanken an den Typen zu verschwenden und erhob mich, um ins Bad zu gehen. Nachdem ich erstmal eiskalt geduscht hatte, um meinen vollgestopften Kopf zu entleeren, rieb ich mir die Seife aus den Augen und suchte die Schubladen nach einer Haarbürste ab. Als ich sie schließlich gefunden hatte und mich wieder aufrichtete, wagte ich einen Blick in den Spiegel.
    Mein Herz war kurz davor stillzustehen. Meine Brust verknotete sich, meine Knie wurden weich und alles in mir schrie. Ein erstickter Schrei kam aus meiner Kehle hervor, doch es war nicht mehr als ein Japsen. Trotzdem wich ich vor meinem eigenen Spiegelbild zurück, nur um dann wieder näherzutreten und mein Gesicht zu betrachten. Jetzt schien mir das Zeichen an meiner Wange als harmlos im Gegensatz zu dieser Sünde. Mein Magen rumorte, ich wollte schreien, doch nun ging es nicht mehr. Ich presste die Zähne zusammen und riss meine Augen weit auf. Mein Herz machte einen schlagartigen Ruck und mir wurde die Luft aus den Lungen gepresst. Was war mit meinen Augen los? Sie hatten von gestern auf heute die Farbe komplett geändert. Von einem hübschen Blaugrau zu einem Blutrot, vor dem ich mich selbst fürchtete. Wie war das möglich? Fragen kreisten in meinem Kopf herum, doch ich konnte mir sie nicht beantworten. Schluchzend presste ich meine Nasenspitze gegen den Spiegel und inspizierte jeden Faser meiner Augen, der entweder blutrot oder rosenrot gefärbt war und zusammen eine widerliche Farbe ergab.
    Mit zitternden Fingern wühlte ich in einer Tüte nach Tropfen herum, die ich dann in doppelter Dosis in meine Augen kippte. Bei der Kälte zuckte ich zusammen und schloss die Augen. Dann wartete ich, bis mein Atem regelmäßiger wurde und blickte ein weiteres Mal in den Spiegel. Ein Schrei entwich mir und ich verzog das Gesicht zu einer entsetzten Grimasse. ich war kurz vor einem Herzinfarkt. Ich war mir sicher, viel hatte nicht gefehlt. Panisch spülte ich meine Augen mit eiskaltem Wasser aus, doch alles was ich damit erreichte, war, dass meine Augen nur noch höllischer schmerzten. Wie konnte ich so unter die Leute gehen?
    Ich hörte meinen gedämpften panischen Atem und blickte fassungslos in das Monster, das sich vor mir erstreckte. Mit meinen tauben Händen betastete ich mein Gesicht und rieb mir die Augen, obwohl ich wusste, dass das nichts nützen würde. Tränen sammelten sich in meinen Augen und ich machte mir keine Mühe sie zurückzuhalten. Ich hoffte nur, dass meine Mutter schon wieder weg war.
    Ich wollte nicht, dass irgendjemand mich sah. Mein kehliges Keuchen versicherte mir, dass ich immer noch lebte. Mein Herzschlag war unnormal schnell und unregelmäßig. Am liebsten hätte ich noch ein weiteres Mal laut geschrien, doch es ging nicht. Meine Kehle war wie ausgetrocknet und wenn ich versuchte zu husten, verursachte dies nur ein unerträgliches Kratzen in meinem Hals, das ich kaum los wurde.
    Fassungslos zwang ich mich in die Küche, wo ich ein Glas Wasser in mich kippte und wieder anfing, hilflos zu wimmern.
    Meine Mutter hatte nicht einmal einen Zettel dagelassen. Aber ich war es gewohnt: Früher hatte sie sich noch die Mühe gemacht, mir eine Nachricht auf dem Küchentisch zurückzulassen, doch nun hatte sie es aufgegeben, da sie sonst selten morgens da war.
    Ich wischte mir die Tränen von den Wangen und wagte ein weiteres Mal ins Bad zu gehen. Dort machte ich mich fertig, ohne einen Blick in den Spiegel zu werfen. Als ich mir meine Hände waschen wollte, fielen mir die großen Zahlen auf meinem Unterarm auf. Sie waren mittlerweile fast vollständig verblasst, doch man konnte noch immer jede Zahl ausmachen.
    ,, Aber meine Oma kennt sich damit aus, sie kann dir bestimmt helfen.“
    Ich erinnerte mich an die Worte des Jungen, den ich gestern getroffen hatte. Sollte ich ihn anrufen? Bei dem Gedanken, mich wieder in der Vielfalt seiner unheimlichen rehbraunen Augen zu verlieren, lief mir ein Schauder über den Rücken. Andererseits konnte ich meiner Mutter niemals so unter die Augen treten. Sie würde sich nur noch mehr Sorgen machen und das wollte ich ihr nicht auch noch zur Last bringen.
    Schließlich griff ich nach dem Haustelefon und versuchte die Ziffern einzutippen. Allerdings zitterten meine Hände noch immer so stark, dass ich mich mehrmals vertippte und wieder alles löschen musste. Als ich auf die entscheidende Taste drücken musste, zögerte ich. Würde er rangehen? War es seine private Nummer? Würde er sich noch an mich erinnern? Ehe ich mir wieder den kopf darüber zerbrach, überwand ich mich und wartete schließlich auf das vertraute Piepen. Ich konnte nicht mehr stillstehen, also ging ich in meinem Zimmer auf und ab und kaute an meiner Lippe herum, bis ich warmes Blut schmeckte. Dann ließ ich mich auf mein Bett nieder. ich wollte schon wieder erleichtert auflegen, da ich bestimmt schon fünf Minuten auf eine Stimme wartete, als ich jemanden am Ende der Leitung hörte. Ich sog scharf die Luft ein.
    ,, Hallo?“ Die Stimme warf undeutlich, was mich bei unserer Verbindung nicht wunderte.,,Äh, also ich bin’s. Du weißt schon, du hast mir gestern gesagt, du könntest mir helfen und hast mir deine Nummer gegeben.“,, Wer?“ Nun wurde die Stimme etwas genervter. Er wusste nicht mehr wer ich war.,, Die mit dem Zeichen im Gesicht, du weißt schon“, versuchte ich mit brechender Stimme und wollte mich nach diesem Satz selbst ohrfeigen. Ich kaute an meinen Fingernägeln herum und wartete auf eine Antwort.
    Mein Selbstbewusstsein war wie weggeblasen.
    Es herrschte Stille am anderen Ende der Leitung und nach einigen Sekunden fragte ich mich, ob er überhaupt noch dran war.
    ,, Hallo?“ Ich kam mir dämlich vor, dass ich versuchte ein Gespräch zu führen, obwohl ich ihn doch am vorigen Tag gefürchtet hatte.
    ,, Ah ja, natürlich! Hast du dich umentschieden? Wir können uns gerne in zwei Stunden da treffen wo wir nun ja, uns begegnet sind. Also, wenn du immer noch willst.“ Man hörte deutlich das Unbehagen in seiner Stimme. Ich nickte schämend, doch da fiel mir ein, dass er mich nicht sehen konnte.,,Äh ja, bis nachher“, nuschelte ich und drückte das Telefon wieder auf den Halter. Mein Herz klopfte in meiner Brust und ich verspürte ein unangenehmes Kribbeln in meinen Waden. Worauf hatte ich mich da eingelassen?
    Ist es nicht komisch, sich mit einem Typen zu treffen, der einem im Traum erschienen ist und einem anbietet, ihn zu seiner Großmutter zu bringen, die angeblich so eine Tante ist, die sich mit Zeichen und Symbolen auskennt.
    Ich verfluchte mich selbst für meine Dummheit. Mein Mut jedoch reichte noch lange nicht, um ein weiteres Mal seine Nummer zu wählen und abzusagen. Ich hatte also keine andere Wahl als zu dem Treffen zu erscheinen.
    In meinem Zimmer durchwühlte ich die drei Schubladen meines Nachttisches, fischte eine Sonnenbrille mit dunkel betonten Gläsern heraus und setzte mir sie auf. Dann schaute ich mein Spiegelbild an. Erleichtert stellte ich fest, dass man nichts von diesen roten Scheiben sah. Andererseits konnte ich mir schon vorstellen, wie ich angeschaut werden würde, wenn ich mit einer Sonnenbrille durch London lief, mitten im Winter.
    Aber diese Konsequenz war mir angenehmer, als die Vorstellung mit roten Augen herumzulaufen.
    Ich hatte das Gefühl mein Herz würde gleich vor Aufregung zerspringen. Ich konnte kaum stillstehen. Während ich mit meinen zitternden Fingern auf dem Küchentisch herumtrampelte, fing ich an die Minuten zu zählen.
    Eine halbe Stunde vor vereinbarter Zeit setzte ich die Sonnenbrille auf, versicherte mich, dass man nichts hindurchsehen konnte, packte mich in meinem Mantel ein und verließ die Wohnung.

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1514567799
Paranormal
Paranormal
Ich war nur ein Mädchen. Nur ein Mensch. Bis zu meinem achtzehnten Geburtstag, an dem sich mein Leben abrupt wendete. Nun musste ich Angst haben und war jeden Morgen glücklich, wenn ich noch lebendiges Fleisch und Blut war.
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2017-12-29
40B0
Fantasy Magie

Kommentare (1)

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buerste333 ( von: buerste333)
vor 17 Tagen
Wann kommt die Fortsetzung?