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Paranormal

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3 Kapitel - 16.101 Wörter - Erstellt von: XMarie Potter - Aktualisiert am: 2018-01-28 - Entwickelt am: - 237 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit - 3 Personen gefällt es

Ich war nur ein Mädchen. Nur ein Mensch. Bis zu meinem achtzehnten Geburtstag, an dem sich mein Leben abrupt wendete. Nun musste ich Angst haben und war jeden Morgen glücklich, wenn ich noch lebendiges Fleisch und Blut war.

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    ((bold))((maroon))Prolog((ebold))((emaroon)) Es war nichts hier was mich auch nur annäherungsweise an die Realität erinnerte. Wo ich auch um mich bl
    Prolog
    Es war nichts hier was mich auch nur annäherungsweise an die Realität erinnerte. Wo ich auch um mich blickte, sah ich nur erstickende Finsternis, die mich von allen Seite zu erdrücken drohte und so unendlich wirkte, dass ich nirgends die Linie des Horizonts ausmachen konnte. Innerlich wusste ich, dass dies nur ein Traum sein konnte. Und ich fühlte es.
    Aber das linderte meine Aufregung keineswegs. Mein Herz schien schon in unregelmäßigen Abständen zu hämmern und dieser Albtraum schnürte mir die Kehle zu. Ich wusste keinen Ausweg, um aus dieser finsteren Hölle zu entkommen.
    Ich blickte auf meine Füße. Der Boden war mit einem Knebelschleier überzogen, der an meinen Fußknöcheln schwebte und diesem Albtraum ein gewisses Etwas verlieh. Also schloss ich die Augen und versuchte mich so fest auf das Aufwachen zu konzentrieren, dass es funktionieren musste.
    Doch es klappte nicht. Als ich erneut meine tränenden Augen aufschlug, erwartete mich wieder die Finsternis wie einen alten Freund. Ob diese Welt wirklich unendlich wäre? Nichts ist unendlich, dem war ich mir sicher. Aber das hier war ja schließlich keine reale Welt. Jetzt spürte ich wie sich meine Brust in Bewegung setzte. Ich fing an vor Panik zu keuchen und mein Magen schien zu rebellieren. Ich war verloren in dieser Finsternis, die niemand zuordnen konnte. Das einzige, was ich ausmachen konnte, war der gepflasterte Boden unter mir auf dem ich bewegte.
    Dann, ohne jegliche Vorwarnung fing ich an zu rennen. Ich könnte mir denken, noch nie so schnell gerannt zu sein. Ich wollte aufwachen und mich wieder in meinem Zimmer wiederfinden, in meinem Bett und wissen, dass das hier nur ein Traum war. In der erdrückenden Stille, die sich über der Fläche spannte hörte ich meine schnellen Schritte und mein unregelmäßigen Keuchen. Ein Stechen machte sich in meiner Seite breit, doch ich ignorierte es. Ich wollte das Ende dieser Dunkelheit erreichen und aufwachen. Ich ließ das Dunkel vor mir nicht aus den Augen und hoffte mit aller Kraft, irgendwo ein Licht zu sehen.
    Plötzlich erkannte ich eine schwache Silhouette. Mein Hecheln wurde schneller und ich linderte mein Tempo. Es war die Silhouette einer kleinen Drehorgel, die mitten in diesem Niemandsland auf dem Fußboden stand und die regelmäßige Welt durchtrennte. Sie schien nicht hierhin zu passen.
    Ich blieb stehen und betrachtete das Stück. Das lackierte Holz war mit aufwändigen Mustern verziert und neben der Orgel lag ein Klangblatt mit kleinen Eingravierungen, die nur schwach zu erkennen waren. Ohne lange zu überlegen, bückte ich mich und umschloss das Klangblatt mit meinen kalten Fingern. Sie zitterten auf dem zarten Papier. Es tat unbeschreiblich gut, etwas in der Hand zu halten. Nicht komplett wehrlos in einer unbekannten Welt zu stehen.
    Mit der anderen Hand hängte ich mir die Drehorgel um die Schulter und führte das Klangblatt hinein. Das Knistern jagte mir einen eiskalten Schauder über den Rücken. Ich hatte keinerlei Kontrolle mehr über das was ich tat. Ich tat es einfach, ohne darüber nachzudenken. Ich wollte diese grässliche Stille durchbrechen, vielleicht würde ich dadurch aufwachen. Meine zitternde Hand umklammerte den Griff und ich fing an zu drehen.
    Zuerst vernahm ich nur das unangenehme Quietschen der alten Maschine, doch dann Ernte ein Klingen. Am Anfang in langen Abständen, dann immer regelmäßiger und all diese Klänge bildeten eine Melodie. Gänsehaut bildete sich auf meiner Haut. Die Melodie war eher ein Klimpern, das ich wohl nicht so gerne alleine in der Dunkelheit hören würde. So dringend ich auch aufhören wollte, meine Hand dreht immer weiter an der Kurbel und wurde dabei immer schneller. So wurde die Melodie auch immer schneller und ich spürte wie Tränen in meine Augen teigen. Mein Herz trommelte, meine Knie wurden weich und mein Magen drehte sich um sich selbst. Alle Gedanken kreisten in meinem Kopf umher. Hör auf, dachte ich so angestrengt wie möglich, doch nichts geschah. Ich spürte wie sich meine Hand schmerzhaft um den Griff verkrampfte, doch sie drehte immer weiter. Als würde jemand anderes mich steuern.
    Plötzlich erblickte ich Umrisse in der Dunkelheit. Diesmal konnte ich die Finger eines Mannes ausmachen. Kombiniert mit dieser Musik, die immer schneller wurde, jagte sie mir eine schreckliche Angst ein, die ich am liebsten mit allen Mitteln gestoppt hätte, wäre es mir möglich gewesen. Die Gestalt kam näher. Erst, als ich die Augen zukniff, um ihn besser zu erkennen, sah ich, dass die Gestalt langsam und unsicher zu der Melodie, die ich abspielte, torkelte. Es erinnerte mich sehr an den Tanz eines Betrunkenen, der nicht mehr ganz fest auf den Beinen stand. Die Gestalt schaukelte und bewegte die Arme im Rhythmus der Musik, wankte mit dem Kopf. Mit jedem Schritt, den der typ machte, schlug mein herz schneller, bis ich glaubte, es könnte jeden Moment nachgeben. Doch die Gestalt umrundete mich in ihrem seltsamen Tanz, ohne mich aus den Augen zu lassen. Ich hätte niemals gedacht, dass ich einmal behaupten würde, das wäre schlimmer als die Dunkelheit allein.
    Panik stieg in mir auf und betäubte alle meine Sinne. Ich wollte die Augen schließen, doch es ging einfach nicht.
    Mit jeder Runde, die der Typ um mich drehte, kam er näher und blickte mich mit seinem leeren Blick an. Als er nah genug war, konnte ich sein Aussehen ausmachen. Es verschlug mir den Atem und ich hatte das Gefühl, meine Beine würden das Gewicht meines Körpers nicht mehr halten können. Kurzes, schütteres Haar wuchs auf seinem Kopf, er war kaum größer als ich, kleine schwarze hervorquellende runde Augen saßen in seiner blassen faltigen Haut, seine Nase war klein und unauffällig und er war in Anzug gekleidet. Doch nicht das allein, ließ mich fast zusammensacken, es war etwas anderes, das alles in mir in Panik versetzte. Sein Mund.
    Der riesige Mund war zu einem Grinsen aufgerissen, die fahlen, gräulichen Lippen umrahmten die großen Zähne, die sich zusammenschlossen und seine zusammengepressten Zahnreihen präsentierten. Dieses Grinsen schien nur mir zu gelten. Aber es war falsch. Diese leeren Augen blickten überall hin und das Lächeln schien ihn nur noch unheimlicher zu machen. Und sein Tanz war mehr als nur unheimlich.
    Plötzlich spürte ich einen Ruck in meiner Wirbelsäule. Ich taumelte nach hinten und auf einmal verklang die Musik. Ich spürte jeden einzelnen Finger wieder, ich konnte wieder blinzeln und auch schreien. Es löste in mir eine gewisse Art Erleichterung aus, denn ich hatte aufgehört, das Klangblatt, das schon fast ganz abgespielt worden war, abzuspielen. Doch dann sah ich, dass der Typ auch seinen Tanz beendet hatte und nun geradewegs auf mich zu geschwankt kam. Mein Herz schien auszusetzen und ich glaubte einen erschreckenden Moment mit achtzehn Jahren an einem Herzinfarkt sterben zu müssen.
    Reflexartig fing ich wieder an an der Orgel zu drehen und sobald die Musik wieder erklang, blieb der Grinse-Mann stehen und fuhr mit seinem jämmerlichen Tanz fort. Mein Kopf schien sich wieder einigermaßen beruhigt zu haben und ich versuchte klar zu atmen. Er kommt nur näher an dich heran, wenn die Musik aus ist, dachte ich verzweifelt und versuchte mich damit zu beruhigen, doch dann ertönte ein schiefer Ton und die Musik verlangsamte sich, auch wenn ich schneller drehte. Ich warf einen panischen Blick auf die Drehorgel. Ich hatte das Klangblatt abgespielt. Es schälte sich langsam von der Maschine ab und mit eisernem Blick sah ich zu, wie es langsam zu Boden fiel. Alles war wieder totenstill, die letzte Note war verklungen.
    Ich wollte meinen Blick nicht heben. Ich wollte einfach nur aus diesem Albtraum aufwachen. Schließlich nahm ich mir die Drehorgel von den Schultern und stellte sie vor mir mit einem dumpfen Schlag ab. Dann schluckte ich den bloß in meinem Hals hinunter und hob den Blick. Ich spürte mein herz längst nicht mehr schlagen, solch ein Tempo hatte es erreicht.
    Die grinsende Gestalt stand nur noch wenige Meter von mir entfernt. Ich wusste, dass sie jetzt kommen würde. Ich wusste, dass nur die Musik sie davon abgehalten hatte, zu mir zu kommen, weil er von seinem Tanz abgelenkt worden war.
    Der Mann legte den Kopf schief in den Nacken und grinste mich an. Am liebsten wäre ich zusammengebrochen und hätte mich im Boden vergraben, nur um nicht mehr in dieses falsche Lächeln zu blicken. Ich hielt die Luft an und hoffte, dadurch aufzuwachen.
    Die Gestalt machte einen torkelnden Schritt vorwärts auf mich zu, wobei der Kopf von einer Seite zur anderen schaukelte. Mein Magen rutschte mir in die Hose und ich fühlte, wie mein Hals ganz trocken wurde.
    Nun war sie nur noch wenige Zentimeter von mir entfernt und ich konnte mich nicht rühren. Dann hielt die Gestalt inne. Ich konnte jede einzelne Falte in seinem Gesicht ausmachen, die sich in seine Haut grub und ich konnte die feinen Adern erkennen, die sich durch die kleinen Rabenaugen schlängelten.
    Ich schloss die Augen und hoffte, dass ich irgendwie aufwachen würde, obwohl alles in mir wusste, dass das nicht der Fall sein würde. Ich kniff mich in den Arm, doch nichts geschah. Wieso auch? Ich konnte erst wieder aufwachen, wenn ich das hier überstanden hatte.
    Langsam öffnete ich wieder meine Augen und versuchte regelmäßige zu atmen, jedoch vergeblich. Aber es hatte sich etwas geändert. Ich war nicht mehr alleine mit dieser Figur.
    Um uns herum standen genau zwölf andere Personen, alle Menschen, die einigermaßen normal aussahen. Alle hatten ih Gesicht im Schatten einer Kapuze versteckt und blickten zu Boden. Nur eine Person stand etwas anders dort. Nicht wie alle anderen, blickte er mir furchtlos in die Augen. In dem Kreis, die die zwölf Leute um den Typen und mich gebildet hatten, stand er hinter dem Grinse-Mann. Mein Herz machte einen kleinen Hüpfer, als ich seine Augen erkannte. Ein seltsam gemischtes Himmelblau, das nicht in diesen Traum passte. Es war viel zu sonderbar um in diesen Albtraum zu passen. Seine Haut schien von hier hinten fahl und fast aschgrau. Sein Gesicht war makellos und hatte weiche Züge, nur eine Stupsnase erhob sich aus dem sanften Schatten seiner Wangen. Seine Haare hatten eine undefinierbare Stellung. Sie standen ihm zu allen Seiten vom Kopf ab, nur ein Pony bedeckte sein linkes Auge. Es war eine gewagte Frisur, aber ich musste zugeben, dass sie ihm stand. Seine Augen sahen aus, als hätte man alle Brauntöne in einen Topf geworfen und zu dieser unbeschreiblichen Frisur gemischt. Sie waren schwarz umrandet und wahrscheinlich geschminkt. Wäre ich nicht in diesem Traum, hätte ich seine Einstellung wahrscheinlich lustig gefunden.
    Irgendwie passte der Typ insgesamt nicht in diesen Traum, aber ich konnte nicht erklären wieso ich so dachte. Er war viel zu perfekt, um in diese finstere Welt zu fassen.
    Ich wusste, dass ich nicht aufwachen würde, ehe diese seltsame Gestalt gehandelt hatte. Mein Herz überschlug sich fast und ich hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Alles in mir schrie, doch es fand keine Mittel und Wege, um dies auszustoßen, sodass die ganze Angst sich an einem Punkt sammelte und ich Todesangst hatte.
    Mit großen Augen, die schon schmerzten, starrte ich die Gestalt an, obwohl ich am liebsten meine Augen geschlossen hätte. Plötzlich riss die Gestalt in Zeitlupentempo ihr gigantisches Maul auf und entblößte unzählige Reihen an spitzen, weißen Zähnen, die sich zu einer blutroten Kehle kämpften. Ich konnte schon in den Magen des Typen sehen. Es ist nur ein Traum!
    Da löste ich mich aus meiner Sperre, ich spürte meine Beine wieder, konnte wieder sprechen und mich bewegen. Ein langer Schrei, der sich in mir aufgestaut hatte, verließ meine Kehle, doch es war längst zu spät. Ich spürte die spitzen Zähne in meinem Nacken und verlor den Atem, als ich die Speiseröhre hinunterglitt und schließlich mit schmerzenden Gliedern aufkam.

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    ((bold))((maroon))1.Kapitel((ebold))((emaroon)) Schweißgebadet fand ich mich in meinem Bett wieder, mein Herz trommelte in meiner Brust und meine Kni

    1.Kapitel

    Schweißgebadet fand ich mich in meinem Bett wieder, mein Herz trommelte in meiner Brust und meine Knie waren weich. Alles in mir schrie auf. Meine Muskeln verkrampften ich schmerzhaft. Die Finsternis meines Zimmers verschlang mich und für einige Sekunden dachte ich, noch immer in dieser unendlichen Dunkelheit gefangen zu sein, doch da fiel mir der kleine graue Lichtstrahl auf, der zwischen den Vorhängen des Fensters hervorkroch und den kalten Fliesenboden meines Zimmers erhellte. Mit zitternden Händen überwand ich meine Angst und schwang die Beine über die Bettkante. Ich zuckte bei der Kälte zusammen, als meine nackten Füße die kalten Fliesen berührten, doch ich zwang mich aufzustehen und den Vorhang aufzuziehen.
    Meine Augen verabscheuten das grelle Licht, das der helle, graue Himmel in mein Zimmer warf. Ich blinzelte, bis sich meine Augen an die wohlige Helligkeit gewöhnt hatten. Es tat einigermaßen gut, zu sehen, was sich um mich herum befand. Ich warf einen Blick auf den Wecker, der mich nicht wie sonst geweckt hatte. Bei dem Gedanken, wieder einzuschlafen und wieder bei all den Gestalten aufzuwachen, zuckte ich ängstlich zusammen.
    Mit schweren Schritten schleppte ich mich durch mein Zimmer und lauschte, ob schon jemand im Haus wach war. Wieso sollte jemand am ersten Ferientag schon um halb sechs aufstehen? Ich schüttelte den Kopf und bei einem Blick auf den Kalender, der im Flur an der cremefarbenen Wand hing, wurde mir bewusst, dass heute mein Geburtstag war. Ich war über die Nach achtzehn geworden. Das jagte ein Lächeln über meine Lippen, bevor ich ins Bad schlenderte um mich zu waschen. Beim Vorbeigehen warf ich einen Blick auf den Wandspiegel. Mein Herz machte einen Aussetzer. ich hatte das Gefühl, mein Magen würde Saltos schlagen. Was hatte ich da im Gesicht? Mit meinem Zeigefinger fuhr ich über die gerötete Stelle an meiner Wange. Bei meiner blassen Haut fiel die Röte ziemlich auf. Ich beugte mich nach vorne über das Waschbecken, um besser in den Spiegel sehen zu können. Aber der rötliche Fleck alleine, war nicht das, was mich schockierte. Ein seltsames pechschwarzes Zeichen aus feinen, geraden Linien hatte sich mitten in diesem Fleck in meine Haut gegraben. Es war ein seltsames Zeichen, das ich noch nie zuvor gesehen hatte.
    Wie konnte das möglich sein? Gestern hatte ich das doch nicht? Es war schwer zu denken, wie solche unnatürlich geraden Linien von einem Tag auf den anderen entstehen konnten. War das überhaupt möglich? Es war nicht größer als ein Fingernagel, aber es fiel trotzdem in meinem blassen, gleichmäßigen, weichen Gesicht auf. Hätte ich jemand anderes damit herumlaufen gesehen, hätte ich vermutlich geglaubt, es wäre ein Tattoo. Aber ich konnte mich nicht daran erinnern, mir jemals über Nacht ein Tattoo stechen zu lassen. Und schon gar nicht mitten im Gesicht.
    Als ich das Bad verließ, nach jeglichen erfolglosen Versuchen, diesen hässlichen Fleck zu verdecken, machte ich mich auf den Weg zur Küche, wo mittlerweile hoffentlich meine Mutter warten würde.
    ,, Ich muss aber in fünf Minuten im Café sein. Es tut mir leid, aber ich muss heute dann doch noch eine Schicht einlegen. Du weißt, wie es freitags immer ist. Aber was-“, hastete meine Mutter, während sie ihre Schlüssel in den Schubladen der Kommode suchte. Dann drehte sie sich zu mir um und blieb mit offenem Mund stehen.,, Was hast du denn im Gesicht?“ Ich zuckte leicht genervt mit den Schultern. Es war nicht das erste Mal, dass sie meinen Geburtstag Schichten arbeiten musste. Jedes Jahr versprach sie mir, sie würde sich für meinen Geburtstag freinehmen, aber dann musste sie doch arbeiten.
    Sie hatte zwei Arbeiten, einmal als Kellnerin in einem Café am anderen Ende der Stadt und als Zimmermädchen in einem Hotel. Sie versuchte sie uns über Wasser zu halten, seit mein Bruder ausgezogen war und sich von uns abgespaltet hatte. Nun hatte sie sichtlich Angst, ich würde sie auch verlassen, wenn ich volljährig war, doch das kam mir keineswegs in den Sinn.
    ,, Wahrscheinlich hast du falsch geschlafen. Morgen ist es bestimmt weg“, versicherte sie mir, doch ich wusste, dass sie das nur sagte, um endlich loszukönnen. Zeit war Geld, das war das Motto meiner Mutter, nach dem sie lebte.,, Aber vor halb acht komme ich wahrscheinlich nicht mehr heim. Was hast du denn? Schlecht geträumt?“, fragte sie besorgt und legte sich ihren Mantel um die Schultern. Ich nickte knapp und stützte den Kopf auf den Küchentisch.,, Weißt du was ich immer gemacht habe, wenn ich einen Albtraum hatte“, sie legte mir eine Hand auf die Schulter und ich blickte auf.,, Du musst all diese gruseligen Erlebnisse aufzeichnen. Male ein Bild. Und danach geht es viel besser, das versichere ich dir.“ Ich rollte die Augen, als sie sich abwandte. Es stimmte, dass mir dieser Traum zu schaffen gemacht hatte. Ich hatte lange keinen so furchterregenden Traum wie diesen gehabt, aber ich war mir sicher, dass das in ein paar Tagen verflogen sein würde.
    Schlussendlich saß ich an meinem Schreibtisch und stocherte mit einem Bleichstift in meinen Wasserfarben herum. Versuchen konnte ich es ja. Was hatte mir denn solche Angst bereitet? Mit dem Bleistift zeichnete ich die Umrisse des grinsenden Mannes vor mir, der eine Hand nach mir ausstreckte. Zeichnen war schon immer meine Stärke gewesen und es machte mir auch wirklich Spaß, aber in letzter Zeit hatte ich keine Zeit hierfür gefunden. Als ich mit der Gestalt fertig war, versuchte ich mich an den zwölf Figuren im Kreis . Ich konnte mich nicht mehr an die genauen Gesichter der Personen erinnern, deshalb bedeckte ich sie mit den Schatten ihrer Kapuzen. Bloß der geschminkte Junge hatte sich in meinen Kopf eingeschweißt. Er war so sonderbar, dass ich mir nicht vorstellen konnte, ihn in ganz London herumlaufen zu sehen. Ich betonte seine Augen, in deren Vielfalt der Farben ich mich verloren hatte. Auch die sonderbare Frisur versuchte ich mit einer möglichst passenden Frisur auszufüllen. Schließlich stellte ich die Drehorgel auf den unsichtbaren Boden meines Bildes und steckte den Pinsel zurück in den Becher. Erschöpft ließ ich mich in meinen Stuhl sinken. Manchmal hasste ich es, das die Ferien mitten im Winter waren. Vier Monate lang Langeweile und Regen. Aber ich hatte vier Monate, um mich auf meine Schule zu konzentrieren, die ich nach meinem Abschluss machen wollte.
    Freunde hatte ich nie wirklich gehabt, die Schule war für mich dafür da, um zu lernen, und da hätten mir Freunde im Weg gestanden. Und ich war so glücklich, meinen Abschluss gemacht zu haben, da es meine Mutter so glücklich gemacht hatte.
    Nun hatte ich jedoch einen freien, klaren Kopf. Die Erinnerung an diesen Traum schien wie abgetrennt von meinen anderen Gedanken und kreiste nur noch schwammig in meinem Kopf herum. Es kam mir seltsam war, dass die Methode meiner Mutter geholfen hatte. Ich war ihr für so vieles dankbar. Ich wünschte, ich könnte ihr das irgendwie zeigen.
    Aber jetzt musste ich mich darauf konzentrieren, die Ferien zu überstehen.
    Ich faltete die Zeichnung zusammen und verstaute sie in der untersten Schublade meines Schreibtisches.
    Immer noch verschlafen, versuchte ich gegen meine schlechte Laune anzukämpfen, die meinen Kopf verstopfte. Draußen schien es wie us Eimern zu schütten. Ich malte mir aus, wie die kühlen, befreienden Tropfen auf meine heiße, glatte Haut fielen und dann in winzigen Strömen meine Wangen hinunterfielen. Mir lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter.
    Da mir keine andere Ablenkung einfiel, steckte ich meine Füße in meine roten Lackschuhe und packte mich in meine Jacke ein.
    Ein kleiner Spaziergang über den Weihnachtsmarkt würde mir bestimmt guttun. Auch, wenn wahrscheinlich alle Verkäufer ihre Waren in die Wagen geräumt hatten und hofften, dass der Regen bald aufhören würde.
    Ich zwang mich durch den Regen, der inzwischen meine Jacke komplett durchnässt hatte und verfluchte das Wetter hier in London. Ich wusste nicht, was schlimmer war: Dass die Ferien im Winter waren oder dass die gesamte Stadt bald überschwemmt werden würde. Ich rollte die Augen. Die Straßen waren menschenleer, was mich bei diesem Wetter nicht wunderte. Meine Finger waren inzwischen durchgefroren und fühlten sich steif an. Deshalb vergrub ich sie in den Tiefen meiner Jackentaschen. Wasser rann meinen Rücken hinunter und ich zuckte zusammen. Der Himmel hatte eine dunkelgraue Farbe angenommen und verschwamm mit dem Ende der Straße, sodass sich ein Nebelschwaden über den Boden schwebte und meine Füße bedeckte. Jedoch musste ich mir wohl oder übel eingestehen, dass diese Kälte etwas Befreiendes an sich hatte. Ich bezweifelte stark, dass ich jede Tag in diesem Wetter einen Spaziergang machen werden würde.
    Ich war so in Gedanken, dass ich nicht bemerkte, wie ich mit dem Kopf gegen jemanden lief. Ein höllischer Schmerz breitete sich an meiner Stirn aus und ich verlor fluchend das Gleichgewicht. Das brachte mir den Tiefpunkt meiner Laune. Mit meinem Glück landete ich auch noch in einer Pfütze, die sich bei einem verstopften Bulli gebildet hatte. Das Wasser durchweichte meine Kleider und ich kniff die Augen zusammen.,, Kannst du nicht aufpassen?“, fauchte ich und sprang auf. Ich wrang mir das Wasser aus meinen patschnassen Haaren und strich über meine Jacke.
    ,, Tut mir leid, ich war in Gedanken“, hörte ich es von der anderen Person und hob meinen funkelnden Blick. Mir blieb der Atem weg. Alles in mir verkrampfte sich und mein Kopf schien wie mit Watte gestopft.
    ,,Äh“, erwiderte ich und merkte, wie meine Stimme versagte. Meine Wut war wie weggeblasen. Ich starrte meinen Gegenüber entsetzt an und mein Herz fing an, unregelmäßig zu schlagen.
    Trotz des strömenden Regens konnte ich die Umrisse seines Gesichtes genau erkennen. Die Erinnerung wurde in mir von einer Sekunde auf die andere wachgerufen und ich konnte ihn nur noch vollkommen verschreckt anstarren.
    Ich hätte dieses Gesicht und diese Art überall wiedererkannt.
    ,, Macht doch nichts.“ Ich blinzelte ein paar Mal, um mich aus meiner Starre zu lösen und wich peinlich berührt seinem Blick aus.
    Seine schwarze Schminke um seine Augen war vom Regen ganz verwischt, seine kastanienbraunen Augen musterten mich verwirrt, der pechschwarze Pony klebte ihm im Gesicht, die blasse Haut spiegelte de trostlosen Himmel wider und seine Stupsnase schien wie die einzige Unebenheit, die grob an seinen sanften Zügen zerrte. Etwas unbeholfen stand er vor mir, genauso real wie in meinem Traum, nur dass ich ihn hätte anfassen können, wenn ich nur meine Hand ausgereckt hätte. Er war ziemlich mager und eher zierlich, trotzdem überragte er mich um einige Zentimeter.
    ,, Jetzt bist du aber ganz nass“, entgegnete er skeptisch und warf einen Blick auf meine Jacke. Mittlerweile zitterte ich am ganzen Leib vor Kälte und das war mir so unvorstellbar peinlich, dass der Fußboden plötzlich viel interessanter war. Ich strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die an meiner Wange geklebt hatte.
    ,, Naja, das macht mir nichts aus. Ich kann die ja zu Hause trocknen“, sagte ich schulterzuckend und wagte nun, ihn anzusehen, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken. Diese Unterhaltung war so uns beiden wohl ziemlich peinlich. Als ich ihm fest in die Augen blickte, um nicht vor Angst zusammenzuzucken, merkte ich, wie sich seine Augen um ein ganzes Stück weiteten und sich seine Lippen spalteten, als würde er etwas sagen wollen.
    Ich schluckte den Kloß in meinem Hals herunter.
    Unheimlich sah er schon aus, wenn ich ihn aus meinem Traum kannte und er nun in der Realität vor mir stand und mich anstarrte.,, Hab ich irgendwas im Gesicht?“, fragte ich etwas panisch und strich mir über mein nasses Gesicht.
    Regentropfen perlten an meinem Kinn herunter, dann blieben meine Hände an dem seltsamen schwarzen Zeichen stehen, das ich heute Morgen bemerkt hatte. Mein Blick zuckte von ihm zu meinen Händen. Als ich den Fleck mit meinem Daumen verdeckte, blinzelte der Typ plötzlich zweimal und stellte sich dann wieder ordentlich hin.
    ,, Tut mir leid, wenn ich neugierig bin, aber was ist das da in deinem Gesicht?“
    ,, Keine Ahnung“, ich kam mir ziemlich dämlich vor, aber am liebsten wäre ich einfach weggelaufen. Wir standen immer noch ungerührt mitten auf der Straße und fingen ein unbeholfenes Gespräch an.
    ,, Ich glaube, ich geh dann mal wieder nach Hause, um äh-Du weißt schon…“, stammelte ich und hoffte, dass er wusste, dass ich meine patschnasse Jacke meinte. Ich wollte mich schon umdrehen, da spürte ich eine Hand auf meiner Schulter und Finger, die sich in meine Schulter bohrten.
    ,, Nein, warte!“ Mein Herz machte einen keinen Aussetzer. Jetzt hatte er fast geschrien und mich grob zu sich zurückgezogen. Mein Bauch fing an aufgeregt zu kribbeln. Er schien zu bemerken, dass er mich ziemlich erschreckt hatte, denn er fing an zu stammeln:,, So war das nicht gemeint! Ich meine, das ist nicht gerade normal, wenn man mit einem derart symmetrischen Zeichen im Gesicht herumläuft. Aber meine Oma kennt sich damit aus, sie kann dir bestimmt helfen!“
    Ich war ganz und gar nicht begeistert, irgendeinem kranken Typen, den ich heute Nacht in meinem Traum gesehen hatte, zu folgen.
    ,, Das ist ja ganz nett, aber ich werde mal sehen wie es morgen aussieht“, protestierte ich nun sichtlich panischer und ging einige Schritte nach hinten. Am liebsten wäre ich gerannt, doch alles in mir verkrampfte sich schmerzhaft und ich hatte das Gefühl, gleich würde mein Herz vor Panik zerspringen. Mein Kopf dröhnte. Ich wollte weg. Aber meine Beine waren wie angewurzelt und nun machte ich mir keine Mühe mehr zu verbergen, dass ich ihn einfach anstarren wollte. Ich wollte jeden Winkel seines Gesichtes kennen und mich vergewissern, dass ich genau ihn gesehen hatte. Dann hob ich einen Arm und schloss die Augen. Mit zitternden Händen griff ich nach dem Jungen. Meine Finger umschlossen einen abgenutzten, ledrigen Stoff und mir wurde bewusst, dass hier wirklich der vor mir stand, den ich gefürchtet hatte.
    Beschämt zog ich meine Hand zurück und versuchte mich zu beruhigen. Ich hörte mein Herz deutlich schlagen. Mir wurde bewusst, dass ich mich in der Vielfalt seiner Augen verloren hatte und mich nicht mehr zusammenreißen konnte.
    Ich schluckte schwer.
    ,, Falls du es dir doch anders überlegst-“, fing er mit kratziger Stimme an, dann umfasste er mein Handgelenk, zog meinen Arm in seine Richtung und krempelte den Ärmel meiner Jacke hoch. Ich war längst zu geschockt, um mich irgendwie zu wehren, was mein Verstand mir jedoch dringend anbot.
    Behutsam zückte er einen Stift und fing an, auf meinen Unterarm zu schreiben. Die feinen Härchen auf meinem Arm stellten sich auf, als ich den Stift auf meiner Haut spürte. Ich war am Ende meiner Kräfte.
    Schließlich hörte ich ein klicken und wagte ihn wieder anzusehen. Er hatte den Stift wieder eingesteckt und ging nun wortlos weiter.
    Verwirrt warf ich einen Blick auf meinen Arm. Er hatte mir eine Handnummer aufgeschrieben. Ich nahm an, dass es seine war. Noch nie in meinem gesamten Leben hatte ich eine solche Angst verspürt. Ich zwang mich wieder nach Hause, wo ich mich auf mein Bett fallen ließ und meine Augen schloss.
    Was war hier passiert? Was war mit mir passiert?
    Ein Schauder lief mir über den Rücken und ich rollte mich auf meiner Bettdecke zusammen. Wie gerne hätte ich jetzt jemandem, dem ich von meinem Traum erzählen konnte. Aber das hatte ich noch nie gehabt: Ich hatte nie wirklich Freunde gehabt. Nur Klassenkameraden, die ich meine ganze Schulzeit über um mich hatte, und die nur etwas mit mir unternommen hatten, weil ich Jahrgangsbeste war.
    Widerwillig schüttelte ich den Kopf.
    Ich hatte auch nie eine Vertrauensperson gehabt. Meiner Mutter wollte ich nicht auch noch diese Aufgabe zuteilen. Sie hatte schon genug zu tun, mit ihren zwei Jobs und sie musste mich jetzt auch noch trösten können. Andere würden sie als schlechte Mutter bezeichnen, doch ich würde sie als die beste bezeichnen. Sie hatte vielleicht nicht wirklich viel Zeit für mich, aber sie machte alles, damit ich mich wohl fühlte. Vor ein paar Jahren hatte ich entschlossen selbstständiger zu werden und so hatte ich mich selbst weiterentwickelt und mir mein Leben selber aufgebaut.
    Sie bedeutete mir sehr viel und ich wusste, dass sie es nicht leicht hatte, nachdem ihr Mann und ihr Sohn nichts mehr mit ihr zutun haben wollten. Aber manchmal merkte ich, dass sie sehr unter dem Verlust litt.
    Ich hob meinen Kopf, der sich anfühlte, als würde er Tonnen wiegen, und stellte fest, dass es bereits später Nachmittag war. Und ein weiterer Geburtstag vorbei. Bis nächstes Jahr. Ein Seufzen konnte ich mir nicht unterdrücken, doch es klang verzweifelter, als ich es eigentlich vorhatte. Mit schweren Schritten machte ich mich auf ins Wohnzimmer, wo ich wahrscheinlich den restlichen Abend verbringen würde. So war es immer: Ich schaute fern und wartete meistens bis spät in die Nacht hinein, bis meine Mutter zu Hause war. Dann ging ich ins Bett, nur um morgens mit Kopfschmerzen aufzuwachen.
    Genervt hüllte ich mich in eine Wolldecke ein und tippte auf der Fernbedienung herum. Sonst hatte ich nie wirklich gerne ferngesehen, aber nun gehörte es zu meinem Alltag dazu. Zu einem ganz normalen Ferienalltag in meinem Leben.
    Ich versuchte meinen Kopf für die nächsten Stunden auszuschalten und konzentrierte mich auf die Dokumentation, die sich gerade vor meinen Augen abspielte. Ich hörte jedoch nur halbwegs zu, denn mit einem Ohr wartete ich auf das bekannte Klicken der Wohnungstür, wenn meine Mutter überarbeitet heimkehrte. Durch die unregelmäßigen Stimmen und den flimmernden Bildschirm spürte ich, wie meine Augenlider schwer wurden. Schließlich wurde ich von einer betäubenden Welle Schlaf gepackt und grob mitgezogen.

    Als ich nach einer traumlosen Nacht aufwachte, fand ich mich immer noch auf dem ausgeleierten Sofa zurück. der Bildschirm war erloschen und die Decke lag sorgfältig gefaltet neben mir. Ich nahm alles nur halbwegs wahr, denn ich hatte das Gefühl, meine Augäpfel wären ausgetrocknet. Es schmerzte, wenn ich versuchte sie zu öffnen und mein Kopf pochte unangenehm. Das kommt davon, wenn du zu viel fernsiehst, schimpfte ich mit mir selbst und legte mir meine rechte Hand an die Stirn. Da fiel mir die seltsame Schrift auf meinem Am auf. Ich hatte beinahe vergessen, was gestern vorgefallen war, aber nun war alles wieder da; Die Angst und die ständige Panik die mein unregelmäßig schlagendes Herz antrieb.
    Ich versuchte keinen weiteren Gedanken an den Typen zu verschwenden und erhob mich, um ins Bad zu gehen. Nachdem ich erstmal eiskalt geduscht hatte, um meinen vollgestopften Kopf zu entleeren, rieb ich mir die Seife aus den Augen und suchte die Schubladen nach einer Haarbürste ab. Als ich sie schließlich gefunden hatte und mich wieder aufrichtete, wagte ich einen Blick in den Spiegel.
    Mein Herz war kurz davor stillzustehen. Meine Brust verknotete sich, meine Knie wurden weich und alles in mir schrie. Ein erstickter Schrei kam aus meiner Kehle hervor, doch es war nicht mehr als ein Japsen. Trotzdem wich ich vor meinem eigenen Spiegelbild zurück, nur um dann wieder näherzutreten und mein Gesicht zu betrachten. Jetzt schien mir das Zeichen an meiner Wange als harmlos im Gegensatz zu dieser Sünde. Mein Magen rumorte, ich wollte schreien, doch nun ging es nicht mehr. Ich presste die Zähne zusammen und riss meine Augen weit auf. Mein Herz machte einen schlagartigen Ruck und mir wurde die Luft aus den Lungen gepresst. Was war mit meinen Augen los? Sie hatten von gestern auf heute die Farbe komplett geändert. Von einem hübschen Blaugrau zu einem Blutrot, vor dem ich mich selbst fürchtete. Wie war das möglich? Fragen kreisten in meinem Kopf herum, doch ich konnte mir sie nicht beantworten. Schluchzend presste ich meine Nasenspitze gegen den Spiegel und inspizierte jeden Faser meiner Augen, der entweder blutrot oder rosenrot gefärbt war und zusammen eine widerliche Farbe ergab.
    Mit zitternden Fingern wühlte ich in einer Tüte nach Tropfen herum, die ich dann in doppelter Dosis in meine Augen kippte. Bei der Kälte zuckte ich zusammen und schloss die Augen. Dann wartete ich, bis mein Atem regelmäßiger wurde und blickte ein weiteres Mal in den Spiegel. Ein Schrei entwich mir und ich verzog das Gesicht zu einer entsetzten Grimasse. ich war kurz vor einem Herzinfarkt. Ich war mir sicher, viel hatte nicht gefehlt. Panisch spülte ich meine Augen mit eiskaltem Wasser aus, doch alles was ich damit erreichte, war, dass meine Augen nur noch höllischer schmerzten. Wie konnte ich so unter die Leute gehen?
    Ich hörte meinen gedämpften panischen Atem und blickte fassungslos in das Monster, das sich vor mir erstreckte. Mit meinen tauben Händen betastete ich mein Gesicht und rieb mir die Augen, obwohl ich wusste, dass das nichts nützen würde. Tränen sammelten sich in meinen Augen und ich machte mir keine Mühe sie zurückzuhalten. Ich hoffte nur, dass meine Mutter schon wieder weg war.
    Ich wollte nicht, dass irgendjemand mich sah. Mein kehliges Keuchen versicherte mir, dass ich immer noch lebte. Mein Herzschlag war unnormal schnell und unregelmäßig. Am liebsten hätte ich noch ein weiteres Mal laut geschrien, doch es ging nicht. Meine Kehle war wie ausgetrocknet und wenn ich versuchte zu husten, verursachte dies nur ein unerträgliches Kratzen in meinem Hals, das ich kaum los wurde.
    Fassungslos zwang ich mich in die Küche, wo ich ein Glas Wasser in mich kippte und wieder anfing, hilflos zu wimmern.
    Meine Mutter hatte nicht einmal einen Zettel dagelassen. Aber ich war es gewohnt: Früher hatte sie sich noch die Mühe gemacht, mir eine Nachricht auf dem Küchentisch zurückzulassen, doch nun hatte sie es aufgegeben, da sie sonst selten morgens da war.
    Ich wischte mir die Tränen von den Wangen und wagte ein weiteres Mal ins Bad zu gehen. Dort machte ich mich fertig, ohne einen Blick in den Spiegel zu werfen. Als ich mir meine Hände waschen wollte, fielen mir die großen Zahlen auf meinem Unterarm auf. Sie waren mittlerweile fast vollständig verblasst, doch man konnte noch immer jede Zahl ausmachen.
    ,, Aber meine Oma kennt sich damit aus, sie kann dir bestimmt helfen.“
    Ich erinnerte mich an die Worte des Jungen, den ich gestern getroffen hatte. Sollte ich ihn anrufen? Bei dem Gedanken, mich wieder in der Vielfalt seiner unheimlichen rehbraunen Augen zu verlieren, lief mir ein Schauder über den Rücken. Andererseits konnte ich meiner Mutter niemals so unter die Augen treten. Sie würde sich nur noch mehr Sorgen machen und das wollte ich ihr nicht auch noch zur Last bringen.
    Schließlich griff ich nach dem Haustelefon und versuchte die Ziffern einzutippen. Allerdings zitterten meine Hände noch immer so stark, dass ich mich mehrmals vertippte und wieder alles löschen musste. Als ich auf die entscheidende Taste drücken musste, zögerte ich. Würde er rangehen? War es seine private Nummer? Würde er sich noch an mich erinnern? Ehe ich mir wieder den kopf darüber zerbrach, überwand ich mich und wartete schließlich auf das vertraute Piepen. Ich konnte nicht mehr stillstehen, also ging ich in meinem Zimmer auf und ab und kaute an meiner Lippe herum, bis ich warmes Blut schmeckte. Dann ließ ich mich auf mein Bett nieder. ich wollte schon wieder erleichtert auflegen, da ich bestimmt schon fünf Minuten auf eine Stimme wartete, als ich jemanden am Ende der Leitung hörte. Ich sog scharf die Luft ein.
    ,, Hallo?“ Die Stimme warf undeutlich, was mich bei unserer Verbindung nicht wunderte.,,Äh, also ich bin’s. Du weißt schon, du hast mir gestern gesagt, du könntest mir helfen und hast mir deine Nummer gegeben.“,, Wer?“ Nun wurde die Stimme etwas genervter. Er wusste nicht mehr wer ich war.,, Die mit dem Zeichen im Gesicht, du weißt schon“, versuchte ich mit brechender Stimme und wollte mich nach diesem Satz selbst ohrfeigen. Ich kaute an meinen Fingernägeln herum und wartete auf eine Antwort.
    Mein Selbstbewusstsein war wie weggeblasen.
    Es herrschte Stille am anderen Ende der Leitung und nach einigen Sekunden fragte ich mich, ob er überhaupt noch dran war.
    ,, Hallo?“ Ich kam mir dämlich vor, dass ich versuchte ein Gespräch zu führen, obwohl ich ihn doch am vorigen Tag gefürchtet hatte.
    ,, Ah ja, natürlich! Hast du dich umentschieden? Wir können uns gerne in zwei Stunden da treffen wo wir nun ja, uns begegnet sind. Also, wenn du immer noch willst.“ Man hörte deutlich das Unbehagen in seiner Stimme. Ich nickte schämend, doch da fiel mir ein, dass er mich nicht sehen konnte.,,Äh ja, bis nachher“, nuschelte ich und drückte das Telefon wieder auf den Halter. Mein Herz klopfte in meiner Brust und ich verspürte ein unangenehmes Kribbeln in meinen Waden. Worauf hatte ich mich da eingelassen?
    Ist es nicht komisch, sich mit einem Typen zu treffen, der einem im Traum erschienen ist und einem anbietet, ihn zu seiner Großmutter zu bringen, die angeblich so eine Tante ist, die sich mit Zeichen und Symbolen auskennt.
    Ich verfluchte mich selbst für meine Dummheit. Mein Mut jedoch reichte noch lange nicht, um ein weiteres Mal seine Nummer zu wählen und abzusagen. Ich hatte also keine andere Wahl als zu dem Treffen zu erscheinen.
    In meinem Zimmer durchwühlte ich die drei Schubladen meines Nachttisches, fischte eine Sonnenbrille mit dunkel betonten Gläsern heraus und setzte mir sie auf. Dann schaute ich mein Spiegelbild an. Erleichtert stellte ich fest, dass man nichts von diesen roten Scheiben sah. Andererseits konnte ich mir schon vorstellen, wie ich angeschaut werden würde, wenn ich mit einer Sonnenbrille durch London lief, mitten im Winter.
    Aber diese Konsequenz war mir angenehmer, als die Vorstellung mit roten Augen herumzulaufen.
    Ich hatte das Gefühl mein Herz würde gleich vor Aufregung zerspringen. Ich konnte kaum stillstehen. Während ich mit meinen zitternden Fingern auf dem Küchentisch herumtrampelte, fing ich an die Minuten zu zählen.
    Eine halbe Stunde vor vereinbarter Zeit setzte ich die Sonnenbrille auf, versicherte mich, dass man nichts hindurchsehen konnte, packte mich in meinem Mantel ein und verließ die Wohnung.

    3
    Meine Finger waren ungewöhnlich taub und ich musste mich darauf konzentrieren, regelmäßig zu atmen. Ich wollte mir es nicht eingestehen, aber ich hatte Angst. Und diesmal wusste ich, dass diese Angst real war und ich mich nicht hinter der Grenze zwischen Traum und Realität verstecken konnte. Die Tatsache, dass ich unversehrt erwachen würde erfreute sich momentan an massiver Nutzlosigkeit.
    Das Wetter war auch heute eher trüb und bewölkt. Schwere, stahlgraue Wolken verdeckten den Himmel und warfen fesselnde Schatten über die strengen Gebäude, die hinauf in den Himmel ragten. Zusammengefasst: Das Wetter beeinflusste größtenteils meine nicht vorhandene gute Laune.
    Ich warf einen Blick auf mein Handy, nur um festzustellen, dass ich noch ganze zehn Minuten hatte, um mich auf diesen Schock vorzubereiten. Mittlerweile stand ich wie angewurzelt an unserem Treffpunkt und zählte die Sekunden. Ich versuchte mit aller Kraft meine bebende Brust zu beruhigen, jedoch vergeblich.
    Wieso war ich mir so sicher gewesen, dass er auch kommen würde?
    Trotzdem fand ich es beruhigend, dass ich bisher keinem Menschen in diesem trostlosen Wetter begegnet war und entsprechend nicht mit meiner Sonnenbrille aufgefallen war. Ich wagte die Brille abzunehmen und in die Tasche meiner Jacke zu stecken. Meine Augen waren bestimmt immer noch angeschwollen und brannten fürchterlich, doch die kühle Brise, die meine Haut streichelte, schien den tobenden Schmerz zu beruhigen. Ein angenehmer Schauder jagte mir den Rücken hinunter. Noch drei Minuten. Ich blickte mich um, konnte jedoch nirgends seine schlanke, dunkle Gestalt ausmachen. Ob ich das als Gut oder Schlecht einordnen konnte, war mir unbewusst.
    Ich drehte mich noch einmal um die eigene Achse, versicherte mich, dass er noch immer nicht anwesend war.
    Plötzlich spürte ich eine Hand an meiner Schulter. Ich gab mir große Mühe mich nicht zu erschrecken, was jedoch gewaltig schief ging. Ich sog scharf die Luft ein, wirbelte herum und hatte Mühe, nicht aufzuschreien. Und dann stand er vor mir, hatte seine Hand verwirrt von meiner Schulter gelöst. Ich presste eine Hand gegen meine Brust, versuchte mich verzweifelt zu beruhigen, doch mein Herz schlug nach wie vor unregelmäßig.
    ,, Entschuldigung“, sagte er nun beschämt.
    Er ähnelte der Figur aus meinem Traum erschreckend. Die Haare, die ihren eigenen Willen hatten und wild von seinem Kopf abstanden, die blasse Haut, die wohlgeformte Stupsnase, die kaffeebraunen Augen, schwarz umrandet und die schmalen, vollen Lippen.
    ,, Nein, ich hätte mich nicht so erschrecken dürfen“, stammelte ich nun und konnte mich wieder gerade hinstellen. Für einen Moment dachte ich, ich würde ihn wieder verwundert anstarren, doch da bemerkte ich, dass er sich bemühte mir tief in die Augen zu schauen. Mir war es sichtlich unangenehm.
    Ich konnte nicht anders, als mich wieder zu fragen, wie menschliche Augen nur so viele Brauntöne haben konnten.
    ,,Äh ja, ich wollte deine Großmutter wegen meinen Augen sprechen“, brach ich die unangenehme Stille zwischen uns und wisch seinem Blick für einen kurzen Moment aus. Meine Stimme schien ihn ebenfalls aus seiner Starre geweckt zu haben, denn er blinzelte ein paar mal schnell hintereinander und trat nervös von einem Fuß auf den anderen.
    ,, Was das angeht, mir fällt gerade ein, dass sie vor zwei Jahren verstorben ist“, murmelte er unverständlich und zwang sich ein lächeln über die fahlen Lippen.
    Mir wurde ganz mulmig im Bauch. Welcher Mensch vergaß, dass seine Großmutter verstorben war? Mir war schon klar, dass er sich gestern eine Notlüge überlegt hatte, aber wieso hatte er mir dann seine Nummer gegeben? Wieso hatte er mir das erzählt? Wieso wollte er sich noch mit mir treffen? Wieso war er so interessiert an mir gewesen, besondre s an meinen Veränderungen? Mein Herz fing wieder an zu hämmern und ich war mir fast sicher, dass er es hören konnte.
    ,, Das tut mir leid. Ich werde dann mal lieber gehen.“ Am liebsten wäre ich schon vor Minuten weggerannt, doch meine Höflichkeit schloss dies aus. Ich wollte nur noch hier weg und mich in meinem warmen Zimmer verkriechen. Es war deutlich zu hören, dass meine Stimme langsam nachgab, was daran lag, dass mein Hals strohtrocken war. Ich schluckte.
    ,, Nein, ist schon gut. Tut mir leid, dass du umsonst hierher gelaufen bist. Ich bin übrigens Oscar“, erwiderte er mit ein wenig mehr Leben in seiner Stimme als vorhin. Er schien über seinen eigenen Schatten zu springen, denn alle Schüchternheit war wie weggeblasen. Meine wurde umso größer.
    ,, Hi“, sagte ich nur knapp und mir wurde bewusst wie albern und ängstlich meine Stimme klang. Womöglich erwartete er, dass ich ihm auch meinen Namen nannte, aber das kam bei mir nicht infrage.
    Neugier flammte in meinem Kopf auf, obwohl die Angst diesen betäubt hatte. Ich wollte mehr über ihn herausfinden und wieso ich genau ihn im Traum gesehen hatte. Es konnte natürlich purer Zufall sein, doch das konnte ich nicht glauben.
    ,, Und wie ist dein Name?“
    Diese Frage riss mich aus meinen Überlegungen. Ich wollte ihm nicht sagen wie ich hieß. Ich wollte nicht, dass er irgendetwas über mich wusste.
    ,, Alice. Mein Name ist Alice“, antwortete ich mit einer ungewohnten Schärfe. Mein eigener Name war es nicht, es war eine Notlüge. Ich wusste nicht, woher mir dieser Name in den Sinn kam, aber er tanzte schon seit der Geburt meiner kleinen Cousine Alice in meinem Hinterkopf herum.Ich hoffte, dass dieser Name glaubwürdig klang, denn ich war eine miserable Lügnerin.
    Er musterte mich mit seinen faszinierenden Augen und nickte dann einfach knapp. Ich war enttäuscht von dieser kühlen Antwort, aber als ich mich zum Gehen wandte, hielt er mich zurück.
    ,, Alice.“ Er klang selbst ein wenig unsicher, als er meinen Namen nannte, doch ich tat so, als ob es für mich eine Gewohnheit wäre.,, Ich weiß vielleicht doch ein wenig über diese Verwandlungen seit du achtzehn geworden bist.“
    Ich ließ seine Worte auf mich wirken. Sie klangen normal und natürlich in seiner unbeschreiblichen Stimme, doch irgendwie war etwas falsch. Ich wiederholte sie in meinen Gedanken und filterte jedes einzelne Wort um schließlich eine Antwort zu bilden.
    Ich drehte mich wieder vollständig zu ihm um, versuchte eine sichere Haltung hervor zu zeigen und blickte ihm fest in die Augen. Mein Gesicht war hoffentlich streng und emotionslos. Äußerlich mochte ich vielleicht stark sein, doch in meinem Inneren sprudelte die Angst und die Verwirrung zugleich.
    ,, Ich kann-“, fing ich an, ohne mit einer Wimper zu zucken, doch meine Stimme brach ab. Ich schluckte.,, Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals etwas von einem achtzehnten Geburtstag erwähnt zu haben.“
    Es war, als würde mir eine Last abfallen. Ich hatte stark ausgesehen und stark geklungen. Ich wartete auf eine Antwort und mit jeder Sekunde, in der Schweigen zwischen uns herrschte, verkrampfte sich mein Körper schmerzhafter.
    ,, Ich gebe zu, dich doch besser zu kennen, als du glaubst. Das zu erklären, würde etwas länger dauern. Und ich glaube es ist noch nicht an der Zeit, dir die Umstände zu erklären“, behauptete er mit einer mindestens genauso entschlossenen Stimme. Sein Blick bohrte sich in meinen und ich spürte wie ich unter ihm nachgab.
    Was wusste er noch über mich? Hatte er mich ausspioniert? Was meinte er damit? Ich hatte Mühe zu verhindern, dass meine Kinnlade nicht hinunterrutschte. Ich war so entsetzt von seiner Äußerung, dass ich keine Worte dafür fand. Es war wie tausende Nadelstiche, die sich in meine Haut bohrten und mich innerlich verbrannten. Ich wollte schleunigst von hier verschwinden und ihm nie wieder begegnen!
    ,, Du bist doch krank!“, schrie ich ihm mitten ins Gesicht und meine ganze Wut und die Angst spiegelten sich in diesem Schrei. Ich spürte, wie sich Tränen in meine Augen schleichen wollten, doch etwas hielt sie zurück. Ich wollte kehrtmachen und weglaufen, doch meine Beine waren wie angewurzelt.
    ,, Ich gebe dir deine Antworten wenn du still bist“, bemerkte er und verzog seine weichen Züge. Dann presste er die Lippen aufeinander und sein Blick flackerte.,, Aber würdest du bitte aufhören so wütend zu sein!“ Sein letzter Satz war nicht mehr ein Befehl, sondern eine flehende Bitte.,, Sonst finden sie dich!“
    Alles in mir schrie, doch diese Verzweiflung die sich in seine selbstsichere Stimme gemischt hatte, brachte mich zum Schweigen. Die Wut staute sich in mir auf, ich konnte nicht mehr richtig atmen. Ich spürte wie sich ein Knoten in meiner Brust bildete und meine Hände steif wurden. Ich machte mir keine Gedanken über das was er sagte. Ich wollte einfach alles wissen. Alles, was er über mich wusste und alles was er wusste, was mich betraf.
    ,, Was geht hier verdammt noch mal vor“, wisperte ich und merkte keine Sekunde danach, dass meine Gliedmaßen durch ein starkes Zittern geschüttelt wurden. Ich flehte meine Beine an, mich nach Hause zu tragen, doch es ging einfach nicht. ich konnte mich nicht daran erinnern, jemals solche Angst gehabt zu haben.
    Dann wandte ich mich wieder ihm zu.,, Erklär mir, was du von mir willst“, schrie ich ihm dann ins Gesicht, meine Scheu war verflogen und ich wollte nur noch Antworten. Ich wollte nur wissen, was hier vorging und wieso er mit mir reden wollte.
    Ich ballte meine Hände zu Fäusten und presste die Zähne zusammen. Ich war fast wahnsinnig vor Angst.
    Oskar schien sichtlich nervös, er kaute sich mit seinen perfekt weißen Zähnen auf seiner Unterlippe und musterte mich gründlich.,, Bitte beruhig dich!“, flehte er mich nun wieder an, packte mich an den Schultern und schüttelte mich einmal kräftig durch.,, Bitte!“
    Mein herz überschlug sich, ich rang nach Luft. Es wurde zu viel. Ich schloss für einen Moment die Augen, welche wieder anfingen, mich wahnsinnig zu machen und versuchte meine Atmung unter Kontrolle zu bringen. Ich würde Antworten kriegen, wenn ich jetzt ruhig blieb und mich wieder unter Kontrolle hatte. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit, in der ich einfach nur dastand und nachdachte.
    Ich drängte mich durch einen ganzen Haufen Erinnerungen und mir kam es vor, als würde mein Herzschlag langsam wieder seinen gewohnten Rhythmus finden.
    Mein Körper war zwar noch immer zusammengezogen und steif, doch ich verspürte nicht mehr den Drang, Oskar meine Faust ins Gesicht zu schlagen.
    Langsam lockerte ich jedoch meine Fäuste, entspannte meine gefrorenen Hände und versuchte selbstsicher meine Augen zu öffnen.
    Doch als ich meine Augen geöffnet hatte, waren wir nicht mehr alleine.
    Ich sog lautstark die Luft ein, merkte wie mir jegliche Farbe aus dem Gesicht wich. Ich kannte den Neuankömmling, der hinter Oskar Platz gefunden nicht, aber ich war mir so sicher wie noch nie, dass er eine von den zwölf Personen aus dem Kreis in meinem Traum war. Der leichte Wind umspielte seine schneeweißen, glatten schulterlangen Haare, die zusammengebunden waren, aus dem sich allerdings ein paar kürzere lose Haarsträhnen lösten. In seine gräuliche Haut gruben sich tiefe Falten und Augenringe verzierten seine schwarzen Rabenaugen. Ein langer eleganter Filzmantel hing von seinen breiten Schultern und schmutzige, abgenutzte Stiefel versteckten seine Füße.
    Er sah für mich nicht aus, wie jemand, den man zum Kaffeekränzchen traf.
    ,, Das soll also der neue Shirikai sein?“, fing der Mann an und dann umspielte ein spöttisches Grinsen seine fahlen Lippen. Als diese Worte seinen Mund verließen, schloss Oskar für einen Moment seine Augen.
    Ich verstand kein Wort von dem, was er gesagt hatte, aber ich nahm an, dass es nichts Freundliches zu bedeuten hatte. Was mich noch mehr beunruhigte war, dass die Worte anscheinend an mich gerichtet waren.
    ,, Magnus“, sagte Oskar dann und ein erfreutes Lächeln zierte seine Lippen. Immer noch mit geschlossenen Augen drehte er sich zu dem Mann um und blickte ihn dann grinsend an.,, Das ist der andere Shirikai.“
    Seine Worte waren genauso verständnislos für mich, wie die von Magnus.
    ,, Aber das ist ein Mensch“, erwiderte Magnus und ging einen tänzelnden Schritt auf Oskar zu. Er hatte anscheinend Mühe sich ein Lachen zu verkneifen. Irgendwie war er mir nicht geheuer.,, Ungeübt, unerfahren, hilflos und ausgeliefert.“
    Oskar wandte sich nun wieder mir zu. Ich stand nur beschämt da und lauschte ihr Gespräch.,, Ich würde an deiner Stelle die Klappe halten. Ich habe noch nie einen erlebt mit solch einer Macht.“
    ,, Eine Macht, die sie nicht einsetzen kann, wenn es darauf ankommt. Und die nicht halb so stark ist wie seine Macht. Das solltest du doch am besten wissen, oder Oskar?“ Dieses triumphierende Grinsen wollte nicht von seinen Lippen weichen. Ich wusste nicht, von was die beiden redeten, aber lange würde ich mir das nicht gefallen lassen.
    ,, Was faselt der da!“ Ich warf mich zwischen die beiden und starrte Oskar mit vor Wut flackernden Augen an. Der Typ schien amüsiert von uns, denn von hinten kam ein leises Kichern hervor.
    ,, Aha, Oskar hat dir also noch gar nichts gesagt? Dabei war er doch so siegessicher und überzeugt von dir.“ Magnus wich Oskars Blick aus und spielte an einer Haarsträhne herum. Er war darauf aus, Oskar zu provozieren, das spürte ich. Und er war kurz davor, es zu schaffen.
    ,, Halt die Klappe Magnus.“ Diesmal klang Oskar drohend, er wagte keine Bemerkung mehr und legte sich zwei Finger an seine Schläfe.
    ,, Was soll er mir noch nicht gesagt haben?“ Ich mischte mich normalerweise nur ungern in Dinge ein, aber in den letzten Stunden meines Lebens hatte sich einiges geändert.
    Magnus’ Grinsen wurde noch breiter und er wandte mir seinen eiskalten Blick zu.,, Hat er dir noch nicht gesagt, wie du sterben wirst?“ Diese Worte trafen mich hart. Es war wie ein Schlag mitten ins Gesicht, nur dass es meinen Magen umdrehte. Ich hatte das Gefühl mein herz würde einen Moment aussetzen.
    ,, W-w-was?“, stammelte ich außer mir, doch meine Stimme war nichts mehr als ein heiseres Krächzen. Wenn es etwas gab, was ich fürchtete, dann war es der Tod. Diese Worte hätten bestimmt eine Lüge sein können, doch ich spürte dass Magnus es ernst meinte. Woher wussten sie wie ich sterben würde? Wussten sie wann ich sterben würde? Und warum ich sterben würde?
    Es schnürte mir meine Brust zu, ich hatte das Gefühl nicht mehr atmen zu können, eine unerträgliche Übelkeit überrollte mich und riss mich mit sich.
    Und mit dieser Übelkeit kam eine Schwärze, und mit solch einer Wucht, dass ich nicht mehr standhalten konnte. Meine Beine knickten ein und gaben nach. Ich kam mit dem kopf hart gegen die Straße auf. Zwei schwarze Kreise schoben sich vor meine Augen und ich sah nur noch, wie Oskar sich sichtlich besorgt zu mir hin kniete und mich schüttelte. Doch umso schneller verlor ich das Bewusstsein und jegliches Zeitgefühl.




























    2. Kapitel

    Es kam mir vor wie Ewigkeiten, in denen ich einfach nur dalag und nichts fühlte. Ich hatte mittlerweile wieder Bewusstsein, doch so sehr ich mich auch anstrengte, meine Augen zu öffnen, sie waren wie zugeklebt. Meine Hände waren taub vor Kälte und alles in mir sehnte sich nach der Wärme meines Zimmers.
    Plötzlich spürte ich ruckartig etwas Kaltes an meiner Wange. So kräftig, wie es meine Haut berührt hatte, verschwand es auch wieder und ließ ein schmerzhaftes Brennen zurück. Mit einem Ruck spürte ich, wie langsam das Gefühl in meine Gliedmaßen strömte. Ich schlug die Augen auf, schnappte nach Luft und presste fast sofort meine kühle Handfläche gegen meine Wange.
    ,, Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken. Aber irgendwie musstest du ja erwachen, wir können nicht ewig hier rumhängen.“
    Ich war einen Moment überfordert mit Oskar’s Stimme, die mir viel zu laut vorkam. Dann realisierte ich, dass er mir vor wenigen Augenblicken eine ziemlich starke Schelle verpasst hatte. Ich machte mir nicht die Mühe, irgendetwas zu erwidern, denn ich musste erstmal meine Stimme wiederfinden.
    Wie ein Blitz durchzuckten mich alle Erinnerungen an Magnus und ihr Gespräch, das mir den Atem verschlagen hatte.
    Ich schaute mich perplex um. Im ersten Moment drehte sich mein Umfeld, doch als alles anfing, scharf zu werden, musste ich feststellen, dass wir die Straße verlassen hatten. Ich saß in mit Reif bedecktem Gras, das mittlerweile kniehoch gewachsen war. Als ich mich aufrichtete, stellte ich fest, dass wir uns auf einer kleinen Lichtung befanden, die sich, abgeschirmt von ein paar hohen Farnwedeln und Felsvorsprüngen, mitten in einem trostlosen Nadelwald befand.
    ,, Was wollen wir hier?“, fauchte ich ihn an und der altbekannte bloß in meinem Hals wuchs von Sekunde zu Sekunde an.
    Oskar stand vor einer Gruppe Fichten, deren dunkle Nadeln, einen eleganten Schatten auf ihn warfen. Er hatte die Augen ein wenig zusammengekniffen und die Hände in seiner Jackentasche vergraben.,, Ruf deine Mutter an“, befahl er.
    Ohne ein weiteres Wort, klappte mir meine Kinnlade herunter.,, Wieso?“, konterte ich mit einem Hauch Arroganz. Das ganze hier schien mir gar nicht geheuer. Ich traute ihm nicht, aber im Gegensatz zu unserem ersten Aufeinandertreffen, war ich nicht mehr höflich genug, um ihn alles durchgehen zu lassen. Ich wollte einfach nur nach Hause und wünschte mir, das ganze zu vergessen. Meine Augen, das Zeichen, Magnus und Oskar. Ich wollte, dass alles aus meinem Leben verschwand.
    ,, Ich sagte du sollst deine Mutter anrufen“, zischte er und seine Worte verklangen im Pfeifen des leichten Windes. Sein Blick war steinhart und zeigte keinerlei Emotionen.
    Ich wollte aus diesem Wald raus. Aber wenn ich ihn verärgerte, ließ er mich vielleicht ganz alleine mitten in einem Wald zurück, den ich nicht kannte.
    ,, Ich rufe meine Mutter ganz bestimmt nicht an“, knurrte ich und mein Kiefer spannte sich an. Ich spürte wie mein Herz langsam schneller schlug. Diese Entschlossenheit in meiner Stimme verwunderte mich selbst.
    ,, Dann ruf deinen Vater an.“
    Diese Worte waren wie ein Messerstich ins Herz. Ich spürte, wie Tränen in meine Augenwinkel krochen. Ich durfte jetzt nicht weinen! Nicht wenn er dabei war. Mine Fassade brach zusammen. Ich stand einfach nur hilflos vor ihm, vollkommen seinem Urteil ausgeliefert.
    ,, Er arbeitet.“ Ich hoffte, diese Worte würden ihn zufriedenstellen. Denn diese Lüge war so unglaubwürdig, dass ich sie selbst nicht von einem fremden geglaubt hätte.
    Oskar’s Augen verhängten sich zu Schlitzen. Ich wich seinem Blick aus.
    ,, Dann sag irgendeinem, dass du bei einer Freundin übernachtest“, bestimmte er und kramte in seiner Tasche herum. Dann zückte er ein Handy und warf es mir zu.
    Es war nämlich meins. Ich fragte mich nicht, was er sonst noch von mir gestohlen hatte, während ich bewusstlos war.
    ,, Das wäre eine schlechte Lüge, denn ich habe keine Freunde“, sagte ich nun eiskalt.
    ,, Sag einfach irgendwas!“
    Ich schluckte. Mit zitternden Fingern wählte ich die Nummer meiner Mutter. Ich wollte auf keinen Fall, dass sie sich um mich sorgte. Mir stiegen Tränen in die Augen. Sie verbrachte fast nie einen Abend ohne mich, wenn sie frei hatte. Heute wäre der Wochentag, an dem sie früher fertig war.
    ,, Ich bin’s.“ Hoffentlich klang es fröhlicher als ich es war.
    ,, Was ist denn los?“ In ihrer Stimme war klare Besorgnis zu hören, was meinem herz einen Stich versetzte.
    Ich nahm mich zusammen und antwortete mit fester Stimme:,, Ich war heute nachmittag bei einer Freundin. Sie hat mich gefragt, ob ich bei ihr übernachten will. Dann wollte ich dir bescheid sagen, dass ich heute nicht da bin.“ Es tat weh, sie zu belügen, aber ich wollte so schnell wie möglich hier raus.
    ,, Das freut mich für dich“, sagte sie und ich wusste, dass sie am Ende der Leitung lächelte.,, Dann gammelst du nicht immer zu Hause herum. Ihr könnt ja dann öfters etwas zusammen unternehmen.“
    Ich verabschiedete mich von ihr, beendete das Gespräch und steckte das Handy nun wieder lautlos ein.
    Ein Lächeln hatte sich auf Oskar’s Lippen geschlichen. Ich wollet hier raus.
    ,, Was willst du von mir?“, giftete ich und versuchte, die Tränen in meinen Augen zu verdrängen.
    Ich ging einen Schritt auf ihn zu, bedachte aber lieber Abstand zu halten. Mittlerweile senkte sich der tag dem Ende zu, ich wusste nicht, wie lange ich ohnmächtig gewesen war, doch es musste eine ganze Weile gewesen sein. Die untergehende Sonne tauchte die Lichtung und den Wald in ein tiefes Blutrot und dunkle Schatten beherrschten die Innenbereiche der Wälder.
    ,, Du willst doch selbst, dass ich dir einiges erkläre. keine Sorge, ich bringe dich morgen wieder zurück zu deiner Familie. Aber vorher musst du etwas verstehen. Folg mir“, sagte er. Ohne eine Antwort abzuwarten, wirbelte er herum und verschwand. Die Dunkelheit verschmolz mit seinem Rücken und verschluckte ihn dann schließlich vollständig.
    Ich war mir unsicher, ob ich ihm wirklich folgen sollte, doch der Gedanke, hier ganz alleine stehen zu bleiben, war alles andere als angenehm.
    Also beschleunigte ich meine Schritte und versuchte ihm zu folgen.,, Warte doch!“ Ich sah immer nur seine finstere Silhouette, die sich geschickt zwischen den feinen Zweigen und Dornen hindurchkämpfte. Mit gezielten Griffen, drückte er die Dornen blitzschnell aus seinem weg und sobald er passiert war, ließ er die Zweige auf mich einpeitschen. Mein Atem ging flacher, mein Hals war trocken und mittlerweile folgte ich nur noch seinem Keuchen, das ich fast lautlos vernahm.
    Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wo ich hinlief, doch ich hoffte, dass es sich lohnen würde. Meine Augen tränten, die Kälte nagte an meiner Nase und am liebsten hätte ich geheult. Doch es ging nicht. Ich war zu aufgeregt um einfach zu weinen.
    In Zwischenzeit müsste es schon ziemlich dunkel sein, doch ich sah die Schatten der Bäume nur zu deutlich auf dem mit Laub bedecktem Boden.
    Ich zwang mich weiterzulaufen, obwohl meine Beine schon lange nachgegeben hätten, wäre ich nicht von einer unbeschreiblichen Angst beherrscht.
    Als ich meine Gedanken einen Moment schweifen ließ, bemerkte ich im letzten Moment, dass Oskar vor mir stehen geblieben war. Ich hielt abrupt an.
    Mit großer Mühe konzentrierte ich mich darauf, nicht zu laut zu atmen, denn von ihm war kein einziger erschöpfter Atemzug zu hören.,, Warum ist es noch so hell?“, keuchte ich und warf einen Blick auf den Himmel, der für mich eine satte Blaugraue Farbe hatte. Ich krümmte mich und versuchte das Stechen in meiner Seite zu unterdrücken.,, Es ist mindestens sieben Uhr mitten im Winter!“,, Man wird dir nachher Antworten geben“, knurrte er, ohne sich umzusehen.,, Aber wenn du schon so eine schwarze Sicht hast, dann kannst du mir direkt sagen, ob du hier irgendwo einen alten Mann siehst. Ich kann nichts sehen.“
    ,, Wie, du siehst hier Dunkelheit?“
    ,, Sag mir einfach, ob du hier einen alten Mann siehst.“
    Ich öffnete den Mund, wollte eine Bemerkung abgeben, doch ich schloss ihn wieder. Das würde jetzt nichts zur Situation beitragen. Wieso es für mich so hell wie am Tag war, war mir immer noch ein Rätsel. Ich blickte mich zum ersten Mal um.
    Der Wald war mir so unvorstellbar finster vorgekommen, im Schatten der Bäume, wo man keine Sicht auf den Himmel hatte. Hier standen wir beide am Waldrand, im Schutz der Tannen.
    Ich ließ meinen Blick über die Landschaft schweifen und trat einige Schritte vor. Wir standen auf einem felsigen Untergrund, der einen breiten Streifen bildete. Als würde der Wald von einem Meter auf den anderen beginnen. Ich wagte weitere Schritte geradeaus.
    Doch mein linker Fuß trat nicht auf festen Boden, sondern landete in freier Luft. Ich konnte mich nicht mehr zurückhalten, meine Arme wirbelten in der Luft, bevor ich ins Freie stürzte.
    Doch da spürte ich eine Hand, die meinen Oberarm umschloss und mich aufhielt. Ich schnappte nach Luft und wagte einen Blick zu meinen fußen. Mehrere zehn Meter unter mir wütete das kalte Meer und peitschte gegen eine Klippe, von der ich wahrscheinlich gestürzt bin.
    ,, Pass besser auf. Ich werde nicht immer da sein um dir das Leben zu retten“, schnauzet Oskar genervt und half mir hoch. Sobald ich wieder mit beiden Füßen am Rand der Klippe stand, ließ er meinen Arm los und wandte sich von mir ab.
    ,, D-Danke.“
    Mein Herz hämmerte in meiner Brust.
    Dieser Streifen Felsuntergrund mit einigen Erdflecken, auf denen sich Moss gesammelt hatte, war etwa so breit wie ein Fußballfeld und grenzte die Klippe, die auf direktem Weg in den Tod führte, von dem Wald ab. Ich fragte mich wie ich diesen Weg mit nur wenigen Schritten durchführen gekonnt hatte. Ich blickte mich einige male aufmerksam um, doch ich konnte nirgends einen Mann sehen.
    ,, Hier ist niemand“, bemerkte ich und meine Stimme zitterte vor Schreck. Die bewachsene Steinfläche war alles andere als flach, einige steinige Spitzen ragten hinaus und in der Ferne konnte ich eine gewaltige Spitze von mindestens fünf Metern sehen, die mit einem sanften Anstieg in die Höhe ragte und dann steil hinunter ins kalte Meer führte. Auf diesem Anstieg sah ich die Umrisse eines kleinen, verletzlichen Häuschens.
    ,, Wohnt da wer?“ Ich deutete auf das Haus in der Ferne.
    ,, Dann ist er wohl wieder unterwegs“, seufzte Oskar kopfschüttelnd und warf seinen Kopf in den Nacken, um in den Himmel hinaufzublicken.
    ,, Wohnt da wer!“, wiederholte ich lauter und kälter meine Frage und blickte ihn stur an.
    Er seufzte ein zweites mal:,, Komm einfach mit und halt den Rand.“
    Obwohl es mir gar nicht passte, blieb mir nichts anderes übrig, als still zu sein und mit ihm zu gehen. Ich kämpfte mich mit meinen Schuhen über die felsigen Kiesel und versuchte ihm so gut es ging zu folgen, wie seine schlanke Gestalt, die Hände in den Taschen vergraben, geschmeidig über die Spitzen und Senkungen hinweg trabte.
    ,, Aber wenn du überall Finsternis siehst, wie konntest du den Weg hierher finden?“ Ich wusste, dass ich ihm auf die Nerven ging, aber das hatte er sich wohl früher überlegen müssen, bevor er mich dazu zwang mit ihm zu kommen.
    ,, Ich kenn mich hier aus“, antwortete er nur kühl und blieb vor dem Anstieg zu dem Häuschen stehen. Ich blieb neben im stehen.
    Einige Steinplatten waren auf dem sanften mit Gras bedecktem Anstieg hintereinander angeordnet und bildeten eine instabile Treppe, die hinaufführte.
    Als wir die endlosen Treppen hinaufgestiegen waren, hielt er vor der morschen Holztür, von der schon die dunkelrote Farbe abblätterte und kramte in seiner Jackentasche herum. Das Haus hatte zwei Stockwerke, war immer noch ziemlich breit und die Tür, sowie die Fensterrahmen waren dunkelrot gestrichen und weiß umrahmt. Das Gebäude selbst war cremefarben gestrichen und sah nicht mehr ganz sicher aus.
    Mehrere breite Risse zogen sich durch die Mauern und die Tür wurde durch ein paar alte Bretter zusammengehalten, die mit verrosteten Nägeln fixiert waren. Das Dach war geneigt und einige Täfelungen fehlten, die ich allerdings im hohen Gras neben dem Haus zerbrochen wiederfand.
    Blumentöpfe mit wildem Unkraut zierten die Fensterbretter. Einige Efeu-Ranken schlängelten sich an den wänden in die Höhe.
    Mit einem schrillen Quietschen wurde ich aus meinem Staunen gerissen. Oskar schob die schwere Tür auf und trat ein.
    ,, Du erwartest jetzt nicht ernsthaft, dass ich in diese Bruchbude gehe?“
    ,, Dann bleib die ganze Nacht hier draußen“, antwortete er nur kühl und verschwand. Dabei ließ er die Tür auf.
    Ich seufzte schwer und folgte ihm dann schweigend. Behutsam ließ ich die Tür hinter mir ins Schloss fallen.
    Ich kam in einen schmalen, engen Flur, der mit nackten Glühbirnen beleuchtet war. Einige Türen zweigten sich von dem Flur ab. Im Gegensatz zur Eingangstür wirkten diese jedoch schlichter und nicht so morsch. Der Flur war mit rotem Teppichboden ausgestattet und einige Schimmelflecken bildeten sich an der cremefarbenen Wand.
    Ich rümpfte die Nase. Wer würde hier freiwillig wohnen?
    Mit unsicheren Schritten ging ich Oskar nach, der unbeeindruckt den Flur bis zum Ende durchschritt und vor einer Tür der vier Türen rechts hielt. Er warf mir einen kurzen Blick zu, versicherte sich, dass ich immer noch hinter ihm war und öffnete diese.
    Wir kamen in ein geräumiges Wohnzimmer. Diesmal war der Boden mit Holzdielen bedeckt und ein kleiner Kamin befand sich in der hinteren Ecke des Raumes. Ein verblasstes Ledersofa stand mitten im Raum herum mit einem niedrigen Tischchen. Es machte einen deutlich sauberen Eindruck, als der feuchte Flur.
    Ich stand unberührt im Türrahmen und fühlte mich fehl am Platz. Die Fenster waren angelaufen und von Ruß verschmutzt.
    Oskar bückte sich, mit dem Rücken zu mir und als er sich nach einiger Zeit mir zuwandte, züngelten Flammen in dem Kamin.,, Setz dich“, forderte er mich auf und deutete auf das zerkratzte Sofa.
    Ich presste die Lippen aufeinander und ließ mich zögernd nieder. Oskar stand immer noch vor dem Kamin und musterte mich misstrauisch. Ich wich seinem bohrenden Blick aus und versuchte die Fasern des braunen Teppichs zu zählen, der den Boden schmückte.
    ,, Was willst du wissen?“, fragte er dann, ohne mich aus den Augen zu lassen. Diese Frage ließ meine Glieder verkrampfen. Er würde mir jetzt Antworten geben. Und warum musste ich dafür hierher kommen?
    ,, Ich will ziemlich viel wissen, um genau zu sein. Ich will alles wissen“, fauchte ich angewidert und verengte meine Augen zu Schlitzen. Ich hoffte, dass ich genau so wütend klang, wie es mir vorkam.
    Er schnaubte einmal verächtlich, wandte den Blick von mir ab und windstete sich wieder der Wand.
    ,, Du bist vor zwei Tagen achtzehn geworden, hab ich recht?“, fing er dann mit tiefer Stimme an. Mein Magen zog sich zusammen.
    ,, Ja“, antwortete ich gelähmt. Meine Stimme klang einigermaßen fest, aber die Angst war wieder einmal Bestandteil von ihr.
    ,, Und du hattest einen Traum in der Nacht vor zwei Tagen.“ Er erwartete keine Antwort, denn fuhr sofort wieder fort.,, Warte einen Moment, bitte.“
    Damit wandte er sich wieder um und verschwand aus dem Raum.
    Es war mir unangenehm, völlig allein in der fremden Umgebung zu sein. Ich schluckte schwer und beobachtete die züngelnden Flammen. Mein Blick verlor sich in ihnen, denn als Oskar wieder auftauchte, wurde ich schlagartig aus ihrem Bann gerissen. Ich zuckte zusammen.
    Mit seiner Rückkehr hatte er ein dickes, in Leder gebundenes Buch, gebracht, das er neben mich auf das Sofa warf. Ich betrachtete es skeptisch.
    ,, Weißt du was das ist?“, fragte er schließlich und deutete mit festem Blick auf das Buch an meiner rechten Seite. Ich schüttelte den Kopf. Meine Stimme schien den Geist aufgegeben zu haben.
    Er seufzte:,, Das habe ich mir gedacht.“ Er ließ sich neben mich auf das Sofa sinken und legte das Buch sorgfältig auf seinen Schoß. Ein Räuspern verließ seine Kehle und er blätterte achtlos in dem Buch herum. Es herrschte eine angespannte Stille, die nur das Knistern des Kamins brach. Keiner von uns schien es zu wagen, ein Wort zu sagen.
    ,, Du bist ein Shirikai. Ein Wesen zwischen Mensch und Tier. Mit roten Augen, die den Augen eines Menschen voraus sind. Sie kennen keine Dunkelheit und können diese dementsprechend auch nicht wahrnehmen. Die Sinne eines Menschen sind bei ihnen ausgeprägter. Sie haben ein Mal im Gesicht, das sie kennzeichnet und einzigartig macht, genannt das Mal des Jägers. Nur diese Dinge unterscheiden sie von Menschen.“
    Ich brauchte einige Momente um die Worte auf mich wirken zu lassen. Er hatte derart schnell und entschlossen gesprochen, dass ich verwirrt blinzelte. Das hatte Magnus also vorhin gemeint.
    Ich konnte es nicht glauben.,, Eigentlich bin ich zu alt für Märchengeschichten und du auch“, entgegnete ich daher fest und wich seinem Blick aus. Es kam mir lächerlich vor, dass er jetzt etwas von unerforschten Tierarten sprach. Und dass ich ein Tier war, passte mir erst recht nicht.
    ,, Wie würdest du dir sonst dein Aussehen erklären?“
    Ich wollte den Mund öffnen, schloss ihn dann schließlich wieder. Ich musste mir wohl oder übel eingestehen, dass es wohl keine logische Erklärung dafür geben würde.
    Er legte den Kopf schief und für den Bruchteil einer Sekunde konnte ich Triumph in seinen bohrenden Augen sehen.
    ,, Ich dagegen bin ein Khai“, er musterte mich aufdringlich.,, Ich bin nicht sonderlich anders als ein Mensch, wenn man das Aussehen betrachtet. Aber ich kann die Stimmung in Menschen fühlen. Ich kann spüren, wie sich Leute in meiner Gegenwart fühlen. Du zum Beispiel hast ganz klar ziemliche Angst vor mir.“ Der letzte Satz hatte einen spöttischen Unterton.
    ,, Anscheinend kannst du das nicht sehr gut, denn wer hätte vor einer Witzfigur wie dir Angst“, giftete ich zurück und war für einen Moment überrascht wie selbstsicher ich dabei klang.
    Er dagegen hob nur eine Augenbraue und ging nicht weiter darauf ein.,, Es gibt eine Reihe ganzer anderer neuen Geschöpfe, aber die sind vorerst noch nicht so wichtig. Aber was ziemlich wichtig ist: Man ist nicht von Geburt an ein Shirikai. Man wird ganz langsam zu einem. Ab dem achtzehnten Geburtstag treten die Sorten Symptome auf; jeder Shirikai hat in der Nacht vor dem achtzehnten Lebensjahr einen Traum, egal ob gut oder böse. Dieser sagt dir einiges über dein Leben voraus. Sieh es als eine Zukunftsvorhersage, wenn du es genau wissen willst. Normalerweise sollte sich ein Shirikai nach dieser Vorhersage richten. Wenn man jetzt zu des Khai’s zurückkommt: sie sind gut oder böse, aber nichts dazwischen.“
    ,, Böse?“, fragte ich verwundert. Ich wusste, dass es einen Haken geben würde. Diese Geschichte schien noch nicht ausgefeilt genug. Ein lähmender Kloß bildete sich in meinem Hals.
    ,, Jetzt kommen wir zum unschöneren Teil“, seufzte er nun und schlug das Buch auf. Die Seiten waren fahl und brüchig, als würden sie verreißen, wenn man sie umblätterte. Die aufgeschlagene Seite befand sich irgendwo in der Mitte des Buches. Eine seltsame Schrift bedeckte die Seiten, die ich nicht identifizieren konnte. Eine verblasste Zeichnung war ebenfalls abgebildet. Es war ein Mann, mit grauer Haut und roten Augen, der sich über etwas beugte. Dieses Etwas musste ich wohl oder übel als blutverströmte Gliedmaßen erkennen. Ich zuckte zusammen. Ein Grinsen lag auf den Lippen dieses Mannes und ich hatte das Gefühl, dass sein Blick mich bis auf mein Mark erschütterte.
    ,, Wer ist das?“, wisperte ich mit zitternder Stimme und kaute auf meiner Unterlippe herum. Mein Atem ging wieder stoßweise und ich musste mich darauf konzentrieren es nicht zu vergessen.
    ,, Das ist Artus Fuchs, ehemaliger König von Rubinien und einziger Erbe von Marcus Lucius Fuchs“, antwortete Oskar und schlug eine andere Seite auf. Sie zeigte einige Porträts von strengen Männern. Er legte seine Fingerkuppe auf das Bild eines älteren Herren, das sich direkt neben einem angsteinflößenden Bild von Artus befand. Der Mann hatte stahlgraue Haare, die unter einer weinroten Kappe versteckt waren und einen langen Bart. Die roten Augen bohrten ich in meinen Kopf und jagten mir einen kalten Schauder über den Rücken. Ich schluckte.
    ,, Aber es gibt längst keine Könige mehr“, bemerkte ich und deutete auf die Geburts- und Todesdaten der jeweiligen Herren. Artus war mit Abstand der jüngste von den Königen. Sein Todesdatum ist erst fünf Jahre her. Daher wunderte mich sein älteres Aussehen. Die kahle Glatze spiegelte die Gleichgültigkeit seiner Augen und seine Gesichtszüge zeigten klare Arroganz. Doch jeder abgebildete Mann hatte glühende, hungrige rote Augen und ein Mal auf der Wange.
    ,, Ich werde dir jetzt eine Geschichte erzählen.Es würde mich freuen, wenn du mich nicht unterbrechen würdest“, murmelte Oskar ein wenig schärfer und räusperte sich.,, Ich bin sicher, du hast noch nie etwas vom Tor zur Hölle erfahren oder? Nun ja, hierbei handelt es sich um den Eingang in eine andere Welt, die abgetrennt ist von dieser hier. Dorthin haben sich alle Wesen verzogen, die sich nicht unter die Menschen mischen konnten. Und der einzige Eingang in diese Welt wird von uns Das Tor zur Hölle genannt und es ist sehr schwer dieses zu erreichen und noch schwerer dieses zu finden. Aber mittlerweile gehen kaum noch Leute freiwillig durch dieses Tor. Denn diese Welt, die parallel von unseren liegt solltest du dir nicht als schön vorstellen. Eigentlich sind die sprudelnden Bäche und die endlosen Wälder, geschirmt von hohen Felsen und die schützenden Stadtmauern ganz absehbar, aber was die Bevölkerung angeht, sind sie völlig daneben. Diese Landschaft, von der noch keiner die Grenze entdeckt hat, nennt sich Rubinien. Seinen Namen hat dieser Ort von den zahlreichen Rubinen, die sich in den Felsenhöhlen verstecken. Und mitten auf einem ungeschützten Punkt Erde kam vor vielen Jahrhunderten jemand auf die Idee eine Stadt an die Felsen zu bauen. Diese Stadt war Yagrin. Jedes Gebäude war aus hellgrauem Stein und die Festung war atemberaubend schön. Daher wurde diese Stadt oft erobert und wieder zurückerobert. Sie ist immer noch sehr begehrt.
    Aber Yagrin ist nicht der einzige Ort, wo sich heute niedergelassen haben. Irgendwo im Moor, in den abgelegneren Orten, ließ Marcus’ Urgroßvater eine zweite Stadt erbauen. Er nannte sie Schattenfels. Die Mauern hingegen waren aus schmutzigem, alten Stein und sie lag im Schutz der Felsen, sodass die Sonne diesen Ort nie erreichte. Aber der alte Fuchs war der Meinung, nur ein einziger König sollte über beide Städte herrschen und dieses Reich erweitern. Er schlug sich selbst vor. Doch der damalige König von Yagrin lehnte sein Angebot ab und beschrieb ihn als ungeeigneten Führer für seine Stadt. Es herrschte danach einige Jahre Stille, doch das war nur der tiefe Atemzug vor dem Sturm. Fuchs stellte alle seine Truppen zusammen und stürmte die Stadt. Er brachte Yagrins Herrscher um und besetzte die Festung. Das erste was er tat war, dass er ein neues Gesetz aufstellte: Er selbst war übrigens ein Shirikai. Er verlangte dass nur Shirikai’s die Stellung eines Königs annehmen konnten. Seine Begründung war, dass nur diese das Reich ausreichend verteidigen könnten.
    Danach folgten einige Generationen Funkstille, bis schließlich Marcus den Thron von seinem Vater erbte. Den Bewohnern von Yagrin war bewusst, dass sie diesen Schwächemoment nutzen könnten und erhoben sich gegen Fuchs. Schließlich kam die Stadt wieder in ihren Besitz. Marcus schaffte es nie, sie zurückzuerobern. Als schließlich auch er im Sterbebett lag, musste er sein Amt an einen seiner zwei Söhne weitergeben. Er hatte es aufgegeben um die Stadt zu kämpfen und wollte, dass seine Söhne auch kein Risiko eingingen. Artus war der ältere Bruder und war sich sicher, dass er den Thron erben würde. Denn sein viel jüngerer Bruder Jack, der gerade erst achtzehn geworden war, war viel zu unerfahren und er war schon recht kein Shirikai wie Artus. Doch wie Marcus es verlangte sollte Jack seinen Platz einnehmen, denn er wusste, dass Artus viel zu ehrgeizig sein würde, um zu wissen wann er sich zurückziehen sollte.
    Als er dann starb, suchte Artus, von der Wut und Enttäuschung getrieben, seinen Bruder in der Nacht heim und jagte ihn mit ein paar Anhängern durch den Wald. Der arme Jack war von seinem eigenen Bruder verraten worden und wurde nun von ihnen bis in den Tod verfolgt. Denn Jack passte einen Moment nicht auf und stolperte kopfüber mitten in eine steile Schlucht. Aber da unten am Schlund ein Bach sprudelte, wollte Artus kein Risiko eingehen und sprang seinem Bruder hinterher in den Tod um sicherzugehen, dass er nicht überlebte. Einige Monate vergingen und plötzlich stand Artus unversehrt vor dem Tor seiner Stadt. Er tischte seinem Volk eine saftige Lüge auf und kam schließlich an die Macht. Und deshalb war er so gefährlich. Er hatte den Tod bezwungen und war zurückgekehrt.“ Am Ende versagte Oskar’s Stimme und ich beobachtete wie sein Blick verschleiert in den Flammen hing. Ich hielt die Luft an. Ich wollte die Stille nicht brechen.,, Was ist jetzt mit Yagrin?“, fragte ich zögernd nach und hob neugierig meinen Blick um in seine warmen, kakaobraunen Augen zu sehen.
    ,, Naja“, sagte er sichtlich bedrückt.,, Bisher hat Marcus noch nicht versucht, sie zu erobern, aber ich wette, er wird es versuchen. Im Moment befinden wir uns in der Ruhe vor dem Sturm. Aber da gibt es noch etwas wichtiges, was du vielleicht wissen solltest. Es kann immer nur ein Shirikai geben.“
    Ich blickte ihn verdutzt an. Ehe ich mich wieder in seinen atemberaubenden Augen verlieren konnte, wich ich seinem Blick aus und wandte ihn dem Feuer.,, Wie meinst du das?“
    Er schluckte einmal schwer und fuhr sich durch die schwarzen Haare, dann beschwichtigte er:,, Weißt du jeder Shirikai hat neben den ofensichtlichen Kräften auch eine besondere individuelle Kraft. Was deine ist, musst du noch herausfinden. Auf jeden Fall ist Artus’ Gabe, dass er menschen zu Eis erstarren lassen kann, nur mit seinem Blick. Aber bis vor zwei Tagen gab es wieder einige Zeit keinen zweiten Shirikai. Denn wenn ein zweiter existiert, dann ist Artus’ Macht irgendwie blockiert. Das heißt, er kann seine Macht nur begrenzt einsetzen, weil eine Person existiert, die die gleichen Fähigkeiten hat wie er. Und das stört ihn, denn er allein will der Mächtigste sein. Wenn also ein zweiter Shirikai lebt, will Artus ihn töten um wieder alle Macht zu haben. Denn wenn einer den anderen tötet, überträgt sich die Gabe des Verlierers auf den Gewinner. Da Artus schon viele Shirikai’s umgebracht hat, die ihm im Weg waren, hat er dementsprechend auch mehr als eine Gabe. Und das ist ein weiterer Grund, wieso man sich noch nicht gegen ihn erhoben hat. Wir wissen viel zu wenig über ihn.“
    Es traf mich wie ein Schlag und erst schien alle Reaktionen gleichzeitig in mir auszulösen. Mir klappte die Kinnlade herunter. Mein Magen verknotete sich schmerzhaft und meine Atemwege waren wie verstopft. Ich keuchte erschreckt auf.
    ,, Dann bin ich der Shirikai, der ihm im Weg steht. Der, der vernichtet werden muss“, wisperte ich und führte meine Finger zu meinem Mund. Ich nagte an meinen Fingernägeln, wiederholte jedes Wort, das seinem Mund entwichen war. Der Kloß in meinem Hals schien sich mit jedem Atemzug zu vergrößern und langsam ging mir die Luft aus. Eine unangenehme Taubheit erfüllte meine Hände und ich ballte sie zu Fäusten um gegen die Angst anzukämpfen. Ich presste meine Zähne zusammen, bis mein Kiefer schmerzte, doch auch dann ließ ich nicht ab. Jeder Muskel meines Körpers schien sich anzuspannen und mich in einer Starre gefangen zu halten.
    ,, Aber normalerweise werden Menschen nicht zu Shirikai’s, sondern andere Wesen wie ich“, schnaubte Oskar und schien dem Anschein nach nicht bemerkt zu haben, wie mich seine Worte aus der Fassung gebracht hatten.
    Ich konnte meinen kopf nicht einmal in seine Richtung drehen, als er aufstand, sich vor das Feuer bückte und sich die durchgefrorenen Finger wärmte, doch ich verspürte die Kälte nicht, die durch die zahllosen Risse in der Wand in das Haus kroch.
    Ich atmete nicht mehr, es kam mir vor wie eine Ewigkeit in der ich die Luft anhielt und einen Punkt fixierte, den nur ich sehen konnte. Vor meinem geistigen Auge spiegelte dich das Bild von Artus ab. Die roten, gierigen Augen, die mich um den Verstand brachten und die fahle, graue Haut, die sich über seine markanten Knochen spannte.
    Ich hatte das Gefühl jeden Moment zu explodieren. Alles in mir schrie danach und ich fürchtete jeden Moment, mein herz zu versagen.
    Ich schnappte erschreckt nach Luft und sprang mit einem bestimmten Ruck auf.,, Das ist doch krank! Du bist krank! Lass mich gefälligst in Ruhe! Ich will dich nie wieder sehen!“, schrie ich seinem Rücken entgegen, bevor mich meine Beine wie von selbst rennend zur Tür hinaus trugen. Ich wagte keinen Blick über die Schulter, trotzdem konnte ich Oskar’s Blick überdeutlich in meinem Nacken spüren und ich sehnte mich danach, ihm ein weiteres mal in die Augen zu sehen.
    Wehmütig schüttelte ich den Kopf und schlug die Haustür hinter mir zu. Dann hielt ich einen Moment inne. Heiße Tränen stiegen in meine Augen und drohten überzulaufen. Doch das war das letzte was ich nun wollte. Obwohl es bestimmt tiefste Nacht war, sah der Himmel unverändert aus. Die Wolkendecke hatte sich an einer Stelle gelöst und machte dem Mond Platz, der inzwischen schon hoch am Himmel stand.
    Ich schluckte, dann lief ich weiter. Beinahe wäre ich über einen Haufen Holzkohle und Zweige gestolpert, der unmittelbar neben der Treppe war. Fast hätte ich gelächelt, als mir bewusst wurde, womit Oskar sich seine Augen färbte. Doch ich konnte mich im rechtzeitigen Moment zurückhalten.
    Mittlerweile weinte ich und ich konnte es nicht mehr leugnen. Am liebsten würde ich die Zeit zurückspulen und hätte mich nie auf ein Treffen mit Oskar eingelassen.










    3. Kapitel

    Ich rannte bestimmt schon seit einer gefühlten Ewigkeit ziellos durch den Wald. Ich spürte weder Kälte, noch Schmerz, denn mein ganzer Kopf war darauf konzentriert, dieses Bild von Artus zu vergessen. Der Weg nach hause war mir unbekannt, doch ich hatte keine Nerven mehr um mich daran einzulassen. Das einzige, was ich im Moment wollte war, diesen Tag noch einmal zu erleben und alles zu ändern. Ich bereute es zutiefst jemals achtzehn geworden zu sein. Das hatte mir bisher nur Ärger eingebracht.
    Irgendwann spürte ich jedoch die Müdigkeit in meinen Beinen und bemerkte, wie ich immer langsamer wurde, bis ich schließlich kraftlos und erschöpft auf die Knie fiel. Ich presste meine Wange gegen den kühlen, feuchten Waldboden und schloss für einen Moment die Augen. Alles war still, nicht einmal der Wind pfiff in den Tannenspitzen.
    Ein Schluchzen entwich meiner Kehle und ich zuckte bei dem lauten Geräusch zusammen.
    Mit bebender Brust setzte ich mich mit dem Rücken zu einem Baum und stützte den Kopf auf die Knie. Etliche Kratzer an meinem Körper schmerzten unerträglich und ich spürte wie Blut von meinen aufgeschürften Knien mein Schienbein hinuni rann.
    Wie oft war ich hingefallen und hatte mich wieder aufgerappelt, einfach um zu vergessen was ich war. Doch ich musste nur den Kopf in den Nacken werfen und einen flüchtigen Blick in den Himmel werfen, damit ich der Tatsache ins Auge sehen konnte.
    Ich musste mir eingestehen, dass es eine äußerst dumme Idee war, alleine in einen fremden Wald zu rennen, wenn man gerade erfahren hatte, dass da draußen ein Psychopath existierte, den einen umbringen vermochte.
    Schweiß bildete sich an meinem Nacken. Ich hatte Angst.
    Und wie gerne hätte wäre ich jetzt ins Oskar’s Nähe gewesen, der mich nach hause gebracht hätte. Dann hätte ich damit abschließen können und mich für den Rest meines Lebens einsperren können.
    Es tat weh, wenn ich daran dachte, wie es meiner Mutter wohl gehen würde. Ich hatte sie angelogen, obwohl es überhaupt keinen Grund gab. Ich hatte einem Fremden vertraut, nur weil er behauptete, er könnte mir helfen. Und jetzt saß ich hier, mutterseelenallein und weinend. Ich bezweifelte stark, dass ich alleine den Weg nach Hause finden würde. Doch es war mir egal. Es gab nur diesen Moment indem ich weg von dieser Alptraum war, der mich seit zwei Tagen verfolgte. Und doch konnte ich nicht anders, als darüber nachzudenken, in der Stille der Nacht.
    ,, In dieser Nacht hat jeder Shirikai einen Traum, eine Zukunftsvorhersage, wenn du es genau wissen willst.“
    Mein Verstand setzte für einen kurzen erschreckenden Moment aus. Ich hatte einen grinsenden Mann gesehen, der mir etwas antat in einer unendlichen Dunkelheit. Ich hatte Oskar gesehen, der wie das ungleiche Spiegelbild des Mannes hinter ihm stand und mich mit seinem Blick durchbohrte.
    Widerwillig schüttelte ich den Kopf. Ich musste in einem miesen Traum gelandet sein und ich würde gleich aufwachen und mich heilfroh in meinem Bett wiederfinden.
    Irgendwo in meinem Inneren wusste ich, dass es nicht stimmte, doch ich wiederholte diesen Gedanken so oft in meinem Kopf, bis ich zu erschöpft war um mir weiterhin den Kopf darüber zu zerbrechen.
    Ich stand mühsam auf, meine Beine zitterten, und schlang die Arme um meinen Körper. Die Kälte machte sich mittlerweile bemerkbar und ich biss mir so fest auf die Lippe, bis ich warmes Blut schmeckte.
    Genervt spuckte ich auf den Boden und setzte meinen Weg fort. Doch nun hielt ich vor jeder Wurzel inne, setzte dann langsam einen Fuß vor den anderen aus Angst meine Beine würden nachgeben. Mein Schädel brummte und mittlerweile hatte ich das Gefühl im Kreis zu laufen. Ich wagte einen Blick zum Himmel hinauf. Am Horizont, der bis jetzt nur verschwommen sichtbar war, hatte sich ein kleiner rosa Streifen gebildet.
    Ich seufzte erleichtert auf, obwohl dies keineswegs meine Rettung versicherte.
    Achtsam blieb ich vor einer knorrigen Tanne stehen und blickte hinauf. Dann umklammerte ich einen Ast und zog mich daran herauf. Bevor meine Arme nachgeben konnten, schwang ich mich mit den Beinen hinüber und saß nun schwer keuchend dort. Ich brauchte einige Momente um Kraft zu schöpfen, als ich mich zum nächsten Ast aufmachte. Nur mit großer Mühe erreichte ich diesen.
    Mir fehlte definitiv eine Nacht Schlaf.
    Keuchend und stöhnend hievte ich meinen Körper über die letzte Spitze und verharrte in dieser Position, bis ich mich zwang über das letzte Hindernis zu klettern. Ich stand nun auf dem schmalen ist, der unter meinem Gewicht zu brechen drohte, und hatte einen relativ guten Überblick über den Wald.
    Wohl oder übel musste ich mir eingestehen, dass dies ein recht schöner Anblick war. Ich kniff die Augen zusammen und verschärfte meinen Blick. Hatte Oskar nicht erwähnt, ich könnte ausgeprägter sehen als ein Mensch?
    Ich konzentrierte mich mit aller Mühe auf den Horizont und drehte mich um meine eigene Achse. Dann spitzte ich die Ohren. Mit großer Mühe vernahm ich ein leises Rauschen. Eine Straße. Ich schlug die Augen auf und blickte in die Richtung. Tatsächlich spaltete sich dort der dichte Wald und gab Sicht auf eine schmale, recht gut befahrene Landstraße.
    Meine Müdigkeit war wie weggeblasen.
    Ich beeilte mich und sprang die letzten beiden Äste herunter, dann rannte ich in die gewünschte Richtung. Meine Beine trugen ich von alleine, ich konnte nicht mehr denken. Keuchend hielt ich an, als sich der weiche Waldboden zu fester Straße umwandelte.

    Als ich zu Hause ankam, stand die Sonne schon ziemlich hoch am Himmel. Ich fand die Wohnung menschenleer auf, was mich in diesem Moment beruhigte. Wie sollte ich meiner Mutter das mit meinen Augen erklären? Mit zitternden Fingern ging ich in mein Zimmer und ließ mich auf mein Bett fallen. Es tat so gut endlich da zu sein, wo ich am liebsten den Rest meines Lebens verbracht hätte. Ich schloss für einen kurzen Moment die Augen und bemerkte wie ich mich in der Ferne verlor.
    Wahrscheinlich war ich eingeschlafen, denn ich wachte auf, als ich hörte wie die Haustür ins Schloss fiel und ein klimpernder Schlüssel abgelegt wurde. Schlaftrunken sprang ich auf und hastete zur Tür, nur um sie zu schließen. Ich brachte einige Momente um mich zu fassen und der Panik, die sich in mir breit machte, freien Lauf zu lassen. Mit hämmernden Herzen lief ich in meinem Zimmer auf und ab, bis die Tür geöffnet wurde. Ich keuchte auf und drehte mich mit dem Rücken zur Tür.
    ,, Und hast du dich gut amüsiert?“, fragte meine Mutter und ich spürte wie sie lächelte.
    ,, Klar“, stammelte ich etwas unsicher und tat so, als würde ich etwas in meiner Schublade suchen.
    ,, Ist wirklich alles gut?“
    ,, Ja, mir ist nur ein bisschen übel. I-Ich glaube, ich nehme lieber eine Tablette und esse bis morgen nichts.“ Es tat weh, sie anzulügen, obwohl es eigentlich keinen Grund dazu gab. Wieso musste ich lügen? Mein Herz zog sich zusammen und ich hatte Mühe nicht zu schluchzen.
    ,, Mach das. Aber was ich dir eigentlich sagen wollte: Wenn du sowieso heute Abend nichts isst, dann kann ich ja doch mit Frank essen gehen, du weißt schon, mein Arbeitskollege. Ist das okay für dich?“
    ,,Äh natürlich!“, antwortete ich vielleicht etwas zu laut, denn ich zuckte bei meiner eigenen Stimme zusammen. Erst als ich hörte wie sie seufzend die Tür schloss, schloss ich meine Schublade und ließ mich stöhnend auf mein Bett fallen. Am liebsten hätte ich geweint, doch es ging nicht. Ich hatte alle meine Tränen in den letzten Stunden aufgeraucht. Stattdessen schluchzte ich ununterbrochen und starrte mit leerem Blick an meine Zimmerdecke. Ich konnte mir nicht vorstellen, jetzt noch einzuschlafen. Es war zu viel passiert, über das ich nachdenken konnte. Bevor ich mir über irgendetwas den Kopf zerbrechen konnte, ging ich ins Badezimmer und betrachtete mich im Spiegel. Ich sah schrecklich aus.
    Tiefe Augenringe zeichneten sich unter meinen Augen ab, meine Nase und meine Augen waren stark gerötet, Kratzer zierten mein Gesicht, ebenso das Zeichen auf meiner Wange. Aber das schlimmste waren immer noch meine Augen, die bei meinen abstehenden, schwarzen Haaren hervorstachen. Egal wo ich hinschaute, diese roten Kreise verfolgten mich.
    Mühsam zwängte ich die Stängel meiner Haarbürste durch meine verfilzten Haare und putzte meine Zähne ausführlich. Dann stellte ich mich unter eine eiskalte Dusche. Das Wasser tat gut, es schien die Gedanken für den schrecklichen Moment des Aufpralles auszulöschen, doch mein Körper hatte sich viel zu schnell an die Kälte gewöhnt. Ich ließ den Strahl in mein Gesicht fließen und seufzte einmal laut.
    Und ich, naiv, hatte geglaubt, die

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1514567799
Paranormal
Paranormal
Ich war nur ein Mädchen. Nur ein Mensch. Bis zu meinem achtzehnten Geburtstag, an dem sich mein Leben abrupt wendete. Nun musste ich Angst haben und war jeden Morgen glücklich, wenn ich noch lebendiges Fleisch und Blut war.
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2017-12-29
40B0
Fantasy Magie

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buerste333 ( von: buerste333)
vor 111 Tagen
Wann kommt die Fortsetzung?