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Happy Family = Big BTS Drama

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56 Kapitel - 48.424 Wörter - Erstellt von: K.Kuscheltierfan - Aktualisiert am: 2018-04-10 - Entwickelt am: - 22.668 mal aufgerufen - User-Bewertung: 4.88 von 5.0 - 8 Stimmen- Die Geschichte ist noch in Arbeit - 52 Personen gefällt es

Nach der Scheidung ihrer Eltern zieht Lynn (Protagonistin) mit ihrer Mutter zu deren Liebhaber nach Südkorea. Darauf eingestellt, diese neue Familienkonstellation nicht zu akzeptieren, sieht sie schnell ein, dass wenn sie sich gegen ihre neue Familie stellt, sie sich gleichzeitig gegen BTS stellt.

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    „Mir reicht es jetzt endgültig! Mit dir lässt sich einfach nicht reden, ohne dass du sofort die Nerven verlierst.“ Ein Türschlagen und dann her
    „Mir reicht es jetzt endgültig! Mit dir lässt sich einfach nicht reden, ohne dass du sofort die Nerven verlierst.“ Ein Türschlagen und dann herrschte wieder Stille. Ich nahm das Kissen, welches ich mir auf die Ohren gedrückt hatte und schmiss es in die nächste Ecke. Jeden verdammten Morgen seit Wochen weckte mich nicht Awake, dass Lied meines Bias, welches ich auf meinem Handy als Weckton eingestellt hatte, sondern das Geschrei meiner Eltern. Das Wort Ehekrise wäre die Untertreibung des Jahrhunderts. Ich seufzte. Nur mit Mühe quälte ich mich aus meinem riesigen, kuscheligen Bett und taumelte ins Nebenzimmer, welches mein komplettes Sortiment an Klamotten beherbergte. Es war Montagmorgen und meine Stimmung lag schon im Keller. Das sollte eine lustige Woche werden, dachte ich ironisch und versuchte meine zerzausten Haare zu ordnen. Es klopfte an der Tür. „Miss, ihr Frühstück steht im großen Saal bereit.“, rief eine zarte Frauenstimme von draußen. „Ich komme gleich!“, kam meine Entgegnung. Die Frauenstimme gehörte einer unserer Bediensteten. Und ja, wir waren keine stinknormale Alltagsfamilie. Meine Eltern leiteten beide große Unternehmen, die Unterfirmen überall auf der Welt und in sämtlichen Ländern hatten. Kurz gesagt, ich wuchs in einer Familie auf, die wörtlich in Geld hätte schwimmen können.

    Ich zog schnell meine Schuluniform an, schnappte mir meine Schultasche und verließ mein Zimmer. Ich lief die Treppe hinunter und betrat den Essensraum. Raum war vielleicht das falsche Wort, Ballsaal traf es deutlich besser. Der Raum war riesig, genau wie der Tisch. Zwölf Leute konnten daran sitzen und essen. Ich konnte es nicht ausstehen hier zu essen. Meine Eltern waren längst zur Arbeit gefahren und Geschwister besaß ich auch keine. Alleine in einem großen Raum und einen riesigen Tisch sitzend, machte mich schon fast depressiv und ließ mir den Hunger vergehen. Ich nahm das Tablett mit Brötchen, Croissant, Tartes und was sonst noch an leckeren dort rumstand und für eine Person viel zu viel war und machte mich auf den Weg zur Küche. Zwei der Dienstmädchen unsrer Familie wuschen gerade Geschirr ab. Ich ließ mich an dem kleinen Tisch in der Mitte des Raumes nieder. „Guten Morgen Hilde und Mona.“ Verwundert drehten sich die beiden um. „Aber Miss, die Küche ist doch nur für Personal. Ihr Vater hat ausdrücklich gebeten den Tisch im großen Saal zu decken.“, meinte Hilde. Hilde war schon etwas älter, was man ihrem grauen Haar ansah. Trotz der Falten strahlten ihre Augen mit Freundlichkeit, aber auch Intelligenz. „Wie oft soll ich euch denn noch sagen, dass ihr mich nicht dauernd mit „Miss“ anreden sollt! Nennt mich einfach Lynn, dass ist immerhin mein Name seit 17 Jahren. Außerdem frühstücke ich lieber mit euch zusammen, sonst sterbe ich noch vor Langerweile allein essend.“ Ich grinste die beiden an. „Ihr habt doch auch noch nichts gegessen oder?“ Mona, die vielleicht 8 Jahre älter war als ich schaute zu Hilde. Diese schüttelte nur den Kopf, musste aber auch grinsen. Mona nahm das als Zustimmung und ließ sich neben mich auf den Stuhl fallen. Keine Sekunde später war ihr Teller beladen mit allem möglichen Schnickschnack. „Hilde, du bist echt die beeeeste Köchin, die ich kenne.“, schmatzte Mona vor sich hin. Mit einem Seufzen gab Hilde sich geschlagen. „Was mach ich nur mit euch beiden?“

    So sah unser täglicher Frühstücksprozess aus. Ich mochte beide und für mich gehörten sie schon fast zur Familie. Oder besser, sie waren mehr Familie als meine eigentlichen Eltern. „Aber etwas fehlt noch! “, mit diesen Worten sprang Mona auf und schaltete das kleine Radio auf dem Küchentresen ein. Die CD, die darauf hin anfing zu spielen, kannte ich nur zu gut. „Ohooo, du hast dir jetzt auch das neue Bts-Album gekauft wie ich höre. UUUUUnd? Welcher ist dein Lieblingssong?“ „Was für eine Frage! Natürlich MIC DROP! Haaaach, Suga ist einfach ein Gott, was das Rappen angeht! Ich gäbe alles, um ihn auch nur einmal live zu sehen. Ich kann alle seine Parts in und auswendig!“ „So oft wie diese CD am Tag hoch und runterläuft, kann ich die auch schon…“, klagte Hilde und verdrehte die Augen. „Die Jugend von heute und deren komischen Musikgeschmack, werde ich mein Leben lang nicht mehr verstehen.“ Mona und ich kicherten, gingen aber nicht weiter auf ihren Kommentar ein. „Jin hat jetzt mehr Liedtext. Meine Gebete wurden also erhört.“, freute ich mich. „Ja stimmt. Aber die neuen Choreografien sind auch spitze.“, sprudelte Mona weiter. „Und das Musikvideo zu DNA“, antworteten wir gleichzeitig und mussten lachen. Meine Laune besserte sich im Verlaufe unserer BTS Schwärmerei, doch das sollte nicht so bleiben. Nur kurze Zeit später meldete sich Hilde. „Lynn, du musst los!“ Ach ja, Schule, da war ja was. Nicht gerade energiegeladen stand ich auf. „Bis später dann.“ Am Türrahmen winkte ich Mona und Hilde noch mal zu, dann setzte ich meinen Weg fort.

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    Ich verließ das Haus, wovor schon ein Auto geparkt war, welches mich jeden Tag zur Schule fuhr. Ein Mann stieg von der Fahrerseite aus und hielt mir die Hintertür auf. Es handelte sich hierbei um die „rechte Hand“ meines Vaters. Es kam zwar nur selten vor, dass er derjenige war, der mich zur Schule bringt, aber heute war wohl eine dieser seltenen Begebenheiten. Das Auto setzte sich in Gang und ich lehnte mich zurück. Im Rückspiegel konnte ich die kalten Augen meines Fahrers sehen, welcher stur geradeaus starrte. Ich bekam Gänsehaut auf den Armen. Schnell schaute ich aus dem Fenster, um mich abzulenken. Wir hatten Mitte Frühling und die Sonne kämpfte sich gerade durch die Wolken durch. Ich sah zwei Mädchen auf der gegenüber liegenden Straßenseite miteinander erzählend zur Schule laufen. Sie trugen keine Schuluniformen wie ich, also gingen sie auf ein normales Gymnasium. Wie gern würde ich auch auf solche Schule gehen und nicht auf ein Internat für reiche Schnösel. Das Auto hielt an. Der Fahrer stieg aus und öffnete mir die Tür. Ich hatte nicht einmal mitgekriegt, dass wir schon da waren. Langsam stieg ich aus. „Ich wünsche einen lernsamen Aufenthalt, Miss“, mit diesen Worten stieg mein Fahrer wieder ein und fuhr davon. Und ich wünsche mir einen ruhigen Tag. Tja dann werden wohl beide unserer Wünsche im nächsten Gully verschwinden…obwohl ich das jetzt auch lieber würde.

    Mit schweren Schritten ging ich durch das Schultor. Ich lief die Treppen hoch, bis ich vor meinem Klassenraum stand. Ich setzte mich auf meinen Platz und fing schonmal an zu beten, dass dieser Tag schnell endet. Im nächsten Moment knallte etwas gegen meinen Kopf. Ich schaute hinter mich und sah wie mich eine meiner Klassenkameradinnen frech angrinste. „Ach herrjeh, da ist mir doch glatt mein Radiergummi aus der Hand gerutscht. Heb ihn doch bitte für mich auf, ja?“ Aus der Hand gerutscht mein Ar...! Letzte Woche hatte sie ihn mir auch schon dreimal an den Kopf geschmissen! Mir kribbelte es in den Fingern, ihr gleich mein ganzes Etui an den Kopf zu donnern, aber ich ließ es bleiben. Ich hob ihren Radiergummi auf und knallte ihn ihr auf den Tisch. „Bitte!“, grinste ich sie genauso unecht an wie sie mich, drehte mich dann aber wieder um. Ich hörte sie und ihre Freundinnen hinter mir tuscheln und kichern. Nach weiteren fünf Minuten kam der Lehrer und wir begannen mit dem Unterricht.

    Ich war die erste, die aus dem Raum eilte als es zur Pause klingelte. Wie jeden Tag verkroch ich mich in die Bibliothek, die eine kleine Dachterrasse vorwies. Ich ließ mich auf dem kleinen Balkon nieder, bohrte meine Kopfhörer so tief rein wie nur möglich und schaltete meine BTS-Playlist ein. Ich hatte keine verdammte Lust mehr auf diese Schule! Die Lehrer waren alle streng und Freunde hatte ich auch keine. Nicht, dass mich keiner gefragt hatte, aber ich wollte nun mal keine Freunde, denen Geld wichtiger ist als Vertrauen und die heimlich hinter deinem Rücken ablästern! Als ich mein Halstuch abmachte, blieb ich an meiner Kette hängen und sie fiel zu Boden. An der Kette hing ein Ring mit Gravur: BTS 2013.6.13. Als ich ihn schnell wieder aufheben wollte und nach ihm griff, tauchte neben meinem Gesicht ein Schuh auf und kickte meine Kette vom Balkon. Entsetzt drehte ich mich zu der Person um. Das Radiergummi-Girl, war ja klar! „Oh, dass tut mir ja jetzt leid. Aber es war ja zum Glück nichts Wichtiges oder? Ich mein, wer oder was soll schon BTS sein, wenn nicht einmal ich die kenne. Wahrscheinlich haben die genauso viel Talent wie du, nämlich keins. Sind also bestimmt so richtige Loser.“, sie grinste gehässig, drehte sich um und wollte gehen. Okay, dass sie mit mir spielt, stört mich nicht. Aber wie kann sie es wagen, einfach über BTS zu urteilen, ohne sie zu kennen. Das war’s! Jetzt war ich wütend, aber so richtig! Ich stürmte ihr hinterher, packte sie am Kragen und knallte sie gegen eins der Bücherregale. „Pass bloß auf mit wem du dich anlegst!“, keifte ich sie an, „Du solltest nicht über Personen urteilen, die du nicht kennst, sonst passiert noch wer weiß schon was.“ „Drohst du mir etwa?“, sie schüttelte den Kopf und musste lachen. „Wenn ich du wäre, würde ich mich lieber nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.“, sagte sie und stieß mich von sich. Meine Entgegnung auf den Lippen, knackte auf einmal der Schullautsprecher, um im nächsten Moment die Stimme unseres Direktors zu übertragen. „Lynn Annabell Stebach, bitte sofort ins Direktorat! Ich wiederhole Lynn Annabell Stebach, bitte sofort ins Direktorat!“ Radiergummi-Girl lachte. „Oh oh, wer kriegt denn da jetzt Ärger?“ Lachend verließ sie die Bibliothek und ich blieb leise fluchend zurück. Mit einem komischen Bauchgefühl machte ich mich auf den Weg zum Büro des Direktors.

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    Mit einem mulmigen Gefühl klopfte ich an die Tür. „Ja, bitte.“, kam als Antwort und ich trat ein. Erst nachdem ich die Tür geschlossen hatte, bemerkte ich, dass außer dem Direktor und mir noch jemand im Zimmer war. „Was machst du denn hier?“, rutschte es mir heraus. „Lynn Annabell Stebach! Wo hast du denn deine Manieren gelassen? Begrüßt man so vielleicht seine Mutter?“ Ich sah betreten zu Boden. Na toll. Meine Mutter war eh schon seit Wochen schlecht drauf und der Grund war natürlich mein Vater. Dennoch sah ich keinen Sinn, warum sie so plötzlich zu meiner Schule kommen sollte. In dem Moment klingelte es zum Pausenende. „Ich muss wieder zum Unterricht.“, gab ich zu bedenken. „Nein musst du nicht!“ Ich sah auf. Die Augen meiner Mutter guckten mich ernst und unnachgiebig an. „Ab sofort gehst du nicht mehr auf diese Schule.“ Mir klappte die Kinnlade runter. „Was?“ „Das heißt wie bitte. Ja, ich habe mit deinem Direktor gesprochen und einen Schulwechsel beantragt.“ Ich schaute zum Direktor und dieser nickte nur. Wie, wo, was! Mein Gehirn war leicht im Zeitverzug, was das Denken anging, aber meine Mutter schien dies nicht zu interessieren. „Hat mich sehr gefreut.“ Sie schüttelte dem Direktor die Hand und zog mich dann mit sich.

    Die Situation wurde noch skurriler, als wir am Parkplatz ankamen. Meine Mutter zog einen Autoschlüssel aus ihrer Tasche und die Lampen eines kleinen Autos leuchteten kurz auf. „Steig ein.“ Ich setzte mich auf den Beifahrersitz. „Ähm Mama, wem gehört das Auto?“ Sie schaute mich nicht mal an als sie antwortete. „Mir.“ Aha, das Auto gehörte als meiner Mutter. WAS? Meine Mutter konnte Auto fahren? Versteht mich nicht falsch, aber ich hatte meine Mutter noch nie, aber wirklich noch nie in meinem Leben Auto fahren sehen! Jeden Tag wartete ein Chauffeur vor unserer Haustür, um meinen Vater, meine Mutter und mich überall hin zu fahren. Langsam wurde mir das alles zu viel! „Mama, was ist eigentlich los?“, platzte ich heraus. „Wir ziehen um!“ Ich blinzelte verwirrt mit den Augen. „Wo zieht unsere Familie denn hin?“ „Nicht unsere Familie. Nur du und ich! Ich verlasse deinen Vater und du kommst mit mir.“ Jetzt war mein Gehirn so überfordert, dass nicht nur meine Denkfunktion, sondern auch meine Sprachfunktion versagte. Nicht mal meine Ohren waren sich sicher, dass gerade wirklich gehört zu haben. „Hä?“, war das Einzige, was mir gerade einfiel. Aber aus Fahrerrichtung kam nichts mehr. Ohne, dass ich es bemerkt hatte, standen wir vor unserem Haus und meine Mutter war schon auf dem Weg zur Haustür. Schnell wollte ich ihr hinterher und wunderte mich, warum ich zum Kuckuck nicht voran kam bis mir auffiel, dass ich immer noch angeschnallt war. Gott, jetzt reiß dich mal zusammen Lynn! Das ist nicht die Zeit, um die Nerven zu verlieren! Schnell lief ich ins Haus, wo meine Eltern mitten im Flur standen und sich lautstark unterhielten. „Weißt du was, dann hau doch endlich ab! Zieh zu deinem bescheuerten Lover! Ich schick ihm dann auch eine Beileidskarte.“, keifte mein Vater. „Hör auf dich aufzuführen wie ein Kleinkind und fang an erwachsen mit solchen Situationen umzugehen! Aber mir soll das jetzt egal sein. Ich schicke dir die Scheidungspapiere per Post, füll sie einfach aus und dann müssen wir nie wieder auch nur ein Wort miteinander wechseln.“ Mit diesen Worten drehte sich meine Mutter zu mir um. „Lynn, pack deinen Koffer. Dein Flieger geht morgen um 14Uhr und die Umzugswagen holen alles schon morgen Vormittag ab. Also pack nur das wichtigste in dein Handgepäck.“ So langsam fing ich an zu brodeln. Konnte hier niemand Klartext sprechen? „Kann mir vielleicht mal einer sagen, wo dieser Flieger hingeht, in den ich morgen steigen soll?“ Mein Vater grinste, aber sein kalter Blick ließ mich zittern. „Aber natürlich. Deine Mutter hat seit Monaten eine Affäre und zu diesen Lackaffen will sie jetzt ziehen. Aber mir soll es recht sein, dann habe ich endlich meine Ruhe, wenn sie am anderen Ende der Welt ist!“ Eine Affäre? Meine Mutter? Anderes Ende der Welt? Das war ja komplizierten als analytische Geometrie! „Wohin geht der Flieger morgen?“ Mein Herz klopfte bis zum Hals. „Südkorea.“, bekam ich endlich die Antwort von meiner Mutter, welche im nächstem Moment die Treppe emporstieg. Mein Vater, der anscheinend auch nicht länger dumm rumstehen wollte, verließ das Haus mit einem deftigen Türzuknallen.

    Südkorea. Südkorea? Südkorea! Das Südkorea, wo BTS lebte? Ach du heiliger Bimbam! In meinem Gehirn versagte nun endgültig der Betrieb und meine Emotionen fuhren nun Geisterbahn.

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    Hallo Leser und ARMYs 😊

    Ich möchte gerne ein paar Worte loswerden. Zunächst freue ich mich über jeden Kommentar, den ich kriegen kann und danke euch dafür. Des Weiteren habe ich mir vorgenommen diese Story regelmäßig weiter zu schreiben und sie irgendwann zu Ende zu bringen (natürlich mit Happy End 😉). Falls mal länger nichts kommen sollte, dann hab ich gerade Schulstress oder bin einfach zu unmotiviert. Falls letzteres zutrifft, nervt mich einfach solange bis ich weiterschreibe…und das mein ich ernst! Tja, ansonsten weiß ich noch nicht welche Richtung diese Story einschlagen wird, geschweige denn was das Pairing angeht …hihi. Zusätzlich sollte erwähnt sein, dass alle Inhalte frei erfunden sind und nicht zu 100% stimmen, immerhin war ich ja noch nie in Korea (leider).😉

    Ich wünsche allen ein frohes neues Jahr mit vielen glücklichen Momenten, in denen hoffentlich auch BTS ihren Anteil finden.

    Ein paar Kapitel werde ich in den nächsten Tagen noch veröffentlichen…
    Also dann, viel Spaß beim Lesen <3



    Stopp! Das war nicht die Zeit, um auf Wolke 7 mit der Aufschrift, Welcome to ARMY heaven, zu schweben. Ich rannte die Treppe hoch, wo meine Mutter gerade dabei war, ein paar Männern in Arbeitsuniformen Kartons in die Hände zu drücken. „Hiermit bitte vorsichtig, es ist zerbrechlich.“ Als sie mich sah, zeigte sie mit dem Finger in Richtung meines Zimmers. „Lynn, du solltest auch anfangen zu packen. Wir haben nicht viel Zeit.“ Äh, war ich hier die Einzige, die sich für unsere familiäre Situation interessierte? „Mama, kann ich dich mal kurz unter vier Augen sprechen?“ Etwas widerwillig ließ meine Mutter die Männer ihren Job machen und ging mit mir ins Wohnzimmer. Ich schloss die Tür. Wir machten uns nicht erst die Mühe, uns hinzusetzen, sondern blieben einfach mitten im Raum stehen. „Ich will nicht nach Südkorea! Also schon…aber nicht so! Hat Papa die Wahrheit gesagt, dass du einen Liebhaber hast?“ Mir wurde schon übel, diese Frage aussprechen zu müssen. Das war absurd. Natürlich hatten meine Eltern so ihre Probleme, aber wer hatte die nicht? Meine Mutter war nicht die Sorte von Person, die Leute hinterging und schon gar nicht ihre eigene Familie. Das dachte ich zumindest. Meine Mutter seufzte. „Doch, es stimmt. Ich habe ihn vor vier Monaten kennengelernt auf einer meiner Dienstreisen. Weißt du, dein Vater und ich verstehen uns schon seit längerer Zeit nicht mehr so gut und als ich dann Kim Jongdae traf, bemerkte ich, dass es so nicht weitergehen konnte.“ Ah, der Affe hatte also auch einen Namen. Meine Stimmung sank von Keller bis Hölle! „Und als du ihn sahst, dachtest du, ich verlasse mal kurz meinen Mann und schleife meine Tochter ans andere Ende der Welt oder was?“ „Lynn Annabell Stebach! So redet man nicht mit seiner Mutter!“ „Man vielleicht nicht, aber ich schon. Außerdem solltest du den richtigen Namen benutzen, schließlich bin ich doch demnächst Lynn Annabell Kim, wenn ich das hier richtig verstehe.“ Der Blick meiner Mutter verfinsterte sich. „Das hat dein Vater ja toll hingekriegt, dich einfach gegen mich aufzuhetzen! Dabei ist er es doch, der seit Jahren Affären mit seinen Angestellten hat! Und der Platz im Büro scheint ihm auch nicht auszureichen. Andauernd bin ich es, die fremde BHs in der Wäsche findet, die sicher nicht deinem Vater gehören! Ich halte es hier nicht mehr aus. Mag sein, dass ich nicht mehr die Jüngste bin, aber dennoch bin ich eine Frau mit Würde und das bisschen, was ich noch habe, lasse ich mir jetzt nicht auch noch nehmen!“ „Und woher willst du wissen, dass dieser Jongdae nicht genauso ist, nachdem ein oder zwei Jahre vergangen sind? Wie oft hast du ihn bisher gesehen, dass du dir in ihm so sicher sein kannst?“ „Dein eigener Vater war es, der mich mehrmals nach Korea schickte, um dort die Firmen zu überprüfen. Dabei wollte er mich nur weg von zu Hause wissen. Jongdae war stets offen zu mir und hat mich unterstützt, als ich mir in diesem fremden Land so unbeholfen vorkam. Vertrau mir doch bitte, wenn ich dir sage, dass er kein schlechter Mensch ist und er ein gutes Herz hat.“

    Verdammter Mist! Meine Mutter meinte es tot ernst. Natürlich waren unsere Familienverhältnisse noch nie die besten gewesen, aber dass es so schlimm um uns stand, wusste nicht mal ich. Ich hatte meine Mutter nachts manchmal weinen gehört und ich wusste, dass mein Vater der Grund dafür sein musste, dennoch brachte ich nie den Mut auf meine Mutter direkt zu fragen, was los war. „Was ist, wenn ich nein sage? Was ist, wenn ich nicht mit nach Südkorea komme?“ Der Blick meiner Mutter wurde traurig. „Ich lass dich hier nicht allein mit diesem Mann. Wenn du wirklich unter keinen Umständen mitwillst, dann werde ich dich auch nicht zwingen. Ich bin deine Mutter und das werde ich auch immer bleiben. Dennoch kann ich nicht länger in diesem Haus bleiben. Wir könnten uns zunächst hier irgendwo eine Wohnung nehmen und dann weitersehen. Aber…“ Weiter kam meine Mutter nicht, sie war den Tränen nah. Shit. Ich selbst war auch kurz davor, mich auf dem Boden zu wälzen und zu heulen wie ein Kleinkind. Ich entschied mich aber dagegen und umarmte stattdessen meine Mutter. Überrascht legte sie ihre Arme um mich. Ich wusste gar nicht, wie lange es her war, dass ich ihre Wärme gespürt hatte. Es fühlte sich gut an. „Wenn es dir wirklich so wichtig ist, dann komme ich mit nach Südkorea. Aber das mache ich nur für dich und erwarte nicht, dass ich diesen Jongdae einfach so akzeptiere und auf liebes Töchterchen mache!“ Ich ließ sie los und wir schauten uns beide an. Wir sahen aus wie Heulsusen. Immer noch Tränen in den Augen habend, fingen wir an zu lachen. Wir mussten echt bekloppt aussehen. „Ich habe dich lieb.“ Meine Mutter lächelte mich an, wie ich es schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Sie sah irgendwie…glücklich aus. Da blieb mir wohl nichts anderes übrig als ihre Worte zu erwidern und sie ebenfalls anzulächeln. Schonwieder waren wir den Tränen nah.

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    Mittlerweile waren mehrere Stunden vergangen und den größten Teil meines Krempels hatte ich schon verpackt, als es an der Tür klopfte. „Ja?“, rief ich einmal durch das gesamte Zimmer. Meine Mutter öffnete und kam rein. „Ich muss langsam los und wollte fragen, wie weit du bist?“ Meine Mutter und ich nahmen unterschiedliche Flieger. Ihrer sollte schon heute Abend gehen, während meiner erst morgen gegen Nachmittag startete. „Das meiste habe ich schon in irgendwelche Kartons verstaut, mein Koffer ist auch so gut wie voll und das Handgepäck ist auch bereit.“ Sie nickte. „Das freut mich, dann gebe ich unten Bescheid, dass deine Kartons abgeholt werden können. Ansonsten habe ich Mona gebeten dich morgen zum Flughafen zu fahren. Ihr schient euch von Anfang an gut zu verstehen, auch wenn du versucht hast es zu verheimlichen, dass ihr befreundet seid.“ Sie zwinkerte mir zu. Ich blinzelte ein paar Mal, dann grinste ich. „Danke.“, sagte ich. „Kein Problem, aber wenn ich nicht gleich losfahre, habe ich ein Problem. Also dann, wir sehen uns morgen in Korea. Ich hole dich vom Flughafen ab. Bis dann, Schatz.“ Sie umarmte mich noch einmal, küsste mich auf die Stirn und verließ dann mein Zimmer. Doch kurz danach ging die Tür noch einmal auf. „Ach ja, hatte ich erwähnt, dass Jongdae einen Sohn in deinem Alter hat?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, war sie auch schon wieder verschwunden und ich hörte sie nur noch im Flur kichern. Das Blut pumpte doppelt so schnell durch meine Adern. Das fiel ihr jetzt ein? Hätte sie nicht mal früher erwähnen können, dass ich demnächst einen Stiefbruder haben werde!

    Mein Vater ließ sich den Rest des Tages nicht mehr blicken und ich hätte auch nicht gewusst, wie ich reagieren sollte, würde er mir über den Weg laufen. Von daher war ich ganz froh. Als ich dann endlich im Bett lag, konnte ich lange nicht einschlafen. Aber ehrlich, wie auch? Morgen sollte sich mein Leben komplett ändern und damit meinte ich nicht nur den Aufstieg von International ARMY zu K-ARMY. Nein, Spaß beiseite. Mir wurde flau im Magen, wenn ich daran dachte, den Liebhaber meiner Mutter kennenzulernen und dessen Sohn. Ich werde die auf jeden Fall nicht einfach so akzeptieren. Wenn der Typ nur mit meiner Mutter spielte, weil wir Geld hatten, dann sollte er sich auf was gefasst machen! Hmpf. Mein Kopf hörte einfach nicht auf sich Sorgen zu machen und so drehte ich mich auch nach zwei Stunden noch von einer zur anderen Seite und bekam kein Auge zu. Letztlich nahm ich meine Kopfhörer und stellte Butterfly auf Dauerschleife. Die ruhige Melodie ließ mich langsam ins Reich der Träume abdriften.

    Als ich am Morgen aufwachte war der Akku meines Handys komplett aufgebraucht, weil es die ganze Nacht über, Musik gespielt hatte. Es war schon neun Uhr und ich musste mich ranhalten, um pünktlich zum Flughafen zu kommen. Ich schnappte mir meine Sachen und rannte die Treppe runter. Ich atmete tief ein. Das schlimmste stand mir noch bevor. Ich ging in die Küche, wo mich zwei Paar Augen traurig anguckten. Ich bekam einen Kloß im Hals. „Morgen“, quetschte ich heraus und im nächsten Moment klammerte Mona an mir als wäre sie eine Würgeschlange. „Du darfst nicht gehen. Du darfst mich nicht allein zurücklassen!“ Als sich dann auch noch Hilde der Umarmung anschloss und es somit zur Gruppenumarmung der Trauer wurde, konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Wir frühstückten wie immer zusammen, aber so still war es das erste Mal…und es sollte auch das letzte Mal sein. Ich würgte etwas vom Essen herunter, obwohl mir der Appetit vergangen war. Wenig später standen wir alle vor dem Haus und niemand sagte ein Wort. „Ihr müsst mir was versprechen.“, durchbrach ich die Stille. „Versprecht mir, dass ihr auf euch aufpasst und mich ganz oft anruft und mir schreibt. Und wenn es euch schlecht geht, dann nehme ich sofort den nächsten Flieger und komme zurück!“ Die beiden nickten und wir umarmten uns fest. „Wir werden dich vermissen.“ Nach einer gefühlten Ewigkeit trennten wir uns voneinander und Mona und ich stiegen ins Auto. Ich winkte Hilde als sich das Auto in Bewegung setzte. Nach einer Stunde Fahrt, musste ich nun auch endgültig von Mona Abschied nehmen. Wir hingen wie zwei Äffchen aneinander und niemand wollte loslassen. „Du musst gut auf dich aufpassen, du weißt ja, die Jungs sind alle ziemlich gutaussehend dort.“ Ich grinste. „Okay, ich bin vorsichtig.“ Wir lösten uns und ich nahm meinen Koffer. „Bis dann.“ Ich setzte mich schweren Herzens in Bewegung. „Besorg mir Yoongis Handynummer!“, schrie sie mir hinterher und ich schrie „Darauf kannst du wetten!“ zurück.

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    Pünktlich um 14 Uhr hob mein Flieger ab. Südkorea, ich komme! Ich hörte zwei Stunden Musik, nur leider war ich dann so drin, dass ich aus Versehen ein paar Zeilen mitsang. Ich erntete einen merkwürdigen Blick von meinem Nachbarn, der offensichtlich Koreaner war. Was! Kannte der etwa nicht BTS? Und sowas nannte sich Einheimischer, also echt! Dennoch ließ ich es mit dem Musikhören lieber bleiben und entschied mich auf meinem Laptop BTS Bon Voyage zu schauen. Ich biss mir auf die Lippen, um nicht lautstark zu lachen, als V in Schweden in den nächstbesten Bus einstieg und zum Schluss vom Manager abgeholt werden musste, weil er irgendwo im Nirgendwo war. Den Rest der Zeit verbrachte ich mit grübeln. Mein Vater kam gestern nicht mehr nach Hause und heute Morgen war er auch nicht da gewesen. Ich hatte ihn sogar versucht anzurufen, aber es ging nur seine rechte Hand ans Telefon, um mir zu sagen, mein Vater wäre gerade bei einem wichtigen Meeting. Ich verstand so langsam, warum meine Mutter so schnell wie möglich von ihm wegwollte. Auf so einen Vater konnte ich verzichten. Dennoch spürte ich ein leichtes Stechen in meinem Herzen. Auch die Sache mit Jongdae bereitete mir Kopfzerbrechen. Wenn er einen Sohn hat, dann musste er ebenfalls schon eine Scheidung hinter sich haben, sonst wäre er ja jetzt nicht mit meiner Mutter zusammen. Was war, wenn seine vorherige Frau ihn verlassen hatte, weil er auch Affären hatte? Was wenn meine Mutter nur eine seiner Affären ist! Und außerdem, was musste das für ein Mann sein, der ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau einging? Oder wusste er gar nicht, dass meine Mutter verheiratet war? Das traute ich meiner Mutter jedoch beim besten Willen nicht zu. Ich schüttelte den Kopf. Ich konnte mich mit dieser neuen Sachlage einfach nicht abfinden. Warum konnten meine Mutter und ich uns nicht einfach eine Wohnung nehmen und dort zu zweit leben?
    Als der Flieger endlich wieder am Boden stand, war ich eine der ersten, die das Flughafengebäude betraten. Sofort eilte ich zum Gebäckband, wo schon die ersten Koffer ihre Runden drehten. Bingo! Gerade kam die nächste Ladung Koffer und meiner war dabei. Schnell schnappte ich mir ihn und eilte zum Ausgang. Das lag aber nicht daran, dass ich schnell meine neue Familie begrüßen wollte, sondern eher an meiner Neugier, was Seoul wohl für eine Stadt war. Ich meine, immerhin lebte hier BTS, also musste die Stadt ja der Hammer sein! Ich verließ den stickigen Flughafen und war überrascht, wie angenehm das Klima doch war. „Woah!“, entfuhr es mir. Hier war es mittlerweile 8 Uhr morgens und das Wetter hätte besser nicht sein können. Im nächsten Moment klingelte mein Handy. „Hallo?“ Kurze Pause… „Lynn? Bist du schon angekommen?“, vernahm ich die Stimme meiner Mutter. „Jap, bin gerade gelandet.“ „Hör zu, gerade sind all unsere Möbel und so weiter angekommen und ich kann deshalb hier nicht weg. Aber ich habe dir ein Taxi gerufen, welches dich abholen soll. Bezahlt ist es schon, keine Sorge. Die Adresse kennt er auch schon, weil du ja noch kein Koreanisch kannst. Ich melde dich demnächst zu einem Kurs an und da du ja schnell im Lernen bist, hast du das dann bestimmt Null Komma Nichts drauf.“ Ich atmete tief durch. „Mama, es freut mich, dass du dir JETZT darüber Gedanken machst, dass ich die Sprache gar nicht kann. Aber ich kann dich beruhigen. Ich bin des Koreanischen mächtig.“ „Aber du hattest doch nur Spezialstunden in Spanisch, Französisch und Englisch…“ „Jaja, ich hab heimlich Unterrichtsstunden genommen, weil du und Papa sonst ausgeflippt wärt.“ Tja, wenn es zu den Videos keine Untertitel gibt, dann muss sich ein K-POP Fan halt andere Möglichkeiten suchen, um zu verstehen, worüber sich BTS gerade kaputtlacht. „Darüber reden wir später noch. Halt nach einem Taxifahrer Ausschau, der ein Schild mit deinem Namen in der Hand hält, okay? Dann bis gleich.“ „Ja.“ Ich legte auf.

    Ich schaute mich um. Keine zehn Meter von mir entfernt stand ein kleiner, etwas pummeliger Mann und hielt ein Schild, wo Lynn Annabell Stebach draufstand. Zeit mit meinen Koreanisch Kenntnissen zu prahlen, dachte ich. Ich ging zu ihm hin und begrüßte ihn freundlich. Er meinte, ich solle doch schon einsteigen, während er meinen Koffer verstaut. Aber ich hatte andere Pläne. „Entschuldigen Sie bitte, aber könnten Sie einfach meinen Koffer an der ihnen gegebenen Adresse abgeben?“ Er schaute mich verwirrt an. „Ich soll Sie nicht mitnehmen? Aber kommen Sie denn allein klar? Die Stadt ist nicht gerade klein…“ Ich lächelte ihn an. „Kein Problem, ich schaffe das schon.“ Ich bedankte mich bei ihm und er fuhr mit Koffer und ohne mich ab. Es war Zeit die Stadt zu erforschen! Sorry Mama…

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    Da ich mich aber tatsächlich keinen Deut auskannte, verfolgte ich Vs Strategie und nahm einfach den erstbesten Bus, der mir in die Augen fiel. Ich ging hin und war froh, dass man beim Busfahrer Fahrkarten kaufen konnte. Dann mal los! Ich konnte meine Augen gar nicht vom Fenster wegbewegen. Ich begutachtete jedes noch so kleine Geschäft und die Gesichtsausdrücke der Menschen. Auf den Straßen war viel los, weil die meisten Anzugträger gerade auf dem Weg zur Arbeit waren. Ich war so fasziniert, dass ich aufschreckte, als mein Handy vibrierte. Eine Nachricht von meiner Mutter. Das ging schnell. „Was denkst du dir, machst du? Wo bist du? Antworte!“ Ich tippte kurz eine knappe Antwort ein. „Sightseeing. Sehe dich später.“ Dann schaltete ich auf Flugmodus um. Ich guckte wieder aus dem Fenster. Mittlerweile hatte der Bus die Innenstadt erreicht und ich entschied mich, beim nächsten Stopp auszusteigen. Ich wanderte ein bisschen vor mich hin und machte hin und wieder ein paar Bilder. Dann hörte ich ein Geräusch, das mir nur all zu bekannt war. Mein Bauch knurrte. Ich grinste. Zeit, Essen zu fassen! Im Flieger gab es zwar Frühstück, aber was essen anging, sah ich es so wie Jin. Ein Bauch hatte nun mal keine Öffnungszeiten.

    Ich holte an einem Automaten Geld und machte mich auf die Suche nach was Essbaren, was kein Problem darstellte, da es hier alle Arten an Cafés und Restaurants gab. Da die Restaurants alle ziemlich hochwertig aussahen und ich mich in sowas nicht wohl fühlte, ging ich in ein kleines Café, was meine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Die Auslage wimmelte nur so von süßen Törtchen. Ich suchte mir drei aus, die besonders niedlich aussahen, bezahlte sie bei einer netten Frau an der Kasse und nahm dann an einem Tisch in der Ecke Platz. Um genau zu sein verkroch ich mich in die nächste Ecke, da das Café gut besucht war und ich Plätze mit vielen Menschen nicht mochte. Erst recht nicht, wenn dieser am anderen Ende der Welt lag und ich mehr als nur nach einem Touristen aussah. Aber gerade hatte ich größere Probleme als das. Ich hatte das Taxi nämlich gar nicht abgelehnt, weil ich die Stadt begutachten wollte, sondern mein Ziel war es, diesem Jongdae und seinem Sohn aus dem Weg zu gehen. Ich wusste, dass mein Verhalten dazu führte, dass sich meine Mutter Sorgen machte und ich fühlte mich schlecht dafür, aber ich hatte Angst. Ich wusste nicht einmal wie die beiden aussahen, noch dass ich auch nur ein Wort mit ihnen gewechselt hatte. Ich seufzte, schaltete jedoch mein Handy wieder an. 17 verpasste Anrufe und 4 neue Nachrichten. Natürlich alle von meiner Mutter. Ich schaute mir die letzte Nachricht an. „Stell nichts Dummes an und pass auf dich auf. Wenn du soweit bist, hier ist unsere neue Adresse. Falls du den Weg nicht findest, ruf an und Jongdae holt dich dann ab.“ Pah, als ob ich bei dem ins Auto steige…wie hieß es, man soll nicht bei fremden Menschen mitfahren. Ich stand widerwillig auf, brachte mein Tablett weg und verließ das Café. Ich gab die mir gegebene Adresse bei Google Maps ein und machte mich auf den Weg. Es wurde Zeit, mich meinem Schicksal zu stellen.

    Nach nur zehn Minuten wechselte die Anzeige von Noch 30 Minuten bis zum Ziel zu Noch eine Stunde bis zum Ziel. Wow, ich wusste ja, dass ich und Orientierung nicht die besten Freunde waren, aber dass wir sogar Erzfeinde sind, wurde mir erst jetzt bewusst. Okay, jetzt nicht verzweifeln! Die Straße müsste doch jetzt hier um die Ecke sein. Ich schaute das Straßenschild an. Nop, das war irgendwie nicht die richtige Straße. Dennoch war ich froh, sie gefunden zu haben, denn keine acht Meter von mir entfernt stand Suga. Nein! Nicht der Echte, aber eine lebensgroße Pappfigur von ihm. Ich musste grinsen. Ich schoss ein Foto und schickte es Mona mit der Beschriftung „Meinst du, es fällt auf, wenn ich den klaue und dir per Post schicke?“ Nun wieder deutlich besser gelaunt, fasste ich den Endschluss einfach jemanden nach dem Weg zu fragen. Aber als einfach sollte ich diese Aufgabe besser nicht beschreiben. Die meisten Menschen sahen beschäftigt aus und eilten nur so an mir vorbei. Mal davon abgesehen mochte ich es nicht fremde Menschen anzusprechen. In dem Sinne war ich echt schüchtern. Mein Mut schwankte und ich war schon kurz davor, mich einfach wieder nach Google Maps zu richten und mein Glück noch einmal herauszufordern, als ich hinter mir eine Stimme vernahm. „Kann ich dir vielleicht weiterhelfen?“ Überrascht drehte ich mich um. War etwa ich gemeint?

    8
    Dort stand ein Junge, etwa mein Alter, und guckte in meine Richtung. Ich schaute noch einmal hinter mich, aber da war keiner, der ihm zu antworten schien. Leicht unbeholfen deutete ich mit dem Finger auf mich selbst und kam mir dabei ziemlich bescheuert vor. Jetzt fing er an zu lachen. „Naja, da du die Einzige hier bist, die guckt wie ein Küken, welches aus dem Nest geplumpst ist, ging die Frage, ob du Hilfe brauchst, wohl an dich.“ Na toll. Ich war noch keinen Tag hier und hatte mich schon zum Klops gemacht…und das auch noch vor einem echt süßen Jungen. Seine haselnussfarbenen Haare schauten unter dem Käppi hervor, sein Gesicht war eher rundlich, aber seine Augen funkelten neugierig. Er kam mir irgendwie bekannt vor, aber woher? Ich erschreckte mich leicht, als etwas an meinem Gesicht vorbeisauste. Verwirrt stellte ich fest, dass es seine Hand war, die vor meinem Gesicht hin und her wedelte. „Erde an verlorenes Küken!“ Oh Gott! Wie lange hatte ich ihn angestarrt? Um es in seinen Worten zu sagen: Das Küken wäre jetzt am liebsten zurück in die Eierschale gekrochen!

    „Äh…ja…tut mir leid.“, stammelte ich immer noch peinlich berührt. Er grinste. „Da du mich ja gerade offensichtlich nicht gehört hast, noch einmal. Suchst du was bestimmtes? Ich kenne mich hier gut aus und kann dir vielleicht einen Tipp geben, in welche Richtung du gehen musst.“ „Ähm also, dass wäre echt super. Ich versuche zu dieser Adresse zu kommen…“ Ich zeigte ihm mein Handy. Er überlegte kurz und nickte dann. „Das ist gar nicht so weit weg von hier.“, meinte er. Ach echt? Da war Google Maps aber anderer Meinung! „Okay, wo geht’s lang?“, fragte ich motiviert zurück. „Also du gehst dort drüben links, dann nach fünf Straßen noch einmal links, dann gleich rechts, dann immer geradeaus bis zur nächsten Kreuzung und von dort…“, er stoppte. Er schien das riesige Fragezeichen über meinem Kopf bemerkt zu haben und setzte hinzu: „Ich kann dich auch einfach dahin bringen. Ich habe eh grad nichts besseres vor.“ Ich fühlte mich wie der dümmste Mensch auf Erden! Super Lynn, sagte ich mir selbst, du kannst fünf Sprachen sprechen, aber keine Stadtkarte lesen! Warum gab es sowas auch nicht als Schulfach? Etwas beschämt sah ich ihn an. „Wenn es dir wirklich nicht zu umständlich ist, wäre ich dir unendlich dankbar, wenn du mir den Weg zeigen könntest.“ Er wirkte keines Wegs genervt, sondern lachte stattdessen. „Als ich das erste Mal hier war, brauchte ich drei Stunden bis ich meine eigene Wohnung wiedergefunden hatte, daher verstehe ich dein Problem nur zu gut. Also dann… alle Küken mir nach!“ Mit diesen Worten setzte er sich in Bewegung und ich beeilte mich hinterher zu kommen. Moment mal! Warum nannte er mich eigentlich ständig Küken? Ich war zwar mit einem Meter und vierundsechzig nicht die Größte, aber gelbe Federn besaß ich nun wirklich nicht.

    Aber es sei ihm verziehen. Immerhin reckten immer wieder ein paar Mädchen ihre Hälse, um einen Blick auf meinen gutaussehenden Gefährten zu werfen und mal ehrlich, ich konnte es keiner verübeln. Er sah aus, als wäre er einem koreanischen Drama entsprungen, wobei man ihn wohl nicht in die Kategorie heiß, sondern in die Kategorie süß einordnen würde. „Besuchst du hier eine Freundin oder so?“, holte er mich aus meinen Gedanken. Jetzt war ich endgültig wieder in der Realität angekommen. „Ähm nein. Ich wohne dort. Meine Mutter und ich sind hierhergezogen und ich bin erst heute mit dem Flieger gelandet.“, versuchte ich zu erklären. „Und dann bist du ganz allein unterwegs? Kein Wunder, dass du keine Ahnung hattest, wo du lang musst. Was ist eigentlich mit deinem Vater? Ist er nicht hier?“ Ich blieb stehen und wusste nicht so recht, was ich sagen sollte. „Oh, tut mir leid, wenn das zu privat war. Ich war nur neugierig, aber du brauchst mir nicht zu antworten.“ Ich setzte mich wieder in Bewegung. „Nein schon okay. Meine Eltern haben sich getrennt und naja meine Mutter hat hier einen netten Mann kennengelernt und ja…“ Er sah mich verblüfft an. „Und du kennst ihn gar nicht?“ „Nop, habe ihn noch nie gesehen oder mit ihm gesprochen. Er soll auch einen Sohn haben, den ich ebenfalls nicht kenne.“ Er blieb stehen und drehte sich zu mir um. „Dann wird es jetzt ernst für dich. Das dort ist nämlich das Haus, zu dem die Adresse gehört beziehungsweise dein neues Zuhause. Mach dir nicht so viele Sorgen, ich bin mir sicher, sie werden dich mögen schließlich mag doch jeder Küken…!“ Ich musste grinsen. „Na du kannst ja doch noch lächeln. Also dann…viel Glück, Küken.“ Er wuschelte kurz mein Haar, zwinkerte mir zu und ging dann die Straße zurück, die wir gekommen waren. Dieses Zwinkern…Oh mein Gott! Jetzt wusste ich es! Jetzt fiel mir ein, woher ich ihn kannte. Warum war mir das nur nicht früher aufgefallen? Meine Begleitung war niemand geringeres als Park Jihoon gewesen! Verdammt! Käme es wohl komisch, wenn ich jetzt hinterher sprinte, um ihn nach einem Autogramm zu fragen? Aber er war schon um die nächste Ecke gebogen und ich konnte ihn nicht mehr sehen. Ich stand wie versteinert da und konnte nicht fassen, dass ich mich gerade, als wäre es das Normalste der Welt, mit einem Mitglied von Wanna One unterhalten hatte.




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    Ich wusste nicht, wie lange ich dort wie versteinert stand, aber je mehr ich darüber nachdachte, was gerade passiert war, desto mehr kam es mir wie ein Traum vor. Ich zwickte mich kurz in den Arm, um mich zu vergewissern, dass es real war. Aua! Verdammt, ich träumte nicht. Ich werde wahrscheinlich nie wieder einem K-Pop Idol so nah kommen. Ich hatte zwar weder ein Autogramm noch ein Foto, aber er hatte meine Haare gewuschelt. Ich spürte, wie sich ein fettes Grinsen in meinem Gesicht breitmachte. Es hielt jedoch nicht lange an, denn mir fiel wieder ein, warum ich hier war. Ich drehte mich zur Hausfront und begutachtete es für eine Weile. Es erschien relativ groß mit zwei Etagen, sechs Fenstern an der Frontseite und einen Balkon auf der rechten Seite. Mehr konnte ich von meiner jetzigen Position nicht sehen, aber ein Garten fände ich ganz nett. Stopp! Was dachte ich da? Es klang ja schon so, als hätte ich dieses Haus als mein neues Zuhause akzeptiert. Ganz sicher NICHT! Wahrscheinlich würde es drinnen total unordentlich sein, mit heruntergekommenen Tapeten und einer spärlichen Einrichtung. Aber um das herauszufinden, musste ich das Haus erstmal betreten. Kurz kam mir der Gedanke, mir einfach in der Stadt ein Hotel zu suchen, aber das wollte ich meiner Mutter nicht antun. Ich biss die Zähne zusammen, ging auf die Tür zu und drückte die Klingel.

    Ich hielt den Atem an. Bitte lass meine Mutter öffnen, bitte lass meine Mutter öffnen, bitteeeee! Im nächsten Moment schwang die Tür vor mir auf und ein relativ großer und für sein Alter recht gutaussehender Koreaner lächelte mich an. „Du musst Lynn sein. Wir hatten uns schon Sorgen gemacht, du findest den Weg nicht. Es freut mich dich endlich kennenzulernen, ich bin Jongdae.“ So eine Kacke! Warum denn gerade er? Ja gut, er wohnte hier und da macht man schon mal die eigene Haustür auf, aber trotzdem. Ich hatte absolut keinen Schimmer, was ich jetzt tun, geschweige denn sagen sollte. Also starrte ich ihn einfach nur an. „Oh wie unhöflich von mir. Komm doch bitte rein! Du willst doch bestimmt wissen, wie dein neues Zuhause aussieht.“ Ach wollte ich das? Was ich wollte war eigentlich mich umdrehen und ganz schnell von hier verschwinden! Jongdae machte eine Handgeste, ich solle doch eintreten. Widerwillig setzte ich mich in Bewegung. Ich zog meine Schuhe aus, hängte meine Jacke an einen Haken einer Geraderobe und stand schon wieder da wie bestellt und nicht abgeholt. „Deine Mutter und Byung-Hwan sind in der Küche. Hier entlang...“ Byung wer? Ah, das musste sein Sohn sein! Vorsichtig folgte ich ihm in die Küche, die überraschenderweise sehr geräumig war. Kaum stand ich im Raum umarmte mich meine Mutter und ihre Augen funkelten geradezu vor Freude. „Da bist du ja endlich! Weißt du, was ich mir für Sorgen gemacht habe? Warum hast du nicht gesagt, dass du mehr von der Stadt sehen willst und außerdem hätten wir das doch später noch machen können. Aber egal. Ich bin froh, dass du den Weg gefunden hast und jetzt hier bist. Hast du ein Taxi hierher genommen?“ Ich blinzelte. Warum bin ich nicht auf die Idee gekommen, nach meiner Stadterkundung ein Taxi zu nehmen. Man konnte sich Sachen auch kompliziert machen! Aber bereuen tat ich es definitiv nicht. „Nein ich bin gelaufen und als ich nicht mehr wusste, wo ich eigentlich war, hat mir jemand den Weg gezeigt.“ Jemand? Wen wollte ich hier verarschen: Der Jihoon hat mich persönlich begleitet! „Was? Du bist den ganzen Weg gelaufen? Hast du dich wenigstens bedankt?“ „Ja habe ich gemacht.“ Moment mal…hatte ich mich bedankt? Oh mein Gott, unhöflicher geht’s nicht oder? Ich fühlte mich echt schlecht, aber wenn ich es jetzt zugab, dann konnte ich mich auf eine Standpauke gefasst machen und dafür hatte ich nun wirklich keine Nerven. Jongdae legte meiner Mutter eine Hand auf die Schulter. „Jetzt lass sie sich doch erstmal ausruhen. Immerhin hat sie einen anstrengenden Flug hinter sich und ist bestimmt müde.“ Meine Mutter lächelte ihn an und lehnte sich etwas gegen ihn. Mir lief es kalt den Rücken runter. Es war komisch meine Mutter mit jemanden anders zu sehen als meinen Vater. Ich versuchte mir mein Unwohlsein nicht anzumerken und schaute schnell woanders hin. Mein Blick fiel auf einen Jungen, der am Kühlschrank lehnte und die Szene ebenfalls belieb äugelte. Als sein Blick auf meinen traf, zog er eine Augenbraue hoch. Ich war wohl nicht die Einzige, die diese Familienkonstellation nicht gerade berauschend fand.


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    „Oh stimmt, ihr kennt euch ja noch gar nicht. Das ist mein Sohn, Byung-Hwan.“, sagte Jongdae und guckte seinen Sohn erwartungsvoll an. Dieser löste sich vom Kühlschrank und lächelte mich nun an. Also das Einzige, was lächelte waren seine Lippen, seine Augen vermittelten jedoch das komplette Gegenteil. Das konnte ja lustig werden. „Freut mich dich kennenzulernen. Ich bin Byung-Hwan.“ Ich zwang mir ebenfalls ein Lächeln auf. „Schön dich kennenzulernen. Ich heiße Lynn.“ Damit war offensichtlich alles gesagt, Stille trat ein und nicht gerade von der angenehmen Sorte. Jongdae räusperte sich. „Das Abendessen ist so gut wie fertig. Lynn, du hast bestimmt Hunger?“ „Oh, um ehrlich zu sein, habe ich in der Stadt schon was gegessen und bin eigentlich satt…“, erwiderte ich vorsichtig. Meine Mutter warf mir einen fragwürdigen Blick zu, sagte aber nichts. „Na wenn das so ist, dann kann dir Byung-Hwan ja dein Zimmer zeigen und du kannst dich ein bisschen ausruhen.“, meinte Jongdae. Ich nickte leicht und Jongdae klopfte seinem Sohn auf den Rücken, der sich nun langsam in Bewegung setzte. „Hier entlang.“ Niemand sagte etwas, als ich ihm die Treppe nach oben folgte. Er blieb vor einer Tür stehen und deutete darauf. „Das ist dein Zimmer.“ Ich öffnete die Tür und betrat den Raum.

    Die Tapete war in einem leichten Hellgrün gehalten und wirkte nicht zu aufdringlich. Es gab zwei Fenster, wobei vor einem ein Schreibtisch stand. Auch der Kleiderschrank in der Ecke des Zimmers war neu, denn ich bewahrte meine Kleidung ja früher in einem Nebenzimmer auf. Mein neues Zimmer nahm nicht so viel Raum ein, aber das war eher ein Plus, denn ich fühlte mich wohl in dem kleineren Zimmer. Ich erkannte mein altes Bett, welches von der Umzugsfirma von Deutschland hierher transportiert wurde. Auch meine geliebten Kuscheltiere saßen friedlich auf der Matratze. Auch wenn ich es nicht zugeben wollte, mochte ich das Zimmer auf Anhieb. Ich war so damit beschäftigt, mein neues Zimmer zu mustern, sodass ich erst jetzt bemerkte, dass Byung-Hwan die ganze Zeit im Türrahmen lehnte und mich anstarrte. Ich verschränkte meine Arme und sah ihn an. „Das Zimmer wirkt ganz nett.“ Er lachte auf. „Ganz nett? Deine Augen haben gerade gefunkelt wie die eines kleinen Kindes.“ Verdammt, dass hatte er gut erkannt. Mir nichts anmerken lassend, zuckte ich mit den Schultern. Im nächsten Moment knurrte mein Magen. Ich hätte im Boden versinken können. Warum gerade jetzt? Sein Grinsen wurde breiter. „Wie war das mit, ich habe in der Stadt gegessen und bin satt?“ „Pff, na und? Du wirkst auch nicht so, als hättest du Lust, einen auf perfekte Familie zu machen und friedlich zusammen zu Abend zu essen!“, konterte ich. Ja, ich hatte echt Hunger, aber wenn ich daran dachte mit Jongdae und meiner Mutter an einem Tisch essen zu müssen, verging mir der Appetit. „Gut erkannt. Ich sehne mich auch nicht danach, mit zwei fremden Menschen zu Abend zu essen, wo sich alle anschweigen, weil niemand weiß, worüber er sprechen soll. Von daher bin ich froh, dass du die erste warst, die meinte, sie hat keinen Hunger. Jetzt kann ich mich nämlich auch verkrümeln und ein paar Freunde in der Stadt treffen. Also dann…man sieht sich.“ Er verließ mein Zimmer und schloss die Tür. Tse, soll er doch machen, was er will. Konnte mir doch egal sein, solange ich ihn jetzt nicht mehr am Hals hatte. Dennoch wusste ich nicht, was ich von ihm halten sollte. Naja, ich würde viel Zeit haben, das herauszufinden. Müdigkeit war dabei mich zu übermannen und das Einzige, was ich vorm Schlafengehen noch machen wollte, war duschen. Ich betrat also den Gang und erschreckte mich als genau vor meinem Zimmer, eine andere Tür aufschwang. Vor mir stand Byung-Hwan, der wohl gerade aufbrechen wollte, jetzt aber inne hielt. Ohne Witz! Sein Zimmer lag genau auf der gegenüberliegenden Seite von meinem? Na super. Aber okay. „Kannst du mir vielleicht sagen, wo das Badezimmer ist?“ Er zog eine Augenbraue hoch, deutete dann aber nach links. „Letzte Tür linke Seite.“ Mit einem leisen „Danke“ setzte ich meinen Weg ins Bad fort und hörte ihn kurz danach die Treppe hinabgehen.

    Ich genoss das heiße Wasser der Dusche und als ich dann die Zähne geputzt hatte, schmiss ich mich in mein Bett. Ich hatte keine Kraft mehr, mir über den morgigen Tag Gedanken zu machen und schon nach kurzer Zeit schlief ich tief und fest.




    11
    Ich wachte auf, als ich ein merkwürdiges Geräusch vernahm. Verwirrt blickte ich mich im Zimmer um, aber es war zu dunkel, um etwas erkennen zu können. Da war es wieder, dieses Geräusch. Ich versuchte zu verfolgen, wo es herkam und musste feststellen, dass es nur mein Bauch war, der geradezu nach Essen schrie. Ich ließ mich zurück ins Bett plumpsen und seufzte. Ich schaute auf meinen Wecker: 21:34 Uhr. Ich hörte Schritte im Gang und tat schnell so als würde ich schlafen. Meine Zimmertür öffnete sich und ein Streifen Licht fiel ins Zimmer. Ob es meine Mutter war, die nach mir sehen wollte? „Ey, schläfst du?“ Nein, diese Stimme gehörte definitiv nicht meiner Mutter. Was wollte Byung-Hwan bei mir im Zimmer? Ich überlegte, ob ich zugeben sollte, dass ich wach war, aber schon im nächsten Moment schloss sich die Tür wieder. Was war das denn? Ich setzte mich auf und knipste meine Nachttischlampe an. Mein Blick fiel auf eine Schachtel, die an der Tür stand. Vorsichtig schlich ich zu dem verdächtigen Gegenstand und ging in die Knie. Bevor ich die Schachtel öffnen konnte, wusste meine Nase, was sich darin befinden würde. Mein Bauch knurrte ein weiteres Mal, diesmal aber vor Freude. Kaum hatte ich die Schachtel offen, stopfte ich mir auch schon die erste Ladung Nudeln in den Mund. Mmh! Das war echt lecker. Keine Ahnung, was das für eine Soße ist, aber sie war göttlich. Meine Laune besserte sich mit jedem weiteren Bissen. Als ich fertig war, fiel mir eine Adresse auf dem nun leeren Behältnis auf. Es schien die eines Restaurants oder so zu sein. Moment mal! Meine Mutter hatte selbst gekocht, also musste Byung-Hwan das aus der Stadt extra für mich mitgebracht haben! Ein Grinsen schlich sich auf meine Lippen. Vielleicht war er doch gar nicht der Idiot, für den ich ihn hielt. Vielleicht war er sogar ganz nett?

    Als ich am nächsten Morgen aufwachte, schien schon die Sonne draußen. Ich schaute aus dem Fenster und bemerkte einen kleinen Garten hinter dem Haus. Er sah gut gepflegt aus und die ersten Blumen genossen bereits die Sonnenstrahlen. Als ich noch klein war, hatte ich meiner Mutter immer im Garten geholfen. Ich hatte Spaß daran und durfte oft die Blumensorte aussuchen, wenn wir auf den Markt gingen. Aber dann wurde meine Mutter immer mehr von ihrem Job eingenommen und war zu beschäftigt. Zu dieser Zeit fühlte ich mich oft einsam, aber kurze Zeit später fing Hilde an bei uns zu arbeiten und ich schloss sie schnell ins Herz, weil sie die ruhige Ausstrahlung einer Großmutter für mich hatte. Jetzt aber genug in Erinnerungen geschwelgt! Ich öffnete den Kleiderschrank, wo nur ein Minimum meiner alten Klamotten Platz fand und suchte mir eine bequeme Jeans und ein rotweiß gestreiftes T-Shirt. Nachdem ich mir einen Pferdeschwanz gemacht hatte, verließ ich mein Zimmer.

    Ich traf meine Mutter in der Küche an. Sie saß entspannt am Tisch und trank einen Kaffee, während sie in einer Zeitung blätterte. „Guten Morgen.“, begrüßte ich sie. Sie schaute auf und lächelte. „Lynn, schön, dass du wach bist. Setz dich doch. Willst du auch einen Kaffee?“ „Ist auch Saft da?“, fragte ich zurück. „Im Kühlschrank steht Orangensaft, glaube ich.“ Ich ging zum Kühlschrank, nahm die Flasche heraus und suchte nach einem Glas. „Dort oben rechts.“, kam der Hinweis meiner Mutter. Ich goss mir was ein und setzte mich zu ihr. „Hast du gut geschlafen?“ Ich nickte. Sie legte ihre Zeitung zusammen und schaute mich nun direkt an. „Das kommt vielleicht ein wenig plötzlich, aber heute Nachmittag kommen Jogdae’s Bruder mit Frau und Sohn zu Besuch. Sie wohnen nicht weit weg und wollen uns willkommen heißen.“ Ich nickte wieder. Was sollte ich auch groß sagen? Ich konnte ja schlecht sagen, ich hätte keine Lust. Stattdessen fragte ich einfach: „Wo sind eigentlich Jongdae und Byung-Hwan?“ „Was glaubst du denn? Es ist Donnerstag, also ist Jongdae arbeiten und Byung-Hwan in der Schule.“ Ach ja daran hatte ich gar nicht gedacht! Apropos… „Ab wann soll ich denn wieder zur Schule gehen und auf welche Schule überhaupt?“ „Du hast ab Montag Unterricht und wirst auf die gleiche Schule wie dein Bruder gehen.“ Ich verschluckte mich doch glatt. Mein Bruder? Dafür war es definitiv noch zu früh. Außerdem, solange meine Mutter diesen Jongdae nicht heiratete, war von Bruder eh nicht die Rede! „Ach Lynn. Bevor heute Nachmittag die Gäste kommen, möchte ich, dass du mir noch beim Einkaufen und Tischdecken hilfst.“ Wieder ein Nicken meinerseits. Kaum hatte der Tag begonnen, fühlte ich mich schon wieder fehl am Platz.

    12
    Nachdem das Geschirr abgewaschen war und nun wieder sauber im Schrank stand, holte ich noch schnell meinen Rucksack, bevor meine Mutter und ich uns auf den Weg zu einem naheliegenden Markt machten. „Weißt du, wie wir dort hinkommen?“, fragte ich. „Ja. Ich war schon ein paar Mal auf diesem Markt. Nur zwei Stationen mit der U-Bahn und wir sind da.“ Mir fiel wieder ein, dass meine Mutter ja einige Dienstreisen hier verbracht hatte. Mit ihrer Führung erreichten wir nach nur wenigen Minuten Fußmarsch die U-Bahn-Station. Da es mitten in der Woche war, fuhren nur wenige Menschen mit uns in der Bahn. Dennoch blieben wir stehen, da man unsere Fahrtdauer an einer Hand abzählen konnte. Als wir die Station verließen, sah man auch schon die ersten Street Food Stände. Nach wenigen Metern eröffnete sich vor uns ein riesiger Platz mit unzähligen Angeboten von Gemüse über Fisch und Fleisch bis hin zu Pudding und Keksen. Wow, ich bekam bei diesem Anblick schon wieder Hunger. „Was genau brauchen wir?“ Meine Mutter überlegte kurz. „Mmh. Ich brauche ein paar Zutaten für Deonjang Jjigae, Japchae und Samgyeopsal, außerdem noch verschiedene Sorten Kimchi. Äh, mal abgesehen von Kimchi, kannte ich mich, was die koreanische Esskultur betraf nicht allzu gut aus. Das Einzige, was ich über diese Gerichte wusste, war, dass sie sich echt lecker anhörten. Demnach trottete ich einfach meiner Mutter hinterher. Nach und nach füllte sich der Markt mit Menschen und ich musste aufpassen, meine Mutter nicht aus den Augen zu verlieren. Wir zwängten uns gerade an einem Stand vorbei, der Tteokbokki anbot, eins der wenigen Gerichte, die ich kannte. Tteokbokki waren kleine, scharfe Reiskuchen mit Gemüse. Ich wollte diese Art Street Food schon immer mal probieren. Ich drehte mich um und wollte meine Mutter fragen, ob ich mir hier schnell was holen könne, doch sie war weit und breit nicht mehr zu sehen.

    Ich zog mein Handy aus der Jackentasche und wählte ihre Nummer. Es tutete mehrmals, bevor sie endlich abnahm. „Lynn, wo bist du?“ Ähm… „An einem Tteokbokki-Stand?“ Meine Mutter schien kurz zu überlegen und erwiderte dann: „Meinst du, du kommst für ein paar Stunden allein klar? Dann erledige ich die restlichen Einkäufe und wir treffen uns in zwei Stunden vor der Metro-Station wieder.“ „Natürlich komme ich für die paar Stunden allein klar! Bin ja kein kleines Kind mehr. Also können wir es gern so machen. Dann bis später.“ Ich legte auf. Ich grinste innerlich und drehte mich um. „Eine Portion bitte.“, sagte ich zum Tteokbokki-Verkäufer. Während ich meine Reiskuchen mümmelte, verließ ich den vollen Marktplatz und folgte einer kleinen und vor allem leereren Nebenstraße. In kürzester Zeit hatte ich alles verdrückt und konzentrierte mich nun auf die Läden. Oh, den Pappaufsteller kannte ich doch! Da war ja wieder Suga! Aber erst jetzt viel mir der Laden auf, zudem der Aufsteller gehörte. Ich fühlte mich wie der glücklichste Mensch in Südkorea. Vor mir befand sich ein großer K-POP Shop, der sogar zwei Etagen einnahm! In Lichtgeschwindigkeit hatte ich den Laden auch schon betreten. Vor mir lag das Paradies! Riesige Poster hingen an den Wänden, Regale reihten sich aneinander und Drehständer strotzten nur so von BTS, EXO, GOT7, MonstaX, Seventeen, BlockB und viiieeelen mehr. Die zweite Etage versprach sogar Hoodies, T-Shirts, Bettwäsche und Rucksäcke. Zum Glück hatte ich meine Kreditkarte dabei…

    Nach einer gefühlten Ewigkeit befanden sich mindestens fünf Poster von BTS (3x), Wanna One und B.A.P, zwei Alben von B1A4, haufenweise Sticker von sämtlichen Gruppen, ein Jin Hoody in Rosa, eine Bangtan Tasse und eine kleine Stehfigur von Wanna One’s Park Jihoon in meinem Einkaufskorb. Ich musste beim Anblick der kleinen Figur an mein Treffen mit Jihoon zurückdenken und wie viel Glück man doch im Leben haben kann. Auf dem Weg zur Kasse fiel mir ein Ring ins Auge: BTS 2013.6.13. Das hatte ich ja komplett vergessen! Nachdem Radiergummi-Girl meinen Ring vom Balkon meiner alten Schule gekickt hatte und ich zum Direktor musste und sich die Ereignisse nur so überschlugen, hatte ich vergessen nach dem Ring zu suchen. Also fügte ich ihn schnell meiner beträchtlichen Sammlung hinzu und bezahlte an der Kasse. Ich bekam das Grinsen nicht aus meinem Gesicht gewischt, so zufrieden war ich. Nachdem ich alles in meinen armen Rucksack gequetscht hatte, schaute ich auf die Uhr. Mist! Ich musste mich ranhalten. Schnell lief ich die Straße zurück, die ich gekommen war, um zur U-Bahn-Station zu gelangen, wo meine Mutter bestimmt schon wartete.




    13
    Völlig außer Puste erreichte ich mit zehn Minuten Verspätung den geplanten Treffpunkt. „Ich habe mir schon Sorgen gemacht, du würdest den Weg wieder nicht finden.“ Meine Mutter hielt in jeder Hand einen großen Beutel, der jeweils bis oben gefüllt war. „Ne ne, alles gut. Entschuldige die Verspätung. Ich helfe dir beim Tragen.“ Ich nahm ihr einen der Beutel ab und wir begaben uns langsam Richtung Bahngleis. Nach kurzem Warten fuhr auch schon die Bahn ein. Diesmal setzten wir uns und platzierten unsere Beutel zwischen den Beinen. „Und, wie hast du die zwei Stunden Freizeit verbracht?“, fragte mich meine Mutter. Ups. Mit der Frage hatte ich nicht gerechnet. Ich wusste nicht wirklich, wie ich antworten sollte. Wir hatten lange nicht mehr so viel Zeit miteinander verbracht wie heute. Daher hatte ich auch nie das Bedürfnis oder die Gelegenheit über meine Interessen zu sprechen. Es war keiner da, der fragte: Wie war dein Tag? oder Von wem ist das Lied, was du immer hörst?. Ich hatte keine Freunde, die mich hätten fragen können und meine Eltern arbeiteten immer bis spät. Aber jetzt meiner Mutter zu erklären, was denn K-POP ist und wer zum Kuckuck BTS ist, wollte ich beim besten Willen nicht. „Ich habe mir auf dem Markt Tteokbokki geholt und bin dann ein paar Straßen langgeschlendert.“, fasste ich es kurz zusammen. „Und du? Hast du alles auf dem Markt gekriegt?“, fragte ich zurück. „Ich habe tatsächlich so gut wie alles gefunden und werde Zuhause dann gleich mit dem Kochen beginnen, sodass alles rechtzeitig fertig ist.“ Da fiel mir ein… „Mama, ich wusste gar nicht, dass du so gut kochen kannst.“ Sie lächelte leicht. „Ich hatte öfters gekocht als du noch kleiner warst, aber irgendwann blieb es wegen der ganzen Arbeit auf der Strecke. Dabei mochte ich es am liebsten, wenn du mein Essen gegessen hast und gesagt hast, es schmeckt dir.“ So etwas hatte sie mir nie erzählt. Vielleicht war es doch nicht soo schlecht, hierher gezogen zu sein. Den Rest des Heimwegs versuchte meine Mutter mir die Zubereitung von Deonjang Jjigae, Japchae und Samgyeopsal zu erklären und wie sie so unbeschwert redete, sah sie ziemlich glücklich aus.

    Wieder am neuen Zuhause angekommen, verschwand meine Mutter sofort in die Küche. Zuvor hatte sie mir noch gesagt, wo ich eine Tischdecke, Teller und Gläser finde und mich angewiesen, den Tisch zu decken. Ich betrat das Wohnzimmer, welches zwar geräumig, aber zudem auch gemütlich wirkte. In der Mitte stand ein Raumteiler, der als Regal fungierte. Auf einer Seite befand sich ein großer Fernseher, welcher sich einem großen Sofa gegenüber darbot. Auf dem Fensterbrett lagen ein paar CDs und DVDs und ein flauschiger Läufer schmückte den Boden. Auf der anderen Seite fiel Licht durch ein großes Fenster auf den runden Tisch. Darum standen sechs Stühle. Ich ging auf einen hölzernen Schrank zu und öffnete ihn. Ich nahm eine Tischdecke heraus, die mir gefiel und breitete sie auf dem Tisch aus. Dann stellte ich noch Geschirr hin, welches sich ebenfalls im Schrank befunden hatte. Ich betrachtete den Raum erneut. Mir gefiel das Haus. Es war nicht zu riesig und strahlte irgendwie sowas wie Idylle aus, welche sich in jedem Raum wiederfand. „Na, meinst du, du wirst dich hier irgendwann wohlfühlen?“ Ich zuckte vor Schreck zusammen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mich jemand beobachtet hatte. Ich drehte mich um und blickte direkt in Jongdaes warme Augen, der mich leicht anlächelte. „Ich bin mir sicher, dass kam alles zu plötzlich und es wird einige Zeit brauchen bis sich die Situation normalisiert. Ich verstehe auch, dass du mir gegenüber noch skeptisch bist, deshalb werde ich mich bemühen dein Vertrauen zu gewinnen. Aber ich möchte, dass du weißt, dass ich deine Mutter aufrichtig liebe und sie gut behandeln werde.“ Jetzt wurde er leicht rot im Gesicht. Er räusperte sich. „Also dann…ich geh mal gucken, ob deine Mutter Hilfe braucht in der Küche.“ Damit verließ er den Raum und ich war wieder allein.

    Haaaaach…wie sollte ich ihn nicht akzeptieren, wenn er so offen deklarierte, dass er meine Mutter aufrichtig liebt? Noch dazu scheint er ein sehr ehrlicher Mensch zu sein und ich mochte diese Eigenschaft. Vielleicht hatte sich mein Bild von ihm etwas geändert, aber mein Vertrauen hatte er trotzdem noch nicht gewonnen. Tse, erst Byung-Hwan, der mir Essen mitbringt und jetzt das! Also entweder waren es echt nette Menschen oder sie wollen mich täuschen und auf die dunkle Seite ziehen…

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    Hi ihr alle!

    Ich wollte mich für die vielen Aufrufe bedanken und für die vielen positiven Kommi’s. Ich hoffe, ihr genießt das Lesen und habt Spaß dabei…dann hab ich erreicht, was ich schaffen wollte ;D

    Dennoch habe ich schlechte Neuigkeiten. Naja nur halb-schlecht, denn dieses ist vorerst das letzte Kapitel, weil ich in den nächsten Tagen nicht viel Zeit zum Schreiben finden werde. Wenn ich das Ende dieses Kapitels betrachte, habe ich mir wirklich die beschissenste Stelle ausgesucht, um eine Pause einzulegen. Seit also bitte stark und geduldet euch bis Samstag.

    Und jetzt…hier das neue Kapitel


    Da ich meine Aufgabe, den Tisch zu decken, erfüllt hatte, überlegte ich, wie ich mir jetzt die Zeit vertreiben konnte. Mir fiel der Garten ein, den ich heute Morgen von meinem Zimmer aus gesehen hatte. Ich entschied mich also, ihn ein bisschen näher zu erkunden. Ich dächte, eine Hintertür am Ende des Flurs gesehen zu haben, die möglicherweise in den Garten führt. Schnell holte ich meine Schuhe. Ich ging den Flur entlang und achtete darauf, einen großen Bogen um die Küche zu machen, bevor ich noch einmal in den Genuss käme, meine Mutter und Jongdae kuscheln zu sehen. Ich gelangte an eine Tür, welche eine Terrasse auf der Außenseite verbarg. Ich trat ins Freie und war sofort überwältigt von der Schönheit, die sich mir bot. Es wirkte, als wäre der Garten in Teilbereiche aufgeteilt wurden, durch große Busche und Hecken, die Abgrenzung boten. Doch egal um welche Ecke man trat, es erwartete einen immer ein Meer voller Blumen und Blüten. Teilweise nach Farbe und Länge sortiert oder einfach Kunterbunt und in alle Himmelsrichtungen sprossen sie aus der Erde. Versteckt zwischen hohen Büschen stand eine Bank, die wohl schon einige Winter hinter sich hatte. Ich setzte mich, lehnte mich mit dem Rücken an und zog meine Beine an. Ich schloss kurz die Augen und spürte die Sonne auf meinem Gesicht.

    Im nächsten Moment legte sich ein Schatten darüber. Ich blinzelte und bemerkte, dass sich jemand vor mich gestellt hatte. „Na sieh mal einer an, wen wir hier haben.“ Byung-Hwan stand mit verschränkten Armen vor mir. Ich sah ihn an. „Wie wars in der Schule?“ Er seufzte. „Schule halt. Wie läufts mit den Vorbereitungen für die Gäste?“ Er ließ sich neben mir auf der Bank nieder. Wir schauten beide geradeaus. „Der Tisch ist gedeckt und Mama hat die Küche in Beschlag genommen und Jongdae wollte ihr helfen.“ „Und wieso sitzt du hier draußen rum?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Ich wollte mir den Garten angucken und da so schönes Frühlingswetter ist, wollte ich die Sonne genießen. Der Garten ist echt wunderschön. Wer kümmert sich um ihn?“, fragte ich neugierig. „Falls du dich damit fragst, wer diese ganzen Dinger in den Boden gepfropft hat, dann sitzt die Person genau neben dir.“ Ich drehte meinen Kopf und schaute ihn erstaunt an. „Ist nicht wahr!“ Das verblüffte mich. Ich dachte, sie hätten einen Gärtner beauftragt. Nie hätte ich mir Byung vorstellen können, der rosa Blümchen in die Erde setzt. Ich musste bei der Vorstellung leicht kichern. „Jaja, lach mich bloß aus.“ Hatte ich ihn gekränkt? „Ich lache dich gar nicht aus. Ich mag diesen Garten.“ Da fiel mir was ein! „Danke für das Essen gestern…“ Er stand auf. „Versteh mich bloß nicht falsch. Das war kein Friedensangebot oder so…Ich wollte nur nicht in der Nacht von deinem Bauchgrummeln geweckt werden.“ Pff, wer‘s glaubt. „Ach ja, ich sollte dir von deiner Mutter ausrichten, dass die Gäste bald da sind und du dich umziehen sollst.“ Mit diesen Worten begab er sich Richtung Haus. Ich seufzte, folgte dann aber.

    In meinem Zimmer, holte ich einen lachsfarbenen Rock aus dem Schrank und kombinierte ihn mit einer weißen Bluse, die ich in den Rock steckte. Im nächsten Moment drang das schrille Geräusch einer Klingel durchs Haus. Spätestens jetzt fingen meine Nerven an zu flattern. Immerhin war es Jongdaes Bruder mit Familie oder besser gesagt, ich würde heute meinen zukünftigen Onkel und meine Tante kennenlernen! Natürlich fühlte sich hier noch nichts nach Familie an, aber trotzdem war es mir irgendwie wichtig, dass sie mich mochten. Langsam verließ ich mein Zimmer und ging die Treppe runter. Ich kam nicht mal bis zum Wohnzimmer, als mich schon eine Frau an sich drückte. „Uh, du bist ja knuffig! Ich habe mich schon gefragt, wie wohl ein deutsches Mädchen aussieht und du siehst ja wirklich bezaubernd aus!“ Komplett überrumpelt, wusste ich absolut nicht, was hier gerade vor sich ging. Die Frau löste die Umarmung, hatte ihre Arme aber immer noch auf meinen Schultern liegen. Erst jetzt konnte ich ihr Gesicht sehen. Durch ihre weichen Züge wirkte sie jung, zudem hatte sie volle Lippen und große braune Augen, die mich vergnügt anstrahlten. Ihre Haare waren zwar einfach nur hochgesteckt, aber sorgten trotzdem dafür, dass sie elegant aussah. Kurz gesagt: Sie war bildhübsch. Nun legte ein Mann seine Hände auf ihre Schultern. „Ich glaube, du hast sie gerade ziemlich überrumpelt.“ Jetzt schlug die Frau ihre Hände vor den Mund. „Oh, tut mir leid. Ich bin Seo Yong. Hach ist das toll, ein Mädchen in der Familie zu haben! Als deine Tante bin ich stets bereit, mit dir shoppen zu gehen oder wir können zusammen koreanische Dramen gucken, so richtig romantische. Was hältst du davon?“ Ihre Augen funkelten wie die eines kleinen Kindes. Irgendwie erinnerte sie mich an V, was sie natürlich nicht unsympathisch machte. Im Gegenteil, meine Nervosität schien komplett verflogen und ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen. „Freut mich dich kennenzulernen. Ich heiße Lynn.“ Im Normalfall hätte ich sie gesiezt, aber es erschien mir für nicht angebracht, also blieb ich beim Du, was ich auch angenehmer fand. „Mich freut es natürlich auch dich kennenlernen zu dürfen. Mein Name ist Donghae und ich bin Jongdaes Bruder. Willkommen in der Familie.“, meldete sich nun der Mann hinter Seo Yong. Jetzt konnte ich ein Lachen endgültig nicht mehr unterdrücken. Jongdae und Donghae? Was für eine kreative Namensgebung. Donghae grinste mich ebenfalls an. „Ja, ich weiß, ich habe definitiv den schöneren Namen!“ Jetzt kam auch noch Jongdae aus der Küche. „Das sehe ich aber anders!“ Es begann eine große Diskussion, wer denn nun den besseren Namen hatte. Seo Yong beugte sich zu mir. „Wie wär‘s, wenn du schonmal ins Wohnzimmer gehst, da sind Byung-Hwan und unser Sohn. Wir kommen nach, sobald sich die Streithähne wieder eingekriegt haben.“, flüsterte sie mir ins Ohr und gab mir ein Zwinkern. Ich erwiderte ihr Lächeln und nickte. Ich ging Richtung Wohnzimmer und überlegte, warum ich mir so viele Sorgen gemacht hatte. So ungern ich es auch zugeben wollte, schien diese Familie wirklich nur aus netten Menschen zu bestehen. Die Tür zum Wohnzimmer stand offen und ich hörte das Gelächter zweier Jungs. Das eine war definitiv Byung-Hwan und das andere musste der Sohn von Seo Yong und Donghae sein. Jetzt wurde ich doch wieder ein wenig nervös. Ich holte Luft und betrat das Zimmer. Mein Blick schweifte durch den Raum und nur langsam begann mein Gehirn zu realisieren. Bevor die beiden mich sehen konnten, war ich auch schon wieder aus dem Raum, um die nächste Ecke geflüchtet und presste mich mit dem Rücken an die Wand. Mein Puls raste. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich den Atem anhielt und holte schnell Luft. Was zum…! W-w-warum? W-warum stand da Kim Taehyung im Wohnzimmer!










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    Meine Gedanken überschlugen sich. Kim Taehyung war der Sohn von Donghae und Seo Yong? Und wenn die beiden sozusagen Tante und Onkel für mich wären, dann hieße das ja, dass Taehyung mein Cousin war! Ach du meine Güte! Was sollte ich denn jetzt machen? Einfach da reingehen und so tuen, als wüsste ich nicht, wer vor mir steht? Ich meine, ich konnte ihn ja schlecht nach einem Autogramm fragen oder mit ihm Fotos machen, um sie Mona zu zeigen, das wäre ja mega unangebracht, immerhin war das hier ja ein Familientreffen. Familie…Kim Taehyung gehörte zu meiner neuen Familie! „Lynn, was stehst du denn hier vor der Tür rum?“ Als wäre ich gerade erst aufgewacht, blickte ich meine Mutter an. Sie hielt eine große Schale mit dampfenden Essen in ihren Händen und hinter ihr kamen auch schon die anderen, ebenfalls voll beladen. „Hast du Taehyung schon begrüßt? Na komm, er ist ein wirklich lieber Junge.“ Als ob ich das nicht wüsste! Einmal ARMY immer ARMY, aber…irgendwie war die Beziehung von Fangirl und Idol zu Cousin und Cousine vorangeschritten! Immer noch ratlos wie ich mich verhalten sollte, betrat ich das Wohnzimmer erneut.

    Taehyung und Byung-Hwan schauten mich an. „Ist sie das?“, fragte Taehyung. „Jap. Darf ich vorstellen, meine neue kleine Schwester, die meine Befehle zu befolgen hat.“ Byung-Hwan grinste mich schelmisch an. Meine komplette Anspannung verflog bei seinen Worten. Das hätte er wohl gern! „Pah also wenn dann bin ich die neue kleine Schwester, der er jeden Wunsch zu erfüllen hat als liebevoller großer Bruder.“ Wir starrten uns beide an, ohne dass jemand blinzelte. „Uuh, welch Harmonie.“ Ups, hatte ich etwa gerade vergessen, dass ich mit Taehyung in einem Raum stand? Schnell brich ich den Blickkontakt ab und schaute zu Taehyung, der mich nach seinem Kommentar nur angrinste. Sag was, sag was, sag doch irgendwas und hör auf ihn anzustarren! „Und wer bist du?“ …! Waren die Worte gerade aus MEINEM Mund gekommen? Toll, ich hatte echt das Logischste gefragt, was ich hätte fragen können. Naja, immerhin konnte ich jetzt nicht mehr als Fangirl abgestempelt werden. „Ich bin Kim Taehyung beziehungsweise der Junge, der dir die Wünsche erfüllt falls Byung darin versagt.“ Er grinste. Kann mich mal wer kneifen! Okay, jetzt konnte ich getrost sterben. „Haha, ich werde dich daran erinnern. Mein Name ist übrigens Lynn.“ Puh, ich hatte es geschafft, einen logischen Satz rauszukriegen. „Freut mich dich kennenzulernen Lynn. Weißt du, Byung hatte die ganzen letzten Tage rumgeflucht, er hätte keinen Bock auf irgendein daher gelaufenes Mädchen aus Deutschland, aber nachdem du gestern ankamst und wir abends essen waren, sagte er auf einmal, vielleicht ist sie doch ganz okay. Und als er dann auch noch Essen für dich zum Mitnehmen bestellt hat, war ich so baff, dass ich unbedingt wissen wollte, wer denn das Mädchen ist, welches Byungs Herz hat schmelzen lassen.“ Byung verdrehte die Augen. „Pff, ich hab nie gesagt, dass ich sie akzeptiere oder gar mag. Tae, du übertreibst schon wieder maßlos.“ „Tu ich gar nicht! Und außerdem find ich sie auch toll. Endlich mal eine, die dir die Meinung geigt.“ Taehyung zwinkerte mir zu. Ich hätte vor Freude fast laut angefangen zu quietschen, riss mich aber im letzten Moment noch zusammen. „Ihr scheint euch super zu verstehen. Verbringt ihr viel Zeit zusammen?“, fragte ich neugierig. Die beiden sahen sich verwundert an. „Naja, wir sind früher auf dieselbe Schule gegangen, aber da Tae vier Jahre älter ist als ich, hat er natürlich schon seinen Abschluss gemacht.“ „Du hast das wichtigste ausgelassen! Trotz dessen ich älter bin, war er immer der Schwarm aller Mädchen! Ständig wollten irgendwelche Mädchen von mir wissen, ob er eine Freundin hat oder ob ich seine Nummer habe.“, grinste Taehyung. „Das musst du gerade sagen! Seitdem du deinen Abschluss hast und als Idol bekannt geworden bist, bin ich derjenige, der irgendwelche Fangeschenke annehmen und dir bringen muss!“ Taehyungs Grinsen wurde noch breiter. „Tja so ändern sich die Zeiten. Hey, Lynn. Hast du eigentlich schon mal was von Bangtan Sonyeondan gehört?“

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    Ob ich schonmal was von einer der genialsten K-POP Gruppen gehört hatte, die sieben Mitglieder umfasst, Kim Namjoon, Kim Seokjin, Min Yoongi, Jung Hoseok, Park Jimin, Kim Taehyung und Jeong Jungkook und kurz BTS genannt wurde? „Nein habe ich nicht, tut mir leid.“ Ich hätte mich am liebsten selbst geohrfeigt! Warum gab ich es nicht einfach zu. Es war mir ja nicht peinlich. Ich meine, es ist das genialste der Welt ARMY zu sein und sich zwischen seiner Fangemeinschaft und Biases wohlzufühlen, aber ich hatte Angst. Angst davor, dass ich dann nur als Fan und nicht als Familienteil angesehen werden würde. Na toll, die ganze Zeit versuchte ich mich selbst davon zu überzeugen, dass ich Jongdae und Byung nicht gutheiße und jetzt wollte ich Teil dieser Familie sein? Was war nur los mit mir? „Naja das ist wahrscheinlich kein Wunder, da wir ja noch nie in Europa aufgetreten sind. Aber da du jetzt hier bist, musst du demnächst unbedingt mal die anderen kennenlernen. Wie sieht’s aus, hättest du Lust drauf?“ Ich würde wahrscheinlich einen Herzinfarkt kriegen, wenn alle Sieben vor mir ständen! „Ja klar, warum nicht.“ „Toll, dann frag ich nachher mal die anderen, was sie am Wochenende so vorhaben.“ Ein Räuspern war zu hören. „Ich finde es ja super, dass ihr euch so gut versteht, aber das Essen wird so langsam kalt…“, gab Jongdae zu bedenken.

    Im nächsten Moment saßen auch schon alle am Tisch und füllten ihre Mägen. Naja ich versuchte es zumindest, denn der Platzverteilung nach, saß Taehyung nun genau vor mir. Andauernd glitt mein Blick zu ihm und ich wurde jedes Mal ein bisschen nervöser, wenn unsere Blicke sich trafen und er mich angrinste. Irgendwann versuchte ich mich, auf mein Essen zu konzentrieren, was wirklich lecker schmeckte. Meine Mutter war echt eine tolle Köchin. „Lynn, sag mal, hast du eigentlich einen Freund in Deutschland?“, fragte Seo Yong wie aus dem Nichts. Fast hätte ich Taehyung mein Essen entgegen gespuckt. Als wäre die Frage nicht schon peinlich genug, starrten mich nun alle an. Selbst meine Mutter schien an einer Antwort interessiert. Ich schluckte hart mein Essen runter und zwang mich zu lächeln. „Nein, habe ich nicht.“ Byung schien sich einen abfälligen Kommentar zu verkneifen, Taehyung grinste nur noch breiter und meine Mutter sah gewissermaßen beruhigt aus. „Na sowas, so ein hübsches Mädchen und kein Freund? Deutsche Jungs haben wohl gar keinen Geschmack. Warte bloß ab, bis du auf deine neue Schule gehst, die Jungs stehen bestimmt Schlange. Byung, Taehyung, ihr solltet auf eure kleine Schwester gut aufpassen, nicht dass sie von irgendeinem komischen Typen gestalkt wird!“ Themenwechsel, bitte kann einer das Thema wechseln! Ich schaffte es nicht mal mehr, vom Teller hochzuschauen, so peinlich war mir dieses Gespräch. „Ai ai Mama wird gemacht. Mit mir als Beschützer wird sich niemand so leicht an ihr vergreifen.“, kicherte Taehyung. Seo Yong setzte schon zur Fortsetzung an, wurde aber von Byung unterbrochen. „Wie war eigentlich eure Kurzreise nach Daejeon?“ Kurz über den Themenwechsel verwirrt, stockte Seo Young, schien dann aber Gefallen am neuen Gesprächsthema zu finden und plapperte fröhlich drauf los. Ich atmete auf und schaute zu Byung, der mir mit einem Zwinkern zu verstehen gab, dass ich aus der Gefahrenzone war. Ich lächelte dankend zurück.

    Die nächsten Stunden übernahm Seo Yong zu siebzig Prozent das Reden, kam aber zum Glück nicht auf das Thema Freund zurück. Nach dem Abendessen übernahmen Byung und ich den Abwasch in der Küche. „Du schuldest mir was für vorhin.“, sagte er nach einigen Minuten Stille. So ungern ich es auch zugab, hatte er recht. „Und hast du da schon genaue Vorstellungen?“ Er überlegte kurz. „Blamier mich nur nicht in der Schule.“ Ich warf ihm einen bösen Blick zu. Im nächsten Moment schwang die Tür auf. „Hey ihr zwei. Meine Eltern meinten, wir müssen langsam los.“ Taehyungs Blick blieb an mir hängen. „Ach ja wegen des Treffens am Wochenende…kann ich deine Nummer haben, damit ich dir Bescheid geben kann?“ Mein Herz machte einen Hüpfer. „Ja klar, kein Problem.“ Ich sagte ihm meine Nummer an und er speicherte sie in seinem Handy. „Ich schreibe dir dann, wenn ich mit den anderen gesprochen habe.“ Er winkte noch kurz und verließ dann die Küche. Mona würde mir DAS nie glauben! Ich musste ihr unbedingt schnellstmöglich davon erzählen. Sie würde durchdrehen! Im nächsten Moment gab mir Byung einen Klapps mit dem Geschirrhandtuch. „Die Arbeit macht sich nicht von alleine!“ Ich seufzte. Okay, erst die Arbeit, dann das Vergnügen.



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    Biep…biep…biep… „Und? Wie viele heiße Typen hast du schon angebaggert?“ Jap, mit so einer Frage hätte ich bei ihr rechnen müssen. „Freut mich auch deine Stimme zu hören, Mona.“, kicherte ich zurück. „Mensch, weißt du, wie langweilig es hier ohne dich ist. Ich vermisse dich voll! Du hättest dich ruhig mal früher melden können.“ Ich spürte ein Stechen in der Brust. „Tut mir leid. Ich vermisse dich auch.“ Kurz trat Stille ein. „Und wie ist der neue Lover deiner Mutter so?“, platzte sie heraus. Ich überlegte. „Naja, also so ungern ich es auch sage, befürchte ich, dass er nett ist und sein Sohn ist die Art von großer Bruder, der zwar seine Schwester nervt und aufzieht, aber eigentlich sehr rücksichtsvoll ist.“ „Ähm…Lynn…hast du ihn gerade als großen Bruder bezeichnet?“ Mist! Das hatte ich wirklich, nicht wahr? „Ups?“ Mona kicherte. „Sag mal, kann es sein, dass du dein Schicksal schon akzeptiert hast und du eigentlich glücklich bist, jetzt eine richtige Familie zu haben?“ Eine richtige Familie, war ihre Formulierung. Es stimmt, dass ich nie in den Genuss einer liebevollen Familie gekommen war. Nie hatten wir als Familie was unternommen, nie hatten wir darüber geredet, was jeder am Tag so gemacht hat und nicht einmal essen war am gleichen Tisch möglich gewesen. Vielleicht hatte ich mich tatsächlich danach gesehnt, Teil einer richtigen Familie zu sein. „Hey…Mona…ich glaube, ich will Teil dieser Familie sein.“ Warum kamen mir denn jetzt die Tränen, verdammte Kacke. Ich hasste es, wenn meine Stimme so weinerlich wurde! „Ach Süße, das ist doch okay. Ich bin mir sicher, sie haben dich auch schon ins Herz geschlossen. Ich würde dich jetzt wahnsinnig gerne knuddeln, aber da ich das nicht kann, muss ich Worte nutzen. Also Kopf hoch, sonst fällt das Krönchen runter!“ Ich wünschte, Mona wäre hier bei mir…

    Erst jetzt fiel mir wieder ein, warum ich sie UNBEDINGT anrufen wollte. „Mona! Du glaubst mir nie, wem ich heute meine Handynummer geben durfte!“ Sie überlegte. „Mmh, ich hoffe doch einem süßen Typen?“ Und ob der süß war! „Kim Taehyung!“, platzte es aus mir heraus. „…Lynn, also ich weiß ja, dass Südkorea Neuland für dich ist, aber ich muss dir sagen, nicht jeder gutaussehende Koreaner ist Mitglied von BTS.“ „Nein, ich meine das tot ernst! Heute kam Jongdaes Bruder mit seiner Frau zu Besuch und die beiden haben einen Sohn und auf einmal stand Kim Taehyung vor mir! Ich war selbst baff, aber das ist kein Traum…Kim Taehyung ist mein Cousin!“ Stille am anderen Ende der Leitung. „Mona?“ Immer noch nichts. Ich schaute auf mein Handy, aber die Verbindung schien nicht unterbrochen. „Mona?“ „Ich bin grad beschäftigt.“ Äh was? „Ich gucke gerade, wann der nächste Last-Minute-Flug nach Südkorea geht…oder meinst du ich bleibe hier bei den ganzen langweiligen Typen, während du mit BTS einen auf happy Family machst!“ Ich musste lachen. „Ach so, hatte ich erwähnt, dass ich Wanna One‘s Park Jihoon getroffen habe?“, zog ich sie auf. „Und du lässt dich von mir trösten? Also so wie ich das sehe, bin ich diejenige, die arm dran ist, während sich meine beste Freundin in Südkorea vergnügt! Warte nur ab, bis ich genug Geld zusammen habe, um in Südkorea Urlaub zu machen. Dann schnapp ich mir die ganzen heißen Typen!“ Das traute ich ihr sogar zu. „Dann beeil dich mal ein bisschen! Ich will nämlich mit meiner Freundin zu einem BTS-Konzert und zu einem Fan-Meeting gehen!“ „Darauf kannst du dich verlassen! Aber jetzt ruft erstmal die Arbeit…ich muss los, sonst komme ich zu spät.“ „Geb dir Mühe, du weißt ja wie teuer so ein Flug nach Südkorea ist.“, ärgerte ich sie, „Pass auf dich auf.“ „Du auch und meld dich mal wieder!“, sagte sie. „Mach ich, versprochen.“, antwortete ich.

    Es war mittlerweile spät, also zog ich meinen Schlafanzug an und legte mich ins Bett. Kurz davor ins Traumland abzudriften, vibrierte mein Handy neben mir auf dem Nachttisch. Verschlafen guckte ich, wer mir so spät noch schrieb. „Hey Lynn! Die anderen haben am Wochenende Zeit und wollen dich kennenlernen. Ich melde mich noch einmal wegen des Wann und Wo's. Schlaf gut, Taehyung.“ So hippelig, wie ich gerade war, sollte es dauern bis ich wieder einschlafen würde…

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    Da ich noch lange wachgelegen und die Decke angegrinst hatte, wachte ich erst gegen Mittag auf. Ich zog mich an und watschelte verschlafen die Treppe runter. Auf dem Küchentisch lag ein kleiner Zettel: „Musste kurzfristig zur Firma und weiß noch nicht, wann ich wiederkomme. Du brauchst noch eine Schuluniform. In der Stadt ist ein vielfältiger Laden, wo man sämtliche Schuluniformen kaufen kann. Ich habe dir per SMS die Adresse geschickt und im Anhang ist ein Bild der Uniform. Schau doch bitte dort vorbei. Liebe Grüße, Mama.“ Ach richtig, am Montag würde ich das erste Mal eine normale Schule betreten. Der Gedanke machte mich glücklich und nervös zugleich. Auf meiner alten Schule hatte ich nie gute Freunde gefunden, was auch daran lag, dass ich gegenüber fremden Menschen sehr schüchtern und vorsichtig war, auch wenn mir sowas nicht ähnlich sah. Aber okay, zurück zur Sache! Ich, in dieser großen Stadt, alleine, mit Google Maps! Warum hielt ich das für absolut keine gute Idee? Wahrscheinlich würde es Tage dauern, bis ich den Laden gefunden hatte. Bevor ich mich dieser großen Herausforderung stellen würde, wollte ich erstmal was essen. Im Kühlschrank fand ich noch ein paar Reste vom gestrigen Abend. Also machte ich es in einem Topf auf dem Herd warm und setzte mich an den Tisch. Während ich genüsslich vor mich hin kaute, gab ich die Ladenadresse in mein Handy ein. Wenn ich die U-Bahn nähme, bräuchte ich um die dreißig Minuten. Wenn ich jetzt noch meine Orientierungsfähigkeiten miteinberechnete, lag ich bei circa zwei Stunden…na dann mal los!

    Ich hätte definitiv besser im Bett bleiben sollen! Nicht nur, dass ich schon eine halbe Stunde brauchte, um die U-Bahn-Station wiederzufinden, ich stieg auch noch in die falsche Bahn ein und wusste nun nicht mehr, wo ich eigentlich war. Ich holte mein Handy aus der Tasche, um festzustellen, dass mein Akku den Geist aufgegeben hatte. Na toll und was nun? Ich schaute mich um, wo war der Fahrplan noch gleich gewesen? Ich ging um die nächste Ecke und rannte mit einem Mann zusammen. Ich verlor das Gleichgewicht und fand mich kurzerhand am Boden wieder. Der Mann setzte, ohne mich weiter zu beachten, seinen Weg fort. Was für ein Ar…! Ich wollte mich gerade wieder hochhieven, da bemerkte ich eine Fahrkarte neben mir. Ich prüfte meine Taschen, um festzustellen, dass ich meine noch hatte. Irgendwer anders musste sie also verloren haben. Ich prüfte das Datum. Sie war erst vor fünf Minuten am Automaten gezogen wurden. Ich nahm die Karte und stand auf. Auf Zehenspitzen die Gegend absuchend, konnte ich von Weitem eine Person erkennen, die immer wieder, den Kopf zum Boden gerichtet, von links nach rechts lief. Bingo! Ich lief zu der Person, die ein Cap und eine Maske trug und gerade mit dem Rücken zu mir stand. Statur und Kleidung nach war es ein Mann. Vorsichtig tippte ich seinen Rücken an. „Entschuldigen Sie bitte, aber haben Sie vielleicht ihre Fahrkarte verloren?“ Überrascht drehte die Person sich um. „Äh, ja habe ich! Hast du sie gefunden?“ Meine Nackenhaare richteten sich beim Klang der Stimme auf. „Ja, sie lag dort drüben…hier bitte.“ Ich überreichte sie ihm. Jetzt nahm er den Mundschutz ab und entblößte sein Lächeln, welches Grübchen zum Vorschein gab. „Puh und ich dachte schon, ich sehe die Karte nie wieder, haha. Wie kann ich dir nur dafür danken?“

    Ich war kurz davor erneut mit dem Boden hier Bekanntschaft zu machen, aber ich konnte mich gerade noch aufrecht halten. Ich musste in meinem letzten Leben echt eine Heldin gewesen sein und tausende von Leben gerettet haben. Sonst könnte ich mir nämlich nicht erklären, warum gerade ein weiteres Mitglied meiner absoluten Lieblings-Boy-Group vor mir stand. „…a-ach was, ist doch nicht der Rede wert. Aber…ähm…kannst du mir vielleicht sagen, wie ich zu dieser Adresse komme?“ Ich nannte ihm die Adresse und hatte irgendwie ein Déjà-vu. „Oh, ich muss auch in die Richtung! Wie wär‘s, wenn ich dich dorthin begleite?“ Einatmen…ausatmen…einatmen…und wieder aus! „Das würde definitiv helfen. Danke.“ Er grinste. „Ich bin dir schließlich was schuldig.“ Ein Signal ertönte. „Hey, das ist unsere Bahn, komm schnell, die schaffen wir noch!“ Er griff nach meiner Hand und rannte los, wobei er mich mit sich zog. „Ach ja, ich bin übrigens Kim Namjoon.“


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    Mmh ja doch, das war mir durchaus aufgefallen! Ich stolperte hinter ihm her und nur um ein Haar schafften wir es in die Bahn, bevor sich die Türen schlossen. Da ich viel zu beschäftigt war, nach Luft zu schnappen, merkte ich erst jetzt, dass Namjoon immer noch meine Hand umklammerte. Ich schaute ihn an. Verwirrt neigte er den Kopf. Ich zeigte mit meiner anderen Hand auf unsere umklammerten Hände. Schnell zog er seine Hand weg und schaute verlegen zur Seite. „Entschuldige.“, murmelte er. Die Bahn war derweil bei der nächsten Station angelangt und setzte sich gerade wieder in Bewegung. Völlig überrascht verlor ich mein Gleichgewicht und wie hätte es anders kommen können, plumpste ich gegen Namjoon, der seine Arme um mich legte, damit ich nicht mit dem Boden kuscheln musste, wenn ihr versteht, was ich meine. Wobei das wahrscheinlich gar nicht möglich gewesen wäre, denn die Bahn war so voll, dass ich schon den Atem des Mannes hinter mir spüren konnte. Ich fand mein Gleichgewicht wieder und Namjoon senkte seine Arme. Jetzt war es an mir, ein „Entschuldige“ zurück zu murmeln. Der Abstand zwischen uns blieb jedoch minimal, denn es stiegen immer mehr Menschen ein und der Mann hinter mir schien Gefallen daran zu finden, sich immer enger an mich zu quetschen. Es war mir mehr als unangenehm und ich war froh mich, heute Morgen gegen einen Rock entschieden zu haben. „Lass uns die Plätze tauschen.“ Ich schaute Namjoon verwirrt an. Als jedoch die Hand des Mannes hinter mir meinen Allerwertesten streifte, schob ich mich schnell an Namjoon vorbei in die Ecke des Wagons. Ich wollte hier raus! Nicht, dass der Mann mit Absicht meinen Po berührt hatte…so sah er nicht aus, aber es war einfach viel zu eng hier drin und die Luft wurde auch immer dünner. Deshalb ging ich lieber zu Fuß! Mir wurde jedes Mal unwohl, wenn große Menschenmengen um mich waren! „Nur noch zwei Stationen, dann können wir aussteigen…“ Ich spürte Namjoons Atem über meinem Kopf. Erst jetzt fiel mir auf, dass mein Kopf keine zehn Centimeter von seiner Brust entfernt war. Ich atmete langsam ein und wieder aus. Oh! Was war das? Namjoon roch eeecht gut. Ich atmete weiter vor mich hin und genoss seinen Geruch. Stopp! Was tat ich hier! Der einzige Perverse im Zug war wahrscheinlich ich! Ich spürte Wärme in mein Gesicht steigen vor lauter Scham. „Hey, alles okay mit dir? Geht’s dir nicht gut?“, kam sofort die besorgte Stimme Namjoons. Ich schüttelte schnell meinen Kopf, wobei ich sein Kinn streifte. „Nein, nein, alles okay.“ Die Bahn hielt erneut. „Das ist unsere Station, wir müssen aussteigen.“ Leichter gesagt, als getan! Letztlich nahm Namjoon mich wieder an die Hand und zog mich mit raus. Ich fühlte mich langsam wie ein kleines Kind. Ich konnte wirklich froh sein, dass ich Namjoon getroffen hatte. Nicht, weil er DER Namjoon war, sondern weil ich ohne ihn erstens den Weg nie gefunden hätte und zweitens nie diese verdammte Bahnfahrt überlebt hätte!

    Wir verließen die U-Bahn-Station und ich konnte meine Lungen endlich wieder mit Sauerstoff füllen…wenn auch ohne den Duft von zuvor. „Ich kenne den Laden, wo du hinwillst. Es ist gar nicht mehr weit, also kann ich dich noch bis dorthin begleiten.“ Sonne fiel auf sein Gesicht, während er so sorglos lächelte. Wooow! Also ich verstand beim besten Willen nicht, wie Leute ihn als hässlich betiteln konnten. Ich konnte mich gerade noch zusammenreißen, ihm nicht mit dem Finger ins Grübchen zu piksen. Dennoch konnte ich ein breites Grinsen nicht verkneifen. „Du kannst ja doch noch lächeln. Da bin ich ja beruhigt…in der Bahn wurdest du immer blasser und ich dachte, du kippst mir gleich um. Ich habe mir echt Sorgen gemacht.“ Er hatte sich Sorgen gemacht…um mich? Uuuh er war nicht nur süß, sondern auch rücksichtsvoll. „Tut mir leid. Mir wird immer unwohl, wenn zu viele Menschen um mich herum sind…aber jetzt geht’s mir wieder bestens! Danke für deine Hilfe.“ „Immer wieder gern.“, lächelte er zurück.

    Der Laden war tatsächlich keine zehn Minuten von der U-Bahn-Station entfernt und so erreichten wir ihn viel zu schnell, wenn ihr mich fragt. Wir betraten den Laden und wurden zugleich von einer der Mitarbeiterinnen begrüßt. Ich zeigte ihr das Bild von der Schuluniform. Ich glaube, ich muss dann mal los. Meinst du, du findest nachher den Weg allein zurück?“, meldete sich Namjoon. „Ähm…ich denke ja? Vielen Dank für deine Hilfe noch einmal und ich hoffe, es war dir nicht zu umständlich…“ Namjoon grinste. „Natürlich nicht. Ich musste ja eh in diese Richtung und so hatte ich wenigstens angenehme Gesellschaft. Also dann…noch viel Erfolg beim Shoppen.“ Ich winkte ihm noch, dann war er verschwunden. Derweil hatte die Mitarbeiterin eine Uniform ausgewählt und ich wollte gerade die Umkleide betreten, als ich eine Stimme vernahm. „Entschuldige, aber ich glaube dein Freund hat sein Handy hier verloren.“ Eine weitere Angestellte stand vor mir und hielt mir ein Handy hin. Häh? Wessen Handy? Mein Freund? Sie meinte doch nicht etwa, dass Namjoon sein Handy vergessen hatte!

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    Ich saß draußen auf einer Bank, neben mir die Tüte, worin sich meine neue Schuluniform befand und starrte auf das Handy in meinen Händen. Seit mehreren Minuten haderte ich jetzt schon mit mir selbst. Das Problem? Ich war im Besitz eines Heiligtums und eine Stimme flüsterte mir zu, diese Situation auszunutzen, das Passwort zu knacken und sämtliche Bilder anzuschauen, die Namjoon je aufgenommen hatte. Da waren bestimmt Millionen von BTS-Fotos drauf…private, nie veröffentlichte BTS-Fotos! Nein, nein, nein! Ich konnte doch nicht einfach so in seinem Handy nach meinem Belieben rumschnüffeln! Das war nicht die Person, die ich sein wollte. Immerhin wollte ich ja auch nicht, dass jemand ohne meine Erlaubnis mein Handy durchsucht. Aber…ich hatte keine Wahl! Entweder ich kriegte irgendwie den Code geknackt oder ich würde hier draußen übernachten müssen. Warum? Na weil ich mich mal wieder komplett verlaufen hatte! Zwar hatte ich es bis zur U-Bahn-Station zurückgeschafft, aber erst nach einer halben Stunde Fahrt, fiel mir auf, dass ich in der falschen Bahn saß. Noch viel schlimmer war daraufhin die Feststellung, dass meine Kreditkarte zu Hause lag und ich nicht mehr genug Bargeld für eine neue Fahrkarte hatte. Wie viel Pech konnte man denn bitte haben? Da mir nichts anderes übrig geblieben war, versuchte ich den Weg zu Fuß zurück zu finden…noch schlechtere Idee. Jetzt saß ich irgendwo in einem Park und meine Füße taten weh! Tja und da kommt Namjoons Handy wieder ins Spiel. Der Akku meines Handys war seit Stunden leer und eine Powerbank hatte ich auch nicht eingesteckt. Das einzige Hilfsmittel was mir also blieb, war das Heiligtum in meinen Händen. Ich atmete tief durch…dann mal auf gut Glück.

    Jackpot! Gleich der zweite Versuch war ein Treffer! Also mal ehrlich…wer benutzte denn heute noch sein eigenes Geburtsdatum als Passwort? Aber ich konnte dafür echt dankbar sein, immerhin konnte ich jetzt endlich Hilfe rufen. Ich gab die Handynummer meiner Mutter ein. „Der angerufene Teilnehmer ist zurzeit nicht erreichbar. Versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneu…“ Ich legte auf. Das konnte doch jetzt nicht wahr sein! Die einzigen anderen Nummern, die ich kannte, waren die von meinem Vater und von Mona…also nicht gerade hilfreich. Mist! Und was machte ich jetzt? Auf einmal schoss mir ein Gedanke in den Kopf. Zugegeben es war nicht der ehrlichste, aber das hier war immerhin eine Notsituation. Ich öffnete Namjoons Kontaktliste. Wie zu erwarten schimmerten mir gleich sechs bekannte Namen entgegen. Nur zu gern hätte ich mir Sugas Nummer aufgeschrieben, um sie dann Mona zu geben. Sie würde ein Leben lang in meiner Schuld stehen. Trotz sechs bekannter Namen, blieb nur ein Kontakt übrig. Es klingelte am anderen Ende der Leitung. „Hey Namjoon, was gibt’s?“ Gott war mir das unangenehm. Ich räusperte mich. „Ähm Taehyung? Hier ist Lynn.“ Pause. „Lynn! Warum hast du Namjoons Handy? Woher kennst du Namjoon überhaupt?“ Tja woher nur? „Äh ich hatte ihn heute in der U-Bahn-Station getroffen und er hat mir den Weg gezeigt und dann hat er sein Handy vergessen und dann habe ich mich verlaufen und dann war mein Akku alle und dann war sein Handy die einzige Lösung und der Punkt ist eigentlich, dass ich keinen Plan habe, wo ich gerade bin!“ Es war einfach aus mir rausgesprudelt und erst jetzt atmete ich wieder ein. „Okay, okay. Ich verstehe…glaube ich. Erstmal, wo genau bist du? Siehst du ein Straßenschild oder so?“ Ich schaute mich um. Ich fand ein Schild, wo der Name des Parks draufstand. Ich nannte Taehyung den Namen und glücklicherweise schien dieser sofort zu wissen, wo sich der Park befand. „Alles klar. Bleib einfach da, wo du bist…ich komme zu dir. Also bis gleich.“ „Oki. Bis gleich.“

    Wieder starrte ich das Handy in meinen Händen an. Tu es nicht! Aber ich war einfach zuuu neugierig. Ich tippte auf den Button der Galerie. Sofort erschienen mehrere Ordner mit Fotos. Ich drückte auf den Nächstbesten. Wie süüüß! Die ganze BTS Gang saß auf einem riesigen Sofa und jeder hatte eine Weihnachtsmannmütze auf. In der Mitte des Raumes stand ein geschmückter Baum, an dessen Spitze ein Stern leuchtete. Moment! Das war ja das Wohnzimmer meines neuen Zuhauses. Erst jetzt fiel mir Byung auf, der ebenfalls auf dem Sofa saß. Ich wischte über dem Touchscreen und hätte fast das Handy fallen gelassen. Auf dem nächsten Bild befand sich eine wesentlich jüngere BTS-Version. Im Hintergrund standen Hoseok, Taehyung, Jimin und Jin, die neugierig nach vor blickten. Daneben war Yoongi zu sehen, der eine Augenbraue hochzog und skeptisch guckte. Mein Augenmerk richtete sich jedoch auf den Vordergrund. Dort stand ein knuffiger Jungkook und ihm gegenüber Namjoon, der ihn die Hand hinhielt. Ach ja, sollte ich erwähnen, dass RM auf dem Bild in Boxershorts dastand? Das war auch der Grund, warum der Rest im Hintergrund vor sich hin grinste. Nur Jungkook sah peinlich berührt aus und hatte seinen Blick auf den Boden gerichtet. Wurde er etwa rot? Wie niedlich! Ich musste grinsen. „Das war der Tag, als BTS Zuwachs bekam und wir das erste Mal Jungkook begegnet sind…sein Gesicht an dem Tag war wirklich Goldwert!“ Ich erschrak. Taehyung hatte seinen Kopf von hinten nach vorn gestreckt und schaute jetzt über meine Schulter auf Namjoons Handy. Ich sah ihn auf frischer Tat ertappt an. Er grinste breiter. „Also junge Dame, man schnüffelt nicht in anderer Leute Privateigentum!“


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    „Ich…also…ich wollte das nicht! Aber ich war so neugierig und dann naja…tut mir leid.“ Na toll, jetzt hielt er mich sicher für einen unehrlichen und unaufrichtigen Menschen. Ich ließ beschämt den Kopf hängen. Im nächsten Moment spürte ich eine Hand auf meinem Kopf. Ich blickte auf. Taehyung lächelte mich friedlich an und streichte mir übers Haar. „Ich bin froh, dass Namjoon sein Handy vergessen hat und du mich angerufen hast.“ Er nah meine Hand und zog mich hoch. „Woher wusstest du eigentlich, dass ich in seinen Kontakten sein würde?“ Äh…gute Frage. „Also ich hatte zunächst meine Mutter angerufen, aber sie ist nicht rangegangen und andere Nummern kannte ich nicht. Deshalb habe ich die Kontakte durchgeschaut und per Zufall deinen Kontakt entdeckt. Ich wusste das es sich um dich handeln musste, weil ein Kontaktfoto eingefügt war.“ Klang das glaubhaft? Es war ja nicht wirklich gelogen, mal davon abgesehen, dass ich nicht mal die Kontakte hätte öffnen müssen, um sicherzugehen, dass ich Taehyungs Nummer finden würde. „Mensch, was für ein Glück, dass du ausgerechnet Namjoon begegnet bist. Ach ja, er ist übrigens ein Mitglied von Bangtan Sonyeondan und noch dazu unser Leader.“ Oh ja und sein Bühnenname ist Rapmonster oder besser RM, auch bekannt als Mr. Clumsy (was ich nach dem heutigen Tag nachvollziehen konnte) und er war schlauer als ich es jemals sein werde. Fasst hätte ich Taehyung diese Fakten und noch viel mehr an den Kopf geknallt. Mittlerweile war ich mir nicht mehr sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, mein Fangirl-Dasein geheim zu halten…früher oder später würde ich mich verplappern, das war mir klar.

    „Hey, hast du eigentlich Hunger?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, schnappte er sich meine Tüte und stapfte los. Immer noch weiterlaufend drehte er sich um. „Na, was ist? Kommst du?“, grinste er vor sich hin. Schnell eilte ich ihm hinterher und wir gingen nebeneinander die Straße hinunter. Plötzlich klingelte ein Handy. Fast automatisch prüfte ich Namjoons Handy. „Nop, das ist meins.“, lachte Taehyung. „Hey Byung!“, ging er ran, „Also echt, keine drei Tage und du hast schon deine kleine Schwester verloren? …Man du klingst ja schon fast besorgt...Stimmt ich finde die Situation zum Schießen!“ Ich bekam nur Fetzenweise mit, worum es ging. „Keine Sorge, sie ist hier bei mir. …Ja, ich sorge dafür, dass sie unversehrt Zuhause ankommt. …Bis dann.“ Taehyung drehte sich zu mir. „Scheint als ob du Byungs Herz zum Schmelzen gebracht hast, so wie er sich Sorgen gemacht hat. Aber Byung beiseite…das kleine Bistro dort vorn ist eins meiner Lieblings Esstankstellen. Du wirst es lieben!“ Wir betraten den kleinen Laden, der zum Glück nicht so gut besucht war. Sofort steuerte Taehyung ein bequem wirkendes Sofa an und wies mich an, mich dort hinzusetzen. Im nächsten Moment stand er auch schon vor der Theke und ließ Allerlei Essbares von der Angestellten auf zwei Teller stapeln. Mit einem vollbeladenen Tablet kehrte er zu mir zurück. Er stellte es vor mir ab und mir kroch der süße Duft von heißer Schokolade in die Nase. „Deine Augen strahlen genauso wie Jins, wenn der Essen nur riecht!“ Taehyung schien durchaus amüsiert. Ich schaute ihn an. „Tja, essen ist ja auch meine zweitliebste Tätigkeit!“ Er überlegte. „Und was ist deine liebste Tätigkeit?“ Ich stockte und bekam ein flaues Gefühl im Magen. „Das ist geheim. Ich habe es früher oft gemacht, aber jetzt nicht mehr.“, sagte ich kleinlaut. Taehyung wirkte misstrauisch. Ich setzte ein Lächeln auf. „Und…können wir jetzt endlich essen? Sonst verhungere ich noch!“

    Er hatte nicht übertrieben. Das Essen hier war göttlich und ich wusste beim besten Willen nicht, warum nur so wenige Gäste hier waren. Mit Entsetzten stellte ich fest, dass ich alles auf meinem Teller schon verputzt hatte. „Hier…“ Auf einmal hielt mir Taehyung seinen Teller hin, worauf sich noch ein ganzes Stück Erdbeertorte befand. Überrascht guckte ich ihn an. „Na los, nimm schon…oder soll ich dich füttern?“, er grinste schelmisch. Meine Augen weiteten sich und ich spürte Hitze in mein Gesicht steigen. Schnell nahm ich ihm den Teller ab und versuchte krampfhaft auf das Tortenstück zu starren. Taehyung kicherte sichtlich zufrieden über seinen kleinen Spaß neben mir vor sich hin.

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    „Ach ja! Ich habe noch einmal mit den Jungs gesprochen und wir kamen auf die Idee morgen Vormittag im Park Inliner zu fahren…wie wär’s? Also wenn du keine Lust hast, können wir auch einfach ins Kino gehen oder so…“ Mein Puls beschleunigte sich wieder beim Gedanken die restlichen BTS-Mitglieder persönlich kennen zu lernen. „Es ist nicht so, dass ich keine Lust habe, aber ich bin noch nie Inliner gefahren und besitze demnach auch gar keine…“, gab ich kleinlaut zu. Taehyungs Augen weiteten sich. „Im ernst! Du bist noch nie Inliner gefahren? Na dann wird’s aber mal Zeit! Sehr gut, dann steht unser Ausflug für Morgen also. Ich frag nachher Byung, ob du seine Inliner benutzen kannst, die sind sogar größenverstellbar.“ Ich nickte. Früher hatte ich zwischen dem ganzen Lernen fast gar keine Freizeit und alleine was zu unternehmen war nie so richtig spaßig gewesen. Deshalb freute ich mich unglaublich doll auf den morgigen Tag. „Ähm wo genau ist denn dieser Park eigentlich?“ Ich hörte meinen Orientierungssinn sich jetzt schon kaputtlachen! Taehyung überlegte kurz. „So weit weg ist er gar nicht, aber nach heutigen Erkenntnissen über deine Fähigkeit den Weg zu finden, ist es wahrscheinlich eine gute Idee, wenn ich dich einfach abhole und wir zusammen dorthin gehen.“ Würde ich nicht selbst wissen, was für eine Niete ich in Wegfragen war, dann hätte seine Aussage mich wahrscheinlich gekränkt. Aber da ich mich nur zu gut kannte… „Das wäre super.“, grinste ich ihn an. Ich aß mein letztes Stückchen Kuchen und half dann dabei, das Tablet wegzuräumen. Die Rückfahrt mit der Bahn, die nebenbei Taehyung, genau wie das Essen, für mich bezahlt hatte, war wesentlich angenehmer als die heute Morgen. Unser Wagon war fast leer und so setzten wir uns. Taehyung versuchte mir begeistert zu erklären, was ich beim Inlineskaten alles zu beachten hatte, jedoch bekam ich davon nicht sonderlich viel mit, denn ich hatte Mühe meine Augen offen zu halten. Nach dem ganzen Laufen und dem leckeren Essen übermannte mich die Müdigkeit.

    Ich schlug die Augen auf und war verwirrt, warum die Welt auf einmal schräg aussah. Wo befand ich mich überhaupt? Ich wollte den Kopf heben, doch etwas drückte auf ihn, sodass ich mich wirklich schon fragte, ob das real war. Ach ja! Taehyung und ich waren in die U-Bahn gestiegen, um nach Hause zu fahren. Nach und nach realisierte ich, dass ich mich immer noch in eben dieser befand. Ups, ich musste eingeschlafen sein…wie peinlich. Moment mal! Ich konnte Wärme an meiner linken Körperhälfte spüren. „Mmh…“ Häh? Meine Kopfablage bewegte sich kurz und kam dann wieder zum Stillstand. NEIN…NEVER! Ich lag doch nicht etwa…? Jetzt hatte ich alle meine Sinne wieder zusammen. Ich biss mir auf die Lippe. Oh Gott, ich hatte Taehyungs Schulter als Kopfkissen genutzt! Schnell wollte ich meinen Kopf wegziehen…aber da gab es noch das Problem, dass mein Kopf ihm offenbar auch als Kissen diente! Vorsichtig stützte ich seinen Kopf mit meiner Hand und befreite mich so. Und jetzt? Ich saß verloren neben ihm, meine Hand, die seinen Kopf aufrecht hielt und ihm schien es nicht im Geringsten zu stören, denn er schlief einfach weiter. Sollte ich ihn wecken? Ich hatte keine Ahnung und kam mir mehr als dämlich vor. Auf einmal nahm ich eine Bewegung wahr. Ich blickte auf und direkt unserer Sitzreihe gegenüber saß eine ältere Frau. Unsere Blicke trafen sich und sich lächelte, offensichtlich vergnügt über meine Situation. Ich wäre am liebsten in den nächsten Wagon gesprintet vor lauter Scham. Okay! Ich beschloss, Taehyung zu wecken. „Taehyung…Taehyung…hey!“ Er regierte nicht. Na gut, dann halt auf die harte Tour. Ich zog meine Hand weg und sein Kopf klappte zur Seite. Ein leises Grummeln war zu hören und ich hatte schon Hoffnung, mein Ziel erreicht zu haben, als sein Körper sich nach rechts neigte und sein Kopf auf meiner Schulter zum Liegen kam. Ich vernahm ein leises Lachen. Die Frau versuchte ihr Lachen hinter ihrer Hand zu verbergen, aber ihre Augen funkelten amüsiert. Auf einmal ertönte eine Lautsprecherdurchsage und kündigte die nächste Station an. Moment…das müsste unsere sein! Ach herrjeh! Die Frau vor mir erhob sich. Wahrscheinlich musste sie hier auch raus. Bevor sie sich jedoch zum Ausstieg begab, hielt sie bei uns inne und beugte sich zu mir. „Wie wäre es, wenn du Dornröschen einfach wach küsst?“, flüsterte sie mir zu. Ich schaute sie entsetzt an. Mit einem Grinsen setzte sie ihren Weg fort. Ihn wachküssen? Niemals! Ich meine, selbst wenn er nicht mein Cousin wäre, könnte ich so etwas nicht tun. Trotzdem spürte ich mein Gesicht die Farbe einer Tomate annehmen…

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    Na wie geht’s euch? Also ich bin gerade der glücklichste Mensch der Welt. Warum? Naja, wir sollten im Kunstunterricht als Klausurersatz eine Bildanalyse zum Impressionismus vornehmen…dann meinte meine Lehrerin wir dürften auch ein Film analysieren. Da habe ich meiner Lehrerin ein Video gezeigt und sie meinte, ich kann das nehmen. Tjaaa und ich wäre nicht der glücklichste Mensch, wenn es nichts mit BTS zu tun hätte. Der „Film“, den ich vorstellen darf (vor der gesamten Klasse) ist….BTS Highlight Reel! Wuhuuu! Da dachte ich, falls ihr Lust und Zeit habt, könnt ihr mir ja per Mail eure Meinung oder Theorien dazu schicken? Ich würde mich freuen: D

    Okay, genug gelabert…hier das nächste Kapitel
    😊

    Ich schaute mir sein Gesicht genauer an. Bisher kannte ich ihn nur als V, dem Idol mit Make-Up und perfekt gestylten Haaren, aber jetzt wirkte er anders. Also er sah definitiv auch ohne Make-Up noch aus wie ein Märchenprinz und seine Haare erschienen frisch gewaschen und fluffig. Vorsichtig ordnete ich eine verrutschte Strähne. Aber man sah ihm auch die Erschöpfung an. Jeden Tag strengte er sich an und gab alles, um seine Fans glücklich zu machen, aber auch um seine eigenen Träume zu verwirklichen. Shootings, Musikviedeodrehs und Auftritte an den verschiedensten Orten und dann noch irgendwie ein Privatleben führen und Zeit mit der Familie zu verbringen, BTS hatte es alles, aber nicht leicht. „Ihr wisst, dass ihr die Besten seid oder? Ihr zaubert euren Fans jeden Tag ein Lächeln ins Gesicht. Egal wie blöd mein Tag war, nur eine BTS-Run Episode, ein Funny Moments Video oder ein Song von euch und ich sehe wieder Licht am Ende des Tunnels. Ich kenne keinen, der so eine große Ausstrahlung und Anziehungskraft hat und dennoch so normal und bodenständig ist. Ich kann mir nicht vorstellen wie grau mein Leben verlaufen wäre, hätte ich euch nie kennengelernt. Ich bin euch so dankbar und da bin ich bestimmt nicht die Einzige. Auch wenn ihr uns sagt, wir sollen uns um euch keine Sorgen machen, können wir nicht anders. Das heißt es ARMY zu sein. Man sorgt sich nun mal um die Menschen, die man liebt. Also wenn ihr uns sagt, wir sollen uns nicht überanstrengen, dann müsst ihr auch auf eure Gesundheit achten, einverstanden?“ Natürlich bekam ich keine Antwort. Ich seufzte. Ich hatte gut reden, wer war denn schuld daran, dass Taehyung sich heute nicht ausruhen konnte? Korrekt, ich! Er musste ja der nicht so holden Meid zu Hilfe eilen, die sich mal wieder verlaufen hatte. Ich hätte mich selbst ohrfeigen können. Apropos Ohrfeige…ob ich ihn so wach kriege? Neeee, so gemein war ich dann doch nicht. Aber wie dann?

    Wie wachte ich denn immer am schnellsten auf? Natürlich! Ein Versuch war es auf alle Fälle wert. Ich durchsuchte erneut Namjoons Handy, aber diesmal nicht nach Bildern, sondern Musik. Mmh..was lautes und schnelles…ah! Ich klickte den Titel an und da ich schlecht die Musik auf volle Pulle stellen konnte, stellte ich die Laustärke auf mittel und hielt Taehyung das Handy ans Ohr. Ich spürte, wie er leicht zuckte und dann anfing seinen Kiefer zu bewegen. „…id…e…ack?“ Häh? Er hob den Kopf und schien immer noch halb schlafend ins Leere zu starren. „Did you see my bag?“ Ich musste laut lachen. Nein, wie putzig. Nicht nur, dass er aufgewacht war, er fing auch noch an mitzusingen ohne richtig wach zu sein. Sichtlich verwirrt, was eigentlich los war, guckte er mich an. „Was zum…wo?“ Ich zog Namjoons Handy weg und drückte auf Pause. „Tja…wo ist eine gute Frage. Wir hätten nämlich vor drei Stationen aussteigen müssen…“ Jetzt riss er die Augen auf und drehte seinen Kopf in alle Richtungen. „W-wieso hast du mich nicht einfach geweckt?“ Ich zog eine Augenbraue hoch. „Ich hab’s ja versucht, aber du hast geschlafen wie ein Grizzlybär im Winter!“ Er kratzte sich am Hinterkopf und grinste verlegen. „Ups? Ich hoffe, ich habe nichts Peinliches vor mich hin gebrabbelt?“ Jetzt war es an mir zu grinsen. „Nein…du hast nur gesungen…“ Seine Augen weiteten sich und er öffnete schon den Mund, als die Bahn abbremste. „Ich glaube, wir sollten mal aussteigen…“, sagte ich und stand auf. Er nickte schnell und wir beeilten uns rauszukommen, bevor die Bahn wieder anfahren konnte.

    Wir entschieden uns den Rest des Weges mit dem Taxi zu fahren. Als wir ausstiegen war es schon dunkel draußen. „Ich muss noch drei Straßen weiter. Also dann bis morgen. Wir sind gegen neun Uhr im Park verabredet, weil er da noch nicht so voll ist. Ich hole dich dann zwanzig Minuten vorher ab, okay? Dann schlaf gut.“ Er lächelte und wollte gehen. „Taehyung!“, rief ich schnell. Er drehte sich zu mir um. „Tut mir wirklich leid, dass du mir aushelfen musstest, obwohl du so erschöpft warst.“ Im nächsten Moment zog er mich an sich. „Red doch keinen Unsinn. Ich hatte meinen Spaß heute. Außerdem sind wir doch jetzt Familie!“ Er wuschelte mir noch einmal durchs Haar und folgte dann dem Verlauf der Straße. Ich schloss die Haustür auf und betrat den Flur. Ich konnte immer noch seine große Hand auf meinem Kopf fühlen. „Lynn! Da bist du ja!“ Meine Mutter stürmte auf mich zu und schloss mich in eine Umarmung. „Wir haben uns schon Sorgen gemacht.“ „Tut mir leid. Ich bin in die falsche Bahn gestiegen und mein Akku war leer. Aber dank Taehyung bin ich ja jetzt hier.“ „Er ist so ein lieber Junge, findest du nicht? So einen Schwiegersohn wünsche ich mir.“ Ich schaute meine Mutter an. Äh, also ich hatte nicht vor demnächst zu heiraten, aber ich kannte da durchaus noch sechs andere Jungen, die einen tollen Schwiegersohn abgeben würden… Ich schüttelte den Kopf. Woran dachte ich hier bitte! „Mama, ich bin siebzehn…meinst du nicht das hat noch Zeit?“ Sie neigte ihren Kopf. „Meintest du nicht letztens, du hast keinen Freund? Vielleicht sollte ich mal Taehyungs Mutter fragen, ob ihr Sohn einen Freund hat, mit dem du ein süßes Pärchen abgeben würdest!“ Ihre Augen funkelten. Haaalt Stopp! Wie sind wir schon wieder bei diesem Thema gelandet! „Mama, ich werde das jetzt nicht weiter diskutieren und wag es nicht Seo Yong mitreinzuziehen!“ Schnell machte ich mich aus dem Staub. Ich betrat mein Zimmer und schloss die Tür hinter mir. Also wirklich! Ich ging zum Kleiderschrank und wollte mich gerade umziehen, als ich im Spiegel einen dunklen Umriss vernahm. Ich zuckte zusammen. Was zum! Ich drehte mich um. Ich blinzelte ein paar Mal. Warum lag da Byung in meinem Bett!

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    Ich trat ans Bett und beugte mich ein wenig nach vorn, sodass ich sein Gesicht besser sehen konnte. Meine Güte war heute Tag des Einschlafens, wo du gerade bist oder so? Hoffentlich würde Byung schneller aufwachen als Taehyung. Vorsichtig tippte ich ihn an der Schulter an. „Byung?“ Langsam öffneten sich seine Augenlider. Als er mich sah, schreckte er hoch. Nur tat er das so schwungvoll, dass sein Kopf gegen meinen knallte. Ich fasste automatisch an den Kopf und ging in die Knie. „Aua…das tut verdammt weh!“, wimmerte ich vor mich hin. Byung, der sich ebenfalls den Kopf hielt, sah zu mir runter. „Tschuldige.“ Kurzerhand stand er auf und war schon auf dem Weg zur Tür, als ich aufsprang und mich ihm in den Weg stellte. „Halt stopp, nicht so schnell! Erst will ich eine Erklärung, warum du hier bist!“ Er zog eine Augenbraue hoch. „Sobald ich weiß, wohne ich hier…“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust. „Du weißt genau, dass ich das nicht meine. Warum bist du hier in MEINEM Zimmer?“ Er kratzte sich am Kinn. „Ähm also…ich…hab hier geputzt! Ich war heute dran mit dem Hausputz…deshalb.“ Ich musste grinsen. „Aha. Also warst du nicht hier, weil du auf mich gewartet hast und dir Sorgen gemacht hast, richtig?“ Er wurde ein wenig rot. „Haha, der war gut. Warum sollte ich denn um DICH besorgt sein…ganz sicher nicht.“ Er schluckte. „Ach ja Taehyung meinte, du willst dir meine Inliner leihen…“ Hatte er es gerade geschafft, geschickt vom Thema abzulenken? „Also ich habe morgen früh noch Baseball Training, deshalb stelle ich sie dir einfach ins Wohnzimmer…ach ja, auf welche Größe soll ich sie einstellen?“ „37“, antwortete ich ihm, „und danke, dass ich sie mir leihen darf.“ Er schüttelte die Hand. „Schon gut. Also dann…gute Nacht.“ Bevor ich ihm ebenfalls eine gute Nacht wünschen konnte, hatte er auch schon fast fluchtartig mein Zimmer verlassen. Ich grinste vor mich hin. Mit dem, was gerade passiert war, konnte ich ihn bestimmt noch die nächsten Tage aufziehen, ätsch.

    Ich stellte meinen Wecker auf halb acht, damit ich morgen früh noch genug Zeit zum Duschen und Frühstücken hatte. Ich lag in meinem Bett und starrte die Decke an. Na toll, wenn ich nicht bald einschlafe, habe ich nachher noch Augenringe bei meinem ersten BTS Treffen. Ich drehte mich zum hundertsten Mal auf die Seite und schloss die Augen. Im nächsten Moment klingelte ein Telefon. Ich schoss hoch. Was zum! Erst dachte ich an mein Handy, aber da fiel mir wieder ein, dass ich es dringend aufladen musste. Ich schaute Richtung Kleiderschrank, wo Licht durch meine Jackentasche drang. Oh shit! Ich hatte ja immer noch Namjoons Handy. Schnell sprang ich auf und zog es aus der Tasche. Es hörte auf zu Klingeln. „Verpasster Anruf Jimin“ zeigte das Display an. Ob es wohl wichtig war? Gerade als ich überlegte, ob ich das Handy auf lautlos oder besser gleich ausschalten sollte, klingelte es erneut. „Anruf Jimin“ Oh Gott! Was soll ich tun? Rangehen? Nein, auf keinen Fall, es war ja nicht mein Handy. Ich warte einfach bis es aufgehört hat zu klingeln und mache es dann aus. So war der Plan. Doch auf dem Weg zurück Richtung Bett, blieb ich mit meinem Zeh am Schreibtisch hängen und verlor das Gleichgewicht. Kurz davor das Handy fallen zu lassen, griff ich schnell fester zu. Dann war ich auch schon am Boden angekommen. „Autsch.“ Puh zum Glück habe ich das Handy nicht fallen gelassen. Ich war dabei mich hochzuhieven als… „Hallo?“ Ich plumpste zurück auf den Teppich. Hä? „Halloooohoooo!“ In Zeitlupe hob ich das Handy an mein Ohr. „Ja?“, rutschte es mir raus. Verdammt! Hätte ich besser auflegen sollen? „Äh hey, wer ist da? Hast du das Handy gefunden? Es gehört nämlich meinem Freund…ach ja, ich heiße Park Jimin.“ Vor lauter Aufregung rutschte mir fast das Handy aus der Hand. „Ha-hallo. Äh, ich habe das Handy gefunden…ähm.“, mir fehlten die Worte. „Puh zum Glück. Sag mal, können wir uns vielleicht morgen Nachmittag treffen oder so, damit mein Freund sein Handy wiederkriegt?“ Wie sollte ich antworten? Ich würde ihn ja eh morgen Vormittag sehen…

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    Ich holte tief Luft. „Ja, also weißt du, wir sehen uns morgen sowieso, weil ich bin Taehyungs neue…“ Es vibrierte an meinem Ohr. Was zum! Ich starrte voller Unglauben auf das schwarze Display. Warum war dieser verdammte Akku auch immer dann leer, wenn es überhaupt NICHT passte? Jetzt saß ich im Dunkeln auf meinem Zimmerboden und wusste nicht, was ich machen sollte. Seit Stunden bestand mein Ziel eigentlich darin, einzuschlafen, aber…das konnte ich nun vergessen. Ich entschied mich letztlich einfach auf mein Bauchgefühl zu hören, welches mir zu verstehen gab, dass ich in die Küche gehen und mir was zu futtern suchen sollte. Leise schlich ich die Treppe herunter. Nanu? Unter der Küchentür kroch Licht hervor. Vorsichtig öffnete ich die Tür und sah Byung, der mit dem Rücken zu mir stand und gerade den Inhalt des Kühlschranks begutachtete. Ich grinste in mich hinein und schlich mich von hinten an ihn heran. Auf Zehenspitzen stehend, positionierte ich meine Lippen neben sein Ohr. „Buh!“ Er zuckte zusammen und drehte sich geschockt um. Während er vor sich hin fluchte, konnte ich ein Kichern nicht unterdrücken. „Du hättest mal deinen Gesichtsausdruck sehen sollen!“, brachte ich unter Lachen hervor. „Haha, sehr lustig.“ Er schlurfte zu einem der Barhocker am Rande der Küche und ließ sich nieder. „Womit habe ich dich nur verdient!“ „Ach komm schon. Es hätte viel peinlicher für dich werden können.“ Ich deutete auf seine Boxershorts. „Stell dir mal vor, dort wären Herzen oder kleine Krönchen drauf gewesen.“ Ihm klappte die Kinnlade runter. „Erstens besitze ich SOETWAS nicht und zweitens frage ich mich, ob man kleine nervige Schwestern in Kartons stecken darf, um sie dann nach Timbuktu zu verschicken!“ Ich streckte ihm die Zunge raus. Dann ging ich zum Kühlschrank und nahm die Milch heraus. Ich füllte sie in eine Tasse und stellte sie in die Mikrowelle. Byung zog eine Augenbraue hoch. „Und das wird was, wenn es fertig ist?“ „Ich habe Hunger.“, entgegnete ich. „Und da trinkst du Milch?“ Die Mikrowelle piepte und ich nahm die Tasse heraus. „Ja. Milch ist durchaus sättigend.“ Ich schraubte das Nutellaglas auf und löste was in der Milch. Dann setzte ich mich neben Byung an den kleinen Tresen. Vorsichtig nippte ich an der Milch. Ich bemerkte, wie Byung immer noch skeptisch meine Tasse musterte. „Hast du das noch nie probiert? Es ist echt lecker!“ Ich hielt ihm die Tasse hin. Zögernd nahm er sie entgegen. Langsam trank er einen Schluck. „Und?“ Er nickte. „Kann man trinken.“ Er wollte mir die Tasse zurückreichen, doch ich winkte ab. „Lass es dir schmecken. Ich sollte jetzt wirklich ins Bett gehen. Also dann…schlaf gut.“ Ein leises „Danke, du auch.“ war zu hören, dann setzte ich meinen Weg fort. Ich ließ mich ins Bett plumpsen und eh ich mich versah, war ich endlich eingeschlafen.

    Als mich am Morgen der Wecker aus dem Schlaf riss, zog ich mir die Decke über den Kopf. „Ich will noch nicht aufstehen…“, murrte ich vor mich hin. Doch dann fiel mir ein, was heute für ein Tag war. Heute würde ich endlich BTS begegnen! Ich strampelte vergnügt im Bett herum. Nach einem halben Freudentanz im Liegen, sauste ich unter die Dusche. Als ich zurück ins Zimmer kam, steckte ich erstmal mein Handy an die Steckdose zum Aufladen. Dann stand ich vor meinem Kleiderschrank. Mmh…ein Rock oder Kleid wäre wahrscheinlich nicht sonderlich praktisch. Letztlich entschied ich mich für einen normalen Look: eine hellblaue Jeans, ein weißes T-Shirt, darüber eine braune Strickjacke mit rosa Punkten und zum Schluss ein rosafarbenes Cap, wobei hinten mein Pferdeschwanz rausguckte. Nachdem ich meine Müslischüssel für zehn Minuten angegrinst hatte, war diese auch endlich aufgegessen und ich packte noch die letzten Sachen in meinen kleinen Rucksack. Fehlte nur noch mein Handy, ach ja und Namjoons! Zufrieden sah ich, dass mein Handy die achtzig Prozent Marke überschritten hatte…sollte reichen. Ich entschied mich im Wohnzimmer zu warten. Meine Mutter und Jongdae hatte ich bisher nicht angetroffen, daher vermutete ich, dass sie selbst heute etwas vorhatten. Ich traute mich gar nicht das Wort Date in den Mund zu nehmen. Ich schaute zum bestimmt tausendsten Mal auf die Uhr. Es war dreiviertel Neun. Wo blieb nur Taehyung. So langsam wurde ich unruhig. Im nächsten Moment klingelte mein Handy. Ich holte es aus dem Rucksack. Oh Taehyung! „Ja?“, fragte ich ins Handy. „Lynn! Tut mir leid, ich hab total verpennt und bin gerade erst aufgestanden! Meinst du, du schaffst es allein zum Park?“


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    Es wehte ein leichter Wind, als ich die Haustür hinter mir schloss. Ich folgte dem Straßenverlauf, während ich weiter die Karte auf meinem Handy checkte. Bitte lieber Gott, lass mich einmal in die richtige Richtung laufen! Taehyung meinte, er bräuchte mindestens eine halbe Stunde und ich solle schon mal vorgehen. Mit jedem Schritt stieg meine Nervosität. Wie sollte ich mich verhalten, wenn ich vor ihnen stehe und was sollte ich nur sagen? Ich bog in eine Seitenstraße ab. Okay, es war nicht mehr weit. Nach weiteren fünf Minuten laufen kam ich tatsächlich an dem mir beschriebenen Park an. Wuhu, es gab noch Hoffnung für meinen Orientierungssinn! Der Park war umgeben von hohen Hecken und großen Bäumen. Die meisten Pfade waren asphaltiert und nur ein paar Kieswege waren zu sehen. Ein paar Kinder liefen auf einem kleinen Spielplatz umher. Ein kleines Mädchen und ein Junge warfen mit einer Frisbeescheibe hin und her, wobei ein Golden Retriever hinterher sprintete und versuchte das fliegende Objekt zu fangen. Ich blieb an einem Baum stehen und schaute mich weiter um. „Heeeey! Sorry, dass ich erst jetzt komme.“ Ich schaute in die Richtung aus der die Stimme kam. Ich konnte einen J-Hope erkennen, der vor vier anderen Jungs mit Caps zum Stehen kam. Ich zog mich hinter den Baum zurück. Mein Puls raste. Ach du meine Güte! Das hier war real! Wann war es nur hierzu gekommen? Bis vor kurzem lebte ich noch als International-ARMY in Deutschland und jetzt stand ich hinter einem Baum und versteckte mich vor BTS! Ich war nicht bereit hierfür! Noch hatten sie mich nicht gesehen oder? Ich könnte mich noch aus dem Staub machen und Taehyung sagen, mir wäre was dazwischen gekommen…

    Boof! Autsch! Genau die Stelle, wo ich mit Byung zusammengeknallt war. Das hatte ich wohl verdient, dafür, dass ich so ein feiges Huhn war. Ich hob die Frisbeescheibe auf und suchte nach den beiden Besitzern. Das kleine Mädchen von vorhin kam in meine Richtung gelaufen, den Jungen am Arm hinterherziehend. Sie blieben vor mir stehen. Das Mädchen schlug dem Jungen leicht auf den Rücken. „Na los, entschuldige dich. Immerhin hast du die Scheibe geworfen.“, flüsterte sie. Der Junge bohrte mit seinem Fuß im Sand und sah zu Boden. „Entschuldigung.“, nuschelte er verlegen. Ich beugte mich ein wenig nach vorn. „Ach was. Ich sollte mich eher dafür bedanken.“, grinste ich die beiden an. Jetzt hob der Junge den Kopf. „Du bist ja ne komische Tante.“, meinte der Junge und bekam von dem Mädchen erneut einen Klapps. Ich kicherte. „Haha vielleicht. Wie heißt eigentlich euer Freund dort drüben?“, fragte ich. Die beiden schauten zu dem Hund. „Das ist Biene.“, erklärte das Mädchen stolz. Als hätte diese ihren Namen gehört, kam Biene in unsere Richtung gestürmt. Ohne abzustoppen sprang sie an mir hoch, sodass ich auf dem Hintern landete. Dann begann sie mein Gesicht abzuschlabbern und ich war froh, dass ich nur ein wenig Lippenstift aufgetragen hatte, denn sonst wäre mein Make Up jetzt beseitigt. Ich kicherte und streichelte den Kopf der energischen Hündin. „Biene scheint dich zu mögen!“, lachte das Mädchen. „Juna, wir müssen langsam nach Hause. Mama hat gesagt, wir sollen um neun Uhr wieder zu Hause sein und es ist schon viertel Zehn…“ Der Junge zog dem Mädchen, offensichtlich seine Schwester, am Ärmel. Diese schob die Unterlippe vor. „Menno, ich will noch nicht gehen.“ Jetzt nahm der Junge sie an die Hand. „Tschüss komisches Mädchen. Man sieht sich.“, grinste er mich an und zog dann seine Schwester mit sich. Biene bellte noch mal zum Abschied und rannte dann hinterher. Süß die beiden. Ich hatte mich auch oft gefragt, wie es wohl wäre, kein Einzelkind zu sein. Naja eigentlich war ich das ja nicht mehr…

    Ich lugte hinter dem Baum vor. Die fünf waren in eine Diskussion vertieft, aber ich konnte nichts verstehen. Okay! Du gehst da jetzt hin und stellst dich vor! Es sind ja auch nur Menschen! Ich machte einen Schritt nach dem anderen und spürte wie sich mein Puls beschleunigte. Ich blieb ein paar Meter von ihnen entfernt stehen. Sie waren so vertieft, dass sie mich noch nicht bemerkt hatten. Sollte ich sie ansprechen? Ich war kurz davor in Tränen auszubrechen vor Nervosität und Freude. Ich wollte gerade den Mund öffnen, als… „Oh! Du bist doch das Mädchen aus der U-Bahn!“ Was? Ich starrte Namjoon an. „Äh…j-ja?“ Da fiel mir ein… „I-ich habe dein Handy dabei…du hast es im Laden verloren gehabt.“ Ich zog es aus dem Rucksack und hielt es ihm hin. Die anderen schauten verwirrt. „Aha, dann habe ich gestern mit dir telefoniert! Aber du hast einfach aufgelegt!“ Jimin guckte mich skeptisch an. Ich wedelte vor der Brust mit meinen Händen rum. „Nein!“ Ups, dass war ein wenig laut. „D-der Akku war auf einmal leer und das Handy ist ausgegangen. Es war keine Absicht!“ „Sie hat recht. Ich hatte den Akku gestern nicht geladen gehabt…“, fügte Namjoon hinzu. Jetzt lächelte Jimin. „Na dann ist ja jetzt alles geklärt. Aber woher wusstest du, dass Namjoon hier sein würde?“ Alle schienen zu überlegen. „Kommeeeee schooooon!“, brüllte auf einmal eine Stimme von hinten. Ich drehte mich um und sah Taehyung, der angerannt kam und schnaufend neben mir stehen blieb. Er holte tief Luft. „Puh. Tut mir leid, ich hatte verpennt.“, grinste er. Er sah erst mich an und dann die anderen. „Ah! Ihr habt meine neue Cousine also schon kennengelernt!“ Alle sahen ihn mit fragenden Blicken an. „Deine Cousine?“ Dann richteten sich alle Blicke auf mich.





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    „Ä-ähm ja, ich hatte noch keine Zeit mich richtig vorzustellen. Mein Name ist Lynn und ich bin erst seit kurzem mit meiner Mutter hierher nach Südkorea gezogen.“ Taehyung legte seinen Arm um meine Schultern. „Ihr solltet lieber aufpassen, denn meine Cousine versprüht so fiel Charm, dass sie sogar schon Byung um den Finger gewickelt hat!“, setzte er freudig hinzu und ich überlegte ernsthaft ein Loch zu buddeln und meinen hochroten Kopf darin zu vergraben. „Ähm Taehyung, ich glaube ihr ist das unangenehm.“, setzte Namjoon an, „Willst du sie nicht langsam loslassen, immerhin kennt ihr euch noch keine Woche.“ „Häh? Wir sind jetzt Familie und da darf man das. Außerdem hat sie genau die richtige Größe zum Knuddeln.“ Mit diesen Worten schlang er von hinten seine Arme über meine Schultern und verschränkte sie. Mein Rücken schmiegte sich an seine Brust und unsere Wangen berührten sich leicht. Was machte ich jetzt nur? Ich konnte ihn ja nicht wegstoßen, aber uns starrten noch fünf weitere Augenpaare an und mein Gesicht war kurz davor in Flammen aufzugehen! „Taehyung, wie oft denn noch? Menschen sind KEINE Kuscheltiere! Komm, lass sie los.“, meldete sich Jungkook. „K-E-I-N-E Lust!“, schmollte dieser. Jungkook schaute die anderen an. „Jungs?“ Sie schienen verstanden zu haben. „Oki!“, grinste Hoseok. Alle fünf näherten sich uns mit erhobenen Händen. „Ihr wollt doch nicht…!“ Weiter kam Taehyung nicht, denn Jungkook, Hoseok und Jimin fingen an, ihn an sämtlichen Körperstellen zu kitzeln. Während dieser sich an mich klammerte, versuchten Jin und Namjoon seine Arme zu lösen. Von seinen drei Angreifern übermannt, lockerten sich seine Arme und Jin und Namjoon zogen mich in ihre Richtung. „Nein!“ Taehyung kniete mittlerweile am Boden, doch bevor ich an genug Abstand gewann, griff er nach einen meiner Füße. Mitten im Schritt verlor ich mein Gleichgewicht und plumpste nach vor…wo Jin stand. Ich hatte keine Chance mein Gleichgewicht wieder zu finden, da Taehyung immer noch meinen Fußknöchel umklammerte. Jin hob seine Arme, um mich aufzufangen, aber es war zu spät. Mit viel Schwung riss ich ihn mit zu Boden und landete auf ihm.

    Unser Abgang musste echt dramatisch ausgesehen haben, denn alle anderen hielten sofort inne und kamen schockiert angelaufen. „Lynn! Jin! Alles okay bei euch?“, rief Namjoon besorgt. Hey, Jins und mein Name reimen sich ja. Moment! Das war nicht der Zeitpunkt dafür! Mein Kopf lag auf Jins Brust und ich konnte seinen Herzschlag spüren. Hört sich regelmäßig an, also lebt er noch. Ah, ich sollte vielleicht von ihm runtergehen. Schnell stemmte ich mich hoch und blickte Jin an. Dieser erwiderte meinen Blick. „Alles okay?“, fragten wir gleichzeitig. Verwirrt über die selbe Frage, antwortete ich schnell mit „Ja.“ Nur tat er das ebenfalls und wir blickten uns verdattert an. Die anderen fingen an zu lachen. „Da haben sich ja die richtigen Beiden gefunden.“, grinste Jimin, worauf von Taehyung ein „Finger weg von meiner Cousine!“ zu hören war. „Wie lange wollt ihr eigentlich noch am Boden rumsitzen?“, fragte Hoseok, „Lasst uns endlich Inliner fahren!“ Alle stimmten zu. Hoseok half mir auf. „STOPP!“, unterbrach Taehyung. „Wo sind nur eure Manieren?“ Alle sahen ihn verwirrt an. „Also echt! Stellt ihr euch jetzt selbst vor oder muss ich das machen?“ Erst jetzt schien den anderen und mir selbst auch aufzufallen, dass sie noch nicht dazu gekommen waren, mich zu begrüßen. Naja, es war aber nicht so, als wüsste ich nicht, wer denn da vor mir steht. Aber das konnten sie ja nicht wissen. Nacheinander stellten sie sich vor. „Ach ja! Wir sind eigentlich sieben, aber Yoongi hab ich vorhin nicht aus dem Bett gekriegt…“, setzte Hoseok hinzu. Natürlich war mir längst aufgefallen, dass er fehlte. Nachdem jetzt alle Formalitäten geklärt waren, setzten wir uns auf Bänke und zogen uns die Inliner an. Als ich Probleme hatte, sie zu zumachen, kniete sich Jin vor mich und half mir dabei. „D-danke.“, sagte ich schüchtern. Er lächelte mich an. „Kein Problem.“ Oh mein Gott! My Hearteu! Er sah aus wie ein Prinz aus einem Manga und sein Lächeln hätte Tote wiederbeleben können! Das war mein Bias, wie er lacht und lebt. Er zog mich auf die Beine und meine Gedanken zerplatzten wie eine Seifenblase. Wuaaaah! Wer hatte diese Dinger mit Rollen nur erfunden? Ich versuchte nicht das Gleichgewicht zu verlieren und schaute zu den anderen. Sie fuhren freudig hin und her. Erst jetzt bemerkte ich, dass Jin noch neben mir stand. „Bist du noch nie Inliner gefahren?“ Ich lächelte verlegen. „Äh, nein…“ Erstaunt versammelten sich nun auch die anderen um mich. „Echt? Na dann müssen wir es dir wohl beibringen!“, grinste J-Hope und alle nickten enthusiastisch.


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    „Okay, also das ist gar nicht so schwer. Du musst nur wupp, wupp, wupp und dann wuuusch!“ Taehyung fuhr vor mir hin und her und erklärte mir, was ich zu beachten hatte. Naja, erklären war das falsche Wort, denn ich verstand nur Bahnhof! „Okay, um es in unserer Sprache zu sagen…es ist wichtig, dass du mit den Beinen Schwung holst, dich mit den Füßen abstößt und dich dann gleiten lässt. Deinen Körper solltest du ein wenig nach vorn neigen, damit du nicht das Gleichgewicht verlierst…“, definierte Namjoon. „Habe ich doch gesagt!“, maulte Taehyung. Ich verkniff mir ein Grinsen. „Erklärungen sind doch eh nebensächlich. Ihr wisst doch, learning by doing!“ Mit diesen Worten gab mir Jungkook einen Schubs und ich rollte los. „Wuaaah!“ Ich fuchtelte wild mit den Armen in der Luft rum, um nicht die Balance zu verlieren. Als ich allmählich wieder zum Stehen kam, schnappte sich Jungkook meine linke Hand und Taehyung meine rechte. Sie zogen mich einfach mit sich. „Okay und jetzt bis zu Jimin und Namjoon allein.“ Wie? Die beiden gaben mir noch einen Schubs und ließen mich los. Wieder setzte mein Armgefuchtel ein. Als ich langsamer wurde, rief mir Jimin zu, ich solle mich mit den Beinen abstoßen. Leichter gesagt als getan! Ich schaffte es zwar irgendwie mich fortzubewegen, aber nie hätte ich gedacht, dass ich mich einmal so vor BTS zeigen würde. Elegant wie eine Gazelle…oder wie hieß das große, graue Tier mit dem Rüssel? Jimin und Namjoon griffen nach meinen Händen und zogen mich weiter. Wir gewannen an Geschwindigkeit und im nächsten Moment war ich auch schon wieder auf mich allein gestellt. Mit hängen und würgen erreichte ich Jin und Hoseok als nächsten Stammposten. „Okay, das jetzt noch fünfzig Mal, dann hast du’s drauf.“, grinste J-Hope. Bitte? Die nächste dreiviertel Stunde rollte ich von einem BTS-Mitglied zum Nächsten. Nach und nach vergrößerten sie die Abstände und ich musste Fußeinsatz zeigen. „Du wirst immer besser!“, rief Jungkook von hinten. Blieb nur noch Taehyung, der an der Endposition stand. Doch als ich aufblickte, war da kein Taehyung! Okay, ruhig bleiben…du kannst ja jetzt schon recht gut fahren…naja oder so halt. Ich erkannte Taehyung rechts von mir, wie er einem Schmetterling hinterherjagte. Na toll…abserviert für ein Insekt. Als ich meinen Blick wieder nach vorn richtete, blieb mir fast der Atem weg. Also wenn er eben nicht war, dann war jetzt der Zeitpunkt um panisch zu werden! Vor mir lag ein Abhang, dem ich eigentlich ungern zu nahekommen würde. „Lynn, bremsen!“, schrie Jungkook. Bremsen? Das ging mit diesen Dingern auch? Warum hatte das niemand vorher erwähnt…das gehörte doch zur ersten Lektion oder nicht? Mit Angst in den Augen sah ich nach Hinten. Fünf Jungs tobten mir hinterher, während Taehyung in die komplett andere Richtung fuhr und immer noch dem Schmetterling folgte. Kurz glitt mir ein Lächeln über die Lippen, bevor ich merkte, dass sich mein Tempo beschleunigte.

    Ich wurde immer schneller. Auf einmal trat eine Person in mein Blickfeld. Ein Junge lief in meine Richtung, schaute jedoch auf den Boden. „Yoongiiiiiii!“, schrie Hoseok. Erschrocken sah dieser auf. „Stopp Lynn! Halt sie fest! Mach was!“ Erst jetzt schien Yoongi mich zu bemerken wie ich auf ihn zugerast kam. Er riss die Augen auf. Ich war viel zu schnell…wie sollte er mich stoppen? Dennoch wollte ich keine Bekanntschaft mit dem Boden machen. Yoongi hob seine Arme, als würde er mich auffangen wollen. Dennoch sahen seine Augen mich ängstlich an. Kurz bevor ich ihn erreichte, formte er Worte mit seinen Lippen. Häh? Was tat ihm leid? Im nächsten Moment wich er zur Seite aus. Whaaaat! Meine Inliner trafen auf Rasen und stellten ihren Dienst ein. Durch den abrupten Stopp wurde ich nach vorn gerissen und versuchte noch die Füße nachzuziehen, doch ich kam nicht weit. Eine Parkbank meinte sich mir in den Weg zu stellen und schon machte ich einen großen Satz darüber und landete mit einem lauten Aufprall im Gebüsch dahinter.

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    „Shit! Lynn!“, hörte ich von weiten eine Stimme. „Verdammt Yoongi, du Flachpfeife!“ Noch eine Stimme. „Lynn, geht’s dir gut? Bist du verletzt?“ Die Stimmen kamen näher. Verletzt? Gute Frage…vorsichtig versuchte ich mit den Zehen zu wackeln. Funktioniert. Fingerspitzen? Jap. Ich wartete einige Sekunden, verspürte aber keinen Schmerz. Scheint nirgendwo was gebrochen zu sein. Mmh? Was stinkt hier so? Ich drehte meinen Kopf und keine 10 Centimeter von meinem Gesicht tat sich ein großes Hundehäufchen auf. Iiiiiiiiiiiiih! Oha, zum Glück bin ich da nicht reingeplumpst. Ich stellte mir Monas Gesicht vor, wenn ich ihr sagen würde, ich war mit BTS Inliner fahren und habe mich vor ihnen in Hunde-Ah-ah gewälzt. Sie würde sich totlachen! Bei der Vorstellung über diese Blamage musste ich anfangen zu lachen. Immer noch am Boden liegend, tauchten sieben Köpfe in meinem Blickfeld auf. „Lynn, tut dir was weh? Sollen wir einen Krankenwagen rufen?“ Es war zu spät. Es war einfach zu lange her, dass ich mal richtig gelacht hatte. Einmal angefangen konnte ich jetzt nicht mehr aufhören. Auf die Frage konnte ich nur mit dem Kopf schütteln, weil ich zu heftig lachte, um was zu sagen. „Jo, definitiv Taehyungs Cousine.“, meinte Suga und erntete einen Klapps am Kopf von Hoseok. „Apropos Taehyung“, meldete sich Jungkook, „wieso zum Kuckuck warst du nicht an deinem Platz?“ Taehyung schaute verwirrt zu ihm. „Na, da war dieser Schmetterling und er war so hübsch und ich wollte ihn als Haustier behalten.“ Damit gab er mir den Rest. Gerade dabei wieder runterzukommen, musste ich hysterisch anfangen zu lachen. „Wow, Jin, sie macht dir Konkurrenz…“, grinste Jimin. „Vielleicht hat sie sich doch irgendwo den Kopf gestoßen…“, meinte Namjoon besorgt. Gott, war mir das peinlich! Aber ich konnte einfach nicht aufhören zu lachen.

    „Du hast da ein paar Zweige und Blätter im Haar…warte…“, Hoseok beugte sich über mich und fing an diese aus meinen Haaren zu ziehen. Ich verstummte schlagartig. S-sein Gesicht war so verdammt nah! Meine Kopfhaut kribbelte an den Stellen, wo er Blätter aus meinen Haaren zog. Da er mein komplettes Gesichtsfeld markierte, starrte ich ihn an. Unsere Augen trafen sich. „Beruhigt?“, fragte er. Was? „Äh…j-ja.“ „Hey Hoseok, kannst du vielleicht mal von meiner Cousine weggehen, sodass sie aufstehen kann?“, maulte Taehyung. Hoseok richtete sich auf und hielt mir die Hand hin. „Kannst du aufstehen?“ Ich nahm seine Hand und ließ mich von ihm hochziehen. Er war ein Stück größer als ich und ich musste hochschauen, um in seine warmen, strahlenden Augen gucken zu können. „Lynn, du blutest ja!“ Was? Ich zog meine Hand zurück, die bis eben noch in Hoseoks verweilt hatte. Jin kniete vor mir und begutachtete mein Knie. Meine Hose war zerrissen und Blut trat aus einer Wunde an meinem Knie. Das sah aber gar nicht lecker aus. Ich verzog das Gesicht. „Tuts doll weh?“, wollte Jin wissen. „Nein nur ein wenig…hatte es bis eben nicht einmal bemerkt gehabt.“, gab ich zu. „Ich denke, das reicht für heute mit dem Inliner fahren.“, meinte Namjoon und die anderen stimmten zu. „Dein Knie sollte definitiv desinfiziert und versorgt werden.“, sagte Jin, „Ich wohne in der Nähe, dort habe ich einen kleinen Verbandskasten mit allen nötigen Utensilien…“ Hoseok nickte. „Gute Idee, bevor es sich noch entzündet.“ Jungkook kniete sich vor mich. „Na los, steig auf. Wir können dich doch nicht den ganzen Weg gehen lassen.“ Waaaas? „Ach das geht schon…“, wollte ich erwidern, doch alle schauten skeptisch. Da bleibt mir wohl nichts übrig. „Moment! Ich kann sie doch auch tragen!“, protestierte Taehyung. „Aber ich bin stärker als du.“, konterte Jungkook. Taehyung sah gar nicht zufrieden aus. „Dann wechseln wir uns halt ab. Erst du, dann ich…“ Jungkook seufzte. „Nichs da! Immerhin bist du schuld, dass Lynn sich verletzt hat.“ Damit war die Sache entschieden. Ich kletterte auf Jungkooks Rücken und hielt mich so vorsichtig wie möglich an seine Schultern fest. Ich spürte wieder wie die Röte mir ins Gesicht schoss und hoffte nur, dass Jin wirklich gleich in der Nähe wohnte. „Und los geht’s!“ Jungkook setzte sich in Bewegung und der Rest folgte. „Wenigstens muss ich jetzt keinen Sport mehr machen…“, kam es leise von Yoongi. Ich musste grinsen.

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    Wir gingen jetzt seit etwa fünf Minuten und ich versuchte krampfhaft die Umgebung zu betrachten. Ein Haus und noch ein Haus und noch eins. Aah! Das funktionierte nicht. Erneut wehte ein leichter Wind und Jungkooks Geruch stieg mir in die Nase. Was benutzte er wohl für ein Shampoo? Oh man…ablenken…ich musste mich irgendwie ablenken. Ich hoffte schon inständig, dass er nicht merkte wie ich leicht zitterte. „Lynn, alles klar da oben?“, kam auch schon seine Frage. Bam! Sieben Augenpaare richteten sich auf mich. „J-ja, alles gut.“, stammele ich. „Also, wenn dir Kookie zu unbequem wird, sag Bescheid, dann übernehme ich.“, grinste Taehyung. Es war aber alles andere als unbequem, deshalb lagen meine Nerven ja blank! „Wir sind da.“, vernahm ich Jins Stimme. Puh! Jungkook ließ mich vorsichtig runter. „Ähm…wir müssten jedoch noch in den dritten Stock und hier gibt es leider keinen Fahrstuhl…“ Taehyung grinste. „Jetzt bin ich dran!“ Schon kniete er sich vor mich hin. Was? Wollte er mich ernsthaft in den dritten Stock tragen? „Meinst du nicht, dass wird zu anstrengend?“, fragte ich vorsichtig und wünschte schon, ich hätte in den letzten Tagen nicht so viel gegessen. „Mmh…auf dem Rücken wird das wahrscheinlich schwierig, aber so…“ Er legte einen Arm um meine Taille und fasste mit dem anderen um meine Kniekehle. Schon lag ich wie eine Prinzessin in seinen Armen. Ich schaute ihn geschockt an. „Schon besser!“, strahlte Taehyung, „Los geht’s!“ Während Taehyung die Treppe hochstapfte, blickte ich über seine Schulter nach hinten. Böser Fehler! Ich traf Jins Blick, der mir lächelnd zuzwinkerte. Schnell drehte ich mich wieder um. Moment! Benutzte Taehyung dasselbe Shampoo wie Jungkook? Wah! Ich sollte dringend hiermit aufhören. Zum Glück hatten wir bereits das dritte Obergeschoss erreicht.

    Wie selbstverständlich tapsten alle ins Wohnzimmer. Taehyung platzierte mich auf dem großen Sofa und setzte sich neben mich. Auf der anderen Seite befand sich Hoseok und daneben Jimin. Den Zweisitzer teilten sich Junglkook und Namjoon. Yoongi saß auf einem Sessel gegenüber von mir. Jin kam nun mit einem Köfferchen in der Hand ebenfalls ins Wohnzimmer. Er holte das Desinfektionsspray heraus, kniete sich vor mich und hielt dann inne. „Sie sollte die Hose ausziehen.“, sprach Yoongi aus, was alle dachten. Ich spürte Hitze in mein Gesicht steigen und wusste nicht wo ich hinschauen sollte. „Man, Yoongi! Sag das doch nicht so einfach!“, entgegnete Taehyung. „Aber irgendwie hat er recht. Die Wunde lässt sich besser versorgen, wenn die Hose nicht stört.“, ergänzte Jin. „Du könntest eine Jogginghose von mir anziehen und dann das eine Hosenbein hochkrempeln, wenn es dir nichts ausmacht.“, fügte er hinzu und wurde ebenfalls ein wenig rot. Oh man, war das peinlich, aber ich nickte. Er holte eine rosa Hose, die mich grinsen ließ. „Verdammt Jin, warum besitzt du sowas überhaupt?“ Jungkook konnte sich sein Lachen nicht verkneifen. Jin verdrehte nur die Augen und half mir dann hoch. „Hier ist das Badezimmer…zieh dich in Ruhe um, okay?“ Ich nickte und er verschwand wieder im Wohnzimmer.

    Ich stand im Bad vor einem großen Spiegel und betrachtete mein Ebenbild. Die Hose war viel zu lang, also musste ich sie auch am unverletzten Bein ein wenig hochkrempeln. Das andere Hosenbein endete schon auf meinem Oberschenkel, damit die Wunde freigelegt war. Zum Glück hatte ich heute Morgen eine Beine rasiert, schoss es mir durch den Kopf. Nachdem ich erneut mein Aussehen prüfte, fiel mir auf, dass ich ja gar nicht mehr mein Cappy auf hatte. Oh nein! Hatte ich es im Park verloren als ich hingefallen war? Mist, da würde ich nachher noch einmal zurückmüssen. Ich seufzte kurz und ging dann wieder zum Wohnzimmer. Mein Anblick brachte alle zum Grinsen. „Was so schlimm?“, fragte ich und starrte auf die rosa Hose. „Naja, steht dir jedenfalls besser als Jin.“, scherzte Yoongi.

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    „Hey, Yoongi, noch so ein dummer Kommentar und du kriegst nichts zu essen!“, drohte Jin. Jungkooks Augen weiteten sich. „Hat jemand essen gesagt? Was gibt’s denn? Und wie viel gibt’s denn?“ Jin grinste. „Naja eine Portion ist ja jetzt über…“ Ich hätte Yoongi ein so schnelles Aufspringen echt nicht zugetraut. Schon stand er neben Jin. „Hyung…du weißt doch, ich meine sowas nicht ernst. Wir sind doch alle eine große glückliche Familie…“ Er setzte ein Lächeln auf und blinzelte Jin ein paar Mal an. Namjoon und Hoseok grinsten belustigt bei Yoongis Schauspielkünsten. Jin verdrehte die Augen. „Womit habe ich nur so eine Familie verdient?“ Ich hatte mich derweil wieder zwischen Taehyung und Hoseok aufs Sofa gequetscht. Jin wollte gerade das Desinfektionsspray greifen, da kam ihm Jungkook zuvor. „Ich mach das schon. Dann kannst du schon mal das Essen fertig machen…“ Auf dem Weg zur Küche war ein leises Von wegen Familie…ich fühl mich eher wie ein Angestellter in dem Laden hier! zu hören. Ein bisschen tat er mir ja schon leid. Aber ihn knuddeln und sagen Keine Sorge, deine Fans lieben dich für die Person, die du bist ging auch nicht.

    Jungkook saß mittlerweile im Schneidersitz auf dem Boden und begutachtete das Etikett der kleinen Flasche. „Äh…und wie benutzt man sowas?“ Alle sahen ihn an, bis Jimin seufzte. „Mensch Kookie, du solltest deine Hilfe nicht anbieten, wenn du nicht mal weißt, was zu tun ist. Gib schon her.“ Jimin nahm ihm das Desinfektionsspray ab und kniete sich vor mich. „Das könnte ein wenig brennen…“, entschuldigte er sich mit einem sanften Lächeln schon im Voraus. Ich nickte kurz. Okay…ganz ruhig blieben…wird schon nicht so schlimm sein…und ist auch nur kurz. Ich versuchte normal zu atmen und meine Anspannung nicht zu zeigen. Doch als die ersten Tropfen mein Knie erreichten, rutschte mir ein leises Wimmern raus. Ich biss die Zähne zusammen. „Tut mir leid…nur noch ein wenig.“ Er drückte noch einmal auf das Spray und erneut brannte es wie Hölle. Ich verzog das Gesicht ein wenig und drehte meinen Kopf nach rechts. Blöder Fehler. Hoseok starrte mich an und ich spürte seinen Atem im Gesicht. Schnell drehte ich einen Kopf wieder weg. Bloß saß ja links von mir Taehyung, der fragend eine Augenbraue hochzog. Wuah! Zu nah! Da ich meinen Kopf nicht um 180° drehen konnte, schaute ich wieder nach vorn, wo Jimin gerade aufstand und mir ein Fertig. ins Gesicht hauchte. Das gab mir den Rest. Ich konnte mir vorstellen, wie tiefrot mein Gesicht sein musste, denn Yoongi grinste mich schelmisch an. Wie peinlich. Ich versteckte mein Gesicht in den Händen. „Lynn? Tut es so doll weh?“, fragte Jimin besorgt und ich spürte seine Hand sanft auf meinem unversehrten Knie. Ich schüttelte den Kopf, die Hände immer noch davorhaltend. Ich konnte Yoongi kichern hören. „Da ist es wohl jemand nicht gewohnt mit so vielen, wenn ich bemerken darf, echt gutaussehenden, Jungs in einem Raum zu seinen…“ Ahhh! Er hatte eine genauso große Klappe wie Mona, die beiden würden echt ein teuflisches Duo abgeben!

    Im ersten Moment sagte keiner etwas, dann spürte ich wie Jimin seine Hand langsam zurückzog. Jemand räusperte sich. Ob man wohl stirbt, wenn man aus dem Fenster des dritten Stockes sprang? Diese Situation war so unglaublich peinlich. Ich hörte ein dumpfes Geräusch. „Yoongi, du unsensibler Felsbrock!“ Ich lugte vorsichtig zwischen meinen Fingern hindurch. Jimin stand neben Yoongis Sessel, welcher sich den Hinterkopf hielt. „Aua! Warum schlagen mich heute alle!“ „Weil du heute wieder nicht zu ertragen bist!“, beantwortete Jimin seine Frage. „Pff, das habt ihr nun davon, wenn man mich nicht in Ruhe ausschlafen lässt!“, maulte dieser. Ich spürte eine Hand auf meinem Kopf und blickte auf. „Keine Sorge Lynn, ich beschütze dich vor den sechs hungrigen Wölfen!“ Taehyung wuschelte mir die Haare und grinste stolz. „Ich passe genau auf, wer meine Cousine daten darf und wer nicht!“ Wieso denn schon wieder dieses verdammte Thema! Jetzt legte sich von hinten ein Arm um meine Schultern. Hoseok zog mich von Taehyung zurück. „Du weißt schon das Lynn keins deiner Spielzeuge ist oder? Sie hat einen freien Willen und darf lieben, wen sie will!“ Taehyung schien das gar nicht zu gefallen. „Jaja, kein Kuscheltier und kein Spielzeug, trotzdem ist sie MEINE Cousine und nicht eure!“ „Was heißt, dass wir sie daten können und du nicht…“, kam es aus Richtung Sessel. Das hatte Yoongi jetzt nicht wirklich gesagt! Alle fingen an zu grinsen…mal abgesehen von Taehyung und mir.

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    In diesem Moment kam Jin ins Wohnzimmer getrottet und blieb verwirrt stehen. „Habe ich was verpasst? Warum grinsen denn alle wie dämlich?“ Yoongi erhob sich und schlenderte zu ihm. „Ach, wir haben nur ein paar Besitzansprüche geklärt…“, sagte er mit einem neckischen Grinsen Richtung Taehyung. Dieser war jedoch gerade damit beschäftigt, Hoseoks Arm von meiner Schulter zu entfernen. Er fasste mich bei der Hand und zog mich vorsichtig hinter sich her. „Jin, du hast das Essen fertig oder?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, betrat er die Küche und wies mich an, auf einen der Stühle Platz zu nehmen. „Willst du was trinken?“, fragte er freundlich. „Gern.“, antwortete ich. „Wir hätten Orangensaft, Cola oder Wasser…?“ Die Tür schwang auf und Jin kam herein. „ICH hätte und nicht WIR hätten, bitteschön! Und ihr solltet echt aufhören, euch immer, wenn ihr hier seid einfach so im Kühlschrank zu bedienen! Danach ist er nämlich jedes Mal leer!“, beklagte er sich. „Lynn, für dich gilt das natürlich nicht. Was darf ich dir bringen?“, er zwinkerte mir zu. „Ähm…Orangensaft?“ Jetzt folgten auch die anderen in die Küche und platzierten sich auf Stühlen. Ehe ich mich versah, saßen auch schon Hoseok und Jimin neben mir. Taehyung, der gerade den Orangensaft aus dem Kühlschrank genommen hatte, warf den beiden einen bösen Blick zu. „Ach komm schon Tae! Wir tun ihr doch nichts, wir scherzen doch nur ein bisschen rum. Oder hältst du uns für so sexy Playboys, dass du Angst hast, wir verführen deine süße Cousine?“, fragte Yoongi und posierte im Sitzen. Hatte er mich gerade süß genannt? „Pff, ich bezweifle, dass sie auch nur an einem von euch interessiert ist! Also besteht keine Gefahr…“, entgegnete Taehyung. Ach echt? Keine Gefahr? Ich fand ja ehr, dass wir kurz vor Alarmstufe Rot waren!

    „Stimmts Lynn, keiner dieser Idioten ist als dein fester Freund geeignet oder? Du würdest keinen von ihnen daten wollen, richtig?“, Taehyung guckte mich erwartungsvoll an. Moment! Er wollte doch jetzt nicht wirklich eine Antwort auf die Frage oder? Jetzt blickten auch die anderen Sechs zu mir. Heilige Kacke! Ich hätte einfach am ersten Abend sagen sollen, dass ich einen Freund in Deutschland habe…dann hätte diese Konversation nie stattgefunden! Aber jetzt steckte ich in diesem Schlamassel und wusste nicht, was ich sagen sollte. „…n-nein.“, gab ich leise von mir. Nie im Leben war jetzt und hier der Zeitpunkt, um zu erwähnen, dass ich nichts dagegen hätte, einen dieser gutaussehenden Jungs zu daten! „Mmh…interessant.“, grinste Yoongi, „Das war aber eine lange Überlegungspause…bist du dir sicher, dass dich keiner von uns anspricht?“, hakte er nach. Verdammt noch einmal…er hatte mich durchschaut und erneut schwieg ich. Nicht gut…gar nicht gut. Ich war Taehyungs Cousine…ich konnte doch jetzt nicht was mit einem seiner Freunde anfangen! Noch dazu waren es ja nicht irgendwelche Freunde, sondern BTS und ich bekam schon Gänsehaut bei dem Gedanken, ein BTS-Mitgleid zu daten. Aber niemals könnte und würde ich das freiwillig zugeben! Doch bevor ich eine aussagekräftige Antwort geben konnte, zog Jungkook die Augenbrauen hoch. „Wer ist es? Wen von uns findest du am besten? Wenn du nicht antwortest, rate ich…also vielleicht Jin? Immerhin war er der rettende Prinz, der dich aufgefangen hat…“ Naja, eigentlich bin ich volle Kanne auf ihn drauf gekracht, aber wer achtet schon auf Details? „Auf keinen Fall!“, wandte Taehyung ein. „Jin ist viel zu alt für Lynn, immerhin ist sie zehn Jahre jünger!“ Jin starrte Tae entrüstet an. „Wen nennst du hier alt? Ich bin siebenundzwanzig und nicht achtundfünfzig!“ Jimin hatte auch Gefallen an der Unterhaltung gefunden. „Wenn es um Liebe geht, ist doch der Altersunterschied nicht entscheidend und zehn Jahre sind jetzt auch nicht so viel. Außerdem ist Jin eh noch ein halbes Kind.“ Wuah, wenn ich jetzt nichts machte, fingen sie demnächst noch an die Hochzeit zu planen! „Ich habe nie gesagt, dass ich Jin mag…“, rutschte es mir raus. „Du magst mich nicht?“ Jin sah ein wenig traurig aus und ich wurde unruhig. „Doch, aber nein…also…“ Natürlich mochte ich ihn, ich meine Hallo!, er ist mein absoluter BIAS! Ich war heillos überfordert. „Okay, wenn es nicht Jin ist, wer dann? Vielleicht Namjoon? Oder Hoseok? Oder doch eher die Maknae-Line? Jimin?“ Jungkook ließ nicht locker. „Oder stehst du auf Kookie?“, grinste Hoseok.



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    Ich wartete darauf, dass irgendein Handy klingelte und mich aus dieser Lage herausmanövrieren würde, aber leider passierte nichts. Na gut, die Situation würde auch nicht besser werden, wenn GoGo auf einmal als mein Klingelton losgehe. Oh…das ist die Idee! „Taehyung meinte, ihr seid eine Gruppe und nennt euch Bangtan Sonyeondan? Was macht ihr denn so?“ Offensichtlicher konnte ich nun wirklich nicht vom Thema ablenken, aber solange es funktionierte, sollte mir es recht sein. „Hey! Es ist unfair Fragen mit Gegenfragen zu beantworten…“, schmollte Jungkook. „Ich wüsste auch gern die Antwort auf unsere Frage…“, ergänzte Jimin zaghaft. Irgh! Die Wahrheit war eigentlich, dass ich selbst noch nicht wusste, was ich von ihnen halten sollte. Ja klar, es handelte sich hier um BTS, aber als Personen kannte ich sie jetzt gerademal ein paar Stunden. Wer wusste schon, wie sie privat sind? Ob wohl jemand von ihnen im wahren Leben eine Freundin hatte? Solche Fragen stellte ich mir, wobei ich nicht eifersüchtig wäre. Mich interessierte, ob sie glücklich waren, ob sie sich oft stritten und ob es ein absolutes No-Go war, ARMYs zu daten. Und selbst, wenn es so wäre, musste ich mich selbst fragen, ob ich BTS als Musikgruppe verehrte oder ob ich mehr als nur Fan-Gefühle für einen von ihnen haben könnte. Und was, wenn ich mich wirklich verlieben würde, aber meine Gefühle nicht erwidert werden? Könnte ich dann noch als Taehyungs Cousine, einfach hier so mit ihnen sitzen? Oder würde ich jedes Mal, wenn ich einen Song von ihnen höre, an die eine Person denken und traurig sein? Das wollte ich nicht!

    Ich holte tief Luft. „Okay. Da ihr nicht locker lasst, sag ich euch halt, was ich denke!“ Zwar nicht alles, aber naja. „Ich finde euch alle sehr nett, aber ich kenne euch ja auch noch nicht lange genug, um mir ein klares Bild machen zu können. Daher habe ich keine romantischen Gefühle für irgendjemanden von euch. Zudem habt ihr richtig festgestellt, dass ich kein Spielzeug bin, also wäre es freundlich, wenn ihr aufhört mich aufzuziehen, nur weil ihr Taehyung ärgern wollt! Zusätzlich mag ich es nicht im Mittelpunkt zu stehen, weil mir das peinlich ist und wenn ihr mich alle so anstarrt, dann krieg ich Fluchtgedanken wie Mona, wenn sie eine Spinne sieht. So, da meine Emotionen jetzt geklärt sind…wie siehts denn bei euch aus? Ihr wollt mir ja jetzt nicht erzählen, dass niemand von euch eine Freundin besitzt oder?“ Mein Herz raste in meiner Brust. Hatte ich gerade wirklich meine komplette Meinung gegeigt? Und noch dazu den Dreist gehabt zu fragen, ob sie noch Single sind? Alle starrten mich an! Taehyung, Jungkook, Jin und Hoseok waren die Kinnladen runtergeklappt und Jimin und Namjoon verkniffen sich ein Lachen. „Ich hätte da eine Frage…wer ist Mona?“, kam es von Suga, der mich, als wäre nichts passiert, anschaute. Ich verschränkte die Arme. „Hey! Es ist unfair Fragen mit Gegenfragen zu beantworten…“, griff ich Jungkooks Redewendung auf. Jetzt grinste Yoongi. „Wo sie recht hat, hat sie recht. Was mich angeht…nein, ich habe keine Freundin…wäre viel zu aufwendig.“ Er schaute zu den anderen. „Na, was ist? Sie hat unsere Fragen beantwortet, ohne mit den Wimpern zu zucken, also gebt ihr jetzt auch eine ordnungsgemäße Antwort, die hat sie sich verdient, ne?“

    „Ich habe keine…“, sagte Jimin leise und schaute zur Seite. Es herrschte kurz Stille bis Namjoon sich räusperte. „Also alle Karten auf den Tisch? Ich bin vergeben.“ Er lächelte zaghaft. Ich fühlte mich wie bei einem Verhör, nur war ich jetzt nicht mehr diejenige, die antworten musste. Taehyung hatte sein Grinsen wiedergefunden und schlug Jungkook auf den Rücken. „Also ich bin single, aber unser Kookie hier trifft seit kurzen ein Mädchen…“ Jungkook wurde leicht rot. „H-Hobi ist auch verliebt!“, stammelte er als eine Art Verteidigung. Blieb noch Jin. Ich schaute ihn fragend an. Er fuchtelte verlegen mit den Händen vor sich rum. „Nein, ich habe keine Freundin.“ Ich sah in die Runde…bis auf Taehyung blickten alle verlegen zur Seite. Ich fühlte mich ein wenig überlegen. Jap, genauso ging es mir bis eben. Jetzt, wo sich die Karten gewendet hatten, fühlte ich mich wieder wohler, nicht mehr so im Zentrum zu stehen. Ich seufzte zufrieden. „Gut, da das jetzt geklärt ist…Können wir endlich essen? Ich bin nämlich am Verhungern!“ Yoongi lachte. „Taehyung, du hattest recht. Sie hat echt Temperament. Wir sollten uns lieber vorsehen, mit wem wir uns anlegen.“ Taehyung legte einen Arm um meine Schultern und zog mich zu sich. „Sie ist einfach toll oder?“

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    „Wooow! Wie viel kann eine so kleine Person denn bitte essen!“, staunte Jungkook als ich mir zum dritten Mal Nachschlag holte. Ich grinste. „Das nehme ich jetzt einfach als Kompliment. Außerdem ist das Essen so verdammt lecker, dass man gar nicht anders kann als mehr zu essen! Das schmeckt echt super Jin!“ Und wer weiß, wann ich das nächste Mal in den Genuss käme zu essen, was mein Bias gekocht hatte! „Endlich mal jemand, der meine Kochkünste zu schätzen weiß.“, triumphierte dieser. „Tun wir das etwa nicht?“, fragte Jungkook schockiert. Jin verschränkte die Arme. „Nein! Das einzige, was ihr macht, ist alles in euch reinzustopfen und wenn ich euch frage, ob es lecker ist, dann kommt ein Ist ganz okay!“ Yoongi seufzte. „Ist doch dasselbe…“, schmatzte er. Jin war am Verzweifeln. „NEIN ist es nicht! Nie werde ich von euch mit Respekt behandelt, obwohl ihr alle jünger seid als ich.“ Ich lauschte der Debatte gespannt. „So schlimm kann es doch nicht sein…“, setzte ich an. Jin schaute mir direkt in die Augen. „Ich wohne die meiste Zeit mit diesen Menschen zusammen…glaub mir, ich übertreibe nicht. Einer schläft nur, der andere spielt nur Videospiele, einer macht ständig was kaputt, einer wackelt mit dem Popo zu Mädchentänzen, einer singt ständig Justin Bieber Songs und einer trainiert immer für seine Bauchmuskeln! Die komplette Villa sieht aus wie ein Schweinestall und ich darf jedem dieser Kids hinterherräumen! Du würdest keinen Tag mit denen aushalten.“ Ich kicherte, während der Rest beleidigt aussah. „Ich denke das wäre kein Problem…habe auch so meine Erfahrungen. Die Beschreibungen passen perfekt auf meine Freundin zu, mal abgesehen, dass sie nicht an ihren Bauchmuskeln trainiert und sie nicht Justin Bieber hört, sondern B---ackstreet Boys.“, beendete ich den Satz. Verzeih mir Mona! Fast hätte ich mich verplappert, aber meine Wahl war nicht sehr…naja, warum habe ich nicht wenigstens Beyoncé gesagt! Egal zu spät ist zu spät.

    „Ah, redest du von dieser Mona…? Du hattest den Namen ja mal kurz erwähnt vorhin.“, fragte Yoongi. „Ja genau. Ich kenne sie seit zwei Jahren, aber sie ist meine beste Freundin.“, erzählte ich ihnen. „Wohnt sie auch hier in Südkorea?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, leider nicht. Sie lebt in Deutschland und arbeitet als Angestellte im Haus meines Vaters…“ Ich verstummte bei der Erwähnung meines Vaters. Sehnsucht und Wut mischten sich in meinem Herzen. Ich wollte nicht an ihn denken. „Im Haus deines Vaters? Ist deine Familie reich? Hast du etwa in einer riesen Villa mit Pool und so gewohnt?“, fragte Jimin aufgeregt. Ich nickte nur leicht. „Woah! Muss ja cool gewesen sein! Vermisst du dein altes Zuhause nicht?“ Irgh! Der Kloß in meinem Hals schwoll weiter an. „N-nicht wirklich…“, stotterte ich. „Häh, wieso?“, fragte Hoseok verblüfft. „Muss doch hart gewesen sein von einem Tag auf den anderen in ein fremdes Land zu ziehen…und zudem noch die Scheidung deiner Eltern und die neue Familie. Fandst du das nicht schlimm?“ Ich war kurz davor wie ein Kleinkind zu heulen! Ich atmete langsam ein und aus. „Natürlich war ich nicht gerade aus dem Häuschen und habe Luftsprünge gemacht!“, fing ich an, „Ich war verwirrt…Meine Mutter, die auf einmal an meiner Schule auftaucht und eröffnet, dass wir umziehen. Sie sich noch dazu scheiden lassen will. Nie hätte ich ihr zugetraut, neben meinen Vater einen anderen Lover zu haben oder mein Vater, der meine Mutter ebenfalls betrogen hat…toll fand ich das sicher nicht. Und dann sollte ich auch noch bei der Affäre meiner Mutter unterkommen? Da war ja wohl alles vorbei! Seit Jahren zählte für beide doch nur, dass ich Klassenbeste bin…, dass ich an der Schule keine Freunde hatte und auch sonst niemanden zum Reden, hatte sie nie interessiert.“ Ich biss die Zähne zusammen. „Ich schwor mir wirklich, dass ich diesen neuen Typen und seinen Sohn nie anerkennen würde. Und dann stand ich vor ihnen, aber anstatt Hass empfand ich Sympathie! Ich habe noch nie so tolle Menschen kennengelernt. Sie sind freundlich und seit langem schenkt mir jemand Beachtung und nicht nur weil ich einen Geigen-Wettbewerb gewonnen habe! Sie vermitteln mir wirklich das Gefühl einer Familie, was ich so vermisst hatte, aber…sie sind nicht MEINE Familie! Ich erinnere mich an Tage, wo mein Vater mir das Fahrradfahren beibrachte und meine Mutter meine Haare geflochten hat und…ich kann doch meine alte Familie nicht für eine neue wegschmeißen! Ich hatte mir wirklich gewünscht, dass meine Eltern wieder glücklich werden und wir wieder eine richtige Familie seien würden, aber das wird nie mehr passieren!“ Mir kullerten dicke Tränen die Wangen hinab und ich schniefte nach Luft schnappend vor mich hin. Ich musste hier raus! Ich sprang auf, schnappte mir meinen Rucksack und stürmte aus Jins Wohnung ohne mich noch einmal umzudrehen.

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    Aaaaah! Verdammt noch einmal! Nein, nein, nein! Was habe ich nur gerade getan? Diese ganzen Gefühle, die ich seit Tagen zu verbergen suchte, mussten einfach raus, aber warum denn so und warum vor BTS. Ich sah noch deutlich ihre geschockten, traurigen und sogar emotionslosen Gesichter vor mir. Am meisten schmerzte mein Herz, wenn ich an Taehyung dachte. Ich wusste zwar nicht, was er in diesem Moment dachte, aber ich habe ihn noch nie so ein Gesicht machen sehen. Sein Lächeln war nach und nach in sich zusammengefallen und seine Augen hatten ihren Glanz verloren. Sofort waren die Schuldgefühle hochgekommen und ich konnte ihre versteinerten Blicke nicht ertragen. Ich saß wieder in dem Park, wo ich heute Vormittag noch mit BTS zusammen gelacht und Spaß gehabt hatte, doch jetzt hörten die Tränen nicht mehr auf zu laufen. Sie tropften auf die rosa Jogginghose. Oh, ich hatte ja immer noch Jins Hose an! Das machte meine emotionale Lage nur noch schlimmer. Sie waren alle so nett zu mir gewesen und was tat ich? Meinen ganzen Frust an ihnen auslassen, obwohl es gar nichts mit ihnen zu tun hatte. Ich war echt das Letzte!

    Mein Handy vibrierte neben mir. Anruf Byung. Ich nahm nicht ab. Wahrscheinlich wäre mir meine Stimme versagt und ich wollte nicht, dass er sich Sorgen machte. Ich hatte es nicht verdient, dass sich jemand um mich sorgt, nachdem ich Taehyungs Familie abgewiesen hatte. Und was nun? Ich konnte schlecht die Nacht hier im Park verbringen. Es war zwar erst Nachmittag, aber ich musste mir überlegen, wie es weitergehen sollte. Ich konnte nicht zurück zu meinem neuen Zuhause und erst recht nicht zu Jins Wohnung. Ich könnte einfach ein Hotelzimmer nehmen…am Geld sollte es bei mir ja nicht scheitern. Ich lachte auf. Geld ist auch nicht die Lösung zu allen Problemen. Ich würde alles Geld der Welt für eine richtige Familie eintauschen, aber so funktionierte das nun mal nicht! Man konnte sich sein Leben nicht glücklich kaufen! Ich sah wie zwei kleine Kinder an den Händen ihrer Eltern in meine Richtung kamen. Ich sollte hier verschwinden, sonst ruiniere ich noch die Laune anderer. Ich ging den kleinen Kiesweg entlang und atmete die frische Frühlingsluft ein. Ich wünschte Mona wäre hier. Ich wollte, dass sie mich in den Arm nahm und sagte, dass alles wieder gut wird. Ich wollte, dass sie mich zum Lachen bringt, so wie sie es immer getan hatte, wenn ich mal deprimiert war. Aber sie war nicht hier. Ich war malwieder ganz allein.

    „Lyyyyyyynn!“ Ich schreckte aus meinen Gedanken auf. „Lynn, bist du hier irgendwo?“ Ich sah Namjoon und Jungkook in meine Richtung laufen. Aus einem Reflex heraus, versteckte ich mich hinter dem nächsten Gebüsch. Ich wollte nicht, dass sie mich so sahen. Erst jetzt bemerkte ich eine dritte Person. Taehyung lief den Kopf hängend hinter ihnen her. Mir kamen schon wieder die Tränen. Er musste mich jetzt sicher hassen, so wie ich ihn verletzt hatte. Im nächsten Moment kamen Jin und Jimin aus einer anderen Richtung zu ihnen gelaufen. „Habt ihr sie gesehen?“, fragte Namjoon. Sie schüttelten den Kopf. Verdammt, warum suchten sie nach mir! Ich wollte nicht gefunden werden. Ich wusste nicht, wie ich ihnen unter die Augen treten sollte. Aber was, wenn sie dann die nächsten Stunden mit dem Versuch verbringen mich zu finden? Ich holte mein Handy raus. Die einzige Nummer, die ich kontaktieren konnte war Taehyungs…verdammt. Er hatte mich nicht einmal versucht anzurufen. Bitte hört auf nach mir zu suchen. Ich kann euch nicht mehr in die Augen sehen, nachdem was passiert ist. Tut mir leid und ich kann verstehen, wenn du mich jetzt hasst Taehyung…. Bevor ich es mir anders überlegte, drückte ich auf senden. Ich sah wie Taehyung sein Handy aus der Hosentasche zog und es einige Sekunden anstarrte. Er fing an etwas einzutippen und ich bekam ein mulmiges Gefühl. Ich erschrak als mein Handy erneut vibrierte. Eine Nachricht von Taehyung. Meine Hände zitterten als ich die Nachricht öffnete. Vergiss es! Ich muss mit dir reden. Sofort! Wenigstens weiß ich jetzt, dass du ganz in der Nähe sein musst…ich finde dich so oder so!. Er war wütend oder? Ich blickte auf. Taehyung schien den anderen Bescheid zu geben. Oh Gott! Sie kommen in meine Richtung! Ich machte mich noch kleiner. Doch als nichts passierte, schaute ich wieder auf. Sie waren abgebogen und entfernten sich mit dem Rücken zu mir. Puh! Glück gehabt…aber ich kann ihnen nicht ewig aus dem Weg gehen. Ich erhob mich und wollte den Park in der entgegengesetzten Laufrichtung verlassen als… „Hab dich!“ Jemand umfasste meinen Arm und ich drehte mich erschrocken um.

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    Zuerst dachte ich Taehyung hatte mich entdeckt und ich wurde panisch. Doch die Stimme gehörte nicht Taehyung… „H-Hoseok!“ Ich starrte ihn einfach an. Was sollte ich sagen? Oder sollte ich versuchen wegzulaufen? Aber ich würde wohl kaum schneller sein und eine schlimmere Knieverletzung herauf zu beschwören, wäre auch nicht so angenehm. Unschlüssig stand ich vor ihm. Im nächsten Moment schnipste er mir gegen die Stirn. „Aua.“ Erstaunt sah ich ihn an. Seine ernste Miene ließ mich jedoch sofort verstummen. „Was fällt dir ein einfach so abzuhauen?“ Ich schaute erneut den Boden an. Hoseok seufzte. „Ich geb jetzt erstmal Taehyung Bescheid, dass ich dich gefunden habe und du nicht von einem Auto um gemäht wurdest…!“ Er zog sein Handy aus der Tasche und wählte Taehyungs Nummer. Ich wurde panisch. Wie sollte ich denn Taehyung und den anderen vor die Augen treten? Alle würden mich anstarren und nur der Gedanke weckte meinen Fluchtinstinkt. Sofort schoss meine Hand nach vorn und ich schlug Hoseoks Handy, welches er sich an das Ohr hielt nach oben und fing es kurzerhand wieder auf. Schnell drückte ich den Beenden-Button. Gosh, ich hatte wirklich einmal zu oft Descandants Of The Sun geguckt…aber dieser Trick war echt Gold wert. Überrascht schaute er sein Handy an, welches sich nun in meiner Hand befand. „Was zum…! Gibt’s her!“ Er versuchte es sich zu schnappen, doch ich zog es weg und verbarg es hinter meinem Rücken. „Bitte sag Taehyung und den anderen nicht, wo ich bin.“, flehte ich leise. Hoseok verschränkte die Arme. „Und dann? Ich meine, uns kannst du ja aus dem Weg gehen…aber Taehyung ist dein Cousin! Zudem macht er sich große Vorwürfe, dass du ihn jetzt hasst.“ Häh! Ich IHN hassen! „Was? Er sollte doch derjenige sein, der MICH jetzt hasst! Immerhin habe ich seine Familie abgelehnt…“ Er schüttelte den Kopf. „Da kennst du Tae nicht. Immer, wenn er mit jemanden Streit hat, dann gibt er sich selbst die Schuld dafür und zerbricht sich den Kopf, was er falsch gemacht hat und wie er es wieder in Ordnung bringen kann. Also wenn du nicht willst, dass er in den nächsten Stunden ganz Seoul auf den Kopf stellt, um dich zu finden, dann rufst du ihn jetzt an oder gibst mir mein Handy, damit ich das machen kann.“ Ich schluckte schwer, gab ihm jedoch sein Handy zurück. Er lächelte mich vorsichtig an. „Das wird schon.“ Dann wählte er erneut eine Nummer und nach nur zwei Sekunden schien jemand abzunehmen. „Ja, Taehyung beruhig dich! Ja, verdammt, wenn du mich aussprechen lassen würdest, könnte ich dir sagen, dass ich Lynn gefunden habe und es ihr gut geht! Ja okay, mach ich. Wir sehen uns dann.“ Er legte auf. „Wir treffen uns mit den Anderen wieder in Jins Wohnung. Also dann…wollen wir?“ Als ich keine Anzeichen zu Laufen machte, nahm er meine Hand und zog mich mit sich.

    Ich wurde zunehmend nervös und mit jedem Schritt kam ich den Tränen näher. Dann vernahm ich ein Fiepsen. Mmh? „Hoseok? Hast du das auch gehört?“ Er schaute mich verwirrt an. „Was denn?“ Erneut war ein Geräusch zu hören und diesmal schien auch er es bemerkt zu haben. „Kommt das von dort?“, er deutete auf ein Gebüsch. Vorsichtig näherten wir uns der Stelle. Hinter dem Gebüsch stand ein Karton. Ich ließ Hoseoks Hand los und kniete mich hin. Im dem Karton lag eine Wolldecke und darauf saß nicht einer, nein, gleich drei kleine süße Racker, die mit ihren Kulleraugen zu uns hochschauten. „Oooooh sind die süüüüß!“, quietschte ich. Hoseok hob einen Zettel auf, der an dem Karton befestigt war. „Wer auch immer diese Hunde findet, bitte gebt ihnen ein neues Zuhause!“, las er vor. Ich schaute ihn an. „Sie wurden ausgesetzt?“ Er nickte. „Sieht so aus…“ Er kniete sich neben mich. „Was ist das für eine Rasse?“ „Australian Shepherds!“, antworte ich vergnügt und hob einen der Kleinen hoch. „Woher weißt du das?“, fragte mich Hoseok. „Ich lächelte den Welpen an. „Naja, ich wollte als ich kleiner war immer einen Hund haben und hab viel recherchiert. Aber meine Eltern wollten keinen Hund. Es wäre zu lästig sich um so ein stinkendes Wesen zu kümmern…meinten sie.“ Der Hund legte seinen Kopf schief und schaute mich fragend an. Ich lachte. „Nein, du stinkst nicht. Du bist soooo knuffig!“ Ich drückte ihn an mich und er schleckte meinen Hals an. Hoseok zog einen Mundwinkel hoch. „Und dabei ist es doch meine Aufgabe, andere wieder zum Lachen zu bringen!“ Ich hielt ihn den kleinen Hund entgegen. „Tut mir leid, aber gegen ihn hast du keine Chance!“ Demonstrativ bellte der Kleine einmal und hechelte dann vor sich hin. Jetzt mussten wir beide lachen. „Und was machen wir nun mit ihnen?“, fragte er irgendwann. Ich schaute ihn verwirrt an. „Ist das nicht offensichtlich? Wir nehmen sie mit!“

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    „Und wer kümmert sich dann um die Welpen?“, fragte mich Hoseok, der den Karton mit den drei Kleinen trug. „Ähm…das klärt sich schon noch. Aber sie dort sitzenzulassen wäre ja wohl keine Option gewesen!“ Ich schob meine Unterlippe vor. Hoseok seufzte. „Ich bin auf die Reaktion der anderen gespannt…“ Ich blieb wie angewurzelt stehen. Irgh! Das hatte ich total vergessen. Ich wurde unruhig bei dem Gedanken, dass wir gleich bei Jins Wohnung waren. Hoseok sah mir in die Augen. „Tut mir leid.“ Häh? Hatte ich was verpasst? „Immerhin war ich es, der dir die ganzen privaten Fragen gestellt hat und dir keine Wahl gelassen als zu antworten.“, entschuldigte er sich. Ich schüttelte den Kopf. „Ich hätte ja nicht antworten müssen. Aber irgendwie hatte sich einiges angestaut und bevor ich mich selbst stoppen konnte, war es auch schon draußen…ohne Rücksicht auf Taehyungs Gefühle zu nehmen.“ Jetzt schüttelte Hoseok den Kopf. „Ich glaube er hat es geschätzt, dass du ehrlich warst. Auch wenn er im ersten Moment ein wenig geschockt war…“ Hoseok grinste. „Aber auch wenn es schwer zu glauben ist, denke ich, dass er dich bereits als Teil der Familie sieht, obwohl ihr euch erst seit drei Tagen kennt. Er war ganz aufgeregt als er uns von seiner neuen Cousine erzählte und hat uns alle überredet zu diesem Treffen heute…“ „Soll das heißen ihr habt nur Taehyung zu Liebe zugestimmt mich zu treffen und eigentlich hattet ihr keinen Bock auf ein dahergelaufenes Mädchen aus Deutschland?“, fragte ich gespielt provokativ. „Mmh vielleicht?“, grinste er. Daraufhin boxte ich ihm leicht in die Seite. „Aua!“, lachte er, „Nur Spaß…wir mochten dich spätestens dann, als du den Abgang hingelegt hast und gelacht hast, als wärst du Jins Schwester…“ Ich wurde rot. „So schlimm ist mein Lachen gar nicht!“ Auf einmal blieb Hoseok stehen. „Bereit?“, fragte er. Ich nickte. Wir waren an dem Ort angekommen, aus dem ich vor einer knappen Stunde geflohen war.

    Nachdem die letzten Stufen bestritten waren, klingelte Hoseok an der Tür. Mein Puls beschleunigte sich. Die Tür ging auf und…Yoongi stand vor uns. Er zog eine Augenbraue hoch. „Wilkommen zurück, Ausreißer.“, begrüßte er mich. Wir traten ein und ich sah mich verwirrt um. „Ihr seid die ersten…die Anderen müssten aber auch gleichkommen.“, meinte Yoongi. Mir entglitt ein erleichterter Seufzer. „Freu dich nicht zu früh! Du wirst schon noch deine Strafe erhalten, dafür dass wir hier Babysitter spielen durften.“ Bitte? „Du weißt schon, dass ich kein kleines Kind mehr bin oder?“ Er musterte mich. „Also klein bist du schon…“ Gerade als ich was erwidern wollte, hüpfte einer der Welpen aus dem Karton, den Hoseok auf dem Sofa abgestellt hatte und lief Richtung Yoongi. Dieser lehnte sich im Sessel zurück und bemerkte nicht wie der Kleine sein Bein beschnüffelte und dann langsam sein Bein hob. „Er wird doch nicht…!“, sprach Hoseok aus, was ich dachte. Doch es war zu spät. Ein feiner Strahl hinterließ Flecken auf Yoongis Hose und seiner Socke. Verwirrt sprang dieser auf und starrte hinab. Erst wanderten seine Augen zum Hund, dann zu seiner Hose… „Was zur Hölle…!“ Hoseok und ich brachen in Gelächter aus. In dem Moment hörte ich eine Tür klapsen und Schritte näherkommen. „Was ist denn hier los?“, fragte Jungkook überrascht von unserer ausgelassenen Stimmung. „…Hund…Pippie…Yoongi…!“, japste Hoseok, vor Lachen keinen vollständigen Satz herausbringend. Namjoon blickte verwirrt von einem Hund zum nächsten. „Wo kommen denn die ganzen Welpen her?“, fragte er schließlich. Ich hatte mich mittlerweile wieder eingekriegt und hob den kleinen Ausreißer hoch auf meinen Schoß. Er wedelte freudig mit dem Schwänzchen. Dann fiel mein Blick auf Taehyung, welcher mich ebenfalls anstarrte. Ich spürte einen Kloß im Hals und meine Augen wurden erneut feucht. Schnell vergrub ich mein Gesicht im Fell des kleinen Hundes, den ich in den Armen hielt. „Verdammt Taehyung! Hör jetzt endlich auf so ein Gesicht zu ziehen…du bringst sie nur wieder zum Weinen!“, schimpfte Hoseok ihn an und nahm mich in den Arm. Ich hob den Kopf, doch im nächsten Moment legte sich eine Hand vor meine Augen und ich wurde gegen eine Brust gezogen. „Könnt ihr uns kurz allein lassen?“, hörte ich Taehyungs Stimme an meinem Ohr. Es kam keine Antwort, aber ich hörte wie sich Schritte entfernten. Ich wollte mich umdrehen, doch Taehyung hielt mich fest in seinen Armen und hielt auch weiterhin meine Augen bedeckt. Ich spürte seinen Atem an meinem Ohr und bekam Gänsehaut. „Ähm…Taehyung…“, fing ich an, doch er drückte mich nur noch fester an sich. „Es tut mir so leid…“, hörte ich eine brüchige Stimme. M-Moment! Weinte er etwa!


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    „T-Taehyung?“ Ich riss mich los und drehte mich zu ihm um. Seine Augen schimmerten tatsächlich feucht und ich spürte einen Stich im Herzen. Verdammt! Das war alles nur meine Schuld! „Ich wollte das alles gar nicht sagen, aber dann hatte ich die Worte schon ausgesprochen und ich wollte deine Familie und dich nicht verletzen. Es tut mir wirklich leid, dass ich diese schrecklichen Sachen gesagt habe. Ich wollte euch nicht zu nahetreten. Bitte verzeih mir, Taehyung.“ Aus Angst er würde mich jetzt als einen anderen Menschen sehen und mich nicht mehr als seine Cousine akzeptieren, liefen mir nun auch wieder die Tränen runter. Er verzog sein Gesicht, wischte mir jedoch mit seinem Shirtärmel über die Augen, um sie zu trocknen. „Was redest du denn da? Du hast doch gar nichts falsch gemacht. Ich bin es doch, der bisher keine Rücksicht auf deine Gefühle genommen hat! Ich habe dich ja quasi dazu gedrängt, uns als Familie anzusehen. Aber in Wirklichkeit wusste ich, dass du dich hier nicht Zuhause fühlst. Ich wusste, dass der Umzug nicht leicht für dich sein muss und ich wusste auch, dass du deinen Vater vermissen würdest, einfach weil…er ist dein Vater! Dennoch wollte ich so sehr, dass du ihn und dein komplettes altes Leben vergisst, weil ich dich nett finde und du wie eine Schwester für mich bist und ich auf keinen Fall will, dass du wieder zurück nach Deutschland gehst! Ich war egoistisch und habe versucht dich abzulenken, sodass du dein altes Ich vergisst und nur noch daran denkst, wie viel besser es hier ist.“ Er atmete schwer ein. „Aber ich würde es verstehen, wenn du zurück nach Deutschland wolltest und egal was jetzt auch kommt, von nun an werde ich dich unterstützen, versprochen!“ Ich schüttelte energisch den Kopf. „Was soll ich denn in Deutschland, wenn doch hier die Menschen sind, die alles tun, nur damit es mir gut geht? Natürlich habe ich nie darüber nachgedacht, dass meine Mutter auf einmal einen anderen Mann liebt, als meinen Vater, aber weißt du was? Sie sieht tatsächlich seit Jahren mal wieder glücklich aus und das alles dank Jongdae. Ich könnte ihr das niemals kaputt machen und ich hätte auch keinen Grund dazu, weil er ein aufrichtiger Mensch ist und ich meine Mutter bei ihm in den besten Händen weiß. Das gilt für euch alle. Ihr seid ehrlich und offenherzig und kritisiert weder das Verhalten oder die Vorgeschichte meiner Mutter noch meine. Aber darin liegt der Punkt! Ich weiß nicht, ob ich eine Familie wie euch verdient habe. Einerseits fühle ich mich wohl hier, aber wenn ich an meinen Vater denke, dann spüre ich das mir etwas fehlt, aber mein Vater ist seit Jahren schon nicht mehr der, der er mal wahr. Früher war er auch liebevoll und hat alles getan, um meine Mutter und mich glücklich zu machen, aber dann…hat sich was geändert. Er fehlt mir, aber ich weiß auch, dass ich nicht mehr zu ihm durchdringe, aber ich kann ihn nicht aufgeben. Darum verzeih mir, dass ich mich hier fehl am Platz fühle. Glaub mir, ich würde mir nichts mehr wünschen, als Teil einer so tollen Familie zu sein wie eure, aber das kann ich nicht…noch nicht.“ Es fühlte sich so verdammt gut an, endlich mit jemanden über all das Klartext sprechen zu können. Dennoch wusste ich, dass ich Taehyung mit meinen Worten teilweise verletzte, aber wenn ich jetzt nicht anfing meine Gefühle für andere zugänglich zu machen, dann würde sich nie das Gefühl einer wahren Familie entwickeln…

    Taehyung schwieg eine Weile und schaute mich ohne eine Miene zu verziehen an. Ich wurde nervös und fragte mich, ob es doch ein Fehler war, mit ihm über all das zu reden, doch dann zogen sich seine Mundwinkel nach oben und ein seliges Lächeln erschien auf seinen Lippen. So sah der Taehyung aus, den ich kannte. Ich war erleichtert. „Du bist mir nicht böse?“, fragte ich vorsichtig. Statt eine Antwort zu geben, zog er mich in eine Umarmung. Er knuddelte mich so fest, dass mir fast die Luft wegblieb. „Oh doch, ich bin dir verdammt böse! Wie kannst du es wagen, zu sagen, du gehörst nicht in unsere Familie und hättest sie nicht verdient? Glaub mir, wir haben genauso viele Markel und Fehler wie jede andere Familie auch. Auch wenn ich dir mit deinem Vater nicht helfen kann, dann werde ich trotzdem alles geben, damit du dich als Teil unserer Familie fühlst und du glücklich sein wirst, hierher gezogen zu sein. Egal, was für Probleme oder Schwierigkeiten auch auf uns zukommen, ich werde dir ein toller Cousin sein und dich unterstützen und für dich da sein, wenn du jemanden zum Reden brauchst oder eine Schulter zum Gegenlehnen. Verlass dich auf mich!“ Er drückte mich weiter an sich und ich erwiderte seine Umarmung. „Okay… danke Taehyung“, sagte ich leise. Die ganzen schweren Gefühle waren verpufft und ich spürte wie sich Zufriedenheit und Hoffnung breitmachten. Dank Taehyung war ich dem Glücklich-Sein schon ein ganzes Stück näher gekommen…

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    Taehyung löste sich und deutete mir mit dem Finger auf den Lippen, leise zu sein. Ich sah ihn verwirrt an, während er Richtung Küchentür schlich und sie mit einem Ruck öffnete. Sofort purzelten Jungkook und Jimin nach vorn und landeten bäuchlings auf dem Boden. Auch Hoseok und Jin standen keinen Meter von der Tür entfernt und drehten sich ertappt um. „Also echt! Mit euch in der Nähe kann man wirklich keine Privatgespräche führen!“, meinte Taehyung gespielt ernst. Schnell rappelten sich Jimin und Jungkook wieder auf. „Aber das war so rührend.“, schniefte Jimin und wischte sich eine einzelne Träne weg, bevor er wieder lächelte. „Wir sind von nun an natürlich auch immer für dich da!“, setzte er hinzu und umarmte mich nun ebenfalls. Doch Taehyung reagierte und zog ihn am Kragen von mir weg. „Okay, anscheinend haben es immer noch nicht alle begriffen. Also Lynn ist MEINE Cousine, also kann ich sie knuddeln so oft ich will, aber ich würde es begrüßen, wenn ihr euch mit dem Körperkontakt einschränken würdet! Außerdem ist eure Hilfe nicht nötig, denn solange sie mich hat, wird ihr nichts passieren.“, stellte er klar. Jimin riss sich los. „Pah! Vielleicht ist sie deine Cousine, aber ab heute ist sie auch unsere Freundin. Also werden wir sie auch unterstützen.“ Yoongi, der mal wieder auf einen der Stühle Platz genommen hatte, erhob sich nun ebenfalls. „Außerdem kannst ja auch du die Quelle sein, wenn sie mal traurig ist und dann will sie sicher nicht mit DIR reden. Zum Beispiel, wenn sie sich mal unsicher mit der Familienkonstellation fühlt. Von daher ist es doch gut, wenn noch andere da sind, mit denen sie reden kann, meinst du nicht?“ Alle sahen Yoongi erstaunt an. „Was?“, motzte dieser. Namjoon klopfte ihm auf den Rücken. „Naja, das ist glaube ich das erste Mal, dass du dich um jemanden sorgst, mal abgesehen von uns.“ „Siehst du Tae, wir haben sie alle lieb, sogar Yoongi!“, freute sich Jimin. Yoongi verschränkte sofort die Arme. „Moment! Ich habe nie gesagt, dass ich sie mag oder so…!“ Hoseok gab ihm einen Schubs. „Jaja schon klar. Also um das ganze jetzt abzurunden…Gruppenknuddeln!“ Er zog Yoongi einfach mit sich und jeglicher Fluchtversuch schien versperrt, da sich schon Jimin und Namjoon an ihn drängten. Ich befand mich irgendwo mitten unter ihnen und hatte erneut Taehyung in meinen Armen liegen. Zusätzlich schlangen sich Jins Arme um mich und ich spürte Jungkooks Atem über meine Haare streichen. Ich grinste. Es fühlte sich warm an und geborgen. Für einen Moment vergaß ich, dass es sich um berühmte Idols handelte und sah sie für die Personen, die sie waren. Liebevolle, hilfsbereite Menschen, die ihre Freunde niemals im Stich lassen würden… Auf einmal klingelte ein Handy. „Okay, wer von euch stört hier diesen emotionalen Moment?“, wollte Taehyung wissen. Yoongi, der sichtlich froh war wieder seinen Freiraum zu haben, gab ihm einen Klapps. „Das ist deins, du Depp!“ Taehyung grinste nur und nahm dann ab. „Ah, Byung! Häh? Ja, sie ist noch bei uns. Wieso? Okay, ich bringe sie nach Hause. Bis gleich.“ Er legte auf und sah in die Runde. „Zeit, Abschied zu nehmen.“

    Nachdem ich wieder meine eigene Hose anhatte, verabschiedeten sich alle von Jin, um sich auf den Nachhauseweg zu machen. Nach und nach trennten sich unsere Wege, sodass nur noch Taehyung und ich den Straßenlaternen nach Hause folgten. „Was genau hatte Byung eigentlich gesagt?“, fragte ich ihn. „Mmh. Er meinte, als deine Mutter nach Hause gekommen war und du nicht da warst, hatte sie sich gewundert. Also hat Byung ihr erzählt, dass du dich mit mir und ein paar Freunden triffst und auf einmal ist sie wohl ernst geworden und hatte ihn gebeten, dich anzurufen und nach Hause zu bestellen. Als du nicht ans Handy gegangen bist, hat er mich angerufen. Wahrscheinlich hat sich deine Mutter Sorgen gemacht, weil du hier neu bist und wollte nicht, dass du erst spät wiederkommst.“, beendete er. Auf meiner Stirn bildeten sich Falten. Nein, es war nicht ihre Art, sich Sorgen um mich zu machen. Immerhin hatte sie nicht oft ein Auge auf mich und bisher wollte sie auch nicht wissen, was ich am Tag so mache. Es sei denn…! Verdammt! Hatte ihr Byung erzählt, dass wir Inliner fahren wollten? Wenn das der Fall war, dann konnte ich mich auf eine Standpauke gefasst machen! Den Rest des Weges betete ich einfach nur, dass Byung es ihr nicht gesagt hatte. Doch sobald Taehyung und ich vor Jongdaes Haus ankamen, verließ mich jegliche Hoffnung, denn sofort riss meine Mutter die Tür auf. Als sie Taehyung grüßte, schien sie zwar noch normal, doch als dieser gegangen war, bohrten sich ihre Augen in meinen Rücken. „Bist du eigentlich von allen guten Geistern verlassen!“ Jap, auf diese Reaktion hatte ich nur gewartet…

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    Ich stand mit meiner Mutter in der Küche und wartete auf den Startschuss. Dieser Tag bestand nur aus Hochs und Tiefs. Ich seufzte und fing mir damit einen bösen Blick meiner Mutter ein. „Lynn Annabell Stebach!“, fing sie an, „Was hast du dir nur dabei gedacht!“ Ich schaute sie ohne eine Miene zu verziehen an. „Mmh? Naja Taehyung wollte mir seine Freunde vorstellen, also haben wir uns im Park getroffen und ein wenig Zeit miteinander verbracht…“ Ich wusste, dass sie das nicht meinte, aber ich wollte nicht über DAS Thema reden. „Damit habe ich kein Problem, aber wieso ausgerechnet Inliner fahren? Ihr hättet doch ins Kino gehen können oder von mir aus in ein Casino, Bar oder sonst was, das wäre mir komplett egal, aber wieso musst du unbedingt deine Gesundheit gefährden?“ Wow, eine Mutter, der es egal ist, wenn ihre minderjährige Tochter sich betrinkt oder Glücksspielchen spielt. Aber ich hatte nichts anderes erwartet. „Ich kann selbst entscheiden, wo meine Grenzen sind, okay?“ Sie verdrehte die Augen. „Das sehe ich.“, sie deutete auf das Loch in meiner Hose, welches ein aufgeschürftes Knie durchblicken ließ, „Kannst du dir auch nur ansatzweise vorstellen, welche Folgen es gehabt hätte, wäre es dein rechtes Knie gewesen und nicht das linke?“ Ich spürte eine unbändige Wut in mir hochsteigen, versuchte sie aber im Zaum zu halten. „Ich weiß das nur zu gut! Aber wie du siehst ist dem Knie nichts passiert, also könnten wir dieses Thema jetzt bitte abhaken?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte ich mich zum Gehen um. Doch meine Mutter packte mich am Oberarm. „Du bist naiv.“ Bitte? „Du spielst mit deiner Gesundheit, als würde dir dein Leben nichts bedeuten! Ich mache mir Sorgen, aber du scheinst auf die Gefühle Anderer keine Rücksicht zu nehmen.“

    JETZT WAR SCHLUSS! Ich riss mich los und blitzte sie böse an. „Wer macht sich hier Sorgen? Du? Das ich nicht lache! Seit wann interessierst du dich dafür, was ich am Tag mache? Seit wann interessierst du dich dafür, wen ich treffe und seit wann interessierst du dich für mich! Weißt du andere Mütter, fragen ihre Töchter wie ihr Tag war und wenn es ihnen nicht gut geht, dann geben sie ihnen eine Umarmung. Sowas nennt man mütterliche Fürsorge, aber das kannst du ja nicht kennen! Denn du hast dir ja nie die Zeit genommen, mich kennenzulernen! Weißt du, es war schon peinlich, als du letztens nicht wusstest, ob ich einen Freund habe oder nicht…und weißt du, warum du es nicht wusstest? Nicht, weil ich es dir nicht erzählt hätte, sondern weil du nie gefragt hast! Du hast nie viel mit mir gesprochen und wenn dann nur, wenn ich mal wieder eine gute Note gekriegt hatte. Noch nicht mal zusammen zu Abend gegessen haben wir. Ich habe dich manchmal für Wochen nicht gesehen und dann von einer Angestellten erfahren, dass du mal wieder auf Dienstreise bist. Du hieltest es anscheinend nicht mehr für nötig, dich um mich zu kümmern seit ich in die Grundschule kam! Es fühlte sich so an, als wäre ich allein, ohne Eltern, aufgewachsen! Und jetzt, wo ich fast erwachsen bin, brauchst du dich auch nicht mehr wie eine besorgte Mutter aufspielen, denn das bist du nicht!“ BATSCH! Was zum…! Meine linke Wange tat von der Backpfeife weh, aber der Schmerz war nichts gegen meine inneren Schmerzen. Ich biss die Zähne zusammen. „Und? War das jetzt befriedigend? Weißt du was? Mag sein, dass du meinen Vater hasst für die Kälte und Rücksichtslosigkeit, die er dir gegenüber gezeigt hat, aber du hast gar kein Recht dazu, ihn zu verurteilen, denn du bist genau wie er!“

    Ich wollte aus den Zimmer rennen, doch als ich die Tür öffnete standen Jongdae und Byung im Flur. Ich fluchte innerlich. Hatten sie alles gehört? Was solls, kann mir jetzt auch egal sein! Ich wusste, ich war nicht fair gegenüber meiner Mutter, aber es war ihre Schuld dafür, den Abschnitt meines Lebens aufzugreifen, den ich versuchte zu verdrängen! Ich drängte mich an den beiden vorbei und schritt Richtung Haustür. Die Tür schon geöffnet, legte sich eine Hand auf meine Schulter. „Wo willst du hin?“, fragte Jongdae sichtlich besorgt. „Hier weg!“, erwiderte ich mit erstickter Stimme, schob seine Hand weg und rannte in die Dunkelheit. Nachdem ich um die nächste Ecke gebogen war, senkte ich mein Tempo. Ich durfte nicht so schnell rennen. Das würde mein Knie auf Dauer nur schädigen. Bevor es mir bewusst war, befand ich mich schon wieder in dem Park, in den ich heute schon einmal geflüchtet war. Es war still. Niemand schien weit und breit hier zu sein. Ich setzte mich auf die Schaukel des kleinen Spielplatzes, klammerte mich an die Ketten und senkte meinen Kopf. Langsam tropften die Tränen auf meine Oberschenkel. Ich hörte ein Knacken und schaute erschrocken in die Dunkelheit. Natürlich war nichts oder niemand zu sehen, aber Angst machte sich breit. Ich dachte an die kleinen Welpen, die jetzt gemütlich bei Jin Zuhause schlafen mussten. Da wir uns nicht einigen konnten, hatte er vorgeschlagen, sie erstmal bei sich zu behalten. Ein starker Wind blies meine Haare nach vorn und erst jetzt fiel mir auf, dass ich keine Jacke anhatte. Nicht nur das, ich hatte nichts dabei, noch nicht einmal mein Handy! Unschlüssig, was ich jetzt tun sollte, saß ich auf der Schaukel und wippte vor und zurück.

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    Was war heute nur los mit mir? Es war nicht meine Art, meine Gefühle offen vor Anderen zu zeigen, erst recht nicht vor meiner Mutter oder meinem Vater. Und seit wann war ich so eine Heulsuse! Ich wischte die Tränen aus meinen Augenwinkeln und stand auf. „Okay, Lynn! Schluss jetzt mit diesen unnötigen Gefühlsgedusel! Du verletzt damit nur andere und dich selbst auch! Aber zurückgehen und die Sache klären, würde meine Laune auch nicht heben…“, sagte ich nachdenklich zu mir selbst. „Wie wär‘s dann, wenn wir uns was zu essen suchen und du mir erzählst, was ein kleines Mädchen hier allein in der Dunkelheit macht?“ Vor Schreck entfuhr mir ein leiser Schrei. Gosh! Ich dachte, niemand wäre weit und breit in der Nähe, aber da hatte ich mich wohl getäuscht. Keine fünf Meter von mir, stand ein Junge in Trainingsanzug und einem Cappy auf und grinste mich an. „Nein danke, ich habe keinen Hunger…und außerdem muss ich jetzt los.“ Ich schritt an ihm vorbei und wollte mich vom Acker machen, doch…! Er sagte zwar nichts, aber dennoch folgte er mir. Was wollte der Typ! Ich blieb stehen und drehte mich um. Der Junge blieb ebenfalls stehen. „Gibt es einen Grund, warum du mich verfolgst? Das ist nämlich langsam creepy!“ Er kratzte sich am Kopf. „Wie gemein! Sonst werde ich immer von allen Girls angehimmelt, aber du klingst so, als wäre ich irgendein Perverser!“, er verzog gespielt die Lippen. Was war nur mit dem? „Also bist du’s? Ein Perverser?“ Er grinste. „Wer weiß?“ Boar, der Typ ging mir auf den Geist! „Wenn du nicht gleich verschwindest, ruf ich die Polizei, kapiert?“ Er grinste noch breiter. „Also erstens würde ich jawohl keiner Fliege was zu Leide tun und zweitens siehst du nicht so aus, als hättest du ein Handy oder ähnliches dabei, womit du Hilfe rufen könntest, wenn wirklich ein Perverser auftaucht. Daher übernehme ich jetzt die Beschützerrolle für die holde Maid.“ Bevor ich ihm sagen konnte, dass er sich seine holde Maid sonst wohin stecken konnte, knurrte plötzlich mein Magen und das nicht gerade leise. Peinlich berührt schloss ich kurz die Augen. Dann war auch schon ein Lachen zu hören. „Wow, super Timing. Aber um ehrlich zu sein, hatte ich gerade noch Basketballtraining und könnte auch was vertragen, also…? Mein Angebot steht noch…und du kannst jetzt nicht mehr sagen, du hättest keinen Hunger.“ Er schien ein netter Mensch zu sein und meine Entscheidung war eigentlich schon gefallen, aber dennoch… „Und warum sollte ich mit DIR essen gehen…immerhin könntest du mich sonst wohin bringen.“ Im nächsten Moment schnappte er sich meine Hand und zog mich einfach mit sich. „Ich kenne einen super Nudelladen in der Nähe und gut besucht ist er auch immer, also werde ich wohl keine Gelegenheit haben, dir was anzutun. Außerdem geht das Essen auf mich. Und dann kannst du mir berichten, warum du aussiehst, als würdest du gleich heulen…“ Dieser Typ hatte vielleicht Nerven! „Und wenn ich mit dir nicht reden will?“ Er strahlte mich an. „Dann erzähle ich halt dir, wie mein Tag heute war.“

    Keine zehn Minuten später saßen wir an einem kleinen Tisch und vor uns standen zwei dampfende Schüsseln mit Nudelsuppe. Ich hatte zwar keine Ahnung, was es genau war, aber es sah verdammt lecker aus! Den Jungen mir gegenüber ignorierend, fing ich an meine Suppe zu essen. „Ich bin übrigens Mason und du?“, kam es keine drei Sekunden später. Mason? Ich musterte ihn. Stimmt, er sah nicht ansatzweise asiatisch aus…seinem Namen nach würde ich auf Großbritannien oder Amerika schließen. Er schien meinen musternden Blick bemerkt zu haben. „Ganz recht! Diese atemberaubende Schönheit vor dir kommt nicht von hier, sondern aus dem fernen Amerika.“ Arroganter gings nicht oder? Trotzdem musste ich gestehen, dass er ein sexy Lächeln draufhatte und auch sonst nicht schlecht aussah. Er hatte seine Trainingsjacke ausgezogen und muskulöse Arme waren zum Vorschein gekommen. Seine grau blauen Augen passten zu seinen gefärbten Haaren, wobei auch diese nicht übertrieben blau waren, sondern für mich schon fast normal aussahen, aber ich war auch ein Fan von Jimins Haaren aus dem Spring Day MV. Aber alles in allem konnte ich mir vorstellen, wie beliebt er bei Mädchen sein musste. Ich schaute wieder meine Suppe an. „…Lynn…“, beantwortete ich nun leise seine Frage. „Und bevor du fragst…ja, ich bin auch nicht von hier, sondern aus Deutschland.“ Er stützte sich mit den Ellenbogen auf den Tisch und beugte sich leicht nach vorn. „Deutschland? Da war ich noch nicht. Lass uns da mal zusammen hinfahren und dann zeigst du mir ein bisschen was, deal?“ Ich zog eine Augenbraue hoch. „Mal schauen…“ Er grinste wieder. „Okay, also dann erzähl mir jetzt mal, was du ganz allein in der Nacht auf einem Kinderspielplatz machst…?“ Ich erstarrte, was er wohl bemerkte. „Hab schon verstanden. Du musst natürlich nicht mit mir reden, aber wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns je wiedersehen? Also, wenn du dein Herz mal ausschütten willst, dann stelle ich mich als Fremder gern zur Verfügung und wer weiß, vielleicht schaffe ich es sogar, dir wieder ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern…Ich mag es nämlich nicht, wenn süße Mädchen traurig sind.“

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    Ich schwieg, legte dann jedoch den Löffel neben die Schüssel auf den Tisch. Wollte ich meine ganzen verworrenen Gefühle aus mir rauslassen und hinaus in die Welt brüllen? Ja. Wollte ich, dass meine Familie, was Byung und Taehyung einschloss, erfuhr, was vor Jahren passiert war und der Grund für den Wutausbruch meiner Mutter war? Nein. Aber dennoch wollte ich jemanden, der mir sagte, dass alles wieder gut wird…nur dass das nicht garantiert war und ich jeden nur ebenfalls traurig stimmen würde, wenn sie es wüssten. Nicht einmal Mona hatte ich es erzählt. Und jetzt saß irgendein dahergelaufener Schönling vor mir und erwartete, dass ich ihm meine Lebensgeschichte erzählte? Na gut! Ich hatte eh nicht vor, in den nächsten Stunden irgendwas Besonderes zu machen. Im Gegenteil, vielleicht hätte er wirklich ein paar hilfreiche Ratschläge. Ich schaute ihn an. Er grinste mich breit an. Irgh! Warum hatte ich nur das Bedürfnis ihm meine Suppe über den Kopf zu schütten und zu gehen? Aber nein, dafür wäre die Suppe echt zu schade. „Okay, ich kann auch raten.“, kam es von meinem Gegenüber, „Mmh, vielleicht hat dein Freund Schluss gemacht? Oder du hast ihn mit einer anderen rumknutschen sehen oder hat der etwa einen anderen Kerl geküsst! Das wäre ja hart!“ Gaaanz ruhig Lynn, das Essen ist viieeel zu schade, um es auf ihn zu schmeißen! „Ich habe recht oder? Wie wär‘s dann, wenn ich dein Boyfriend werde und dem Vogel zeige, was er verpasst!“ Hatte der Typ keinen Stoppknopf? Ich seufzte. „Erstens hat niemand mit mir Schluss gemacht oder sonstiges. Zweitens wäre es ja eine noch größere Strafe, dich als Freund zu haben und drittens bin ich bereit, dir zu erzählen, was los ist, wenn du mal für fünf Minuten deine große Klappe halten könntest!“ „Hehe sorry, bin ja schon still.“ Er lehnte sich zurück und wartete.

    Meine Handflächen begannen zu schwitzen. Ich war irgendwie nervös. „Also…seit ich elf Jahre alt war, begeisterte mich die Eleganz und Stärke von Eiskunstläufern. Es war atemberaubend wie sie über das Eis glitten und es wirkte, als würden sie ihre eigene kleine Welt kreieren. Ich wollte sowas auch! Das hatte ich mir damals in den Kopf gesetzt. Zu der Zeit nahm ich Klavierunterricht, Ballettstunden und zusätzliche Schulkurse, sodass ich generell kaum Freizeit hatte. Dennoch bat ich meine Eltern Eiskunstlaufen erlernen zu dürfen. Es war nicht weiter überraschend, dass sie keine Einwände hatten, nur die Bedingung, dass wenn ich nicht gewinne und die Beste werde, dann müsste ich aufgeben. Das war das erste Mal, dass ich was machen durfte, woran ich Spaß hatte. Ich trat einem Verein bei, wo mein Vater befand, dass die Lehrer gut geschult waren und schon viele Schüler von ihnen, Auszeichnungen und Medaillen gewonnen hatten. Zu meinem Überraschen waren sie jedoch keineswegs streng. Sie vermittelten den eigentlichen Sinn, dass es nicht um die Sprünge gehe oder den Erfolg, sondern um die Gefühle und das enge Band zwischen Musik und Bewegung. Ich fühlte mich dort sehr wohl. Wir waren wie eine kleine Familie. Mein Vater hätte mich da wahrscheinlich weggezerrt, hätte er das gewusst. Vielleicht war es dieses Gefühl von Glück und Verbundenheit, was mich stärker werden ließ. Auf jeden Fall machte ich schnell Fortschritte und zu Freuden meines Vaters erarbeitete ich mir den weg in Richtung Spitze. Ich band neue Freundschaften und es machte so unglaublich viel Spaß zusammen zu trainieren…es war definitiv die schönste Zeit meines Lebens und dabei bin ich noch nicht einmal erwachsen. Doch dann passierte etwas, was niemand hätte voraussehen können.“ Ich atmete stockend aus. „Es fand ein Turnier statt, wo nur die besten Nachwuchsschüler teilnehmen durften und ich war dabei. Die besten drei sollten in Kanada ein Stipendium erhalten und für zwei Jahre dort auf einem hohen Niveau mit den besten Mentoren trainieren dürfen. Ich war wahnsinnig aufgeregt, aber das war mein Traum! Ich wollte und konnte nicht aufhören! Ich wollte in internationalen Turnieren Deutschland vertreten und zeigen, was ich kann. Meine Eltern waren natürlich von dem Stipendium nicht begeistern…es sei nichts, was man fürs Leben macht, sondern nur, um seinen Lebenslauf aufzuwerten. Dennoch war ich bereit alles zu geben und mich meinen Eltern zu widersetzten, wenn nötig. Nie zuvor waren meine Eltern zu einem der Turniere gekommen, aber zu diesem, mir so wichtigen Event, konnte ich sie überreden, mir zuzuschauen. Ich wollte ihnen zeigen, wie viel es mir bedeutet. Ich war im zweiten Durchgang dran. Im Nachhinein hätte ich wissen müssen, dass etwas nicht stimmte, aber ich war so darauf fixiert alles zu geben, dass ich alle Details ausblendete und mich auf meine Performance konzentrierte. Schon nach dem ersten Sprung fiel mir auf, dass das Eis viel rutschiger war als ich es kannte. Aber ich dachte mir nicht viel dabei. Ich machte einfach weiter…bis zu meinem finalen Sprung verlief alles wie geplant.“

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    „Ich hatte lange trainiert bis ich einen vierfachen Flip ohne Probleme meistern konnte. In diesem einen Moment hatte ich keinerlei Zweifel, dass ich es schaffen würde. Ich spürte, dass soweit alles stimmte. Vielleicht war ich durch das Eis ein wenig zu schnell, aber dass würde ich in meiner Landung schon ausgleichen. Ich holte Schwung und sprang…“ Bei der Erinnerung ballten sich meine Hände zu Fäusten. Es lief alles gut! Die komplette Kür über hatte ich nicht einen Fehler gemacht! Wieso! „Natürlich lief es nicht wie geplant. Ich rutschte bei der Landung weg, knallte auf den harten Eisboden, überschlug mich ein paarmal und krachte gegen die Bande. Ich vernahm erstickte Aufschreie im Publikum, versuchte aufzustehen, aber…meine Glieder bewegten sich kein Stück. Mir tat alles weh. Aber am schlimmsten war das laute Knacken meines Knies, was sich wie von selbst in meinem Kopf wiederholte. Ich sah zwar auch Blut auf dem Eis, was von einer Platzwunde am Kopf stammte, aber meine ganzen Gedanken befanden sich auf dem Bein, was merkwürdig abgespreizt da lag. In diesem Moment war ich nur froh, dass es weh tat wie Hölle, denn das sagte mir, dass meine Wirbelsäule nichts abbekommen hatte und ich nicht gelähmt war. Dann verabschiedete sich mein Bewusstsein. Ich wachte im Krankenhaus wieder auf. Ich sah meine Mutter mit Tränen in den Augen und meinen Vater, der gerade dabei war, einen Arzt anzubrüllen. Dann wurde ich erneut bewusstlos.

    Als ich das nächste Mal zu mir kam, war ich allein. Eine Schwester kam ins Zimmer und sah mich mitleidig an. Ich ahnte schlimmes, aber das hatte ich dann doch nicht erwartet. Wie ich mir bereits dachte, hatte mein Knie den größten Schaden davongetragen. Eine Operation hätte jedoch alles wieder richten können und nach ein paar Monaten Reha wäre alles wieder fast so gewesen, wie es war. Bloß gab es in der Familie meines Vaters ein Gen, dass eine allergische Reaktion auf Narkosemittel hervorrief. Mein Onkel, also der Bruder meines Vaters, hatte dieses Gen ebenfalls und kam mit schweren Verletzungen nach einem Autounfall ins Krankenhaus. Er kam sofort in den OP, nur wusste man da nicht, dass er allergisch auf die Narkose reagieren würde. Während der Operation erlagt er einem Schock und liegt seitdem im Koma. In meinem Fall könnte demnach eine Operation ähnlich enden. Ohne eine Operation jedoch würde es Jahre dauern, bis mein Knie wieder vollständig geheilt wäre. Noch dazu wäre ich nie wieder in der Lage normal Sport zu machen, sei es Basketball, Eiskunstlaufen oder einfach nur Rennen über einen längeren Zeitraum. Dennoch waren meine Eltern sich seit langem mal wieder einig. Eine Operation käme nicht in Frage! Ich habe nicht widersprochen. Ich war immer ein aktives Kind und liebte es rumzutollen. In der Schule habe ich begeistert bei den Volleyball- oder Basketballstunden mitgespielt und das Eiskunstlaufen hatte mir immer unglaublich Freude bereitet. Ich wollte das nicht aufgeben. Niemals! Aber…mein Onkel liegt seit 7 Jahren im Koma und…ich will leben! Ich will Eiskunstlaufen UND ich will leben, aber beides scheint nicht möglich zu sein. Ich saß fast drei Jahre im Rollstuhl und bekam Rehabilitation, damit mein Knie wieder verheilen kann. Ich habe erneut laufen gelernt und jeder, der mich jetzt sieht, würde sagen, ich sei kerngesund…ich wünschte das wäre so. Dieses Jahr werde ich achtzehn und kann selbst entscheiden, ob ich so weiterlebe oder ob ich einer Operation zustimme. Ich weiß, dass ich so, wie ich jetzt bin und lebe, nicht glücklich bin, aber ich will eine OP nicht riskieren, wenn ich zu fünfundneunzig Prozent nie wieder aufwachen werde.“ Hatte ich was vergessen zu erwähnen? „Ach ja! Der Grund, warum ich im Park geweint habe, ist, dass ich heute Inlineskaten war und meine Mutter deswegen ausgeflippt ist. Was natürlich kein Wunder ist, aber ich brauche das von ihr nicht hören. Meint sie nicht, ich bin mir den Risiken bewusst? Aber was soll ich denn machen? Es besteht Tag täglich die Gefahr, dass ich stolpere und auf meinem Knie lande, aber deswegen in Watte gepackt das Haus nicht mehr verlassen? Ich habe es einfach satt, übervorsichtig zu sein!“ Gut, jetzt war alles draußen. Ich seufzte noch einmal und schaute dann auf. Mason starrte mich für kurze Zeit einfach nur ernst an. „…das Eis…etwas stimmte nicht damit oder? Du hattest das ein paarmal erwähnt…“ Wow, er schien mir genau zugehört zu haben. Ich nickte langsam. „Im Nachhinein stellte man fest, dass die Kühlstangen defekt waren und das Eis deshalb begonnen hatte zu schmelzen. Mein Vater hat natürlich Klage eingereicht und als Entschädigung bekamen wir eine hohe Menge an Geld, aber was soll’s? Davon kann ich mir auch kein neues Knie kaufen.“ Mason wollte etwas sagen, doch jemand anderes kam ihm zuvor. „Entschuldigen Sie bitte, aber wir schließen jetzt.“, sagte einer der Angestellten und guckte uns entschuldigend an. Als wir den kleinen Laden verlassen hatten, schaute ich auf meine Armbanduhr…Shit, es war schon nach Mitternacht!

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    Wir blieben vor dem Laden stehen, in dem nun die letzten Lichter erloschen. Die Nacht war kühl und ich bereute erneut, keine Jacke bei meiner Flucht ergriffen zu haben. Ich sah zu Boden. Plötzlich spürte ich, wie sich etwas Warmes um meinen Oberkörper legte. Verwirrt schaute ich Mason an, der nun ohne Trainingsjacke vor mir stand. „Du hast gezittert…“, sagte er mit einem Schulterzucken. Ich lächelte sanft. Er sah putzig aus, wie er beschämt von seiner klischeehaften Tat, sich durch die Haare fuhr. „Danke.“, erwiderte ich grinsend. Er räusperte sich. „Also…was hast du jetzt vor? Willst du weiter deiner Mutter aus dem Weg gehen oder mit ihr Klartext sprechen und endlich reinen Tisch machen? Versteh mich nicht falsch, ich hätte keine Einwände dich mit nach Hause zu nehmen und mein Bett wäre auch groß genug…“, ich sah ihn bedächtig mit hochgezogener Augenbraue an, „…zum ordnungsgemäßen Schlafen natürlich! Also was ihr Mädchen immer gleich denkt…aber wie sollte es auch anders sein bei meinem guten Aussehen.“ Er grinste vergnügt und zwinkerte mir zu. Verdammter Casanova. Aber im nächsten Moment wurde seine Miene wieder ernst. „Mal ehrlich…Deine Mutter wird dich nie verstehen, wenn du nicht offen mit ihr redest. Mal davon abgesehen machst du dir selbst Vorwürfe, nicht wahr? Ich weiß zwar nur grob, was du für ein Verhältnis zu deiner Mutter hast, aber da du sicher nicht heulend auf einer Schaukel saßt, weil dein Eis runtergefallen ist, schlussfolgere ich mal, dass dir deine Mutter viel bedeutet und wenn du ehrlich bist, dann ist sie doch heute nur wütend geworden, weil sie sich um ihre Tochter sorgt, die ihr eigenes Leben aufs Spiel setzt, um Inliner mit Freunden zu fahren. Ich will dir keine Vorwürfe machen, denn nachdem, was du mir erzählt hast, verstehe ich dein Dilemma. Natürlich könntest du dich einfach in dein Zimmer einsperren oder das Haus nicht mehr verlassen, um sicherzugehen, dass es nicht zu unerwarteten Vorfällen kommt, die für dich…naja gewissermaßen den Tod bedeuten könnten, aber du gibst dich nicht geschlagen. Es ist schon bewundernswert, dass du so eine starke Persönlichkeit entwickelt hast, nach all dem was passiert ist. Du gehst deinen Weg und machst deine eigenen Erfahrungen. Dennoch bist du nicht allein. Die, die dich lieben sorgen sich um dich, weil sie nicht wollen, das du verletzt wirst…sie wollen dich nicht verlieren. Also unterschätze nicht deine eigene Mutter, die den Teufel tun wird, dass dir nichts zustößt.“

    Ich starrte ihn einfach nur an. Wo bitte hatte er den oberflächlichen Idioten gelassen, der gerade noch vor mir stand? Verdammter Mist…da schwingt er auf einmal eine tiefgreifende Rede über die Lehren des Lebens. Ich wischte mir die Tränen aus den Augenwinkeln und nickte. Er hatte recht. Ich war so mit mir beschäftigt, dass ich über die Intention oder Gefühle meiner Mutter nicht nachgedacht hatte. „Dann sollte ich mich wohl…wie heißt es…dem Schicksal stellen?“ Ich schniefte noch einmal, lächelte Mason dann jedoch vorsichtig an. Dieser legte mir seine Hand auf den Kopf. „Gute Entscheidung! Also dann…wo geht’s lang?“ Ich schaute ihn verdutzt an. „Na du weißt doch, hier ist es viel zu gefährlich, als dass ich eine holde Maid allein durch die Straßen laufen lassen könnte. Wer weiß, welche Idioten unterwegs sind…“ Ich schüttelte den Kopf. „Jetzt hör aber auf mit der holden Maid! Ich bin ja wohl nicht ganz so hilflos, wie ich aussehe! Außerdem habe ich den größten Idioten, der um diese Uhrzeit noch rumrennt, doch schon an der Backe, also schlimmer kanns doch nicht mehr werden.“ Mason verzog das Gesicht und hielt sich die Hand aufs Herz. „Autsch! Treffer versenkt!“, witzelte er gespielt. Aber um ehrlich zu sein, war ich dankbar ihn getroffen zu haben. Auch wenn er zu fünfundneunzig Prozent ein Casanova war, so zeigen die restlichen fünf Prozent, dass er im Grunde genommen ein herzensguter Mensch ist. Naja, jeder hat halt seine Macken…

    Nachdem klar war, dass ich absolut keine Ahnung hatte, wo mein Zuhause lag, nannte ich Mason die Adresse und er übernahm die Führung. „Also echt! Und du wolltest allein nach Hause gehen? Jaja, gut, dass du mich hast, Princess.“ Ich seufzte. „Princess? Dein Ernst? Und du bist der Ritter in glänzender Rüstung oder was?“ Er grinste breit. „Natürlich nicht! Ich bin der Prince, der die Prinzessin mit einem Kuss wiedererweckt!“ Ich schlug ihn auf den Arm, aber er lachte nur weiter. „Was denn? Holde Maid wolltest du nicht…also nenn ich dich ab jetzt Princess!“ Er schien sichtlich zufrieden. Ich schüttelte nur den Kopf…diskutieren bringt eh nichts. Den Rest des Weges redete zum Großteil ich. Ich erzählte, wieso ich nach Südkorea ziehen musste, offenbarte unsere familiäre Situation und schwärmte von BTS. Ich berichtete sogar von meinem Treffen mit ihnen und wie ich vorgab, sie nicht zu kennen. „Jetzt verstehe ich, wieso du unbedingt mit ein paar Freunden Inliner fahren wolltest. Aber mal ehrlich…gegen mich kommen die doch nicht an!“ Ich nickte. „Stimmt, dein Ego übertrifft definitiv keiner.“ Es war zwar nur ein kurzer Nachhauseweg, aber auf den paar Metern offenbarte ich ihm meine halbe Lebensgeschichte. Wieso? Keine Ahnung. Vielleicht braucht man manchmal halt einfach einen fremden Idioten, dem man sein Herz ausschütten kann.

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    „Ist es das?“, fragte Mason und deutete auf das Haus der anderen Straßenseite. Ich nickte. „Jap, mein neues Zuhause…oder so.“ Okay, jetzt bloß keine kalten Füße bekommen! Mason legte seine Hand auf meine Schulter. „Das wird schon. Nach all dem, was ich gehört habe, müsst ihr euch nur mal richtig aussprechen.“ Ich lächelte leicht. „Danke, Mason…für alles.“ Er sah mich überrascht an, wandte sich dann aber schnell ab. Nichts desto trotz konnte ich in dem schwachen Licht der Straßenlaterne, seine rosa glühenden Wangen erkennen. War es ihm peinlich? Wie süß. Da fiel mir ein… „Deine Jacke!“ Ich wollte sie abnehmen und ihm geben, aber er hielt mich davon ab. „Behalt sie vorerst…dann habe ich eine Ausrede dich wiederzusehen.“, er zwinkerte mir zu, „Also…bis zum nächsten Mal, Princess.“ Was…hatte er gerade gesagt? Mein Kopf brauchte eine Weile, bis er die Information verarbeitet hatte. Was war aus dem Erzähl mir ruhig alles, wir werden uns wahrscheinlich eh nie wieder sehen geworden? „Äh…ja bis demnächst?“ Ich klang sichtlich überfordert mit der neuen Situation, aber Mason lachte nur und winkte mir noch einmal zum Abschied zu. Irgendwie schlich sich ein Lächeln auf meine Lippen. All die Jahre hatte ich nur Mona als meine Freundin und nachdem ich sie jetzt zurücklassen musste, hatte ich Angst gehabt, ich würde wieder allein meine Wege gehen, aber…ich war nicht allein. Erst Byung und Taehyung, dann die anderen Mitglieder von BTS und jetzt Mason. Irgendwie war ich glücklich. Auch wenn mein Leben eine rapide Wendung nahm…es schien sich in eine positive Richtung zu entwickeln. Dennoch...wieso zum Kuckuck waren es allesamt Kerle! Tja…Mona ist wohl immer noch meine einzige Freundin…

    Ich stand vor der großen Haustür und bohrte geradezu Löcher mit meinen Blicken hinein. Natürlich hatte ich keinen Schlüssel dabei, aber da es schon zwei Uhr nachts war, wollte ich nun wirklich nicht klingeln. Und jetzt? Auf einmal ging das Fenster links von der Tür auf…das Fenster zur Küche? „Oho, wen haben wir denn da?“ Ich starrte ihn nur an. „Byung!“ Er grinste frech. „Sag mal reicht dir BTS noch nicht, sodass du jetzt andere Typen verführst?“ Was? Sprach er von Mason? Hatte er uns gesehen? Wie lange stand er bitteschön schon am Fenster? Oder… „Hast du etwa auf mich gewartet?“ Er stockte kurz. „Pff, natürlich nicht! Ich konnte nur nicht schlafen, da wollte ich mir eine Milch machen…“ Ich grinste. „…mit Nutella?“ Er biss sich auf die Lippe. „Schon möglich.“ Wir mussten beide lachen. „Also…soll ich dich reinlassen oder bevorzugst du es draußen zu campen?“ „Lass mich rein!“ Er grinste teuflisch. „Okay aber nur wenn du mich gaaanz nett fragst…wie wärs mit Bitte öffne die Tür für mich, mein cooler und gutaussehender großer Bruder.? Argh! War das sein Ernst? Na gut, konnte er kriegen. „Bitte öffne mir die Tür, mein auf cool tuender aber in Wirklichkeit sich sorgender und rücksichtsvoller großer Bruder!“ Er schnappte nach Luft und sah mich verblüfft an. „Tse! Dann halt anders…ich lass dich rein, unter der Bedingung, dass du mir erzählst, warum deine Mutter und du heute gestritten habt. Also…deal?“ Nicht schon wieder! Mir war klar, dass er es verdient hatte zu wissen, aber ich war einfach fertig für den Tag und wollte nur noch schlafen. Ich seufzte. „Okay, aber können wir das vielleicht auf morgen…also heute Nachmittag…verschieben?“ Er nickte und verschwand dann vom Fenster. Keine drei Sekunden später öffnete sich die Haustür.

    Bevor ich von eigener Hand eintreten konnte, zog er mich am Arm ins Haus. „Woah!“ Vom Schreck überrumpelt, fand ich mich in seiner Umarmung wieder. „Du machst einem auch nur Probleme oder? Weißt du eigentlich, wie viele Sorgen wir uns alle gemacht haben?“ Er ließ mich los. „Gut zu wissen, dass dir nichts passiert ist. Aber mal im Ernst, wo hast du denn Mason aufgegabelt?“ Häh? „Warte…du kennt ihn?“ Er kratzte sich am Hinterkopf. „Er ist eine Klasse unter mir und bei den Mädels mehr als nur begehrt. Aber eins muss man ihm lassen, im Basketball ist er einsame Spitze. Ansonsten hatte ich noch nicht wirklich was mit ihm zu tun…“ Ich schüttelte den Kopf. „Oh man…aber weißt du, lass mich dir alles morgen erklären, okay?“ Er verschränkte die Arme. „Okay. Aber du solltest deiner Mutter Bescheid geben, dass du wieder da bist…sie hat die ganze Zeit im Wohnzimmer gewartet. Aber das musst du klären. Also…ich geh dann mal ins Bett.“ Byung stapfte die Treppen hoch, während ich vorsichtig ins Wohnzimmer schlich. Eine Stehlampe tauchte den Raum in ein sanftes Licht. Ich schaute mich um. Mein Blick blieb an der Couch hängen. Dort saß meine Mutter…, aber sie war nicht allein. Sie befand sich in den Armen von Jongdae. Beide schliefen. Ihr Kopf lag auf seiner Schulter und seiner auf ihren Kopf. Ich fragte mich, ob Taehyung und ich in der U-Bahn wohl auch so süß zusammen aussahen.

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    Ich stand jetzt schon seit einigen Minuten an derselben Stelle und wusste immer noch nicht, ob ich sie jetzt wecken sollte oder besser nicht. Ich schluckte. Okay! Ich schlich vorsichtig Richtung Couch. Doch bevor ich meine Mutter am Arm antippen konnte, schlug Jongdae die Augen auf. Wuah! Mein Herz rutschte in die Hose. „…Lynn?“, hörte ich seine verschlafene Stimme. „Ähm…ja…bin wieder da.“ Meine Güte, ich machte diese Situation merkwürdiger als sie war. Er lächelte mich an. Dann strich er meiner Mutter eine Haarsträhne aus dem Gesicht und flüsterte leise ihren Namen. „Janett…Lynn ist hier…“ Es war lange her, dass ich jemanden den Vornamen meiner Mutter benutzen hörte. Kurz tauchte das Bild meines Vaters vor meinen Augen auf, doch ich schüttelte schnell den Kopf. Meine Mutter schaute sich leicht verwirrt um, doch dann schien sie sich zu erinnern, was heute Abend passiert war und sprang auf. „Lynn!“ Irgh! „Ja, ich weiß. Es tut mir wirklich leid, dass…!“ Ich wurde abrupt von ihrer stürmischen Umarmung gestoppt. „Lynn…Gott sei Dank, geht es dir gut! Ich hätte nicht so ausflippen dürfen, immerhin bin ich hier ja die erwachsene Person…tut mir leid.“ Haaaaaach! Es tat gut. Es war warm und kuschelig in ihren Armen und es roch…nach Mama halt. Ich drückte mich fester an sie und spürte die Tränen in meine Augen steigen. Nicht schon wieder! War es nicht irgendwie schädlich für die Gesundheit andauernd zu heulen? Ich nahm mir fest vor, in nächster Zeit nicht mehr aus den Augen zu Schwitzen. Ich spürte eine große Hand über meinen Kopf streichen. „Schön, dass du wieder da bist. Ihr habt sicher Einiges zu bereden, daher gehe ich schonmal ins Bett. Aber macht nicht zu lange, es ist schon spät.“, kam der gutgemeinte Rat von Jongdae. Ich lächelte ihn dankend an und nickte. „Danke Schatz, ich komme gleich nach.“, erwiderte meine Mutter ebenfalls mit einem Lächeln.

    Als Jongdae das Wohnzimmer verlassen hatte, starrte ich meine Mutter an. „Was ist?“, fragte diese beunruhigt. Ich verschränkte die Arme. „Schatz? ... Dein Ernst?“ Sie lachte. „Stört dich das so sehr?“ Ich ließ mich auf das Sofa plumpsen. „Gib mir drei Jahre, dann habe ich mich daran gewöhnt…oder ich bin bis dahin ausgezogen, dann störts mich auch nicht mehr.“ Sie setzte sich neben mich und schwieg. Irgendwas bedrückte sie, aber sie wollte es nicht sagen. „Raus mit der Sprache!“ Sie sah zu Boden. „I-ich weiß nicht, …ob es so eine gute Idee war hierherzuziehen.“ BAM! Brüller des Abends oder besser des Morgens. „Könntest du das genauer ausführen?“, forderte ich. „Ich…bin mir sicher, du vermisst deinen Vater.“ Es war drei Uhr Frühs…ich hörte quasi schon mein Bett nach mir rufen, aber natürlich war es die richtige Zeit, um DARÜBER zu sprechen. Ich seufzte. „Schon möglich, dass ich ihn vermisse, aber was hat das mit hierherziehen zu tun?“ Endlich schaute sie mich an. „Wärst du in Deutschland nicht glücklicher? Ich meine, ich habe es geschafft, dein halbes Leben auf den Kopf zu stellen! Noch dazu bin ich mir sicher, dass du Jongdae hasst und Byung…da bin ich mir nicht sicher, aber du fühlst dich hier sicher nicht wie Zuhause. Ich…ich dachte, wir könnten eine richtige Familie sein. Ich weiß, ich habe dich oft vernachlässigt und Arbeit war mir wichtiger als meine eigene Tochter, aber das wollte ich ändern. Ich wollte, dass du mit hierherziehst, damit ich irgendwie neu anfangen kann und wir naja so eine Bilderbuchfamilie werden. Aber ich war egoistisch und wenn du wirklich hier wegwillst, dann versteh ich das. Ich rede mit deinem Vater, dass du zurück nach Deutschland gehst und…“ Ich hob meine Hand, was meine Mutter verstummen ließ. Warum wollten mich heute alle zurück nach Deutschland verfrachten? „Mami, bevor du gleich das Flugticket kaufst, darf ich mal meine Meinung loswerden?“ Sie nickte mit einem ernsten Gesichtsausdruck. „Gut. Also…Ich will nicht zurück, auf keinen Fall, nie und nimmer… also doch vielleicht mal in den Ferien oder so. Aber worauf ich hinaus will ist, …ich fange an, mich hier wohl zu fühlen. Ja, ich gebe zu, ich wollte Jongdae hassen und Byung mal nebenbei auch, dennoch musste ich zu meinem Bedauern feststellen, dass dies nicht möglich ist. Die ganze Atmosphäre in diesem Haus ist ganz anders, als sie bei uns war. Es hat was Heimisches. Dennoch fühle ich mich hier nicht richtig Zuhause, da hast du recht, aber das tue ich in Deutschland auch nicht. Ich kann sehen, wie viel Jongdae an dir liegt und ich weiß dich bei ihm in guten Händen und er gibt sich auch wirklich Mühe, dass ich mich hier wohlfühle und nach dem heutigen Tag, weiß ich, dass er sich auch um mich sorgt…aber versuch bitte nicht, ihn als meinen neuen Vater zu verkaufen. So…Habe ich was vergessen zu erwähnen? Mmh, ach ja! Ich weiß, du hast alle Hände voll zu tun mit deiner Arbeit und so, aber ich würde mich freuen, wenn wir so wie heute öfter mal einfach reden können. Ich hab dich lieb, Mami.“ Ich schlang meine Arme um sie und sie erwiderte meine Umarmung. „Ich habe dich auch lieb mein Schatz.“ Dies ließ mich argwöhnisch zu ihr hochschauen. „Äh…ich will diesen Moment ja nicht kaputt machen, aber…nenn mich bitte nie wieder Schatz…dein Schatz liegt immerhin oben im Bett und wartet auf dich.“ Die Wangen meiner Mutter färbten sich leicht rosa. Ich lachte. „Du siehst gerade aus wie ein Mädchen, das zum ersten Mal verliebt ist.“ Als Antwort zu meinem Kommentar zwickte sie mich in die Nase. „Machst du dich etwa lustig über mich? Pass mal auf, wenn du das erste Mal verliebt bist! Ich habe haufenweise Babyfotos von dir…nackte Babyfotos!“ Mir klappte die Kinnlade runter. „NEIN! Glaub mir, wenn ich einen Freund habe, dann werde ich ihn definitiv von dir fernhalten!“ Wir lachten beide. DAS, genau DAS, hatte ich all die Jahre vermisst.

    „Aber Lynn, was dein Knie angeht…“, fing meine Mutter vorsichtig an. Ich nickte. „Ja, ich weiß. Ich war heute unvorsichtig und es wird nicht mehr vorkommen, versprochen. Mir ist bewusst, wie es ausgehen kann.“ Sie streichelte mir übers Haar. „Es tut mir leid. Ich weiß, wie viel dir das Eiskunstlaufen bedeutet hat, aber ich wusste all die Jahre nicht, wie ich dir nachdem entgegentreten sollte. Du sahst so traurig aus, aber keine Worte von mir, hätten alles rückgängig machen können. Mir erschienen jegliche Aufmunterungsversuche sinnlos. Aber ich hätte bei dir sein sollen, für dich da sein sollen…es tut mir leid.“ Ich seufzte. „Nein, schon gut. Ich wollte zu dem Zeitpunkt sowieso von niemanden was hören. Wie siehts eigentlich aus mit meiner neuen Schule? Wissen sie Bescheid?“, fragte ich, bevor ich in Depressionen ausbrächen konnte. Meine Mutter nickte. „Ja, du bist vom Sportunterricht freigestellt.“ Hach, für einige wäre es wahrscheinlich der Himmel auf Erden, kein Sport machen zu müssen, aber für mich war es eher die Hölle auf Erden! An meiner alten Schule wurde ich als für zu fein zum Sportmachen abgestempelt wurden. Hoffentlich würde es dieses Mal anders sein. „Und…ich habe für heute einen Termin im Krankenhaus gemacht, sodass sie dein Knie durchchecken, ob es Schäden vom Inliner fahren genommen hat. Der Termin ist für nachmittags sechszehn Uhr angesetzt und ich werde dich begleiten. Du bist dort jetzt als reguläre Patientin angemeldet und musst einmal im Monat zum Check-Up dorthin. Ist das okay für dich?“ Ich nickte langsam. „Ja. Aber ich hätte da noch eine Bitte…“ Meine Mutter sah mich fragend an. „Kann Byung mich morgen zum Krankenhaus begleiten?“ Überrascht zog meine Mutter die Luft ein. „Du…willst es ihm sagen?“ Ich nickte erneut. „Ich denke meine neue Familie hat es verdient, es zu wissen…“

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    Ein wohliges Gefühl breitete sich in meiner Brust aus und das lag nicht nur an der kuscheligen Bettdecke, in die ich mich nun schmiegte. Der Tag begann mit einem sanften Wehen, artete in einen Sturm aus, der sich nun endgültig wieder zur Ruhe gelegt hatte. Es war ein befreiendes Gefühl, dass meine Mutter und ich uns ausgesprochen hatten. Vielleicht hört sich das blöd an, aber ich hatte das Gefühl meine Mutter wiederzuhaben, nachdem sie all die Jahre mit ihrer Arbeit verheiratet war. Auch wenn ich es ein wenig ungern eingestand, war es wohl nicht zuletzt Jongdaes Verdienst gewesen. Er tat meiner Mutter gut, das war offensichtlich und dennoch… Wie es wohl meinem Vater ging?

    „Oi! Schlafmütze, beweg endlich deinen Hintern aus dem Bett! Wir haben immerhin Termine…“ Mmh…ein Alptraum? Ich drehte mich auf die andere Seite. „Dein Ernst? Wenn nicht so, dann muss ich zu drastischeren Maßnahmen greifen…“ Mir kam die Stimme bekannt vor, aber trotzdem ich versuchte hier immerhin zu schlafen und da war diese Stimme echt nervig. Ich grummelte vor mich hin. Im nächsten Moment wurde mir mit einem Ruck die Decke weggerissen. Von der plötzlichen Kälte übermannt, schoss ich nach oben und schaute mich verstört um. Konnten Decken neuerdings fliegen? „Na geht doch! Du solltest dich echt beeilen Morgenmuffel…du hast noch eine halbe Stunde, dann müssen wir los.“ Aha. Die nervige Stimme gehörte also Byung! Ich blinzelte zweimal. „Könnte ich vielleicht meine Kuscheldecke wiederkriegen? Das war grad sooo gemütlich.“, ich gähnte, „Wo willst du eigentlich in einer halben Stunde hin?“ Er seufzte, schmiss mir aber meine Decke zu. „Zum Krankenhaus…wie ich von deiner Mutter erfahren habe.“ Ich war verwirrt. „Wieso musst du zum Krankenhaus? Bist du krank?“ Jetzt da ich meine Decke wieder hatte, rollte ich mich unter ihr zusammen. Sooo schön kuschelig. „Meine Fresse! Sag mal, hast du gestern irgendwas getrunken? Nicht ICH muss dahin, sondern DU! Aber ich bin so frei und spiele den Babysitter. Aber wenn dir Mason lieber wäre…dann kann ich ihn anrufen, sodass er dich am Hals hat.“ Was redet dieser Vogel schon wieder. Mason…? Ach ja, er hat mich gestern heulend aufgegabelt und dann…! Gestern! Mit einem Mal war ich hell wach und sprang aus dem Bett. Byung seufzte. „Okay, ich schätze mal dein Verstand, wenn du sowas überhaupt jemals besessen hast, ist wieder im Einsatz. Also…fünfundzwanzig Minuten…ticktack!“ Dann fiel meine Zimmertür ins Schloss. Oh Gott, mein Kopf musste sich wirklich irgendwo in den Wolken befunden haben…

    In Rekordzeit sorgte ich dafür, dass mein Äußeres einigermaßen ansehnlich wurde, sodass ich mich der Gesellschaft zur Schau stellen konnte. Als ich die Treppe hinunter stürmte, lehnte Byung schon gelangweilt an der Haustür. „Kanns losgehen?“ Ich nickte, schlüpfte in Schuhe, zog meine Jacke an und schnappte mir meinen Rucksack. Die Tür zum Wohnzimmer schwang auf. „Lynn, hier sind noch einige Unterlagen, die du mitnehmen musst und dein Krankenkassenausweis! Falls irgendwas ist, dann ruf mich auf jeden Fall an, okay?“ Ich lächelte sie an und nickte. „Bis später Mama.“ Byung und ich beeilten uns zur U-Bahn zu kommen, dennoch konnte ich ihn zu einem kurzen Zwischenstopp bei MC Donalds überreden, denn ich konnte so langsam mal Frühstück vertragen und nichts ging über Burger, Nuggets und Pommes. Die U-Bahn war zum Glück recht leer, daher mampfte ich nun in Ruhe meinen Cheeseburger und schlürfte meine Cola. Byung meinte, er hatte erst zuvor gegessen, daher guckte er mir einfach beim Essen zu. „Ist was?“, fragte ich nach einer Weile etwas genervt. Ich hasste es, wenn ich beim Essen beobachtet wurde! Er grinste. „Das erste, was du am Tag isst, ist ein Cheeseburger von MC Donalds…achten Girls sonst nicht auf jedes Gramm, was mit Kalorien zusammenhängt?“ Ich zog eine Augenbraue hoch. „Also zunächst… wenn es verdammt noch einmal lecker ist, dann esse ich es und da ist mir auch egal wie viele Kalorien es hat und zweitens…War das gerade ein indirekter Hinweis von dir, dass ich zu dick bin?“ Er zuckte mit den Schultern. „Naja, gibt schlankere…“ Ich rammte ihm meinen Ellenbogen in die Rippen. „Autsch! Ist ja schon gut. Ich steh ja auch nicht auf die abgemagerten Pseudo-Models, die nur Salat futtern.“ Jetzt war meine Neugierde geweckt. „Byung…sag mal, was ist denn eigentlich dein Typ, was Mädchen angeht?“ Er verschränkte die Arme. „Vergiss es! Kleine Schwester oder nicht, mit dir rede ich nicht über Mädchen!“ Oh doch! Ich konnte ziemlich hartnäckig sein, wenn mich die Neugier trieb. „Gut, dann anders. Wie viele Freundinnen hattest du schon? Und…wie weit bist du mit ihnen gegangen?“ Er zog die Luft ein. Ich kicherte. „Aha, so weit also…“ Er schnalzte mit der Zunge. „Weißt du, da bist du mir als Morgenmuffel doch viel lieber…da laberst du wenigstens weniger vor dich hin!“

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    Wir saßen jetzt schon eine geschlagene dreiviertel Stunde im Foyer des Krankenhauses und warteten auf meine Untersuchungsergebnisse. Dies hatte mir zumindest die Zeit gegeben, Byung zu erzählen, warum wir überhaupt hier waren. Er hatte mir die ganze Zeit über ruhig zugehört, wie es auch Mason getan hatte. Hin und wieder erschienen kleine Falten auf seiner Stirn und seine Augenbrauen zogen sich ein wenig zusammen, aber er unterbrach mich nicht ein einziges Mal. Nachdem ich nun aber meine Ausführungen beendet hatte, schaute ich ihn, auf eine Reaktion wartend, an. Er seufzte tief und setzte dann zum Reden an. Doch bevor er auch nur ein Wort herausbringen konnte, wurde er schon unterbrochen. „Frau Stebach, wir haben jetzt ihre Ergebnisse. Folgen Sie mir doch bitte.“ Wir erhoben uns und folgten der Schwester in einen kleinen Untersuchungsraum, wo zuvor ein Arzt mein Knie betastet hatte. Ich kam mir vor wie in einem Film, als der Arzt die Röntgenbilder an eine Magnettafel pinnte. Ich war jedoch froh, dass dies keine Filmszene darstellte, sonst würde der Arzt mir gleich mitteilen, ich werde nie wieder laufen können und im Hintergrund würde eine traurige Melodie eingespielt werden.

    Der Arzt, der nebenbei noch recht jung aussah, setzte sich auf einen Drehstuhl und wies Byung und mich an, uns ebenfalls zu setzen. „Also gut, ich muss schon sagen, so eine Patientin wie Sie hat man nicht alle Tage.“, lächelte er mich freundlich an. War das jetzt ein Kompliment? Also ich könnte auf meine Narkoseallergie verzichten. „Wenn es Sie nicht stört, können Sie ruhig du zu mir sagen…ist mir angenehmer. Außerdem werden wir uns ja demnächst einmal öfter sehen, nicht wahr?“ Sein Lächeln zeichnete sich sogar in seinen Augen ab. So sieht wohl jemand aus, der seinen Wunschberuf ausführen darf. „Gern, dann also du. Naja, stimmt schon, dass du jetzt mindestens einmal im Monat zum Check-Up kommen solltest, aber erstmal zum jetzigen Stand. Dein Knie hat keine Schäden von dem gestrigen Sturz genommen, dennoch war es sehr riskant, dein Knie diesen Belastungen auszusetzen. Solange das Knie nicht operiert wird, wird es nie wieder zu hundert Prozent funktionsfähig sein, daher sind sämtliche sportliche Aktivitäten zu reduzieren beziehungsweise untersagt.“ Er schien noch etwas sagen zu wollen, aber war sich wohl nicht sicher, ob er es wirklich tun sollte. „Sagen Sie es ruhig.“, forderte ich ihn auf. „Nun ja…der Unfall ist beim Eiskunstlaufen passiert richtig? Du betätigst dich also gern sportlich oder hattest es zumindest, richtig?“ Ich nickte vorsichtig. Er seufzte. „Mir ist klar, welche Gefahren eine OP birgt, immerhin bin ich Arzt, dennoch muss sie nicht den Tod bedeuten. Die Wahrscheinlichkeit, dass du während der OP stirbst ist gering, aber durch den hervorgerufenen Schock, ist die Gefahr des Komas sehr hoch…trotzdem ist nicht gesagt, dass du nie wieder aufwachst. Es kann Jahre dauern, aber es ist nicht unmöglich. Es gab auch schon Fälle, die nach zwei Wochen ihr Bewusstsein wiedererlangt haben. Worauf ich hinaus will ist, du solltest die Möglichkeit einer Operation nicht ausschließen…bitte denk in Ruhe darüber nach, okay?“

    Ich nickte zwar, doch als das Bild meines Onkels vor mir auftauchte, machte sich Angst in mir breit. Nein! Keine OP, niemals! Ich war den Tränen nah und senkte den Kopf, um es zu verbergen. Byung, der bereits aufgestanden war, legte mir eine Hand auf die Schulter. „Hey Doc, wenn es nichts weiter zu sagen gibt, können wir dann gehen.“ Er schaute Byung kurz an, nickte dann aber. „Das wäre vorerst alles. Wir sehen uns dann in einem Monat wieder.“ Er reichte mir die Hand und dann Byung, wobei er seine kurz umschlossen hielt. „Ich würde es bevorzugen, wenn du mich nicht Doc nennst…Ich wollte sie nicht verletzen oder verunsichern. Ich bin Arzt und versuche immer meinen Patienten die Hilfe zu geben, die sie brauchen. Ich hoffe du verstehst das.“ Byung entzog ihm seine Hand und zuckte mit den Schultern. „Von mir aus. Also dann…“ Er nahm meine Hand und führte mich aus dem Untersuchungszimmer. Ich hätte schwören können, ein Flüstern in Richtung des Docs gehört zu haben: „Und seit wann hat es mit helfen zu tun, wenn ein Doc ein Mädchen zum Weinen bringt?“ Doch im nächsten Moment öffneten sich auch schon die automatischen Schiebetüren und wir standen bei herrlichen Sonnenschein vor dem Krankenhaus. Kurz herrschte Stille bis Byung sich zu mir umdrehte. „Lynn, hör mal…“ „Heeeeeeeeyyyyooooooo!“ Malwieder wurde Byung unterbrochen, dieses Mal von einem echt lauten Gebrüll. Ich schaute mich um. Auf der anderen Straßenseite stand ein Junge und winkte uns hektisch zu. Er guckte nach links und rechts und überquerte dann die Straße. Mit der Brille, dem Mundschutz und dem Hut brauchte ich eine Weile bis ich erkannte, wer dieser durchgeknallte Typ war, der in voller Lautstärke eine Begrüßung gebrüllt hatte. „Hi Lynn, hey Byung! Was für ein Zufall euch hier zu treffen. Was macht ihr denn hier in diesem Stadtteil von Seoul?“ Das war definitiv die schlechteste Frage, die er hätte stellen können. Was machten wir wohl hier…vor einem Krankenhaus…? Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, während Taehyungs strahlende Augen mich geradezu durchbohrten…


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    Taehyung starrte mich an, wie ein Welpe, der darauf wartete von seinem Herrchen getätschelt zu werden. „Ah! Du hast dich doch nicht etwa doch doller verletzt, als du gestern hingefallen bist oder?“, fragte er nun schon fast panisch. „Nein, nein deshalb sind wir nicht hier…äh also…“ Ich wollte und konnte es ihm nicht sagen! Sein gutmütiges Herz würde daran zerbrechen. Er hatte sich letztens doch schon so große Schuldvorwürfe gemacht, aber wenn ich ihm jetzt sagte, ich leide unter einer Allergie, die mich umbringen wird, dann gäbe es keine Möglichkeit, ihn wieder zum Lächeln zu bringen…und ich mochte sein optimistisches, kindisches und sorgenfreies Lächeln. Plötzlich griff er nach meinen Schultern. „Lynn, bitte sag die Wahrheit! Geht’s dir nicht gut? Bist du krank? Ist es was Schlimmes?“ Waaah! Jetzt sah er aus wie ein Welpe, der auf der Straße ausgesetzt wurden war. Ich öffnete meinen Mund…und schloss ihn wieder. Ich war noch nie gut im Lügen gewesen, im Gegenteil ich hasste es zu lügen. „Taehyung, beruhig dich mal. Wir sind wegen mir hier. Ich hab mir vorgestern beim Baseballtraining meinen Fuß umgeknickt und da wollte ich nur sichergehen, dass keine weiteren Schäden folgen. Aber der Doc meinte, es sei alles gut. Ich sollte mich nur ein wenig schonen…also keinen Grund hier gleich in Tränen auszubrechen, du Heulsuse.“ Meine Fresse, dass Byung ohne mit der Wimper zu zucken, so eine Lüge raushauen konnte. Ich hasste Lügen, aber ich war ihm so dankbar, dass nun ich meine Tränen im Zaum halten musste. „Pah, wen nennst du hier Heulsuse! Ich wollte nur sichergehen, dass Lynn in Ordnung ist und was dich angeht…du wirst es überleben.“ Er tätschelte Byungs Schulter und grinste frech. Puh…Katastrophe abgewandt…jedenfalls zeitweilig…

    Da Taehyung gerade sein Fotoshooting beendet hatte und wir ebenfalls keine weiteren Pläne hatten, entschieden wir uns zusammen essen zu gehen. Mein Magen grummelte vor Freude als endlich drei große Teller, von Nudelgericht bis Rindfleisch, vor uns standen und sich jeder nach und nach seinen eigenen Teller belud. „Oh Lynn, morgen ist dein erster Schultag oder?“, bemerkte Taehyung. Ich stockte kurz. „Ähm…ja.“ Taehyung legte den Kopf schief. „Das klingt aber nicht begeistert. Hast du Angst? Weil du mitten im Jahr neu dazu kommst? Oder hast du Angst, du findest keine Freunde?“ Taehyung war echt gut darin, Probleme ausdiskutieren zu wollen. „Naja, auf meiner letzten Schule hatte ich nie richtige Freunde gehabt…“, sagte ich mehr zu meinem Teller als zu Taehyung. „Ach ich bin mir sicher, deine Klassenkameraden werden dich lieben. Zumal du ja immer noch Byung hast. Der wird schon dafür sorgen, dass du dich zurechtfindest.“ Der Angesprochene blickte erst mich an, dann Taehyung. „Vergiss es! Mein Coolness-Faktor würde ja wohl drastisch sinken, wenn rauskommt, dass ich einen auf großen Bruder mache. Das kommt gar nicht in die Tüte. Ich hab immerhin ein Image zu wahren!“ Ich funkelte ihn böse an, konnte aber ein Grinsen nicht verkneifen. „Auf dich war noch nie Verlass. Okay, dann Plan B…ich werde dein persönlicher Bodyguard und folge dir auf Schritt und Tritt!“ Sofort tauchte in meinem Kopf ein Bild von Taehyung auf, der mir ohne zu zögern, in die Mädchentoilette folgte und die Kabine prüfte, ob Spinnen in den Ecken saßen. Ich musste kichern. „Hey! Das war ernst gemeint! Lach mich nicht aus…“, schmollte er. Ich schüttelte den Kopf. „Danke für das Angebot, aber ich schaffe das schon allein…bin ja kein Kind mehr.“ Noch nicht ganz schlüssig, ob er seine Idee aufgeben sollte, gab er sich dann doch geschlagen. „Na gut, aber du musst mich sofort anrufen, wenn du wieder zu Hause bist und mir sagen, wie es war, deal?“ Ich nickte. „Geht klar.“

    Den Rest des Essens hatte Taehyung über eine Faultier-Dokumentation erzählt, die er vor kurzen in einem Flieger gesehen hatte und wie cool er es fände, eins als Haustier zu haben. Als wir zu Hause ankamen, wollte natürlich meine Mutter sofort wissen, was der Arzt gesagt hatte. Ich berichtete über die Auswertung meiner Untersuchung, ließ aber das kleine Detail zum Thema Operation weg. Endlich in meinem Zimmer angekommen, ließ ich mich auf mein Bett plumpsen. „Haaach! Okay, ich denke, jetzt wird es zu keinen Unterbrechungen kommen…“ Meine Worte richteten sich an Byung, der sich verkehrtherum auf meinem Schreibtischstuhl niedergelassen hatte und seine Arme auf der Lehne verschränkt hatte. Er sagte jedoch nichts. Ich setzte mich auf und blickte zu ihm herüber. „Byung?“, fragte ich vorsichtig. Er schaute auf und in seinen Augen schienen Eiskristalle zu wachsen. „Nein!“ Seine Stimme war streng und unbeugsam. Mir lief es kalt den Rücken hinunter. So hatte ich ihn noch nie erlebt. „Byu…“, setzte ich an, doch weiter kam ich nicht. „Ich lasse nicht zu, dass du diese Operation durchziehst! Niemals!“

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    Ich war baff, einfach baff. Ich hatte mit allem gerechnet, aber dass er solche Bombe platzen lässt… „Mir ist scheißegal, wie die Wahrscheinlichkeiten stehen, dass du das überlebst. Solange es auch nur eine winzige Prozentzahl gibt, dass du dabei stirbst, werde ich verdammt noch einmal alles tun, um zu verhindern, dass du dich operieren lässt!“ Er stand mittlerweile keinen Meter von mir entfernt und ballte seine Hände zu Fäusten. „Es tut mir zwar leid, dass du jetzt das Eiskunstlaufen aufgeben musst, aber dann helfe ich dir halt ein anderes, viel besseres Hobby zu finden! Ich trag dich von mir aus auch den ganzen Tag huckepack und passe auf, dass du nicht stolperst, aber ich lasse nicht zu, dass du einfach so aus meinem Leben verschwindest! Seit dem Tod meiner Mutter fühlte sich dieses Haus so verdammt leer an. Aber dann brachte mein Vater auf einmal diese Frau nach Hause und stellte sie als seine neue Liebe vor. Ich war verdammt noch einmal angepisst, so richtig angepisst. Wie konnte er meine Mutter so einfach ersetzen? Diese Frau konnte niemals auf der selben Stufe stehen wie meine Mutter! Und trotzdem…mein Vater lächelte seit langem mal wieder unbeschwert, führte sich teilweise auf wie ein verliebter Teenager. Es kam die Zeit, da konnte ich nicht mehr leugnen, dass diese Frau meinen Vater zurück ins Leben holte. Wie soll ich denn bitte so eine Person hassen? Noch dazu würde mein Vater sie auf Händen tragen, da konnte ich seinem Glück doch nicht dazwischen funken! Aber eine Sache, die ich tun konnte, die ich mir fest vornahm, war ihre Tochter zu hassen, die sie aus ihrer Ehe mit anschleppen wollte!“

    Mein Herz zog sich zusammen. Aber wer war ich schon zum Urteilen? Immerhin hatte ich doch dasselbe Ziel gehabt, wenn ich es mal ehrlich eingestand. Und trotzdem, es…machte mich traurig ihn so reden zu hören. Ich spürte Tränen in meine Augen steigen. Ihm nicht länger in die Augen schauen könnend, richtete ich meinen verschleierten Blick auf meinen Schoß. „Und dann kam der Tag, an dem ihre Tochter mit Sack und Pack nach Seoul gereist kam und sich hier einquartierte. Ich kannte eure Familienverhältnisse, daher erwartete ich eine verwöhnte Zicke in Gucci Sachen, was meinen Hass wenigstens geschürt hätte, aber was bekam ich stattdessen?“ Meine Matratze sank tiefer als sich Byung neben mir niederließ. „Statt einer Oberzicke, bekam ich eine kleine Schwester, die manchmal etwas zu selbstbewusst ist und manchmal zu schüchtern. Eine kleine Schwester mit der ich rumalbern kann und die es so geschafft hat, die kleine Lücke in meinem Herzen zu füllen, die seit Jahren offen klaffte. Eine kleine Schwester, die mich dazu bringt wie in einem kitschigen Film zu reden und die es geschafft hat, die Wörter Rücksicht und Sorge in meinem Wörterbuch aufzunehmen. Eine kleine Schwester, dich ich um alles in der Welt nicht mehr verlieren will und die ich beschützen werde, sodass sie niemals diese Familie verlässt, denn sonst wäre sie nicht komplett!“ Byung nahm mein Gesicht in seine Hände und sorgte so dafür, dass ich ihn ansehen musste. Ich schniefte. Er lächelte mich an und wischte meine Tränen weg. Ich schubste seine Hände weg. Erschrocken sah er mich an. Ich holte tief Luft. „Verdammter IDIOT! Wie kannst du nur sowas sagen?“

    Ich schlug mit geballten Fäusten gegen seine Brust. „Du…du benimmst dich ja wie ein richtiger Bruder!“ Er hielt meine Handgelenke fest. „Und ist das was Schlechtes?“, fragte er mit ruhiger Stimme. Ich sah ihn an. „Ja, was ganz Schlechtes, denn so zieht sich mein kleines Herz schmerzhaft zusammen, welches noch nie, von niemanden, viel Beachtung gekriegt hat und ich weiß nicht, was ich tun soll, damit dieser Schmerz aufhört?“ Ich schniefte vor mich hin und er kicherte leise. „Wie wär‘s denn damit?“ Er zog mich an seine Brust und umarmte mich fest. „Besser?“ Ich schüttelte in seiner Halsbeuge den Kopf. „Noch schlimmer…jetzt komme ich mir vor, als wären wir eine Familie…“ Er schnipste mir gegen den Kopf. „Dummkopf! Wir SIND eine Familie!“ Diese Aussage gab mir den Rest. Während immer noch Tränen ihren Weg aus meinen Augen suchten, schlich sich ein Lächeln auf meine Lippen. „Tse…da könntest du tatsächlich recht haben.“, sagte ich leise. Seine Brust vibrierte von seinem Lachen. „Oh oh, ich muss dir wohl noch Einiges beibringen. Aber wir haben ja genug Zeit. Also erstens: Ich habe immer recht!“ Ich stieß ihn von mir. „So läuft das nicht! Also die erste Regel lautet wohl eher: Du hast nur recht, wenn ich sage, du hast recht! Ansonsten habe ich recht!“ Wir mussten beide lachen.

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    „Oi! Hey! Heeeeey!“ Ich drückte mir mein Kissen aufs Ohr und hoffte so weiterschlafen zu können…Fehleinschätzung. Unsanft wurde es mir weggerissen und als wäre das noch nicht genug, wurde mein Arm gepackt und soweit dran gezogen, dass ich nun halb aus meinem Bett hing. „Schwing endlich deinen Hintern aus dem Bett! Wir müssen zur Schule und wenn du zu spät kommst an deinem ersten Tag, kann ich mir von meinem Vater eine gewaltige Standpauke anhören…“ Wiederwillig öffnete ich die Augen, wobei mir grelles Sonnenlicht in die Augen stach. Ich stöhnte. „Weißt du Byung…gestern warst du echt pflegeleichter!“ Er schnalzte mit der Zunge. „Das Kompliment gebe ich gerne zurück!“ Er war schon über die Türschwelle getreten, als er sich noch mal umdrehte. „Aber wehe du erzählst irgendjemanden, was gestern passiert ist!“ Noch nicht in der Lage meine Beine zu benutzen, saß ich verschlafen am Boden. „Jaja schon klar…dein Image könnte Schaden nehmen…“ Er grinste. „Du lernst schnell, Schwesterchen.“ Dann war er verschwunden. Lernen? Das war etwas, was ich absolut nicht mochte. Erster Schultag, heh? Lasst die Spiele beginnen und möge das Glück stets mit euch sein!

    Nachdem ich mich in meine Schuluniform reingezwängt hatte, die mir nebenbei verdammt gutstand, watschelte ich die Treppe hinunter. Der braune Rock hüpfte dabei hoch und legte sich dann wieder auf meine Oberschenkel. War der nicht ein wenig zu kurz? Röcke verunsicherten mich immer etwas. Man muss aufpassen wie man sitzt und wie doll der Wind weht, blablabla! Letztlich tat ich das, was ich immer machte und zog unter den Rock noch eine kurze Sporthose an. Perfekt! Ich schnappte mir meinen Rucksack und sauste in die Küche. „Na endlich!“, begrüßte mich Byung genervt. Er zog mich am Arm hinter sich her aus der Küche raus. „Hey…ich hab noch nicht gefrühstückt…“, warf ich ein. „Tja, wer nicht aus dem Bett kommt, hat keine Zeit für Frühstück…“ Damit war der Keks gegessen (oder eben auch nicht) und nachdem meine Mutter und Jongdae noch ein liebevolles Viel Spaß in der Schule. hinterherriefen, fiel auch schon die Haustür ins Schloss. Wir fuhren keine 10 Minuten mit der U-Bahn, da mussten wir schon wieder aussteigen. Den Rest des Weges legten wir zu Fuß zurück. Meine Aufregung stieg, da immer mehr Schüler mir den gleichen Uniformen sich unseren Weg anschlossen. Naja logisch, wenn sie auf dieselbe Schule gehen. „Nervös?“, fragte Byung neben mir. Ich nickte. „Aber was solls. Ich schaff das schon! Also mach dir keine Sorgen…“ Er schnaubte. „Wer macht sich hier Sorgen? Ich gehe nur sicher, dass du mich nicht blamierst.“ Ich kicherte.

    „Hey Byung! Seit wann hast du ne neue Freundin?“ Ein Junge kam auf uns zu gerannt und verfiel neben Byung dann ins Schritttempo. „Das du es an nem Montag mal pünktlich zur Schule schaffst grenzt ja schon fast an ein Wunder, Kean…“ Der Angesprochene versuchte noch die letzten Spuren seines Schlafes zu beseitigen, welche aus abstehenden Haarsträhnen bestanden. „Hehe hat sich doch gelohnt immerhin sehe ich dich nicht alle Tage Seite an Seite mit einem Mädchen zur Schule kommen.“ Er schob seinen Kopf vor, sodass er an Byung vorbeischauend, mich nun mustern konnte. „Hi, ich bin Kean. Und du?“ Also schüchtern war was anderes, aber er kam mir sympathisch vor, daher war ich auch weniger nervös beim Antworten. „Ich bin Lynn, Byungs…“ „Schwester!“, beendete Kean meinen Satz. „Mensch, er hat dich zwar mal erwähnt, aber er hat nie gesagt, dass du so süß bist.“ Er grinste und stupste Byung mit dem Ellenbogen erwartungsvoll an. Dieser, wenig berührt, gab Kean einen Klapps an den Hinterkopf. „Finger weg!“ Kean lachte. „Ich mach doch nur Spaß. Also freut mich dich kennenzulernen und wenn du mal von Byung die Schnauze voll hast, sag Bescheid…“ Er zwinkerte mir zu. Das Schulgebäude war mittlerweile in Sicht und neben uns tat sich ein riesiger Sportplatz auf. Mein Herz zog sich zusammen. Wir setzten unseren Weg fort und betraten das Hauptgebäude. „Ah, am besten ich zeige dir erstmal, wo das Sekretariat ist, damit du die letzten Anmeldungen ausfüllen kannst.“, meinte Byung. Doch bevor er weiterkam, tauchte ein großer Mann auf und kam auf uns zu. „Guten Morgen. Byung, ich muss mit dir noch was klären wegen des Baseballturniers…hast du gerade Zeit? Dauert auch nicht so lange.“ Ich war verwirrt. Kean beugte sich zu mir rüber. „Das ist der Coach…“, flüsterte er mir ins Ohr. Byung sah mich besorgt an. „Geh ruhig, ich finde schon zum Sekretariat. Vielleicht kann Kean mich begleiten?“ Ich sah diesen fragend an. Er strahlte und hob einen Daumen. „Roger! Alles gar kein Problem.“ Byung sah mich noch einmal an, aber nickte schlussendlich. „Okay. Ich verlasse mich auf dich, Kean. Wir sehen uns dann später.“ Mit diesen Worten folgte er dem Coach und ich blieb mit Kean zurück.

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    „Okaaay! Dann immer mir nach!“ Kean stapfte vorne weg und ich hinter ihm her. Ab und zu wurde er von ein paar Jungs begrüßt, deren Blicke dann immer fragend zu mir glitten, doch ich hatte Mühe mit Kean Schritt zu halten, der meiner Meinung nach für einen Montagmorgen viel zu energiegeladen war. Im ersten Stock blieb er vor einer großen Tür stehen. „Tada, das ist es.“ Bevor ich etwas erwidern konnte, hatte er auch schon an die Tür geklopft. Ein Herein! war zu hören und zusammen mit Kean trat ich ein. „Guten Morgen. Sie sind bestimmt die neue Schülerin aus Deutschland, richtig? Lass mich kurz schauen…“ Die Frau blätterte in ihren Unterlagen und zog ein paar Zettel hervor. „Hier ist es ja. Also, Lynn Annabell Stebach, ich freue mich sie hier an unserer Schule begrüßen zu können und ich hoffe sie zeigen hier genauso erstaunliche Leistungen wie auf ihrer alten Schule. Bevor sie aber zu ihrer Klasse können, müsste ich sie noch darum bitten, diese Dokumente auszufüllen. Es handelt sich um reine Formalien.“ Dann fiel ihr Blick auf Kean. „Vielen Dank für ihre Hilfe, Yun Kean. Ab hier übernehme ich. Da der Unterricht gleich beginnt, sollten sie ihre Klasse schnellstmöglich aufsuchen.“ Mit der Frau sollte man es sich sicher nicht verscherzen. Ihre kurzen Haare und ihre Brille passten zu ihrem strikten Charakter. Ich sah zu Kean. „Danke fürs Herbringen.“ Er zwinkerte mir zu. „Null Problemo. Also…man sieht sich.“ Damit verließ er das Sekretariat und ich blieb mit der Spaßbremse allein zurück.

    Es dauerte zum Glück nur ein paar Minuten bis alle Formalien abgearbeitet waren. Mir wurde ein Spind zugeteilt und die Lehrbücher ausgehändigt, die gefühlt fünf Tonnen wogen. Nun eilte ich der Frau hinterher in den zweiten Stock und bekam weiche Knie als sie vor einem der Klassenräume anhielt. „Dies ist ihre Klasse.“, legte sie die Tatsache auf den Tisch. Sie klopfte, schob die Tür auf und ich folgte ihr unauffällig in den Raum. Naja unauffällig hätte ich es gerne gehabt, aber sofort richteten sich sämtliche Blicke meiner zukünftigen Klassenkameraden auf mich. Ich wollte mich am liebsten in Luft auflösen. Da ich nicht wusste, wo ich hinschauen solle, richtete ich meinen Blick zum Lehrerpult. Dahinter stand ein älterer Herr mit einem grauen Haaransatz. Nachdem die Frau mir noch viel Erfolg beim Lernen gewünscht hatte, war sie auch schon wieder verschwunden. Der ältere Herr trat neben mich und lächelte mich an. „Ich bin Herr Chung, dein Klassenlehrer. Wie wäre es, wenn du dich erstmal deiner Klasse vorstellst?“ Ich nickte vorsichtig. Okay, bring es einfach hinter dich, Lynn! Mein Puls stieg mit jeder Sekunde. „Ähm…Ich bin Lynn, 17 Jahre alt und das ist heute mein erster Tag an dieser Schule, daher hoffe ich auf eure Unterstützung.“ Ich fühlte mich wie ein Zootier unter den interessierten Augen meiner Mitschüler. „Wo kommst du her?“, brüllte ein Junge von hinten. „Ich bin vor kurzem aus Deutschland hierhergezogen…“, antwortete ich brav. „Hast du einen Freund?“, kam schon die nächste Frage. Ich konnte nicht verhindern, dass sich meine Wangen rosa färbten. „Äh…n-nein…“ Zwei Jungs tauschten in der letzten Reihe einen Handschlag aus und grinsten sich an. „Okay, ich hoffe, ihr helft Lynn sich hier einzufinden. Lynn setz dich doch bitte dort hin.“ Er deutete auf einen leeren Stuhl in der dritten Reihe in Wandnähe. Ich nickte und setzte mich auf den mir zugewiesenen Platz. Da es nur Einzeltische gab, prüfte ich meinen linken Nachbarn. Es war ein Mädchen, welches wenig koreanisch aussah. Sie hatte blonde längere Haare und blaue Augen. Nop, definitiv nicht asiatisch. Ich war beruhigt nicht die einzige Ausländerin zu sein.

    So wurde der Unterricht ohne weitere Unterbrechungen fortgesetzt. Naja, aber so wirklich gab es niemanden, der aufpasste. Okay, es muss gesagt sein, dass es sich um Geschichtsunterricht handelte und Herr Chung, naja, seine monotone Stimme half nicht gerade dabei, aufzuwachen. Andererseits ließ er sich auch nicht von dem leisen Schnarchen aus der letzten Reihe stören. Ich war jedoch verdammt froh, dass jeder beschäftigt war, denn im nächsten Moment vernahm ich ein lautes Bauchgrummeln. Ich senkte schnell den Kopf. Verdammter Byung! Nur weil ich kein Frühstück hatte… Plötzlich spürte ich ein Piksen im Rücken und drehte mich vorsichtig um. Ein Mädchen, offensichtlich Koreanerin, sah mich fragend an. „War das dein Bauch?“ Ich schluckte, nickte aber. „Tut mir leid…ich hatte noch kein Frühstück…“ Na toll, gleich am ersten Tag blamiert. Doch sie grinste mich nur an. „Hier.“ Sie zog aus ihrem Etui einen Schokoriegel und hielt ihn mir hin. „Herr Chung ist sowieso immer in seinen Monologen vertieft. Der kriegt sowas nicht mit.“ Dankend nahm ich den Riegel an und drehte mich wieder um. Dann war ein erneutes Bauchgrummeln zu vernehmen. Moment, diesmal war das aber nicht meiner! „Entschuldige, ich hatte auch noch keine Zeit zu frühstücken…“ Das blonde Mädchen sah mich mit geröteten Wangen an. Wir mussten beide lachen. Ich brach den Schokoriegel in zwei Teile und gab ihr die Hälfte ab. „Danke, ich bin übrigens Olivia…“

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    Als es zur Pause läutete schnappten sich die meisten schnell ihre Taschen und machten sich vom Acker. Bevor ich nicht mehr dazu kam, drehte ich mich schnell um. „Danke noch einmal für den Schokoriegel.“ Sie lächelte zurück. „Kein Problem. Also dann, man sieht sich.“ Sie schnappte sich ihre Tasche und verließ den Klassenraum. Ich war eine der letzten im Raum, also beeilte ich mich, meine Sachen in den Rucksack zu stopfen. Und jetzt? Sollte ich auch nach draußen auf den Schulhof gehen? „Wenn du grad nichts weiter vorhast, wie wäre es, wenn ich dich ein bisschen rumführe und dir die Schule zeige?“ Olivia stand vor mir und lächelte verlegen. Ich nickte. „Das wäre echt super.“ Ich war ihr unglaublich dankbar. Sie machte eine komplette Rundtour mit mir, von Bibliothek über Bandproberaum bis zum Keller zeigte sie mir alle Nischen der Schule. „Es sei gesagt, dass der Keller und das Dach eigentlich tabu sind, aber da dort nie Lehrer anzutreffen sind, haben diese Bereiche sich als eine Art Geheimverstecke entpuppt.“ Sie blieb stehen. „Ach ja! Auf dem Schulgelände gibt es mehrere Automaten, wo man sich Snacks und Getränke kaufen kann. Zudem gibt es natürlich eine Cafeteria, die in der Mittagspause geöffnet ist. Wenn du willst, können wir da nachher gemeinsam essen?“ Sie schaute mich vorsichtig an. „Ja klar, gerne!“, antwortete ich ohne Umschweife. Im nächsten Moment war ein Klingeln zu vernehmen, welches das Pausenende verkündete. Olivia seufzte. „Warum sind Schulstunden immer so lang und Pausen immer so kurz?“, fragte sie ironisch und wir trotteten zu den Schließfächern. „Äh, was haben wir jetzt eigentlich?“ Sie überlegte kurz. Dann schlug sie sich die Hand vor den Kopf. „Mist! Ich hatte total vergessen, dass wir heute Sport haben…und jetzt liegt meine Sportkleidung Zuhause.“ Ich schluckte. Hatte sie gerade Sport gesagt? Na toll und das an meinem ersten Tag.

    Wir schlichen Richtung Sporthalle, doch niemand von uns schien es sonderlich eilig zu haben. Der Lehrer zog eine Augenbraue hoch, als er uns sah. „Sehr schön, dass ihr auch noch kommt!“, begrüßte er uns sarkastisch. Dann blieben seine Augen an mir haften. „Oh, haben wir eine neue Schülerin?“ Ich stellte mich kurz vor. „Na gut, dann zieht euch bitte schnell um, damit wir den Unterricht beginnen können.“ Häh? Meinte meine Mutter nicht, sie hätte der Schule Bescheid gegeben? Na super und jetzt? „Ähm…also…ich darf keinen Sport mitmachen…“ Der Lehrer schlug mit der Faust in seine Handfläche. „Ach richtig! Deine Mutter hatte mir ja das ärztliche Attest zugeschickt. Tut mir leid, dass hatte ich doch glatt vergessen.“ Ein Nuscheln ging herum. „Attest?“… „Ist sie krank?“… „Ich will auch keinen Sport machen müssen!“ Von links spürte ich Olivias Blick. „Ich kann leider auch kein Sport mitmachen…ich habe meine Sportsachen zu Hause vergessen.“, sagte sie dann zum Lehrer. Dieser schüttelte den Kopf. „Haach! Aber dass das nicht zur Gewohnheit wird!“, sagte er grimmig. Olivia nickte. „Und wo ist Fräulein Kang schon wieder?“ Olivia zupfte an meinem Ärmel. „Lass uns schnell gehen, bevor er wieder seine Belehrungsmonologe hält.“ Möglichst unauffällig verließen wir also die Sporthalle und irrten ein wenig auf dem Schulgelände herum. Unterwegs holten wir uns ein paar Snacks vom Automaten und setzten uns dann auf eine höher gelegene Grasebene, die perfekte Sicht zum Sportplatz bot. Ich konnte ein Fußballfeld erkennen, das von einer Laufstrecke umzäunt war. Ein wenig weiter, befand sich ein Baseballfeld und Olivia hatte vorhin sogar ein Basketballfeld erwähnt.

    Ich seufzte. „Muss toll sein in einem Team spielen zu können…“ Ups! Hatte ich das laut gesagt? Olivia sah mich an, richtete ihren Blick dann aber wieder nach vorn. „Ich werde nicht fragen, warum du keinen Sport machen darfst, denn ich bin mir sicher, es ist eine ziemlich persönliche Angelegenheit, aber mich interessiert schon, wie du dazu kommst mitten im Schuljahr die Schule zu wechseln… Ah! Aber nur, wenn du es mir erzählen willst…“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ist okay. Ich antworte dir gerne, wenn es nicht gerade um Sportangelegenheiten geht…“ Sie lächelte. Die nächste Stunde redeten wir über alles Mögliche, warum ich hier bin, mit welchen Lehrern man es sich besser nicht verscherzen sollte und wo es die besten Kuchen gibt. „Im ernst, wir sollten das Café mal zusammen besuchen, die haben eine riesen Auswahl und wenn du mich fragst, dann schmeckt alles einfach klasse.“ Ihre Augen strahlten. Ich biss mir auf die Lippen. Das schien sie stutzig zu machen? „Habe ich etwas Falsches gesagt?“ Ich schüttelte schnell den Kopf. „Nein, nein. Es ist nur…also…“ Wie sollte ich das bitte formulieren, ohne dass es komisch kommt? Olivia lächelte. „Wenn es etwas ist, wobei ich helfen kann, dann bin ich gern für dich da.“ Ich holte tief Luft. „Das klingt vielleicht merkwürdig, aber…ich wollte dich bitten meine Freundin zu sein!“

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    Wow, wenn man es aussprach, hörte es sich noch komischer an. Im nächsten Moment war Olivias glockenhelles Lachen zu hören, doch dann nahm sie meine Hand in die ihren. „Das klingt nicht merkwürdig. Im Gegenteil, ich freue mich, dass du meine Freundin sein willst. Aber ich habe da eine Bedingung!“ Ich sah sie fragend an. „Du musst immer zu mir kommen, wenn dich etwas bedrückt oder du traurig bist! Versprochen?“ In meiner Brust breitete sich ein wohliges Gefühl aus. Meine Mundwinkel zogen sich nach oben. „Versprochen! Aber dann gilt dasselbe für dich!“ Sie nickte zustimmend. Wow! Hatte ich es geschafft? Hatte ich jetzt wirklich eine Schulfreundin? „Seit ihr eine geschlossene Gruppe oder nehmt ihr noch Neuzugänge auf?“ Erschrocken fuhren Olivia und ich herum. Vor uns stand das Mädchen, welches uns Frühstück ausgegeben hatte. „Äh…heißt das, du willst mit uns befreundet sein?“ Das Mädchen fasste sich ans Kinn. „Möglich.“ Ich musste lachen. Wieso klang sie, als wäre sie sich selbst nicht sicher? „Suji Kang.“, stellte sie sich mehr oder weniger vor und setzte sich neben uns. „Ah du hättest jetzt eigentlich mit uns Sport richtig? Hast du auch dein Sportzeug vergessen?“, fragte ich neugierig. „Negativ. Ich habe es nicht vergessen, sondern mit Absicht zu Hause gelassen.“ Olivia sah sie erstaunt an. „Magst du kein Sport?“ Sie schüttelte den Kopf. „Zu anstrengend.“ „Was magst du dann?“, fragte ich sie. „Schokoriegel.“, kam ihre Antwort wie aus der Pistole geschossen. Ich musste lachen. Was für ein schräger Vogel, aber sie schien nicht arrogant oder unhöflich…naja, sie hatte einfach eine spezielle Art oder so.

    Als es zur Pause klingelte, machten wir uns auf den Weg zur Cafeteria, doch als wir dort ankamen, war es rappeldicke voll. Uns blieb nichts anderes übrig, als uns hinten der Warteschlange anzuschließen. Nach einer gefühlten Ewigkeit befand sich nun endlich das Curry auf meinem Tablett. Ich war am Verhungern! Als ich mich umdrehte, prallte ich fast mit Kean zusammen, der sein Tablett auf einer Hand balancierte. „Hoppla! Das wäre fast ins Auge gegangen.“, grinste er mich fröhlich an. Doch im nächsten Moment drängte sich unsanft ein Junge an Kean vorbei, sodass dieser nach vorne stolperte und ich nun zwei Portionen Curry trug…eine auf dem Tablett und die andere auf meiner Schuluniform. Kean zog die Luft ein. „Lynn, tut mir voll leid!“ Dann drehte er sich zu dem Jungen um. „Oi! Hast du keine Augen im Kopf?“ Der Angesprochene drehte sich zu ihm um. „Hä? Was willst du?“ Kean brodelte. „Ich WILL, dass du dich entschuldigst!“ Sein Gegenüber grinste frech. „Wieso sollte ich? Ich habe nicht mein Curry nach anderen Leuten geschmissen…“ Kean holte mit der Faust aus und…BAM! Nur war es nicht Kean, der gerade diesen unhöflichen Affen in die Schranken gewiesen hatte, sondern jemand anderes. Ich blinzelte. NEVER! Das gabs doch nicht! „Mason!“, rief ich erschrocken auf.

    Mittlerweile wurden wir von allen Tischen aus angestarrt. Doch Mason schien das wenig zu kümmern. Er war gerade dabei, dem Jungen die Schulter auszurenken…so sah es jedenfalls aus. Ich war mir sogar sicher gerade ein Knacken gehört zu haben. „Scheiße Mann, das tut beschissen weh!“, fauchte der in die Enge Getriebene. „Wenn du nicht willst, dass ich deinen Dickschädel abmontiere, dann entschuldigst du dich besser SOFORT! Ist das angekommen?“ Ich erkannte Mason nicht wieder. Er war gerade vom Casanova zum Folterknecht geworden. „Ja verdammt. Sorry. Jetzt lass mich endlich los!“, schnaufte der Junge außer Puste. „Wenn ich dich noch einmal in ihrer Nähe erwische, dann kannst du den Maden unter der Erde schöne Grüße von mir ausrichten!“ Damit stieß er den Jungen von sich, der sich schnell vom Boden aufrappelte und versuchte Land zu gewinnen. Ich war baff. War das gerade wirklich passiert. Der Geruch von Curry reichte mir als Bestätigung. Ich sah an mir hinunter. Nop, das ließ sich nicht mit Wasser abkriegen. Ein Stück Karotte rutschte von meinem Rock und patschte auf den Boden. Na lecker. Plötzlich wurde ich an meiner Hand fortgerissen. Mason zog mich hinter sich her, raus aus den Blicken der anderen Schüler. Vor den Spinden machte er halt. „Ähm Mason…“ Er drehte sich um und grinste. „Was für ein Glück!“ Häh, bitte was? „Wer hätte gedacht, dass wir uns so schnell wiedersehen? Ich habe dich so unglaublich vermisst, Princess.“ Aha und da war er wieder voll in seinem Element. „Danke, dass du dich gerade für mich eingesetzt hast…“, sagte ich die Worte, die mir auf der Zunge lagen. Er lächelte. „Wofür hat man denn einen Prinzen?“ Ich verdrehte die Augen. „Aber nun muss erstmal das Outfit meiner zukünftigen Gemahlin gerettet werden!“ Zukünftige G…! CASANOVA! Er hatte als Kind einfach zu viele Märchen gelesen! Er kramte in seinem Spind und kurz danach landeten ein paar Kleidungsstücke in meinen Armen. „Ähm…ist das eine Basketballuniform?“ Er kratzte sich am Kopf. „Hehe, der Prinz hat leider gerade keine Zeit, ein Ballkleid für seine Prinzessin zu kaufen…“

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    „Keine Sorge, die Sachen sind frisch gewaschen.“ Ich zog die Augenbrauen hoch und seufzte. Was hatte ich denn für eine Wahl? Meine Schuluniform sah aus als hätte jemand…wie drückte man es höflich aus…als hätte jemand sich darauf übergeben. „Oder wäre es dir lieber gewesen, hätte ich es schon einmal getragen? Dann könntest du die nächsten Stunden meinen herrlichen Duft genießen.“ Er zwinkerte mir zu und ich verdrehte die Augen. „Das würde dir wohl gefallen.“ Ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht. Im nächsten Moment stand er direkt neben mir. Er beugte sich nach vorn und ich spürte seinen Atem an meinem Haar. „Weißt du, was mir noch viel besser gefällt? Dein Geruch. Du duftest so süß nach Vanille…“ Er atmete tief ein, doch ich wich schnell ein paar Schritte zurück. Also erstens war ich mir sicher, dass ich im Moment nur nach Curry roch und zweitens spürte ich Hitze in mein Gesicht steigen. „Hör endlich mit der Flirterei auf! Das funktioniert bei mir nicht!“, versuchte ich von meinem roten Gesicht abzulenken. „Du kannst sagen, was du willst…früher oder später werde ich dich schon für mich gewinnen.“, grinste Mason. „Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber du wirst in Zukunft wenig Chancen haben, mit ihr in Kontakt zu treten, da ich dich nämlich ab sofort im Auge behalten werde!“ Byung drängte sich zwischen uns und lächelte Mason kalt an. Er nahm mir die Wechselsachen ab und drückte sie gegen Masons Brust. „Die brauchen wir nicht.“ Byung nahm meine Hand und wollte mich mit sich ziehen, doch Mason ergriff meine andere Hand. „Ich nehme mal an, dass ist der Herr Bruder? Na gut, für heute lasse ich dich ziehen, aber versprich mir, dass du nur vor mir diese rosa Wangen zeigst, Princess.“ Er küsste meine Hand, woraufhin sich meine Wangen erneut verfärbten. Mason kicherte leise und ging dann Richtung Cafeteria zurück.

    Aus Byungs Augen schossen Blitze. „Ich kann diesen Typten jetzt schon nicht leiden. Lynn, du solltest dich lieber von dem fernhalten. Der flirtet doch mit allem, was einen Rock trägt! Aber nachdem, was mir Kean erzählt hat, scheint er doch sowas wie Moral und Werte zu kennen.“ Er drehte sich zu mir und verschränkte die Arme. „Aber mal ehrlich, wer duscht an deinem ersten Schultag denn auch mit Curry? Also falls du so Freunde finden wolltest, dann muss ich dir leider sagen, dass du dringend deine Taktik ändern solltest.“ Ich guckte ihn böse an. „Haha sehr lustig!“ Er grinste nur zufrieden, schloss dann aber einen Spind auf und zog eine Jogginghose plus Pullover heraus. „Die Pause ist gleich vorbei. Beeil dich also mit dem Umziehen. Wir treffen uns dann nachher am Schultor, okay?“ Ich nickte. „Danke für die Sachen.“ Er wuschelte mir noch einmal durchs Haar und ging dann die Treppe hinauf. Ich wiederum beeilte mich, die nächste Toilette aufzusuchen, um mich endlich den müffelnden, nassen Sachen entledigen zu können. Nur um ein Haar schaffte ich es pünktlich zum Matheunterricht. Immer mal wieder warfen mir Schüler komische Blicke zu, was wohl an meinem Outfit lag, aber naja. Die Stunden vergingen zum Glück schneller als erwartet und da es unsere letzten für den Tag waren, verließen Olivia, Suji und ich zusammen das Schulgebäude. „Ich wünschte, unsere Schuluniform würde aus Jogginghose und Pullover bestehen, ist viel bequemer und außerdem bin ich kein Fan von Röcken und Kleidern. Es ist übrigens ein Wunder, dass du noch lebst, bei der Masse an Mädchen, die dir Todesblicke zugeworfen haben als du mit Mason verschwunden bist. Sind das eigentlich seine Klamotten, die du trägst?“, fragte mich Suji. „Nein sind es nicht!“, antwortete Olivia in einem scharfen Tonfall. Ich sah sie an, doch sie mied meinen Blick. „Wenn ich dir einen Tipp geben kann, dann halt dich lieber von Mason fern.“ Ich wollte sie fragen, was sie genau meinte, aber wir hatten das Schultor erreicht und Byung kam auf mich zu gejoggt. „Also dann…bis morgen.“, sagte Olivia noch und schritt dann durch das Tor. „Sehr verdächtig!“, nuschelte Suji, zuckte dann aber die Schultern. „Bis morgen, Lynn.“

    „Also ich habe heute noch Baseballtraining und kann dich daher nicht nach Hause begleiten…Meinst du, du findest den Weg allein?“ Byung sah mich zweifelnd an. Aber wen ich ehrlich war, dann hatte ich noch nicht einmal einen Schimmer, ob wir heute Morgen von links oder von rechts gekommen waren. „Okay, dein Gesicht sagt alles. Wenn du es nicht eilig hast, wie wär’s, wenn du unserem Team beim Training zuschaust? Danach können wir zusammen nach Hause gehen.“ Plötzlich waren Schreie zu hören. „OH MEIN GOTT! Das ist er wirklich oder?“ „Ich glaub‘s nicht, was macht er bei uns an der Schule?“ „Meint ihr, er wartet auf jemanden?“ Ich sah Byung an, doch dieser zuckte nur mit den Schultern. Vorsichtig bahnten wir uns einen Weg durch die Mädchenscharen. Das Nächste, was ich hörte, war Byungs Stöhnen. „Das kann doch nicht sein Ernst sein!“ Verwirrt drängte ich mich weiter nach vorn, um zu schauen, was Byung gesehen hatte. „Oh! Da bist du ja!“ Jemand ergriff meine Hand und zog mich aus dem Gedränge. Was zum? Ein paar Mädchen zogen scharf die Luft ein. Völlig perplex folgte mein Blick der Hand, den Arm hinauf und blieb an einem vertrauten Lächeln hängen. „Und? Wie war dein erster Schultag?“ Zum zweiten Mal an diesem Tag stand ich im Mittelpunkt. Der Grund? Ein gutaussehender Typ, der verdammt gut singen konnte und auf den Namen Kim Taehyung hörte!

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    „T-Taehyung!“, stammelte ich komplett überfordert mit der Situation. „Er ist es also wirklich! Aber wer ist das Mädchen da bei ihm? Geht sie auf unsere Schule? Aber sie trägt keine Schuluniform…“ Das Raunen der Umstehenden wurde lauter. „Verdammt Tae! Denkst du eigentlich auch mal nach BEVOR du handelst?“ Taehyung fasste sich ans Kinn. „Mmh, jetzt wo du fragst…sonst übernimmt Namjoon das Denken. Ich mag denken nicht so, weil ich meinen Gedanken nicht so schnell folgen kann und das verwirrt mich dann immer.“ Sein unschuldiges Grinsen war so süß, dass ich ihm am liebsten den Kopf getätschelt hätte, aber das war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Byung war sichtlich unzufrieden mit der Situation. „Kommt mit!“ Taehyung und ich folgten ihm. Keine zwei Minuten später fanden wir uns hinter der Schule an den Müllcontainern wieder. „Bäh! Das riecht wie unsere Wäsche, wenn Jin mal nicht da ist und niemand außer ihm weiß, wie die Waschmaschine zu bedienen ist.“ Byung verschränkte die Arme. „Selbst schuld! Das ist der einzige Ort, wohin uns diese Mädchen-Herden nicht folgen werden, noch nicht einmal dir. Was meinst du, wird deine Agentur sagen, wenn morgen in allen Zeitschriften ein Foto von dir erscheint, wie du Lynn umarmst?“, fragte er sarkastisch. „Taehyung antwortete trotzdem. „Naja, wenn ich sage, dass sie meine Cousine ist, werden sie das schon verstehen. Aber die ganzen Belehrungen vom Manager rauben mir immer meine Videospielzeit…“ Byung schüttelte den Kopf. „Okay, Themenwechsel. Wenn du schonmal hier bist, kannst du Lynn nach Hause begleiten? Ich hab noch Training und die Existenz eines Orientierungssinnes ist bei meinem Schwesterchen leider nicht vorhanden…“ Ich funkelte ihn an…aber irgendwie lag er nicht ganz falsch…irgh! Taehyungs Augen leuchteten. „Au ja! Gar kein Problem! Überlass Lynn ruhig mir! Sie ist bei mir in sicheren Händen!“ Byung seufzte. „Da bin ich mir zwar nicht so sicher, aber mir bleibt nichts anderes übrig.“ Er schaute auf seine Armbanduhr. „Ich muss los! Lynn, falls er wieder anfängt im Park Enten nachzuahmen…tu so als kennst du ihn nicht oder ruf mich an.“ Damit verschwand er Richtung Sporthalle und ich blickte zu Taehyung. „Jey! Jetzt hab ich meine Cousine den Rest des Tages für mich allein!“ Und ich hatte für den Rest des Tages ein Idol meiner Lieblingsgruppe für mich allein…

    „Okay! Als erstes gibt es ein dringendes Problem zu lösen!“ Taehyung sah mich ernst an. „Du…riechst nach Byung!“ Ich musste lachen. „Was? Oh! Du meinst die Sachen! Ich oder besser meine Schuluniform hatte eine kleine Auseinandersetzung mit meinem Mittagessen und deshalb musste ich mir notgedrungen was von Byung leihen.“, erklärte ich. Taehyung schüttelte den Kopf. „Das finde ich nicht in Ordnung. Wir suchen dir jetzt sofort was Hübsches zum Anziehen, sodass du nicht länger in diesen unstylischen Sachen durch die Gegend laufen musst. Komm!“ Er nahm meine Hand und zog mich mit sich. „In der Nähe gibt es eine kleine Boutique, die super putzige Kleidung anbietet. Sie muss hier irgendwo sein…mmh…ah! Da vorn ist sie ja!“ Ich hatte nicht einmal Zeit, Einwände zu bringen, schon standen wir zwischen haufenweise Kleidern, Röcken und Blusen. „Wow! Hier gibt es wirklich unglaublich schöne Sachen.“ Eine Verkäuferin kam auf uns zu. „Na wen haben wir denn hier?“ Taehyung grinste. „Hallo Ye Rin, lang nicht gesehen.“ „Lang nicht gesehen? Taehyung, du kommst alle zwei Wochen und guckst dir unsre neue Kleiderkollektion an. Und wie jedes Mal muss ich dir leider sagen, dass du das falsche Geschlecht für Kleider hast.“ Taehyung legte mir seine Hände auf die Schultern. „Dieses Mal bin ich aber in weiblicher Begleitung. Das ist meine Cousine in den unstylischen Sachen ihres Bruders, die wir dringend loswerden wollen.“ Die junge Frau lachte. „Freut mich. Ich bin Ye Rin, eine ehemalige Stylistin von BTS.“ Ich verbeugte mich leicht. „Ich bin Lynn, freut mich ebenfalls, Sie kennenzulernen.“ „Also dann! Wäre jawohl gelacht, wenn wir für dich nichts Schönes finden!“ Drei Minuten später fand ich mich in Begleitung von fünfhundert Kleidungsstücken in der Umkleidekabine wieder, wobei die meisten Taehyung ausgesucht hatte. Egal, was ich anzog, alles in diesem Laden sah einfach süß aus, aber dennoch nicht kindisch. Ich konnte mich einfach nicht entscheiden, was ich kaufen sollte. „Hey Lynn! Probier mal das hier an!“ Taehyung reichte mir einen weißen Rock, ein rosafarbenes Shirt und eine Jeansweste mit Stickereien, die farblich zum Rock passten. „Taehyung, das Outfit ist der Wahnsinn!“ Ich konnte meine Begeisterung nicht zurückhalten. Die Sachen passten perfekt und nachdem ich wieder die kurze Hose unter den Rock gezogen hatte, fühlte ich mich pudelwohl in meinem neuen Outfit. Ich behielt die Sachen gleich an und nach einer hartnäckigen Diskussion mit Taehyung, bezahlte ich die Sachen an der Kasse. „Ich hätte auch zahlen können…“, maulte er immer noch. „Lass gut sein. Ich bin dir schon dankbar genug dafür, dass du mir so ein tolles Outfit zusammengestellt hast. Ich liebe es!“ Ich strahlte wahrscheinlich übers ganze Gesicht. Taehyung grinste ebenfalls. „Jetzt wo du nicht mehr nach Byung riechst, kann der Spaß ja losgehen!“

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1514479033
Happy Family = Big BTS Drama
Happy Family = Big BTS Drama
Nach der Scheidung ihrer Eltern zieht Lynn (Protagonistin) mit ihrer Mutter zu deren Liebhaber nach Südkorea. Darauf eingestellt, diese neue Familienkonstellation nicht zu akzeptieren, sieht sie schnell ein, dass wenn sie sich gegen ihre neue Familie st...
http://www.testedich.de/quiz52/quiz/1514479033/Happy-Family-Big-BTS-Drama
http://www.testedich.de/quiz52/picture/pic_1514479033_1.jpg
2017-12-28
40HC
Bangtan Boys, BTS

Kommentare (400)

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Lilo_ARMY (96506)
Gestern
Bitte schreib weiter ich sterbe an ff verlust
Tae ♡ (52055)
vor 6 Tagen
Ich bin auf jeden Fall dabei
Stellina 💚🍪✨ (79579)
vor 9 Tagen
Ja, viel Glück bei deinen Prüfungen, damit du sie ohne Prüfungsangst mittollen Ergebnissen meisterst❤️🍀(Freu mich wie immer schon auf die Fortsetzung;-))
Jackie Cookie ( von: Jackie Cookie)
vor 10 Tagen
Ich kann dich da vollkommen verstehen, mir geht es im Moment genauso .. Ich liebe diese Ff und kann es kaum erwarten, dass es weitergeht, aber die Hauptsache ist, dass du dich nicht zwingst zu schreiben, wenn es nicht geht. Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Glück bei den Prüfungen!
Weasley (84918)
vor 10 Tagen
Viel Glück bei den Prüfungen 🍀
Freue mich schon auf die Fortsetzung :)
Little Kokiiee❤ ( von: Little Kokiiee❤)
vor 10 Tagen
Es stört mich nicht! Natürlich hast du dir die 'Pause' verdient und du willst sicher keine Schlechten leistungen (Nicht so wie ich xD)
Aber ich freue mich NATÜRLICH wenns weiter geht!❣und diese FF höre ich SICHER nicht zu lesen auf!!! Da verpasse ich Gewaltig etwas!!🌹
Fangirl (45477)
vor 10 Tagen
Ich bin auch dabei
hannah (90194)
vor 10 Tagen
Ich bin schon seid den ersten Kapiteln dabei und du wirst mich nach 56 nicht mehr los
hannah (90194)
vor 10 Tagen
Ich bin definitiv weiter dabei!! ❤️❤️
TheFunnyWaCaDistel!!! ( von: TheFunnyWaCaDistel!!!)
vor 10 Tagen
Keine Sorge mich kriegst du nicht so schnell los!
Ilviliiiiiii (34302)
vor 10 Tagen
Ich werd warten und mich dann riesig freuen wenn es weitergeht und wünsche dir ganz viel Glück!
RisingAngel (56468)
vor 10 Tagen
Also von mir hast du schonmal das Wort, dass ich weiter lese egal wie lange es dauert 😊
Und ich wünsche dir ganz vieeeel Erfolg 🍀🍀🍀🍀❤
Rapmonlover (83269)
vor 10 Tagen
@K.Kuscheltierfan hmm schade für uns aber ich kann es verstehen ❣️
K.Kuscheltierfan (77239)
vor 10 Tagen
Ich setze diese FF jetzt erstmal auf Pause, weil ich wirklich zur Zeit nicht dazu komme weiter zu schreiben. In drei Wochen bin ich durch mit den schriftlichen Prüfungen und dann gehts DEFINITIV weiter (vielleicht finde ich auch zwischendurch Zeit zum Schreiben, aber dafür kann ich keine Garantie geben) Ich hoffe, ihr habt Geduld, sodass ich so tolle Leser nicht verliere, auch wenn es erstmal nicht weiter geht 🙏
Ilviliiiiiii (34302)
vor 11 Tagen
Sagtest du nicht dass Donnerstag ein neues Kapitel kommt? Aber mach dir keinen Stress!
Namjin shipper💕 (31844)
vor 12 Tagen
Ich freue mich schon auf das neue Kapitel 😍
Rapmonlover (14538)
vor 12 Tagen
Wann kommt das nächste Kapitel so ungefähr ?
Çiçekcuk ( von: Çiçekcuk)
vor 15 Tagen
Kein Ding.😉
Mach dir bloß keinen Stress mit der FF, wahrscheinlich hast du ja schon genug Stress mit der Schule.
Und Schule geht nunmal vor...
Also konzentriere dich lieber erstmal gut auf die Abiprüfungen.
Die FF eilt ja nicht☺️💕
K.Kuscheltierfan (77239)
vor 15 Tagen
Leider kann ich keinen Tag festlegen, da ich mich auf meine Abiturprüfungen vorbereiten muss und demnächst die Intensivstunden anfangen, daher ist mein Alltag ein wenig verschoben, wenn ihr wisst, was ich meine 😅
Vorerst würde ich das nächste Kapitel für Donnerstag ansetzen und dann finde ich hoffentlich am Wochenende Zeit 😊
Stellina💚🍪✨ (67559)
vor 16 Tagen
Gibt's bei dir eigentlich so etwas wie einen bestimmten Tag an dem du was hochlädst oder sowas wie "jede 2. Woche"?😂💕Wär voll cool🔥Kann aber verstehen, wenn's nicht klappt, Schreib-Ideen sind leider nicht immer "pünktlich"🙈Andererseits kann man ja auch dazwischen schreiben & an dem Tag hochladen✨