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Vilyanna - Verrat von Gondolin Teil 2

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1 Kapitel - 6.832 Wörter - Erstellt von: Nolawen Moredhel - Aktualisiert am: 2017-12-03 - Entwickelt am: - 70 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

    1
    Idril und ich besuchten Aredhels Grab. Auf der frischen Erde bildeten sich Knospen und wandten sich hilfesuchend der Sonne zu. Maeglin stand schon dor

    Idril und ich besuchten Aredhels Grab. Auf der frischen Erde bildeten sich Knospen und wandten sich hilfesuchend der Sonne zu. Maeglin stand schon dort und blickte die kleinen verkapselten Blüten an. Er sah auf, als wir die Treppe heraufkamen. Ich hatte erwartet, dass er mich ansehen würde, dass irgendetwas darauf hindeuten würde, dass wir schon miteinander gesprochen hatten, irgendein Zeichen, dass ich die Einzige war, die von seinem Plan wusste, aber er starrte nur Idril an, als wäre ich nicht da. Und wie er sie anstarrte. Seine Augen hatten einen merkwürdigen Glanz bekommen. Jede Spur von Trauer und Rache verschwanden in den Moment, als er Idril ansah. Idril lächelte ihrem Cousin leicht zu.
    „Wir alle teilen deinen Verlust, Maeglin“, sagte sie.
    Er neigte den Kopf, schwieg jedoch.
    „Herrin“, flüsterte ich leise. „Ich ziehe mich zurück.“
    „Oh ja, natürlich, Vilyanna, natürlich.“
    Ich eilte die Treppen wieder hinunter und wusste genau, wo ich jetzt hinging. Und zwar zum Schießplatz der Schwalben.

    „Vilyanna!“ Duilin senkte den Bogen, schlängelte sich durch die Reihen seiner trainierenden Leute zu mir durch und nahm meine Hände. Weißgraue Feder steckten in seinen Haaren, ebenso bei ein paar anderen Schützen. Ich mochte die Schwalben wirklich. Jedes Haus hatte seine eigenen Macken und ich liebte die der Schwalben. Denn mein Haus war so perfekt, alles schimmerte golden und unsere Gärten blühten prächtiger als alle anderen. Wir hatten kein wirkliches Zeichen außer Perfektion. Glorfindel war die Perfektion in sich. Ein Noldo mit goldenen Haare und Mut und Stärke. Unsere Schilde wurden von goldenen Blumen geschmückt, während die Schwalben eine Pfeilspitze auf violettem Grund hatten.
    „Möchtest du schießen?“, fragte er mich und sah mir erfreut in die Augen.
    „Ja, aber ich möchte auch mit dir reden-“ Ich schlug die Hände vor den Mund. „Mit Euch, meine ich.“
    „Schon gut, ich bin weder dein Herr noch Anführer, ich bin dein Freund.“
    Er führte mich zu den Bogenständern. „Worüber möchtest du reden?“
    „Warum hatte Eol noch diesen Speer?“, wollte ich wissen. „Hat man ihm denn nicht alle Waffen abgenommen?“
    Duilin schwieg und sein Gesicht wurde ernst, als er darüber nachdachte, was ich gesagt hatte.
    „Du hast recht. Aber man hat ihm, glaube ich, nicht den Speer abgenommen, weil man, solange man nichts verbrochen hat, was bei Eol soweit nicht der Fall war, das Recht hat mit seinen Waffen zu sterben.“
    „Und es war kein Verbrechen die weiße Maid Gondolins in einem Wald versteckt zu halten und sie gegen ihren Willen zu heiraten?“, versetzte ich.
    Duilin nahm einen Bogen von der Halterung herunter, steckte schweigend acht Pfeile in einen Hüftköcher, gab mir beides und seufzte dann. „Turgon hat nicht darüber nachgedacht. Ich sage das nicht gerne über unseren König, aber in diesem Fall hat ihn nur die Sicherheit Gondolins interessiert.“
    Ich schnallte mir den Köcher um und zog den Bogen einmal aus, um zu testen, ob er zu stark war.
    Aber Duilin wusste genau was er tat und der Langbogen war perfekt.
    „Denkst du, er macht sich nun Vorwürfe?“, fragte ich und stellte mir vor, wie Turgon, unser König, von Schuldgefühlen geplagt war.
    „Ja“, meinte Duilin. „Da bin ich mir sehr sicher.“
    Wir gingen an die Schießlinie und ich wurde von den anderen Schwalben beäugt. Sie schossen alle so zielgenau, dass ich fast schon Angst hatte, einen Pfeil aufzulegen.
    Ich tat es aber natürlich und schoss den Pfeil so schnell ich konnte auf die fünfzig Meter entfernte Scheibe. Er traf ganz am Rand.
    „Wir sind hier nicht im Krieg“, sagte Duilin leise hinter mir. „Schnell schießen ist ja in Ordnung, aber du brauchst nicht so zu hetzen.“
    Ich lachte verlegen und versuchte beim zweiten Pfeil ruhiger zu sein.
    Er korrigierte meine Armhaltung und hielt meine Hand fest. „Zieh weiter aus.“
    Ich gehorchte und die Sehne berührte meine Nase. Eine Haarsträhne wickelte sich darum und Duilin steckte sie wieder in meine Frisur.
    Ich bemerkte aus den Augenwinkeln, dass die meisten anderen Schwalbe aufhörten zu schießen und zu uns herüberspähten. Duilin schien es nicht mitzukriegen, denn er sah er mir konzentriert zu.
    „Siehst du das Ziel?“
    Mein Arm begann zu zittern. „Ja.“
    „Der Pfeil wird es treffen, so wie du willst.“
    Als er das sagte, löste ich meinen Blick kurz von der Scheibe und sah ihn an. Er blickte mir in die Augen. Leicht nervös visierte ich mit einem Blinzeln wieder das Ziel an und ließ los.
    Auch wenn diese Situation weniger dramatisch als der Speerwurf von Eol war, schien sich wieder alles zu verlangsamen.
    Der Wind drückte die blauen Federn nach hinten und der Pfeil drehte sich. Ich sah die Flugbahn des Pfeils genau vor mir, wie es mir auch schon bei dem Speer passiert war. Kurz bevor der Pfeil die Mitte der geringelten Scheibe traf, wurde alles wieder schneller, das Gewicht des Bogens senkte meinen Arm und die leisen Stimmen der anderen setzten wieder ein.
    „Sehr gut“, sagte Duilin. Ich musste ihn lächelnd ansehen. Das waren gerade mal fünfzig Meter und er schoss auf hundertfünfzig!
    Allerdings brachte diese Zeitlupe für einen Moment meinen Gleichgewichtssinn durcheinander. Um nicht in Duilin zu kippen, stolperte ich einen Schritt zurück und sah Verwirrung in seinen graublauen Augen.
    „Das war gut“, wiederholte er und auch die Schwalben neben mir lobten mich.
    „Für eine aus dem Haus der Goldenen Blume“, hörte ich jemanden sagen und wurde rot.
    Duilin hatte es auch gehört.
    „Mach weiter, Vilyanna. Denk daran, was ich dir gesagt habe. Ich muss kurz weg.“
    Ich blickte ihm kurz hinterher. Am Tor des Platzes stand Egalmoth und die beiden begrüßten sich erfreut.
    Ich legte den nächsten Pfeil ein, spannte und zielte. Ich atmete aus und der Pfeil schnellte von der Sehne, als meine Finger sich lösten. Duilin hatte mir außerdem einen Handschuh gegeben, damit die Sehne nicht so über meine Finger zog.
    Er und auch andere erfahrene Bogenschützen brauchten das nicht mehr, aber dafür waren ihre Finger manchmal gerötet. Ich nahm mir vor, Duilin zu fragen, ob es nicht weh tat, so viel ohne Schutz zu schießen.
    Der dritte Pfeil stieß knapp neben dem zweiten in das Stroh. Als ich bei dem fünften Pfeil merkte, dass alle anderen fertig waren, hörte ich auch auf zu schießen, damit wir gemeinsam Pfeile holen konnte. Man musste immer warten, bis die anderen aufhörten schießen, damit niemand verletzt werden konnte.
    Nur der erste Pfeil steckte am Rand der Scheine, die anderen vier waren alle sehr mittig.
    Eine dunkelhaarige Elbin klopfte mir auf die Schulter.
    „Wie lange noch?“, fragte sie. Ich sah sie überrascht an.
    „Bitte?“
    „Wann kannst du dein Haus wechseln?“, erklärte sie und schulterte ihren Reiterbogen.
    „Noch vier Jahre.“
    „Du kommst zu uns, oder? Schon um Duilin einen Gefallen zu tun.“ Sie lachte und ging weiter zu den siebziger Scheiben. Ich schaute hier hinterher. Um Duilin einen Gefallen zu tun? Was entwickelte sich hier?

    Am nächsten Morgen wirkte Idril aufgewühlt. Sie sprach mich noch nicht einmal auf Duilin an.
    „Ich wünschte, du wärst gestern geblieben“, sagte sie.
    „Es tut mir leid, Herrin.“
    „Du konntest es ja nicht wissen.“
    „Was ist denn passiert, Eure Hoheit?“, fragte ich vorsichtig und flocht den Zopf zu Ende.
    „Maeglin und ich standen ganz alleine bei Aredhels Grab und…er war komisch. Er hat mich die ganze Zeit angestarrt und zwar irgendwie so … lauernd und-“ Idril stockte kurz. „Gierig.“
    Meine Finger verkrampften sich. Dass er Maeglin mich noch nicht einmal angeguckt hatte, hatte mich irgendwie gekränkt, aber was war los mit ihm?
    Ich sagte, was in solchen Situationen gesagt werde musste.
    „Seht Euch vor, Herrin.“
    „Danke, Vilyanna. Ich werde ihn im Auge behalten. Ich hoffe nicht, dass er so wird wie sein Vater.“
    „Das hoffen wir alle nicht. Aber er ist auch Ar-Feiniels Sohn und wird sicherlich nach ihr kommen.“
    „Ich weiß nicht“, seufzte Idril. „In ihm ist Noldor- und Dunkelelbenblut gemischt und ich bin mir nicht sicher, ob das gut geht.“
    Ich schwieg, denn ich wollte nicht glauben, dass Maeglin so wurde wie sein Vater.
    „Maeglin und ich“, fing ich vorsichtig an. „haben schon einmal miteinander gesprochen. Er ist Schmied und möchte ein-“ Ich räusperte mich kurz. „neues Haus gründen.“
    Erstaunt drehte sich Idril um. Da ich schon mit ihren Haaren fertig war, trat ich einen Schritt zurück.
    „Warum geht er dann nicht zu den Hämmern des Zorns?“, fragte sie.
    „Er hat mir Rog geredet“, erzählte ich bedacht. „Und er möchte nicht zu ihnen. Er möchte das Haus der Maulwürfe gründen, da er Erzschürfer ist und im Gebirge nach Edelsteinen und anderen Stoffen sucht.“
    „Naja, gut, das könnte man in die Wege leiten.“
    „Wirklich?“, fragte ich überrascht.
    „Wenn du ihn das nächste Mal siehst, kannst du ihm das sagen. Ich werde ihn vorerst definitiv nicht mehr aufsuchen.“
    „Natürlich, Herrin.“
    Sie stand auf und strich ihr Kleid glatt.
    „Mir sind da übrigens Gerüchte zu Ohren gekommen.“
    Ich wurde blass. „Und die wären?“
    „Du warst bei den Schwalben.“
    „Ja.“
    „Und Duilin hat dir persönlich geholfen.“
    „Ja, Eure Hoheit.“
    Sie lächelte. „Also sind das keine Gerüchte, er hat dir wirklich geholfen.“
    „Ja, das hat er.“
    „Hat es denn was gebracht?“
    „Sehr viel sogar, Herrin.“
    Sie klatschte leicht in die Hände. „Das ist schön.“ Idril klang aufrichtig.

    Ich suchte Maeglin auf. Ich wollte ihm von der Neuigkeit erzählen, dass er sein Haus gründen konnte.
    Ich fand ihn einer Schmiede in der Nähe des königlichen Palastes.
    Er sah nicht auf, als ich ein trat, sondern bearbeitete intensiv ein Stück glühendes Eisen mit einem Hammer. Es war warm und dunkel und meine Augen mussten sich erst an das Dämmerlicht gewöhnen.
    „Hallo“, sagte ich und blieb vor ihm stehen. Seine dunklen Haare waren in einem Zopf zurückgebunden, aber einzelne Strähnen hatten sich gelöst und vielen ihm ins Gesicht.
    „Hallo“, erwiderte er und hielte das Eisen mit einer Zange in einen Wassereimer. Es zischte und Dampf stieg auf.
    „Ich habe mit…jemanden gesprochen und er sagte, es müsste möglich sein, dass Ihr Euer Haus gründen könnt.“
    Jetzt sah er mich an. „Mit wem hast du gesprochen?“
    Ich zögerte kurz. Ich war mir nicht sicher, ob ich Idril erwähnen sollte, schließlich schien da etwas zu sein. Ich entschied mich aber, von ihr zu erzählen.
    „Mit Duilin und Idril“, antwortete ich.
    „Gut“, meinte er. „Und sie sagen, es ist möglich?“
    „Ja.“
    „Danke, Vilyanna. Hast du es dir schon überlegt?“
    „Was denn?“
    „Ob du eine Maulwürfin werden willst.“
    „Oh. Ja, ich habe darüber nachgedacht. Zurzeit sieht es allerdings so aus, als würde ich in vier Jahren zu den Schwalben wechseln.“
    „Dann wärst du lieber eine… Schwalbin?“
    Ich lachte und war erfreut, als auch er seine Mundwinkel etwas anhob. Aber dann wurde er wieder ernst.
    „Eine Schwalbe“, korrigierte er sich. „Dann wärst du lieber eine Schwalbe?“
    „Ja, das hat auch noch andere Gründe.“
    „Habe ich schon gehört.“
    „Was wisst Ihr darüber?“ Ich wurde rot und starrte ihn an. Wenn sogar schon Maeglin von den „Gerüchten“ gehört hatte…
    „Dein Schwalbenkönig“, spottete er und jetzt wurde ich rot vor Wut.
    „Duilin ist nicht mein Schwalbenkönig!“, protestierte ich.
    „Ja, noch nicht“, erwiderte er.
    „Plant Ihr erstmal Euer Haus und gründet es. Ich habe getan, was Ihr verlangt habt“, sagte ich und hob das Kinn. „Dann überlege ich es mir noch einmal.“
    „Vilyanna.“ Er machte einen Schritt hinter seinem Amboss hervor, als ich mich umdrehte und zur Tür stolzierte. Schwang da etwa eine Entschuldigung in seinem Tom mit?
    „Ich habe mir das nicht ausgedacht“, rief er mir nach. „Ich kenne Duilin nicht. Dein Schwalbenkönig wird er von anderen genannt.“
    Ich stürmte aus der Schmiede. Lächerlich. Mein Schwalbenkönig. Sehr lächerlich. Zumindest wollte ich mir das einreden.

    Ich zog mich nach Hause zurück. Der Himmel war voller grauer Wolken, die die blasse Sonne verdeckten. Es begann zu regnen und ich setzte mich vor meinen Webstuhl. Idril hatte mir gesagt, dass ich morgen nicht kommen müsse, denn sie wolle offene Haare tragen und bürsten konnte sie selber. Mir war es recht.
    Draußen zog sich der Himmel immer mehr zu und es fing an zu gewittern. Ich stand auf und zog die Vorhänge vor den Durchgang nachdraußen, aber der Wind wehte sie in den Raum zurück und Sprühregen durchnässte den Teppich zu meinen Füßen. Blitze krachten und der Donner grollte. Das Unwetter kam mir nicht normal vor und ich fragte mich, ob Morgoth es über das Gebirge schickte. Donner und Blitz hörten gegen Mitternacht auf, aber regnen tat es immer noch, als ich am frühen Vormittag erwachte. Der Brunnen in dem Innenhof, den ich mir mit ein paar anderen aus dem Haus der Goldenen Blume teilte, war übergelaufen und das Wasser schwappte bis zu meiner Treppe. Die Pflanzen ließen ihre Köpfe hängen und die goldenen Blumen hatten jeglichen Blütenstaub verloren.
    Als ich auf die Straße trat, sanken meine Stiefel sogleich in dem angespülten Matsch. Ich drehte mich auf dem Absatz wieder um und verschwand im Haus. Da ich nirgends gebraucht wurde, konnte ich auch zuhause bleiben.

    Der nächste Tag war auch nicht besser. Schneeregen fiel auf die Straßen und machten diese rutschig. Aber mir war langweilig geworden und außerdem musste ich zu Idril.
    Und bei meinem Glück traf ich natürlich Duilin. Einerseits freute ich mich, andererseits wurden wir schon wieder zusammen gesehen, denn hier standen überall aufmerksame Wachen.
    „Guten Morgen“, sagte ich und lächelte ihm zu. Er strahlte mich an.
    „Ich denke nicht, dass du bei diesem Wetter zum Schießplatz kommst?“, fragte er und blieb stehen.
    „Nein, vermutlich nicht.“
    „Der Winter kommt. Es wird erstmal nicht besser. Wir hatten lange keinen Schnee mehr, aber jetzt sieht es ganz danach aus.“
    Bitte, Duilin, dachte ich. Auch wenn du über da Wetter redest, du wirst schon mein Schwalbenkönig genannt und ich bin nur eine Zofe!
    „Schnee ist auf jeden Fall besser als so viel Regen“, erwiderte ich. „Er zerstört die ganzen Blumen. Ich meine, Frost wird das natürlich auch tun“, fügte ich hinzu und wurde rot. Ich quatschte einfach nur Unsinn.
    „Ich muss zu Frau Idril“, sagte ich schnell und er nickte.
    „Bis dann, Vilyanna.“
    Er lief weiter und ich funkelte die Wachen an. Ihre Blicke verfolgte mich und zum Zeichen, dass sie alles genau gehört hatten, neigte einer von ihnen den befiederten Helm. Ich seufzte. Gut, dann war das nun mal so.
    Ich lief weiter durch die Korridore des Palastes und blieb Idrils Gemächern stehen. Ihre Zimmertür stand halb offenen und ich zögerte. Stimmen erklangen. Es war der König. Die Wachen, die am Ende des Flures stand, sah zu mir herüber und ich deutete auf die Tür.
    „Der König?“, fragte ich lautlos.
    Die Wache nickte. „Schon seit zehn Minuten“, erwiderte ebenso leise.
    Ich ging zu ihm herüber. „Ich möchte da nicht reinplatzen.“
    „Natürlich nicht“, meinte die Wache und seine grünen Augen musterten mich.
    „Hättest nie gedacht, dass ich mich der Wache anschließe, was?“ Er schob seinen Helm ein Stück hoch und dunkle Strähnen fielen ihm ins Gesicht.
    „Talion!“, sagte ich erstaunt. „Du, der Ungeduldigste überhaupt, bist jetzt bei der Königsgarde? Ich meine, du bewachst den ganzen Tag Frau Idrils Zimmer. Warum hast du mir nicht eher Bescheid gegeben, dass du es bist? Ich laufe jeden Morgen an dir vorbei!“
    „Ich bin erst seit einer Woche hier. Ich wurde sozusagen befördert. Vorher stand ich vor einem Turm, draußen, in der Nähe des Caragdûrs.“
    Talion waren früher wie Geschwister gewesen, bis wir beide alt genug waren, um irgendwelche Berufe zu übernehmen. Er gehörte ebenfalls zum Haus der Goldenen Blume, aber ich hatte ihn relativ lange nicht mehr gesehen.
    „Ich denke, ich weiß zurzeit mehr über dich als du über mich“, sagte er und trotz des Helmes sah ich sein Grinsen. „Scheint ja gerade ziemlich gut bei dir zu laufen.“
    „Du plapperst das nach und weißt ja nicht was du redest“, entgegnete ich und verschränkte die Arme vor der Brust. Talion riss in gespieltem Unglauben die Augen auf. „Besser als gut?“
    Ich seufzte. „Hör zu, ich weiß auch nicht, was da gerade passiert.“
    „Das weißt du sehr wohl.“
    „Nein, tue ich nicht.“
    „Du bist weder blind noch taub, Vilyanna.“
    „Aber vielleicht dumm.“ Ich erlaubte es mir, über mich selbst zu lächeln. „Und vielleicht lässt mich die Vernunft und der Unglaube alles nicht richtig verstehen.“
    „Was, deiner Meinung nach, sollte man denn Verstehen?“, fragte Talion.
    „Warum Duilin sich so viel Zeit für mich nimmt.“
    Jetzt riss er die Augen wirklich auf. „Das? Das verstehst du nicht? Und von welcher Vernunft und welchem Unglauben redest du? Duilin-“ „Schsch, nicht so laut.“ „Duilin“, fuhr er leiser fort. „ist kein Valar und auch nicht aus Stein. Die Liebe fällt, wo sie hinfällt.“
    Ich schnaubte. „Du bist Wache, kein Poet, Talion.“
    „Wir sind alle Poeten, tief in uns drin.“
    „Manche mehr und manche weniger.“
    „Du weniger.“
    „Ganz genau, und deshalb kann ich damit nicht richtig umgehen.“
    Talion warf den Kopf zurück und lachte.
    „Was?“, fragte ich. „Talion, DU bist ja auch nicht in meiner Situation.“
    „Nein, denn Idril wäre die Einzige unerreichbare für mich. Es gibt mehr Hauptmänner in Gondolin, als Frauen in dieser Position. Es gab schon viele Elbinnen vor dir in solch einer Lage und sie wurden alle glücklich.“ Er verstummte und richtete sich gerade auf. Ich brauchte mich nicht umzudrehen, zu wissen, dass Turgon in unsere Richtung kam.
    „Du kannst gehen, Vilyanna. Idril möchte heute nicht ihr Zimmer verlassen“, sagte der König.
    „Jawohl, Majestät“, erwiderte ich und knickste. Turgon ging weiter.
    „Ich würde nach ihr sehen“, flüsterte Talion. „Was ist denn jetzt los?“
    Ich nickte, ebenfalls überrascht und etwas besorgt. Ich lief zu ihrer Zimmertür und klopfte leicht an.
    „Geht weg!“, rief Idril und ich zuckte von der Tür zurück.
    „Herrin, ich bin es“, sagte ich vorsichtig. Einen Moment lang herrschte Stille, dann wurde die Tür aufgerissen und Idril stand vor mir. Sie hatte offene Haare und ein Ausdruck der Empörung stand in ihrem Gesicht geschrieben. Erst hatte ich Angst, dass es gegen mich gerichtet war, aber dann lächelte sie leicht. „Komm rein“, bat sie mich ruhiger. Ich trat ein und sie schloss die Tür. Sofort darauf begann sie in ihrem Zimmer auf uns ab zu spazieren. Sie lief auf den Balkon, kam wieder zurück und umrundete mich.
    „Herrin, ist alles in Ordnung mit Euch?“, fragte ich nachdem sie ihren Schminkhocker um trat. Sie war barfuß, wie immer.
    „Dieser Maeglin!“, rief sie. „Mein Cousin“, betonte Idril dann und warf sich auf ihr Bett. Die Kissen flogen hoch und blieben auf ihr liegen. Ich kam näher und nahm die Kissen von ihr herunter.
    „Mein Vater hat ihn zum Prinzen ernannt. Das ist berechtig und dagegen habe ich nichts“, erzählte sie und wurde ruhig. Aber dann brach das Gezeter erneut aus ihr hervor. „Und seine erste Bitte -oder wie immer man das nennt-war ich!“
    „Wie, Ihr?“, fragte ich.
    „Er hat um meine Hand angehalten!“, rief sie. „Mein Cousin, dessen Eltern erst vor kurzem gestorben sind, hat nichts Anderes im Kopf als seine Verwandte!“
    Ich war so erschrocken, dass ich es nicht verbergen konnte. Obwohl es Idrils Möbel waren, sank ich auf einen ihrer Stühle. Es störte sie nicht. Sie nahm so etwas eh nie kleinlich.
    „Was hat Euer Vater gesagt?“, fragte ich schließlich, nachdem sie aufgehört vor sich hin zu schimpfen.
    „Er hat gesagt, dass Maeglin mich persönlich fragen soll und genau aus diesem Grund gehe ich heute, morgen und auch übermorgen nicht raus.“
    „Und was, wenn er zu Euch kommt?“, fragte ich.
    „Das sind die Zimmer einer Frau und ob er Prinz ist oder nicht, wenn er diese ohne meine Einverständniserklärung betritt, können die Wachen ihn in Gewahrsam nehmen.“ Sie lachte leise.
    „Beinahe wünsche ich mir sogar, dass er es macht, damit die Wachen ihn ergreifen können.“
    „Dann ist es kein guter Start mit Maeglin“, seufzte ich. „Ich habe mit ihm gesprochen, Herrin, ich sollte ihm ja überbringen, dass er sein Haus gründen könne.“
    „Ich werde zusehen, dass er es doch nicht kann“, fauchte Idril. „Er wird doch ein typsicher Dunkelelb. Er tut alles, um zu haben was er will. Macht und Einfluss.“
    „Vor allem“, fing ich an. „Ist es ihm egal, dass Ihr seine Cousine seid?“
    „Ja, anscheinend. Das ist inzestuös.“
    „Ja, Eure Hoheit, das ist es.“
    Idril erhob sich aus ihren Kissen. „Wie war er zu dir, als du mit ihm gesprochen hast?“
    „Er war eigentlich ganz nett. Er hat mir gedankt, dass ich es Euch erzählt habe und fragte mich, ob ich eine Maulwürfin werden will, denn bei unserer ersten Begegnung, sagte ich ihm, dass ich selber schmiede-soweit ich die Möglichkeiten dazu habe.“ Ich dachte kurz an unser Gespräch zurück.
    „Aber ich habe ihm gesagt, dass ich vermutlich zu den Schwalben wechseln werde.“
    Idril setzte sich auf und sah mich lächelnd an.
    „Dann fing Maeglin an, von meinem Schwalbenkönig zu sprechen“, sagte ich und betonte es, um zu unterstreichen, dass ich diesem Begriff nicht zustimmte. „Ich habe ihm widersprochen und er behauptete, dass es noch nicht mein Schwalbenkönig wäre.“ Ich wurde rot. „Dann bin ich gegangen und er rief mir hinterher, dass er nur nachreden, worüber die anderen quatschen.“
    Idril nickte. „Gestern hielten wir Rat und Rog hat Duilin so genannt. Schwalbenkönig einer Goldenen Blume hieß es, denn nicht alle wissen deinen Namen, aber wohl dein Gesicht und wenigstens deine Haarfarbe.“
    „Das ist mir so peinlich“, gab ich zu. „Es kam so schnell. Ich habe bis vor ein paar Tagen noch nie mit Duilin geredet, bis ich an dem Schützenplatz stehen blieb und er mich zu sich rief.“
    „Vilyanna, das ist alles halb so schlimm. Du bist nicht seine Cousine.“
    Ich senkte den Kopf. „Verzeiht, Herrin, ich sollte ich Euch nicht mit meinen unnützen Sorgen belästigen.“
    „Ich kümmere mich gerne um die Sorgen meines Volkes“, sagte Idril und klang wie eine Königin.
    „Aber jetzt habt Ihr eigene“, sagte ich überzeugt. „Und man hat mir schon gesagt, dass ich wegen Duilin keine Sorgen haben sollte.“
    „Das stimmt“, pflichtete Idril bei. „Die solltest du wirklich nicht haben. Duilin ist sehr angesehen und du weißt ja, der sicherste Schütze, schnellste Läufer und beste Springer.“
    Ich schwieg und sie stampfte wieder durch ihr Zimmer, ein sehr untypisches Verhalten von Idril.
    „Kannst du bitte noch einmal mit ihm reden, Vilyanna?“, fragte sie. „Du scheinst dich ganz gut mit ihm zu verstehen und ich möchte es ihm nicht persönlich sagen.“
    „Ich soll ihm sagen, dass Ihr nein sagt, oder dass Ihr ihn nie und nimmer heiraten werdet?“
    Sie lächelte gequält. „So dramatisch und bestimmt wie möglich.“
    Ich nickte.

    Es war kalt draußen und eine dünne Schicht Schnee lag auf den Straßen und Dächern.
    Ich wickelte mich in meinen Mantel und genoss das feine Knirschen des Schnees unter meinen Schuhen.
    Ich hatte noch nicht oft Schnee erlebt, den meisten oben im Gebirge, als ich mich einmal den Hämmern des Zorns bei ihrer Rohstoffsuche im Winter angeschlossen hatte, war von der Kälte und der harten Arbeit aber nicht begeistert gewesen. Jetzt hatte ich sich das geändert. Wenn Maeglin sein Haus dann bald gründen würde, würde ich es mir schon angucken. Sein Programm, ein Haus für Schmiede und dann nicht so aggressiv und gefährlich wie die Hämmer des Zorns, klang verlockend. Und, wenn Duilin nicht wäre, würde ich eine Maulwürfin werden. Aber so konnte ich mich bald stolz eine Schwalbe nennen. Das Haus der Goldenen Blume war wirklich sehr angesehen und reich, aber da hatte ich ja schon drüber gesprochen. Ich passte nicht zu Glorfindels Leuten.

    Ich lief durch das kleine Schmiedeviertel. Hier waren auch andere Häuser vertreten, die edle verzierte Waffen und Schmuck schmiedeten. Bestimmt war Maeglin hier um schon Maulwürfe zu suchen.
    Ich hatte recht. Er stand bei paar Pfeilschmieden aus Haus des Himmlischen Bogens und redete mit ihnen.
    Er sah mich nicht kommen und als ich auf einmal neben ihm stand, zuckte er zusammen.
    „Ah, du“, sagte er.
    „Ich komme von Frau Idril“, erwiderte ich und versuchte so kalt und bestimmt wie möglich zu klingen.
    Er hob die Augenbrauen und ein Glitzern trat in seine Augen. „So? Was sollst du denn ausrichten?“
    „Ein nie-und-nimmer-nein“, antwortete ich und schaute ihm fest in die dunklen Augen.
    „Und sie ist sich sicher?“, fragte Maeglin. „Sie hat nicht darüber nachgedacht, das ist das Problem der Frauen.“
    „Was wisst Ihr schon über Frauen? Ihr seid im Wald aufgewachsen und wisst nicht worüber Ihr redet!“, warf ich ihm an den Kopf. Die Pfeilschmiede wichen einen Schritt zurück, als sich Maeglin vor mir aufbaute. Er war erschreckend groß und mein Mut verschwand noch schneller als er gekommen war.
    „Sag deiner Herrin, sie soll es sich überlegen und nicht so voreilig sein. Und warum sagt sie es mir nicht persönlich? Du bist nur ihre kleine Zofe, die ihr die wunderschönen Haare macht. Du hast mir geholfen, aber pass jetzt auf, auf wessen Seite du dich stellst!“, zischte er bedrohlich.
    „Wenn Ihr schon von Seiten wie in einem Krieg sprecht, solltet Ihr Gondolin wieder verlassen, Ihr habt uns anscheinend nicht verstanden!“, fauchte ich tapfer, obwohl alles in mir schrie bloß keine Ärger anzufangen, drehte mich um und rannte davon.

    Ich rannte zurück zum königlichen Palast und direkt in Talion, der seinen Wachdienst für heute beendet hatte. Ich überlegte schnell, trotzdem noch zu Idril zu laufen, entschied mich dagegen und blieb vor Talion stehen.
    „Nicht so schnell, ich hätte dich fast aufgespießt“, sagte er, hing sich den Speer auf den Rücken und nahm den Helm ab.
    „Du willst doch bestimmt wissen, warum der König heute bei Frau Idril war, oder?“, fragte ich.
    Er zuckte mit den Schultern. „Klar, warum nicht. Wenn es nicht zu persönlich ist.“
    „Ha, bald weiß es eh die halbe Stadt.“
    „Dann will ich einer der ersten sein“, grinste er. „Aber lass und vorher woanders hin, wir können nicht im Palast rumstehen.“
    Talion und ich setzen und in ein Wirtshaus im Viertel des Hauses der Harfe.
    Ich erzählte ihm alles, was in letzter Zeit passiert war, insofern er es noch nicht wusste.
    „Hoffentlich passt er sich noch an“, meinte Talion schließlich. „Auch, wenn er jetzt Prinz ist, muss er sich benehmen.“
    „Nicht nur das“, pflichtete ich ihm bei. „Er wollte seine Cousine ehelichen.“
    „Wie konnte der König nur sagen, dass sie sich das überlegen soll? Er muss Maeglin das gleich aus dem Kopf schlagen!“
    „Das verstehe ich genauso wenig, wie, warum Eol noch den Speer hatte. Duilin sagte mir, dass es da um Ehre geht und Turgon nur an die Sicherheit seiner Stadt gedacht hat.“
    „Er hätte an die Sicherheit seiner Schwester denken sollen“, seufzte Talion. „Die arme Aredhel!“
    „Vielleicht hätte Maeglin nicht um Idrils Hand angehalten, wenn sie noch leben würde“, überlegte ich. „Seine Mutter hätte ihm das ausgeredet.“
    „Sicherlich“, meinte Talion. „Was tust du nun? Ich meine, auf wessen Seite wirst du stehen?“
    „Auf Idrils natürlich. Aber ich möchte auch nicht zu Maeglins Feindin werden“, seufzte ich. „Das ist eine wirklich blöde Situation. Ganz abgesehen davon, bin ich mittlerweile in ganz Gondolin bekannt.“
    „Richtig, deine Haare, Duilin, dein Kontakt mit vielen Häusern, Idrils Zofe. Du bist prominent würde ich sagen.“
    Ich lachte und lehnte mich zurück, aber dann wurde ich wieder ernst.
    „Dann bringt Prominenz aber ganz schön viele Probleme mit sich. Mindestens zwei.“
    „Zwei?“
    Ich wurde rot. „Maeglin und Duilin.“
    Talion lachte ihm Unglauben auf. „Das habe ich dich vorhin schon gesagt! Duilin ist doch kein Problem. Vilyanna, ehrlich, schätz dich glücklich.“
    „Schon gut, schön, dass es nun alle gehört haben“, sagte ich, denn drei Elben in unserer Nähe hatten sichtbar die Ohren gespitzt.
    Talion senkte die Stimme. „Sprich mit Duilin, halte dich erstmal von Maeglin fern und versuche dich aus Idrils Angelegenheiten rauszuhalten, auch wenn du ihre Zofe bist.“
    „Das kann ich jetzt nicht mehr. Ich bin zur Botin zwischen ihr und Maeglin geworden.“
    Talion verzog das Gesicht und sah mich mitleidig an. „Sehr schlecht.“
    „Ich weiß“, meinte ich ungeduldig. „Das ist sehr schlecht. Warum soll ich mit Duilin sprechen? Hast du gerade gesagt.“
    „Sag Hallo und warte darauf, dass er was sagt. Geh Bogenschießen bei den Schwalben“, schlug er vor.
    „Erstens: es ist zu kalt, zweitens, warum soll ich warten, dass er was sagt?“
    „Was weiß ich denn?“
    „Du hast es gesagt, Herr Poet.“
    „Versuche herauszufinden, was er eigentlich will.“
    „Alle sagen, er will mich heiraten“, murmelte ich.
    „Willst du es herausfinden?“, fragte Talion und beugte sich über den Tisch. Seine grünen Augen blickten mich neugierig an. Er wollte es nämlich auch wissen. „Wir Gondolindrim reden viel, nicht alles davon ist wahr. Verschaff dir selber Klarheit.“
    Ich nickte und wir grinsten uns an.

    Er begleitete mich zum Schießplatz der Schwalben und ging dann weiter zu sich nach Hause. Es war vielleicht kalt, aber eigentlich hatte ich das nur als Ausrede nutzen wollen, bis Talion mich überzeugt hatte. Ich trug schließlich einen Mantel und musste den glitzernden Frost auch ein bisschen genießen.
    Duilin war da, wie immer. Aber er bemerkte mich gar nicht, denn er unterhielt sich mit Glorfindel. Sie schienen sich gemeinsam über etwas aufzuregen. Ich versuchte dem Blick meines Anführers zu entgehen, denn ich konnte ja auch auf den Schießplatz der Goldenen Blumen gehen, aber ich war hier.
    Meine Haare schienen aber in dem weißen Licht des Himmels zu leuchten, denn ich zog sehr viel Aufmerksamkeit auf mich, mehr als sonst. Vielleicht achteten die Schwalben auch mehr auf mich, das konnte natürlich auch sein.
    „Hallo, Vilyanna“, sagte Glorfindel als ich in seiner Nähe den Bogen nahm, den ich beim letzten Mal von Duilin bekommen hatte.
    „Hallo, Herr“, piepse ich und knickste. Duilin lächelte mir erfreut zu und ich erwiderte sein Lächeln leicht.
    „Pfeile sind dahinten“, sagte er zu mir und deutete auf einen Unterstand. Ich nickte und ging mir Pfeile holen. Ich trug eh Handschuhe, also brauchte ich keinen weiteren Schutz. Manche trugen einen Armschutz, aber der etwas verstärkte Ärmel meines Kleides reichte auch aus. Außerdem drehte ich den Arm aus, so wie Frauen es bei Bogenschießen tun mussten. Nach der ersten Passe, also dem ersten Durchgang, holten wir alle unsere Pfeile. Meine Pfeile waren etwas über die Scheibe verstreut, aber eigentlich ganz gut-fans ich bis ich meine Nachbarn sah. Es sah aus, als würden sie ihre Pfeile spalten und ich zog etwas neidisch meine Pfeile aus dem frostüberzogenen Stroh.
    Als ich zurückkam, redeten Duilin und Glorfindel noch immer.
    Ich schoss weiter. Bei meinem letzten Pfeil stand er hinter mir. „Ruhig, ganz ruhig“, sagte er und ich fuhr erschrocken zusammen. Er umrundete mich, damit er mich ansehen konnte.
    „Du hast es mitgekriegt, oder?“, fragte er.
    „Was genau?“, fragte ich vorsichtig zurück.
    „Maeglin hat um Idrils Hand angehalten.“
    „Ja, das habe ich mitbekommen“, sagte ich, atmete aus und löste den Pfeil. Er landete sehr mittig.
    „Ich sollte Maeglin Frau Idrils klares Nein überbringen.“
    „Wie hat er reagiert?“
    „Er sagte, dass Problem bei Frauen wäre, dass sie nie nachdenken“, knurrte ich und sah die Schießlinie entlang, um zu sehen, wer noch schoss.
    „Daraufhin habe ich erwidert, dass er sich doch gar nicht mit Frauen auskennt“, erzählte ich und blickte zurück zu Duilin. Er hörte mir amüsiert zu.
    „Dann wurde er etwas wütend und hat gesagt, ich solle mich für eine Seite entscheiden.“
    Duilins Lächeln verschwand. „Der wird noch Probleme machen, wenn er so redet.“
    „Ja, so ähnlich habe ich das auch gesagt.“
    „So ähnlich?“
    „Ich sagte, dass er Gondolin gleich wieder verlassen könne, da er uns anscheinend nicht verstanden hat.“
    „Oho, und dann?“
    „Dann bin ich weggerannt.“
    Jetzt lachte Duilin wieder. „Du bist unverbesserlich, Vilyanna, wirklich. Du hast das Richtige gesagt und auch getan.“
    „Und hoffentlich ohne Konsequenzen.“
    Alle waren schon losgegangen, um ihre Pfeile zu holen und ich eilte ihnen hinter her. Duilin wartete auf der Schießlinie. Er hatte selber auch einen Bogen in der Hand, was mit gar nicht aufgefallen war.
    Bis zum Abend schossen wir gemeinsam. Er auf sechzig Meter und ich auf fünfzig. Ich war mir sicher, dass er extra um bei mir zu sein, auf eine für ihn so kurze Entfernung schoss.
    Trotz der Handschuhe konnte ich schon bald meine Finger nicht mehr spüren. Die Schwalben trugen auch alle Handschuhe oder Fingerlinge, man sah ihnen aber ebenfalls an, dass ihnen kalt war. Ich nahm mir, vor eine Mütze zu nähen. Mützen waren selten. Wir Elben trugen eigentlich immer Kapuzen, aber eine Kapuze störte beim Bogenschießen, denn sie drehte sich nicht mit dem Kopf.

    Die Sonne verschwand schon sehr früh hinter den Bergen um Gondolin und ich suchte in der Dunkelheit den Weg nach Hause. Natürlich kannte ich mich sehr gut in Gondolin aus, aber mit Schnee sah alles so anders aus. Er glitzerte im blassen Licht der Sterne, der Mond war nur eine schmale Sichel zwischen ihnen.
    Duilin und ich hatten nicht mehr allzu viel geredet, was Talion wissen wollte, hatte ich also nicht erfahren. Wenn die Gerüchte stimmten, würde ich das schon irgendwann merken. Aber der vermutliche unvermeidliche Streit zwischen Idril und mir gegen Maeglin machte mir viel mehr zu schaffen. Wie schon einmal gesagt, ohne Duilin würde ich zu den Maulwürfen gehen, sobald das Haus gegründet war, aber Duilin war halt da. Nur weil ich zu einem Bogenschützenhaus ging, hieß es nicht, dass ich nie wieder schmieden würde. Jedes Haus schmiedete. Aber ich war mir sicher, dass die Maulwürfe, anders als das Haus des Hammers des Zorns, umgänglicher wären und wir nicht nur Waffen, sondern auch den schönsten Schmuck Gondolins herstellen würden. Maeglin war jetzt ein Prinz und damit reich, also konnten die Maulwürfe auch Edelsteine für ihre Arbeit benutzen. Ich seufzte, als ich mein Haus fand und mir den Schnee von den Stiefeln abtrat. Ich war nur eine Zofe, aber was konnte mir der Kampf zwischen den Anführer Gondolins nachher noch antun?

    Ich konnte nicht schlafen um legte mir schließlich mehrere Pläne zurecht. Bei allen gab es mindestens einen Haken oder eine Unsicherheit, aber das musste ich dann eingehen.
    Der erste war, dass ich zu den Maulwürfen ging, aber weiterhin Idrils Zofe blieb, mich jedoch von den Schwalben fernhielt. Bei dem zweiten Plan, würde ich mich komplett gegen Maeglin wenden, zu den Schwalben wechseln und um alles auf der Welt Idril gegen ihn helfen. Der dritte sah so ähnlich aus, nur, dass ich mich da bei den Schwalben verkriechen würde, und Idril alleine ihrem Problem stellen musste.
    Der vierte war sehr merkwürdig. Den falls Duilin mich heiratete, war ich raus aus der Sache. Das war Plan vier. Er heiratete mich.
    Plan fünf: Mich komplett auf Maeglins Seite stellen, hoffen, dass Duilin nicht um meine Hand anhielt und als Idrils Zofe aufzuhören. Letzteres konnte ich jederzeit machen, das hatte sie mir mal gesagt. Sie freute sich nur immer sehr über ihre schönen Frisuren und weil sie mich außerdem bezahlte, blieb ich. Ich brauchte das Geld eigentlich nicht, jeder kümmerte sich um jeden und das Haus der Goldenen Blume war außerdem eines der reichsten Häuser. Ich kannte zwar keine genauen Summen, aber, wenn wir in der Lage waren, alles mit Gold zu überziehen, was wir hatten, musste es wohl so sein. Das war ein weiterer Grund, warum ich mein Haus wechseln wollte. Es war vielleicht kleinlich, aber Gold passte nicht zu Silber. ich trug auch nie Gold, was die Mitglieder der Goldenen Blume manchmal etwas enttäuschte. Es sah mit meinen Haaren einfach nicht gut aus.
    Schließlich machte ich mir so viele Gedanken, dass ich kurz bevor die Sonne aufging, doch noch einschlief.

    Am nächsten Tag wurde Maeglins Haus gegründet. Er hatte einen kleinen Maulwurf, eingewickelt in schwarze Seide, auf dem Arm, als Verdeutlichung des Namens seines Hauses.
    Ganz Gondolin traf sich auf dem Gar Ainion, dem Götterplatz. Maeglin stand auf der Treppe des königlichen Palastes neben Turgon, hinter ihm stand Idril, die sich dichter als sonst in einem Mantel gehüllt hatte und ihren Cousin grimmige Blicke zu warf. Die Hauptmänner Gondolins standen am Fuß der Treppe und konnten den König und Maeglin nicht sehen.
    Sie schauten alle sehr missmutig drein, der einzige, der leicht und nervös lächelte war Salgant. Er trug einen dickeren Mantel als alle anderen, rieb sich ständig die Hände und sah mit seiner Untersetztheit einfach nur lächerlich aus. Das Haus der Harfe tat mir leid. Sie waren tapfere und edle Krieger, aber ihr Anführer war ein dicker Feigling.
    Maeglin hielt eine Rede, in der er alle Schmiede und Handwerker überzeugen wollte, ein Maulwurf zu werden. Es war echt eine beeindruckende Rede und ich dachte über meine Pläne aus der Nacht nach.
    Dabei streichelte Maeglin die ganze Zeit seinen Maulwurf und ließ zum Schluss das Wappen seines Haues entrollen. Es war braun-schwarz mit goldenen Verzierungen. Der Maulwurf war nicht drauf, das konnte ich auch verstehen, die Schwalben hatten auch keinen Vogel auf ihren Bannern und Schilden.
    Maeglin konnte sehr gut mit Worten umgehen, fiel mir auf, und war wirklich überzeugend gewesen. Als er den kleinen Maulwurf in die Luft streckte und sogar Idril aus ihrer Deckung kam, war ich mir sicher, dass ich mich auf jeden Fall nicht gegen Maeglin stellen würde.

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1512051053
Vilyanna - Verrat von Gondolin Teil 2
Vilyanna - Verrat von Gondolin Teil 2
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2017-11-30
402C
Herr der Ringe

Kommentare (2)

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Nolawen Moredhel ( von: Nolawen Moredhel)
vor 7 Tagen
Danke, Sarah :) Hobbit mag ich gar nicht und bei Herr der Ringe möchte ich nichts verändern. Un da ich Gondolin mag... vielleicht schreibe ich auch noch etwas mit den Söhnen Feanors. Hatte ich schon mal, ist aber nicht gut
Sarah Laureen (18496)
vor 8 Tagen
Gefällt mir bisher sehr gut! Besonders deshalb, weil die Geschichte weder in der Zeit des Hobbits noch im Herr der Ringe spielt. Hut ab!