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Vilyanna - Verrat von Gondolin

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1 Kapitel - 6.699 Wörter - Erstellt von: Nolawen Moredhel - Aktualisiert am: 2017-12-03 - Entwickelt am: - 94 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Vilyanna ist eine silberhaarige Elbin aus Gondolin. Diese Geschichte erzählt von ihrem Leben bis zu der Zerstörung Gondolins und wie genau es dazu kam.

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    Ich wurde an dem Tag von Aredhels Aufbruch geboren. Aredhel war 316 E.Z. mit ein paar Begleitern aus Gondolin geritten, um die Söhne Feanors zu besuc
    Ich wurde an dem Tag von Aredhels Aufbruch geboren. Aredhel war 316 E.Z. mit ein paar Begleitern aus Gondolin geritten, um die Söhne Feanors zu besuchen und die großen Wälder von Beleriand zu erkunden. An diesem Tag und genau zweihundert Jahre nach der Fertigstellung von Gondolin wurde ich geboren. Trotz meiner Noldor-Eltern hatte ich weißblonde, fast silberne Haare. Niemand verstand das, aber man glaubte mir, dass ich eine Noldo war, denn meine Augen hatten ein strenges kaltes Grau-Blau und ich war geschickt im Schmieden und in der Handarbeit wie die meisten meines Volkes. Als ich etwas älter wurde, stellte man mich in den Dienst Idrils ein. Ich konnte sehr gut flechten und wurde jeden Morgen zu ihr gerufen, um ihr die Haare zu machen. Idril trug weder Schuhwerk noch Kronen oder Diademe, umso schöner waren ihre Haare. Ich flocht ihre goldenen Wellen zu Ranken und wunderschönen Zöpfen und verzierte sie mit Blumen oder Blättern von den Bäumen Glingol und Bansil, die beiden Nachbildungen der zwei Bäume aus Aman.
    Alle prahlten immer von Idrils wunderschönen Haaren, aber ich, die ihre Haare jeden Tag machte, fand sie weder weicher noch voller oder fluffiger als mein Haar. Aber die anderen schwärmten von der Farbe. Goldene Haare wurden gerne gesehen-weißblond schon nicht mehr. Ich gehörte dem Haus der Goldenen Blume an. Unser Anführer war Glorfindel und auch er hatte goldene Haare. Ich war in ganz Gondolin die Einzige mit silbernem Haar. Ich mochte Idril Celebrindal nicht sehr. Sie war zu perfekt, zu schön und die Erbin des Königs. Ja, vielleicht war ich eifersüchtig, aber wer war das nicht. Andere sagten, ich solle mich glücklich schätzen als ihre geliebte Zofe. Sie hatte mit nie gesagt, dass ich ihre geliebte Zofe wäre. Manchmal dankte sie mir, aber eigentlich sprach sie immer davon, wie sie noch schöner aussehen könnte. Nachdem ich fertig mit dem Flechten war, zog ich mich zurück und schmiedete oder machte irgendeine andere Handarbeit. Aus den Edelsteinen meines Hauses fertigte ich Schmuck und an den Blicken der anderen Gondolindrim wusste ich, dass es angebracht wäre, den schönen Schmuck, meinen schönen Schmuck, Idril zu schenken. Aber sie nahm nicht alles von mir. Ihr Blick war immer freundlich, wenn sie mich abwies, aber sie wusste genauso gut wie ich, dass ich meinen Schmuck nicht auf Krampf verschenken wollte.
    Gondolin war perfekt und ich konnte mir nicht vorstellen, dass Tirion oder Alqualonde noch schöner waren. Schließlich, auch wenn das vielleicht nicht zählte, blühten unsere zwei Bäume im Wechsel. Der Eine bildete den Tag mit goldenen Blättern, der Andere die Nacht mit silbergrünen Blüten
    Sie waren zwar nur eine Nachbildung der Zwei Bäume. Turgon hatte sie erschaffen und in den königlichen Gärten aufstellen lassen.
    An einem nebligen kalten Morgen war ich auf dem Weg zu Idril. Um von dem Stadtteil des Hauses der Goldenen Blume zum königlichen Palast zu kommen, musste ich durch das Gebiet der Schwalben.
    Die Mitglieder des Hauses der Schwalben waren die besten Bogenschützen Gondolins. Ihre Farben waren weiß, dunkelblau, purpurrot und schwarz und ich konnte mir gut vorstellen zu ihnen zu gehören, denn ich hatte mich auch schon mal in Bogenschießen versucht und war sehr gut gewesen. Ihr Anführer war Duilin. Er war hier der schnellste Läufer, beste Springer und sicherste Bogenschütze.
    Ich kam jeden Tag an seinem Haus und dem angrenzenden Schießplatz vorbei. Heute Morgen blieb ich am Zaun stehen. Duilin stand ganz alleine auf dem Platz und schoss. Er trug ein weißes Wams und einen dunkelblauen Umhang und schaute tatsächlich aus wie eine Schwalbe. Seine schnellgeschossenen Pfeile verschwanden in dem Nebel, soweit schoss er.
    Ich starrte gedankenverloren den Pfeilen hinterher und als der Letzte verschwand, bemerkte ich gar nicht, dass er aufgehört hatte zu schießen.
    „Vilyanna“, rief er leise. Vielleicht dämpfte das Wetter seine Stimme auch nur. Ich zuckte zusammen.
    „Ja, Herr?“
    „Ich bin nicht dein Herr“, sagte er freundlich und hing sich deinen Bogen über. „Dein Herr ist Glorfindel.“
    „Ihr seid aber auch ein Hauptmann“, erwiderte ich und trat durch das Tor auf den Platz. Er ging los, um seine Pfeile zu holen. „Komm mit“, meinte er. „Glaubst du, dass alle Pfeile auf der Scheibe sind?“
    Ich wurde rot. „Natürlich. Ihr seid der beste Schütze in ganz Gondolin.“
    „Denkst du das trotz des Nebels? Ich habe nicht wirklich gesehen, wo ich hin schoss.“
    „Ja, trotz des Nebels.“
    „Komm, mal sehen, ob du recht hast.“
    Er ging los und ich folgte ihm. Der Tau in dem Gras durchnässte meine schmalen Schuhe, aber ich beschwerte mich nicht. Natürlich nicht. Duilin und ich legten fast hundertfünfzig Meter zurück, bis wir zu seiner Scheibe kamen.
    „Wie viele Pfeile habt Ihr verschossen?“, fragte ich.
    „Zehn“, antwortete er.
    Zehn purpurrotgefiederte Pfeile steckten in der Scheibe. Zwar nicht alle zusammen, aber in einem engen Umkreis. Ich sah aus den Augenwinkeln wie er mein Gesicht beobachtete. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Er hatte gewusst, dass ich recht hatte. Warum tat er das? Ich lächelte ihm leicht zu.
    „Ihr habt keinen vorbeigeschossen, Herr.“
    „Du hattest also recht“, sagte er und fing an die Pfeile aus dem Stroh zu ziehen.
    Ich stand neben ihm und schwieg. Was sollte ich denn schon sagen? Ich war eine Zofe, was machte ich hier eigentlich? Zeit verschwenden.
    „Tut mir leid, Herr“, sprudelte es aus mir heraus. „Ich muss zu Frau Idril, sie möchte nicht, dass jemand anderes ihr die Haare macht.“
    „Schon gut“, sagte er und steckte seine Pfeile in den Rückenköcher. „Geh nur. Du bist hier aber immer herzlich willkommen, Vilyanna aus dem Haus der Goldenen Blume.“
    Verwirrt lief ich von dem Platz und beeilte mich zu Idril zu kommen. Sie bemerkte meine nassen Schuhe, denn sie hinterließen Spuren auf dem Marmorboden, was mir mehr als peinlich war.
    „Wo bist du gewesen?“, fragte sie. Das geht Euch nichts an, wollte ich sagen, aber dann senkte ich den Blick. Ich konnte nicht einschätzen, ob sie freundlich und drängend oder einfach nur neugierig gefragt hatte. Ich ging von allem aus, es hatte also keinen Sinn zu lügen. Idril bekam eh alles heraus.
    „Auf dem Schießplatz der Schwalben“, piepste ich.
    Eigentlich war ich selbstbewusst oder zumindest normal. Auf keinen Fall schüchtern. Aber ich gab mich nur mit Leuten ab, die mir Befehle erteilen konnte, und das schüchterte einen schon ein.
    „Auf dem Schießplatz?“, wiederholte sie und eine andere Zofe, die ihr Bett machte, kicherte.
    „Ja, Eure Hoheit.“
    „Einfach so? Alleine?“
    „Nein, Eure Hoheit.“
    „Wer war denn da?“
    „Duilin, Eure Hoheit.“ Meine Güte, ich hatte jetzt dreimal hintereinander Eure Hoheit gesagt. Nervte Idril das nicht? Aber ich war mir sicher, dass es der Anstand es und verbot, selbst wenn sie uns bat, sie Idril zu nennen.
    „Duilin? Hat er dich eingeladen?“
    „Mehr oder weniger, Herrin.“ Ich beendete ihren Zopf und steckte eine Blüte hinein.
    „Danke, Vilyanna.“ Sie stand auf und drehte sich um. „Hast du auch geschossen?“
    Ich sah auf meine Hände. Warum war ihr das so wichtig?
    „Nein, Eure Hoheit.“
    „Was hast du dann gemacht?“
    „Duilin wollte von mir wissen, ob ich denke, dass all seine Pfeile auf der Scheibe wären.“
    „Und?“
    „Ich habe ja gesagt. Und es stimmte.“
    Sie lachte. Es klang warm und ich war erleichtert.
    „Duilin schießt nie vorbei“, sagte sie, dann verließ sie den Raum und die andere Zofe folgte ihr. Ich fing noch einen neugierigen Blick von ihr auf.
    Ich verstand das nicht. Weder, warum Duilin das hatte wissen wollen, noch, die Ausfragerei von Idril.
    Ich verließ den königlichen Palast und ging einen Umweg nach Hause. Irgendwas in mir wollte jetzt nicht noch einmal von Duilin angesprochen werden. Zumindest nicht, wenn jetzt mehr auf dem Platz los wäre, sagte ein anderer Teil in mir. Im Grunde wollte ich schon noch mal von ihm angesprochen werden…
    Mein Umweg führte mich durch das Gebiet des Hauses des Hammers des Zorns. Hier lebten große Schmiede, viele von ihnen waren aus Morgoth Kerkern entflohen und alles was man über sie sagen konnte, spiegelte sich in dem Namen ihres Hauses wieder.
    Als ich durch ihre Schmieden lief und mir die Hitze des Feuers und der Klang schmiedender Hämmern entgegenschlug, war ich fasziniert. Nicht von den Schmieden selbst, viele von ihnen waren missgestaltet durch ihre Gefangenschaft beim Feind, andere sahen einfach finster aus. Nein, ich war fasziniert von ihrer Arbeit. Ich verstand viel von Schmieden, zumindest viel mehr als andere Zofen. Und die Arbeit dieser Elben, war nicht so filigran und fein, wie die der anderen Häuser. Dieses Haus war aber auch nicht so reich wie andere, was schon mal ein Grund war, dass sie keine Edelsteine in ihre Waffen schmiedeten. Ihre Waffen waren aus dunklem Stahl und sahen matt und gleichzeitig sehr scharf aus. Sie waren definitiv effektive, und zwar sehr effektive, Waffen. Ich wusste, dass das Haus des Hammers des Zorns Hämmer zum Kampf einsetzte. Niemand wollte in Wettkämpfen gegen sie antreten, da sie alle Schilde und Rüstungen zerstörten, auch wenn sie besiegbar waren.
    Ich kam nach Hause und verrichtete den Rest des Tages meine Handarbeiten.

    Als ich am nächsten Tag zum königlichen Palast wollte, war ich verdutzt als ich auf die Straße trat. Über Nacht waren die Straßen geschmückt worden. Silberne und weiße Blütenblätter lagen auf dem Boden und alles schien noch perfekter als sonst.
    „Was ist los?“, fragte ich eine Elbin, als diese mit einem Pferd vorbeikam.
    „Ich glaube, die Häuser treffen sich. Ein paar Ausgewachsene wollen ihre Häuser wechseln. Unteranderem sind auch zwei Hochzeiten dabei.“
    Ausgewachsene. Ich war das noch nicht ganz. Vielleicht könnte ich dann zu den Schwalben wechseln.
    „Danke“, sagte ich und eilte weiter.
    Ich kam zu dem Platz der Götter, auch genannt Gar Ainion. Die Brautpaare und die anderen, die ihr Haus wechseln wollten, standen auf der Mitte des Platzes. Im Hintergrund standen die Anführer der Häuser und vor allen Turgon. Wo war Idril? Wartete sie auf mich?
    Ich rannte die geschwungenen Treppen zum königlichen Palast hinauf und stürmte zu Idrils Gemächern. Kurz vor der Tür zügelte ich meinen Schritt und klopfte an.
    „Vilyanna?“
    „Ja, Euer Hoheit.“
    „Schnell, komm herein!“
    Ich öffnete die Tür, panisch und verängstigt. Aber Idril stand im Raum und strahlte mich an.
    „Ich wollte heute mein Haar offen lassen“, sagte sie und ich starrte sie an.
    „Ist es nicht hübsch?“, fragte sie besorgt.
    „Oh, doch natürlich, Eure Hoheit. Wollt ihr … gar nichts in Euer Haar?“
    „Woran denkst du denn?“
    Ich zog ein kleines Diadem hinter meinem Rücken hervor. Ein goldener Edelstein funkelte in der Mitte.
    „Das Diadem, mit dem ich dich beauftragt habe! Du warst aber sehr früh damit fertig, Vilyanna. Es ist sehr schön.“
    Sie beugte sich etwas vor und ich schob es ihr vorsichtig in die Haare. „Ich trage so etwas nur selten, denn die Diademe, die ich sonst immer bekomme, scheinen so viel zu verdecken, aber dieses hier ist perfekt.“
    Ich lächelte. „Schön, dass es Euch gefällt, Herrin“
    Wir gingen zusammen zum Gar Ainion.
    Die Gondolindrim jubelten als Idril zu ihrem Vater schritt. Ich blieb in ihrem Schatten.
    Die Brautpaare wurden vermählt und wir sangen. Dann entsagten die Elben auf der Mitte des Platzes ihrem Haus und schworen einem Anderem die Treue. Es herrschte vollkommendes Schweigen. Manche waren bedrückt, wenn ihr Haus ein Mitglied verlor, das andere Haus wieder rum freute sich und zeigte ihren neuen Mitgliedern tiefen Respekt. Das Haus der Schwalbe verlor zwei Mitglieder. Ein Elb wechselte zu meinem Haus, dem Haus der Goldenen Blume, und die andere Elbin ging zum Haus der Quelle.
    Ich stand sehr weit vorne, da ich Idril begleitete hatte und als ich zu den Hauptmännern Gondolins herübersah, bemerkte ich Duilins Blick. Er lächelte leicht, dann sah er zu seinen ehemaligen Mitgliedern herüber und sein Lächeln verschwand. Ich würde zu ihm wechseln, das stand fest. Dann würde ich mich halt mehr dem Bogenschießen widmen und nicht mehr der Handarbeit, aber eigentlich musste ich das nicht. Die Frauen waren fast in jedem Haus gleich. So ein Wechseln, von einem der reichsten und beliebtesten Häuser, zu den Bogenschützen, würden viele sicherlich nicht verstehen, aber ich mochte die Schwalben. Vielleicht lag es auch daran, dass mein Vater eine ehemalige Schwalbe war. Ich schmunzelte leicht über diesen Ausdruck. Warum nannten sie sich Schwalben, wenn es so viele andere Bezeichnung gab? Warum nach diesem Vogel? Ich fand es lustig.
    Bald war die Zeremonie vorbei und die Elben verteilten sich wieder. Auf einmal stand Duilin neben mir. „Wie alt bist du?“, fragte er.
    „Hundertvierzig“, antwortete ich überrascht und vergaß sogar das „Herr“.
    Er neigte den Kopf und seine dunkelbraunen Haare fielen ihm ins Gesicht. Dann folgte er seinem Haus. Noch vier Jahre, dann wäre ich ein Yén alt und würde mich für das Haus der Schwalben entscheiden. Duilin wusste das.

    Am Nachmittag ging ich auf einen Schießplatz. Es war ein kleiner Platz, der zu den Mitgliedern des Hauses der Goldenen Blume gehörte.
    Man empfing mich freundlich und überrascht, da nicht viele Frauen und erst recht keine, die nicht aus dem Haus des Himmlischen Bogens oder der Schwalben, Bogenschossen.
    Man gab mir einen Langbogen und stellte mich zu den vierzig Meter Scheiben. Ich schoss zwar nicht vorbei, aber sonderlich gut fand ich mich jetzt auch nicht.
    Ich konnte nicht sagen, ob es mir Spaß machte oder nicht. Während des Schießens war da mehr eine Entschlossenheit zu treffen.
    „Was bringt dich dazu Bogenzuschießen?“, fragte mich ein Elb, der neben mir seine Pfeile einsammelte.
    „Ich weiß nicht so genau“, log ich. „Ich möchte es mal ausprobieren.“
    „Du machst das aber nicht zum ersten Mal“, sagte der Elb und ich freute mich etwas darüber, denn das musste ja heißen, dass ich nicht so schlecht war.
    „Das stimmt. Es hat mir gefallen“, antwortete ich.
    Gegen Abend verließ ich den Platz wieder und schlenderte durch die Gärten Gondolins. Viele verschiedene Häuser trafen sich hier. Als ich mich auf eine Bank setzte, sah ich in der Nähe, Idrils andere Zofe mit ein paar Schwalben tuscheln. Das gefiel mir nicht, denn sie hatte mir gestern Morgen so einen neugierigen Blick zu geworfen. Ich wollte nicht, dass Gerüchte in Umlauf gesetzt wurden, nur, weil Duilin, der Anführer der Schwalben, einmal mit mir geredet hatte.

    Zwei Tage später herrschte große Aufregung. Aredhel, die Schwester Turgons und weiße Maid Gondolins kehrte zurück! Ich rannte auf die Stadtmauer und schlängelte mich durch die anderen.
    Aredhel und ein junger Elb standen vor dem Tor. Turgon umarmte seine vermisst geglaubte Schwester und begrüßte den Elb neben ihr. Er blickte finster drein und musste wohl wider seinen Willen staunen bei dem Anblick unserer Stadt. Er hatte schwarze Haare und dunkle Augen, das konnte ich selbst von der Stadtmauer aus erkennen.
    „Ar-Feiniel!“, riefen die Elben um mich herum und ich stimmte mit ein.
    Ar-Feiniel war ebenfalls ein Name von Aredhel. Ich betrachtete die Königsschwester, die an dem Tag meiner Geburt ausgeritten war und bis jetzt als vermisst galt.
    „Das ist mein Sohn, Maeglin“, sagte sie zu Turgon und wir begrüßten auch ihren Sohn mit Rufen.
    Turgon und seine Schwester zogen sich in den königlichen Palast zurück. Maeglin stand verloren zwischen uns, bis Glorfindel und Egalmoth sich um ihn kümmerten.
    Es wurde ein Fest gefeiert und ich musste wieder zu Idril, um ihr die Haare kunstvoll hochzustecken.
    „Sie ist meine Tante“, sagte sie. Ja, das wissen wir alle, dachte ich und schwieg.
    „Ich freue mich so sie wiederzusehen. Mich würde es interessieren, wer der Vater ihres Sohnes ist. Dieser Maeglin, mein Cousin, sieht aus wie ein Dunkelelb, findest du nicht?“
    „Ich kenne keine Dunkelelben, Eure Hoheit.“
    „Oh, naja, du hast sicherlich schon von ihnen gehört.“
    „Ja, Eure Hoheit.“
    Ich legte den Kamm zur Seite und steckte die letzte Nadel in die Frisur.
    „Ich finde, er sieht geheimnisvoll aus“, rutschte es mir heraus und Idril lachte.
    „Ist das gut oder schlecht?“
    „Ich weiß nicht, Herrin.“
    „Ich denke, mein Cousin wird sich hier gut einleben“, sagte Idril, aber ihre Stimme klang belegt. Sie war klug und weitsichtig und hatte irgendetwas an Maeglin bemerkt. Aber ich fragte sie natürlich nicht.
    Am Nachmittag saß ich bei den anderen Mitgliedern meines Hauses und wir sangen und tanzten.
    Die Sonne strahlte gegen die weißen Türme der Stadt und ihr Licht ergoss sich über die Straßen und brachte die Marmorböden zum Funkeln. Ich fragte mich oft, was außerhalb von Gondolin passierte, denn nur wenig Nachricht drang uns durch, und die Boten, welche man aussandte, überbrachten ihre Mitteilungen nur dem König und den anderen Hauptmännern.
    Ich stickte etwas vor mich hin und hörte den Gesängen der anderen zu. Auf einmal stach ich mir in die Fingerspitze und zuckte zusammen. Blut tropfte auf mein Tuch und färbte dein weißen Stoff rot. Unglücklich blickte ich darauf. Warum hatte das passieren müssen. Ich war sonst nie so unachtsam. Aber heute wirbelten mir die Gedanken nur so durch den Kopf und ich war nicht einmal ansatzweise so ruhig und konzentriert wie sonst. Dafür war in letzter Zeit viel zu viel passiert.

    Nachdem ich am nächsten Morgen bei Idril gewesen war um ihr zwei schmal Zöpfe zu machen und diese mit einer Brosche festzustecken, lief ich durch Gondolin.
    Ich entdeckte Maeglin in der Nähe des Hauses des Hammers des Zorns.
    Er redete mir Rog, dem Anführer dieses Hauses. Rog schüttelte den Kopf und Maeglin redete weiter auf ihn ein. Ich konnte nicht verstehen, worüber sie sprachen und näherte mich ihnen unauffällig.
    „Ihr seid doch alles hervorragende Schmiede“, sagte Maeglin gerade. „Wollt den nicht mehr Ansehen in dieser Stadt gewinnen?“
    „Wir haben Ansehen“, erwiderte Rog. „Jedes Haus wird angesehen.“
    „Warum zieht ihr euch dann so zurück und schmiedete nur für euch Waffen? Ihr beäugt Fremde misstrauischer und wisst ganz genau, dass euch die anderen Häuser anders entgegentreten als untereinander.“
    „Sie haben Respekt, denn unsere Waffen sind schwer und gefährlich. Ich weiß nicht, was du hier willst, Maeglin, Ar-Feiniels Sohn, aber ich kann dir entweder raten uns beizutreten, wenn du auch ein Schmied bist, wie du sagst, oder einem anderen Haus die Treue zu schwören, wenn du so viel Ansehen haben willst!“ Rog drehte sich um und schwang dabei bedrohlich einen Schmiedehammer. Ich wollte mich wieder davonmachen, aber auf einmal entdeckte Maeglin mich und rief nach mir.
    „Wie heißt du?“, fragte er. „Gehört zu dem Haus des Hammers des Zorns?“
    „Ich bin Vilyanna und komme aus dem Haus der Goldenen Blume“, antwortete ich und starrte in seine dunklen funkelnden Augen.
    „Wer ist dein Herr?“
    „Glorfindel.“ Wie sollte ich ihn bloß anreden? Auch mit Herr?
    „Was machst du dann hier?“, wollte er wissen und klang, als würde er konzentriert nachdenken. Aber über was?
    „Ich bewundere die Schmiedekunst“, sagte ich. Das war doch nicht falsch, wenn er auch ein Schmied war, oder?
    Maeglin lächelte sogar. „Aber du bist keine Schmiedin?“
    „Nein, ich habe aber auch nicht die Möglichkeit eine zu sein. Zurzeit bin ich Idrils Zofe und schmiede höchstens kleinen Schmuck.“
    Er schwieg kurz. „Idrils Zofe?“
    „Ja.“
    „Sie ist Turgons Tochter, richtig?“
    „Ja, das ist sie.“
    Seine Lippen wurden schmal. „Und meine Cousine.“
    Warum sah er auf einmal so wütend aus?
    „Bist du eine Noldor?“, fragte er und der Ausdruck auf seinem Gesicht verschwand.
    „Ja, auch wenn man es mir nicht ansieht.“
    „Vielleicht kannst du mir helfen.“
    Ich sah ihn mit großen Augen an. „Bei was könnte ich Euch helfen?“
    „Ich möchte ein neues Haus gründen.“ Er beobachtete meine Reaktion.
    Ich war verblüfft und neugierig. Wieso wollte er ein neues Haus gründen und warum sollte ich ihm helfen?
    „Und wie soll ich Euch da helfen?“, fragte ich schließlich. „Ich habe nicht so viel Geld und bin nicht sehr einflussreich.“
    „Könntest du mit Idril darüber sprechen oder mit allen anderen, mit denen du dich traust zu sprechen? Ich möchte, dass es die Runde macht, aber keiner soll es von mir erfahren. Ich würde alles im Hintergrund planen und, wenn der König davon erfährt, werde ich mit ihm verhandeln.“
    Das klang so einfach.
    „Ich soll also das Gerücht in Umlauf bringen, Ihr würdet ein Haus gründen?“
    „Ja, bis es kein Gerücht mehr ist. Du kannst das erste Mitglied sein.“
    Das war doch alles lächerlich, dachte ich. Außerdem wollte ich zu den Schwalben.
    „Ich bin noch zu jung, um mein Haus zu wechseln. Ich glaube, Ihr seid es auch noch“, traute ich mich zu sagen.
    „Ja, ich habe von dieser unsinnigen Regel gehört. Erst mit einem Yén darf man seinem Haus entsagen. Aber ich entsage nicht, ich gründe.“
    Ich seufzte leise. „Warum wollt Ihr das?“, fragte ich. „Was soll das Zeichen Eures Hauses werden?“
    „Ein Maulwurf“, sagte er ohne zu überlegen.
    Ich lachte verblüfft und sein Blick wurde kalt.
    „Entschuldigt bitte“, meinte ich. „Aber warum ein Maulwurf?“
    „Mein Vater war ein Schmied und ich bin es auch. Ich grabe im Gebirge nach Erz und Edelsteinen und das erinnert mich an einen Maulwurf. Ist das zu lächerlich?“
    „Nein, ich glaube nicht“, antwortete ich, denn ich hatte nachgedacht. Ich wollte schließlich zu den Schwalben. War das besser?
    Auf einmal wurden Rufe laut.
    „Zu den Toren, jemand ist gekommen!“, rief man.
    „Kommt Ihr mit?“, fragte ich, denn Maeglin machte plötzlich ein komisches Gesicht.
    „Ja, doch ich glaube schon.“
    Wir liefen zu den Toren. Wachen zerrten einen großen dunkelhaarigen Elben auf den Platz.
    Als Maeglin ihn entdeckte, rannte er auf einmal wieder davon. Ich folgte ihm.
    „Wer ist er?“, rief ich ihm hinterher.
    „Maeglin!“ Aber war zu schnell und verschwand in dem Gewirr der Straßen. Irgendjemand würde ihn später finden und zu seiner Mutter bringen. Ich kehrte zurück zu den Toren. Man hatte den Fremden zum König gebracht und ich hörte, dass es ein Dunkelelb war. Andere behaupteten auch, er wäre der Vater von Maeglin. Maeglins Reaktion zu Folge, schätzte ich, dass er geflohen war. Und zwar zusammen mit seiner Mutter. Meine Neugier siegte und ich ging zum königlichen Palast.
    Ich wurde natürlich nicht in die Halle gelassen, redete aber mit einer mir bekannten Wache.
    „Das ist Eol“, sagte er und sah sich um, ob jemand uns zuhörte. „Ar-Feiniel und ihr Sohn sind vor ihm geflohen und er ist ihnen gefolgt. Der König stellt ihn nun vor die Wahl: Für immer hierbleiben oder der Tod.“
    „Warum der Tod?“, fragte ich erschrocken.
    „Er ist ein Dunkelelb und, wenn Ar-Feiniel ihm, ihren Mann, schon nicht traut, tut der König das ganz gewiss nicht.“
    „Oh, natürlich nicht.“
    Die Saaltüren wurden einen spaltbreit geöffnet und eine andere Wachen huschte hindurch. Er kann zu uns. „Eol hat sich für den Tod entschieden. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie er geflucht und den König, Ar-Feiniel und Maeglin verflucht hat. Am meisten hat er über seinen Sohn geschimpft. Er soll beim Caragdûr in die Tiefe gestürzt werden.
    „Bei Yavanna und Aule!“, rief ich leise aus. Das sagte ich immer, denn sie waren meine Lieblingsvalar, gerade Aule, der Schmiedegott.
    „Wieso hat er sich für den Tod entschieden?“
    „Er würde hier keine Freunde finden“, sagte die erste Wache.
    „Wie schlimm kann es schon sein?“, fragte ich.
    „Das weiß keiner aus Ar-Feiniel und Maeglin“, meinte die zweite Wache.

    Ich suchte in ganz Gondolin nach Maeglin. Schließlich fand er mich.
    „Was ist mit meinem Vater?“, fragte er.
    „Komm mit, er soll getötet werden.“ Ich hatte ihn nicht formell angeredet!
    „Kommt mit zum Caragdûr“, verbesserte ich mich schnell, aber er wischte das mit einer Handbewegung weg. „Schon gut, nenne mich ruhig Maeglin.“
    Aber seine Augen blicken finster drein, als er mir folgte. Ich führte zur Nordseite des Amon Gwareth. Caragdûr war eine schwarze Felswand, die unter der Stadtmauer aufragte.
    „Du!“, schrie Eol auf einmal, als er Maeglin entdeckte. Aredhel war ebenfalls da und eilte zu ihrem Sohn.
    „Du hast Angst mir unter die Augen zu treten, was?“, brüllte Eol seinen Sohn an und Wachen hielten den Dunkelelb fest, damit er Maeglin nicht angriff. Aber auf einmal riss er sich los und packte einen Speer, der auf seinem Rücken hing. Er holte aus und schleuderte ihn auf Maeglin.
    Der Moment war auf einmal wie in Zeitlupe, zumindest kam es mir so vor. Der Speer drehte sich langsam in der Luft. Ich sah wie Maeglin seine schwarzen geheimnisvollen Augen aufriss, als der Speer auf ihn zu kam. Dann trat ein weißschwarzer Schatten dazwischen und als der Speer Aredhel mit voller Wucht traf, endete die Zeitlupe. Wir schrien auf, die Wachen packten Eol und stießen ihn zum Rand der Stadtmauer. Turgon wurde blass und rannte zu seiner Schwester, die in den Armen ihres Sohnes hing. Der Speer ragte aus ihrer Schulter.
    „Werft ihn hinunter!“, schrie Turgon und nahm Maeglin Aredhel ab.
    Maeglin stürmte zu der Stadtmauer, als die Wachen Eol die Arme auf den Rücken drehten und ihn über die Stadtmauer warfen. Ich nahm zwei Stufen auf einmal und blickte über die Mauer nach unten. Eols Körper schlug mehrmals auf den Felsen und sein Gesicht war zu einer furchterregenden Fratze verzerrt. Maeglin stand wie eine Statur auf der Mauer. Wenn der Wind nicht seine dunklen Haare bewegt hätte, hätte ich ihn für eine Marmorfigur halten können.
    Eols verrenkter Körper verschwand in der Tiefe. Er hatte nicht geschrien, aber sein Gesicht war schlimmer als jeder Todesschrei gewesen. Schließlich drehte Maeglin sich um und stürmte Turgon und Aredhel hinterher, die man in den königlichen Palast brachte. Ich stand immer noch auf der Mauer und starrte auf den Felsen. War ich die Einzige, die sich fragte, warum man Eol nicht den Speer abgenommen hatte?
    „Vilyanna.“ Jemand trat neben mich und löste vorsichtig meine verkrampften Hände von dem kalten Stein. Dunkle Haare wehten in mein Sichtfeld und ich blickte auf die blauen Handschuhe, die meine Hände festhielten.
    „Du hättest das nicht sehen sollen“, sagte Duilin.
    „Es ist schon in Ordnung, er hat es verdient“, flüsterte ich. „Ich verstehe, warum Aredhel und Maeglin geflohen sind.“
    Ich sah ihn an. „Manchmal habe ich ganz komische Gefühle, weil Aredhel an dem Tag meiner Geburt aufgebrochen ist und jetzt das.“
    „Du denkst, es hat etwas mit deiner Geburt zu tun?“, fragte Duilin und langsam drang Wärme durch die Handschuhe auf meine eiskalten Hände.
    „Denkst du das wirklich?“
    Ich zucke mit den Schultern und zitterte. Vielleicht lag es an dem Wind, an Eols Gesicht oder an der Übelkeit, die in mir aufgestiegen war, als sich auf einmal alles verlangsamt hatte.
    „Ich mache mir auch oft Gedanken über meine Haare. Ich bin die Einzige mit diesem Ton.“
    „Wie Silber in der Sonne“, sagte Duilin. „Du musst dir keine Gedanken machen. Rothaarige Elben sind ebenso selten, werden aber geboren. Ich bin mir sicher, dass es in Beleriand weitere Elben mit silbernem Haar gibt.“
    „Werde ich überhaupt je nach Beleriand kommen?“, fragte ich heftig. „Kommen wir hier überhaupt mal raus?“
    Jeder andere hätte mich jetzt streng angesehen und gesagt, was für einen Quatsch ich redete, aber Duilin schwieg und seine Hände schlossen sich noch etwas mehr um meine.
    „Ich weiß, was du meinst“, sagte er nach einem Moment des Schweigens.
    „Ich war früher da draußen und habe Turgon schon immer gedient. Ich bin auf der Helcaraxe geboren worden, im Schnee und Eis. Meine Mutter starb bei meiner Geburt und mein Vater und ich folgten Fingolfin und seinen Kindern überall hin. Turgon fing an Gondolin zu bauen und langsam wuchs diese Stadt um uns. Jetzt verlasse ich sie zwar noch, aber bin schon seit über 3oo Jahren nicht mehr über das Gebirge herausgekommen. Falls die Elben aus Beleriand, die Söhne Feanors, den Krieg gegen Morgoth gewinnen, werden wir Gondolin verlassen können. Wenn nicht und ganz Beleriand unter Morgoth Herrschaft fällt, wird er uns schließlich auch finden.“
    Ich hatte noch nie eine so traurig dreinblickende Schwalbe gesehen.
    „Wie alt seid Ihr?“, fragte ich.
    „46o.“
    Ich schwieg, während der Wind immer stärker wurde. Duilin trug einen dunkelblauen Mantel, aber mein Kleid war aus einem dünnen Stoff gemacht und ich wandte mich schließlich von der Mauer ab. Wir gingen die Treppe hinunter.
    „Aredhel wird das überleben“, sagte ich, aber Angst hatte ich dennoch.
    „Hoffentlich“, meinte Duilin. „Es ist schön, sie wieder in Gondolin zu haben. Und es war reiner Zufall, dass du am Tag ihres Aufbruchs geboren wurdest, hörst du?
    Ich versuchte zu lächeln. „Ich merke es mir.“ Da fiel mir etwas Anderes ein. „Ich habe mit Maeglin gesprochen. Er sagt, er möchte ein neues Haus gründen.“
    Duilin verzog keine Miene und schien wirklich konzentriert darüber nachzudenken.
    „Er denke, er wird es schaffen. Seine Mutter ist die Königsschwester und er ist ein Prinz.“
    Da hatte ich noch gar nicht drüber nachgedacht.
    „Er ist jung, aber das dürfte ihn eigentlich nicht aufhalten. Was für ein Haus will er denn gründen?“
    „Eins mit Maulwürfen“, sagte ich. Duilin zog die Augenbrauen hoch, aber dann schien ihm einzufallen, was auch ich gedacht hatte. „Wie die Schwalben.“
    Ich nickte und wir betraten einen Innenhof. Hier war es geschützter und wir setzten uns auf eine Bank.
    „Maeglin ist ein Schmied, aber zu dem Haus des Hammers des Zorns möchte er nicht.“ Ich verschwieg das Gespräch zwischen ihm und Rog.
    „Also will er ein eigenes Haus gründen. Er möchte es nach Maulwürfen benennen, weil er selber wie einer ist.“ Gut, das hatte er so nicht gesagt, also beeilte ich mich weiterzuerzählen.
    „Im Sinne vom Erzschürfen und im Gebirge nach Edelsteinen suchen.“
    Duilin schwieg kurz, dann hob er den Kopf und lächelte. „Ich denke, dass er mit der Idee durchkommt. Das einzige Problem wird die Aufteilung sein. Gondolins Stadtteile gehören allen irgendeinem Haus, keines wird Maeglin etwas abgeben wollen. Ebenso die Mitglieder. Es wird wegen unserer Regel noch sehr lange dauern, bis er genug Mitglieder hat.“
    „Genug Mitglieder für was?“, fragte ich.
    „Um als Haus zu gelten“, meinte Duilin. „Ich muss gehen, Vilyanna. Mach dir keine Sorgen mehr.“
    Er stand auf und verschwand. Ich blieb alleine in dem Innenhof zurück.

    Ich beschloss, Aredhel zu besuchen. Sie lag im königlichen Palast und wurde dort geheilt. Sie kannte mich zwar nicht, aber ich musste die Frau besuchen, die an dem Tag meiner Geburt aufgebrochen war. Auch wenn Duilin mir das hatte ausreden wollen.
    Als ich in den Raum kam, bemerkte ich gleich, dass etwas nicht stimmte. Die Stimmung war gedämpft und Maeglin kniete neben der Liege seiner Mutter und hatte seinen Kopf auf ihren Arm gelegt. Seine Augen waren geschlossen und er umklammerte die Hand seiner Mutter.
    Ich blieb in der Tür stehen. Eine Heilerin kam an mir vorbei.
    „Was ist mit Ar-Feiniel?“, fragte ich sie so leise ich konnte.
    Sie sah mich mit großen tränengefüllten Augen an.
    „Der Speer war vergiftet!“, sagte sie. Ich starrte hinüber zu Aredhel.
    Die Heilerin ging und Turgon kam. Ich knickste und ging ihm sofort aus dem Weg.
    Turgon eilte zu seiner Schwester und Maeglin sah auf.
    „Es ist Gift, sagte man mir“, flüsterte Turgon. Maeglin nickte und ich sah wie Tränen über seine Wangen liefen. Wütend wischte er sie weg und ballte die Hände zu Fäusten.
    Ich verweilte noch einen Moment an der Tür und betrachtete die weiße Maid Gondolins. Ihre Haare waren schwarz und ihre Haut weiß, genau wie bei Maeglin. Sie schlief und atmete so ruhig und flach, dass man sie schon für tot hätte halten können.

    Die Nachricht kam am Abend. Aredhel Ar-Feiniel war dem Gift, das man zu spät festgestellt hatte, zum Opfer gefallen. Klagelieder hallten durch Gondolin und sie wurde beerdigt.
    Ich ging mit Idril zu dem Begräbnis. Man bereitete Aredhel noch vor und Turgon wollte, dass ich seiner Schwester die Haare flocht.
    Also saß ich am Kopfende der Bahre und flocht die dunklen Haaren zu einer kunstvollen Frisur.
    Ich versuchte nicht auf Aredhels totes Gesicht zu blicken. Sie war immer noch schön, aber die Blässe war nun bleich, ihre Wangen eingefallen und jeglicher Zug von Ruhe war nur noch zu erahnen, denn ihre Mundwinkel waren leicht nach unten gebogen, als wäre sie traurig.
    Maeglin stand hinter mir und sagte kein Wort. Ich hob leicht Aredhels Kopf an und bettete ihn dann wieder auf der Frisur.
    Maeglin sagte auch nichts, als ich aufstand und von seiner Mutter wegtrat. Er starrte sie einfach nur an. Seine schwarzen Augen waren hasserfüllt und ich war mir sicher, dass er nicht wirklich seine Mutter sah, sondern nur Eols Gesicht kurz vor seinem Tod vor Augen hatte. Mir ging es schließlich genauso. Außerdem hatte Aredhel sich vor Maeglin geworfen und ihren Sohn gerettet. Eol hatte ihn töten wollen, nicht sie. Maeglin musste unglaubliche Schuldgefühle haben. Da Eol schon tot war, konnte er sich an niemanden mehr rächen. Er konnte es an nichts auslassen. Maeglin tat mir so leid.

    Aredhel Ar-Feiniel wurde zu den Gräbern hinter dem königlichen Palast getragen.
    Wir sangen Lieder über ihre Schönheit und nannten sie bei all ihren Namen, wie Isfin, die Weiße Maid, Ar-Feiniel, Aredhel, Irith und Irissë.
    Wir begruben sie und Turgon hielt eine Rede über seine Schwester und verdammte Eol, auf, dass er in Mandos Hallen nie Ruhe finden würde. Maeglins Lippen waren nur ein Strich. Turgon sah ihn an, aber Maeglin wandte sich ab und fügte nichts hinzu.
    Die Hauptmänner Gondolins, Maeglin, Turgon und Idril standen um dem Grab, während die wir anderen Gondolindrim zu ihnen hinaufsahen und sie schweigend beobachteten. Diese Nacht würde wahrscheinlich ein Trauerfest gefeiert werden, ich wusste es nicht so genau, denn bis jetzt war noch nie jemand von so hoher Bedeutung gestorben.
    Die Herren Gondolins standen bei dem Grab bis die Sonne unterging. Idril sang leise, aber irgendwann hörte sie auf und ihr Vater nahm sie in den Arm.
    Rog und Penlod kamen als Erste den Hügel hinunter. Penlods hochgewachsene Gestalt war zwischen den Elben nicht zu übersehen. Er war der einzige Anführer zweier Häuser, einmal von dem Haus der Säule und des Hauses des Turmes aus Schnee.
    Salgant und Galdor folgten ihnen, dann verließen auch Duilin und Egalmoth das Grab und schließlich Glorfindel und Ecthelion. Turgon führte seine Tochter die Treppe hinunter und als die Nacht hereinbrach stand nur noch Maeglin dort. Ich saß bei Freunden aus dem Haus des Himmlischen Bogens im Innenhof und wir schwiegen. Es wurden keine Laternen und Fackeln entzündet, in dieser Nacht war es komplett dunkel in Gondolin. Es war Neumond und der Himmel war verhangen und verdeckte die Sterne, also spendete noch nicht einmal der Himmel uns sein Licht.
    Ich trug ein schwarzblaues Kleid mit ungewohnt weitem Rock und liebt die Beinfreiheit. Hin und wieder raschelte ich mit dem Stoff oder streckte meine Beine aus. Sonst trug ich, wie alle anderen Zofen auch, graue oder blaue enge Kleider. Zu besonderen Anlässen trug ich Kleider in den Farben meines Hauses und bei Trauerfällen waren eigentlich Schwarz oder andere dunkle Farben vorgesehen.
    Die Nacht ging vorüber und der Morgen dämmerte. Der Himmel war lila und als der sternenlose Nachthimmel wich, vermischte sich die Farben und bildeten ein Bild der Schönheit über Gondolin. Ich verabschiedete mich von meinen Freunden und ging direkt zu Idril. Idril stand oft sehr früh auf, und wenn sie noch nicht wach war, würde ich in den königlichen Gärten spazieren gehen.
    Natürlich war sie schon wach. Ich war mir sicher, dass in dieser Nacht keiner geschlafen hatte.
    Als die Sonne aufging, begann man wieder laut zu sprechen.
    „Ich habe dich gestern mit Duilin gesehen“, sagte Idril zu mir und schaute mich über den Spiegel an.
    „Ja, Herrin“, erwiderte ich und bürstete ihre Haare. Was sollte ich schon sagen?
    „Er hat deine Hände zwischen seinen gehalten“, fuhr Idril fort und ich zwang mich, ihr nicht die Bürste durch die Haare zu reißen.
    Sie schwieg und ich sah in den Spiegel. Sie beobachtete mich und lächelte leicht um mich zu einer Antwort zu ermuntern.
    „Das hat er“, meinte ich schließlich.
    „Möchtest du nicht darüber reden?“, fragte sie.
    „Es ist mir nicht peinlich“, sagte ich. „Aber es gibt nicht viel darüber zu sagen.“
    Sie lachte. „Vilyanna, ist das dein Ernst? Duilin ist ein Hauptmann Gondolins.“
    „Das ist mir bewusst, Eure Hoheit.“
    „Wirst du den Schwalben beitreten, wenn du alt genug bist?“
    „Wahrscheinlich ja, Herrin.“
    Sie schien erfreut. „Es kann nur wegen Duilin sein. Du bist in einem der angesehensten Häuser, es muss an Duilin liegen, dass du wechseln wirst.“
    Sie sagte es so, als wäre es ein Fakt, den niemand bestreiten würde. Als wären hier noch andere, die ihr zustimmend zu nickten und sagte: „Ja, da hat sie recht.“
    Ich sagte nichts, denn ich wusste es selber nicht so genau.

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1512050300
Vilyanna - Verrat von Gondolin
Vilyanna - Verrat von Gondolin
Vilyanna ist eine silberhaarige Elbin aus Gondolin. Diese Geschichte erzählt von ihrem Leben bis zu der Zerstörung Gondolins und wie genau es dazu kam.
http://www.testedich.de/quiz52/quiz/1512050300/Vilyanna-Verrat-von-Gondolin
http://www.testedich.de/quiz52/picture/pic_1512050300_1.jpg
2017-11-30
402C
Herr der Ringe

Kommentare (2)

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Nolawen Moredhel ( von: Nolawen Moredhel)
vor 9 Tagen
Danke, Sarah :) Hobbit mag ich gar nicht und bei Herr der Ringe möchte ich nichts verändern. Un da ich Gondolin mag... vielleicht schreibe ich auch noch etwas mit den Söhnen Feanors. Hatte ich schon mal, ist aber nicht gut
Sarah Laureen (18496)
vor 10 Tagen
Gefällt mir bisher sehr gut! Besonders deshalb, weil die Geschichte weder in der Zeit des Hobbits noch im Herr der Ringe spielt. Hut ab!