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A look full of hate

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3 Kapitel - 6.319 Wörter - Erstellt von: Lost_hope - Aktualisiert am: 2017-12-09 - Entwickelt am: - 339 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Das schlimmste ist, wenn man etwas loslassen muss und trotzdem noch die Hoffnung behält, es festhalten zu können.

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    Prolog Das Prasseln des Regens, der sanft auf das Blätterdach hoch über ihren Köpfen tropfte, war das einzige Geräusch, das zu hören war in diese
    Prolog


    Das Prasseln des Regens, der sanft auf das Blätterdach hoch über ihren Köpfen tropfte, war das einzige Geräusch, das zu hören war in dieser kühlen Sommernacht. Der Mond stand hoch am Himmel und seine Strahlen warfen gespenstische Schatten auf den belaubten Waldboden.
    Sie waren zu viert, dunkel gekleidete Gestalten die lautlos mit den Schatten verschmolzen, ihre Bewegungen waren geübt und elegant, wie die eines Raubtieres auf der Jagd.
    Sie beschleunigten ihre Schritte, als der Wind, der durch die Blätter fuhr, laute Stimmen und Lachen an ihre Ohren trug. Sie flogen fast zwischen den Baumstämmen hindurch, geräuschlos wie ein Lufthauch, ihr Atem hing in weißen Wolken in der kalten Luft.
    Sie wurden erst wieder langsamer als sie auf einer Anhöhe standen, die hinunter in ein Dorf führte. Bis auf ein paar Betrunkene, die lachend und lallend über die Straßen torkelten, waren die engen Gassen wie ausgestorben, die Siedlung lag nur von ein paar wenigen Fackeln erleuchtet da.
    “Wo sind die beiden?”, fragte eine der Gestalten leise in die Stille hinein.
    Tinúviel hatte sich wie ihre Begleiter eine Kapuze über den Kopf gezogen um unerkannt zu bleiben. Unter dem dunklen Stoff waren nur ihre durchdringenden dunkelgrauen Augen und ein paar Strähnen dunkles Haar zu sehen als sie sich beunruhigt an ihre beste Freundin Natila wandte, die zusätzlich zu ihrer Kapuze noch einen Mundschutz trug, um nicht erkannt zu werden. In zu vielen Städten wurde auf ihren Kopf eine Belohnung ausgesetzt, als dass sie sich ohne diese zusätzliche Maßnahme zur Tarnung in der Nähe von normalen Menschen oder anderen Bewohnern Mittelerdes aufhalten konnte. Jetzt blickte sie sich unruhig um, an ihrer Haltung war zu erkennen, dass sie sich hier nicht wohlfühlte.
    “Tinúviel, vielleicht sind sie gar nicht mehr hier”, wagte sie zu sagen, was ihre Gesprächspartnerin ein unwilliges Schnauben ausstoßen ließ.
    “Sie hätten es mir doch gesagt, wenn sie ihre Posten verlassen hätten”, jammerte sie leise.
    Ihre Schwestern Ithilwen und Morwen waren nun schon seit zwei Wochen verschwunden und niemand wusste, ob sie ihren Auftrag erfüllt hatten oder wo sie sich befanden. Tinúviel war schließlich losgezogen um sie zu suchen, der letzte Hinweis auf ihren Verbleib war dieses Dorf mitten im Nirgendwo.
    “Was willst du jetzt tun?”, fragte Malor, Natilas Bruder, und legte beschwichtigend die Hand auf Tinúviels Schulter.
    “Ich gehe in dieses Dorf. Ich bin nicht so weit gereist, um jetzt aufzugeben”, sagte sie entschlossen und setzte sich wieder in Bewegung.
    “Komm zurück!”, zischte Natila. Als Tinúviel nicht reagierte, blickte sie sich kurz um und huschte dann mit Malor und Eadred, dem vierten Mitglied der Gruppe hinter der Elbin her.
    Als sie sie schließlich eingeholt hatten, stand sie bewegungslos in einer verschmutzten Gasse und blickte wie gebannt auf den mit Abfällen bedeckten Boden. Eine im schwachen Schein einer Fackel dunkel glänzende Flüssigkeit war auf den schlammigen Pflastersteinen zu sehen und ein metallischer Geruch lag in der Luft.Blut.
    Tinúviel wimmerte leise als sie sich in den Matsch kniete und eine feine Silberkette aus dem Dreck fischte.
    Ithilwen hatte die Kette nie abgenommen, es war das letzte, was sie von ihrem Mann hatte, der bei einem brutalen Angriff der Orks ums Leben gekommen war. Tinúviel war klar, dass ihren Schwestern etwas zugestoßen sein musste.
    Ruckartig stand sie wieder auf und drohte, ganz gegen ihre sonstige Eleganz, auszurutschen und zu stürzen, wenn Eadred sie nicht geistesgegenwärtig festgehalten hätte.
    “Vielleicht haben sie nach einem Kampf diese Straße verlassen und sitzen in einem Gasthaus, während wir uns Sorgen machen”, versuchte er sie zu trösten als sie sich schwankend an ihm festklammerte und ihre Augen sich mit Tränen füllten.
    Stumm schüttelte sie den Kopf und löste sich wieder von Eadred. Mit einer Geste gab sie ihren Begleitern zu verstehen, dass sie ihre Waffen ziehen sollten.
    “Was ist denn?”, wisperte Natila und umfasste den Griff ihres Schwertes mit beiden Händen. Sie war kleiner und zierlicher als Tinúviel, die sie mit ihrer schlanken Gestalt um mehr als einen Kopf überragte.
    “Etwas muss geschehen sein. Ihnen muss etwas zugestoßen sein”, Tinúviels Stimme zitterte leicht, während sie mit gespanntem Bogen vorwärtsschlich.
    Ihre Schwestern und sie waren die einzigen Überlebenden eines Orküberfalls auf ihr Dorf gewesen, bei dem auch ihre Eltern und die gesamte Familie grausam ermordet wurden. Sie waren mehrere Tage orientierungslos durch den Wald geirrt, bis sie auf eine Gruppe bewaffneter Menschen gestoßen waren, von denen sie freundlich aufgenommen wurden. Sie wurden versorgt, wurden in verschiedensten Kampfarten ausgebildet und mit der Zeit wurden die Menschen für sie so etwas wie eine Familie. Sie waren die ehemaligen Bewohner eines Dorfes gewesen, das von Orks überrannt wurde und dem Erdboden gleichgemacht wurde, bevor die Menschen sich wehren konnten. Sie waren heimatlos, genauso wie die drei jungen Elben, die bald zu den besten Kämpferinnen dieser in der Wildnis lebenden Gemeinschaft geworden waren. Zu Städten oder auch Dörfern hatten sie keinen Kontakt mehr, sie lebten abgeschottet, es wurde mit den Jahren vergessen, dass sie überhaupt existiert hatten. Doch das taten sie immer noch und obwohl ihre Zahl immer mehr schrumpfte, waren sie entschlossen ihr Leben, dass sie führten, aufzugeben. Sie waren neutral, entschieden sich weder für Menschen, Elben oder Orks, doch sie bekämpften die Orks, die sich mit der Zeit viel öfter in dieser Gegend blicken ließen.Und auch als Ithilwen und Morwen nicht bei der Gemeinschaft geblieben waren, sondern Aufträge annahmen, bei denen es darum ging, ganze Dörfer zu schützen und so wieder Kontakt zur Gesellschaft der Menschen und Elben zu schließen, wusste Tinúviel immer genau, wo sie sich gerade befanden, denn die Schwestern wussten immer, wo die anderen waren und wie es ihnen ging, wie durch ein Band waren ihre Seelen miteinander verbunden. Doch seit zwei Wochen spürte Tinúviel nur panische Angst, wenn sie herauszufinden versuchte, wo ihre Schwestern sich befanden. Erst dachte sie sich nichts dabei aber als sie dann immer noch nichts von Ithilwen und Morwen wusste, machte sie sich mit Natila, Malor und Eadred auf die Suche.
    Doch als sie jetzt an ihre Geschwister dachte empfand sie nicht wie erwartet schreckliche Angst, sondern nichts. Sie spürte nicht einmal ein Zeichen dafür, dass diese Verbindung je existiert hatte, wenn sie in ihrem Kopf danach suchte, war da nur Leere.
    Die Verzweiflung bohrte sich wie ein Messer in sie und sie spürte, wie ihr eine Träne über die Wange rann. Warum spürte sie nichts? Waren Ithilwen und Morwen…? Sie zwang sich, den Gedanken nicht zu beenden. Bestimmt ging es den beiden gut. Während sie versuchte, sich das einzureden schlich sie die Gasse immer weiter hinunter, die anderen waren ihr dicht auf den Fersen.
    Es war still geworden, selbst die Betrunkenen waren verstummt. Je weiter sie gingen, desto stärker wurde ihr Gefühl, dass etwas passieren würde. Die Furcht war fast greifbar und auch wenn Tinúviel nichts verdächtiges erblickte, war sie sich sicher, dass sie beobachtet wurden.
    “Orks”, wisperte sie fast lautlos, als sie einen hässlichen Schädel auf einem Hausdach sah, der kurz vom Mondlicht angestrahlt wurde. Die anderen reagierten sofort, obwohl Tinúviel nur geflüstert hatte, hatten sie alle ihre Worte gehört und wussten, was zu tun war. Schon oft hatten sie zu viert gegen Orks gekämpft, fast schon routiniert stellten sie sich Rücken an Rücken auf um sich gegenseitig zu decken. Bei Tinúviel stellte sich ein Gefühl ein, das sie in dieser Form noch nie gespürt hatte: Hass. Sonst versuchte sie immer das gute in jedem Lebewesen zu sehen, sogar in Orks, und war insgesamt eine eher sanfte Person, der es keinen Spaß macht, andere zu töten oder zu verletzen. Felaor, der Anführer der Gemeinschaft, hatte bei ihrer Ausbildung mehrere Tage dafür gebraucht, sie zu überzeugen,überhaupt eine Waffe zu berühren. Aber jetzt loderte der Hass in ihr wie ein Feuer, sie sehnte sich danach, das Schwert in Orks zu schlagen.
    Doch nichts passierte.
    Tinúviel glaubte schon, sich den Ork auf dem Dach nur eingebildet zu haben, als plötzlich ein Schrei die Luft zerriss, angstvoll und schmerzerfüllt. Ebenso abrupt wie er angefangen hatte, wurde er zu einem röchelnden Gurgeln, dann verstummte er ganz.
    Tinúviel erkannte die Stimme. Morwen hatte ihr alle Lieder beigebracht, die sie kannte, ihre Schwester hatte eine unglaublich schöne, weiche Stimme, viele Männer waren ihr wegen dieser Stimme verfallen. Allerdings hörte sie sich in diesem Moment nicht mehr sehr nach Morwen an, auch wenn Tinúviel sofort wusste, dass sie es war, die da geschrien hatte.
    Ohne Nachzudenken rannte sie in die Richtung, aus der der Schrei kam.
    Weit kam sie nicht. Ein Pfeil bohrte sich in ihre Seite, durchbohrte die Lederrüstung und drang tief in ihr Fleisch ein. Ohne auch nur nachzusehen wusste sie, dass die Wunde tief war. Mit letzter Kraft schaffte sie es mit ihrem eigenen Bogen auf den Ork auf dem Dach, der sie getroffen hatte zu zielen und als sie die Sehne losließ, flog der Pfeil in gerader Linie direkt auf die hässliche Kreatur zu und traf sie mitten ins Herz.
    Mit zusammengebissenen Zähnen sank Tinúviel in die Knie und presste die Hände auf ihre Wunde, in der immer noch der Pfeil steckte. Vor Schmerzen wurde ihr schwindelig, das Blut lief in Strömen aus der Wunde und es war unmöglich für sie, in diesem Zustand aufzustehen oder gar zu kämpfen. Ein letztes Mal wollte sie versuchen, wenigstens im Sitzen zu schießen, doch noch bevor sie sich vollständig aufgerichtet hatte, verschwamm ihr gesamtes Sichtfeld und dann umfing sie Dunkelheit.

    “Wir müssen hier weg!”, keuchte Natila. Ihr Atem ging abgehackt und Tinúviel konnte sich ihr verbissenes Gesicht gut vorstellen. Auch wenn man es in der Gemeinschaft brauchte, um zu überleben: Natila hasste es zu laufen, dabei war es egal, ob es sich um einen kurzen Sprint oder eine längere Strecke handelte. Als Tinúviel daran dachte, kamen auch die Schmerzen zurück, doch im Vergleich zu vor ihrer Ohnmacht waren sie nur noch ein leichtes Pochen.
    Als sie die Augen aufschlug war es stockfinster. Erst nachdem sie ein paar mal geblinzelt hatte, konnte sie ihre Umgebung besser erkennen. Sie befanden sich in einer weiteren verwahrlosten Gasse, hinter sich hörten sie mehrere Orks, die sich mit heiseren Stimmen Befehle zuriefen.
    “Du bist aufgewacht”, stellte Eadred fest. Tinúviel bemerkte, dass er sie trug, aber entgegen ihrer Annahme fand sie es nicht unangenehm, sondern eher...tröstlich? Trotzdem wollte sie ihn erst einmal anfahren, dass er sie herunterlassen solle, bis ihr klar wurde, dass sie es nicht schaffen würde, auf der Flucht vor den Orks mit dem Tempo ihrer Begleiter mitzuhalten. Sie versuchte sich so leicht wie möglich zu machen, um Eadred nicht mehr als nötig mit ihrem Gewicht zu behindern und lehnte ihren Kopf gegen seine Schulter. Sein Atem, der sie am Ohr kitzelte, weckte Erinnerungen in ihr. Wenn sie nicht so stur gewesen wäre, wäre es noch Gegenwart und nicht nur bittere Vergangenheit. Wenn…
    Ein Schrei ließ sie aus ihren Gedanken aufschrecken.
    “Das war Morwen!”, schrie Tinúviel schrill, als das schreckliche Geräusch verklungen war. Eadred ignorierte ihre verzweifelten Versuche sich zu befreien und hetzte Natila hinterher in eine noch kleinere und stinkigere Gasse als die, die vorher ihren Fluchtweg gebildet hatte. Aus dem abgehackten Gekeuche ihrer besten Freundin konnte Tinúviel nur das Wort “aufteilen” heraushören, Eadred nickte knapp und bog in die entgegengesetzte Richtung als Malor und seine kleine Schwester.
    “Wir müssen ihnen helfen! Sie leiden, wir müssen…”, wimmerte Tinúviel und versuchte sich abermals erfolglos aus dem Griff ihres Begleiters zu winden, wodurch sie aber ihre Wunde berührte, was einen neuen stechenden Schmerz durch ihren Körper zucken ließ und sie nur mit Mühe einen gequälten Schrei unterdrücken konnte, der möglicherweise ihre Feinde aus sie aufmerksam gemacht hätte.
    “Scht, alles ist gut”, flüsterte Eadred und blickte sich gehetzt um. Tinúviel kannte diese Seite von ihm nur zu gut, auch in aussichtslosen Situationen, in denen andere, sie eingeschlossen, aufgegeben hätten, blieb er immer optimistisch und schaffte es, allen neuen Mut zu machen. Sie hatte einen Knoten im Hals, als sie daran dachte, dass er sie nur aus Liebe begleitete, Liebe, die sie nicht erwiderte, nicht erwidern konnte. Wenn ihm etwas geschehen würde, könnte sie sich nie verzeihen, dass sie Schuld daran wäre.
    Als er sie jetzt sanft auf einem einigermaßen trockenen und sauberen Stück Boden absetzte, mit den Worten:”Ich schaue nur kurz, wo es am besten weitergeht”, hoffte er, dass sie merkte, wie viel sie ihm bedeutete. Vielleicht würde sie seine Gefühle so irgendwann erwidern.
    Tinúviel blieb bewegungslos auf der Seite liegen und sah Eadreds dunkle Gestalt, die ein paar Schritte in Richtung Hauptstraße schlich. Das Blut tränkte ihren dunklen Umhang, aber da sie keine starken Schmerzen mehr hatte, vermutete sie, dass ihre Freunde ihr ein starkes Schmerzmittel verabreicht hatten, während sie das Bewusstsein verloren hatte. Sie blickte Eadred hinterher bis er um eine Ecke bog, dann fiel ihr ein, dass sie so, wie sie hier gerade lag, ein einfaches Ziel für die Orks sein würde, unbewaffnet, blutend und hilflos wie sie war. Sie lauschte in die Dunkelheit, erwartete jeden Moment ein Geräusch von einem der Dächer zu hören, ein Zeichen dafür, dass die Orks sich entschieden hatten, sie auf diesem Weg zu verfolgen.
    Aber ihre Sinne waren von den Schmerzen und den Medikamenten, die ihr verabreicht wurden, so sehr betäubt, dass sie ihre Feinde erst bemerkte, als sie um die Ecke in den Weg einbogen, in dem sie lag. Sechs muskelbepackte Orks mit missgestalteten Fratzen stampften mit schweren Schritten durch den Schlamm, sodass das Brackwasser nach allen Seiten spritzte. Das alleine wäre für Tinúviel kein Grund dafür gewesen, was sie jetzt tat, doch um das Leben der drei Personen, die von den Orks mitgeschleift wurden und die die Elbin als Ithilwen, Morwen und Eadred identifizieren konnte, würde sie alles opfern.
    “Was wollt ihr?”, ihre Stimme hörte sich nicht halb so stark an, wie sie es gerne hätte, dünn und leise wurde sie von den Mauern an den Seiten der Gassen zurückgeworfen.
    Der erste Ork, offenbar der Anführer der hässlichen Meute, bleckte die gelblichen Fangzähne zu einem erwartungsvollen Lächeln, als er die Elbin im Schlamm kauern sah, sich vor Schmerzen krümmend, wenn sie auch nur die kleinste Bewegung machte. Sie war es ganz sicher, sie, die Besondere.
    Mit einem Nicken forderte das Oberhaupt von Saurons Dienern drei seiner Soldaten auf, mit ihren Gefangenen vorzutreten. Tinúviel könnte schreien vor Wut und Verzweiflung, als sie ihren besten Freund und ihre großen Schwestern schlaff in den dreckigen Klauen dieser Viecher sah, Ithilwen und Morwen mit tiefen Schnitten, Prellungen und Knochenbrüchen übersät, während sie bei Eadred nur eine Platzwunde an der Schläfe entdeckte. Sie mussten ihn überwältigt haben, als er nach einem möglichen Fluchtweg für sie gesucht hatte und sie tatenlos in einer Gasse lag und es nicht verhinderte.
    “Wenn du dich dem dunklen Herrscher nicht anschließt, wird erst deinen schmutzigen kleinen Freund das gleiche Schicksal wie diese beiden verdorbenen Elbenweiber treffen”, kam der Ork gleich zum Punkt. Mit einem selbstzufriedenen Grinsen riss er seinen Kollegen die Körper von Tinúviels Schwestern aus den Pranken und schleuderte sie gegen eine Mauer. Mit verrenkten Gliedern und leeren Augen blieben sie auf der Erde liegen. Obwohl kein Zweifel daran bestand, dass sie tot waren, wollte Tinúviel es nicht glauben. Es konnte nicht wahr sein. Ithilwen und Morwen, ihre wunderschönen, talentierten und liebevollen Schwestern, das einzige, was ihr von ihrer Familie geblieben war, sollten nicht mehr leben? Ihr kam es so vor, als würde sie ihre Qualen noch einmal miterleben, als hätte sie die Folter, die tiefe Spuren auf den Körpern der Kriegerinnen hinterlassen hatte, miterlebt und ihre Angst gefühlt, bevor die Orks ihr Werk endlich beendet hatten.
    Und wenn sie sich nicht Sauron anschloss, aus welchem Grund auch immer er sie auf seiner Seite haben wollte, würde Eadred das gleiche widerfahren. Das musste sie verhindern.
    Sie wollte dem Ork gerade zustimmen und damit ihr Ende als Gefangene Saurons akzeptieren, als Eadred die Augen öffnete und sich mit panischem Blick umsah.
    “Tinúviel, schließ dich ihnen nicht an, egal was passiert!”, redete er ihr ein.
    “Leise!”, knurrte sein Bewachter und blickte dann wieder wie gebannt zwischen seinem Anführer und Tinúviel hin und her, als würde sein Leben davon abhängen.
    “Tinúviel! Tu es nicht! Auch wenn sie mich töten wollen, schließ dich ihnen niemals an!”, Eadreds Simme wurde dringlicher.
    Der Anführer der Orks grunzte etwas, woraufhin Eadreds Wache sein Schwert im Herzen von Tinúviels bestem Freund versenkte.
    Tinúviel schrie auf, als sein Blick brach, seine Gestalt erschlaffte und an der Klinge des Orks Blut im Mondlicht glänzte wie ein tiefroter Rubin. Sie hatte drei der wichtigsten Personen in ihrem Leben innerhalb von so kurzer Zeit verloren, es fühlte sich an, als wäre ein Teil von ihr selbst mit den dreien gestorben. Sie fühlte nur noch Hass.
    Sie wusste genau, dass sie es nicht sollte, doch sie hatte sich nicht mehr unter Kontrolle. Sie richtete sich unter den entgeisterten blickenden Augen der Orks auf und schaute hinauf zum Mond, der silber-grau am Himmel stand. Ihre Schmerzen rückten in den Hintergrund, ebenso sehr wie die Warnungen und Ratschläge, die sie im Laufe der Jahre erhalten hatte.
    Der Regen rann über ihr Gesicht, vermischte sich mit den Tränen, die heiß über ihre Wangen liefen. Tränen vor Wut, Trauer und Verzweiflung.
    Leises Lachen machte sich unter den Orks breit, sie verstanden nicht, was Tinúviel tat. Für sie war sie nur eine weitere Gefangene, wie unzählige vor ihr, zahllose Aufträge, die sie für den dunklen Herrscher ausgeführt hatten.
    Tinúviel spürte, wie es in ihr lauerte. Und sie würde es nicht länger unterdrücken. Sie wendete den Blick vom Himmel ab und musterte stattdessen den Anführer der Orks. Seine Haut wurde grau, Stück für Stück wurde sie trocken und hart, nach nicht einmal einer Minute war er zu Stein geworden. Er knackte noch einmal, als die Verwandlung abgeschlossen war und er zu einer fassungslos dreinblickenden Statue aus grobem grauen Fels erstarrt war. Tinúviel hatte diese Fähigkeit lange versteckt und unterdrückt, bis sie wie ein eingesperrtes Tier die Kontrolle übernehmen würde, sobald sie nicht mehr stark genug sein würde, sie im Griff zu haben. Dieser Moment war gekommen.
    Tinúviels graue Augen schienen zu leuchten, wehrlos erstarrten die Orks einer nach dem anderen zu Stein. In bizarren Haltungen versteinerten ihre Gelenke, wie ein Wald aus toten Bäumen ragten sie nun vor Tinúviel auf.
    In dem Moment, in dem der letzte Ork starr und leblos mit viel Gegenwehr, die größtenteils aus Brüllen bestand, erstarrte, spürte Tinúviel ihre Schmerzen, die körperlichen wie auch die seelischen, wieder mit voller Wucht.
    Schluchzend kroch sie zu Eadred. Seine Haut war bleich und kalt, in seinen Augen spiegelte sich der Nachthimmel.
    “Es tut mir so leid”, wimmerte Tinúviel.


    Hey, danke, dass ihr meine FF lest;)
    Freue mich immer über Kommentare,
    LG lost_hope

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    Kapitel 1 Als sie mit gesenktem Kopf die Straße entlanghuschte, machten die übrigen Menschen fast automatisch einen großen Bogen um sie, als würde
    Kapitel 1

    Als sie mit gesenktem Kopf die Straße entlanghuschte, machten die übrigen Menschen fast automatisch einen großen Bogen um sie, als würde sie an einer ansteckenden Krankheit leiden, mit der die Bewohner Brees nicht infizieren wollten. Die Mütter nahmen ihre Kinder an die Hand und zogen sie auf die andere Seite der Straße, die Erwachsenen senkten den Blick, wenn sie vorbeikam und die Hunde schlichen winselnd und so schnell sie konnten in die entgegengesetzte Richtung.
    Tinúviel war all dies gewohnt, die Menschen mieden sie, die Tiere fürchteten sie und mit den anderen Völkern und Lebewesen Mittelerdes hatte sie nichts zu tun. Ihr war es nur Recht, in den letzten zwei Jahren war sie nicht gerade umgänglicher geworden, sie redete nur das nötigste und hielt sich immer länger von Städten und Dörfern fern und wenn sie von Zeit zu Zeit in Bree einkehrte, bevorzugte sie es, die Stadt erst nach Einbruch der Dunkelheit zu betreten und dann kletterte sie am liebsten über das Tor, weil sie möglichen Gesprächen mit dem Torwächter aus dem Weg ging.
    Auch heute war die Dämmerung schon hereingebrochen, am Horizont tauchten die letzten Strahlen der Abendsonne den Himmel in rotes Licht.
    Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen überwand sie die letzten Meter zum Gasthaus “Zum tänzelnden Pony”. Ihr Gang war müde und kraftlos, ihr Kopf gesenkt und ihre Schultern gebeugt, als würde sie eine zentnerschwere Last schleppen. Schon in ihren dunklen Umhang gehüllt, der ihre zerbrechliche Gestalt verhüllte, wirkte sie, als hätte sie aufgegeben, jede Hoffnung verloren. Ihr Gesicht verbarg sie vor jedem, sie wollte niemandem den Anblick dessen zumuten, was ihre Erinnerungen an die letzten Jahre waren, was sie entstellte und ihren Hass auf sich selbst ausdrückte. Sie war nur noch ein schwacher Schatten ihrer alten Persönlichkeit, ein Echo, das noch nicht vollständig verklungen war aber immer leiser wurde. Die alte Tinúviel war gestorben, in dieser verhängnisvollen Nacht vor zwei Jahren, die Schuld fraß sie von innen auf und sie hatte schon lange aufgehört zu kämpfen.
    Als sie daran dachte kamen ihr wieder die Tränen, heiß liefen sie über ihre Wangen, hinterließen brennende Spuren in ihrem Gesicht. Sie machte sich nicht einmal die Mühe, die salzige Flüssigkeit mit dem Ärmel abzuwischen. Es war ihr inzwischen egal, wie alles andere auch.
    Als sie das Gasthaus betrat, schlugen ihr Lärm und schlechte Luft entgegen. Sie wusste nicht, was sie hier eigentlich noch wollte, für sie hatte nichts einen Sinn, sie nahm nichts mehr wahr, das einzige was Tinúviel spürte, waren die Schmerzen in ihrem Inneren, die sich in ihr Herz bohrten und sie immer wieder an ihre Schuld erinnerten. Sie wusste, dass dieses Gefühl für immer bleiben würde, ihr immer zeigen würden, was sie getan hatte. Sie hatte schon oft über den Tod nachgedacht, aber sie war sich sicher, dass er zu gut für sie war, für sie, die ihren besten Freund hatte sterben lassen. Dieses Schuldgefühl, das sie kontrollierte war oft das einzige was sie daran hinderte ihrem Dasein ein Ende zu bereiten.
    “Du bist eine Mörderin”, flüsterte sie sich selbst zu bevor sie sich durch die Menschentrauben schob, die zurückwichen als sie sie sahen,”du hast deinen besten Freund getötet.”
    Tinúviel wusste nicht, warum sie so gemieden wurde aber es stärkte ihren Hass auf sich selbst, wofür sie den Leuten dankbar war, sie wollte leiden für das was sie getan hatte. Sie hatte es verdient, verachtet zu werden.
    Da sie nicht vorhatte etwas zu essen oder zu trinken, ein Luxus den sie sich selbst nicht erlaubte und außerdem besaß sie so viel Geld wie Freunde, also gar keins, setzte sie sich abseits der übrigen Gäste auf den Boden und lehnte den Kopf gegen die Wand, niemand bemerkte sie, als sie durch den Raum ging. Sie war nicht hier um sich zu unterhalten, sondern um sich zu erinnern.
    Wie oft waren Tinúviel und Eadred in diesem Gasthaus eingekehrt, obwohl es strengstens gegen die Regeln der Gemeinschaft verstieß? Wie oft hatte sie hier, in genau diesem Raum, gesessen und sich bis tief in die Nacht mit den anderen Gästen unterhalten, was ihnen ebenfalls verboten war? Und warum musste Eadred sterben, weil sie, Tinúviel, sich Sauron nicht anschließen wollte und sie war noch am Leben, obwohl sie es nicht verdiente? Sie wusste auf keine dieser Fragen eine Antwort.
    Es kam Tinúviel mehrmals so vor, als würde sie Eadreds hellbraune Haare oder seine dunkelgrünen Augen zwischen den Menschen entdecken, jedes Mal schlug ihr Herz vor Hoffnung und Aufregung schneller, dass sie sich seinen Tod doch nur eingebildet hatte, aber wenn sie genauer hinsah, bemerkte sie immer, dass alles ihrer Einbildung entsprungen war. Verzweifelt zog sie die Beine an den Körper und legte ihren Kopf auf die Knie. Entgegen ihrer Erwartung musste sie aber nicht weinen und so saß sie einfach da und lauschte den Geräuschen der anderen Gäste, hörte das Lachen, die oft schon angetrunkenen Stimmen, das Geräusch von Stuhlbeinen, die über den Boden schabten und irgendjemand gab ein Lied zum Besten, in das die anderen begeistert miteinstimmten. Warum waren alle so glücklich, wenn Eadred nicht mehr lebte? Warum konnte nicht er hier sitzen und sie begraben und verrottet in der Wildnis liegen?
    Jetzt kamen ihr doch die Tränen, schwankend stand sie auf und taumelte mit verschwommener Sicht in die Richtung, in der sie den Ausgang vermutete. Der Pfeifenrauch hüllte alles ein wie eine stinkende Wolke und die Gäste begannen für den Mann, der das Lied gesungen hatte zu klatschen. Hätte Tinúviel mehr auf ihre Umgebung geachtet, wäre ihr aufgefallen, dass der Sänger kein Mensch, sondern ein Hobbit war, der das Lied nun noch einmal anstimmte.
    Schwungvoll riss sie die Tür auf und stolperte an die frische Luft. So schnell es mit ihren zitternden Beinen ging hastete sie weiter, bis sie schließlich zwei Straßen weiter hinfiel und es nicht mehr schaffte, aufzustehen. Sie hatte keinen Platz, wo sie übernachten könnte oder wollte, also gab sie nach einigen Versuchen, sich wieder auf die Beine zu zwingen auf und schaute schwer atmend zum nachtschwarzen Himmel hinauf, an dem tausende von Sternen schienen. Es kam ihr so vor, als würde sie alle Momente, die sie mit Eadred erlebt hatte, noch einmal durchleben. Schluchzend vergrub sie das Gesicht in den Händen, als sie ihre Finger danach anschaute, glänzten sie vor Blut. Ihr Herz fühlte sich an, als würde es zerspringen, stechende Schmerzen bohrten sich von innen in ihren Bauch und ihr Herz, sie wollte, dass es aufhörte.
    Mit einer geübten Bewegung zog sie einen Dolch aus ihrem Gürtel und setzte die scharfe, im Mondlicht schimmernde Klinge an ihrem Unterarm an. Dunkelrotes Blutfluss aus der Wunde, als sie den Druck auf das Messer erhöhte und das kalte Metall in ihre Haut schnitt. Die frische Wunde kreuzte alte Narben, die sich blass und oft schlecht verheilt von Tinúviels Armen abhoben und ein wütendes Muster ergaben. Ihr Gesicht und ihre Unterschenkel wiesen ähnliche Spuren von den Momenten auf, in denen Tinúviel ihre seelischen Schmerzen mit körperlichem überdecken wollte.
    Weinend zog sie die Klinge noch einmal über ihre Haut, die rote Flüssigkeit lief ihre Finger hinunter und bildete auf dem Boden eine immer größer werdende Pfütze und obwohl sie merkte, dass sie schon anfing, sich mehr auf die Schnitte, die sich zufügte als auf die Erinnerungen an Eadred zu konzentrieren, wollte sie noch nicht aufhören. Sie hatte noch nicht genug gelitten, erst wenn sie die Schmerzen ertragen hatte, die ihre Schwestern und ihr bester Freund ertragen hatten, war sie fertig. Als sie den Dolch erneut ansetzen wollte, spürte sie eine Hand auf der Schulter, der sie innehalten ließ.

    Merry blickte wie gebannt die Sterne an, die am dunklen Nachthimmel wie Diamanten funkelten. Die nächste Laterne stand mehrere Meter von ihm entfernt, ihr Lichtschein erreichte ihn nicht mehr und um ihn herum warfen die Häuser ihre Schatten auf die Straße. Wäre da nicht die Gewissheit gewesen, dass die schwarzen Reiter hinter ihnen her waren, hätte er die wolkenlose Nacht genießen können, bis er es hörte: Ein gequältes Schluchzen zerriss die Stille. Soweit der Hobbit es beurteilen konnte, kam es aus einer Gasse, die von der Straße, auf der er sich befand, abzweigte.
    Vorsichtig schlich er vorwärts, bis er um die Ecke schauen konnte und eine Gestalt auf dem Boden kauern sah. Als er sah, dass die Person, die dort kniete einen schwarzen Umhang mit Kapuze trug, blieb ihm vor Schreck fast das Herz stehen, bis ihm einfiel, dass ein schwarzer Reiter bestimmt nicht so hoffnungslos weinen würde wie die Gestalt, die dort saß. Ihr ganzer Körper wurde bei jedem Luftholen geschüttelt und sie schien ihn überhaupt nicht wahrzunehmen.
    Als er sich ihr langsam näherte, fielen ihm das Blut, das einen kleinen See auf den Pflastersteinen der Straße und das Messer in der zitternden Hand der Gestalt, an deren Stimme er erkennen konnte, dass es sich um eine Frau handelte, auf und sofort wusste er, dass er das Mädchen daran hindern musste, das zu Ende zu bringen, was sie begonnen hatte.
    Ohne groß nachzudenken trat er hinter sie und legte ihr die Hand auf die Schulter.
    Erschreckt drehte die Frau sich um.


    Hey, das war das erste "richtige" Kapitel;)
    Ich hoffe es hat euch gefallen und ich würde mich über Kommentare freuen:)
    LG lost_hope

    3
    Kapitel 2

    Tinúviel fuhr herum und blickte in das erschrockene Gesicht eines Wesens, dass sie trotz des Dämmerlichts als Hobbit identifizieren konnte, auch wenn sie dieses Volk nur aus Erzählungen kannte. Natila hatte sich immer für die Völker Mittelerdes begeistert und davon geschwärmt, wie gerne sie Kontakt zu Lebewesen außerhalb der Gemeinschaft haben würde, zu denen sie ein freundschaftliches Verhältnis hatte und sich nicht vor jeglicher Gesellschaft verstecken musste, doch sie selbst hatte kein Interesse an den stundenlangen Schwärmereien ihrer besten Freundin gehabt. Jetzt bereute sie es, sie bereute es, dass sie die Zeit, die sie mit ihr hatte, nicht genutzt hatte, dass sie Natila und Malor verloren hatte, wenn auch nicht auf die Weise wie Eadred und ihre Schwestern, trotzdem brach jetzt auch dieser Verlust wie eine Welle über sie herein, die drohte sie zu ertränken.
    Warum musste sie jeden, dem sie wichtig war in den auch sie liebte, verlieren? Womit hatte Eadred verdient zu sterben, warum Ithilwen und warum Morwen? Tinúviel wünschte sich, ihnen allen sagen zu können, wie leid es ihr tat, auch wenn sie wusste, dass auch dies ihre Schuld nicht verringern würde.
    “Hau ab!”, schniefte sie. Der Hobbit blickte sie eingeschüchtert an, ging aber nicht weg.
    “Hast du nicht gehört? Verschwinde!”, wies sie ihn noch einmals mit tränenerstickter Stimme an und wandte sich ab. Soweit sie konnte schleppte sie sich noch ein paar Meter vorwärts bis ihre zerschnittenen Arme endgültig unter ihr nachgaben und sie auf dem Boden aufschlug. Der Schmerz raubte Tinúviel fast das Bewusstsein und sie beherrschte sich, nicht zu wimmern. Sie hatte diese Schmerzen verdient, also musste sie sie auch aushalten, es war die Strafe dafür was sie getan hatte. Oder nicht getan hatte.
    “Ich kann Euch nicht hier draußen liegen lassen”, Mist, der Hobbit war ihr gefolgt.
    “Doch, geh einfach wieder und lass mich hier liegen”, trotzig wendete sie sich von ihm ab, so gut es in ihrer auf dem Boden liegenden Position ging. Ein Rest von ihrem Stolz hatte die letzten beiden Jahre offenbar tief in ihrem Inneren überlebt und drängte jetzt an die Oberfläche.
    “Aber Ihr würdet hier draußen sterben!”, wendete der Hobbit ein.
    “Dann wäre es so. Und wer sagt, dass ich das nicht will?”, fragte Tinúviel und presste ihren verletzten Arm an die Seite. Es war ihr egal, was mit ihr geschah, sie hatte nichts zu verlieren. Ihre Freunde und ihre Familie? Sie waren tot oder verschwunden. Ihr Leben? Es war ihr nichts wert, sie könnte gut darauf verzichten. Sie hatte nichts, nur diese schreckliche Schuld, sie war alleine, niemand würde sie vermissen. Sie hatte schon genug Unglück gebracht. Also warum nicht?
    Sie lächelte, ignorierte den Hobbit, der weiterhin auf sie einredete und hob abermals das Messer, mit der Absicht, so tief in ihren Arm zu schneiden, dass sie es nicht überleben würde. Ihr war es jetzt egal, ob sie ihre Schuld schon ausgeglichen hatte, soweit sie konnte, sie wollte einfach nicht mehr.
    Die Klinge fühlte sich kalt auf ihrer Haut an, die unter dem dunklen Blut fast nicht mehr zu erkennen war. Mit dem Finger ertastete Tinúviel eine pulsierende Ader unter ihrer Haut, an dieser Stelle setzte sie sanft lächelnd das Messer an. Ein letztes Mal schaute sie hinauf zum sternenbedeckten Himmel.
    “Es tut mir leid Eadred. Es tut mir so leid, dass ich nicht getan habe, was sie gesagt haben, dann wärst du noch am Leben. Und es tut mir so leid, dass ich dich so verletzt habe”, flüsterte sie und schluchzte auf.

    Merry blieb wie angewurzelt stehen, er war zu geschockt um sich zu bewegen oder etwas zu sagen, nachdem er das gehört hatte. Das Mädchen was vor ihm lag, hatte ihren Ärmel bis zum Ellenbogen hochgeschoben und damit ihre Unterarme gezeigt. Es sah schlimm aus, unzählige Narben und halb verheilte Wunden hoben sich von ihrer blutverschmierten Haut ab, manche davon entzündet und geschwollen. Er wollte sich nicht einmal vorstellen, was sie fühlen und erlebt haben musste, um sich selbst solche Wunden zuzufügen.
    Sie setzte erneut zum Sprechen an:”Und Morwen und Ithilwen, ich konnte euch nicht retten, es tut mir leid, es tut mir so leid”, wimmerte sie.
    Als sie das Messer erneut ansetzte war es Merry klar, dass sie sich umbringen wollte. Ohne lange zu überlegen riss er ihr die Waffe aus den dürren Fingern bevor sie sich schneiden konnte und es vielleicht zu spät war.
    “Was soll das?”, fauchte das Mädchen und er war sich sicher, dass sie ihn unter ihrer Kapuze wütend anstarrte.
    Er spürte, wie er sich nicht mehr bewegen konnte, er war wie gelähmt und eine seltsame Kälte überzog seinen Körper. Er meinte, unter der Kapuze der Frau etwas rot leuchten zu sehen, wie ein Feuer, das in der Dunkelheit schien, dann legte sich ein trüber grauer Schleier über seine Augen. Panisch keuchte er auf, versuchte sich zu bewegen, aber er spürte, dass er mit jeder Sekunde mehr erstarrte. Das Rot wurde gleißender, heller, doch er konnte den Blick nicht davon abwenden, wie hypnotisiert starrte er es an, so schön, so gefährlich, so tödlich. Er hatte keine Angst mehr, das rote Licht hüllte ihn ein, beschützte ihn. Er war bereit, bereit für das, was ihn erwartete.
    Doch genauso plötzlich, wie dieses komische Gefühl ihn erfasst hatte, so schnell verschwand es auch wieder. Er stand immer noch wie angewurzelt da, aber mit einiger Mühe schaffte er es, sich zu bewegen, seine tauben Glieder zu strecken. Merry spürte die frische Nachtluft, sah die zahlreichen Sterne am Himmel leuchten. Das gleißende Rot war verschwunden. Er zitterte. Was war mit ihm passiert? Was hatte das Mädchen mit ihm getan?
    Das Mädchen. Er sah, dass sie in sich zusammengesunken war, reglos lag sie auf den Pflastersteinen, nur das leichte, hektische Heben und Senken ihrer Brust zeigte, dass sie noch am Leben war. Egal, was das eben war, sie brauchte Hilfe. Obwohl er wusste, dass es aussichtslos war, versuchte er, sie zum Gasthof zurückzuschleppen, was er aber schon nach einem Meter aufgeben musste. So dürr sie auch war, für einen Hobbit war die hochgewachsene Gestalt einfach zu schwer. Vielleicht konnten ihm ja die Gäste des “Tänzelndem Ponys” helfen.
    So schnell ihn seine Füße trugen, lief er zurück in die Richtung, aus der er gekommen war. Doch sein Blick wanderte wieder hinauf zu den Sternen, sie strahlten ungewöhnlich hell.
    Dann hörte er das Schnüffeln.


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1511648866
A look full of hate
A look full of hate
Das schlimmste ist, wenn man etwas loslassen muss und trotzdem noch die Hoffnung behält, es festhalten zu können.
http://www.testedich.de/quiz51/quiz/1511648866/A-look-full-of-hate
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2017-11-25
402C
Herr der Ringe

Kommentare (3)

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lost_hope ( von: lost_hope)
vor 2 Tagen
Kapitel 2 ist online...
lost_hope ( von: lost_hope)
vor 10 Tagen
Danke für deinen Kommentar,er hat mich echt motiviert:)
Sarah Laureen (24964)
vor 10 Tagen
Sehr düster, teilweise traurig aber fesselnd geschrieben - weiter so!