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Das Flüstern der Vergessenen (1 & 2)

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1 Kapitel - 4.263 Wörter - Erstellt von: Sarah Laureen - Aktualisiert am: 2017-11-26 - Entwickelt am: - 253 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Solay erreicht ohne nennenswerte Zwischenfälle Bruchtal. Dort trifft sie auf alte Bekannte und wird mit der feindseligen Haltung der "Südländer" Fremden gegenüber konfrontiert...

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Kapitel 1: Alte Bündnisse Der Drache hatte Recht behalten, als er ihr riet, in der Nacht des Feuermonds ihre Reise zu beginnen. Noch nie war sie so s
Kapitel 1: Alte Bündnisse
Der Drache hatte Recht behalten, als er ihr riet, in der Nacht des Feuermonds ihre Reise zu beginnen. Noch nie war sie so schnell unterwegs gewesen. Das Feuer der Drachen verlieh ihr eine rasante aber dennoch anmutige Geschwindigkeit, die sicher jeden Elben neidisch gemacht hätte. Es hatte seine Vorteile in eine Familie hineingeboren zu werden die seitjeher unter dem Schutz der Nordlanddrachen stand. Die Sinne der Kriegerin waren zehnmal besser als die eines Menschen und übertrafen sogar die hohen Maßstäbe der Elben bei weitem. Um zu überleben waren diese Fähigkeiten ausgesprochen nützlich. Anders als der Tyrann und seine Genossen glaubten, war es dem grausamen Emporkömmling damals nicht gelungen das Königshaus vollständig zu vernichten. Die kleine Familie des jüngsten Prinzen und ein paar Mitglieder, die sich zu jenem Zeitpunkt im Süden aufhielten waren dem Massaker entkommen. Es hatte jedoch lange gedauert bis die Nachkommen es wagten, in die Hauptstadt ihres einstigen Königreiches zurückzukehren. In dieser Zeit vernichteten sie jegliche Beweise für ihr Überleben und lebten in den eisigen Höhen. Erst Solays Urgroßvater war in die Stadt seiner Vorfahren zurückgekehrt. Doch er hatte nie versucht die Herrschaft zu übernehmen. Nicht weil er es nicht könnte, sondern weil er nicht wollte, dass sein Volk, von denen die meisten keinerlei besondere magische Fähigkeiten besaßen, unter den Kämpfen zu leiden hatte. Er wusste, dass sein Thronanspruch nur Unheil, Trauer und Gewalt hervorrufen würde. Deshalb hielt er sich zurück und versuchte sein Volk aus dem Verborgenen heraus zu schützen. Um ihn versammelten sich viele andere Abkömmlinge alter Häuser im Geheimen. Es war die Zeit gewesen, in der sich langsam die Gruppe der Krieger bildete auch wenn sie damals mit ihren Einsätzen nicht wirklich erfolgreich waren. Erst als Solays Vater in die Fußstapfen des Anführers trat, schlossen sich normale und begabte Menschen zum Bund der Krieger zusammen. Sie agierten mit dem größten Geschick wobei sie darauf achteten nicht unnötiges Blut zu vergießen.
Vor nun mehr zehn Jahren war Solay ungewollt die Nachfolgerin geworden. Es entsprach ihr nicht andere anzuführen – zumindest war das ihre Überzeugung. Von Natur aus eher eine Einzelgängerin, die alles aufmerksam aus der Distanz beobachtete, fühlte sie sich nicht wirklich den Anforderungen gewachsen. Sie hatte zwar gelernt mit anderen zusammen gegen einen Feind zu kämpfen, aber ihr wahres Talent als Kriegerin offenbarte sich erst wenn sie sich alleine gegen eine scheinbare Übermacht behaupten musste. Die Dämonen der eisigen Höhen fürchteten die nie versiegende Kraft der Kämpferin. Je stärker die Attacken ihrer Feinde wurden desto mächtiger wurde sie selbst. Wenn sie es wollte konnte sie die Energie ihrer Feinde nicht nur absorbieren sondern umwandeln und in einem tödlichen Feuerinferno zurückschleudern. Befand sie sich erst einmal im Kampfrausch kannte sie keinerlei Gnade oder Reue mehr.
Doch ihr eigentlicher Feind war die Kälte des eisernen Winters. Das Feuer der nordischen Drachen wurde unaufhaltsam eingeschläfert. In diesen kalten Monaten war sie eine gewöhnliche Sterbliche und viel leichter zu töten. Die immer länger andauernde Winterzeit war für sie gefährlich und konnte sich als tödlich erweisen. Denn im hohen Norden waren die Schneestürme eine geradezu schreckliche Naturgewalt. Neben dem Schnee trugen sie auch Eissplitter mit sich die ein Lebewesen innerhalb von Sekunden töteten. Die Splitter verwandelten das Atmen in einen Todesakt und durchbohrten menschliche wie tierische Körper mühelos. Um sich davor zu schützen verbrachten die Menschen die Zeit der Schneestürme eingeschlossen in ihren Häusern, betend das es bald vorbei war und ihre Gefangenschaft ein Ende hatte. Und Solay? Ihre Körpertemperatur, die gewöhnlich zwischen 40°C und 55°C schwankte, sank auf bedenkliche 20°Celsius. Um so wenig Energie wie möglich zu verlieren griff ihr Körper notgedrungen auf eine bewährte Methode zurück: sie verfiel in eine todesähnliche Trance. Nur ihre Lungen, das Herz und ihr Gehirn wurden mit Energie versorgt. Alle anderen Körperfunktionen waren ausgeschaltet. Dieser Zustand konnte jedoch nicht über zehn Monate anhalten ohne schädigende Auswirkungen oder tödliche innere Verletzungen zu hinterlassen. Bewusstlos und unfähig sich zu bewegen gab sie in diesen Zeiträumen ein erschreckend leichtes Ziel ab. Besonders Yngvi fürchtete den Winter, da er die Gründe für Solays zunehmende Schwäche nur zu gut kannte. Aber es gab nichts was er tun konnte um ihr zu helfen. Dies war der Preis, den sie für ihre Kräfte zahlen musste. Nicht einmal wenn sie darauf verzichtete, ihre Gaben im Kampf zu verwenden, konnte sie Einfluss auf die schmerzhafte Kehrseite ihrer Macht nehmen. Sie hatte gelernt diese Tatsache zu akzeptieren aber sie weigerte sich darüber zu sprechen.
Für einen Moment hielt sie inne und blickte zurück zu der Stadt die sie zu beschützen geschworen hatte. Der Vorfahr des Tyrannen hatte einen beträchtlichen Teil der ursprünglich befestigten Handelsstadt bis auf die Grundmauern schleifen lassen und mit dem Blut seiner Untertanen eine Festung aus schwarzem Gestein errichtet. Dabei hatte er weniger Wert auf die Bequemlichkeit der dort lebenden Menschen gelegt. Es gab ein einziges Tor durch das man ins Innere gelangen konnte. Tödliche Fallen waren rund um die spiegelglatt geschliffenen Mauern im Boden versteckt worden. Auf den Wehrgängen patrouillierten in engmaschigen Abständen Soldaten und hinter jedem Fenster lauerte ein Bogenschütze. Die Fackeln der Wächter brannten Tag und Nacht. Im Herzen der Festung befand sich eine gewaltige Waffenkammer und ringsherum hatte der Erbauer die Elitesoldaten seiner Armee positioniert. Um dieses feindliche Zentrum waren die verschiedenen kleineren Gebäude für Hinrichtungen, Folter und Verhöre angelegt worden, alle verbunden durch kalte fensterlose Türme. Die Gefangenen selbst wurden in unterirdischen Zellen und engen Käfigen gehalten. Kaum einer von ihnen sah jemals wieder das Tageslicht. Die wenigen Fenster der Außenmauer waren schmal, vergittert und klein. Angeblich war es die Tradition der herrschenden Dynastie in einem hellhörigen Raum über den Verliesen zu leben, da sie die Schreie und das Stöhnen der Gefangenen als entspannend und musikalisch empfanden. Ein einziges Mal war Solay im Innern dieses unfreundlichen Gebäudekomplexes gewesen. Sie hatte das Elend in den Gesichtern der Menschen gesehen, die gezwungen waren dort zu leben und die Schikanen durch die Soldaten des Tyrannen miterlebt. Die Zustände, in denen sich die Festung befand, waren grauenhaft. Bis auf die Geräusche, die von den Soldaten und Schergen verursachten, herrschte ängstliche Stille, die nur die Unglücklichen, die gerade gefoltert wurden, unterbrachen. Die Angst, das Grauen und die Schmerzen der Überlebenden waren deutlich zu sehen gewesen.
Damals hatte Solay sich entschieden, alles in ihrer Macht stehende zu tun um das Leid, das der Tyrann mit seiner Familie und Anhängern über ihr Volk gebracht hatte, zu beenden und ihr Volk aus diesem Elend zu befreien. Die Schritte, die sie seither unternommen hatte um dieses Ziel zu erreichen, mochten vielleicht klein und unbedeutend erscheinen, aber sie zweifelte nicht an dem Gelingen ihres Vorhabens. So wie ihre eigene Familie einst entmachtet worden war blühte dasselbe Schicksal ihrem Gegner. Früher oder später hätte auch die Schreckensherrschaft dieser Dynastie ein Ende. Wenn sie etwas dazu beitragen und den Prozess beschleunigen konnte würde sie nicht zögern. Um ihr Volk zu retten nahm sie das Wagnis einer Reise mit ungewissem Ausgang auf sich. Sie war bereit ihr Leben dem Kampf für die Freiheit der Menschen zu widmen und auch zu sterben, wenn es gefordert wurde. Dieses Land, die Menschen und die Stadt waren ebenso ein Teil von ihr wie ihr Erbe als letzte Überlebende des Hauses der Norddrachen. Hier war sie geboren worden und auch sterben. Die letzte Entscheidung des Schicksals ihrer Heimat war noch nicht gefällt worden. Solange sie es verhindern konnte, würde sie den Dämonen eine endgültige andauernde Rückkehr verwehren. Wenn sie um das zu bewerkstelligen einen Ring zerstören musste gab es nichts, was sie aufhalten konnte. Wehe denen, die es wagten sich ihr in den Weg zu stellen. Ihr Ziel stand fest und sie würde die Einmischungen anderer in ihre Entscheidungen nicht dulden. Sie atmete tief ein, prägte sich noch einmal den Anblick ihrer Heimat aus der Ferne ein ehe sie sich dem ersten Hindernis ihrer Reise zuwandte: die schroffen eisigen Höhen. Unter den dicken Schicht aus Eis und Schnee befanden sich tiefe Spalten, Schluchten und unterirdische Gänge.
In einigen brodelte die Lava vor sich hin, wartete darauf an die Oberfläche zu gelangen. Einige Gebiete des Gebirges waren für plötzliche Ausbrüche berüchtigt. Solay kannte diese Berge besser als jeder andere. Nur das, was sie im Süden erwartete bereitete ihr Kopfzerbrechen. Zwanzig Jahre waren vergangen, seitdem sie das letzte Mal durch den Süden reiste. Was wenn ihre einzigen Verbündeten nicht mehr lebten? Aber mit dieser Möglichkeit wollte sie sich nicht befassen. Beide Männer waren geschickte Kämpfer und klug genug, um lebend aus einer Schlacht herauszukommen. Lächelnd berührte sie den Knauf ihres Schwertes.
„Seid ihr bereit für die Reise?“ Die Waffe vibrierte und glühte als Antwort. In ihrem Geist vernahm sie die mehrstimmigen Schlachtrufe der gefallenen Krieger und die Ratschläge der Drachen die sie seit ihrer Geburt beschützten. Brennend heiß erfüllten die Kraft ihrer Ahnen und das Drachenfeuer ihren gesamten Körper. Die Kriegerin grinste zufrieden und verfiel wieder in ihre bevorzugte Geschwindigkeit. Nichts und niemand würde sie nun mehr aufhalten. Die Welt um sie herum bestand nur noch aus flirrenden an ihr vorbeiziehenden Farben.
Dank ihrer erstaunlichen Ausdauer und Geschwindigkeit überwand Solay das tückische Gebirge mit seinem gefährlichen Nebel innerhalb von fünf Tagen und ebenso vielen Nächten. Einen Umstand, den sie auf ihre Herkunft und das kraftspendende Schwert zurückführte. Erst als sie die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, legte sie eine Pause ein. Um sie herum befanden sich einige Eichenhaine und klare Quellen, dessen Wasser sich in einem See sammelte. Gut versteckt in den Baumkronen hatte sie sich bei ihrer ersten Reise in die südlichen Regionen einen Schlafplatz gebaut. Zielsicher fand sie den alten gewaltigen Baum und kletterte geschickt nach oben, um die Distanz zu ihrem Unterschlupf über die miteinander verwobenen Äste zu überwinden. Mit einem zufriedenen Lächeln stellte sie fest, dass sich ihr Versteck in einem tadellosen Zustand befand und alles an seinem rechtmäßigen Platz war. Rasch schnappte sie sich ein dunkles Stoffbündel, dass eine dunkle Hose, eine Lederweste und eine braune Bluse enthielt. Ihre Stiefel würde sie anbehalten, das Gleiche galt für ihren Mantel. An einer kleinen Quelle füllte sie ihre Wasserflasche auf, verzehrte nach der raschen Zubereitung eine Suppe bestehend aus Pilzen, Kräutern und Wurzeln und wechselte ihre auffällige Rüstung gegen unscheinbare Kleidung ein. Nachdem sie die Spuren ihrer Anwesenheit gründlich beseitigt, die Vorräte aufgestockt und einige Verbesserungen an der Tarnung ihres Unterschlupfs bewältigte, nahm sie sich die Zeit, ihrem Äußeren einer Musterung zu unterziehen.
Nachdenklich betrachtete sie ihr Spiegelbild. Die hüftlangen feuerroten Haare wirbelten offen um sie herum. Scharfe wachsame silberschwarze Augen die sich je nach Stimmung grün, silbern oder rot färbten erwiderten ihren Blick. Sie war hochgewachsen für eine Nordländerin und dank jahrelangem Trainings bar jeglicher weiblichen Kurven. Ihr Körper war hart, muskulös und stark, nicht verführerisch. Nicht das es sie kümmerte. In ihrem Leben gab es wichtigere Dinge. Ihre weiblichen Reize waren ihr herrlich gleichgültig und sie wusste, dass sie auf ihre männlichen Gefährten auch nicht sexuell anziehend wirkte. Mit jeder Faser ihres Seins strahlte sie unbeugsame Stärke, Autorität und eiserne Willenskraft aus. Wenn sie eines nicht war dann klein, verletzlich und leicht einzuschüchtern. Die Menschen fürchteten sich davor ihr allzu lange in die Augen zu sehen. Sie glaubten, dass die Kriegerin das wahre Wesen ihres Gegenübers sah und mit ihrem Blick andere ihrem Willen unterwerfen konnte. Nun, die erste Annahme entsprach tatsächlich der Wahrheit. Solay brauchte einem anderen Lebewesen nur in die Augen zu sehen um dessen Schwächen, Stärken und wirklichen Charakter zu erkennen. Niemand konnte sie anlügen oder täuschen. So wie sie eine tiefe Bindung mit den uralten Kräften um sie herum eingehen konnte, spürte sie wenn jemand sie belog oder zu täuschen versuchte.
Solay mochte aussehen wie eine fünfundzwanzigjährige Frau, aber tatsächlich war sie neunzig Jahre alt. Nach den Maßstäben jener Menschen, die von den Drachen begünstigt wurden, hatte sie gerade erst die Pubertät hinter sich gelassen. Für sie selbst spielte die Zeit die sie zu leben hatte keine Rolle. Man hatte sie streng dazu erzogen ihr Leben nach einem Ehrenkodex auszurichten und unnötigen Kämpfen aus dem Weg zu gehen. In ihrem Leben gab es nichts bis auf ihre tiefe Überzeugung für ihr Volk zu kämpfen und dessen Bedürfnisse über ihre eigenen zu stellen.
Sie hatte schreckliche Dinge gesehen und erlebt. Doch diese Erfahrungen zerstörten sie weder noch wurde sie wahnsinnig. Vielmehr war sie zu einer starken Frau geworden, die dem Tod ins Gesicht lachte und sich nicht von ihrem gewählten Weg abbringen ließ gleichgültig wie viele Schmerzen er ihr bereitete. Kein einziges Mal hatte sie ein Versprechen gebrochen und stand zu den Konsequenzen ihres Handelns. Wahrscheinlich würden die Südländer sie genauso unterschätzen wie ihr misstrauen. Einerseits verständlich auf der anderen Seite hatte sie diese Zurückweisung allein aufgrund ihrer Herkunft und ihres Geschlechts irritierend gefunden. Doch an solche Reaktionen war sie mittlerweile gewöhnt. Sie wirkte einfach zu fremd als das man ihr sofort trauen konnte. Zwar hatte es niemals jemand geschafft die eisigen Höhen zu überwinden seitdem Fluch - aber dennoch erzählten sich einige Menschen Legenden. Die Zeit hatte jeglichen Wahrheitsgehalt darin entfernt. Solay seufzte leise. Die Ablehnung der Südländer schmerzte sie längst nicht mehr. Allerdings wusste sie, dass zumindest zwei Männer des Südens auf ihrer Seite sein würden: Der junge Dúnadan Aragorn, dem sie in der Vergangenheit mehr als nur einmal das Leben rettete und Elrond, der Herr von Rivendell. Beide wussten um ihre absolute Integrität, ihre Kampfkunst und die Loyalität, die sie gegenüber den wenigen Lebewesen empfand, die ihr Vertrauen gewannen. Sie würden ihr zuhören und ihren Worten Glauben schenken. Nein, sie war nicht völlig allein in den Südländern. Eindeutig gehörte sie nicht zu ihnen. Aber sie war froh, dass sie Verbündete hatte. Mit einem grimmigen Auflachen wandte sie sich ab und setzte ihren Weg fort. Den Einen Ring zerstören... Es klang vielleicht einfach, aber das war es nicht. Allein die Reise nach Mordor war gefährlich. Wer auch immer den Ring würde tragen müssen, sie beneidete ihn nicht. Dieser verfluchte Gegenstand war so teuflisch wie sein Herr und verdarb mit Vergnügen seinen Träger. Leider war das nicht die einzige „Nebenwirkung“. Solay war gegen seine Macht gefeit, doch sie würde den Ring nicht an sich nehmen oder persönlich in den Schicksalsberg werfen. Das war nicht ihre Aufgabe. Zumal sie ihre Herkunft wohl kaum mehr verbergen konnte, wenn sie diese Bürde übernahm. In ihr schlummerte nicht nur die gütige Seite der Nordlanddrachen sondern auch das Raubtier, dass sie trotz allem gewesen waren. Sie freute sich nicht darauf in den Krieg zu ziehen und töten zu müssen. So viele Unschuldige ließen ihr Leben in der Sinnlosigkeit von Kriegen. Traurig lächelte sie. Sie würde versuchen, so wenig Blut wie nötig zu vergießen. Denn Gewalt zog nur Gewalt nach sich und das daraus resultierende Leid war unerträglich, da es sie an ihre Heimat erinnerte.
„Ich hoffe es geht euch gut.“ Murmelte sie, in Gedanken bei ihren Kampfgefährten und den beiden Südländern die sie seit fast zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hatte. Wie mochte es ihnen in der Zwischenzeit ergangen sein? Bald würde sie die Antwort kennen.

Während der Himmel von der untergehenden Abendsonne in flammende Gold- und Rottöne getaucht wurde bemerkte sie weit in der Ferne die dunklen Silhouetten der Berge. Das dunkle Reich von Angmar.
Kein natürliches Leben konnte dort mehr bestehen. Die Erde selbst war noch immer vergiftet von der Bosheit der früheren Herrscher. Solay spürte die zunehmende Präsenz dunkler Kräfte. Dank ihrer Herkunft war sie gefeit vor den Auswirkungen dieses schleichenden Gifts, doch sie konnte sehen, wie es anderen Lebewesen erging. Fröstelnd rieb sie sich die Arme. Je eher sie Angmar überwand und nach Rivendell kam desto besser. Keinesfalls würde sie an einem Ort, der auf eine solche Art vergiftet, geradezu verseucht war, rasten. Verglichen dazu könnte man ihre Heimat als Paradies bezeichnen. Sie rannte weiter und vertraute dabei auf ihre Geschwindigkeit die sie zu einem Schemen verschwimmen ließ. Nur ein Drache könnte sie jetzt noch wahrnehmen.

Als sie endlich Imladris erreichte, war sie ein wenig müde aber erleichtert. Trotz der beunruhigenden Aktivität der Orks in Angmar hatte niemand sie bemerkt. Ihre Reise war ohne nennenswerte Zwischenfälle verlaufen.
Nicht jedem Wanderer der allein unterwegs war konnte dergleichen von sich behaupten. Lächelnd hielt Solay inne um den Anblick zu genießen. Die zahlreichen Wasserfälle, die vielen Bäume, Seen und natürlich die Elbenstadt – vergleichbares suchte man im hohen Norden vergeblich. Die Zeit schien an von Elben bewohnten Orten stets still zu stehen. Seit ihrem letzten Besuch hatte sich rein äußerlich nichts geändert. Ob Elrond sich noch an sie erinnerte? Vorsichtig zog sie die Kapuze ihres Umhangs tiefer ins Gesicht. Ihre auffälligen roten Haare mussten sie nicht jetzt schon verraten. Leise schritt sie den schmalen Pfad hinunter und nahm sich dabei genügend Zeit um die Wunder des Tals zu genießen.
Zu ihrer Überraschung wurde gerade ein Trupp von Menschen, die eindeutig aus Gondor stammten von ihrem alten Freund begrüßt. Was machten sie hier? Hatte Elrond etwa auch die eingebildeten Gondorianer zum Rat eingeladen? Abfällig verzog sie die Mundwinkel. Gondor hatte ihr niemals gedankt wenn sie dessen Soldaten im Kampf gegen Orks unterstützte. Tatsächlich war sie äußerst unfreundlich behandelt worden. Noch immer war sie schlecht auf den Anführer zu sprechen. Boromir, Denethors Sohn, ein wahrer Kotzbrocken.
Leider war er ebenfalls da. Nun, das dürfte ein anstrengendes Treffen werden. Von seiner Seite würden die meisten Anfeindungen kommen. „Verzeiht, wer seid Ihr?“ Einer von Elronds Söhnen hatte sie bemerkt. Lächelnd widmete sie dem hochgewachsenen Elben ihre Aufmerksamkeit. „Eine alte Freundin Eures Vaters, die er zweifellos nicht hier erwarten würde zu treffen.“ Gerade der drehte sich beim Klang ihrer Stimme um. Unglaube lag in seiner Miene. „Solay? Seid Ihr es wirklich?“
Sie streifte die Kapuze ab und zwinkerte ihm zu.
„Wer sollte ich denn sonst sein, alter Freund? Ein Geist?“
„Nun, ich hätte wahrscheinlich mehr mit dem Erscheinen eines Geists gerechnet, als Euch jemals wiederzusehen. Ihr wart lange nicht hier. Wie geht es Euch und wie steht es um Eure Heimat?“ Elrond umarmte sie und betrachtete sie aufmerksam. Sie lächelte traurig. „Was habt Ihr?“
„Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit für meinesgleichen. Die Situation in meiner Heimat hat sich drastisch verschlechtert und was mein Befinden betrifft“ sie zuckte gespielt gleichmütig mit den Schultern, „es könnte besser sein. Ich wurde gegen meinen Willen in eine Position gedrängt, die ich nicht wollte. Aber gegen den Tod bin ich machtlos.“
„Ihr sprecht in Rätseln.“ Murmelte der Elbenfürst leise. „Woher kommt all die Trauer? Vor zwanzig Jahren wirkten Eure Augen nicht so hart, bekümmert und schmerzerfüllt. Was ist geschehen?“ Solay sah an Elrond vorbei und direkt in die Augen des Mannes, den sie zutiefst verabscheute. Das Blitzen in ihnen verriet, dass er sie widererkannt hatte. Missfallen zeichnete sich deutlich auf seinen Zügen ab. Ah, da war jemand gar nicht begeistert sie wiederzusehen. Spöttisch musterte sie ihn und lächelte herablassend. Sofort begann sein Temperament zu brodeln. Kühl wandte sie sich von dem Menschen ab. „Mein Vater starb und ich trat die Nachfolge an. Mein Volk ist gefangen im eigenen Land, der Herrscher ein blutdürstiger Tyrann und meine Leute werden dank der immer länger andauernden Winter bald nicht mehr in der Lage sein, alle Menschen mit Lebensmitteln zu versorgen. Ich habe allen Grund besorgt zu sein. Aber lasst uns darüber sprechen wenn wir unter uns sind. Euer Gast aus Gondor ist nicht gerade glücklich darüber mich zu sehen.“ Bevor der Elb etwas dazu äußern konnte fuhr der Gondorianer ihn an: „Ihr heisst eine Nordländerin in Eurem Haus willkommen! Dieses Weib könnte eine Spionin des Feindes sein!“
Solays Augen blitzten empört und ihr Schwert glühte vor Zorn. Dieser arrogante Mensch glaubte sich ein Urteil über sie zu erlauben! Hatte sie nicht in der Vergangenheit bewiesen auf welcher Seite sie stand? Was für ein Mistkerl. Scharf musterte sie den Mann. „Habt Ihr Beweise für Euren Verdacht, Gondorianer?“
„Frieden, Solay.“ Mahnend sah Elrond sie an. „Er meinte es nicht böse.“ Oh tatsächlich? Sie knirschte mit den Zähnen und schloss die Hand fest um den Griff ihres Schwertes. „Und was Euren Vorwurf angeht, Herr Boromir, diese Kriegerin hat seitjeher auf unserer Seite und für Gerechtigkeit gekämpft. Haltet Euch zurück. Ich werde kein Blutbad dulden.“ Verächtlich taxierte der Gondorianer sie. Mit dem Erfolg, dass sie ihn gedanklich auf zig verschiedene Arten umbrachte. Allesamt schmerzhaft und qualvoll lang. „Als ob dieses Weib mich besiegen könnte.“ Die nordische Kriegerin bewegte sich viel zu schnell, als dass einer der Anwesenden hätte eingreifen können. Mühelos presste sie ihn gegen eine Säule, einen Dolch an seinen Kronjuwelen und mit einem eiskalten Glitzern in den Augen. Das Feuer der Drachen brannte lichterloh, war kurz davor auszubrechen und zielgerichtet diesen Emporkömmling zu vernichten. Sie musste sich sehr beherrschen um ihren Zorn und den Hass in ihr unter Kontrolle zu halten. Wie gerne würde sie ihn jetzt töten. Aber sie hatte Elrond etwas versprochen. Nun es gab viele Möglichkeiten einen Feind in Angst zu versetzen. Grimmig lächelte sie innerlich.
„Stolz wird Euer Verhängnis sein!“ Boromir zuckte zusammen als er in das Gesicht der Nordländerin sah. Die vorher weicheren Gesichtszüge waren auf einmal scharfkantig, hart und wirkten leicht grausam. In funkensprühenden silbernen Augen stand ein unverhohlener tiefer Hass. Erst jetzt begriff er, dass er sich eine tödliche Feindin gemacht hatte. „Ich habe Seite an Seite mit Euresgleichen gegen Orks gekämpft und alles was ich von Euch hörte waren Worte des Spotts. Mehrmals wärt Ihr ohne meine Hilfe unterlegen, aber das könnt Ihr natürlich nicht eingestehen, da ich eine Frau bin. Wisset, dass ich Euch von nun an als Feind betrachte. Sollte ich Euch jemals wieder außerhalb der schützenden Gebiete der Elben antreffen und Ihr mich erneut derartig reizen, werde ich Euch ohne zu Zögern töten.“
Sie ließ ihn abrupt los und starrte kalt auf ihn hinunter.
In diesem Moment schien sie noch größer zu werden und strahlte eine derartige tödliche Aura aus, dass niemand wagte zu sprechen. „Ich könnte Euch jederzeit töten, selbst mit verbunden Augen und ohne jegliche Waffen. Fordert mich nicht heraus, denn nicht immer werden Euch die Bande der Freundschaft vor einem qualvollen Tod bewahren.“ Dann wandte sie sich ab und ging zu Elrond.
„Verzeiht mein Freund, aber selbst ich habe meine Grenzen.“ Prüfend musterte er den Menschen, der wie ein Häuflein Elend auf dem Boden saß. Ja, Solay konnte sehr furchteinflößend sein, besonders dann, wenn man sie auf diese Weise reizte. Verglichen mit anderen war es dem Gondorianer sogar noch gut ergangen. Niemand reizte eine Nordländerin ungestraft. „Wenigstens habt Ihr ihn am Leben gelassen.“ Murmelte der Elb leise, der nur zu gut wusste, wie kurz sie davor gewesen war, die Gebote der Freundschaft zu ignorieren und dem Narren das Leben zu nehmen. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn das Denethor erführe! „Kommt mit, ich glaube, es ist besser, wir ziehen uns für die Besprechung zurück.“ Sie lächelte düster und nickte. Schweigend ließen sie die noch immer erstarrten Menschen und Elben zurück.
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1511288821
Das Flüstern der Vergessenen (1 & 2)
Das Flüstern der Vergessenen (1 & 2)
Solay erreicht ohne nennenswerte Zwischenfälle Bruchtal. Dort trifft sie auf alte Bekannte und wird mit der feindseligen Haltung der "Südländer" Fremden gegenüber konfrontiert...
http://www.testedich.de/quiz51/quiz/1511288821/Das-Fluestern-der-Vergessenen-1-2
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2017-11-21
402C
Herr der Ringe

Kommentare (3)

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Sarah Laureen ( von: Sarah Lauree)
vor 17 Tagen
Ergänzungen hinzugefügt! Viel Vergnügen beim Lesen.
Sarah Laureen (18496)
vor 17 Tagen
😂 Kannst du auch! Es wird sehr intensiv und heftig. Habe ich schon mal erzählt, dass ich es liebe, Streitszenen zu schreiben?
lost_hope ( von: lost_hope)
vor 18 Tagen
Richtig gut geschrieben und ich bin gespannt,wie es weitergeht:)