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Sieben Worte - Der Panther

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1 Kapitel - 1.150 Wörter - Erstellt von: KillerRabbit - Aktualisiert am: 2017-11-21 - Entwickelt am: - 87 mal aufgerufen- Die Geschichte ist fertiggestellt

NOVEMBER

Inspieriert durch Rainer Maria Rilkes "Der Panther"

http://www.testedich.de/quiz44/quiz/1475077173/Sieben-Worte-fuer-ein-Wunder-Ein-Schreibwettbewerb

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    ((gray))Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tau


    Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
    so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
    Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
    und hinter tausend Stäben keine Welt.

    Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
    der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
    ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
    in der betäubt ein großer Wille steht.

    Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
    sich lautlos auf-. Dann geht ein Bild hinein,
    geht durch der Glieder angespannte Stille-
    und hört im Herzen auf zu sein.

    -Rainer Maria Rilke



    Sie sahen ihn alle. Sie sahen ihn und fürchteten sich oder blieben zumindest kurz stehen, im erstaunten Verharren. Da war er, der Panther, der König des Dschungels. Er sah sie nicht und eigentlich waren sie alle so blind wie er. Kein Augenarzt hätte ihnen helfen können. Sein Blick stieß sich an eisernen Stäben und wollte nicht weiter wandern. Irgendwo musste sie sein. Die Lücke. Die Antwort. Sein Ausweg. Seine Muskeln spielten unter dem geschmeidigen Pelz, schwarz wie die finsterste Nacht. Aber da lag die Sonne in seinen Augen.

    Ein Kind blieb vor dem Käfig stehen. Weiche Zirkusmusik wehte vom Zelt herüber und es roch nach Zuckerwatte und gebrannten Mandeln. Im Blick des kleinen Jungen lag noch der Zauber der Show, des Lichtes. Für ein paar Minuten war seine Welt ein nahezu fantastischer Traum gewesen, voll bunter Gewänder und mutiger Sprünge. Dem Fliegen so Nahe. Nun durfte er sich sogar die Tiere ansehen, obwohl das extra Eintritt kostete. "Die siehst du doch sowieso noch.", hatte sein Vater gebrummt, aber heute war ein guter Tag. Ein besonderer Tag. Er hatte schon die Pferde gesehen, über ihre zartweichen Nüstern gestreichelt und in ihre stillen, tiefen Augen geblickt. Ganz kurz hatte er die Elefanten sehen können, aber das Zelt war so voll gewesen von Menschen, dass er ganz verloren gegangen war in der Menge. Dann waren da die Tiger gewesen, mit ihren riesigen Zähnen und Tatzen. Alle beisammen. Der Panther war allein. Und er lief. Kreis um Kreis, hin und her, ohne Pause, ohne Anfang und ohne Ziel. Fünf Schritte und wenden, eins, zwei, drei, vier, fünf, kehrt. Dieselbe unveränderliche Reihenfolge, der einzige Weg den seine Pfoten kannten. Er bemerkte das Kind nicht. Es war nur eines von vielen. Aber der Junge sah ihn, er sah ihn hinter den Stäben und ballte die kleinen Hände. Ein Kind sollte nicht verstehen, wie sich ein Panther fühlt. Es sollte den hoffnungslosen Schmerz nicht spüren müssen. Der Junge hatte nicht viel Zeit, dem Tier weiter zuzusehen. Bald kam der Vater, packte ihn am Arm und zog ihn weiter. Sein Atem roch nach Pfefferminzschnaps.

    Ein Mann kam in die Manege, als die zweite Hälfte des Programmes begann. Vorne weiß und hinten schwarz. Ein Pinguin inmitten von Sägespänen. Das Scheinwerferlicht ließ rote Punkte tanzen, aber die vielen Menschen, die ihn beobachteten, saßen in schweigsamer Dunkelheit. Nur hier und da blinkte ein Leuchtstab nervtötend vor sich hin. Der Pinguinmensch hatte ein laute Stimme, die das Zelt bis in den kleinsten Winkel ausfüllte. Er machte große Worte, abenteuerliche Versprechen. Die Menge wartete gespannt, als wieder die ohrenbetäubende Musik ertönte und in Rekordsgeschwindigkeit Meterhohe Gitter aufgestellt wurden. Dann kamen sie, die Sensationen, die Wildkatzen und Bestien. Zuerst waren die Löwen an der Reihe. Der Zirkusdirektor war sehr stolz auf diese majestätischen Großkatzen, einige hatte sogar weißes Fell. Das männliche Tier hatte ein wilde Mähne in der Farbe von Savannengras und gemütliche, treue Augen. Die Löwinnen machten große, gemächliche Schritte, zeigten ihre scharfen Zähne, wenn sie gähnten. Dann kamen die Tiger. Drei Brüder, die in der Wildnis geboren worden waren. Sie wussten wie der Knall eines Gewehrs klang. Sie hatten ihre Mutter sterben sehen. Nun sprangen sie durch flammende Reifen, weil sie den Peitschenschlag mehr fürchteten, als den Feuertod.
    Als letztes war der Panther an der Reihe. Sein ewiger Tanz wurde für einen Moment unterbrochen, er wusste, was das hieß. Mit leichten, lautlosen Schritten lief er durch den Gittertunnel, geradewegs hinein in die Manege. Er kannte den Schmerz, er kannte seinen Platz. Das war sein Leben. Er kannte den Mann, der ihn zu springen zwang seit seiner Geburt. Alles war wie immer. Und doch war alles anders. Der Panther zögerte zu lang, als er durch den Reifen springen sollte. Die Peitsche zwickte ihn nur, der Ruf des Domteurs war vertraut und hallte in seinen Ohren. Es weckte ihn auf, für einen winzigen Moment. Er wendete den Kopf und sein goldener Blick streifte ein Wesen, das er irgendwann einmal gekannt hatte. Es roch nach Herzschlag. Sein Körper erinnerte sich an etwas, was er nie gekannt hatte. Ein uraltes Lied, ein uralter Duft. Alles war klar. Das war die Lücke, sein Platz von Anfang an. Er bleckte die Zähne und sprang mit der Eleganz des Jägers. Das war er, der Panther. Und er schmeckte warmes, pochendes Blut.

    Es ist nicht schwer herauszufinden, was mit dem Panther geschah. Er hatte seinen Domteur gerissen, mit einem einzigen, punktgenauen Biss ins Genick. Er wurde erschossen und die Medien rissen sich um die Geschichte. Der Zirkus machte große Verluste. Plötzlich gab es Demonstrationen und laute Stimmen, die gehört werden wollten. Kinder weinten sich in den Schlaf, nach dem, was sie gesehen hatten. Manche Erwachsene auch. Der kleine Junge nicht. Er lag später mit offenen Augen in seinem Bett und sah zur Decke hinauf, während er träumte. Für ihn hatte der Panther nicht aufgehört zu existieren. Er lag neben ihm auf der dünnen Decke. Das warme Fell streifte die kalte Haut. Ein wummernder Rythmus aus zweierlei Herzschlag. Dann sprang der Panther lautlos auf und rannte hinauf, verschwand im Urwald der Sterne. Der Junge lächelte breit und spürte die Wände weichen.

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Sieben Worte - Der Panther
Sieben Worte - Der Panther
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2017-11-19
40SB
Schreibwettbewerb

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