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Music is magic - das Mädchen mit der magischen Stimme Teil 4

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26 Kapitel - 89.574 Wörter - Erstellt von: Ms. Mystery - Aktualisiert am: 2017-10-18 - Entwickelt am: - 421 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit - 2 Personen gefällt es

Olivia kann es kaum erwarten, bis ihr viertes Schuljahr auf Hogwarts beginnt. Doch dieses Jahr wird ein besonderes Ereignis stattfinden: Das Trimagische Tunier. Als Harry als vierter Champion ausgewählt wird, setzt sie alles daran, dass ihr bester Freund die Aufgaben überlebt. Dabei muss sie aber auch noch aufpassen, dass niemand von ihrer geheimen Freundschaft mit Draco Malfoy erfährt, und ihre Gefühle für Harry verbergen...

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    1. Kapitel

    Langsam öffnete ich die Augen. Ich musste sofort blinzeln. Die Sonne fiel durch die riesigen Fenster in mein Zimmer und wanderten über meine riesige Bettdecke hinauf zu meinen abertausenden federgefüllten Kissen. Ich schlug die Bettdecke zurück und ließ meine langen, nackten Beine aus dem Bett gleiten. Ich zog mir meinen seidenen Morgenmantel über, schlüpfte in meine weichen Pantoffeln und trat hinüber zum Spiegel. Mir blickte ein Mädchen mit blasser Haut, langen braunen Locken und außergewöhnlich intensiv grünen Augen entgegen. Meine Figur hatte sich seit dem letzten Schuljahr in Hogwarts noch ein wenig mehr verändert. Mein Körper hatte mehr Kurven bekommen und ich war noch dünner geworden. Ich sah mich einmal kurz in meinem Zimmer um. Es hatte sich auch sehr verändert. Die Wände waren nun teils mit weißem Stuck, aber auch mit Tapeten in einem sanften Grünton und Blumen verziert. In der Ecke stand ein riesiger Schrank mit unzähligen Kleidern, daneben ein Schminktisch mit allerlei Make-up; es befanden sich auch zwei Türen dort. Eine schlichte Tür führte zu meinem geräumigen Badezimmer, die andere, eine große weiße Tür mit goldenen Verzierungen, führte hinaus. Was im ersten Moment aussah wie ein Paradies, war im nächsten Augenblick wieder das, was es nun einmal war. Ein Gefängnis. Nun ja, dazu musste ich eigentlich das gesamte Haus zählen. Mein Vater hatte die Fenster mit einem Zauber belegt, sodass sie sich nicht öffnen ließen und hatte mich noch nicht nach draußen gehen lassen. Im nächsten Moment klopfte es an der Tür. Meine Mutter betrat das Zimmer. Ihr folgte eine Hauselfe, die ein Tablett mit meinem Frühstück trug. Sie stellte das Tablett lautlos auf meinem Bett ab und verschwand. Meine Mutter kam zu mir. „Du weißt, was heute für ein Tag ist, oder?“, fragte sie. „Natürlich, Mutter.“, erwiderte ich. Heute würde ich eine Schönheitsprozedur über mich ergehen lassen müssen, damit ich endlich wieder den „Ansprüchen“ entsprach. Bisher hatte ich mich immer wieder herausgewunden, doch meine Mutter kannte dabei kein Pardon. „Die Hauselfen werden danach kommen und dir helfen, verstanden?“ „Ja, Mutter.“ „Nun gut“, sie ging hinüber zur Tür, „danach gehen wir wieder die Benimmregeln durch.“ „Ja, Mutter.“ Sie ging hinaus und schloss die Tür hinter sich. Seufzend ließ ich mich auf mein Bett sinken. Essen wollte ich nichts, der Tag hatte mir den Appetit verdorben. Ich griff nach einer kleinen Glocke neben meinem Bett und klingelte. Im nächsten Moment erschien eine Hauselfe. „Ja, Herrin?“, quiekte sie. „Bitte bring das zurück in die Küche, ich habe keinen Hunger.“ Die Hauselfe nickte. „Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Miss?“, fragte sie. „Ja, bitte sag den anderen Hauselfen, dass sie sofort kommen sollen. Sie sollen mit der Prozedur beginnen.“

    Keine zwei Minuten später wurde erneut an meiner Tür geklopft und um die zehn Hauselfen erschienen. Sie schoben mich sanft hinüber zu meinem Bad. In dem großen Raum angekommen, quiekte ein Hauself: „Sie müssen sich ausziehen, Miss!“ „Was?“, fragte ich entsetzt. Ich schämte mich entsetzlich dafür, dass sie mich nackt sehen würden, doch ich überwand mich und zog widerwillig meinen Morgenmantel, das Nachthemd und meine Unterwäsche aus. Ich verschränkte meine Arme vor meiner Brust und ich konnte schwören, dass ich gerade knallrot wurde. Die Elfen hatten mittlerweile ein Bad eingelassen und befahlen mir, mich hineinzusetzen. Als ich sie fragte, um was es sich handelte, erklärte eine Elfe, es wäre ein Bad, das speziell mit einem Zauber versehen wäre, der meine Haare an den Beinen, Armen, etc. entfernen würde. Ich machte, dass ich schnell in die Wanne kam, damit die Elfen mich nicht nackt sahen. Das Gemisch, in das ich mich gleiten ließ, roch nach verfaulten Eiern, doch ich beschwerte mich nicht und ließ es einfach über mich ergehen. Während ich im Wasser lag, feilten zwei Elfen meine Fingernägel und eine dritte kümmerte sich um mein Haar. Ich wusste nicht, was als Nächstes kommen würde, und vielleicht war das auch besser so, denn ansonsten hätte ich das nie durchgezogen. Nach zehn Minuten stieg ich aus der Wanne; mir wurde rasch ein Bademantel gereiht und dann sollte ich mich auf einen gepolsterten Stuhl setzen. Eine der Elfen zupfte meine dünnen, überflüssigen Härchen an meinem Haaransatz aus, während eine andere meine Augenbrauen zupfte. Ich musste mir fest auf die Lippen beißen, um nicht laut aufzuschreien. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis die beiden von mir abließen. Nun musste ich mich hinstellen und den Bademantel ablegen. Alle Hauselfen sahen mich vollkommen nackt, doch sie taten so, als wäre das Normalität. Eine Elfe cremte mein Gesicht mit einer Feuchtigkeit spendenden Creme ein, während drei andere Hauselfen meinen gesamten Körper mit einer Art Öl einrieben, das ich nicht identifizieren konnte. Nachdem sie damit fertig waren, führten mich die Elfen zurück in mein Zimmer. Dort holten sie das Kleid aus dem Schrank, das ich heute tragen sollte. Ich musste mich erneut in die Mitte des Raumes stellen. Die Elfen halfen mir, die scheinbar tausend Unterröcke anzuziehen. Eine Elfe stand hinter mir und schnürte immer wieder das Korsett enger, während ich nach Luft rang. Schließlich wurde mir das Kleid übergezogen. Es war ein schwarzes langärmliges Kleid, das bis zum Boden ging. Die unzähligen Kleiderschichten waren wirklich schwer, doch ich versuchte mein Bestes, um nicht hinzufallen. Die Elfen zogen mir auch die heutigen Schuhe an. Es waren wie immer Schuhe mit Absätze, heute (passend zum Kleid natürlich) in Schwarz. Damit war die ganze Prozedur aber noch nicht vollzogen. Ich musste mich vor meinen Schminkspiegel setzen. Die Elfen trugen gekonnt die Schminke auf und als ich danach in den Spiegel sah, erkannte ich mich kaum wieder. Ich wirkte nicht wie eine Dreizehnjährige (ich wurde bald vierzehn), eher wie sechzehn oder siebzehn. Unter der riesigen Make-up Schicht konnte man das unsichere, verängstigte Mädchen kaum wiedererkennen. Eine Elfe zauberte meine Haare noch zu einer kunstvollen Hochsteckfrisur und dann war ich fertig. Na ja, fast. Das Einzige, was noch auf Olivia Rosier hindeutete, war meine Kette mit dem Mond-Medaillon. Ich nahm sie ab und platzierte sie in einer Schublade meines Nachtkästchens. Ich legte mir eine schwere, silberne Kette um. Ich setzte einen selbstsicheren Blick auf, was jedoch keinesfalls meinem Inneren entsprach. Nun war ich perfekt. Auch, wenn ich das gar nicht sein wollte.

    Langsam ging ich hinunter, was bei den hohen Schuhen gar nicht anders ging. Ich war auf dem Weg zu unserer Bibliothek. Dort wartete meine Mutter auf mich, um mit mir zu lernen. Zu Hause lernte ich gerade die Benimmregeln auswendig und meiner Mutter war das sehr ernst. Vor der Tür zur Bibliothek angekommen klopfte ich und trat vorsichtig ein. Meine Mutter saß in der Mitte des Raumes in einem bequemen Sessel und sah mich kommen. „Ich wünsche dir einen guten Morgen, Olivia.“ Ich trat auf sie zu und machte einen Knicks, wobei ich den Kopf gesenkt hielt. Dies war ein Zeichen des Respekts. „Ich wünsche Euch ebenfalls einen guten Morgen, Mutter.“ „Sehr schön“, erwiderte sie. „Setz dich.“ Ich ließ mich langsam auf einen Sessel neben ihr sinken. Natürlich saß ich gerade, da mir das Korsett gar keine andere Wahl ließ. „Wie ich sehe, ist die Prozedur erfolgreich verlaufen.“ Sie besah mich mit scharfen Augen von oben bis unten. „Nun gehen wir erneut die Regeln durch. Nenne mir Regel 52.“ „Eine Dame verhält sich stets still und bleibt im Hintergrund.“ „Sehr schön. Regel Nummer 78?“ „Eine Dame soll gesehen, aber nicht gehört werden.“ „Sehr richtig. Regel 24?“ „Eine Dame verhält sich stets graziös, stolz und gerät niemals aus der Fassung.“ „Sehr schön. Nun, fahren wir mit der Fächerübung fort.“ Sie holte zwei Fächer hervor und reichte mir einen. Sie erklärte mir genau, wie ich mit ihm umzugehen hatte. Danach übten wir die Haltung. Mutter holte einen kleinen Bücherstapel und platzierte ihn auf meinem Kopf. Ich musste so gehen, dass die Bücher nicht herunterfielen. Ich versuchte, mich nicht ablenken lassen, doch das war schwerer, als ich dachte. „Halt den Kopf gerade!“, rief Mutter scharf, als ich fast über den Saum meines Kleids gestolpert wäre. Ich ruderte wild mit den Armen, um das Gleichgewicht zu behalten, und die Bücher krachten zu Boden. Hastig bückte ich mich und hob den Bücherstapel auf. Erst dann wagte ich einen kurzen Blick auf Mutter. „Steh auf!“, fauchte sie mich an. Erschrocken fuhr ich zurück, denn so hatte sie mich noch nie angeschrien. Doch im nächsten Moment wurde ihr Blick etwas weicher. „Fahr mit der Übung fort.“ „Ja, Mutter“, antwortete ich gehorsam und platzierte den Bücherstapel erneut auf meinem Kopf. Wie lange das wohl noch dauern würde?

    Nach dem Durchgang der Übungen war ich vollkommen erschöpft. Ich hatte bis in den frühen Abend hinein geübt und hatte nun großen Hunger, den zwischendurch bekam ich nichts zu Essen. In einer Viertelstunde würde mein Vater aus dem Zaubereiministerium zurückkehren und bis dahin musste ich mich wieder vollkommen unter Kontrolle haben. Meine Mutter und ich saßen schon im Esssaal und warteten. Ich saß stocksteif auf meinem Platz und sagte kein Wort. Die Hauselfen deckten den Tisch mit allerlei Köstlichkeiten, die mir das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen. Im nächsten Moment wurde die Tür aufgerissen; mein Vater betrat den Raum und ging schnurstracks auf seinen Platz zu. Dort ließ er sich sinken, ohne uns auch nur eines Blickes zu würdigen. Er verlangte zuerst ein großes Glas Elfenwein und nachdem er es bekommen hatte, gab er uns mit einer Handbewegung zu erkennen, dass wir essen durften. Ich aß langsam, auch wenn ich großen Hunger hatte, denn das wäre ja unfein gewesen. Mein Blick ruhte auf dem Teller, dem Tischtuch und dem Besteck. Meinen Vater sah ich nicht an, denn ob man es glauben wollte oder nicht, auch dies verstieß gegen die Regeln. Schweigend aß ich meinen Teller leer, bis mein Vater sagte: „Wir bekommen morgen Besuch. Ich und Lucius Malfoy haben da einige Dinge, über die wir uns unterhalten müssen.“ Mein Herz machte einen kurzen Sprung. Die Malfoys kamen zu Besuch! Das hieß, dass ich auch endlich Draco wiedersehen konnte... Vater fuhr fort: „Ihr werdet euch entsprechend verhalten, verstanden?“ Er sah mich scharf an. „Selbstverständlich, Vater.“ „Gut“, erwiderte er, „Olivia, wir müssen danach noch über einige Dinge reden.“ Verwirrt sah ich auf. Über was er wohl mit mir reden wollte?

    Nachdem wir das Abendessen beendet hatten, befahl Vater Mutter, den Raum zu verlassen. Ich stand immer noch schweigend da, bis ich leise fragte: „Über was wolltet Ihr mit mir sprechen, Vater?“ Er räusperte sich, dann meinte er: „Bevor ich zur Sache komme, will ich dich nur kurz betrachten.“ Er trat nahe an mich heran und musterte mich von oben bis unten, genau wie Mutter es vorhin getan hatte. Prüfend ging er um mich herum und betrachtete mich von allen Seiten und hob mein Kinn in die Höhe, um auch mein Gesicht zu überprüfen. Schließlich ließ er von mir ab. „Wie ich sehe, war die Prozedur erfolgreich.“ Er wandte sich ab und schritt durch den Raum. „Nun, die Angelegenheit, die dich zu interessieren hat, ist diese...“ Er deutete auf die Wände, an denen riesige Porträts von Vorfahren der Familie Rosier hingen, die mit ernsten Blicken auf uns herunter sahen und mich missbilligend betrachteten. „Da du die Erbin eines riesigen Vermögens und die letzte Nachfahrin der Rosiers bist, werden wir von dir, genau wie von allen anderen wichtigen Vorfahren, eine Porträt erstellen lassen. Es ist Tradition in unserer Familie. In vier Tagen kommt ein Maler, der dein Portät anfertigen wird.“ Er hielt kurz inne, dann fuhr er fort. „Und da ist noch eine andere Sache, über die wir zu reden haben. Wie du weißt, bist du die letzte Rosier, was bedeutet, dass du für einen neuen Erben verantwortlich bist...“ Auf was wollte er nur hinaus? „Nun, ich weiß, dass du erst vierzehn Jahre alt wirst, aber sobald du volljährig bist, wirst du heiraten.“ Wenn ich in diesem Moment etwas getrunken hätte, hätte ich es höchstwahrscheinlich wieder ausgespuckt. „Heiraten?“, fragte ich leise, nur um sicherzugehen, dass ich mich nicht verhört hatte. „Aber ja“, bestätigte Vater. „Du wirst den Namen Rosier weitertragen. Der Auserwählte wird natürlich ein Reinblut sein, was für eine Frage. Ich werde mir einige Kandidaten aussuchen, es wird ein Slytherin sein... Für jetzt werde ich dich noch nicht mit dem Thema konfrontieren, aber merke dir: sobald du siebzehn bist, wirst du verheiratet. Ich werde mir selbstverständlich jemanden aussuchen, der für dich geeignet ist...darauf kannst du dich verlassen.“ Ich nickte und musste mit mir kämpfen, um nicht in Tränen auszubrechen. „Gut, du kannst gehen.“, meinte er, wieder in dem gewohnten kalten Ton. Ich machte einen tiefen Knicks und sagte: „Ich wünsche eine gute Nacht, Vater.“ Dann verließ ich so schnell, wie es eben ging, den Raum.

    Sobald ich in meinem Zimmer war, beeilte ich mich, um aus meinem Kleid zu kommen. Zum Glück waren einige Hauselfen anwesend, die mir halfen, das eng geschnürte Korsett von meinen Hüften zu lösen. Sobald ich wieder ein weißes, seidenes Nachthemd trug, schickte ich die Hauselfen hinaus und warf mich auf mein Bett. Die Tränen, die ich die ganze Zeit über zurückgehalten hatte, rannen jetzt in Strömen über meine Wangen. Ich schluchzte auf. Mein Vater ließ mir nicht einmal eine Wahl. Ich würde heiraten müssen, ob ich wollte, oder nicht. Sobald ich volljährig war, konnte mich nichts mehr retten. Es gab nur eine Chance. Ich durfte in den Ferien nie wieder zurück. Ich konnte nicht, auch wenn es mir das Herz brechen würde. Vielleicht konnte ich die Weasleys ja überzeugen, sodass ich die Sommerferien bei ihnen verbringen konnte. Und während mir immer noch Tränen über das feuchte Gesicht rannen, arbeitete ich schon eine Möglichkeit aus, wie ich meinem Vater entrinnen konnte.

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    2. Kapitel

    Der nächste Abend kam früher als geplant. Bevor ich nach unten ging, sah ich noch einmal prüfend in den Spiegel. Heute trug ich ein langes dunkelblaues Kleid, das mit einigen Perlen verziert war. Meine Haare waren zu einem Dutt nach oben gesteckt und ich trug lange Handschuhe, die ebenfalls dunkelblau waren. An meiner Hand baumelte ein Fächer und meine Füße steckten mal wieder in hohen Schuhen. Ich war bis zur Unkenntlichkeit geschminkt; heute prangte meine Kette mit dem Mond um meinen Hals. So konnte ich Draco gegenüber treten. Als ich in unsere Vorhalle kam, wartete Mutter bereits auf mich. Sie nickte mir kurz zu. Vater stand neben ihr und war regungslos. Im nächsten Moment flammte ein Feuer im Kamin auf und die Malfoys kamen zum Vorschein. Während Mr. Malfoy meinem Vater die Hand schüttelte, konnte ich nur auf Draco starren. Er war wie immer vollständig in Schwarz gekleidet und sah mich ebenfalls an. Am liebsten wäre ich auf ihm zugerannt und wäre ihm um den Hals gefallen, doch das konnte ich natürlich nicht. Draco trat einen Schritt auf mich zu uns sagte: „Es ist mir eine Freude, Euch wiederzusehen.“ Er nahm meine rechte Hand und gab mir einen Handkuss. „Die Freude ist ganz meinerseits.“, erwiderte ich und schenkte ihm ein leichtes Lächeln. Allein durch seine Anwesenheit fühlte ich mich jetzt wohler.

    Wir saßen im Esssaal. Draco und ich saßen gegenüber; neben mir saß Mutter und Mr. Malfoy und Vater saßen am Kopf der Tafel und unterhielten sich. Mrs. Malfoy warf ihrem Sohn immer wieder verwirrte Blicke zu, die er jedoch nicht beachtete. Wir aßen schweigend; nur die beiden Herren unterhielten sich. Ich versuchte, mich auf jede meiner Bewegungen zu konzentrieren; ich wollte keinerlei Fehler machen. Dafür hätte schon der Fall eines kleines Löffels vom Tisch gereicht. Schweigend saß ich ich auf meinem Stuhl und aß leise und diszipliniert, ohne einen einzigen Laut von mir zu geben. Nachdem wir das Dessert (es gab Vanilleeis mit frischen Himbeeren) verzehrt hatten, fragte Draco meinen Vater: „Es wäre mir eine große Freude, wenn Eure Tochter mir Ihren wundervollen Garten zeigen könnte, Mr. Rosier.“ Vater und Mr. Malfoy warfen sich einen kurzen Blick zu, dann stimmten sie zu. Draco ging hinüber zu meinem Stuhl und hielt mir auffordernd die Hand hin. Zögernd ergriff ich sie und zusammen verließen wir den Esssaal. Dass unsere Eltern uns nachsahen, konnte ich immer noch spüren.

    Nachdem wir nach draußen getreten waren, schlugen wir einen kleinen geharkten Weg zwischen den Bäumen ein. Draco hielt immer noch meine Hand, als ich fragte: „Wieso wollten Sie, dass ich Ihnen den Garten zeige?“ Draco zog eine Augenbraue hoch. „Wieso siezt du mich?“ Ich seufzte. „Mein Vater wäre durchaus in der Lage, unser Gespräch zu belauschen, deshalb wäre es mir eine große Freude, wenn wir in diesem Ton fortfahren könnten.“ Draco verstand offensichtlich was ich meinte, denn er sprach. „Ihr seht heute unglaublich schön aus, Olivia.“ Ich lächelte. „Ich danke Ihnen vielmals, Draco.“ Schweigend liefen wir nebeneinander her, bis Draco schließlich das Wort ergriff: „Ihr wirkt ein wenig bedrückt auf mich.Wenn Ihr mir die Frage erlaubt, was ist der Grund dafür?“ Ich seufzte. „Mein Vater teilte mir gestern mit, dass ich, wenn ich volljährig bin, heiraten werde.“ Wir verstummten erneut. „Diese Nachricht scheint Euch schlecht bekommen zu sein.“ „Allerdings.“ Wir hatten einen kleinen offenen Platz erreicht, unter einer Baumgruppe standen einige Bänke und in der Mitte gab es einen großen Springbrunnen. Wir setzen uns auf eine Bank und ich blickte mich hektisch um. Ich wusste, dass mein Vater irgendeinen Zauber auf mich gelegt hatte, damit er hören konnte, wie ich redete. Das hörte sich vielleicht verrückt an, aber das war ihm absolut zuzutrauen. Draco griff meine Hände und sah mich an. „Ihr seid härter und mutiger als die meisten Mädchen, die ich kenne.“ Er strich eine einzelne Locke, die sich aus meiner strengen Frisur gelöst hatte, hinter mein Ohr. Ich lächelte. „Ich danke Euch. Wirklich, ich werde es durchstehen.“ Er nickte. „Wollt Ihr mir vielleicht Euren wunderschönen Garten zeigen?“, fragte er. „Aber gern“, erwiderte ich. Draco bot mir seine Hand an und ich führte ihn durch den Park. Ich zeigte ihm die Büsche, die zu kunstvollen Figuren geschnitzt worden waren. Außerdem sahen wir uns den großen Teich an, der von großen Baumgruppen umgeben war, an. Ich genoss es, endlich wieder draußen zu sein, und sah zu, wie einige Sonnenstrahlen durch das dunkle Blätterdach fielen und auf dem perfekt geschnittenen englischen Rasen tanzten. Ich trat in die Mitte des Rasens und drehte mich einige Male um mich selbst. Ich sah, wie das Kleid aufflog und lachte kurz auf. Es war wie eine kleine Befreiung; seit dem Ferienanfang hatte ich nicht mehr gelacht. Mit Draco an meiner Seite fühlte ich mich viel besser.

    Irgendwann gingen wir dann wieder zurück zum Haus. Der Kies klackerte unter meinen hohen Absätzen, als ich darüber ging. Ich bemerkte nicht, wie einige größere Steine im Weg lagen, denn dank dem weit aufslaufendem Kleid konnte ich den Weg direkt vor mir nicht sehen, da der Stoff ihn verdeckte. Und so kam es, wie es kommen musste: ich stolperte geradewegs über einen riesigen Stein. Mit einem überraschten Aufschrei stürzte ich nach vorne, und wenn Draco nicht gewesen wäre, wäre ich direkt auf den Kies gefallen. Dafür lag ich nun in Dracos Armen; meine Wangen wurden rot, doch ich hoffte, dass man es durch die dicke Schminkschicht nichts sehen konnte. Auch Draco wirkte etwas peinlich berührt. Ich drückte seine Hände von meiner Hüfte, befreite mich aus seinem Griff und trat einen Schritt zurück. „Verzeiht mir“, sagte ich leise. „Ich bin so ungeschickt...Verzeiht mir...“ Ich machte eine tiefe Verbeugung und senkte den Kopf. Einen kurzen Moment lang herrschte Stille. Dann nahm Draco meine Hand und zog mich nach oben. Sanft schob er mein Kinn nach oben, sodass ich ihn ansehen musste. Seine grauen Augen musterten mich, als suchten sich nach einem Anhaltspunkt, weshalb ich mich so benahm. Doch ich wusste, dass sie die Antwort bereits kannten. Dass ich gezwungen wurde. Dass ich mich so normalerweise nie verhalten hätte. „Ihr müsst Euch nicht entschuldigen. Es gibt keinen Grund dafür.“ Diese fünf Worte brannten sich in meinem Gedächtnis ein. Ob er wusste, dass er gerade gegen das gesamte Protokoll verstoßen hatte? Dass er mich als ebenbürtig anerkannt hatte? Er hatte es freiwillig getan... Ich war mir sicher, dass er es absichtlich getan hatte. Ich lächelte. Draco streckte mir seine Hand entgegen; zögernd ergriff ich sie. Durch meinen blauen Handschuh fühlte ich die Kälte seiner Hand, doch es war mir egal. Zusammen gingen wir zum Haus zurück, hinter dem die Sonne gerade am Horizont versank. Der Himmel färbte sich zu einem sanften Rot, doch ich achtete nicht auf ihn. Ich warf noch einen kurzen Blick auf den wunderhübschen Garten, der in das Abendrot getaucht wurde, dann verschloss sich das Tor der Freiheit hinter mir. Ich war wieder in meinem goldenen Käfig gefangen.
    Sobald ich die dunkle Eingangshalle betrat, engte sich mein Brustkorb wieder ein. Ich begann leicht zu zittern. Draco schien es zu bemerken und ergriff meine Hand; ich drückte sie fest. Ich sah ihn kurz an, bevor wir die Flügeltür aufdrückten. „Bereit?“, flüsterte er. „Bereit.“

    Wir betraten den Raum, der nun von hellem Kerzenlicht beleuchtet wurde. Drei große Kristallleuchter hingen von der hohen Decke und verbreiteten warmes Licht, dass sich in den tausenden geschliffenen Glaskörpern brach und somit den gewaltigen Raum erleuchtete. Doch obwohl im Saal angenehme Wärme herrschte, konnte ich die frostige Kälte, die von den Anwesenden ausging, deutlich spüren. Draco und ich gingen auf den langen Tisch aus feinstem Mahagoni zu; Draco zog meinen Stuhl zurück, sodass ich mich setzen konnte. Ich nickte ihm kaum merklich zu, als er auf die andere Seite des Tisches trat und sich ebenfalls setzte. Meine Mutter und Narzissa nippten an zwei kleinen, porzellanen, aufwendig bemalten Teetassen mit Goldrand. Vater und Lucius waren in ein wichtiges Gespräch vertieft, so wie es schien. Im nächsten Moment erschien eine Hauelfe mit einem leisen „Plopp“ und stellte eine volle Teetasse auf einer ebenso kunstvoll gefertigten Untertasse vor mir ab. Ich betrachtete die Elfe aus den Augenwinkeln; es war nicht Leila, die Elfe, die ich als kleines Mädchen am liebsten gehabt hatte. Es hätte mich aber auch gewundert. Leila war generell eher für unsere Bibliothek zuständig, für tausende Bücher, die es regelmäßig abzustauben galt. Früher hatte sie mir öfter abends im Bett vorgelesen, als ich vier oder fünf war. Sobald ich selbst lesen und schreiben gelernt hatte, lasen wir uns regelmäßig gegenseitig vor. Meine Mutter hatte mich schon öfters ein regelrechtes „Wunderkind“ genannt. Ich konnte früh lesen und schreiben, wusste, wie man sich verhielt, und konnte alle wichtigen Vorfahren der Familie auswendig aufsagen und auch im Klavierspielen war ich begabt, so empfand es Mutter zumindest. Doch eines hatte sie mir immer verboten: zu singen. Ich durfte es nur, wenn Mutter oder Vater verletzt waren (was vielleicht einmal in fünf Jahren vorkam). Aufgeklärt hatte sie mich nie wirklich, wieso man meine Kraft geheimhalten musste. Es war ja nicht gefährlich...das dachte ich jedenfalls, bis Professor McGonagall mich darüber informiert hatte, dass es sehr wohl gefährlich werden konnte. Was daran so gefährlich war, dass wollte sie mir nicht sagen. Höchstwahrscheinlich hatte sie damals gedacht, es wäre zu hart für ein elfjähriges Mädchen. Doch nun war ich bald vierzehn, und in mir brannte das Verlangen nach der Wahrheit.

    Ich wusste nicht, wie viel Zeit schon vergangen war. Ich saß stocksteif auf meinem Platz, da das Korsett so eng geschnürt war, dass ich kaum atmen konnte. Mutter und Narzissa waren stumm, sodass ich schließlich deutlich hören konnte, wie Vater sagte: „Habe ich dir schon erzählt, dass meine Tochter eine ausgezeichnete Klavierspielerin ist, Lucius?“ „Allerings nicht, Evan“, entgegnete Mr. Malfoy. Ich blickte auf, als mein Vater fortfuhr: „Olivia, zeige Lucius und Narzissa, wie gut du bist.“ „Wie Ihr wünscht, Vater.“ Ich stand auf; Draco und seine Eltern folgten meinem Beispiel und erhoben sich ebenfalls, genau wie meine Eltern. Ein lautes Klappern war zu hören, als meine hohen Schuhe über den perfekt geschliffenen Holzboden aus Eiche schritten und der Saum meines teuren Kleides darüber glitt. Ich trat durch eine dunkle, Jahrhunderte alte, dicke Eichentür, die neben den mit Holz verkleideten Wänden fast verschwand. Die Vorfahren auf den riesigen Porträts an der Wand, folgten uns mit ihren Blicken, als wir nacheinander durch die Tür traten. Im Salon gingen sofort die Kerzen auf den Kirstalllüstern an, als ich hineintrat. Sobald alle im Raum waren, trat ich hinüber zum Flügel, strich mein Kleid glatt und setzte mich auf den samtbezogenen Hocker davor.

    Dracos Sicht:
    Zart strich sie über die Klaviertastatur und begann zu spielen. Es war eine zauberhafte Melodie, die ich jedoch noch nie gehört hatte. Doch sobald sie zu spielen begonnen hatte, war dieser Ausdruck schierer Angst und Verzweiflung aus ihrem Gesicht verschwunden, und ein kleines Lächeln machte sich darauf breit. In ihren Augen blitzte Freude auf, als ihre perfekten Finger rasend schnell über die Tastatur glitten. Im Schein des prasselnden Feuers im Kamin schien Vias Haar zu scheinen und ihre Augen leuchteten. Doch als das Lied sich dem Ende näherte, erloschen die Flammen in ihren Augen und machten einem Ausdruck tiefer Bedrücktheit und Angst Platz.

    Olivias Sicht:
    Das Lied erstarb und das kalte Gefühl der Hilflosigkeit eroberte mein Herz zurück. Ich zog die Hand zurück. „Erstaunlich“, war Mr. Malfoys Stimme zu vernehmen. „Allerdings. Für eine Gryffindor“, hörte ich Draco und hob den Kopf ein wenig. Er schenkte mir ein leichtes Lächeln, dass ich zu erwidern versuchte, auch wenn ich mir nicht sicher war, ob es gelang. „Draco!“, entgegnete Mr. Malfoy, doch ich war mir nicht sicher, ob er seinen Sohn wirklich wegen einer solchen Aussage verurteilen wollte. Ich schwieg, während wir zurück ins Esszimmer gingen und bekam für den restlichen Abend nichts mehr mit.

    Nachdem die Malfoys sich verabschiedet hatten, machte ich mich auf den Weg zurück in mein Zimmer. Die Hauselfen halfen mir, aus meinen Kleidern zu gelangen. Ich atmete erleichtert auf, als mir das Korsett von den Hüften genommen wurde. Sobald ich diese unglaubliche Last der Unterröcke los war, fühlte ich mich wieder besser. Ich zog mir mein seidenes Nachthemd über und löste gerade meine Haare aus dem strengen Dutt, als es an der Tür klopfte. Meine Mutter kam herein und schickte die Elfen hinaus. Sie kam zu mir herrüber und sagte: „Bitte setz dich hinüber aufs Bett. Ich muss mit dir reden.“ Ich nickte und tat, was sie verlangte. Sie setzte sich auf einen Stuhl neben meinem Bett. „Olivia, da gibt es Etwas, über das wir reden müssen...Als du und Draco im Garten wart, haben dein Vater und Lucius Malfoy sich unterhalten. Sie sagten, dass Du-weißt-schon-wer zurückkehren würde. Sie würden es am dunklen Mal spüren.“ Ich schluckte schwer. „Olivia, weißt du, was das für uns bedeutet?“ „Aber ja, Mutter.“ Natürlich wusste ich, was geschehen würde. Ich und meine Mutter würden uns den Todessern anschließen müssen. „Ich weiß, dass es für mich schon zu spät ist. Ich kann nicht mehr zurück. Aber du kannst. Olivia, du darfst nach den Ferien nie wieder zurückkehren, verstehst du!“ Ich nickte. „Ich werde die Weasleys kontaktieren. Vielleicht kannst du bei ihnen bleiben.“ „Aber Mutter...“ „Widersprich mir nicht!“ Ich zuckte zurück. „Olivia, du bist das Wichtigste für mich. Du musst in Sicherheit sein; versprich mir, dass du auf mich hören wirst.“ Ich nickte erneut. „Ich verspreche es Euch, Mutter.“ Sie streichelte über meine Wange, als mir Tränen über das Gesicht rannen. Sie gab mir einen Kuss aufs Haar und ging dann zur Tür. „Gute Nacht, Olivia.“ „Gute Nacht, Mutter.“

    Den ganzen nächsten Tag über schossen mir immer wieder Mutters Worte durch den Kopf. Ich hatte Angst, das ja, aber ich versuchte, es herunterzuschlucken. Darüber hinaus hatte ich ganz vergessen, dass am nächsten Tag das Porträt von mir angefertigt werden würde. Dies fiel mir erst wieder am späten Abend ein, bevor ich in einen tiefen Schlaf versank. Am nächsten Morgen erwachte ich schon früh. Ich sah, wie die Sonne aufging und blickte sehnsüchtig aus dem Fenster. Draußen sangen jetzt sicher die Vögel aber ich konnte sie nicht hören. Die Fenster waren auch mit einem Schallzauber belegt, der verhinderte, dass auch nur ein einziger Ton von draußen in den Raum dringen konnte. Eine Hauselfe brachte mir bald darauf ein Tablett mit meinem Frühstück. Während ich mir aus der Porzellankanne etwas Tee in meine teure, handbemalte Porzellantasse schüttete, dachte ich über Mutters Worte nach. Ich wusste nicht, was mein Vater tun würde, wenn er erfuhr, dass meine Mutter mir zur Flucht verhalf. Ich aß rasch mein Frühstück auf und klingelte dann mit der Glocke, um die Elfen zu rufen. Keine Minute später waren auch schon wieder mindestens zehn von ihnen anwesend. Ich musste mich auf einen Schemel in der Mitte des Raumes stellen. Die Hauselfen holten derweil das Kleid, das meine Mutter für heute ausgesucht hatte. Zuerst zog ich mir frische Unterwäsche an, dann halfen mir die Elfen, die ersten drei Schichten der Unterröcke überzuziehen. Danach kamen sie mit einem seltsamen Ding angewuselt. Es wirkte wie ein Unterrock, nur bestand er aus Holz und erinnerte mich an einen Käfig. Eine Elfe stand hinter mir auf einem Stuhl und schnürte mein Korsett so eng es ging. Ich keuchte erschrocken auf, als das Ding mir fast die Luft abschnürte. Doch die Hauselfe ging gar nicht darauf ein und schnürte noch fester, bis ich das Gefühl hatte, gleich in Ohnmacht fallen zu müssen. Nun legten mir die Hauselfen den „Käfig“ über und zogen ihn mit einem Mechanismus enger. Danach wurde mir das Kleid angezogen. Es hatte eine Farbton, der von hell-lila in ein sanftes Magenta überging. Außerdem war an der Hüfte, an den Oberarmen und den Ärmeln schwarze Bänder mit jeweils einer goldenen Brosche mit schwarzem Stein angebracht. Der Stoff des Kleids ergoss sich fast über den Boden und war mit Rüschen und Perlen übersät. Meine Füße wurden in schwarze, hohe Schuhe gesteckt, die jedoch gar nicht zu sehen waren, da das Kleid sie verdeckte. Eine Elfe reichte mir zwei weiße Handschuhe, die ich schnell überzog. Dann wurde ich sanft vor den Schminkspiegel geschubst. Ein Hauself fummelte an meinen Haaren herum, während zwei andere mir wieder Unmengen an Schminke ins Gesicht klatschten. Ich schloss einfach die Augen und ließ die Prozedur über mich ergehen. Als ich sie wieder aufmachte, blickte mir eine fremde Person im Spiegel entgegen. Ich berührte vorsichtig in den Spiegel, nur um sicherzugehen, dass diese Person wirklich ich war. Meine Haare waren oben zu einem Dutt hochgesteckt und fielen in sanften Locken wieder hinunter. Meine Haut war durch die Schminke noch blasser geworden und stach im Kontrast zu meinen blutroten Lippen sofort hervor. In meinen Ohren hingen Perlenohrringe die perfekt zu meiner Kette mit einem Perlenanhänger passte. Ich stand vorsichtig auf und drehte mich einmal im Kreis. Die ganzen Schichten meines Kleids flogen um mich herum und ich spürte erneut, wie schwer das Kleid eigentlich war.

    Ich brauchte eine gefühlte Ewigkeit, bis ich die Treppe hinuntergegangen war. Als ich den Salon betrat, hielt meine Mutter kurz den Atem an. Ich ging auf sie zu und machte einen Knicks. „Guten Morgen, Mutter.“ Sie räusperte sich kurz. „Guten Morgen, Olivia. Nun...ich möchte dir Artemius McCerange vorstellen. Er wird dein Porträt malen.“ Hinter meine Mutter stand ein Mann mit schwarzen Locken und erstaunlich blauen Augen. „Es wird mir eine Freude sein, eine so hübsche junge Dame zu porträtieren.“, sagte er. Ich lächelte. Er deutete auf einen roten Sessel, der mti Samt überzogen war. „Wenn Ihr Euch bitte setzen würdet...“ Ich gehorchte und setzte mich in den Sessel. Zwei Meter von mir entfernt stand eine große Leinwand und einige Flaschen voller Farbe. „Gut, ich bitte Euch jetzt, still zu sitzen.“, murmelte der Maler und verschwand hinter der Leinwand. Er lugte immer wieder hervor, um mich auf die Staffelei zu übertragen. Ich saß starr da und sah einfach nur geradeaus. Ich wünschte, es wäre bald vorbei, denn ich fühlte mich sehr unwohl, während der Maler immer wieder meine Maße mit dem Finger auszumessen schien. Nach einer gefühlten Ewigkeit meinte der Maler, der inzwischen schon vollkommen anchgeschwitzt war, dass er fertig sei. Ich stand auf und ging hinüber, um das Bild zu betrachten. Ich konnte es kaum glauben; die Person auf dem Gemälde sah mir täuschend ähnlich. Allerdings war das Gehalt dieses Malers garantiert nicht wenig...Ich fragte mich, wie viel mein Vater für dieses Porträt bezahlen würde. Mein gemaltes Ich blinzelte mir zwei Mal zu. Vielleicht bildete ich mir das ein, doch in ihren Augen spiegelte sich Furcht.

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    3. Kapitel

    Zwei Wochen später saß ich abends am Fenster und starrte hinaus. Die Sonne ging jetzt sicher unter, doch da ich auf der Ostseite war, konnte ich es nicht verfolgen. Langsam senkte sich die Dunkelheit über den Garten. Die Bäume wippten im Wind und die Blätter raschelten sicher, auch wenn ich es nicht hören konnte. Ich sah einen Vogel am Fenster vorbeifliegen und blickte ihm nach, bis er im dichten Dickicht aus Bäumen verschwunden war. Ich seufzte leise. Wie gern wäre ich jetzt an seiner Stelle; ich würde davon fliegen, weit weg von diesem Haus. Ich hatte einen guten Ausblick auf die Bäume vor meinem Fenster, da mein Zimmer im dritten Stock lag. Das hieß, dass mein ganzer „Freiraum“ quasi draußen von Bäumen gesäumt war. Ich drehte mich um und ging in meinem langen seidenen Nachthemd hinüber zum Spiegel. Fast hatte ich Angst, wieder das perfekte Mädchen zu sehen, dass mir so vollkommen fremd war. Doch wer mir entgegensah, war nicht mit ihr vergleichbar. Mit Augen wirkten müde und lustlos, meine Lippen schienen kaum sichtbar leicht zu zittern. Meine Locken hingen nach unten und ich wirkte generell einfach nur am Boden zerstört. Doch morgen Vormittag würde davon nichts mehr zu sehen sein. Alles würde wieder wie immer sein. Ich würde gehorchen; ich würde nicht sprechen; ich würde meine Meinung zurückhalten. Ich atmete kaum merklich aus. Dann wandte ich mich vom Spiegel ab und trat hinüber zu meinem Bett. Ich schlug die schwere Bettdecke zurück und kletterte hinein. Dazu muss ich sagen, dass mein Bett geradezu riesig war. Die Matratze war mindestens 50 cm hoch; am Kopfende lagen ein Dutzend federgefüllte Kissen, die extrem weich waren und die Matratze war von einer dicken und schweren Bettdecke bedeckt. Ich schätzte das Bett auf eine Breite von drei Meter und auf eine Länge von fünf Metern. Ich kletterte also hinein und deckte mich zu. Ich schloss meine Augen und versuchte, die Tränen herunterzuschlucken, doch es funktionierte nicht. Ich wusste nicht, wie lang ich das noch aushalten sollte; ich hatte niemanden, mit dem ich reden konnte und das machte mir zu schaffen. Nie konnte ich ich selbst sein, nie durfte ich sagen, was ich wirklich dachte, meine Meinung war unerwünscht. Ich sollte alles dafür tun, um ein Ideal zu erreichen, hinter dem ich nicht stand. Und das kam jetzt alles in mir hoch. Ich weinte in die Kissen, so dass diese ganz nass wurden, doch es war mir total egal. Ich konnte gar nicht mehr aufhören, doch irgendwann wurden sie weniger und glitt langsam in einen tiefen Schlaf.

    Mitten in der Nacht schreckte ich hoch. Ich gähnte kurz und starrte auf den Wecker. Es war ein Uhr morgens. In meinem Zimmer herrschte eine solche Hitze, dass sie mir fast ins Gesicht schlug. Augenblicklich begann mir der Schweiß von der Stirn zu laufen. Ich brauchte Luft! Rasch ging ich hinüber zum Fenster und versuchte es zu öffnen. Doch kaum hatte ich den Fenstergriff berührt, fuhr mir ein stechender, brennender Schmerz durch die Hand. Sofort zuckte ich zurück. Ich hatte vollkommen vergessen, dass mein Vater die Fenster ja mit einem Zauber versehen hatte. Ich ignorierte den Schmerz und rannte hinüber zur Tür. Doch als ich die Klinke hinunterdrückte, konnte ich die Tür nicht öffnen. Ich rüttelte daran, doch es rührte sich nichts. Wie sollte ich hier nur herauskommen? Panik packte mich. Die Wände wirkten, als würden sie immer näher zusammenrücken. Mit Angst erfüllt summte ich leise und richtete meine Hand auf die Tür. Die goldenen und silbernen Strahlen traten hervor und erleuchteten den Raum. Ich deutete erneut auf die Tür. Als ob die Strahlen wüssten, was zu tun war, umfassten sie die Türklinke und im nächsten Moment schwang die Tür auf. Ich starrte einen Moment lang noch auf die offene Tür; ich konnte einfach nicht glauben, dass es wirklich funktioniert hatte. Aber wenn mein Vater herausfände, dass ich meine Kräfte eingesetzt hatte, würde das nicht gerade gut für mich enden... Ich schlüpfte leise durch die Tür und huschte die Treppe hinunter, darauf bedacht kein Geräusch zu machen. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis ich endlich die Eingangshalle erreicht hatte. Mit nackten Füßen tappte ich über den kalten Marmorboden, weil ich in der Eile meine Pantoffeln vergessen hatte. Ich war nur noch wenige Schritte von meinem Ziel entfernt; die große, schwere Eichentür, die den Eingang versperrte lag direkt vor mir. Auf Zehenspitzen schlich ich hinüber zur Tür. Vorsichtig wollte ich meine Hand auf die goldene Türklinke legen, als- „Was machst du hier?“, ertönte eine Stimme hinter mir. Ich erstarrte.

    Das Blut gefror mir in den Adern. „Was tust du hier, mitten in der Nacht?“, fragte mein Vater kalt und gefährlich. Geschockt drehte ich mich um und starrte direkt in das wütende Gesicht meines Vaters. „Ich...ich...“, stammelte ich und wusste nicht, was ich antworten sollte. Mein Vater wartete gar nicht auf eine Antwort, sondern packte meinen Arm und zerrte mich mit. Ich traute mich nicht zu wiedersprechen und hielt einfach den Mund. Er zog mich Richtung Keller und ging mit mir die Treppe nach unten. Bevor wir zu den Kerkern kamen, drückte er mich fest gegen die Steinwand. „Wie bist du aus deinem Zimmer rausgekommen?“, fragte er wütend. Mein Mund ging auf, doch ich brachte kein Wort hervor. Er packte mich fester und drückte mich so fest gegen die Wand, dass ich die eingemeiselten Steine in meinem Rücken spüren konnte. „Antworte!“ „Die Tür war schon offen...“, keuchte ich und hoffte, dass er es glaubte. Doch es funktionierte nicht. Mein Vater hob seine Hand und gab mir eine schallende Ohrfeige. Ein stechender Schmerz schoss durch meine Wange und ich atmete erschrocken aus. „Lüg mich nicht an!“, zischte er. „Ich...ich...ich hab’ meine Kräfte benutzt“, flüsterte ich und wartete auf das Urteil. „DU HAST WAS!“, rief er. Ich zitterte vor Angst. Er holte erneut aus und ich spürte schon wieder das brennende Ziehen in meiner Wange. Mein Vater packte mich am Arm und zog mich den Gang entlang. Wir waren in den Kerkern angekommen; Vater zog die Gitterstäbe zu einem der Kerker auf und schleifte mich hinein. „Du kannst jetzt erst einmal hier bleiben!“, zischte er, „Du kommst wieder heraus, wenn du weißt, wie du dich verhalten sollst!“ Er ging rasch zur Tür und schlug die Gittertür hintere sich zu. Ich sank zusammen und begann trocken zu schluchzen. Ich kauerte mich in einer Ecke zusammen und schloss einfach die Augen, in der Hoffnung, dass ich bald hier rauskommen würde.

    „Olivia!“ Ich schreckte auf und musste mich erst einmal wieder daran erinnern, dass ich ja eingesperrt im Kerker saß. „Olivia!“, rief die Stimme erneut. Ich sah auf; es war meine Mutter. Sie stand vor der Tür und wirkte vollkommen aufgelöst. Ich hörte, wie ein Schlüssel im Schloss herumgedreht und die Tür aufgerissen wurde. „Olivia, geht es dir gut?“, fragte sie. Ich nickte. „Mir geht es gut, Mutter.“, murmelte ich. Sie nahm meine Hand und schob mich sanft zur Tür hinaus. Ich zitterte; unten im Keller war es immer stockkalt und ich hatte die halbe Nacht darin verbracht. Mutter brachte mich zurück nach oben in den dritten Stock und betrat mit mir mein Zimmer. Sie sagte kein Wort und vielleicht war das auch gut so. Ich wollte ihr nichts erklären und mein Vater hatte ihr sicher erklärt, was ich getan hatte. Sie legte mir den Morgenmantel über, ging danach zur Tür und sagte leise: „Ich lasse dir das Frühstück hochbringen.“ Im nächsten Moment war sie schon verschwunden. Ich trat hinüber zum Spiegel uns sah mich an. Meine Haare waren ein reines Wirrwarr auf meinem Kopf und fühlten sich vollkommen verfilzt an. Meine Augen war erschrocken geweitet und blitzten verängstigt; meine Haut war vollkommen weiß und wirkte vollkommen unnatürlich. Ich erkannte mich nicht wieder. Dieses Mädchen, das mir aus dem Spiegel entgegensah, hatte nichts mit meinem eigentlichen Selbst zu tun. An der Tür klopfte es. Eine Hauselfe kam hinein und stellte stillschweigend ein Tablett mit meinem Frühstück auf das Bett. Ich hatte keinen Hunger, also wandte ich mich um und betrat das Bad. Ich stellte mich unter die Dusche und bald erfüllte heißer Dampf den Raum. Ich wusch mir meinen gesamten Kummer vom Körper und genoss, wie das heiße Wasser meinen Rücken hinunterfloss. Mein Verstand wurde klarer und ich begann die Dinge klarer zu betrachten. Ein einziger Satz schoss durch mir durch den Kopf. Ich muss von hier weg. Nicht erst am Ende der Ferien; nein, noch ein paar Tage länger und ich würde noch zusammenbrechen. Ich spürte fast, wie dieser Ort mich kaputtmachte. Ich hasste es einfach nur, ich wollte nur von hier fort. Ich hatte Angst. Mr. Malfoy und Vater hatten über Voldemort geredet; dass er bald wieder an die Macht kommen würde. Und bei diesem Gedanken lief mir ein kalter Schauer über den Rücken.

    In den folgenden Tagen verhielt ich mich sehr ruhig. Meine Gedanken waren nicht da, wo sie eigentlich sein sollten. Ständig kreisten sie nur darum, wie ich von hier entkommen konnte. Mein Vater schlug mich, wenn ich auch nur einen falschen Schritt tat. Und er genoss es regelrecht. Eines Abends saßen wir mal wieder im Esszimmer; es herrschte vollkommene Stille. Es war nur das regelmäßige Schaben des Bestecks auf den Tellern zu hören. Mein Blick war fest auf das Stück gebratene Ente mit Pellkartoffeln auf meinem Teller gerichtet. Meine Mutter saß bleich und stocksteif auf ihrem Stuhl und warf meinem Vater immer wieder kurze, angstvolle Blicke zu; einige Hauselfen standen an den Wänden hinter uns, andere flitzten um den Tisch herum, bereit, jeden der Herrschaften zu bedienen. Als ich eine von ihnen kurz mit meinem Blick fixierte, wusste sie sofort, was zu tun war. Ich deute kaum merklich mit meiner rechten Hand in Richtung Wasser, das in einem großen Krug auf dem Tisch stand. Die Elfe huschte herbei, hob den Krug und füllte mein Glas damit. Ich nickte ihr kaum merklich zu, denn ich durfte die Stille nicht unterbrechen. Aber natürlich, selbst wenn ich mich wirklich anstrengte, um die Regeln korrekt zu befolgen, schaffte es mein unglaubliches Glück immer wieder, mich ins Verderben zu bringen. Ich schaffte es doch tatsächlich, als ich kurz nicht aufpasste, was meine Hände taten, gegen mein Glas zu stoßen, welches daraufhin natürlich umkippte und den gesamten Inhalt auf dem Tisch verschüttete. Das Glas klirrte, als es auf dem Tisch aufkam; erschrocken starrte ich es an. Ich wusste, dass Mutter und Vater mich anstarrten, Mutter entsetzt, doch Vater seltsamerweise gleichgültig. Für einen Moment wägte ich mich in Sicherheit, denn er reagierte nicht, doch im nächsten Moment registrierte ich, was er vorhatte. Er würde mich erst nach dem Abendessen büßen lassen, doch es war sehr viel schlimmer, als wenn er es gleich getan hätte, denn so konnte ich mir in aller Ruhe die verschiedensten Methoden ausdenken, wie er mich quälen wollte.

    Nach dem Abendessen schickte er Mutter erneut aus dem Zimmer und baute sich drohend vor mir auf. „Geh auf die Knie!“, befahl er. Zitternd ging ich in die Hocke und ließ mich in meinem blutroten Kleid auf den Boden sinken. „Schneller!“ Mit voller Wucht schlug er mir auf den Rücken, so dass ich zu Boden ging. Ich hielt den Blick gesenkt, um ihn nicht noch weiter zu verärgern und starrte stattdessen den perfekt polierten Holzboden an. „Küss meine Schuhe!“ Ich glaubte, mich verhört zu haben. Ich wollte es nicht tun. Ich wollte mich weigern. „Sieh mich an!“, befahl er. Zitternd sah ich auf. Er grinste sein grausames Lächeln, dann holte er mit der Hand aus, und gab mir eine schallende Ohrfeige. „Küss meine Schuhe!“, wiederholte er drohend. Zitternd ließ ich mich erneut zu Boden fallen. Die blank polierten Schuhe meines Vaters ragten direkt vor mir empor. Widerwillig beugte ich mich nach vorne. Ich konnte mir vorstellen, dass mein Vater jetzt sicher zufrieden war, wie seine Adoptivtochter da am Boden lag, unfähig, sich zu wehren und wie zufrieden er damit war, die gesamte Macht über mich zu haben. Ich beugte mich nach vorne und küsste den linken Lederschuh. In diesem Moment hasste ich mich selbst dafür, dass ich nicht widersprach und ihm einfach so gehorchte. Von meinem Stolz und meinem Mut war nichts mehr vorhanden. Ich tat einfach nur, was er verlangte. Ich beugte mich zum rechten Schuh und wiederholte den Kuss. Ich wagte nicht aufzusehen. „Gut... jetzt verbeug dich!“ Gehorsam rutschte ich von seinen Schuhen zurück und verbeugte mich tief, sodass mein Gesicht den Boden berührte. „Leg die Arme auf den Rücken!“ Ich verschränkte die Arme hinter dem Rücken. „Sieh nach oben!“ Ich legte den Kopf in den Nacken. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie er ein Messer hervorzog und die scharfe Spitze an meinen Hals drückte. „Meine liebe Tochter“, begann er leise, während er mit dem Messer an meinem Hals entlangfuhr, „ich warne dich. Sollte ich je mitbekommen, dass du dich nicht an die Regeln hältst, dann...“, er drückte das Messer an meine dünne Haut, „wirst du mich kennenlernen!“ Ich schluckte schwer. „Hast du mich verstanden?“ Er drückte das Messer so fest in meine Haut, dass es zu bluten begann. „Ja, Vater“, keuchte ich. Zufrieden entfernte er das Messer von meinem Hals. „Geh in dein Zimmer!“, zischte er. „Sofort!“ Das musste er mir nicht zweimal sagen. Ich hastete aus den Raum, die Hände an den Hals gepresst. Blut rann daran herunter und tropfte auf mein Kleid, doch da es im wahrsten Sinne blutrot war, konnte man nichts darauf sehen. Als ich an meinem Zimmer angekommen war, knallte ich schwungvoll die Tür hinter mir zu, lehnte mich dagegen und ließ mich zu Boden sinken. Ich ließ die Wunde durch ein Lied verschwinden und blieb wie betäubt am Boden sitzen. Das war verdammt knapp gewesen. Er hätte weitaus Schlimmeres mit dir anstellen können!, erinnerte mich eine Stimme in meinem Kopf. Und da hatte sie verdammt recht!

    In mir baute sich ein solcher Druck aus Wut auf, dass ich immer damit zu kämpfen hatte, damit es nicht überkochte. Ich wusste nicht, wann ich von hier verschwinden konnte, aber ich packte bereits alle Sachen, die ich für Hogwarts brauchen würde, in meinen Koffer. Dieser Freiheitsdrang in mir wurde immer stärker und es wurde immer schwerer, ihn zu unterdrücken. Auch Mutter schien etwas zu bemerken, denn sie sagte mir immer wieder, dass ich einfach gehen sollte. Ich haderte mit ihren Worten, doch ich wusste, dass sie nur das Beste für mich wollte, auch, wenn sie dafür leiden musste. Ich kam nicht daran vorbei, sie für ihren grenzenlosen Mut zu bewundern. Sie gab sich selbst für mich auf.

    Als ich eines Morgens wieder vor dem Spiegel stand, fasste ich einen Entschluss. Ich schlüpfte aus dem Morgenmantel und sah mich einmal motivierend und lächelnd im Spiegel an. Ich summte und berührte meine Arme und fuhr an meinen Hüften entlang. Die wärmenden Strahlen traten hervor und hüllten mich in gleißendes Licht. Ich kniff meine Augen fest zusammen und in meinem Kopf erschien ein genaues Bild. Als ich sie wieder öffnete, trug ich ein rotes Trägertop und eine kurze weiße Hose. Ich wandte dasselbe Prinzip auch an meinen Haaren an. Nach dieser Anwendung flossen mir meine Locken sanft über die Schultern; an beiden Seiten war ein dünner Zopf nach hinten gebunden, der am Hinterkopf mit einem Haargummi befestigt war. Ich strich mir eine dicke Locke auf der linken Seite aus meinem Gesicht. Anschließend setzte ich mich vor meinen Schminktisch. Ich tuschte meine Wimpern etwas und trug ein wenig Lipgloss auf. Als ich mich im Spiegel anstarrte, wirkte ich so anders, als ich es in den vergangenen Wochen getan hatte. Zum ersten Mal wirkte ich wieder wie das Mädchen, das ich in Hogwarts war. Ein kleines Lächeln stahl sich auf mein Gesicht, ohne dass ich es überhaupt bemerkte. Ich betrachtete meine Füße. Ich richtete meine Hände auf meine blassen Zehen und summte erneut eine Melodie. Das goldene Licht erschien; nach einigen Sekunden formte es sich zu zwei weinroten Sandalen. Ich warf meinem Spiegelbild noch einmal einen prüfenden Blick zu, dann fuhr ich herum und ging zurück in mein Zimmer. Dort stand schon mein fertig gepackter Koffer, den ich jetzt packte und die Tür aufriss. Doch irgendwas hielt mich noch für einen Moment zurück. Ich drehte mich um und ließ meinen Blick durch den Raum wandern. Fast hätte ich wehmütig aufgeseufzt, doch ich hielt mich zurück. Mein ganzer Schreibtisch war leergeräumt; ich hatte einfach alles in meinen Koffer gekippt. Ich hatte meine „normalen“ Klamotten schon vor Wochen aus dem Kleiderschrank gezerrt; mein Schmuck, der hauptsächlich aus tausenden von Bändern und Ohrringen bestand, war ebenfalls irgendwo in den Tiefen meines Koffers verschwunden. Mein Zimmer wirkte seltsam leer. Hier hatte ich jeden Sommer verbracht, seit ich nach Hogwarts ging und auch davor hatte ich jede Nacht in diesem riesigen Bett gelegen; und trotzdem löste dieser Anblick in mir keine guten Erinnerungen aus. Dies war immer ein Gefängnis für mich gewesen, nie ein wirkliches Zuhause, auch wenn ich mir einzureden versucht hatte, dass es anders war. Ich umfasste mein Mondamulett, was mir ein gewisses Gefühl der Sicherheit gab. Ich warf noch einmal einen raschen Blick auf mein Zimmer, dann schloss ich mit einem Ruck die Tür hinter mir.

    Ich stieg rasch die Treppe hinunter, ohne darauf zu achten, dass ich einen ungeheuren Lärm in dem stillschweigenden Haus veranstaltete. Doch es interessierte mich nicht. Um genauer zu sein, es war mir so was von egal. Ich war schon bald im Erdgeschoss angekommen. Mein Vater war garantiert im Speisesaal. Ich wusste nicht, was mit mir los war, doch in diesem Moment wollte ich einfach nur sein Gesicht sehen, wenn er meinen einmaligen „Abgang“ bemerken würde. Ich stieß also die Tür auf und marschierte quer durchs Zimmer. Mein Vater saß am Esstisch; er trank gerade seinen Kaffee und las wie üblich den Tagespropheten. Als er meine zielstrebigen Schritte hörte, sah er auf. Mit Schadenfreude bemerkte ich, dass ihm bei meinem Aufzug beinahe die Augen aus dem Kopf fielen. „Was?“, begann er, doch er war so fassungslos, dass er nicht weiter sprechen konnte. Ich grinste. „Ich gehe“, meinte ich und ging weiter auf die Tür zu. „Du tust WAS?“, schrie er schon fast. „Ich gehe.“, wiederholte ich und musste bei seinem fassungslosen Gesicht kurz laut auflachen. „Auf gar keinen Fall!“, erwiderte Vater, der offensichtlich seine Fassung wiedergewonnen hatte. „Du bleibst hier!“ Ich drehte mich kurz zu ihm zu. Und dann sagte ich endlich das, was ich immer in den Tiefen meines Herzens verborgen war und niemals den Weg ans Tageslicht fand. „Nein.“ In meinen Augen brannte es. „Ich werde mich nie wieder von dir kontrollieren lassen. Du zerstörst mein ganzes Leben.“ Im nächsten Moment war er bei mir und drückte mich gegen die Wand. Ungewollt atmete ich erschrocken aus. „Ach, tue ich das? Du bleibst hier, ob du willst oder nicht!“ Er bohrte seine Fingernägel in meinen Unterarm und ich musste die Zähne zusammenbeißen, um nicht laut loszuschreien. Als ich nicht antwortete, verstärkte er seinen Griff so stark, dass schon einige Tropfen Blut aus der Wunde tropften. Ich zischte; ich summte leise vor mich hin. Die Strahlen erschienen in meiner Hand und ich grinste hämisch. Ich riss mich aus Vaters Griff los und streckte meine Arme vor mich aus. Das Licht wurde so riesig, dass es meinen Vater rund drei Meter zurück warf. Mit der linken Hand griff ich nach meinem Koffer, die rechte Hand hielt ich schützend vor mich. „Ich an deiner Stelle würde jetzt ganz still sein. Ich werde jetzt verschwinden und denk nicht mal daran, herauszufinden, wo ich bin. Denn wenn du das tust, dann werde ich Dumbledore und den Professoren an meiner Schule erzählen, dass mein Vater ein durchgeknallter Todesser ist, der seine Tochter regelrecht misshandelt!“, zischte ich. „Ach und übrigens“, meinte ich und drehte mich noch einmal kurz zu ihm um, „du warst nie mein Vater.“ Ich verschwendete nicht einen weiteren Blick an meinen „Vater“; ich ging aus dem Raum und schlug die Tür hinter mir zu.

    In der Eingangshalle trat ich mit raschen Schritten auf den Kamin zu. Kurz bevor ich das Flohpulver hineinwerfen konnte, sah ich Mutter aus einem Nebenraum kommen. Sie ging auf mich zu und blieb kurz vor mir stehen. Mir fehlten die Worte. Da stand die Frau, die mich als ihre Tochter angenommen hatte, die mich aufgezogen hatte, mich über Alles liebte und mich gehen ließ. Sie ließ mich einfach gehen, obwohl sie mich beschützen wollte und es ihr das Herz brechen würde. Schließlich schloss ich sie einfach in eine Umarmung. Als ich sie wieder losließ, murmelte ich: „Danke. Ich danke dir für alles, was du für mich getan hast. Ich...ich wollte dir nur sagen, dass du die beste Mutter warst, die ich mir vorstellen kann.“ Meine Mutter musterte mich kurz liebevoll, dann meinte sie: „Vergiss nicht, ich wollte immer nur das Beste für dich. Nur...bitte versprich mir eins: pass auf dich auf.“ Ich nickte. „Ich versprech’s dir.“ Ich trat zum Kamin und warf etwas Flohpulver hinein; ein loderndes, grünes Feuer schoss empor. Ich umschloss den Griff des Koffers fester, lächelte Mutter noch einmal kurz zu und trat dann ins Feuer hinein. „Fuchsbau!“ Alles begann sich zu drehen. Als ich hinüber zu Mutter sah, wirkte es fast so, als würde ihr eine Träne über die Wange laufen. Doch bevor ich genauer hinsehen konnte, verschwand unsere Eingangshalle in einem Farbenstrudel und ich wurde fortgerissen, fort von meinem alten Leben.

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    4. Kapitel

    Alles drehte sich und mein Haar wehte ihm aufbrausenden Wind. Im nächsten Moment stoppte es mit einem Ruck und ich erblickte die Küche der Weasleys. Mrs. Weasley sah mir entgegen; sie wirkte nicht im Mindesten überrascht. „Olivia! Wie schön dich zu sehen!“, rief sie und kam auf mich zugelaufen. Sie schloss mich in ihre festen Arme und ich erwiderte die Umarmung fest. Ich schluchzte trocken auf. „Ist irgendetwas, Schatz?“, fragte Mrs. Weasley. „Es ist nur...meine Mutter...sie...“, schluchzte ich. „Schhhh“, murmelte sie, „alles ist in Ordnung; du bist jetzt in Sicherheit.“ Ich erinnerte mich an Mutters Worte. Sie wollte immer nur das Beste für mich. Sie wollte, dass ich auf mich aufpasste. Ich widersprach nicht; schließlich ließ mich Mrs. Weasley wieder los. „Du kannst wieder in Ginnys Zimmer schlafen. Ich rufe gleich Fred und George, damit sie dein Gepäck nach oben tragen.“ Sie wuselte hinüber zum Herd. „Komm, setz dich erst einmal hin und iss. Du siehst halb verhungert aus.“ Ich gehorchte und setzte mich auf einen der Stühle. Mrs. Weasley holte mir einen Teller und schaufelte mir eine Unmenge an Rührei und Würstchen darauf. „Fred! George!“, schrie sie. Einige Sekunden später hörte ich Fußgetrappel auf der Holztreppe. Zwei Rotschöpfe erschienen; Fred und George grinsten, als sie mich sahen. „Bringt Olivias Gepäck nach oben in Ginnys Zimmer! Aber schnell!“ Doch die beiden kamen zuerst zu mir herüber. „Wen haben wir denn da?“, fragte Fred. „Unsere kleine Livvy!“, meinte George. Ich verdrehte belustigt die Augen. Von der Treppe war erneut lautes Poltern zu hören; im nächsten Moment erschien ein weiterer Rotschopf. „Liv!“, rief Ron und kam auf den Tisch zu. „Ron!“ Er setzte sich auf einen Stuhl auf der anderen Tischseite und lud sich ebenfalls den Teller voll. „Fred! George!“, rief Mrs. Weasley, „ich hab’ euch doch gesagt, ihr sollt Olivias Gepäck nach oben bringen!“ Die Zwillinge packten meinen Koffer und machten, dass sie davonkamen, bevor ihre Mutter ihnen noch eine Standpauke hielt. „Liv...was ist mit deinem Arm?“, fragte Ron. Ich sah ihn leicht verwirrt an. Er deutete auf meinen rechten Arm; ich folgte seinem Blick. Auf meiner blassen Haut waren immer noch die festen Handabdrücke meines Vaters zu sehen; kleine Rinnsale aus Blut flossen daran hinunter. Auch Mrs. Weasley hatte es bemerkt und kam erneut herüber. „Ich hole gleich den Verbandskasten“, murmelte sie und schwang ihren Zauberstab. Aus der Ecke kam etwas Verbandszeug herangeflogen; Mrs. Weasley verband mit gekonnten Handgriffen meinen Arm. Währenddessen hatte ich endlich die Zeit, Ron von oben bis unten zu betrachten. Sein Haar schimmerte wie eh und je im typischen weasley-orangerot und war seit den Ferien wieder um die zehn Zentimeter gewachsen. Außerdem kam es mir vor, als hätten sich noch mehr Sommersprossen auf sein Gesicht gestohlen. Mein Gegenüber schaufelte sich gerade eine riesige Gabel Rührei in den Mund. Ich stocherte jedoch lustlos im Essen herum. Was Mutter wohl gerade tat? Ich hätte nur zu gern gewusst, wie es ihr jetzt ging. Heftige Gewissensbisse überkamen mich; wieso musste ich aber auch so ein Drama aus meinem Abgang machen? Mutter würde es ausbaden müssen, da war ich mir sicher. Ich hatte das Gefühl, gleich in Tränen ausbrechen zu müssen, doch ich hatte das Glück, dass Ron mir gegenüber saß, der die Einfühlsamkeit eines Teelöffels hatte. Er haute also rein, wo mir hingegen der Appetit vergangen war. Ich sah zu, wie Ron auch noch das letzte Bisschen des Rühreis verspeiste. „Ich glaube, ich gehe mal nach oben und packe meinen Koffer aus.“, sagte ich leise, stand auf und ging nach oben.

    Im zweiten Stock klopfte ich an Ginnys Tür. „Fred! George! Seid ihr das schon wieder?“, ertönte Ginnys Stimme von der anderen Seite der Tür. „Nein, Ginny. Ich bin’s.“ „Komm rein, Liv!“, rief sie und ich betrat das Zimmer. Ich staunte; Ginny hatte ihr Zimmer vollkommen verändert. Es war zwar klein, aber genauso hell wie vorletztes Jahr, als ich hier geschlafen hatte. Ein großes Poster der magischen Musikband „Schicksalsschwestern“ hing an der einen Wand, an der anderen ein Bild von Gwenog Jones, der Kapitänin der Holyhead Harpies. Soviel ich wusste, spielten im gesamten Quidditch-Team nur Hexen. Ein Schreibtisch stand vor dem offenen Fenster, von dem man einen guten Blick über den Obstgarten hatte. Auch Ginny war seit dem Beginn der Ferien gewachsen. Ihre roten Haare fielen ihr über die Schultern und ihre braunen Augen strahlten, als sie mich sah. „Hey, Liv!“, rief sie, rannte auf mich zu und fiel mir um den Hals. „Hi, Ginny...“, erwiderte ich und zog sie in eine Umarmung. Sie lachte. „Ich freue mich ja so, dass du hier bist. Dann können wir zusammen zur Quidditch-Weltmeisterschaft gehen!“ „Wirklich?“, fragte ich begeistert. „Klar! Dad hat Karten bekommen...“ Sie prasselte mit Informationen über mich herein; ich schwieg und nickte immer wieder. Den gesamten Tag verbrachte ich fast ausschließlich mit Ginny; sie lenkte mich von meinen Sorgen ab und das hatte ich dringend nötig. Abends lag ich schon früh im Bett. Ich wollte einfach nur schlafen und im Reich der Träume versinken.

    Ich schlug die Augen auf. Um mich herum waren überall bunte Scheinwerfer, die Muster aus leuchtenden Farben auf den Boden warfen. Plötzlich hörte ich von irgendwo Musik; es war ein Klavierstück und ich hatte das Gefühl, als hätte ich es schon tausendmal gehört und hätte aber den Text vergessen. Ich sah an mir hinunter; ich trug meine Rollschuhe... Ich sah mich rasch nach allen Seiten um, doch es war keine Menschenseele zu sehen. Ich lief an und drehte mich um 180 Grad. Ich hob einen Fuß an und drehte eine Pirouette. Ich streckte meine Arme zu beiden Seiten aus, als ich rückwärts anlief. Ich holte mit dem linken Fuß aus, holte mit diesem Schwung und machte einen gewaltigen Sprung. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, als ich mich drehte. Einmal, zweimal, dreimal. Ich landete auf meinem linken Bein, das rechte war in einer Standwaage von mir gestreckt. Ich fuhr in die Mitte der Tanzfläche, holte mit einigen kleinen Sprüngen Anlauf und schlug ein Rad. Die Musik war nun deutlicher zu hören und die Melodie verbreitete eine große Wärme in meinem Körper. Ich fuhr weiter, doch ich nahm die Sprünge und Drehungen, die ich machte, schon gar nicht mehr wahr. Ich konzentrierte mich voll und ganz auf das Lied, das mir so bekannt vorkam. Ich spürte, wie mir der Rythmus ins Blut überging und förmlich durch meine Adern rauschte. Mir war, als wäre dieses Lied für mich bestimmt, als hätte ich es schon tausendmal gehört und den Text dazu gesungen, der mir jetzt nicht mehr einfiel...

    Am nächsten Morgen wachte ich gut gelaunt auf. Ich wusste nicht wie, aber dieser Traum hatte es tatsächlich geschafft, meine fröhliche Seite wieder zum Vorschein brachte. Draußen wurde es bereits hell, also stand ich auf und holte eine meerblaues, knielanges Sommerkleid mit weitem Rock aus meinem Koffer. Ich stülpte mir einige Armbänder in hellgrün, seegrün, hellblau und dunkelblau über und marschierte dann ins Bad, wo ich mir erneut zwei hintere Haarsträhnen zusammenflocht und dann schnell die Zähne putzte. Als ich danach in den Spiegel sah, war ich fast überrascht, wie fröhlich und glücklich ich aussah. Rasch rannte ich die Treppen hinunter, um in die Küche zu gelangen, wo Mrs. Weasley bereits das Frühstück vorbereitete. Sie sah auf, als ich hereinkam, offenbar vollkommen überrascht, mich so glücklich zu sehen. „Hast du gut geschlafen, mein Schatz?“, fragte sie. Ich nickte und lachte leise: „Ja, ich hatte einen unglaublichen Traum...“ Ich setzte mich auf einen Stuhl und begann zu erzählen: „Ich war Rollschuh fahren...auf einer Skatebahn...da waren überall bunte Scheinwerfer und Lichter!“ Ich lächelte verträumt. „Ich habe getanzt...und da war dieses Lied...es war, als hätte ich es schon hundertmal gehört...wie ging es doch gleich?“ Ich versuchte, mich an die Melodie aus dem Traum zu erinnern und summte leise vor mich hin, doch ich hatte den Rythmus nach dem Aufwachen verloren. „Was für ein wunderbarer Traum...“, murmelte Mrs. Weasley. Sie stellte ein paar Toasts vor mich hin und ich nahm mir einen. Ich strich ein wenig Butter und Marmelade darauf und fing langsam an zu essen. Plötzlich ertönte von oben ein lauter Knall. Erschrocken sah ich an die Decke. „Oh, diese beiden...“, knurrte Mrs. Weasley. Verwirrt sah ich sie an und sie meinte: „Fred und George! Was die beiden da oben wohl treiben? Ihre eigene Mutter lassen sie ja nicht mehr in ihr Zimmer!“ Ein zweiter Knall war zu hören, diesmal noch lauter. Nun war ich mir sicher, dass auch Ginny und Ron wach geworden sein mussten. „Fred! George! Könnt ihr nicht wenigstens morgens Ruhe geben?“, schrie Mrs. Weasley genervt. Ich aß meinen Toast auf und schenkte mir etwas Orangensaft ein. Zehn Minuten später hörte ich lautes Gepoltere auf der Treppe und Ron erschien, dicht gefolgt von Ginny. Sie gähnte, als sie sich mir gegenüber setzte und sich ein Marmeladenbrötchen strich. Ron brummte vor sich hin, während er vier Toasts mit Schinken verspeiste. Mrs. Weasley sagte, mit dem Rücken zu uns gewandt: „Morgen kommen übrigens Bill und Charlie. Sie haben sich freigenommen, um die Wochen bis zur Quidditch-Weltmeisterschaft bei uns zu verbringen.“ „Das ist ja toll, Mum!“, meinte Ginny. Ron reagierte zuerst nicht und trank einen großen Schluck Kürbissaft. „Wo ist eigentlich Percy?“, fragte ich. „Der ist oben in seinem Zimmer“, grummelte Ron verächtlich, „und arbeitet an irgendetwas für das Zaubereiministerium. Er hat nämlich einen Job dort bekommen; in der Abteilung für Internationale Zusammenarbeit und seitdem kommt er nicht mehr aus seinem Zimmer raus.“ Das war mir Antwort genug.

    Nach dem Frühstück beschloss ich, etwas nach draußen zu gehen. Als ich aus der Tür trat, empfing mich die warme Sommersonne mit einer angenehmen Wärme, die sich sofort über meinen ganzen Körper ausbreitete. Ich hatte mein Tagebuch mit hinaus genommen, um darin zu zeichnen und die Ereignisse in meinem Traum aufzuschreiben. Ich begab mich auf die Obstwiese und ließ mich unter einem alten Kirschbaum nieder, der seine Blätter über mich senke, sodass ich von der Sonne geschützt war. Ich schlug eine neue, unbeschriebene Pergamentseite in meinem Tagebuch auf und nahm die elegante weiße Feder zur Hand. Sorgfältig schrieb ich alles auf, was in meinem Traum vorgefallen war. Besonders erinnerte ich mich an einen schweren Schritt. Ich hatte so sehr Schwung geholt, dass ich drei Umdrehungen geschafft hatte, was mir normalerweise nicht gelang. Ich versuchte, die Schrittfolge zu zeichnen, um sie später zu üben. Nach einigen Versuchen, bewegte sich das Bild und ich war zufrieden. Doch ich versuchte mich immer noch an die Melodie aus meinem Traum zu erinnern, doch da war nichts. Ich seufzte. „Ich wünschte, ich könnte das Lied aus meinem Traum noch einmal hören“, murmelte ich. Im nächsten Moment war es so, als würde sich ein silberner Schimmer über das Buch legen. Und mir war, als würde ich plötzlich erneut die Melodie aus dem Traum hören...nein, ich war mir sicher, ich hörte sie ganz deutlich...Aber wie war das möglich? Ich hatte mir doch nur gewünscht, dass Lied hören zu können und plötzlich konnte ich es hören... Doch da erinnerte ich mich an das, was Lupin mir gesagt hatte, und was auf dem Blatt Pergament, das mit dem Tagebuch zu Weihnachten kam, stand. „Und für jede Situation wirst du ein Lied finden...“ Ich hatte mich immer gefragt, was dieser Satz zu bedeuten hatte und nun wusste ich es. Wenn ich es mir wünschte, konnte ich jedes Lied hören, dass ich wollte. Den ganzen Tag über spielte ich das Lied in einer Dauerschleife und ich versuchte, mich an den Text zu erinnern. Ich hatte noch nie dieses Lied gehört, doch es kam mir so vor, als wäre es tief in meinem Inneren verankert, als wäre es eine Langzeit-Erinnerung, die aber irgendwie abhanden gekommen war. Und als ich abends ins Bett ging, hatte ich immer noch die Hoffnung, erneut von dem zauberhaften Lied zu träumen.

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    5. Kapitel

    Als ich am nächsten Morgen hinunter in die Küche kam, sah ich bereits zwei junge Männer am Tisch sitzen, die ich nicht kannte. „Oh, Olivia, wie schön, dass du schon wach bist! Ich wollte dir Bill und Charlie vorstellen!“ Die beiden sahen auf. Das mussten also die beiden ältesten Weasley-Brüder sein... „Wie geht’s“, fragte der eine, der mir am nächsten saß, und streckte mir seine große Hand entgegen. Als ich sie schüttelte, spürte ich dutzende Schwielen und Blasen an seinen Fingern. Das musste Charlie sein, der in Rumänien lebte und mit Drachen arbeitete. Charlie war ähnlich gebaut wie die Zwillinge, ein wenig kleiner als Percy und Ron, die beide groß und schlaksig waren. Sein Gesicht wirkte recht gutmütig und wettergegerbt; die vielen Sommersprossen auf seinen Wangen ließen ihn noch gebräunter wirken.Auf einem seiner muskulöse Arme konnte ich ein großes, schimmerndes Brandmal zu sehen. Auch Bill erhob sich mit einem Lächeln und schüttelte mir die Hand. Ich hatte nur von ihm gewusst, dass er für Gringotts arbeitete und Schulsprecher in Hogwarts gewesen war. Irgendwie hatte ich mir Bill immer als einen älteren Doppelgänger von Percy vorgestellt, doch tatsächlich war Bill - und es gab kein besseres Wort dafür - einfach cool. Er war hoch gewachsen und hatte sein langes Haar im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Er trug einen Ohrring, an dem etwas baumelte, dass aussah wie der Giftzahn einere Schlange. Seine Kleidung bestand größtenteils aus schwarzem Leder, nur seine Schuhe waren aus Drachenhaut. Wir frühstückten gemeinsam, auch wenn ich wegen der morgendlichen Sommerhitze keinen richtigen Hunger hatte. Fred und George kamen nur kurz nach unten, um sich rasch einige Toasts zu schnappen und danach gleich wieder zu verschwinden. Ich fragte mich wirklich, was die beiden da oben eigentlich die ganze Zeit machten! Ron wirkte nicht besonders glücklich, denn offensichtlich hatte er die ganze Nacht über nicht geschlafen. Das war aber auch kein Wunder, denn aus dem Zimmer der Zwillinge war immer mal wieder ein lautes Krachen oder Poltern zu hören. Ginny hingegen wirkte recht erfreut, ihre beiden ältesten Brüder zu sehen. An der Wand hinter ihr hing ein Kalender und ich sah rasch darauf. Heute war der 22. Juli. Morgen war mein vierzehnter Geburstag; der erste Geburtstag, an dem ich nicht zu Hause sein würde. Bei diesem Gedanken wusste ich nicht, ob ich glücklich oder traurig sein sollte.

    Abends lag ich vor Vorfreude im Bett und versuchte einzuschlafen. Was Mutter jetzt wohl gerade tat? Ich vermisste sie schrecklich und in mir brannte mein schlechtes Gewissen. Ich wusste nicht, was ich tat, doch ich stand auf und ging zu meinem Koffer hinüber. Ich wühlte in den weiten Tiefen darin herum, bis ich zu fassen bekam, was ich suchte: mein Denkarium. Ich holte die riesige Steinschüssel heraus und legte sie auf das Sofa, auf dem ich schlief. Dünne Nebelschleier traten darauf hervor; ich beugte mich über den kalten Steinrand und ruckte immer näher mit dem Gesicht an die silberne Flüssigkeit heran, bis ich mit der Nasenspitze die glatte Oberfläche berührte. Sofort war mir, als würde ich in das Denkarium hineingesogen werden.

    Ich fand mich an einem dunklen Ort wieder; ich brauchte einige Momente, bis ich bemerkte, dass ich vor einem Haus mit einem Tor voller fester Gitterstäbe stand. Es war später Abend. Es regnete; ich konnte es zwar nicht spüren, aber ich sah, dass die wenigen Menschen, die noch in der Dämmerung unterwegs waren, Regenschirme trugen. Ich sah auf ein Straßenschild, dass an der Kreuzung unweit von mir, befestigt war. Ein Blick darauf sagte mir, dass ich mich in der Muggelwelt von London befinden musste. Ich blickte erneut zurück zu dem vor mir aufragendem Haus. An der Mauer, die das Haus umgab, war ein Schild angebracht. >Waisenhaus< war darauf zu lesen. Ich hatte eine dunkle Ahnung, wem diese Erinnerung gehörte. Und im nächsten Moment hörte ich auch schon, wie sich einige hektische Schritte näherten, die durch den festen Regen stark zu erkennen waren. Ein Mann und eine Frau erschienen, die einen großen, schwarzen Regenschirm mit sich trugen. „Wieso willst du das tun, Elizabeth?“ Es war die Stimme meines Vaters. „Du möchtest einen Erben oder eine Erbin, schon vergessen?“, erwiderte Mutter. „Aber ein Muggel?“ Mutter antwortete nicht; die beiden standen jetzt direkt neben mir und ich konnte sie besser erkennen. Mein Vater war in Schwarz gekleidet und wirkte um die zehn Jahre jünger. Mutters Gesicht wirkte noch recht jung, als wäre sie um die zwanzig Jahre alt. Sie trug einen bordeaux-roten Regenmantel und darunter ein blendend weißes Kleid, das etwa knöchellang war. Außerdem trug sie schwarze High Heels, die ihr ein gewisses seriöses Aussehen verliehen. Sie drückte auf die alte, schrille Klingel, die an der Mauer angebracht war. „Ja?“, fragte eine kühle, krächzende Stimme, die aus der Anlage daneben kam. „Hier sind Evan und Elizabeth Rosier. Wir haben einen Termin.“ Die Stimme erwiderte nichts, aber plötzlich bewegte sich das Tor ruckartig nach innen und die beiden traten ein. Rasch folgte ich ihnen über den kurzen, geharkten Weg zu einer schwarzen Eingangstür, die nun geöffnet wurde.

    Ich ging hinein und folgte dem Geklacker der hohen Schuhe, die über den kalten Steinboden liefen. „Mr. und Mrs. Rosier nehme ich an?“ Eine ältere Dame hatte gesprochen. Sie trug einen strengen Dutt und hatte ein ernstes Gesicht aufgesetzt. Irgendetwas sagte mir, dass mit ihr nicht gut Kirschen essen war. „Ich werde Sie den Kindern vorstellen.“ Ich ging den dreien hinterher, die durch einen langen Gang gingen und in einen weiteren Raum traten. Vorher hatte darin Getuschel geherrscht, doch sobald die Erwachsenen eintraten, verstummten die Gespräche augenblicklich. Im Raum waren unzählige kleine Kinder versammelt, die sich in einer Reihe aufstellten und sich von dem Paar betrachten ließen. Ich versuchte die Kinder zu zählen, doch ich schaffte es nur bis dreißig, dann verlor ich den Überblick. Es waren unzählige kleine Kinder, Jungen und Mädchen, alle in einem Alter zwischen zwei und acht Jahren. Doch ein Mädchen stach mir besonders ins Auge. Es war ein kleines Mädchen mit braunen Locken; ich schätzte sie auf ein Alter von zwei Jahren, doch dafür hatte sie einen wissenden Blick aufgesetzt. Sie hielt ein dünnes Buch im Arm und um den Hals trug sie eine silberne Kette mit einem Mondmedaillon. Ich erstarrte. Dieses kleine Mädchen war ich! Sie trug ein weißes Kleid, das mit roten Rosen und grünen Blätter bedruckt war und darüber einen schwarzen Strickbolero. Ich hatte sie so fasziniert angestarrt, dass ich gar nicht mitbekommen hatte, wie Mutter und Vater durch die Reihen gegangen waren. Sie hatten ganz offensichtlich einige Kinder ausgesucht, die für eine Adoption in Frage kamen. Darunter war auch das kleine braunhaarige Mädchen. „Wir würden uns gern einzeln mit jedem Kind unterhalten, um mehr über sie zu erfahren, falls das in Ordnung ist“, meinte Mutter. Die Leiterin nickte ruckartig mit ihrem Kopf und führte Mutter in ein Nebenzimmer; mein Vater verschwand durch die Tür, sodass ich ihn nicht mehr sehen konnte. Ich folgte Mutter hinüber in den Nebenraum. Vor der Tür hatten sich die Kinder in einer Reihe aufgestellt. Die Braunhaarige stand ganz am Ende und hielt ihr Buch immer noch fest umklammert. Ihre Augen waren aufgerissen, doch sie wirkte seltsam gefasst, als wüsste sie genau, was um sie herum geschah. Ihr Blick zeugte von Intelligenz und sie ließ ihren Blick über die anderen Kinder wandern. Ich wartete, bis sie die letzte in der Schlange war, und als sie den Raum betrat, schlüpfte ich schnell hinterher. Im Raum stand ein schwerer Holztisch. Dahinter saß Mutter auf einem großen Stuhl und auch davor stand ein Stuhl auf den das junge Mädchen sich setzte. Sie legte das Buch in ihren Schoß und platzierte ihre Hände darauf. Mutter sah sie an und fragte: „Und, wie heißt du?“ Das kleine Mädchen sah ihr direkt in die Augen. „Mein Name ist Olivia Cassiopeia Evangeline Jenna, aber sie können mich Olivia nennen, Madam“, erwiderte sie leise und schenkte ihr ein leichtes Lächeln. Diese Worte von einer Zweijährigen zu hören überraschte die junge Frau ganz offensichtlich. „Und wann hast du Geburtstag?“, fragte sie erneut. „Am 23. Juli. Ich bin zwei Jahre alt.“, antwortete sie schüchtern. Offenbar war die Dame tief beeindruckt davon, mit welcher Sicherheit und Klugheit das junge Mädchen sprach. „Würdest du dich freuen, wenn ich dich mit nach Hause nehmen würde?“ „Mögen Sie mich?“, fragte das kleine Mädchen. „Aber ja“, erwiderte Mutter. „Dann würde ich mich freuen“, sagte sie. „Warte einen Moment“, fuhr sie fort, „könntest du das kurz halten?“ Sie griff in ihre Manteltasche und holte ihren Zauberstab hervor. Zögernd nahm das Mädchen ihn in ihre Hand. Kleine, goldene Funken stoben hervor. Elizabeth Rosier musterte sie aufmerksam, bis ihr das Mädchen den Zauberstab zurückgab. „Gut“, meinte die junge Frau, „dann darfst du jetzt zurück zu den anderen gehen. Wir werden jetzt eine Entscheidung treffen.“ Sie schenkte dem kleinen Kind ein Lächeln und begleitete sie zur Tür. Die junge Olivia ging mit hüpfenden Schritten zurück zu den anderen Kindern, sagte aber kein Wort zu ihnen. Ihr Mann wartete vor der Tür auf sie und fragte sofort: „Wen nimmst du?“ Sie lächelte und zeigte auf die junge Olivia. „Sie.“ „Aber...“ „Sie ist kein Muggel!“, unterbrach sie ihn. „Sicher?“ „Absolut sicher.“

    Die Szene veränderte sich. Ich befand mich in einem anderen Raum. Darin befanden sich die Leiterin des Waisenhauses, Evan und Elizabeth Rosier und die junge Olivia. „Gut...Sie beantragen also das Recht für die Adoption von Olivia?“, vergewisserte sich die Leiterin. „Sehr richtig.“ „Gut“, sie zog ein bedrucktes Blatt hervor, „dann bräuchte ich von ihnen beiden ihre Unterschriften hier...“, sie deutete auf eine Stelle oben auf dem Blatt, „und hier.“ Das Paar unterschrieb zweimal auf dem Blatt. „Gut. Und hier müssen sie noch einmal unterschreiben, um zu sichern, dass Olivia ihren Nachnamen annimmt.“ Sie unterschrieben erneut. „Nun...soll ich einige Sachen von ihr einpacken?“, fragte die ernst wirkende Dame. „Nein. Bei uns wird es ihr an nichts fehlen.“, erwiderte Evan Rosier. „Gut.“ Sie sah kurz zu dem kleinen Mädchen hinüber. „Falls sie später einmal nach ihren Eltern fragen sollte: sie wurde von einem jungen Mann hier abgegeben; ich erinnere mich nicht mehr genau an ihn. Und was ihre Kette angeht: sie hat sie schon getragen, als sie hierherkam. Sie nimmt sie nie ab, ich nehme an, es war ein Geschenk ihrer Eltern.“ „Das werde ich ihr sagen.“, meinte Mutter. Sie ergriff die Hand meines jüngeren Selbst; das kleine Mädchen sah zu ihr empor, als sie den Raum und schließlich das Haus verließen und auf die Straße traten, wo es mittlerweile heftig regnete. Evan Rosier spannte den Schirm auf und zog seine Frau mit seiner Adoptiv-Tochter darunter. „Wohin gehen wir?“, fragte das Mädchen mit leiser Stimme. „Nach Hause, mein Schatz. Nach Hause.“

    Ruckartig wurde ich aus dem Denkarium geworfen und musste mich erst einmal wieder fangen. Das, was ich gerade gesehen hatte, war einer Erinnerung meiner Mutter gewesen. Um genauer zu sein, es war die Erinnerung von dem Tag, als sie mich adoptiert hatte. Ich konnte noch immer das Gesicht des kleinen Mädchens vor mir sehen, von dem ich gar nicht glauben konnte, dass es mein zweijähriges Selbst war. Sie hatte nicht wie ein Kleinkind gewirkt, eher wie ein achtjähriges Mädchen, wenn nicht sogar noch älter. Wie klug ihre Augen geblitzt hatten, als wüsste sie genau, wo und wer sie war. Als wüsste sie genau, dass sie zu einer talentierten Hexe heranwachsen würde; als wüsste sie, dass sie besondere Kräfte hatte; als würde sie Dinge sehen, die anderen verborgen blieben. Ich ließ das Denkarium zurück in meinen Koffer gleiten und legte mich immer noch nachdenklich zurück auf das Sofa. Im nächsten Moment kam mir ein neuer Gedanke. Mutter musste mir diese Erinnerung mit Absicht hinterlassen; sie wollte, dass ich sie ansah. Nun ja, sie hatte ihr Versprechen gegenüber der Heimleiterin gehalten. Sie hatte mir immer alles erzählt, was sie über meine Herkunft wusste, nur die Tatsache, das ein junger Mann mich dorthin gebracht hatte, davon hatte sie nie gesprochen. Ob dieser Mann wohl mein Vater gewesen war? Auf diese Frage fand ich keine Antwort, so sehr ich mir auch den Kopf zerbrach. Ich gähnte kurz auf und meine Augenlider flackerten. In weniger als zehn Minuten war ich eingeschlafen.

    6
    6. Kapitel

    Am nächsten Morgen wachte ich früh auf. Ich brauchte einige Sekunden, bis ich begriff, welcher Tag heute war. Schnell sprang ich von dem Sofa, auf dem ich schlief, auf und ging hinüber zu meinem Koffer. Ich schlüpfte in ein leichtes, weißes Sommerkleid und zog einige karminrote und grasgrüne Armbänder über meinen linken Arm. Ich griff kurz an meine Halskette um mich zu vergewissern, dass mein Mondamulett noch an seinem Platz war. Leise schlich aus dem Zimmer, um Ginny nicht zu wecken, die immer noch tief und fest schlief, und lief rasch hinüber zum Badezimmer. Ich schloss die Tür hinter mir zu, sodass mir keiner folgen konnte, selbst, wenn es irgendjemand gewollt hätte. Als ich leise die Melodie aus meinem Traum vor mich hinsummte, erschienen die goldenen Lichtstrahlen, die mich immer noch faszinierten. Ich berührte mein Haar und das Leuchten wurde heller und heller. Ich stellte mir genau vor, wie meine Haare sich zu einer Frisur formten und nahm schließlich die Hand von den Locken weg. Meine Haare fielen mir nun in vielen dünnen Locken über den Rücken; von vorne führten zwei eingeflochtene, dünne Zöpfe nach hinten, wo sie durch einen Haargummi zusammengehalten wurden. Ich putzte mir schnell die Zähne und sah dabei in den Spiegel, der vor mir an der Wand hing. Meine Locken sprangen um mich herum, wenn ich mich bewegte; meine Haut war nicht mehr schneeweiß; seit ich bei den Weasleys war, nahm sie einen „normalen“ Ton an. Einige kleine Sommersprossen hatten sich auf mein Gesicht gestohlen; meine Augen leuchteten und ich wirkte einfach .... glücklich. Ich warf noch einen kurzen, prüfenden Blick in den Spiegel und machte mich dann auf den Weg in die Küche.

    Am Esstisch saßen bereits Fred, George, Charlie und Bill. Mr. Weasley war dem Anschein nach schon früh ins Zaubereiministerium aufgebrochen und Mrs. Weasley stand gerade vor dem Herd und backte Pfannkuchen, während sie mit ihrem Zauberstab dafür sorgte, dass sich die Stricknadeln, die wie von selbst strickten, im regelmäßigen Takt bewegten. Als ich mich ebenfalls an den Tisch setzte, überhäuften mich die Anwesenden mit Glückwünschen; Mrs. Weasley stapelte mir fünf Pfannkuchen auf den Teller und übergoß sie mit Ahornsirup. Bill, Charlie, Fred und George unterhielten sich über die bevorstehende Weltmeisterschaft zwischen Bulgarien und Irland. Genüsslich aß ich Stück für Stück meine Pfannkuchen, die ausgezeichnet schmeckten und hörte zu. „Wollen wir nach dem Frühstück eine Partie spielen?“, fragte Charlie und grinste. Ich nickte heftig. „Ihr müsstet sie mal als Jägerin sehen!“, sagte George. „Echt beeindruckend!“, behauptete Fred. „Ihr seid aber auch nicht schlecht!“, erwiderte ich. „Also?“, fragte Bill. Die Antwort war eindeutig.

    Nach dem Frühstück gingen Bill, Charlie, Fred, George, Ron und ich auf die Obstwiese, um dort Quidditch zu spielen. Fred und George hatten ihre Sauberwischs dabei, Bill und Ron zwei billige Besen und Charlie sogar einen Silberpfeil. Ich selbst spielte auf meinem Nimbus 2000. Als Quaffel benutzten wir einen frühreifen Apfel; außerdem spielten wir mit zwei alten Klatschern und einem kleinen Schnatz. Wir teilten uns in zwei Gruppen auf; in der einen Ron (als Hüter), Bill (als Jäger und Sucher), und Fred (als Treiber) und in der anderen George (als Hüter und Treiber), Charlie (als Sucher) und ich (als Jägerin). Bill und Charlie durften aussuchen. Als Ron bemerkte, dass er und ich in unterschiedlichen Gruppen spielten, stöhnte er auf und sagte: „Aber ich wollte Liv!“ Ihm fiel erst auf, dass er etwas zweideutig gesprochen hatte, als wir in lautes Glucksen ausbrachen. „Keine Angst, Ron“, ich klopfte ihm auf die Schulter, „ich werde versuchen, nicht so viele Tore zu schießen, aber bei meinem herausragendem Talent“, in meiner Stimme lag tiefe Ironie, „wird das schwer sein.“

    Das Spiel begann. Sobald der Apfel, der in diesem Fall unser Quaffel war, in der Luft war, schnappte ich ihn mir und schoss über das Wiese auf das Tor, das aus einem Loch, das durch eine Astgabel in einem alten Kirschbaum bestand, zu. Ron lungerte davor und war vollkommen mutlos, denn er wusste, dass ich ihm im Quidditch maßlos überlegen war. Ich holte aus und warf den „Quaffel“ durch das Astloch. Bill versuchte immer wieder, mir den Apfel abzuluchsen, doch ich ließ ihn nicht heran. Mittlerweile stand es 50 zu 10. Bill versuchte mit allen Mitteln, den Quaffel in seinen Besitz zu bringen. Dieser war jedoch gerade fest unter meinem Arm eingeklemmt; ich verlor jedoch kurz die Kontrolle über meinen Besen, denn ich wäre fast gegen einen alten Apfelbaum geflogen. Ich schaffte es gerade noch, den Baum zu umfliegen, doch dabei ließ ich den Ball fallen. Diesen Moment nutzte Bill, um sich den Apfel zu schnappen und Richtung Tor davonzufliegen. „Na warte“, knurrte ich, „jetzt wirst du mich kennenlernen!“ Ich beschleunigte und umklammerte meinen Besenstiel so fest, dass meine Knöchel weiß hervortraten. Bill hatte offensichtlich bemerkt, dass ich ihm folgte, denn er schoss mit einem Mal nach oben und ich natürlich prompt hinterher. Plötzlich drehte Bill mitten in der Luft um und flog in die andere Richtung davon. Er will mich austricksen!, dachte ich. „Aber nicht mit mir...“ Ich stürzte mich in einen Sturzflug und schoss danach pfeilschnell erneut nach oben, nur um Bill den Weg abzuschneiden. Dieser versuchte an mir vorbeizukommen, doch als er merkte, dass er an mir nicht vorbeikam, warf er den Apfel in hohem Bogen über mich hinweg. Es war, als würde alles in Zeitlupe geschehen; ich sah, wie der „Quaffel“ durch die Luft flog. Ob ich es schaffen würde... Ich überlegte nicht lange, sondern schoss hinterher. Doch Bill war dicht hinter mir und ebenfalls auf der Jagd nach dem Ball. Ich musste ihm unbedingt zuvorkommen! Doch mittlerweile holte er auf und ich wollte mir den Quaffel nicht erneut vor der Nase wegschnappen lassen. Mir schoss eine irrwitzige Idee durch den Kopf, doch es könnte funktionieren... Ohne lange darüber nachzudenken, löste ich die Hände vom Besenstiel und streckte sie zur Seite aus, um das Gleichgewicht zu halten. Ich atmete einmal tief durch, dann stellte ich mich vorsichtig balancierend auf den Besenstiel und streckte ich meine Hände nach dem Quaffel aus, der sich immer noch mitten in der Luft befand und packte ihn. Rasch ließ ich mich wieder zurück auf den Besen fallen, legte ich meine Hand wieder auf den Besenstiel und umklammerte den Apfel mit der anderen Hand. Ich drehte mich um; Bill starrte mich bewundernd an und ich grinste. Dann zischte ich in Richtung Tor davon. Und keine fünf Sekunden später stand es 60 zu 10.

    Das Quidditch-Match endete schlussendlich damit, dass meine Gruppe mit 210 zu 10 gewann. Charlie hatte recht schnell den Schnatz gefangen; Ron erzählte mir danach immer wieder, wie unglaublich er es gefunden hatte, als ich Bill den Quaffel vor der Nase weggeschnappt hatte. Beim Mittagessen langte Ron wieder kräftig zu; ich fragte mich, ob ich es wagen konnte, mir ein zweites Mal nachzunehmen, denn Ron sah so aus, als würde er mir in die Hand beißen oder mich anknurren, wenn ich es versuchen sollte. Das nächste Mal musste ich echt schneller zum Essen kommen, ansonsten ließ Ron mir und den anderen nichts mehr übrig. Bei diesem Gedanken konnte ich gar nicht anders, als breit zu grinsen.

    Nachdem wir gegessen hatten, holte ich mein Tagebuch und machte mich auf den Weg zu einem schmalen Hügel, nicht weit entfernt vom Fuchsbau. Von dort aus konnte man bis zu dem kleinen Städtchen Ottery St. Catchpole blicken (in dem nur Muggel lebten). Die Sonne schien, doch es war nicht so heiß, wie ich es seit meiner Ankunft erwartete. Die Grashalme bewegten sich im leichten Wind, der mir durch mein weiches Haar fuhr und es nach hinten wehen ließ. Ich ließ mich im Gras unter einer knorrigen, alten Eiche nieder, wo ich im Schatten war, aber immer noch die Sonne auf meinem Gesicht spüren konnte. Von hier oben hatte ich eine gute Sicht auf den Fuchsbau; aus den fünf Schornsteinen rauchte es, was darauf schließen ließ, dass Mrs. Weasley gerade dabei war, das Abendessen zu machen. Ich lehnte mich gegen den dicken Baumstamm und genoss die warmen Sonnenstrahlen, die durch das dichte Blätterdach fielen und zusammen mit Schatten auf meiner Haut tanzten. Summend begann ich, das krumme Dach des Fuchsbaus abzuzeichnen und vollendete die Zeichnung, während die Sonne immer weiter am Horizont versank. Als ich aufsah, wurde es schon dunkel und am Himmel tauchten die ersten Sterne auf. Mein Blick wanderte über diesen Sternenteppich, der zu blinken und funkeln begann, als würde er das heute nur für mich tun. Keine einzige Wolke war zu sehen und der Mond schien silbern auf mich herunter. Vor dem Fuchsbau tauchten nun einige helle, bunte Lichter auf; grün, rot, blau, lila, gelb. Ich vermutete, dass Fred und George die Lampions für das Geburtstagsfestessen in den Bäumen aufgehängt hatten. Ich griff nach meinem Tagebuch, dass im hohen Gras lag und rannte den Hügel hinunter.

    Als ich in die Küche trat, war Mrs. Weasley gerade dabei, dass Essen vorzubereiten. Sie murmelte wütend vor sich hin und ich fragte: „Was ist denn los?“ In diesem Moment kam Ginny in den Raum und zog mich zur Seite. Dann flüsterte sie: „Mum hat beim Putzen in Fred und Georges Zimmer einen Stapel Bestellformulare gefunden. Ellenlange Preislisten für das Zeug, das sie erfunden haben. Scherzartikel, du weißt schon. Falsche Zauberstäbe und Süßigkeiten mit eingebauter Überraschung, eine ganze Menge davon. Einfach genial, ich hätte nie gedacht, dass die beiden so erfinderisch sind...“ „Also deshalb gibt es ständig dieses Knallen in ihrem Zimmer. Und ich dachte, die stehen einfach nur auf Krach.“ „Nein, die produzieren das Zeug wie am Fließband“, meinte Ginny und senkte die Stimme, denn Ron kam von draußen herein und stellte sich zu uns. „Über was redet ihr?“ „Fred und George“, erwiderte ich. Das reichte ihm, um zu begreifen. „Also - das meiste davon - war na ja- ein wenig gefährlich...und dann wollten sie es auch noch in Hogwarts verkaufen. Da ist Mum an die Decke gegangen. Sie haben nämlich nicht so viele ZAGs gekriegt, wie sie erwartet hat.“ „Und danach hat sie die ganze Zeit geschimpft“, fuhr Ginny fort, „weil Mum will, dass die beiden sich im Zaubereiministerium bewerben, wo Dad arbeitet, aber sie meinten, sie wollten eigentlich einen Scherzartikelladen aufmachen.“ Da hatte ich aber für einen einzigen Nachmittag so einiges verpasst! „Also, ich finde, dass würde ganz gut zu Fred und George passen...einen Scherzartikelladen zu eröffnen.“ Doch weiter kamen wir nicht, denn Mrs. Weasley unterbrach uns. „Würdet ihr bitte das Besteck nach draußen tragen? Hier drinnen ist es einfach zu eng für zehn Personen.“ Ich nickte und schnappte mir die Gabeln, während Ginny die Messer und Ron die Teller nach draußen trugen. Bill und Charlie hatten zwei große Tische auf dem Hof zusammengeschoben, sodass wir alle Platz hatten. Bill, Charlie, Percy und Mr. Weasley saßen bereits am Tisch. Ich hörte, wie Percy mit seinem Vater über die nicht einheitliche Dicke von Kesselböden diskutierte und sofort war ich mit den Gedanken an einem anderen Ort. Fred und George kamen nun ebenfalls zum Tisch, da sie gerade noch die Bäume mit bunten Lampions geschmückt hatten, die in der eintretenden Dunkelheit ein warmes Licht auf uns warfen. Ich setzte mich neben die beiden; Ginny und Ron taten es mir gleich. Nun kamen Töpfe und Schüsseln voller warmer Speisen auf uns zugeflogen. Mrs. Weasley erschien in der Tür; sie dirigierte die Gefäße mit ihrem Zauberstab. Sobald die Töpfe die Tischplatte berührten, hatte Ron sich auch schon seinen Teller vollgeschaufelt. Auch wir andere griffen jetzt kräftig zu. Ich füllte meinen Teller mit Pellkartoffeln, einer köstlichen, hausgemachten Soße und etwas Fleisch. Ich aß langsam und genüsslich; das Essen im Fuchsbau musste man einfach genießen, denn ich hatte selten so gut gegessen wie hier. Nachdem wir das Essen hinter uns gebracht hatten, hatte Mrs. Weasley noch eine Überraschung für uns: sie hatte extra für mich einen Geburtstagskuchen gemacht. Der Kuchen bildete eine Kuppel, die mit dunkelblauer Buttercreme eingestrichen war, die jedoch so natürlich wirkte, dass ich annahm, dass darin Blaubeeren vorhanden waren. Darauf waren kleine, hauchzarte, filigrane Schmetterlinge angebracht, die von einem sanften Hellblau in ein klares Weiß übergingen. Sie flatterten mit den Flügeln, sobald man sie berührte und begannen zu glitzern. „Bei Merlins Bart!“, flüsterte ich. „Das ist einfach unglaublich!“ „Wie schön, dass sie dir gefällt!“, erwiderte Mrs. Weasley. Sie holte ein Messer hervor und schnitt die Torte an. Vorsichtig holte sie das erste Stück heraus und legte es mir auf den Teller. „Was ist eigentlich in dem Kuchen?“, kam es von Ron. „Der untere Biscuit ist ein Schokoladenteig, dazu kommt noch eine Waldbeer-Buttercreme; in der oberen Schicht steckt ein Zitronenkuchen, verfeinert mit Kürbiskernen und etwas Kürbissaft; dazu gibt es eine Blaubeerbuttercreme.“ Rons Augen weiteten sich bei diesen Erklärungen. Auch ich war jetzt ziemlich erwartungsvoll, immerhin wusste ich, dass Mrs. Weasley die besten Torten machte. Nur die Kuchen in Hogwarts konnten das vielleicht noch übertreffen. Meine Ahnung schien wahr zu werden; ich ließ die kleinen Tortenstücke im Mund zergehen und schloss genießerisch die Augen. Diese Torte war einfach nur perfekt!

    Spät abends betraten Ginny und ich endlich unser gemeinsames Schlafzimmer. Gähnend ließ ich mich auf mein Sofa fallen und starrte an die Decke. Ich trug bereits eine kurze, bequeme Hose und ein Top, um angenehm einschlafen zu können. Es kam mir vor, als würde mir in diesem Moment etwas fehlen...nur eine einzige Sache, die nicht passte, die mir fehlte... Und auch wenn ich mir einzureden versuchte, dass es nicht stimmte, schlug mein Herz allein bei dem Gedanken an ihn schneller. Harry. Harry fehlte mir, ohne ihn fühlte ich mich seltsam unvollständig. Ich mochte dieses Gefühl nicht, doch ich wusste, dass ich nichts dagegen unternehmen konnte. Ich stellte mir sein Gesicht vor meinem inneren Auge vor; sein widerspenstiges schwarzes Haar, dass sich nie bändigen ließ; seine warmen grünen Augen, in denen ich immer wieder zu versinken drohte; dieses Lächeln, für das ich alles getan hätte. Allein bei dem Gedanken an Harry musste ich lächeln, das konnte ich nicht verhindern. Und mit dem Gedanken an ihn schlief ich wenige Minuten später ein, immer noch ein seliges Lächeln auf dem Gesicht.

    7
    7. Kapitel

    In den nächsten Tagen schaffte ich es nicht, Harry auch nur für einige Sekunden aus meinem Kopf zu bekommen. Nun ging es auf Harrys Geburtstag zu und da er immer noch bei den Dursleys festsaß, wusste ich schon genau, was ich ihm schicken würde. In der Küche der Weasleys backte ich am 30. Juli (dem Vortag von Harrys Geburtstag) einen Kuchen. Es war ein Schokoladenkuchen, den ich mit einer Himbeercreme füllte und einstrich. Dann zeichnete ich mit Sahne die große Zahl „14“ auf die Oberfläche des Kuchens. Ich hatte Ginny ebenfalls gebeten, mich an ihren Schreibtisch zu lassen. Also saß ich nachmittags dort und schrieb auf ein Blatt Pergament:

    Lieber Harry,
    du weißt gar nicht, wie schrecklich ich dich vermisse. Ich hoffe, dass es dir bei den Dursleys nicht allzu schlecht geht. Aber vielleicht wird dich das hier aufmuntern: Mr. Weasley hat erzählt, dass er Karten für die Quidditch-Weltmeisterschaft hat. Ich freue mich sehr darauf, und noch mehr über die Tatsache, dass du mitkommen wirst! Mr. Weasley, Fred, George und Ron werden dich bald abholen, aber der genaue Termin steht noch nicht fest. Hier ist es wunderschön, aber ich wünsche mir trotzdem, dass du jetzt hier wärst. Alles Gute zum Geburtstag.
    Bis bald,
    deine Liv

    Ich vollendete den Brief mit einer schwungvollen Unterschrift und ließ die schwarze Tinte trocknen. Dann rollte ich das Pergament zusammen und rannte aus dem Zimmer und die Treppe nach oben, bis hinauf zum Dach. „Ron?“, rief ich, während ich mit lautem Gepolter die Stufen nach oben rannte. Ich klopfte an die Tür und wartete gar nicht, bis er „Herein“ rief, sondern trat gleich in den Raum. Fast hätte ich mir den Kopf an der schräg abfallenden Decke gestoßen; es war das erste Mal, dass ich Rons Zimmer betrat. Ich blinzelte überrascht. Es war, als wäre ich in einen Ofen geraten; fast alles in Rons Raum leuchtete und glühte orange. Die Bettdecke, die Kissen, die Wände, der Teppich, sogar die Decke! Dann sah ich, dass Ron fast jeden Zentimeter der schäbigen Tapete seines Zimmers mit Postern von denselben Hexen und Zauberer vollgeklebt hatte, die alle hellorange Umhänge anhatten. Sie hielten Besen in den Händen und winkten. Es waren die Chudley Cannons, Rons liebste Quidditch-Mannschaft. „Ron, kann ich mir Pig leihen?“, fragte ich Ron, der comic-lesend auf dem glühend orangen Teppich saß, und deutete auf einen kleinen Käfig, der am Fenster stand und in dem eine kleine Eule auf und ab hüpfte. Pig hieß eigentlich Pigwidgeon (diesen Namen hatte Ginny ihm gegeben), doch Ron hatte das natürlich nicht gefallen. Allerdings war es da schon zu spät gewesen, weshalb er ihm den Spitznamen „Pig“ verpasst hatte. Die kleine graue Eule flatterte glücklich in ihrem Käfig herum und schrie schrill, als ich sie herausholen wollte. Ron nickte stumm. Da Pig ziemlich klein war, band ich ihm zuerst den Brief an sein rechtes Bein, dann ging ich nach unten und holte das Packet mit dem Kuchen aus der Küche. „Vielleicht sollte ich doch noch Errol mitschicken...“, murmelte ich und besah mir Pig von oben bis unten. Also holte ich Errol und schnürte das Paket an seinem rechten Bein fest (ich band es ebenfalls an Pigs linkem Bein fest). Ich trat hinüber zum Küchenfenster und nahm Errol auf meine rechte Schulter. Pig wollte immer wieder davonfliegen, doch er wurde von dem Gewicht des Pakets zurückgehalten. „Na, kommt her...“ Ich lehnte mich zum Fenster hinaus und die beiden Eulen ließen sich von meiner Schulter gleiten und flogen davon. Ich sah ihnen nach, bis sie zwischen den Hügeln und Bäumen verschwunden waren und bemerkte immer wieder, dass Pig öfter mit den Flügeln schlagen musste als Errol, um nicht vom Gewicht des Pakets nach unten gezogen zu werden.

    Die Tage und Wochen vergingen rasend schnell. Auch Mine war von ihrem Urlaub in Frankreich hergekommen und zusammen mit ihr und Ginny verbrachte ich wundervolle Tage. An einem Freitag meinte Mr. Weasley schließlich beim Abendessen: „Am Sonntag holen wir Harry ab.“ Dieser eine Satz löste in mir ein riesiges Glücksgefühl in mir aus und ich konnte es kaum erwarten, bis es Sonntag war. Mr. Weasley, Fred, George und Ron wollten Harry um fünf Uhr abholen. Mein Herz schlug so heftig, dass ich mich fragte, ob die anderen es wohl auch hören konnten. Am Nachmittag saß ich in der Küche und zeichnete in meinem Tagebuch (es war wirklich ein Vorteil, dass nur ich sehen konnte, was ich mit der weißen Feder schrieb und zeichnete). Ich konnte es kaum noch erwarten, Harry wiederzusehen und konnte gar nicht mehr still sitzen. Alle paar Minuten stand ich auf und ging hin und her, bis ich plötzlich ein Geheule im Kamin hörte. Der Wirbel ließ nach und wer herausstolperte, war Harry. Er streckte die Hände aus und konnte sich gerade noch festhalten und das war auch besser so, denn ansonsten wäre er vor dem Kamin auf die Nase gefallen. Hinter ihm erschienen Fred, George und Ron. „Hat er angebissen?“, fragte Fred und reichte Harry die Hand, um ihn auf die Füße zu ziehen. Ich wusste nicht, was er meinte. „Jaaa“, antwortete Harry und richtete sich auf. „Was war das denn?“ „Würgzungen-Toffee“, meinte Fred. „Haben George und ich selbst erfunden, und denn ganzen Sommer lang suchen wir schon jemanden, an dem wir es ausprobieren können. Unsere Livvy kommt dafür ja nicht in Frage...“ Harry drehte sich zu mir um und in mir breitete sich ein warmes Gefühl aus, dass durch meine Adern strömte und mir ein Lächeln hervorlockte.

    Harrys Sicht:
    Ich drehte mich um und erblickte sie, wie sie am Bücherregal stand, in ihrem linken Arm ihr Tagebuch haltend. Sie lächelte mir zu, als sie merkte, dass ich sie ansah. Liv war um einige Zentimeter gewachsen; ihr langen, dunkelbraunen Haare fielen ihr über die Schultern; um ihren Hals hing die mir schon recht vertraute Silberkette mit dem Mond-Medaillon. Ihre Augen strahlten in diesem wunderschönen günen Maigrün, die aufleuchteten, als sie mich ansahen. „Harry!“, rief sie und rannte auf mich zu. Als sie auf mich zukam, zog ich sie in eine Umarmung und spürte die Hitze, die aus meinem Inneren hervorging und durch meinen gesamten Körper floss.

    Olivias Sicht:
    Harry zog mich in eine feste Umarmung. Er hatte sich nicht sehr verändert; seine Haare waren wie immer zerstrubbelt und etwas länger als vor dem Sommer; seine Brille saß schief, da er ja gerade erst aus dem Kamin gestolpert war und seine smaragdgrünen Augen schienen durch das Glas seiner Brille zu leuchten. Ein Wirbelsturm aus Gefühlen spielte sich in meinem Inneren ab, als ich realisierte, dass wir schon seit über zehn Sekunden in einer Umarmung standen. Glücklicherweise leuchtete das Feuer im Kamin erneut auf und Mr. Weasley kam zum Vorschein. „Das war überhaupt nicht komisch, Fred!“, brüllte er. „Was zum Teufel hast du diesem Muggeljungen gegeben?“ „Ich hab ihm überhaupt nichts gegeben“, erwiderte Fred mit einem gemeinen Grinsen im Gesicht. „Ich habe nur was fallen lassen...ist doch sein Problem, wenn er es aufhebt und isst!“ „Du hast es absichtlich fallen lassen!“, rief Mr. Weasley wütend. „Und? Wie lang ist seine Zunge denn geworden?“, fragte George neugierig. „Sie war über einen Meter lang, bis mir seine Eltern erlaubt haben, sie endlich schrumpfen zu lassen!“ Harry, Fred und George brachen erneut in lautes Gelächter aus und auch ich konnte mir ein breites Grinsen nicht verkneifen, als ich mir Harrys dicken Cousin mit einer angeschwollenen Riesenzunge vorstellte. „Das ist nicht lustig!“, unterbrach Mr. Weasley das Geschehen. „Solches Verhalten ist ein Grund, wehalb die Zauberer-Muggel-Beziehungen oft aufs Schwerste verletzt werden! Mein halbes Leben habe ich gegen die Misshandlung von Muggeln gekämpft und da kommen meine eigenen Söhne daher-...“ „Wir haben es ihm doch nicht gegeben, weil er ein Muggel ist!“, schimpfte Fred entrüstet. „Nein“, setzte George noch einen oben drauf, „wir haben es ihm gegeben, weil er ein tyrannisches Riesenschwein ist. Stimmt doch, Harry?“ „Ja, das stimmt, Mr. Weasley“, meinte Harry toternst, bevor sie wieder in lautes Glucksen ausbrachen. „Darum geht es hier doch nicht!“, tobte Mr. Weasley. „Wartet nur, bis ich das eurer Mutter erzähle-...“ „Bis du mir was erzählst?“, fragte Mrs. Weasley, die hinter uns aufgetaucht war. „Ah, hallo, Harry, mein Lieber“, sagte sie lächelnd, als sie ihn entdeckte, dann wandte sie sich sofort mit blitzenden Augen wieder ihrem Mann zu. „Arthur, erklär mir, was hier eigentlich los ist.“

    Mr. Weasley zögerte. Ich spürte, dass er eigentlich ziemlich wütend auf Fred und George war, doch Mrs. Weasley wollte er sicher nichts von der ganzen Geschichte erzählen wollen. Es war eine beunruhigende Stille eingekehrt, in der Mr. Weasley nervös seine Frau musterte. Dann erschienen hinter Mrs. Weasley Ginny und Mine in der Tür. Beide lächelten Harry zu, Harry grinste zurück und Ginny lief scharlachrot an. Mir fuhr ein schmerzhafter Stich durch den Körper, doch ich versuchte es zu ignorieren. „Sag mir endlich, was los ist, Arthur“, wiederholte Mrs. Weasley mit einem bedrohlichen Unterton in der Stimme. „Ach nicht, Molly“, murmelte Mr. Weasley. „Fred und George haben nur - aber ich hab die beiden schon geschimpft-...“ „Was haben sie denn nun schon wieder ausgefressen?“, rief Mrs. Weasley empört. „Wenn es wieder irgendwas mit Weasleys Zauberhaften Zauberscherzen zu tun hat-...“ Ich glaube, es war besser, wenn Harry, Ron, Mine, Ginny und ich uns jetzt verdrückten, deshalb sagte ich: „Warum zeigst du Harry nicht, wo er schlafen kann, Ron?“ „Er weiß, wo er schläft“, antwortete Ron. „In meinem Zimmer, da hat er auch letztes Mal-...“ „Wir können zusammen hochgehen“, meinte Mine nachdrücklich. „Oh“, erwiderte Ron, der nun endlich begriffen hatte, „gute Idee.“ „Wir kommen auch mit“, sagte George- „Ihr bleibt, wo ihr seid!“, fauchte Mrs. Weasley und bei diesen Worten wirkte sie wie ein Säbelzahntiger. Harry, Ron und ich machten, dass wir herauskamen und machten und gemeinsam mit Mine und Ginny gingen wir durch den engen Flur und die schwere Holztreppe empor, um nur ja weit weg von Mrs. Weasley und ihrem Wutausbruch zu kommen. „Was bedeutet Weasleys Zauberhafte Zauberscherze?“, fragte Harry. Ron, Ginny und ich mussten lachen, doch Mine blieb stumm. Ginny klärte ihn über die Scherzartikel der Zwillinge auf. Im nächsten Moment wurde eine Tür auf dem zweiten Treppenabsatz geöffnet und sehr genervt aussehender Percy mit Hornbrille lugte hervor. „Hallo, Percy“, sagte Harry. „Ach, hallo, Harry“, erwiderte Percy. „Ich wollte nur wissen, wer hier schon wieder so viel Lärm macht. Ich versuche hier drin zu arbeiten - ich muss fürs Büro noch einen Bericht schreiben -, und es ist ziemlich schwer, sich zu konzentrieren, wenn hier ständig Leute die Treppe rauf- und runterrennen.“ Ich verdrehte genervt die Augen; wie konnte man nur so ein Spießer sein? „Wir poltern nicht“, brummte Ron verärgert. „Wir gehen. Bitte verzeih uns, wenn wir die streng geheime Arbeit des Zaubereiministerium gestürt haben.“ „Woran arbeitest du denn?“, fragte Harry. Ich starrte ihn entsetzt an. Jetzt durften wir uns eine elendslange Rede von Percys langweiliger Arbeit anhören! Vielen Dank auch, Harry! „An einem Bericht für die Abeilung für Internationale Magische Zusammenarbeit“, erklärte Percy und reckte das Kinn nach oben. „Wir versuchen die Kesseldicken endlich zu vereinheitlichen. Manche von diesen ausländischen Importkesseln sind doch eine Spur zu dünn - die Tropfrate steigt jährlich um drei Prozent-...“ Ich verdrehte erneut die Augen und meinte sarkastisch: „Dieser Artikel wird die Welt verändern, Percy. Dieses Kesseltropfen kommt sicher auf die Titelseite des Tagespropheten.“ Percys Gesicht nahm einen Hauch von Rosa an, als ich mich umdrehte und denn anderen zurief: „Kommt, lassen wir den Herrn Hochwohlgeboren in Ruhe arbeiten!“ Dieser knallte seine Zimmertür hinter sich zu. Während wir weiter nach oben gingen, hallten laute Rufe aus der Küche zu uns hoch. Ich nahm an, dass Mr. Weasley seiner Frau von den Toffeebohnen erzählt hatte.

    In Rons Zimmer machten wir Harry zuerst mal mit Pig bekannt, wobei wir ihn über dessen seltsamen Namen aufklären mussten. „Percy gefällt die Arbeit, nicht wahr?“, fragte Harry. Ich schnaubte. „Gefallen?“, meinte Ron mit düsterer Miene. „Wenn Dad es nicht verlangen würde, würde er gar nicht mehr nach Hause kommen. Er ist wie besessen. Frag ihn ja nicht nach seinem Chef. >Mr Crouch sagt dieses, Mr. Crouch sagt jenes...Mr. Crouch ist der Meinung...wie ich immer zu Mr. Crouch sage...Mr. Crouch hat mich beauftragt...< Bald geben die noch ihre Verlobung bekannt.“ „Hast du einen schönen Sommer verbracht, Harry?“, wechselte ich das Thema. „Sind die Kuchen auch angekommen?“ „Ja, vielen Dank“, erwiderte Harry, was eine angenehme Wärme in mir auslöste. „Diese Kuchen haben mir das Leben gerettet.“ „Und hast du was von-?“, setzte Ron an, doch ich brachte ihn mit einem eisigen Blick zum Schweigen. Ich wusste, dass er nach Sirius fragen wollte. Allerdings sollte er das besser nicht vor Ginny tun, denn natürlich wusste keiner außer Professor Dumbledore, Harry, Ron, Mine und mir wusste, wie Sirius entkommen war, und ansonsten glaubte keiner an seiner Unschuld. „Sie haben aufgehört zu streiten“, sagte Mine, um die peinliche Stille zu überbrücken, denn Ginnys Blick wanderte neugierig von Ron zu Harry. „Sollen wir runtergehen und eurer Mum mit dem Abendessen helfen?“, versuchte ich die Situation zu retten. „Ja, von mir aus“, antwortete Ron.

    Wir verließen sein Zimmer und stiegen hinunter zur Küche, wo wir Mrs. Weasley vorfanden, die äußerst schlecht gelaunt wirkte. „Wir essen draußen im Garten“, meinte sie, als wir hineintraten. „Könnt ihr die Teller raustragen, Ginny, Hermine? Bill und Charlie decken gerade die Tische. Ihr nehmt bitte Messer, Gabeln und Löffel“, ordnete sie an und deutete auf Ron, Harry und mich. Aus Versehen richtete sie ihren Zauberstab ein wenig zu energisch auf einen Haufen Kartoffeln, die daraufhin so schnell aus ihren Schalen flutschten, dass sie gegen die Decke und die Wände klatschten. „Oh nein“, seufzte Mrs. Weasley und richtete ihren Zauberstab jetzt auf einer Kehrschaufel, die daraufhin von ihrem Haken an der Wand hüpfte, über den Boden tänztelte und die Kartoffeln aufschaufelte. „Diese beiden!“, stieß sie zornig hervor, während sie einige Töpfe und Pfannen aus dem Schrank holte. Ich wusste sofort, dass sie Fred und George meinte. „Ich weiß nicht, was aus denen mal werden soll. Keinen Ehrgeiz, wollen anderen nur möglichst viel Ärger machen...“ Sie knallte einen großen Kupfertopf auf den Küchentisch und begann mit dem Zauberstab darin herumzurühren, bis sich die leckere weiße Soße aus der Spitze in den Topf ergoss. „Es ist ja nicht so, als ob sie keinen Grips hätten“, fuhr sie wütend fort, trug den Kopf hinüber zum Herd und entzündete diesen mit einem Schlenker ihres Zauberstabs. „Sie verschwenden ihn einfach, und wenn sie sich nicht bald zusammenreißen, kriegen sie noch wirklich Probleme. Hogwarts hat mir mehr Eulen ihretwegen geschickt als wegen aller anderen zusammen. Wenn sie so weitermachen, landen sie noch vor dem Ausschuss gegen den Missbrauch der Magie.“ Ich wollte ihr in dieser Sache widersprechen, aber mit Mrs. Weasley war gerade nicht gut Kirschen essen halten, weshalb ich es lieber doch nicht tat. Sie tippte mit ihrem Zauberstab gegen die Besteckschublade, die sofort aufsprang. Ein paar Messer flogen heraus, so dass Harry, Ron und ich uns ducken mussten, damit wir nicht aufgespießt wurden. Sie surrten quer durch die Küche und begannen die Kartoffeln in Scheiben zu schneiden, die die Kehrschaufel soeben wieder ins Waschbecken befördert hatte. „Ich weiß nicht, was wir bei den beiden falsch gemacht haben“, sagte sie gereizt, legte ihren Zauberstab zur Seite und begann noch mehr Töpfe hervorzukramen. „Das schon seit Jahre so, immer wieder was Neues, und sie wollen einfach nicht zuhören - oh nein, nicht schon wieder!“ Sie hatte ihren Zauberstab wieder vom Tisch genommen und er hatte sich mit lautem Quieken in eine riesige Gummimaus verwandelt. „Schon wieder einer von diesen falschen Zauberstäben!“, rief sie. „Wie oft hab ich den beiden schon gesagt, dass sie die nicht herumliegen lassen sollen!“ Sie griff nach ihrem richtigen Zauberstab, drehte sich um und stellte fest, dass die Soße bereits am kokeln war. „Kommt besser mit“, murmelte Ron uns und kramte eine Hand voll Besteck aus der Schublade, „wir gehen nach draußen und helfen Bill und Charlie.“

    Wir ließen Mrs. Weasley allein und gingen durch die Küchentür hinaus auf den Hof. Wir waren nur ein paar Schritte gegangen, als Krummbein, Mines langhaariger Kater mit rötlichem Fell, aus dem Garten gesaust kam, den Schwanz wie eine Flaschenbürste kerzengerade nach oben gestreckt, auf der Suche nach einem Wesen, dass aussah wie eine Kartoffel auf Beinen. Der kleine Gnom tapste eifrig an uns vorbei, hopste quer über den Hof und stürzte sich kopfüber in einen der Gummistiefel, die vor der Tür standen, um Krummbeins scharfen Krallen zu entkommen. Ich konnte ihn leise giggeln hören, während Krummbein eine Pfote in den Stiefel steckte und nach ihm aushieb. Unterdessen kam von der anderen Seite des Hauses lauter Lärm. Was den Krach verursachte, sahen wir erst, als wir in den Garten kamen und bemerkten, dass Bill und Charlie mit gezückten Zauberstäben zwei Tische hoch über dem Rasen fliegen und gegeneinander knallen ließen, um den Gegner zum Absturz zu bringen. Fred und George feuerten die beiden an; Ginny lachte und Mine stand an der Ecke und trat von einem Bein aufs andere, als wüsste sie nicht, ob sie vergnügt sein oder ein schlechtes Gewissen haben sollte. Bills Tisch knallte laut gegen den von Charlie und schlug diesem ein Bein weg. Oben am Haus klapperte etwas und ich sah, wie Percy aus einem Fenster im zweiten Stock lugte. „Hört sofort auf damit!“, schrie er herunter. „Verzeihung, Perce“, erwiderte Bill grinsend. „Wie steht’s mit deinen Kesselböden?“ „Ganz übel“, meinte Percy verdrießlich und schlug das Fenster überheblich zu, was mich zum lachen brachte. Typisch Percy! Glucksend ließen Bill und Charlie die Tische im sicheren Gleitflug auf dem Gras landen, dann fügte Bill das fehlende Bein von Charlies Tisch mit einem Schnippen seines Zauberstabs wieder an und deckte die beiden Tische von Zauberhand.

    Um sieben Uhr ächzten die Tische unter der Last von gefühlt hunderten Töpfen und Tellern, die mit Mrs. Weasleys herrlichen Gerichten gefüllt waren. Die neun Weasley, Harry, Mine und ich setzten uns und begannen unter dem klaren, tiefblauen Himmel zu essen. Ich saß zwischen Harry und Mine und ließ mir die Hühnchen-und-Schinken-Pastete, Salzkartoffeln und Salat schmecken. Am anderen Ende des Tisches erzähle Percy Mr. Weasley gerade über seinen Kesselboden-Bericht. „Ich hab Mr. Crouch gesagt, dass ich am Dienstag fertig bin“, verkündete Percy mit Nachdruck. „Das ist zwar ein wenig früher, als er erwartet hat, aber ich bin eben immer eine Nasenlänge voraus. Ich glaube, er wird mir dankbar sein, dass ich es in so kurzer Zeit geschafft habe. Immerhin ist bei uns in der Abteilung gerade die Hölle los, bei den Vorbereitungen für die Weltmeisterschaft. Wir bekommen einfach nicht die notwendige Unterstützung von der Abteilung für Magische Spiele und Sportarten. Ludo Bagman-...“ „Ich mag Ludo“, entgegnete Mr. Weasley sachte. „Er hat uns nämlich die guten Plätze für das Endspiel besorgt. Hab ihm einen kleinen Gefallen getan: Sein Bruder, Otto, hatte sich ein kleines Problem eingehandelt - einen Rasenmäher mit übernatürlichen Kräften - und ich hab die Sache geradegebogen.“ „Oh, Bagman, ganz nett, natürlich“, meinte Percy geringschätzig, „aber wie er jemals Abteilungsleiter werden konnte...wenn ich ihn mit Mr. Crouch vergleiche! Ich kann mir bei Mr. Crouch einfach nicht vorstellen, dass er einen Mitarbeiter seiner Abteilung verliert und nicht versucht herauszufinden, was mit ihm passiert ist. Ist dir klar, dass Bertha Jorkins jetzt schon seit über einem Monat vermisst wird? Die Frau, die nach Albanien in den Urlaub fuhr und nicht zurückkam?“ „Ja, ich hab Ludo nach ihr gefragt“, antwortete Mr. Weasley stirnrunzelnd. „er meint, Bertha sei schon öfters vermisst worden - obwohl ich zugeben muss, wenn es jemand aus meiner Abteilung wäre, würde ich mir Sorgen machen...“ „Bertha ist ein hoffnungsloser Fall, gewiss“, sagte Percy. „Wie ich höre, wurde sie seit Jahren von Abteilung zu Abteilung geschoben und richtete mehr Schaden als Nutzen an...und trotzdem, Bagman sollte versuchen sie zu finden. Mr. Crouch interessiert sich persönlich dafür - sie hat früher bei uns gearbeitet, weißt du, und ich glaube, Mr. Crouch war ganz angetan von ihr - aber Bagman lacht immer nur und sagt, sie hätte vielleicht die Landkarte falsch gelesen und wäre in Australien, statt in Albanien gelandet. Allerdings“, Percy ließ einen gewaltigen Seufzer hören und nahm einen ausgiebigen Schluck vom Holunderblütenwein, „wir haben in der Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit genug am Hals und können nicht auch noch Leute aus anderen Abteilungen suchen. Du weißt ja, nach der Weltmeisterschaft müssen wir ein weiteres Großereignis organisieren.“ Er räusperte sich viel sagend und blickte hinüber zu uns. „Du weißt schon, wovon ich rede, Vater.“ Er hob leicht die Stimme. „Diese Topsecret-Geschichte.“ Ron rollte mit den Augen und murmelte: „Seit er angefangen hat zu arbeiten, will er uns dazu bringen zu fragen, was das für ein Ereignis ist. Wahrscheinlich irgendeine Austellung für dickwandige Kessel.“

    In der Mitte des Tisches stritt Mrs. Weasley mit Bill über seinen Ohrring, den er erst seit kurzem trug. „Mit einem fürchterlichen Riesenzahn dran, wirklich, Bill, was sagen sie in der Bank dazu?“ „Mum, keiner in der Bank schert sich darum, wie ich mich anziehe, solange ich genug Schätze reinbringe“, erwiderte Bill geduldig, als würde er mit einem kleinen Kind reden. „Und dein Haar sieht aus, mein Lieber. Ich wünschte, du würdest sie einmal kürzer schneiden...“ „Mir gefällt es so“, warf Ginny ein, die neben Bill saß. „Du bist so altmodisch Mum. Außerdem ist es nicht halb so lang wie das von Professor Dumbledore...“

    Neben Mrs. Weasley unterhielten sich Fred, George und Charlie angeregt über die Weltmeisterschaft. „Ich tippe auf Irland“, mampfte Charlie mit einem Mund voller Salzkartoffeln. „Die haben Peru im Halbfinale platt gemacht.“ „Aber Bulgarien hat Viktor Krum“, meinte Fred. „Krum ist gerade mal ein brauchbarer Spieler, Irland hat sieben“, entgegnete Charlie schroff. „Wäre schön gewesen, wenn England es geschafft hätte. Aber das war peinlich, wirklich sehr peinlich.“ „Was war denn?“, fragte Harry wissbegierig, der im Ligusterweg natürlich nichts von der magischen Welt erfahren hatte. Harry war ein leidenschaftlicher Quidditch-Spieler. Seit unserem ersten Jahr in Hogwarts war er der Sucher für das Gryffindor-Quidditchteam (ich war Jägerin). Außerdem besaß er den besten Rennbesen der Welt, einen Feuerblitz, den er von seinem Paten Sirius Black geschenkt bekommen hatte. „Sind gegen Transsilvanien untergegangen, 390 zu 10“, erklärte Charlie trübselig. „War grausam mit anzusehen. Und Wales hat gegen Uganda verloren, und Luxemburg hat Schottland abgeschlachtet.“

    Mr. Weasley beschwor Kerzen herauf, da es im Garten langsam dunkel wurde. Es gab Nachtisch (selbst gemachtes Erdbeereis), und als wir aufgegessen hatten, flatterten die Motten schon tief über den Tisch und der Duft nach sommerlichen Gräsern und Geißblatt erfüllte die warme Luft. Ich sah ein paar Gnomen nach, die mit irrem Lachen durch die Rosenbüsche rasten, dicht gefolgt von Krummbein, und füllte mich satt und zufrieden. Ron ließ den Blick über den langen Tisch schweifen, um sicherzugehen, dass alle anderen sich eifrig unterhielten, dann sagte er leise zu Harry: „Hast du in letzter Zeit von Sirius gehört?“ Auch Mine wandte den Kopf und hörte gespannt zu. „Ja“, erwiderte Harry gedämpft, „zweimal. Er hört sich gut an. Ich hab ihm vorgestern geschrieben. Vielleicht antwortet er noch, während ich hier bin.“ Er zögerte kurz, als wolle er noch etwas sagen, doch da rief Mrs. Weasley, die einen Blick auf ihre Armbanduhr geworfen hatte: „Schon so spät! Ihr solltet schon längst im Bett sein, ihr müsst morgen in aller Frühe aufstehen, damit ihr zum Endspiel kommt. Harry, wenn du mir die Liste mit deinen Schulsachen rauslegst, besorge ich sie dir morgen in der Winkelgasse, ich muss sowieso hin. Nach der Weltmeisterschaft ist vielleicht keine Zeit mehr, das letzte Mal hat das Endspiel fünf Tage gedauert.“ „Oh - diesmal hoffentlich auch!“, meinte Harry ganz begeistert. „Nun, ich persönlich kann darauf verzichten“, sagte Percy scheinheilig. „Mich schaudert, wenn ich daran denke, wie mein Eingangskorb aussähe, wenn ich fünf Tage nicht ins Büro gehen würde.“ „Ja, vielleicht würde wieder jemand Drachenmist reinwerfen, Perce...“, entgegnete Fred. „Das war eine Düngerprobe aus Norwegen!“, schrie Percy und lief knallrot an. „Nichts Persönliches!“ „War es doch“, flüsterte George mir zu, als wir aufstanden. „Wir haben sie geschickt.“ Ich grinste.

    8
    8. Kapitel

    Das Lied...dieses wundervolle Lied. Ich konnte es erneut hören, zuerst leise, dann wurde es immer lauter. Zuerst war es dunkel, doch dann lichtete sich die Finsternis und bunte Lichter tanzten über den Boden und flogen über meine Haut. Blau, rot, grün, gelb, pink, lila... Das Klavierstück faszinierte mich und ich schloss die Augen, um das Lied genauer wahrzunehmen, doch im nächsten Moment-

    „Liv! Steh auf!“ Es war Ginny, die mich an beiden Schultern rüttelte, bis ich die Augen aufschlug. Ginnys rote Haare waren zerzaust und sie gähnte, als ich mich vom Sofa aufsetzte. Auch Mine war schon wach und zog sich gerade an. Ich blinzelte ein paar Mal, bis mir wieder einfiel, dass wir ja heute zur Weltmeisterschaft aufbrechen würden. Immer noch gähnend stand ich auf und zog mich rasch an. Ich wählte eine dunkelblaue Jeans und einen leichten bordeauxroten Pullover. Ich steckte einen hellblauen Haareif zwischen meine langen Locken und grüne Ohrstecker in meine Ohren. Auch Ginny und Mine machten sich fertig, wobei sie immer wieder herzhaft gähnten. Schnell packte ich einige Dinge in meine Tasche zusammen: zwei Hände voller Galleonen, eine Wasserflasche, ein weißes seidenes Nachthemd, Kleidung für den nächsten Tag und einige Haargummis (man konnte ja nie wissen, wann es mal einen Frisuren-Notfall gab!) Dann verließen wir zu dritt das Zimmer und machten uns auf den Weg in die Küche.

    Dort saßen bereits Harry, Ron, Fred, George und Mr. Weasley; Mrs. Weasley schmierte eifrig Butterbrote, die wir später mitnehmen sollten. Bill, Charlie und Percy waren noch nicht wach, da sie mittags apparieren würden, was ich äußerst ungerecht fand. „Warum müssen wir so früh aufstehen?“, fragte Ginny ihren Vater, während sie sich die Augen rieb und wir uns an den Tisch setzten. „Wir haben einen kleinen Fußmarsch vor uns“, erklärte Mr. Weasley. „Fußmarsch?“, fragte ich. „Wie bitte, gehen wir etwa zu Fuß zur Weltmeisterschaft?“ „Nein, nein, das ist zu weit“, entgegnete Mr. Weasley lächelnd. „Wir müssen nur ein kurzes Stück zu Fuß gehen. Es ist nämlich sehr schwierig, eine große Zahl von Zauberern an einem Ort zu versammeln, ohne dass es Muggeln auffällt. Wir müssen ohnehin immer vorsichtiger sein, und bei einem Riesenereignis wie der Quidditch-Weltmeisterschaft-....“ „George!“, unterbrach Mrs. Weasley die Unterhaltung. Ihre Stimme war scharf und alle schraken erschrocken zusammen. „Was ist?“, fragte dieser mit einem Unschuldston, der mich nicht täuschen konnte. „Was hast du da in der Tasche?“ „Nichts!“ „Lüg nicht!“ Mrs. Weasley richtete den Zauberstab auf Georges Tasche und rief: „Accio!“ Mehrer kleine, bunte, mir nur allzu bekannte Gegenstände schossen daraus hervor; George versuchte sie einzufangen, sie entwischten ihm jedoch und flogen geradewegs in die ausgestreckte Hand seiner Mutter, die recht zornig wirkte. „Wir haben euch doch gesagt, dass ihr sie unschädlich machen sollt!“, rief Mrs. Weasley wütend und hielt einige Würgzungen-Toffees hoch. „Schafft das Zeug fort, haben wir gesagt! Leert eure Taschen, los, und zwar alle beide!“ Es war lustig mit anzusehen; die Zwillinge wollten dem Schein nach möglichst viele Toffeebohnen aus dem Haus schmuggeln, und erst mit Hilfe eines Sammelzaubers schaffte es Mrs. Weasley, jede einzelne, kleine Süßigkeit in ihre Finger zu kriegen. „Accio! Accio! Accio!“, rief sie und die Toffeebohnen flogen von überall her auf sie zu, beispielsweise aus dem Futter von Georges Jacke und aus den Aufschlägen von Freds Jeans. „Wir haben ein halbes Jahr gebraucht, um sie zu entwickeln!“, schrie Fred seine Mutter an, als sie die Toffees in den Mülleimer warf. „Ach, ist ja ‘ne tolle Art, ein halbes Jahr zu verbringen!“, kreischte sie. An Mr. Weasleys Gesicht sah ich, dass er fast ein wenig Angst vor seiner Frau bekam. „Kein Wunder, dass ihr nicht mehr ZAGs geschafft habt!“

    Bei unserem Aufbruch herrschte keine besonders fröhliche Stimmung. Mrs. Weasley schaute immer noch finster, als sie ihren Gatten auf die Wange küsste, wenn auch lange nicht so finster wie die Zwillinge, die ihre Rucksäcke packten und ohne ein Abschiedswort für ihre Mutter hinausgingen. „Dann viel Vergnügen“, sagte Mrs. Weasley, „und benehmt euch“, rief sie den Zwillingen nach, die ihr jedoch stur den Rücken kehrten. „Ich schicke Bill, Charlie und Percy gegen Mittag nach“, fuhr sie an ihren Mann gewandt fort, dann gingen wir (Harry, Ron, Mine, Ginny, Mr. Weasley und ich) über den Hof und folgten Fred und George. Es war recht kühl und der Mond stand noch leuchtend hell am Himmel. Nur ein leichter blauer Schleier am östlichen Horizont kündigte den kommenden Tag an. Wir stapften den dunklen, feuchten Weg zum Dorf entlang und nur unsere Schritte störten die Ruhe. Während wir durch das Dorf gingen, erhellte sich der schwarze Himmel, an dem tausende von Sterne gefunkelt hatten und nahm ein dunkles Blau an. Meine Hände und Füße waren eiskalt. Ich schwieg; ich wollte das makellose Bild, das sich mir darbot, nicht zerstören. Keuchend und ohne viele Worte stiegen wir den Wieselkopf nach oben. Einige Male stolperte ich in ein verstecktes Kaninchenloch und rutschte auf dem feuchten Gras aus. Jeder Atemzug brannte mir in der Brust, und meine Beine wollten gerade einknicken, als ich endlich ein Stück ebene Erde betrat. „Puuuhh!“, schnaufte Mr. Weasley, nahm die Brille ab und wischte die Gläser an seinem Pullunder trocken. „Immerhin, wir liegen gut in der Zeit - wir haben noch zehn Minuten...“ Mine kam als Letzte über den Hügelkamm, die Hände keuchend in die Seite gepresst. „Jetzt fehlt nur noch der Portschlüssel“, meinte Mr. Weasley, setzte die Brille wieder auf und ließ den Blick suchend über die Erde schweifen. „Er wird nicht groß sein...ihr könnt mir suchen helfen...“

    Wir verteilten uns über die Hügelkuppe, hatten jedoch erst ein paar Minuten gesucht, als ein Ruf die Stille durchbrach. „Hier, Arthur! Hierher, alter Junge, wir haben ihn!“ „Amos!“, rief Mr. Weasley und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Rasch lief er hinüber zu dem Mann, der gerufen hatte. Wir folgten ihm. Mr. Weasley schüttelte die Hand eines Zauberers mit wettergegerbten Gesicht und braunem Stoppelbart, der einen alten, verdreckten Stiefel in der anderen Hand hielt. „Darf ich vorstellen, Amos Diggory“, sagte Mr. Weasley- „Arbeitet in der Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe. Und ich glaube, ihr kennt seinen Sohn, Cedric?“ In der Tat kannte ich ihn. Cedric Diggory war ein außergewöhnlich hübscher Junge um die siebzehn Jahre. Er war Kapitän und Sucher des Quidditch-Teams der Hufflepuffs in Hogwarts. „Hallo“, sagte Cedric und blickte in die Runde. Alle antworteten mit „Hallo“, außer Fred und George, die nur nickten. Sie hatten Cedric nie ganz verziehen, dass er uns im Quidditch-Spiel des letzten Jahres geschlagen hatte. Amos Diggory wandte sich mit wohlwollendem Blick uns zu. „Alle von dir, Arthur?“ „Oh nein, nur die Rotschöpfe“, erwiderte Mr. Weasley rasch und deutete auf seine Kinder. „Das sind Hermine und Olivia, zwei Freundinnen von Ron - und Harry, auch ein Freund -...“ „Bei Merlins Bart“, flüsterte Amos Diggory und seine Augen weiteten sich. „Harry? Harry Potter?“ „Ähm - ja“, entgegnete Harry. In diesem Moment wollte ich wirklich nicht an seiner Stelle sein. „Ced hat natürlich von dir gesprochen“, meinte Mr. Diggory. „Hat mir alles von dem Spiel letztes Jahr gegen euch erzählt...Ich hab ihm gesagt - Ced, das kannst du mal deinen Enkeln erzählen...du hast Harry Potter geschlagen!“ Harry schwieg; Fred und George sahen schon wieder missvergnügt drein. Irgendwie hatte ich das starke Gefühl, dass ich Amos Diggory nicht leiden konnte. Cedric schien ein wenig verlegen. „Harry ist von seinem Besen gefallen, Dad“, nuschelte er. „Ich hab dir doch gesagt...es war nur ein Unfall...“ „Ja, aber du bist nicht runtergefallen, nicht wahr?“, dröhnte Amos vergnügt. „Immer so bescheiden, unser Ced, immer ein Ehrenmann...aber der Beste auf dem Platz hat gewonnen. Der eine fällt von seinem Besen, der andere bleibt oben, du meist kein Genie sein, um rauszufinden, wer der bessere Flieger ist!“ Ich hätte diesen Besserwisser am liebsten angeschrien, dass er sich da raushalten sollte, doch ich konnte mich gerade noch zurückhalten.

    „Wir müssen bald los“, warf Mr. Weasley rasch ein und zog seine Uhr aus der Tasche. „Weißt du, ob wir noch auf jemanden warten müssen, Amos?“ „Nein die Lovegoods sind schon seit ‘ner Woche da und die Fawcetts haben keine Karten bekommen“, antwortete Mr. Diggory. „Hier in der Gegend wohnt sonst niemand mehr von uns, oder?“ „Nicht, dass ich wüsste“, meinte Mr. Weasley. „Ja, wir haben noch eine Minute...machen wir uns bereit...“ Er wandte sich Harry, Mine und mir zu. „Ihr müsst den Portschlüssel nur berühren, das ist alles, ein Finger reicht-...“ Wir traten alle auf den Stiefel zu, den Amos Diggory in die Höhe hielt. Wir standen in einem engen Kreis zusammen, als eine kalte Brise über die Hügelkuppe blies. Keiner sprach. „Drei...“, murmelte Mr. Weasley mit einem Auge auf der Uhr, „zwei...eins...“ Sofort geschah es: Ich hatte das Gefühl, als würde ich mit unwiderstehlicher Gewalt nach vorne gerissen werden. Ich hatte den Boden unter den Füßen verloren; es spürte, dass Ron, Mine und Harry Seite an Seite mit mir flogen; durch wütende Böen und wirbelnde Farbspiralen rasten wir dahin; mein Zeigefinger klebte an dem Stiefel, als zöge er mich magnetisch an, und dann-
    Ich prallte mit den Füßen auf festen Grund; auch Ron, Mine und Harry stolperten auf ihre Füße; der Portschlüssel schlug mit einem dumpfen lauten Geräusch neben uns auf. Ich sah auf. Mr. Weasley, Mr. Diggory und Cedric standen auf den Beinen, sahen jedoch arg zerzaust aus. „Sieben nach fünf vom Wieselkopf“, sagte eine Stimme.

    9
    9. Kapitel

    Wir waren auf einem nebelverhangenen Moor gelandet. Vor uns standen zwei müde und missmutig dreinblickende Zauberer, der eine mit einer goldenen großen Uhr in der Hand, der andere mit einer langen Pergamentrolle und einer Feder. Beide waren wie Muggel gekleidet, allerdings recht außergewöhnlich; der Mann mit der Uhr trug einen Tweed-Anzug mit mit kniehohen Stiefeln, sein Kollege einen Kilt und einen Poncho darüber. „Morgen, Basil“, begrüßte Mr. Weasley den Zauberer im Kilt, hob den Stiefel auf und reichte ihn ihm, der den Portschlüssel daraufhin in eine Kiste mit anderen und gebrauchten Portschlüsseln warf. Ich konnte eine alte Zeitung, leere Getränkedosen und einen durchlöcherten Fußball erkennen. „Ach, hallo, Arthur“, entgegnete Basil matt. „Nicht im Dienst, was? Manche sind fein raus...wir sind schon die ganze Nacht hier...ihr geht jetzt am besten aus dem Weg, wir erwarten um fünf Uhr fünfzehn eine große Gruppe aus dem Schwarzwald. Augenblick mal, ich suche euch Plätze raus...Weasley...Weasley...“ Er zog seine Pergamentliste zu Rate. „Gut 400 Meter zu Fuß von hier, das erste Feld, auf das ihr stoßst. Der Platzaufseher heißt Mr. Roberts. Diggory...zweites Feld...fragen Sie nach Mr. Payne.“ „Danke, Basil“, meinte Mr. Weasley und winkte uns, damit wir ihm folgten.

    Wir machten uns auf den Weg durch das einsame Moor, ohne dass ich durch den dichten Nebel allzu viel sehen konnten. Nach etwa 20 Minuten tauchte ein kleines steinernes Haus aus dem Nebel auf. Neben dem Haus erkannte ich ein Tor, und dahinter konnte ich die geisterhaften Umrisse Hunderter Zelte erkennen, deren Reihen sich über ein leicht ansteigendes Feld bis zu einem dunklen Wald am Horizont emporzogen. Wir verabschiedeten uns von den Diggorys und gingen auf das Tor neben dem Haus zu. Ein Mann stand am Tor und spähte hinüber zu den Zelten. Ich war mir ziemlich sicher, dass er der einzige echte Muggel weit und breit war. Er hörte unsere Schritte, wandte sich um und musterte uns. „Morgen!“, sagte Mr. Weasley munter. „Morgen!“, antwortete der Muggel. „Sie müssen Mr. Roberts sein.“ „Genau der bin ich“, entgegnete Mr. Roberts. „Und wer sind Sie?“ „Weasley - zwei Zelte, vor ein paar Tagen gebucht.“ „Alles klar“, meinte Mr. roberts und zog eine an der Tür befestigte Liste zu Rate. „Sie haben einen Platz dort oben am Wald. Nur eine Nacht?“ „Nur eine“, bestätigte Mr. Weasley. „Dann zahlen Sie sofort?“, fragte Mr. Roberts. „Aah - sofort - natürlich -...“, sagte Mr. Weasley. Er entfernte sich ein paar Schritte von dem Haus und winkte Harry zu sich. Ich nahm an, dass dieser ihm helfen sollte, die richtigen Geldscheine herzugeben. „Sind Sie Ausländer?“, fragte Mr. Roberts, als Mr. Weasley mit dem richtigen Betrag zurückkam. „Ausländer?“, wiederholte Mr. Weasley verdutzt. „Sie sind nicht der Erste hier, der Probleme mit dem Geld hat“, erklärte Mr. Roberts und musterte Mr. Weasley von oben bis unten. „Erst vor zehn Minuten haben zwei versucht, mich mit Goldmünzen zu bezahlen, die so groß wie Radkappen waren.“ „Was Sie nicht sagen!“, engegnete Mr. Weasley zerstreut. Mr. Roberts suchte in einer Blechdose nach Wechselgeld. „Noch nie so voll gewesen hier“, sagte er plötzlich und ließ den Blick erneut über das mit Nebel verhangene Feld schweifen. „Hunderte Vorrausbuchungen. Normalerweise tauchen die Leute hier einfach auf...“ „Stimmt das so?“, fragte Mr. Weasley und streckte die Hand nach seinem Wechselgeld aus, doch Mr. Roberts gab es ihm nicht. „Tjaah“, fuhr er nachdenklich fort, „Leute von überall her. ‘ne Menge Ausländer. Und nicht nur Ausländer. Spinner, sag ich Ihnen. Da ist so ein Kerl, der in ‘nem Kilt und ‘nem Poncho rumläuft.“ „Darf er das nicht?“, fragte Mr. Weasley beunruhigt. „Kommt mir vor wie...weiß nicht...wie ne Art Versammlung“, brummte er. „Die scheinen sich alle zu kennen.Vielleicht ‘ne Riesenparty.“

    In diesem Moment erschien ein Zauberer aus dem Nichts neben Mr. Roberts’ Haustür. „Obliviate!“, rief er schrill und richtete den Zauberstab auf Mr. Roberts. Dieser fing sofort an zu schielen, seine Stirn glättete sich und ein Ausdruck verträumter Gleichgültigkeit trat auf sein Gesicht. Offenbar wurde sein Gedächtnis gerade verändert. „Eine Karte des Campingplatzes für Sie“, sagte Mr. Roberts in aller Gelassenheit zu Mr. Weasley. „Und ihr Wechselgeld.“ „Vielen Dank“, antwortete Mr. Weasley. Der Zauberer begleitete uns zum Tor des Zeltplatzes. Er sah sehr erschöpft aus; sein stoppeliges Kinn schimmerte bläulich, und dunkelrote Schatten lagen unter seinen Augen. Sobald Mr. Roberts uns nicht mehr hören konnte, murmelte er Mr. Weasley zu: „Ich hatte eine Menge Ärger mit ihm. Braucht zehnmal am Tag einen Gedächtniszauber, damit er bei Laune bleibt. Und Ludo Bagman rührt mal wieder keinen Finger. Schlendert herum, hält den Leuten Vorträge über Quaffel und Klatscher und kümmert sich nicht im Geringsten um die Muggelabwehr. Meine Nerven, bin ich froh, wenn das hier vorbei ist. Bis später, Arthur.“ Er disapparierte. „Ich dachte, Mr. Bagman sei Chef der Abteilung für Magische Spiele und Sportarten?“, fragte Ginny mit überraschter Miene. „Er sollt doch wissen, dass man in der Nähe von Muggeln nicht über Klatscher reden darf, oder?“ „Das sollte er“, sagte Mr. Weasley lächelnd und führte uns durch das Tor auf den Zeltplatz, „aber Ludo war schon immer ein wenig...na ja...lasch in Sicherheitsfragen. Aber einen Chef für die Sportabteilung, der mit mehr Begeisterung dabei ist, gibt es einfach nicht. Er selbst hat Quidditch für England gespielt, musst du wissen, Ginny. Und er war der beste Treiber, den die Wimbourner Wespen jemals hatten.“ Wir wanderten durch die langen Zeltreihen über das nebelverhangene Feld. Die meisten Zelte wirkten auf mich recht schlicht; ihre Besitzer hatten sie offenbar ganz nach Muggelart gestaltet, hin und wieder jedoch ein wenig danebengegriffen, denn ich war mir ziemlich sicher, dass normale Muggelzelte nicht mit Kaminen, Klingelzügen oder Wetterfahnen ausstaffiert waren. Allerdings gab einige Male ein Zelt, dass so offensichtlich magisch war, dass mich Mr. Roberts’ Misstrauen gar nicht wunderte. Auf halbem Weg die Anhöhe hinauf entdeckte ich ein extravagantes Zelt aus Seide, das mit seinen am Eingang angeplockten Pfauen wie ein kleiner Palast wirkte. Ein wenig weiter kamen wir an einem Zelt vorbei, dass drei Stockwerke und mehrere Türmchen hatte; und kurz dahinter stand ein Zelt mit angehängtem Vorgarten (komplett mit Vogelbad, Sonnenuhr und Springbrunnen). „Immer dasselbe“, meinte Mr. Weasley lächelnd, „wir können es einfach nicht lassen, ein wenig zu prahlen, wenn wir zusammenkommen. Aha, da sind wir ja. Das ist unser Platz.“

    Wir waren oben am Waldrand angelangt und hier fanden wir unseren Platz; auf einem kleinen, in die Erde gestecktem Schild stand „Weezly“ geschrieben. „Was Besseres hätten wir nicht kriegen können!“, behauptete Mr. Weasley glücklich. „Das Spielfeld liegt auf der anderen Seite dieses Waldes, näher geht’s nicht.“Er ließ den Rucksack zur Erde gleiten. „Hört mal“, begann er aufgeregt, „eigentlich ist hier keine Zauberei erlaubt, wenn wir in so großer Zahl auf Muggelland sind. Wir bauen diese Zelte am besten von Hand auf! Sollte nicht allzu schwer sein. Die Muggel tun es ja ständig...Harry, schau dir das mal an, was meinst du, wo wir anfangen sollen?“ Harry wirkte nicht so, als hätte er viel Ahnung davon, wie man ein Zelt aufbaute. Doch immerhin hatten wir ja Mine, die sich darin einigermaßen darin auskannte. Harry und Mine fanden gemeinsam heraus, wo die meisten Stangen und „Heringe“ (so nannte Mine diese Dinge) hingehörten, und obwohl Mr. Weasley eher hinderlich als hilfreich war, weil er richtig aus dem Häuschen geriet, als er den Holzhammer benutzen durfte, hatten wir schließlich zwei abgenutzte Zweimannszelte vor sich stehen. Keiner, der diese Zelte ansah, würde auf den Gedanken kommen, dass sie Zauberern gehören könnten; das Problem war nur, dass wir mit Bill, Charlie und Percy zu elft sein würden. Auch Mine und Harry schienen sich zu wundern. Mine warf mir einen fragenden Blick zu, während Mr. Weasley auf allen vieren ins erste Zelt kroch. „Wird ein bisschen eng hier“, rief er nach draußen, „aber ich glaube, wir passen alle rein. Kommt und schaut.“ Ich bücke mich, kroch hinter Harry durch die Zeltluke und musste mich zwingen, nicht den Mund aufzureißen. Ich befand mich in einer altmodisch möbilierten Wohnung mit drei Zimmern, samt Küche und Bad. Die bunt zusammengewürfelten Sessel waren mit Häkeldeckchen drapiert und es roch stark nach Katze. „Macht nicht, es ist ja nicht für lange“, meinte Mr. Weasley, der die vier Schlafkojen im Schlafzimmer musterte. „Ich hab mir das Zelt von Mr. Perkins aus dem Büro geliehen. Der Arme, er zeltet nur noch selten, seit er Hexenschuss hat.“ Er griff nach einem staubigen Kessel und spähte hinein. „Wir brauchen Wasser...“ „Auf der Karte, die uns der Muggel gegeben hat, ist ein Wasserhahn eingezeichnet“, sagte Ron, der mir und Harry ins Innere des Zeltes gefolgt war und über dessen erstaunliche Geräumigkeit nicht überrascht zu sein schien. „Auf der anderen Seite des Zeltplatzes.“ „Schön, wie wär’s, wenn du, Harry, Olivia und Hermine uns ein wenig Wasser holt-...“, Mr. Weasley reichte uns den Kessel und einige Töpfe, „und wir anderen besorgen im Wald ein bisschen Feuerholz.“ „Aber wir haben doch einen Ofen“, widersprach Ron, „warum können wir nicht einfach-...“ „Muggelabwehr, Ron!“, unterbrach Mr. Weasley ihn, und in seinen Augen sah ich kindliche Vorfreude aufblitzen. „Wenn echte Muggel campen, kochen sie an Feuern unter freiem Himmel, das hab ich selbst gesehen!“

    Nach einem kurzen Besuch in dem Zelt, das Ginny, Mine und ich bewohnten und ein wenig kleiner war, aber nicht nach Katze roch, machten Harry, Ron, Mine und ich uns, bewaffnet mit dem Kessel und den Töpfen, auf den Weg über den Zeltplatz. Die Sonne war aufgegangen und der Nebel lichtete sich langsam, so dass wir die Zeltstadt sehen konnten, die sich in alle Himmelsrichtungen ausbreitete. Gemächlich schlenderten wir durch die Zeltreihen und ich sah mich neugierig um. Allmählich kam mir erst in den Sinn, wie viele Hexen und Zauberer aus aller Zeit zur Weltmeisterschaft angereist sein mussten. Nach und nach erwachten unsere Mitcamper. Als Erste regten sich die Familien mit kleinen Kindern. Ein kleiner Junge, nicht älter als zwei, kauerte vor einem pyramidenförmigen Zelt, hielt einen Zauberstab in der Hand und stocherte munter nach einer Schnecke im Gras, die langsam auf die Größe einer Salami anschwoll. Als wir gerade an dem Kind vorbeigingen, kam seine Mutter aus dem Zelt gestürzt. „Wie oft soll ich dir das denn noch sagen, Kevin? Rühr - Daddys - Zauberstab - nicht - an - auuutsch!“ Die Riesenschnecke war geplatzt, nachdem die Mutter auf sie getreten war. In der klaren Morgenluft hörten wir noch lange ihr Geschimpfe. Hier und da erschienen erwachsene Zauberer und Hexen vor ihren Zelten, die damit begannen, sich ein Frühstück vorzubereiten. Manche sahen sich verstohlen um und entfachten mit ihren Zauberstäben Feuer, andere versuchten zweifelnden Blickes mit Streichhölzern. Drei afrikanische Zauberer saßen auf der Erde und waren in ernstes Gespräch vertieft. Alle drei trugen weiße Umhänge und rösteten einen Hasen über einem purpurroten Feuer. Eine Gruppe amerikanischer Hexen mittleren Alters saß schwatzend unter einem Sternenbanner mit der Aufschrift >Hexeninstitut von Salem<. Im Vorbeigehen fing ich Gesprächsfetzen in fremden Sprachen auf, teilweise glaubte ich spanische und französische Sätze zu hören, doch es war zu laut, um genau zu verstehen, was sie sagten. Aus allen Zelten hörte ich fremde Sprachen, doch in allen war die große Vorfreude zu spüren.

    „Ähm - stimmt was nicht mit meinen Augen, oder ist hier alles grün geworden?“, fragte Ron. Es lag nicht an Rons Augen.Wir waren zwischen ein paar Zelte geraten, die alle dicht mit Klee bedeckt waren, so als wären kleine, merkwürdig geformte Hügel aus der Erde gewachsen. „Das sind garantiert riesige Irland-Fans!“, meinte ich und grinste. „Was wohl bei den Bulgaren an den Zelten hängt?“, fragte Mine. „Gehen wir und schauen nach“, schlug Harry vor und deutete auf eine große Gruppe Zelte ein Stück weiter oben, wo die bulgarische Flagge (weiß, grün und rot) im Wind flatterte. Die Zelte hier waren nicht mit Pflanzen geschmückt, doch an jedem einzigen hing das gleiche Poster. Darauf war ein junger Mann mit einem rechten grimmigen Gesicht und dichten schwarzen Augenbrauen abgebildet. „Krum“, sagte Ron ehrfürchtig. „Was?“, fragte Mine. „Krum!“, wiederholte Ron. „Viktor Krum, der bulgarische Sucher!“ „Sieht ziemlich mürrisch aus“, gab ich zu bedenken und ließ meinen Blick über die vielen Krums schweifen, die böse blinzelnd auf uns heruntersahen. „Ziemlich mürrisch?“ Ron blickte gen Himmel. „Wen kümmert es, wie er aussieht? Er ist phantastisch. Und noch ganz jung. Erst achtzehn, glaub ich. Er ist ein Genie, wartet nur, heute Abend seht ihr’s selbst.“

    Beim Wasshahn an einer Ecke des Zeltplatzes hatte sich bereits eine kleine Schlange gebildet. Wir reihten uns hinter zwei Männern ein, die wütend miteinander stritten. Der eine war ein steinalter Zauberer, der ein altes Nachthemd mit Blümchenmuster trug. Der andere war offensichtlich ein Ministeriumszauberer, denn er hielt eine Nadelstreifenhose in den Händen und war so entnervt, dass er fast weinte. „Zieh sie doch an, Archie, ich bitte dich, so kannst du doch nicht rumlaufen, der Muggel am Tor wird schon ziemlich misstrauisch-...“ „Das hab ich in einem Muggelladen gekauft“, entgegnete der alte Zauberer stur. „Muggel tragen so was auch.“ „Muggelfrauen, Archie, nicht die Muggelmänner, die tragen so was“, meinte der Ministeriumszauberer und fuchtelte mit der Nadelstreifenhose vor Archies Nase herum. „Die zieh ich nicht an“, entgegnete der alte Archie entrüstet. „Ich mag ‘n frisches Lüftchen untenrum, danke.“ Ein Kicheranfall packte Mine und schüttelte sie so heftig, dass sie die Schlange verließ und erst wiederkam, als Archie sein Wasser geholt und verschwunden war. Etwas gemächlicher, weil wir einige Liter Wasser schleppten, machten wir uns auf den Rückweg durch die Zeltstadt. Hie und da sahen wir immer wieder bekannte Gesichter: andere Hogwarts-Schüler mit ihren Familien. Oliver Wood, der früher Kapitän von meinem Quidditch-Team, der sein letztes Jahr in Hogwarts hinter sich gebracht hatte, und uns aufgeregt erzählte, dass er gerade von Eintracht Pfützensee als Reservespieler verpflichtet worden war. Als Nächstes wurden wir von Ernie Macmillan, einem Hufflepuff aus unserem Jahrgang, begrüßt und ein paar Schritte weiter sahen wir Cho Chang, eine Fünftklässlerin aus Ravenclaw, das im Ravenclaw-Team Sucherin war. Sie lächelte und winkte Harry, der beim Zurückwinken eine Menge Wasser über seine Hose schüttete. Ich kam nicht darum herum, schadenfroh zu sein, denn ich wollte dieser Cho am liebsten die Augen aushacken. Doch mein Gedankengang wurde von Harry unterbrochen, der auf eine Gruppe Teenager zeigte und fragte: „Was das wohl für Leute sind? Sie gehen nicht nach Hogwarts, oder?“ „Ich glaub, die gehen auf irgendeine ausländische Schule“, vermutete Ron. „Ich weiß jedenfalls, dass es noch andere Schulen gibt, hab aber noch nie jemanden davon kennen gelernt. Bill hatte eine Brieffreundin auf einer Schule in Brasilien...das ist aber schon ewig her...und er wollte mal als Austauschschüler dorthin, aber Mum und Dad konnten es sich nicht leisten. Seine Brieffreundin war schwer sauer, als er absagte, und hat ihm einen verhexten Hut geschickt, der seine Ohren schrumpeln ließ.“ Ich lachte; die Tatsache, dass es noch andere magische Schulen gab, war mir allerdings nicht neu. Es gab mindestens noch zwei Schulen in Europa: Durmstrang und Beauxbatons. Außerdem hatte ich auch schon von zwei Schulen in Afrika und Amerika gehört, doch ich hatte die Namen vergessen.

    „Ihr habt ja ewig gebraucht!“, sagte George, als wir endlich wieder bei unseren Zelten ankamen. „Haben ein paar Bekannte getroffen“, entgegnete Ron und stellte seinen Wassertopf ab. „Und ihr habt immer noch kein Feuer gemacht?“ „Dad treibt so seine Späße mit den Streichhölzern“, meinte Fred. Mr. Weasley wollte es einfach nicht gelingen, ein Feuer zu entfachen. Der Boden vor seinen Füßen war übersät mit zersplitterten Streichhölzern, doch Mr. Weasley war mit kindlicher Begeisterung bei der Sache. „Ups!“, stieß er aus, als er es tatsächlich schaffte, ein Streichholz zu entzünden, und vor Überraschung ließ er es prompt zu Boden fallen. „Lassen Sie mich mal, Mr. Weasley“, sagte Mine freundlich, nahm ihm die Zündholzschachtel aus der Hand und zeigte ihm, wie man es richtig machte. Schließlich brannte das Feuer, auch wenn es noch mindestens eine Stunde dauern würde, bis es groß genug war, um darauf zu kochen. Beim Warten gab es jedoch eine Menge zu sehen. Unsere Zelte schienen an einem Fußweg zum Spielweg zu liegen, und Leute aus dem Ministerium schritten hastig hin und her und grüßten Mr. Weasley im Vorbeigehen höflich. Mr. Weasley spielte unterdessen den Kommentator für Harry, Mine und mich; seine eigenen Kinder wussten genug über das Ministerium und waren nicht gerade übermäßig interessiert. „Das war Knutbert Mockridge, der Chef des Kobold-Verbindungsbüro...da ist Wilbert Gimpel von der Arbeitsgruppe für Experimentelles Zaubern, diese Hörner hat er jetzt schon seit einiger Zeit...Hallo, Arnie...Arnold Friedlich, ein Vergissmich - so nennen wir die Leute vom Magischen Umfallumkehr-Kommando - und das sind Bode und Croaker...sie sind Unsägliche...“ „Bitte was?“, fragte ich verwundert. „Von der Mysteriumsabteilung, das ist alles streng geheim, keine Ahnung, was die so treiben...“

    Endlich brannte das Feuer richtig; wir hatten gerade begonnen, Eier und Würstchen darauf zu braten, als Bill, Charlie und Percy zwischen den Bäumen hervorkamen und zu uns traten. „Eben mal kurz appariert, Dad“, sagte Percy unüberhörbar, damit er sich mal wieder brüsten konnte. „Ah, Mittagessen, trifft sich gut!“ Wir hatten unsere Teller mit Eiern und Würstchen schon zur Hälfte geleert, als Mr. Weasley plötzlich aufsprang und lächelnd einem Mann winkte, der auf uns zukam. „Der Mann der Stunde! Ludo!“, meinte er. Ich musterte den fremden Mann interessiert. Er war der mit Abstand auffälligste von allen Zauberern, die ich je gesehen hatte. Ludo ließ selbst Archie in seinem geblühten Nachthemd blass aussehen; er trug einen langen Quidditch-Umhang mit breiten hellgelben und schwarzen Querstreifen. Das riesige Bild einer Wespe prangte auf seiner Brust. Auf mich machte er den Eindruck eines kräftig gebauten Mannes, der ein wenig außer Form gekommen war; sein Umhang spannte über seinen dicken Bauch, den er in seiner Zeit als Quidditch-Spieler für England sicher noch nicht gehabt hatte. Ludos Nase war gebrochen (höchstwahrscheinlich von einem verirrten Klatscher), doch seine blauen runden Augen, sein blondes kurzes Haar und sein rosiges Gesicht erinnerte mich an einen etwas großgewachsenen Schuljungen. Ludo winkte kurz und kam auf uns zu, als hätte er Federn unter den Sohlen, und war offensichtlich in einem höchst euphorischen Zustand. „Arthur, altes Haus“, keuchte er, als er vor dem Lagerfeuer stand, „was für ein Tag! Schöneres Wetter hätten wir uns nicht wünschen können! Heute Nacht bleibt’s klar...und bei den Vorbereitungen läuft fast alles wie am Schnürchen...weiß gar nicht, was ich groß tun soll!“ Hinter uns eilten ein gehetzt wirkende Ministeriumszauberer vorbei und deuteten in die Ferne, wo violette Funken zehn Meter in die Höhe schossen, was ich als Feuerwerk erkannte. Percy sprang sofort auf die Beine und streckte Ludo die Hand entgegen. Offensichtlich hinderte ihn die Missbilligung der Art und Weise, wie Mr. Bagman seine Abteilung führte, nicht davon ab, mächtig Eindruck bei ihm schinden zu wollen. „Ah - ja“, erwiderte Mr. Weasley grinsend, der genau begriffen, „das ist mein Sohn Percy, er hat gerade im Ministerium angefangen - und das ist Fred - nein, George, tut mir leid - das ist Fred - Bill, Charlie, Ron - meine Tochter Ginny - und Rons Freunde Hermine Granger, Olivia Rosier und Harry Potter.“

    Mr. Bagman sah mich eine Zehntelsekunde lang abschätzend an; ich wusste warum. Ich war mir ziemlich sicher, dass er von meinem Vater gehört hatte, der natürlich zur „Obrigkeit“ gehörte. Ich wusste zwar nicht, was mein Vater im Zaubereiministerium machte, aber ich war mir sicher, dass es nur einen Vorteil für sich suchte. Ich lächelte Ludo zu und hoffte, dass sein Gesicht weiter zu Harry wandern würde, wie es eigentlich immer war. Glücklicherweise wurden meine Gebete erhört, und er wandte sich ab, was mich erleichtert ausatmen ließ.

    „Darf ich vorstellen“, fuhr Mr. Weasley fort, „Ludo Bagman, ihr wisst ja, wer er ist, ihm haben wir die guten Plätze zu verdanken-...“ Bagman strahlte und winkte ab, als würde es sich um eine Selbstverständlichkeit handeln. „Kleine Wette gefällig, Arthur?“, fragte er und klimperte mit einer offenbar großen Menge Goldmünzen in den Taschen seines schwarzgelben Umhangs. „Ach...lass mal gut sein“, meinte Mr. Weasley. „Wie wär’s mit...sagen wir einer Galleone auf den Sieg von Irland?“ „Eine Galleone?“ Mr. Bagman wirkte ein wenig enttäuscht, fasste sich jedoch recht schnell wieder. „Sehr schön, sehr schön...will noch jemand setzen?“ „Sie sind noch ein wenig jung fürs Wetten“, widersprach Mr. Weasley. „Molly würde das gar nicht gern-...“ „Wir wetten 37 Galleonen, 15 Sickel und 3 Knuts“, unterbrach Fred, der auf die Schnelle all sein Geld mit dem von George zusammengeworfen hatte, „dass Irland gewinnt - aber Viktor Krum den Schnatz fängt. Oh, und wir legen noch einen Juxzauberstab drauf.“ „Ihr wollt Mr. Bagman doch nicht mit solchem Krempel belästigen-...“, zischte Percy, doch Mr. Bagmans Gesicht strahlte vor Begeisterung, als er den Zauberstab aus Freds Hand nahm, er ein lautes Gackern hören ließ und sich in ein Gummihuhn verwandelte. Mr. Bagman brüllte vor Lachen. „Hervorragend! So ‘nen tollen Juxstab hab ich ja schon Jahren nicht mehr gesehen! Für den würde ich 5 Galleonen hinlegen!“ Percy erstarrte und schien recht bestürzt und entrüstet. „Jungs“, nuschelte Mr. Weasley, „ich will nicht, dass ihr wettet...das sind eure ganzen Ersparnisse...eure Mutter-...“ „Sei kein Spielverderber, Arthur!“, dröhnte Ludo Bagman und klimperte euphorisch mit seinem Tascheninhalt. „Sie sind alt genug, um zu wissen, was sie wollen! Ihr glaubt also, Irland gewinnt, aber Krum fängt den Schnatz? Nie und nimmer, Jungs, nie und nimmer...Ich biete euch ‘ne sagenhafte Quote dafür...und noch 5 Galleonen für den Juxzauberstab dazu...“ Mr. Weasley sah hilflos zu, wie Mr. Bagman ein Notizbuch und eine Feder zückte und die Namen der Zwillinge notierte. „Alles klar“, sagte George, nahm den Pergamentzettel von Bagman entgegen und steckte ihn sorgfältig in seine Hosentasche. Noch besser gelaunt als vorher wandte sich Bagman nun wieder Mr. Weasley zu. „Hast du Barty Crouch gesehen, Arthur? Ich suche ihn nämlich. Mein bulgarischer Partner macht Schwierigkeiten, und ich versteh kein Wort von dem, was er sagt. Barty kann das sicher regeln; er spricht ungefähr 150 Sprachen.“ „Mr. Crouch?“, fragte Percy, und hechelte geradezu vor Aufregung. Das war vielleicht ein Anblick! „Er spricht über 200 Sprachen! Nixisch und Chinesisch und Troll...“ „Jeder kann Troll“, widersprach Fred geringschätzing, „man muss nur fuchteln und grunzen.“ Percy warf Fred einen äußerst gehässigen Blick zu und stocherte im Feuer herum, um das Wasser im Kessel wieder zum Kochen zu bringen. „Was Neues von Bertha Jorkins, Ludo?“, fragte Mr. Weasley, als Mr. Bagman sich auf dem Gras neben uns niederließ. „Keine Spur“, entgegnete Bagman unbeschwert. „Aber die wird schon wieder auftauchen. Arme alte Bertha...Gedächtnis wie ein undichter Kessel und null Orientierungssinn. Hat sich höchstwahrscheinlich verflogen, da wette ich mit dir. Irgendwann im Oktober spaziert sie wieder ins Büro und denkt, es sei immer noch Juli.“ „Meinst du nicht, es wäre an der Zeit, jemanden nach ihr suchen zu lassen?“, mahnte Mr. Weasley vorsichtig, während Percy Mr. Bagman den Tee reichte. „Barty Crouch redet auch immer davon“, meinte Bagman und seine runden Augen weiteten sich keiner Schuld bewusst, „aber im Augenblick könnten wir wirklich keinen entbehren. Oh - wenn man vom Teufel spricht! Barty!“

    10
    10. Kapitel

    Ein Zauberer war gerade an unser Lagerfeuer appariert. Zwischen ihm und Ludo Bagman konnte ein größerer Unterschied bestehen; Barty Crouch war ein steif aufgerichteter älterer Herr in einem perfekt sitzenden Anzug mit Krawatte. Der Scheitel seines kurzen grauen Haares war geradezu unnatürlich gerade, und sein schmaler Oberlippenbart sah aus, als er hätte er ihn mit einem Lineal gestutzt. Seine Schuhe waren auf Hochglanz poliert. Mir war sofort klar, wieso Percy ihn vergötterte. Wen man so perfektionistisch wie er war, dann war es kein Wunder, dass Barty Crouch sein großes Vorbild war. „Setz dich doch ein wenig zu mir, Barty“, fordert Ludo ihn strahlend auf und strich über das Gras. „Nein danke, Ludo“, erwiderte Crouch und eine Spur von Ungeduld und Abscheu lag in seiner Stimme. „Ich hab dich überall gesucht. Die Bulgaren bestehen darauf, dass wir noch zwölf Sitze in der oberen Loge anbringen.“ „Darauf sind die also aus?“, fragte Bagman überrascht. „Ich dachte, der Typ wollte sich ‘ne Pinzette ausleihen. Ziemlich starker Akzent.“ „Mr. Crouch!“, sagte Percy atmelos und versank in eine Art halber Verbeugung, bei der ich mir beherrschen musste, um nicht laut loszulachen. Das sah aber auch einfach zu komisch aus! „Möchten Sie vielleicht eine Tasse Tee?“ „Oh“, entgegnete Mr. Crouch und warf Percy einen milde überraschten Blick zu. „Ja - sehr aufmerksam, Weatherby.“ Fred und George prusteten in ihre Tassen und auch ich musste mich wirklich zusammenreißen, um keinen Lachanfall zu bekommen. Percy, der ganz rosa um die Ohren geworden war, machte sich eifrig am Kessel zu schaffen. „Ach, und Sie würde ich auch gerne sprechen, Arthur“, fuhr Mr. Crouch fort und ließ seine scharfen Augen zu Mr. Weasley wandern. „Ali Bashir ist auf dem Kriegspfad. Er will ein Wörtchen mit iHnen reden wegen Ihres Einfuhrverbots für fliegende Teppiche.“ Mr. Weasley ließ einen tiefen Seufzer von sich fahren. „Deswegen habe ich ihm doch schon vor einer Woche eine Eule geschickt. Ich hab’s ihm hundertmal gesagt: Teppiche gelten gemäß der Liste Verbotener Verhexbarer Gegenstände als Muggelartefakte, aber er will einfach nicht zuhören.“ „Da könnten Sie Recht haben“, stimmte Mr. Crouch ihm zu und nahm eine Tasse Tee von Percy entgegen. „Aber in Großbritannien werden sie die Besen doch nicht verdrängen, oder?“, fragte Bagman. „Ali glaubt, es gibt eine Marktnische für ein Familienfahrzeug“, erklärte Mr. Crouch. „Wie geht’s sonst, Barty, viel zu tun?“, fragte Bagman gelassen. „Ziemlich“, entgegnete Crouch trocken. „Portschlüssel auf fünf Kontinente zu verteilen ist keine Kleinigkeit, Ludo.“ „Ich denke, dann sind Sie froh, wenn das hier vorbei ist?“, fragte Mr. Weasley. Bagman wirkte geschockt. „Froh! Ich weiß nicht, wann ich jemals mehr Spaß hatte...immerhin, es ist ja nicht so, dass wir und auf nichts anderes freuen könnten, oder, Barty? Bleibt noch viel zu organisieren, nicht wahr?“ Mr. Crouch sah Bagman mit hochgezogenen Brauen an. „Wir haben uns doch darauf geeinigt, nichts zu sagen, bevor nicht alle Einzelheiten-...“ „Ah, Einzelheiten!“, widersprach Bagman und verscheuchte das Wort wie einen Mückenschwarm mit einer Handbewegung. „Sie haben unterschrieben, oder? Sie haben zugestimmt? Ich wette mit dir, die Kinder hier werden es ohnehin bald erfahren. Immerhin findet es auf Hogwarts statt-...“ „Ludo, wir müssen zu den Bulgaren, das weißt du doch“, entgegnete Mr. Crouch, um Bagman abzuwürgen. „Danke für den Tee, Weatherby.“ Er schob Percy seine unberührte Tasse zu und wartete darauf, dass Ludo sich erhob. Bagman rappelte sich hoch, schluckte den Rest Tee hinunter und ließ das Gold in seinen Taschen fröhlich klimpern. „Wir sehen uns später!“, sagte er in die Runde. „Ihr seid bei mir oben in der Ehrenloge - ich kommentiere das Spiel!“ Er wintke, Mr. Crouch nickte knapp und beide disapparierten. „Was soll denn in Hogwarts stattfinden?“, fragte George und sprach somit die Frage aus, die ich mir schon die ganze Zeit gestellt hatte. „Worüber haben die gesprochen?“ „Das wirst du noch früh genug erfahren“, antwortete Mr. Weasley lächelnd. „Es handelt sich so lange um eine geheime Information, bis das Ministerium beschließt, sie freizugeben“, setzte Percy steif nach. „Mr. Crouch hatte vollkommen recht, sie nicht preiszugeben.“ „Ach, halt’s Maul, Weatherby!“, zischte Fred.

    Der Nachmittag verging. Ich spürte, wie die Spannung allmählich anstieg, die sich wie eine Wolke über dem Zeltplatz ausbreitete. Als es langsam dämmerte, schien selbst die Sommerluft vor Vorfreude zu vibrieren, und als die Dunkelheit über uns hereinbrach, fiel aller Anschein in sich zusammen: Das Ministerium beugte sich dem Unvermeidlichen und wehrte sich nicht mehr gegen die vielseitige Magie, die sich in Windeseile ausbreitete. An allen Ecken des Zeltplatzes apparierten Verkäufer mit Körben und Karren voll ungewöhnlicher Waren. Es gab leuchtende Rosetten - grün für Irland, rot für Bulgarien -, welche in kreischendem Ton die Namen der Spieler riefen, grüne Spitzhüte, die mit tanzenden Kleeblättern geschmückt waren, bulgarische Schals, mit brüllenden Löwen verziert, Flaggen aus beiden Ländern, die ihre Nationalhymnen spielten, wenn man mit ihnen wedelte; kleine Modelle von Feuerblitzen, die tatsächlich flogen, und Sammelfiguren von berührten Spielern, die einem mit stolzgeschwellter Brust über die Hand spazierten. „Dafür hab ich den ganzen Sommer über mein Taschengeld gespart“, sagte Ron, während wir durch die Reihen der Verkäufer schlenderten und Andenken kauften. Zwar kaufte Ron sich einen Hut mich tanzenden Kleeblättern und eine große, grüne Rosette, doch auch eine kleine Nachbildung von Viktor Krum, dem bulgarischen Sucher. Der Mini-Krum ging auf Rons Hand hin und her und warf einen finsteren Blick auf die grüne Rosette über ihm. „Irre, schaut euch das an!“, rief Harry plötzlich und rannte hinüber zu einem Marktkarren, auf dem stapelweise Messingferngläser lagen, die mit allerlei merkwürdigen Knöpfen und Ziffernblättern versehen waren. „Omniegläser“, erklärte der Verkaufsmagier, als ich näher trat. „Man kann das Geschehene wiederholen...alles verlangsamen...und sie zeigen dir einen Kurzkommentar zu allen Spielzügen, wenn du ihn brauchst. Schnäppchen preis - zehn Galleonen das Stück.“ „Hätte ich doch nur nicht den Kram hier gekauft“, maulte Ron, deutete auf seinen Hut mit dem tanzenden Klee und betrachtete währenddessen sehnsüchtig die Omnigläser. „Ich kauf mir eins“, beschloss ich und legte dem Verkäufer zehn Galleonen auf den Tisch. Ron murrte im Hintergrund, als ich mir ein Omniglas vom Stapel nahm. Harry sah kurz zu Ron und Mine, dann sagte er entschlossen: „Drei Stück.“ „Nein, das ist doch nicht nötig“, widersprach Ron und lief rot an. In solchen Sachen war er immer besonders empfindlich. „Dafür kriegst du nichts zu Weihnachten“, antwortete Harry und drückte Ron und Mine je ein Omniglas in die Hände. „Und das ganze zehn Jahre lang.“ „Ist mir recht“, meinte Ron grinsend. „Oh, danke, Harry“, murmelte Mine. „Und ich besorg uns ein paar Programme, seht mal-...“

    Mit beträchtlich leichteren Geldbeuteln gingen wir zurück zu den Zelten. Auch Bill, Charlie und Ginny hatten sich grüne Rosetten gekauft und Mr. Weasley trug eine irische Flagge. Fred und George hatten keine Souvenirs, da sie ihr ganzes Geld ja Mr. Bagman gegeben hatten. Nach einigen Minuten, die mir wie Stunden vorkamen, drang von irgendwo jenseits des Waldes ein tiefer, dröhnender Gong zu uns herüber, und im nächsten Moment flammten auf den Bäumen grüne und rote Laternen auf und tauchten den Weg zum Spielfeld in magisches Licht. „Es ist so weit!“, sagte Mr. Weasley, der nicht minder begeistert als wir selbst war. „Kommt, wir gehen!“

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    11. Kapitel

    Wir folgten Mr. Weasley den laternenbeschienenen Weg entlang in den Wald hinein. Dem Lärm nach zu schließen, war Tausende auf den Beinen; ich hörte sie Lachen und Rufen und gelegentlich wehte Gesang an meine Ohren. Diese fiebrige Erregung war höchst ansteckend; ich konnte gar nicht mehr anders als grinsen und auch Harry schien es so zu gehen. Zwanzig Minuten lang gingen wir durch den dunklen Wald, während wir laut redeten und scherzten, bis wir nach einer gefühlten Ewigkeit endlich auf der anderen Seite zwischen den Bäumen hervortraten. Wir befanden uns im Schatten eines gigantischen Stadions. Obwohl ich nur einen kleinen Teil der riesigen Mauer sah, die das Spielfeld einfasste, wusste ich, dass unser Haus mindestens zehnmal in das Innere des Stadions gepasst hätte. „Hunderttausend Plätze“, flüsterte Mr. Weasley ehrfürchtig. „Eine Spezialistengruppe von 500 Ministeriumsleuten hat das ganze Jahr lang daran gearbeitet. Auf jedem Quadratzentimeter ein Muggelabwehrzauber. Jedes Mal, wenn ein Muggel auch nur in die Nähe des Stadions kam, fiel ihm plötzlich eine dringende Verabredung ein und sie mussten schleunigst fort...besser für sie.“, fügte er heiter hinzu und führte uns zum nächstgelegenen Eingang, an dem schon ein schwarm lärmender Zauberer und Hexen versammelt war. „Erstklassige Plätze!“, sagte eine Ministeriumshexe am Eingang, als sie unsere Karten kontrollierte. „Ehrenloge! Gleich die Treppe rauf, Arthur, bis es nicht mehr höher geht.“

    Die Treppen im Stadion waren mit Läufern in sattem Purpurrot ausgelegt. Wir stiegen mit den anderen aus dem Schwarm der Wartenden nach oben, die jedoch irgendwann nach links und rechts abbogen, bis wir die Einzigen auf den Teppichen waren. Wir gingen weiter, bis wir schließlich das Ende der Treppe erreichten und in eine kleine Loge traten. Sie bildete den höchsten Punkt des Stadions und lag genau in der MItte zwischen den goldenen Torstangen. Etwas zwanzig rotgoldene Stühle waren in zwei Reihen augestellt, und als ich Mr. Weasley und den anderen in die erste Reihe folgte, sah ich hinunter auf ein Schauspiel, wie ich es noch nie erlebt hatte.
    Hunderttausende Hexen und Zauberer nahmen ihre Plätze auf den Sitzen ein, die sich Reihe um Reihe entlang des ovalförmigen Spielfelds emporrankte. Das Ganze war in ein geheimnisvolles goldenes Licht getaucht, das aus dem Stadion selbst kam. Von hoch oben, wo wir saßen, schien das Feld weich und glatt wie Samt. An den Enden des Feldes standen je drei Pfosten, auf denen in zwanzig Meter Höhe die Torringe angebracht waren. Direkt gegenüber befand sich eine gigantische schwarze Tafel. Goldene Schriften huschten über sie hinweg; ich sah eine Weile zu und stellte fest, dass die Tafel Werbesprüche enthielt.

    Die Schmeißfliege: Ein Besen für die ganze Familie - zuverlässig, sicher und mit eingebautem Diebstahlschutz...Mrs. Skowers Allzweck-Magische-Sauerei-Entferner: Kein Fleck, kein Schreck!... Besenknechts Sonntagsstaat - Zaubermode -London, Paris, Hogsmeade...

    Nach einigen Minuten war ich gelangweilt und wandte mich der Loge zu, um herauszufinden, wer mit uns zusammen darin saß. Noch war niemand da, nur eine kleine Hauselfe saß auf dem zweitletzten Platz am Ende der hinteren Reihe. Auch Harry musste sie bemerkt haben, denn er fragte ungläubig: „Dobby?“ Das kleine Wesen sah auf; es war nicht Dobby. „Haben Sie mich gerade Dobby genannt, Sir?“, piepste der Elf neugierig. Seine Stimme war noch höher als die von Dobby (ein leises, zittriges Piepsen) und ich erkannte sofort, dass es sich um eine Elfe handelte. Auch Ron und Mine hatten sich neugierig umgedreht. „Verzeihung“, erwiderte Harry, „ich habe dich eben mit jemand verwechselt, den ich kenne.“ „Aber ich kenne Dobby auch, Sir!“, piepste die Elfe. „Mein Name ist Winky, Sir - und Sie, Sir-...“, ihre dunklen, braunen Augen verweilten auf Harrys Narbe und weiteten sich, „Sie müssen Harry Potter sein!“ „Ja, der bin ich.“ „Aber Dobby spricht immer und immer von Ihnen, Sir!“, fuhr Winky fort und ließ vor Ehrfurcht ergriffen die Hände sinken. „Wie geht es ihm?“, fragte Harry. „Wie bekommt ihm die Freiheit denn?“ „Ah, Sir“, antwortete Winky kopfschüttelnd, „ach, Sir, bei aller Wertschätzung, Sir, aber es ist nicht sicher, ob Sie Dobby einen Gefallen getan haben, Sir, als Sie ihn befreit haben.“ „Warum?“, fragte Harry bestürzt. „Was fehlt ihm denn?“ „Die Freiheit steigt Dobby zu Kopf, Sir“, entgegnete Winky traurig. „Hat zu hohe Ansprüche, Sir. Findet keine Stelle, Sir.“ „Warum nicht?“, fragte er erneut. Und ich konnte mir die Antwort allerdings schon denken. Winky senkte die Stimme um eine halbe Oktave und flüsterte: „Er will für seine Arbeit bezahlt werden, Sir.“ „Bezahlt?“, sagte Harry verdutzt. „Warum - warum sollte er nicht bezahlt werden?“ Winky war entsetzt. „Hauselfen werden nicht bezahlt, Sir!“, erklärte sie mit ersticktem Piepsen. „Nein, nein, nein. Ich sag zu Dobby, sag ich, such dir ‘ne nette Familie und bleib dort, Dobby, Will jetzt auf einmal das süße Leben genießen, Sir, und das bekommt einem Hauselfen überhaupt nicht gut.“ „Nun, es wird allmählich Zeit, dass er ein wenig Spaß hat“, meinte Harry. „Hauselfen sollen keinen Spaß haben, Harry Potter“, stieß Winky energisch hervor. „Hauselfen tun, was man ihnen befiehlt. So weit oben mag ich gar nicht sitzen, Sir-...“, sie warf einen Blick zur Brüstung der Loge und würgte, „aber mein Meister schickt mich zur Ehrenloge und ich gehe, Sir.“ „warum hat er dich hier hochgeschickt, wenn er weiß, dass dir die Höhe nicht bekommt?“, fragte ich sie stirnrunzelnd. Winky sah mich aus ihren dunkelbraunen Augen an. „Meister - Meister will, dass ich ihm einen Platz besetzte, Miss, er hat so viel zu tun“, erklärte Winky und nickte zu dem freien Platz neben ihr. „Winky würde am liebsten wieder zurück im Zelt des Meisters sein, Miss, aber Winky tut, was man ihr befielt, Winky ist eine gute Hauselfe.“ Sie warf einen zweiten furchtsamen Blick zur Brüstung und verbrag ihre Augen. Harry drehte sich zu Ron, Mine und mir um. „Das ist also eine Hauselfe?“, murmelte Ron. „Komische Kreaturen, oder?“ Ich blieb stumm, als Harry trocken antwortete: „Dobby war noch komischer.“

    Ron zog sein Omniglas hervor und spähte über die Brüstung hinweg in die Menge auf der anderen Seite des Stadions. „Abgefahren!“, rief er plötzlich und drehte am Wiederholungsknopf. „Ich kann diesen Opa da unten noch einmal in der Nase bohren lassen...und noch einmal...und noch einmal...“ Mine blätterte währenddessen eifrig durch die samtgebundenen Programhefte. „Vor dem Spiel zeigen die Mannschaftsmaskottchen ihr Können“, las sie vor. „Das lohnt sich immer“, mischte Mr. Weasley sich ein. „Die Nationalmannschaften bringen nämlich Geschöpfe aus ihren Ländern mit, die vor dem Spiel eine kleine Show einlegen.“

    Im Lauf der nächsten halben Stunde füllte sich die Loge allmählich. Mr. Weasley war irgendwie ständig damit beschäftigt, wichtigen Zauberern die Hand zu schütteln. Auch Percy sprang jedes Mal auf, so dass man fast glauben konnte, dass er sich auf einen Igel setzte. Als Cornelius Fudge, der Zaubereiminister, hereintrat, verbeugte sich Percy so tief, dass seine Brille zu Boden fiel und zerbrach. Ich musste mich heftig zurückhalten, um nicht laut loszulachen. Höchst verlegen reparierte er sie mit dem Zauberstab; danach blieb er endlich sitzen und warf Harry, der von Mr. Fudge wie ein alter Freund begrüßt wurde, neidische Blicke zu. Der Zaubereiminister schüttelte väterlich Harrys Hand und stellte ihm den Zauberer in seiner Begleitung vor: „Harry Potter, wissen Sie“, verkündete er lauthals dem bulgarischen Minister, der kein Wort Englisch zu verstehen schien. „Harry Potter...Oh, nun aber, Sie wissen doch, wer er ist...der Junge, der Du-weißt-schon-wen überlebte...gewiss kennen Sie ihn-...“ Plötzlich bemerkte der bulgarische Zauberer Harrys Narbe und deutete unter lautem Gerufe mit dem Finger auf sie. „Wusste doch, wir schaffen es“, sagte Fudge genervt zu Harry gewandt. „Ich bin kein großes Sprachgenie, für so etwas brauche ich Barty Crouch. Ah, seine Hauselfe besetzt ihm einen Platz...war auch nötig, diese bulgarischen Mistkerle haben versucht, sich die besten Plätze allesamt unter den Nagel zu reißen...ah, und hier kommt Lucius!“

    Mein Blut gefror zu Eis; mein Herz pochte wie verrückt und ich wirbelte herum. Zu den drei noch freien Plätzen in der zweiten Reihe direkt hinter Mr. Weasley drängten sich mir drei nur allzu bekannte Gestalten. Es waren Lucius und Narzissa und - mein Herz tat einen kleinen Satz - Draco. Er sah mich einen Moment lang erstaunt an und in diesem Moment wirkte es, als hätte jemand die Zeit angehalten. Ich musterte ihn und spürte, dass seine Augen dasselbe taten. Ein leichtes Lächeln umspielte meine Lippen; ein kaum sichtbares Glimmen erschien in seinen sturmgrauen Augen, doch ich bemerkte erst, dass es dagewesen war, als es schon wieder fort war. Doch im nächsten Moment wurde ich von Mr. Malfoy aus meinen Gedanken gerissen. „Ah, Fudge“, sagte er und streckte dem Zaubereiminister die Hand entgegen. „Wie geht’s? Ich glaube, meine Frau Narzissa und meinen Sohn Draco kennen Sie noch nicht?“ „Angenehm, angenehm“, entgegnete Fudge lächelnd und verbeugte sich vor Mrs. Malfoy. „Darf ich Ihnen Mr. Oblansk vorstellen - Obalonsk - Mr. - nun ja, er ist der bulgarische Zaubereiminister, und versteht ohnehin kein einziges Wort von dem, was ich sage, also egal. Und mal sehen, wer noch - Sie kennen Arthur Weasley, nehme ich an?“

    Einen Moment lang herrschte stille Spannung. Mr. Malfoy und Mr. Weasley musterten sich gegenseitig, und ich konnte mich noch gut daran erinnern, als die beiden sich in der Buchhandlung Flourish & Blotts geprügelt hatten. Mr. Malfoys kalte Augen wanderten über Mr. Weasley und dann die Sitzreihe entlang. „Meine Güte, Arthur“, sagte er leise. „Was mussten Sie denn verkaufen, um Plätze in der Ehrenloge zu bekommen? Ihr Haus hat sicher nicht genug gebracht?“ Ich musste mich beherrschen, um nicht laut aufzuspringen und ihm an die Gurgel zu gehen. Fudge, der nicht zugehört hatte, meinte jetzt: „Lucius hat soeben eine sehr großzügige Spende für das St.-Mungo-Hospital für Magische Krankheiten und Verletzungen gegeben, Arthur. Er ist mein Gast heute.“ „Wie - wie schön“, erwiderte Mr. Weasley mit angespanntem Lächeln. Mr. Malfoys Augen waren zu Mine zurückgekehrt, die leicht rosa anlief, doch seinem Blick entschlossen standhielt. Dann glitt sein Blick weiter und blieb auf mir hängen. „Ich habe nicht erwartet, Euch hier zu treffen, Ms. Rosier...“, sagte er. Sein Blick wandte sich den Weasleys zu. „Vor allem nicht in dieser Begleitung. Was Ihr Vater wohl dazu sagt?“ Ich erkannte die versteckte Warnung sofort hinter seiner aufgesetzten Höflichkeit. Aber das würde ich mir nicht gefallen lassen! „Ich bin ebenso überrascht, Sie hier zu sehen, Mr. Malfoy.“ Ich spürte förmlich, wie meine drei Freunde mich verwirrt anstarrten. „Ach, falls Sie meinen Vater sehen, sagen Sie ihm doch bitte, dass ich mich über meine Gesellschaft nicht beklagen kann.“ „Das werde ich“, erklärte Mr. Malfoy eiskalt. Ruckartig drehte ich mich um und starrte hinüber zum Spielfeld. Harry, Ron und Mine wollten schon mit Fragen auf mich einstürzten, als ich leise zischte: „Später! Nicht hier!“

    Zum Glück wurden wir in diesem Moment von Ludo Bagman unterbrochen, der in die Loge trat. „Alles bereit?“, rief er und sein rundes Gesicht strahlte dabei. „Minister - sind Sie bereit?“ „Von mir aus können wir loslegen“, entgegnete Fudge gut gelaunt. Mr. Bagman zückte seinen Zauberstab, richtete ihn gegen seine eigene Kehle und sagte: „Sonorus!“ Dann erhob er die Stimme über die Wolke aus Lärm, die das ausverkaufte Stadion erfüllte. Seine Stimme hallte über den Tribünen wieder und dröhnte über das Publikum hinweg. „Meine Damen und Herren...willkommen! Willkommen zum Endspiel der 422. Quidditch-Weltmeisterschaft!“ Ich konnte hören, wie die Zuschauer kreischten und klatschten. Tausende von Flaggen wehten auf den Tribünen, und die vielstimmig und falsch gesungenen Nationalhymnen steigerten die Aufregung nur noch. Auf der riesigen Tafel wurde gerade der letzte Werbespruch gelöscht (Bertie Botts Bohnen aller Geschmacksrichtungen - Russisch Roulette für Ihre Zunge!), und nun erschien in großer Schrift:
    BULGARIEN: 0, IRLAND: 0
    „Und jetzt möchte ich Ihnen unsere Gäste vorstellen...die bulgarischen Mannschaftsmaskottchen!“ Die rechte Kurve des Stadions, die vollkommen in rot getaucht war, schrien vor Freude dröhnend und juchzend auf. „Was die wohl mitgebracht haben?“, fragte Mr. Weasley und beugte sich über die Brüstung hinweg. „Oooh!“ Plötzlich riss er sich die Brille von der Nase und putzte sie rasch an seinem Pullunder. „Veela!“ Auch ich blickte hinunter auf das Spielfeld. Ich hatte schonmal von Veela gelesen, doch ich hatte nicht gedacht, dass ich sie einmal sehen würde. Veela waren Frauen. Ihre Haut schimmerte mondhell und ihr weißgoldenes Haar wehte umher, obwohl es absolut windstill war. Ich wandte den Blick von ihnen und ließ mich in meinen Sitz zurückfallen. Doch dann sah ich zu Harry und fragte: „Harry, was zum Teufel tust du da?“ Harry hatte sich von seinem Platz erhoben und hatte ein Bein über die Brüstung geschwungen. Ron war neben ihm in einer Haltung erstarrt, als wolle er gleich von einem Sprungbrett hüpfen. Wütende Rufe erfüllten das Stadion; die Menge wollte dem Anschein nach noch mehr von den Veela sehen. Mine ließ ein lautes „Tss, tss“ hören, was mich keinesfalls verwunderte, wenn man sich Harry und Ron ansah. Ich hob meinen Arm und zog Harry zurück auf seinen Platz neben mir. „Also wirklich!“

    „Und nun“, ertönte Mr. Bagmans Stimme erneut, „heben Sie bitte alle Ihre Zauberstäbe in die Luft...für die Maskottchen der irischen Nationalmannschaft!“ In diesem Moment schien ein großer grüngoldener Komet ins Stadion zu rauschen. Er drehte einige Runden und teilte sich dann in zwei Teile, die jeweils eine Torseite des Spielfelds umkreisten. Plötzlich spannte sich ein Regenbogen über das Spielfeld und verband die beiden blitzenden Lichtkugeln. Die Menge ließ laute „Oooh“s und „Aaah“s hören. Nun verblasste der Regenbogen, die Lichtkugeln flogen aufeinander zu, verschmolzen und bildeten ein gewaltiges schimmerndes Kleeblatt, das hoch in den Himmel stieg und über die Tribünen hinwegschwebte. Ein goldener Regen ergoss sich daraus - „Klasse!“, rief Ron, als das Kleeblatt über unsere Köpfe schwirrte und schwere Goldmünzen auf uns herabregnen ließ. Ich sah nach oben und erkannte, dass das Kleeblatt in Wahrheit aus Tausenden kleinen Kobolden bestand, von denen jeder eine winzige goldene oder grüne Laterne hielt. Die Menge brach in tosenden Applaus aus und viele stöberten immer noch hektisch unter den Sitzen und Gängen nach Goldmünzen. „Bitte sehr“, rief Ron glücklich und drückte Harry eine Faust voller Goldmünzen in die Hand. „Für das Omniglas! Jetzt musst du mir doch ein Weihnachtsgeschenk kaufen, Harry!“ Ich konnte bei diesen Worten nicht anders als grinsen. Das große Kleeblatt löste sich auf, die Kobolde schwebten auf das Feld zu und ließen sich gegenüber den Veela nieder, um sich das Spiel anzusehen. „Und jetzt, meine Damen und Herren, ein herzliches Willkommen für - die bulgarische Quidditch-Nationalmannschaft! Dimitrow!“ Eine in Scharlachrot gekleidete Gestalt auf einem Besen, die so schnell flog, dass man sie nur verschwommen wahrnehmen konnte, schoss aus einer Luke weit unten hinaus aufs Spielfeld und wurde vom wilden Applaus der bulgarischen Anhänger begrüßt. „Iwanowa!“ Eine ebenfalls scharlachrot gekleidete Spielerin sauste ins Stadion. „Zograf! Lewski! Vulkanow! Volkow! Uuuuuuund - Krum!“ „Das ist er, das ist er!“, rief Ron aufgeregt und verfolgte Krum mit seinem Omniglas. Rasch stellte auch ich meines scharf.

    Viktor Krum war recht schlank, dunkelhaarig, hatte eine lange krumme Nase und dichte schwarze Augenbrauen. Er erinnerte mich stark an einen übergroßen Raubvogel. Ich konnte kaum glauben, dass er erst achtzehn war. „Und jetzt, begrüßen Sie bitte herzlich - die irische Quidditch-Nationalmannschaft!“, fuhr Bagman fort. „Ich stelle vor - Connolly! Ryan! Troy! Mullet! Moran! Quigley! Uuuuuuuund - Lych!“ Sieben verschwommene grüne Gestalten rasten auf das Spielfeld. „Und hier, aus dem fernen Ägypten, unser Schiedsrichter, der hoch angesehene Vorstandszauberer des Internationalen Quidditchverbandes, Hassan Mostafa!“ Ein kleiner, hagerer Zauberer, der vollkommen kahlköpfig war, jedoch einen Schnurrbart besaß, schritt aufs Spielfeld hinaus. Unter seinem Schnurrbart ragte eine silberne Pfeife hervor; unter einem Arm trug er eine große Holzkiste, unter dem anderen seinen Besen. Ich sah gespannt zu, wie Mostafa seinen Besen bestieg und die Kiste mit dem Fuß aufklappte - der scharlachrote Quaffel, die beiden schwarzen Klatscher und der winzige geflügelte Schnatz schossen in die Luft. Mit einem gellenden Pfiff flog Mostafa den Bällen hinterher. „Loooooooos geht’s!“, schrie Bagman. „Mullet am Ball! Troy! Dimitrow! Wieder Mullet! Troy! Lewski! Moran!“ So ein Quidditch-Spiel hatte ich noch nie erlebt. Ich drückte das Omniglas fest an die Augen; die spieler waren so schnell darin, sich den Quaffel zuzuwerfen, dass Bagman nur schnell ihre Namen schreien konnte. Rasch blickte ich mit dem Omniglas hin und her, als Bagman donnerte: „Troy trifft! “ Das Stadion erzitterte unter den Jubelschreien und dem rasenden Beifall. „10 zu 0 für Irland!“ Troy drehte eine Ehrenrunde durch das Stadion. Ich sah hinunter auf den Rand des Spielfelds; die Kobolde, die dort gesessen hatten, waren alle aufgesprungen und hatte erneut das große, glitzernde Kleeblatt gebildet. Die Veela auf der anderen Seite des Feldes sahen ihnen schmollend zu.

    Ich wusste genug über Quidditch. um zu merken, dass die irischen Jäger wirklich klasse waren. Das Team fügte sich nahtlos zusammen, und angesichts ihrer Spielzüge konnte man meinen, dass sie gegenseitig ihre Gedanken lesen konnten. Innerhalb von zehn Minuten traf Irland noch zweimal (es stand 30 zu 0), was bei den grün gekleideten Fans eine Sturmflut aus Jubelschreien und Applaus auslöste. Das Spiel wurde noch schneller, aber auch härter. Die bulgarischen Treiber schmetterten die Klatscher mit aller Kraft gegen die irischen Jäger; schließlich schaffte es Bulgarien, ihr erstes Tor zu schießen. „Finger in die Ohren!“, rief Mr. Weasley, als die Veela mit ihrem Freudentanz begannen. Ich schloss die Augen und nach einigen Sekunden wagte ich erst wieder, vorsichtig auf das Feld zu sehen. Die Veela hatten aufgehört zu tanzen und die Bulgaren waren wieder im Besitz des Quaffels. „Dimitrow! Lewski! Dimitrow! Iwanowa - oho, kann ich da nur sagen!“, donnerte Bagman. Hunderttausende Hexen und Zauberer stöhnten auf, als die Sucher Krum und Lynch von oben mitten durch die Reihe der Jäger flogen, so schnell, dass man sie nur verschwommen wahrnehmen konnte. Ich verfolgte ihren Sturzflug mit meinem Omniglas und versuchte den Schnatz zu erspähen. „Die knallen noch auf die Erde!“, kreischte Mine. Fast hätte sie recht gehabt - doch in der allerletzten Sekunde zog sich Viktor Krum aus dem Sturzflug und schoss spiralförmig in die Höhe. Lynch jedoch kam mit einem dumpfen Aufschlag, der sogar bei uns in der Loge zu hören war, auf dem Spielfeld auf. Ein markerschütterndes Stöhnen war aus den irischen Reihen zu hören. „Idiot!“, ächzte Mr. Weasley. „Krum hat geblufft!“ „Auszeit!“, schrie Bagman, dessen Stimme durch das gesamte Stadion hallte. „Die Medimagier laufen aufs Spielfeld, um Aidan Lynch zu verarzten!“ Ich drückte hastig auf die Wiederholungs- und die Kommentar-Taste meines Omniglases, drehte am Geschwindigkeitsknopf und hielt mir das Glas wieder vor die Augen. Ich sah Krum und Lynch noch einmal im Sturzflug. Auf der Linse erschien eine leuchtende Purpurschrift: „Wronski-Bluff - gefährliche Falle für den Sucher.“ Unter mir ertönten laute Jubelschreie der irischen Fans; Lynch kam wieder auf die Beine, bestieg seinen Besen und stieß sich vom Boden ab. Seine „Auferstehung“ schien Irland wieder frischen Mut zu geben. Als Mostafa in seine Pfeife blies, waren die Jäger sofort wieder in ihrem Element und so schnell, dass ich sie selbst mit meinem Omniglas nur noch verschwommen wahrnehmen konnte.

    Nach fünfzehn Minuten war Irland mit zehn weiteren Toren vorne. Die Iren führten jetzt mit 130 zu 10 Punkten und das Spiel wurde immer härter. Es war irgendwann so schwer, das Geschehen durch mein Omniglas zu verfolgen, dass ich es aufgab. Ich wurde sowieso immer genau von Harry darüber informiert, was gerade geschah. Offenbar hatte es gerade ein Foul gegeben, denn Mostafa ließ ein schrilles Pfeifen aus seiner Trillerpfeife hören. Bagman rief: „Und Mostafa knüpft sich den bulgarischen Hüter vor wegen Schrammen - übermäßiger Einsatz des Ellbogen! Und ja - es gibt einen Freiwurf für Irland!“ Die Kobolde, die wütend in die luft gestiegen waren, als ein irischer Jäger ja offenbar gefoult worden war, flitzten zusammen und bildeten die Wörter: „HA HA HA!“ Die Veela auf der anderen Seite des Feldes sprangen hoch, warfen zornig ihr Haar in den Nacken und begannen wieder zu tanzen. Wie auf Zuruf steckten sich die Jungs die Finger in die ohren, doch ich sah aufs Feld und musste grinsen. Ich zupfte an Harrys Ärmel. „Sieh dir mal den Schiedsrichter an!“ Hassan Mostafa war direkt vor den tanzenden Veela gelandet und benahm sich recht merkwürdig. Er wirkte recht erregt, ließ seine Muskeln spielen und strich sich über den Schnurrbart. „Nun, so geht das aber nicht!“, rief Ludo Bagman, wirkte jedoch höchst belustigt. „Jemand muss den Schiedsrichter ohrfeigen, bitte!“ Einer der Medimagier, der ebenfalls die Finger in den Ohren hatte, rannte über das Feld und stieß Mostafa fest gegen das Schienbein. Der Schiedsrichter schien wieder zu sich zu kommen; ich erkannte durch das Omniglas, dass er recht verlegen dreinsah und die Veela anschrie, die aufgehört hatten zu tanzen. „Und wenn ich mich nicht irre, versucht Mostafa tatsächlich, die bulgarischen Mannschaftsmaskottchen vom Platz zu schicken!“, ertönte Bagmans Stimme. „Na, so etwas haben wir ja noch nie gesehen...oh, das könnte ganz böse enden...“ Durch das Omniglas sah ich, dass die bulgarischen Treiber zu beiden Seiten Mostafas landeten und begannen mit ihm zu streiten. Die Kobolde bildeten inzwischen die Worte „HEE HEE HEE“. Mostafa jedoch ließ sich von den Argumenten der Bulgaren nicht beeindrucken. Er streckte zwei Finger in die Luft, eine deutliche Anweisung für die Bulgaren, wieder auf die Besen zu steigen, und als sie sich weigerten, ließ er zwei kurze gellende Pfiffe ertönen. „Zwei Freiwürfe für Irland!“, rief Bagman und die bulgarischen Zuschauer heulten vor Wut. „Volkow und Vulkanow sollten jetzt lieber wieder ihre Besen besteigen...ja...da fliegen sie wieder...und Troy holt den Quaffel...“

    Im Stadion brodelte es; die Spieler kämpften so erbittert, wie ich es noch nie gesehen hatte. Die Treiber auf beiden Seite ließen keine Gnade walten. Vor allem Volkow und Vulkanow schwangen so heftig ihre „Stöcke“, als wäre es ihnen gleich, ob sie Mensch oder Klatscher trafen. Dimitrow schoss sofort auf Moran zu, die den Quaffel in den Händen hielt, und schlug sie fast vom Besen. „Foul!“, war von den irischen Fans zu hören. „Foul!“, gab Bagman ihnen Recht. „Dimitrow rempelt Moran - stößt ganz offensichtlich absichtlich mit ihr zusammen - und dafür gibt es einen weiteren Freiwurf - ja, da kommt der Pfiff!“ Die Kobolde waren erneut in die Höhe geschossen; sie bildeten eine riesige Hande, die eine verärgerte Bewegung in Richtung der Veela machte. Bei diesem Anblick verloren diese die Beherrschung. Sie stürzten über das Feld und bewarfen die Kobolde - ob man es glauben wollte, oder nicht - mit Händen voller Feuer. Ich beobachtete das Geschehen durch mein Omniglas und bemerkte, dass die Veela nun überhaupt nicht mehr schön wirkten. Im Gegenteil, ihre Gesichter waren unnatürlich in die Länge gezogen zu Vogelköpfen mit spitzen Schnäbeln und im nächsten Moment brachen lange, schuppige Flügel aus ihren Schultern hervor. Ich sah hinüber zu Harry und Ron; ihre Münder waren aufgeklappt. Und genau deshalb sollte man nie allein nach dem Aussehen gehen... Ministeriumszauberer strömten auf das Feld, um die Veela und Kobolde zu trennen, hatten dabei jedoch wenig Erfolg. Die offene Schlacht auf dem Feld war jedoch nichts gegen das, was sich in der Luft abspielte. Ich konnte das Geschehen mit dem Omniglas kaum verfolgen, weil der Quaffel ständig den Besitzer wechselte. „Lewski - Dimitrow - Moran - Troy - Mullet - Iwanowa - wieder Moran - Moran, mach ihn rein!“ Der Jubel der irischen Fans ging fast unter dem explodierenden Knallen aus den Zauberstäben der Ministeriumszauberer, dem Kreischen der Veela und den wütenden Rufen der Bulgaren unter. Doch im nächsten Moment hatte schon wieder Lewski den Quaffel, dann Dimitrow- Der irische Treiber Quigley schlug mit aller Kraft gegen einen vorbeifliegenden Klatscher; Krum, der sich nicht mehr rechtzeitig ducken konnte, wurde mit voller Wucht im Gesicht getroffen. Ein lautes Stöhnen war von den Tribünen unter uns zu hören. Ich sah erneut durch das Omniglas und bemerkte, dass Krums Nase platt zu sein schien. Überall war Blut, aber der Schiedsrichter pfiff nicht. Er war gerade abgelenkt, ich konnte ihm jedoch keinen Vorwurf machen; eine der Veela hatte ihm einen Feuerball entgegengeschleudert und sein Besenschweif hatte Feuer gefangen. Jemand musste sich doch um ihn kümmern! Ron ging es offenbar genauso, denn er rief: „Auszeit! Nun macht schon, er kann doch nicht spielen-...“ „Schaut euch Lynch an!“, rief Harry plötzlich. Der irische Sucher war in den Sturzflug gegangen und ich war mir sicher, dass er den Schnatz gesehen hatte. Harry dachte offensichtlich dasselbe. „Er hat den Schnatz gesehen! Er hat ihn gesehen! Seht nur, wie er fliegt!“

    Die Hälfte des Publikums schien nun erkannt zu haben, was gerade geschah; die irischen Anhänger erhoben sich in einer einzigen grünen großen Woge und feuerten ihren Sucher an, doch Krum war ihm auf den Fersen. Mir war schleierhaft, wie er überhaupt sehen konnte, wo er hinflog. Hinter ihm spritzte rotes Blut durch die Luft, doch er holte Lynch jetzt ein, und wieder stürzten sich beide in die Tiefe. „Die krachen noch aufs Feld!“, schrie Mine. „Tun sie nicht!“, erwiderte Ron. „Lynch schon!“, rief Harry. Ich starrte hingegen nur stumm vor Aufregung auf das Geschehen. Harry hatte Recht; zum zweiten Mal schlug Lynch mit enormer Wucht auf dem Boden auf und sofort trampelte eine Horde Veela, die wütend mit Feuerbällen um sich warfen, über ihn hinweg. „Der Schnatz, wo ist der Schnatz?“, brüllte Charlie, der ein paar Plätze weiter saß. „er hat ihn - Krum hat ihn - das Spiel ist vorbei!“, informierte Harry uns. Krum, dessen roter Umhang von Blut vollgesogen war, stieg elegant in die Höhe, die Hand in die Luft gestreckt, in der es golden schimmerte. Auf der Anzeigetafel stand: BULGARIEN: 160; IRLAND: 170.

    Die Menge schien nun offensichtlich zu begreifen, was geschehen war, denn sie begannen immer lauter zu poltern und die Spannung löste sich in Freudenschreien auf. „Irland gewinnt!“, rief Bagman, der vom plötzlichen Ende des Spiels überrascht war. „Krum holt den Schnatz - aber Irland gewinnt - ich glaube, keiner von uns hätte das erwartet!“ Doch, dachte ich still, Fred und George... „Warum zum Teufel hat er den Schnatz gefangen?“, polterte Ron, der vor Freude in die Luft sprang und donnernd klatschte. „Dieser Idiot hat das Spiel beendet, als Irland 160 Punkte Vorsprung hatte!“ „Er wusste, dass Bulgarien nie aufholen würde“, erklärte Harry. „Die irischen Jäger waren einfach zu gut.“ „Er war sehr tapfer, nicht wahr?“, fragte mich Mine, die an der Brüstung stand und hinunter sah, wo Krum gerade landete. Ich trat neben sie und lehnte mich über das Geländer. Ein Dutzend Medimagier trennten die immer noch mit Feuerbällen werfenden Veela und zähneknirschenden Kobolde voneinander und bahnten sich einen Weg zu Krum. „Er sieht richtig zermatscht aus...“, entgegnete ich meiner besten Freundin. Krum war kaum zwischen den Medimagiern zu erkennen; er sah verdrießlich aus, und wollte partout nicht zulassen, dass sie ihn wieder zusammenflickten. Seine Mannschaftskameraden standen zerknirscht, niedergeschlagen und kopfschüttelnd um ihn herum. Nicht weit entfernt tanzten die irischen Spieler schadenfroh unter einem Regen aus Gold, den die Kobolde auf sie herabregnen ließen. Flaggen wehten im ganzen Stadion, aus allen Himmelsrichtungen war die irische Nationalhymne zuhören; die Veela schrumpften wieder zu ihrer ursprünglichen, schönen Gestalt zusammen, doch nun wirkten sie bedrückt und missmutig. „Ja, wir habe mutige gekämpft“, ertönte plötzlich eine traurige Stimme hinter mir. Ich drehte mich um; es der bulgarische Zaubereiminister. „Sie sprechen ja Englisch!“, meinte Fudge empört. „Und ich hab den ganzen Tag lang den Kasper für sie gespielt!“ „Jaha, es ware jedefalls serr lustik“, entgegnete der bulgarische Minister achselzuckend.

    „Und während die irischen Spieler eine Ehrenrunde drehen, die von ihren Maskottchen begleitet wird, wird der Quidditch-Weltmeisterschaftspokal in die Ehrenloge gebracht“, donnerte Bagmans Stimme über das Stadion hinweg. Ich drehte mich um und wurde im nächsten Moment von einem gleißenden weißen Licht geblendet. Die Ehrenloge lag in einem Strahl magischen Lichts, damit auf den unteren Tribünen jeder erkennen konnte, was geschah. Ich blinzelte und sah, wie am Eingang zwei keuchende Zauberer einen riesigen goldenen Pokal herein trugen und ihn Cornelius Fudge überreichten. Dieser schien immer noch sauer, weil er den ganzen Tag über sinnloserweise Zeichensprache verwendet hatte. „Bitte einen herzlichen Beifall für die edlen Verlierer - Bulgarien!“, rief Bagman. Die sieben geschlagenen bulgarischen Spieler kamen die Treppe nach oben. Die Menge klatschte anerkennend Beifall. Einer nach dem anderen gingen die Bulgaren durch die Sitzreihen, und Bagman rief laut jeden Namen der einzelnen Spieler auf, während sie ihrem Minister und dann Fudge die Hand schüttelten. Krum, der letzte in der Schlange, sah vollkommen geplättet aus. Sein Gesicht war blutunterlaufen, um seine Augen blühten zwei prächtige Veilchen und er hielt immer noch den Schnatz in der Hand. Als sein Name aufgerufen wurde, schenkte ihm das gesamte Stadion (ja, auch die irischen Fans!) einen tosenden, ohrenzerfetzenden Applaus.

    Und dann kam das irische Team. Moran und Connolly stützten Lynch, der seit dem zweiten Sturz ein wenig weggetreten zu sein schien; seine Augen sahen merwürdigerweise in verschiedene Richtungen. Doch auch er grinste, als Troy und Quigley den Pokal in die Höhe hoben und die Menge in lautes Gejubel ausbrach. Meine Hände waren vom Klatschen schon ganz taub geworden. Endlich, als das irische Team die Loge verlassen hatte und eine weitere Besenrunde durch das Stadion gedreht hatte, richtete Bagman seinen Zauberstab auf seine Kehle und murmelte: „Quietus!“ „Darüber wird man noch in vielen Jahren reden“, meinte er heiser, „eine wirklich unerwartete Wendung...schade, dass es nicht länger gedauert hat...ah ja...ich schulde euch...wie viel?“ Ich drehte mich um und musste ein Lachen unterdrücken. Fred und George waren gerade über die Rückenlehnen ihrer Sitze gestolpert und standen nun breit grinsend und mit ausgestreckten Händen vor Ludo Bagman.

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    12. Kapitel

    „Sagt bloß kein Wort zu eurer Mutter, dass ihr gewettet habt“, schärfte Mr. Weasley den Zwillingen ein, während wir die mit purpurfarbenen Teppichen bespannte Treppe hinuntergingen. „Mach dir mal keine Sorgen, Dad“, entgegnete Fred mit einem hinterlistigen Lächeln, „wir haben mit dem Geld was Großes vor und wollen nicht, dass Mum es beschlagnahmt.“ Mr. Weasley schien einen Augenblick lang fragen zu wollen, was denn diese großen Pläne wären, doch offenbar beschloss er, dass er es lieber nicht wissen wollte. Ich jedoch hatte eine gewisse Ahnung, was sie vorhatten... Mine, Harry und Ron warfen einige nachdenkliche Blicke zu, als Mr. Malfoy mit seiner Frau und seinem Sohn an uns vorbeispazierten. Narzissa und Lucius schenkten uns keinen einzigen kurzen Blick, doch ich bemerkte, wie Draco mich nur eine einzige Sekunde lang aus den Augenwinkeln ansah. Es war nur eine Sekunde lang, eine einzige, kleine, verwerfliche Sekunde, doch es kam mir vor wie eine Ewigkeit. Er sah mich aus seinen stürmisch grauen Augen an; ich spürte, wie sein Blick auf mich traf und sich ein kleines Lächeln auf mein Gesicht stahl. „Draco! Komm schon!“ Es war, als wäre eine Seifenblase zerplatzt. Ich befand mich wieder dort, wo ich gerade gewesen war. Draco drehte sich um und schritt elegant zu seinem Vater; im nächsten Augenblick waren sie die nächste Treppe hinuntergegangen und verschwunden. Ich schluckte; sobald wir im Zelt sein würden, würden meine Freunde mich fragen, woher Mr. Malfoy und ich uns so gut kannten. Und dann würde ich ihnen alles erzählen müssen...alles über meine Vergangenheit...

    Bald schwammen wir mit den Scharen von Hexen und Zauberern, die alle aus dem Stadion herausquollen, zurück zu den Zelplätzen. Wir gingen den laternenbeschienenen Weg entlang; ich konnte leise, heisere Gesänge wahrnehmen und immer wieder schwirrten lachende Kobolde mit Laternen über unsere Köpfe hinweg. Als wir schließlich unsere Zelte erreichten, hatte niemand Lust, schlafen zu gehen. Aber bei Harry, Ron und Mine wunderte mich das nicht. Mr. Weasley kochte uns heißen Kakao; Bill, Charlie, Fred und George diskutierten eifrig über das Geschehene, Ginny lauschte ihnen aufmerksam, während Percy stumm in der Ecke saß. Sobald ich eine warme Tasse voller Kakao in den Händen hielt, verdrückte ich mich zusammen mit meinen Freunden in eine ruhige Ecke des Zeltes, wo uns die anderen nicht hören konnten. Ron nahm einen großen Schluck von seinem Kakao, dann fragte er: „Was war das vorher, vor dem Spiel? Mit Malfoys Vater? Woher kennt er dich?“ Ich schluckte schwer. Ron kam eben immer gleich zur Sache. Zitternd begann ich zu reden. „Er und mein Vater kennen sich aus dem Zaubereiministerium. Sie haben dort beide gute Kontakte und außerdem sind sie beide extrem reich. In den letzten beiden Sommerferien hat er uns öfters zu Hause besucht.“ Ich senkte meinen Blick und flüsterte: „Ihr wollt nicht bei mir zu Hause wohnen.“ „Wieso?“ „Mein Vater.“ Harry sah mich an und fragte: „Wer ist dein Vater?“ Ich erwiderte seinen Blick und murmelte einen einzigen Satz. „Mein Vater ist der schrecklichste Mensch, den es gibt.“

    Dieser Satz löste in Mines Gesicht aus, was ich als Entsetzen erkannte. Harrys Gesichtszüge blieben ausdruckslos und ich konnte mir vorstellen, dass in Rons Gesicht gerade einige Fragezeichen umherschwirrten. „Ihr müsst ihn euch vorstellen wie Mr. Malfoy. Beide sind eingebildet, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen!“ Ron verzog angewiedert das Gesicht. „Ist er wirklich so schrecklich?“, fragte Mine. Ich senkte die Stimme. „Wenn ich mich mit meiner Stimme nicht selbst heilen könnte, dann wäre ich garantiert mit Narben übersät.“ Mine schluckte schwer; alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen. „Meinst du das ernst?“, fragte Harry ungläubig. Ich nickte. „Toternst.“ „Was ist mit deiner Mutter?“ Ich zwirbelte an einer meiner dünnen Locken herum und sagte dann: „Sie hat mir immer erzählt, dass sie meinen Vater wirklich geliebt hat. Sie waren beide in Slytherin und stammten beide aus sehr reichen und vollständig reinblütigen Familien...aber ob er sie geliebt hat, weiß ich nicht. Ich bin mir nur sicher, dass die Liebe bei beiden verflogen ist, falls sie jemals da war.“ „Das klingt wirklich schrecklich“, murmelte Mine. Ich ließ ein freudloses Lachen ertönen. „In reinblütigen Familien, in denen sie muggelfeindlich sind, achten sie nicht darauf, ob es da Liebe gibt. Die wollen nur, dass ihre Blutlinie „unbefleckt“ bleibt.“ Ich atmete kurz ein. „Mein Vater hat mir diesen Sommer gesagt, er würde mich, sobald ich siebzehn bin, verheiraten.“ Ich knirschte verächtlich mit den Zähnen und krallte meine Finger so fest um den Henkel meiner Tasse, dass sie ganz weiß hervortraten. „Er hat was?“, zischte Harry. „Er wollte mich dazu zwingen, zu heiraten.“ „Wie-?“, begann Harry, doch er konnte den Satz nicht zu Ende führen, so fassungslos war er. „Du musst dich nicht aufregen, Harry. Ich werde nie wieder zurückkehren.“ Ron sah mich wissend an. Natürlich, immerhin würde ich die nächsten Sommer bei den Weasleys verbringen.

    Nach einer Weile war ich recht müde, und als Ginny am Tisch einschlief und ihren Kakao über den Boden verschüttete, schickte Mr. Weasley uns ins Bett. Ginny, Mine und ich gingen also hinüber in unser Zelt; ich zog rasch mein Nachthemd über, bürstete mein Haar und putzte mir gefühlte 10 Sekunden lang die Zähne. Dann kletterte ich in eine Koje und deckte mich mit einer bunt gemusterten Decke zu. Mine und Ginny waren müde, weshalb sie keinen einzigen Laut von sich gaben. Ich schloss die Augen und wenig später war ich in einen tiefen Traum versunken.

    In meinen Augen brannte es. Kaum, dass ich die Augen geöffnet hatte, wusste ich, wo ich mich befand. Es war der dunkle Raum, in dem sich immer öfters derselbe Traum abspielte. Ich hielt mir die Hand vor Augen, denn das Zimmer war mit grauem Rauch gefüllt, der mir Tränen in die Augen trieb. Es war so heiß, als würde ich in einem Backofen sitzen. Ich wagte es kurz, durch meine Fingerspitzen zu schauen; unweit von mir begannen sich meterhohe Flammen aufzutürmen. Entsetzt wich ich zurück. Alles in mir schrie danach, vom Feuer wegzukommen. Mich überkam Panik; die leuchtend orangen Flammen waren auf alle mögliche Möbelstücke übergesprungen, die im Dunkeln nur schemenhaft auszumachen waren. Ich sah die Hand vor Augen nicht, als ich wie blind durchs Zimmer stolperte. Nur weg vom Feuer!, dachte ich verzweifelt. Nur weg davon! Ich war nun an der hintersten Ecke des Raumes angekommen, doch die Flammen rückten immer näher auf mich zu. Es gab kein Entkommen. Doch plötzlich entdeckte ich etwas am Boden, das hell zu leuchten begann. Ich versuchte im goldenen Schein zu erkennen, um was es sich handelte, doch es war einfach zu hell. Im nächsten Moment war ein lauter Knall zu hören. Wie seltsam, normalerweise kam das gar nicht in meinem Traum vor... „Liv, wach auf!“ Und sofort wurde ich aus dem Schlaf gerissen.

    „Was ist los?“, murmelte ich, während Mine mich am Arm aus der Koje herauszog und dann zu Ginny hinüberrannte, um sie hastig wachzurütteln. Ich ahnte dunkel, dass irgendetwas nicht stimmte. Ich lauschte und bemerkte, dass die Geräusche in der Zeltstadt sich verändert hatten. Die Gesänge waren verstummt. Es waren Schreie und schnelles Fußgetrappel zu hören. Plötzlich kam jemand durch den Eingang unseres Zeltes herein. Ich erstarrte. „Seid ihr wach?“, ertönte die Stimme von Mr. Weasley. „Ja“, erwiderte Ginny. „Los, kommt schnell nach draußen!“ Ich wollte nach meinen Kleidern greifen, doch Mr. Weasley hielt mich auf und warf mir nur meinen Morgenmantel zu. „Keine Zeit! Geht raus, schnell!“ Ich zog schnell meinen Morgenmantel über das Nachthemd an, schlüpfte in meine Schuhe und krabbelte dicht gefolgt von Mine und Ginny aus dem Zelt. Im Licht der noch brennenden Feuer sah ich, wie Leute in den Wald rannten. Sie waren offenbar auf der Flucht vor etwas, das über das Feld auf unsere Zelte zukam. Es waren Lichtblitze in der dunklen Nacht zu sehen und dieses Etwas lärmte wie ein Feuerwerk. Dröhnendes Lachen, lautes Gejohle und Schreie von Betrunkenen wehten zu uns herüber. Im nächsten Augenblick flammten ein Dutzend grüner Lichter auf und erhellte das Geschehen. Eine Gruppe von Zauberern und Hexen marschierte über das Feld, dicht aneinandergedrängt und mit in die Luft gestreckten Zauberstäben. Ich spähte zu ihnen hinüber. Sie hatten Kapuzen über ihre Köpfe gezogen und ihre Gesichter maskiert hatten. Nein! Das konnte doch nicht sein... Hoch über ihnen, schwebend in der Luft, sah ich vier verzweifelt um sich schlagende, strampelnde, grotesk verzerrte Gestalten. Sie wurden von den Zauberstäben der Personen in der Luft gehalten. Ich sah genauer hin und erstarrte. Zwei der Gestalten war sehr klein. Andere Zauberer schlossen sich der kleinen Gruppe an. Sie johlten und deuteten mit den Zauberstäben nach oben zu den schwebenden Körpern. Die Gruppe wurde immer größer; sie schwoll an, Zelte auf dem Weg wurden umgerissen und niedergetrampelt. Eine der Gestalten schwang ihren Zauberstab und blies ein Zelt aus dem Weg. Einige fingen Feuer, während das Schreien immer lauter wurde. Flammen, die aus den Zelten schlugen, beleuchteten nun die in der Höhe schwebenden Menschen, und ich erkannte einen von ihnen - es war Mr. Roberts, der Aufseher von heute Morgen am Tor. Die anderen drei sahen aus, als könnten sie seine Frau und seine Kinder sein. Einer der Vermummten ließ Mrs. Roberts mithilfe seines Zauberstabs kopfüber kippen. Ihr Nachthemd rutschte nach unten und man konnte ihre Unterhose sehe; unter dem höhnischen Geschrei und Gejohle der Menge am Boden versuchte sie verzweifelt, ihre Blöße zu bedecken. „Das ist widerlich.“ Ich zuckte zusammen und sah zur Seite. Ron, der gesprochen hatte, war zusammen mit Harry, Fred, George, Percy, Charlie und Bill aus dem Jungszelt gekommen. Das kleinste Muggelkind wurde gerade zwanzig Meter über der Erde im Kreis herumgewirbelt. Sein kleiner Kopf schlug wehrlos von der einen auf die andere Schulter. Ich musste mich zwingen stehen zu bleiben und nicht irgendetwas gegen das schreckliche Schauspiel, das sich mir bot, zu unternehmen. Mr. Weasley winkte Bill, Charlie und Percy zu sich, wechselte einige kurze Worte mit ihnen und rief dann über den immer lauter werdenden Lärm hinweg: „Wir helfen den Ministeriumsleuten. Und ihr - verschwindet im Wald und bleibt zusammen. Ich hol euch wieder, wenn wir mit diesem Problem hier fertig sind.“

    Schon liefen Bill, Charlie und Percy den näher kommenden Vermummten entgegen; Mr. Weasley eilte ihnen nach. Aus allen Himmelsrichtungen rannten Zauberer und Hexen des Ministeriums auf den Ort des Geschehens zu. Immer näher kam der Haufen, über dem die Familie von Mr. Roberts in der Luft schwebte. „Schnell“, riss mich Fred aus meinen Gedanken, der Ginny am Arm packte und zum Wald zog. Harry, Ron, Mine, George und ich folgten ihnen. Als wir unter den Bäumen angekommen waren, blickte ich angespannt zurück. Die Schar unter der Familie Roberts war immer weiter angeschwollen. Ich konnte erkennen, wie die Ministeriumszauberer versuchten zu den Vermummten vorzudringen, womit sie allerdings Schwierigkeiten zu haben schienen. Offenbar befürchteten sie, ein Zauberspruch von ihnen würde die Muggel zu Boden stürzen lassen. Die bunten Laternen am Weg, der zum Stadion führte, waren erloschen. Dunkle Gestalten stolperten zwischen den Bäumen herum; kleine Kinder weinten; zwischen den schwarzen Baumstämmen waren schemenhafte Umrisse von Menschen zu erkennen; angsterfüllte Rufe und panische Schreie waberten durch die kalte Nachtluft.

    Plötzlich schrie Ron vor Schmerz auf. „Was ist passiert?“, fragte Mine erschrocken. „Ron wo bist du?“ „Oh, das ist doch bescheuert!“, meinte ich und zog meinen Zauberstab aus der Tasche meines Morgenmantels und flüsterte: „Lumos!“ Mein Zauberstab leuchtete an der Spitze auf und ich richtete den dünnen Lichtstrahl auf den Weg. Ron lag auf dem Boden, alle viere von sich gestreckt. „Bin über eine Baumwurzel gestolpert“, murmelte er wütend und rappelte sich auf. „Mit solchen Riesenfüßen ist das ja auch kein Wunder“, ertönte eine gedehnte Stimme hinter uns. Ich wirbelte herum. Ein wenig entfernt an einen Baum gelehnt stand Draco, allein und in vollkommen entspannter Haltung. Offenbar hatte er das Geschehen auf dem Zeltplatz durch eine Lücke ind en Bäumen beobachtet. Ron schleuderte Draco etwas entgegen, das er vor Mr. Weasley sicher nie gesagt hätte. „Zügle dein Mundwerk, Weasley“, entgegnete Draco mit einem gefährlichen Glitzern in den Augen. „Solltet ihr nicht besser verschwinden? Ihr wollt doch nicht, dass man die hier“, er nickte zu Mine hinüber, „sieht, oder?“ In diesem Moment hörten wir vom Zeltplatz her einen extrem lauten Knall und ein grüner Lichtblitz erhellte die Baumwipfel. „Was soll das denn heißen?“, fragte Mine herausfordernd. „Die sind hinter Muggeln her, Granger“, zischte Draco. „Willst du vielleicht mitten in der Luft dein Höschen vorzeigen? Sie kommen in diese Richtung und das wäre für uns alle doch ein großer Spaß.“ Wütend funkelte ich ihn an. „Hermine ist eine Hexe.“ „Wie du meinst, Rosier“, sagte Draco und grinste heimtückisch. „Du glaubst doch nicht wirklich, dass die keine Schlammblüterin erkennen, wenn sie eine sehen.“ „Pass auf, was du sagt!“, zischte ich wütend. „Mach mir nichts vor, Rosier. Wenn sich jemand damit auskennt, dann bist das ja wohl du!“ „Was?“, ertönte es von Harry. „Oh...“, fuhr Draco fort und sein gehässiges Grinsen wurde noch breiter, „Hast du es deinen Freunden nicht erzählt? Tja, bist eben doch nicht die kleine Miss Perfect, für die dich alle halten.“ „Wovon sprichst du eigentlich, Malfoy?“, fragte Mine zickig. „Ach, Granger! Hat dir deine allerbeste Freundin nicht erzählt, dass ihr Vater eine von den Gestalten da draußen ist?“ Mines Gesicht wurde mit einem Mal kalkweiß. Doch dann trat Harry vor. „Und? Wo sind deine Eltern?“ Seine Augen blitzten wütend. „Auch dort draußen, nicht wahr, genauso wie Livs Vater?“ Immer noch lächelnd wandte sich Draco Harry zu. „Selbst wenn es so wäre, Potter, würde ich es doch wohl nicht ausgerechnet dir verraten!“ „Ach, lasst ihn doch“, sagte Mine mit einem ekelerfüllten Blick auf Draco, „gehen wir lieber die anderen suchen.“ „Und versteck besser deinen großen buschigen Kopf, Granger“, hörte ich Draco noch höhnen, bevor wir außer Hörweite waren.

    „Ich wette mit euch, dass sein Dad einer von diesen maskierten Gestalten ist“, sagte Ron empört. „Stimmt das, was Malfoy über deinen Vater gesagt hat?“, fragte Harry. Ich nickte knapp. „Wundert mich nicht“, behauptete Ron, „so, wie du ihn beschrieben hast...“ Wir verstummten und sahen uns nach allen Seiten um, auf der Suche nach Fred, George und Ginny. Auf dem Weg herrschte großes Gedränge. Hexen und Zauberer warfen immer wieder nervöse Blicke zum Treiben auf dem Zeltplatz, doch von den anderen war weit und breit nichts zu sehen. Ein Stück weiter trafen wir auf eine Gruppe Teenager, die sich lautstark und aufgeregt über etwas stritten. Als sie uns entdeckten, drehte sich ein Mädchen mit dichtem schwarzen Lockenhaar uns zu und redete ganz schnell: „Oú est Madame Maxime? Nous l’avons perdue-...“ „Ähm - was?“, fragte Ron verwirrt. „Oh...“, das Mädchen, das auf Französisch mit uns gesprochen hatte, kehrte ihm den Rücken zu, und als wir weitergingen, hörte ich deutlich, wie sie „Ogwarts“ sagte. „Beauxbatons“, murmelte Mine. Ich nickte heftig. „Garantiert!“ „Wie bitte?“, fragte Harry. „Die müssen von Beauxbatons sein“, erklärte ich ihm. „Ihr wisst schon...Beauxbatons, Akademie für Zauberei, in Frankreich...Ich hab davon im >Handbuch der europäischen Magierausbildung< gelesen.“ „Oh...ja...natürlich“, entgegnete Harry. Es war ein wahres Glück, dass ich französisch verstehen und sprechen konnte. Offenbar hatte die Gruppe vorhin eine Dame namens Madame Maxime verloren...Aber gerade hatte ich wichtigeres zu tun. „Fred und George können noch nicht so weit gekommen sein“, meinte Ron, zückte seinen Zauberstab und ließ den Lichtstrahl neben dem meinem und Mines den Pfad entlangwandern. Plötzlich erstarrte Harry. „Aah, nein, so ein Mist...ich hab meinen Zauberstab verloren!“ „Machst du Witze?“, fragten Ron, Mine und ich gleichzeitig verdattert. Wir hoben unsere Zauberstäbe, um das spärliche Licht besser auf dem Boden zu verteilen; Harry suchte überall, wo wir gestanden hatten, doch er konnte seinen Zauberstab nicht finden. „Vielleicht hast du ihn im Zelt gelassen“, meinte Ron. „Vielleicht ist er dir aus der Tasche gefallen, als wir gerannt sind?“, überlegte Mine beklommen. „Ja, vielleicht...“

    Ein Geraschel ließ uns alle zusammenzucken. Winky, die Hauselfe, die beim Spiel hinter uns gesessen hatte, kam mühsam aus einem dichten Busch am Wegrand hervor. Sie bewegte sich höchst merkwürdig. Offenbar fiel es ihr schwer zu gehen; es war, als würde sie etwas Unsichtbares festhalten. „Böse Zauberer sind überall!“, piepste sie panisch, während sie sich nach vorne beugte und mit aller Kraft versuchte sich weiterzuschleppen. „Leute oben - hoch oben in der Luft! Winky macht sich besser aus dem Staub!“ Sie verschwand zwischen den Bäumen auf der anderen Seite des Wegs; sie keuchte und piepste, als sich von der Kraft zu befreien versuchte, die sie zurückhielt. Erneut war ein lauter Knall vom Waldrand her zu hören. „Lasst uns lieber weitergehen!“, forderte ich die anderen beunruhigt auf. Während Harry immer noch seine Taschen durchwühlte, um vergeblich nach seinem Zauberstab zu suchen, machten wir uns auf den Weg. Wir gingen immer tiefer in den Wald hinein, ständig auf der Suche nach Fred, George und Ginny. Es war sehr dunkel und das schwache Licht unserer Zauberstäbe nützte nicht fiel. Irgendwann begann ich eine Melodie vor mich hin zu summen und in meine rechte Handfläche trat helles Licht; es erinnerte an Feuer, wie es zwischen den Schatten der Bäume ständig die Farbe zwischen Silber und Gold wechselte. Ich erleuchtete den Weg vor uns und bemerkte nicht, dass mir Harry einen bewundernden Blick zuwarf. Sicher hatte er so etwas noch nie gesehen, nicht einmal von mir. Ein Stück weiter sah ich einen Fleck silbriges Lichts und rasch ließ ich das Licht in meiner Handfläche erlöschen. Als wir nahe genug waren, um durch die Bäume zu spähen, sahen wir drei schöne Veela auf einer Lichtung stehen, umringt von einer schnatternden Schar Zauberer. „Ich mach ungefähr hundert Sack Galleonen im Jahr“, rief einer von ihnen. „Ich bin ein Drachentöter beim Kommando für die Beseitigung Gefährlicher Geschöpfe.“ „Ach, red keinen Stuss“, rief sein Freund, „du bist Tellerwäscher im Tropfenden Kessel...aber ich bin Vampirjäger, ich hab schon an die 90 Stück erlegt-...“ Ein dritter junger Zauberer, der mit Pickeln übersät war, meldete sich nun zu Wort: „Ich werde demnächst zum jüngsten Zaubereiminister aller Zeiten ernannt, wisst ihr?“ Ich war mir bei diesen Worten hundertprozentig sicher, dass es nicht wahr war. Ich drehte mich zu Ron und Harry um, um zu sehen, ob die beiden schon wieder in Trance versunken waren. Harry konnte sich beherrschen, doch Rons Gesichtszüge waren merkwürdig schlaff geworden und im nächsten Moment fing er an zu rufen: „Wisst ihr schon, dass ich einen Besen erfunden habe, mit dem man zum Jupiter fliegen kann?“ „Also wirklich!“, belehrte Mine ihn und zog ihn von der Lichtung fort. Ich packte Harry am Arm und rasch folgten wir Ron und Mine tiefer in den Wald hinein.

    Allmählich erstarb das Geschnatter um uns herum und ich nahm an, dass wir im Herzen des Waldes waren. Um uns herum war es still; wir waren allein. Ich blickte mich um. „Hier müssten wir sicher sein. Wir hören, falls sich jemand nähern sollte. Und wir können einfach warten, bis sich der Tumult wieder gelegt hat.“ Kaum hatte ich den Mund wieder zugemacht, als hinter einem Baum plötzlich Ludo Bagman auftauchte. Selbst im schwachen Licht der drei Zauberstäbe konnte ich erkennen, dass sein Gesichtsausdruck sich deutlich verändert hatte. Er wirkte nicht mehr schwungvoll und gut gelaunt und auch sein Schritt federte nicht mehr. Im Gegenteil, er sah kalkweiß und angespannt aus. „Was treibt ihr denn hier ganz allein im Wald?“, fragte er verwundert, als er uns entdeckte. Harry, Ron, Mine und ich sahen uns überrascht an. Offenbar wusste er nicht, was am Zeltplatz vor sich ging. „Nun - es gab eine Art Aufruhr“, erklärte Ron dem verdutzten Bagman. Dieser starrte ihn nun an. „Was?“ „Auf dem Zeltplatz...einige Leute haben sich eine Muggelfamilie vorgeknöpft.“ Bagman begann laut zu fluchen. „Verdammtes Pack!“, rief er. Er wirkte recht beunruhigt. Und ohne ein weiteres Wort zu sagen, disapparierte er mit einem leisen „Plopp“.

    „Mr. Bagman ist aber nicht gerade auf dem Laufenden, oder?“, meinte Mine stirnrunzelnd. „Immerhin war er mal ein großer Treiber“, entgegnete Ron. Wollte er das jetzt immer das Ausrede benutzen? Der Pfad führte uns zu einer kleiner Lichtung, wo wir uns auf einen Fleck trockenen Grases unter einen Baum setzten. Ich lauschte angestrengt nach Geräuschen, die vom Zeltplatz herüberwehten. Alles blieb ruhig, doch trotzdem war ich nicht beruhigt. „Ich hoffe, den anderen geht es gut“, murmelte Mine nach einer Weile. Sie zupfte an ihrem buschigen Haar herum. „Mir tun diese Muggel so leid.“ „Was ist, wenn sie es nicht schaffen, sie wieder sicher herunterzuholen?“, fragte ich nervös. „Das werden sie schon“, erwiderte Ron beruhigend, „irgendwie schaffen sie es.“ „Verrückt ist es aber schon, so etwas zu tun, wenn das ganze Zaubereiministerium hier draußen ist!“, überlegte Harry. „Glauben die vielleicht, dass sie einfach so davon-...“ Doch er brach ab, ohne seinen Satz vollendet zu haben. Ich wandte mich erschrocken um. Es klang, als ob jemand auf unsere Lichtung zustolperte. Gebannt lauschten wir auf die unregelmäßigen Schritte hinter den Bäumen, die immer näher kamen. Aber plötzlich hielten die Schritte inne. „Hallo?“, rief Harry. Stille. Ich stand auf und spähte durch die Bäume. Es war zu dunkel, um etwas sehen zu können, doch ich spürte ganz deutlich, dass sich jemand in meiner Nähe befand. „Wer ist da?“, rief ich. Und dann, ohne irgendeine Art der Vorwarnung, zeriss eine tiefe Stimme die Stille; doch es war kein Schrei, es erinnerte eher an einen Zauberspruch. „Morsmorde!“

    Etwas Riesiges, grün und glitzernd, brach aus den Schatten hervor. Es stieg über die Baumwipfel hinweg und hoch an den Himmel. „Was zum-?“, hörte ich Ron keuchen. Doch ich hörte nicht zu; ich war vor Entsetzen zu Eis erstarrt. Es war ein riesiger Totenkopf; aus der Mundhöhle des Schädels quoll, ähnlich wie eine Zunge, eine Schlange hervor. Der Schädel stieg immer höher, strahlend hell auf dem schwarzen Nachthimmel zu sehen. Um uns herum wurde der Wald zu einem Meer aus Schreien. Zitternd ging ich ruckartig rückwärts, während Harry noch einmal rief: „Wer ist da?“ Ich packte ihn am Arm und zog ihn mit, nur fort vom Dunklen Mal. Mine und Ron folgten uns, ich hörte ihre raschen Schritte. „Was ist los?“, fragte Harry mich. „Das ist das Dunkle Mal, Harry!“, keuchte ich und zerrte ihn mit aller Kraft fort. „Das Zeichen von Voldemort!“ „Voldemorts-?“ „Harry, jetzt komm schon!“ Wir rannten den Weg zurück, den wir gekommen waren. Doch nach wenigen hastigen Schritten verriet uns ein leises „Plopp“ nach dem anderen, dass rund zwanzig Zauberer aufgetaucht waren und uns umzingelten. Jeder dieser Zauberer hatte seinen Zauberstab gezückt; sie waren auf mich, Harry, Ron und Mine gerichtet. Plötzlich schrie Harry: „Deckung!“ Er packte mich und riss mich mit zu Boden. „Stupor!“, donnerten zwanzig Stimmen. Es gab ein riesiges Blitzgeprassel, und ich spürte, wie meine Locken sich kräuselten, als die Zaubersprüche wie ein kräftiger Wind über die Lichtung fegten. Rote Feuerstöße zischten über unsere Köpfe hinweg, prallten von den Baumstämmen ab und verloren sich in der Dunkelheit- „Aufhören!“, schrie eine Stimme, die mir stark bekannt vorkam. „Stopp! Das ist mein Sohn!“

    Der Wind, der meine Haare zerzaust hatte, legte sich schlagartig. Ich hob den Kopf ein wenig. Die Zauberer hatten ihre Zauberstäbe gesenkt. Mr. Weasley kam mit entsetztem Gesicht auf uns zugerannt. „Ron - Harry -...“, seine Stimme zitterte, „Olivia - Hermine - seid ihr verletzt?“ „Aus dem Weg, Arthur“, unterbrach ihn eine kalte Stimme. Es war Mr. Crouch. Er und die anderen Ministeriumszauberer zogen den Kreis um uns herum enger. Harry stand auf, um sich Mr. Crouch entgegenzustellen. Auch Mine, Ron und ich erhoben uns. Mr. Crouchs Gesicht war wutverzerrt. „Wer von Ihnen hat es getan?“, schrie er, und seine scharfen Augen flogen zwischen uns hin und her. „Wer von Ihnen hat das Dunkle Mal heraufbeschworen?“ „Das waren wir nicht!“, entgegnete Harry und deutete auf den Totenschädel am Himmel, der mir nur allzu bekannt vorkam. „Wir haben nichts getan!“, rief Ron und sah seinen Vater entrüstet an. „Warum habt ihr uns angegriffen?“ „Lügen Sie nicht, Sir!“, bellte Mr. Crouch. Sein Zaubestab war direkt auf Ron gerichtet; seine Augen quollen hervor; auf mich wirkte er leicht irre. „Sie sind am Tatort entdeckt worden!“ „Barty“, flüsterte ihm eine Hexe in einem langen Morgenmantel zu, „das sind doch noch Kinder, Barty, die wären doch nie in der Lage-...“ „Wo kam das Mal denn her?“, fragte Mr. Weasley jetzt vollkommen ruhig. Offenbar hielt er es ebenfalls für undenkbar, dass wir das Dunkle Mal heraufbeschworen hatten. „Von da drüben“, erklärte ich schließlich und deutete auf die dunkle Stelle, an der ich die Stimme gehört hatte, „da war jemand zwischen den Bäumen...er hat laut gesprochen-...“ „Stand also da drüben?“, unterbrach mich Mr. Crouch und wandte seine hervorquellenden Augen mir zu; dass er mir nicht glaubte, stand ihm förmlich im Gesicht geschrieben. „Jemand zwischen den Bäumen? Höchstwahrscheinlich auch noch eine Beschwörung gesprochen? Sie scheinen ja sehr gut zu wissen, wie man das Mal heraufbeschwört, Fräulein-...“ Doch keiner außer Mr. Crouch schien es überhaupt für denkbar zu halten, dass einer von uns den Schädel heraufbeschworen hatte; im Gegenteil: bei meinen Worten hoben sie wieder ihre Zauberstäbe, spähten durch die Nacht und untersuchten die besagte Stelle. „Zu spät“, meinte die Hexe im Morgenmantel kopfschüttelnd. „Die sind bestimmt schon disappariert.“

    „Da bin ich aber anderer Meinung“, meldete sich plötzlich ein Zauberer zu Wort. Es war Amos Diggory, Cedrics Vater. „Unsere Schocker sind doch durch die Bäume hindurch geflogen...vielleicht haben sie den Übeltäter sogar erwischt...“ „Sei vorsichtig, Amos!“, warnte einer der Umstehenden, als Mr. Diggory den Zauberstab zückte und die Lichtung überquerte. Mine presste die Hände an ihren Mund, als er zwischen den Bäumen verschwand. Sekunden später hörten wir Mr. Diggory rufen. „Ja! Wir haben sie! Hier ist jemand! Bewusstlos! Es ist - ja, aber - du meine Güte...“ „Sie haben jemanden?“, rief Mr. Crouch mit zweifelndem Unterton. „Wen?“ Ich hörte Zweige knacken und Blätter rascheln und dann die knirschenden Schritte Mr. Diggorys, der wieder zwischen den Bäumen auftauchte. Er trug eine kleine, sich nicht bewegende Gestalt in den Armen. Ich erkannte das halb vergammelte Geschirrtuch sofort. Es war Winky.

    Mr. Crouch schien zu Eis gefroren zu sein, als Mr. Diggory ihm die Elfe vor die Füße legte. Die anderen Ministeriumszauberer starrten ihn allesamt an. Ein paar Sekunden lang stand er wie erstarrt da, die blitzenden Augen auf die am Boden liegende Winky gerichtet. „Das - kann - nicht - sein“, stieß er abgehackt hervor. „Nein-...“ Dann ging er schnell an Mr. Diggory vorbei und marschierte auf die Stelle zu, wo dieser Winky gefunden hatte. „Hat keinen Zweck, Mr. Crouch“, rief ihm Mr. Diggory hinterher. „Mehr ist da nicht.“ Doch Mr. Crouch schien ihm nicht zu glauben. Er suchte blätterraschelnd zwischen den Büschen umher.

    „Ziemlich peinlich“, murmelte Mr. Diggory, damit Mr. Crouch ihn nicht hören konnte und sah hinunter auf die reglose Gestalt Winkys. „Barty Crouchs Hauselfe...schon ein starkes Stück...“ „Reg dich ab, Amos“, erwiderte Mr. Weasley leise, „du glaubst doch nicht allen Ernstes, dass es die Elfe war? Das Dunkle Mal ist das Zeichen eines Zauberers. Dazu ist doch ein Zauberstab nötig.“ „Tja“, meinte Mr. Diggory, „sie hatte einen Zauberstab.“ „Wie bitte?“, fragte Mr. Weasley verdattert. „Hier, schau.“ Mr. Diggory holte einen Zauberstab hervor und zeigte ihn Mr. Weasley. „Hatte ihn in der Hand. Da hätten wir also schon einen Verstoß gegen Artikel 3 des Gesetzes zum Gebrauch des Zauberstabs: >Kein nichtmenschliches Wesen darf einen Zauberstab tragen oder gebrauchen.<“ In diesem Moment gab es ein erneutes „Plopp“ und Ludo Bagman apparierte direkt neben Mr. Weasley. Erschöpft und verwirrt richtete er seinen Blick auf den smaragdgrünen Schädel über uns. „Das Dunkle Mal!“, keuchte er und hätte um ein Haar Winky zertrampelt. Ich musste mich zurückhalten, um nicht laut und sarkastisch „Ach, ne!“ zu sagen. Mit fragender Miene wandte sich Bagman an seine Kollegen. „Wer war das? Habt ihr sie? Barty! Was geht hier vor?“ Mr. Crouch war mit leeren Händen zurückgekehrt. Sein Gesicht war immer noch weiß wie eine Wand und seine Hände und sein Oberlippenbärtchen zuckten. „Wo warst du, Barty?“, fragte Bagman. „Warum warst du nicht beim Spiel? Deine Elfe hat dir doch einen Platz besetzt!“ Bagmans Blick war auf Winky gefallen. „Was ist denn mit der passiert?“ „Ich hatte vorhin zu tun, Ludo“, entgegnete Mr. Crouch, der seine Lippen immer noch nicht richtig bewegte. „Und meine Elfe wurde betäubt.“ „Betäubt? Von euch hier, soll das heißen? Aber warum-?“ Dann schien der Groschen bei ihm zu fallen; er blickte hoch zu dem Schädel, hinunter auf Winky und fixierte dann Mr. Crouch. „Nein!“, stieß er aus. „Winky? Sie hat das Dunkle Mal heraufbeschworen?“ Mr. Diggory richtete sich an Mr. Crouch. „Wenn Sie einverstanden sind, Mr. Crouch, sollten wir hören, was sie selbst dazu zu sagen hat.“ Mr. Crouch war nicht anzusehen, ob er Mr. Diggory überhaupt richtig verstanden hatte, doch dieser schien sein Schweigen als Zustimmung zu empfinden. Er hob seinen Zauberstab, richtete ihn auf Winky und sagte: „Enervate!“

    Einige Sekunden lang geschah gar nichts, dann regte sich Winky ein wenig. Ihre großen braunen Augen öffneten sich und sie blinzelte einige Male verwirrt. Unter dem eisigen Schweigen der Zauberer setzte sie sich zitternd auf. Im nächsten Augenblick bemerkte sie Mr. Diggorys Füße; langsam und vor Furcht zitternd sah sie zu ihm auf. Noch langsamer wanderte ihr Kopf zum Himmel. Sie keuchte verstört auf, ließ ihren Blick über die Lichtung voller Zauberer wandern und brach dann in angsterfülltes Schluchzen aus. In diesem Moment wollte ich sie am liebsten ganz fest in den Arm nehmen und sie nicht mehr loslassen; sie wirkte so klein und hilflos. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass diese treue Hauselfe das Dunkle Mal heraufbeschworen haben sollte. „Elfe!“, rief Mr. Diggory barsch. Wieso wollte ich ihm in diesem Moment erneut ins Gesicht schlagen? An so etwas sollte man ja nicht einmal denken, aber Mr. Diggory war mir derart unsympatisch, dass ich es nicht lassen konnte. „Weißt du, wer ich bin?“, fuhr er fort, „Ich bin ein Mitglied der Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe!“ Winky atmete in kurzen Stößen ein und aus und begann mit dem Oberkörper hin und her zu wippen. „Wie du siehst, Elfe, wurde hier vor kurzem das Dunkle Mal heraufbeschworen. Und du wurdest wenig später entdeckt, direkt darunter! Eine Erklärung, wenn ich bitten darf!“ „Ich - ich - ich hab nichts getan, Sir!“, keuchte Winky. „Ich weiß doch nicht, wie, Sir!“ „Du wurdest mit einem Zauberstab in der Hand gefunden!“, blaffte Mr. Diggory sie an und fuchtelte mit dem Stab vor ihrem Gesicht herum. Ich presste meine Fingernägel so fest in meine Haut, dass es schon weh tat, doch ich versuchte, mich nicht auf Mr. Diggory zu stürzen. Er benahm sich, als wäre Winky ein Geschöpf, das weniger wert war, als Zauberer und Hexen. Als wäre sie ein widerwärtiges Stück Dreck!

    Doch Harry riss mich aus meinen Gedanken, als er plötzlich rief: „He - das ist mein Zauberstab!“ Alle auf der Lichtung starrten ihn an. „Wie bitte?“, fragte Mr. Diggory ungläubig. „Das ist mein Zauberstab!“, widerholte Harry. „Ich hab ihn verloren!“ „Du hast ihn verloren?“, fragte Mr. Diggory erneut und zweifelnd. „Ist das ein Geständnis? Du hast ihn fortgeworfen, nachdem du das Dunkle Mal heraufbeschworen hast?“ „Amos, bedenk doch, mit wem du sprichst“, meinte Mr. Weasley zornig. „Glaubst du wirklich, Harry Potter würde das Dunkle Mal heraufbeschwören?“ „Natürlich nicht“, entgegnete Mr. Diggory ruckartig. „Verzeihung...hab mich gehen lassen...“ „Ich hab ihn ohnehin nicht dort drüben fallen lassen“, meinte Harry und zeigte auf die Stelle, an der das Dunkle Mal heraufbeschworen worden war. „Ich hab ihn schon vermisst, gleich nachdem wir im Wald waren.“ „Nun gut“, gab Mr. Diggory ihm zögernd nach und wandte die kalten Augen erneut Winky; Tränen kullerten ihre eingedellte Kugelnase hinunter. „Du hast also den Zauberstab gefunden, Elfe? Und du hast ihn aufgehoben und dachtest, du könntest ein paar Späße damit treiben, nicht wahr?“ „Ich hab keinen Zauber damit gemacht, Sir!“, piepste Winky. „Ich hab...ich hab...ich hab ihn nur aufgehoben, Sir! Ich hab das Dunkle Mal nicht gemacht, Sir, ich weiß nicht, wie!“ „Sie war es nicht!“, war plötzlich eine empörte Stimme zu hören. Ich brauchte einige Momente, bis ich begriff, dass es meine eigene war. Alle auf der Lichtung starrten mich an, doch ich achtete gar nicht darauf. „Winky hat eine leise Piepsstimme und die Stimme, die wir bei der Beschwörung gehört haben, war viel tiefer!“ Ich drehte mich zu Harry, Ron und Mine um und fragte prüfend: „Sie klang nicht wie Winky, oder?“ „Nein“, bestätigte Harry und schüttelte den Kopf. „Die Stimme klang bestimmt nicht nach Winky.“ „Ja, es war eine menschliche Stimme“, sagte Ron. „Nun, das werden wir ja gleich sehen“, knurrte Mr. Diggory unbeeindruckt. „Es gibt eine ganz einfache Möglichkeit, den letzten Zauber eines Zauberstab festzustellen, wusstest du das, Elfe?“ Winky zitterte und schüttelte verzweifelt ihren Kopf. Mr. Diggory hob erneut seinen Zauberstab und berührte mit ihm die Spitze von Harrys Zauberstab. „Prior Incantato!“

    Ich hörte, wie Mine vor Entsetzen aufkeuchen, als ein großer Schädel mit Schlangenzunge hervorbrach, doch er wirkte wie eine Kopie aus Rauch des orginalen Schädels. Es war der Geist eines Zaubers. „Deletrius!“, rief Mr. Diggory und der Schädel aus Rauch verpuffte vor meinen Augen. „So“, zischte Mr. Diggory und sah dabei hinab auf Winky, die immer noch vor Furcht zitterte. „Ich hab’s nicht getan!“, piepste sie und wirkte entsetzt. „Ich weiß nicht, wie! Ich bin doch eine gute Elfe, ich mache nichts mit dem Zauberstab, ich weiß nicht, wie!“ „Du bist auf frischer Tat ertappt worden, Elfe!“, polterte Mr. Diggory. „Ertappt mit dem Tatwerkzeug in der Hand!“ „Amos“, unterbrach ihn Mr. Weasley laut, „überleg doch mal...herzlich wenig Zauberer wissen, wie man diesen Zauber ausübt...wo sollte sie das denn gelernt haben?“ „Womöglich will Amos behaupten“, sagte Mr. Crouch mit kalter Wut in jedem Wort, „dass ich meinen Dienstboten beibringe, das Dunkle Mal heraufzubeschwören?“ Ein peinliches Schweigen trat ein. Mr. Diggory schien entsetzt. „Mr. Crouch...nein...keineswegs...“ „Und Sie hätten um ein Haar ausgerechnet die zwei Personen auf dieser Lichtung beschuldig, die gewiss am wenigsten mit dem Dunklen Mal zu tun haben wollen!“, bellte Mr. Crouch wütend. „Harry Potter - und mich!“ Was sollte denn das bedeuten? Er glaubte doch wohl nicht, dass wir auch nur irgendetwas mit Dunklen Mal zu tun haben wollten! „Ich denke, Sie wissen bestimmt auch noch, wie oft ich in meiner langen Laufbahn bewiesen habe, dass ich die dunklen Künste und jene, die sie gebrauchen, hasse und verachte?“, rief Mr. Crouch; erneut quollen seine Augen hervor. „Mr. Crouch - ich habe nie auch nur eine Andeutung gemacht, dass Sie irgendetwas damit zu tun haben könnten!“, murmelte Mr. Diggory unter seinem braunen Stoppelbart beschämt. „Wenn Sie meine Elfe beschuldigen, dann beschuldigen Sie auch mich, Diggory!“, fuhr Mr. Crouch wütend fort. „Wo sonst soll sie gelernt haben, das Mal zu beschwören?“ „Sie - sie könnte es überall mitgekriegt haben-...“ „Genau, Amos“, mischte sich Mr. Weasley ein. „Sie hätte es überall mitkriegen können...Winky?“ Die Elfe zuckte zusammen, als ob er sie angeschrien hätte. „Wo genau hast du Harrys Zauberstab gefunden?“ Winky spielte so hartnäckig an der Spitze ihres Geschirrtuchs herum, dass es zwischen ihren langen, dünnen Finger ausfranste. „Ich - ich hab ihn gefunden - gefunden dort, Sir...“, flüsterte sie, „dort unter den Bäumen, Sir...“ „Siehst du, Amos“, kam es von Mr. Weasley. „Wer immer das Mal heraufbeschworen hat, könnte gleich danach verschwunden sein und Harrys Zauberstab zurückgelassen haben. Ein gerissener Schachzug, nicht den eigenen Zauberstab zu nehmen. Damit hätte er sich ja leicht verraten können. Und Winky hatte das Pech, nur einige Minuten später auf den Zauberstab zu stoßen und ihn aufzuheben.“ „Aber dann wäre sie nur wenige Meter vom wirklichen Täter entfernt gewesen!“, meinte Mr. Diggory ungeduldig. „Elfe, hast du jemanden gesehen?“

    Winkys Augen flackerten von Mr. Diggory zu Mr. Bagman und weiter zu Mr. Crouch. „Ich hab nichts gesehen - hab niemanden gesehen...niemanden nicht...“ „Amos“, erhob Mr. Crouch nun schroff seine Stimme. „Natürlich würden Sie Winky normalerweise zum Verhör ins Büro mitnehmen. Ich bitte Sie jedoch, mir zu gestatten, selbst mit ihr abzurechnen.“ Mr. Diggory wirkte nicht so, als ob ihm dieser Vorschlag besonders gefiele, doch ich wusste, dass Mr. Crouch ein so hohes Tier im Ministerium war, dass er es gar nicht wagte, den Vorschlag abzulehnen. „M-M-Meister...“, stammelte Winky und sah mit tränenden Augen an ihm hoch. „M-Meister, b-b-bitte...“ In Mr. Crouchs Blick lag kein Erbarmen. „Winky hat sich heute Nacht auf eine Weise benommen, die ich nicht für möglich gehalten hätte“, sagte er langsam. „Ich habe ihr befohlen, im Zelt zu bleiben, während ich unterwegs war, um dem Aufstand Einhalt zu gebieten. Und sie hat mir nicht gehorcht.“ Er machte eine kurze, drohende Pause. „Das bedeutet Kleidung.“ „Nein“, kreischte Winky entsetzt warf sich vor Mr. Crouch auf die Erde. „Nein, Meister! Nicht Kleidung, nicht Kleidung!“ Natürlich wusste ich, dass dies die einzige Möglichkeit war, einen Hauselfen in die Freiheit zu entlassen. Winky umklammerte ihr Geschirrtuch fest und tausende Tränen rannen über Mr. Crouchs Schuhe. „Sie hatte doch Angst!“ Es war Mine, die Mr. Crouch vor Wut verächtlich ansah. Ich war es nicht gewohnt, dass Mine laut wurde, doch wenn sie es tat, gab es immer einen guten Grund dafür. „Ihre Elfe hat Höhenangst und diese maskierten Zauberer haben Leute in der Luft schweben lassen! Sie können ihr doch nicht vorwerfen, dass sie davor weglaufen wollte!“ Mr. Crouch schüttelte sie ab, und musterte sie, als ob sie etwas Dreckiges und Ekelhaftes wäre, dass seine Schuhe verdreckte. „Ich kann keine Hauselfe gebrauchen, die mir nicht gehorcht“, stieß er kalt hervor und sah Mine an. „Ich kann keine Dienerin gebrauchen, die vergisst, was sie dem Ruf ihres Meisters schuldig ist.“ Winky weinte so laut und heftig, dass ihr Schluchzen auf der ganzen Lichtung zu hören war.

    Ein unangenehmes Schweigen trat ein, dass schließlich von Mr. Weasley mit leisen Worten gebrochen wurde. „Ich glaube, ich nehme die Meinen zurück zum Zelt, wenn keiner etwas dagegen hat. Amos, dieser Zauberstab hat uns alles gesagt, was er kann - könnte Harry ihn bitte wieder zurückhaben -...“ Mr. Diggory reichte Harry seinen Zauberstab und ich sah, wie Harry ihn in seine Tasche gleiten ließ. „Dann kommt, ihr vier“, forderte uns Mr. Weasley leise auf. Doch Mine rührte sich nicht vom Fleck. Ihr Blick ruhte imemr noch auf der schluchzenden Winky. „Hermine!“, sagte Mr. Weasley etwas eindringlicher. Sie wandte sich um und folgte uns über die Lichtung, bis wir im Wald verschwunden waren. Dann platzte es aus ihr heraus: „Was geschieht mit Winky?“ „Ich weiß es nicht“, antwortete Mr. Weasley. „Unglaublich, wie die sie behandeln!“, kam es zornig aus ihr heraus. „Mr. Diggory nennt sie die ganze Zeit >Elfe<...und dann erst Mr. Crouch! Er weiß, dass sie nichts getan hat, und trotzdem wirft er sie einfach raus! Es war ihm doch gleich, dass sie furchtbare Angst hatte - als ob sie nicht mal ein Mensch wäre!“ „Nun ja, ist sie ja auch nicht“, murmelte Ron. Wutentbrannt sah Mine ihn an. „Das heißt noch lange nicht, dass sie keine Gefühle hat, Ron!“ „Hermine, du hast ja Recht“, warf Mr. Weasley ein und drängte uns zur Eile, „aber jetzt ist nicht die Zeit, über Elfenrechte zu diskutieren. Ich möchte so schnell wie möglich zurück zu den Zelten. Was ist mit den anderen passiert?“ „Wir haben sie in der Dunkelheit verloren“, informierte ich ihn. „Dad, warum regen sich alle so furchtbar über diesen Schädel da oben auf?“, fragte Ron irritiert. „Das erkläre ich dir, wenn wir wieder im Zelt sind“, antwortete Mr. Weasley ihm angespannt.

    Doch am Waldrand wurden wir von einer großen Schar verängstigter Hexen und Zauberer aufgehalten. Als sie Mr. Weasley näher kommen sahen, hasteten viele auf ihn zu. „Was geht dort drin vor?“ - „Wer hat das Mal heraufbeschworen?“ - „Arthur - doch wohl nicht - er selbst?“ „Natürlich nicht“, entgegnete Mr. Weasley ungehalten. Er schien einer der wenigen zu sein, die die Nerven behalten hatten. „Wer es war, wissen wir nicht. Er ist verschwunden. Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich will schlafen gehen.“ Er bahnte uns einen Weg durch die Menge und schließlich gelangten wir endlich zum Zeltplatz. Ruhe war eingekehrt; von den maskierten Zauberern war nichts mehr zu sehen, aber einige abgebrannte Zelte qualmten immer noch. Charlie steckte den Kopf aus dem Jungenzelt. „Dad! Fred, George und Ginny sind hier, ihnen ist nichts passiert, aber die anderen-...“ „Die hab ich hier“, entgegnete Mr. Weasley und schlüpfte ins Zelt. Wir folgten ihm.

    Bill saß an dem kleinen Küchentisch und drückte sich ein Tuch auf seinen rechten Arm, der stark blutete. Charlie hatte einen langen Riss in seinem Hemd und bei Percy konnte ich eine blutende Nase entdecken. Fred, George und Ginny war zum Glück nichts passiert, sie wirkten jedoch arg mitgenommen. „Hast du ihn gekriegt, Dad?“, fragte Bill scharf. „Nein“, erwiderte Mr. Weasley. „Wir haben Barty Crouchs Elfe mit Harrys Zauberstab in der Hand gefunden, aber das sagt uns noch lange nicht, wer das Dunkle Mal wirklich heraufbeschworen hat.“ „Was?“, fragten Bill, Charlie und Percy wie aus einem Mund. „Harrys Zauberstab?“, fragte Fred. „Mr. Crouchs Elfe?“, unterbrach ihn Percy verdattert.Mr. Weasley schilderte ihnen, was im Wald geschehen war. Als er geendet war Percy völlig entrüstet. „Natürlich hat Mr. Crouch vollkommen Recht, diese Elfe davonzujagen!“, rief er. „Läuft einfach davon, wo er doch ausdrücklich gesagt hat...blamiert ihn vor dem gesamten Ministerium...wie hätte das denn ausgesehen, wenn man sie vor der Abteilung zur Führung und Aufsicht...“ „Sie hat nichts getan - sie war nur zur falschen Zeit am falschen Ort!“, fauchte Mine den völlig perplexen Percy an. Mine war immer recht gut mit Percy ausgekommen - eigentlich besser, als alle anderen. „Hermine, ein Zauberer in Mr. Crouchs Position kann sich keine Hauselfe leisten, die mit einem Zauberstab Amok läuft!“ „Sie ist nicht Amok gelaufen!“, rief Mine. „Sie hat ihn nur aufgehoben!“ „Hört mal, könnte mir jetzt jemand erklären, was es mit diesem Schädel aus sich hat?“, unterbrach Ron sie ungeduldig. „Es ist das Symbol von Voldemort“, sagte ich. „Sag seinen Namen nicht!“ Ron war ganz weiß geworden. „Der Schädel wurde 13 Jahre lang nicht gesehen“, erklärte Mr. Weasley leise. „Natürlich hat er die Leute in Angst und Schrecken versetzt...es war ja fast, als würden sie Du-weißt-schon-wer wiedersehen.“ „Ich versteh’s trotzdem nicht“, meinte Ron und runzelte seine Stirn. „Ich meine...es war doch nur ein Zeichen am Himmel...“ „Ron, Du-weißt-schon-wer und seine Anhänger haben das Dunkle Mal immer dann aufsteigen lassen, wenn sie gemordet haben“, erklärte Mr. Weasley geduldig. „Du hast ja keine Ahnung...was für ein Grauen es ausgelöst hat. Stell dir vor, du kommst nach Hause und findest das Dunkle Mal über deinem Haus schweben und du weißt genau, was du drinnen vorfinden wirst...“ Mr. Weasley zuckte, als stellte er sich genau das gerade vor. „Das Schlimmste...das Allerschlimmste...“ Eine tiefe Stille trat ein. Dann nahm Bill seinen Verband ab, um nach seiner Wunde am Arm zu sehen, und durchbrach das Schweigen: „Jedenfalls hat der Schädel heute Nacht dafür gesorgt, dass die Todesser sofort in panische Angst versetzt wurden. Sie sind alle disappariert, bevor wir ihnen nahe genug kommen konnten, um einem von ihnen die Maske abzureißen. Wenigstens konnten wir die Familie Roberts noch auffangen, bevor sie nach unten gestürzt sind. Gerade werden ihre Gedächtnisse verändert.“ „Was sind Todesser?“, fragte Harry. „So nennen sich die Anhänger von Voldemort“, erklärte ich ihm. Rons ängstliches „Nenn seinen Namen nicht!“ ignorierte ich. „Höchstwahrscheinlich haben sich heute Nacht die letzten Überreste der Todesser wieder zusammengefunden - die wenigen, die es geschafft haben, sich vor Askaban zu retten.“ „Wir können nicht beweisen, dass sie es waren“, meinte Mr. Weasley erbittert. „Aber du hast höchstwahrscheinlich Recht.“ „Darauf wette ich“, meldete sich Ron plötzlich wieder zu Wort. „Dad, wir haben Draco Malfoy im Wald getroffen. Der war aber total gelassen und überhaupt nicht nervös. Sein Vater war bestimmt einer dieser Hirnis mit den Masken! Und wir wissen alle, dass die Malfoys mit Du-weißt-schon-wem unter einer Decken steckten!“ Wenn der wüsste...

    „Aber das waren doch Anhänger Voldemorts-...“, warf Harry ein. Die anderen zuckten mal wieder zusammen. „Verzeihung“, entschuldigte sich Harry rasch. „Warum eigentlich haben die Anhänger von Du-weißt-schon-wem Muggel in der Luft schweben lassen? Was war denn der Sinn des Ganzen?“ „Der Sinn?“, fragte Mr. Weasley mit einem freudlosen Lachen. „Harry, das machen diese Leute aus Spaß. Die Hälfte der Morde an Muggeln in der Zeit, als Du-weißt-schon-wer an der Macht war, wurden aus reinem Spaß begangen“, er spuckte das Wort „Spaß“ angeekelt aus. Mr. Weasley seufzte, dann fuhr er fort: „Ich fürchte, sie haben am Abend einiges getrunken und konnte der Lust einfach nicht widerstehen, uns daran zu erinnern, wie viele von ihnen noch auf freiem Fuß sind.“ „Aber wenn sie wirklich Todesser waren, warum sind sie dann disappariert, als sie das Dunkle Mal gesehen haben?“, fragte Ron verwirrt. „Eigentlich hätten sie sich doch freuen müssen, oder?“ „Ron, benutz doch mal deinen Grips“, antwortete ihm Bill. „Wenn sie wirklich Todesser waren, dann haben sie ja alles daran gesetzt, nicht nach Askaban zu kommen, als Du-weißt-schon-wer seine Macht verlor, und alle möglichen Lügen aufgetischt. Sie haben einfach erzählt, er hätte sie gezwungen, Menschen zu töten und zu foltern. Ich wette, sie haben noch mehr Angst als alle anderen, dass er zurückkommt. Als er seine Macht verlor, bestritten sie ja, dass sie jemals wirklich etwas mit ihm zu tun gehabt hätten, und lebten weiter, als ob nichts gewesen wäre... Ich schätze, er wäre nicht sonderlich angetan von ihnen, oder?“ „Also...“, kombinierte Mine, „Wer immer das Mal heraufbeschworen, hatte das Ziel, die Todesser anzufeuern oder ihnen Angst einzujagen, um sie zu verscheuchen...“ „Wir können das auch nicht besser beurteilen als du, Hermine“, sagte Mr. Weasley. „Ich kann euch nur eines sagen...einzig und allein die Todesser wussten, wie man es heraufbeschwört. Ich wäre sehr überrascht, wenn nicht ein früherer Todesser dahinter stecken würde...Übrigens, es ist sehr spät, und wenn Molly erfährt, was passiert ist, wird sie keine einzige ruhige Minute mehr haben. Wir brauchen jetzt alle noch ein paar Stunden Schlaf und dann versuchen wir einen der ersten Portschlüssel von hier weg kriegen.“

    Als ich zusammen mit Ginny und Mine wieder in unserem kleinen Zelt lag, hörte ich von außen noch immer tausende von Fußschritte, doch es brauchte nicht lange, bis ich eine dunkle Traumwelt versank. Tiefe Schwärze senkte sich über mich und ich fiel in einen traumlosen Schlaf.

    13
    13. Kapitel

    Ich hatte nur wenige Stunden geschlafen, als Mr. Weasley mich, Ginny und Mine weckte. Die Zelte verpackten sich an diesem Morgen von allein und wir brauchten nicht lange, um den Campingplatz verlassen. Mr. Roberts stand am Tor vor seinem Haus. Er sah uns mit einem seltsamen, leicht abwesend wirkenden Blick an und als wir an ihm vorbeigingen hörte ich, wie er ein „Fröhliche Weihnachten“ nuschelte. „Er wird schon wieder“, murmelte Mr. Weasley, während wir über das Moor gingen. „Bei solchen Gedächtnisveränderungen kommt es manchmal vor, dass die Leute für kurze Mal mal ein wenig verwirrt sind...und diesmal war es sicher ein schweres Stück Arbeit, bei dem, was er erlebt hat...“

    Schon von weitem war hektisches Stimmengewirr zu hören uns als wir an der Stelle ankamen, wo die Portschlüssel lagen, sahen eine große Schar Zauberer und Hexen, die Basil, den Hüter der Portschlüssel, allesamt bedrängten und lautstark den nächstmöglichen Portschlüssel verlangten. Mr. Weasley sprach einige eindringliche Worte mit Basil, die ich jedoch nicht verstehen konnte, da sie in dem lauten Gebrabbel der Anwesenden untergingen. Wir reihten uns schließlich in die Schlange ein und erwischten gerade noch rechtzeitig einen alten Gummireifen (Mine, die sich mit sowas natürlich auskannte, nannte es einen „Autoreifen“) zurück zum Wieselkopf.

    Die Sonne ging gerade erst auf, als wir über Ottery St. Catchpole zurück zum Fuchsbau wanderten. Es herrschte Stille, denn wir waren alle recht erschöpft und ich dachte schon sehnsüchtig an das Frühstück. Als wir eine Biegung umquerten hatten und endlich der Fuchsbau in Sicht kam, hallte uns auf der Hälfte des Wegs ein Schrei entgegen. „Oh, Gott sei Dank, Gott sei Dank!“ Mrs. Weasley, die vor dem Haus auf uns gewartet hatte, kam auf uns zugerannt, die Pantoffeln noch an den Füßen, mit bleichem angespanntem Gesicht und einem zusammengeknüllten Tagespropheten in ihrer Hand. „Arthur - ich hab mir ja solche Sorgen gemacht - fürchterliche Sorge-...“ Sie warf sich Mr. Weasley in die Arme und die Zeitung fiel aus ihrer Hand. „Ihr seid alle wohlauf“, murmelte Mrs. Weasley ein wenig abwesend. Sie ließ ihren Mann los, und sah ihre Kinder der Reihe nach an, „Ihr lebt noch...oh meine Jungs...“ Und zur Überraschung von allen Anwesenden zog sie Fred und George an sich und drückte sie so heftig, dass ihre Köpfe gegeneinander schlugen. „Autsch! Mum - du erwürgst uns noch -...“ „Ich hab mit euch geschimpft, bevor ihr fort seid!“, schluchzte Mrs. Weasley. „Daran muss ich die ganze Zeit denken! Was wäre gewesen, wenn Du-weißt-schon-wer euch gekriegt hätte, und das Letzte, was ich euch gesagt hätte, wäre gewesen, dass ihr nicht genug ZAGs geschafft habt? Oh Fred...oh George...“ „Nun ist es aber gut, Molly, wir sind alle kerngesund“, beschwichtigte Mr. Weasley sie, zog sie sanft von den Zwillingen weg und führte sie zum Haus. „Bill“, fügte er in gedämpftem Ton hinzu, „heb doch bitte die Zeitung auf, mal sehen, was sie schreiben...“

    Schließlich saßen wir alle in der kleinen Küche. Mine kochte Mrs. Weasley eine Tasse starken Tee (Mr. Weasley wollte noch unbedingt einen Schuss Odgens Old Firewhiskey hineinkippen) und Bill reichte seinem Vater den Tagespropheten. Mr. Weasley überflog die Titelseite, während Percy über seine Schulter gebeugt mitlas. „Ich hab’s doch gewusst“, sage er dann mit schwerer Stimme.

    „Ministerium versagt...Täter nicht gefasst...lasche Sicherheitsvorkehrungen...unkontrolliertes Treiben schwarzer Magier...Schande für das gesamte Land...“

    Er versenkte seinen Blick erneut in der Zeitung. „Wer hat das geschrieben? Ach ja...natürlich...Rita Kimmkorn...“ „Diese Frau hat es aufs Zaubereiministerium abgesehen!“, zischte Percy. „Letzte Woche hat sie geschrieben, wir würden mit unseren Auseinandersetzungen über Kesselbodendicke nur Zeit verschwenden, wo wir doch Vampire erlegen sollten! Als ob in Paragraph 12 der Richtlinien für die Behandlung nichtmagischer Teilmenschen nicht ausdrücklich festgelegt wäre, dass-...“ „Tu uns ‘nen Gefallen, Perce“, unterbrach ihn Bill gähnend, „und halt die Klappe.“ „Mich erwähnt sie auch“, fuhr Mr. Weasley fort, und die Augen hinter seiner Brille weiteten sich, als er den Schluss des Berichts las. „Wo?“, prustete Mrs. Weasley und verschluckte sich an ihrem Tee mit Whiskey. „Wenn ich das gesehen hätte, hätte ich gewusst, das du am Leben bist!“ „Nicht namentlich“, erklärte Mr. Weasley. „Hört mal zu:

    Sollten sich die zu Tode geängstigten Hexen und Zauberer, die am Waldrand atemlos auf Nachrichten warteten, beruhigende Worte vom Zaubereiministerium erhofft haben, dann wurden sie zutiefst enttäuscht. Ein Vertreter des Ministeriums erschien einige Zeit nach der Erscheinung des Dunklen Mals und ließ verlauten, niemals sei verletzt worden, weigerte sich jedoch, weitere Informationen zu geben. Ob diese Stellungnahme ausreichen wird, um die Gerüchte zu zerstreuen, wonach eine Stunde später mehrere Leichen aus dem Wald getragen wurden, bleibt abzuwarten.

    Nicht zu fassen“, entrüstete sich Mr. Weasley empört und reichte Percy die Zeitung. „Niemand wurde verletzt, was sollte ich sonst sagen? >Gerüchte, wonach mehrere Leichen aus dem Wald getragen wurden...<, tja, jetzt, wo sie das geschrieben hat, wird es natürlich Gerüchte geben.“ Er seufzte tief. „Molly, ich muss wohl gleich wieder ins Büro, da muss noch einiges klargestellt werden, damit sich die Leute wieder beruhigen.“ „Ich komme mit, Vater“, sagte Percy mit schwellender Brust. „Mr. Crouch wird sicher alle verfügbaren Kräfte benötigen. Und ich kann ihm meinen Kesselbericht gleich persönlich übergeben.“ Und schon war er aus der Küche verschwunden. Mrs. Weasley schien nicht gerade begeistert zu sein. „Arthur, du bist doch im Urlaub! Das hast nicht mit deiner Abteilung zu tun, die können das sicher ohne dich regeln!“ „Ich muss gehen, Molly“, unterbrach sie Mr. Weasley, „ich hab alles nur noch schlimmer gemacht. Ich zieh mich nur kurz um und dann bin ich weg...“ „Mrs. Weasley“, fragte Harry plötzlich, „Hedwig ist nicht zufällig mit einem Brief für mich gekommen?“ „Hedwig, mein Lieber?“, fragte Mrs. Weasley zerstreut. „Nein...nein, es ist überhaupt keine Post gekommen.“ Neugierig sah ich Harry an; Ron und Mine taten es mir gleich. Er warf uns einen viel sagenden Blick zu und fragte: „Was dagegen, wenn ich nach oben gehe und mein Zeug bei dir abstelle, Ron?“ „Ähm...ich glaub, ich geh mit“, begriff Ron. „Hermine? Liv?“ „Ja“, sagten wir beide wie aus einem Mund, und sofort marschierten wir aus der Küche und die Treppe nach oben. „Was ist los, Harry?“, fragte ich, nachdem wir die Tür zur Dachkammer hinter uns geschlossen hatten. „Da ist etwas, das ich euch nicht erzählt habe“, meinte Harry. „Als ich am Samstagmorgen aufgewacht bin, hat meine Narbe wieder weh getan.“

    Mine stockte der Atem, und sie begann Harry mit Ratschlägen zu überschütten, nannte verschiedene Bücher und die verschiedensten Namen, von Dumbledore bis zu Madam Pomfrey. Ron hingegen schien einfach nur geschockt zu sein. „Aber - er war doch nicht da, oder? Du-weißt-schon-wer? Ich meine - letztes Jahr, als deine Narbe wehtat, war er doch in Hogwarts, oder?“ Und ich, ich blieb einfach stumm. Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. „Ich bin sicher, dass er nicht im Ligusterweg war“, antwortete Harry schließlich. „Aber ich hab von ihm geträumt...und von Peter...ihr wisst schon, Wurmschwanz. Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern, aber sie haben vor...jemanden zu töten.“ „Es war doch bloß ein Traum“, versuchte ihn Ron aufzumuntern. „Nur ein Alptraum.“ „Ich weiß nicht so recht...“, zweifelte Harry. „Es ist doch komisch, oder?...meine Narbe tut weh und drei Tage später sind die Todesser auf dem Marsch und Voldemorts Zeichen steht am Himmel.“ „Sag - seinen - Namen - nicht!“, zischte Ron mit zusammengebissenen Zähnen. „Und wisst ihr noch, was Professor Trelawney gesagt hat?“, fuhr er unbeirrt fort. „Ende letzten Jahres?“ Ich nickte heftig, doch Mines Entsetzen wich einem hämischen Schnauben. „Ach Harry, du wirst doch nicht auf irgendetwas hören, was diese alte Schwindlerin sagt?“ „Du warst damals nicht dabei“, verteidigte sich Harry. „Du hast sie nicht gehört. Beim letzten Mal war es anders. Ich hab dir doch gesagt, sie ist in eine Trance gefallen - eine echte. Und sie sagte, der Dunkle Lord würde wieder an die Macht gelangen >...und schrecklicher herrschen denn je...<, er würde es mit Hilfe seines Dieners schaffen...und in derselben Nacht noch ist Wurmschwanz geflohen.“ Wir verfielen in tiefes Schweigen. Dann fragte ich: „Warum hast du gefragt, ob Hedwig gekommen ist? Erwartest du einen Brief?“ „Ich hab Sirius von meiner Narbe erzählt“, erwiderte Harry achselzuckend. „Ich warte auf seine Antwort.“ „Gute Idee!“, meinte Ron und seine Miene hellte sich auf. „Ich wette, Sirius weiß, was du tun kannst.“ „Ich hatte ja gehofft, dass er rasch antworten würde“, sagte Harry. „Aber wer weiß schon, wo er steckt...er könnte in Afrika sein oder sonst wo“, dachte Mine laut. „Für eine solche Reise braucht Hedwig schon mehr als ein paar Tage.“ „Ja, ich weiß“, gab Harry ihr Recht, wirkte damit aber nicht gerade glücklich. „Wir könnten draußen im Obstgarten Quidditch spielen“, schlug Ron dann vor. „Was meint ihr, Harry, Liv?“ Harry wirkte begeistert. „Klar, ich hol nur schnell meinen Feuerblitz!“ Doch ich schüttelte den Kopf und gähnte. „Nein danke, ich glaub, ich leg mich lieber ins Bett. Kommst du, Hermine?“ Sie nickte und zusammen traten wir aus der Tür und gingen nach unten in den zweiten Stock zu Ginnys Zimmer. Sobald wir darin waren, ließ ich mich vollkommen angezogen auf mein Sofa sinken und war innerhalb weniger Minuten eingeschlafen.

    Mr. Weasley und Percy waren in der folgenden Woche kaum zu Hause. Beide gingen frühmorgens, bevor die Sonne überhaupt aufgegangen war und kamen erst lange nach Abendessen wieder zurück. „Im Büro herrscht praktisch Krieg“, verkündete Percy mit wichtiger Miene am Sonntagabend vor unserer Rückkehr nach Hogwarts. „Ich spiele schon die ganze Woche lang Feuerwehr. Die Leute schicken uns einen Heuler nach dem anderen, und wenn man sie nicht auf der Stelle öffnet, explodieren sie. Mein Schreibtisch ist schon voller Brandflecken und von meinem besten Federkiel ist nur noch ein Haufen Asche übrig.“ „Warum schicken sie denn Heuler?“, wollte Ginny wissen, die auf dem bunten Flickenteppich vor dem Wohnzimmerkamin saß und gerade ihr aus dem Leim gegangenes Exemplar des Schulbuchs für Kräuterkunde >Tausend zauberkräuter und -pilze< mit Zauberband klebte. „Sie beschweren sich über Sicherheitsmängel bei der Weltmeisterschaft“, erklärte Percy. „Sie wollen Schadenersatz für zerstörtes Eigentum. Mundungus Fletcher beantragt Entschädigung für ein Zwölf-Zimmer-Zelt mit eingebautem Whirlpool. Aber solche Späßchen treibt er nicht mit mir. Zufällig weiß ich ganz genau, dass er unter einem an Holzpflöcken genagelten Umhang geschlafen hat.“ Mrs. Weasley warf einen Blick auf die Standuhr in der Ecke. Acht Zeiger deuteten gerade auf „Zu Hause“, doch der längste Zeiger, der Mr. Weasley gehörte, wies immer noch auf „Arbeit“. Mrs. Weasley seufzte. „Euer Vater musste seit den Tagen von Du-weißt-schon-wem nicht mehr an den Wochenenden ins Büro“, sagte sie. „Sie nehmen ihn zu hart ran. Sein Abendessen wird ungenießbar, wenn er nicht bald nach Hause kommt.“ „Vater hat das Gefühl, dass er seinen Fehler bei der Meisterschaft wiedergutmachen muss“, meldete sich Percy zu Wort. „Um ehrlich zu sein, es war ein klein wenig dumm von ihm, eine öffentliche Stellungsnahme abzugeben, ohne sie zuvor mit seinem Vorgesetzten abzusprechen-...“ Mrs. Weasley ging sofort an die Decke. „Jetzt gibst du auch noch deinem Vater die Schuld für das, was diese Kimmkorn-Ziege geschriebeen hat!“, schrie sie. „Wenn Dad gar nichts gesagt hätte, dann hätte die blöde Rita geschrieben, es sei eine Schande, dass sich niemand aus dem Ministerium zu einer Äußerung bereitgefunden hätte“, mischte sich Bill ein, der gerade mit Ron Schach spielte. „Sie lässt ohnehin an niemandem ein gutes Haar. Wisst ihr noch, einmal hat sie alle Fluchbrecher von Gringotts interviewt und mich einen >langhaarigen Bruder Leichtfuß< genannt?“ „Ehrlich gesagt, dein Haar ist tatsächlich ein bisschen lang, Schatz“, sagte Mrs. Weasley. „wenn du mich nur mal kurz-...“ „Nein, Mum.“

    Regen prasselte gegen das Wohnzimmerfenster. Mine war ins >Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 4< vertieft, das Mrs. Weasley für sie, Harry, Ron und mich in der Winkelgasse besorgt hatte. Harry polierte seinen Feuerblitz mit dem Besenplege-Set, das er von Mine zu seinem letzten Geburtstag bekommen hatte. Fred und George saßen hinten in der Ecke, unterhielten sich flüsternd und beugten sich mit gezückten Federkielen über ein Blatt Pergament. „Was heckt ihr beiden schon wieder aus?“, fragte Mrs. Weasley streng und misstrauisch und sah die beiden scharf an. „Hausaufgaben“, murmelte Fred. „Macht keine Witze, ihr habt doch noch Ferien“, erwiderte Mrs. Weasley. „Ja, wir sind ein wenig spät dran“, meinte George. „Ihr setzt doch nicht zufällig ein neues Bestellformular auf, oder?“, fragte Mrs. Weasley scharf. „Ihr denkt doch nicht etwa daran, Weasleys Zauberhafte Zauberscherze wieder auf die Beine zu stellen?“ „Ich bitte dich, Mum“, Fred sah mit einem gequälten Gesichtsausdruck zu ihr auf. „Wenn der Hogwarts-Express morgen entgleisen würde und George und ich sterben würden, wie würdest du dich bei dem Gedanken fühlen, dass das Letzte, was wir von dir gehört haben, unbegründete Anschuldigungen waren?“ Alle brachen in schallendes Gelächter aus, selbst Mrs. Weasley. „Da kommt euer Vater!“, sagte sie mit einem Blick auf die Uhr. Mr. Weasleys Zeiger war von „Arbeit“ auf „unterwegs“ gesprungen; eine Sekunde später rastete er klappernd auf „Zu Hause“ ein, wo die anderen Zeiger standen, und schon hörten wir Mr. Weasley aus der Küche rufen. „Ich komme, Arthur!“, atnwortete Mrs. Weasley und eilte davon. Augenblicke später kam Mr. Weasley mit dem Abendessen auf einem Tablett ins warme Wohnzimmer. Er sah vollkommen erschöpft aus. „Tja, jetzt haben wir die Bescherung“, sagte er zu Mrs. Weasley und ließ sich in einen der Sessel am Feuer fallen. „Rita Kimmkron hat die ganze Woche über bei uns im Ministerium rumgeschnüffelt und nach weiteren Skandalgeschichten gesucht. Jetzt ist sie auf die Sache mit Bertha gestoßen, die vermisst wird, und morgen ist das sicher der Aufmacher im Tagespropheten. Ich hab Bagman doch gesagt, er hätte schon längst jemand auf ihre Spur setzen sollen.“ „Mr. Crouch sagt das schon seit Wochen“, warf Percy rasch ein. „Crouch hat nun wirklich Glück, dass Rita noch nicht von der Geschichte mit Winky erfahren hat“, meinte Mrs. Weasley verärgert. „Seine Hauselfe wird mit dem Zauberstab, der das Dunkle Mal heraufbeschworen hat, ertappt - das gäbe Schlagzeilen für eine Woche.“ „Ich dachte, wir wären uns einig, dass diese Elfe zwar verantwortungslos gehandelt, aber das Dunkle Mal tatsächlich nicht heraufbeschworen hat?“, bemerkte Percy steif. „Wenn du mich fragst, dann kann Mr. Crouch froh sein, dass keiner beim Tagepropheten weiß, wie übel er mit Hauselfen umspringt!“, zischte Mine zornig. „Hör mal zu, Hermine!“, erwiderte Percy. „Ein hochrangiger Ministerbeamter wie Mr. Crouch verdient unerschütterlichen Gehorsam von seinen Bediensteten-...“ „Seiner Sklavin, meinst du wohl!“, unterbrach ihn Mine mit schriller Stimme. „Denn er bezahlt Winky doch nicht, oder?“ „Ich denke, ihr geht jetzt alle nach oben und seht nach, ob ihr beim Packen auch nichts vergessen habt!“, unterbrach Mrs. Weasley den Streit. „Nun los, und zwar alle...“

    Mine und Ginny gingen nach oben, um fertig zu packen, doch ich folgte Harry und Ron, da ich schon alles gepackt hatte. Unter dem Dach war der Regen noch lauter zu hören und es schüttete so heftig, dass man, wenn man aus dem Fenster, keine Hand vor Augen sah. Pig begann zwitschernd in seinem Käfig herumzuflattern, als wir eintraten. Der Anblick der halb gepackten Koffer schien ihn vor Aufregung rasend zu machen. „Ihr könnt ihm ein paar Eulenkekse reinwerfen“, meinte Ron und warf Harry eine Tüte zu, „vielleicht stopft ihm das den Schnabel.“ Ich nahm ein paar Eulenkekse und steckte sie durch die Käfigstangen. Harry war währenddessen dabei, seinen Stapel Pakete mit den Sachen aus der Winkelgasse auszupacken. Er begann gerade damit, sie in seinen Koffer zu packen, als Ron hinter uns plötzlich ein lautes „Uäääh“ vernehmen ließ. „Was soll das denn sein?“ Er hielt etwas in die Höhe, das aussah wie ein langes, kastanienbraunes Samtkleid. Es hatte einen verschlissenen Rüschenkragen und dazu passende Spitzensäume an den Ärmeln. Es klopfte und Mrs. Weasley trat mit einem Arm frisch gewaschener Hogwarts-Umhänge herein. „Passt bloß auf, dass ihr sie richtig einpackt, damit sie nicht knittern“, sagte sie, nachdem sie die Umhänge auf Harry und Ron verteilt hatte. „Mum, du hast mir Ginnys neues Kleid gegeben“, beschwerte sich Ron und hielt seiner Mutter das Samtkleid hin. „Wie kommst du darauf?“, fragte Mrs. Weasley. „Das ist für dich. Dein Festumhang.“ „Mein was?“, fragte Ron verdattert. „Dein Festumhang!“, wiederholte Mrs. Weasley. „Auf der Schulliste heißt es, ihr braucht dieses Jahr einen Umhang...für festliche Anlässe.“ „Du machst Witze“, meinte Ron ungläubig. „Das Teil zieh ich nie und nimmer an.“ „Alle tragen so was, Ron!“ Doch ich hatte eine gewisse Ahnung, dass es eben nicht so war. „Die sehen nun mal so aus! Dein Vater hat auch welche für schicke Partys!“ „Bevor ich so was anziehe, geh ich lieber splitternackt“, weigerte sich Ron verbissen. „Stell dich nicht so an“, sagte Mrs. Weasley, „du brauchst unbedingt einen Festumhang, das steht auf der Liste! Für Harry hab ich auch einen...zeig ihn mal, Harry...“ Ich sah, wie Harry mit zitternden Finger das letzte Paket öffnete. Sein Festumhang hatte jedoch keine Rüschen; im Gegenteil: er wirkte, wie ein ganz normaler Smoking. „Na also, der ist in Ordnung!“, empörte sich Ron und musterte Harrys Festumhang. „Warum hab ich nicht auch so einen gekriegt?“ „Weil...na ja, ich musste deinen im Secondhandladen besorgen, und da hatten sie nicht so viel Auswahl.“ Ich sah peinlich berührt zu Boden. Wie Ron sich jetzt wohl fühlen musste... „Den zieh ich nicht an“, sagte Ron nachdrücklich. „Nie und nimmer.“ „Schön“, fauchte Mrs. Weasley. „Dann geh nackt. Harry, Olivia, passt bloß auf, dass ihr ein Foto von uns macht. Damit ich auch mal was zu lachen habe, meine Güte aber auch.“ Sie ging hinaus und schlug die Tür hinter sich zu.

    Nachdem Harry seine Sachen in den Koffer gepackt hatte, ließen wir Ron mit seinem verunstaltetem Festumhang allein und gingen die Treppen zur Küche hinunter. „Ron tut mir echt Leid, wegen diesem Umhang.“ Harry nickte. „In seiner Haut möchte ich jetzt nicht stecken.“ „Da hab ich ja Glück, dass ich keinen Umhang tragen muss.“ „Was wirst du denn tragen?“, fragte Harry. Ich kicherte. „Na, ein Kleid, was sonst?“ „Hast du schon eins?“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich glaub’, ich kauf mir einfach eins in Hogsmeade. Du weißt schon, in Besenknechts Sonntagsstaat. Irgendein schönes find ich schon.“ „Du würdest auch in einem Kartoffelsack wunderschön aussehen“, meinte Harry grinsend. „Ach, übertreib doch nicht, Harry!“ „Du findest schon das richtige Kleid für dich, Liv! Fragt sich nur, für was wir die Festumhänge und Kleider überhaupt brauchen.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Wir werden es schon früh genug herausfinden.“

    14
    14. Kapitel

    Der Regen klatschte immer noch schwer gegen die Scheiben, als ich am nächsten Morgen erwachte. Nun waren die Sommerferien entgültig vorbei. Rasch schlüpfte ich in einen rot-golden gestreiften Pullover und eine dunkelblaue Jeans. Ich streifte wahllos einige bunte Armbänder über meinen linken Arm und ging danach zusammen mit Ginny und Mine hinunter zum Frühstück. Wir hatten gerade den Treppenabsatz im ersten Stock erreicht, als Mrs. Weasley mit gequälter Miene am Fuß der Treppe erschien. „Arthur!“, rief sie durchs Treppenhaus. „Arthur! Dringende Nachricht vom Ministerium!“ Lautes Gepolter war von der Treppe über uns zu hören; Harry, Ron, Fred und George erschienen, doch sie wurden von Mr. Weasley zur Seite, der im Nu an uns vorbeigerannt war und unten in der Küche verschwand. Als wir kurz darauf nach unten kamen, wühlte Mrs. Weasley gerade hektisch in den Schubladen des Geschirrschranks - „Hier hatte ich doch irgendwo ‘ne Feder liegen!“ -, während sich Mr. Weasley über das Feuer gebeugt hatte und sich mit jemandem unterhielt- Inmitten der Flammen erkannte ich Amos Diggory. Er redete hastig auf Mr. Weasley ein, während um seine Ohren herum züngelnde Flammen empor stoben. „Muggelnachbarn haben Lärm und Schreie gehört und deshalb diese, wie heißen die noch mal - Blizisten gerufen. Arthur, du musst da unbedingt hin!“ „Hier, bitte!“, keuchte Mrs. Weasley und drückte ihrem Mann ein Blatt Pergament, ein Fläschen Tinte und eine zerfledderte Feder in die Hand. „Wir können wirklich von Glück reden, dass ich davon gehört hab“, fuhr Mr. Diggory fort. „Ich musste heute recht früh ins Büro, um ein paar Eulen wegzuschicken, und da hab ich all diese Leute von Missbrauch der Magie losfliegen sehen - wenn Rita Kimmkorn Wind davon kriegt, Arthur -...“ „Was hat Mad-Eye denn nun genau gesehen?“, fragte Mr. Weasley, während er das Tintenfläschen aufschraubte und seine Feder füllte, um sich Notizen zu machen. Mr. Diggory rollte mit den Augen. „Jemand habe sich in seinen Hof rumgetrieben, meinte er. Er sei auf sein Haus zugeschlichen, doch seine Mülleimer hätten sich auf ihn gestürzt.“ „Was haben die Mülleimer genau gemacht?“, fragte Mr. Weasley weiter, während er eifrig mitschrieb. „Einen Höllenlärm und den ganzen Müll durch die Gegend gepfeffert, soweit ich weiß“, erwiderte Mr. Diggory. „Als dann die Blitzisten auftauchten, ist offenbar immer noch einer herumgetorkelt-...“ Mr. Weasley stöhnte auf. „Und was ist mit dem Eindringling?“ „Arthur, du kennst doch Mad-Eye“, sagte Mr. Diggorys Kopf unter erneutem Augenrollen. „Jemand, der sich mitten in der Nacht in seinen Hof schleicht? Wahrscheinlich läuft irgendwo eine zu Tode erschreckte Katze herum, dekoriert mit Kartoffelschalen und Apfelbutzen. Aber sobald Mad-Eye den Leuten von der Missbrauchsbekämpfung in die Hände fällt, ist er erledigt- denk mal an seine Vorstrafen - wir müssen ihm irgendeine Kleinigkeit anhängen, etwas aus deiner Abteilung - was kriegt man für explodierende Mülleimer?“ „Eine Verwarnung wär drin“, überlegte Mr. Weasley stirnrunzelnd und schrieb weiter. „Mad-Eye hat seinen Zauberstab nicht benutzt? Er selbst hat niemanden angegriffen?“ „Ich wette, er ist aus dem Bett gesprungen und angefangen, alles zu verhexen, was er vom Fenster aus erreichen konnte“, vermutete Mr. Diggory, „aber die werden Schwierigkeiten haben, das zu beweisen; Verletzte gibt es nicht.“ „Gut, ich muss los“, sagte Mr. Weasley, stopfte das Pergament mit den Notizen in die Tasche und huschte aus der Küche. Mr. Diggorys Kopf wandte sich Mrs. Weasley zu. „Tut mir leid, Molly“, fügte er etwas ruhiger hinzu, „dass ich euch heute so früh stören musste...aber Arthur ist nun mal der Einzige, der Mad-Eye da raushauen kann, und Mad-Eye sollte heute eigentlich seine neue Stelle antreten. Warum er ausgerechnet letzte Nacht...“ „Schon gut, Amos“, unterbrach ihn Mrs. Weasley. „Willst du vielleicht ein wenig Toast mit Butter, bevor du gehst?“ „Oh danke, da sag ich nicht nein.“ Mrs. Weasley nahm ein Stück gebutterten Toast von einem riesigen Stapel auf dem Küchentisch, steckte es in die Feuerzange, die an einem Haken neben dem Kamin aufgehängt war, und schob es in die hellglühende Glut in Mr. Diggorys Mund. „Danke“, schmatzte Mr. Diggory und verschwand mit einem leisen „Plopp“ Mr. Weasley verabschiedete sich hastig von uns; fünf Minuten später tauchte er wieder in der Küche auf, sich immer noch hastig die Haar kämmend. „Ich muss mich beeilen - ein gutes Schuljahr wünsch ich euch“, rief er uns zu und machte Anstalten zu disapparieren. „Molly, macht es dir was aus, die Kinder nach King’s Cross zu bringen?“ „Ist schon gut“, meinte Mrs. Weasley. „Kümmere du dich um Mad-Eye, wir kommen schon klar.“

    Mr. Weasley war kaum verschwunden, als Bill und Charlie in die Küche traten. „Hat hier jemand etwas von Mad-Eye Moody gesagt?“, fragte Bill. „Was hat er denn jetzt schon wieder ausgefressen?“ „Er behauptet, jemand habe versucht, letzte Nacht in sein Haus einzubrechen“, erwiderte Mrs. Weasley. „Mad-Eye Moody?“, fragte George nachdenklich, während er einen der Toasts dick mit Marmelade bestrich. „Ist das nicht dieser vollkommen durchgeknallte-...“ „Dein Vater hält sehr viel von Mad-Eye Moody“, unterbrach ihn Mrs. Weasley. „Na ja, Dad sammelt auch Stecker, oder?“, meinte Fred gedämpft, als Mrs. Weasley hinausging. „Seelenverwandschaft...“ „Moody war zu seiner Zeit ein großer Zauberer“, mischte sich Bill ein. „Wer ist denn nun Mad-Eye?“, fragte ich. „Früher hat er fürs Ministerium gearbeitet, heute ist er im Ruhestand“, erklärte Charlie. „Ich hab ihn mal getroffen, als Dad mich zur Arbeit mitnahm. Er war ein Auror - einer der besten...ein Jäger schwarzer Magier“, fügte er hinzu, als er Harrys fragenden Blick bemerkte. „Zu seiner Zeit hat er praktisch die Hälfte der Zellen in Askaban gefüllt. Hat sich dabei allerdings eine Menge Feinde gemacht...vor allem die Familie von Leuten, die er gefangen hat...und wie ich höre, hat ihn auf seine alten Tage noch der Verfolgungswahn gepackt. Traut keinem mehr über den Weg. Sieht an jeder Ecke schwarzer Magier.“

    Bill und Charlie hatten sich bereit erklärt, uns nach King’s Cross zu begleiten und sich dort zu verabschieden. Percy jedoch entschuldigte sich wortreich, weil er unbedingt zur Arbeit müsse. „Ich kann es einfach nicht zulassen, mir noch länger freizunehmen“, verkündete er. „Mr. Crouch verlässt sich inzwischen ganz und gar auf mich.“ „Ja, und weißt du was, Percy?“, meinte George mit ernster Miene. „Ich denke, bald wird er sich sogar deinen Namen merken.“

    Mrs. Weasley hatte sich an ein Telefon gewagt (Mine hatte mir vor einer halben Ewigkeit mal erklärt, was dieses Ding war), und hatte drei gewöhnliche Muggeltaxis bestellt, die uns nach London fahren sollten. Als wir schließlich auf dem pfützenreichen Hof im Regen standen und zusahen, wie die Taxifahrer sieben schwere Hogwarts-Schrankkoffer in ihre Autos luden, murmelte Mrs. Weasley schließlich: „Die sehen aber nicht gerade fröhlich aus, oder?“ Ich war mir jedoch recht sicher, dass Muggeltaxifahrer selten überdrehte Eulen transportierten (Pig machte einen trommelfellzerfetzenden Lärm). Außerdem war es nicht besonders hilfreich, dass Freds Koffer aufsprang und drei Dutzend Dr. Filibusters nass zündender, hitzefreier Feuerwerksknaller losgingen. Woraufhin der Fahrer, dem Krummbein in heftiger Panik auch noch seine scharfen Krallen in die Waden schlug, vor Schreck und Schmerz laut aufschrie. Mitsamt unseren Koffern quetschten wir uns auf die enge Rückbank, wodurch wir eine unangenehme Fahrt hatten. Krummbein brauchte eine ganze Weile, um sich von den Knallern zu erholen, und als wir London endlich erreichten, waren Harry, Ron, Mine und ich furchtbar zerkratzt. Erleichtert aufatmend stiegen wir vor King’s Cross aus; wir mussten blitzschnell über die Straße rennen, da es wie aus Kübeln goss und wir pitschnass wurden.

    Ich konnte es kaum erwarten, bis wir bei der Steinwand zwischen Gleis 9 und 10 angekommen waren. Mine und Ron gingen als Erste durch die Wand, da sie dank Pigwidgeon und Krummbein am auffälligsten waren. Dann waren Harry und ich dran; kaum hatten wir uns ganz entspannt gegen die Wand gelehnt, als wir auch schon hindurchglitten...und Gleis neundreiviertel tauchte vor unseren Augen auf. der Hogwarts-Express mit seiner scharlachroten Dampflok stand schon bereit zur Abfahrt, und im Nebel der Dampfschwaden, die aus dem Schornstein rauchten, wirkten die vielen Hogwarts-Schüler und ihre Eltern auf dem Bahnsteig wie dahingleitende Schatten. Pig erwiderte die vielstimmigen Eulenschreie, die durch den dichten Nebel drangen, mit besonders lautem und schrillem Lärm. Zusammen mit Ron und Mine, die auf uns gewartet hatten, machten wir uns auf die Suche nach Sitzplätzen und konnten unser Gepäck auch bald in einem Abteil in der Mitte des Zugs verstauen. Dann gingen wir noch einmal zurück auf den Bahnsteig, um Mrs. Weasley, Bill und Charlie auf Wiedersehen zu sagen. „Vielleicht seht ihr mich schneller wieder, als ihr denkt“, grinste Charlie, während er Ginny zum Abschied umarmte. „Warum?“, fragte Fred neugierig. „Ihr werdet ja schon sehen“, meinte Charlie. „Aber sagt bloß Percy nicht, dass ich was erwähnt hab...es ist ja >eine geheime Information, bis das Ministerium beschließt, sie freizugeben<.“ „Ja, ich wünschte, ich könnte diese Jahr noch mal in Hogwarts sein“, seufzte Bill, der beinahe neidisch den Zug betrachtete. „Warum?“, fragte George ungeduldig. „Ihr werdet jedenfalls ein spannendes Jahr haben. Vielleicht nehm ich mir sogar mal frei, um es mir selbst kurz anzuschauen...“ „Was denn?“, fragte Ron. Doch in diesem Moment war ein gellender Pfiff zu hören und Mrs. Weasley schubste uns zur Waggontür. Wir stiegen ein, schlossen die Tür und lehnten uns aus dem Fenster hinaus. „Danke, dass wir bei Ihnen wohnen durften“, rief Mine. „Ja, danke für alles“, fügte ich hinzu. „Es war mir ein Vergnügen, meine Lieben“, erwiderte Mrs. Weasley. „Ich würde euch ja gerne zu Weihnachten einladen, aber...nun, ich denke, ihr wollt sicher alle in Hogwarts bleiben, wo doch so viel los sein wird...“ Mum!“, rief Ron gereizt. „Nun sag uns schon, worum es geht!“ „Das werdet ihr wohl heute Abend erfahren“, meinte Mrs. Weasley lächelnd. „Es wird sicher ganz spannend - ihr wisst ja nicht, wie froh ich bin, dass sie die Regeln geändert haben-...“ „Welche Regeln?“ „Ich bin sicher, Professor Dumbledore wird es euch sagen...nun, benehmt euch, verstanden? Verstanden, Fred? Und du, George?“ Doch nun begannen die Kolben zu zischen und der Zug setzte sich in Bewegung. „Sag uns, was in Hogwarts passieren soll!“, schrie Fred aus dem Fenster, doch Mrs. Weasley, Bill und Charlie entfernten sich rasch. „Welche Regeln haben sie denn geändert?“ Aber Mrs. Weasley lächelte nur und winkte. Noch bevor der Zug um die Kurve gebogen war, war sie mit Bill und Charlie disappariert.

    Harry, Ron, Mine und ich gingen zurück in unser Abteil. Dichter Regen klatschte heftig gegen das Fenster und draußen konnte man kaum etwas erkennen. Ron öffnete seinen Koffer, zog seinen kastanienbraunen Festumhang heraus und warf ihn über Pigs Käfig, um sein schrilles Geschrei zu dämpfen. „Bagman wollte uns verraten, was in Hogwarts passieren wird“, brummte er und setzte sich neben Harry. „Bei der Weltmeisterschaft, wisst ihr noch? Aber meine Mutter, meine eigene Mutter will es mir nicht sagen. Ich frag mich, was-...“ „Schhhh!“, flüsterte Mine, die neben mir saß, plötzlich, drückte einen Finger an ihre Lippen und deutete auf das Nebenabteil. Ich lauschte angestrengt und durch die offene Tür war nun eine vertraute, eingebildete Stimme zu hören.

    „Vater hat tatsächlich überlegt, ob er mich nach Durmstrang schicken soll und nicht nach Hogwarts. Er kennt nämlich den Schulleiter dort. Tja, ihr wisst ja, was er über Dumbledore denkt - der Kerl ist so ein unglaublicher Liebhaber von Schlammblütern -, und Durmstrang nimmt solches Gesindel erst gar nicht auf. Aber Mutter wollte nicht, dass ich so weit weg in die Schule gehe. Vater sagt, in Durmstrang haben sie eine weitaus vernünftigere Einstellung zu den dunklen Künsten als in Hogwarts. Durmstang-Schülern lernen sie die sogar und uns bringen sie nur diesen Verteidigungskram bei...“

    Leise stand ich auf, ging auf Zehenspitzen zu unserer Abteiltür hinüber und schob sie zu. Draco war nicht mehr zu hören. „Ich wünschte, er wäre tatsächlich nach Durmstrang gegangen“, schimpfte Mine wütend, nachdem ich mich wieder gesetzt hatte, „Durmstrang hätte echt besser zu ihm gepasst!“ „Durmstrang ist auch eine Zauberschule?“, fragte Harry. „Ja“, erwiderte ich, „und sie hat einen fürchterlichen Ruf. Sie legen dort großen Wert auf die dunklen Künste.“ „Ich glaub, ich hab schon mal davon gehört“, überlegte Ron. „wo ist sie? In welchem Land?“ „Tja, das weiß keiner, ist doch klar“, entgegnete Mine und hob die Augenbrauen. „Hmmm - wieso?“, fragte Harry. Mine sah mich an und ich nickte, um ihr zu sagen, dass ich fortfahren würde. „Es gibt schon lange viel Rivalität zwischen den Zauberschulen. Beauxbatons und Durmstrang ziehen es vor, sich versteckt zu halten, damit niemand ihre Geheimnisse stehlen kann.“ „Jetzt hör aber auf, Liv“, meinte Ron und fing an zu lachen. „Durmstrang muss ungefähr so groß wie Hogwarts sein! Wie willst du denn so ein irre großes Schloss verstecken?“ „Aber Hogwarts ist auch versteckt“, schaltete sich Mine überrascht ein, „jeder weiß es...nun ja, jeder, der die >Geschichte von Hogwarts< gelesen hat.“ „Also nur ihr beide“, eriderte Ron trocken. „Dann erklärt mir mal - wie versteckt man ein Schloss wie Hogwarts?“ „Es ist verhext“, erklärte ich. „Wenn Muggel es entdecken, dann sehen sie nur eine vermoderte alte Ruine mit einem Schild über dem Eingang, auf dem steht: ACHTUNG, KEIN ZUTRITT, EINSTURZGEFAHR.“ „Und Durmstrang sieht dann für Außenstehende auch aus wie eine Ruine?“ „Vielleicht“, bemerkte Mine schulterzuckend, „oder es hat Muggelabwehrzauber an den Mauern wie das Stadion bei der Quidditch-Weltmeisterschaft. Und damit fremde Zauberer es nicht finden können, haen sie es sicher unortbar gemacht-...“ „Wie bitte?“ „Nun, man kann ein Gebäude so verzaubern, dass man es auf einer Karte nicht orten kann.“ „Ähm - wenn du meinst“, sagte Harry zu Mine. „Ich glaube jedenfalls, dass Durmstrang irgendwo im hohen Norden liegen muss“, überlegte ich nachdenklich. „Wo es sehr kalt ist - bei denen gehören nämlich Pelzumhänge zur Schuluniform.“ „Ach, denkt doch nur mal an die Möglichkeiten“, meinte Ron mit einer träumerischen Miene. „Es wäre so einfach gewesen, Malfoy von einem Gletscher zu stoßen und die Sache wie einen Unfall aussehen zu lassen...jammerschade, dass seine Mutter ihn mag.“ Mine, Harry und ich konnte uns ein lautes Lachen nicht verkneifen und auch Ron schien zufrieden zu sein.

    Der Zug fuhr immer weiter nach Norden und der Regen wurde immer stärker. Der Himmel war dunkel und das große Fenster war beschlagen, weshalb bereits gegen Mittag die Lampen angingen. Irgendwann kam dann auch der Karren mit Speisen und Getränken kam den Gang entlanggerattert; Harry kaufte für uns alle einen riesigen Stapel Kesselkuchen und ich deckte mich mit mehreren Schachteln Schokofrösche und Bertie Botts Bohnen aller Geschmacksrichtung ein. Einige unserer Freunde sahen im Lauf des Nachmittags bei uns vorbei, darunter Seamus Finnigan, Dean Thomas und Neville Longbottom. Seamus trug immer noch seine Irland-Rosette. Ihr Zauber schien nun ein wenig nachzulassen; zwar piepste sie noch „Troy! Mullet! Moran!“, doch klang recht schwach und erschöpft. Nach einer guten halben Stunde hatte Mine das endlose Quidditch-Gerede satt und vergrub sich in das >Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 4<, um zu versuchen, sich einen Sammelzauber beizubringen. Neville lauschte neidisch, wie Harry und Ron das Endspiel noch einmal Zug für Zug durchsprachen. Irgendwann hatte ich auch genug, und holte meine Tagebuch hervor. Ich begann, den Traum, den ich in der Nacht der Weltmeisterschaft gehabt hatte, aufzuschreiben. „Und wir haben Viktor Krum ganz aus der Nähe gesehen“, erzählte Ron schließlich stolz. „Wir waren in der Ehrenloge.“ „Zum ersten und letzten Mal in deinem Leben, Weasley.“

    Draco war in der Tür erschienen. Hinter ihm standen Crabbe und Goyle, die beide im Sommer offenbar um mehr als einen Kopf gewachsen waren. Höchstwahrscheinlich hatte er das Gespräch durch die Abteiltür, die Seamus und Dean offen gelassen hatten, belauscht. „Ich erinnere mich nicht, dich eingeladen zu haben, Malfoy“, sagte Harry kühl. „Sag mal, Weasley...was ist das denn?“, fragte Draco und deutete auf Pigs Käfig. Ein Ärmel von Rons Festumhang, der darüberhing, schwang im Fahrtrythmus des Zugs hin und her, so dass der vergammelte Spitzenbesatz recht gut zur Geltung kam. Ron wollte den Umhang schnell verschwinden lassen, aber Draco war schneller; er packte den Ärmel und zog ihn an sich. „Seht euch das an!“, rief er entzückt und hob Rons Festumhang hoch, damit Crabbe und Goyle ihn begutachten konnten. „Weasley, du hast doch nicht etwa die Absicht, den wirklich zu tragen? Immerhin - um 1890 war es sicher der letzte Schrei...“ „Friss Mist, Malfoy!“, rief Ron; sein Gesicht hatte längst die Farbe seines Umhangs angenommen, als er ihn Draco entriss. Dieser lachte hämisch und Crabbe und Goyle glotzten blöd. „Aha...willst du dich bewerben, Weasley? Willst den Namen deiner Familie mit ein wenig Ruhm bekleckern? Geld ist auch im Spiel, du weißt ja...könntest dir ein paar anständige Umhänge leisten, wenn du gewinnen würdest...“ „Wovon redest du eigentlich?“, fuhr ihn Ron an. „Machst du mit?“, wiederholte Draco. „Du, Potter, auf jeden Fall, schätze ich. du lässt doch keine Gelegenheit aus, um den Angeber zu spielen, oder?“ „Entweder du erklärst, wovon du redest, oder du verschwindest, Malfoy!“, sagte ich gereizt. Ein hämisches Grinsen breitete sich über Dracos Gesicht aus. „Erzähl mir bloß nicht, dass du keine Ahnung hast, Rosier“, erklärte er höhnisch. „Dein Vater gehört zur Obrigkeit, geht im Ministerium ein und aus, und du weißt es nicht mal? Mein Vater hat es mir schon vor einer Ewigkeit erzählt...hat es von Cornelius Fudge erfahren. So ist das eben, Vater hat immer mit Topleuten im Ministerium zu tun...höchstwahrscheinlich bist du deinem Vater einfach nicht wichtig genug, als dass er es dir erzählen würde...“ Er lachte laut auf, nickte Crabbe und Goyle zu, und die drei verschwanden. Ich erhob mich und knallte die Schiebetür unseres Abteils so heftig zu, dass die Scheibe zu Bruch ging. Tausende Glassplitter lagen auf dem Boden. „Liv!“, entrüstete sich Mine. Doch ich achtete gar nicht auf sie, sondern zückte meinen Zauberstab. „Reparo!“ Die Scherben setzten sich blitzschnell zu einer Scheibe zusammen, die sich wieder in die Tür einfügte. Wortlos ließ ich mich zurück auf meinen Sitz fallen und vergrub mich hinter den Pergamentseiten meines Tagebuchs. Dass Mine, Ron und Harry sich einen bedeutungsvollen Blick zuwarfen, entging mir jedoch nicht.

    Am späten Nachmittag zogen wir schließlich irgendwann unser Umhänge an, und bald kam der Hogwarts-Express zum Bremsen. Draußen an der Haltestelle von Hogsmeade herrschte pechschwarze Dunkelheit. Kaum waren die Waggontüren aufgegangen, hörten wir über uns lautes Donnergrollen. Mine wickelte Krummbein in ihren schwarzen Schulumhang (danach würde sicher ein großer Teil von Krummbeins rostrotem Fell darauf zu sehen sein) und Ron ließ seinen Festumhang über Pigs Käfig hängen. Mit gesenkten Köpfen kämpften wir uns durch den Wolkenbruch. Es regnete so heftig, als würde jemand ständig volle Eimer mit eiskaltem Wasser über unsere Köpfe ausschütten. „Hallo, Hagrid!“, rief Harry plötzlich; ich drehte mich um und erspähte am anderen Ende des Bahnsteigs eine hünenhafte Gestalt. „Alles klar, Harry?“, brüllte Hagrid zurück und winkte uns. „Sehn uns beim Festessen, falls wir vorher nicht absaufen!“ Wie es der Brauch war, mussten die neuen Schüler mit Booten über den See nach Hogwarts fallen. „Uuuh, bei diesem Wetter hätt ich keine Lust, über den See zu fahren“, meinte Mine und schüttelte sich ausgiebig. Inmitten der riesigen Schülerschar gelangten wir nur mühsam voran und nach draußen vor den Bahnhof, wo bereits hunderte Kutschen, mit den seltsamen Pferden (mittlerweile wusste ich, dass sie Thestrale hießen) standen. Harry, Ron, Mine und ich stiegen erleichtert in einen der Wagen; die Tür schlug zu und wenige Augenblicke später setzten sich die Kutschen mit einem kräftigen Ruck in Bewegung. Ratternd und Wasser zu allen Seiten verspritzend zogen die Thestrale die Kutschen den Weg zum Schloss empor.

    15
    15. Kapitel

    Die Kutschen rollten durch das Schlosstor, das von geflügelten Steinebern bewacht wurde und gerieten nun gefährlich ins Schlingern, denn aus dem heftigen Wind war ein Sturm geworden. Da ich am Fenster saß, hatte ich einen guten Blick auf die hellerleuchteten Fenster, die nur verschwommen durch den dichten Regen wahrzunehmen waren und immer näher kamen. Ein lauter Donnerschlag ertönte, als unsere Kutsche an der steinernen Treppe anhielt, die zum großen Eichenportal führte. Viele Schüler stiegen nun schon die Stufen zum Schloss empor; auch wir sprangen aus dem Wagen und hasteten die die Treppe hinauf. Erst, als wir wieder in der gewölbten, fackelerleuchteten Eingangshalle mit der beeindruckenden Marmortreppe standen, atmeten wir auf. Ron schüttelte seinen Kopf, der vollkommen durchnässt war, und spritzte Wasser auf die Umstehenden. „Wenn das so weitergeht, läuft der See noch über. Ich bin pitsch...-AAAARRRH!“

    Ein großer, roter, mit Wasser gefüllter Ballon war von der Decke herab gefallen und auf Rons Kopf zerplatzt. Durchnässt und prustend stolperte Ron rückwärts und rempelte Harry an; in diesem Moment fiel der zweite Ballon - sie verfehlte Mine knapp und platzte vor Harrys Füßen auf. Unsere Mitschüler flohen schreiend und kreischend aus der Schusslinie - Ich sah nach oben und entdeckte Peeves, den Poltergeist, der mit breitem, heimtückischen Gesicht über uns schwebte. „Peeves!“, rief eine zornige Stimme. „Peeves, kommen Sie sofort runter!“ Professor McGonagall kam aus der Großen Halle gestürmt, rutschte aber auf den nassen Steinfliesen aus und konnte sich nur vor einem Sturz bewahren, indem sie sich an das Erste klammerte, an dem sie Halt fand - Mines Hals. „Autsch - Verzeihung, Miss Granger-...“ „Macht nichts, Professor“, würgte Mine hervor und rieb sich die Kehle. „Peeves, runter jetzt, sofort!“, schrie Professor McGonagall, rückte ihren Spitzhut zurecht und starrte durch ihre Brillengläser zornig zur Decke. „Ich tu doch gar nichts“, gackerte Peeves und warf mit Schwung eine Wasserbombe auf eine Gruppe von Fünftklässlerinnen, die schreiend in die Große Halle flüchteten. „Sind doch eh schon nass, oder? Uuuuuiiiiiii!“ Und schon warf er eine weitere Bombe auf ein paar Zweitklässler, die gerade noch entkommen konnten. „Ich rufe den Schulleiter!“, rief Professor McGonagall. „Ich warne Sie, Peeves-...“ Peeves streckte ihr die Zunge raus, warf eine letzte Wasserbombe in die Luft und rauschte, während er sich ein irres Kichern nicht verkneifen konnte, die Marmortreppe hinauf. „Also weiter jetzt“, bestimmte Professor McGonagall mit scharfer Stimme. „In die Große Halle, Beeilung!“

    Ron wischte sich unter wütendem Gemurmel das nasse Haar aus dem Gesicht; Wir schlitterten und rutschten durch die Eingangshalle und anschließend rechts zur Flügeltür. Wie immer zum Schuljahresbeginn war die Große Halle herrlich geschmückt. Goldene Teller und Kelche schimmerten im Licht hunderter Kerzen, die über den Tischen schwebten. An den vier Haustischen saßen unzählige Schüler, die sich eifrig schwatzend unterhielten. Es herrschte eine angenehme Wärme. Harry, Ron, Mine und ich gingen an den Slytherins, den Ravenclaws und den Hufflepuffs vorbei und setzten uns an den Gryffindor-Tisch. Harry zog seine Turnschuhe aus und schüttete das Wasser aus. „Hoffentlich beeilen sie sich bei der Auswahl. Ich verhungere gleich.“ Ich ließ meinen Blick durch die Große Halle schweifen und landete schließlich beim Lehrertisch. Drei Stühle waren leer. Hagrid fuhr natürlich immer noch im wilden Sturm mit den Erstklässlern über den See; Professor McGonagall überwachte vermutlich das Aufwischen in der Eingangshalle. Noch ein Stuhl war leer, an der Stelle, wo normalerweise der Lehrer für Verteidigung gegen die dunkle Künste saß. „Wo ist der neue Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste?“, fragte Mine, die den leeren Stuhl ebenfalls bemerkt hatte. „Vielleicht haben sie keinen gekriegt!“, vermutete ich besorgt. Ich ließ meinen Blick am Tisch entlangwandern.

    Der kleine Professor Flitwick, Leiter des Schulchors und Lehrer für Zauberkunst, saß auf einem großen Stapel Kissen neben Professor Sprout, der Lehrerin für Kräuterkunde. Diese saß neben Professor Babbling, der Lehrerin für Alte Runen, die sich angeregt mit Professor Vektor, der Lehrerin für Arithmantik, unterhielt. Neben ihr, in der Mitte des Tisches saß Albus Dumbledore, der Schulleiter. Rechts von ihm erblickte ich Professor Snape, den Lehrer für Zaubertränke. Neben ihm saß Professor Sinistra, die Lehrerin für Astronomie. Daneben war ein leerer Stuhl, der sicher Professor McGonagall gehörte. Ihm folgte Madam Hooch, die links vom nächsten leeren Stuhl saß, auf dem ansonsten Hagrid saß. Über dem nächsten Stuhl schwebte Professor Binns, der Geist, der Zaubereigeschichte unterrichtete, der sich gerade mit Professor Burbage, der Lehrerin für Muggelkunde, unterhielt. Und ganz am Rand erhob sich ein dritter leerer Stuhl, auf dem normalerweise der Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste saß.

    Mein Blick wanderte weiter zur verzauberten Decke. Wie immer zeigte sie das Wetter, das auch draußen herrschte. Tiefgraue Sturmwolken jagten über die Decke und draußen schien es in Strömen zu regnen. Als es außerhalb des Schlosses einen erneuten Donnerschlag gab, erhellte keine Sekunde später ein krachender Blitz die Große Halle. „Die sollten sich echt beeilen!“, stöhnte Ron. „Ich könnte einen Hippogreif verspeisen.“ Er hatte seinen Satz kaum beendet, als sich die Flügeltüren der Großen Halle öffneten und Professor McGonagall an der Spitze einer Horde Erstklässler in die Halle geschritten kam und sie durch die Tischreihen hindurchführte. Ich musterte die Elfjährigen genauer. Harry, Ron, Mine und ich waren vielleicht ziemlich nass, doch das war nichts im Vergleich zu den Neuen. Es sah aus, als wären sie nicht über den See gefahren, sondern geschwommen. Alle zitterten vor Kälte, Angst und Aufregung, als sie am Lehrertisch entlanggingen und sich vor den älteren Schülern austellten. Professor McGonagall kam mit dem dreibeinigen Stuhl nach vorne und stellte ihn vor den Neuen ab. Auf dem Stuhl lag der steinalte, geflickte Sprechende Hut. Alle Neuen starrten ihn an. Einen Augenblick lang herrsche Schweigen. Dann öffnete sich ein Riss über der Krempe, ein Mund bildete sich, und der Hut begann sein Lied zu singen:

    Eintausend Jahr und mehr ist’s her,
    seit mich genäht ein Schneider.
    De lebten vier Zauberer wohl angesehn;
    ihre Namen werden nie vergehn.
    Von wilder Heide der kühne Gryffindor,
    die schöne Ravenclaw die tiefe Schlucht erkor.
    Die gute Hufflepuff aus sanftem Tal,
    der schlaue Slytherin aus Sümpfen fahl.
    Sie teilten einen Wunsch und Traum,
    einen kühnen Plan, ihr glaubt es kaum-
    junge Zauberer gut zu erziehn,
    das war von Hogwarts der Beginn.
    Es waren unserer Gründer vier,
    die schufen diese Häuser hier
    und jeder schätzte eine andere Tugend
    bei der von ihm belehrten Jugend.
    Die Mutigen zog Gryffindor
    bei weitem allen andern vor;
    für Ravenclaw die Klügsten waren
    alleine wert der Lehrerqualen.
    Und jedem, der da eifrig lernte,
    bescherte Hufflepuff reiche Ernte.
    Bei Slytherin der Ehrgeiz nur
    stillte den Machttrieb seiner Natur.
    Es ist vor langer Zeit gewesen,
    da konnten sie noch selbst verlesen,
    doch was sollte später dann geschehen,
    denn sie würden ja nicht ewig leben.
    ‘s war Gryffindor, des Rates gewiss,
    der mich sogleich vom Kopfe riss.
    Die Gründer sollten mir verleihn
    von ihrem Grips ‘nen Teil ganz klein.
    So kann ich jetzt, an ihrer statt,
    sagen, wer wohin zu gehen hat.
    Nun setzt mich rasch auf eure Schöpfe,
    damit ich euch dann vor mir knöpfe.
    Falsch gewählt hab ich noch nie,
    weil ich in eure Herzen seh.
    Nun wollen wir nicht weiter rechten,
    ich sag, wohin ihr passt am besten.

    Der Sprechende Hut verstummte und die gesamte Halle brach in lauten Applaus aus. Nun entrollte Professor McGonagall ein langes Pergament. „Wenn ich euren Namen rufe, zieht ihr den Hut über den Kopf und setzt euch auf den Stuhl“, erklärte sie den Erstklässlern. „Wenn der Hut euer Haus ausruft, geht ihr zum richtigen Tisch und setzt euch dort hin.“ Sie holte tief Luft. „Ackerly, Stewart!“ Ein Junge, der am ganzen Körper zitterte, trat vor, nahm den Sprechenden Hut in die Hand, setzte ihn auf und ließ sich auf dem Stuhl nieder. „RAVENCLAW!“ Stewart Ackerley nahm den Hut vom Kopf und hastete hinüber zum Tisch der Ravenclaws, die ihn klatschend empfingen. „Baddock, Malcom!“ „SLYTHERIN!“ Am Tisch der Slytherins brach Jubel aus. Malcom ging hinüber zu den Slytherins; als er sich setzte, pfiffen Fred und George ihn aus. „Branstone, Eleanor!“ „HUFFLEPUFF!“ „Cauldwell, Owen!“ „HUFFLEPUFF!“ „Creevey, Dennis!“ Der winzige Bruder von Colin Creevey stolperte nach vorne; in diesem Moment glitt die Flügeltür erneut auf, und Hagrid trat herein. Er zwinkerte uns zu, als er sich an den Lehrertisch setzte. Dennis Creevey hatte sich inzwischen den Hut aufgesetzt; der Riss über der Krempe öffnete sich weit und rief: „GRYFFINDOR!“ Hagrid stimmte in den Applaus aller Gryffindors ein, als Dennis sich an unseren Tisch neben seinen Bruder setzte.

    So ging es weiter mit der Aufteilung der Schüler; Mädchen und Jungen, alle mit angespannten Gesichtern, traten der Reihe nach vor, und die Schlange wurde immer kürzer, als Professor McGonagall zum Buchstaben L kam. „Oh, beeilt euch“, stöhnte Ron und massierte sich den Bauch. „Ich bitte dich, Ron, die Auswahl ist viel wichtiger als das Essen“, entgegnete Sir Nicolas, während der Hut „Lewas, Lillith“ zu einer Ravenclaw kürte. „Ist ja klar, wenn man schon tot ist“, knurrte Ron. „Ich hoffe einständig, dass die neuen Gryffindors erste Sahne sind“, verkündete der Geist, als „McDonald, Natalie“ zu einer Gryffindor ernannt wurde. „Pritchard, Graham!“ „SLYTHERIN!“ „Quirke, Orla!“ „RAVENCLAW!“ Und nach „Whitby, Kevin!“ („HUFFLEPUFF!“) verstummte der Hut schließlich. Professor McGonagall ergriff Hut und Stuhl und trug sie davon.

    „Wird allmählich Zeit“, sagte Ron, packte Gabel und Messer und starrte erwartungsvoll auf seinen goldenen Teller. Professor Dumbledore erhob sich. Lächelnd sah er in die Runde und breitete die Arme aus, um uns willkommen zu heißen. „Ich habe euch nur zwei Worte zu sagen“, verkündete er laut. „Haut rein.“ Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, füllten sich die goldenen Platten und Schüsseln mit den köstlichen Speisen, die Hogwarts zu bieten hatte. Ron und Harry stürzten sich förmlich darauf, doch auch ich und Mine langten kräftig zu. Dabei merkte ich jedoch, wie der Fast Kopflose Nick uns traurig zusah. „Mmmmmmmh, schom bescher“, mampfte Ron, den Mund voller Kartoffelbrei. „Ihr habt Glück, dass es heute überhaupt ein Festessen gibt“, erzählte Sir Nicolas. „Vorhin gab’s nämlich Ärger in der Küche.“ „Warum? Was’n paschiert?“, schmatzte Harry, der gerade ein großes Stück Steak im Mund hatte. „Peeves, natürlich“, meinte Nick. „Der übliche Streit, ihr wisst schon. Wollte beim Essen dabei sein - und das kommt überhaupt nicht in Frage, ihr wisst schon, dieser ungehobelte Kerl. Der kann keinen Teller mit Essen sehen, ohne ihn durch die Gegend zu werfen. Wir haben Geisterrat gehalten - der Fette Mönch wollte ihm unbedingt eine Chance geben -, aber der Blutige Baron war strikt dagegen, völlig zu Recht, wenn ihr mich fragt.“ „Ja, wir haben mitgekriegt, dass Peeves aus irgendeinem Grund völlig wütend war“, meinte Ron stirnrunzelnd. „Was hat er in der Küche denn angestellt?“ „Oh, das Übliche“, sagte der Fast Kopflose Nick achselzuckend. „Verwüstung und Chaos. Überall lagen Töpfe und Pfannen herum. Der ganze Küchenboden war in Suppe getränkt. Hat die Hauselfen fast zu Tode erschreckt-...“

    Klonk. Mine hatte ihren Trinkpokal umgestoßen. Der Kürbissaft floss über das blendend weiße Tischtuch und färbte es orangerot, doch es war ihr ganz offensichtlich egal. „Hier gibt es Hauselfen?“, fragte sie entsetzt. „Hier in Hogwarts?“ „Natürlich“, erklärte der Fast Kopflose Nick, vollkommen überrascht von Mines Reaktion. „Mehr als in jedem anderen Hause Britanniens, schätze ich. Über hundert.“ „Ich hab noch nie welche gesehen!“, brach es aus Mine hervor, die immer noch unter Schock stand. „Natürlich nicht, sie verlassen tagsüber kaum die Küche“, antwortete der Fast Kopflose Nick. „Nachts kommen sie raus, um sauber zu machen...nach den Feuern schauen und so weiter...außerdem soll man sie ja gar nicht sehen. Zeichnet es einen guten Hauselfen nicht gerade darin aus, dass man ihn überhaupt nicht bemerkt?“ Mine starrte ihn fassunglos an. „Aber sie werden doch bezahlt?“, fragte sie mit zittriger Stimme. „Sie kriegen Urlaub, oder nicht? Und - sie sind krankenversichert und bekommen eine Rente?“ Der Geist gluckste heftig. „Krankenversicherung und Rente?“ Er gluckste erneut. „Hauselfen wollen sich nicht krankschreiben lassen und auch nicht in Rente gehen!“ Mine warf einen Blick auf ihren kaum berührten Teller, legte Messer und Gabel beiseite und schob ihren Teller von sich weg. „Ey, ‘ör mal, ‘Ermine“, mampfte Ron, den Mund voller Yorkshire-Pudding. Ich hörte, wie er den Bissen hinunterschluckte, dann fuhr er fort: „Selbst wenn du dich zu Tode hungerst, kriegen sie kein Recht auf Krankmeldung!“ „Sklavenarbeit“, stieß Mine angeekelt hervor und atmete schwer durch die Nase. „Das steckt hinter diesem Abendessen. Sklavenarbeit!“ Und mit diesen Worten weigerte sie sich, auch nur einen weiteren Bissen zu nehmen.

    Der Regen trommelte noch immer gegen die hohen, dunklen Fenster. Ein lautes Donnergrollen ließ die Scheiben klirren, am stürmischen Himmel blitzte es. Die Reste des Hauptgangs verschwanden und sofort erschien der Nachtisch. „Siruptorte, Hermine!“, meinte Ron und hielt Mine ein Stück davon hin. „Rosinenpudding, sieh mal! Und Schokoladenkuchen!“ Mine verschränkte demonstrativ ihre Arme und versetzte Ron einen Blick, der dem von Professor McGonagall in nichts nachstand. Ron gab klein bei.

    Als auch der Nachtisch verschlungen war, kein einziger Krümel mehr auf den Platten zu sehen, erhob sich Dumbledore erneut. Das Geschnatter und Gerede, dass gerade noch die Große Halle erfüllt hatte, verstummte jäh; nur noch das Heulen des Windes und das Prasseln des Regens waren zu hören. „So!“, rief Dumbledore und lächelte in die Runde. „Nun, da wir alle gefüttert und gewässert sind“ („Hmpffff!“, ertönte es von Mine), „muss ich noch mal um eure Aufmerksamkeit bitten und euch einige Dinge mitteilen.
    Mr. Filch hat mich gebeten, euch zu sagen, dass die Liste der verbotenen Gegenstände in Hogwarts für dieses Jahr erweitert wurde und nun auch Jaulende Jo-Jos, Fangzähnige Frisbees und Bissige Bumerangs enthält. Die vollständige Liste zählt, soweit ich weiß, etwas 437 Gegenständeauf und kann in Mr. Filchs Büro eingesehen werden, falls jemand sie zu Rate ziehen will.“ Seine Mundwinkel zuckten. „Wie immer“, fuhr er fort, „möchte ich euch daran erinnern, dass der Wald auf dem Schlossgelände für Schüler verboten ist, wie auch das Dort Hogsmeade für alle Schüler der ersten und zweiten Klasse. Ich habe zudem die schmerzliche Pflicht, euch mitzuteilen, dass die Quidditch-Spiele zwischen den Häusern dieses Jahr nicht stattfinden werden.“

    „Was?“, fragten Harry und ich gleichzeitig. Hatte ich mich verhört? Ich sah mich nach Fred und George um. Sie waren offenbar zu entsetzt, um auch nur ein einiges Wort aussprechen zu können, und von ihren Lippen war nur ein stummes Flehen in Richtung Dumbledore abzulesen. „Der Grund dafür ist eine Veranstaltung, die im Oktober beginnen wird. Ich bin sicher, ihr werdet alle viel Spaß dabei haben. Mit größtem Vergnügen möchte ich ankündigen, dass dieses Jahr in Hogwarts-...“ In diesem Moment ertönte ein ohrenbetäubendes Donnergrollen und die Flügeltüren der Halle schlugen krachend auf. Ein Mann, auf einen langen Stock gestützt und in einen schwarzen Umhang gehüllt, stand im Eingang.

    16
    16. Kapitel

    Jeder einzige Kopf in der Großen Halle wirbelte zu dem Fremden herum; ein weiteres Krachen ertönte am Himmel, einige Sekunden später erhellte den Eindringling ein heller Blitz. Er schlug die Kaputze seines Umhangs zurück, befreite mit einem Kopfschütteln seine langen, grauweißen Haare und ging auf den Lehrertisch zu. Ein dumpfes >Klonk< wummerte bei jedem zweiten Schritt durch die Große Halle. Er bestieg das Podium, wandte sich nach rechts und ging auf Dumbledore zu. Erneut schoss ein Blitz über den Himmel. Ich hielt den Atem an. Der Blitz hatte das Gesicht des Mannes erhellt; er hatte ein Gesicht, wie ich noch nie eins gesehen hatte. Es wirkte, als wäre sein Gesicht aus altem Holz geschnitzt worden, von jemanden, der nur spärliche Ahnung von einem menschlichen Gesicht gehabt hatte. Jeder Zentimeter seiner Haut schien vernarbt zu sein. Der Mund war eine klaffende Wunde, die sich schräg über das Gesicht zog; ein großes Stück seiner Nase fehlte. Doch es waren die Augen des Zauberers, die mir wirklich Angst einjagten.
    Das eine Auge war eine kleine, dunkle Perle. Das andere war groß, rund und von einem stählernen Blau. Das blaue Auge bewegte sich ohne eine Pause, ohne Lidschlag, rollte nach oben, nach unten, zur Seite, nach links, nach rechts, ganz unabhänging von seinem normalen Auge - und im nächsten Moment drehte es sich ganz nach hinten und blickte in den Kopf des Mannes hinein, so dass man nur noch das Weiße des Augapfels sehen konnte. Der Fremde blieb nun vor Dumbledore stehen. Er streckte die Hand aus, die genauso vernarbt war, wie sein Gesicht. Dumbledore schüttelte sie und murmelte ein paar Worte, die ich jedoch nicht verstehen konnte. Er schien den Fremden nach etwas zu fragen, der den Kopf schüttelte und mit gedämpfter Stimme antwortete. Dumbledore nickte und bot dem Mann den leeren Platz am Ende des Tisches an. Der Fremde setzte sich, strich sich die grauen Haare aus dem Gesicht, zog einen Teller Würste zu sich her, hob sie zum Rest seiner Nase hoch und schnüffelte an ihnen. Dann zog er ein kleines Messer aus der Tasche, spießte damit eine Wurst auf und begann zu essen. Sein normales Auge ruhte auf den Würsten, aber das blaue Auge huschte immer noch ruhelos umher und musterte die Halle mit den Schülern. „Ich möchte euch euren neuen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste vorstellen“, ergriff Dumbledore das Wort und durchbrach somit die neugierig Stille. „Professor Moody.“

    Normalerweise wurden neue Lehrer mit Beifall begrüßt, doch alle Schüler und Lehrer waren zu gebannt von Professor Moodys Erscheinung, als dass sie geklatscht hätten, außer Dumbledore und Hagrid. Beide klatschten, doch in der Stille klang es so störend, dass sie schnell wieder aufhörten. „Moody?“, wisperte Ron aufgeregt. „Mad-Eye Moody?“ „Ist das nicht der, dem dein Dad heute Morgen zu Hilfe kommen musste?“, fragte ich neugierig. „Das muss er sein“, sagte Ron mit beeindruckter Stimme. „Was ist bloß mit seinem Gesicht passiert?“, flüsterte Mine erschrocken. „Keine Ahnung“, erwiderte Ron, immer noch vollkommen fasziniert. Moody schien sein wenig überschwänglichen Empfang nicht im Mindesten zu stören. Erneut griff er in seinen Umhang, zog einen Flachmann hervor und nahm einen kräftigen Schluck. Als er den Arm anhob, um zu trinken, rutschte sein Umhang ein wenig zur Seite und ich sah unter dem Tisch ein geschnitztes Holzbein hervorragen, das in einem Klauenfuß endete. Dumbledore räusperte sich. „Wie ich eben erwähnte“, sagte er und lächelte in die Runde, die immer noch gebannt Mad-Eye Moody anstarrte, „werden wir in die folgenden Monaten die Ehre haben, Gastgeber einer sehr spannenden Veranstaltung zu sein, eines Ereignisses, das seit Jahrhunderten nicht mehr stattgefunden hat. Mit großem Vergnügen darf ich euch mitteilen, dass dieses Jahr in Hogwarts das Trimagische Tunier stattfinden wird.“

    „Sie machen Witze!“, rief Fred laut. Die Spannung, die sich seit Mad-Eye Moodys Auftauchen aufgebaut hatte, entlud sich mit einem Schlag. Fast alle brachen in ungläubiges Lachen aus, selbst Dumbledore gluckste. „Ich mache keine Witze, Mr. Weasley“, sagte er, „obwohl, da fällt mir ein, im Sommer habe ich einen köstlichen Witz gehört; ein Troll, eine Vettel und ein irischer Kobold gehen zusammen in eine Kneipe-...“ Professor McGonagall räusperte sich vernehmlich. „Ähm-...nun, vielleicht ein andermal...nun...“, überlegte Dumbledore. „Wo war ich stehen geblieben? Ah ja, das Trimagische Tunier...nun, einige von euch werden nicht wissen, worum es bei diesem Tunier geht, und ich hoffe, dass die anderen mir verzeihen, wenn ich dies kurz erkläre.
    Das Trimagische Tunier fand erstmals vor etwa 700 Jahren statt, als freundschaftlicher Wettstreit zwischen den drei größten europäischen Zaubererschulen - Hogwarts, Beauxbatons und Durmstrang. Jede Schule wählte einen Champion aus, der ihre jeweilige Schule vertrat, und diese drei mussten im Wettbewerb drei magische Aufgaben lösen. Die Schulen wechselten sich alle fünf Jahre als Gastgeber des Tuniers ab, und alle fanden, dies sei der beste Weg, persönliche Bande zwischen jungen Hexen und Zauberern verschiedener Länder zu knüpfen - bis allerdings die Todesrate so stark zunahm, dass das Turnier eingestellt wurde.“
    „Todesrate?“, flüsterte Mine alarmiert. Doch ihre Besorgung schien niemand sonst in der Großen Halle zu teilen. „Es gab im Laufe der Jahrhunderte mehrere Versuche, das Tunier wieder einzuführen“, fuhr Dumbledore fort, „doch keiner davon war erfolgreich. Nun allerdings haben unsere Abteilungen für Internationale Magische Zusammenarbeit und für Magische Spiele und Sportarten beschlossen, dass die Zeit reif ist für einen neuen Versuch. Den ganzen Sommer über haben wir uns alle Mühe gegeben, dafür zu sorgen, dass diesmal kein Champion in tödliche Gefahr geraten kann.
    Die Schulleiter von Beauxbatons und Durmstrang werden mit ihren Kandidaten engerer Wahl im Oktober hier eintreffen und die Ausscheidung für die drei Champions wird an Halloween stattfinden. Ein unparteiischer Richter wird entscheiden, welche Schüler geeignet sind, im Trimagischen Tunier für den Ruhm ihrer Schule anzutreten und das Preisgeld von 1000 Galleonen zu gewinnen.“

    „Ich mach mit!“, zischte Fred, so laut, dass es alle am Tisch hörten; er strahlte vor Begeisterung bei der Vorstellung, so viel Ruhm und Reichtum ernten zu können. Er war ganz offenbar nicht der Einzige, der sich schon als Hogwarts-Champion sah. An jedem einzelnen Haustisch sah ich Schüler, die entweder tagtraumverloren Dumbledore anstarrten oder hastig mit ihren Nachbarn flüsterten. Doch dann erhob Dumbledore erneut die Stimme und die Gespräche in der Halle verstummten. „Zwar weiß ich, wie begierig ihr darauf aus seid, den Trimagischen Pokal für Hogwarts zu holen, doch die Leiter der teilnehmenden Schulen haben gemeinsam mit dem Zaubereiministerium bescchlossen, in diesem Jahr eine Altersbegrenzung für die Bewerber festzulegen. Nur Schüler die volljährig sind - das heißt siebzehn Jahre oder älter -, erhalten die Erlaubnis, sich am Wettbewerb zu beteiligen. Dies ist ein Schritt“ - Dumbledore erhob die Stimme ein wenig, denn bei diesen Worten hatten einige Schüler empört aufgeschrien, inklusive Fred und George -„dies ist ein Schritt, den wir für notwendig halten, denn die Tunieraufgaben sind schwierig und trotz aller Vorkehrungen nur unter Gefahr zu lösen, und es ist höchst unwahrscheinlich, dass Schüler unterhalb der sechsten Jahrgangsstufe damit zurechtkommen. Ich persönlich werde dafür sorgen, dass kein minderjähriger Schüler unseren unparteiischen Schiedsrichter hinters Licht führt, um Hogwarts-Champion zu werden.“ Seine hellblauen Augen huschten zwinkernd zu Fred und George. „Ich bitte euch daher, eure Zeit nicht mit einer Bewerbung zu verschwenden, wenn ihr noch nicht siebbzehn seid.
    Die Abordnungen aus Beauxbatons und Durmstrang werden im Oktober eintreffen und den größten Teil des Jahres bei uns bleiben. Ich weiß, dass ihr unsere ausländischen Gäste mit größter Herzlichkeit empfangen und den Hogwarts-Champion mit Leib und Seele unterstützen werdet, sobald er oder sie ausgewählt ist. Und nun ist es spät, und ich weiß, wie wichtig es ist, dass ihr alle wach und ausgeruht seid, wenn ihr morgen in die Klassen geht. Schlafenszeit! Husch, husch!“

    Unter lautem Tischerücken und Stuhlbeinscharren erhoben sich die Schüler und strömten auf die Türen der Eingangshalle zu. „Das können sie doch nicht machen!“, rief George, der immer noch zornfunkelnd zu Dumbledore emporstarrte. „Im April werden wir siebzehn, warum dürfen wir es nicht probieren?“ „Ich trete jedenfalls an, daran wird mich keiner hindern“, kam es zähneknirschend von Fred, der ebenfalls mit finsterer Miene in Richtung Dumbledore sah. „Der Champion darf sicher alles Mögliche anstellen, was wir sonst nie dürfen. Und 1000 Galleonen Preisgeld!“ „Jaaaaa“, meinte Ron mit abwesendem Blick. „Jaa, 1000 Galleonen...“ „Kommt schon“, sagte ich und zupfte Ron am Umhang, „sonst sind wir noch die Letzten.“ Harry, Ron, Mine, Fred, George und ich verließen die große Halle und gingen durch die Eingangshalle, während Fred un George laut überlegten, wie Dumbledore es schaffen könnte, die Schüler unter siebzehn vom Tunier fernzuhalten. „Wer ist dieser unparteiische Richter, der über die Champions entscheidet?“, fragte Harry. „keine Ahnung“, erwiderte Fred achselzuckend, „aber wir müssen ihn auf jeden Fall austricksen. Ich denke, ein paar Trocken Alterungstrank werden genügen, George...“ „Aber Dumbledore weiß doch, wie alt ihr seid!“, warf Ron ein. „Schon, aber er entscheidet ja nicht, wer Champion wird, oder?“, entgegnete Fred mit einem hinterlistigen Lächeln. „Ich glaube, sobald dieser Richter weiß, wer mitkämpfen will, wählt er von jeder Schule den Besten aus, ohne darauf zu achten, wie alt sie sind. Dumbledore will doch nur verhindern, dass wir uns bewerben.“ „Aber es sind schon Leute davon umgekommen!“, mischte sich Mine mit besorgter Miene ein. Wir gingen durch eine Tür, die hinter einem Wandteppich versteckt war und erklommen eine schmale Treppe. „Ach, das ist doch schon ewig her“, sagte Fred lässig. „Und außerdem, wo bleibt der Spaß, wenn nicht ein bisschen Prickeln dabei ist? Hey Ron, wie wär’s, wenn wir Dumbledore reinlegen? Hast du Lust mitzumachen?“ „Was meint ihr?“, fragte Ron an mich und Harry gewandt. „Mitmachen wäre schon cool, oder? Aber ich glaube, die brauchen jemand Älteren...weiß nicht, ob wir schon genug gelernt haben...“ „Ich jedenfalls nicht“, ertönte eine zaghafte Stimme hinter uns. Es war Neville. „Aber Oma würde sicher wollen, dass ich mitmache, immer redet sie davon, dass ich die Familienehre verteidigen soll. Ich muss nur - uuups...“ Neville war geradewegs durch eine Stufe in der Mitte der Treppe getreten. Von diesen Trickstufen gab es viele in Hogwarts; ich übersprang sie inzwischen im Schlaf, doch Neville war berühmt für sein schwaches Gedächtnis. Harry und Ron packten ihn an den Armen und zogen ihn hoch. Zusammen gingen wir zum Eingang des Gryffindor-Turms, der hinter dem Porträt der Fetten Dame verborgen war. „Passwort?“, fragte sie, als wir näher kamen. „Quatsch“, sagte George, „hat mir der Vertrauensschüler unten verraten.“

    Das Gemälde klappte zur Seite und gab das Loch in der Wand frei, durch das wir kletterten. Ein knisterndes Feuer wärmte den runden Gemeinschaftsraum, und wir gingen an Stühlen und Tischen vorbei zu den Treppen, die zu die Mädchen- und Jungenschlafsäle führte. Mine warf den flackernden, tanzenden Flammen einen düsteren Blick zu und murmelte: „Sklavenarbeit!“ Wir wünschten den Jungs eine gute Nacht und gingen die Treppe zum Mädchenschlafsälen hinauf. Wir erklommen eine spiralförmige Treppe, die sich nach oben wand und gelangten schließlich in unseren Schlafsaal, den wir uns mit Lavender und Parvati teilten. Vier Himmelbetten mit scharlachroten Vorhängen standen nebeneinander an der Wand; davor lagen bereits unsere Schulkoffer. Ich hörte Gekicher aus dem Badezimmer und wusste, dass Lavender und Parvati sich höchstwahrscheinlich gerade Schminktipps für morgen gaben, um irgendwelche Jungs zu beeindrucken. Manchmal fragte ich mich wirklich, was in den Köpfen der beiden vorging... Ich ließ mich auf mein weiches Bett fallen. Ich hörte, wie Mine etwas vor sich grummelte, dass sich verdächtig anhörte wie „Sklavenarbeit! Hauselfen in Hogwarts! Ich kann’s nicht glauben!“ Ich holte ein weißes Nachthemd aus meinem Koffer heraus und zog meinen Zauberstab hervor. Ich richtete ihn auf meine Haare und löste Strähne für Strähne aus meiner Frisur. Ich zog mich um, während ich Mine immer noch murmeln hörte. Mit nackten Füßen tappte ich anschließend in Richtung Badezimmer und drückte die Klinke nach unten. Doch die Tür wollte nicht aufgehen. Ich verdrehte die Augen. Sicher hatte Lavender mal wieder abgeschlossen, um nicht bei ihren Machenschaften gestört zu werden. Ich zückte meinen Zauberstab und rief: „Alohomora!“ Die Tür schwang auf und vor mir standen Lavender und Parvati, die Gesichter voller grüner, schleimiger Pampe und Gurkenscheiben auf den Augen. Lavender trug rosafarbene Lockenwickler in den blonden Haaren. Ich schrie erschrocken auf, als ich die beiden so sah und wich einige Schritte zurück. „Was denn?“, fragte Parvati und nahm sich die Gurkenscheiben von den Augen. Lavender tat es ihr nach und griff nach einer Schüssel, in der ich noch mehr von der widerlichen schlammigen Pampe erkannte. „Willst du auch?“, fragte sie und hielt mir die Schüssel hin. „Danke...nein!“, erwiderte ich und schob das Behältnis von mir weg. Lavender zuckte mit den Schultern. „Ist gut für die Haut. Das bekämpft Pickel und Mitesser...würde dir nicht schaden!“ Sie grinste selbstgefällig und stolzierte mit Parvati aus der Tür, die kurz entschuldigend zu mir herübersah und dann ebenfalls verschwand.

    Ich rollte erneut mit den Augen und begann dann, meine Zähne zu putzen. Wütend starrte ich mich im Spiegel an. Was bildete sich Lavender eigentlich ein? Diese blöde Kuh, die von sich dachte, etwas besonderes zu sein. Obwohl, vielleicht sollte ich das >blöde Kuh< zurücknehmen, das wäre eine Beleidigung für alle Kühe! Ich drückte so energisch mit der Zahnbürste auf, dass ich Angst bekam, mein Zahnfleisch könnte anfangen zu bluten. Hinter mir ging die Tür zum Badezimmer auf. Mine kam herein, ebenfalls in ihrem Nachthemd. Ihr buschiges Haar stand nach allen Seiten hin ab. Sie kam neben mir ans Waschbecken und holte ihre Zahnbürste hervor. Wir putzten eine Weile schweigend, dann fragte sie: „Was ist denn mit Lavender und Parvati los?“ „Das frägst du mich?“ „Die beiden liegen in ihren Betten, die Gesichter voll grünem Schleim und Gurkenscheiben!“ „Irgendwelche komischen Schönheitsmasken.“ Mine sah mich an und zog eine Augenbraue nach oben. Wir sahen uns kurz an, dann brachen wir unterdrücktes Kichern aus.

    Draußen heulte der Sturm und der Regen prasselte gegen das große Fenster, das unseren Schlafsaal erhellte. Ich schlüpfte unter die scharlachrote Bettdecke und bemerkte, dass zweifellos ein Hauself eine Wärmflasche unter die Decke gesteckt hatte. Und während der Sturm draußen wütete, Donnerkrachen zu hören war und Blitze den Himmel erhellten, glitt ich in einen ruhigen, traumlosen Schlaf.

    17
    17. Kapitel

    Am nächsten Morgen hatte sich der Sturm gelegt, doch an der Decke der Großen Halle waren immer noch schwere, graue Wolken zu sehen, die über den Himmel wirbelten. Harry, Ron, Mine und ich saßen beim Frühstück und betrachteten unsere neuen Stundenpläne. Fred, George und Lee diskutierten einige Plätze weiter über magische Alterungsmittel und überlegten, wie sie sich trotz allem ins Trimagische Tunier schmuggeln könnten. „Gar nicht übel, heute...wir sind den ganzen Vormittag draußen“, sagte Ron und studierte seinen Stundenplan, „Kräuterkunde mit den Hufflepuffs und Pflege magischer Geschöpfe...verdammt, immer noch mit den Slytherins...“ „Heute Nachmittag ‘ne ganze Doppelstunde Wahrsagen“, ächzte Harry und ließ den Kopf hängen. Das wunderte mich nicht; immerhin war Wahrsagen das langweiligste Fach auf dem gesamten Stundenplan. „Du hättest den Mist einfach hinschmeißen sollen, genau wie ich“, meinte Mine vergnügt und strich Butter auf einen Toast. „Dann könntest du jetzt was Vernünftiges lernen wie zum Beispiel Arithmantik.“ „Oder Alte Runen“, fügte ich hinzu. „Du isst ja wieder“, sagte Ron an Mine gewandt und sah zu, wie Mine ihren Buttertoast großzügig mit Marmelade bestrich. „Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es bessere Wege gibt, um für die Rechte der Hauselfen einzutreten.“ Sie reckte das Kinn. „Sicher...und außerdem hattest du Hunger“, erwiderte Ron grinsend. Über unseren Köpfen ertönte lautes Geraschel; an die hundert Eulen kamen mit der morgendlichen Post durch die offenen Fenster geflogen. Die Eulen zogen Kreise über die Haustische, auf der Suche nach den Schülern, für die die Briefe und Pakete bestimmt waren. Ein großer Waldkauz schoss herab und warf Neville ein Paket in den Schoß. Er vergaß beim Packen fast immer irgendwas. Am Slytherintisch entdeckte ich Draco, auf dessen Schulter sich gerade ein Uhu niederließ. Offenbar hatte er mal wieder ein Paket von Zuhause erhalten, voller Süßigkeiten und Kuchen. Der Glückliche!

    Etwas später stapften wir auf den sumpfigen Weg zwischen den Gemüsebeeten entlang zu Gewächshaus 3 für Kräuterkunde. Professor Sprout zeigte uns heute die hässlichsten Pflanzen, die ich je gesehen hatte. Sie ähnelten weniger Pflanzen als dicken schwarzen Riesenschnecken, die senkrecht aus dem Boden ragten. An den Stängeln hatten sie einige glänzende Blasen, die offenbar mit Flüssigkeit gefüllt waren. „Bubotubler“, erklärte uns Professor Sprout munter. „Die müssen ausgequetscht werden. dann sammelt ihr den Eiter-...“ „Den was?“, fragte Seamus. „Den Eiter, Finnigan, den Eiter“, wiederholte sie, „und er ist äußerst wertvoll, also verschüttet ihn nicht. Ihr sammelt also den Eiter, und zwar in diesen Flaschen. Zieht eure Drachenhauthandschuhe an, dieser Bubotubler-Eiter kann, wenn er unverdünnt ist, die lustigsten Sachen mit der Haut anstellen.“ Die Bubotubler auszupressen war eine eklige und doch seltsam befriedigende Arbeit. Aus jeder Blase, die ich ausdrückte, quoll eine große Menge gelblich grüner Flüssigkeit, die ekelhaft roch. Wir fingen sie in Flaschen auf und am Ende der Stunde hatten wir mehrere Liter beisammen. „Madam Pomfrey wird ganz entzückt sein“, sagte Professor Sprout. „Ein hervorragendes Mittel gegen Akne, dieser Bubotubler-Eiter. Sollte einige von euch, die ihre Pickel loswerden wollen, von Verzweiflungstaten abhalten.“ „Wie Eloise Midgeon“, meinte Hannah Abbott, eine Hufflepuff, mit schüchterner Stimme. „Sie hat versucht, ihre Pickel wegzufluchen.“ „Dummes Mädchen“, fügte Professor Sprout kopfschüttelnd hinzu. „Aber Madam Pomfrey hat ihr die Nase dann wieder ordentlich anwachsen lassen.“

    Vom Schloss her drang eindringliches Glockengeläute zu den Gewächshäusern, das das Ende der Stunde verkündete. Die Schüler trennten sich; die Hufflepuffs gingen zum Verwandlungsunterricht, wir, die Gryffindors, gingen zur Stunde für Pflege magischer Geschöpfe hinunter zu Hagrids kleiner Holzhütte am Rand des Verbotenen Waldes. Hagrid erwartete uns bereits an der Tür, die eine Hand am Halsband seines riesigen schwarzen Hundes Fang. Um ihn herum lagen mehrere offene Holzkisten. Als wir näher kamen, hörte ich ein merkwürdiges Rasseln, offenbar durchsetzt mit kleinen Explosionen. „Moin!“, begrüßte Hagrid uns. „Wir warten besser auf die Slytherins, die wollen das sicher nicht verpassen, die Knallrümpfigen Kröter!“ „Wie bitte?“, fragte Ron. Hagrid deutete auf die Kisten. „Uuärrh!“, stieß Lavender hervor und sprang einen Schritt zurück. Ich sah ebenfalls in eine der Kisten und schreckte zurück. „Uuärrh“ war meiner Meinung nach eine ziemlich treffende Beschreibung der Knallrümpfigen Kröter. Sie sahen aus wie schalenlose Hummer, scheußlich blass und schleimig, mit Beinen, die an allen möglichen und unmöglichen Stellen aus dem Körper ragte, während ich keine Köpfe erkennen konnte. In jeder Kiste lagen in etwa hundert dieser Geschöpfe, jedes etwa fünfzehn Zentimeter lang. Sie krabbelten blind übereinander und stießen ständig gegen die Kistenwände. Ein starker Gestank nach verfaultem Fisch ging von ihnen aus. Hin und wieder stoben Funken aus dem Rumpf eines der Kröter und schleuderten ihn mit einem leisen >ffhhht< ein paar Zentimeter nach vorne. „Frisch ausgebrütet“, erklärte Hagrid stolz, „jetzt könnt ihr sie selbst großziehn! Dachte, wir machen so was wie ‘n Projekt draus!“ „Und warum eigentlich sollten wir die großziehen?“, ertönte eine kalte Stimme hinter mir. Die Slytherins waren gekommen. Wer sprach...na ja, ihr könnt es sicher schön erahnen. Crabbe und Goyle glucksten zufrieden auf Dracos Kommentar. Diese Frage schien Hagrid in Verlegenheit zu bringen. „Ich meine, wozu sind die denn nütze?“, fragte Draco weiter. „Was ist der Witz dabei?“ Ich tat es zwar nicht gern, aber ich gab Draco Recht. Hagrid öffnete den Mund, offenbar angestrengt nachdenkend; ein paar Sekunden lang herrschte Schweigen, dann sagte er barsch: „In’ner nächsten Stunde, Malfoy. Heut füttert ihr sie nur. Probiert doch mal’n paar verschiedene Sachen aus - ich hab Ameiseneier und Froschleber und ‘n Stück Ringelnatter - nehmt einfach von allem etwas.“ „Erst Eiter und jetzt das hier“, murrte Seamus.

    Einzig und allein meine tiefe Zuneigung zu Hagrid brachte mich dazu, glitschige Froschleber in die Hände zu nehmen und sie in die Kisten gleiten zu lassen, um die Kröter zum Essen zu bewegen. Irgendwie hatte ich den Verdacht, dass das Ganze vollkommen sinnlos war, denn Knallrümpfigen Kröter schienen keine Mäuler zu haben. „Autsch!“, rief Dean nach etwa zehn Minuten. „Mich hat’s erwischt!“ Hagrid eilte mit besorgtem Blick zu ihm hinüber. „Sein Rumpf ist explodiert!“, meinte Dean säuerlich und zeigte Hagrid eine Brandblase an seiner Hand. „Hmh, ja, kann passieren, wenn sie losknallen“, nickte Hagrid. „Uuärrh!“, kam es erneut von Lavender. „Uuärrh, Hagrid, was ist das für ein spitzes Ding an dem da?“ „Hmh, ja, ‘n paar von denen ham Stacheln“, sagte Hagrid begeistert (Lavender zog rasch die Hand aus der Kiste). „Ich glaub, das sind die Männchen...die Weibchen haben einen Saugnapf am Bauch...ich glaub, das könnte zum Blutsaugen sein.“ „Schön, jetzt weiß ich, warum wir sie unbedingt hätscheln sollen“, sagte Draco trocken. „Wer will nicht ein Haustier, das brennen, stechen und Blut saugen zugleich kann?“ „Nur weil sie nicht hübsch sind, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht nützlich sind“, stieß Mine hervor. „Drachenblut hat sagenhafte magische Wirkungen, aber einen Drachen als Haustier willst du trotzdem nicht, oder?“ Harry, Ron und ich grinsten Hagrid zu, der hinter seinem buschigen Bart flüchtig zurücklächelte. Hagrid liebte Monster - je tödlicher, desto besser.

    „Na, wenigstens sind diese Kröter klein“, meinte Ron eine Stunde später, als wir auf dem Weg zum Mittagessen ins Schloss waren. „Das sind sie jetzt noch“, sagte ich verärgert, „aber sobald Hagrid rausgefunden hat, was sie fressen, werden sie sicher zwei Meter lang.“ „Na und, das macht doch nicht, wenn sie am Ende die Seekrankheit oder so was heilen können!“, erwiderte Ron und grinste Mine und mich abwechselnd schlaumeierisch an. „Du weißt doch ganz genau, dass ich das nur gesagt habe, um Malfoy abzuwürgen“, erklärte Mine augenrollend. „In Wahrheit denke ich, dass er Recht hat. Das Beste wäre, die alle totzutreten, bevor sie anfangen, über uns herzufallen.“ Wir setzten uns an den Gryffindor-Tisch und taten uns Lammkoteletts mit Kartoffeln auf. Mine fing so schnell an zu essen, dass Harry und Ron der Mund aufklappte. „Ähm - ist das dein neuer Feldzug für die Elfenrechte?“, fragte ich sie stirnrunzelnd. „Dass du futterst bis zum Erbrechen?“ „Nein“, entgegnete Mine so würdevoll, wie es mit einem Mund voller Kartoffeln ging, „ich will nur schnell in die Bibliothek kommen.“ „Wie bitte?“, fragte Ron ungläubig. „Hermine - wir sind gerade mal den ersten Tag hier! Wir haben noch nicht mal Hausaufgaben!“ Mine zuckte mit den Achseln und aß munter weiter, als hätte sie seit Tagen nicht gegessen. Dann sprang sie auf, sagte: „Bis zu Abendessen!“ und rannte aus der Großen Halle.

    Als die Glocke zum Nachmittagsunterricht läutete, machten sich Harry, Ron und ich auf den Weg zum Nordturm. Nachdem wir die silberne Trittleiter erklommen hatten, drang mir ein vertrauter süßlicher Parfümduft vom Feuer her in die Nase. Wie immer waren alle Vorhänge zugezogen. Die vielen Lampen, die mit Seidentüchern und Schals drapiert waren, tauchten den Raum in rötliches Licht. Wir schlängelten uns durch das dichte Gewirr von bereits besetzten Tischchen und Sitzpolstern und ließen uns an einem kleinen runden Tisch nieder. „Guten Tag.“ Die rauchige Stimme von Professor Trelawney ertönte direkt hinter uns und ließ mich zusammenzucken. Sie trat ins Licht des Feuers, in dem die übliche Menge an Perlen, Ketten und Ringen an ihrem Körper aufblitzten. „Du bist in Sorge, mein Lieber“, sagte sie mit trauerschwerer Stimme zu Harry. „Mein inneres Auge sieht durch dein mutiges Anlitz hindurch auf die geplagte Seele in dir. Und ich muss dir leider sagen, dass deine Sorgen nicht völlig grundlos sind. Ich sehe leider, leider schwere Zeiten auf dich zukommen...die schwersten...ich fürchte, wovor dir graut, wird tatsächlich eintreten...und schneller vielleicht, als du denkst...“ Sie senkte ihre Stimme und flüsterte jetzt beinahe. Ron und ich sahen uns hinter Harrys Rücken an und verdrehten gleichzeitig die Augen, doch Harry blickte wie versteinert zu Professor Trelawney empor. Diese schwebte an uns vorbei und setzte sich in einen großen Ohrensessel am Feuer. Lavender und Parvati, die Professor Trelawney regelrecht vergötterten, saßen auf Polstern zu ihren Füßen. „Meine Lieben, es ist an der Zeit, dass wir uns den Sternen zuwenden“, erklärte sie mit rauchiger Stimme. „Den Bewegungen der Planeten und den geheimnisvollen Botschaften, die sie nur jenen erzählen, welche die Schritte des Sternentanzes zu deuten wissen. Das Schicksal der Menschen kann mit Hilfe der Planetenstrahlen entziffert werden, die sich kreuzen...“

    Doch meine Gedanken waren abgeschweift. Das parfümierte Feuer machte mich schläfrig, doch ich versuchte, Professor Trelawneys auschweifenden Reden über die Wahrsagerei zu folgen. Professor Trelawney kam zu unserem Tisch herüber und sagte an Harry gewandt: „Mein Lieber, du bist offenbar unter dem unheilvollen Einfluss des Saturn geboren...“ Doch Harry schien überhaupt nicht anwesend zu sein. „Harry!“, murmelte ich und stieß ihm gegen sein Bein. „Was denn?“ Doch als er bemerkte, dass die ganze Klasse ihn anstarrte, setzte er sich kerzengerade auf. „Ich sagte soeben, mein Lieber, dass du offenbar unter dem unheilvollen Einfluss des Saturns geboren bist“, wiederholte Professor Trelawney und klang nun, da ihn diese Neuigkeit offensichtlich nicht vom Stuhl riss, verärgert. „Ich sage, Saturn war sicher in einer machtvollen Position am Himmel zur Stunde deiner Geburt...dein dunkles Haar...deine mäßige Statur...tragische Verluste schon so früh im Leben...ich denke, ich liege richtig, wenn ich sage, mein Lieber, dass du mitten im Winter geboren wurdest?“ „Nein“, entgegnete Harry, „ich bin im Juli geboren.“ Ich konnte mein Kichern nur verbergen, indem ich lautes Husten vortäuschte.

    Eine halbe Stunde später saßen wir vor komplizierten kreisrunden Karten, auf denen wir die Positionen der Planeten im Augenblick unserer Geburt einzeichnen sollten. Es war stinklangweilig, denn ständig musste man irgendwelche Tabellen zu Rate ziehen und Winkel berechnen. „Ich habe hier zwei Neptune“, sagte Harry nach einer Weile schweigenden Arbeitens und besah sich stirnrunzelnd sein Pergamentblatt, „das kann nicht stimmen, oder?“ „Oooooh“, entgegnete Ron und versuchte, Professor Trelawneys geheimnisvolles Flüstern nachzuahmen, „wenn zwei Neptune am Himmel erscheinen, ist dies ein sicheres Zeichen, dass ein Zwerg mit Brille geboren wird, Harry...“ Seamus und Dean am Nebentisch lachten laut, selbst ich konnte mir ein leises Glucksen nicht verkneifen. Das Gelächter war jedoch nicht laut genug, um das aufgeregte Kreischen von Lavender zu übertönen - „Oh Professor, sehen Sie! Ich glaube, ich habe einen aspektlosen Planeten! Uuuuuh, welcher ist es, Professor?“ „Der Uranus, meine Liebe“, entgegnete Professor Trelawney mit einem Blick auf ihre Karte. „Kann ich deinen Uranus auch mal sehen, Lavender?“, fragte Ron. Unglücklicherweise hörte ihn Professor Trelawney und vielleicht gab sie uns deshalb am Ende der Stunde so viele Hausaufgaben auf. „Eine genaue Untersuchung der Frage, auf welche Weise die Planetenbewegungen des kommenden Monats euch betreffen werden, mit Verweis auf eure persönliche Karte“, fauchte sie und klang dabei fast wie Professor McGonagall. „Abgabe ist nächsten Montag und keine Ausreden!“

    „Biestige alte Fledermaus!“, schimpfte Ron, als wir uns den Scharen einreihten, die die Treppen hinunter in die Große Halle zum Abendessen strömten. „Das wird uns das ganze Wochenende kosten...“ „’ne Menge Hausaufgaben?“, strahlte Mine, die uns gerade eingeholt hatte. „Professor Vektor hat uns überhaupt keine gegeben!“ „Ist ja ganz toll von Professor Vektor“, erwiderte Ron missgelaunt.
    Wir gelangten in die Eingangshalle, wo sich schon eine lange Schlange gebildet hatte. Wir hatten uns gerade angestellt, als hinter uns eine laute Stimme ertönte. „Weasley! Hey, Weasley!“ Wir drehten uns um. Hinter uns standen Draco, Crabbe und Goyle und schienen sich prächtig über etwas zu amüsieren. „Was gibt’s?“, fragte Ron schroff. „Dein Dad ist in der Zeitung, Weasley!“, sagte Draco und wedelte mit einem Tagespropheten. „Hör dir das an!“, verkündete er so laut, dass es alle in der brechend vollen Eingangshalle hören konnten.

    Weitere Pannen im Zaubereiministerium

    Es scheint, als sei die Pannenserie im Zaubereiministerium noch längst nicht zu Ende, schreibt unsere Sonderkorrespondentin Rita Kimmkorn. Das Ministerium, erst jüngst heftiger Kritik ausgesetzt wegen der mangelhaften Kontrolle der Besucher während der Quidditch-Weltmeisterschaft und immer noch nicht in der Lage, das Verschwinden einer seiner Hexen zu erklären, wurde gestern in neue Verlegenheit gestürzt durch das merkwürdige Verhalten von Arnold Weasley vom Amt gegen den Missbrauch von Muggelartefakten.

    Draco blickte auf. „Stell dir vor, die haben nicht mal seinen Namen richtig geschrieben, Weasley, als ob er eine komplette Null wäre“, feixte er. Die ganze Eingangshalle hörte nun zu. Draco glättete genüsslich das Zeitungsblatt und las weiter:

    Arnold Weasley, der vor zwei Jahren wegen des Besitzes eines fliegenden Autos angezeigt wurde, war gestern in eine Rangelei mit mehreren Gesetzeshütern der Muggel („Polizisten“) verwickelt. Der Grund waren einige höchst angriffslustige Mülleimer. Mr. Weasley war offenbar „Mad-Eye“ Moody zu Hilfe geeilt, einem in die Jahre gekommenen Ex-Auroren, den das Ministerium in den Ruhestand versetzt hatte, als er den Unterschied zwischen einem Händedruck und einem Mordversuch nicht mehr zu erkennen vermochte. Es wird niemanden überraschen, dass Mr. Weasley bei seiner Ankunft in Mr. Moodys schwer bewachtem Haus feststellte, dass Mr. Moody wieder einmal falschen Alarm geschlagen hatte. Mr. Weasley war gezwungen, mehrere Gedächtnisse zu verändern, bevor er vor den Polizisten flüchten konnte, weigerte sich jedoch, auf die Frage des Tagespropheten zu antworten, warum er das Ministerium in ein so würdeloses und möglicherweise peinliches Geschehen verwickelt hatte.

    „Und hier ist ein Bild, Weasley!“, fuhr er fort, schlug das Blatt um und hob die Zeitung in die Höhe. „Ein Bild deiner Eltern vor ihrem Haus - wenn man das überhaupt Haus nennen kann! Deine Mutter könnte auch ein paar Pfunde weniger vertragen!“ Ron lief vor Zorn knallrot an. „Verpiss dich, Malfoy“, zischte Harry. Ich zupfte Ron am Ärmel. „Komm, Ron, wir gehen...“ „Ach ja, ihr wart doch im Sommer zu Besuch bei denen, oder, Potter; Rosier?“, höhnte er. „Sagt mal, ist seine Mutter wirklich so fett oder sieht es auf dem Bild nur so aus?“ Wie konnte er es wagen? WIE, BEI MERLINS BART, KONNTE ER ES WAGEN? Harry packte Ron am Umhang, während Mine mich am Arm festhielt, bevor ich mich auf den Slytherin stürzen konnte. „Und was ist mit deiner Mutter, Malfoy?“, zischte Harry erneut. „Warum macht sie ständig ein Gesicht, als ob sie Mist unter der Nase hätte? Hat sie immer schon so ausgesehen, oder ist es erst, seit es dich gibt?“ Dracos blasses Gesicht färbte sich leicht rosa. „Wag es bloß nicht, meine Mutter zu beleidigen, Potter.“ „Dann halt dein dreckiges Maul“, entgegnete Harry und drehte sich um. Ich folgte ihm.

    PENG! Einige schrien auf - Ich fühlte, wie etwas glühend Heißes an meiner Wange vorbeisirrte. Dann ertönte ein zweites PENG und ein Krachen, das die Eingangshalle erschüttern ließ. „Oh nein, das machst du nicht, Freundchen!“ Ich wirbelte zeitgleich mit Harry, Ron und Mine herum. Professor Moody hinkte die Marmortreppe hinunter. Er hatte den Zauberstab gezückt und deutete unverwandt auf ein strahlend weißes Frettchen, das zitternd auf dem Noden lag, genau dort, wo Draco gestanden hatte. „Das ist doch wohl nicht...Malfoy?“, flüsterte ich und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. In die Eingangshalle kehrte erschrockene Stille ein. Keiner außer Moody rührte nur einen Finger. Moody wandte sich um und sah Harry an - na ja, sein normales Auge sah Harry an; sein blaues war in seinen Kopf hineingedreht. „Hat er dich erwischt?“, fragte Moody leicht zähneknirschend. „Nein“, antwortete Harry schluckend, „ging daneben.“ „Lass es liegen!“, bellte Moody plötzlich. „Was denn?“, fragte Harry verdutzt. „Nicht du - er!“, knurrte Moody bedrohlich und und zeigte kurz über seine Schulte hinweg auf Crabbe, der sich zu dem Frettchen hinuntergebeugt hatte und jetzt erstarrt war. Offenbar war Moodys Auge magisch, so dass er aus seinem Hinterkopf hinaussehen konnte. Moody hinkte auf Crabbe, Goyle und das Frettchen zu, das ein verängstigtes Quietschen hören ließ un din Richtung Kerker davonflitzte. „Hiergeblieben!“, donnerte Moody und richtete seinen Zauberstab erneut auf das Frettchen. Es flog drei Meter hoch in die Luft, klatschte auf den kalten Steinboden und schnellte dann erneut in die Höhe. „Ich mag Leute, die angreifen, wenn ihnen ihr Gegner den Rücken zukehrt, überhaupt nicht“, rief Moody, während er das vor Schmerz kreischende Frettchen immer höher in die Luft schleuderte. „Widerlich, feige, gemein ist das...“ Ich wusste nicht, ob ich den Anblick, der sich mir bot, genießen sollte. Draco hatte zwar schreckliche Dinge über Rons Familie gesagt, aber verdiente er es deshalb, dass Professor Moody ihn in Gestalt eines Frettchens ohnmächtig schlug? Das Frettchen flog wehrlos strampelnd und mit dem Schwanz schlackernd durch die Luft. „Tu - das - nie - wieder -...“, donnerte Moody, und bei jedem Wort schlug das Frettchen auf dem Steinboden auf und wurde wieder in die Luft geschleudert. „Professor Moody!“, ertönte eine entsetzte Stimme.

    Professor McGonagall kam mit Armen voller Bücher die Marmortreppe herunter. „Hallo, Professor McGonagall“, sagte Professor Moody gelassen und ließ das Frettchen noch höher schleudern. „Was...was tun sie da?“, fragte Professor McGonagall geschockt und verfolgte mit den Augen das Auf und Ab des Frettchens. „Unterrichten“, antwortete Moody. „Unter... Moody, ist das ein Schüler?“, kreischte Professor McGonagall und die Bücher fielen ihr aus den Armen. „Jep“, sagte Moody. „Nein!“, schrie Professor McGonagall; sie rannte die restlichen Stufen hinunter und zog ihren Zauberstab hervor. Mit einem lauten Knall verwandelte sich das weiße Frettchen zurück in Draco. In sich zusammengesunken lag er auf dem Boden; wimmernd rappelte er sich hoch. „Moody, wir setzen Verwandlungen niemals zur Bestrafung von Schülern ein!“, meinte Professor McGonagall mit ermüdeter Stimme. „Das hat Ihnen Professor Dumbledore doch sicher gesagt?“ „Hat er vielleicht mal kurz erwähnt, ja“, murmelte Moody und kratzte sich ungerührt am Kinn, „aber ich dachte, ein kurzer Schock, der richtig wehtut-...“ „Wir geben Nachsitzen, Moody! Oder sprechen mit dem Leiter des Hauses, dem der Missetäter angehört!“ „Das werd ich schon noch tun“, knurrte Moody und starrte Draco mit größter Abneigung an. Dieser sah voller Hass zu Moody auf, die Augen immer noch vor Schmerz und Scham verzerrt, und murmelte etwas, aus dem die Wörter „mein Vater“ herauszuhören waren. „Ach ja?“, krächzte Moody leise und humpelte ein paar Schritte vor; das dumpfe >Klonk< seines Holzbeins hallte von den Wänden wider. „Gut, ich kenn deinen Vater schon sehr lange, Junge...sag ihm, dass Moody seinen Sohn jetzt scharf im Auge behält...sag ihm das von mir...und dein Hauslehrer ist sicher Snape?“ „Ja“, grollte Draco. „Noch ein alter Freund“, knurrte Moody. „Ich freu mich schon die ganze Zeit auf ein Pläuschchen mit dem alten Snape...komm mit, du...“ Er packte Draco am Oberarm und schleifte ihn in Richtung Kerker davon. Professor McGonagall starrte ihnen einen Moment lang mit ängstlichem Blick in den Augen nach, dann flatterten mit einem Schwung ihres Zauberstabs alle Bücher in ihre Arme zurück.

    „Im Augenblick will ich kein Wort von euch hören“, flüsterte Ron, als wir einige Minuten später am Gryffindor-Tisch saßen, inmitten von aufregenden Gesprächen über das eben Geschehene. „Warum nicht?“, fragte Mine überrascht. „Weil ich mir das für immer in mein Gedächtnis einbrennen will“, sagte Ron und sein Gesicht verzog sich zu einem Ausdruck reiner Glückseligkeit. „Draco Malfoy, das sagenhafte hopsende Frettchen...“ Mine und Harry prusteten laut los und ich zwang mich zu einem Lächeln. Mine tat uns Rinderschmorbratenscheiben auf die Teller. „Dabei hätte Moody Malfoy ernsthaft verletzen können“, wagte ich einzuwerfen. „Eigentlich war es sogar ganz gut, dass Professor McGonagall eingeschritten ist-...“ Ron schnitt mir das Wort ab und funkelte mich zornig an. „Liv, du zerstörst gerade den schönsten Moment meines Lebens!“ Ich wandte mich wütend ab und begann, ohne ein weiteres Wort, zu essen. Mine neben mir aß schon wieder mit unglaublicher Geschwindigkeit. „Erklär mir ja nicht, du willst heute Abend wieder in die Bibliothek?“ Harry zog eine Augenbraue nach oben. „Allerdings“, mampfte Mine. „’ne Menge zu tun.“ „Aber du hast uns doch gesagt, Professor Vektor-...“ „Es geht nicht um Hausaufgaben“, unterbrach sie ihn.

    Fünf Minuten später war ihr Teller leer geputzt und Mine war verschwunden. Sie war kaum weg, als Fred sich auch schon auf ihren Platz setzte. „Moody!“, sagte er begeistert. „Wie cool ist er?“ „Ultracool“, setzte George fort und ließ sich auf den Platz gegenüber von Fred fallen. „Supercool“, widersprach Lee und rutschte auf den Stuhl neben George. „Wir hatten ihn heute Nachmittag“, erklärte er Harry, Ron und mir. „Und wie war’s?“, fragte ich neugierig. Wie Professor Moody wohl als Lehrer war? Fred, George und Lee tauschten bedeutungsvolle Blicke. „So ‘ne Stunde hab ich noch nie erlebt“, meinte Fred. „Er weiß es, Mann“, sagte Lee. „Weiß was?“, fragte Ron und beugte sich vor. „Weiß, wie es ist, dort draußen zu sein und es zu tun“, erklärte George eindringlich. „Was zu tun?“, fragte Harry. „Gegen die schwarzen Magier zu kämpfen“, antwortete Fred. „Er hat alles erlebt“, fuhr George fort. „Irre“, bestätigte Lee. Ich holte meine Tasche hervor und zog meinen Stundenplan hervor. „Wir haben ihn erst am Donnerstag.“ Ron wirkte recht enttäuscht.

    18
    18. Kapitel

    Die nächsten beiden Tage vergingen ohne größere Zwischenfälle. Na ja, wenn man mal davon absah, dass Neville es schaffte, in Zaubertränke bereits seinen sechsten Kessel zum Schmelzen zu bringen. Snape hatte es offenbar über den Sommer geschafft, noch rachelustiger zu werden, denn er ließ ihn nachsitzen und nachdem er einen Bottich gehörnter Kröten hatte ausnehmen müssen, kam Neville als komplettes Nervenbündel zurück. „Euch ist doch klar, warum Snape derart schlecht gelaunt ist, oder?“, fragte ich Ron und Harry, während Mine Neville einen Putzzauber beibrachte, damit dieser die Kröteninnereien unter seinen Fingernägeln entfernen konnte. „Ja“, erwiderte Harry. „Moody.“

    Es war kein Geheimnis, dass Snape in Wirklichkeit selbst Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste sein wollte, und jetzt hatte er es in meinen vierten Jahr wieder nicht geschafft. Snape hatte keinen meiner bisherigen Lehrer in diesem Fach leiden können und es auch nie versteckt - doch merkwürdigerweise zeigte er es bei Professor Moody nicht. Im Gegenteil: wenn ich sie zusammen sah - beim Essen, oder wenn sie sich auf dem Gang begegneten - schien Snape Moodys Blick auszuweichen, ob nun dem normalen oder den magischen Auge. „Ich glaube, Snape hat ein wenig Angst vor ihm“, sagte ich grinsend. „Stellt euch vor, Moody würde Snape in eine gehörte Kröte verwandeln“, träumte Ron vor sich hin, „und würde ihn zwischen den Mauern seines Kerkers hin und her klatschen lassen...“

    Ich und alle anderen Viertklässler von Gryffindor waren so gespannt auf Moodys erste Stunde (was ich Fred und George verdankte, die durchgehend von ihm schwärmten), dass wir alle am Donnerstag nach dem Mittagessen viel zu früh vor dem Klassenzimmer erschienen und davor Schlange standen. Wer fehlte war natürlich Mine, die erst im letzten Moment auftauchte. „War in der-...“ „Bibliothek.“, ergänzte ich. „Ich weiß. Komm schnell, bevor die besten Plätze weg sind.“ Wir stürzten uns auf vier Stühle direkt vor dem Lehrertisch, nahmen >Die dunklen Kräfte - Eine Anleitung zur Selbstverteidigung< heraus und warteten schweigend auf das Kommende. Es dauerte nicht lange, bis wir dumpfe, pochende Schritte den Gang entlangkommen und im nächsten Moment kam Moody, unheimlich und Furcht erregend, wie er eben war, zur Tür herein. Der hölzerne Klauenfuß war kurz unter seinem Umhang zu erkennen. „Die könnt ihr wieder wegstecken“, knurrte er, humpelte hinüber zu seinem Tisch und setzte sich, „diese Bücher. Die braucht ihr nicht.“ Ich steckte das Buch zurück in die Tasche; Ron wirkte aufgeregt. Moody zog eine Liste hervor und begann unsere Namen aufzurufen, wobei sein normales Auge langsam über die Liste wanderte, während das magische Auge umherhuschte und jeden Schüler, der sich meldete, scharf ansah.

    „Gut“, sagte er schließlich, nachdem er den Letzten aufgerufen hatte. „Ich habe hier einen Bericht von Professor Lupin über den Wissensstand der Klasse. Sieht aus, als hättet ihr eine recht gründliche Ausbildung im Umgang mit schwarzen Kreaturen - ihr habt Irrwichte, Rotkappen, Grindelohs, Hinkepanks, Kappas und Werwölfe durchgenommen, stimmt das?“ Zustimmendes Gemurmel ertönte. „Aber ihr liegt zurück - weit zurück - im Umgang mit Flüchen“, erklärte Moody. „Daher will ich euch mal ausführlich beibringen, was Zauberer sich gegenseitig antun können. Ich habe ein Jahr, um euch zu lehren, wie man mit den dunklen -...“ „Was, Sie bleiben nicht länger?“, platzte es aus Ron heraus. Moodys magisches Auge flutschte herum und starrte Ron an; dieser schien äußerst angespannt zu sein. Doch einen Moment später breitete sich ein Lächeln auf Moodys Gesicht aus - was ich noch nicht bei ihm gesehen hatte. Sein Gesicht schien dadurch nur noch zerfurchter und verzerrter. Ron wirkte, als wäre im ein Stein vom Herzen gefallen. „Du bist Arhtur Weasleys Sohn, he?“, ertönte Moodys Stimme. „Dein Vater hat mich vor ein paar Tagen aus einer ganz üblen Klemme rausgeholt...ja, ich bleibe nur ein Jahr hier. Und das auch nur, um Dumbledore einen Gefallen zu tun...ein Jahr, und dann kehre ich wieder in den Frieden meines Ruhestands zurück.“ Er lachte rau und schlug die knochigen Hände zusammen. „Also, legen wir gleich los.“

    Es herrschte kurz Stille, dann ergriff er erneut das Wort. „Flüche. Es gibt sie in vielen Stärken und Gestalten. Dem Zaubereiministerium zufolge soll ich euch Gegenflüche lehren und es dabei belassen. Eigentlich darf ich euch die verbotenen dunklen Flüche erst zeigen, wenn ihr in der sechsten Klasse seid. Vorher seid ihr angeblich noch zu jung, um damit fertig zu werden. Aber Professor Dumbledore hält mehr von eurem Nervenkostüm, er denkt, ihr schafft es, und ich sage, je früher ihr wisst, wogegen ihr antretet, desto besser. Wie sollt ihr euch denn gegen etwas verteidigen, was ihr nie gesehen habt? Ein Zauberer, der euch mit einem verbotenen Fluch verhext, wird euch nicht sagen, was er vorhat. Er wird euch dabei ins Gesicht lächeln. Ihr müsst darauf vorbereitet sein. Ihr müsst wachsam sein und ständig auf der Hut. Das sollten Sie lassen, während ich rede, Miss Brown.“ Ich drehte mich zu Lavender um; diese zuckte zusammen und wurde knallrot. Sie hatte Parvati unter dem Tisch ihr fertiges Horoskop gezeigt. Offenbar konnte Moodys magisches Auge auch durch Holz sehen, nicht nur durch seinen Hinterkopf. „Also..weiß jemand von euch, welche Flüche vom Zaubereigesetz mit den schwersten Strafen belegt werden?“

    Mine, Ron, ich und einige andere hoben vorsichtig die Hände. Moody deutete auf Ron, doch sein magisches Auge fixierte immer noch Lavender. „Ähm“, begann Ron zögernd zu sprechen, „mein Dad hat mir von einem erzählt...heißt er Imperius-Fluch oder so?“ „Ah ja“, erwiderte Moody anerkennend. „Den kennt dein Vater natürlich. Hat dem Ministerium schon mal heftiges Kopfzerbrechen bereitet, dieser Imperius-Fluch.“ Moody stellte sich schwer atmend auf seine ungleichen Füße, öffnete eine Schublade seines Tisches und nahm ein großes Glas heraus. Drei große schwarze Spinnen krabbelten darin herum. Ich sah aus den Augenwinkeln, wie Ron leicht zurückwich- er verabscheute Spinnen. Moody griff in das Glas, fing eine Spinne ein und und legte sie auf seinen Handballen, so dass alle sie sehen konnten. Dann richtete er seinen Zauberstab auf sie und murmelte: „Imperio!“

    Die Spinne schwang sich an einem dünnen Faden von Moodys Hand und begann hin- und herzuschwingen. Sie streckte die Beine aus, legte einen Salto rückwärts hin, riss den Faden durch, landete auf dem Tisch und begann im Kreis Rad zu schlagen. Moody schwang seinen Zauberstab, und die Spinne stellte sich auf zwei Hinterbeine und legte einen Stepptanz hin. Alle lachten - alle außer mir und Moody. Es war furchterregend und faszinierend zugleich, wie Moody der Spinne seinen Willen aufzwang, und sie nichts dagegen tun konnte. „Lustig, nicht wahr?“, knurrte Moody leise, während die Spinne sich zusammenrollte und über den Tisch kugelte. „Ich könnte sie dazu bringen, aus dem Fenster zu springen, sich zu ersäufen, sich in einen von euren offenen Mündern zu stürzen...“ Ron erschauderte. „Vor einigen Jahren gab es eine Menge Hexen und Zauberer, die vom Imperius-Fluch beherrscht waren“, sagte Moody und ich wusste, dass er von der Zeit sprach, in der Voldemort am Höhepunkt seiner Macht war. „War keine leichte Aufgabe fürs Ministerium herauszufinden, wer unterworfen war und wer aus freiem Willen heraus handelte.
    Der Imperius-Fluch kann bekämpft werden, und ich werde euch beibringen, wie. Doch das verlangt tiefe Charakterstärke und nicht alle besitzen die. Passt immer auf, dass ihr nicht zum Opfer dieses Fluchs werdet. IMMER WACHSAM!“, bellte er und alle zuckten vor Schreck zusammen. Moody hob die Purzelbaum schlagende Spinne hoch und warf sie wieder ins Glas zurück. „Weiß noch jemand einen? Einen verbotenen Fluch?“ Mines Hand schoss erneut in die Höhe (wie meine), und auch Nevilles. Der einzige Unterricht, in dem Neville normalerweise etwas zum Besten gab, war Kräuterkunde, das Fach, in dem er am besten war. Neville schien von seinem eigenen Mut überrascht. „Ja?“, fragte Moody; sein magisches Auge machte eine Drehung und fixierte Neville. „Es gibt noch den...den Cruciatus-Fluch“, sagte Neville leise. Mir wurde ganz heiß, als er den Fluch aussprach. Ich versuchte nicht an die Erinnerung des Schmerzes zu denken und versuchte stattdessen, mich auf Professor Moody zu konzentrieren. Dieser sah gerade Neville aufmerksam an, diesmal mit beiden Augen. „Dein Name ist Longbottom?“, fragte er, und sein magisches Auge drehte sich nach unten, um noch einmal die Liste zu prüfen. Neville nickte nervös, doch Moody fragte nicht weiter nach. Er steckte erneut seine Hand in das Glas, zog noch eine Spinne heraus und legte sie auf den Tisch, wo sie reglos liegen blieb, offenbar starr vor Angst. „Der Cruciatus-Fluch“, fuhr Moody fort. „Die muss ein wenig größer werden, damit ihr euch eine Vorstellung davon machen könnt.“ Er richtete seinen Zauberstab auf die Spinne. „Engorgio!“ Die Spinne schwoll an. Nun war sie größer als eine Tarantel. Alle falsche Gelassenheit fiel von Ron ab, und er schob seinen Stuhl, so weit es ging, vom Tisch weg. Moody hob erneut seinen Zauberstab und richtete ihn auf die Spinne, dann murmelte er: „Crucio!“

    Die Beine der Spinne falteten sich über ihrem Körper zusammen; sie rollte auf den Rücken und begann unter furchtbaren Krämpfen hin und her zu wippen. Sie gab keinen Laut von sich, doch wenn sie es könnte...Ich wusste, sie würde schreien. Sie musste gerade sicher schreckliche Schmerzen erleiden, so wie ich es hatte erleben müssen. Ich konnte es förmlich spüren, wie die heftigen Stiche mich erneut drangsalierten, wie sie mir keine Ruhe ließen. Die Erinnerung an den Schmerz überrollte mich wie eine Welle und ich fühlte mich, als würde ich gleich zu Boden gehen. Moody zog seinen Zauberstab kein bisschen zurück und die Spinne begann noch heftiger zu zittern. Mir wurde immer heißer; die Hitze stieg mir zu Kopf, während ich die Spinne betrachtete, die Moody gerade quälte. Etwas Warmes tropfte auf meine Wange. Eine Träne. Und währenddessen krümmte sich die Spinne unter den unbegreiflichen Schmerzen-

    „Aufhören!“, schrie Mine. Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen. Doch nicht nur ich schien wie geschockt vor Angst zu sein; Neville hatte die Hände an die Tischplatte geklammert. Seine Augen waren weit aufgerissen und von Grauen erfüllt. „Liv!“ Harry rüttelte an meinem Arm. „Geht’s dir gut?“ Ich nickte zitternd, immer noch vor Schock auf die Spinne starrend. Moody hob den Zauberstab. Die Beine der Spinne erschlafften, doch sie hörten nicht auf zu zucken. „Reducio!“, murmelte Moody und die Spinne schrumpfte wieder auf ihre normale Größe zurück. Er steckte sie zurück ins Glas. „Schmerz“, krächzte Moody leise. „Man braucht keine Daumenschrauben oder Messer, um jemanden zu foltern, wenn man den Cruciatus-Fluch beherrscht...auch dieser hier war einst sehr beliebt. Schön...kennt noch jemand einen?“ Ich wusste noch einen; einen, der schlimmer war, als alle anderen. Meine Hand zitterte leicht, dann hob ich sie. „Ja?“ Moody fixierte mich mit beiden Augen. Ich sah kurz zur Seite, dann flüsterte ich: „Avada Kedavra.“ „Ah“, sagte Moody und ein weiteres leises Lächeln ließ seinen schräg sitzenden Mund zucken. „Ja, der letzte und schlimmste. Avada Kedavra...der tödliche Fluch.“ Er steckte die Hand in das Glas. Als ob sie wüsste, was kommen würde, krabbelte die dritte Spinne panisch auf dem Boden herum und versuchte Moodys Fingern zu entkommen, doch er schnappte sie und legte sie auf den Tisch, wo sie verzweifelt zu fliehen versuchte. Moody hab den Zauberstab. „Avada Kedavra!“

    Ein gleißend heller grüner Lichtstrahl, ein gefährliches Sirren, ein scharfes Rauschen, als ob etwas Unsichtbares durch die Luft raste - und im selben Moment kullerte die Spinne auf den Rücken, unverletzt, aber tot. Einige Mädchen stießen erstickte Schreie aus; Ron hatte sich nach hinten gelehnt und wäre fast vom Stuhl gefallen, als die Spinne auf ihn zurollte. Moody wischte die tote Spinne vom Tisch. „Nicht nett“, meinte er gelassen. „Nicht angenehm. Und es gibt keinen Gegenfluch. Man kann ihn nicht abwehren. Wir kennen bislang nur einen Menschen, der ihn überlebt hat, und der sitzt hier vor mir.“ Moodys Augen (diesmal waren es beide) fixierten Harry, der rot anlief. Ich starrte an die leere Tafel und dachte über diese Flüche nach. Über den Todesfluch. Es war seltsam, aber ich könnte schwören, dass ich dieses Sirren, das grüne Licht schon einmal gesehen hatte. Mir war, als würde Nebel durch mein Gedächtnis wabern und mich somit von der Erinnerung trennen. Moody riss mich aus meinen Gedanken, als er erneut zu sprechen begann. „Avada Kedavra ist ein Fluch, hinter dem ein mächtiges Stück stehen muss - ihr könntet jetzt und hier eure Zauberstäbe hervorholen, sie auf mich richten und die Worte sagen, und ich würde mir vermutlich nicht einmal eine blutige Nase holen. Aber das spielt keine Rolle. Ich bin nicht hier, um euch beizubringen, wie der Fluch funktioniert.
    Wenn es keinen Gegenzauber gibt, wieso zeige ich dann den Fluch? Weil ihr ihn kennen müsst! Ihr müsst das Schlimmste mit eigenen Augen gesehen haben. Ihr wollt euch doch nicht in eine Lage bringen, in der ihr es mit ihm zu tun bekommt. IMMER WACHSAM!“, polterte er und erneut zuckte die ganze Klasse zusammen. „Nun...diese drei Flüche - Avada Kedavra, Imperius und Cruciatus- nennen wir die Unverzeihlichen Flüche. Wer auch nur einen von ihnen gegen einen Mitmenschen richtet, ob Zauberer oder Muggel, handelt sich einen lebenlänglichen Aufenthalt in Askaban ein. Dagegen steht ihr. Den Kampf gegen diese Flüche muss ich euch beibringen. Ihr müsst euch vorbereitet. Doch vor allem müsst ihr lernen, in eurer Wachsamkeit niemals nachzulassen. Holt eure Federn raus...und schreibt mit...“

    Den Rest der Stunde verbrachten wir damit, uns über jeden Unverzeihlichen Fluch Notizen zu machen. Alle schwiegen, bis es läutete- doch als Moody die Stunde beendet hatteund wir draußen vor dem Klassenzimmer standen, brach ein Schwall von Worten bei den meisten heraus. Viele redeten mit ängstlicher Stimme über die Flüche - „Hast du gesehen, wie sie gezuckt hat?“ - „Und dann hat er sie getötet- einfach so!“ Sie sprachen über die Stunde, als ob wir eine unglaublich tolle Show gesehen hätten, doch ich hatte sie nicht besonders unterhaltsam gefunden - und wie es schien, auch Harry und Mine nicht. „Beeilt euch“, forderte meine beste Freundin in angespanntem Ton. „Nicht schon wieder in die blöde Bibliothek?“, kam es von Ron. „Nein“, entgegnete Mine schroff und deutete auf einen Nebengang. „Neville.“

    Neville stand allein in der Mitte des Ganges und starrte auf die Steinwand gegenüber - mit denselben grauenerfüllten, weit aufgerissenen Augen wie vorhin, als Moody den Cruciatus-Fluch vorgeführt hatte. „Neville?“, fragte Mine vorsichtig. Dieser drehte sich um. „Oh, hallo“, antwortete er mit ungewöhnlich hoher Stimme. „Interessante Stunde, nicht wahr? Bin gespannt, was es zu essen gibt, ich...ich verhungere gleich, ihr auch?“ „Neville, geht’s dir gut?“, fragte ich mit besorgtem Ton in der Stimme. „Oh ja, mir geht’s blendend“, plapperte Neville immer noch mit hoher Stimme. „Sehr interessant, das Abendessen - der Unterricht, meine ich - was gibt’s zu essen?“ „Neville...was-?“ Ein merkwürdig dumpfes Pochen ertönte hinter uns. Wir drehten un sum und sahen Professor Moody auf uns zuhinken. Wir verstummten und sahen ihn beklommen an, doch so sanft und leise wie jetzt hatte ich ihn noch nie knurren hören. „Ist schon gut, Kleiner“, sagte er zu Neville. „Willst du nicht kurz zu mir hoch ins Büro kommen? Keine Sorge...wir trinken zusammen eine Tasse Tee...“ Die Aussicht auf eine Tasse Tee mit Professor Moody schien Neville nur noch mehr Angst einzujagen. Er blieb stumm und rührte sich nicht vom Fleck. „Nun denn, komm mit, Longbottom, ich hab da ein paar Bücher, die dich interessieren werden.“ Moody legte eine seiner knochigen Hände auf Nevilles Schulter und führte ihn mit sanfter Gewalt davon, während Neville uns einen flehenden Blick zuwarf, bevor sie im Klassenzimmer verschwanden. „Was sollte das jetzt wieder?“, fragte Ron stinrunzelnd. „Keine Ahnung“, erwiderte Mine. „Bestimmt ‘ne Lektion für uns, oder?“, meinte Ron auf dem Weg zur Großen Halle. „Fred und George hatten Recht, seht ihr? Er kennt sich wirklich aus, dieser Moody. Wie er den Cruciatus benutzt hat, und die Spinne vor Schmerz fast gestorben wäre-...“ Doch er verstummte schlagartig, als er den Ausdruck auf meinem Gesicht sah und sprach erst wieder, als wir in die Große Halle erreicht hatten, wo er vorschlug, wir könnten heute Abend schon mal mit den Voraussagen für Professor Trelawney anfangen, weil man sicher Stunden dafür brauchen würde.

    Mine putzte in aller Eile ihren Teller leer und stürzte dann wieder in Richtung Bibliothek davon. Wir schlenderten zurück zum Gryffindor-Turm und Harry sprach die Sache mit dne Unverzeihlichen Flüchen erneut an. „Würden Moody und Dumbledore nicht Schwierigkeiten mit dem Ministerium kriegen, wenn die erfahren, dass wir die Flüche gesehen haben?“, fragte Harry, als wir auf die fette Dame zugingen. Ron erwiderte: „Ach, Dumbledore hat doch schon immer seinen eigenen Kopf durchgesetzt. Und Moody hat seit Jahren Schwierigkeiten mit denen.“ Ich nickte zustimmend. „Das ist doch typisch Mad-Eye Moody. Greift zuerst an und stellt dann die Fragen. Denkt doch mal an die Geschichte mit seinen Mülleimern. Da braucht man sich nicht wundern.“ Wir standen vor dem Porträt und Ron sagte gelangweilt: „Quatsch.“ Die fette Dame klappte zur Seite und gab das Eingangsloch frei; wir kletterten in den Gemeinschaftsraum, der heute Abend überfüllt und lärmig war. „Also, machen wir jetzt die Hausaufgaben für Wahrsagen?“, fragte ich Harry und Ron auffordernd. „Muss wohl sein“, stöhnte Ron. Ich ging hoch in meinem Schlafsaal, holte mein Buch und die Sternkarte, und ging dann hinüber zum Schlafsaal von Harry und Ron. Die beiden suchten gerade ihre Bücher, während Neville allein auf seinem Bett saß und las. Er sah um einiges ruhiger aus als vorher, wenn auch nicht ganz. Seine Augen waren noch ziemlich rot. „Geht’s dir gut, Neville?“, fragte ich. „Ja, ja“, erwiderte Neville, „mir geht’s gut, danke. Ich lese gerade dieses Buch, das mir Professor Moody geliehen hat...“ Er hielt das Buch hoch: >Magische Wasserpflanzen des Mittelmeeres und ihre Wirkungen.< „Professor Sprout hat Professor Moody nämlich erzählt, dass ich in Kräuterkunde wirklich gut bin“, fuhr Neville fort und in seiner Stimme hörte ich einen Hauch von Stolz, den man bei ihm sonst kaum wahrnehmen konnte. „Er dachte, es würde mir gefallen.“

    Ich fand, dass dies eine sehr taktvolle Art war, Neville aufzumuntern, denn er bekam sehr selten zu hören, dass er in irgendetwas wirklich gut sei. Auf diese Weise hätte es sicher auch Professor Lupin versucht. Harry und Ron nahmen ihre Exemplare von >Entnebelung der Zukunft< mit nach unten. Wir suchten uns einen freien Tisch und machten uns an die Vorhersagen für den kommenden Monat. Eine Stunde später war der Tisch übersät mit Pergamentblättern voll Zahlen und Symbolen, doch ich war vollkommen verwirrt und nicht weit vorangekommen. „Ich wusste gar nicht, dass Wahrsagen so verwirrend sein kann!“, ächzte ich, während ich mehrere Tabellen hochhielt, um sie miteinander zu vergleichen. „Ich hab keinen Schimmer, was das Zeug hier bedeuten soll“, meinte Harry und starrte auf eine lange Liste mit Zahlen und Formeln. „Wisst ihr was“, sagte Ron, dem die Haare zu Berge standen, weil er vor Ärger ständig mit den Fingern durch sein Haar fuhr, „ich glaube, wir probieren es mal mit der alten Wahrsagekrücke.“ „Wie bitte - das Ganze erfinden?“, fragte ich entsetzt. „Ach, komm schon, Liv! Du bist doch nicht Hermine! Und außerdem wären wir dann viel schneller fertig...“ Dieser letzte Satz überredete mich schließlich. Ron wischte das Gewirr bekritzelter Pergamente vom Tisch, steckte seine Feder ins Tintenfass und begann zu schreiben. „Am nächsten Montag“, erzählte er, „werd ich wahrscheinlich einen Schnupfen kriegen, und zwar weil Mars und Jupiter ganz ungünstig zueinander stehen.“ Er sah auf. „Ihr kennt sie doch - misch ‘ne hübsche Portion Elend rein und sie leckt es dir aus der Hand.“ „Stimmt“, entgegnete Harry, knüllte das Blatt Pergament zusammen und warf es ins Feuer. „Gut...am Montag gerate ich in Gefahr - ähm -, mich zu verbrennen.“ „Da kannst du Gift drauf nehmen“, stimmte ich ihm mit finsterem Blick zu, „am Montag sehen wir die Kröter wieder. Schön, ich werde... ich werde eine schreckliche Wahrheit erfahren...weil Uranus und Merkur gerade ungünstig zueinander stehen.“ Ich grinste, während Ron auf der Suche nach Anregungen durch >Entnebelung der Zukunft< blätterte. „Hmm, nächsten Dienstag könnte ich etwas verlieren, dass mir lieb und teuer ist...wegen Merkur. Harry, wie wär’s, wenn dir jemand, den du für einen Freund gehalten hast, ein Messer in den Rücken stößt?“ „Jaaa...cool...“, murmelte Harry und begann zu schreiben, „weil Venus im zwölften Haus steht.“ „Und ich übe einen schweren Zauber, der verdammt schiefgehen wird“, meinte ich und fing an loszukritzeln. „Ich krieg am Mittwoch, glaub ich, bei einer Prügelei was auf die Nase.“, überlegte Ron. „Ach, eigentlich wollte ich mich prügeln. Gut, dann verlier ich eine Wette.“, spinnte Harry den Faden weiter. „Ja, du wettest, dass ich die Prügelei gewinne...“

    So strickten wir noch über eine Stunde lang weiter an unseren Vorhersagen (die immer tragischer wurden), während sich der Gemeinschaftsraum langsam leerte. Krummbein kam zu uns herübergeschlendert, sprang leichfüßig auf einen leeren Stuhl und starrte mich mit stirnrunzelnd an, ganz so, wie Mine jetzt schauen würde, wenn sie wüsste, dass wir unsere Hausaufgaben nicht ordentlich erledigten. Ich ließ meinen Blick durchs Zimmer schweifen und versuchte mir ein Unglück einfallen zu lassen, dass ich noch nicht aufgeschrieben hatte, als ich Fred und George an der Wand gegenüber sitzen sah, die Köpfe zusammengesteckt und mit gezückten Federn über einem Pergament brütend. Wie seltsam! Das war so gar nicht typisch für die Zwillinge... man sah die beiden nur ganz selten mal tief in die Arbeit vertieft und stumm wie Fische in der Ecke sitzend. Wie sie da gemeinsam an ihrem Pergament arbeiteten, hatten sie etwas Geheimnistuerisches an sich; ich fragt emich, ob das etwas mit dem Versuch zu tun hatte, am Trimagischen Tunier teilzunehmen. Kopfschüttelnd wandte ich mich ab. Wenn das mal gut ging...

    Kurz darauf rollten die beiden ihr Pergament zusammen, wünschten eine gute Nacht und gingen ins Bett. Die beiden waren kaum zehn Minuten fort, als das Porträtloch aufging und Mine in den Gemeinschaftsraum kletterte. In der einen Hand trug sie ein Blatt Pergament, in der anderen ein Kästchen mit schepperndem Inhalt. Krummbein machte kurz einen Buckel und schnurrte. „Hallo“, begrüßte sie uns, „ich bin gerade fertig geworden!“ „Ich auch!“, rief Ron augelassen und warf seine Feder auf den Tisch. Mine setzte sich, legte ihre Sachen auf einen leeren Sessel, und sah sich das Blatt mit Rons Vorhersagen an. „Wird kein besonders guter Monat für dich, oder?“, sagte sie mit einem schrägen Lächeln, während Krummbein auf ihren Schoss sprang und es sich gemütlich machte. „Tja, wenigstens bin ich vorgewarnt“, gähnte Ron. „Sieht aus, als ob du zweimal ertrinkst“, berichtete Mine stirnrunzelnd. „Ach, wirklich?“, fragte Ron und warf einen Blick auf seine Vorhersagen. „Dann ändere ich das lieber in Zertrampeltwerden von einem wild gewordenen Hippogreif.“ „Meinst du nicht, jeder merkt, dass ihr alles erfunden habt?“, fragte Mine. „Wie kannst du nur so etwas sagen!“, rief Ron gespielt entrüstet. „Wir haben hier geschuftet wie die Hauselfen!“ Mine zog die Augenbrauen nach oben. „Ist doch bloß so ‘ne Redewendung“, fügte Ron hastig hinzu. Auch Harry und ich legten unsere Federn weg. Ich hatte einen guten Schluss mit meinem Tod durch das Ertrinken im Schwarzen See gefunden. „Was ist dadrin?“, fragte ich und zeigte auf das Kästchen. „Wie schön, dass du fragst“, sagte sie und warf Ron kurz einen vernichtenden Blick zu. Sie klappte den Deckel des Kästchens zurück.

    Darin lagen in etwa fünfzig Anstecker in verschiedenen Farben, doch alle mit derselben Aufschrift: B.ELFE.R. „Belfer?“, fragte Harry, nahm einen Anstecker und betrachtete ihn. „Was ist das?“ „Nicht Belfer“, erwiderte Mine recht ungehalten. „Es heißt B-ELFE-R, Bund für ELFEnRechte.“ „Nie davon gehört“, meinte Ron trocken. „Natürlich nicht“, fauchte Mine, „ich hab ihn eben erst gegründet.“ „Wirklich?“, fragte ich leicht überrascht. „Wie viele Mitglieder hat er?“ „Na ja - wenn ihr mitmacht - vier“, entgegnete Mine ein wenig verlegen. „Und du glaubst im Ernst, wir wollen mit Ansteckern rumlaufen, auf denen >Belfer< steht?“ „B-ELFE-R!“, rief Mine erzürnt. Sie wedelte mit dem Pergament unter unseren Nasen. „Ich hab in der Bibliothek gründlich nachgeforscht. Die Elfenversklavung reicht schon Jahrhunderte zurück. Ich kann einfach nicht fassen, dass bisher niemand was dagegen unternommen hat.“ „Hermine - nun hör mal gut zu“, unterbrach Ron sie harsch. „Sie. Mögen. Es. Sie mögen es, versklavt zu sein!“ „Unser kurzfristiges Ziel“, fuhr Mine fort, noch lauter als Ron, um so zu tun, als ob sie nichts gehört hatte, „ist die Durchsetzung fairer Löhne und Arbeitsbedingungen. Zu unseren langfristigen Zielen gehört die Änderung des Gesetzes über den Nichtgebrauch von Zauberstäben und der Versuch, eine Elfe in die Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe zu bringen, denn dort sind sie kaum vertreten.“ „Und wie stellen wir das an?“, fragte ich. „Zuerst werben wir Mitglieder an“, beantwortete Mine die Frage munter. „Ich dachte an zwei Sickel für die Mitgliedschaft - dafür gibt es einen Anstecker - und mit dem Erlös können wir unsere Flugblattkampagne bezahlen. Du bist der Schatzmeister, Ron - oben hab ich für dich eine Sammelbüchse -, und Harry, du bist der Sekretär, also wär’s am besten, wenn du alles mitschreibst, was ich jetzt sage, um unser erstes Treffen festzuhalten.“ Eine Pause trat ein, der Mine uns anstrahlte. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Ob Mine das wirklich ernst meinte? Nicht Ron brach das Schweigen, der jetzt aussah, als hätte es ihm die Sprache verschlagen, sondern ein leises >tok, tok< am Fenster. Eine weiße Schneeeule saß auf dem Fenstersims. „Hedwig!“, rief Harry, sprang aus dem Sessel, stürmte hinüber und riss das Fenster auf. Hedwig flog herein, schwebte durch den Raum und ließ sich auf meiner Schulter nieder. „Wird langsam Zeit!“, sagte Harry und kam zurück zum Tisch. „Sie hat eine Antwort!“, teilte ich Harry mit und deutete auf ein schmuddeliges Stück Pergament, das an Hedwigs Bein gebunden war. Hastig knüpfte Harry das Pergament los und setzte sich, um es zu lesen. Hedwig schwang sich von meiner Schulter und flatterte auf Harrys Knie; sie schuhuhte leise. „Was schreibt er?“, fragte Mine atemlos. Harry las laut vor:

    Harry,
    ich fliege sofort zurück nach Norden. Diese Neuigkeit über deine Narbe ist nur das letzte Glied einer Kette merkwürdiger Gerüchte, die mir zu Ohren gekommen sind. Wenn sie wieder anfängt zu schmerzen, geh unverzüglich zu Dumbledore - es heißt, er habe Mad-Eye aus dem Ruhestand zurückgeholt, was bedeutet, dass wenigstens er, wenn auch sonst keiner, die Zeichen liest.
    Ich melde mich bald. Meine besten Grüße an Ron, Hermine und Olivia. Halt die Augen offen, Harry.
    Sirius

    Ich starrte Harry mit großen Augen an. „Er fliegt nach Norden?“, flüsterte Mine, mit der Hoffnung, sich verhört zu haben. „Er kommt zurück?“ „Was sind das für Zeichen, die Dumbledore liest?“, fragte Ron, offenbar vollkommen perplex. „Harry, was ist los mit dir?“, fügte ich, leicht nervös, hinzu. Harry hatte sich gerade mit der Faust gegen die Stirn geschlagen und Hedwig aus seinem Schoß geworfen. „Ich hätt’s ihm nicht sagen sollen!“, rief er wütend. „Wovon redest du eigentlich?“, fragte Ron verdutzt. „Jetzt denkt er, er muss zurückkommen!“, rief Harry und schlug mit seiner Faust so heftig auf den Tisch, dass Hedwig auf Rons Stuhllehne flatterte und entrüstet schrie. „Zurückkommen, weil er glaubt, ich sei in Schwierigkeiten! Aber mir geht’s doch gut! Und für dich hab ich nichts“, fauchte er Hedwig an, die erwartungsvoll mit dem Schnabel klackerte, „da musst du schon hoch in die Eulerei, wenn du was zu fressen willst.“ Hedwig warf ihm einen zutiefst beleidigten Blick zu und flog zum offenen Fenster hinaus. „Harry-...“, setzte ich an, um ihn zu beruhigen. „Ich geh schlafen“, unterbrach er mich barsch. „Bis morgen früh dann.“ Und so verschwand er wütend. Ich seufzte, dann wünschte ich Ron und Mine ebenfalls eine gute Nacht und ging ins Bett. Ich wusste nicht mehr, wie lange ich noch dagelegen hatte, doch irgendwann schaffte ich es schließlich einzuschlafen.

    Die Glut leuchtete feuerrot auf; das Feuer breitete sich immer weiter aus, setzte die Einrichtung des Zimmers in Brand und drängte mich immer weiter in eine Ecke des Zimmers zurück. Der Gestank des Rauchs drang in meine Nase und ich musste mehrere Male husten. Die Feuerwand kam immer weiter auf mich zu; immer näher, bis ich die Hitze auf meiner Haut spüren konnte. Ich presste mich gegen die kalte weiße Wand und kniff die Augen zusammen, als ich ein goldenes Leuchten vom Boden her bemerkte, dass gegen die Flammen anzukämpfen schien. Ich wollte mich bücken, um nach dem Schimmern zu greifen, doch im nächsten Moment hörte ich ein lautes Krachen, das aus der Weite des Zimmers kam, die schon vom Feuer verschluckt worden waren. Ich schreckte hoch und stellte erst nach einigen Sekunden fest, dass ich mich nicht mehr in dem brennenden Raum befand. Ich atmete erleichtert auf und rollte mich auf die Seite, um nach wenigen Minuten erneut einzuschlafen.

    19
    19. Kapitel

    Am nächsten Morgen, als Ron, Mine und ich in der Großen Halle beim Frühstück saßen, sah ich, wie Harry zum Gryffindor-Tisch kam. „Wo warst du?“, fragte ich, als er sich neben mich setzte. „Hab einen Brief an Sirius abgeschickt“, berichtete er und schaufelte sich Rührei mit Speck auf den Teller. „Was hast du geschrieben?“, kam es von Ron, den Mund voller Haferschleim. Harry blickte kurz zur Seite, als überlege er, was er antworten sollte. „Du hast doch nicht-...“, setzte ich an, doch Harry nickte bloß bestätigend. „Das war eine Lüge, Harry“, mischte sich Mine mit scharfem Ton ein. „Du hast dir nicht bloß eingebildet, dass deine Narbe wehgetan hat, das weißt du genau.“ „Na und?“, entgegnete Harry. „Meinetwegen soll er jedenfalls nicht wieder in Askaban landen.“ „Lass stecken“, fuhr Ron Mine an, als sie den Mund öffnete, um Harry zu tadeln. Ausnahmsweise folgte ihm Mine und verstummte.

    Die nächsten Wochen vergingen sehr schnell und nun war der Unterricht so anspruchsvoll und schwierig wie nie zuvor. Zu unserer Überraschung hatte Professor Moody angekündigt, dass er jeden Einzelnen mit dem Imperius-Fluch belegen würde, um dessen Macht zu demonstrieren und zu prüfen, ob wir uns gegen seine Wirkungen zur Wehr setzen konnten. „Aber, Sie sagten doch, es wäre verboten, Professor“, meinte Mine verunsichert, als Moody mit einem Schwung seines Zauberstabs die Tische fortrücken ließ und so einen großen freien Platz in der Mitte des Raumes verschaffte. „Sie sagten - ihn gegen einen anderen Menschen einzusetzen, sei-...“ „Dumbledore will, dass ich euch beibringe, wie es sich anfühlt“, unterbrach sie Moody, und sein magisches Auge fixierte Mine, ohne ein einziges Mal zu blinzeln. „Wenn du es lieber auf die harte Tour lernen willst - wenn dich jemand damit überrascht und dich vollkommen unterwirft -, mir soll es recht sein. Du bist entschuldigt. Da geht’s raus.“ Er wies mit seinen knochigen Fingern zur Tür. Mine lief rosa an und murmelte etwas von wegen, sie hätte es nicht so gemeint. Harry, Ron und ich grinsten. Wir wussten, dass Mine lieber unverdünnten Bubotubler-Eiter schlürfen würde, als eine so wichtige Unterrichtsstunde zu verpassen.

    Moody ließ uns der Reihe nach vortreten und belegte einen nach dem anderen mit dem Imperius-Fluch. Meine Mitschüler führten recht beeindruckende Kunststücke auf; Dean hüpfte dreimal im Kreis durchs Zimmer und sang dabei die Nationalhymne; Lavender ahmte ein Eichhörnchen nach; Neville zeigte eine Reihe verblüffender Gymnastikübungen, bei denen er ansonsten sicher zusammengeklappt wäre. Nicht einer schien den Fluch abwehren zu können, bis Moody ihn wieder aufhob. „Potter“, knurrte Moody, „du bist dran.“ Harry trat vor; Moody zog seinen Zauberstab, richtete ihn auf Harry und murmelte: „Imperio!“ Harry blieb einige Sekunden lang stocksteif stehen. Er schien mit sich zu kämpfen; im nächsten Moment krachte er mit seinem Kopf gegen den Tisch. Er hatte sich davon abhalten wollen, auf den Tisch zu springen. „Na, das war doch schon mal was!“, knurrte Moody. „So, wen haben wir als Nächstes?“ Er sah auf seine Liste; sein normales Auge betrachtete die Liste, während sein magisches Auge durch das Klassenzimmer huschte. „Ah ja“, murmelte er. „Olivia Rosier.“

    Ich schluckte schwer; meine Knie zitterten leicht, als ich nach vorne in die Mitte des Raumes trat. Moody richtete seinen Zauberstab auf mich und sagte: „Imperio!“ Es war ein sehr seltsames Gefühl. Es kam mir vor, als würde ich schweben, jeder Gedanke war fortgewischt, und zurück blieb nur ein vages, unergründliches Glücksgefühl. Und dann hörte ich Moodys Stimme aus irgendeiner Ecke meines leeren Kopfes wiederhallen: >Schlag ein Rad<...>schlag ein Rad<... Wieso solltest du das tun?, ertönte plötzlich eine andere Stimme in meinem Kopf, die sich verdammt nach Luna anhörte. >Schlag ein Rad<... Was wäre der Grund dazu?, fragte Lunas Stimme. >Tu’s! Sofort!< Hör nicht auf ihn!, rief Luna in meinem Kopf. >Tu’s!< Tu’s nicht! „Nein!“ Ich brauchte einige Sekunden, bis ich begriff, dass ich es war, die gesprochen hatte. Ich spürte, wie der Zauber von mir abfiel. „Sieh an“, knurrte Moody leise. „Da hat wohl jemand starken Widerstand in sich.“

    „So, wie er redet, könnte man meinen, wir könnten jeden Moment angegriffen werden“, sagte Harry, als der Unterricht vorbei war und wir zum Mittagessen gingen. „Ja, ich weiß“, erwiderte Ron, der noch immer bei jedem zweiten Schritt hüpfte. Er hatte viel mehr Probleme mit dem Fluch gehabt, als Harry und ich, doch Moody hatte ihm versichert, dass die Wirkung bis zum Mittagessen abklingen würde. „Wenn wir schon beim Verfolgungswahn sind...“, Ron sah nervös über die Schulter, ob Moody auch ja außer Höweite war, und fuhr fort: „Kein Wunder, dass sie im Ministerium froh waren, ihn loszuwerden. Habt ihr gehört, wie er Seamus erzählt hat, was er mit dieser Hexe angestellt hat, die am ersten April hinter seinem Rücken >Buuh< gerufen hat? Und wann sollen wir denn bitte alles über den Widerstand gegen den Imperius-Fluch nachlesen, wenn wir ohnehin so viel zu tun haben?“

    Uns war allen aufgefallen, dass wir dieses Jahr eine ganze Menge mehr zu arbeiten hatten. Professor McGonagall erklärte uns auch, warum, als die gesamte Klasse in Verwandlung mit besonders lautem Stöhnen und Ächzen auf eine neue Ladung Hausaufgaben reagiert hatte. „Für Sie beginnt ab jetzt eine besonders wichtige Zeit in Ihrer Ausbildung als Zauberer!“, verkündete sie und die Augen hinter ihren quadratischen Brillengläsern glitzerten gefährlich. „Ihre Prüfungen für die ZAGs stehen bevor-...“ „Wir kriegen die ZAGs doch erst im fünften Schuljahr!“, unterbrach Dean sie entrüstet. „Das mag sein, Thomas, aber glauben Sie mir, Sie brauchen alle Vorbereitung, die Sie bekommen können! Miss Granger und Miss Rosier sind bis heute die Einzigen in der Klasse, die es schaffen, einen Igel in ein gewöhnliches Nadelkissen zu verwandeln. Ich darf Sie daran erinnern, Thomas, dass Ihr Kissen sich immer noch vor Angst zusammenrollt, wenn sich jemand mit einer Nadel nähert!“ Mine war mal wieder rosa angelaufen und schien sich zu bemühen, nicht allzu geschmeichelt auszusehen.

    Harry, Ron und ich amüsierten uns königlich, als Professor Trelawney in der nächsten Wahrsagestunde verkündete, wir hätten für unsere Vorhersagen Spitzennoten bekommen. Sie las ausgiebig aus unseren Arbeiten vor und lobte uns für unseren unerschrockenen Blick auf die schreckliche Zukunft, die uns bevorstand - weniger erfreut waren wir jedoch, als sie uns aufgab, das Gleiche noch einmal für den übernächsten Monat zu machen; allmählich gingen uns die Ideen aus.

    Unterdessen ließ uns Professor Binns, der Geschichte der Zauberei lehrte, jede Woche einen Aufsatz über die Kobold-Aufstände im 18. Jahrhundert schreiben. Professor Babbling, die Alte Runen unterrichtete, gab uns meterlange Texte als Hausaufgabe zum Übersetzen auf. Professor Snape zwang uns, Gegengifte zu erforschen. Das nahmen wir sehr ernst, denn er deutete an, er könnte ja einen von uns noch vor Weihnachten vergiften, um festzustellen, ob das Gegengift wirkte. Professor Flitwick verlangte von uns, zur Vorbereitung auf den Unterricht über Aufrufe- und Sammelzauber noch drei weitere Bücher nebenher zu lesen. Selbst Hagrid bürdete uns noch zusätzliche Lasten auf. Die Knallrümpfigen Kröter wuchsen erstaunlich schnell, wenn man bedachte, dass noch niemand herausgefunden hatte, was sie fraßen. Hagrid fand dies großartig, und er schlug „im Rahmen des Projekts“ vor, wir sollten doch jeden zweiten Abend zu seiner Hütte herunterkommen, um die Kröter zu beobachten und sich Notizen über ihr eigenartiges Verhalten zu machen. „Ich jedenfalls nicht“, sagte Draco lustlos. „Ich seh im Unterricht genug von diesen widerlichen Dingern, danke.“ Hagrids Lächeln erstarb. „Du tust, was man dir sagt“, knurrte er, „oder ich nehm mir mal ein Beispiel an Professor Moody...hab gehört, du gibst ‘n niedliches Frettchen ab, Malfoy.“ Alle Gryffindors lachten schallend. Draco errötete vor Zorn, doch offenbar war die Erinnerung an die Bestrafung durch Moody immer noch schlimm genug, um ihn dazu zu bringen, den Mund zu halten. Wir kehrten nach dem Unterricht bestens gelaunt ins Schloss zurück; zu erleben, wie Hagrid Draco in die Schranken wies, war eine Genugtuung gewesen, vor allem, da Draco sich letztes Jahr nach Kräften bemüht hatte, Hagrid aus der Schule werfen zu lassen. In der Eingangshalle gerieten wir in ein dichtes Gedränge von Mitschülern, die sich alle um das große Schild drängelten, das am Fuß der Marmortreppe aufgestellt worden war. Ron, der Größte von uns, lugte auf Zehenspitzen stehend über die anderen Köpfe hinweg und las uns vor, was auf dem Schild stand.

    Trimagisches Tunier

    Die Abordnungen aus Beauxbatons und Durmstrang kommen am Freitag, den 30. Oktober, um sechs Uhr nachmittags an. Der Unterricht endet eine halbe Stunde früher.

    „Toll!“, sagte Harry begeistert. „In der letzten Stunde am Freitag haben wir Zaubertränke! Dann hat Snape wenigstens keine Zeit mehr, uns alle zu vergiften!“

    Die Schüler werden gebeten, Taschen und bücher in die Schlafräume zu bringen und isch vor dem Schloss zu versammeln, um unsere Gäste vor dem Willkommensfest zu begrüßen.

    „Nur noch eine Woche!“, sagte Ernie Macmillan, ein Hufflepuff, der jetzt in der Menge auftauchte. „Ob Cedric das schon weiß? Ich glaub, ich geh und sag’s ihm...“ „Cedric?“, fragte Ron mit ahnungslosem Gesicht, als Ernie davonrannte. „Diggory“, erwiderte ich. „Der wird sicher am Tunier teilnehmen.“ „Dieser Idiot soll Hogwarts-Champion werden?“, fragte Ron entgeistert, während wir uns durch die plappernde Menge zur Treppe drängten. „Er ist kein Idiot, du kannst ihn doch nur nicht ausstehen, weil er Gryffindor im Quidditch geschlagen hat“, sagte Mine. „Ich hab gehört, er sei richtig gut im Unterricht - und er ist Vertrauensschüler.“ Sie sprach, als ob die Angelegenheit damit erledigt wäre. „Du magst ihn doch nur, weil er hübsch ist“, entgegnete Ron spöttisch. „Entschuldige mal, ich mag niemanden, nur weil er hübsch ist!“ Mine wirkte recht entrüstet. Ron ließ ein falsches Hüsteln hören, das verdächtig wie „Lockhart!“ klang.

    Das Schild in der Eingangshalle hatte erstaunliche Wirkung auf die Bewohner des Schlosses. In der folgenden Woche schien es, egal wo ich hinkam, nur ein einziges Thema zu geben: das Trimagische Tunier. Gerüchte flogen von Schüler zu Schüler wie ansteckende Bazillen. Wer würde für Hogwarts ins Rennen gehen, welche Tunieraufgaben warteten auf ihn oder sie, waren die Schüler von Beauxbatons und Durmstrang anders als die von Hogwarts? Ich bemerkte auch, dass im Schloss besonders gründlich geputzt wurde. Mehrere rußüberzogene Gemälde wurden geschrubbt, was den Abgebildeten nicht gerade gut gefiel. Die Rüstungen glänzten auf einmal und quietschten nicht mehr bei jeder Bewegung, und Filch bekam jedes Mal, wenn jemand vergaß, sich die Schuhe abzuputzen, einen so schlimmen Wutanfall, dass zwei Mädchen aus der ersten Klasse vor Angst Schreikrämpfe bekamen. Auch die Lehrer schienen merkwürdig angespannt zu sein. „Longbottom, seien Sie so nett und zeigen Sie den Leuten von Durmstrang ja nicht, dass Sie nicht einmal einen einfachen Verwandlungszauber beherrschen!“, blaffte Professor McGonagall Neville am Ende einer besonders schwierigen Stunde an, während deren er versehentlich seine eigenen Ohren auf einen Kaktus verpflanzt hatte.

    Als wir am Morgen des 30. Oktober zum Frühstück hinuntergingen, stellten wir staunend fest, dass die Große Halle über Nacht geschmückt worden war. Riesige, seidene Banner hingen an den Wänden, eines für jedes Hogwarts-Haus - ein goldener Löwe auf rotem Grund für Gryffindor, ein bronzener Adler auf Blau für Ravenclaw, ein schwarzer Dachs auf Gelf für Hufflepuff und eine silberne Schlange auf grünem Grund für Slytherin. Hinter dem Lehrertisch prangte auf dem größten Banner das Wappen von Hogwarts: Löwe, Adler, Dachs und Schlange um den großen Buchstaben „H“. Harry, Ron, Mine und ich saßen Fred und George am vorderen Ende des Gryffindor-Tisches sitzen. Sie unterhielten sich flüsternd; Ron ging auf die beiden zu; wir folgten ihm. „Es ist ein Reinfall, zugegeben“, sagte George mit trübseliger Miene. „Aber wenn er nicht persönlich mit uns sprechen will, müssen wir ihm doch den Brief schicken. Oder wir drücken ihn ihm in die Hand, er kann uns ja nicht ewig aus dem Weg gehen.“ „Wer geht euch aus dem Weg?“, fragte Ron und setzte sich zu seinen Brüdern. „Ich wünschte, du“, erwiderte Fred, verärgert über die Unterbrechung. „Was ist ein Reinfall?“, fragte Ron an George gewandt. „’nen neugierigen Kerl wie dich als Bruder zu haben“, meinte dieser. „habt ihr beide schon irgendwelche Ideen, was ihr beim Trimagischen Tunier anfangen wollt?“, fragte Harry. „Habt ihr darüber nachgedacht, ob ihr doch noch teilnehmt?“ „Ich hab McGonagall gefragt, wie die Champions ausgewählt werden, aber sie hat nichts verraten“, erzählte George erbittert. „Sie meinte nur, ich solle den Mund halten und endlich meinen Waschbären verwandeln.“ „Was das wohl für Aufgaben sein werden?“, fragte Ron nachdenklich. „Harry, ich wette, wir könnten es schaffen, mit gefährlichen Dingen kennen wir uns doch aus...“ „Aber Schiedsrichter haben euch dabei noch nicht zugesehen, oder?“, bemerkte Fred. „McGonagall sagt, die Champions kriegen Punkte, je nachdem, wie gut sie die Aufgaben erledigt haben.“ „Wer sind die Schiedsrichter?“, fragte ich neugierig. „Jedenfalls sind die Leiter der teilnehmenden Schulen immer mit in der Jury“, sagte Mine und alle drehten sich erstaunt zu ihr um. „Das weiß ich, weil alle drei beim Tunier von 1792 verletzt wurden, als ein Basilisk, den die Champions eigentlich fangen sollten, einen Wutausbruch bekam.“ Es entging ihr nicht, dass die anderen sie anstarrten und sie sagte etwas hochnäsig: „Steht alles in der >Geschichte von Hogwarts<. Natürlich ist dieses Werk nicht ganz zuverlässig. >Eine umgeschriebene Geschichte von Hogwarts< wäre zutreffender. Oder >Eine höchst einseitige und zensierte Geschichte von Hogwarts, welche die hässlicheren Seiten der Schule übertüncht.< „Worauf willst du raus?“, fragte Ron, während ich schon zu wissen glaubte, was jetzt kommen würde.

    „Hauselfen!“, kam es laut von ihr und bestätigte meine Ahnung. „Nicht ein einziges Mal auf über tausend Seiten erwähnt die >Geschichte von Hogwarts<, dass wir alle bei der Unterdrückung von hunderten Sklaven mitwirken!“ Ich beugte mich über mein Rührei mit Speck und verdrehte, leicht kopfschüttelnd, die Augen. Die mangelnde Begeisterung, die Harry, Ron und ich zeigten, hatte Mines Eifer nicht im Mindesten gedämpft. Sie fest entschlossen, für die Gerechtigkeit der Hauselfen zu kämpfen. Sicher, wir hatten alle drei zwei Sickel für den B.ELFE.R-Anstecker bezahlt, aber nur, um sie zu beschwichtigen (denn mal ehrlich, wenn Mine wütend war, wollte ich nicht verantwortlich dafür sein!). Unser Geld hatte jedoch nichts genutzt, Mine war eher noch eifriger geworden und hatte uns seither ständig (also wirklich STÄNDIG) in den Ohren gelegen. Zuerst sollten wir unsere Anstecker auch tragen, dann sollten wir auch andere überzeugen, und zudem hatte Mine es sich zur Gewohnheit gemacht, jeden Abend im Gemeinschaftsraum umherzutigern, unsere Mitschüler in die Enge zu treiben und mit der Sammelbüchse unter ihren Nasen zu klappern. „Ihr wisst doch genau, dass eure Bettwäsche gewechselt, euer Feuer anzündet, eure Klassenzimmer geputzt und eure Mahlzeiten gekocht werden von einer Gruppe magischer Geschöpfe, die unbezahlt und versklavt sind?“, sagte sie immer wieder mit wütendem Blick. Manche, wie Neville, hatten bezahlt, nur damit Mine sie in Ruhe ließ. Einige schienen oberflächlich interessiert an dem, was sie zu sagen hatte, zögerten jedoch, tatkräftiger für die Bewegung zu arbeiten. Viele hielten das Ganze für einen Scherz.

    Ron ließ den Blick zur Decke schweigen, die uns in herbstliches Sonnenlicht tauchte, und Fred wandte sich mit enormen Interesse seinem Schinken zu (die Zwillinge hatten sich geweigert, einen Anstecker zu kaufen). George jedoch beugte sich zu Mine hinüber. „Hör mal, Hermine, bist du jemals unten in den Küchen gewesen?“ „Nein, natürlich nicht“, entgegnete Mine schroff, „ich glaube kaum, dass Schüler dort unten was-...“ „Aber wir beide schon“, unterbrach George sie und deutete auf Fred, „und zwar öfters, um Essen zu klauen. Wir haben sie getroffen, und ich sag dir, sie sind glücklich. Sie glauben, sie haben die besten Jobs der Welt-...“ „Weil sie ungebildet sind und eine Gehirnwäsche verpasst bekommen!“, schrie Mine erhitzt, doch ihre nächsten Worte gingen in dem Rauschen der Posteulen unter, die über unsere Köpfe hinwegflatterten. Ich sah nach oben und entdeckte Hedwig, die sich aus der Menge löste und auf Harry zuschwebte. Mine verstummte jäh; Hedwig ließ sich auf harrys Schulter nieder, zog ihre Flügel ein und streckte müde ihr Bein aus. Harry zog Sirius’ Antwort von Hedwigs Bein. Wir vergewisserten uns, dass Fred und George erneut in das Gespräch über das Trimagische Tunier vertieft waren, dann las Harry uns im Flüsterton Sirius’Brief vor.

    Netter Versuch, Harry,
    ich bin wieder im Land und gut versteckt. Ich möchte, dass du mich über alles, was in Hogwarts vor sich geht, per Brief auf dem Laufenden hältst. Nimm nicht mehr Hedwig, wechsle ständig die Eulen un dmach dir keine Sorgen um mich, pass nur auf dich selbst auf. Vergiss nicht, was ich über deine Narbe gesagt habe.
    Sirius

    „Warum sollst du ständig die Eulen wechseln?“, fragte Ron mit gedämpfter Stimme. „Ist doch klar“, erwiderte ich sofort. „Sie fällt auf. Eine Schneeeule, die ständig zu seinem Versteck fliegt...sie ist jedenfalls kein einheimischer Vogel, verstehst du, Ron?“ Harry rollte den Brief zusammen und steckte ihn in seinen Schulumhang. „Danke, Hedwig“, murmelte er und streichelte sie. Sie schuhuhte schläfrig, tauchte den Schnabel kurz in seinen Becher mit Orangensaft und flatterte davon, offenbar mit dem dringenden Bedürfnis, sich in der Eulerei richtig auszuschlafen.

    An diesem Tag lag eine erwartungsvolle Stimmung in der Luft. Im Unterricht passte niemand so richtig auf, alle waren viel zu gespannt auf die Schüler von Beauxbatons und Durmstrang; selbst Zaubertränke war heute für alle Gryffindors erträglicher als sonst, denn der Unterricht war ja eine halbe Stund ekürzer. Als es dann läutete, rannten Harry, Ron, Mine und ich hoch in den Gryffindor-Turm, verstauten unsere Taschen voller Bücher, zogen saubere Schulumhänge mit dem Gryffindorwappen über und eilten dann zurück in die Eingangshalle. Die Hauslehrer wiesen alle Schüler an, sich in Reihen aufzustellen. „Weasley, richten Sie ihre Krawatte gerade“, fuhr Professor McGonagall Ron an. „Ms. Patil, nehmen Sie dieses lächerliche Ding da aus den Haaren.“ Parvati sah sie finster an und zog eine große Schmetterlingsspange aus ihrem Zopf. „Folgen Sie mir, bitte“, befahl Professor McGonagall, „die Erstklässler voran...und kein Gedrängel...“

    Im Gänsemarsch gingen wir die Vortreppe hinunter und reihten uns vor dem Schloss auf. Es war ein kühler, klarer Abend; die Dämmerung brach bereits an und der Mond, blass und glatt wie eine Scheibe, war aufgegangen. „Fast sechs“, stellte Ron mit einem Blick auf seine Armbanduhr fest und spähte ungeduldig die Auffahrt hinunter, die zum Schlosstor führte. Wie sie wohl kommen würden? Mit dem Zug sicher nicht, auf Besen gewiss auch nicht... Aufgeregt suchten wir mit den Augen die Ländereien des Schlosses ab, doch nichts rührte sich. Alles war friedlich, still und eigentlich...wie immer. Mir wurde allmählich kalt; hoffentlich kamen sie bald... Dann rief Dumbledore plötzlich aus der hinteren, wo er mit den anderen Lehrern stand: „Aha! Wenn ich mich nicht sehr täusche, nähert sich die Delegation aus Beauxbatons!“ „Wo?“ Viele Schüler sahen neugierig in alle möglichen Richtungen. „Dort!“, schrie ein Sechstklässler aus Hufflepuff und deutete hinüber zum Wald. Etwas Großes kam in sanften Wellen über den tiefblauen Himmel auf das Schloss zugeflogen. „Ein Drache!“, kreischte eine Erstklässlerin entzückt. „Blödsinn...es ist ein fliegendes Haus!“, erwiderte Dennis Creevey. Damit hatte er gar nicht so unrecht. Als die gigantische Gestalt immer näher kam, erkannten wir, dass es sich um eine riesige, pastellfarbene Kutsche handelte, groß wie ein stattliches Haus, die auf uns zurauschte; gezogen wurde sie von einem Dutzend geflügelter Pferde, allsamt so groß wie Elefanten. Die ersten drei Schülerreihen mussten zurückweichen, als die Kutsche sich neigte und mit unglaublicher Geschwindigkeit zum Landen ansetzte - dann, mit einem markerschütternden Krachen, schlugen die Pferdehufe, größer als Teller, auf festem Grund auf. Eine Sekunde später landete auch die Kutsche und federte auf ihren riesigen Rädern auf und ab. Ich konnte gerade noch erkennen, dass auf der Kutschentür das Wappen von Beauxbatons prangte (zwei gekreuzte goldene Zauberstäbe, aus denen jeweils drei Funken stoben), als sie auch schon aufgerissen wurde.

    Ein Junge in blassblauem Umhang sprang aus der Kutsche, fummelte einen Moment lang am Kutschboden herum, zog dann eine ausklappbare goldene Treppe heraus und trat respektvoll einen Schritt zurück. Ein hochhackiger, schwarzer Schuh tauchte aus der Kutsche auf - der größte Schuh, den ich je gesehen hatte - dem sogleich eine noch größere Frau folgte. Das erklärte natürlich die Größe der Kutsche und der Pferde. Einigen Umstehenden stockte der Atem.

    Ich hatte bisher nur einen einzigen Menschen gesehen, der so groß war: Hagrid. Ich war mir nicht sicher, ob Hagrid auch nur einige Zentimeter größer war. Als die Frau in das Licht trat, das aus der Eingangshalle flutete, sah ich, dass sie ein sehr hübsches, olivfarbenes Gesicht hatte, große, braune, leicht schimmernde Augen und eine schnabelähnliche Nase. Ihr Haar war im Nacken zu einem Knoten zusammengebunden. Sie war von Kopf bis Fuß in schwarzen Satin gekleidet; an ihrem Hals und ihren Fingern glitzerte unzählbare prächtige Opale. Dumbledore fing an zu klatschen; ihm folgend brachen auch alle Schüler in Applaus aus, während sich viele der jüngeren Schüler auf die Zehenspitzen stellten, um die Frau besser sehen zu können. Die Anspannung in ihrem Gesicht wich einem leichten Lächeln und sie schritt auf Dumbledore zu, um ihm ihre funkelnde Hand entgegenzustrecken. Dumbledore, der selbst nicht gerade klein war, musste sich kaum bücken, um sie zu küssen. „Meine liebe Madame Maxime“, sagte er. „Willkommen in Hogwarts.“

    „Dumbly-dorr“, erwiderte Madame Maxime mit tiefer Stimme. „Isch ‘offe, Sie befinden sisch wohl?“ „In exzellenter Verfassung, danke, Maxime“, meinte Dumbledore. „Meine Schüler“, sagte Madame Maxime und wies mit ihrer riesigen Hand nach hinten. Ein Dutzend Jungen und Mädchen - offenbar alle ältere Teenager - kletterten aus der Kutsche und stellten sich hinter Madame Maxime auf. Sie bibberten, was mich angesichts ihrer feinen, seidenen Umhängen nicht überraschte. „Ist Karkaroff schon angekommen?“, fragte Madame Maxime. „Er sollte jeden Moment eintreffen“, informierte sie Dumbledore. „Möchten Sie vielleicht hier warten und ihn begrüßen oder würden Sie lieber hineingehen und sich ein wenig aufwärmen?“ „Aufwärmen, würde isch sagen“, entschloss sich Madame Maxime. „Aber die ‘ferde-...“ „Unser Lehrer für die Pflege magischer Geschöpfe wird sich mit Vergnügen um sie kümmern“, beruhigte Dumbledore sie, „sobald er sich von einem kleinen Notfall lösen kann, der sich bei einem seiner - ähm - anderen Schützlinge eingestellt hat.“ „Kröter“, flüsterte Harry mir ins Ohr. Wir fingen an zu grinsen. „Meine Rossen verlangen eine ‘arte ‘and“, sagte Madame Maxime mit einer Miene, als ob Hagrid dafür der richtige Mann sei. „Sie sind serr stark...“ „Ich versichere Ihnen, dass Hagrid dieser Aufgabe vollkommen gewachsen ist“, erwiderte Dumbledore lächelnd. „Serr gutt“, meinte Madame Maxime mit einer leichten Verbeugung, „würden Sie bitte diesem ‘Agrid mitteilen, dass die ‘ferde nur Single Malt Whisky saufen?“ „Dafür wird selbstverständlich gesorgt, Madame.“ „Kommt“, sagte Madame Maxime gebieterisch zu ihren Schülern, und das versammelte Hogwarts teilte sich, um ihr und ihren Schülern einen Weg die steinernde Treppe hinauf zu öffnen.

    So standen wir jetzt erneut bibbernd da und warteten auf die Ankunft der Schüler aus Durmstrang. Die meisten ließen die Blicke hoffnungsvoll über den Himmel schweifen. Es herrschte Stille. Doch dann - „Könnt ihr das hören?“, fragte ich Harry, Ron und Mine unsicher. Ein unvertrautes, schauriges Geräusch kam aus der Dunkelheit. „Der See!“, rief Lee plötzlich und deutete auf das Wasser. „Seht euch den See an!“ Dort, wo wir standen, oben auf der Anhöhe mit Blick auf die Ländereien, konnte man die glatte schwarze Wasseroberfläche gut sehen -nur dass diese Oberfläche plötzlich nicht mehr glatt war. Große Blasen drangen nach oben, Wellen spülten über den See - und dann bildete sich mitten See ein gewaltiger Strudel. Ein langer schwarzer Pfahl erschien langsam...immer mehr er schien aus dem Herzen des Strudels. „Es ist ein Mast!“, meinte Harry. Langsam und majestätisch erhob sich ein Schiff aus dem Wasser. Es war ein flüssiges Mondlicht getaucht. Irgendwie wirkte es, als wäre es ein geborgenes Wrack, und die trüben Lichter, die aus seinen Bullaugen schimmerten, sahen aus wie erleuchtete Geisteraugen. Endlich, mit einem gewaltigen Schmatzen und Schwappen, tauchte das Schiff zur Gänze auf, wippte über das aufgewühlte Wasser und glitt an das Ufer heran. Augenblicke später hörte ich einen Anker ins flache Wasser klatschen und den dumpfen Schlag einer planke, die auf das Ufer niedergelassen wurde. Nun gingen Personen von Bord; ihre Umrisse waren kaum zu erkennen. Als sie den Hang nach oben kamen erkannte ich, dass sie Mäntel aus zottigem, verfilzten Pelz trugen. Doch der Mann, der sie nach oben führte, trug einen ganz anderen Pelz: seidig und silbern wie sein Haar. „Dumbledore!“, rief er, als er die Anhöhe erreicht hatte, „wie geht’s Ihnen, altes Haus, wie geht’s?“ „Glänzend, danke, Professor Karkaroff“, erwiderte Dumbledore.

    Karkaroff hatte eine sonore, ölige Stimme; als er in das Licht trat, dass aus dem Schlossprotal fiel, sah ich, dass er groß und schlank war wie Dumbledore, doch sein weißes Haar war kurz und sein Spitzbartkonnte sein Kinn nicht ganz verbergen. Er ging auf Dumbledore zu und streckte ihm beide Hände entgegen. „Das gute alte Hogwarts“, rief er und sah lächelnd hoch zum Schloss; seine Zähne waren sehr gelb und mir fiel auf, dass seine Augen, während er lächelte, eisig und kalt blieben. „Wie schön, wieder hier zu sein, wie schön...Viktor, komm rein in die Wärme...Sie haben nichts dagegen, Dumbledore? Viktor hat einen leichten Schnupfen...“ Karkaroff winkte einem seiner Schüler. Als der Junge vorbeiging, bemerkte ich eine markante Nase, die an einen Adler erinnerte und dichte schwarze Augenbrauen. Ron stieß mir heftig in die Seite. „Aua!“, zischte ich leise und rieb mir den Arm, doch Ron schien es gar nicht bemerkt zu haben. „Bei Merlins Bart - das ist Krum!“

    20
    20. Kapitel

    „Nicht zu fassen!“, sagte Ron völlig entgeistert. Wir reihten uns hinter den anderen Hogwarts-Schülern ein und folgten ihnen die Treppe hoch zum Schloss. „Krum! Viktor Krum!“ „Um Himmels willen, Ron, er sit doch nur ein Quidditch-Spieler“, entgegnete Mine genervt. „Nur ein Quidditch-Spieler?“ Ron sah aus, als hätte er sich verhört. „Hermine - er ist einer der besten Sucher der Welt! Ich hatte keine Ahnung, dass er noch zur Schule geht!“ Auf dem Weg durch die Eingangshalle hinüber zur Großen Halle sah ich, wie Lee einen Luftsprung machte, um einen kurzen Blick auf Viktor Krum zu erhaschen. Einige Mädchen aus der sechsten Klasse wühlten unterdessen hektisch in ihren Taschen herum - „Oh nein, bin ich bescheuert, ich hab nicht mal ‘ne Feder dabei...“ - „Glaubt ihr, er schreibt mir mit Lippenstift ein Autogramm auf meine Tasche?“ „Also wirklich“, meinte Mine naserümpfend, als wir an den Mädchen vorbeigingen, die sich nun um den Lippenstift stritten. „Ich hol mir jedenfalls auch ein Autogramm, wenn’s geht“, meldete sich Ron hoffnungsvoll zu Wort.

    Wir gingen hinüber zum Gryffindor-Tisch. Ron setzte sich so hin, dass er den Eingang im Auge behalten konnte, da Krum und die anderen Schüler aus Durmstrang imme rnoch an der Tür standen. Offenbar wussten sie nicht genau, wo sie sich hinsetzten sollten. Die Schüler aus Beauxbatons hatten sich an den Ravenclaw-Tisch gesetzt und sahen sich verdrießlich in der Großen Halle um. Drei von ihnen hatten jetzt auch noch schlas und Tücher um ihre Köpfe geschlungen. „So kalt ist es doch auch wieder nicht“, murmelte Mine gereizt. „Warum haben sie keine dicken Umhänge mitgebracht?“ „Hierher! Kommt und setzt euch hierher!“, zischte Ron. Ich zog eine Augenbraue nach oben. Ron war schon fast von Viktor Krum besessen! „Zu spät“, sagte Ron enttäuscht. Die Durmstrangs hatten sich am Slytherin-Tisch niedergelassen. Draco, Crabbe und Goyle feixten. Draco beugte sich vor und sprach Krum an. „Ja, recht so, schleim dich nur bei ihm ein, Malfoy“, höhnte Ron. „Aber ich wette, Krum durchschaut ihn sofort...der hat doch ständig Leute, die sich um ihn scharen...“ „Die sehen um einiges glücklicher aus als die aus Beauxbaton“, bemerkte ich, als ich zu den französischen Schülern hinüber sah. Die Durmstrangs betrachteten währenddessen interessiert den magischen Sternenhimmel; einige nahmen die goldenen Teller und Schalen in die Hände und musterten sie offenbar recht beeindruckt. Oben am Lehrertisch trug Filch zusätzliche Stühle herbei. Zu dieser besonderen Gelegenheit trug er seinen hässlichen, muffigen, uralten Frack. Stirnrunzelnd stellte ich fest, dass er vier Stühle dazustellte, je zwei zur Linken und zur Rechten Dumbledores. „Warum bringt Filch denn vier Stühle? Wer kommt denn noch?“, fragte Harry ebenfalls überrascht. „Hmmm?“, kam es von Ron, der immer noch voller Begeisterung in Richtung Krum starrte.

    Als alle Schüler hereingekommen waren und sich hingesetzt hatten, traten die Lehrer herein, gingen zum Lehrertisch empor und setzten sich. Den Schluss bildeten Professor Dumbledore, Professor Karkaroff und Madame Maxime. Die Gäste aus Beauxbaton sprangen auf, sobald sie ihre Schulleiterin sahen. Einige Schüler aus Hogwarts lachten. Den Beauxbatons schien das jedoch überhaupt nicht peinlich zu sein und nahmen ihre Plätze erst wieder ein, als sich Madame Maxime links von Dumbledore niedergelassen hatte. Dumbledore blieb jedoch stehen und die Große Halle verstummte.

    „Guten Abend, meine Damen und Herren, Geister und - vor allem - Gäste“, erhob Dumbledore die Stimme, sah in die Rund und strahlte die ausländischen Schüler an. „Ich habe das große Vergnügen, Sie alle in Hogwarts willkommen zu heißen. Ich bin sicher, dass Sie eine angenehme und vergnügliche Zeit an unserer Schule verbringen werden.“ Eines der Mädchen aus Beauxbatons, das immer noch einen Schal um den Kopf geschlungen hatte, lachte und unverhohlen spöttisch. „Keiner zwingt dich, hier zu sein!“, zischelte Mine und war ihr einen wütenden Blick zu. „Das Tunier wird nach dem Festessen offiziell eröffnet“, fuhr Dumbledore unbeirrt fort. „Nun lade ich alle ein, zu essen, zu trinken und sich wie zu Hause zu fühlen!“ Er setzte sich, und fing sofort ein Gepräch mit Professor Karkaroff an. Die Schüsseln und Teller vor uns füllten sich wie gewohnt mit Speisen. Die Hauselfen hatten sich heute selbst übertroffen; noch nie hatte ich so viele verschiedene Gerichte vor mir gesehen, darunter auch einige, die eindeutig aus fremden Ländern stammten. „Was ist das denn?“, fragte Ron und deutete auf eine große Schüssel mit einer Art Fischsuppe, die neben einer mächtigen Beefsteak-und-Nieren-Pastete stand. „Bouillabaisse“, antwortete Mine wie aus der Pistole geschossen. „Gesundheit“, meinte Ron. „Das ist ein französisches Gericht“, erklärte Mine und verdrehte die Augen. „Ich hab es diesen Sommer in den Ferien gegessen, schmeckt ganz gut.“ „Das glaub ich dir aufs Wort“, kam es von Ron; er tat sich eine Portion Blutwurst auf.

    In der Großen Halle schien viel mehr los zu sein als sonst, obwohl bloß dreißig Gastschüler hier waren; vielleicht kam es einem so vor, weil ihre farbigen Schuluniformen sich so auffällig von unseren schwarzen Umhängen abhoben. Nun, da die Durmstrangs ihre dicken Pelze abgelegt hatten, zeigte sich, dass ihre Umhänge blutrot waren. Die Beauxbatons hingegen trugen dünne Umhänge in pastellfarbenem Blau. Hagrid kam zwanzig Minuten nach Beginn des Festessens durch eine Tür hinüber zum Lehrertisch gehuscht. er glitt auf seinen Platz und winkte Harry, Ron, Mine und mir mit einer dick bandagierten Hand zu. „Anscheinend haben die Kröter endlich herausgefunden, was sie fressen wollen. Hagrids Finger.“, flüsterte ich meinen Freunden zu; wir grinsten. In diesem Moment ertönte eine Stimme hinter uns: „Versei’ung, möchten Sie noch von dieser Bouillabaisse essen?“ Es war das Mädchen von Beauxbaton, das während der Rede von Dumbledore gelacht hatte. Sie hatte schließlich doch ihren Schal abgenommen. Sie hatte einen langen, silbrig blonden Haarschopf, der ihr fast bis zur Taille fiel. Sie hatte große, dunkelblaue Augenund ebenfalls makellose, perfekte, gerade, weiße Zähne. Ich sah aus den Augenwinkeln, dass Ron knallrot anlief. Er starrte zu ihr hoch, öffnete den Mund, um zu antworten, doch es war nur ein schwaches Krächzen zu hören. „Nein, bitte sehr“, entgegnete Harry stattdessen und schob ihr die Schüssel zu. „Sie sind damit fertig?“ „Ja“, hauchte Ron verträumt. „Ja, wirklich ganz hervorragend.“ Sie nahm die Schüssel und trug sie vorsichtig hinüber zum Ravenclaw-Tisch. Ron glotzte ihr nach, als hätte er noch ein Mädchen gesehen. Ich lachte kopfschüttelnd; auch Harry könnte sich ein lautes Glucksen nicht verkneifen. Ron brachte es offenbar wieder zur Besinnung denn er stieß mit heiserer Stimme hervor: „Sie ist eine Veela!“ „Natürlich nicht!“, erwiderte Mine bissig. „Ich seh sonst keinen, der sie wie ein Idiot anstarrt!“ Doch damit hatte sie nicht ganz Recht. Als die Französin die Halle durchquerte, wandten sich viele Jungenköpfe zu ihr, und einigen schien es ganz wie Ron die Sprache verschlagen zu haben. „Ich sag euch, das ist kein normales Mädchen!“, sagte Ron. „So was findest du in Hogwarts nicht!“ Ich schnaubte und wandte mich wieder meinem Schokoladeneis mit kleingeschnittenen Erdbeeren zu.

    Harrys Sicht:
    „Findest du wohl“, engegnete ich Ron. Ich schielte leicht zu Liv hinüber, deren langes Haar ihr Gesicht verdeckte wie einen Vorhang. Dass sie nichts von Rons Faszination für dieses Mädchens hielt, konnte ich an ihrer Miene ablesen. Sie aß hastig ihr Schokoladeneis, ohne auch nur einmal aufzusehen. „Tss, tss“, kam es von Hermine. Sie sah mich leicht verwirrt und zugleich belehrend an. Was?, fragte ich sie lautlos. Sie verdrehte die Augen und zeigte mit ihren Schultern in Richtung Liv. Ich lief gerade höchstwahrscheinlich leicht rosa an, denn Hermine grinste wissend.

    Olivias Sicht:
    „Seht mal, wer gerade gekommen ist“, kam es plötzlich von Mine, die hinüber zum Lehrertisch deutete. Die beiden vorhin noch leeren Plätze waren nun besetzt. Zur anderen Seite von Professor Karkaroff saß Ludo Bagman und neben Madame Maxime saß Mr. Crouch. „Was tun die denn hier?“, fragte Harry überrascht. „Sie haben doch das Trimagische Tunier organisiert“, erklärte Mine. „Ich vermute mal, sie wollten bei der Eröffnung dabei sein.“ Ron wandte sich nun lieber misstrauisch einem blassweißen Käse zu, dann schob er ihn ein wenig zur Seite, damit er vom Ravenclaw-Tisch aus gut zu sehen war. Das Mädchen, das die Bouillabaisse geholt hatte, schien jedoch genug gegessen zu haben und kam nicht noch mal herüber.

    Sobald alle goldenen Teller leer geputzt waren, erhob sich Dumbledore erneut. Ich fragte mich, was wohl kommen würde. Weiter unten am Tisch beugten sich Fred und George vor und starrten mit größter Konzentration Dumbledore an. „Der Augenblick ist gekommen“, sagte Dumbledore und lächelte in das Meer aus ihm zugewandten Gesichter. „Das Trimagische Tunier kann nun beginnen. Ich möchte einige erläuternde Worte sagen, bevor wir die Truhe hereinbringen-...“ „Die was?“, murmelte Harry verwirrt. Ron zuckte mit den Schultern. “-nur um unser diesjähriges Verfahren zu erklären. doch jenen, die sie noch nicht kennen, möchte ich zunächst Mr. Bartemius Crouch vorstellen, Leiter der Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit“ - hier und da war höflicher Applaus zu hören -„und Mr. Ludo Bagman, den Leiter der Abteilung für Magische Spiele und Sportarten.“ Für Bagman gab es deutlich mehr Beifall als für Crouch. Kein Wunder, immerhin war er ein berühmter Treiber und wirkte einfach sehr viel sympatischer als Mr. Crouch. Bagman bedankte sich mit freundlichem Winken. Mr. Crouch hingegen lächelte nicht. „Mr. Bagman und Mr. Crouch haben in den vergangenen Monaten unermüdlich für die Vorbereitung des Trimagischen Tuniers gearbeitet“, fuhr Dumbledore fort, „und sie werden neben mir, Professor Karkaroff und Madame Maxime die Jury bilden, die über die Leistungen der Champions befindet.“ Bei der Erwähnung der Champions schien das Publikum plötzlich wie ausgewechselt. Dumbledore war offenbar nicht entgangen, dass mit einem Schlag Stille eingekehrt war, denn mit einem leichten Lächeln sagte er: „Wenn ich bitten darf, Mr. Filch, die Truhe.“ Filch, der bisher in einer dunklen Ecke der Halle gestanden hatte, trat auf Dumbledore zu, in den Händen eine große, mit Juwelen besetzte Holztruhe. Sie wirkte unglaublich alt. Die Schüler begannen aufgeregt und neugierig zu murmeln und zu tuscheln. „Mr. Crouch und Mr. Bagman haben die Aufgaben, die die Champions dieses Jahr lösen müssen, bereits geprüft“, erklärte Dumbledore, während Filch die Truhe vorsichtig auf den Tisch stellte, „und sie haben die notwendigen Vorbereitungen für diese Herausforderungen getroffen. Wir haben drei Aufgaben über das Schuljahr verteilt, die das Können der Champions auf unterschiedliche Weise auf die Probe stellen...ihr magisches Können - ihre kühnheit - ihre Fähigkeit zum logischen Denken - und natürlich ihre Gewandtheit im Umgang mit Gefahren.“ Bei diesen Worten legte sich erneut Stille über die Große Halle.

    „Wie ihr wisst, kämpfen im Tunier drei Champions gegeneinander“, fuhr Dumbledore gelassen fort, „von jeder teilnehmenden Schule einer. Wir werden benoten, wie gut sie die einzelnen Aufgaben lösen, und der Champion mit der höchste Punktzahl nach drei Aufgaben gewinnt den Trimagischen Pokal. Ein unparteiischer Richter wird die Champions auswählen...der Feuerkelch.“ Dumbledore zog seinen Zauberstab und schlug dreimal sachte auf den Deckel der Truhe. Langsam und knarrend öffnete er sich. Dumbledore streckte die Hand hinein und zog einen großen, grob geschnitzten Holzkelch heraus.Er selbst war nicht sonderlich bemerkenswert, doch er war bis an den Rand mit tänzelnden blauweißen Flammen gefüllt. Dumbledore schloss die Truhe und stellte den Kelch vorsichtig auf den Deckel, wo ihn alle sehen konnten. „Jeder, der sich als Champion bewerben will, muss seinen Namen und seine Schule in klarer Schrift auf einen Pergamentzettel schreiben und ihn in den Kelch werfen“, meinte Dumbledore. „Wer mitmachen will, hat 24 Stunden Zeit, um seinen Namen einzuwerfen. Morgen Nacht, an Halloween, wird der Kelch die Namen jener drei preisgeben, die nach seinem Urteil die würdigsten Vertreter ihrer Schulen sind. Der Kelch wird noch heute Abend in der Eingangshalle aufgestellt, wo er für alle, die teilnehmen wollen, frei zugänglich ist. Um sicherzustellen, dass keine minderjährigen Schüler der Versuchung erliegen“, ergänzte Dumbledore, „werde ich eine Alterslinie um den Feuerkelch ziehen, sobald er in der Eingangshalle aufgestellt ist. Niemand unter siebzehn wird diese Linie überschreiten können.
    Schließlich möchte ich allen, die teilnehmen wollen, eindringlich nahelegen, mit ihrer Entscheidung nicht leichtfertig umzugehen. Sobald der Feuerkelch einen Champion bestimmt hat, wird er oder sie das Tunier bis zum Ende durchstehen müssen. Wenn ihr euren Namen in den Kelch werft, schließt ihr einen bindenden, magischen Vertrag. Wenn ihr einmal Champion seid, könnt ihr euch nicht plötzlich umentscheiden. Überlegt daher genau, ob ihr von ganzem Herzen zum Spiel bereit seid, bevor ihr euren Zettel in den Kelch werft. Nun, denke ich, ist es Zeit, schlafen zu gehen. Gute Nacht, euch allen.“

    „Eine Alterslinie!“, sagte Fred mit glänzenden Augen, während wir die Halle in Richtung Tür durchquerten. „Die kann man doch sicher mit einem Alterungstrank austricksen! Und wenn dein Name erst einmal in diesem Kelch ist, hast du gut lachen - er kann doch nicht wissen, ob wir siebzehn sind oder nicht!“ „Ich glaube nicht, dass irgendjemand unter siebzehn eine Chance hat“, mischte sich Mine ein, „wir haben einfach noch nicht genug gelernt...“ „Da kannst nur von dir reden“, entgegnete George barsch. „Wo ist er?“, fragte Ron, der bisher noch kein einziges Wort mitbekommen hatte, da er die ganze Zeit Ausschau nach Krum gehalten hatte. „Dumbledore hat nicht gesagt, wo die Durmstrangs schlafen, oder?“ Die Antwort auf dies Frage ließ nicht lange auf sich warten. Als wir am Tisch der Slytherins vorbeigingen, kam Karkaroff gerade zu seinen Schülern hinübergehastet. „Zurück zum Schiff, Leute“, befahl er. „Viktor, wie fühlst du dich? Hast du genug gegessen? Soll ich dir ein Glas Glühwein aus der Küche bringen lassen?“ Ich sah, wie Krum den Kopf schüttelte, während er sich wieder seinen Pelz überzog. „Professor, ich hätte gerrn etwas Vein“, meldete sich ein anderer Durmstrang-Junge hoffnungsvoll zu Wort. „dich habe ich nicht gefragt, Poliakoff“, herrschte ihn Karkaroff an und von seiner warmen, väterlichen Art war plötzlich nichts mehr zu sehen. Es war einfach widerlich, wie er Krum ganz offen vor allen anderen bevorzugte. Karkaroff führte seine Schüler zur Tür und erreichte sie im selben Moment wir wir. Harry blieb stehen, um ihm den Vortritt zu lassen.

    „Danke“, meinte Karkaroff gleichgültig und warf Harry im Vorbeigehen einen Blick zu. Er erstarrte. Er wandte sich zu Harry um und sah ihn an, als würde er seinen Augen nicht trauen. Hinter ihrem Direktor stauten sich die Schüler aus Durmstrang. Karkaroffs Blick wanderte hoch zu Harrys Stirn und blieb an seiner Narbe hängen. Auch die Durmstrangs musterten ihn neugierig und einigen von ihnen fing es langsam an zu dämmern, wen sie da vor sich hatten. Der Junge, den Karkaroff vorher angefahren hatte, stieß ein Mädchen neben ihm an und deutete unverhohlen auf Harrys Stirn. „Ja, das ist Harry Potter“, knurrte eine Stimme hinter uns. Professor Karkaroff wirbelte herum. Hinter ihm stand Mad-Eye Moody, schwer auf seinen Stock gestützt; sein magisches Auge starrte den Direktor finster an. Ich sah, wie die Farbe aus Karkaroffs Gesicht wich und zu einer zorn- und angsterfüllten Grimasse wurde. „Sie“, sagte er und starrte Moody an, als würde er nicht glauben, ihn wirklich vor sich zu sehen. „Ich“, entgegnete Moody grimmig. „Und wenn Sie Potter nichts zu sagen haben, Karkaroff, dann gehen Sie bitte schön weiter. Sie blockieren die Tür.“ Dies stimmte; die halbe Halle wartete schon hinter uns, und einige Schüler lugten auf Zehenspitzen stehend zur Tür, um den Grund für den Stau auszumachen. Ohne ein weiteres Wort winkte Professor Karkaroff seinen Schülern und führte sie davon. Moody sah ihm nach, das magische Auge auf seinen Rücken gerichtet und mit einem Ausdruck lodernden Abscheus auf dem vernarbten Gesicht.

    21
    21. Kapitel

    Da der nächste Tag ein Samstag war, gingen die meisten Schüler spät zum Frühstück. Harry, Ron, Mine und ich waren jedoch nicht die Einzigen, die früher als sonst am Wochenende aufstanden. Als wir in die Eingangshalle kamen, sahen wir in etwa zwanzig unserer Mitschüler im Kreis um den Feuerkelch herumstehen. Er war in der Mitte der Halle aufgestellt, auf dem Stuhl, auf dem sonst immer der Sprechende Hut lag. Auf dem Boden zog sich eine schmale goldene Linie in gut drei Metern Abstand um den Kelch herum. „Hat schon jemand seinen Namenszettel eingeworfen?“, fragte Ron neugierig ein Mädchen aus der dritten Klasse. „Der ganze Haufen aus Durmstrang“, entgegnete sie. „Aber aus Hogwarts hab ich noch keinen gesehen.“ „Ich wette, ein paar von uns haben ihre Zettel gestern Nacht eingeworfen, als wir schon alle im Bett waren“, meinte Harry. „Jedenfalls hätte ich es so gemacht...hätte keine Lust darauf gehabt, dass alle zusehen. Was wäre zum Beispiel, wenn der Kelch dich gleich wieder ausspucken würde?“ Hinter uns ertönte Gelächter. Fred, George und Lee kamen die Treppe heruntergestürmt, alle drei in größter Aufregung. „Das war’s“, flüsterte uns Fred mit Siegermiene zu. „Wir haben ihn geschluckt.“ „Wen denn?“, fragte Ron. „Den Alterungstrank, du Dumpfbeutel“, sagte Fred. „Jeder einen Tropfen“, meinte George und rieb sich feixend die Hände. „Wir müssen ja nur ein paar Monate älter werden.“ „Wenn einer von uns gewinnt, teilen wir die 1000 Galleonen zwischen uns auf“, erklärte Lee mit breitem Grinsen. „Ich an eurer Stelle wäre mir da nicht so sicher, dass es klappt“, warnte Mine sie. „Dumbledore hat das sicher schon bedacht.“ Fred, George und Lee würdigten sie keines Blickes. „Fertig?“, fragte Fred zitternd vor Aufregung. „Also dann - ich geh voraus -...“ Ich sah gespannt zu, wie Fred ein Stück Pergament aus der Tasche zog, auf dem „Fred Weasley - Hogwarts“ stand. Er trat genau bis an die Linie. Dann holte er tief Luft und trat, alle Augen in der Großen Halle auf sich gerichtet, in den Kreis hinein.

    Für den Bruchteil einer Sekunde dachte ich wirklich, Fred hätte es geschafft. George war sich jedoch sicher, denn mit einem Triumphschrei sprang er ebenfalls über die Linie - doch schon war ein lautes Zischen zu hören, und die Zwillinge flogen aus dem goldenen Kreis, als wären sie von einer unsichtbaren Kraft hinausgeschleudert worden. Sie schlugen schwer auf dem kalten Steinboden auf, drei Meter vom Kreis entfernt; um das Ganze noch schlimmer zu machen, ertönte ein lauter Knall und aus den Gesichtern der beiden sprossen lange, weiße, und vollkommen gleich aussehende Bärte. Alle brüllten vor Lachen los, und selbst Fred und George stimmten mit ein, sobald sie sich aufgerappelt und ihre Bärte ausgiebig betrachtet hatten. „Ich habe euch gewarnt“, sagte eine tiefe, vergnügte Stimme; alle wandten sich zu Professor Dumbledore um, der aus der Großen Halle kam. Er musterte Fred und George schmunzelnd. „Ich schlage vor, ihr beide geht hoch zu Madam Pomfrey. Sie kümmert sich bereits um Ms. Fawcett aus Ravenclaw und Mr. Summers aus Hufflepuff, die ebenfalls auf die Idee kamen, sich ein wenig älter zu machen. Allerdings muss ich sagen, dass ihre Bärte bei weitem nicht so schön geworden sind wie eure.“ Fred und George machten sich auf den Weg in den Krankenflügel, begleitet von Lee, während Harry, Ron, Mine und ich lachend zum Frühstück gingen.

    Die Große Halle war am Morgen umgestaltet worden. Da Halloween war, flatterte eine Wolke echter Fledermäuse an den verzauberten Decke umher, und aus den Ecken heraus schielten und grinsten Hunderte ausgeschnitzte Kürbisse. Wir setzten uns zu Seamus und Dean, die sich darüber unterhielten, welche volljährigen Hogwarts-Schüler sich wohl bewerben würden. „Hier geht das Gerücht um, Warrington sei früh aufgestanden und habe seinen Namen eingeworfen“, berichtete Dean. „Dieser große Kerl von Slytherin, der aussieht wie ein Faultier.“ Harry schüttelte angewidert den Kopf. „Bloß keinen Slytherin-Champion!“ „Und alle Hufflepuffs reden von Diggory“, fuhr Seamus verächtlich fort. „Aber ich hätte nicht gedacht, dass er sein gutes Aussehen riskieren würde.“ „Hört mal!“, unterbrach ich sie. Aus der Eingangshalle drang Jubelgeschrei herein. Angelina Johnson kam ein wenig verlegen grinsend durch die Tür. Sie kam zu uns herüber, setzte sich und sagte: „Tja. Ich hab’s getan. Ich hab gerade meinem Namen eingeworfen!“ „Du machst Witze!“, meinte Ron, sah jedoch tief beeindruckt aus. „Du bist also schon siebzehn?“, fragte Harry. „Was fragst du noch? Siehst du ‘nen Bart bei ihr oder was?“, erwiderte Ron. „Ich hatte letzte Woche Geburtstag“, erzählte Angelina. „Mensch, bin ich froh, dass jemand aus Gryffindor teilnimmt“, sagte ich zu ihr. „Ich drück dir die Daumen, dass du gewinnst, Angelina!“ „Danke, Liv“, erwiderte Angelina und lächelte. „Ja, besser du als dieser Schönling Diggory“, kam es von Seamus, worauf ihn ein paar vorbeigehende Hufflepuffs wütend ansahen.

    „Und was fangen wir mit dem Rest des Tages an?“, fragte Ron, als wir nach dem Frühstück die Große Halle verließen. „Wir könnten zu Hagrid gehen“, schlug Harry vor. „Tut mir Leid“, entschuldigte ich mich, „aber ich muss noch einen Haufen Hausaufgaben machen. Im Gegensatz zu Hermine hab ich für die drei Meter lange Übersetzung für Alte Runen noch nichts gemacht.“ „Ach komm schon, Liv!“, meinte Ron. „Nein, tut mir Leid, ich kann wirklich nicht.“, entgegnete ich und setzte mich in Bewegung. Als ich schon die Hälfte der Marmortreppe nach oben gerannt war, rief ich ihnen noch ein „Viel Spaß! Wir sehen uns beim Mittagessen!“ zu, dann war ich schon verschwunden. Dass ich mich in Wirklichkeit mit Draco treffen würde, konnte ich den dreien natürlich nicht erzählen.

    Hermines Sicht:
    Wie seltsam! Livs lockiger Haarschopf verschwand hinter der Ecke und sie war verschwunden. Dass sie einfach so davonrannte sah ihr eigentlich nicht ähnlich, dafür kannte ich sie zu gut. Und ich konnte schwören, dass ich sie vorgestern im Gemeinschaftsraum gesehen hatte, wie sie tief über ihren Aufsatz für Alte Runen gebeugt saß, und nichts um sich herum mitbekommen hatte. Ich wandte den Kopf und bemerkte, wie Harry meiner besten Freundin mit einem seltsam verträumten Gesichtsausdruck nachstarrte, obwohl sie längst nicht mehr zu sehen war. Dass Harry ein gewisses Interesse an Liv zeigte, war mir nicht entgangen, auch wenn er immer versuchte, es nicht allzu überdeutlich zu zeigen. Wenn er sich doch bloß mal zusammenreißen und sie nach einem Date fragen würde! Ich konnte die beiden bildlich vor mir sehen und einfach nicht fassen, dass er nicht bemerkte, dass seine Gefühle auf Gegenseitigkeit stieß! Die beiden mussten echt blind sein, wenn sie nicht bemerkten, wie sie gegenseitig immer wieder schüchterne Blicke austauschten, ohne es wirklich zu registrieren. Denen war echt nicht mehr zu helfen...

    Olivias Sicht:
    Als ich den Raum der Wünsche betrat, kam ich mal wieder nicht aus dem Staunen heraus. Der Raum hatte sich in eine Wiese mit tausenden grünen Grashalmen verwandelt, sodass ich kaum glauben konnte, dass ich mich wirklich in einem Raum befand. Auf einem kleinen Hügel breitete eine Eiche schützend ihre Äste über der Wiese aus. Fasziniert trat ich ich weiter in den Raum hinein, bis ich schließlich am Stamm der Eiche angekommen war. Plötzlich traf mich etwas Kleines heftig am Kopf. „Au!“ Es war kleiner Stein und dem folgte auch sofort ein zweiter. „Bei Merlins Bart, Draco!“, fluchte ich. „Lass das!“ „Es macht einfach so viel Spaß, dich zu ärgern.“, kam es von oben aus der Baumkrone. Draco saß in seiner Slytherin-Uniform auf einem Ast, etwa drei Meter über mir. „Idiot!“, fauchte ich, musste dabei aber grinsen. Ich begann auf den Baum zu klettern, bis ich schließlich auf Dracos Höhe war. Dieser musterte mich von oben bis unten, wie ich da am Stamm geklammert stand, in meiner Schuluniform und ihn teils belustigt und teils genervt ansah. „Ein Wunder, dass du es in diesem Rock überhaupt auf den Baum geschafft hast, Via“, teilte er mir mit, während er arrogant eine Augenbraue nach oben zog. Hastig strich ich mir über den knielangen grauen Rock, während ich mir einen gehässigen Kommentar verkniff und kletterte zu seinem Ast hinüber. Ich setzte mich neben ihn. „Ich bin eine Gryffindor“, antwortete ich, wobei ich meinen Schulumhang so zur Seite schob, dass mein Wappen mit dem brüllenden Löwen gut zu sehen war, „ich gebe niemals auf!“ Ich grinste. „Sag mal, stimmt es, dass Warrington seinen Namen in den Feuerkelch geworfen hat?“ Draco nickte. „Ich hoffe, er wird Champion!“ „Ist das dein Ernst?“, fragte ich. „Klar, besser als Diggory ist der allemal!“ „Das werden wir ja sehen!“, feuerte ich zurück. „Suchst du Streit, Süße?“ „Wie hast du mich gerade genannt?“ „Wieso? Darf ich nicht?“, fragte er mit einem überheblichen Lächeln. „Da nenn mich doch lieber >Singvogel<!“ „Mir gefällt >Süße< aber besser....“ „Pass bloß auf, du dumme Schlange, oder deine >Süße< verpasst dir gleich eins!“ „Das würdest du dich nicht trauen! Dafür bist du viel zu nett, meine liebe Gryffindor!“, meinte er und lehnte sich selbstsicher gegen den Stamm des Baumes. „Ach, wirklich?“, fragte ich und verpasste ihm einen Schlag, der ihn direkt in der Seite traf. „>Teuflisch< trifft es wohl besser!“ Nachdenklich betrachtete er mich, dann fragte er: „Wieso bei Merlin bist du bloß keine Slytherin?“

    „Das fragst du noch?“ Fragend schob ich eine Augenbraue nach oben. „Stimmt auch wieder. Du bist viel zu mutig und aufopferungsbereit für eine Slytherin.“ „Was steht dann für Slytherin?“, wollte ich prüfend wissen. Er seufzte belehrend auf. „Wenn du einem Slytherin begegnest, kannst du dir sicher sein, dass er in einer Gefahrensituation zuerst seinen eigenen Kopf rettet.“ „Bloß weil ich eine Gryffindor und somit mutig bin, heißt das noch lange nicht, dass ich deshalb auch leichtsinnig bin.“ „Hab ich auch nicht behauptet.“ „Dann ist’s ja gut.“ „Andererseits wäre es sehr viel praktischer, wenn du eine Slytherin wärst...“ „Wie meinst du das denn?“ „Na, dann hättest du’s bei deinem Vater viel einfacher!“ Ich zuckte zusammen. „Erwähn ihn bloß nicht! Mit dem will ich nichts mehr zu tun haben!“ „Wieso?“ Ich schnaubte. „Dieser-...“ (ich sagte ein so schreckliches Schimpfwort, dass Draco sich ein Glucksen nicht verkneifen konnte) „wollte mich zwingen zu heiraten! Ich bin doch erst vierzehn!“ „Via, denkst du ernsthaft, du wärst die Einzige, der es so geht?“ Erschrocken sah ich ihn an. „Deine Eltern wollen doch nicht auch-...“ „Oh, doch“, unterbrach er mich kalt. „Denen ist es egal, wen ich heiraten, solange sie reinblütig ist.“ „Du kannst mir doch nicht im Ernst erzählen, dass du auf sie hörst, oder?“ „Was denkst du denn? Ich weiß, dass du niemals im Leben auf deinen Vater hören würdest, dafür liebst du die Freiheit viel zu sehr!“ „Du kennst mich einfach zu gut, Draco. Aber was ist mit dir?“ Er schien mit sich zu ringen, als wüsste er nicht, ob er mir eine Antwort geben sollte. „Weißt du“, begann er schließlich, „es gäbe da sogar ein Mädchen, dass mir gefallen würde.“ Ich zog die Augenbrauen nach oben. „Um genauer zu sein, ich mag sie sogar sehr...“ „Warte mal!“, unterbrach ich ihn. „Du willst mir doch wohl nicht erzählen, dass du, Draco Malfoy, der Eisprinz von Slytherin, sich verliebt hat, oder?“ An der Art, wie er seinen Blick nach unten senkte, erkannte ich sofort die Antwort. „Ich glaub’s einfach nicht!“, brach es aus mir heraus und ich begann zu kichern. „Ich kann’s einfach nicht glauben!“ Draco, der seinen Blick immer noch in Richtung Boden gesenkt hielt, schien sein Geständnis etwas peinlich zu sein. „Kenne ich die Glückliche?“ „Ich denke schon. Aber bitte lass uns jetzt über was anderes reden, bitte“, flehte er mich an. „Okay“, erbarmte ich mich. Ich kletterte zum Stamm hinüber und dann daran hinunter. „Worauf wartest du?“, fragte ich. „Komm schon!“

    Zusammen lagen wir im weichen Gras und beobachteten den Sternenhimmel, den der Raum der Wünsche über uns erschaffen hatte. „Sieh mal!“, flüsterte ich und deutete auf eine Sternenformation. „Weißt du, welches Sternbild das ist?“, fragte ich Draco. „Klar. Das Sternbild des Drachens.“ Ich war mir sicher, dass er genau wusste, dass er nach diesem Sternbild benannt worden war. „Oh, schau mal!“ Ich folgte Dracos Hand, die direkt auf den hellsten Stern am Himmel deutete. „Sirius, der Abendstern.“, meinte ich. Ich ließ meinen Blick weiter schweifen, bis ich schließlich auf die Milchstraße stieß. Wie ein weißes Band zog es sich über den Nachthimmel. „Sieht es nicht unglaublich aus?“, hauchte ich. „Wie eine Schnur, die einzelne Perlen auffädelt.“ „Wir sollten zurück“, unterbrach mich Draco. „Schon?“, fragte ich enttäuscht, seufzte dann aber und setzte mich auf. „Wird das Schlammblut sich nicht fragen, wo du steckst?“ „Nenn sie nicht Schlammblut!“, fauchte ich. Der schöne Moment war vorbei. Wütend funkelte ich ihn an. „Wieso sollte ich?“, fragte Draco überheblich. „Weil ich genauso gut ein Schlammblut sein könnte wie Hermine.“ Mit diesen Worten ging ich an ihm vorbei und ließ ihn allein im Raum der Wünsche zurück.

    Beim Mittagessen konnte ich Harry, Ron und Mine am vorderen Ende des Gryffindor-Tisches ausmachen und eilte schnell zu ihnen hin. „Und? Bist du gut vorangekommen?“, fragte Mine, kaum dass ich mich neben sie gesetzt hatte. „Was? Oh...äh...ja klar“, stammelte ich und tat mir schnell eine gefüllte Paprika auf den Teller. „Was hast du denn schon gemacht?“, wollte Harry wissen. Ich schluckte meinen ersten Bissen hinunter, dann antwortete ich blitzschnell: „Den Aufsatz für Professor McGonagall, wie man ein Kissen in einen Trinkpokal verwandelt und die Hausaufgabe für Kräuterkunde über den Diptambusch.“ „Ich dachte, du hättest den Aufsatz für Verwandlung gestern Nachmittag gemacht?“, meinte Mine und zog eine Augenbraue nach oben. „Da musst du dich bestimmt versehen haben.“, entgegnete ich patzig. „Wie geht’s Hagrid?“, fragte ich um die anderen von diesem Thema abzulenken. „Du wirst es nicht glauben, aber Hagrid steht auf diese Madame Maxime“, berichtete mir Harry. „Er hat sich schon richtig schick gemacht.“ „Ein Kind von denen wäre mindestens zwei Meter groß“, überlegte Ron abwesend. Ich aß schnell noch etwas von meiner Paprika, damit ich nichts mehr sagen musste; sobald ich fertig war, sprang ich auf und rannte aus der Großen Halle. Ich hörte noch, wie Ron stirnrunzelnd fragte: „Liv verwandelt sich doch hoffentlich nicht in Hermine, oder?“, dann war ich auch schon in der Eingangshalle. Ich ging am Feuerkelch vorbei, ohne ihn auch nur zu beachten und machte mich dann auf den Weg in die Bibliothek.

    Da nach dem Mittagessen meist nie viel los war, konnte ich Luna Lovegood, eine gute Freundin aus Ravenclaw, gleich in den hinteren Teilen der Bibliothek ausmachen. Leise ging ich zu ihr hinüber; die Blondhaarige hatte ihren Kopf in ein Buch gesteckt und blickte erst auf, als ich mich ihr gegenüber fallen ließ. „Hey, Luna“, begrüßte ich sie. „Hey, Liv“, erwiderte sie mit ihrer verträumten Stimme und starrte mich aus ihren runden blauen Augen an. Ich holte mir ein Buch aus einem Regal hinter mir und setzte mich wieder auf meinen Platz. Luna blieb stumm, als ich zu lesen begann. Dafür mochte ich sie. Im Gegensatz zu Mine und Ginny musste ich mich bei ihr nicht erklären. Sie verstand, wenn ich schweigen wollte, und dann sprachen wir nicht. Wenn ich mit ihr sprechen wollte, redeten wir. Doch Luna selbst war es egal, ob wir redeten oder schwiegen. Sie freute sich über meine Gesellschaft, genauso wie ich mich über ihre Anwesenheit freute.

    So schwiegen wir also, ich wusste nicht wie lange, eine halbe oder eine ganze Stunde bis ich schließlich sagte: „Weißt du, wer aus Ravenclaw seinen Namen in den Feuerkelch geworfen hat?“ Luna zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht.“ Sie wirkte recht gleichgültig. „Würdest du gern daran teilnehmen?“, fragte sie mich. Ich schüttelte sofort den Kopf. „Mir wäre das viel zu gefährlich; immerhin sind schon Menschen dabei gestorben. Und mit diesem ganzen Druck würde ich auch nicht gut klar kommen.“ Luna nickte. Ich würde vielleicht niemals an diesem Tunier teilnehmen, doch trotzdem war ich auf heute Abend gespannt und noch neugieriger darauf, wer als Champion ausgewählt werden würde.

    In der kerzenerleuchteten Großen Halle gab es schon fast keine Plätze mehr, als ich mich wieder zu Harry, Ron und Mine setzte. Der Feuerkelch hatte nun einen neuen Platz bekommen; er stand jetzt direkt vor Dumbledores leerem Stuhl am Lehrertisch. Fred und George, die mittlerweile von ihren Bärten befreit worden waren, hatten ihre Enttäuschung offenbar ziemlich gut verkraftet. „Ich hoffe, es wird Angelina“, sagte Fred. „Ich auch!“, meinte Mine. „Na, wir werden es ja gleich erfahren!“ Ich aß fast nichts, so aufgeregt war ich, bloß einige Stücke Kürbispastete konnte ich in mich hineinwürgen. Doch ich war ganz offenbar nicht die einzige, die keinen Bissen herunterbrachte. Viele waren schon ganz ungeduldig, einige schauten dauernd auf Dumbledore, ob er nun endlich aufgegessen hatte, - alle wollten endlich hören, wer Champion geworden war.

    Endlich kehrten die goldenen Teller in ihren ursprünglichen makellosen Zustand zurück; der Lärm in der Halle schwoll rasch an und erstab erst wieder, als Dumbledore aufgestanden war. Professor Karkaroff und Madame Maxime wirkten nicht weniger gespannt und erwartungsvoll als alle anderen. Bagman strahlte und zwinkerte hie rund da einer Schülerin zu. Mr. Crouch jedoch schien nicht sonderlich interessiert, ja fast gelangweilt. „Nun, der Kelch ist gleich bereit, seine Entscheidung zu fällen“, erhob Dumbledore die Stimme. „Ich schätze, er braucht noch eine Minute. Wenn die namen der Champions ausgerufen werden, bitte ich sie, hier aufs Podium zu kommen und am Lehrertisch vorbei in diese Kammer dort zu gehen-...“, er deutete auf die Tür hinter dem Lehrertisch, „wo sie dann ihre ersten Anweisungen erhalten.“ Er zückte seinen Zauberstab und schwang ihn ausladend durch die Luft. Sofort erloschen alle Kerzen, nur in den geschnitzten Kürbissen flackerten sie noch, so dass nun alle im Halbdunkel lag. Der Feuerkelch leuchtete jetzt heller als alles andere in der Halle. Alle starrten den Kelch an und warteten. „Gleich geht’s los“, flüsterte Lee drei Plätze von mir entfernt. Die Flammen im Kelch färbten sich plötzlich von einem gleißenden Weißblau in ein feuriges Rot. Funken sprühten aus der Glut. Im nächsten Augenblick schoss eine kleine Flammenzunge aus dem Kelch heraus, ein verkohltes Stück Pergament flatterte heraus - die ganze Halle hielt den Atem an. Dumbledore fing das Pergament auf und las es. „Der Champion für Durmstrang“, erklang seine klare und kräftige Stimme, „ist Viktor Krum.“

    „Keine Überraschung!“, rief Ron, während Applaus und Jubel ertönte. Viktor Krum stand vom Slytherin-Tisch auf und ging zu Dumbledore hinauf. Er wandte sich nach recht, ging am Lehrertisch vorbei und verschwand durch die Tür in die Kammer hinein. „Bravo, Viktor!“, polterte Karkaroff so laut, dass er den Beifall übertönte. „Wusste doch, dass du’s in den Knochen hast!“ Das Plappern und Gemurmel erstarb. Alle Augen richteten sich wieder auf den Kelch, dessen Flammen sich soeben erneut rot färbten. Ein zweites Pergament flog aus der Glut. „Champion für Beauxbatons“, las Dumbledore, „ist Fleur Delacour!“

    Das Mädchen, das einer Veela sehr ähnlich sah, stand anmutig auf und ging zwischen den Tischen der Ravenclaws und Hufflepuffs hindurch. „Oh, schau mal, die sind alle enttäuscht“, meinte Mine und zeigte zu den anderen Beauxbatons hinüber. „Enttäuscht“ war eine kleine Untertreibung, fand ich. Zwei der Mädchen, die es nicht geschafft hatten, heulten sich die Augen aus und vergruben schluchzend ihr Gesicht in den Händen. Als euch Fleur Delacour in der Kammer verschwunden war, legte sich erneut Stille über die Große Halle. Doch diesmal war die Anspannung noch deutlich zu spüren, denn nun kam der Name des Hogwarts-Champions... Das Feuer im Kelch färbte sich erneut rot; Funken sprühten aus der Glut und Flamme züngelte empor. Dumbledore fing das dritte Pergament auf. „Der Hogwarts-Champion“, rief er, „ist Cedric Diggory!“

    „Nein!“, rief Ron laut, doch keiner außer Harry und mir konnte ihn hören, denn der Tumult am Nachbartisch war zu gewaltig. Ausnahmslos alle Hufflepuff waren aufgesprungen, klatschten, jubelten und schrien, während Cedric sich mit breitem Grinsen erhob und ebenfalls in der Kammer verschwand. Der Applaus für Cedric hielt so lange an, dass Dumbledore einige Zeit brauchte, um sich wieder Gehör zu verschaffen. „Bestens!“, rief Dumbledore glücklich, als der Aufruhr sich endlich legte. „Schön, wir haben nun drei Champions. Ich bin sicher, ich kann mich darauf verlassen, dass-...“ Doch Dumbledore verstummte plötzlich, und es entging niemandem, was ihn ablenkte. Das Feuer des Kelches hatte sich abermals rot gefärbt. Funken sprühten daraus hervor. Eine lange Flamme schoss jäh in die Höhe und trug erneut ein Pergament mit sich. Wie in Trance streckte Dumbledore seine Hand aus und ergriff das Blatt. Er hielt es vor sich und las stumm den Namen, der darauf geschrieben stand. Eine lange Pause trat ein, während Dumbledore das Blatt in seiner Hand anstarrte, und alle anderen Dumbledore anstarrten. Dann räusperte er sich und las laut den Namen: „Harry Potter.“

    22
    22. Kapitel

    Entsetzt starrte ich Harry an. Ich war mir sicher, dass es ebenso jedes andere Augenpaar in der Großen Halle tat. Ich musste mich verhört haben. Das konnte doch nicht sein. Niemand klatschte. Doch plötzlich entstand ein Summen wie von einem Schwarm wütender Bienen und wurde immer lauter; einige standen auf, um Harry noch besser sehen zu können. Oben am Lehrertisch war Professor McGonagall aufgestanden und zu Dumbledore hinübergerauscht, der ihr mit leichtem Stirnrunzeln das Ohr zuneigte, während sie ihm eindringlich etwas zuflüsterte. Harry wandte sich Ron, Mine und mir zu. „Ich hab meinen Namen nicht eingeworfen“, sagte er fassungslos. „Das wisst ihr doch.“ Am Lehrertisch nickte Professor Dumbledore seiner Kollegin zu und stand auf. „Harry Potter!“, rief er. „Harry! Nach oben, wenn ich bitten darf!“ „Geh schon“, flüsterte Mine und versetzte Harry einen kleinen Schubs. Ich sah, wie Harry den Gang entlangging; hunderte Augen folgten ihm, als er durch die Tür trat und verschwand. Was danach geschah, war viel zu schnell, um es zu begreifen. Dumbledore sagte etwas von, wir sollten die vier Champions feiern und verschwand mitsamt einigen Lehrern ebenfalls hinter der Tür. Ich war fassungslos. Mine zerrte mich schließlich am Arm mit sich zurück zum Gemeinschaftsraum. Die anderen Gryffindors schienen sich jedoch schnell vom Schock erholt zu haben, denn Fred und George schrien laut: „Party!“ Ich ließ mich jedoch ohne die anderen zu beachten, in einem Sessel am Feuer sinken. Es konnte einfach nicht sein. Harry konnte seinen Namen nicht in den Feuerkelch geworfen haben; er würde diese ganze Aufmerksamkeit nie wollen. Immerhin hatte er es schon schwer, weil er berühmt war, und das nur, weil seine Eltern ermordet worden waren. Wie konnten die anderen da bloß feiern? Ich erinnerte mich daran, dass Dumbledore erwähnt hatte, dass schon Menschen dabei gestorben waren. Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter. Der ganze Lärm, den die Gryffindors mittlerweile veranstalteten, brachte mich jedoch wieder zurück in die Wirklichkeit. Hastig rannte ich die Treppe zu den Jungenschlafsälen empor und ließ mich hinter einer Biegung zu Boden sinken.

    Ich wusste nicht, wie lange ich nun schon wartete, doch der Lärm war so umfangreich, dass ich nicht wegdösen konnte. Irgendwann hörte ich dann doch lautes Gepolter auf der Treppe und ihm nächsten Momen kam Harry völlig aufgelöst um die Ecke gebogen.

    Harrys Sicht:
    Liv rappelte sich hoch und kam auf mich zu. „Ich hab meinen Namen nicht in den Feuerkelch geworfen!“, sagte ich nun schon zum gefühlt tausendsten Mal. Doch im Gegensatz zu allen anderen schien sie mir zu glauben. Sie sagte gar nichts, sondern zog mich einfach in eine tiefe Umarmung. Ich konnte die Wärme spüren, die von ihr ausging. Als Liv sich von mir löste und mich aus großen grünen Augen ansah, sagte sie drei Worte, drei kleine Worte, die ihr gesamtes Vertrauen in mich bewiesen. „Ich glaube dir.“

    Olivias Sicht:
    Ich versuchte zu lächeln, doch ich wusste, dass es mir gründlich misslang. „Hast du Hermine und Ron gesehen?“, fragte Harry. „Ich glaube, Ron ist in eurem Schlafsaal. Wo Hermine ist, weiß ich nicht.“ „Ich glaub, ich geh ins Bett“, murmelte Harry. „Ich auch“, erwiderte ich. „Gute Nacht, Harry.“ „Gute Nacht, Liv.“ Ich ging die Treppe hinunter und hinüber in meinen Schlafsaal, während ich mir immer noch Sorgen um Harry machte.

    Am nächsten Morgen erwartete mich eine unangenehme Überraschung, als ich zum Frühstück in die Große Halle kam. Mine saß wütend einige Meter von Ron entfernt und starrte denselbigen finster an. „Was ist denn los?“, fragte ich meine beste Freundin, als ich mich neben sie setzte. Sie schnaubte verächtlich. „Ron glaubt nicht, dass Harry seinen Namen nicht selbst in den Feuerkelch geworfen hat“, erklärte sie mir, als ich mir gerade ein Brötchen mit Butter und Himbeermarmelade bestrich. „Was?“, fragte ich entsetzt. Sie nickte wütend. „Und da bist du dir vollkommen sicher?“ Mine nickte. „Er hat es mir ja förmlich ins Gesicht geschrien...“ Ich sah am Tisch hinunter und entdeckte Ron, der neben Seamus und Dean sah und gemütlich frühstückte. „Ich bin gleich wieder da“, sagte ich zu Mine und rauschte hinüber zu Ron. „Guten Morgen“, zischte ich kalt. „Morgen“, entgegnete Ron ungerührt. Ich ließ mich neben ihm fallen und fuhr in wütendem Ton fort: „Können wir uns mal kurz unterhalten?“ Leicht irritiert nickte er. Ich packte ihn am Arm und zerrte ihn aus der Großen Halle, ohne auf sein Gezeter zu hören. Als wir in der Eingangshalle angekommen waren, schleppte ich ihn in einen Nebengang und drückte ihn gegen die Wand. „Was hast du gestern Abend zu Harry gesagt?“, zischte ich. Auf Rons Gesicht zeichnete sich ein seltsames Lächeln ab. „Zu diesem Aufschneider?“ „Du weißt ganz genau, dass Harry kein Aufschneider ist, Ron!“ „Du verteidigst ihn doch bloß, weil du, wie alle anderen Mädchen, in ihn verliebt bist!“ Das saß. Fassungslos starrte ich ihn an. „Ich mag Harry, weil er mein bester Freund ist und weil er einfach er selbst ist; nicht, weil er der berühmteste Junge der Zaubererwelt ist!“ „Pfff, Liv, du bist eine Lügnerin. Du magst ihn doch nur, weil er berühmt ist!“ WUSCH. Ich verpasste Ron eine kräftige Ohrfeige, die einen deutlichen roten Abdruck auf seiner rechten Wange hinterließ. Mit Zornesröte und wild wie eine Furie schrie ich: „DU KANNST MICH MAL, RON WEASLEY!“ Ich drehte mich auf dem Absatz um und rannte in die Halle zurück. Dieser Idiot! Wie konnte er es eigentlich wagen? Als mich wieder neben Mine setzte, begann ich rasch einige Toastbrote mit Butter zu bestreichen, während ich ihr erzählte, was gerade eben geschehen war. „Ich werde mit Harry reden, wenn du nichts dagegen hast“, meinte ich; dass diese Antwort Mine ein breites Grinsen entlockte, sah ich jedoch nicht. „Nein, dagegen hab ich überhaupt nichts. Ich werde versuchen, Ron wieder ein bisschen Vernunft beizubringen.“

    Harry wirkte recht erleichtert, als er aus dem Porträtloch kletterte, und mich mit den, in ein paar Servietten gewickelte, Toastbroten sah. „Hey“, begrüßte ich ihn. „Das hier ist für dich“, sagte ich und hielt ihm die Toastbrote hin, die er dankbar entgegennahm. „Hast du vielleicht Lust auf einen Spaziergang?“, fragte ich etwas schüchtern. „Gute Idee“, nahm Harry den Vorschlag sofort an. Wir gingen hinunter, durchquerten rasch die Eingangshalle, gingen hinaus und schlenderten gelassen über den Rasen zum See hinunter, an dessen Ufer das dunkle Schiff der Durmstrangs lag. Es war ein kalter Morgen, weshalb ich meinen scharlachroten Schal mit goldenen Streifen trug, der mich sofort als Gryffindor enttarnte. Harry schilderte während dem Gehen ganz genau was gestern Abend geschehen war, nachdem er den Gryffindor-Tisch verlassen hatte. Karkaroff und Madame Maxime hatten schließlich widerwillig zugestimmt, dass Harry als vierter Champion im Trimagischen Tunier antreten würde. Snape hatte Harry natürlich mal wieder verdächtig, seinen Namen selbst in den Kelch geworfen zu haben, doch Moody hatte widersprochen. Es wäre viel zu fortgeschrittene Magie für einen Schüler, den Feuerkelch zu verhexen, damit er Harrys Namen ebenfalls ausspuckte und Moody hatte gesagt, es müsse jemand sein, der Harry sterben sehen wolle, was sich für mich sehr wahrscheinlich anhörte. Als Harry schließlich verstummte, konnte ich ihm ansehen, dass ihm ein Stein vom Herzen gefallen war. „Hör mal, Harry...“, begann ich, „du musst mir nichts erklären. Ich glaube dir. Ich weiß, dass du niemals freiwillig an einem tödlichen Tunier teilnehmen würdest!“ Ich lächelte. „Du hättest dein Gesicht sehen sollen, als Dumbledore deinen Namen ausgerufen hat!“ Ich dachte angestrengt nach. „Die Frage ist nur, wer den Zettel wirklich eingworfen hat. Moody hat Recht, ich glaube nicht, dass es ein Schüler getan hat...keiner von uns hätte es geschafft, den Kelch zu täuschen oder über Dumbledores Linie zu kommen.“ „Sag mal, waren Ron und Hermine beim Frühstück?“, unterbrach Harry mich. „Ja, sie waren da. Hermine glaubt dir natürlich auch. Aber Ron...“ Ich verstummte. Wie sollte ich ihm das bloß beibringen? „Was ist mit Ron?“ „Oh Harry, er ist neidisch!“, platzte es aus mir heraus.

    „Neidisch?“, fragte Harry ungläubig. „Neidisch auf was? Will er sich vielleicht vor der ganzen Schule zum Deppen machen?“ „Ach, Harry“, widersprach ich, „immer bist du es, der die ganze Aufmerksamkeit bekommt, das weißt du doch. Klar, du kannst nichts dafür“, fügte ich rasch hinzu, denn Harry riss schon den Mund auf. „Du legst es nicht drauf an...aber - na ja - Ron hat so viele Brüder, mit denen er sich zu Hause messen muss, und du bist sein bester Freund; du bist richtig berühmt - wenn Leute dich sehen, wird er immer beiseite gedrängt, und er - er steckt es weg und sagt nie ein Wort, aber das hier war ihm offenbar doch zu viel...“ „Großartig“, meinte Harry erbittert. „Das ist wirklich großartig. Ron kann ruhig mal mit mir tauschen, dann sehen wir, ob es ihm so gut gefällt, ständig angeglotzt zu werden, wo er auch hingeht.“ „Harry, du musst ihm das sagen!“ „Ich renn ihm doch nicht nach und helf ihm, erwachsen zu werden!“, sagte Harry so laut, dass einige Eule in einem nahen Baum erschrocken aufflatterten. „Vielleicht glaubt mir erst dann, dass ich es nicht zum Spaß mache, wenn ich mich den Hals breche oder-...“ „Das ist nicht komisch“, unterbrach ich ihm. Ich wollte gar nicht daran denken, dass jemand Harry sterben sehen wollte. „Das ist überhaupt nicht komisch.“ Schweigend setzten wir unseren Weg fort, bis ich schließlich erneut sprach: „Weißt du, ich habe nachgedacht. Du weißt, was wir machen müssen, sobald wir wieder im Schloss sind?“ „Allerdings, Ron einen saftigen Tritt in den-...“ „An Sirius schreiben. Er will doch, dass du ihn über alles, was in Hogwarts passiert, auf dem Laufenden hältst...es wirkt fast so, als hätte er genau soetwas erwartet.“ „Ich kann es Sirius nicht schreiben. Wenn er das erfährt, kommt er wahrscheinlich gleich mit Riesenkaracho ins Schloss gerauscht-...“ „Er wird es früher oder später sowieso erfahren.“ „Wie?“ „Ach Harry, das wird doch kein Geheimnis bleiben.“ In meiner Stimme schwang purer Ernst mit. „Dieses Tunier ist berühmt, und du bist berühmt, der Tagesprophet wird sicher darüber schreiben, dass du am Tunier teilnimmst...du stehst doch schon in jedem zweiten Buch über Voldemort...und Sirius wird es sicher lieber von dir erfahren wollen.“ „Schon gut, schon gut, ich schreib ihm“, gab Harry nach und warf einige Toaststücke in den See.

    Wir warteten einige Minuten und sahen zu, wie ein mächtiger Greifarm des Riesenkraken aus der Tiefe schoss und das Brot mit sich hinunterriss. Stumm standen wir in der morgendlichen Kälte und starrten beide ins Leere. Schließlich, nach gefühlten Stunden, die höchstwahrscheinlich bloß einige Minuten waren, sagte ich mit fester Stimme: „Ich helfe dir bei diese Aufgaben, und wenn es das Letzte ist, was ich tue.“ „Aber wir wissen doch gar nicht, was für Aufgaben drankommen.“ „Du kannst aber trotzdem verschiedene Zaubersprüche üben.“ Wir schwiegen kurz, dann sagte Harry: „Danke.“ Ich lächelte. „Ich glaube, wir sollten zurückgehen.“

    Als wir wieder zurück im Schloss waren, stieg Harry hoch in die Eulerei und ich machte mich auf den Weg in den siebten Stock. Ich musste noch einige Hausaufgaben erledigen; dies war eine gute Möglichkeit, mich vom Geschehenen abzulenken. Als ich den Raum der Wünsche betrat, hatte er sich bereits in die mir vertraute Bibliothek verwandelt, gefüllt mit tausenden von Büchern. Ich kam gern hierher, um einfach nur meine Ruhe zu haben und nicht in der vollen Schulbibliothek sitzen zu müssen, wo man ständig gestört wurde. Ich hatte mich gerade in einem gemütlichen roten Sessel niedergelassen und wollte mit dem Aufsatz für Zaubertränke anfangen, als hinter mir eine Stimme ertönte: „Na Süße, hast du deinen Ausflug mit Potter genossen?“ Ich atmete einmal zutiefst genervt aus, dann drehte ich mich mit einem zuckersüßen Lächeln um. „Also, Malfoy, erstens bin ich nicht deine >Süße<, zweitens geht es dich gar nichts an, was ich mit Harry mache und drittens kann ich nicht glauben, dass du mir ernsthaft nachspioniert hast!“ Draco lehnte während meiner Ansprache entspannt an einem Bücherregal, was mich fast wahnsinnig machte. Konnte er mich denn nie ernst nehmen? „Oh, sind wir schon wieder beim Nachnamen, Rosier?“ Ich versuchte, mein herzerweichendes Lächeln aufrecht zu erhalten, als ich langsam vom Sessel aufstand und betont lässig zu ihm herüberstolzierte. „Wenn du mich mit so einem Satz begrüßt, ist es doch wohl kein Wunder, wenn ich dich mit Nachnamen anrede.“ Ich blieb mit verschränkten Armen vor ihm stehen. „Wie kann es eigentlich sein, dass du von unserem Spaziergang weißt?“ „Ich hab dich heute Morgen gesehen, als ihr durch die Eingangshalle gegangen seid.“ Ich versuchte, so leise wie möglich zu summen, damit mein Gegenüber es nicht bemerkte. „Du spionierst mir hinterher?“, wiederholte ich. „Nein, was kann ich dafür, wenn ich dich mit unserem neuen Champion sehe?“, meinte er verächtlich. „Harry hat seinen Namen nicht in den Feuerkelch geworfen!“, sagte ich, doch ich wusste jetzt schon, dass Draco mir nicht glauben würde. „Das glaubst du doch nicht ernsthaft!“ „Und wie ich das glaube!“ Ich schoss zwei silberne Lichtstrahlen auf ihn ab, die ihn jedoch absichtlich um einige Zentimeter verfehlten. Draco wirkte für einige Sekunden erschrocken, dann knurrte er: „Könntest du das lassen?“ „Wenn du mir mal zuhören würdest!“ „Ich höre dir doch zu. Es ist bloß so, dass Potter ein unglaublicher Angeber ist!“ Ich zog eine Augenbraue nach oben. „Ach, aber du bist kein Angeber?“ Ein arrogantes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Ich habe wenigstens keine aufgeschlitzte Stirn.“ Ich setzte gerade zu einer frechen Antwort an, überlegte es mir dann aber doch anders. Ich wollte mich nicht weiter mit Draco streiten, auch wenn das manchmal so verdammt schwer war.

    Also drehte ich mich einfach um und ging zum Tisch zurück, um mich in meinen Sessel fallen zu lassen. Draco schien etwas verwundert zu sein, denn er folgte mir zum Tisch und ließ sich mir gegenüber. An seinem Gesicht konnte ich eine ganz deutliche Frage ablesen: >Was sollte das denn jetzt?< „Ich will nicht, dass wir uns ständig streiten.“, sagte ich. Draco blieb stumm und ich wandte mich meinem Aufsatz zu. Ich arbeitete schweigend, während Draco in einem Buch las; nur das Kratzen meiner Feder durchbrach die Stille. Die Zeit verging wie im Flug und ich bemerkte es nicht mal; als ich schließlich kurz auf die goldene Uhr mit den schweren Zeigern sah, schreckte ich hoch. „Oh, verdammt! Ich muss zurück! Hermine fragt sich bestimmt schon, wo ich stecke!“ Draco setzte zu einer fiesen Bemerkung über Mine an, doch ich starrte ihn so wütend und warnend an, dass er lieber die Klappe hielt. Hastig stopfte ich meinen fertigen Zaubertrank-Aufsatz in meine Tasche und rannte hinüber zur Tür. Als ich die Klinke schon heruntergedrückt hatte, drehte ich mich noch einmal zu Draco, der vollkommen in sein Buch versunken zu sein schien. „Wir sehen uns morgen im Unterricht“, sagte ich und lächelte ihm kurz zu; er sah nicht auf. Ich seufzte kaum hörbar auf, dann trat ich hinaus.

    23
    23. Kapitel

    Als wir am nächsten Morgen zu den Gewächshäusern gingen, fiel mir immer wieder auf, dass die Hufflepuffs Harry finstere Blicke zuwarfen. Es war klar, dass die Schüler der anderen Häuser - genau wie die anderen Gryffindors - glaubten, dass Harry sich selbst für das Tunier beworben hatte. Im Gegensatz zu den Gryffindors schienen sie jedoch nicht sehr begeistert zu sein. Die Hufflepuffs, die normalerweise glänzend mit uns auskamen, zeigten sich erstaunlich abwesend. Eine einzige Stunde Kräuterkunde reichte, um uns das klarzumachen. Es war wirklich offensichtlich, dass die Hufflepuffs dachten, Harry hätte ihrem Champion die Schau gestohlen. Vielleicht vermuteten sie eben das, da die Hufflepuffs bisher nur wenig Ruhm geerntet hatten und Cedric, der uns im Quidditch geschlagen hatte, einer der wenigen war, die je Lorbeeren für das Haus geholt hatten. Ernie Macmillan und Justin Finch-Fletchley, mit denen Harry sich sonst gut verstand, redeten nicht mehr mit uns, obwohl sie am Setzkasten neben uns arbeiteten und Springende Knollen umtopften. Dafür lachten sie jedoch spöttisch, als sich eine der Springenden Knollen aus Harys Griff befreite und ihm knallhart ins Gesicht schlug. Auch Ron sprach nicht mehr mit ihm, was wirklich deprimierend war. Mine stand zwischen den beiden und führte sehr gezwungene Konversation. Sie hatte gestern stundenlang auf Ron eingeredet, um ihn endlich wieder zur Vernunft zu bringen, doch er hatte sie irgendwann schroff angefahren und Mine hatte wütend aufgegeben. Während Mine also auf die beiden einredete, vermieden Harry und Ron es, sich gegenseitig anzusehen.

    Als Kräuterkunde endlich vorbei war, machten wir uns auf den Weg zu Pflege magischer Geschöpfe. Ich hatte ein ganz ungutes Gefühl, ich wusste aber nicht, ob es an den Krötern lag, oder an der Tatsache, dass wir wieder auf die Slytherins treffen würden und dass diese irgendwelche blöden Bemerkungen über Harry machen würden. Wie ich es vorausgesehen hatte, kam Draco mit seinem typisch hämischen Grinsen auf Hagrids Hütte zu. „Ah, seht mal, Jungs, der Champion persönlich“, sagte er zu Crabbe zu Goyle, sobald sie nahe genug waren, dass wir ihn hören konnten. „Habt ihr eure Autogrammbücher dabei? Dann holt euch besser gleich eine Unterschrift, ich bin nicht sicher, ob er noch lange unter uns weilt...die Hälfte der Tunier-Champions ist umgekommen...wie lange, glaubst du, hältst du es aus, Potter? Zehn Minuten in der ersten Runde, schätze ich.“ Crabbe und Goyle johlten auf, doch Draco verstummte, als Hagrid hinter seiner Hütte hervorkam, in den Armen einen riesigen Stapel Holzkisten, die jeweils einen prächtig gediehenen Kröter enthielten. Mein Magen zog sich bei diesem Anblick eng zusammen. Zum Entsetzen aller verkündete Hagrid den Grund, warum die Kröter sich gegenseitig umbrachte: Sie hätten einfach zu viel Energie, und die Therapie bestünde darin, dass sich jeder von uns einen Kröter nehme, eine Leine an ihm befestige und einen kleinen Spaziergang mit ihm mache. Ich fragte mich, ob Hagrid wahnsinnig geworden war. Und Draco sah das offenbar genauso. „Diese Viecher spazieren führen?“, fragte er angewidert und starrte in eine der Kisten. „Und wo genau sollen wir die Leine befestigen? Um den Stachel, den Knallrumpf oder den Saugnapf?“ „Um die Mitte“, antwortete Hagrid und machte es sofort vor. „Ähm- vielleicht zieht ihr besser eure Drachenhauthandschuhe über, nur so zur Vorsicht.“

    Diese Vorsicht erwies sich wenig später als äußerst hilfreich. Widerwillig beugte ich mich über einen Knallrümpfigen Kröter und versuchte irgendwie, die Leine um seine Mitte zu binden. Dass er dabei begann, wild mit Feuer um sich zu spucken, war nicht sonderlich fördernd. Als ich es schließlich irgendwie geschafft hatte, den Kröter zu besiegen und ihn aus der Kiste gehoben hatte, bereute ich es schon, dass ich Pflege magischer Geschöpfe nicht geschwänzt hatte. Sobald der Kröter auf dem Boden gelandet war, begann er wie verrückt zu rennen, na ja, wenn man das so nennen konnte. Verzweifelt klammerte ich mich an die Leine und versuchte, die schmalen Absätze meiner Schuhe in die Erde zu graben, doch der Kröter zog mit so immenser Kraft, dass ich nach einer Minute bereits hilflos über den Rasen rutschte. „Bleib sofort stehen!“, schrie ich meinen Kröter wütend an, der natürlich nicht mal daran dachte, auf mich zu hören. Doch eigentlich konnte ich mich schon glücklich schätzen, dass der Rumpf meines Kröters noch nicht explodiert war. Man kann sich denken, dass ich mehr als froh war, als die Stunde endlich vorbei war.

    In den nächsten Tagen war ich fast ständig mit Harry zusammen; er tat mir so Leid, denn viele Hufflepuffs und Ravenclaws mieden ihn und sprachen hinter seinem Rücken über ihn. Die Hufflepuffs konnte ich ja einigermaßen verstehen. Sie hatten ihren eigenen Champion, denn sie natürlich lieber unterstützten als Harry. Von den Slytherins war ja eh nichts anderes, als fiese Sticheleien zu erwarten. Na ja, aber wenigstens von den Ravenclaws hatte ich gedacht, dass sie Harry unterstützen würden. Doch dabei hatte ich mich ganz offensichtlich geirrt. Die meisten Ravenclaws glaubten, er sei bloß darauf aus, noch mehr Ruhm zu ernten, und hätte deshalb seinen Namen in den Feuerkelch geworfen. Hinzu kam noch, dass Cedric (nach Harrys Sicht, wie er mir versicherte) einen sehr viel besser aussehenden Champion abgab. Ich hatte Harry da zwar sofort widersprochen, doch ich musste zugeben, dass Cedric gar nicht so schlecht aussah: Er hatte eine gerade Nase, dunkles Haar und graue Augen und war geradezu außergewöhnlich hübsch. Es war schwer zu sagen, wer mehr Aufmerksamkeit bekam: Cedric oder Krum.

    Harry hatte nun eine fast durchgehend schlechte Laune; Professor Trelawney prophezeihte seinen Tod nun mit noch größerer Bestimmtheit als sonst heraus und in Zauberkunst bei Professor Flitwick war er so schlecht, dass er als Einziger - mal abgesehen von Neville - Extra-Hausaufgaben aufbekam. „Eigentlich ist der Aufrufezauber gar nicht so schwer“, meinte ich, als Harry, Mine und ich das Klassenzimmer verließen. Während der Stunde hatten Mine und ich verschiedene dicke Bücher, Federn, Tinte und Kissen fliegen lassen. „Du hast dich einfach nicht richtig konzentiert“, vermutete Mine. „Warum wohl?“, fragte Harry sarkastisch und niedergeschlagen, als in diesem Augenblick Cedric vorbeikam, der von einer ganzen Traube Mädchen umgeben war, die Harry anstarrten, als wäre er ein besonders hässlicher Knallrümpfiger Kröter. „Na ja - ist doch auch egal!“, fuhr er bedrückt fort. „Ich kann mich einfach auf heute Nachmittag freuen, Doppelstunde Zaubertränke...“ Ich konnte mir vorstellen, wie Harry sich nun fühlen musste, wenn er an Zaubertränke dachte. Zusammen mit den Slytherins und Snape in einem Kerker, in dem der Lehrer ihn mal wieder schikanieren würde.

    Als wir nach dem Mittagessen vor Snapes Kerker ankamen, waren die Slytherins bereits an der Tür und warteten; ausnahmslos trugen sie alle große Anstecker auf den Umhängen. Einen Moment lang dachte ich doch tatsächlich, es wären B.ELFE.R-Anstecker (Wie konnte ich soetwas bloß glauben? War ich verrückt geworden?), doch dann sah ich die selbe Aufschrift in roten Leuchtbuchstaben, die durch das Dämmerlicht des dunklen Gangs strahlten.

    Ich bin für CEDRIC DIGGORY -
    den WAHREN Hogwarts-Champion!

    „Gefällt’s dir Potter?“, fragte Draco laut, als Harry näher trat, um sich das genauer anzusehen. „Und das ist nicht alles - sieh mal!“ Er drückte mit dem Finger auf den Anstecker; die Schrift verschwand und dann erschien in leuchtend grünen Lettern:

    POTTER STINKT

    Die Slytherins brüllten vor Lachen. Nun drückten auch die anderen auf den Anstecker und im Umkreis leuchteten die Worte POTTER STINKT. „Unglaublich witzig“, bemerkte Mine trocken. Ich verdrehte die Augen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wow, wie einfallsreich, Malfoy. Wie lange hast du gebraucht, um dir das auszudenken? Drei Stunden?“, stichelte ich. Draco tat zwar so, als hätte er mich nicht gehört, doch ich sah, wie sein Gesicht leicht rosa anlief. Ron stand mit Dean und Seamus an der Wand. Er sah nicht zu uns herüber. „Willst du einen, Granger?“, fragte Draco und hielt ihr einen Anstecker hin. „Ich hab sie kistenweise. Aber berühr bloß nicht meine Hand. Ich hab sie gerade gewaschen und will nicht, dass eine Schlammblüterin sie einschleimt.“ Mine wich zurück, ohne auch bloß mit der Wimper zu zucken. Dafür trat ich jetzt vor. „Weißt du was, Malfoy?“ Ich entriss ihm den Anstecker und grinste. „Weißt du, was ich damit mache?“ Ich zückte meinen Zauberstab. „Diffindo!“ Der Anstecker wurde wie von einer Axt entzweigeschlagen; immer wieder ließ ich die Einzelteile weiter teilen, bis zum Schluss nur noch minimale Blechteile übrig waren, die ich zu Boden fallen ließ. Das hinterhältige Grinsen war aus Dracos Gesicht gewichen. „Das ist es, was ich von dir und von euch allen halte!“, sagte ich mit fester Stimme, fixierte die anderen Slytherins hinter ihm und nun war es an mir, fies zu grinsen. „Von dir war auch gar nichts anderes zu erwarten, Rosier. Du bist und bleibst eben eine dreckige Blutsverräterin!“, holte Draco zum nächsten Schlag aus. Doch nun schien es Harry zu genügen; sein Gesicht war ganz rot und wutverzerrt, als er seinen Zauberstab zückte. Einige Umstehende stürzten bei diesem Anblick sofort in den Kellergang davon. „Harry!“, warnte Mine ihn. „Jetzt mach schon, Potter“, forderte Draco ihn leise auf und zog ebenfalls seinen Zauberstab. „Moody ist nicht da, um dich auf den Schoß zu nehmen - tu’s doch, wenn du den Mumm dazu hast-...“ Den Bruchteil einer Sekunde lang sahen die beiden sich in die Augen und dann, im selben Augenblick, griffen sie gleichzeitig an.

    „Furunculus!“, rief Harry. „Densaugeo!“, schrie Draco. Erschrocken ging ich in Deckung, als die beiden Lichtblitze, die aus den Zauberstäben hervortraten, in der Luft aufeinandertrafen und sich gegenseitig aus der Bahn warfen - Harrys Blitzstrahl traf Goyle im Gesicht, der von Draco traf Mine. Goyle jaulte auf und schlug die Hände auf die Nase, auf der sich große, hässliche Blasen bildeten. Mine presste panisch wimmernd die Hände auf den Mund. „Hermine!“ Ron stürmte herüber, um nachzusehen, was passiert war. Ich war wie erstarrt. Ron zog Mines Finger von ihrem Gesicht; es war kein schöner Anblick. Mines Vorderzähne, die ohnehin schon überdurchschnittlich lang war, wuchsen mit alarmierender Geschwindigkeit. Mehr und mehr nahm sie das Aussehen eines Bibers an, doch ihre Zähne wuchsen immer weiter, über ihre Unterlippe hinaus, auf ihr Kinn zu. In ihrer Panik tastete Mine danach und schrie vor Grauen gepackt auf. „Hermine, bleib ruhig!“, versuchte ich sie zu beruhigen, doch Mine dachte gar nicht daran. Als ich meinen Zauberstab zückte, um ihre Zähne wieder schrumpfen zu lassen, weiteten sich ihre Augen entsetzt und sie schrie erneut panisch auf. „Was soll dieser Krach hier?“, fragte eine leise, kalte Stimme. Es war Snape.

    Die Slytherins redeten laut durcheinander, um ihre Sicht der Dinge loszuwerden. Snape deutete mit einem langen bleichen Fingern auf Draco und befahl: „Erkläre.“ „Potter hat mich angegriffen, Sir-...“ „Wir haben uns gleichzeitig angegriffen!“, rief Harry. „Und er hat Goyle getroffen - sehen Sie -...“ Snape musterte Goyles Gesicht, das nun aussah, als würde es eigentlich in ein Buch über Giftpilze gehören. „Krankenflügel, Goyle“, befahl Snape ruhig. „Malfoy hat Hermine getroffen!“, sagte Ron. „Sehen Sie!“ Er zwang Mine, Snape ihre Zähne zu zeigen - sie tat ihr Bestes, um sie mit den Händen zu verbergen, was jedoch recht schwierig war, da sie ihr nun schon über den Kragen hinauswuchsen. Pansy Parkinson, Millicent Bulstrode und die anderen Slytherin-Mädchen krümmten sich hinter Snapes Rücken lautlos vor Lachen und deuteten mit den Fingern auf Mine. Wütend starrte ich sie an. Snape betrachtete Mine kalt, dann meinte er: „Ich sehe keinen Unterschied.“ Meine beste Freundin ließ ein lautes Wimmern hören; ihre Augen füllten sich mit Tränen, sie drehte sich um, rannte in den Kellergang und verschwand. Es herrschte kurz eine angespannte Stille, dann begannen Harry und Ron, Snape gleichzeitig anzuschreien. Ein Glück, dass ihr Geschrei an den steinernden Wänden widerhallte, denn aus dem lauten Stimmengewirr konnte Snape sicher nicht genau heraushören, als was ihn die beiden alles beschimpften. Das Wesentliche bekam er jedoch mit. „Schauen wir mal“, sagte er mit öliger Stimme. „50 Punkte Abzug für Gryffindor und Nachsitzen für Potter und Weasley. Jetzt aber rein oder ihr bleibt eine Woche, und ich benachrichtige den Schulleiter.“

    Mein Körper bebte, als ich mich wütend an Snape vorbei in den Raum drängte, gefolgt von Harry und Ron. Es kam mir fast so vor, als wäre zwischen meinen beiden Freunden wieder alles in Ordnung, als wir uns im hinteren Teil des Kerkers niederließen. Doch ich hatte mich getäuscht, denn im nächsten Moment wandte sich Ron ab, ließ uns am Tisch zurück und setzte sich zu Seamus und Dean. Ich seufzte leicht auf, als ich Harrys enttäuschten Gesichtsausdruck bemerkte. Vorn, in der ersten Reihe, drehte Draco Snape den Rücken zu und drückte auf seinen Anstecker. POTTER STINKT flammte leuchtend grün durch den Kerker. Ich verdrehte genervt die Augen und machte mich daran, Snape ein Loch in den Rücken zu starren und zu hoffen, dass sein Umhang Feuer fing. „Gegengifte!“, sagte Snape schließlich und riss mich ruckartig aus meinen Gedanken. „Ihr solltet inzwischen eure Rezepte vorbereitet haben. Ihr werdet jetzt mit aller Sorgfalt eure Tinkturen zubereiten, und dann werden wir jemanden aussuchen, an dem wir eine davon ausprobieren...“ Ich sah, wie Snape Harrys Blick suchte und mir war sofort klar, dass es Harry war, den Snape vergiften würde. Er tat mir jetzt schon Leid; hoffentlich nahm Snape mein Gegengift, da konnte zumindest nichts passieren, weil ich gut in Zaubertränke war. Doch ich wusste, wenn Snape Nevilles Gegengift nehmen würde, war Harrys Tag gelaufen... Ein lautes Klopfen an der Tür riss mich aus meinen Gedanken.

    Es war Colin Creevey. Er streckte den Kopf durch den Türspalt, strahlte in Harrys Richtung ung ging nach vorne zu Snapes Tisch. „Ja?“, fragte Snape schroff. „Bitte, Sir, ich soll Harry Potter nach oben bringen.“ Snape sah mit einem eiskalten Blick auf Colin hinunter, dem das Lächeln auf dem begeisterten Gesicht sofort gefror. „Potter hat hier noch eine Stunde Zaubertränke abzusitzen“, erklärte er kühl und bestimmt. „Er wird nach oben kommen, wenn der Unterricht vorbei ist.“ Colin lief rosarot an. „Sir - Sir, Mr. Bagman will ihn sprechen“, widersprach er aufgeregt. „Alle Champions müssen kommen, ich glaube, sie wollen Fotos von ihnen machen...“ In diesem Moment wünschte ich, Colin hätte die letzten Worte nicht ausgesprochen. Ich drehte mich zu Ron, doch dieser starrte verbissen an die Decke. „Von mir aus“, fauchte Snape. „Potter, lass deine Sachen hier, du kommst so schnell wie möglich zurück, ich will dein Gegengift testen.“ „Bitte, Sir, er muss seine Sachen mitnehmen“, piepste Colin kläglich. „Alle Champions-...“ „Schon gut!“, blaffte Snape. „Potter, nimm deine Tasche und verschwinde von hier!“ Harry blieb kurz zögernd sitzen. „Los, geh schon“, wisperte ich ihm zu, „erzähl mir später, was Bagman von dir wollte.“ Er nickte mir zu, dann warf er sich seine Tasche über die Schulter, stand auf und ging eilig auf die Tür zu. Als er zwischen den Tischen der Slytherins hindurchging, blinkte ihm von allen Seiten POTTER STINKT entgegen, bis die Tür hinter ihm ins Schloss fiel.

    Sobald Harry verschwunden war, forderte Snape uns harsch auf, das Gegengift zuzubereiten. Ich machte mich konzentriert an die Arbeit, und blickte kein einziges Mal auf, während ich Löwenfischgräten, Baldrian, Affodilwurzeln und Schrumpelfeigen für das Gegengift zusammenmischte. Was Harry wohl gerade tat? Meine Gedanken schweiften ab, während meine Hände wie von selbst die nötigen Handgriffe ausführten. Als Snape an meinem Kessel vorbeikam und mit seiner langen Hakennase voran hineinsah, entfuhr ihm ein: „10 Punkte für Gryffindor!“ Ich spürte die finsteren und verächtlichen Blicke der Slytherins auf mir, doch trotzdem entlockten mir Snapes Worte ein leichtes Lächeln, was die Slytherins ganz offenbar zu bemerken schienen, denn sie begannen verärgert zu zischen, was mich widerrum noch mehr zum Lächeln brachte. Als ich gerade etwas des Gegengifts in eine Phiole füllte, hörte ich plötzlich ein leises Rascheln. Ich blickte auf und gefaltenes Blatt Pergament, das verdammt an die Form einer Nachtigall erinnerte. Ich brauchte keine zwei Sekunden, um zu erraten, von wem es kommen musste. Schnell hob ich den Blick. Draco starrte mich unverwandt an. War er wahnsinnig? Was war, wenn jemand die Situation bemerkt hatte? Doch meine Sorge war unbegründet, denn alle anderen waren so in ihre Gegengifte vertieft, dass es für sie geradezu unmöglich war, etwas beobachtet zu haben. Hastig sah ich mich nach Snape um, doch dieser war gerade damit beschäftig, Neville niederzumachen, weil dieser mal wieder nur eine ekelhafte, stinkende Masse zusammengerührt hatte. Ich bückte mich zu dem Papiervogel hinunter, der noch immer mit den Flügeln schlug, und öffnete ihn.

    Nach dem Unterricht im Raum der Wünsche

    Ich erkannte sofort Dracos gestochen scharfe Handschrift. Langsam blickte ich auf; Draco sah mich immer noch erwartungsvoll an. Mit einem leichten Lächeln nickte ich und stopfte das Papier in meine Tasche, damit es niemand sehen konnte.

    Ich konnte das Ende der Stunde kaum abwarten; Snape suchte sich schließlich Neville als Opfer aus und vergiftete ihn. Zum Glück hatte er Dracos Gegengift ausgewählt, denn ich wusste, dass auch Draco sehr begabt in Zaubertränke war. Sobald die Glocke das Ende der Stunde verkündete, packte ich meine Sachen zusammen, als ich sah, wie Ron nach vorne zu Snapes Pult gerufen wurde. Snape würde ihm nun sicher die Aufgabe für das Nachsitzen aufgeben. Ich nahm meine Tasche und huschte aus dem Raum. Ich machte mich auf den Weg zum Gryffindor-Turm, um meine Hausaufgabe für Alte Runen zu holen. Während ich den Weg zum Gemeinschaftsraum ging, hielt ich nach Mine Ausschau, doch sie war und blieb verschwunden. Wahrscheinlich ließ sie sich gerade im Krankenflügel die Zähne schrumpfen.

    Als ich den Raum der Wünsche betrat, sah ich Draco bereits auf einem dunkelgrünen Sofa sitzen, vor sich ebenfalls die Vorgabe für die Hausaufgabe in Alte Runen. Lächelnd ließ ich mich in einem scharlachroten Sessel nieder und holte Pergament, Tinte und eine Feder hervor. „Hast du schon angefangen?“, fragte ich. Draco schüttelte den Kopf. Ich ließ meinen Blick über die spitzen Schriftzeichen wandern, die wir übersetzen sollten. „Schau mal. Das sieht aus, wie ein alter Liebesbrief.“ „Ach wirklich?“ Ich nickte. „Hier. >Ich bin dein Spiegelbild. Das, was du bist, trag ich auch in mir<.“ „Wow, wie kitschig!“, kam es von Draco. Ich kicherte.

    Dracos Sicht:
    Sie zeigte mir ein atemberaubendes Lächeln, bevor sie weiterlas. „>Meine Hand lege ich in die deine. Mein Herz lege ich nur dir zu Füßen. Unser Schicksal bindet uns zusammen, ein unsichtbares Band hält mich bei dir. Ein Band, so dicht und fest verwebt, man kann es nennen, wie man will. Ich weiß nicht, was es für dich ist, doch für mich ist es die Liebe. Die Liebe, die so stark ist, dass weder Hass noch Eifersucht sie zerstören können.<“ Sie musterte mich, als sie vom Text aufsah. Vias grüne Augen streiften mich und sie fragte: „Ist alles in Ordnung mit dir, Draco?“ Draco. Wie sie meinen Namen aussprach; als würde sie dieser Name automatisch zu einem Lächeln bringen. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie ihre Stimme mich in eine Trance versetzt hatte. Und im nächsten Moment verfluchte ich mich dafür. Wie sie die Worte vorlas, wünschte ich mir, dass sie an mich gerichtet waren, doch ich wusste, dass dies einfach nur eine Einbildung war. Via sah in mir nur einen Freund, jemanden, mit dem sie reden und lachen konnte, doch für mich war sie so viel mehr. Für mich war sie das außergewöhnlichste Mädchen auf Hogwarts, ohne dass sie es überhaupt wusste. In meinem Kopf kämpften zwei Stimmen gegeneinander an. Die eine verfluchte mich dafür, dass ich Gefühle für sie hegte. Ja, dass ich überhaupt Gefühle hatte. Sie sollte nicht mehr sein, als ein ganz normales Mädchen. Ich sollte keine Gefühle für ein Mädchen besitzen; schon gar nicht für eine Gryffindor. Die andere Stimme in meinem Kopf, die zwar leiser war, aber trotzdem auf mich einschrie, versuchte mich verzweifelt davon zu überzeugen, ihr endlich die Wahrheit zu sagen. Doch ich konnte mich nicht darauf einlassen. Ich wusste, dass sie Gefühle für Potter hatte. Dass sie ihn mehr als einen Freund mochte. Wie sollte ich denn gegen ihn ankommen? „Draco?“, ertönte Vias Stimme aus der Ferne. „Draco, bist du noch da?“ „Was?“, fuhr ich erschrocken hoch. Sie grinste. „Ja, ja, mir geht’s gut.“ „Über was hast du nachgedacht?“, wollte sie wissen.

    „Ich...ich hab’ mich gefragt...“, ich holte tief Luft, „ich habe mich gefragt, was die Liebe ist.“ Ihre amüsierte Miene wurde nachdenklich. „Das ist eine gute Frage“, erwiderte sie. „Der Autor des Textes benutzt das Wort ständig, aber woher soll man wissen, was er damit genau meint?“ Sie schien angestrengt nachzudenken. „Ich finde, dass Liebe ein so starkes Gefühl ist, dass man es gar nicht richtig beschreiben kann. Liebe ist für jeden einzigartig, aber alle finden es besonders.“ Via lächelte selig. Ich hätte sie gerne gefragt, ob sie dabei an Potter dachte, aber ich verkniff es mir. „Was ist dann wahre Liebe?“, wollte ich von ihr wissen. „Hm, ich weiß nicht. Ich würde sagen, es gibt nur eine einzige >wahre< Liebe; ob man sie immer findet, ist aber fragwürdig.“ Sie sah auf und fixierte mich mit ihren sanften, grünen Augen. „Die wahre Liebe ist die Person, für die du sterben würdest.“ Via verstummte und starrte den Boden an. Sie wirkte, als wäre ihr der Redeschwall etwas peinlich. Doch auch ich ging meinen eigenen Gedanken nach. Würde ich für Via sterben? Ich dachte an ihr langes, lockig braunes Haar, ihre leuchtend grünen Augen, ihre blasse Haut und an ihr zauberhaftes Lächeln. Ich kannte die Antwort. Ich wusste es, und doch wollte ich es nicht wahrhaben. Mir lief noch immer ein Schauer über den Rücken, wenn ich an das letzte Schuljahr dachte; wie sie auf dem kalten Steinboden in den Kerkern gelegen hatte, gelähmt vor Schmerz und Angst und unfähig, sich zu bewegen. Ich konnte sie immer noch genau vor meinem inneren Auge sehen, wie sie gewimmert hatte, als sie mich aus den Augenwinkeln gesehen hatte; wie sie mich angesehen hatte, als ich Crabbe und Goyle davon abgehalten hatte, sie auch nur noch einmal anzufassen. Ich erinnerte mich noch immer an die Furcht, die in mir nach oben stieg, als ich sie regungslos daliegen sah und schon gedacht hatte, ich wäre zu spät; dass sie schon tot wäre. Wie ich sie hochgehoben und in den Krankenflügel getragen hatte, als ich mich dafür fürchtete, niemals wieder ihr sanftes Lächeln zu sehen, das solche Glücksgefühle in mir auslöste, dass ich sie kaum zu beschreiben wusste.

    „Draco?“ Sie holte mich zurück in die Gegenwart. „Wieso willst du das wissen?“ Das fragte sie mich? Ich wusste es nicht. „Wegen...dieser Heiratssache...“ Ihr Blick verfinsterte sich. „Ich verstehe dich nicht. Wie kannst du mit der Gewissheit leben, dass du niemals für Liebe heiraten wirst, sondern nur wegen dem Blutsstatus?“ Ich seufzte leicht. Wenn sie nur wüsste! Mein Vater wollte, dass ich heirate. Doch wenn es nach mir ginge, käme nur ein Mädchen in Frage. Das Mädchen, bei dem mich der Blutsstatus nicht interessierte. Das Mädchen, das mich zum Lachen bringen konnte. Das Mädchen, das hinter meine Fassade sah. Das Mädchen, das ich über alles liebte. Das Mädchen, das mir gegenüber saß, und nichts, absolut nichts, davon wusste. „Frag mich so was nicht. Du kennst die Antwort doch.“ Ihre Augen wurden groß. Sie stand auf und kam zu mir. Sie setzte sich. Via schien kurz zu überlegen, dann meinte sie: „Du hast Angst.“ „Nein!“ „Draco! Du willst deine Eltern nicht enttäuschen, das ist doch vollkommen normal.“ Sie hob ihre Hand ein wenig. Kurz zögerte sie, doch als sie merkte, dass ich sie nicht davon abhielt, legte sie ihre rechte Hand auf meine Wange. Ich spürte die Wärme, die von ihr ausging, als sie auf meine kalte Haut traf. Via zuckte schnell und kaum bemerkbar zusammen, als sie mit ihrer blassen Haut über meine eisige Wange strich. Zaghaft rutschte ich ein wenig näher auf sie zu. Ich näherte mich ihrem Haar und strich durch eine lange, dicke Locke, die ihr direkt über die Schulter fiel. Wir waren uns so nahe, dass ich ihren Atem hören konnte, klar und ruhig, als sie stumm ihre Hand bewegte. Ich wusste nicht, ob sie dasselbe fühlte, doch ich spürte, dass in diesem Moment etwas anderes als Freundschaft zwischen uns war. Etwas, das mich dazu bringen wollte, sie zu küssen. War das Liebe? Denn wenn es das war, dann konnte ich bloß sagen, dass es das schönste Gefühl war, das ich jemals gespürt hatte. Mir wurde ganz warm in meinem Inneren und in meinem Magen kribbelte es wie verrückt. Via hatte die Augen geschlossen, als wir uns schließlich so nahe waren, dass unsere Köpfe sich bereits berührten.

    Olivias Sicht:
    Was tat ich da gerade? Es war, als würde ich plötzlich aus einem Traum erwachen. Bist du wahnsinnig?, hörte ich eine Stimme in meinem Kopf, die mich sehr an Mine erinnerte. Wieso tust du das?, fragte die Stimme weiter. Das fragte ich mich auch. Ich saß mit Draco Malfoy zusammen auf einem Sofa im Raum der Wünsche, so nahe, als ich seinen Atem hören konnte, und war kurz davor, ihn zu küssen! Ich musste wahnsinnig geworden sein. Wie konnte ich das bloß tun? Bei Merlins Bart, wie konnte ich überhaupt in eine so dumme Situation geraten? Ich musste mich hier irgendwie wieder herausholen...aber wie? Ruckartig zog ich meine Hand von seiner Wange und rutschte ein wenig von ihm weg. „Ähm...wir sollten vielleicht mit den Hausaufgaben anfangen, meinst du nicht?“ Draco sah mich kurz verwirrt an, dann nickte er knapp; er entfernte sich von mir und drehte sich von mir weg. Ich griff rasch nach meiner Pergamentrolle und begann, den Text zu übersetzen, ohne Draco auch nur noch einmal anzusehen. Wie konnte das bloß passieren?, fragte ich mich immer wieder. Wie schaffte ich es bloß immer, in solche peinlichen Momente zu geraten? Ich drückte so fest mit der Feder auf das Pergament auf, dass es einen kleinen Riss bekam. Zwischen uns herrschte angespanntes Schweigen, welches wir beide nicht zu brechen versuchten. Wie konnte ich so etwas bloß tun? Wir hatten uns fast geküsst! Verdammt, ich liebte doch Harry!

    Als ich den scheinbar ewig langen Text endlich übersetzt hatte, stopfte ich hastig alles zurück in meine Tasche und sah verlegen zu Draco hinüber. „Ich muss gehen“, sagte ich und stand auf. Er drehte sich um; ich sah, wie seine Mundwinkel sich leicht anhoben, als er entgegnete: „Wir sehen uns.“ Ich lächelte ebenfalls leicht unsicher, dann griff ich nach meiner Tasche und verschwand aus dem Raum der Wünsche. Mit raschen Schritten ging ich den Gang entlang, auf den Weg zurück zum Gryffindor-Turm. Harry fragte sich sicher schon, wohin ich verschwunden war. Harry. Bei dem Gedanken an seine smaragdgrünen Augen und seinem unordentlichen Haar, stahl sich ein kleines Lächeln auf mein Gesicht. Als ich der fetten Dame das Passwort gesagt hatte und das Porträt zur Seite klappte, stieg ich zurück in den Gemeinschaftsraum. „Liv, wo warst du?“, ertönte Harrys Stimme plötzlich hinter mir. Ich drehte mich um. „Ich war in der Bibliothek und hab Hausaufgaben gemacht“, log ich, worauf sich brennende Schuldgefühle in mir ausbreiteten. Aber die Wahrheit konnte ich ihm unmöglich erzählen. Harry sah sich nervös um, ob uns jemand beobachtete, dann zog er mich in eine Ecke des Gemeinschaftsraums und zeigte mir ein Blatt Pergament. Stumm begann ich zu lesen.

    Harry,
    ich kann in einem Brief nicht alles sagen, was ich möchte, es ist zu riskant, falls die Eule abgefangen wird - wir müssen unter vier Augen miteinander reden. Kannst du dafür sorgen, dass du am 22. November um ein Uhr morgens allein am Kamin im Gryffindor-Turm bist?
    Ich weiß besser als alle anderen, dass du auf dich selbst aufpassen kannst, und solange Dumbledore und Moody in deiner Nähe sind, glaube ich nicht, dass dir einer was antun kann. Doch genau darauf scheint sich jemand mit allen Mitteln vorzubereiten. Dich ins Tunier zu schmuggeln, und dazu noch unter Dumbledores Nase, muss sehr gefährlich gewesen sein.
    Sei auf der Hut, Harry. Ich möchte weiterhin über alles Ungewöhnliche unterrichtet werden. Lass mir wegen dem 22. November so rasch wie möglich eine Nachricht zukommen.
    Sirius

    24
    24. Kapitel

    Harry hatte mir erzählt, was geschehen war, nachdem er von Colin im Zaubertrankunterricht geholt worden war. Mr. Ollivander war da gewesen und hatte die Zauberstäbe der Champions auf die exakte Ausführung von Zaubersprüchen überprüft. Es sollten ebenfalls Interviews durchgeführt werden, doch Rita Kimmkorn hatte sich sofort Harry geschnappt und in einen Besenschrank gedrängt, wo sie ihn „interviewte“, wenn man das so nennen konnte, denn Harry hatte, nach eigener Angabe, die meisten Zeit nur ein „Äh“ und „Ähm“ hervorgebracht. Dies wirkte jedoch nicht so, als ich einige Tage später beim Frühstück saß und den Tagespropheten las. „Harry, hör dir das mal an“, forderte ich meinen besten Freund auf, der sich gerade einen Löffel Haferschleim in den Mund schob. Ich hob die Zeitung ein wenig und las vor:

    „Ich glaube, es sind meine Eltern, die mir Kraft geben, ich weiß, sie würden sehr stolz auf mich sein, wenn sie mich jetzt sehen könnten ... ja, nachts weine ich manchmal noch, wenn ich an sie denke, ich schäme mich nicht, das zuzugeben ... Ich weiß, dass mir im Tunier nichts zustoßen kann, denn sie wachen über mich ...“

    Harry sah aus, als hätte er gerade in eine saure Zitrone gebissen. „Das hab ich nicht gesagt!“ Ich nickte. „Natürlich hast du das nicht! Du würdest niemals so etwas sagen!“ Ich las weiter, während ich einige Schlucke Kürbissaft trank. Doch dann las ich plötzlich einige Sätze, und glaubte, mich verlesen zu haben. Vor Überraschung verschluckte ich mich so heftig, dass ich in lautes Husten ausbrach und Harrys Aufmerksamkeit erreichte. „Das wird ja immer besser!“, schimpfte ich schließlich, als ich mich wieder beruhigt hatte und las erneut vor:

    „Harry scheint in Hogwarts ebenfalls die Liebe gefunden zu haben. Offenbar befindet er sich in einem höchst spannenden Liebesdreieck, denn sein enger Freund, Colin Creevey, berichtet, dass Harry fast ständig in Begleitung Hermine Grangers und Olivia Rosiers zu sehen ist, zwei umwerfend hübschen Mädchen auf dem Haus Gryffindor, die wie Harry zu den besten Schülern des Internats gehören.“

    Ich hatte das Gefühl, mich gleich auf dem Artikel übergeben zu müssen. Ich ließ meinen Kopf in die Arme sinken und schüttelte immer wieder ungläubig den Kopf. Das konnte doch wohl nicht wahr sein! In den nächsten Tagen kam es immer wieder vor, dass unsere Mitschüler - vor allem die Slytherins - lauthals Sätze vorlasen, wenn Harry, Mine oder ich an ihnen vorbeigingen. „Umwerfend hübsch? Die?“, hatte Pansy das erste Mal gekreischt, als sie Mine nach dem Erscheinen von Rita Kimmkorns Artikel begegnet war. „Im Vergleich zu was denn - einem Eichhörnchen?“ Doch Mine schaffte es, gelassen zu bleiben. Harry hatte es da schon um Einiges schwerer, immerhin schürten nicht nur die Slytherins, sondern auch die Ravenclaws und Hufflepuffs einen regelrechten Hass auf ihn. Wenn ich einige der Slytherins es dann doch einmal wagten, mich wegen diesem Artikel zu beleidigen, schenkte ich ihnen bloß eine zuckersüßes Lächeln, ging weiter, und reckte das Kinn noch ein bisschen höher. Das hatte ich von meiner Mutter gelernt; wenn andere hinter deinem Rücken über dich reden, reck dein Kinn noch höher, sei noch stolzer, und zeig ihnen, dass du dir von ihnen nichts sagen lässt.
    Harry war immer noch enttäuscht und traurig wegen Ron, auch wenn er das nie zugeben würde. Mine und ich wussten beid enur zu gut, dass die beiden einander vermissten, auch wenn sie es nicht offen zeigten. Mine war wütend auf beide und wollte sie verzweifelt dazu zu bringen, endlich wieder miteinander zu reden. „Ich hab ja nicht angefangen“, erklärte Harry eisern, als ich ihn mal wieder auf Ron ansprechen wollte. „Das ist sein Problem.“ „Du vermisst ihn doch!“, entgegnete ich. „Und ich kann sehen, dass er dich auch vermisst-...“ „Ich und ihn vermissen?“, fragte Harry. „Ich vermisse ihn überhaupt nicht...“ Doch ich wusste, dass er log. Wenigstens konnte Harry sich von Ron ablenken, in dem er mit Mine und mir ständig in der Bibliothek saß, um den Aufrufezauber zu üben, den er immer noch nicht beherrschte. Die erste Aufgabe rückte immer näher und wir wurden mittlerweile alle mehr und mehr nervös. So verbrachten wir fast jede Mittagspause in der Bibliothek, umgeben von dicken Wälzern. Auch Viktor Krum war auffällig oft dort; ich fragte mich, ob er sich wie Harry auf die erste Aufgabe vorbereitete. Mine beschwerte sich oft, wenn Krum da war - nicht etwa, weil er uns irgendwie stören würde, sondern weil dann immer ganze Scharen kichernder Mädchen auftauchten und ihn versteckt hinter Bücherregalen beobachteten, und Mine fand das Ganze einfach lästig. „Er sieht nicht mal gut aus!“, zischte sie mir zu und warf Krums Rücken einen finsteren Blick zu. „Sie stehen doch nur auf ihn, weil er berühmt ist! Sie würden ihn doch keines Blickes würdigen, wenn er nicht diesen Wanzki-Stuss beherrschen würde-...“ „Wronski-Bluff“, entgegnete Harry zähnknirschend. Ein breites Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus, als ich mir vorstellte, was Ron wohl sagen würde, wenn er Mine vom Wanzki-Stuss reden hören würde.

    Es war zwar seltsam, doch in letzter Zeit kam es mir vor, als würde mein Traum voller Feuer mich regelrecht verfolgen. Immer öfters kam es vor, dass ich mitten in der Nacht erschrocken aus dem Schlaf auffuhr und es dann ewig dauerte, bis ich mich einigermaßen beruhigt hatte. Ich wusste nicht wieso, aber mir war jedes Mal, als würde ich wirklich in diesem Raum voller Flammen festsitzen, es fühlte sich so real an! Als ich Luna darauf ansprach, kam sie mir mit einer recht verblüffenden aber plausiblen Antwort. „Wenn es dir so real vorkommt, wieso sollte es dann nicht real sein?“ Ich fand, dass das eine gute Frage war. Aber sie hatte recht. Was sagte mir, dass es nicht echt war? Ich glaubte zwar nicht, dass ich mich in jeder Nacht wirklich in Gefahr gab, doch war es nicht möglich, dass es eine Erinnerung war? Ich suchte krampfartig in meinem Gedächtnis nach einer Erinnerung, die etwas mit Feuer zu tun hatte, doch es war zwecklos; ich konnte nichts finden. Doch ich wusste, dass irgendwo dort drin in mir eine Erinnerung steckte, etwas, dass mit meiner Vergangenheit zu tun hatte.

    Immer mehr Tage vergingen und die erste Aufgabe rückte immer näher. Ich sah Harry die Anspannung an, die ihn fast immer umgab, doch allmählich gewöhnte er sich an die verächtlichen und finsteren Blicke, die ihm die anderen Schüler zuwarfen. Es änderte sich jedoch nichts daran, dass Harry vor Wut und Scham knallrot anlief, wenn sie ihn auf den schrecklichen Artikel der Kimmkorn-Ziege hinwiesen, in dem sie von Harrys „Liebesdreieck“ berichtete. Irgendwie fand ich die ganze Sache schon ein wenig lächerlich, immerhin wussten zumindest die Gryffindors, dass Harry und Hermine bloß Freunde waren. Was mich anging...ich hoffte bloß, dass mein Name nie wieder in einem dieser blöden Artikel vorkam.

    Es war an einem späten Abend, schon nach Mitternacht, als ich noch im Gemeinschaftsraum saß und einen elends langen Aufsatz für Geschichte der Zauberei schrieb. Ich drohte immer wieder einzuschlafen, doch dann schreckte ich hoch und hielt mich mit aller Kraft wach. Das Feuer im Kamin flackert leuchtend orangerot auf und erhellte die Pergamentseiten, auf der noch immer die nasse Tinte glitzerte. Immer wieder war ein lautes Knistern zu hören; die Wärme erfüllte den Raum mit den kalten Steinwänden; draußen prasselten tausende Regentropfen gegen die Fenster. All das machte mich unglaublich schläfrig, aber ich zwang mich dazu, weiter über die Riesenvölker im 14. Jahrhundert zu schreiben. Ich war fast weggedöst, als ich plötzlich hörte, wie das Porträt am Eingang zur Seite schwang. Ich fuhr hoch und sah, wie Harry durch das Porträtloch gestiegen kam. „Liv?“, fragte er, als er mich im Sessel entdeckte. „Harry?“, entgegnete ich. „Wo warst du?“ „Bei Hagrid“, erklärte er. Harry kam zu mir hinüber und setzte sich in den Sessel neben mich. „Er wollte mir unbedingt was zeigen. Er hat mir heute Morgen eine Eule geschickt.“ „Was wollte er denn?“ „Er hat mir die erste Aufgabe gezeigt.“ „Was?“, fragte ich verdattert. „Die erste Aufgabe sind Drachen.“ „Drachen?“ Ich glaubte, ich hätte mich verhört. „Ja. Madame Maxime und Karkaroff wissen es jetzt aber auch. Hagrid hat es nämlich auch Madame Maxime gezeigt und Karkaroff hat die beiden beobachtet.“ „Das heißt dann ja aber auch, dass es Fleur und Krum wissen. Die werden es ihnen sicher nicht verheimlichen.“ Harry nickte langsam. „Das bedeutet, wir wissen es jetzt alle, außer Cedric.“, überlegte er. „Willst du es ihm sagen?“ „Ja, ich meine, ansonsten wäre das ja verdammt ungerecht.“ Ich lächelte schläfrig; ich fand es gut von ihm, dass er es Cedric sagen wollte, immerhin hätten die Champions dann alle die gleichen Chancen.

    Ich gähnte und hielt mir rasch die Hand vor den Mund. „Du solltest ins Bett gehen, Liv.“ Ich schüttelte widerstrebend den Kopf. „Ich muss das hier noch fertigmachen.“ „Ach komm schon, du schläfst gleich ein. Leg dich besser schlafen.“ „Ist ja gut“, murmelte ich beschwichtigend und begann gähnend meine Sachen zusammenzusuchen. Als ich gerade meinen riesigen Bücherstapel aufeinanderstapelte, zitterten meine Hände schon so stark vor Müdigkeit, dass ich ihn fallen ließ. Die dicken Bücher fielen krachend zu Boden. Ich seufzte frustriert auf. Wieso musste ich bloß manchmal so unaufmerksam sein? Harry und ich beugten uns gleichzeitig nach unten, um sie aufzuheben. Rasch suchte ich sie zusammen und griff nach dem letzten Buch, das etwas weiter von mir entfernt lag. Als sich meine Hand auf das Buch legte, spürte ich, wie leichte Wärme durch meinen Arm fuhr; Harry hatte in derselben Sekunde wie ich danach gegriffen. Zart wie Schmetterlingsflügel lag seine Hand auf der meinen. Ich fühlte seine Finger, die über meinen Handrücken strichen, als er merkte, dass ich mich rührte. Ich sah nach oben in Harrys Gesicht in seine grünen Augen, die mich anfunkelten. Wir richteten uns auf, ohne dass Harry mich aus den Augen ließ. Er drückte mir mein Buch in beide Hände, während er sanft über meine Fingerkuppen strich.

    Harrys Sicht:
    Als ich ihr in die leuchtenden grünen Augen sah, merkte ich, wie gerne ich sie bei mir hatte. Liv starrte mich ausdruckslos an. Mir war, als würde die Zeit still stehen, als ich mich in ihren Augen verlor. Ich wollte sie in diesem Moment so gerne küssen, dass ich mich mit aller Kraft zurückhalten musste. „Ich glaube, ich gehe jetzt ins Bett“, wisperte Liv, ohne unseren tiefen Augenkontakt zu unterbrechen. „Tu das“, entgegnete ich trocken. Sie steckte ihre Bücher in ihre Tasche, hob diese hoch und ging die Treppe zu den Mädchenschlafsälen hinauf. Als sie ganz oben stand, und ich sie fast nicht mehr sehen konnte, drehte sie sich noch mal um und flüsterte so leise, dass ich sie gerade noch verstehen konnte: „Gute Nacht, Harry!“ „Gute Nacht, Liv!“, erwiderte ich leise, doch da war ihr brauner, lockiger Haarschopf schon verschwunden.

    25
    25. Kapitel

    Olivias Sicht:
    Als Harry am Sonntagmorgen in die Große Halle kam, saß ich gerade mit Mine und Ginny beim Frühstück. Ich aß schweigend; Mine las vertieft in einem Buch über Drachen, denn ich hatte ihr gerade leise erzählt, was die erste Aufgabe war. Ginny verabschiedete sich mit den Worten, sie müsse noch dringend ein paar Hausaufgaben machen, als sie Harry sah. Wahrscheinlich wusste sie, dass wir jetzt erst einmal allein mit ihm reden mussten. Als Harry sich setzte, sah er nicht gerade glücklich aus. „Was ist los?“, fragte ich. „Ich hab gestern noch mit Sirius im Kamin geredet. Er meinte, er wisse genau, wie man einen Drachen besiegen kann, aber er konnte es mir nicht mehr sagen, weil in genau diesem Moment Ron in den Gemeinschaftsraum gekommen ist.“ „Habt ihr euch endlich susgesprochen?“, fragte Mine hoffnungsvoll, die nun das erste Mal an diesem Morgen von ihrem Buch aufsah. Doch als ich Harrys Gesichtsausdruck bemerkte, wusste ich sofort, dass er absolut nichts mit Ron geklärt hatte. „Ich glaube, ich brauche frische Luft“, murmelte Harry, als er die finsteren Blicke von den anderen Tischen bemerkten, die ihm zugeworfen wurden. „Kommt ihr mit?“ „Oh...ähm...ich muss noch einmal in die Bibliothek...wegen der Aufgabe“, kam es von Mine wie aus der Pistole geschossen. „Ähm...bis später, wir sehen uns.“ Und mit diesen Worten sprang sie auf, griff nach ihrem Buch und war im nächsten Moment schon aus der Großen Halle verschwunden. Was war das denn jetzt? „Kommst du wenigstens mit?“, fragte Harry. Ich nickte. „Lass uns gehen, bevor dich die anderen mit ihren Blicken noch umbringen.“

    Über den See waberte dichter Nebel, als wir am Ufer entlangspazierten. Mittlerweile war es morgens eiskalt, weshalb wir über unseren schwarzen Schulumhängen den warmen, scharlachroten Gryffindorschal trugen. Mein Atem bildete kleine weißen Dampfwolken und ich hatte meine Hände in den tiefen Taschen meines Umhangs vergraben. „Sirius hat auch überlegt, wer meinen Namen wohl in den Feuerkelch geworfen hat.“ „Und?“ „Er meinte, Karkaroff sei früher ein Todesser gewesen.“ „Meinst du, er hat Recht?“ Harry zuckte mit den Schultern. „Er hätte zumindest einen guten Grund.“ Wir verfielen in tiefes Schweigen. Ich musste an gestern Abend denken, wie nahe wir uns gewesen waren. Ich konnte noch immer Harrys Hand auf der meinen spüren. „Harry, wir müssen danach zu Hermine in die Bibliothek. Vielleicht finden wir ja einen Spruch, der dir bei der Aufgabe hilft.“ Er nickte hoffnungsvoll. „Bitte, versprich mir, dass du dein Bestes gibst.“ Harry schwieg. „Wenn du es mir versprechen würdest, dann wäre ich auch weniger besorgt um dich. Du darfst am Dienstag nicht sterben!“ Mein Gegenüber seufzte. „Ich versprech’ dir besser nichts, was ich nicht halten kann.“ Bei diesen Worten drehte ich mich ruckartig um und fiel ihm um den Hals. „Vesuch es wenigstens.“, murmelte ich, als wir so dastanden. „Ich werd versuchen, nicht zu sterben“, entgegnete Harry. Ich löste mich wieder von ihm und sah ihn direkt an. „Komm, beeilen wir uns. Vielleicht hat Hermine schon einen passenden Spruch gefunden.“

    Doch dem war nicht so. Das musste ich einige Stunden später erkennen, als ich schon gefühlte hundert Wälzer über Drachen durchgelesen hatte und noch immer nicht die geringste Spur nach einem Fluch zu sehen war, denn Harry gegen seinen Drachen benutzen konnte. „>Krallenschneiden mit Zauberkraft<...>Behandlung von Schuppenflechte<... das bringt nichts, das ist eher was für Spinner wie Hagrid, die diese Viecher auch noch aufpäppeln wollen...“ „>Drachen sind äußerst schwer zu erlegen aufgrund der uralten magischen Kräfte, mit denen ihre dicken Häute durchdrungen sind, und nur die mächtigsten Zauberer können sie brechen...< Aber Sirius hat mir gesagt, ein einfacher Zauber würde reichen...“ „Versuchen wir’s mal mit Zauberbüchern über simple Sprüche“, sagte ich und pfefferte >Wenn Männer Drachen zu sehr lieben< beiseite. Ich stand auf, machte mich an den riesigen Regalen zu schaffen, und kehrte mit einem großen Bücherstapel zum Tisch zurück. Wir holten uns alle ein Buch vom Stapel und begannen darin herumzublättern. Mine stützte sich auf ihren Ellbogen ab, während sie ständig vor sich hin flüsterte: „Gut, es gibt Verwandlungszauber...aber wozu sind die nütze? Außer du verwandelst seine Fangzähne in Weingummis oder so was, das würde ihn weniger gefährlich machen...das Problem ist nur, dass fast nichts durch die Drachenhaut dringt...ich würde sagen, verwandle ihn, aber bei etwas so Großem hast du eigentlich keine Chance, ich glaube, nicht mal Professor McGonagall...oder wie wär’s, wenn du einen Zauber auf dich selbst anwendest? Um dir zusätzliche Kräfte zu verschaffen? Aber das sind jedenfalls keine einfachen Zauber, und außerdem haben wir sie noch nicht im Unterricht gehabt, ich weiß das zufällig, weil ich schon mal ein paar ZAG-Übungsblätter durchgearbeitet hab...“ Von ihrem Redeschwall bekam ich noch Kopfweh. „Hermine“, unterbrach Harry sie zähneknirschend, „würdest du bitte für einen Moment den Mund halten? Ich versuch mich zu konzentrieren.“

    Als ich mich gerade wieder in die möglichen Verwandlungen von einem Tier in ein anderes vertieft hatte, riss mich Mine aus meinen Gedanken. „Oh nein, er ist ja schon wieder hier! Kann der denn nicht auf seinem blöden Schiff lesen?“ Ich sah auf; Viktor Krum schlurfte herein, warf uns einen verdrießlichen Blick zu und ließ sich mit einem Stapel Bücher in einer Ecke nieder. „Gehen wir lieber nach oben in den Gemeinschaftsraum“, meinte Mine gereizt. „Sein Fanclub wird gleich wieder hier sein und ihn begaffen...“ Und tatsächlich, als wir die Bibliothek berlließen, kam uns eine Schar Mädchen entgegen, die auf Zehenspitzen liefen und von denen eines einen Bulgarien-Schal um den Hals geschlungen hatte.

    Am nächsten Morgen ging alles wieder seinen gewohnten Lauf. Zusammen mit Mine und Harry saß ich beim Frühstücken und bemerkte, dass es Harry offensichtlich schwerfiel, die Stücke seines Schinkens herunterzuschlucken. Als Harry Cedric sah, der sich vom Hufflepuff-Tisch erhob, stand er ebenfalls auf. „Wir sehen uns dann im Gewächshaus“, meinte er. „Geht schon mal vor, ich komm gleich nach.“ „Harry, du kommst zu spät, es läutet gleich-...“, kam es von Mine, doch da hörte er sie schon nicht mehr. Ich wusste, dass Harry jetzt Cedric mitteilen würde, was die erste Aufgabe war. Hastig aß ich meinen Buttertoast mit Marmelade auf, dann sagte ich zu Mine: „Lass uns gehen. Harry kommt schon noch rechtzeitig.“

    Doch nachdem im Unterricht schon fast zwanzig Minuten verstrichen waren, war ich mir da nicht mehr so sicher. Wir waren gerade dabei, unsere Ginsterbüsche zu beschneiden, als Harry endlich ins Gewächshaus huschte; er murmelte Professor Sprout rasch eine leise Entschuldigung an, kam zu uns herüber und begann auch sofort zu flüstern. „Ich brauche eure Hilfe.“ Ich nickte. „Das ist uns schon klar“, flüsterte ich. „Ich muss den Aufrufezauber beherrschen, und zwar bis morgen Nachmittag.“

    Also übten wir. Wir gingen nicht zum Mittagessen in die Große Halle, sondern suchten uns ein leeres Klassenzimmer, wo Harry mühsam versuchte, verschiedene Gegenstände im Raum auf sich zufliegen zu lassen. Doch noch immer hatte er damit Schwierigkeiten. Jedes Mal verloren die Bücher und Federkiele auf halbem Weg die Lust und fielen wie Steine zu Boden. „Konzentrier dich, Harry, konzentrier dich“, murmelte Mine unablässig vor sich hin. „Was glaubst du eigentlich, was ich hier gerade mache?“, fragte Harry zornig. „Mir schwirrt ständig ein ätzender Riesendrache im Kopf herum, ich weiß auch nicht, wieso...gut, noch mal...“ Er hatte uns von seinem Plan erzählt. Er würde seinen Feuerblitz mithilfe des Zaubers rufen, um so den Drachen zu besiegen. Er wollte Wahrsagen schwänzen, aber Mine weigerte sich strikt, Arithmantik sausen zu lassen, deshalb machten Harry und ich uns schließlich doch auf den Weg in den Nordturm.

    So mussten wir also eine Doppelstunde Wahrsagen über uns ergehen lassen. Professor Trelawney verbrachte die meiste Zeit damit, uns zu erläutern, wie die gegenwärtige Position des Mars in Konstellation zu der des Saturns zur Folge habe, dass im Juli geborene Menschen im großer Gefahr seien, eines plötzlichen und grausamen Todes zu sterben. Dass sie damit auch mich meinte, ignorierte ich einfach mal beflissend, immerhin bezog sie sich dabei nur Harry. „Schön, warum nicht“, rief Harry, dem nun der Geduldsfaden riss, „wenigstens zieht es sich dann nicht ewig hin, ich will nicht lange leiden.“ Ich sah hinüber zu Ron; für einen Moment schien es so, als würde er lachen wollen. Es war seit Tagen das erste Mal, dass Ron Harry in die Augen sah, doch ich wusste, dass Harry immer noch sauer auf ihn war. Während der restlichen Stunde versuchte Harry versteckt unter unserem Tisch, Gegenstände an sich heranzuziehen. Ob es gelang, konnte ich nicht sehen, denn ich passte auf, um notfalls Harry danach alles erklären zu können, auch wenn das geradezu sinnlos bei Wahrsagen war.

    Nach Wahrsagen kehrten wir sofort in das leere Klassenzimmer zurück, wo Mine schon auf uns wartete. Bis nach Mitternacht halfen wir Harry, den Aufrufezauber zu üben, und wir wären sogar noch länger geblieben, wenn Peeves nicht aufgetaucht wäre. Dieser verstand Harry absichtlich falsch, nämlich so, als ob Harry nichts lieber wollen würde, als mit Gegenständen beworfen zu werden, und so machte er sich einen Spaß daraus, Stühle durchs Zimmer zu schleudern. Wir ergriffen die Flucht, denn der Krach würde natürlich Filch anlocken, und so rannten wir den Weg zurück zum Gemeinschaftsraum, der nun glücklicherweise leer war.
    Um zwei Uhr morgens stand Harry am Kamin, umgeben von einem Haufen Bücher, Federn, umgestürzter Stühle, einem alten Koboldsteinspiel und Nevilles Körte Trevor (keine Ahnung, wie die hierher gekommen war). Innerhalb der letzten Stunde hatte Harry endlich den Dreh rausgekriegt. „Schon besser, Harry! Probier’s noch einmal!“, ermunterte ich ihn, auch wenn ich nun erschöpft und müde war und seit heute Morgen nichts mehr gegessen hatte. Harry hob erneut den Zauberstab. „Accio Wörterbuch!“ Der schwere Wälzer schwebte aus meinen Armen, flatterte durchs Zimmer und landete in Harrys Hand. „Harry, ich glaube, du hast es raus!“, kam es erleichtert von Mine. „Morgen muss es jedenfalls klappen“, sagte Harry. „Der Feuerblitz ist dann viel weiter weg als die Sachen hier; er ist im Schloss und ich bin auf dem Gelände. „Das wird keine Rolle spielen“, erwiderte ich, so zuversichtlich wie möglich. „Wenn du dich fest darauf konzentrierst, dann kommt er auch. Ich glaube, wir sollten jetzt noch ein wenig schlafen...du wirst es brauchen, Harry.“

    Dieser Tag war einer von denen, an denen ich so aufgeregt war, wie sonst nie. Harry war an diesem Morgen ganz blass, als wir zusammen beim Frühstück saßen. Ich versuchte, ihm zuliebe, meine Aufregung nicht zu zeigen, denn ich glaubte, dass ihn das nur noch nervöser gemacht hätte. Mir kam es so vor, als verginge die Zeit heute viel zu schnell. Der Unterricht in Geschichte der Zauberei und Alte Runen flog an mir vorbei, und im nächsten Augenblick saß ich schon beim Mittagessen. Wir hatten fast aufgegessen, als McGonagall an Harry herantrat. „Potter, die Champions müssen jetzt hinaus aufs Gelände. Sie müssen sich für die erste Aufgabe bereitmachen.“ „Gut, meinte Harry und stand auf. Mir fiel auf, dass sein Teller fast unberührt war. „Viel Glück, Harry“, flüsterte Mine. Ich stand ebenfalls auf; Professor McGonagall hatte sich schon ein wenig von uns entfernt, doch sie starrte sorgevoll ins Leere. „Du schaffst das, Harry!“, wisperte ich ihm ins Ohr. „Ich glaub an dich!“ Ich wusste nicht, was ich da tat, doch gab Harry einen kleinen Kuss auf die Wange. „Geh schon!“ Harry warf mir noch einen unergründlichen Blick zu, dann folgte er Professor McGonagall aus der Halle. Seufzend ließ ich mich wieder sinken. Mine sah mich fragend an, eine Augenbraue nach oben gezogen. „War das gerade wirklich das, nach was es aussah?“ Angriffslustig verschränkte ich die Arme vor der Brust. „Was sollte es denn deiner Meinung nach sein?“ Sie grinste. „Also, für mich sah das nicht gerade nach einer freundschaftlichen Umarmung aus...“ „Halt die Klappe, Mine!“ „Ist ja schon gut, ist ja schon gut!“ Doch sobald wir wieder beide an Harry dachten, verschwand das Grinsen aus ihrem Gesicht. In diesem Moment hätte ich mein gesamtes Gold, meine ganzen Galleonen, hergegeben, wenn Harry dafür nichts passieren würde.

    26
    26. Kapitel

    Zitternd nahm ich neben Mine auf der hölzernen Tribüne, hoch über der Arena, Platz. Mine war mindestens genauso aufgeregt wie ich, doch im Gegensatz zu mir zeigte sie es ganz offen. Mittlerweile war sie weiß wie eine Wand; ihre Finger krallten sich in die Holzbarriere, die uns von der Arena trennte. Dumbledore hielt eine Ansprache, die durch das ganze Stadion hallte, doch ich konnte die einzelnen Wörter nicht zu Sätzen verbinden. Es war wie ein lautes Rauschen in meinen Ohren. Schließlich ertönte das laute Knallen einer Kanone. Ohrenbetäubender Jubel und Applaus erfüllte die Ränge. Ich beugte mich nach vorne; Cedric, in den Farben schwarz und gelb, kam in das Stadion herein. Ich sah wie in Trance zu. Der Drache fauchte, als Cedric auf ihm zukam. Dieser zückte seinen Zauberstab; ich sah, wie er einen Stein in einen Hund verwandelte. Offenbar hoffte er, dass er den Drachen somit ablenken konnte. Doch der Drache fand wohl trotzdem Cedric interessanter; er versuchte, den Hufflepuff mit seinem Feueratem zu grillen, doch er konnte gerade noch so entkommen. Er rannte durch die Arena, versteckte sich immer wieder hinter Felsbrocken, um dem Feuer zu entgegen und schaffte es schließlich, das goldene Ei unter den anderen Dracheneiern zu schnappen. Er hatte es geschafft. Ich wusste, dass die Jury jetzt die Punkte verteilen würde, doch ich hörte gar nicht richtig zu. Erst als Ludo Bagman, der das Spektakel moderierten, Fleur ankündigte, sah ich wieder auf.

    Die Französin kam zitternd in die Arena marschiert, in die die Drachenbändiger bereits ihren Drachen geführt hatte. Ich beobachtete, wie sie einen komplizierten Zauberspruch auszuführen schien. Offenbar wirkte es, denn der Drache wurde recht schläfrig und kippte schließlich nach vorne über. Ein dumpfer Aufprall war zu hören, als der mächtige Körper auf dem Boden auftraf; riesige Staubwolken wirbelten auf. Doch als Fleur sich gerade auf die Suche nach dem goldenen Ei machen wollte, ertönte plötzlich ein lauter Schnarcher; der Drache stieß eine mächtige Flamme hervor, der Fleurs Rock in Brand setzte. Zuerst fing sie panisch an zu schreien, doch dann erinnerte sie sich offensichtlich wieder, dass sie ja eine Hexe war und löschte das Feuer durch Wasser aus ihrem Zauberstab. Sie schaffte es jedoch trotzdem, das goldene Ei zu holen.

    Als Krum schließlich die Arena betrat, brandete tosender Applaus auf. Dieser schien kein bisschen nervös zu sein; als der Drache auf ihn aufmerksam wurde, schoss Krum ihm jedoch sofort einen Fluch ins Auge. Der Drache fauchte auf und schoss einen Schwall Feuer auf den Bulgaren; dieser wich knapp aus. Der Drache wankte ruckwärts und begann vor Schmerz wie wild auf dem Nest mit den Eiern herumzutrampeln. Ich sah ein kurzes goldenes Leuchten, als ein schwacher Strahl Sonnenlicht, auf das Nest fiel. Das goldene Ei war also noch ganz. Krum lief sofort zum Nest hinüber und griff es sich. Karkaroff und seine Schüler jubelten, als ihr Champion das Ei emporhielt. Die Bewertung interessierte mich jedoch nicht im geringsten. Jetzt war nur noch ein Champion übrig. Harry. Ein lauter Kanonenschuss ertönte.

    Harry betrat zögernd die Arena. Ich hielt den Atem an; auf der einen Seite bäumte sich ein gefährliches Drachenweibchen auf, das wilder und verteidigungsfähiger zu sein schien, als die drei vorherigen; auf der anderen Seite stand Harry. Die Gryffindors, inklusive mir und Mine, klatschten und jubelten wie wild, doch wir wurden fast von dem Gebuhe der Ravenclaws, Hufflepuffs und Slytherins übertont. Ich stürzte nach vorne, um genau zu sehen, was Harry tun würde. Harrys Blick wanderte über die Tribünen, bis er schließlich an mir kleben blieb. Unser Blick schien für die Ewigkeit zu reichen. Harry hatte die Augen leicht zusammengekniffen; er wusste, was er tun würde. Ich formte stumm drei Worte mit meinem Mund: Du kannst das! Doch er schien zu verstehen, was ich meinte, denn ich sah, wie er leicht nickte. Er wendete den Blick von mir ab. Er hob den Zauberstab. „Accio Feuerblitz!“, hörte ich ihn rufen. Ich wusste, dass ich ihn unmöglich über das ganze Geschreie und Gekreische hören konnte, doch ich wusste auch, dass er gerade diese Worte ausgesprochen hatte. Ich wartete; die Anspannung hatte fest von mir Besitz ergriffen. Es musste funktioniert haben, es musste einfach! Und dann hörte ich es. Etwas rauschte durch die Luft. Es war der Feuerblitz, der über den Waldrand auf Harry zuschwebte. Er schoss in die Arena, kam auf Hüfthöhe vor Harry zu stehen. Dieser bestieg ihn; die Menge tobte. Ich sah, wie Harry in die Höhe flog, weit vom Erdboden entfernt. Bagman gab einen Kommentar von sich, doch ich achtete gar nicht darauf. Harry ging in einen Sturzflug; im letzten Moment, bevor der Drache einen Feuerball auf ihn abschoss, zog er seinen Besen wieder in die Höhe. Der Feuerstoß hatte die Luft verbrannt, genau an der Stelle, wo Harry vor einem Moment noch gewesen war. Der Drache folgte Harry mit den gelben, gemeinen Augen, als dieser eine weitere Spirale drehte. Er stürzte genau in dem Augenblick in die Tiefe, als der Drache erneut das Maul aufriss, doch diesmal hatte er kein Glück - Harry entging zwar den Flammen, doch der stachelige Schwanz peitschte nach ihm, und als ihn ein spitzer Dorn streifte, zerfetzte dieser seinen Umhang und verletzte seine Schulter. „Harry!“, schrie ich entsetzt, doch mein Schrei ging im Stöhnen und Rufen der Menge unter. Doch Harry flog unbeirrt über dem Kopf des Drachen hin und her, weit genug entfernt, damit er kein Feuer spie. Der Drache bewegte seinen Kopf und verfolgte Harry auf seinem Besen aus den gelben Augen. Harry stieg höher. Der Drache reckte den Hals, bis es nicht mehr ging, und noch immer folgte er mit seinem Kopf jeder von Harrys Bewegungen. Harry stieg noch ein paar Meter höher und der Drache brüllte wütend auf. Wieder schlug er mit dem Schwanz aus, doch jetzt konnte er Harry nicht mehr erreichen. Er spie einen Feuerball nach ihm, doch Harry wich ihm aus. Das Maul öffnete sich weit; gerade, als der Drache sich aufbäumte, seine Flügel spannte, schoss Harry nach unten. Bevor der Drache überhaupt wusste, was er getan hatte und wohin Harry verschwunden war, raste Harry auf das Nest voller Eier zu. Er streckte die Hand aus - und packte das goldene Ei -

    Ich jubelte wie wild, als Harry außer Reichweite des Drachens flog und schließlich zur Landung ansetzte. „Schaut euch das an!“, rief Bagman. „Das schaut euch mal an! Unser jüngster Champion hat sein Ei am schnellsten geholt! Damit stehen die Chancen für Mr. Potter nun ganz anders!“ Die Drachenwärter liefen nun herbei um den Drachen zu beruhigen. Mehr brauchten wir nicht sehen; Mine und ich drängten uns ohne Rücksicht durch die applaudierende Menge, um nach unten zum Zelteinang zu kommen. Ich rannte und rannte, ohne auf die Proteste zu achten. Als wir schließlich direkt am Eingang angekommen waren, erblickte ich zu meiner Überraschung auch Ron. Die Stoffbahn des Zeltes bewegte sich und im nächsten Moment kam Harry zu Vorschein. „Harry, du warst einfach klasse!“, jubelte Mine. „Du warst unglaublich! Einfach unglaublich!“ Ich fiel ihm kurz erleichtert um den Hals, dann löste ich mich wieder von ihm. Doch Harrys Blick wanderte nun zu Ron; dieser war ganz weiß und starrte Harry an, als wäre er ein Gespenst. „Harry“, meinte er ernst, „wer immer deinen Namen in diesen Kelch geworfen hat - ich - ich wette, die wollen dich erledigen!“ Es war, als ob die beiden die letzten Wochen komplett vergessen hatten. „Hast es kapiert, oder?“, fragte Harry kühl. „Hast ja lange genug gebraucht.“ Mine stand zwischen den beiden und blickte hibbelig von einem zum anderen. Ron, der ganz unsicher geworden war, öffnete den Mund. „Ist schon gut“, sagte Harry, bevor Ron sich entschuldigen konnte. „Nein“, erwiderte Ron, „ich hätte nicht-..“ „Vergiss es“, wiederholte Harry. Ron grinste ihn nervös an und Harry grinste zurück. Mine brach urplötzlich in Tränen aus. „Da gibt’s doch nichts zu weinen“, meinte Harry verwirrt. „Ihr beide seid so doof!“, schrie sie und stampfte mit dem Fuß auf. Tränen kullerten über ihre Wangen. Dann, bevor einer von uns sie aufhalten konnte, umarmte sie uns alle drei fest und rauschte dann, erst recht heulend, davon. „Vollkommen übergeschnappt!“, murmelte Ron kopfschüttelnd. „Komm, Harry, gleich gibt’s deine Punkte...“

    Harry nahm das goldene Ei unter den einen Arm und schulterte den Feuerblitz. Ron redete wie ein Wasserfall auf Harry ein, doch ich hörte gar nicht richtig zu. Erst als wir den Rand des Geheges erreichten, legte Ron eine kleine Pause ein. Die fünf Richter hatten sich nun offensichtlich für die Punktzahl entschieden, die sie geben wollten. Madame Maxime hob ihren Zauberstab. Ein langer Silberfaden flog aus der Spitzer hervor und schlängelte sich zu einer großen 8. „Nicht schlecht!“, rief Ron, während das Publikum klatschte. „Ich vermute, sie hat dir wegen deiner Schulter Punkte abgezogen.“ Mr. Crouch war der Nächste. Er ließ die Ziffer 9 erscheinen. „Sieht gut aus!“, rief Ron. Jetzt kam Dumbledore. Auch er gab Harry 9 Punkte. Die Menge jubelte noch lauter. Ludo Bagman - eine glitzernde 10 erschien. „Zehn?“, fragte ich ungläubig. Nun hob Karkaroff den Zauberstab. Er zögerte einen kurzen Moment, dann schoss auch aus seinem Zauberstab eine Ziffer - eine 4. „Wie bitte?“, brüllte Ron so laut, dass mir fast das Trommelfell geplatzt wäre. „Vier? Du lausiger parteiischer Schleimbeutel, du hast Krum eine 10 gegeben!“ Ich grinste. Harry stand zusammen mit Krum auf dem ersten Platz. Das Publikum jubelte, und als mein Blick über die Tribünen glitt, fiel mir auf, dass diesmal nicht nur die Gryffindors wie verrückt klatschten. Auch die Ravenclaws und Hufflepuff jubelten Harry zu, genau wie sie es vorher bei Cedric getan hatten.

    Harry ging wenig später noch einmal zurück zum Champions-Zelt, denn Ludo Bagman wollte noch einmal mit ihnen reden. Ron und ich kamen mit, warteten aber vor dem Zelt. „Liv?“, fragte Ron leise, als Harry im Zelt verschwunden war. „Hm? Was ist?“ „Es...es tut mir Leid, was ich zu dir gesagt hab.“ Einen Moment verstand ich nicht so ganz, auf was er hinauswollte, doch dann fiel der Groschen. Er meinte die Tatsache, dass er mich beschuldigte hatte, Harry nur zu mögen, weil er berühmt war. Ich seufzte. „Ist schon in Ordnung, Ron.“ „Nein, wirklich, ich wollte nicht-...“ „Ist gut!“, schnitt ich ihm das Wort ab. Ron sah ein wenig überrascht aus, weil ich ihm so schnell vergeben hatte, doch ich wollte nicht, dass weiter Unausgesprochenheit zwischen uns herrschte. Dann breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus und ich erwiderte es. In diesem Moment kam Harry aus dem Zelt heraus. „Lasst uns gehen“, forderte ich die Jungs auf. „Die anderen feiern sicher schon.“ Zusammen schlenderten wir den Weg am Waldrand entlang zurück. Harry wollte genau wissen, wie es den Champions ergangen war, was Ron ihm auch sofort berichtete. Dann, als wir eine dichte Baumgruppe umrundeten, hinter der ich die Drachen vermutete, sprang plötzlich hinter uns eine Hexe zwischen den Bäumen hervor. Erschrocken ließ ich einen spitzen Schrei hören; die Hexe trug eine höchst steife Lockenfrisur und eine juwelenbesetzte Brille. Ihre Fingernägel war leuchtend rot lackiert und mindestens fünf Zentimeter lang. Als sie eine grüne, lange Feder aus ihrer Krokodilledertasche hervorzog, ahnte ich bereits, dass es sich um Rita Kimmkorn handelte. „Gratuliere, Harry!“, sagte sie mit einer seltsam gekünstelten Stimme und strahlte uns an. „Dürfte ich euch auf ein Wort unterbrechen? Harry, wie war es für dich, gegen den Drachen zu kämpfen? Was hältst du vom Urteil der Schiedsrichter? Ist das deine Freundin?“, sie zeigte begierig auf mich. „Ja, Sie dürfen uns auf ein Wort unterbrechen“, erwiderte Harry wütend. Fassungslos starrte ich ihn an, doch er beachtete mich gar nicht. „Tschüss!“, meinte er. Grinsend gingen wir davon, ohne uns auch nur einmal umzudrehen.

    An diesem Abend gingen Harry, Ron, Mine und ich hoch in die Eulerei, um nach Pigwidgeon zu suchen, denn wir wollten ihn mit einem Brief zu Sirius schicken. Harry hatte geschrieben, dass er unverletzt an dem Drachen vorbeigekommen war. Als wir die vielen Steinstufen nach oben stiegen, erzählte Harry Ron alles, was Sirius über Karkaroff gesagt hatte. Ron zuckte sofort erschrocken zusammen, als er hörte, dass Karkaroff ein Todesser gewesen sei, doch als wir die Eulerei betraten, meinte er, wir hätten ihn von Anfang an verdächtigen sollen. „Das passt doch alles zusammen“, sagte er. „Wisst ihr noch, was Malfoy im Zug gesagt hat? Dass sein Dad mit Karkaroff befreundet war? Jetzt wissen wir, wo sie sich kennengelernt haben. Wahrscheinlich sind sie bei der Weltmeisterschaft zusammen mit diesen Masken rumgelaufen.“ Ich zuckte erschrocken zusammen. Ich hatte den Gedanken daran verdrängt, was bei der Weltmeisterschaft passiert war. Und auch die Tatsache, dass mein Adoptivvater eine der maskierten Gestalten gewesen war. Mine schien es zu bemerken, denn sie umarmte mich fest, als ich zu zittern begann. „Tut mir Leid, Liv!“, meinte Ron bedrückt, als er sah, welche Auswirkung dieser Satz auf mich hatte. Ich atmete tief ein. „Ist schon gut, Ron“, murmelte ich und trat hinüber zum Fenster. „Ist es wegen deinem Vater?“ „Dieser Mann ist nicht mein Vater“, erwiderte ich bitter. „Ein Vater ist jemand, der sich um sein Kind sorgt. Er hingegen“, ich schnaubte, „er hat mir das Leben zuhause zur Hölle gemacht.“ Ich schluckte schwer, als ich an die ganzen blauen Flecken dachte, die ich davongetragen hatte. Eine Hand legte sich auf meine Schulter. „Liv, was hat er getan?“ Es war Harry. Ich drehte mich um. „Ich kann es euch zeigen, wenn ihr wollt“, bot ich an. „Vielleicht versteht ihr mich dann.“ Harry sah zu Ron und Mine. Meine beste Freundin wirkte blass und erschrocken, doch sie nickte. Ron und Harry sahen sich an; dann nickten sie ebenfalls. „Zeig sie uns“, bat Ron schließlich.

    Ich zog den Zauberstab und sagte: „Accio Denkarium!“ Wir blieben stumm, bis ich schließlich die steinerne Schale voller Rauch und Dampf die Treppe heraufschweben sah. Sanft glitt sie in meine Hände. Als Mine schon zu einer Frage ansetzte, erklärte ich: „Es war ein Geburtstagsgeschenk.“ Ich hielt meinen Zauberstab an meine Schläfe; ein silbriger, langer Faden erschien. „Davon hab ich schon mal gelesen“, flüsterte Mine abwesend, als ich die Erinnerungen in das Denkarium gleiten ließ. Die Oberfläche des Beckens kräuselte sich leicht und glänzte matt. „Kommt her“, befahl ich. Als die drei zu mir herüberrückten, fragte ich sie noch einmal beschwörend: „Seid ihr euch sicher, dass ihr das sehen wollt?“ Harry, Ron und Mine nickten. „Gut.“ Ich betrachte sie abwechselnd. „Beugt euch über das Becken, bis eure Nasenspitze die Flüssigkeit berührt.“ Alle drei näherten sich der Flüssigkeit. Ich tat es ihnen gleich. Als unsere Nasenspitzen gleichzeitig die Flüssigkeit berührten, war es, als würden wir in die Schüssel hineingezogen werden. Es war, als würden wir fallen, während um uns herum meine Erinnerung langsam Gestalt annahm. „Wo sind wir hier?“, fragte Harry leise. „In meiner Vergangenheit.“

    Ich konnte mich noch sehr gut an die Erinnerung erinnern, die sich gerade vor uns abspielte. Das war gewesen, als ich sechs Jahre alt war. Ich hatte es beim Spielen in unserem Park geschafft, ein kleines Loch in der Mauer zu entdecken, durch das ich gekrabbelt war, und somit das erste Mal außerhalb des Grundstücks gewesen war. Dies war der Tag gewesen, an dem ich zum ersten Mal in meinem Leben frei gesungen hatte. Es war das schönste Gefühl gewesen, dass ich bis dahin jemals gefühlt hatte. Doch als ich wieder durch das Loch gekrabbelt war, hatte mein Vater mich erwischt; er hatte das Loch sofort mit einem Zauber geschlossen und hatte mich eine Woche lang ohne Essen in mein Zimmer gesperrt. Diese Erinnerung war besonders deutlich, denn es war das erste Mal gewesen, dass er handgreiflich geworden war. Mine zuckte erschrocken zusammen, als sie das Zischen der flachen Hand hörte, die auf die Wange des sechsjährigen Mädchens traf. Ich sah stocksteif zu, wie er immer wieder auf sie einschlug, denn ich wusste, dass ich nichts tun konnte. Auch meine Freunde begriffen rasch, dass wir nicht wirklich da waren, dass wir weder gesehen noch gehört werden konnten. Ron stand vor Schock starr wie ein Felsblock, ohne sich bewegen zu können. Harry berührte mich leicht am Arm. „Lass uns weitergehen.“

    Die Szenerie veränderte sich; ich erkannte mein zwölfjähriges Selbst, wie ich von meinem Adoptivvater gequält wurde, weil ich eine Teekanne umgestoßen hatte. Mine schrie entsetzt auf, als die junge Olivia gegen das kleine Tischchen geworfen wurde, woraufhin sie liegen blieb und eine Vase zu Bruch ging. Wir sahen weiter zu, wie er ihr den Arm hinter dem Rücken verdrehte, wie sie von Schmerz erfüllt aufschrie, als sie hilflos unter ihm lag. „Was hast du da getan, dass er dich so behandelt hat?“, fragte Ron tonlos, als das junge Mädchen am Boden lag und wimmerte. „Ich habe eine Teekanne umgestoßen.“ „Nicht dein Ernst!“ „Doch.“ Ron schluckte.

    Die Szene änderte sich erneut. Ich sah mich selbst, meine Mutter und ihn, wie wir im Speisesaal standen. Wir mussten zusehen, wie er meine Mutter mit dem Cruciatus-Fuch folterte. Ihre Schreie brannten sich in meinem Gedächtnis ein und wollten nicht mehr verschwinden. „Aber...das ist ein Unverzeihlicher Fluch!“, flüsterte Mine fassungslos. „Das ist strafbar!“ „Denkst du, ihn interessiert das?“, fragte Harry. „Du hast doch gesehen, was er mit Liv angestellt hat, Hermine! Und das nur, weil sie eine Teekanne umgeworfen hat!“ Aus Mines Gesicht wich jegliche Form von Farbe. Ich beobachtete, wie mein jüngeres Selbst sich die Seele aus dem Leib schrie. „BITTE! BITTE! ICH TUE ALLES, NUR LASS SIE IN FRIEDEN!“ Mit Tränen in den Augen sah ich zu, wie sie ihre Mutter zu retten versuchte.

    Harrys Sicht:
    Ich sah, wie die brünette Frau, die wohl Livs Mutter war, entsetzt aufschrie, als der Mann von ihr abließ und zur jüngeren Liv hinüberschritt. „Nein!“, schrie sie, doch es geschah nichts. In mir kochte der Zorn hoch, als ich sah, wie ihr Adoptivvater sie am Arm packte, und sie sich nicht wehrte. Das war nicht die Liv, die ich kannte, das war ein Mädchen, dass nichts mit Liv zu tun hatte.

    Hermines Sicht:
    Zitternd sah ich, wie der Mann ausholte und Liv eine kräftige Ohrfeige gab, woraufhin sie zu Boden ging. Es tat mir weh, meine beste Freundin so zu sehen, völlig hilflos und angsterfüllt. Ich sah hinüber zu ihr, doch ich Gesicht wahr wie versteinert, als ob sie das schon dutzende Male durchlebt hätte. Aber als ich genauer hinsah, erkannte ich, dass ihr stumm salzige Tränen über die Wangen liefen, als sie ihre Adoptivmutter betrachtete. Aus ihrem Blick konnte ich herauslesen, wie sehr sie die Frau liebte, die sie großgezogen hatte, denn sie schien Liv immer vor ihrem Vater beschützt zu haben.

    Rons Sicht:
    Das Geschehen verschwand vor meinen Augen und ein neues Bild erschien. Ich sah Liv, in einem pompösen, dunkelroten Kleid, das bis zum Boden reichte. Ihre Augen wirkten glasig, als sie unterwürfig zu ihrem Adoptivvater empor sah. War das wirklich Liv? Gebannt sah ich zu, wie sie sich auf die Knie fallen ließ, als er es verlangte. Als es ihm nichts schnell genug ging, schlug er ihr mit voller Wucht auf den Rücken, sodass sie zu Boden sackte. Ich versuchte, Tränen in ihren Augenwinkeln zu entdecken, doch das Einzige, was ich sah, war blanker Hass.

    Olivias Sicht:
    Erneut erlebte ich die Szene, in der ich widerwillig die Schuhe dieses abscheulichen Menschen küsste. Eine Woge von Selbsthass überrollte mich, als ich dabei zusah, wie ich mich selbst erniedrigte. Grauer Rauch kroch durch die Erinnerung; langsam begann sich das Geschehene aufzulösen. „Lasst uns zurückgehen“, meinte ich trocken. Mine nickte. Als sie etwas sagen wollte, kam bloß ein lautes Krächzen hervor. Wir wurden rückwärts aus dem Denkarium geschleudert. Harry, Ron und Mine schwiegen. Alle drei schienen um Worte zu ringen; zögerlich brachte ich ein kleines Lächeln zu stande. „Ihr müsst nichts sagen. Ich weiß, für euch muss das, was ihr gesehen habt, furchtbar aussehen.“ „Es ist furchtbar“, erwiderte Harry tonlos. „Liv, er hat dich geschlagen!“, sagte Ron. „Ja, hat er. Aber ich kann es nun mal nicht mehr ändern. Und nächsten Sommer komme ich ja eh zu euch.“ Mine war immer noch etwas bleich, doch sie wirkte recht erleichtert, als sie das hörte. „Wir müssen noch Pigwidgeon mit dem Brief abschicken“, erinnerte sie uns. Die kleine Eule war ganz aus dem Häuschen, weil sie einen Brief zustellen durfte, und quietschte unaufhörlich vor sich hin. Ron packt eihn mitten im Flug und hielt in fest, damit Harry ihm den Brief ans Bein binden konnte. „Die anderen Aufgaben können doch wohl unmöglich so gefährlich wie die erste sein, oder?“, fragte Ron, als Harry die Eule mit dem Brief aus den Fenster warf. „Weißt du was, Harry? Ich glaube sogar, du könntest dieses Tunier gewinnen, und das meine ich ernst.“ Ich war Ron dankbar, dass er endlich ein anderes Thema angeschnitten hatte. Mine lehnte sich gegen eine Mauer, verschränkte die Arme und starrte Ron finster an, währen dich mein Denkarium von Steinboden aufhob. „Harry hat einen langen Weg vor sich, bis er dieses Tunier abschließen kann“, sagte Mine ernst. „Wenn das die erste Aufgabe, möchte ich gar nicht erst wissen, was das nächste Mal drankommt.“ „Immer ein aufmunterndes Wort auf den Lippen, nicht wahr, Hermine?“, fragte Ron. „Du und Professor Trelawney, ihr solltet euch mal zusammensetzen.“ Ich und Harry sahen Pig zu, wie er in der Dunkelheit verschwand, während Mine und Ron sich im Hintergrund erneut kabbelten. „Wir sollten wieder zum Gemeinschaftsraum zurückgehen. Da gibt’s eine Überraschungsparty für dich, Harry - Fred und George wollten was zu futtern aus der Küche klauen.“

    Als wir den Gemeinschaftsraum betraten, jubelten und klatschten unsere Mitschüler, dass die Wände wackelten. Sämtliche Tische und Fensterbänke waren mit wahrhaftigen Bergen von Kuchen und Krügen voll Kürbissaft und Butterbier vollgestellt; Lee hatte ein paar von Dr. Filibusters famosen hitzefreien und nass zündenen Knallern losgelassen, so dass man vor Funken und Sternennebel kaum noch etwas sehen konnte. Dean, der ganz gut im Zeichnen war, hatte ein paar beeindruckende neue Banner entworfen. Meist war Harry darauf zu sehen, wie er um den Kopf des Drachens herumschwirrte, hin und wieder auch Cedric mit einem brennenden Haarschopf. Ich nahm mir ein Stück Schokoladenkuchen und setzte mich zu Harry, Ron und Mine. „Uff, ist das Ding scher“, stöhnte Lee, der das goldene Ei, das Harry auf den Tisch gelegt hatte, hochhob und in den Händen wog. „Mach es auf, Harry, na los! Lass uns einfach mal nachschauen, was drin ist!“ „Ja!“, riefen einige Umstehende. „Mach es auf!“ Lee reichte Harry das Ei; dieser steckte die Fingernägel in die Rille, die sich um die Mitte des Eis zog, und öffnete es. Kaum hatte Harry es aufgeklappt, war ein grässlich lautes und kreischendes Gejammer zu hören. Ich nur einmal etwas Ähnliches gehört; auf der Todesfeier des Fast Kopflosen Nick war ein Orchester aus Musikinstrumenten zu hören gewesen, welches den Klängen einer Säge ähnelte. „Mach’s zu!“, rief Fred, der sich die Hände an die Ohren presste. „Was war das?“, fragte Seamus und starrte das Ei an, als Harry es wieder zugeklappt hatte. „Klang wie eine Banshee...vielleicht musst du das nächste Mal an einer Todesfee vorbeikommen, Harry!“ „Es klang, als würde jemand gefoltert werden“, meinte Neville, der kreidebleich war. „Du musst gegen den Cruciatus-Fluch kämpfen!“ „Red keinen Stuss, Neville, der ist doch verboten“, unterbrach ihn George. „Den Cruciatus-Fluch würden die sicher nicht auf die Champions loslassen. Ich dachte, es klang eher ein wenig, als würde Percy singen...vielleicht musst du ihn angreifen, während er unter der Dusche steht, Harry.“ „Willst du ein Stück Torte, Hermine?“, fragte Fred. Mine beäugte misstrauisch den Teller, auf dem ein Stück Biskuittorte lag. Fred grinste. „Ist schon gut. Ich hab nichts mit ihm gemacht. Bei den Eiercremeschnitten musst du aufpassen-...“ Neville, der sich gerade ein Stück Eiercremeschnitte in den Mund geschoben hatte, würgte und spuckte den Bissen wieder aus. Fred lachte. „War bloß ein Witz, Neville...“ Mine nahm das Stück Kuchen entgegen. „Hast du die Sachen aus der Küche, fragte sie beiläufig. „Jep.“ Dann ahmte er die hohe Stimme eines Hauselfen nach. „>Alles, was sie wünschen, Sir, alles, was sie wünschen!< Die sind so unglaublich hilfsbereit...die würden dir einen gegrillten Ochsen bringen, wenn du sagst, du könntest ‘ne Kleinigkeit vertragen.“ „Und wie kommst du da rein?“, fragte Mine betont beiläufig.

    „Ganz einfach“, entgegnete Fred, „hinter einem Gemälde mit einer Obstschale ist eine Geheimtür. Du kritzelst einfach die Birne, sie kichert und-...“ Er brach ab und sah sie misstrauisch an. „Warum willst du das wissen?“ „Nur so“, sagte Mine schnell. „Willst du die Hauselfen etwa in den Streik führen?“, fragte George. „Versuchst du jetzt, sie zur Rebellion anzustacheln?“ Einige der Umstehenden lachten. Mine erwiderte nichts. In diesem Moment sorgte Neville für eine kleine Ablenkung, indem er sich in einen Kanarienvogel verwandelte. „Oh Verzeihung, Neville!“, rief Fred über das lautes Gelächter hinweg. „Es war doch die Eiercreme, die wir verhext haben - hab ich ganz vergessen...“
    Es dauerte fast eine Minute, bis Neville seine Federn wieder verlor; schließlich erschien er wieder gesund und munter und stimmte selbst mit in das Gelächter ein. „Kanariencremeschnitten!“, verkündete Fred laut. „Haben George und ich erfunden - sieben Sickel das Stück, ein echtes Schnäppchen!“

    Bis fast ein Uhr morgens feierten wir, dann wankten Mine und ich die Stufen zum Mädchenschlafsaal nach oben, um nur wenige Augenblicke später ins Bett zu fallen. Als ich die Vorhänge meines Himmelbetts zugezogen hatte, ließ ich mich müde auf dem breiten, rot-goldenen Kissen nieder und schloss die Augen. Die ganzen Vorkommnisse dieses Tages überrollten mich erneut. Das Tunier, die Champions, Harrys Punkte, diese schreckliche Kimmkorn, die Reaktionen meiner Freunde auf meine Vergangenheit... All das bildete ein riesiges Gefühlschaos in mir, das ich nicht zu lösen vermochte. So lag ich also in meinem Bett und hatte keine Ahnung, dass Hermine, Harry und Ron ebenfalls wach lagen und über meine Vergangenheit nachdachten.

    Fortsetzung folgt...

Kommentare (10)

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Skyler ( von: Skyler)
vor 2 Tagen
Ich liebe deine ff und freue mich schon auf den neuen Teil! Schreib unbedingt weiter!!!
Ms. Mystery ( von: Ms. mystery)
vor 64 Tagen
@niniel Ich werde das vierte Buch in zwei Teile teilen, deshalb wird der nächste Teil höchstwahrscheinlich schneller als gedacht kommen. Ich werd' versuchen, so schnell wie möglich weiterzuschreiben, auch wenn ich gerade viel mit der Schule zu tun habe!
niniel ( von: niniel)
vor 71 Tagen
Bitte wann kommt die 4. ff von dir muss sie unbedingt
lesen
Princess Julie ( von: Princess Julie)
vor 83 Tagen
So froh die beste Freundin von Ms. Mistery zu sein, so weiß ich schon genau was passieren wird.
Sunny_Miley ( von: Sunny_Miley)
vor 104 Tagen
Das ist die beste ff die ich je gelesen hab!
Lady Malfoy (24123)
vor 123 Tagen
Ich liebe deine Fangiction!!! Am liebsten würde ich nur noch Zeit damit verbringen sie zu lesen als bitte schreib weiter BITTE!!!!!!!!!!!!!!❤️❤️❤️❤️❤️❤️
Svenja Granger ; ) (80572)
vor 124 Tagen
Wow, was für eine tolle Fanfikition! Du hast wirklich einen angenehmen Schreibstil und auch die Geschichte finde ich sehr interessant und spannend. Wirklich rundum perfekt, eigentlich.
Das einzige, was man vielleicht kritisieren könnte, wäre, dass du sehr viel einfach nur von den Büchern kopierst - dafür wirkt es aber auch echter und ich weiß, wie schwer ist es, da was wegzulassen.
Nichtsdestotrotz ist das eine der besten Geschichten, die ich seit langem hier gelesen habe :)
Freue mich auf den nächsten Teil!
Ms. Mystery ( von: Ms. mystery)
vor 140 Tagen
Es freut mich sehr, wenn meine FanFiktion gut ankommt. In ein bis zwei Wochen werde ich den dritten Teil hochladen, weil es leider etwas dauert bis ich die ganzen 123 Seiten auf Rechtschreibfehler überprüft habe. Außerdem ist der vierte Teil schon in Arbeit...
Zaubereule ( von: Showny)
vor 142 Tagen
OMG!!! Das ist die mit Abstand BESTE Fanfiktion die ich JEMALS gelesen habe! BITTE schreibe weiter lass dir ruhig Zeit, aber nicht zu viel! 😉 Ich glaub nämlich nicht dass ich es so lange ohne aushalte 😯 also bitte sag mir, dass du schon daran schreibst?🙏
Tawariel Lûth Draug Gaur ( von: Tawariel Lûth Draug Gaur)
vor 158 Tagen
Hey du! ♥ Ich finde deine Ff richtig cool und ich hoffe du schreibst bald weiter! ♥
Riel ♥