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Seaboy

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2 Kapitel - 1.157 Wörter - Erstellt von: The Master of Time and Relative Dimensions - Aktualisiert am: 2017-09-27 - Entwickelt am: - 30 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Hallo, mein Name ist Yuki Ito, ich bin inzwischen 19 Jahre alt und es ist ein Wunder, dass ich jetzt hier sitze und euch meine Geschichte aufschreibe. Ich bin nämlich seit meinem 6. Lebensjahr blind und querschnittsgelähmt. Zumindest die Hälfte der Zeit, die andere verbringe ich unter Wasser mit denen, die ich durch die Gewässer werde führen müssen, wenn die Zeit reif ist.

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    Geboren wurde ich am 26. September 1998 in einem Tokioter Kreiskrankenhaus. Es war ein regnerischer Tag und glücklicherweise war der Arzt, der meinen Eltern bei der Entbindung beistand ein Angehöriger unseres Meermenschenschwarms, er half ihnen zu verbergen, dass ich mit roten Familienmalen und einer weißen Fischflosse auf die Welt kam. Ich bin ihm sehr dankbar, ohne ihn wäre ich wohl in einer Forschungseinrichtung gelandet und wir wissen alle, wie schrecklich es dort ist. Aber so wuchs ich glücklich mit meinen Eltern auf. Da mein Vater ein Meermann war und meine Mutter ein normaler Mensch, lebte ich unter der Woche wie normale Kinder, aber am Wochenende fuhr Vater immer mit mir ans Meer und besuchte unseren Schwarm. Da mein Großvater der Älteste ist, werde ich irgendwann die anderen führen und schützen müssen, weshalb ich sie alle kennengelernt habe. Ich musste sowohl die Meer- als auch die Landmenschen kennen und einschätzen lernen, sonst würden wir keine noch so kleine Chance haben, egal wie sehr wir es versuchen sollten. Doch trotz dieser Pflichten wuchs ich glücklich und wohlbehütet auf.
    Bis zu diesem verhängnisvollen Februartag im Jahr nach meinem sechsten Geburtstag. Bis zum 16. Februar war mein Leben perfekt, Freunde, Spiel und Spaß, mehr wünschte ich mir nicht und mehr sollte sich ein Erstklässler auch nicht wünschen müssen. Doch an diesem verhängnisvollen Montag verlor ich die fünf wichtigsten Dinge meines Kinderlebens:
    Meine Eltern, meine Freunde, mein Augenlicht, meine Eigenständigkeit und meinen ständigen Kontakt zum Wasser.

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    Viele behaupten, ich sähe meinem Vater sehr ähnlich, was ja auch stimmt. Vor allem als ich jünger war, war ich ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Dieselbe weiße Haarfarbe, die gleiche Frisur, die selben Gesichtszüge, dieselbe niedliche Falte beim Nachdenken, wie Mutter immer sagte. Alles, was uns unterschied, waren Größe, seine Brille mit den ovalen Gläsern und das Alter. Ich trug sogar oft die gleiche Kleidung und behauptete, er sei mein Vazwi – die Abkürzung für Vaterzwilling, die ich aus einem Gespräch in der Schule aufgeschnappt hatte. Zwei der älteren Kinder hatten über ein Buch geredet, in dem es um Klone ging. Inzwischen habe ich das Buch auch gelesen - es heißt Blueprint - und ich muss zugeben, der Vergleich war ziemlich unpassend, die Situation zwischen meinem Vater und mir war völlig anders. In meinem kindlichen Übermut hatte ich das allerdings überall herumerzählen müssen und wurde noch heute scherzhaft von allen anderen damit aufgezogen.
    Auch wenn ich Vater früher so ähnlich sah, heute haben sich doch auch Elemente meiner Mutter durchgesetzt. Meine Haare sind im Laufe der Jahre ein paar Nuancen dunkler geworden, ihr früheres schneeweiß ist heute eher ein undefinierbares helles graubraun. Meine Haare sind dünn und fetten schnell, weshalb ich sie mindestens zweimal die Woche wasche. Es ist echt unangenehm, wie Severus Snape herumzulaufen. Sie fallen mir eng am Hals bis auf die Schultern, ich lasse sie am Anfang des Frühlings und am Anfang des Sommers kinnlang schneiden. Ein paar zerzauste Strähne fallen mir ins Gesicht und verdecken so meine hellbraunen Augen, die seit dem Unfall völlig vernarbt sind und jeden, der mich zum ersten Mal sieht, erschrecken. Dafür, dass ich mein Leben im Rollstuhl fristen muss, bin ich erstaunlich muskulös, vor allem an den Unterarmen und Handgelenken. Natürlich bin ich kein Chuck Norris, aber gänzlich unansehnlich bin ich auch nicht.
    Das ist zwar eine wirklich schmeichelhafte Beschreibung von mir, aber leider weiß ich nicht, wie viel davon tatsächlich ist, aber ich vertraue Nik, dass er nahe an der Wahrheit geblieben ist. Schließlich kennen wir uns jetzt schon mehrere Jahre. Also geht einfach davon aus, dass das so stimmt oder behauptet, Nik hätte gnadenlos übertrieben. Aber ich kann es euch nicht sagen, ich weiß nicht, wie ich - vor allem im Vergleich zu anderen - aussehen und wirken muss.

    Es war Montag, die Sonne schien und wir waren gerade auf dem Weg zur Schule. Beziehungsweise meine Eltern wollten mich zu Fuß zur Schule bringen und danach noch einen Spaziergang durch den Park machen – sie mussten erst um neun bei der Arbeit sein.
    Wenn ich die Augen schließe und mich nicht auf etwas konzentriere, sehe ich immer noch alles so vor mir, als ob es gerade geschehen würde. Meine Erinnerung, die bei allem anderen so nachlässig war, schien mich nicht vergessen lassen zu wollen, mich bis in alle Ewigkeit quälen zu wollen. Die Psychologen meinten, dass das niemals ganz weggehen würde, dass es immer wieder unter der Oberfläche hervorbrechen würde, dass es Zeiten geben würde, in denen es mir besser ging und Zeiten, in denen mir die Erinnerungen auflauerten, mich alles an diesen Tag erinnern würde. Sie konnten nichts dagegen tun – es gehört zu meinem Leben, ist untrennbar mit mir verbunden. Ich kann nicht aufhören mich zu erinnern, genauso wie ich nicht aufhören kann, zu atmen. Ich habe keine Kontrolle darüber.

    Ein Montag Ende Februar, der 24. Februar 2005, um genau zu sein. Ein Montag, der alles zerstörte, der die Welt, die Kristallkugel, die lustige Kristallkugel mit den kinderfreundlichen und bunten Stickern, durch die ich die Welt bisher gesehen hatte, zersplittern ließ. Ein Autofahrer, der es zu eilig hatte und nicht nur mich, sondern auch all meine Träume und Wünsche über den Haufen fuhr. Ein unbedachter Augenblick, der der Sonne ihr Licht, ihre beruhigende Wärme stahl und mich allein zurückließ mit einer Welt, die zersprungen und unsichtbar zu meinen Füßen lagen, Träumen und Wünschen, die mich in ihren Luftballons weit entfernt am Horizont verhöhnten und über meine Naivität lachten. Wie hatte ich nur jemals glauben können, dass alles gut werden würde und ich keine Probleme mehr haben würde, wenn ich erwachsen war? Warum hatte jemand meinen Traum vom Leben zerstören müssen?

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