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Sieben Worte - Dreimal

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1 Kapitel - 1.560 Wörter - Erstellt von: Alphawölfin - Aktualisiert am: 2017-09-14 - Entwickelt am: - 140 mal aufgerufen- Die Geschichte ist fertiggestellt

(September


http://www.testedich.de/quiz44/quiz/1475077173/Sieben-Worte-fuer-ein-Wunder-Ein-Schreibwettbewerb )

- Wenn ich so recht niedergeschlagen, rat- und hilflos bin,
so lege ich mich ruhig zu Bette, schließe die Augen, entferne alles und träume in selige Ruhe hinein. -
(Ludwig Andreas Feuerbach)

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    Sie klopfte dreimal an. Es war wie ein innerer Zwang. Sie konnte nichts dagegen tun. Es war ein Teil von ihr und so würde es bleiben bis sie starb. M
    Sie klopfte dreimal an. Es war wie ein innerer Zwang. Sie konnte nichts dagegen tun. Es war ein Teil von ihr und so würde es bleiben bis sie starb. Mit glasigen Augen betrachtete sie das Braun des Holzes –welches unten in der rechten Ecke eine kleine Schramme aufwies- und hätte beinahe erneut geklopft, dreimal. Doch die Tür glitt geräuschlos auf und der Psychiater bat sie hinein, indem er einen leichten Schritt zur Seite machte und den Weg so freigab. Mit auf die Decke gerichteten Blick, ging sie –ein Fuß nackt, der andere in einem rot-weiß gestreiften Socken- über den weichen Teppich. Genauso geräuschlos, wie er die Tür geöffnet hatte, schloss er sie. Mit einem Knartschen des Leders, vernahm er, dass sie sich auf die Couch gelegt hatte. Sie beobachtete anteilnahmslos, wie sich der Ventilator an der Decke in schnellen Kreisen drehte. Es war nicht heiß, doch er wusste, dass es seine Patientin beruhigte. Während er sich im Sesseln ihr gegenüber niederließ, blinzelte sie langsam. Sie lauschte seinem Atem und ließ den Ventilator kein weiteres Mal aus den Augen, obwohl sie immer trockener wurden.
    Er beobachtete sie aufmerksam und atmete tief und standhaft. Langsam drehte er den Stift zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger. Die Beine hatte er überschlagen und ein kleines Büchlein ruhte neben ihm.
    >>Es ist nachts. Ich stehe im Wald und lausche der Eule. Höre, wie sie verstummt und nur einen kurzen Moment später höre ich das laute piepen einer Maus. Sie kreischt fast, obwohl das ja gar nicht geht. Aber trotzdem habe ich das Gefühl, als würde es meine Ohren gleich zerreißen. Und plötzlich ist sie stumm und ich kann ganz genau hören, wie die Eule einer toten Maus das Fleisch von den winzigen Knochen reißt...<<
    Sie machte eine lange Pause und er horchte aufmerksam, obwohl ihm der Traum schon bekannter war als die seinen.
    >>Ganz plötzlich sitze ich dann auf einer alten, grünen und wackligen Bank und halte die gelbe Tasse fest in meinen Händen. Als wären sie und die Tasse zusammengewachsen. Heißer Dampf kommt vom Tee empor, welcher nach Früchten duftet. Irgendwo bellt ein Hund. Eine schrille Frauenstimme schimpft mit dem armen Wesen. Ich versuche mich umzuschauen, doch mein Blick bleibt fest auf dem aufsteigenden Dampf gerichtet…<<
    Der Stift ruhte nun fest in seiner Hand und von der Straße drang gedämpftes Gehupe durch die Fenster. Er lauschte ihrem leisen Atem und beobachtete, wie sich ihre Brüste hoben und senkten. Aus dem Augenwinkel bekam er mit, wie sie hektisch mit den Fingern auf die Couch tippte. Die Nägel ihrer dünnen, knochigen Finger waren blutig gewesen und bis zur Haut abgerissen. Jetzt legte sie die Hände auf die sich hebende und senkende Brust und pulte das getrocknete Blut ab.
    >>Und dann liege ich immer wieder hier und erzähle Ihnen meine Träume… Ich frage mich eines…<<
    Mit einem Ruck saß sie aufrecht und starrte ihn mit den glasigen Augen an. Ausdruckslos beobachtete er, wie eine zerzauste, braune Locke über ihre Schulter nach hinten glitt. Weitere Locken folgten und legten ein kleines tätowiertes Kreuz am Hals frei. Es wurde vor langer Zeit gestochen, denn das Schwarz verbleichte bereits.
    >>Ist dies auch ein Traum? Derselbe wie all die anderen? Stelle ich Sie mir auch bloß vor, wie die Eule und die Tasse? Nein… Nein, das tue ich nicht. Das kann nicht sein. Sie atmen und ich kann riechen, dass Sie geraucht haben. Jetzt atmen Sie schneller, weil ich Sie ertappt habe. Ha! Rauchen ist ungesund! Und jetzt habe ich Sie bei der Arbeit entdeckt, wie Sie geraucht haben!<<
    Ein triumphierendes Lächeln zierte ihre schmalen, blassen Lippen. Ruhig und mit freier Lunge atmete er die klare Luft ein.
    >>Und was haben Sie jetzt vor, wo Sie mich ertappt haben?<<
    Er besaß eine tiefe Stimme und ihre Klang im Gegensatz mickrig, gar unbedeutend.
    >>Natürlich muss ich es melden. Ich kann kein Auge zudrücken. Das geht nicht. Ich müsste es dreimal machen, damit ich es nicht sagen würde. Aber ich werde es sagen. Dann werden wir sehen, was mit Ihnen geschehen wird.<<
    Laut atmete sie aus dem Mund aus und legte den Kopf weit in den Nacken. Die Decke spiegelte sich in ihren Augen und mit einem Satz sprang Sie auf.
    >>Morgen werde ich wiederkommen und wieder von meinen Träumen berichten. Aber nicht Ihnen. Jemand anderes wird dann hier arbeiten. Und Sie werden an Krebs sterben. Seien Sie sich dessen bewusst.<<
    Sie riss die Tür auf und rannte hinaus in die für sie unwirkliche Welt. Ließ ihn mit seinen Gedanken alleine.
    Wann habe ich zuletzt geträumt? Die Frage flog durch seinen Kopf. Immer und immer wieder. Als würde sie Kreise durch seinen klugen Kopf ziehen. Als wäre sie ein Globus, welchen man nicht aus den Augen lassen konnte. Als wäre es der Mittelpunkt seines jetzigen Seins.

    Die Hände tief in den Taschen, den Kragen des Mantels im Nacken und die dicke Wollmütze in die Stirn gezogen, wanderte er mit Schritten -welche für ihn wie das Stampfen eines Pferdes erschienen-, auf dem festen Schnee. Er hätte das Auto genommen, doch die Kupplung hatte gestreikt. Durch seinen warmen Atem, beschlugen die dünnen, runden Gläser der Brille. Dass er nichts sah, störte ihn nicht. Seine Füße kannten den Weg und so trugen sie ihn Richtung Zuhause.
    >>Zuhause…<<
    Das Wort schmeckte wie ein verkorkster Wein in seinem Munde. Wie ein schlechter Witz in seinen Gedanken. Wie etwas, was er nicht hatte. Etwas, was sein Herz verzweifelt gesucht, gefunden und wieder verloren hatte. Er trat in eine Pfütze und das dreckige Wasser spritzte hoch. Haftete an seiner Hose und gefror. Das Kreischen eines Kindes war zu hören und mit gehetzten Blicken schaute er auf. Seine Brille versperrte die Sicht und wenn er am Bügel vorbeischielte, konnte er nur das Grau des Kragens sehen, welcher ihm vom Wind schützte.
    An der Kreuzung blieb er stehen und nahm mit zittrigen Händen die Brille ab. Kurz betrachtete er sie, die Augen dabei leicht zusammengekniffen. Mit einem Seufzer ließ er sie aus der Hand gleiten. Beobachtete den kurzen Fall und wünschte sich, dass er es wäre, der zerbrochen auf dem Schnee läge. Der Käfig, welchen er sich selbst geschmiedet hatte, rückte näher an ihn heran. Das Gefühl zu erfrieren, beschlich ihn langsam. Er rannte über die Straße. Achtete nicht auf das Quietschen der Räder neben ihm und das Fluchen anderer Passanten. Die Träume der Frau schlichen sich in seinen Kopf und vermischten sich mit der Frage. Seine Füße trugen ihn, auf den alten Beinen, altbekannte Wege entlang. Sein Atem kam stockend und schwer. Trotz der Kälte, bildeten sich Schweißperlen auf seiner Stirn. Rannen seinen Nacken und Hals hinab. Störten ihn. Das Herz schlug fest und unregelmäßig gegen seine Brust. Er stolperte und fiel der Länge nach auf den Boden. Er sah es bevor er es spürte. Blut tropfte von seinem aufgeschlagenen Kinn auf den Schnee hinab. Verfärbte das Weiß in helles Rot. Langsam drehte er sich auf den Rücken und betrachtete den bewölkten Himmel mit weit geöffneten Augen und verschwommenem Blick. Er beneidete die Frau und all seine anderen Patienten. Sie alle hatten ein Leben. Ein krankes, trauriges oder verzweifeltes. Er hatte nichts. Nur die Frage in seinem Kopf. Aufspießen würde er sie. Tiefer tastete er in seinen Taschen und packte das kleine Taschenmesser. Er würde sie aufspießen. Dessen war er sich mehr als bewusst. Er war es leid. Leid das Klopfen der Frau dreimal zu hören. Ihren Träumen lauschen zu müssen. All den anderen Menschen mit ihren ach so großen Problemen. Er hatte auch Probleme. Wenn er sich das Leben nahm, so war er sich sicher, dass dies die richtige prophylaktische Maßnahme war. Er wollte nicht, dass sich all dies in ihm verschlimmerte. Er wollte einfach nur die Augen schließen und seine eigenen Träume finden.

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1505067687
Sieben Worte - Dreimal
Sieben Worte - Dreimal
(September http://www.testedich.de/quiz44/quiz/1475077173/Sieben-Worte-fuer-ein-Wunder-Ein-Schreibwettbewerb ) - Wenn ich so recht niedergeschlagen, rat- und hilflos bin, so lege ich mich ruhig zu Bette, schließe die Augen, entferne alles und tr...
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2017-09-10
40SB
Schreibwettbewerb

Kommentare (2)

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Kiara Fenyx ( von: Kiara Fenyx)
vor 87 Tagen
Es ist erstaunlich wie wir alle drei "prophylaktisch" verwenden 😂
KillerRabbit ( von: KillerRabbit)
vor 92 Tagen
Wie Sherlock. 😂 Der durchbohrt auch alles, was ihm zu schaffen macht.

Sehr interessant und es gibt ein paar schöne Metaphern. ^^