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Das Herz aus Stein

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1 Kapitel - 7.176 Wörter - Erstellt von: Sarah Laureen - Aktualisiert am: 2017-10-16 - Entwickelt am: - 316 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit - 3 Personen gefällt es

Lothíriel liebt ihre Freiheit, den Grünwald, den störrischen Elbenkönig Thranduil und dessen Sohn Legolas aus tiefstem Herzen. Immer wieder versucht sie zu Thranduil durchzudringen, aber irgendwann hält sie es nicht mehr aus und verschwindet. Jahrtausende verstreichen bis die beiden sich wieder sehen und plötzlich scheint alles möglich. Wären da nur nicht ihre Zweifel, das Thranduil unfähig ist zu lieben...

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Wie sehr liebte ich doch die Freiheit, die das Reiten mir bot. Fern vom Grünwald und seinem König. Ich konnte es nicht mehr ertragen, zu sehen, wie
Wie sehr liebte ich doch die Freiheit, die das Reiten mir bot. Fern vom Grünwald und seinem König. Ich konnte es nicht mehr ertragen, zu sehen, wie kalt er mittlerweile geworden war und wie egoistisch er sich anderen gegenüber verhielt. Der großzügige König Thranduil! Ein liebender Vater und gütiger Herrscher. Verächtlich schnaubte ich. Das ich nicht lache! Vielleicht wäre er wirklich liebevoll, freundlich und gütig, wenn er seine Königin, die für mich so etwas wie eine Schwester gewesen war, in der gleichen Schlacht verloren hätte wie seinen Vater Oropher. Legolas war knapp zwei Jahre alt gewesen, als seine Mutter starb. Nach elbischen Maßstäben war er ein Baby gewesen. Wenn er Erinnerungen an Tinwen hatte, so waren sie sicher verschwommen und nicht so klar wie bei Thranduil und mir. Wir beide trauerten um sie. Doch wir gingen anders mit unserem Verlust um. Auch ich vermisste Tinwen – aber ich verdrängte meinen Kummer nicht, sondern ließ ihn zu und stellte mich der Tatsache, dass sie zwar nie wieder zurückkommen, aber mich in meinen Herzen immer begleiten würde. Während ich versuchte, vor allem die positiven und schönen Erinnerungen lebendig zu halten, veränderte sich mein alter Freund auf erschreckende Art und Weise. Angefangen hatte es damit, dass er sich immer mehr von mir abschottete, weniger lachte und abweisend war. Nicht einmal Legolas konnte ihm ein Lachen entlocken. Selbst seinem kleinen Sohn gegenüber verschloss er sich. Zumindest, was seine Gefühle und die Erinnerungen an seine Ehefrau anging. Thranduil hatte mir verboten Legolas etwas von Tinwen zu erzählen was ich nicht sehr gut aufnahm. Der Junge hatte jedes Recht, etwas über seine Mutter und die Liebe seiner Eltern zu erfahren! Wie konnte dieser Elbenkönig nur so grausam seinem eigenen Kind gegenüber sein?
Ich ertrug es nicht, die beiden so unglücklich zu sehen. Deutlich konnte ich den Schmerz von Vater und Sohn spüren. Um Legolas kümmerte ich mich, als wäre er mein eigener Sohn, denn darum hatte mich Tinwen gebeten. Thranduil, war da schon schwieriger. Er wollte meine Hilfe nicht. Tatsächlich bezweifelte ich, dass er mich überhaupt noch wahrnahm.
Sein Herz war völlig zu Stein erstarrt. Dabei brauchte Legolas nicht nur eine Mutter oder einen Mutterersatz sondern auch einen Vater! Aber der wollte davon nichts wissen. Einzig allein die militärische Ausbildung seines Sohnes schien ihn zu kümmern. Er verletzte nicht nur sich selbst sondern auch das Einzige, was ihm Tinwen außer den Erinnerungen hinterlassen hatte. Dieses Leid konnte ich nicht mehr lange mitansehen.
Mit einem letzten leisen Fluch zügelte ich Faervel und drehte mich halb im Sattel um. Sollte ich zurückreiten in dieser Stimmung? Eigentlich glaubte ich, dass es mittlerweile völlig egal war, ob ich im Palast weilte oder nicht. Thranduil schien mir mit einer gleichgültigen kühlen Haltung begegnen zu wollen die mich wahnsinnig machte vor Zorn. Von dem Freund aus Kindertagen war wirklich nicht mehr viel übrig geblieben. Wahrscheinlich würde er es nicht einmal bemerken, wenn ich nicht mehr zurückkehrte. Aber konnte ich es vor meinem Gewissen verantworten Legolas allein und ohne Liebe aufwachsen zu lassen? Ohne jemals Wärme zu erfahren? Nein. Dafür bedeutete der Junge mir zu viel.
Freudlos lächelte ich. Noch so ein Streitpunkt zwischen Thranduil und mir: Legolas Erziehung und Zukunft. Es kam durchaus vor, das wir uns lautstark stritten, weil keiner von uns bereit war einzulenken und nachzugeben. Ich hatte Angst davor dass Legolas jeglichen Glauben an die Liebe und sein warmes Herz verlor, wenn ich ihn der Kälte seines Vaters schutzlos aussetzte. Schaudernd erinnerte ich mich an seine Blicke.
Tote Augen die durch mich hindurchzusehen schienen. In dem ersten Jahr nach ihrem Tod hatte er sich in seinem Zimmer eingeschlossen, mein Flehen, doch herauszukommen oder mich zumindest hineinzulassen ignoriert und sich um nichts gekümmert. Es hatte auf mich so gewirkt, als wäre es ein Toter, der sich dort verschanzte. Mittlerweile war es nicht mehr so schlimm mit ihm, aber Thranduil schien jegliche warmen Gefühle verloren zu haben. Manchmal erwischte ich ihn, wenn er teilnahmslos in die Ferne starrte und nichts mehr mitbekam. Gerade dann blutete mein Herz. Wie nur konnte ich ihm und Legolas helfen? Natürlich hatte der Elbenkönig auch seine guten Tage wo er einigermaßen erträglich bis gutgelaunt war. Aber meistens war er eiskalt und abweisend. Ich konnte ihn nur aus dieser Starre herausholen, wenn ich mit ihm stritt und selbst dann nur für kurze Zeit. Es trieb mich langsam in den Wahnsinn.
Verdammt. Seit wann war mein Leben so kompliziert geworden? Die Antwort fiel mir überraschend leicht: seit Orophers Tod und dem Versprechen, das ich ihm gegeben hatte. Im Nachhinein bereite ich es ihm versichert zu haben, dass ich seinen Sohn nicht von der Seite weichen und ihn stets unterstützten würde. Thranduil ließ mich nicht mehr an sich heran und mein Herz fühlte sich an als würde es zersplittern. Warum nur verschloss er sich so? Merkte er nicht, was er mit seinem Verhalten anrichtete? Wie viele er damit verletzte, einschließlich ihm selbst, und das nur aus falsch verstandenen Stolz? Wieso ließ er keine Hilfe zu? Begriff er nicht, dass er am Ende einsam und verlassen dastehen würde, wenn er alle von sich stieß? Man konnte nicht beliebig lange mit den Gefühlen anderer spielen und erwarten, dass sie immer zu einem hielten. Wie lange ich es noch durchhielt stand in den Sternen. Tief atmete ich durch.
Ich könnte ihm den Schmerz nehmen, aber nein, er wollte meine Hilfe nicht. Es war hoffnungslos sich um ihn zu bemühen.
Seufzend wendete ich Faervel und kehrte im gestreckten Galopp zurück. Kaum hatte ich den Palast erreicht und war von meiner Stute geglitten, flog mir Legolas schon in die Arme. Ich blickte in strahlende blaue Augen. Kein Zweifel, es war die richtige Entscheidung gewesen, zurückzukehren. Dieses Gesicht... Er hatte das sanfte liebevolle Wesen seiner Mutter und das Aussehens seines Vaters geerbt. Zärtlich küsste ich ihn auf die Wange. „Du bist wieder da!“ Jubelte er und ich wirbelte ihn so lange durch die Luft, bis er vor Lachen keine Luft mehr bekam. Oh wie sehr ich diesen Jungen liebte! Ich vergrub mein Gesicht in seinen seidigen Haaren und spürte wie sich Gelassenheit in mir ausbreitete. Mochte ich seinen Vater auch verloren haben, ich würde nicht zulassen, dass der Junge genommen wurde. Für mich war er mehr als mein Patensohn. Seit Tinwens Tod liebte ich ihn wie meinen eigenen Sohn und behandelte ihn auch entsprechend.
„Lothíriel.“ Diese strenge Stimme hätte ich zu jeder Zeit und überall erkannt. Der hochwohlgeborene Elbenkönig war nicht begeistert mich und seinen Sohn zusammen zu sehen. Wenn es nach ihm ginge, würde der Junge die ganze Zeit Borgenschießen und Schwertkampf trainieren. Angeblich schwächte ich ihn, indem ich Legolas auf meinen Ausflügen mitnahm, ihm Geschichten erzählte oder vorlas und mit ihm zusammen musizierte. Ich sah ein, dass der junge Elb lernen musste sich zu verteidigen und die langweiligen Stunden in Etikette nehmen musste um eines Tages Thranduils Platz einnehmen zu können – aber es musste doch eine Zeit geben, wo er einfach Kind sein konnte. Geliebt um seiner selbst und nicht wegen seines Titels. So wie Oropher seinen Sohn einst bedingungslos geliebt hatte. Mithrellas und mich miteingeschlossen.
Es hätte meinem alten König das Herz gebrochen, wenn er seinen Sohn und seinen Enkel jetzt sehen könnte. Trotz all der Pflichten, mit denen er Thranduil nach und nach betraut hatte, war es ihm wichtig gewesen, seinem Sohn Zeit zum Leben und Luft zum Atmen zu lassen.
Er hatte sowohl Thranduil als auch Legolas von ganzem Herzen geliebt. Ich drängte die Tränen zurück, die in meinen Augen brannten. Vor diesem Elbenkönig, der keine Ähnlichkeit mehr mit meinem Freund hatte, würde ich nicht weinen oder Schwäche zeigen. Legolas versteifte sich in meinen Armen. Sanft fuhr ich ihn durch die Haare. Langsam beruhigte der junge Elb sich und schmiegte sich schutzsuchend an mich. Mein Herz schmolz einmal mehr, als ich ihn fest hielt. Wie sehr ich doch den Jungen liebte. Zärtlich küsste ich ihn auf den Kopf. Ganz gleich was es mir auch abverlangte – ich würde ihn niemals aufgeben. Dafür war er mir zu wichtig. Seinen Vater liebte ich ebenso aber der wollte mein Herz ja nicht.
„Thranduil.“ Begrüßte ich seinen Vater mit einem knappen Nicken. Seine Gesichtszüge waren streng und hart vor unterdrücktem Ärger. Wollte er mir wirklich eine Standpauke halten? Schlechte Idee, zumal ich bisher jeden unserer verbalen Wortgefechte gewonnen hatte. Dennoch musste dieser Streit warten. Grimmig musterte ich ihn, während Legolas sich fröstelnd in meine Arme schmiegte. Armes Kind. Gefangen in einem Palast, in dem es kaum Liebe und Wärme gab. Was für eine schreckliche Situation. Für uns alle. Wie könnte ich ihn jemals hier alleine lassen? „Wenn du mich anschreien willst, könnten wir das auf heute Abend verschieben, oder zumindest bis zu dem Zeitpunkt, wo Legolas im Bett ist? Ich möchte nicht, dass er unter unseren Streitereien mehr leidet als ohnehin schon.“ Es klang wie ein Vorwurf und war auch so gemeint.
Der König erstarrte und musterte mich wütend. Es gab nur eine einzige Person die ihr Verhalten ihm gegenüber nie nach seinem hohen Status gerichtet hatte. Ich hatte keine Angst vor ihm oder einer möglichen Strafe. Er konnte mir nichts mehr antun, was er nicht ohnehin schon tat. Sollten doch andere vor ihm erzittern und Lügen erzählen.
Kühl begegnete ich seinem Blick. Ich würde vor Legolas nicht mit ihm streiten. Zu gut hatte ich in Erinnerung, was ich damals durchgemacht hatte, wenn meine Eltern vor mir und meiner Schwester stritten. Für sie hatte nur der jeweils andere existiert. Es waren Abscheu und Hass gewesen, die sie aufeinander zutrieb. Niemals hätten sie Kinder bekommen dürfen. Eine Ehe ohne Liebe.
Weder Mithrellas noch ich hatten uns wohl gefühlt zuhause. Viel lieber waren wir bei Oropher und Thranduil gewesen. Dort herrschte eine viel liebevollere Atmosphäre als bei uns. Oropher hatte uns immer das Gefühl gegeben willkommen zu sein und von ihm geliebt zu werden. Er war uns mehr Vater gewesen als unser Leiblicher. Bald schon hatten wir begonnen ihn „Ada“ zu nennen. Seine gütigen Augen hatten dann immer vor Freude aufgeleuchtet. Er hatte uns allerdings nie gezwungen das Leben einer Prinzessin zu führen. Die Freundschaft mit seinem Sohn hatte er begrüßt, zumal er wusste, dass wir Thranduil um seinetwillen mochten und schätzten. Wir hatten einander immer vertrauen können.
Meine Zwillingsschwester hatte wie Tinwen und ich eine Schwäche für den Prinzen gehabt, aber es sicher besser verbergen können. Sie war noch sanftmütiger als Tinwen gewesen und hatte von Kämpfen nicht wirklich viel gehalten. Nächtelang musizierten wir zusammen, erzählten uns Geschichten und malten uns Abenteuer in den schönsten Farben aus. Meine Miene wurde traurig, als ich daran dachte, wie ich hilflos hatte zusehen müssen, wie sie starb. Mithrellas war in der Schlacht auf Dagorlad gefallen als sie sich vor Oropher und einem Bergtroll warf.
Ihr Tod hatte mich genauso tief getroffen wie der von Oropher, der trotz Mithrellas’ Opfer in jener Schlacht fiel. Wie sehr hatte ich meine Hilflosigkeit verflucht. Auch nachdem ich meinen besten Freund gefunden hatte, in seinen Armen die tote Tinwen. An nur einem Tag hatten wir die drei wichtigsten Personen in unserem Leben verloren.
Ich hatte mit anderen darüber gesprochen, schrieb meine Gefühle und Erinnerungen auf, die guten wie die schlechten und ließ zu, dass die Trauer für einige Momente mein Herz ergriff.
Ich drängte meine Trauer zurück, konzentrierte mich auf Thranduil und Legolas. Natürlich verstand ich, dass mein Freund immer noch unter Tinwens Verlust litt. Es war ungerecht Legolas so zu behandeln nur weil er zu stolz war um sich seiner Trauer zu stellen und über die Vergangenheit hinwegzukommen. Die Miene meines ehemals besten Freundes erstarrte, wurde erst hochmütig dann gleichgültig. Wenn er jemanden verletzen musste, dann mich. Ich konnte mich wehren. „Wir sprechen später darüber. Vergiss nur nicht, dass Legolas noch Training hat.“
Genervt verdrehte ich die Augen. Als ob ich das je vergessen könnte. Mir gefiel es nicht, dass es ihm nur um die militärische Ausbildung seines Sohnes zu gehen schien und weniger darum, ihn auch mal Kind sein zu lassen. Legolas würde früher oder später ohnehin erwachsen werden.
Es war nicht nötig ihm jegliche Kindheit zu rauben.
Nach einem letzten düsteren Blick auf mich, drehte der Elbenkönig sich auf den Absatz um und stiefelte davon. Kopfschüttelnd sah ich ihm nach. Kaum war er weg, wurde der Junge in meinen Armen wieder munter.
Er zupfte mit leuchtenden Augen an meinem Ärmel.
„Spielst du Verstecken mit mir?“
Ich lachte. Sein Lieblingsspiel.
„Solange du im Palast bleibst und nicht versuchst dich im Wasser zu verstecken gerne. Soll ich anfangen zu zählen?“ Der kindliche Eifer ließ sein zartes Gesicht strahlen und ich setzte ihn ab. Mit einem verschwörerischen Grinsen verdeckte ich die Augen und begann langsam zu zählen. Ich war gespannt, welches Versteck er sich dieses Mal einfallen ließ. Als ich bei fünfzig angekommen war nahm ich die Hände vor meinen Augen weg und blickte mich aufmerksam um. Hm, wenn ich ein kleiner Elbenjunge wäre, wo würde ich mich als Erstes verstecken? Die Antwort war leicht. Legolas liebte Bäume und kletterte gerne, um seinen strengen Ausbildern zu entfliehen in die höchsten Äste. Davon abgesehen hatte er eine große Affinität für Tiere, insbesondere Pferde. Grinsend stemmte ich die Hände in die Hüfte. Zeit einen kleinen Prinzen einzufangen.
„Ich komme!“ Rief ich und schwang mich mühelos auf einen Ast. Leichtfüßig sprang ich vom Baum zu Baum, so dass ich einen größeren Überblick hatte. Mit meinen scharfen Augen registrierte ich die kleinste Bewegung. Ah, da war ja der vertraute blonde Haarschopf.
Noch hatte Legolas mich nicht bemerkt, er blickte völlig gebannt auf einen Reiter, der schnell näher kam. Über Legolas Kopf verharrte ich auf dem Baum und musterte den Fremden. Schließlich grinste ich. Zauberer.
Was machte Olórin nur hier? Brachte er wieder schlechte Neuigkeiten oder war es ein reiner Freundschaftsbesuch? Vor Legolas Versteck hielt der Zauberer an. Ein junger Elb, knapp 150 Jahre alt, begrüßte ihn freundlich und nahm ihm die Zügel seines Pferds ab. Legolas schien unser Spiel vergessen zu haben, denn er stürmte, nicht wirklich prinzenhaft, auf Olórin zu und umarmte ihn. Der alte Graubart lachte.
„Ich freue mich auch dich zu sehen, junger Prinz.“
Das nahm der Kleine zum Anlass aufgeregt den Zauberer auszufragen. „Hast du mir etwas mitgebracht? Wie war die Reise? Wirst du heute Abend ein Feuerwerk anzünden? Kannst du mir ein paar neue Geschichten erzählen? Was geschieht da draußen in der Welt? Warst du in Lothlórien? Bleibst du bis zum Sternenfest? Nimmst du mich auf die nächste Reise mit?“ Lächelnd schüttelte ich den Kopf über ihn und sprang elegant hinter ihm auf den Boden. „Verzeih ihm bitte seine Neugierde alter Freund. Du weißt doch, es gibt kaum neugierigere Geschöpfe als Elbenkinder.“ Er lachte und Legolas zuckte ertappt zusammen. Schmunzelnd zerzauste ich seine Haare. Der Junge entspannte sich und schmiegte sich einmal mehr an meine Seite. Kam es nur mir so vor oder suchte er meine Nähe? „Zugegeben, Hobbits zumindest die Kinder sind auch neugierig. Aber ich fürchte diese liebenswerte Eigenschaft wächst sich aus. Zumindest scheint Thranduil nicht mehr so aufgeweckt, neugierig und fröhlich zu sein wie einst.“ Der Zauberer lächelte warf mir einen neugierigen aber einen scharfen Blick zu. Ich hob die Augenbrauen und zuckte mit den Achseln. Was denn? Warum sah er mich so an? Seine Miene glättete sich und der alte Schalk trat in seine Augen. Ah, das war der Freund, den ich kannte. „Ich freue mich auch dich zu sehen Lothíriel.“
Auf viele mochte er harmlos werden, zumal er, wenn er wollte, den Anschein eines gebrechlichen alten und wehrlosen Mannes erweckte. Aber der Eindruck täuschte. Er konnte sich sehr gut verteidigen, sowohl mit Magie als auch mit seiner Klinge. Als Reisender musste man immer auf der Hut sein und der Zauberer war wachsamer als es schien. Lächelnd musterte ich seine Reisekleidung. Er trug wie immer seine graue Robe, den Stab und ein Schwert mit sich.
„Darf ich dich fragen, was dich hierher führt mein Freund?“
„Thranduil hat mich zum Sternenfest eingeladen und da ich lange nicht mehr mit Elben zusammen gefeiert habe sagte ich zu. Sag mal, wo steckt eigentlich der König des Grünwalds?“ Ich seufzte und verdrehte die Augen. Nach seinem raschen Abgang dürfte Thranduil genau das tun, was ich immer verabscheute. Zum Glück musste ich nicht seine Pflichten als Regent eines großen Elbenreiches übernehmen. Es wäre viel zu langweilig und anstrengend. „Regierungsgeschäfte nehme ich mal an. Du weißt doch wie das ganze abläuft: Bittsteller die ihre Anliegen vortragen, Essen mit Würdeträgern und Adligen aus allen Königreiche, langweilige Empfänge, endlose Besprechungen und nicht zu vergessen heuchlerische Höflichkeit.“
Seine Augenbrauen zuckten bei meinen genervten Tonfall.
„Du hältst also immer noch nicht viel davon.“ Stellte er fest. „Hast du in letzter Zeit eigentlich Kontakt zu Celeborn und Galadriel aufgenommen?“
Warum fragte er mich das? Es war nicht allein meine Entscheidung gewesen, jeglichen Kontakt abzubrechen. Schließlich hatte nicht ich selbst meine Verbannung ausgerufen. Die Einzigen die dieses Urteil widerrufen könnten waren exakt die genannten Elben. Nur hatten sie kein Interesse daran. Zudem waren sie mir mittlerweile gleichgültig. Langsam zog ich eine Augenbraue hoch. Seit Jahrzehnten herrschte völlige Stille zwischen uns und das obwohl wir einst gute Freunde gewesen waren.
„Nein. Sollte ich irgendetwas Beunruhigendes wissen, das du mir verschweigst?“ Er hob besänftigend die Hände. Aus mir unerfindlichen Gründen schien er einen Narren an Galadriel gefressen zu haben. Wohl geblendet von ihrem Aussehen und ihrer scheinbar freundlichen Art.
„Das nicht, aber die beiden schienen dich zu vermissen.“ Ach ja? Das zu glauben fiel mir wirklich schwer. Immerhin war Celeborn der Grund, warum meine Freundschaft mit Galadriel in die Brüche gegangen war. Verdammt, eine einzige Nacht in der wir beide zu viel Wein getrunken und unvorsichtig gewesen waren. Noch immer war sie sauer auf mich und ich war mir hundertprozentig sicher, dass sie mich hasste. Auch wenn meine Tochter wenige Stunden nach der Geburt gestorben war, hatte es nichts an meiner Verbannung geändert. Der eigentliche Skandal bestand darin, dass ich unverheiratet schwanger geworden war und ein Kind zur Welt brachte. Wie viele Freunde hatte ich deswegen verloren? Nun, ich weinte ihnen keine Tränen nach. Statt zu mir zu halten, wandten sie sich von mir ab, zeigten anklagend mit dem Finger auf mich und spotteten bösartig. Solche Freunde brauchte ich wahrlich nicht. Die Einzigen die zu mir gehalten hatten trotz dieser leidigen Geschichte waren Tinwen, Mithrellas, Oropher und Thranduil. Dabei kannten sie nicht einmal alle Fakten.
Celeborn und Galadriel schwiegen. Sie äußerten nichts zu dem Vorfall bis auf die Verbannung. Seither hatte ich die goldenen Wälder der Heimat meiner Mutter nicht mehr betreten. Sehnsucht danach verspürte ich auch nicht. Warum auch? Spott und Hohn konnte ich auch andernorts erleben.
„Herrin Lothíriel?“ Ich drehte mich zu einem hochgewachsenen dunkelhaarigen Elben um. Einer von Legolas Lehrern. Ehrerbietig verneigte er sich vor mir. Mit einer lässigen Handbewegung hinderte ich ihn daran, sich noch übertriebener vor mir zu verbeugen. Auffordernd sah ich ihn an. Mit einem Lächelnd musterte er Legolas. „Es ist Zeit für den Unterricht seiner Hoheit.“ Seine Hoheit? Da hatte jemand seine Meinung bezüglich Privilegien und Alter wirklich geändert. Kopfschüttelnd musterte ich ihn. „Hoheit? Hat Thranduil darauf bestanden ihn so zu nennen?“
„Er ist ein Prinz.“ Ich verengte die Augen. Sicher, Legolas war ein Prinz. Aber ich erinnerte mich an einen charmanten Jungen im selben Alter der darauf bestanden hatte, dass man ihn nicht aufgrund seiner Herkunft anders behandelte. Er wollte nicht bevorzugt werden, bloß weil er ein Prinz war. Thranduil hatte viel Wert daraufgelegt, mit Gleichaltrigen zu spielen und zu trainieren, die nicht denselben gesellschaftlichen Rang hatten wie er. Hatte er sich so sehr verändert?
„Er ist gerade mal vierzehn Jahre alt. Ein Kind. Diese ganze Adelsgeschichte ist für die Entwicklung eines Kindes, das zudem seine Mutter verloren hat, zu viel. Ja er ist ein Prinz, aber Thranduil selbst hat es in diesem Alter jedem Elben verboten ihn mit Hoheit, Herr oder Prinz anzusprechen. Mir scheint mein Freund hat seine eigene Jugend vergessen.“ Der Elb wirkte eingeschüchtert, weil ich Thranduil nicht mit denselben verklärten Augen sah, wie sein Hofstaat. Aber für mich war der blonde Aristokrat immer nur jener liebenswerter Elb gewesen, der mit mir, Mithrellas und Tinwen im Wald verstecken gespielt und jede Bevorzugung wegen seines Standes verabscheute. Wie erschreckend, dass er sich so drastisch verändert hatte. Legolas sah unsicher von mir zu seinem Ausbilder. Seine Zerrissenheit machte mir Sorgen. Ich kniete mich vor ihn hin und nahm sanft seine Hände in meine. „Ich glaube an dich, dass du es schaffst, mein kleiner Stern. Heute Abend können wir beide die Sterne beobachten, du erzählst mir von deinem Tag und ich spiele dir ein paar Lieder auf meiner Flöte vor, versprochen. Aber erst einmal musst du dich ein wenig gedulden und üben.“ Er hatte Tränen in den Augen und biss sich auf die Unterlippe. Wie sehr ich es doch hasste, das Thranduil mich in solche Situationen brachte. Zärtlich küsste ich ihn auf die Stirn. „Schsch. Alles ist in Ordnung. Ich bin hier wenn du mich brauchst.“ Zitternd schlang er seine Arme um mich und ich drückte ihn sanft an mich.
„Ich will nicht weg!“ Flüsterte er mir ins Ohr. Der arme Junge. Liebevoll streichelte ich seinen Rücken. „Soll ich dich bis zum Trainingsplatz begleiten? Würde dir das helfen?“ Er nickte und wischte sich tapfer die Tränen weg. Der ganze Druck der auf ihn lastete war eindeutig zu viel.
Mit einem Lächeln nahm ich seine Hand und bedeutete dem anderen Elben voraus zu gehen. Als ob er Angst hätte, mich jeden Moment zu verlieren, klammerte Legolas sich an meiner Hand fest. Wir erreichten den Trainingsplatz und ich setzte mich um ihm zuzusehen. Meine Anwesenheit schien ihn zu beruhigen und er hörte den Worten seines Lehrers aufmerksam zu. Lächelnd beobachtete ich wie der Elb die Haltung seines Schützlings korrigierte, freundlich Anweisungen gab und ihn zu Höchstleistungen anspornte. Neben Bogenschießen lernte er natürlich auch sämtliche Nahkampf Techniken sowie Methoden sich ohne jegliche Waffen zu verteidigen. Er hatte eine natürliche Begabung und besaß eine rasche Auffassungsgabe. Beides half ihm. Man konnte ihm ansehen, dass er später einmal ein gefürchteter Krieger werden würde.
Ein Luftzug war alles das mich warnte. Ich drehte leicht den Kopf und erkannte, wie Thranduil sich neben mich setzte. Er musterte mich von der Seite und schien darüber nachzudenken, was er sagen sollte.
„Du beschützt ihn.“ Murmelte er so leise, dass nur ich ihn verstehen konnte. War es ein Vorwurf, eine Feststellung oder eine einfache Aussage? Wie sollte ich diese Bemerkung interpretieren? „Er erinnert dich sehr an Tinwen, habe ich Recht? Ich weiß noch, dass du sie damals immer beschützt und verteidigt hast. Für dich war sie wie eine kleine Schwester nicht wahr?“ Überrascht, dass er dieses Thema ansprach, lehnte ich mich zurück. Konnte es sein, dass er jetzt endlich bereit war zu reden? Beinahe wagte ich nicht zu hoffen. „Er hat viel von euch beiden Duil.“
Absichtlich nannte ich ihn bei seinem Kosenamen.
Niemand außer mir hatte er es je gestattet ihn so zu nennen.
Ein schwacher Hauch von einem Lächeln huschte über sein Gesicht ehe es wieder zu der gewohnten ausdruckslosen Maske erstarrte.
„Tíriel.“ Er senkte seinen Blick auf meine Hände in denen meine Flöte lag. Ich hatte sie aus meinem Gewand gezogen um sie zu polieren. „Warum müssen wir uns eigentlich immer streiten? Wir wollen beide das Beste für ihn.“ Ich lächelte und hob die Hand um ihn sanft eine Strähne hinters Ohr zu streichen. Seit wann war er nur so vernünftig? Wo blieb der kalte Tyrann, der mir seit Jahren nur seine biestige Seite zeigte? Nicht das ich mich beschweren wollte, es wunderte mich nur. „Vielleicht streiten wir, weil wir beide noch immer nicht ganz glauben wollen das Tinwen tot ist. Wir gehen beide unterschiedlich mit unserer Trauer oder den Erwartungen anderer um. Ich weiß noch, dass ich dich angefleht habe dein Zimmer zu verlassen. Ein ganzes Jahr lang hattest du dich dort eingesperrt und ich kam fast um vor Sorge. Tinwen würde nicht wollen das du dich derart verschließt und von deiner Familie abwendet. Legolas braucht dich und deine Liebe. Er ist ein Kind und sehr verletzlich.“
Er fing meine Hand ein und hielt sie fest. Ernst musterte er mich.
„Ich kann nicht gleichzeitig König und Vater sein, Tíriel.“
Seufzend senkte ich den Blick. Wieso musste er so sehr an sich zweifeln? Sah er denn nicht, dass er geliebt wurde? „Du kannst das Thranduil. Du musst nur an dich und die Liebe zu deiner Familie glauben.“
„Wie kann ich meinem Sohn die Liebe geben die er verdient, wenn mit meiner Frau mein Herz gestorben ist? Ich fühle mich so leer.“
Das kam einem Hilfeschrei gleich. Zögernd hob ich den Kopf.
Die Verzweiflung die ich in seinen eisblauen Augen sah raubte mir den Atem. Mein Herz setzte einen Schlag aus ehe es schmerzhaft zu pochen begann. Sanft zog ich ihn in meine Arme und hielt ihn einfach nur fest.
„Du bist mehr als du denkst, Thranduil. Andere mögen dich wegen deiner Herkunft, deiner Macht oder deiner Krone lieben. Aber ich habe dich immer gesehen. Du bist kein schlechter Elb und in dir steckt trotz all der Fehler ein gutes Herz. Glaubst du, ich hätte mich nicht auch verlassen, einsam und leer gefühlt als Mithrellas vor meinen Augen erschlagen wurde? Sie starb um deinen Vater, den wir alle anbeteten zu retten. Lass die Trauer und die Tränen zu Thranduil. Gefühle sind nichts Schlechtes. Es ist gut eine Weile um die Verlorenen zu trauern aber das Leben geht weiter. Keiner von ihnen, weder Mithrellas, noch Oropher oder Tinwen würde wollen, dass wir unglücklich sind und ihr Tod uns jegliche Freude am Leben raubt. Wir werden beide gebraucht mein Freund.“
Seine Schultern bebten. Weinte er etwa? Liebevoll fuhr ich mit den Händen über seinen Rücken. Mochte er mich auch noch so wütend machen, ich wusste, warum ich mich in ihn verliebt hatte.
Er liebte leidenschaftlich und als Elb spürte er alles intensiver. Das schloss Schmerz mit ein. Es berührte mich tief, dass er zuließ, dass ich ihn tröstete. Sein Griff um mich verfestigte sich und er zog mich auf seinen Schoß, das Gesicht in meinen Haaren vergraben.
„Bitte verlass mich nicht Lothíriel. Ich könnte es nicht ertragen dich auch noch zu verlieren.“ Die Verletzlichkeit in seiner Stimme brachte mich zum Weinen. „Schsch. Ich bin ja hier.“ Flüsterte ich leise, fast erstickt, während ich sanft seinen Rücken streichelte. „So schnell wirst du mich nicht los. Weißt du denn nicht, wie viel du mir bedeutest? Wie sehr ich an dir und deinem Sohn hänge? Wenn ich euch verlassen würde könnte ich mir genauso gut das Herz herausreißen. Beruhige dich. Alles wird gut.“
Tief atmete er den Duft meiner Haare ein. Dann stand er auf und trug mich zu meiner Überraschung zu unserer alten Lichtung.
Der Ort, wo wir uns alle heimlich getroffen hatten, wenn es Tinwen und Thranduil gelungen war, ihren Aufpassern zu entwischen. Das Licht spielte in den Zweigen, der Wind fuhr durch die Baumkronen und helles Vogelgezwitscher erfüllte die Luft. Es war wie damals.
Nur fehlten Mithrellas und Tinwen.
Er sah zu mir herunter und ich hatte das Gefühl in seinen Augen zu ertrinken. Die Valar mögen mir gnädig sein, aber ich verfiel ihm immer mehr. Reiß dich zusammen! Fuhr ich mich selbst innerlich an. Leider konnte ich nicht verhindern, dass ich rot wurde. Oh verdammt.
„Du sagst immer das Richtige.“ Ein freches Grinsen, bei dem mein Herz zu rasen begann, umspielte seine Lippen. So fröhlich hatte ich ihn seit zu vielen Jahren nicht mehr gesehen. Beinahe schien die Vergangenheit vergessen zu sein. „Naja – wenn man von deinen bissigen Bemerkungen bei unseren Auseinandersetzungen absieht, könnte man dich fast als liebenswert bezeichnen.“ He! Unverschämter Kerl. Ärgerlich befreite ich mich aus seinen Armen und warf ihm einen scharfen Blick zu.
„Euer Charme lässt zu wünschen übrig Hoheit. Vielleicht solltet Ihr mal darüber nachdenken wohin Ihr ihn verlegt haben könntet.“
Er legte den Kopf in den Nacken und lachte.
Der fast vergessene Klang berührte mich tief. Er brachte Erinnerungen an gemeinsame Ausflüge, Übungskämpfe, gestohlene Stunden im Wald und sehr viel Glück zurück. Sonnige Tage, in denen wir völlig befreit von den Erwartungen anderer oder gesellschaftlichen Verpflichtungen lebten. Singend und tanzend im Mondschein herumwirbelten. Die grenzenlosen Freiheit, das Gefühl, die Welt liege einem zu Füßen und eine übersprühende Lebensfreude die jeden von uns ergriff. Wie unbeschwert, wild und frei wir in diesen Momenten gewesen waren. Alle Sorgen waren vergessen. Nur die Gegenwart und die Gesellschaft unserer Freunde zählte etwas. Sehnsucht nach jenen vergangenen Zeiten regte sich in mir.
Damals waren wir noch alle zusammen gewesen. Mithrellas, Tinwen, Thranduil und ich. Vier junge Elben die trotz jeder Standes – und familiären Unterschiede unzertrennlich waren. Wir waren zusammen unschlagbar gewesen, eine nicht zu unterschätzende Macht.
Im Kampf hatten die Gegner keine Chance gehabt und da wir stets wussten, was der nächste Schritt der anderen drei waren hatten wir perfekt zusammen harmoniert. Da wir Oh ja, wir hatten die Welt retten wollen und jegliche Ungerechtigkeit ausmerzen wollen. Unsere Ziele und Ideale waren hochfliegend gewesen. Unsere Arroganz kannte kaum Grenzen ebenso wenig wie unsere Leidenschaft für die Dinge, die wir für wichtig hielten. Für uns hatten die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen uns keine Rolle gespielt. Wir respektierten einander nicht wegen vererbbarer Macht oder der Hierarchie, der wir uns eigentlich unterordnen sollten, nein, wir achteten einander weil wir um die Stärken und Schwächen der anderen wussten und uns gegenseitig als ebenbürtig anerkannten. Für uns hatte immer nur das wahre Wesen hinter allen äußerlichen Einflüssen, den Masken, die wir aufsetzten oder jegliche Attitüde, gezählt. Wir wollten den Charakter des anderen wertschätzen. Ihn um seiner selbstwillen lieben, respektieren und freundlich behandeln. Allein darum war es uns gegangen. Nicht die ewige Suche nach kalter, unerreichbarer Perfektion, die so viele unserer Art erstrebten.
Aber mit den Jahren hatten sich Thranduil und Tinwen verändert. Denn ihre Eltern hatten von ihnen erwartet, dass sie ihren Pflichten gerecht wurden. Unsere Treffen waren immer seltener geworden und wir hatten einander nur noch bei offiziellen Anlässen gesehen. Doch obwohl wir auf einmal getrennte Wege gingen war unsere Freundschaft geblieben.
Natürlich würde es niemals so sein wie in unserer Kindheit oder Jugend. Jeder von uns hatte das gewusst. Von Mithrellas und Tinwen wusste ich, dass sie es bedauert hatten. Thranduil war da schwerer zu durchschauen gewesen. Der Druck auf ihn war groß gewesen auch wenn Oropher versucht hatte, seinen Sohn nicht zu sehr mit seinem Erbe zu belasten. Aber ein Prinz oder ein König musste sich in der Öffentlichkeit anders verhalten als einfache Adlige. Er trug Verantwortung und musste stets in erster Linie an das Wohl seines Volkes denken.
Das war auch der Grund, warum Tinwen ihn damals hatte heiraten musste. Nicht unbedingt weil die beiden es wollten, sondern um eine politische Allianz zwischen zwei mächtigen Elbenvölkern zu stärken.
Es war ein Glück das die beiden einander geliebt hatten. Denn für Elben gab es so etwas wie eine Scheidung nicht. Nur der Tod allein war in der Lage erst einmal verbundene Leben zu trennen.
So war es am Ende auch gekommen. Ich lächelte wehmütig.
„Du hattest nie Respekt vor mir als Prinz. Für dich war ich immer ein gewöhnlicher Elb wie jeder andere. Weißt du, wie selten es ist, dass sich Elben mir gegenüber so benehmen?“ Ja. Das wusste ich nur zu gut. Sie katzbuckelten, benahmen sich kriecherisch, versuchten ihn zu umschmeicheln und verhielten sich, als wäre er so etwas wie ein Gott. Was er definitiv nicht war. Ich liebte ihn nicht wegen seines Titels, seiner Krone oder seiner Macht. Nein. Mein Herz gehörte ihm allein, weil ich den wahren Thranduil kannte. Jenen Mann, der mich selbst dann zum lachen brachte, wenn ich vor Schmerz fast blind war. Der mich jegliche Sorgen vergessen lassen konnte. Er hatte nie versucht mich zu verändern oder mir wirklich seinen Willen aufzuzwingen. Wie oft hatte er mich beschützt und selbst dann zu mir gestanden, wenn es ihn selbst in Schwierigkeiten brachte? Er hatte mir stets den Glauben an mich selbst und das Gute in der Welt zurückgegeben. Bei ihm hatte ich mich stets geborgen, geliebt und akzeptiert gefühlt. Die Tatsache, dass er mich so sah, wie ich wirklich war hatte mir immer so viel bedeutet. Er bedeutete mir so viel, dass es mir die Kehle zu schnürte. Mochten meine Gefühle auch nicht erwidert werden – ich war dankbar, dass ich diese Art von Liebe erfahren durfte. Es war mehr als Freundschaft die mich an ihn band. Liebe. Nur ein Wort, das den Gefühlen, die ich empfand, kaum gerecht werden konnte. Könnte ich ohne Thranduil und Legolas glücklich sein? Nein. Hier gehörte ich hin. Ohne sie würde ich mich nie vollständig fühlen.
Lächelnd sah ich in seine Augen, die gerade vor neu erwachter Lebenskraft förmlich strahlten. Ja. Dies war mein Zuhause. Legolas und Thranduil waren meine Familie. Ich hatte ihn nicht angelogen. Es würde mir das Herz zerreißen, wenn ich sie verlassen sollte. Wenn eine Elbin liebte, dann mit allem was sie ausmachte. Herz, Seele, Geist und Körper. Wenn ich zu mir ehrlich war, musste ich mir eingestehen, dass es mich zerstören würde diese beiden Männer zu verlieren. Hoffentlich würde ich nie gezwungen sein sie zu verlassen. Zwar hatte ich immer wieder mit dem Gedanken gespielt aber ich brachte es nicht über mich ohne einen Blick zurück zu verschwinden.

„Kommst du morgen zum Sternenfest oder gehst du weg?“
„Ich bleibe für ein paar Stunden, dann muss ich weg.“
„Tíriel.“ Ich wandte den Kopf, begegnete seinem Blick. Er seufzte leise. Was war denn nun los? „Warum bist du nur so oft unterwegs?“ Nun, ein Teil der Wahrheit war, dass es mich innerlich zugrunde richtete, Legolas und ihn leiden zu sehen und deshalb zeitweise Abstand brauchte. Ganz davon abgesehen vermisste ich das einfache Leben, das ich geführt hatte, ehe Oropher mich zu der Vertrauten und Beraterin seines Sohnes gemacht hatte. Eine gewöhnliche Elbin, die sich nicht mit Politik, Intrigen und Kriegen auseinandersetzen musste. So schön der Palast, den Thranduil nach dem Beispiel von Menegroth, der Hauptstadt von Doriath hatte errichten ließ, ich konnte in ihm kaum atmen. Seine Hallen waren in Wahrheit ein unterirdisches Höhlensystem, das durch verwunschene Tore geschützt wurden. Aus Stein gehauene Säulen stützten und schmückten die Haupthöhle sowie die unzähligen kleineren Hallen, Kammern und Gänge. Da die Waldelben durchaus Gefangene nahmen gab es auch Zellen, in die sie gesperrt wurden. Je nachdem, worin ihr Verbrechen bestand, wurden die Insassen gut versorgt oder gänzlich vernachlässigt. Palast, Schatzkammer und Festung zugleich – sie entsprachen dem Bedürfnis Thranduils nach hermetischer Abrieglung von der Außenwelt auf erschreckender Weise. Sein Hofstaat lebte im Palast selbst die gewöhnlichen Waldelben jedoch in den Bäumen.
„Ich behalte unsere Grenzen im Auge und halte nach Feinden Ausschau. Was spricht also dagegen, wenn ich unterwegs bin?“
„Die Dauer deines Fortbleibens.“
Und ich hatte gedacht, er würde es nicht einmal bemerken, wenn ich nicht anwesend war. Anscheinend hatte ich mich geirrt. Nicht das es eine große Rolle spielte. Ich warf mein Haar über die Schulter und bedachte ihn mit einem spöttischen Blick. Spott, den ich in Wirklichkeit gar nicht empfand. „Soso, der König der Waldelben bemerkt das Fehlen von einem seiner Fußabtreter. Ich bin beeindruckt.“
„Sarkasmus steht dir nicht Lothíriel.“
„Danke, das weiß ich auch.“
„Warum benimmst du dich dann auf diese Art und Weise? Womit habe ich diese Worte verdient?“
„Vielleicht bin ich auch einfach nur enttäuscht.“
Entschlossen, das Gespräch hier zu beenden wandte ich mich zum Gehen. Aber Thranduil verhinderte einen raschen schmerzlosen Abgang. Hart krallten seine Hände sich in meine Schultern, wirbelten mich herum. Langsam hob er mein Kinn an, zwang mich, ihn anzusehen.
„Hör auf damit Tíriel. Du bist sonst auch nicht zurückhaltend was deine Meinung angeht. Warum läufst du jetzt weg? Was verschweigst du mir?“
Meine Liebe... Aber die wollte er ja nicht.
„Es ist nichts.“
„Lüg mich nicht an.“
Tief atmete ich durch um meine Gefühle wieder unter Kontrolle zu bringen. Es brachte nichts, sich damit weiter zu beschäftigen. „Verzeih mein rüdes Verhalten Duil. Du hast es wirklich nicht verdient. Aber ich bin müde und ein wenig gereizt. Vielleicht wird Schlaf dem abhelfen.“ Prüfend musterte er mein Gesicht ehe er mich mit einem Nicken gehen ließ. Ich neigte knapp den Kopf zum Abschied ehe ich mich lautlos in mein Zimmer zurückzog. Mir war nicht länger danach, Zeit mit Thranduil oder Legolas zu bringen. Was immer auch für den Umschwung meiner Laune verantwortlich war, es setzte mir beharrlich zu. Mein Kopf pochte und meine Kehle schmerzte. Wurde ich etwa krank? Als Elbin sollte ich dagegen eigentlich gefeit sein.
>Tíriel.< Ich erstarrte. Seit Jahrhunderten hatte ich diesen Ruf nicht mehr vernommen. >Lothlórien braucht deine Hilfe. Eine Krankheit hat einen Teil der Bäume befallen. Nur du kannst sie aufhalten, meine Macht reicht dafür nicht aus. Bitte komm so schnell du kannst.<
Galadriel musste sich irren. Die Bäume Lórien waren seit Jahrhunderten gesund und voller Stärke. Keine wie auch immer geartete Krankheit hatte sie bedrohen können. Das hatte der Geist meiner Mutter verhindert.
Und nun sollte ihre Macht gebrochen und der Wald in Gefahr sein? Zitternd schlang ich die Arme um mich und starrte aus meinem Fenster über die Baumkronen hinweg in die Richtung meiner alten Heimat.
>Galadriel, bist du dir wirklich sicher, dass ihr Zauber gebrochen wurde?<
>Ja. Nur du kannst ihn erneuern und die Bäume schützen. Das ist deine Aufgabe, Hüterin der goldenen Wälder.<
>Ihr habt mich verbannt.<
>Der Bann wurde längst aufgehoben. Komm zurück zu uns.<
>Ich werde hier gebraucht.<
Schweigen. Fast hoffte ich, dass sie nichts mehr sagen würde. Aber mein Wunsch wurde nicht erhört.
>Dein Name bedeutet mit Blüten bekränzte Maid. Wie deine Mutter hast du Gabe geerbt, mit Gesang Pflanzen zu heilen, zu formen und wachsen zu lassen. Es gibt niemanden anderen mit dieser Gabe, das weißt du.<
Das stimmte leider. Nur die wenigsten wussten von dieser Gabe und Galadriel gehörte dazu. Wälder zu heilen, besonders solche wie den goldenen Wald von Lórien, forderte nicht nur viel Geschick und Können sondern erheblich viel Kraft. Je nach dem, was die Bäume befallen hatte, würde der Tribut, den ich für meine Gabe zahlen musste, höher ausfallen. An einen raschen nächtlichen Ritt zurück zu Thranduils Hallen wäre dann nicht mehr zu denken. Viel mehr würde ich warten müssen, bis ich vollständig genesen war. Zwiegespalten dachte ich darüber nach. Wenn ich Galadriels Bitte erfüllte, musste ich das Versprechen, das ich Legolas gegeben hatte brechen und auf das Sternenfest verzichten. Was, wenn ich so lange wegblieb, das Thranduil sich wieder verschloss und eiskalt wurde? Wenn alles, was wir heute erreicht hatten deswegen zunichte wurde? Konnte ich das riskieren? Auf der anderen Seite musste ich den Bäumen helfen. Was für ein Dilemma. >Was ist mit Legolas und Thranduil? Dem Sternenfest?<
>Lothíriel Varanérë.<
Innerlich krümmte ich mich. Verwendung des vollen Namens und ein strenger unnachgiebiger Tonfall. Klang kaum, als ob ich noch eine Wahl hätte.
>Ja?<
>Komm nachhause.< Nachhause... Mein Zuhause war hier. Aber es schien, als hätte Galadriel das praktischerweise vergessen! >Komm zurück nach Lothlórien.<
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1505052939
Das Herz aus Stein
Das Herz aus Stein
Lothíriel liebt ihre Freiheit, den Grünwald, den störrischen Elbenkönig Thranduil und dessen Sohn Legolas aus tiefstem Herzen. Immer wieder versucht sie zu Thranduil durchzudringen, aber irgendwann hält sie es nicht mehr aus und verschwindet. Jahrta...
http://www.testedich.de/quiz50/quiz/1505052939/Das-Herz-aus-Stein
http://www.testedich.de/quiz50/picture/pic_1505052939_1.jpg
2017-09-10
402C
Herr der Ringe

Kommentare (4)

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Sarah Laureen ( von: Sarah Lauree)
vor 34 Tagen
Ich weiß nicht was gerade mit meinem testedich.de los ist, aber anscheinend steht bei mir das die Geschichte fertiggestellt ist. Das stimmt nicht. Also nein, es dauert noch eine Weile bis die beiden Elben wirklich zusammenkommen.
Elenath ( von: Elenath)
vor 35 Tagen
Eine tolle Geschichte, die mich berührt hat. Weiter so, freue mich auf vielleicht neue Geschichten 😍!
Sarah Laureen ( von: Sarah Lauree)
vor 36 Tagen
Danke. Ich wollte einmal einen Blick hinter Thranduils Maske werfen und mich hat die Idee fasziniert, ihn doch noch mit einer Elbin glücklich werden zu lassen. Da die Geschichte noch vor Der Hobbit enden wird (voraussichtlich) muss ich ein wenig improvisieren was andere Personen angeht. Schön das es dir bisher gefällt. Ich freue mich immer über Kommis.
Sternenschreiber (97133)
vor 36 Tagen
Echt schöne Geschichte. Die letzten Zeilen sind so toll. Cool das du Legolas am Anfang als Kind genommen hast! Mach weiter so!

Lg Stern