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Die Hüterin der Dúnedain

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2 Kapitel - 8.494 Wörter - Erstellt von: Sarah Laureen - Aktualisiert am: 2017-12-05 - Entwickelt am: - 681 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Eruanna ist eine unsterbliche Kriegerin, die seit Jahrtausenden über die Menschen wacht und aus dem Verborgenen heraus die Völker Mittelerdes vor Saurons Machenschaften beschützt. Dabei verbirgt sie ihre wahre Identität. Bis ein Mann geboren wird, der die Wahrheit erkennt und Eruanna das schenkt, wonach sie sich am meisten sehnt - bedingungslose Liebe...

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Prolog - Anna die Waldläuferin Imladris, Mai 2929 D. Z. Imladris. Mit einem Seufzen zügelte ich meinen Hengst Argalon einer der Mearas und betrachte
Prolog - Anna die Waldläuferin

Imladris, Mai 2929 D. Z.
Imladris. Mit einem Seufzen zügelte ich meinen Hengst Argalon einer der Mearas und betrachtete die Elbenzuflucht, die ich oft genug als Heimat bezeichnete. Obwohl die Erinnerung an meine Eltern und meine ursprüngliche Heimat immer mehr verblasste, wusste ich doch, dass etwas Dramatisches geschehen war. Calavel und Faewen hatten niemals davon gesprochen. Zumindest nicht in meiner Gegenwart. Aber wenn sie sich unbeobachtet glaubten, hatte ich Schmerz, Sehnsucht und Trauer in ihren Augen gesehen. Sie hatten mich angefleht niemanden je meine wahren Namen zu verraten und zu verbergen, dass ich unsterblich war. Mochte ich auch menschlich aussehen, so täuschte dieser Eindruck. Seit meinem zwanzigsten Lebensjahr hatte ich aufgehört zu altern. Ein Grund, weshalb ich immer wieder meinen Zufluchtsort verlassen hatte. Auch wenn ich es eigentlich nicht musste. Aber ich ging nur ungern ein Risiko ein. Ein eindeutiger Vorteil war die Gabe der äußerlichen Verwandlung. Ich konnte mein Alter und mein Erscheinen ebenso ändern wie meine Stimme. Wie oft hatte ich schon meinen Tod vorgetäuscht? Unzählige Male. Nie hatte irgendjemand Verdacht geschöpft, ich könnte etwas anderes sein als sterblich. Niemand, nicht einmal die Elben die in Bruchtal lebten, ahnte wie alt ich in Wirklichkeit war. Meine Geheimnisse gehörten nur mir. Ich lächelte müde. Nicht das jemand noch lebte der mit den Namen Eruanna Valvanye etwas anfangen konnte. Meine Eltern, Calavel und Faewen waren im Ersten Zeitalter geboren worden – zeitgleich mit dem Hochkönig Finwe (1050 E. Z.). Ich selbst wurde knappe 80 Jahre später geboren. Über meine Vergangenheit sprach ich in der Gegenwart anderer selten. Schließlich wusste niemand was und wer ich wirklich war. Ich hatte viele Namen gehabt. Doch immer war ich für alle ein Mensch gewesen. Eine sterbliche Frau die alleine durch Mittelerde zog. Zumindest seit meine Eltern tot waren. Ich schauderte. Nur zu gut erinnerte ich mich an ihre brutale Ermordung. Es war reines Glück gewesen, dass ich überlebte. Seither hatte mich niemand mehr Eruanna genannt. Denn alle die mich einst unter diesen Namen kannten waren längst gefallen.
Heute, Jahrtausende später war ich für die meisten Elben Anna die Waldläuferin, eine Dúnadan ohne Eltern und Erinnerungen.
Meine Vergangenheit war tot und begraben. So wie meine Familie.
Tief atmete ich durch und versuchte die Erinnerungen zu verdrängen. Ich hatte keine Zeit in Selbstmitleid zu versinken. Der Wind fuhr in meine schwarzen Haare und ich hörte den Gesang der Erde. Wie gerne hätte ich ihrer Stimme gelauscht und mich zu längst vergessenen Kraftorten führen lassen, aber meine Aufgabe bestand darin, Arathorn die Antwort von Dírhael zu überbringen. Ich hatte ihn in seiner Festung besucht und wir hatten über Arathorns Bitte gesprochen. Wie es aussah wurde mein junger Schüler erwachsen und wollte eine Familie gründen. Gilraen mit ihren zweiundzwanzig Jahren und ihrer Herkunft war eine kluge Wahl. Die beiden passten perfekt zusammen. Ich hatte mit ihr gesprochen und sie war dem jungen Mann wirklich nicht abgeneigt. Tatsächlich mochte sie ihn. Eine Erleichterung, schlossen viele Frauen und Männer doch Ehen aus rein politischen Gründen. Doch hier entwickelte sich eine tiefe Liebe.
Ich war stolz auf ihn. Er machte seinem Vater Arador und dem Vermächtnis seiner Vorfahren alle Ehre. Bald würde er in die Fußstapfen seines Vaters treten. Denn schon im nächsten Jahr würde Arador im Alter von 110 Jahren von Hügeltrollen gefangen genommen und getötet werden. Mein Herz tat weh, als ich mich an die Vision erinnerte.
Sollte ich wirklich zu Arathorn gehen? Meine Träume hatten ihn mir gezeigt. Tot. Durchbohrt von einem Orkpfeil. Zwar war es noch nicht so weit, aber ich spürte, dass er nicht das hohe Alter anderer Dúnedain erreichen würde. Diese Vorstellung schmerzte mich. Für mich war Arathorn mehr als nur ein Schüler gewesen, denn ich unterrichtete. Viel mehr war er so etwas wie ein Sohn oder ein Bruder gewesen.
Warum nur musste ich immer die Tode derer sehen, die ich liebte? Für mich waren die Dúnedain seit langem die einzige Familie die ich hatte. Wir beschützten einander und das Band zwischen uns wuchs mit jedem verstreichenden Jahr. Am meisten erstaunte mich die Stärke Verbundenheit zu den direkten Nachfahren Elendils.
Ich wusste immer wo sie sich aufhielten, wie es ihnen ging und kannte ihr Schicksal. Ob es ein Fluch oder ein Segen war, dieses Wissen zu haben, war eine Streitfrage – die ich allerdings mit niemandem außer mir selbst ausdiskutierte. Manche Geheimnisse blieben besser verborgen.
Argalon schnaubte und scharrte ungeduldig mit den Hufen. Er wollte unbedingt weiter. Kein Wunder. Ich lächelte und tätschelte seinen Hals.
„Du hast ja Recht, Mellon.“ Es war an der Zeit, Arathorn wiederzusehen. Auch wenn sein Anblick bittersüßen Schmerz für mich bedeutete, da ich um sein Schicksal wusste und seinen Tod nicht verhindern konnte. „Ich sollte es nicht weiter aufschieben. Früher oder später werde ich ihn ohnehin sehen.“ Während er mich den schmalen Pfad hinuntertrug überlegte ich wie ich Arathorn die gute Nachricht berichten sollte.

Ein leichtes Klopfen an seiner Tür riss ihn aus seinen Gedanken. „Herein!“ Arathorn Sohn von Arador blickte auf, als Anna den Raum betrat. Mit einem Schmunzeln legte er die Feder beiseite und betrachtete sie. Ihre schwarzen Haare fielen offen über ihren Rücken und peridotfarbene Augen strahlten voller Lebensenergie. Sie war schlank, hatte leicht elbische Gesichtszüge und trug ein rotbraunes Reisekleid.
Alles in allem war sie eine Schönheit. Auch wenn sie sich offenbar kaum darum kümmerte, was andere über sie dachten. Im Gegenteil.
Er kannte kaum eine Frau die unabhängiger war als Anna. Sie war eine Dúnadan und viele Jahre älter als er. Ihr Wissen und innere Stärke hatte ihn stets beeindruckt. Dabei war ihr Leben nicht einfach gewesen. Als Kind hatte sie ihre Eltern verloren und war völlig alleine gewesen. Dennoch hatte sie überlebt und war zu einer geschickten Kriegerin geworden. Mit ihrer Kampfkunst konnte sie sich sehr wohl mit den erfahrenen Elbenkriegern messen und die meisten Kämpfe gewann sie sogar. Sie wurde von allen respektiert und genoß hohes Ansehen.
Sie war seine Lehrerin gewesen, ihr verdankte er sein Wissen über Heilkräuter sowie Kampfkünste. Er vermisste die Tage, in denen sie zusammen durch die Wildnis gestreift waren und sie ihm gelehrt hatte, die Natur als Verbündete anzunehmen. Leider hatte sie sich entschieden, ihre Streifzüge ohne ihn fortzuführen, seitdem er Gilraen gebeten hatte seine Frau zu werden. Wenn er es nicht besser wüsste, hätte er gedacht, dass sie eifersüchtig war. Aber nein, seine Mentorin hatte noch nie Interesse an Männern signalisiert. Was ihn selbst anging war ihr Hauptanliegen, das er am Leben blieb und sein Vermächtnis nicht vergas. Nicht das es ihm je gelingen würde. Er war stolz auf sein Volk und seine Vorfahren – wenn er von Isildur absah. Aber jede Familie hatte ihr schwarzes Schaf. Aufmerksam betrachtete sie seine Waffen, die er ordentlich an die Wand gehängt hatte, ehe sie seine elbische Kleidung betrachtete. Er hatte ungeduldig auf ihre Rückkehr gewartet.
„Du bist endlich zurück!“ Anna zog amüsiert eine Augenbraue hoch als sie seinen eindringlichen Tonfall hörte. „Sag bloß, du hast mich vermisst Arathorn.“ Neckte sie ihn und fuhr ihm wie früher durch die Haare. Er grinste sie verschmitzt an. Oft schien ihm, als würde sie ihn eher als Sohn oder kleiner Bruder ansehen, denn als erwachsener Mann. Nicht das es ihn störte. Im Gegenteil. Aber dennoch konnte er es nicht erwarten die Antwort zu erfahren. „Das weißt du doch, Anna. Oder muss ich dir ernsthaft sagen, wie langweilig es ohne dich sein kann? Und? Wie lautet seine Antwort?“ Mit einem sanften Lächeln reichte sie ihm einen wunderschön geformten Ring. Ein leuchtender Saphir in einer Silberfassung. Er kannte nur eine Frau die einen solchen Ring trug. Er schnappte nach Luft und sah sie an. Hatte Gilraen ihm dieses Zeichen als Antwort geschickt? „Gilraen vermisst dich. Was deine Frage angeht, ja er hat euch seinen Segen gegeben.“ Er stieß einen Triumphschrei aus, sprang auf und wirbelte sie vor Freude im Kreis herum. „Anna, du bist die Beste.“ Sie lachte und hielt sich an ihm fest. Arathorn konnte es kaum glauben. Die Valar mussten ihm wirklich gewogen sein. Sein größter Wunsch war in Erfüllung gegangen. Er würde Gilraen heiraten!
„Lass mich runter Ari!“ Schimpfte sie sanft und er stellte sie wieder auf die Füße. Kopfschüttelnd musterte sie ihn. „Du bist verrückt.“
„Ich bin nur wahnsinnig verliebt. Anna ich werde heiraten!“ Noch immer konnte er sein Glück kaum fassen. „Gilraen wird meine Frau.“
„He beruhige dich! Ich weiß ja, dass du dich freust, aber findest du nicht, das du ein bisschen übertreibst?“ Glücklich blitzte er sie an.
„Du findest ich übertreibe? Aber ich bin so glücklich, das ich am liebsten die Welt umarmen würde! Die Valar meinen es gut mit mir.“
„Wie ein Kind das sich über Süßigkeiten freut.“ Murmelte sie leise ehe sie ihm auf die Schulter klopfte. „Lust auf einen Ausritt? Ich finde es ist an der Zeit für dich, hier raus zu kommen und deine überschüssige Energie loszuwerden. Bist du bereit dafür? Oder soll ich erst in ein paar Stunden wiederkommen? Wenn du dich ein wenig mehr beruhigt hast?“
„Was hat Gilraen gesagt? Wie denkt sie über mich und unsere Hochzeit? Freut sie sich genauso sehr wie ich darauf?“ Bestürmte er sie mit Fragen. Sanft schob sie ihn weg und ging zur Tür. „Beruhige dich erst einmal dann reden wir. Es gibt noch viel zu organisieren, bis ihr heiraten könnt.“
„Du wirst doch dabei sein oder?“
„Worauf du dich verlassen kannst, mein Freund.“
Damit verschwand sie. Mit einem seligen Lächeln und innerlich laut jubelnd vor Glück verließ er sein Zimmer. Elrond freute sich über die gute Nachricht und gratulierte ihm herzlich. Später am Abend, nach einem langen Ausritt mit Anna, saßen sie alle zusammen und hatten nur ein Thema: die bevorstehende Hochzeit. Arathorn war gleichgültig wo sie heiraten würden solange er Gilraen seine Frau nennen konnte.
Schließlich schickte ihn Anna kopfschüttelnd ins Bett weil er – „vor lauter Liebe“ – nicht mehr zu gebrauchen sei und erst wieder klar denken musste. Er war zu glücklich um einzuschlafen und starrte stundenlang zu den Sternen hoch, erfüllt vor Dankbarkeit. Seine Gebete waren erhört worden.

Nördlich von Bruchtal, 2930 D. Z.
Es war ein kalter nebliger Morgen. Arador, 14. Stammesführer der Dúnedain des Nordens und Vater von Arathorn, blieb stehen um sich einen Überblick zu verschaffen. Trotz Annas inständiger Bitte war er allein aufgebrochen. Es gab Zeiten in denen er es genoß, alleine zu sein. Sein Sohn war mit einer wundervollen Frau verheiratet, seinem Volk ging es gut und er selbst regierte seit 18 Jahren. Es war nicht immer eine leichte Aufgabe gewesen und so war er Anna sehr dankbar, dass sie ihm bei der Erziehung Arathorns nach dem Tod von dessen Mutter geholfen hatte.
Seine liebevolle und hellsichtige Freundin hatte sich als kostbarer Schatz erwiesen. Seufzend betrachtete er seine Umgebung. Wie sehr er doch die Berge und die ungezügelte Kraft der Natur liebte.
Er sollte glücklich sein, aber er war es nicht. Seit einigen Monaten erfüllte ihn eine seltsame Unruhe und nichts, nicht einmal die Musik der Elben konnte ihn erfreuen. Ihm waren die besorgten Blicke von Anna durchaus aufgefallen. Sie schien zu spüren, das etwas nicht in Ordnung war.
Aber sie drängte ihn nicht, es ihr zu sagen. Dafür war er dankbar.
Zumal er den Grund selbst nicht erkennen konnte. Denn wenn er ehrlich war, hatte er alles was er brauchte um zufrieden zu leben. Sicher das Leben als Waldläufer war nicht immer einfach, aber es hatte ihn bisher immer mit Freude erfüllt, wenn er mit Anna und seinem Sohn zusammen war. Seine Familie. Er wusste, dass Arathorn mit Gilraen glücklich war. Anna würde die beiden im Auge behalten so wie sie es schon früher bei ihm selbst getan hatte. Ihre liebevolle Art hatte ihn schon früh nach dem Tod von Sidhiel bezaubert. Damals war sie knappe zwanzig Jahre alt gewesen aber schon eine erfahrene Kämpferin und eine begnadete Heilerin. Mochte sie Fremden gegenüber noch so abweisend und kühl erscheinen – er kannte ihre warmherzige und weiche Seite.
Sie wäre verletzt, wenn sie wüsste, das er mit dem Gedanken spielte, sie und seine Familie zu verlassen. Wenn er eines nicht wollte, dann das. Dafür bedeutete sie ihm zu viel. Warum also drängte ihn alles, seine Pflichten zu vergessen, seine Familie zu verlassen und wagehalsige Abenteuer zu erleben? Er war nie leichtsinnig gewesen.
„Ach Anna.“ Flüsterte er leise und blickte in Richtung Imladris, wo sie sicher gerade am Torbogen stand und besorgt auf seine Rückkehr wartete. „Ich wünsche dir, das du glücklich wirst. Die Valar wissen, dass ich dir nicht geben kann wonach du dich sehnst.“
Wie sie ihn gestern Abend angesehen hatte. Voller Kummer und Schmerz. In ihren wunderschönen Augen hatten ungeweinte Tränen geschimmert. Warum nur hatte sie ihn so angesehen? Als würde sie um ihn trauern? Er hasste es sie weinen zu sehen, weil der Anblick ihrer Tränen sein Herz zerriss. Dabei konnte er ihr nicht einmal das geben, wonach sie sich sehnte. Liebe. Was für ein einfaches Wort. Doch es umfasste ein gewaltiges Spektrum an Gefühlen. Er konnte sie nicht lieben. Nicht so wie sie es verdiente. Dafür hatte ihn der Tod seiner Frau zu sehr gebrochen. Er seufzte. Es wäre so einfach sich in Anna zu verlieben. Die Hälfte der Waldläufer und Elben die er kannte liebten sie bereits. Und er verstand auch nur zu gut warum. Seufzend wandte er sich ab.
Er würde erst am nächsten Morgen nach Bruchtal zurückkehren. Diese Nacht brauchte er für sich allein. Aber damit sie nicht einen Suchtrupp nach ihm ausschickte schrieb er eine kurze Nachricht und band sie an den Fuss seines Falken. Kluge Augen betrachteten ihn aufmerksam, ehe er davonflog. Hoffentlich würde sie das beruhigen. Er suchte nicht nach einem Kampf, viel mehr nach Klarheit und Antworten.

„Bei den Valar, du machst mich nervös.“ Beim vertrauten Klang der Frauenstimme drehte ich mich um. Ich konnte meine wachsende Unruhe nicht leugnen. Gilraen musterte mich besorgt. Sie schien zu spüren, das ich mich eingesperrt fühlte. Irgendwo da draußen war Arador. Diese Nacht würde es geschehen, das spürte ich. Seine Nachricht hatte mich bereits erreicht, beruhigte mich allerdings kaum. Acht Stunden lang hatte ich am Torbogen gestanden und die Berge beobachtet. Tief in mir eine grausige Angst. Es war grausam das ich Aradors Schicksal kannte, ihm aber nicht helfen vermochte. Jedes Mal wenn ich versuchte hatte ihn zu warnen hatte meine Stimme versagt und ich konnte nicht sprechen. Es war schrecklich. „Was ist nur mit dir los Anna? Seit Tagen bist du schon unruhig und isst kaum etwas. Schläfst du überhaupt?“ Ich wagte nicht zu schlafen weil ich die Visionen fürchtete, die der Schlaf für mich bereithielt. Mein ganzer Körper brannte und mir wurde übel sobald ich nur Essen roch. Gilraen, Elrond und seine Kinder machten sich Sorgen um mich. Das wusste ich. Aber ich konnte nichts tun um sie zu beruhigen.
„Habe ich dir eigentlich schon von meiner Tochter Almáriel erzählt?“ Anna die Waldläuferin würde bald verschwinden. Es war wieder an der Zeit, sich zu verwandeln. Nur so würde ich meiner Aufgabe gerecht werden. Gilraen verschränkte die Arme und musterte mich aufmerksam. „Nein, das hast du nicht. Nun, wer ist sie und warum lebt sie nicht bei dir?“
Ich lächelte während ich die Hintergrundsgeschichte in meinen Gedanken entspann. „Sie zieht das Leben in der Wildnis der Gesellschaft anderer vor. Eigentlich ist sie sehr scheu und lässt nur wenige an sich heran. Ihr Vater war ein Elb, aber sie sieht aus wie ein Mensch. Wir sehen uns nur selten, da sie weite Gebiete durchstreift während sie Orks jagt. Dennoch weiß ich immer wo sie ist und umgekehrt verhält es sich ähnlich.“
Meine Freundin grinste und stützte das Kinn in beide Hände.
„Woher kommt mir diese Beschreibung nur so bekannt vor? Aber erzähle weiter. Warum lebt sie nicht bei dir?“ Schmunzelnd setzte ich mich hin und starrte nach draußen. „Nun, sie ist der Meinung, dass sie erwachsen und nicht mehr auf meinen Schutz angewiesen ist. Darüber kann man zwar streiten, aber gut. Ich bin nicht so tyrannisch veranlagt, als dass ich sie dazu zwingen wollte. Wir brauchen beide unseren Freiraum. Was ihren Vater angeht: er hat nie wirklich Interesse an ihr signalisiert auch wenn er von ihr weiß. Dementsprechend schlecht ist sie auf ihn zu sprechen.“
„Hm es wundert mich trotzdem, dass du deine Tochter einfach allein herumlaufen lässt. Wie alt ist sie eigentlich?“
„Knappe fünfundzwanzig Winter. Aber sie ist reif für ihr Alter.“
„So jung?“ Gilraen klang schockiert. Ich warf ihr einen spöttischen Blick zu. „Meine Liebe, sie ist zwei Jahre älter als du. Und du bist verheiratet.“
Ein Strahlen legte sich auf ihr Gesicht. Ja, die Liebe... Stopp Eruanna! Keine wehmütigen Gedanken. Nicht jetzt.
„Ja und ich bin glücklich.“
„So sollte es doch sein.“ Hoffentlich blieben die beiden noch eine Weile glücklich zusammen. Auch wenn ich fürchtete, dass Arathorns Tod bald bevorstand. Wie viele Jahre blieben ihnen noch? Auf jeden Fall würde ich Gilraen und ihren Sohn, denn sie bald bekommen würde beschützen. Sofern es in meiner Macht stand. Aber niemals würde ich ihnen mein Geheimnis anvertrauen. Nicht solange es für ihr Überleben unnötig war. „Ich hoffe Arathorn benimmt sich nicht völlig wie ein Idiot.“
„Im Gegenteil, er liest mir jeden Wunsch von den Augen ab und trägt mich auf Händen.“ Ich grinste in mich hinein. Nun das würde seine zunehmende Kraft erklären... Zugegeben das war gemein und eigentlich unter meiner Würde. Trotzdem war es lustig. „Worüber lachst du Anna?“
„Och, es ist nicht so wichtig. Nur ein Gedanke.“
„Erzähl es mir!“
„Du quengelst wie ein Kind.“
„Bitte!“
„Also gut. Dein Liebster hat seit eurer Heirat an Kraft gewonnen. Muss an dem Gewichte heben liegen.“ Sie warf ihr Wollknäuel nach mir. Lachend wich ich dem Geschoss aus und zwinkerte ihr zu. „Du hast gefragt!“
„Du bist so gemein, Anna! Einfach unmöglich!“
„Oh, soll ich dich etwa bemitleiden?“
„Nein, entschuldigen!“
„Tut mir Leid – jetzt zufrieden?“
„Du meinst es nicht ernst.“
Ein Lachen erklang von der Tür her. Elrond zwinkerte mir zu.
„Charmant wie eh und je, hm? Musst du sie eigentlich immer ärgern?“
„Was denn?“ Ich zuckte mit den Schultern. „ Ich habe nur ihre Frage beantwortet. Was kann ich dafür, wenn sie es falsch aufnimmt?“
„Natürlich.“ Schmollte Gilraen. „Du bist wieder völlig unschuldig.“
„Süße, ich bin die Unschuld in Person.“
„Hahaha. So witzig.“
„Anna, hör auf sie zu ärgern und komm mit. Ich will dir etwas zeigen.“
Ich zerzauste meiner Freundin beim Hinausgehen die Haare und folgte Elrond grinsend. Er warf mir einen belustigten Blick zu.
„Du bist eine unverbesserliche Aufwieglerin.“
„Merkst du das erst jetzt?“
„Nein.“
„Dann ist ja gut.“
Kopfschüttelnd führte er mich in die Bibliothek und bat mich Platz zu nehmen. Neugierig gehorchte ich und schlug die Beine übereinander. „Ich bin auf eine interessante Schriftrolle gestoßen. Es ist mir noch nicht ganz gelungen sie zu entschlüsseln aber da ich weiß, dass du in der Übersetzungen uralter Schriften bewandert bist, wollte ich dich um Hilfe bitten.“ Hm, worauf mochte er wohl gestoßen sein? Mit einem Lächeln reichte er mir die Rolle. Vorsichtig zog ich sie auseinander und erstarrte. Das konnte, nein durfte nicht wahr sein! Wie war die Legende über den Untergang meines Volkes in seinen Besitz geraten? Zumal es Hinweise gab, dass dies aus der Feder meines Vaters stammte. Calavel.
Eigentlich hatte er es vermieden Zeugnisse zu hinterlassen die eindeutig auf ihn zurückgeführt werden konnten. „Der Verfasser trägt einen elbischen Namen.“ Bemerkte Elrond leise. „Aber ich kann mich nicht erinnern, jemals etwas über einen Calavel gehört zu haben.“
Wie auch? Wir zogen es vor im Verborgenen zu leben. Zumindest nachdem was geschehen war. Schweigend begann ich zu lesen.

>Einst lebte verborgen in einem längst vergessenen Tal in Valinor die Chisisi auch bekannt unter dem Namen Fae. Sie hielten das Gleichgewicht der Kräfte und achteten darauf, dass es keine der beiden Seiten gelang, zu lange die Oberhand zu behalten. Doch einige von ihnen wandten sich gegen Illuvatar, so dass er einen Fluch über das Volk legte, das bis zu diesem Zeitpunkt Arda stets beschützt hatte. Immer weniger Kinder wurden geboren und diejenigen die überlebten, wurden von allen anderen Völkern gejagt. Aber eine unter ihnen, die junge Königin Valvanye wollte sich mit diesem Schicksal nicht abfinden und bat Illuvatar, Gnade walten zu lassen. Nicht alle hätten sich von ihm abgewandt. Sie wusste um seine Liebe zu seinen „Kindern“ und das es ihn schmerzte auch nur eines von ihnen leiden zu sehen – selbst wenn es ihn verraten hatte. Ihre Bitte und die Reinheit ihres Herzens überzeugte den Gott. Doch bevor er seinen Fluch rückgängig machen konnte, griff Morgoth die geschwächten Chisisi an und tötete Valvanye. Es gelang dem gefallenen Ainu die Fae entweder völlig in seinen Bann zu ziehen oder sie zumindest für immer zu versklaven. Nur drei Fae war es gelungen ihm zu entkommen.
Der Bruder der Königin Calavel, seine Gefährtin Faewen und ihre neugeborene Tochter Eruanna. Aus Zorn, weil ihm gerade diese Fae entwischten zerstörte Morgoth das Königreich und das Vermächtnis des sonst so friedliebenden Volkes. Nie wieder sollten die Chisisi neue Macht gewinnen oder in Frieden lebte. Gleichgültig wie viele Fallen er ihnen stellte, die drei entkamen ihm und seinen Schergen jedes Mal aufs Neue. Schließlich wirkten Calavel und Faewen einen mächtigen Zauber um die Erinnerung an ihr Volk endgültig in den Gedächtnis aller Völker zu löschen. Nicht einmal ihre Tochter sollte sich erinnern, wer und was sie war. Nur ein einziges Mal kehrte Calavel in seine alte Heimat zurück.
Was er sah und erlebte veränderte sein Leben. Später einmal, wenn die Gefahr für seine Tochter gänzlich gebannt war, würde er ihr diese Schriftrollen übergeben. Es war sein Vermächtnis an sie, die Erinnerung an ihre Vergangenheit, die am Ende nur noch von Schmerz bestimmt war. Die detaillierte Fassung der Geschichte würde er an einem sicheren Ort verstecken. Ein Tagebuch voller Erinnerungen und Gefühle.<

Ich schloss die Augen und drängte die Tränen zurück. Wie sehr ich doch meine Eltern vermisste. Zitternd ließ ich die Rolle sinken und warf Elrond einen zögerlichen Blick zu. „Wie viel von dem hast du bereits entschlüsseln können?“ Hoffentlich nicht alles. Das wäre fatal.
„Nur die elbischen Namen. Bringst du mir die Sprache bei?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, Elrond. Diese Schrift ist tot – genauso wie sein Verfasser. Lass den Text in Frieden. Es bringt dir absolut nichts dich damit zu beschäftigen. Es ist lediglich ein Märchen. Nichts wichtiges also.“ Er wirkte enttäuscht, was mir völlig gleichgültig war. Dies war mein Erbe, mein Geheimnis. Ich würde niemanden gestatten die Wahrheit zu erfahren.

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1504359234
Die Hüterin der Dúnedain
Die Hüterin der Dúnedain
Eruanna ist eine unsterbliche Kriegerin, die seit Jahrtausenden über die Menschen wacht und aus dem Verborgenen heraus die Völker Mittelerdes vor Saurons Machenschaften beschützt. Dabei verbirgt sie ihre wahre Identität. Bis ein Mann geboren wird, de...
http://www.testedich.de/quiz50/quiz/1504359234/Die-Hueterin-der-Dnedain
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2017-09-02
402C
Herr der Ringe

Kommentare (2)

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Silver ( von: Chantal Römhild)
vor 12 Tagen
Die Geschichte ist wirklich sehr gut. Schreib bald weiter.
Sternenschreiber (80875)
vor 99 Tagen
Wie immer eine tolle Idee und eine tolle Umfassung! Mir gefällt besonders gut das sie sich verwandeln kann das die Geschichte noch vor der Ringemeinschaft startet.

Lg Stern