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Sieben Worte - Wie wir laut lebten

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1 Kapitel - 1.617 Wörter - Erstellt von: KillerRabbit - Aktualisiert am: 2017-09-01 - Entwickelt am: - 257 mal aufgerufen- Die Geschichte ist fertiggestellt

SEPTEMBER

http://www.testedich.de/quiz44/quiz/1475077173/Sieben-Worte-fuer-ein-Wunder-Ein-Schreibwettbewerb

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    Jemand wie ich sieht aus dem Fenster und bleibt sitzen. Wir denken an die Monotonie, die gräuliche Fassadenhaftigkeit, die Problematiken, die uns das



    Jemand wie ich sieht aus dem Fenster und bleibt sitzen. Wir denken an die Monotonie, die gräuliche Fassadenhaftigkeit, die Problematiken, die uns das Leben stellt. Wir sind mit den Gedanken schon am Ende, während der Tag erst beginnt. Wir nehmen Tiefschläge hin, wir rechnen mit ihnen, wir malen uns zu jedem Anlass 20 Alternativvorgänge aus. Wir sind auf alles vorbereitet und auf Nichts. Wir nehmen uns vor unerschütterlich zu sein, wir fühlen uns unnahbar und wir vermissen die Abwesenheit der Einsamkeit jede Nacht aufs Neue. Wir sind - „Was für eine Scheiße malst du da?“ fragte er. Ich zuckte aus meinen Gedanken hoch, die sich mal wieder aus dem Raum geschlichen hatten. Sah erst ihn an, seine Augen, die zu unruhig waren, um sie lange zu betrachten. Dann meine Hände, meine Finger, die einen Bleistift hielten. Und Schlussendlich das, was ich während meiner geistigen Abwesenheit zu Papier gebracht hatte. Kohlschwarze, trostlose Bleistiftkreuze, in einer Anordnung, die sie alle miteinander zu einem einzigen, großen Kreuz verband. „Scheiße halt.“ antwortete ich knapp und war vielleicht ein bisschen zu Stolz darauf, wie schroff und gelangweilt meine Stimme klang. „Wir haben seit 20 Minuten Geschichte, weißt du, ne?“ Grinste er? „Ist schon klar...“ Ich schnaufte. Und dann wachte mein Hirn schlagartig auf. Und mir fiel wieder ein, dass dies ein Matheraum war. Dass die Sachen vor mir auf dem Tisch meine Mathehefte waren. Dass ich vor knapp einer Stunde noch mitten in einer Doppelstunde Mathe festsaß. Und dass diese nun offensichtlich vorüber war. Langsam hob ich den Blick. Bis auf ihn und mir war der Raum Menschenseelenleer. „Sch...“ „Nicht immer diese Fäkalsprache.“ Wie ich ihn hasste. Hastig sprang ich auf, packte meine Stifte in die Federtasche und versuchte die Hefte schnellst möglich zwischen die übrigen zerfledderten Hefter und Bücher in meiner Tasche zu stopfen. „He, das bringt nichts.“ Er lehnte sich gelassen auf seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Peter lässt dich eh nicht mehr rein.“ Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, wer Peter war. Wer nennt seine Lehrer Bitte beim Vornamen? Aber er hatte Recht. Peter Klausmann war ein eifriger Vertreter der deutschen Pünktlichkeit und alles, was sich nicht in seinen Zeitplan fügte ignorierte er schlichtweg mit eisiger Grausamkeit. Keine Chance. Ich packte meine Sachen trotzdem ein. „Wo willst´n hin?“ Da mir keine Antwort einfiel, die nicht Schulflur und möglichst weit weg von dir lautete, wählte ich die Gegenfrage. „Was machst du eigentlich hier?“ Das war wirklich eine berechtigte Frage. Er musste nun schon mindestens fünfundzwanzig Minuten schweigend neben mir gesessen haben. Gruselig. „Ich dachte, du hast mal Bock auf was anderes.“ „Ne, eigentlich nicht wirklich.“ Ich rang mich dazu durch ihn anzusehen. Er grinste wirklich. Und er hatte eine kleine Schramme über der Oberlippe. Da hatte sich jemand gewaltig auf die Fresse gelegt. „Ist nicht wahr.“ sagte er, stand auf und ging einmal quer durch den Raum, zum Lehrmittelschrank, auf dem aus ungeklärten Gründen ein vergilbter, staubiger Globus stand. Nach eben diesen streckte er sich, balancierte die Kugel kurz auf der Hand und man konnte einen Teil seines Rückens sehen, bevor er das alte Teil sicher im Griff hatte. „Wo willst du hin?“ fragte er, grinste noch ein bisschen breiter und platzierte den Globus direkt vor meiner Nase auf dem Tisch. „Nirgendwohin.“ brummte ich und schielte zur Tür. Wenn ich schnell war … „Komm schon.“ Er lachte und ließ die Kugel kreisen. Sie quietschte leicht und Staub wirbelte auf. „Es ist alles da: China, Afrika, Amerika, Indien… Die ganze Welt gehört dir, Mann.“ Er sah richtig begeistert aus. „Lass mal.“ Ich hatte mich entschieden. Ich würde schwänzen und den Rest des Tages in meinem Zimmer verbringen. Zielstrebig hielt ich auf die Tür zu. WUMMS! Es krachte direkt neben meinem Ohr und ich zuckte gewaltig zusammen vor Schreck. Die Weltkugel rollte unbeschädigt über den Boden davon, nur die Halterung war abgebrochen. Er hatte den Globus mit voller Wucht gegen die Wand geworfen. So ein Psycho … „Hast du sie nicht mehr alle?“ Ich wirbelte herum und funkelte ihn wütend an, aber an meiner Stimme kratzte noch der Schrecken. „Hab nicht auf dich gezielt.“ murmelte er und sah tatsächlich etwas schuldbewusst aus. Ich schüttelte nur den Kopf, drehte mich genervt wieder weg und zog die Tür auf. „Jetzt warte doch mal.“, sagte er da. Und es klang traurig. Aus irgendeinem Grund tat mir das ein bisschen weh. „Was willst du von mir?“ Er lächelte wieder. „Komm einfach mit.“

    Geschichte war längst Vergangenheit und wir standen vor einem Auto, das nicht fahrtüchtig aussah. Ehrlich gesagt sah auch er nicht gerade Fahrtüchtig aus. „Hast du überhaupt den Führerschein?“, fragte ich skeptisch. „Klar.“, antwortete er aus den tiefen der Motorhaube heraus. Ich legte den Kopf schief. Er sah auf, an seiner Wange klebte etwas Ruß. „Na gut, nicht ganz. Ich bin in der theoretischen Prüfung durchgefallen.“ Am liebsten hätte ich mir gegen die Stirn geschlagen. „Soll mich das jetzt irgendwie beruhigen?“ Er zuckte mit den Schultern und lachte. „Die Praktische hätte ich bestanden.“ Klar, dachte ich. „Steig ein, Baby.“ Elegant öffnete er mir die verrostete Tür zum Beifahrersitz. Ich schluckte meinen bissigen Kommentar herunter, es hätte ihn sowieso nur provoziert. Der Sitz war nicht nur staubig, er war eine Wüste für alle Lebewesen unter 1,20 Zentimeter. Ich saß nun auf dieser Wüste. „Das wird geil.“ sagte er und ließ die Kupplung kommen. Ich setzte mir einen Fahrradhelm auf. Aus prophylaktischen Gründen. Wieso zur Hölle tat ich das alles? Wieso saß ich nicht Zuhause vor meinem Pc, wo es sicher und dunkel war und ich meine Ruhe hatte? Wieso hockte ich stattdessen neben einem Psychopathen in einem Autowrack und war drauf und dran einen riesigen, verdammt noch mal lebensgefährlichen Schwachsinn zu tun? Nur weil er so tiefe Augen hatte, wenn er traurig war? Ich fluchte leise und er lachte darüber. Der Motor heulte kläglich, raunte, stotterte, stampfte und quengelte, aber schließlich fuhren wir und das war ein Wunder für sich. Und als ich seine Hände sah, wie sie auf diesem Uralten Lenkrad lagen, kamen mir ganz komische Gedanken. Dieses Auto, das wir auf dem Schrottplatz gefunden hatten. Es war tot gewesen. Es wäre ganz sicher nie, nie wieder gefahren, wenn er nicht gekommen wäre. Er hatte es repariert. Es zum Leben erweckt. „Du sieht richtig bescheuert aus, weißt du das eigentlich?“ Er grinste breit, ich zuckte mit den Schultern. „Ich will mir nicht den Schädel spalten, sollten wir einen Unfall bauen. Und ich sage dir, das werden wir.“ „Wetten nicht?“ Ich hätte einen Wetteinsatz festlegen sollen. Wir kamen auf unserem Weg nach Afrika von der Straße ab, kaum dass wir ein oder zwei Kilometer gefahren waren. Es war eine recht ungünstige Stelle, um von der Straße abzukommen. Wir rollten durch die Büsche und plötzlich war da nichts mehr, außer Wiese und Bergneigung. Ich sage es ehrlich: Ich war fest überzeugt davon, dass wir sterben würden. Die Beschleunigung drückte uns in die Sitze und ich muss mir mindestens dreißig mal den Kopf an irgendwelchen Kanten gestoßen habe… Vor meinem geistigen Auge sah ich bereits, wie das ganze Auto in seinen Bestandteilen zusammenfiel, während meine Leiche aufgespießt auf einem Metallrahmen im Wind baumelte. In der Zeitung würde ein Foto von mir zu sehen sein, eine Großaufnahme. Und die Schlagzeile würde lauten: TOD TROTZ FAHRRADHELM – 17-JÄHRIGER BEGEHT SELBSTMORD MIT ERSCHRECKENDEN APPELL AN DIE ÖFFENTLICHE VERKEHRSSICHERHEIT! Ich hatte den Artikel beinahe zusammen, als das tobende Rütteln und Poltern plötzlich zum Stillstand kam. Der Wagen war am Ende der Neigung angekommen und steckte vollständig in einem flachen Tümpel fest. Einen Moment war alles still. Und dann begann er neben mir zu lachen, aus voller Kehle und mit Tränen in den Augen. Ich betrachtete ihn kurz, dann steckte es mich an. Das Lachen rauschte durch meine Adern und brannte sich für immer in mein Hirn, eine unauslöschliche Erinnerung. Zehn Minuten vielleicht. Vielleicht auch eine Stunde. Dann hatten wir uns soweit beruhigt, dass wir wieder normal Atmen konnten. Er hatte eine aufgeplatzte Lippe und ich einen Schnitt an der Stirn. Ich wünschte mir, es würde eine Narbe bleiben. Als ich die Tür öffnete, strömte Wasser in das Auto. Kurz darauf stand ich bis zu den Knien in einem schmutzig braunen Gebräu, das ein bisschen nach Verwesung stank. Im Schilf trieb eine Einweg-Plaste-Tasse, die keinen Henkel mehr hatte. Es war mir alles egal. Er legte einen Arm um mich und es störte mich nicht. „Wo willst du als nächstes hin? Jetzt, da Afrika geklärt wäre?“ Ich betrachtete die Schramme über seine Lippe und fragte mich, woher sie stammte. „Ganz egal. Die Welt gehört uns.“

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Sieben Worte - Wie wir laut lebten
Sieben Worte - Wie wir laut lebten
SEPTEMBER http://www.testedich.de/quiz44/quiz/1475077173/Sieben-Worte-fuer-ein-Wunder-Ein-Schreibwettbewerb
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2017-09-01
40SB
Schreibwettbewerb

Kommentare (1)

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Alpha ( von: Alphawölfi)
vor 88 Tagen
~Ein Leben ohne Risiko ist ein Leben ohne Sinn.~
(Miksch, Jakob)

Fesselnd und tiefgründig geschrieben.^^