Springe zu den Kommentaren

Sieben Worte - Hinter dem Glas

star goldstar goldstar goldstar goldstar greyFemaleMale
1 Kapitel - 1.080 Wörter - Erstellt von: KillerRabbit - Aktualisiert am: 2017-08-20 - Entwickelt am: - 215 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Http://www.testedich.de/quiz44/quiz/1475077173/Sieben-Worte-fuer-ein-Wunder-Ein-Schreibwettbewerb

    1
    Ihren Sternen fehlte der Glanz. Sie war noch jung, jung genug um sich jung fühlen zu dürfen jedenfalls. Und sie fragte sich, wann sie alt werden wü


    Ihren Sternen fehlte der Glanz.
    Sie war noch jung, jung genug um sich jung fühlen zu dürfen jedenfalls. Und sie fragte sich, wann sie alt werden würde. Ob sie nicht schon alt war. Ob sie nicht schon vor vielen Jahren alt geworden war. Sie arbeitete nicht viel und am liebsten tat sie gar nichts. Sie lag einfach herum oder saß in ihrem ein Leben alten Sitzsack und starrte zur vergilbten Decke hinauf, als wäre sie ihr Himmel. Manchmal stand sie auf, duschte, machte sich etwas zu essen. Manchmal tat ihr etwas weh. Ihr Rücken zum Beispiel. Vom vielen Liegen. Sie konnte die Zeit fühlen, die an ihr vorüber strich. Ich bin so alt, dachte sie. Sie war eine Träumerin. Sie suchte sich Farben, die niemand kannte. Sie erschuf Welten in ihrem Kopf und sie trug sie schwer in ihrem Herzen. Manchmal versuchte sie das, was sie sah in Worte zu fassen. Aber es war ihr nie genug. Es fehlte der Glanz. Und sie löschte alles wieder. Sie glaubte einsam zu sein, doch sie war nicht allein.
    Jeden Morgen stand sie auf, weil sie aufstehen musste, wenn ihr Kopf schummrig wurde. Sie ging ins Badezimmer, warf einen Blick in den Spiegel und verhakte sich kurz mit dem Sumpfgrünen Blick ihrer Augen. Ein Gedicht kam ihr in den Sinn. In ihren Augen lag etwas, das sie nicht verstand. Kurz hielt sie den Atem an, dann schüttelte sie den Kopf und putzte sich die Zähne. Oft frühstückte sie nicht. Sie hatte morgens keinen Hunger. Sie ging aus dem Haus und hörte die Autoräder über nasse Asphalt rollen. Wenn sie den Blick gehoben hätte, hätte sie etwas anderes gesehen, als ihre Füße und die Risse in den Gehwegplatten. Sie traf sich an diesem Tag mit einer Freundin, die sie schon eine ganze Weile kannte. Aber nicht so lange wie … Sie trafen sich in einem Café. Für ihre Freundin war es später Nachmittag, aber für sie war es früher Morgen. Sie brauchte immer eine Weile, um wach zu werden. Sie begrüßten sich mit einer knappen Umarmung, bei der sich niemand berührte. Und setzten sich an einen Kreisrunden Tisch an der Wand. Sie nahm die Karte und gab vor sie zu studieren, obwohl sie längst wusste, was sie nehmen würde. Dasselbe wie immer. Ihre Freundin lächelte ihr still und gnädig zu, denn sie kannten sich. Sie kannten sich wirklich. „Ich werde bald heiraten.“ sagte die Freundin unvermittelt. Sie sah auf. „Nikita?“
    „Ja, genau.“
    „Ihr hattet euch doch getrennt.“
    „Wir haben uns wieder gefunden.“
    „Einfach so?“
    „Nein, nicht einfach so. Einfach ist nichts.“
    „Und jetzt heiratet ihr. Was sagen denn deine Eltern dazu. Waren die nicht immer so streng?“
    „Mein Vater ist doch schon vor einem Jahr gestorben. Du warst bei mir, als er beerdigt wurde.“
    „Ja … stimmt.“ Sie räusperte sich. „Ich bin froh, dass ihr heiratet. Du warst so unglücklich.“
    „Du hast mir geholfen. Wir wollten uns frei fühlen. Erinnerst du dich noch? Damals, auf der Bank am See?“
    „Ja.“
    „Was ist mit dir?“
    „Was sollte denn sein?“
    „Bist du einsam?“
    „Nein. Ich habe doch dich.“
    „Willst du niemanden kennenlernen?“
    Sie lachte. „Aber nein. Ich habe doch immer gesagt, ich werde eine verrückte, alte Lady, die mit Katzen um sich wirft.“
    „Du liebst ihn doch noch immer.“
    Da lächelten sie beide still und traurig. Sie tranken bitteren Kaffee, schwarz wie die Nacht. So liebten sie ihn beide. Dann stand sie schließlich auf, nahm ihre Jacke vom Kleiderhaken . „Ich muss schon gehen. Ich habe viel zu tun.“ Die Freundin nickte still und gnädig. Denn sie kannten sich. Sie kannten sich wirklich.
    Sie ging nach draußen und tat so, als hätte sie ein Ziel. Sie versuchte gleichzeitig nachzudenken, aber ihr Kopf war recht leer. Da war nicht mal mehr ein Echo, im Dom ihrer Gedanken. Sie lief eine Weile und plötzlich war es dunkel. Der Mond stand über dem See. Und neben ihr verfaulte eine alte Bank. Nein, so alt ist sie doch noch gar nicht, dachte sie und setzte sich auf das nasse Holz. Wir wollten frei sein. Kurz sah sie über die seichten Wellen, die unbeirrt gegen die Ufer schlugen, als würde es sie befreien. Dann zog sie ihr Handy aus der Tasche, weil das ihre Gewohnheit war. Sie las ein paar Nachrichten. Die meisten waren nichtssagend. Dann las sie sich die Status ihrer 166 Kontakte durch. Manche von all den Menschen, die sich hinter denn Nummern verbargen, kannte sie gar nicht. Bei einem Namen hielt sie inne. Da stand: Du bist die eine unter Millionen. Mit einem Herz dahinter. Sie lächelte schwach und scrollte weiter. Er hat es verdient, glücklich zu sein, dachte sie. Und sie dachte, dass es keinen neben ihm gäbe. Sie hatte ihm nie geschrieben. Und in ihrer Seele schallte alter Schmerz. Sie sah auf von ihrem Bildschirm und eine Weile war die Welt ganz schwarz mit grünen Punkten. Dann sah sie den See wieder, die ruhelosen Wellen und das fahle Mondlicht, das mit silbernen Blättern tanzte. Ihre Lippen schmeckten salzig und als sie ihre Wangen berührte, bemerkte sie, dass sie weinte. Sie holte tief Luft. Sie dachte an die Häuser in der Nähe, in denen Menschen lebten, die sie hören könnte. An die Stille, die sie brechen würde. Aber da war ein Sturm in ihr. Und sie war viel zu lange still gewesen. „ICH WILL LEBEN!“ kreischte sie, sie schrie es aus vollem Hals in die Nacht hinein. Ein paar Vögel flatterten auf. Und in diesem Moment fühlte sie sich so lebendig wie nie zuvor.

article
1502899139
Sieben Worte - Hinter dem Glas
Sieben Worte - Hinter dem Glas
Http://www.testedich.de/quiz44/quiz/1475077173/Sieben-Worte-fuer-ein-Wunder-Ein-Schreibwettbewerb
http://www.testedich.de/quiz49/quiz/1502899139/Sieben-Worte-Hinter-dem-Glas
http://www.testedich.de/quiz49/picture/pic_1502899139_1.jpg
2017-08-16
40SB
Schreibwettbewerb

Kommentare (2)

autorenew

Alpha ( von: Alphawölfi)
vor 104 Tagen
Wahrlich beeindruckend. 👍
Evi #ForsterArmy ( von: Evi #ForsterArmy)
vor 118 Tagen
Ich verstehe nicht, wie du das machst, aber dein Schreibstil ist wirklich HAMMER. Diese Geschichte ist so schön! ^^