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Der Bann des Hexenkönigs

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10 Kapitel - 14.024 Wörter - Erstellt von: Sarah Laureen - Aktualisiert am: 2017-09-11 - Entwickelt am: - 329 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit - 2 Personen gefällt es

Als Tochter des grausamen Hexenmeisters von Angmar kennt Tavaril Angst und Schmerz nur zu gut. Sie weiß, was ihr und allen anderen blühen, sollte Sauron sich erneut erheben und versuchen, die Macht über ganz Mittelerde an sich zu reißen. Um das zu verhindern muss sie sich ihrer Vergangenheit stellen und zulassen, anderen wirklich zu vertrauen. Aber wird es ihr wirklich gelingen?

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    Kälte. Der Geruch von Blut. Das erstickte Schluchzen. Die verzweifelten Schreie. Vorsichtig versuchte ich mich aufzusetzen nur um zu feststellen, das
    Kälte. Der Geruch von Blut. Das erstickte Schluchzen. Die verzweifelten Schreie. Vorsichtig versuchte ich mich aufzusetzen nur um zu feststellen, das man mich an den Boden gekettet hatte. Nur meinen Kopf konnte ich drehen. Meine Verletzungen und die Ketten waren viel zu effektiv. Bis die Wunden verheilt waren konnte ich nicht fliehen. Aufmerksam lauschte ich in die Dunkelheit. Ich war nicht die Einzige in der dunklen Zelle. Wie viele wurden gefangen gehalten? Ersticktes Wimmern, gepresste Atemzüge und leises Weinen. Kinder, Frauen, Männer. Sie alle hatten Angst. Allzu verständlich. Die Haradrim waren ein kriegerisches in sich zerstrittenes Volk dessen Sklavenhändler oft genug Angst und Schrecken verbreitete. Mich selbst hatten sie gefangen genommen als ich versuchte mein Dorf vor den Übergriffen der haradischen Sklavenhändler zu beschützen. Erfolglos. Die wenigen Menschen, die überlebt hatten waren entweder wie ich versklavt worden oder geflohen. Der Anführer hatte mich eisern festgehalten und zu meinem Dorf umgedreht, so dass ich hilflos dem Abschlachten meiner Mitmenschen, Freunde und Verwandten ansehen musste. Von dem Dorf waren nun nichts mehr außer rauchenden Trümmern übrig. Von den Leichenbergen mal abgesehen. Schon wieder eine Zuflucht endgültig verloren. Es war doch immer dasselbe. Ein paar Jahre Atempause ehe ich wieder in Gefangenschaft geriet und Freunde verlor. Es war nicht das erste Mal, das ich verwundet gefangen gehalten wurde. Tief atmete ich durch und verdrängte meine Trauer. Obwohl ich als „Hexe“ stets ein Leben auf der Flucht führte, waren die freundlichen Dorfbewohner mir ans Herz gewachsen. Ihr Verlust schmerzte aber wichtiger war jetzt das Gelingen meiner Flucht. Ich hasste es eingesperrt und wie ein Tier angekettet zu sein. Freudlos lächelte ich.
    Sauron hatte es damals genossen mich zu quälen und zu demütigen. Die Dunkelheit verbarg die Narben die er mir beigebracht hatte perfekt. Mein einst schönes Gesicht war von hässlichen Narben entstellt worden und der ganze Körper von seinem sadistischen Vergnügen gezeichnet. Dennoch war es ihm nicht gelungen mich zu brechen oder mir meinen Stolz zu nehmen. Meine Kräfte waren nach wie vor für ihn unerreichbar. Und er war nicht der einzige Mann gewesen, der sich an meinem Schmerz ergötzt hatte. Mein Erzeuger der Hexenkönig von Angmar, Anführer und Fürst der Nazgul liebte es mich als Übungspuppe für seine Morgulwaffen zu verwenden. Von dem haradischen Verstoßenen Hijur mal abgesehen. Hoffentlich war er verrottet.
    Ein ferner Lichtschein ließ mich erstarren. Die schweren Schritte verrieten, dass es ein Mann sein musste. Wenige Augenblicke später zeichnete sich die dunkle massige Silhouette eines Mannes ab. Ein metallisches Klirren später und er betrat die Zelle. In seiner eisenbewehrten Hand hielt er die Fackel hoch über sich um die Gefangenen besser begutachten zu können. Dann fiel sein Blick auf mich. Ein böses Grinsen breitete sich auf dem grobschlächtigen Gesicht des Hünen aus. Schaudernd versuchte ich zurückzuweichen nur um erstickt aufzuschreien. Die Ketten brannten höllisch – hatten die Haradrim sie etwa mit Gift bestrichen um die Schmerzen zu verstärken? Ich hasste diese Hilflosigkeit. Angespannt beobachtete ich, wie er immer näher kam. Angst stieg in mir auf. Dieses Gesicht kannte ich von irgendwoher.
    Bösartige schwarze Augen die mich aus dem Schatten anstarrten. Eine Peitsche mit eisernen Widerhaken. Schreie in der Nacht. Brennende Schmerzen. Hohngelächter. Das Flehen meiner Mutter mich zu verschonen. Hijur der Schlächter. Ein Ausgestoßener der Haradrim, der es liebte anderen Schmerzen zuzufügen und sie langsam zu Tode folterte. Ich selbst war nur entkommen, weil meine Mutter sich geopfert hatte. Und nun war ich erneut gefangen und seiner Grausamkeit ausgeliefert. Verdammt. „Wenn haben wir denn hier? Ganz ohne Schutz unterwegs Prinzesschen? Wie dumm.“ Der Hohn in der kalten Stimme ließ mich zusammenzucken. Er umfasste hart mein Kinn, starrte mit Genugtuung in mein Gesicht. Ich atmete flach durch die Nase. Sein Griff war eisern und er schien die Narben sehr erfreulich zu finden. Bastard! „So sieht man sich wieder Nija. Wie traurig, das dir niemand zur Hilfe kommt. Nicht einmal dein mächtiger Vater scheint sich für dich zu interessieren. Man sollte meinen, dass der Hexenkönig von Angmar seine einzige Tochter doch seinen Herren als Sklavin anbieten könnte. Aber auf diesen Gedanken kommt er nicht. Wie fühlt man sich als Tochter eines Verräters?“ Ich erstarrte. Mein Erzeuger war tot. Tot und begraben. Sicher eingesperrt in seinem Grab. Er konnte mir nichts mehr anhaben. Nicht jetzt. Niemals.
    Ich hatte keinen Vater. Väter beschützten ihre Kinder, kümmerten sich um sie, liebten und unterstützten sie. Der Hexenkönig hatte sich niemals so verhalten. „Er ist nicht mein Vater.“ Brachte ich leise heraus. Meine Kehle schmerzte und die Augen tränten. Schwarze Augen musterten mich aufmerksam. „Schon lange nicht mehr.“
    Er hatte sich nie wie ein liebender Vater verhalten sondern sie als Übungspuppe für seine Schwertübungen mit der Morgulklinge missbraucht. Nein. Das war kein Vater. Elrond war viel mehr ein Vater. Er war der Einzige den ich so nennen würde. Elladan, Elrohir und Arwen waren für mich Geschwister.
    Wie mochte es Elendil damals ergangen sein? Ich betete zu den Göttern, dass sein Tod rasch und schmerzlos erfolgt war. Mein geliebter kleiner Bruder. Wobei wir nicht wirklich miteinander verwandt gewesen waren. Dennoch hatte er mich immer wie eine Schwester behandelt und für mich war ein Bruder gewesen den ich nie gehabt hatte. „Das wird ihn betrüben, Kleine. Und jetzt bringe ich dich zu deinem neuen Herren.“ Er befreite mich von den Ketten und warf mich wie ein Sack über die Schulter. Autsch. „Gib ihm, was er will und vielleicht lässt er dich am Leben.“ Mir wurde schlecht als er mit mir die Verliese hinter sich ließ. Die Gespräche zwischen den Sklavenhändlern und Hijur bekam ich nicht mit. Zu sehr hatte ich damit zu kämpfen, bei Bewusstsein zu bleiben. Es würde niemand zu meiner Rettung kommen. Daran sollte ich eigentlich gewöhnt sein. Eskil war tot und Elendil ebenfalls. Keiner der beiden Männer konnte mir helfen. Und was die Elben anging – ich hatte keine Ahnung, ob die Zwillinge, Elrond und Celeborn den Kampf gegen Sauron überlebten. Ich musste sich selbst retten. Tief atmete ich durch und gegen die Ohnmacht an. Schmerzen waren nicht wirklich etwas Neues für mich sondern alte Bekannte. Dennoch waren sie äußerst lästig, zumal die verdammten Ketten mich zusätzlich schwächten. Was hatte Hijur nur mit mir vor? Von welchen Herren sprach er nur? Hoffentlich nicht Saurons Schatten oder gar mein Erzeuger. Ich wollte niemals wieder zurück nach Mordor oder zu Minas Morgul – allein bei dem Gedanken drehte sich mein Magen um. Die wenigsten wussten, dass ich noch lebte, dafür hatte ich gesorgt. Längst war meine bloße Existenz zu einem Mythos geworden den viele anzweifelten. Im Grunde äußerst praktisch. Als Tochter des Hexenkönigs und einer mächtigen Elbenzauberin war ich schon immer eine Gejagte gewesen. Daran änderte sich nichts, selbst als meiner Mutter und mir die Flucht gelang. Ich brachte Tod über diejenigen die ich liebte und die sterblich waren. Mein ursprünglicher Name war längst in Vergessenheit geraten. Seit 5600 Jahren hatte ich Lorien und Bruchtal gemieden. Dort lebten die einzigen Elben die sich an ihn erinnerten. Aber selbst sie riefen mich nicht damit. Aberglauben war eine nicht zu unterschätzende Kraft und viele glaubten, dass dieser Name mit einem Fluch belegt wäre. Natürlich war das Unsinn, aber das würde ich niemals laut sagen. Mir gefiel es unerkannt zu bleiben. Auch wenn es einmal mehr nicht geklappt hatte. Meine Mutter war eine mächtige Elbin gewesen die in Saurons Gefangenschaft gelebt hatte und dem Hexenkönig zum „Geschenk“ gemacht wurde. Als ich geboren wurde hatte meine Mutter wirklich Angst um mich gehabt. Wäre ich menschlich und ohne jegliche Kräfte gewesen, hätte Sauron mich vielleicht verschont, aber ich war eine Halbelbin mit nicht unbeträchtlicher Macht gewesen. Zum Glück hatte meine Mutter mir gezeigt wie ich die begehrte Magie tief in mir vergraben, so dass er nicht an sie herangekommen war – gleichgültig zu welchen Methoden er griff. Auf einmal blieb mein Peiniger stehen. Angespannt atmete ich tief ein. Dieser Gestank war viel zu vertraut um ihn falsch zu deuten. Orks. Verdammt. Seit wann machten Haradrim und Orks Geschäfte miteinander? Mein Körper begann unkontrolliert zu zittern. Jede einzelne Körperfaser erinnerte sich nur zu gut an die Misshandlungen die Orks mir zugefügt hatten. Eskil hatte damals viel Geduld gezeigt, als er mein Vertrauen gewann und sich in mein Herz stahl. Nur teilte Sauron seine Spielzeuge selten mit seinen Gegnern. Verflucht. „Hier ist sie.“ Unsanft wurde ich auf dem Boden geschleudert wodurch meine Wunden wieder aufbrachen. Rasch unterdrückte ich einen Schrei. Sie mussten nicht wissen, wie schwach ich wirklich war. Schwarze Ränder tauchten am Rande meines Sichtfelds auf und ich konnte nur noch Umrisse sehen. Diese Orks waren größer als ich gedacht hätte und genauso hässlich wie ihre kleineren Verwandten in den Nebelbergen. Nur langsam wichen die Schatten vor meinen Augen. Innerlich fluchte ich, als ich eine seltsame weiße Zeichnung auf den Gesichtern erkannte. Das konnte kein gutes Omen sein. Übler Gestank schlug mir entgegen. Am liebsten hätte ich mich übergeben wagte es aber nicht. Die prüfenden Blicke der Orks waren genauso unangenehm wie die von Hijur. Einer von ihnen nickte scheinbar zufrieden. Er war fast so groß wie Hijur und sah scheußlich aus. Schönheitswettbewerbe würde er wohl kaum gewinnen. „Der Meister wird sich freuen.“ Die scharrende Stimme tat mir in den Ohren weh. „Halbwegs bei Verstand und einigermaßen gesund. Der weiße Zauberer wird zufrieden sein.“ Ich unterdrückte einen Fluch. Der weiße Zauberer? Sprach das Ungeheuer etwa von Saruman der Weiße? Der arrogante, machthungrige und verschlage Zauberer der sich von Sauron leicht verführen lassen würde! Erst Sauron, dann die Nazgul, Hijur und jetzt Saruman? Verdammt, die Valar schienen mich wirklich zu hassen. Hijur bekam von meinen Gedanken wenig mit. „Seid vorsichtig. Sie ist selbst im geschwächten Zustand nicht zu schwach um zu kämpfen. Bei der ersten Gelegenheit wird sie ein Fluchtversuch wagen.“ Ironisch grinste ich innerlich. Wie stellte er sich das vor? Meine Wunden mussten erst einmal verheilen, vorher war an Flucht nicht zu denken. Die Orks hätten mich schneller eingeholt als ich um Hilfe schreien könnte. Wer sollte mir schon helfen, wenn sie ein rasches Tempo anschlugen.
    „Herzlichen Dank Hijur für dieses Vertrauen.“ Knurrte ich widerwillig. „Als ob ich nach der letzten Prügel die ich bezogen haben dazu überhaupt in der Lage wäre.“ Ein heftiger Schlag brachte mich zum Verstummen. Das Letzte was ich noch hörte ehe alles in Dunkelheit versank war ein „Musste das sein?“.

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    Isengart hatte sich seit dem letzten Mal, wo ich freiwillig hier gewesen war, drastisch verändert. Bäume waren gefällt worden und in einer erschreckend großen Grube schien der Zauberer eine Armee heranzuzüchten. Sauron hatte ganze Arbeit mit seinen düsteren Einflüsterungen geleistet. Obwohl, so schwer würde er es kaum gehabt haben. Saruman war zu machtgierig, zu sehr von seiner eigenen Wichtigkeit überzeugt und verblendet um ihm ernsthaften Widerstand leisten zu können. Ganz anders als ich. Meine Wunden waren mittlerweile völlig verheilt und mein Körper schien das rasante Tempo der ungeliebten Begleiter besser zu verkraften als erwartet. Mit einem dunklen Gefühl im Bauch betrachte ich den Turm. Es ging eine beängstigende Bosheit von ihm aus die nach mir zu greifen schien und mich verschlingen wollte. Es erinnerte mich zu sehr an Saurons Ring oder die Neun. Schaudernd berührte ich die gezackte dunkle, pulsierende Narbe an meinem Hals. Sie brannte höllisch. Es fühlte sich an, als würde ein Teil von Mordors Dunkelheit wie ein Splitter unter meiner Haut sitzen und mich foltern. Ein Stoß in den Rücken riss mich aus der Turmbetrachtung. Unbarmherzig wurde ich ins Innere des Turms und in den Raum gestoßen in dem sich der verräterische Zauberer aufhielt. Er sah auf und ich erkannte sofort das wahnsinnige Glitzern in den dunklen Augen. Saruman.
    „Prinzessin. Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuchs?“ Fragte er heuchlerisch höflich. Verächtlich musterte ich ihn. Selbstherrlicher Scharlatan! Er schien zu glauben, dass er doppeltes Spiel mit Sauron und dem Weißen Rat spielen und sogar gewinnen könnte. Dabei war er längst zu Saurons Marionette geworden. Nur war er zu verblendet um die Wahrheit zu erkennen. Niemals würde sein sogenannter Meister seine Macht teilen oder ihm gestatten, die Hände nach dem verbotenen Ring auszustrecken. „Lasst die Spiele Saruman. Was wollt Ihr von mir?“ Meine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Als er vielsagend auf den Anhänger und die Narben blickte schnappte etwas in meinem Innern zu. Es war immer das Gleiche. Er wollte genau das, was ich auch schon seinem Herrn versagt hatte: meine Macht. Nun da stand ihm eine Enttäuschung bevor. Meine Kräfte waren gebunden und solange ich mich nicht allzu sehr von meinen Gefühlen beherrschen ließ für niemanden erreichbar. Erst Recht nicht für einen Wahnsinnigen. „Meine Magie ist für Euch ebenso unerreichbar wie für Sauron. Ich habe alles verloren – Ihr könnt mir nicht mehr Euren Willen aufzwingen.“ Sein Lächeln sollte wohl charmant und beruhigend sein, aber auf mich wirkte es lediglich wie eine Grimasse. „Aber, aber, was denkt Ihr nur von mir? Ich würde einer so schönen jungen Dame doch nie etwas tun.“ Glaubte er wirklich, er könnte mich täuschen? Mir waren bereits besseren Lügnern begegnet und einige davon waren richtig ekelerregend gewesen. Das reichte. Diese Lügen waren verabscheuungswürdig. Er war ein Narr. Seine Gier würde viel zu viele Leben fordern. Ich zischte vor Zorn und richtete mich zu meiner gesamten Größe auf. „Wagt es nicht mich anzulügen, Saruman, die weiße Hand des schwarzen Mörders! Sauron mag die Gabe der Einflüsterung zur Perfektion geführt haben aber selbst er konnte mich nie täuschen oder brechen. Ihr seid nichts als seine willige Marionette. Voller Verblendung streckt Ihr die Hände nach etwas aus, was besser nur eine schlechte Erinnerung geworden wäre. Ihr könnt meinetwegen den Weißen Rat einlullen und mit Silberzungen besänftigen – aber ihr seid schlecht beraten wenn Ihr bei mir dasselbe versucht. Fahrt zur Hölle!“ Er erstarrte. Mit so einem Ausbruch hatte er anscheinend nicht gerechnet. Tja, Pech gehabt. Ich wirbelte herum nur um festzustellen, das die Tür verriegelt war. Ein rascher Blick reichte aus um zu erkennen, dass der einzige Weg hinaus der Sprung durch das Fenster wäre. Solange er noch in Schockstarre gefangen war, konnte ich es mühelos tun. Außerdem wurde es Zeit meine Flügel wieder zu benutzen. Ich sprintete zum Fenster und sprang hinaus. Hinter mir hörte ich einen Aufschrei. Saruman. Wer eine Halbelbin fangen wollte musste schneller und vor allem wachsam sein. Erst recht nicht, ließ er zu, dass die Wunden sich schlossen. Sein Fehler. Sauron und der Hexenkönig hatten die Kunst mich gefangen zu halten weitaus besser beherrscht. Jetzt war ich frei. Ich stürzte in die Tiefe. Zum Glück hatte ich keine Höhenangst. Mit grimmigem Lächeln riss ich an meiner Halskette. Weißes Feuer hüllte mich ein und wenige Augenblicke später schoss das Adlerweibchen in die Höhe. Weg vom Fangorn und Isengart. Ich schraubte mich in weiten Kreisen immer höher bis man mich von unten nicht einmal als schwarzen Punkt erkennen konnte. Mit scharfen Augen beobachtete ich die Landschaft unter mir. Vielleicht konnte Elrond mir helfen. Um meinen Erzeuger und Sauron zu besiegen brauchte ich Unterstützung. Wer konnte mir besser helfen, als der alte Freund meiner Mutter? Hoffentlich hatte er mich noch nicht vergessen. Der Wind vertrieb jegliche düsteren Gedanken. Ich lächelte tief verborgenen im Vogelkörper. Endlich wieder fliegen. Es war mir immer so schwer gefallen diese Sehnsucht zu unterdrücken. Aber je bedeckter ich mich hielt, desto geringer wurde die Gefahr entdeckt zu werden. Zumindest funktionierte es so in der Regel.

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    Ich lachte innerlich über mich selbst und stürzte in die Tiefe um nur wenige Meter über den Boden den Fall abzufangen. Übermütig vollführte ich elegante Pirouetten, flog Schleifen und stürzte immer wieder in Richtung Erdboden. Dabei verlor ich nie mein eigentliches Ziel aus den Augen. Praktischerweise dauerte die Reise fliegend weniger lang als zu Fuss oder auf dem Pferd. Wann war ich das letzte Mal geritten? Ich konnte mich nicht erinnern. Auch egal. Hauptsache, ich erreichte Bruchtal. Interessanterweise hatte Elrond mich wegen meines Vaters nie verurteilt. Ganz anders als einige andere Elben. Immer hatte er zu mir gestanden und mich in Schutz genommen. Ich hatte es ihm nie gesagt, aber er war mir stets mehr Vater gewesen als der Hexenkönig. Erleichtert erkannte ich das vertraute Tal unter mir und glitt erneut in den Sturzflug.
    Einige Elben blickten hoch und kamen aus dem Staunen nicht heraus als ich zwei Meter über den Boden den Körper des Adlerweibchens bis auf die Flügel aufgab. Ich landete und lächelte innerlich. Die Zwillinge Elladan und Elrohir lösten sich als Erste aus ihrer Starre und stürmten auf mich zu. Grinsend wurde ich umarmt.
    „Tavaril! Du bist es wirklich!“
    Lachend wirbelte Elrohir mich durch die Luft. Seine Augen strahlten mich verschmitzt an. Langsam wich die Freude jedoch Besorgnis. Kein Wunder, immer hin hatte ich Bruchtal lange Zeit nicht besucht – aus Angst herauszufinden, dass keiner von ihnen überlebt hatte. „Wo hast du dich nur herumgetrieben Prinzessin?“ Warum mussten mich alle immer Prinzessin nennen? Angmar mochte mein Erbe sein, aber ich hegte kein Interesse daran, dieses verfluchte Königreich wiederauferstehen zu lassen.
    „In Harad, El. Lässt du mich bitte runter, mir wird gleich schlecht?“ Zu meiner Erleichterung stellte er mich wieder auf die Füße ließ aber seine Hände auf meiner Taille ruhen. Manche Dinge veränderten sich nie. Elrohir hatte nie einen Hehl aus seinen Gefühlen für mich gemacht. Selbst jetzt konnte ich in seinen Augen Liebe, Besorgnis und Erleichterung sehen. Schade für ihn, dass er für mich immer ein Bruder sein würde und mehr nicht.
    „Was hast du dort gemacht Tav? Wieso bist du nicht nach deiner gelungenen Flucht zu uns zurückgekommen? Wir haben uns große Sorgen um dich gemacht. Uns wurde gesagt, du seist tot!“ Er hatte diese Behauptung geglaubt? Oft genug hatte man versucht mich umzubringen, aber solange der Ring bestand würde ich mich immer selbst heilen – auch wenn ein abgeschlagener Kopf einen sehr langen Heilungsprozess nach sich zog. Unsterblichkeit war ein Fluch wenn man über Jahrhunderte hinweg gefoltert und gefangen gehalten wurde. So leicht war ich nicht zu töten. Ich verdrehte leicht die Augen und schob ihn sanft weg. „Glaub mir, es ist schwer mich zu töten besonders jetzt, solange der Ring noch besteht.“ Mit der Zerstörung des Einen Rings würde ich meine Unsterblichkeit verlieren und einen Teil meiner Kräfte einbüßen. Aber das machte mir nicht sonderlich zu schaffen. Tatsächlich hatte ich meine Macht nie gewollt.

    „Annan le u ́-gennin Tavaril.“ Diese Stimme kannte ich doch. Mein Adoptivvater. Mit einem Grinsen drehte ich mich zu Elrond um. „Le sulion, Elrond. Es ist wie immer eine Freude dich und diese frechen Zwillinge zu sehen. Wie ergeht es dir in diesen dunklen Tagen?“ Seine Augen funkelten. Dennoch spürte ich seine Sorgen die ihm das Leben erschwerten. Hoffentlich sprach er mit Galadriel oder Celeborn darüber. „Du immer mit deinen Scherzen.“
    Er ergriff meine Hände und zog mich ein wenig mit sich. „Ich mache mir Sorgen Tav. Sorgen um Mittelerde, um meine Familie und um dich. Du warst lange fort. Wo hast du gesteckt? Wir haben überall nach dir gesucht aber keine Spur von dir gefunden.“ Oh. Ein wenig betreten senkte ich den Blick. Mir war nicht klar gewesen, das sie nach mir suchen würden weil ich eigentlich angenommen hatte, das sie sofort glauben würden ich wäre tot, wenn sie Saurons zerstörte Festung durchsuchten. In dem Moment war mir das ehrlich gesagt lieber gewesen. „Das ist eine lange und nicht gerade schöne Geschichte.“ Wich ich zögernd aus. Ich hasste es ihn anzulügen aber ich konnte ihm auch nicht die Wahrheit sagen. „Du weißt, dass ich aufgrund meines Vaters und meiner Gaben immer eine Ausgestoßene sein werde. Ich wollte keinen von euch in Gefahr bringen. Die Ringgeister waren noch nicht alle besiegt, vertrieben oder eingeschläfert und sie haben nach mir gesucht. Es lag nicht in meiner Absicht euch zu verletzen oder zu beunruhigen.“ Sanft hob er mein Kinn an und sah mir in die Augen.
    „Du irrst, wenn du denkst, dass deine Herkunft dich in irgendeiner Weise beschmutzt. Tavaril, du trägst mehr Mitgefühl, Güte und Wärme in dir als die meisten je begreifen werden. Schäme dich nicht für das was du bist.“ Das sagte er so leicht. In der Gegenwart der perfekten Elben fühlte ich jede Narbe noch mehr als sonst. Elrond und „meine Geschwister“ nahmen die Narben vielleicht nicht mehr wahr, aber ich wusste, was die meisten Menschen empfanden wenn sie mich das erste Mal so sahen. Ein weiterer Grund, warum ich Illusionszauber nutzte oder mich hauptsächlich in Tiergestalt fortbewegte. Scheinbar gelassen zuckte ich mit den Schultern. Die meisten misstrauten mir, sobald sie die Narben sahen oder erfuhren, wer mein Erzeuger war. Manche gingen soweit, dass sie versuchten mich zu töten. „Ich bin ein Geschöpf Mordors schon vergessen? Mir kann man nicht trauen.“ Die Worte des eitlen Elben hallten immer noch in mir nach. Er hätte mich nicht mehr verletzen können. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich gerade Eskil verloren und erkannt, dass ich schwanger war. Meine emotionale Belastbarkeit war gelinde gesagt gering. Besänftigend hob Elrond beide Hände hoch. Jetzt würde er den unerträglichen Blondkopf verteidigen.„Haldir wusste nicht, was er sagte.“
    Verächtlich schnaubte ich und warf meine pechschwarzen Locken schwungvoll nach hinten. „Er wusste es sogar sehr gut. Nur weil er sich nicht erklären konnte warum ich als Halbelbin solche Kräfte haben kann und die Verletzungen durch Morgulklingen einfach überlebte, wurde ich zu einer verabscheuenswürdigen Hexe. Ich gebe zu, das mein Erzeuger ein Hexer ist und ich folglich eine halbe Hexe. Aber der Elb hatte kein Recht einfach so über mich zu urteilen ohne meine Geschichte zu kennen.“
    Meine Rache war sofort erfolgt. Ich hatte Haldir mit dem Flügel ins Gesicht geschlagen und anschließend in Wolfsgestalt durch das gesamte Lager gehetzt – sehr zur Belustigung von Celeborn und Elrond. Auch wenn sie mich nachher ausschimpften von wegen mangelnde Manieren und Respekt vor anderen Kriegern. Es war nicht das erste Mal, das sie mich tadelten, aber es hatte absolut keinen Zweck. „Wenn ich mich richtig erinnere hattest du deine Rache schon. Also noch einmal und jetzt keine Ausweichmanöver mehr: Wo warst du?“ Wehmütig erinnerte ich mich an die wenigen Monate die ich in Lorien, im Düsterwald und hier in Bruchtal friedlich verbracht hatte. Aber selbst damals hatte ich Angst vor Saurons Zorn oder der Vergeltung meines Erzeugers gehabt. In dem ich Schutz bei den Elben suchte brachte ich sie unnötig in Gefahr. Natürlich hatte keiner der Elbenfürsten bzw. Elbenkönige meine Bedenken ernst genommen. Diese arrogante Blindheit hatte mich wahnsinnig gemacht. Es war sicherer für alle Beteiligen wenn ich so viel Abstand wie möglich zu anderen hielt. Nur so konnte ich sie beschützen. „Tavaril? Ich habe dich etwas gefragt.“
    Ich hatte die Hartnäckigkeit von Elben vergessen.
    „In Harad bzw. nahe an der Grenze.“ Eigentlich hatte ich gehofft, dass man mich dort am wenigsten vermuten würde. Nur leider war mein Plan nicht ganz aufgegangen. Hätte ich die Dorfbewohner doch nur beschützen können! Ich seufzte und rieb meine Schläfen. Abwartend beobachtete der Elb mich. Seine enervierende Aufmerksamkeit und die Intensität seiner Blicke waren nur zu vertraut und erinnerten mich schmerzlich an zwei Männern, denen mein Herz immer gehören würde. „Warum bist du nicht nachhause gekommen?“ Nachhause. Schön wär’ s. Solange Sauron, mein Erzeuger und Saruman noch lebten gab es keinen wirklich sicheren Ort für mich. Bis sie alle besiegt waren wagte ich nicht, Bruchtal als mein Zuhause, meine Heimat anzusehen.
    „Das habe ich dir doch schon erklärt Elrond. Ich wollte euch nicht in Gefahr bringen. Mal abgesehen davon war ich mir nicht einmal sicher, ob ihr überhaupt überlebt habt. In den Kerkern von Minas Morgul verliert man schnell jegliches Zeitgefühl.“
    Erschrocken blickte er mich an. Ich unterdrückte ein Stöhnen. Verdammt loses Mundwerk. Elrond machte sich auch so schon genug Sorgen um mich, da musste ich ihn nicht noch zusätzlich beunruhigen. „Geht es dir gut? Du bist ein wenig blass um die Nase.“ Fragte ich ihn, subtil wie immer. „Es klingt schlimmer als es war.“ Aufgebracht sah er mich an und ich versuchte unwillkürlich zu fliehen. Dabei hatte ich von ihm rein gar nichts zu befürchten. Zumindest noch nicht. „Lüg mich nicht an Tav!“ Ich hatte ihn noch nie so aufgewühlt gesehen. Unruhig lief er hin und her wobei er mir scharfe Seitenblicke zusandte. „Sie haben dich gefoltert und vermutlich Schlimmeres. Du kannst das doch nicht so beiläufig erwähnen und tun, als wäre dir nichts passiert. Wenn ich nur gewusst hätte, wohin sie dich damals brachten.“
    Er machte sich meinetwegen die Vorwürfe, dabei hätte er mir gar nicht helfen können, selbst wenn er wusste, wo ich war. Ich seufzte und schüttelte den Kopf. „Du hättest mich nicht retten können Elrond. Es ging um etwas Größeres als um das Überleben einer geächteten Hexe. Ihr musstet den Krieg gegen Sauron gewinnen. Schmerzen und Angst um mein Leben sind längst meine ewigen Begleiter geworden.“
    Dann zog ich ihn sanft zum Garten. Er schien zu merken, welche Frage mir die Zunge verbrannte. Hellsichtige Elben! „Was ist los Tav? Warum zögerst du, deine Frage nach Elendil zu stellen?“ Konnte man mir meine Gedanken und Gefühle wirklich ansehen? Unpraktisch in diesem Fall. Im Umgang mit meinem Erzeuger oder Sauron tödlich. Verflucht.

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    „Hat er lange leiden müssen?“ Schweigen. Angespannt blickte ich in das vertraute Gesicht mir gegenüber. Sauron hatte getobt als er von der Freundschaft zwischen dem König von Arnor und Gondor und mir erfuhr. Um sie alle zu beschützen hatte ich das Lager verlassen und die Verbindungen gekappt. Aber es hatte nichts gebracht. Elronds Blick verriet das Mitgefühl das er für mich empfand. „Er hat gegen Sauron gekämpft.“ Mehr brauchte er nicht zu sagen. Zitternd atmete ich gegen den Schmerz an. Genau das war der Grund, warum ich nicht wagte bindende Gefühle zuzulassen. Die meisten, die ich liebte waren tot. Meine Mutter, meine Freunde, mein Geliebter Eskil. Ich starrte auf den Ring herunter, den er mir schenkte bevor zu seinem letzten Kampf gegen Sauron aufbrach. Der Smaragd war zu einer Träne geformt und in zwei silbernen Händen gebettet. Liebe zwischen einer geächteten Halbelbin und einem Haradrim. Er hatte mich aus den Fängen von Hijur damals befreit und mich gepflegt. Während dieser Zeit wurden wir Freunde, was ich angesichts unserer Herkunft doch immer wieder verwunderlich fand. Eskil war alles für mich gewesen umso härter hatte mich die Nachricht seines Todes getroffen, zumal unsere Liebe nicht folgenlos geblieben war. Sein Sohn war durch die Hand meines Vaters gestorben. Es schien für die Menschen in meinem Leben sicherer zu sein, wenn ich die Einsamkeit wählte und niemanden nahe genug an mich heranließ, als dass er dadurch in Lebensgefahr geriet. Ich hätte nicht herkommen sollen. Zu groß war die Gefahr, das Sauron oder die Neun mich aufspürten und Bruchtal in Flammen aufging. Elrond, die Zwillinge und Arwen waren das was am nächsten einer Familie gleichkam. Ihren Tod konnte ich nicht zulassen.„Denk nicht einmal darüber nach zu fliehen, Kleines.“ Er kannte mich definitiv zu gut. Es war töricht sie zu gefährden. „Ich bedeute für jeden, der mir nahe steht eine zu große Gefahr. Sauron blickt schon jetzt misstrauisch gen Bruchtal. Bitte mich nicht euer Leben aufs Spiel zu setzen. Einen neuerlichen Verlust kann ich nicht verkraften.“ Sanft nahm Elrond mich in die Arme und flüsterte beruhigende Worte. Erschüttert schmiegte ich mich in die tröstende Umarmung, auch wenn ich wusste, das der Preis den ich noch zahlen würde hoch ausfiel. Liebe bedeutete Schmerz und in meinem Fall sogar den Tod.
    „Hör auf zu weinen Tavaril. Ich vermisse dein Lachen.“
    „Du hast mich heute schon lachen gehört, Elrond.“
    „Ja.“ Aufmerksam blickte er in mein Gesicht. „Aber es scheint das erste Mal seit langer Zeit zu sein, dass es ohne Bitterkeit erklungen ist.“ Das hatte ich vergessen. Er kannte mich viel zu gut und wusste oft was ich tun würde ehe ich darüber nachdachte. Außerdem konnte ich ihm kaum etwas vormachen. „Elben sehen definitiv zu viel, wenn man sie lässt.“ Brummte ich und löste mich widerwillig von ihm. Seine Wärme würde mir fehlen. „Du wirst Wachen aufstellen, damit ich nicht entwische, habe ich Recht?“ Er grinste verschmitzt. Ich wusste nur zu gut, das ich zu einer der wenigen gehörte, die Elrond ohne seine typisch freundliche – ernste Reserviertheit erlebte. Ein Privileg, das nicht vielen zuteil wurde. „Das werden die Zwillinge und Arwen schon freiwillig machen. Sie haben dich sehr vermisst Tav.“ O weh, das klang nach einer Drohung. Arwen war immer ein wenig anhänglich gewesen und wahrscheinlich hatte sich das kaum geändert. Außerdem hatte sie ein beängstigendes Interesse an meiner Kleidung. Ich hasste lange Gewänder aber sie wollte mich jedes Mal wenn ich hier war in eines zwingen. Unverbesserliche kleine Göre.
    „Haben sie nichts Besseres zu tun? Jagen, diplomatische Spielchen mit Zwergen spielen oder in Arwens Fall sticken?“ Während er in Gelächter ausbrach hörte ich die beleidigten Zwischenrufe der Geschwister die meine Worte natürlich gehört hatten.
    Ich warf Elrond einen strafenden Blick zu und drehte mich zu den anderen um. Arwen hatte sich nach unserer letzten Begegnung ein wenig verändert. Sie wirkte erwachsener, entschlossener und stärker als zuvor. Aufmerksam betrachtete ich den Abendstern ehe ich das verräterische Funkeln in ihren Augen erkannte. Liebe. Schien so als hätte Mittelerdes größte Romantikerin ihr Herz verloren. Wie passend.
    Ehe ich irgendetwas sagen konnte warf sie mich beinah mit ihrer begeisterten Umarmung von den Füßen. Stürmisch wie eh und je.„Uff! Immer mit der Ruhe Elblein.“ Wahrscheinlich würde sie mich gleich auf elbisch zu texten. Anderen gegenüber benahm sie sich immer höflich und zurückhaltend aber bei mir spielte sie ein wenig verrückt. „Tavaril!“ Aufgeregt plapperte sie auf Quenya auf mich ein. Ich hatte Recht gehabt. Genervt blickte ich die Zwillinge über ihren Kopf hinweg an. Schadenfreudig grinsten sie mich an und ich knurrte leise. „Jungs wenn ihr nicht bei drei eure Schwester von mir weggezogen habt verwandele ich mich in einen Wolf und pinkle eure Zimmer voll.“ Das war eine ernst gemeinte Drohung. Bei aller Liebe zu Arwen, aber ich hasste es wenn sie ohne Punkt und Komma redete. Außerdem konnte ich Liebesgesäusel oder sinnlose Schwärmereien über die angeblich große Liebe nicht ausstehen. Vorwurfsvoll sah sie mich nun an. „Du bist nicht fair!“
    Ich hatte auch nie behauptet, fair zu sein. „Tja, Prinzesschen du kennst die Regeln. Klare, langsame, verständliche Sätze die nicht ununterbrochen von irgendwelchen Männern handeln.“
    Empört verstummte sie klammerte sich aber noch fester an mir fest. Gut, sie hatte es nicht anders gewollt. „Eins.“
    Das Lachen verging den Zwillingen als das Fell hervor brach. Meine Sicht veränderte sich und ich lächelte. Grotesk wie ich wusste, denn mein Kiefer verlängerte sich während meine Hände sich zu Pfoten zusammenballten. „Zwei.“ Meine Stimme klang definitiv nicht mehr menschlich. Viel mehr nach dem Grollen eines Wolfes.
    „Oh verdammt sie macht es wirklich, oder?“
    Ich grinste spöttisch. Entsetzt zogen sie Arwen von mir weg. Zufrieden machte ich die Verwandlung rückgängig. „Danke. Elrond, ich werde nur drei Tage hier bleiben, dann muss ich weiter. Ich werde eure Sicherheit nicht aufs Spiel setzen. Nicht auf diese Weise.“
    „Schläfst du im Zimmer oder auf einem Baum?“ Ich kicherte und warf meinen langen Zopf nach hinten. Diese Frage war nicht unberechtigt. Oft genug zog ich eine Astgabel einem Zimmer in einem Wirtshaus vor. Ich fühlte mich dort viel wohler und sicherer.„Baum. Es gibt Dinge die ändern sich nur selten.“

    5
    Drei Tage später brach ich in Richtung Auenland auf. Das friedliche kleine Land mit seinen Wäldern, Wiesen, Hügeln und freundlichen Bewohnern war ein ideales Versteck. Unwahrscheinlich, das Hijur oder Saruman mich dort suchte. Ich reiste vor allem in der Nacht in Wolfsgestalt. Erstens weil ich so schneller war und zweitens weil sich niemand an eine Fremde mit entstelltem Gesicht erinnern konnte. Doch je näher ich meinem Lieblingsland kam, desto schlimmer wurde die Kälte die nur eine einzige Lebensform in mir verursachte: die Ringgeister waren zurückgekehrt. Unter ihnen mein Erzeuger. Verdammt. Daneben spürte ich die dunklen Wellen einer boshaften Energie, die leise nach Sauron rief. Der Eine Ring. Eines der verhängnisvollsten Gegenstände die jemals erschaffen worden waren. Ein leises tiefes Grollen entrang sich meiner Kehle. Isildur hatte versagt. Der Ring war nicht zerstört worden und Sauron kehrte als gestaltloser Nekromant zurück. Das Grauen würde von neuem beginnen. Verfluchte Menschen! So leicht zu verderben und zu verführen. Hoffentlich handelte der Weiße Rat schnell und hörte nicht länger auf Sarumans Rat. Saruman, der längst Sauron verfallen war. Als ich Bree erreichte nahm ich meine menschenähniche Gestalt an wobei ich einen Illusionszauber nutzte um die Narben meines Gesichts zu verbergen. Der Nachteil an der Verwandlung war, dass ich die schärferen Sinne des jeweiligen Tieres behielt. Mein Geruchsinn würde leiden, sobald ich das Gasthaus betrat. Wachsam blieb ich vor dem Stadttor Bree' stehen. Die perfekte Nacht, um ein Verbrechen zu begehen. Es war dunkel und regnete in Strömen. Ruhig legte ich das Gesicht in den Nacken. Verschiedenartige Gerüche, Reize und Stimmen. Die Ringgeister waren nicht allzu fern. Sie waren in der Nähe und verfolgten eine kleine Gruppe, die sich auf Bree zubewegte. So viel zum Thema Sicherheit. Anders als jeder normale Reisender klopfte ich nicht an das versperrte Tor sondern sprang leichtfüßig über die Mauer und huschte im Schutz der Dunkelheit zum Gasthaus. Als ich eintrat unterdrückte ich ein angeekeltes Würgen. Der Gestank von übermäßigen Alkohol, Schweiß, Verrat und Menschen stieg mir in die Nase. Der Nachteil an der Verwandlung waren die feinen Sinne. Ohne die Kapuze zurückzuschlagen ging ich langsam zur Theke wobei ich die Gäste einer schnellen Musterung unterzog. Sarumans Spitzel waren ebenfalls anwesend.
    Doch der Mann, der mich am meisten interessierte wirkte heruntergekommen und wie ein Landstreicher. Aber ich ließ mich nicht täuschen. Er roch wie Elendil oder seine Söhne Isildur und Anarion. Einer der Dúnedain. In Bree? Ich hätte ihn eher in Gondor, Arnor oder bei seinesgleichen vermutet. Interessant welche Gesellschaft er suchte. Ein Waldläufer aus dem Norden und Isildurs Erbe. Das Licht des Feuers spiegelte sich in seinen Augen wieder. Er rauchte und das brachte ihm nicht gerade meine Zuneigung ein. Rauchen gefährdete meinen Geschmackssinn und als Wölfin konnte ich darauf nicht verzichten. Ich suchte mir nachdem ich kurz mit rauer und dunkler Stimme nach einem Tisch gefragt hatte einen Platz, der mir freie Sicht auf den Raum und jeden einzelnen Gast bot. Das Bier schmeckte fad und ich schluckte es nur widerwillig hinunter. Meine Tarnung flog nicht auf. Natürlich nicht. Jahre hatten sie perfektioniert. Nur die wenigsten konnten sie durchschauen. Abwartend beobachtete ich die Tür.
    Vier kleine Halblinge betraten die Schenke. Sofort spürte ich die Dunkelheit die an mir zehrte. Einer von ihnen trug den Ring bei sich. Töricht ihn in dieses verräterische Natternnest zu bringen. Sie erregten bereits jetzt zu viel Aufmerksamkeit. Tsts. Die Kreativität in Sache Decknamen ließ zu wünschen übrig. Herr Unterberg, das ich nicht lache! Wer war nur auf diese bescheuerte Idee gekommen? Misstrauisch sahen sich der rundliche Blonde und der Dunkelhaarige namens „Unterberg“ um. Mich bemerkten sie nicht – den Mann umso mehr. Dank meines scharfen Gehörs hörte ich die Frage nach ihm nachdem sie sich gesetzt und eine Bestellung aufgegeben hatten. Streicher. Ein Waldläufer der vor seiner Bestimmung davonlief. nteressant. Seine Aufmerksamkeit galt allein den Hobbits. Kluger Junge. Aber er war nicht der Einzige der sie beobachtete. Die Spione wussten um die Unbekümmertheit junger Hobbits und so kamen ihnen einer der Reisegefährten gerade Recht: auf die Frage eines Spitzels nach einem gewissen Frodo Beutlin zeigte er auf seinen dunkelhaarigen Gefährten.
    Kein Wunder also, das Frodo Beutlin, der anscheinend mehr Verstand hatte als sein Begleiter, leicht in Panik geriet. Er stürzte und der Ring fiel aus seiner Tasche auf den Boden. Grimmig beobachtete ich die gierigen Gesichter der Menschen. Als der Hobbit den Ring aufsteckte krümmte ich mich vor Schmerzen. Verdammt. Warum nur hatte Sauron einen Teil von mir selbst an den Ring gebunden? Es tat höllisch weh.
    Chaos brach aus und der Halbling wurde, kaum das er wieder auftauchte vom Waldläufer geschnappt. Lautlos bewegte ich mich, viel zu schnell, als das er mich sehen könnte und schoss vor ihnen die Treppe hoch in das Zimmer, das er sich aussuchen würde. Scheinbar entspannt lehnte ich mich gegen eine Wand und beobachtete, wie sie eintraten. Der Dúnadan legte es bewusst darauf an den Jungen ein wenig zu ängstigen. Wäre er mit Sauron im Bunde hätte ich eingegriffen. Aber so hielt ich mich zurück, auch als die drei anderen Hobbits eintrafen. Wachsam blickte er sich um und schließlich trat ich aus dem Schatten. Sofort richtete er sein Schwert auf mich. Glaubte er wirklich, dass er mir Angst einjagte? Immer wieder hatten andere sich qualvolle Todesursachen für mich ausgedacht, dass ich längst den Überblick verloren hatte. Keine Einzige hatte meinem Leben ein Ende gesetzt. Mich konnte bis zur endgültigen Vernichtung des Rings nichts töten. Ganz gleich ob Gift verwendet, ich erwürgt, durchstochen, ertränkt oder enthauptet wurde – mein Körper würde den Tod nicht zulassen. Deshalb hatte ich auch keine Furcht vor dieser Klinge. Selbst die verfluchten Morgulwaffen, die man gegen mich eingesetzt hatte, konnten mich nur für kurze Zeit schwächen. Meine Sinne waren schärfer und meine Selbstheilungskräfte stark ausgeprägt, noch besser als bei einem Elben. Er konnte mir keine Angst einjagen.
    „Wer seid Ihr?“ Verlangte er zu wissen. Die Kapuze nach wie vor tief ins Gesicht gezogen zuckte ich mit den Schultern. Streicher war nicht sein richtiger Name. So wie er es vorzog nicht als Thronerbe Gondors und Arnor’ erkannt zu werden würde ich ihm meinen Namen nicht verraten. Das hatte nichts mit mangelndem Vertrauen sondern mit Vorsicht zu tun. Wer wusste schon, was er von Elrond über Tavaril gehört hatte. Zum Glück hatte ich viele Namen und somit eine entsprechend große Auswahl. Elendil hatte mich Celeb genannt, weil mein Fell als Wölfin wie Silber schimmerte. Unwahrscheinlich das er diese Geschichte kannte und irgendwelche Zusammenhänge fand. Im Auenland hatte ich den Namen immer wieder benutzt auch wenn die meisten glaubten, ich sei tot. „Ich habe viele Namen. Mein geläufigster in dieser Gegend lautet Celeb.“ Angespannt und halb verängstigt starrten die Hobbits mich an. Meine Stimme hatte mich verraten. Unglauben blitzte in den grauen Augen des Mannes auf. „Ihr seid eine Frau.“
    Oh wirklich? Wenigstens schien er ein Mindestmaß an Intelligenz zu besitzen, obwohl seine Instinkte besser sein könnten. „Gut beobachtet.“ Leiser Spott schlich sich in meine Stimme. „Aber ich glaube nicht, das Eure Frage meinem Namen galt sondern eher meiner Loyalität. Meine Treue gehört dem Herrn von Rivendell, Elrond. Ich hasse Sauron und seine Anhänger, besonders aber die Ringgeister.“ Sanft drückte ich die Klinge nach unten und lächelte die Halblinge beruhigend an, auch wenn sie es nicht genau erkennen konnten. Meine nächste Nachricht war schlecht. Die Nazgul waren auf dem Weg hierher. Unglücklicherweise war sofern ich es erkennen konnte, mein Erzeuger unter ihnen. Ein glückliches Familientreffen stellte ich mir anders vor. „Sie sind auf dem Weg hierher weil ein gewisser Jemand den Ring benutzte um scheinbar zu verschwinden. Sie werden hierher kommen und versuchen den Ringträger zu töten.“ Entsetzt zuckten sie zusammen und ich wandte ruhig den Blick ab.
    „Zieht die Kapuze ab.“ Verlangte der Mensch. Da war jemand wohl ziemlich mutig. Gut. Diesen Mut würde er brauchen. Einem Krieg würden die freien Völker Mittelerdes nicht entgehen. So viele Tote.
    Hoffentlich würde der Letzte der Linie Isildurs nicht untergehen. Die Menschen brauchten einen starken Anführer, denn sie waren zerstritten und durch die vielen Kämpfe geschwächt. Elendil war ein charismatischer Mann gewesen, der selbst in eigentlichen Kriegsgegnern das Feuer des Kampfgeistes entfachen konnte. Neben dieser hilfreichen wenn auch zweischneidigen Fähigkeit war er ein guter Freund, ein mächtiger Verbündeter und ein weiser König gewesen. Ob der Dúnadan hinter mir diesem Erbe gerecht werden konnte würde die Zeit wahrscheinlich schneller offenbaren, als ihm lieb war. Unerkannt zu reisen und zu leben war eine Verlockung, die auch ich schätzte.
    Aber das Königreich Angmar war verflucht und ich hatte keine Lust es anzuführen, besonders nicht, wenn sein versklavter untoter König Grauen verbreitete. Schweigend trat ich ans Fenster und starrte nach draußen. Würde die Präsenz der Ringgeister mich in die Knie zwingen? Mir noch mehr Schmerzen zufügen als die Nutzung des Ringes? Nur allzu bald würde ich es herausfinden. Tief atmete ich aus und antwortete leise. „Was bringt es Euch, wenn Ihr ein Gesicht seht und einen Namen habt – aber keine verräterischen Zusammenhänge erkennen könnt? Wie Ihr ziehe ich es vor unerkannt zu bleiben, Streicher.“ Das musste ihm reichen. Eigentlich hatte ich bereits zu viel gesagt.
    „Ich würde Euch mehr vertrauen.“ Bitter lächelte ich und senkte den Kopf. Ernsthaft? Konnte er so naiv sein? Warum glaubte er, dass mein Aussehen über Vertrauenswürdigkeit entschied? Ich war weder ein Ork, noch ein Ringgeist oder deutlich als eine Haradrim erkennbar. Einfach deshalb, weil ich eine Halbelbin und die Tochter eines ehemalig menschlichen Hexenmeisters war! Illusionszauber konnten viel verbergen. Bestes Beispiel Sauron, der die Menschen und Elben als Annatar über seine wahre Natur im Dunkeln lassen konnte, bis es fast zu spät war. Lächerlich. Ich benutzte Illusionszauber um die Narben die Jahre des Folterns, der Gefangenschaft und der Flucht hinterlassen hatte zu verbergen. Im Gegensatz zu Sauron hegte ich zwar nicht die Absicht, die Weltherrschaft an mich zu reißen, aber ich zog die Unwissenheit meines Umfelds was meine Person anging definitiv vor. „Schätzchen, das ist die lächerlichste Ausrede die ich in den letzten vierhundert Jahren gehört habe. Der Schein kann trügen. Selbst die schönste Fassade kann Verderben, Grausamkeit und Bosheit verbergen.“ Mein Tonfall war täuschend sanft geworden. Innerlich wappnete ich mich für den bevorstehenden Kampf.
    „Das klingt so, als hättet Ihr schreckliche Erfahrungen gemacht Herrin.“ Sagte einer der Hobbit. Es klang mehr nach einer Frage als einer Feststellung. „Ich werde nicht darüber reden.“ Gab ich knapp zurück. „Ihr werdet hier in diesem Zimmer bleiben. Sobald die Ringgeister kommen werden sie die Hobbitzimmer des Gasthauses aufsuchen um euch dort zu töten. Hier seid ihr sicherer. Ich nehme an Ihr bleibt bei den Hobbits, Streicher?“ Als ich ihn über die Schulter anblickte nickte er knapp. „Perfekt. Versucht zu schlafen und euch auszuruhen. Ihr müsst morgen früh aufbrechen ehe die anderen Gäste auf den Beinen sind. Es braucht nicht noch mehr Zeugen, die euch alle gesehen haben. Der Trubel heute Abend hat weitaus gereicht.“ Die Kunst war es in der Öffentlichkeit sichtbar keine Aufmerksamkeit zu erregen. Sich dort zu verstecken war eine Herausforderung. Der Waldläufer machte einen Schritt auf mich zu. „Und was werdet Ihr tun, während wir uns hier verstecken?“
    Wie erfrischend doch sein Argwohn war! Selbst Haldir war mir freundlicher begegnet. Ich lächelte grimmig. „Den Wirt warnen und dafür sorgen, dass sie auch verschwinden, nachdem sie auf einen Kinderstreich hereingefallen sind. Viel Zeit bleibt nicht mehr, bis sie auftauchen.“
    „Warum helft Ihr uns?“ Fragte er misstrauisch. „Ihr scheint mehr zu wissen als die meisten die hier leben. Was für einen Nutzen zieht Ihr aus Eurer Hilfsbereitschaft?“ Hatte ich ihn nicht mit genug Informationen versorgt? Es reichte. Mehr würde ich für den Moment nicht preisgeben. „Ich bin ein Feind des Feindes. Den einen oder anderen unerfreulichen Zusammenstoß mit Saurons treusten Sklaven habe ich schon hinter mir und sie nur überlebt, weil ich einen starken Überlebenswillen habe. Die Ringgeister werden von dem Ring angezogen. Haltet Euch bedeckt. Und wenn Ihr Euch um Morgen sorgt Streicher – ich werde versuchen die Ringgeister von eurer Spur abzulenken. Trotzdem rate ich euch das Tempo zu beschleunigen.“ Rasch konzentrierte ich mich auf die Ringgeister und sog scharf die Luft ein. Viel zu viel Zeit verschwendet. „Genug Zeit mit Erklärungen verschwendet, ich muss nach unten.“ Ohne ein weiteres Wort verließ ich den Raum und ging zum Wirt. Im Hinterzimmer, von neugierigen oder boshaften Ohren entfernt klärte ich ihn über das Nahen der Neun auf. Er zeigte mir die Zimmer, die für die Hobbits gedacht waren und ich stopfte unter die Decken zusätzliche Kissen um den Eindruck zu erwecken, dass jemand darunter schliefe. Eigentlich unnötig, denn ohne ihre Reittiere konnten sie nichts sehen. Dennoch eine Sicherheitsmaßnahme.
    Auf das Familientreffen mit meinem Erzeuger freute ich mich nur bedingt. Wie viele Nazgul ich wirklich von der Spur des Ringträgers abbringen konnte wusste ich nicht. Es waren nicht alle auf dem Weg nach Bree, so gesehen würde ich es nicht mit neun Untoten gleichzeitig aufnehmen müssen. Statt in das Zimmer des Waldläufers zurückzukehren kletterte ich auf das Dach um in Ruhe zu beobachten.
    Kälte, Bosheit und die Vorboten des Todes legten sich erstickend rasch über die Stadt. Sie waren angekommen. Verflucht. Jede einzelne Narbe begann zu brennen kaum dass sie Bree betraten. Mit zusammengepressten Zähnen beobachtete ich, wie sie vor dem Gasthof hielten und hinein stürmten. Nur ihr Anführer blieb kurz stehen, als ob er mich gewittert hätte. Ich verbarg jede Gefühlsregung und wurde zu einem Schatten. Leblos, gestaltlos, ohne Gedanken und Gefühle. Kaum das sie wutentbrannt kreischend über die Täuschung das Gasthaus verließen sprang ich vom Dach herunter und warf die Kapuze nach hinten. Wie versteinert blieben sie stehen als ich absichtlich Barriere für Barriere fallen ließ. Spöttisch verneigte ich mich in ihre Richtung. „Lange ist es her, dass wir uns gesehen haben.“ Sagte ich in der schwarzen Sprache. „Waren die Gräber nach eurem Geschmack?“
    „Gurneth!“ Knurrte einer mit metallischer Stimme. Der Name (Gurneth -> Todesmädchen) riss alte Wunden auf. Namen besaßen Macht und diesen hatte mein sogenannter Vater mir gegeben. Blitze zuckten über den Himmel. „Immer noch nicht tot?“ Ha, das würde ihnen so passen, hm? Ich lachte bitter auf. „Solange der Ring und Sauron bestehen bin ich unsterblich schon vergessen? Wo habt ihr Sklaven ihn gelassen? Hat Sauron ihm einen anderen Auftrag erteilt.“ Als Letzter kam er hinaus. Kaum das er mich erkannte fluchte er leise. Spöttisch sah ich die Ringgeister an. „Ich weiß wo sich der Ring befindet. Wer weiß, vielleicht erfahrt ihr es, wenn ihr mich einholt und fangen könnt.“ Damit rannte ich los. Sie sprangen hinter mir auf ihre Pferde und jagten mir nach. Lachend und spottend lief ich über die Dächer und ließ sie in Sackgassen enden. Verwirrspiele, ich liebte sie. Die Ringgeister hatten kaum eine Chance mich einzuholen. Ich verließ Bree und verwandelte mich wieder in eine Wölfin. Entschlossen führte ich sie in Richtung Gondor. Dumm wie sie waren mussten sie mir natürlich nachsetzen. Dieses Mal schien mein Plan aufzugehen. Unermüdlich rannte ich weiter. Die Nacht wich dem Morgen und ich nutzte zum ersten Mal meine Kräfte um weiße Blitze um sie herum hinunter zucken zu lassen. Wettermagie besonders jene die mit Blitzen verbunden war konnte äußerst kraftraubend sein. Aber es gelang mir sie in einem Blitzkäfig gefangen zu setzen. Sie schleuderten mir Verwünschungen entgegen. Hoffentlich beeilte sich der Waldläufer mit den Hobbits wegzukommen. Die Fünf durften keine Zeit verlieren. Der Weg nach Bruchtal war noch weit und ich hatte nur vier Ringgeister gefangen setzen können. Die Frage die sich mir stellte betraf meine größte Sorge: wie lange konnte ich die starke Energie aufrechterhalten - denn das letzte Mal, als ich diese Kräfte eingesetzt hatte war ich nach drei Stunden völlig ausgelaugt gewesen. Es musste ausreichen. Vor allem durfte ich nicht zu viel Energie verlieren sonst war an Entkommen gar nicht zu denken. Ehrlich gesagt hatte ich keine Lust wieder eingesperrt und gefoltert zu werden.
    „Gurneth. Lass uns frei!“ Grollte der Fürst der Nazgul. Ich schüttelte mit zusammengepressten Lippen den Kopf. Er stieg von seinem Pferd ab und wandte sich in die Richtung wo er mich vermutete. Verdammt. Er hatte vor die dunkle Seite in mir gegen mich einzusetzen. „Gehorche mir!“

    6
    Ein Zittern lief durch meinen Körper als die Dunkelheit sich erhob. Kälte vertrieb jegliche Wärme. Obwohl ich mich gegen den Befehl sträubte, ging ich immer weiter auf ihn zu. Er streckte eine Hand nach mir aus. Seine dunkle Energie schloss sich eisig um mich und ließ mich vor Schmerz aufschreien. „Lass uns frei Tochter.“
    Schon spürte ich wie meine Entschlossenheit bröckelte. Ich fiel auf die Knie und hielt meinen Kopf. Unbarmherzig verstärkte er den Druck. Unsichtbare Fesseln legten sich um Hals, Brustkorb und Taille. Gierig zerrte seine Bosheit an mir. Ich schnappte verzweifelt nach Luft. Lange würde ich seinen Angriffen nicht standhalten können. Dafür hatte ich zu viel Energie verbraucht. >Widersetze dich mir nicht. Bring den Ring zu mir Gurneth.< Sauron. Verdammt. Wie hatte er es nur geschafft in meine Gedanken einzudringen? Bisher war wenigstens mein Geist vor ihm in Sicherheit gewesen. Angst, Grauen und Schmerzen verdrängten fast jeden klaren Gedanken. Nicht mehr lange und ich wäre verloren. Gehorche mir oder deinen kleinen Elbenfreunden wird Schreckliches zustoßen. Verzweifelt schrie ich auf als er meinen Geist mit Bildern von Elrond, Elladan, Elrohir und Arwen überflutete. Sie waren tot, die Gliedmaßen in unnatürlichen Winkeln verdreht, aufgeschlitzt. Raben mit rotglühenden Augen ernährten sich von ihnen. Das konnte nicht real sein. Als ich den Kopf hob sah ich nicht meinen „Vater“ sondern mich selbst. Mein dunkleres Ich. Das Gesicht war eingefallen und die rissige Haut spannte sich über den Schädel. Rote Augen beobachteten mich gierig. Verfilzte schwarze Haare. Lange tödlich gebogene Fingernägel. Auf widerliche Weise leckte sie sich die Lippen und kam langsam auf mich zu. Ich konnte nicht mehr atmen. Der Gestank von Tod und Verderben war zu nahe. Entsetzt beobachtete ich sie. >Du wirst für ihren Tod verantwortlich sein. Für den Tod deiner kleinen Freunde und aller anderen. Ich werde jeden der dir geholfen hat aufspüren und töten. Du kannst vor deiner Bestimmung nicht davonlaufen Gurneth. Hör auf dich gegen deine wahre Natur zu widersetzen. Komm zu mir zurück.<
    „Baw (Nein)!“ Brüllte auf einmal eine Stimme. „Ego (Verschwinde), Nazgul! Ihr habt hier keine Macht.“ Wer war das? Ich blinzelte und nur langsam verschwand die Vision. Die letzten Energiereserven verließen mich und ich fiel zu Boden. „Tavaril. Bitte sieh mich an!“ Flehte die Stimme. Sie kam mir seltsam vertraut vor. Ich versuchte es. Blonde Haare. Spitze Ohren. Blaugraue Augen. Aber erst als der vertraute Duft von Nebel, Meer und Regen in meine Nase stieg erkannte ich ihn. Wie oft hatte er mich beschützt. „Glorfindel.“ Flüsterte ich. Ich fühlte mich zu schwach. Sanft fuhr er mir über das Gesicht. „Du musst bei Bewusstsein bleiben Kleines.“
    Die Augen fielen mir zu. Erneut griff die Dunkelheit nach mir. Warum noch mal sollte ich mich zur Wehr setzen? Ich war so müde. Vielleicht war es gar nicht so schlecht das Kämpfen aufzugeben. Bleierne Schwere lag auf mir und ich konnte mich nicht länger bewegen. „Bin so müde.“ Seine Stimme drang nur langsam zu mir durch. „Will schlafen.“
    „Das darfst du nicht. Tavaril du bist viel zu schwach. Wenn du jetzt einschläfst könnte es ihnen gelingen deinen Geist gefangen zu halten. Dein Körper würde sterben und wir könnten dir gar nicht mehr helfen. Bitte sieh mich an.“ Die Panik die in seinen Worten mitklang alarmierte mich. „Wo bin ich?“ Was war genau geschehen! Das Einzige woran ich mich erinnern konnte war... nichts. Alles weg. Wie war ich überhaupt hier her gekommen? Es war wichtig gewesen. „Glorfindel, w- was ist geschehen? Warum sind wir hier?“ Hatte ich jemanden beschützen wollen? Aber wen. Fünf Gesichter tauchten vor meinem inneren Auge auf. Hobbits und ein Mensch. Wer waren sie? Ich versuchte mich aufzusetzen. Ein messerscharfer Schmerz raste sofort von meiner Hüfte an der Wirbelsäule hoch. Gequälte Schreie erklangen. Meine Schreie.
    „Du erinnerst dich nicht?“ Der Elb klang besorgt. Beruhigend berührte er meine Stirn. „Du bist eiskalt! Sie haben dir jegliche Wärme entzogen.“ Erst jetzt bemerkte ich, dass ich mit den Zähnen klapperte und am ganzen Körper zitterte. Seine Haut glühte vor Hitze. Instinktiv suchte ich seine Nähe. „Wir müssen so schnell wie möglich nach Bruchtal. Hier können wir jederzeit angegriffen werden.“ Zwar erkannte ich die Logik durchaus an, aber er vergas etwas entscheidendes. Ich konnte mich weder verwandeln noch laufen. „Wie stellst du dir das vor?“ Ich deutete mit dem Kinn auf meine Beine. „Ich spüre weder meine Beine noch meine Hände. Absolut kein Gefühl. Wir schaffen es niemals rechtzeitig nach Bruchtal.“ Ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen. „Optimistisch wie eh und je. Du wirst auch nicht laufen. Glaubst du ernsthaft, dass ich dich so schnell eingeholt hätte wenn ich gelaufen wäre? Du bist immer noch viel zu schnell in Wolfsgestalt.“
    „Warum bist du mir gefolgt Glorfindel?“ Er zog eine Augenbraue hoch und musterte mich eingehend. Oh. Den Blick kannte ich. Arroganz pur. Pah! „Vertraut mir Elrond nicht mehr, das ich auf mich allein aufpassen kann?“ Ärgerte ich mich. vorsichtig hob er mich hoch. „Er hatte das Gefühl, das du Hilfe brauchen könntest. Ich würde mal sagen er hatte Recht. Manchmal Kleine, brauchst du immer noch einen Aufpasser.“ He, das war jetzt gemein. „Ich bin kein kleines Kind mehr!“
    „Das sehe ich Tav. Trotzdem solltest du vorsichtiger sein und keine Nazgul mit Blitzen versuchen in Schach zu halten. Ich dachte das eine Mal hätte gereicht um dir klarzumachen, dass es dich zu sehr schwächt.“ Unwillig schnaubte ich. Das er mir das auch immer vorhalten musste! „Es wird langsam zur Gewohnheit dich vor dir selbst zu retten.“ Was! Das stimmte überhaupt nicht!
    „Unverschämter Kerl!“ Er lachte leise und setzte mich auf seinen Hengst. Ohne etwas zu erwidern schwang er sich hinter mich auf Farons Rücken. „Warum ich dich mag ist mir vollkommen schleierhaft. Du bist noch nervtötender als die Zwillinge oder Elrond an seinen schlechten Tagen. Ich bin kein kleines Kind, das man ständig bewachen muss damit es keinen Blödsinn anstellt.“
    „Du bist klein, zierlich und ziemlich süß wenn du dich aufregst Tav.“ Ernsthaft! Man sollte meinen, das eine Frau die mehr als 7000 Jahre alt war nicht mehr süß genannt wurde. Aber manche Elben verloren halt im Verlaufe ihres langen Lebens ein wenig den Verstand. Wahrscheinlich weil sie sich sonst zu Tode langweilten. „Süß! Ich mag vieles sein, aber nicht süß. Merk dir das endlich und nenn mich nicht Kleines oder Kleine. Ich bin erwachsen Glorfindel.“
    Ich wusste, dass er mich bewusst ärgerte um mich abzulenken. Zwar war ich dafür dankbar aber auf der anderen Seite ging er mir auf die Nerven. „Ich bin nur einen Kopf kleiner als du!“ Murrte ich. „Wo hast du eigentlich Afaloth gelassen? Normalerweise seid ihr doch unzertrennlich.“ Sein linker Arm war fest um meine Taille geschlungen damit ich nicht herunterfiel. Faron flog förmlich über die Ebene. Langsam wurde mir wärmer.
    „Faron hat dich vermisst und Afaloth ist im Augenblick in Arwens Obhut. Außerdem ist Faron schneller als er. Was an deinem Zauber liegen muss.“ Welchen Zauber. Ich hatte nichts getan.
    „Faron ist ein Bruder von Schattenfell. Ich habe mit seiner Ausdauer und Geschwindigkeit nichts zu tun.“ Wo waren eigentlich die Nazgul hin? Ich hatte keine Kampfgeräusche oder Hufgetrappel gehört. Als ich versuchte nach meinen Kräften zu greifen erkannte ich, dass ich tatsächlich völlig erschöpft war. Der Blitzkäfig hatte alle Energien aufgezehrt. „Darf ich jetzt schlafen? Ich bin müde.“
    Obwohl ich kein Lachen hörte spürte ich das verräterische Beben im Rücken nur zu deutlich. „Du quengelst wie ein kleines Kind Tavaril. Und nein, du solltest wach bleiben. Ich glaube nicht, dass sie schon aufgegeben haben. Kleiner Quälgeist.“
    „Ach sei still!“ Warum nur nahm er mich nicht ernst! Männer! „Du genießt es viel zu sehr mich zu ärgern. Eure elbische Distanziertheit ist doch die reinste Heuchelei.“ Von ihrem Wahn nach Perfektion mal ganz abgesehen. Er zwickte mich leicht in den Bauch. Empört schlug ich auf seine Haut.
    „Tav, du bist ebenfalls eine Elbin.“
    „Ha! Eine Halbelbin. Und ich versuche nicht ständig das Bild kalter Perfektion zu bewahren.“
    „In deiner Gegenwart fällt es ohnehin schwer, sich wie ein Elb zu benehmen. Du bist einfach zu frech.“
    Na klar. Jetzt war ich wieder schuld. Typisch!

    *Glorfindel’ s Sicht*:
    Tavaril hüllte sich in Schweigen. Nie würde ich den Gesichtsausdruck des reinen Grauens und des Entsetzen vergessen. Was auch immer ihr gezeigt worden war, es hatte sie mehr gequält als jede andere Wunde, die ihr zuvor in Kämpfen zugefügt worden war. Elrond hatte mich gewarnt, das Sauron vermutlich versuchen würde sie solange zu foltern bis sie einbrach und freiwillig in seine Gewalt begab. Die Arten der Folter die er dafür anwenden konnte wurden zwar durch die räumliche Entfernung eingegrenzt aber er war ein Meister der Illusionen.
    Nicht zu vergessen, das unter den Nazgul auch ihr leiblicher wenn auch untoter Vater war. Es belastete sie, das wusste ich. Der Welt zeigte sie stets eine starke, harte und unbeugsame Kriegerin aber ich wusste wie sensibel und verletzlich sie in Wirklichkeit war. Oh ich würde mich hüten es laut zu sagen, aber ich durchschaute sie.
    Tavaril hatte mich schon immer fasziniert. Die Verbindung von Verletzlichkeit, eiserne Willensstärke und stolz, die sich in ihrem ganzen Wesen zeigte machte sie ebenso unwiderstehlich wie ihr Lachen. Trotz allem Übel was ihr bisher widerfahren hatte war sie noch immer fähig unbeschwert zu lachen und ihren Schmerz zu verdrängen. Ihre Seele strahlte so hell wie die Sterne und ich hatte sie oft genug beobachtet, wie liebevoll sie mit Kindern oder Tieren umging. In ihr war nichts Böses. Mit ihrem Vater hatte sie keine Gemeinsamkeiten. Absichtlich grausam war sie nicht und in ihr lauerte keine abgrundtiefe Bosheit. Sie schätzte sich selbst gering und glaubte ernsthaft, dass ihre Narben sie entstellten. Doch da irrte sie sich. Die Narben zeugten nur von ihrer Stärke, ihrem Mut und ihrer Unbeugsamkeit. Sie waren kein Zeichen von Schwäche oder einem Fluch. Für mich war sie eines der schönsten Wesen das jemals auf Arda lebte. Unwillkürlich verstärkte ich meinen Griff. Ich wollte Tavaril glücklich und gesund sehen. Das Grauen und die Quälereien durch Sauron sowie seinen treusten Sklaven, den Ringgeistern, musste ein Ende haben. Sie zerbrach daran und wurde zunehmend schwächer. Die Jahre der Folter sowie die Zeit, die sie auf Flucht verbrachte forderten ihren Preis.
    „Noro lim, Faron!“ Trieb ich den Hengst an. Wir mussten die Fuhrt vor Einbruch der Nacht erreichen oder die Nazgul würden uns einfangen. Tavaril schüttelte jedoch müde den Kopf. „Wir werden Bruchtal nicht rechtzeitig erreichen das weißt du. Wenn ich mich verwandeln könnte sähe die Sache anders aus, aber so, nein. Außerdem glaube ich, das deine Hilfe bald woanders benötigt wird.“
    Wo war nur die fröhliche, positive und warmherzige Halbelbin die mir das Herz gestohlen hatte? Wenn Sauron für diese Wandlung verantwortlich war würde ich mir seinen Kopf persönlich holen. Niemand verletzte sie. Am wenigsten dieses Scheusal.
    „So wenig Vertrauen.“ Versuchte ich zu scherzen. „Wir werden es schon schaffen. Wie du gesagt hast, ist Faron Schattenfells Bruder.“ Sie versteifte sich leicht. Dann sah sie mich über die Schulter an. Ich erstarrte und zügelte Faron.
    Ihre leuchtenden türkisfarbenen Augen hatten sich vor Schmerz verdunkelt bis sie beinah schwarz wirkten. Wieder schien sie Dinge zu sehen, zu hören und zu fühlen die mir verborgen blieben. „Jetzt weiß ich wieder warum ich die Ringgeister absichtlich provoziert habe.“ Flüsterte sie leise. „Der Ringträger in Bree. Ich wollte ihnen genug Zeit erkaufen damit sie mehr als die Hälfte der Strecke nach Bruchtal bewältigt haben, wenn die Ringgeister begreifen, dass ich den Ring nicht habe. Und genau jetzt haben die Nazgul ihre Spur gefunden. Morgen Abend werden sie das Gebiet durch das sich die fünf Flüchtenden bewegen umzingelt und engmaschig durchstreifen. Sie werden die Hobbits und den Menschen erwischen wenn sie den Fehler begehen ein Feuer zu machen oder ihren Aufenthaltsort auf andere Weise preisgeben. Glorfindel, sie werden sie töten!“
    Entsetzen loderte hell in ihren Augen auf. Ich musste nicht Gedankenlesen können um zu wissen was sie von mir erwartete. Nur war ich nicht bereit sie alleine zu lassen. Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn ihr in dieser Zeit etwas zustieß. Auf der anderen Seite konnte es sehr gut sein, dass die Hobbits in die Falle des Feindes tappte. Einer der Halblinge war der Ringträger. Tavaril hatte Recht. Die Nazgul würden sie alle töten und den Ring zu ihrem Meister bringen. Aragorn war zwar ein hervorragender Krieger und Heiler doch wenn auch nur einer von ihnen verletzt wurde würde sein Wissen über Heilkunst nicht ausreichen. Sie brauchten Hilfe. Aber ich konnte Tavaril nicht alleine lassen. Das letzte Mal als ich es getan hatte wurde sie nach Minas Morgul verschleppt. Das Risiko konnte ich nicht noch einmal eingehen. Ich konnte sie nicht verlieren. Nicht mehr.
    „Aragorn wird es schon schaffen. Notfalls wird Elrond jemanden schicken der ihnen hilft.“ Sie schnaubte und musterte mich spöttisch. „Und wie bitte soll er das tun, wenn er nicht informiert wird? Selbst wenn du wie der Blitz nach Bruchtal reitest würde jegliche Hilfe trotzdem zu spät kommen. Du musst ihnen helfen. Es steht das Überleben Mittelerdes auf dem Spiel. Mach dir um mich mal keine Sorgen. In Wolfsgestalt greift mich so schnell niemand an.“ Dann hatte sie sich schneller erholt als ich dachte. Dennoch hier ging es um ihre Sicherheit und ich war nicht bereit Kompromisse einzugehen. Nicht bei ihr. Scharf sah ich sie an.
    „Nein. Das ist mein letztes Wort.“
    „Oh?“ Verdammt. Dieser trügerisch sanfter zuckersüße Tonfall bedeutete in der Regel eins: Gefahr. „Du bist weder mein Vater, noch Bruder oder mein Mann Glorfindel. Eigentlich hätte ich gedacht, du würdest die Dinge genauso klar sehen wie ich aber deine Vernunft scheint dir abhanden gekommen zu sein. Wenn du ihnen nicht hilfst, werde ich es tun. Ich will nicht nach Angmar oder Mordor zurück. Genau dazu würde es aber kommen, wenn die Nazgul den Ring in die Finger bekommen.“ W- verdammt!
    Direkt vor meinen Augen löste sie sich in Luft auf. Das konnte nicht wahr sein. Dieses unvernünftige Mädchen brachte mich eines Tages noch ins Grab. „Tavaril!“ Mein Schrei verhallte ungehört. Die dickköpfige Halbelbin war wieder einmal ausgerissen. Na warte, wenn ich dich in die Finger bekomme, Mädchen!

    7
    *Normale Sicht*:
    Hach, das verdutzte Gesicht des Elben war unbezahlbar gewesen. Hätte ich in diesem Moment einen Körper besessen wären mir Lachtränen über die Wangen gelaufen. Der arme Glorfindel würde wegen mir irgendwann noch wahnsinnig werden. Meine Heiterkeit verflog und ich konzentrierte mich darauf die Spur der Hobbits zu finden. Eigentlich nicht sonderlich schwierig den der Ring hinterließ deutliche Spuren wie magisch begabten Augen. Sie waren gut vorangekommen, aber bis Bruchtal war es noch ein weiter Weg. Verdammt. Wie sollte ich nun eingreifen? Natürlich könnte ich als Wölfin kämpfen aber wenn mein Vater unter ihnen war und denselben Trick wie vor ein paar Stunden anwandte hätte ich keine Chance. Außerdem wusste er von meiner Gabe mich in jedes Geschöpf zu verwandeln was ich sein wollte. Es gab Merkmale die ich in jeder Gestalt hatte. Meine Augen. Die Augen waren immer die gleichen. Aber wenn ich selber zu einem Sturm wurde konnte er nichts tun. Ich wusste, dass meine Mutter in einer Schlacht zu einem Feuersturm geworden war um zu verhindern, dass ihr Volk vernichtet wurde. Sie hatte mir erzählt das der Zustand selbst berauschend sei und die Verwandlung zurück sehr schmerzhaft. Es war eine Möglichkeit die ich nicht einfach ignorieren konnte. Hmpf. Sollte ich das Wagnis eingehen? Meine anderen Alternativen sahen nicht unbedingt besser aus. Oh verdammt.
    Absichtlich konzentrierte ich mich darauf zu einem stärkeren Wind zu werden, der die fünf Reisenden förmlich vor sich her schob. Die überraschten Blicke des Waldläufers hätten mir ein Lachen entlockt. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, dass der Wind uns hier weg haben will.“ Sagte einer der Hobbits. „Unsinn Pip! Das bildest du dir nur ein.“ Ein anderer fügte hinzu: „Das Wetter hat doch keinen eigenen Willen. Es existiert einfach.“
    Haha. Es war möglich das Wetter zu manipulieren aber es war äußerst anstrengend. Zumal die meisten Wettermagier durch Eisen geschwächt werden konnten. Zum Glück hatte der Graue Pilger diese Fähigkeit nie besessen. In welche Schwierigkeiten hätte er sich dann nur gebracht.
    Die Zeit verfloss und ich konnte nicht genau sagen wann sie sich entschieden bei der Wetterspitze halt zu machen. Aus dem Wind wurde ein Schatten der völlig mit der Ruine des alten Wachturms verschmolz. Der Waldläufer ging davon, nicht ohne ihnen winzige Schwerter dazulassen. Damit sollten sie sich verteidigen? Wie dumm war er? Die Halblinge hatten nie Kämpfen lernen müssen, weil die Waldläufer und Gandalf sie vor den Gefahren Mittelerdes beschützten. Leise unterhielten sie sich bis sie auf die Idee kamen Feuer anzumachen. Sofort griff ich ein.
    Der Windstoß löschte das muntere Feuerchen, doch es war zu spät. Die Ringgeister waren schon da. Ängstlich zogen sich die Hobbits auf das Plateau zurück. Also gut. Silbernes Feuer wirbelte um sie herum als die Ringgeister sie umzingelten. Sie erstarrten.
    „Frodo.“ Flüsterte Pippin. „Was ist das?“
    Er meinte das Feuer das sich zu einem undurchdringlichen Wall verdichtete. Es war schwierig den Zauber aufrecht zu erhalten. „Ich weiß es nicht.“ Lächelnd verschmolz ich mit dem Feuer und nahm Gestalt an. „Ihr kommt nicht vorbei.“

    8
    *Frodo’ s Sicht*:
    Aus dem Feuer formte sich eine Gestalt die mir vage vertraut vorkam. Schützend stand sie direkt vor mir, die Hand abwehrend auf die Ringgeister gerichtet. Ich fühlte mich auf einmal viel ruhiger. „Ihr kommt nicht vorbei.“ Diese Stimme kannte ich doch. Celeb. Aber wie war sie hierher gekommen? Anders als im Gasthaus trug sie keinen Kapuzenmantel. Ihr Haar loderte strahlend weiß und ihr ganzer Körper strahlte eine beruhigende Hitze aus. Sie schien aus silbernem Licht zu bestehen. Eine weiße Flamme in der Dunkelheit. Ich spürte wie Hoffnung in mir aufkeimte. „Du!“ Zischte einer von ihnen wütend. „Geh beiseite. Rette dich selbst. Oder hast du schon vergessen was das letzte Mal geschah?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich vergesse selten etwas. Außerdem bin ich nicht mehr zu retten und habe auch nichts mehr zu verlieren außer meiner Selbstachtung. Ich werde sie euch nicht kampflos überlassen.“ Ein bösartiges Lachen, das mir Angstschauer über den Rücken jagte erklang. Drohend richteten sie die Schwerter auf sie. Celeb ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Auch nicht als sie verspottet wurde: „Aber du bist alleine. Lange kannst du uns nicht aufhalten und dein Feuer wird nicht ausreichen um sie zu beschützen. Gib es auf kleines Mädchen.“ Sie schnaubte. Silberne lange Dolche erschienen in ihren Händen. Schützend stand sie vor mir.
    Das Schwert zitterte in meiner Hand. Wie sollte sie uns alle gleichzeitig beschützen? Es waren einfach zu viele! Sie kamen immer näher, zogen den Kreis enger. „Verschwinde Mädchen.“
    „Celeb?“ Flüsterte ich leise. Ich hatte Angst um sie. Das weiße Feuer loderte hell auf, hielt sie auf Distanz. Nur für wie lange? „Vielleicht solltet Ihr wirklich gehen.“ Grimmig schüttelte sie den Kopf. „Begeht niemals den Fehler Euren Feind zu unterschätzen junger Hobbit. Ich kann mich wehren und bin alles andere als hilflos. Ihr werdet alle sterben, wenn sie nicht verschwinden.“ Dann sprang sie. Verblüfft sah ich wie die Dolche die sie gleichzeitig warf sich vervielfältigten und zwei der Ringgeister gegen Säulen nagelte. Sie heulten und kreischten vor Schmerz auf. Fasziniert beobachtete ich Celeb. Sie kämpfte unglaublich. So viel Eleganz, Kraft und Anmut. Aber meine Ablenkung war ein Fehler. Ich übertrat Ausversehen die Grenze und sofort stürmte einer von ihnen auf mich zu. Ängstlich wich ich zurück, warf einen kurzen Blick auf die anderen. Pippin, Merry und Sam versuchten sich gerade zur Wehr zu setzen, wobei Celeb ihnen immer wieder zur Hilfe kam. „Nun stirb du Dieb!“ Flüsterte die Kreatur und ich streifte den Ring über. Ein scharfer Schmerzensschrei erklang. Celeb sank zu Boden. Ich versuchte vor ihm wegzulaufen, aber er schien mich zu sehen. „Nimm den Ring ab!“ Schrie sie auf und ich gehorchte aus Angst. Wenige Minuten später bohrte sich die Klinge in meine Schulter statt in mein Herz. „Frodo!“

    9
    *Normale Sicht*:
    Das hatte ich nun davon, dass ich nicht gleich zum Sturm geworden war. „Runter mit euch! Legt euch flach auf den Boden!“ Die Hobbits gehorchten. Fluchend sammelte ich meine ganze Energie. Metallische schrille Schreie erklangen als der weißglühende Feuersturm jeden Nazgul erfasste und wegriss. Die Energie prickelte in mir und ich fühlte mich so lebendig wie nie zuvor. Es reichte. Ich hatte genug von ihnen. Entschlossen schickte ich die Ringgeister nach Angmar zurück. Zitternd atmete ich durch und hob den verletzten Hobbit hoch. Wir mussten sofort von hier verschwinden. Obwohl mir eine Standpauke von Glorfindel drohte würde ich ihn um Hilfe bitten. Diese Wunde konnte ich nicht heilen.
    Nicht jetzt, wo mir meine eigene Schwäche zu schaffen machte. Es mochte eine törichte Idee gewesen sein, aber unsere einzige Chance auf Rettung.
    Ich konzentrierte mich auf Glorfindels Geist und rief nach ihm. Er würde nicht begeistert sein, aber das war mir gleichgültig. Nachdem der Waldläufer sich uns endlich angeschlossen hatte hasteten wir den Berg hinunter in den Wald, wohlwissend, dass uns die Zeit davonlief. Während er und Sam nach Athelas suchten konzentrierte ich mich darauf die Wunde sauber zu halten. Als eine gefühlte Ewigkeit später Glorfindel endlich eintraf, fühlte ich mich wie gerädert. Der Elb erdolchte mich förmlich mit Blicken und ich seufzte genervt. Zum Glück besaß er genug Verstand um zu begreifen, das Frodo im Augenblick wichtiger war als mein angeblicher Ungehorsam. Kaum waren die beiden weg brach ich zusammen und wurde ohnmächtig.

    10
    Als ich zu mir kam erkannte ich die vertrauten Wände meines Zimmers wieder. Wie lange war ich nur bewusstlos gewesen? Anscheinend zu lange. An den Weg nach Bruchtal erinnerte ich mich nicht einmal.
    Allein das verriet schon eine Menge. Schien, als hätte mich jemand die ganze Zeit getragen. Oh verdammt ich hasste es, wenn andere mich berührten. Zumindest auf diese Weise. Schaudernd stand ich auf und zog mich an. Wenigstens hatte ich meine alte Stärke zurückgewonnen.
    Eigentlich hasste ich das Gefühl, dass mir ein Zimmer gab. Das Gefühl, eingesperrt zu sein und nicht atmen zu können. Wie viel lieber hätte ich in einer Astgabel geschlafen. Aber ich kannte Elronds Meinung dazu.
    Seiner Meinung nach, durfte eine Prinzessin – selbst wenn sie ihr Erbe nicht wollte – nicht wie ein Waldkobold oder ein Tier leben. Im Gegenteil, sie sollte zivilisiert, höflich, zurückhaltend und freundlich sein. Eigenschaften, die mir völlig fremd waren, sogar fehlten.
    Wenn er Mitspracherecht hatte, wie in einer Situation, in der ich bewusstlos nach Rivendell gebracht wurde, sorgte er dafür, dass ich in einem richtigen Zimmer schlief und nicht unter dem Sternenhimmel. Bedauerlich aber ich wusste, das ich ihn nie ändern wollte. Dies war Elrond, den ich als Vater betrachtete.
    Nachdem ich mich angezogen hatte, verließ ich lautlos meine „Zelle“ und huschte durch die Korridore, die zu meiner Überraschung völlig leer waren. Wo steckten alle? Wie lange hatte ich geschlafen? In diesem Moment hörte ich das Schnauben von Pferden und Stimmengewirr. Ich blieb angewurzelt stehen. Legte den Kopf in den Nacken und schnupperte. Elben, Pferde und Menschen. Erwartete Elrond etwa Gäste?
    Davon hatte er mir doch nichts gesagt. Zumindest konnte ich mich nicht daran erinnern. Seltsam. Sollte ich weitergehen? Eigentlich hatte ich keine Lust auf Gesellschaft. Schließlich stand mir noch Glorfindels Standpauke bevor. Grr! Als wäre ich ein kleines Kind, das er maßregeln konnte wenn es einen Fehler machte. Gut mein Plan war knapp kalkuliert und nicht ungefährlich gewesen – aber verdammt noch mal, es war mein Leben, das ich riskiert hatte! Ich war erwachsen und musste selbst die Konsequenzen für mein Handeln tragen. Ich brauchte keine Glucke, die jeden Schritt überwachte und mich nicht alleine herumlaufen ließ.
    War ich sauer? Ein wenig. Mit einem genervten Schnauben stapfte ich auf den Lärmpegel zu. Früher oder später musste ich mich ohnehin mit den Elben auseinandersetzen. Von den übrigen Gästen mal abgesehen.
    Ich hatte keine Lust auf ihre starrenden Blicke, aber gut, ich hatte eigentlich auch keine andere Wahl. Nur blieb es hoffentlich nur bei dieser einen Begegnung von den Abendessen mal abgesehen.
    Meine Fingerspitzen kribbelten. Ich wollte bald weiter.
    Ungeduldig schnalzte ich mit der Zunge. Die Energie vibrierte in mir und ich konnte es kaum erwarten, wieder unterwegs zu sein. Dieses Mal in Vollbesitz meiner Kräfte. Was in den vergangenen Jahren zu einem seltenen Zustand geworden war. „Ich hörte, Ihr habt einen Überraschungsgast, Herr Elrond?“ Warte mal. Diese Stimme kam mir vertraut vor. Wie war noch mal der Name des Elben gewesen? Irgendetwas mit L. So viele Elben fielen mir nicht ein. Zögernd kam ich näher und lugte vorsichtig um die Ecke. Elrond drehte mir den Rücken zu, aber den Sprecher konnte ich gut sehen. War das möglich?
    Der Sohn des Elbenkönigs aus Lasgalen war wirklich hier! Prinz Legolas? Er war so viele Jahre jünger als ich und ich erinnerte mich noch gut an die Zeit, als seine Mutter noch lebte. Eine meiner liebsten Freundinnen. Nur hatte unsere Freundschaft am Ende ihren Tod bedeutet. Damals war der junge Elb noch ein Kleinkind gewesen. Wahrscheinlich erinnerte er sich nicht mehr an sie. Traurig, denn Elendis hatte ihren Sohn unendlich geliebt. Mehr als ihr eigenes Leben. Ich wusste nur zu gut, das ihr Tod Thranduil zerbrochen hatte. Seinen Schmerz konnte ich nur zu gut nachvollziehen. Es war seltsam seinen Sohn nach all der Zeit wiederzusehen. Auch wenn er keine Ahnung hatte, wer ich eigentlich war.
    „Das ist wahr, junger Prinz. Sie war eine gute Freundin Eurer Mutter.“
    Der Elb wirkte verwirrt. Kein Wunder, er erinnerte sich wahrscheinlich nicht mehr an mich. Ich biss mir auf die Lippen. Sollte ich mein Versteck aufgeben? „Elendis und sie haben einander geliebt wie Schwestern. Nach dem Tod Eurer Mutter hat Tavaril versucht, auf Euch und Euren Vater zu achten, so wie sie es versprach, aber das Schicksal spielt nicht immer nach unseren Wünschen. Ihr werdet sie spätestens heute Abend kennenlernen. Im Augenblick ruht sie sich aus. Es war eine anstrengende Reise für sie.“ Er stellte mich so hin, als wäre ich eine alte klapprige Frau. Also gut. Ich atmete tief durch, ehe ich zögernd mein Versteck aufgab. „Ihr habt die Augen Eurer Mutter.“ Die Blicke der Männer waren mir unangenehm. Es war als würden sie mich ausziehen. Ignoriere es, warnte ich mich selbst. Ein Panikanfall würde die Situation nur noch schlimmer machen. Ich lächelte und trat an Elronds Seite. „Das nächste Mal gerne den gewohnten Schlafplatz und nicht eine Zelle.“ Schimpfte ich ihn leise aus. Belustigt grinste er mich an. „Bist du deshalb aufgewacht?“
    „Apropos, wie lange war ich bewusstlos?“
    „Fünf Tage.“ WAS! Düster starrte ich ihn an. Das war hoffentlich ein Scherz. „Niemals. Du nimmst mich auf den Arm.“
    „Als ob ich das je wagen würde.“
    „Sei ernst!“ Ich stemmte die Hände in die Hüfte. „Nie im Leben war ich solange bewusstlos. Du treibst nur wieder deine seltenen Scherze mit mir.“ Mir waren nur zu gut die Blicke der anderen bewusst. Aber im Augenblick war es mir sogar egal. Ich konnte diese Behauptung nicht einfach hinnehmen. Noch nie war ich solange bewusstlos gewesen.
    Nicht einmal während meiner Gefangenschaft. Zumindest nicht ohne das Gift im Spiel gewesen wäre, was offensichtlich nicht zutraf!
    „Tavaril. Du warst von dem Moment bewusstlos, als Glorfindel mit Frodo aufbrach.“ In seinen Augen las ich die Wahrheit. Er log mich nicht an. „Ehrlich gesagt war ich erschrocken, als Aragorn dich herbrachte. Du warst bleich und hast kaum geatmet. Nichts was ich getan habe konnte dich aus dieser seltsamen Starre befreien. Ich habe mir Sorgen um dich gemacht. Was genau ist geschehen?“
    „Ich habe die Risiken nicht genau kalkuliert und mich zwei Mal mit den Ringgeistern angelegt. Bevor du mir eine Predigt hältst: ich hatte meine Gründe. Könnten wir dieses Gespräch auf einen späteren Zeitpunkt verschieben? Vielleicht heute Abend nach dem Essen?“
    Misstrauisch musterte er mich. „Das hört sich so an, als würdest du irgendetwas planen. Tavaril...“ Drohend plusterte er sich auf. Ernsthaft?
    „Jetzt beruhige dich. Ich breche erst morgen früh auf.“ Bei dem Gedanken was mich erwartete schnitt ich eine Grimasse. „Familientreffen sind mir ein Graus. Aber ich werde aufhören davor wegzulaufen.“
    „Mach keine Dummheiten und fälle keine überstürzten Entscheidungen.“
    „Ich bin erwachsen und kein kleines Kind mehr.“
    „Leider.“
    „Ach sei still. Kümmere dich lieber um deine Gäste, ehe sie Wurzeln schlagen. Wo steckt eigentlich Glorfindel?“
    „Im Stall. Er wollte nach Afaloth sehen.“
    „Danke.“ Damit verschwand ich. Ich hasste Streitereien mit dem Elben, aber ich wusste, dass sein Ärger nur das Ergebnis seiner Sorge um mich war. Besser ich brachte es schnell hinter mich.

    Legolas Sicht:
    Verwirrt blickte ich ihr nach. Sie sah zwar aus wie eine Elbin, benahm sich aber völlig anders. Niemand der ich kannte, hätte sich so Herr Elrond gegenüber verhalten. Eine Mischung aus Respektlosigkeit, Humor und einer beängstigenden Direktheit. Eine Frau wie sie hatte ich noch nie gesehen. Wer war sie? Mein Vater hatte mir nie von einer Tavaril erzählt, geschweige denn von einer Freundschaft zwischen ihr und meiner Mutter. Elendis... Nur ein Name. Ich erinnerte mich nicht mehr an sie. Vielleicht war Tavaril meine Chance, mehr über sie und meinen Vater zu hören. Wenn es denn stimmte, dass dieser Wirbelwind, wirklich mit meinen Eltern befreundet gewesen war. „Ich würde es verstehen, wenn Ihr ein wenig überrumpelt seid. Es wäre eine gewöhnliche Reaktion auf sie. Sie ist eine Naturgewalt.“ Elrond zwinkerte mir zu. „Tavaril ist mehr, als sie die meisten sehen lässt. Vielleicht werdet Ihr die Chance bekommen, sie näher kennenzulernen. Glaubt mir, Ihr werdet niemals eine so loyale Freundin und tödlichere Feindin begegnen. “
    „Das klingt so, als würdet Ihr sie schon lange kennen.“ Innerlich hoffte ich, das er mir mehr über sie erzählen würde. Er seufzte und blickte ihr nach. „Das ist wahr. Ihr Leben war alles andere als leicht und ich konnte sie nicht davor bewahren, unter Saurons Grausamkeit schreckliche Qualen erleben zu müssen. Das sie trotzdem ihren Glauben an die Liebe und das Gute nicht verloren hat sagt viel über ihre innere Stärke aus.“
    Sauron hatte sie gefoltert? Wollte er dass etwa sagen? Tavaril musste stärker sein als ich vermutet hätte. Ich hatte das Feuer in ihren Augen gesehen, kaum das sie die Stufen hinabgeschritten war. Stolz wie eine Königin und so schön, dass ich fast zu atmen vergessen hätte.
    Sie faszinierte mich und ich konnte es nicht erwarten mehr über sie zu erfahren. Tatsächlich konnte ich das nächste Widersehen kaum erwarten.

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Der Bann des Hexenkönigs
Der Bann des Hexenkönigs
Als Tochter des grausamen Hexenmeisters von Angmar kennt Tavaril Angst und Schmerz nur zu gut. Sie weiß, was ihr und allen anderen blühen, sollte Sauron sich erneut erheben und versuchen, die Macht über ganz Mittelerde an sich zu reißen. Um das zu ve...
http://www.testedich.de/quiz49/quiz/1502745452/Der-Bann-des-Hexenkoenigs
http://www.testedich.de/quiz49/picture/pic_1502745452_1.jpg
2017-08-14
402C
Herr der Ringe

Kommentare (2)

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legolas 03 (33887)
vor 11 Tagen
Es ist wirklich schön geschrieben und hoffe du schreibst bald schon weiter!!Mach weiter so
Elenath ( von: Elenath)
vor 11 Tagen
Wunderschön, bitte schreib weiter !!