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Im Visier der Jägerin

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9 Kapitel - 21.810 Wörter - Erstellt von: Sarah Laureen - Aktualisiert am: 2017-10-12 - Entwickelt am: - 1.412 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit - 3 Personen gefällt es

Die „Dunklen Unsterblichen“, die „Geißel des Nordens“ oder einfach nur „Barbaren“ – es gab viele Bezeichnung für das dunkle Volk aus dem Norden. In ihrem Blut hatten sich Menschen, Istari, Elben und sogar die Valar vereint, was ihnen erstaunliche Kräfte verliehen. Wer nicht stark genug war um zu kämpfen, der war auch nicht stark genug um zu leben, so lautete ihr eiserner Grundsatz. Die Natur und Instinkte eines Raubtiers gepaart mit einem messerscharfen Verstand machte aus den Dunklen wie sie wegen ihrer Macht genannt wurden gnadenlose Krieger. Ein weiteres ungeschriebenes Gesetz war: Vertraue niemandem und liebe nicht. Wer dagegen verstieß hatte sein Leben verwirkt. Doch was, wenn eine von ihnen im Kampf gegen Sauron gegen dieses Gesetz verstößt? Wenn die "Jägerin der Schatten" erkennt, woran sie wirklich glaubt? Gibt es Hoffnung für sie?

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    Steckbrief Name: Fylla Esgerd Alter: unbekannt Rasse / Volk: Dunkle (unsterblich) Eltern: beide tot (Vater -> Dunkler; Mutter -> ursprünglich M
    Steckbrief

    Name: Fylla Esgerd
    Alter: unbekannt
    Rasse / Volk: Dunkle (unsterblich)

    Eltern: beide tot (Vater -> Dunkler; Mutter -> ursprünglich Maia, gab ihre Kräfte auf und wurde sterblich)
    Freunde: nicht existent (Schwachstelle)
    Feinde: Orks, Sauron, Abtrünnige, u. a.
    Berufung: Jägerin, Vollstreckerin

    Aussehen: lange schwarze Haare, blaugraue Katzenaugen, hochgewachsen, trägt meistens eine Lederrüstung oder Hose mit Kapuzenweste kombiniert
    Waffen: kann mit jeder Waffe umgehen, bevorzugt Armbrust, Wurfpfeile, Dolche und Langschwert

    Charakter: sarkastisch, zurückhaltend, verschlossen, kühl, wachsam und vorsichtig

    Geschichte: lest weiter in den nächsten Kapiteln

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    Domhnall – die verborgene Festung der Dunklen. Hierher trauten sich weder Menschen, noch Elben und erst Recht keine Orks. Zu viele düstere Gerücht
    Domhnall – die verborgene Festung der Dunklen. Hierher trauten sich weder Menschen, noch Elben und erst Recht keine Orks. Zu viele düstere Gerüchte umgaben das Gebiet. Große menschenfressende Bestien sollten hier hausen und der Nebel dem Geiste gefährliche Streiche spielen. Letzteres stimmte tatsächlich. Es war ein magischer Nebel, der jene, die nicht zu den Dunklen gehörten, fernhalten sollte. Hinzu kam, dass die Festung direkt in den Berg gehauen und so geformt war, dass man sie erst erkannte, wenn man sich mitten in ihrem Herz befand. Zu manchen Zeiten im Jahr, konnte man ein beeindruckendes Tor auf der anderen Seite des Berges erkennen. Meistens verbarg der Nebel und der ewige Schneesturm alle Geheimnisse der Dunklen. Was ihnen nur Recht war. Je weniger Kontakt sie mit anderen hatten, desto besser. Die Bewohner von Domhnall blieben streng unter sich, mieden alle Menschen und gingen unnötigen Kämpfen aus dem Weg. Nun, die meisten von ihnen zumindest. Einige verließen die geheime unterirdische Stadt um Kreaturen zu jagen, die nicht nur für die Dunklen eine Gefahr darstellten sondern auch für Elben, Menschen, Zwerge und jegliche andere Geschöpfe unter der Sonne - von den Dienern Morgoths mal abgesehen.
    Schweigend schob die scheinbar junge Frau ihr Bündel auf ihrem Rücken zurecht und setzte ihren Weg durch das ewige Schneegestöber fort. An diesem Ort herrschte immer Winter und eisige Temperaturen. Dennoch entsprach ihre Kleidung nicht unbedingt dem rauen Klima. Eine eng anliegende Hose, hohe Stiefel und eine bauchfreie Weste mit Kapuze waren ihr einziger Schutz vor dem gnadenlosen Wetter. Jeder andere wäre wohl erfroren, aber die Dunklen besaßen die nützliche Gabe, ihre Körpertemperatur zu regulieren und waren gesundheitlich sehr robust. Wäre sie ein Mensch gewesen, hätten die winzigen Eissplitter in der Luft ihre Lungen zerstört und sie läge längst erfroren irgendwo im Schnee. Zu ihrem Glück war sie eine unsterbliche Jägerin und eine Dunkle. Vor vielen Jahrtausenden war sie nur zur Hälfte eine Dunkle gewesen, doch vor Beginn ihrer Ausbildung hatte ihre Umwandlung stattgefunden.
    Ihr Vater hatte einst das wichtigste Gesetz ihres Volkes verletzt: er hatte sich an eine Maia gebunden und sich in sie verliebt. Damit besiegelte er sein Todesurteil. Allerdings hatten die Dunklen erst sehr viel später begriffen, das er eines der heiligsten Gesetze gebrochen hatte. Die Abtrünnigen dagegen, jene Dunklen die ihre Ehre verloren, hatten schon früh begriffen, was er tat. Sie töteten die Mutter des Mädchens sowie die anderen Dorfbewohner und versuchten auch das Kind zu vernichten. Das Mädchen überlebte den Angriff und wurde schließlich von den Dunklen als Eine von ihnen aufgenommen. Ihre Ausbildung zur Kriegerin und Jägerin Abtrünniger ihres Volkes war längst abgeschlossen.
    Ihr langes schwarzes Haar war zu einem festen Zopf geflochten, die blaugrauen Katzenaugen nahmen die noch so kleinste Bewegung wahr und ihr schlanker Körper, der mit sehr gefälligen Kurven bedacht worden war, bewegte sich mit angeborener raubtierhafter Anmut. Auf Menschen wirkte sie sehr anziehend was sie jedoch selten störte, da sie so an ihre Ziele gelangte. Wie ihre Opfer, ihre verdammten Artgenossen, wusste sie ihr attraktives Äußeres als Waffe und Lockmittel einzusetzen. Obwohl sie unschuldig, freundlich und sehr vertrauenswürdig wirkte, schlummerte in ihr dieselbe kompromisslose Raubtiernatur wie in ihren Gegnern. Den Abtrünnigen. Wie lange sie diese schon jagte wusste sie nicht mehr. Irgendwann verlor Zeit an Bedeutung, wenn jeder Tag dem anderen glich und alles langsam in grauer Monotonie versank. Manchmal vermisste sie die unbeschwerten Jahre ihrer Kindheit die ein so abruptes Ende fanden.
    Es war müßig sich damit zu beschäftigen. Es war ein anderes Leben das sie damals geführt hatte. Längst waren andere Dinge wichtiger geworden. So auch der Befehl, der sie hierher geführt hatte. Sie blieb kurz stehen um zu lauschen und ihr Bewusstsein nach verborgenen Fallen auszustrecken. Die Dunklen schützten ihren Rückzugsort mit eiserner Hand. Selbst ihresgleichen gegenüber waren sie zumeist misstrauisch. Aus gutem Grund. Der Feind hatte viele Gesichter und er spielte gerne mit den alten Erinnerungen seiner Gegner. Die Vorsicht war verständlich.
    Die Jägerin lächelte freudlos. Sie wurde akzeptiert, genoß sogar ein hohes Ansehen unter ihresgleichen und jeder hätte sie wohl mit Freude aufgenommen. Aber sie gehörte nicht zu der Sorte Unsterblicher, die um Schutz oder Erlaubnis bat – nicht einmal den Angehörigen ihres eigenen Volkes gegenüber. Sie war unabhängig und erfahren genug um ohne fremde Hilfe zu überleben. Für sie war es eine Frage der Ehre. Sie hatte mittlerweile mehr Jahrhunderte gelebt, als sie zählen wollte. Unermüdlich hatte sie gegen Orks und Abtrünnige gekämpft. Wie viele dabei gestorben waren wusste sie nicht. Es interessierte sie auch gar nicht.
    Die Zahl der Abtrünnigen wuchs und die der erfahrenen Jäger schrumpfte bedenklich schnell. Sie erkannte die Anzeichen auch wenn die meisten es nicht wahrhaben wollten: die Tage des dunklen Volkes waren gezählt. Sehr wahrscheinlich kämpfte sie auf verlorenem Posten in einem Krieg, den ihr Volk längst verloren hatte. Dennoch weigerte sie sich einfach aufzugeben. Das wäre wider ihrer Natur und egoistisch dazu. Als Jägerin achtete sie vor allem, das die Menschheit durch die Abtrünnigen nicht allzu großen Schaden erlitten, geschweige denn ausgelöscht wurden.
    Die Welt veränderte sich für den Geschmack der meisten Dunklen viel zu sehr und zu schnell, auch wenn mittlerweile nur die wenigsten Domhnall verließen. Sie gehörten nicht mehr dazu und waren sich dieser Tatsache nur allzu deutlich bewusst. Allerdings verspürten sie auch kaum den Wunsch, sich anzupassen oder die Welt zu erforschen. Auch die Jägerin kannte die Sehnsucht nach Ruhe und Abgeschiedenheit. Sie zog entlegene, unwirtliche und dunkle Gegenden vor. Tatsächlich konnte sie sich nicht erinnern, ob und wenn ja wie sehr sie je die Gesellschaft anderer ihrer eigenen vorgezogen hätte. Einsamkeit war der Weg der Jäger, denn sie konnten während ihrer mühevollen Aufgabe nur sich selbst vertrauen und lebten zu gefährlich, als das sie lange an einem Ort blieben. Manchmal schloßen die einzelgängerischen Jäger zwar Bündnisse um Abtrünnige zu vernichten, aber ansonsten blieb jeder für sich. Ihre Territorien die sie überwachten waren teilweise sehr weitläufig, so dass sie viel zu überprüfen hatten. Die wenigsten störte es, wenn andere Jäger in ihren Gebieten Abtrünnige vernichteten. Denn ihre Aufgabe führten sie durch ganz Mittelerde und in die entlegensten Winkel von Arda.
    Überall gab es Feinde und Vorsicht bei der Wahl der Zuflucht war geboten. Deshalb hatte sie sich auf ganz Arda verschiedene Verstecke und Rückzugsorte eingerichtet. Eines hatten sie alle gemeinsam: Tageslicht war kaum zu finden, denn sie konnte im Dunkeln hervorragend sehen. Sie lebte schon zu viele Jahrhunderte, um nicht den exakten Zeitpunkt des Sonnenauf - und Sonnenuntergangs zu kennen, gleichgültig wo sie sich befand. Die Dunkelheit und die Nacht waren ihre Elemente. Zwar konnte sie tagsüber kämpfen aber ein beachtlicher Teil ihrer Kräfte war eingeschränkt. Im Schutz der Dunkelheit wurde sie zu einer tödlichen Gegnerin. Sie ging jedoch nicht nur den meisten ihrer Artgenossen aus dem Weg, sondern auch den Elben, obwohl sie ihnen eigentlich nicht feindlich gegenüberstand. Allerdings hatte sie ihre Lektion was Vertrauen in andere außer ihr selbst anging dreimal schmerzhaft gelernt. Als Jägerin konnte sie sich keine Schwäche erlauben und durfte niemals den heilenden Schlaf ihres Volkes nutzen um zu Kräften zu kommen. Manchmal konnte sie Letzteres nicht verhindern. Es gab Verletzungen die nur heilten, wenn sie dieses Risiko einging. Oft genug war sie verletzt worden in ihren Kämpfen. Sie seufzte innerlich. Warum nur hatte der Anführer der Jäger sie gerufen? Nach Domhnall?

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    Sie erreichte das Haus, das den Jägern vorbehalten wurde. Es war groß, schlicht eingerichtet und leicht zu verteidigen. Mindestens fünf von ihnen hielten sich die ganze Zeit in Domhnall auf, die anderen kamen, wenn sie von dem Anführer gerufen wurden. Ihm allein waren sie Rechenschaft und Gehorsam schuldig. Für sie war er das Gesetz. Es war ein Teil von Thaisen' Aufgabe, seine Jäger fest im Griff zu haben und notfalls zurückzupfeifen. Er war wachsam und erkannte Lügen sofort. Niemand log ihn ungestraft an. Vergeltung folgte sofort und war grausam von ihrer Art her. Aber das waren die Gesetze ihres Volkes. Mochte es noch so barbarisch und falsch klingen, dass jeder Fehler eine Strafe als Konsequenz hatte, aber Disziplin, Selbstkontrolle und Ehre waren die Grundsäulen der Dunklen. Als Dunkle waren die Jäger sehr mächtig und Macht konnte leicht zum Verhängnis werden. Die Verwandlung in einen Abtrünnigen konnte ohne jegliche Vorwarnung eintreten. Nur zu gut wusste sie, dass Thaisen Wiard, alle seine Krieger, Spione, Vollstrecker und Jäger im Auge behielt. Es war gefährlich, Abtrünnige nicht zu vernichten. Diese Kreaturen waren zu allem fähig und wurden von sehr dunklen Gefühlen getrieben. Vor allem aber konnten sie die Jäger auslöschen. Diese Gefahr nicht ernstzunehmend wäre nicht nur dumm sondern auch tödlich.
    Selbst die kleinsten Kinder lernten diese Art zu Leben irgendwann schätzen. Die Anzahl der Dunklen schrumpfte bedenklich und Geburten waren zu einer Seltenheit geworden. Für so viele mochte es noch verborgen sein, aber sie erkannte die Zeichen. Ohne Kinder würde das dunkle Volk gänzlich verschwinden. Soweit sie sich erinnerte, war ihr Halbbruder Dacil das letzte Kind, das geboren und erwachsen geworden war. Jahrtausende ohne Nachwuchs. Gab es überhaupt noch Hoffnung für die Dunklen?
    Nicht das es ihr wichtig genug gewesen wäre um sich näher mit der Lösung des Problems auseinanderzusetzen. Ihre Aufgabe bestand in etwas anderem. Und manchmal wurde sie für ungewöhnliche Aufträge gerufen. Worum ging es wohl dieses Mal? Aufmerksam lauschte sie und sah sich um. Langsam öffnete sich die Tür und mit einem halben Lächeln bat Tym, der engste Vertraute des Anführers, ein Vollstrecker und ein brutaler Ausbilder, sie hinein. Sie zeigte keine Gefühle und schirmte aus Gewohnheit ihre Gedanken ab. Natürlich hatte er sie damals gnadenlos trainiert. Jeder Fehler war hart bestraft worden. Sehr bald hatte sie gelernt, Fehler zu vermeiden und aus den Kampfstrategien erfahrener Jäger für sie nützliche Techniken zu entwickeln. Ein Grund, warum ihre Ausbildung die kürzeste in der Geschichte der Jäger gewesen war. Noch immer konnte sie ihn nicht ausstehen. Obwohl diese Zeit längst vorbei war, empfand sie Tym gegenüber einen Groll, der sich auch nach all den Jahrtausenden nicht verflüchtigt hatte. Warnend musterte er sie. Taxierte sie abschätzig.
    „Fylla.“ Ihr Name als Vorwurf formuliert. Ein guter Anfang dafür, dass sie nach zweihundert Jahren das erste Mal hierher beordert wurde. Was hatte sie denn jetzt wieder verbrochen! Nichts. Er konnte ihr doch nicht vorwerfen, den Anweisungen ohne Verzögerung folgegeleistet zu haben. Was für ein nervtötender Mann. Ein Jammer, dass Thaisen ihn vermissen würde. Für die meisten wäre der Tod des Ausbilders kein Verlust. Kaum jemand würde trauern sollte er sterben. Diese Gedanken behielt sie wohlweislich für sich. Tym würde es nicht gut aufnehmen wenn er die Wahrheit über ihre Meinung von ihm wusste. Wahrscheinlich würde er es sogar als Vorwand nutzen um sie zu töten. Nicht, das es ihm gelingen würde. Dafür war sie zu lange eine Jägerin. Sie warf ihm einen kühlen Blick zu. „Ist er hier?“
    Thaisen war nicht anwesend, dennoch fragte sie. Es war höflich und je eher sie diese Information hatte, desto besser. „Er ist unterwegs kommt aber bald. Ich habe jetzt noch nicht mit dir gerechnet. Vom Auenland hierher ist ein weiter Weg. Du bist zu früh.“ Schon wieder ein Vorwurf. Grimmig verbarg sie ihren Ärger wegen des ungerechtfertigten Tadeln tief in ihrem Bewusstsein. Der Dunkle musste nicht alles wissen. Das Auenland war für den Augenblick frei von Abtrünnigen und sie war auf dem Weg nach Gondor gewesen, um einem anderen Jäger zu helfen, als die Nachricht sie erreichte. Nach einer kurzen Absprache mit ihm brach sie auf. War das etwa ein Verbrechen? Was für einen Sinn hätte es gehabt, mit der Rückkehr zu warten? Je eher sie erfuhr, weshalb man sie gerufen hatte, desto schneller konnte sie ihren Aufgaben nachkommen. Aber diese Gründe gingen ihren ehemaligen Ausbilder nichts an. Vielleicht noch Theisen, aber selbst er kam gut ohne derartiges Hintergrundwissen aus. Sie lebte nach dem Grundsatz: nur so viel Informationen wie nötig.
    „Irgendwelche Probleme?“ Seine Miene verdüsterte sich schlagartig. Aha. Sie hatte richtig vermutet. Es gab Probleme, wahrscheinlich zu viele aus seiner Sicht. Er seufzte und begleitete sie zur Kommandozentrale. „Unzählige. Die Zahl der Angriffe auf unsere Grenzen häufen sich. Aus Mordor haben wir alarmierende Berichte bekommen. ER ist zurück.“
    Sauron. Verachtung stieg in ihr auf wenn sie sich an ihn erinnerte. Oh ja, sie kannte ihn in all seinen Gestalten. Immer wieder hatte er versucht, die Dunklen auf seine Seite zu ziehen und sie selbst zu seiner Königin zu machen. Aber seine Mühen waren vergebens. Allerdings war er klug genug gewesen, ihr Volk nicht offen anzugreifen. Zu sehr fürchtete er die geeinte Macht der dunklen Unsterblichen. Vernünftig. Ein wenig Selbsterhaltungstrieb war ihm trotz seines Wahnsinns erhalten geblieben. Nicht das es ihm viel nutzen würde. Er konnte den Dunklen nicht Paroli bieten. Selbst Morgoth hatte damit seine Schwierigkeiten gehabt. Nun, diese Neuigkeit war eine willkommene Erklärung für die beunruhigenden Vorgänge, die sie beobachtet hatte. Ja, die Menschen, Elben und Zwerge steuerten auf einen grausigen Krieg zu. Was für positive Aussichten. Die Frage war nur, ob die Dunklen sich beteiligten oder zurücklehnen würden. Es wäre nicht gerechtfertigt, die Menschen ihrem Schicksal zu überlassen, aber sie war es nicht, die darüber entschied. Bedächtig achtete sie darauf, das ihr Gesicht vollkommen ausdruckslos blieb. „Das erklärt einiges. Werden wir uns heraushalten oder eingreifen?“
    Im Auenland war ihr aufgefallen, wie viele Fremden sich auf einmal in den Städten, auf den Strassen und den Wäldern herumtrieben. Unter ihnen auch Südländer. Es gefiel ihr nicht, aber solange kein allzu großer Schaden entstand und es keine Tote gab, durfte sie nicht eingreifen. Außerdem gingen sie die Angelegenheiten anderer offiziell nichts an. Ihre Aufgabe war lediglich beobachten und beschützen. Mehr nicht. Das bedeutete allerdings nicht, dass sie tatenlos zusehen würde, wie Menschen, Elben und Zwerge gleichermaßen abgeschlachtet wurden. Tym zuckte mit den Schultern. Ihr Schicksal war ihm eigentlich egal. „Wahrscheinlich werden wir erst einmal die Reaktion der Elben, Menschen und Zwerge abwarten, ehe wir eine endgültige Entscheidung treffen.“ Ein Paradebeispiel für die Taktik der ranghöchsten Dunklen. Abwarten, gründlich Risiken abwägen, Strategien entwickeln und irgendwann handeln. Das hatte seine Vor- und Nachteile. Nur würde sie sich hüten in dieser Richtung irgendetwas zu sagen.
    Ein Poltern und die Tür wurde schließlich aufgerissen. Thaisen betrat den Raum. Seine schönen aber leicht grausamen Gesichtszüge nahmen einen entspannteren Ausdruck ein, als er die Jägerin erkannte. Sie erhob sich legte die linke Hand auf ihren rechten Ellenbogen, verbeugte sich knapp aber respektvoll. „Möge die Nacht dich leiten und die Sterne deinen Weg erhellen.“ Die formelle Begrüßungsformel ging ihr leicht wie immer über die Lippen. Thaisen interessierten Förmlichkeiten im Augenblick wenig. Er winkte ab. „Fylla wir haben Probleme.“
    Als ob sie das nicht mitbekommen hätte. Ruhig verbarg sie ihre Belustigung und den leichten Spott. Es war gefährlich, sich über den Anführer lustig zu machen. So mancher hatte dafür seinen Kopf eingebüßt. „Was soll ich tun? Spionieren? Töten?“
    „Beobachten. Ich will, dass du nach Bruchtal reist. Einer unserer Informanten war so freundlich zu erwähnen, das ein Rat dort stattfinden wird. Präziser ausgedrückt: du wirst zu einem Schatten werden, der sich dem Ringträger an die Fersen heftet. Sorge dafür, das der Ringträger seine Aufgabe erfüllt.“ Das entsprach zwar nicht unbedingt ihren normalen Aufgaben, aber es sollte ihr grundsätzlich nicht allzu schwer fallen. „Auf keinen Fall darf er in die Hände des Feindes geraten.“
    Weder Ringträger noch der Eine Ring. Die Folgen wären verheerend. Nein dieses Risiko würden sie nicht eingehen. Sie nickte nur. Damit war für sie das Thema abgehakt. „Was ist mit unseren Grenzen?“
    „Wir werden überleben. Es wird nicht leichter werden, aber auch nicht schlimmer. Mach dir keine Sorgen. Uns wird nichts passieren.“
    Das war die Kleinste ihrer Sorgen. Die Dunklen hatten so viele Stürme überlebt, aber irgendwann würde auch ihre Zeit ablaufen. Darauf war sie vorbereitet. Nein, ihre Sorge war Sauron. Er würde ihnen zusetzen und gefährlich nahekommen. Was, wenn er versuchte, ihren Anführer zu töten? Sie warf Tym einen kurzen Blick zu. Mit einem Nicken gab er ihr zu verstehen, das bereits Vorsichtsmaßnahmen zu seiner Sicherheit getroffen worden waren. Gut. „Wann soll ich aufbrechen?“
    Thaisen musterte ihre ausdruckslose Miene. Wie immer ließ sie sich keine Gefühle anmerken. Sie alle hatten Fylla gut ausgebildet. Zu gut. Manchmal wünschte er sich, dass sie wenigstens einen Hauch von Emotionen zeigte, aber er war klug genug diesen Gedanken nicht auszusprechen. Sie wäre nur eine halb so gute Jägerin, wenn es ihr nicht gelänge, sich von ihren Gefühlen zu distanzieren und die Tode, die sie verantwortete mit Gleichgültigkeit begegnete. Die wichtigste Lektion die sie gelernt hatte war keine Schwäche zu zeigen und sich nicht von ihren Gefühlen leiten zu lassen. Sie vertraute niemanden außer sich selbst.
    Von Natur aus hatten die Dunklen raubtierhafte Instinkte. Bei einigen, war dieses Raubtier beängstigend stark. Die betreffenden Dunklen mussten jede Sekunde ihrer Existenz - denn nur davon konnte man ab einem bestimmten Zeitpunkt sprechen - wachsam sein und sich stets unter Kontrolle haben. Besonders dann, wenn sie sich in der Nähe von Menschen oder Elben aufhielten. Als Jägerin war Fylla ständig in ihrer Nähe. Beunruhigt beobachtete Thaisen sie. Dicht unter der Oberfläche ihrer schönen Fassade lauerte das Raubtier, bereit jederzeit zu töten und aus lauter Spaß an Blut sinnlos Beute zu reißen. Sie gehörte zu jenen Jägern, die ihm große Sorgen machten, auch wenn sie ihre raubtierhafte Natur meisterhaft unter Kontrolle hatte. Sie fühlte nichts, wenn sie tötete oder jagte. Nie hatte er sie schreien oder schimpfen gehört. Es war, als würde sie aus Eis und Stein bestehen. So war es schon bei Beginn ihrer Ausbildung gewesen und das hatte sich in den vergangenen Jahrtausenden kaum geändert.
    Ihre unablässige wachsame Ruhe machte ihn vorsichtig. Mehr noch. Es beunruhigte ihn. „Sei vorsichtig. Die Elben werden in diesen Zeiten wachsamer sein als sonst.“
    Ihre Augen blitzten kurz auf ehe sie wieder zu Eis wurden. Die einzige emotionale Regung, die er ihr in den letzten zweitausend Jahren entlockt hatte. „Sie werden mich nicht sehen.“
    Es war eine Feststellung. Mit einem Nicken entließ er sie und sie verschwand lautlos in dem sie mit den Schatten verschmolz. Tym warf ihm einen beunruhigten Blick zu.
    „Sie schirmt ihr Bewusstsein ab. Ich konnte nichts wahrnehmen.“
    Das klang leicht beängstigend. Nur wenige hatten die Gabe, ihn abzublocken. „Also hast du nicht einmal ihre Lebensenergie gespürt?“ Sein Freund schüttelte den Kopf. Schlechte Neuigkeiten. Aber von ihnen gab es in letzter Zeit viele. Hoffentlich stand es nicht so schlecht um Fylla wie er befürchtete. Jemand sollte auf sie aufpassen und im Auge behalten. Die Jäger die ihre Aufgabe bereits seit Jahrtausenden erfüllten verloren sehr schnell jeglichen Zugang zu ihren Gefühlen und Empfindungen. Manche verfielen deshalb dem Wahnsinn und mussten zur Strecke gebracht werden. Einsamkeit und die Notwendigkeit zu Töten forderten irgendwann ihren Tribut. Hoffentlich verfiel Fylla nicht den Einflüsterungen des Rings oder Sauron selbst. Denn Thaisen war nicht sicher, ob es überhaupt jemanden gab, der sie besiegen und töten konnte. Zu gut war die Jägerin ausgebildet worden und ihre Stärke wuchs mit jedem verstreichenden Jahr. Sollte sie sich gegen ihr Volk wenden würde das verheerende Folgen haben. „Folge ihr und behalte sie im Auge.“ Tym nickte ruhig und verschwand auf dieselbe Weise wie Fylla. Thaisen seufzte und rieb sich müde die Schläfen.
    Sauron hatte schon einmal versucht, die Dunklen auf seine Seite zu ziehen. Damals hatten sie erbitterten Widerstand geleistet. Wer wusste schon, ob es ihnen ein zweites Mal erfolgreich gelang. Immer mehr Dunkle verfielen dem Raubtier in ihrem Innern oder verloren jede Hoffnung. Es war schwierig ihnen zu helfen, denn die Zahl ihres Volkes schrumpfte bedenklich. Würden sie diesen Krieg überleben? Er war sich nicht sicher. Zu lange waren sie unter sich geblieben und hatten sich von allen anderen Völkern isoliert. Es war gefährlich die Dunklen auf andere loszulassen, wenn sie sich nicht unter Kontrolle hatten und die Welt, die sich längst verändert hatte nicht verstanden.

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    Vom ersten Moment an hatte sie gewusst, dass Tym ihr folgte. Unter all den Dunklen hätte sie seine Präsenz überall erkannt. Es war nur logisch das Thaisen ihn hinter ihr her schickte. Besonders dann, wenn der nervtötender Kerl ihm sagte, das er nicht ihre Gedanken und ihre Gefühle hatte wahrnehmen können. Wahrscheinlich wartete er nur darauf, dass sie sich vom Pfad der Ehre abwandte. Dann könnte er sie töten. Nicht das sie es ihm leicht machen würde. Nicht ohne Grund war sie eines der gefürchtetsten Wesen Mittelerdes. Sie war mit sechzehn eine Jägerin geworden und hatte seither keinen Kampf mehr verloren. Dafür stand zu viel auf dem Spiel. Die Wenigsten trauten sich ihren Namen auszusprechen, als würde allein das sie heraufbeschwören. Von ihr sprach man nur als „Jägerin der Schatten“, „Schattentod“ oder „Messer“. Sie war absolut tödlich und kannte ihre Stärken. Indem sie sich nicht erlaubte ihre Gefühle zu zeigen oder so etwas wie Freundschaft zu einem Lebewesen aufzubauen, machte sie sich unangreifbar. Thaisen tat gut daran sie zu fürchten. Er kannte ihre Kampftechniken und wusste, das sie, wenn sie wollte, töten konnte ohne überhaupt in die Nähe ihres Opfers zu sein. Ein Gedanke reichte dafür aus. Wie alle älteren Jäger wurde auch sie streng überwacht. Dennoch sorgte sie sich nicht. Die Schatten verbargen jegliche Spuren. Sie glaubte nicht, dass ihr Verfolger sie aufspüren würde, solange sie sich nicht materialisierte oder ihre Tarnung sinken ließ. Außerdem unterschätzte er sie immer noch. Dabei sollte Tym die Zeit gelehrt haben, dass sie alles andere als harmlos oder unschuldig war. Schweigend nahm sie in Bree Gestalt an. Ihre Kleidung ähnelte nun der von den normalen weiblichen Bewohnern. Normalerweise vermied sie es Kleider zu tragen, aber wenn sie nicht auffallen wollte, war diese Tarnung notwendig. Mit einem Gedanken schuf sie eine Illusion, die jedem Geschöpf ein menschliches Aussehen vorgaukelte. Das sie alles andere als menschlich war, würde selbst den Dunklen entgehen. Ruhig veränderte sie ihr Denkmuster und ihre Energie, bis sie der der Sterblichen glich. Unwahrscheinlich, das nun jemand Verdacht schöpfte. Sie gedachte, sich zuerst im Gasthof umzuhören und unauffällig nach dem anderen Jäger Ausschau zu halten. Der Rat würde erst in ein paar Monaten stattfinden. Sie hatte alle Zeit der Welt. Die Männer pfiffen ihr bewundernd nach, als sie durch die Strassen spazierte, als hätte sie nie etwas anderes getan. Selbst mit ihrer Illusion hatte sie eine faszinierende Wirkung auf Sterbliche. Sie wurden von ihrem Aussehen und ihrer Ausstrahlung angezogen, wie Motten vom Licht. Nicht das es sie kümmerte. Um die Tarnung weiter aufrecht zu erhalten, plauderte sie mit den Männern und Frauen über belanglose Themen, kaufte sich Brot sowie ein wenig Honigwein. Alkohol hatte überhaupt keine Wirkung auf sie. Während sie sich auf dem Markt herumtrieb, überprüfte sie ständig die Umgebung nach verräterischen Anzeichen für die Anwesenheit Abtrünniger oder Saurons Spione. Ohne das die Menschen etwas davon merkten, las sie ihre Gedanken und Erinnerungen. Zum Glück war keiner von ihnen sensibel genug, um ihre geistige Präsenz wahrzunehmen. Diese Fähigkeit hatte sie sich früh angeeignet. Bei ihren Jagden war es wichtig, das ihre Opfer ahnungslos blieben und sich in Sicherheit wähnten. Wenn sie bemerkt hätten, wie nahe die Jägerin ihnen bereits war, würden sie in Panik geraten oder versuchten zu flüchten. Nicht das es ihnen helfen würde, aber mit diesem Verhalten erregten sie zu viel Aufmerksamkeit. Nein, besser war es, wenn weder die Abtrünnigen noch die Orks sie bemerkten.
    Mit einem Lächeln betrat sie das Gasthaus und begrüßte höflich den Wirt. Der überschlug sich fast in dem Bestreben, ihr zu Diensten zu sein. Es überraschte sie doch immer wieder, welche Wirkung sie auf Menschen hatte. Kaum einer schöpfte Verdacht, das sie etwas anderes sein könnte als eine schöne junge Frau. Mühelos könnte sie Einfluss auf das Handeln und die Gedanken der Sterblichen nehmen, eine Gabe auf die sie eher ungern zurückgriff. Macht bedeutete Verantwortung, und die Versuchung, diese zu missbrauchen war allgegenwärtig. Mit unschuldigen Fragen und einem süßen Lächeln entlockte sie dem Wirt und seinen Gästen alles was sie wissen musste. Keiner von ihnen erkannte ihre wahre Identität. Sie gestattete sich ein kleines selbstgefälliges Lächeln. Nur ein anderer Jäger der ihre Art zu denken kannte, wusste, wie er sie erkennen konnte.
    Es gab viele Spione – sowohl von den Haradrim die durch ihr Aussehen auffielen – sowie von Saruman und Sauron. Mühelos drang sie in deren Gedanken ein und erfuhr von den Plänen. Beinah hätte sie verächtlich geschnaubt. Wie konnten die Menschen nur so blind sein und nicht die Gefahr mitten unter ihnen erkennen? Davon abgesehen störte es sie, dass der Weiße Zauberer offensichtlich Saurons Verlockungen verfallen war. Er hätte nicht den Palantir benutzen dürfen. Törichter, gieriger, unvorsichtiger Zauberer. Sie konnte nicht einmal so etwas wie Mitleid für sein Schicksal aufbringen. Jetzt war er Saurons Marionette auch wenn er etwas anderes glaubte. Beide hielten Ausschau nach dem Einen Ring. Die Frage war nur, wer ihn zuerst in die Finger bekäme. Sie lächelte innerlich. Als ob sie zulassen würde, das Sauron noch einmal die Welt mit Grauen, Schrecken und Dunkelheit überzog. Ihre Aufgabe war es, dafür zu sorgen, das der Ring vernichtet wurde und genau das würde sie tun. Gleichgültig wie hoch der Preis war, den sie dafür zahlen musste. Aufmerksam beobachtete sie die anwesenden Gäste. Neben den Spionen, den üblichen Stammgästen und Durchreisenden bemerkte sie auch einen Dúnadan, einen Waldläufer. Ihn umgab neben einer Aura der Gefahr auch etwas, das sie an einen König denken ließ. Die Menschen begegneten ihm mit Respekt und hielten auch Abstand zu ihm. Nachdenklich musterte sie ihn. Aus irgendeinem Grund hatten die Waldläufer und der Zauberer Gandalf Interesse an den Auenländern. Sie bewachten die Grenzen so gut, so dass die Halblinge und die Menschen, die hier wohnten, vergasen, was wirklich Gefahr bedeutete. Zu sicher war ihr Leben geworden.
    Doch selbst dieser friedliche Ort würde die Auswirkungen des Krieges zu spüren bekommen. Noch war es nicht so weit.
    Aber der Krieg lag in der Luft.
    Scheinbar gleichgültig wandte sie den Blick ab und reservierte für sich ein Zimmer, obwohl sie nicht vorhatte, dort zu schlafen. Nein, sie würde in den Nächten auf dem Dach Ausschau nach Gefahr halten. Tagsüber würde sie sich in die Wälder mit ihren versteckten Unterschlupf zurückziehen. Sie war dankbar für ihre Gabe lebendige Illusionen zu erzeugen. Das vereinfachte ihr Vorhaben. Lächelnd trank sie das Bier, obwohl es für ihren Geschmack zu fad schmeckte und scherzte mit ihren Tischnachbarn. Kein einziger Augenblick ließ ihre Wachsamkeit nach. Tym hatte ihre Spur verloren. Sie spürte, wie er frustriert zu ihrem Anführer zurückkehrte. Geschah ihm Recht. Er sollte es besser wissen, als sie zu unterschätzen. Diese Lektion war notwendig gewesen.

    5
    „So allein unterwegs Maneth?“ Die Stimme des Mannes war sanft und dunkel. Mit einem Lächeln deutete sie auf einen Platz neben sich. Fern ihrer Heimat nutzten die Jäger Elbennamen um nicht aufzufallen. Fylla hatte gleich zwei elbische Namen zur Auswahl. Maneth, was so viel wie Gnade bedeutete und Thellyg (Schlange). Je nach dem mit welchem Jäger sie kurzfristig zusammenarbeitete nannte sie einen dieser Namen. Denn ihr Echter gab anderen zu viel Macht über sie. Auch wenn Thaisen und Tym ihr Wissen nie missbraucht hatten um sie zu versklaven. Zum Glück.
    „Lange nicht gesehen Dacil.“ Antwortete sie mit einem leichten Zwinkern. Er bestellte ein Bier und lehnte sich ein wenig zur Seite um sie zu mustern. Die beiden hatten oft zusammen gekämpft und gejagt. Normalerweise tauschten sie sich telepathisch aus, aber umringt von Menschen war das nicht unbedingt die sinnvollste Strategie. Zumal beide es schätzten, wenn niemand ihre Tarnung durchschaute. Es war lästig Unschuldige zu töten die nur zu schlau für ihre eigene Sicherheit waren. Deshalb waren sie vorsichtig.
    „War deine Jagd erfolgreich? Oder ist dir deine Beute entwischt.“ Der Jäger grinste. Sie wusste, das sie ein Vierteljahrhundert älter war als er und sie waren sogar miteinander verwandt. Dacil war ihr Halbbruder, der Sohn aus der Verbindung zweier Dunkler. Ihrem Vater und einer Frau namens Aleit. Gemeinsam waren sie ausgebildet worden und oft hatten sie zusammen Jagd auf Verräter und Abtrünnige gemacht. Als Dacil damals seine Ausbildung anfing, hatte Esgerd bereits begonnen, Fylla weiter zu fördern und ihr Wissen beständig zu erweitern. Er hatte ihr alles beigebracht was er wusste. Nur dank seinen Lektionen hatte sie ihre ersten Einsätze überlebt. Später hatte sie Teile ihres Wissens an Dacil weitergegeben. Nicht alles aber genug, damit er überlebte. Allerdings riet sie ihm, sich Hilfe zu holen, sollte er erkennen, dass er alleine nicht gegen die Abtrünnigen ankam. Stolz wäre in einem solchen Fall nicht nur dumm sondern auch tödlich. Sie wusste, das sie ihm während eines Kampfes vertrauen konnte. Beide hatten oft genug gejagt um ihre Methoden an der Jagdweise des anderen anzugleichen und eine wertvolle Unterstützung zu sein.
    Bündnisse zwischen Jägern waren nicht ungewöhnlich, wurden meistens aber nur selten geschlossen. Fylla störte es nicht, mit anderen, deren Kampffähigkeiten sie kannte, zusammenzuarbeiten. Tatsächlich war das immer eine Chance, ihr Wissen zu erweitern. Wenn es sich ergab nutzte sie diese Möglichkeit, blieb aber meistens alleine. Im Notfall war sie nicht zu stolz um Hilfe anzufordern. Um ihren Aufgaben gerecht zu werden musste sie auf die Standhaftigkeit der anderen Jäger zu ihrem Ehrenkodex bauen. Umgekehrt verhielt es sich genauso. Ehre war das Einzige was die meisten davon abhielt den Tod zu wählen oder zu einem Abtrünnigen zu werden. Es war die Grundsäule der Jäger.
    Das Wichtigste, was sie niemals freiwillig opferten.
    „Ich habe ihn erwischt. Aber es ist diesem verfluchten Eber gelungen blutend zu fliehen. Ich wollte dich fragen ob dein Angebot zu helfen immer noch steht. Verletzt sind wilde Tiere am gefährlichsten.“ Absichtlich beschrieben sie den Abtrünnigen als Tier, um zu vermeiden, das zufällige Lauscher begriffen auf was sie in Wahrheit Jagd machten. Für die Menschen waren die Abtrünnigen lediglich Gruselgeschichten die man kleinen Kindern erzählte, wenn sie unartig waren. Für die beiden Jäger jedoch waren diese Kreaturen bittere Realität. Eine äußerst Lästige. Doch wer, wenn nicht sie sollte sich damit befassen? Immerhin waren sie genau dafür ausgebildet worden. Die Grausamkeit die sie dabei erlebten und sich um zu überleben aneignen mussten war eines von vielen Nebenprodukten. Fylla lächelte freundlich.
    „Du weißt, das es mir eine Ehre ist mein Lieber.“
    „Wie wahr. Das beste Mittel gegen Langeweile ist eine wie auch immer geartete Beschäftigung.“ Mit einem Lächeln nahm er den Bierkrug entgegen. Der Wirt beugte sich vor und betrachtete die beiden neugierig. „Ihr seid – eh, doch nicht das berühmte Geschwisterpaar Maneth und Dacil? Die ganz allein ein Rudel tollwütiger Wölfe mit bloßen Händen getötet haben?“ Er klang aufgeregt und beeindruckt. Dabei lag der Vorfall den er ansprach, rund siebzig Jahre zurück. Außerdem war es kein ganzes Rudel gewesen sondern ein einziger Wolf, ein Abtrünniger ihres Volkes. Leider ein ehemaliger Jäger, der über genügend Kampferfahrung verfügte, um sie beide in Schwierigkeiten zu bringen. Ihr ganzer Rücken war von seinen giftigen Krallenspuren zerfetzt worden. Nicht nur das. Er hatte sie in die Schulter gebissen und hätte Dacil nicht sein Leben riskiert, wäre sie vielleicht sogar gestorben. Gemeinsam war es ihnen gelungen ihn zu töten. Doch der Schaden war bereits angerichtet gewesen. Sein giftiges Blut hatte bei den normalen Wölfen Blutgier und Tollwut ausgelöst.
    Am Ende blieb ihnen keine andere Wahl als auch diese Wölfe zu jagen und zu vernichten. Sie hatte es sich nicht anmerken lassen, aber der Tod der wunderschönen Tiere, die sie als ihre Brüder betrachtete, erschütterte sie noch immer. Was für eine Verschwendung. Wäre sie einen Hauch schneller und wachsamer gewesen, hätte sie dieses Unheil vermeiden können und wäre wohlmöglich nicht so schwer verletzt worden. Ein ganzes Jahr hatte sie tiefen Heilschlaf ihres Volkes ruhen müssen. Nur feine dünne Narben erinnerten an diesen Kampf. Ihr war nur zu bewusst, dass es auch anders hätte ausgehen können. Selten war sie derartig an die Grenzen ihrer Macht gestoßen. Als Dunkle war sie daran gewöhnt, dass kaum jemand sich mit ihr messen konnte. Von den Uralten abgesehen. Schließlich gehörte sie zu den Wenigen, die den Gipfel ihrer Macht lange nicht erreicht hatte. Das Alter eines Dunklen zu kennen, verriet zu viel über dessen Kraft, Erfahrung und Macht. Es reichte, wenn andere wussten, dass sie alt genug war, um sich an den Fall Gondolins erinnern zu können. Doch selbst diese Information gab sie selten preis. Es war sicherer, andere über ihre wahre Natur im Dunkeln zu lassen. Die Existenz ihres Volkes wurde von Sterblichen zum Glück angezweifelt.
    Auffällig war, dass die Menschen mit ihrer kurzen Lebensspanne zwar die Heldentaten ihrer berühmtesten Vertreter besangen, aber sich kaum an Ereignisse vor ihrer Geburt erinnerten. Das war der Grund, weshalb sie über die Frage des Wirts wunderte. Sie hätte nicht gedacht, dass dieser Vorfall für die Bewohner von Bree wichtig genug war, um in ihren Erzählungen aufgenommen zu werden. Zumal der Wirt damals noch gar nicht geboren worden war. Ungewöhnlich. Die Jägerin hob überrascht eine Augenbraue und warf ihrem Kollegen einen scharfen Blick zu. Der zuckte als stumme Antwort mit den Schultern. Er wusste nicht, woher diese Erinnerung kam. Vielleicht war es dem Wirt erzählt worden. Nun dieses Rätsel würde sie zu einem anderen Zeitpunkt lösen. Andere Dinge waren wichtiger. Dennoch würden sie freundlich genug sein, auf seine Frage zu antworten. Da Fylla jedoch keine Anstalten machte, zu diesem Thema etwas zu sagen, sprang ihr Kampfgefährte in die Bresche.
    „Nein, wir wurden lediglich nach ihnen benannt.“ Erklärte Dacil schließlich. Natürlich war es eine Lüge, aber die Wahrheit hätte der Mensch nicht begriffen. Und wenn doch, würde es ihm Angst einjagen. Alles was sich ihrem Verständnis entzog fürchteten Menschen instinktiv. Und Angst machte die Sterblichen zu einem unberechenbaren Risikofaktor. Gut, es war schwer für einen Menschen Dunkle zu töten aber es war auch nicht unmöglich. In der langen Geschichte der Existenz ihres Volkes war es drei Mal zu solchen Vorfällen gekommen. Zwei Mal, als Fylla noch keine hundert Jahre alt war. Vorsicht war notwendig um zu Überleben.
    Der Jäger atmete tief ein, lauschte den Gesprächen um sich herum. Wachsam. Seine braunen Augen färbten sich leicht schwarz, kaum das er die boshafte Kälte wahrnahm die sich rasend schnell auf die Grenzen des Auenlands zubewegte. Das erste verräterische Zeichen der Wesen, die sie jagten. Ein kurzer Blick zu Fylla zeigte ihm, dass sie dasselbe wahrnahm. Äußerlich ließ sie sich ihre Unruhe nicht anmerken sondern lächelte charmant, schaffte es sogar mit dem Wirt leicht zu flirten. Alle ihre Sinne waren in Alarmbereitschaft. Es waren vier Kreaturen, die auf Vergeltung und Blut aus waren. In der Sprache ihres Volkes hatten die Abtrünnigen auch einen weit schauerlichen Namen. Vehiras - Seelenräuber. Jeder Jäger fürchtete sich davor einen Kampf gegen sie zu verlieren. Der Grund dafür war einfach und sollten alle Abtrünnige es schaffen, diesem Verlangen nachzugeben, stand der Welt weitaus Schlimmeres bevor als die Rückkehr Saurons.
    Dacil trank einen weiteren Schluck Alkohol um den harmlosen Schein zu wahren. Wie seine Gefährtin war auch er unruhig. Wenn auch aus etwas anderen Gründen. Ihm mangelte es vergleichsweise zu seiner Halbschwester an Erfahrung.
    >Spürst du sie? Sie sind zu viert. Und entschlossen zu morden.< Stellte er über ihren privaten Kommunikationsweg betont nüchtern fest. Sollte sie merken, dass er ein Hauch von Angst verspürte würde sie ihn ein wenig verspotten. Das wollte er vermeiden. >Sie sind voller Hass und werden getrieben von ihrem Raubtier.<
    Fylla zuckte leicht mit den Schultern und lächelte den Wirt an. Bloß keinen Verdacht erregen, dass sie sich auf unnatürliche Art unterhielten. Einen Versuch sie zu erwürgen oder zu köpfen wollte sie nicht provozieren. Auch wenn es sie nicht umbrachte, war es doch eine Zeitverschwendung und unnötige Anwendung ihrer Heilkräfte. Gleichgültig ob abtrünnig oder nicht: die Dunklen hatten die Natur eines Raubtieres. Das zu leugnen wäre fatal.
    >Also werden wir gegen vier Abtrünnige kämpfen.< Nun ließ sie sich nicht mehr aus der Ruhe bringen. Sie hatte schon viele Kämpfe ausgefochten und gewonnen. Das Einzige, was sie erstaunte, war, dass die Abtrünnigen als vierer Gruppe unterwegs waren. Normalerweise waren sie eher grausame Einzelgänger.
    Es sei denn es handelte sich bei ihnen um Geschwister oder Cousins. Bündnisse, die denen der Jäger ähnelten, waren bei ihren Gegnern selten bis gar nicht vorhanden.
    >Du sagst es, als wäre es leicht und einfach. Vergiss nicht, dass wir es in diesem Fall mit ehemaligen Jägern zu tun haben die älter als wir beide sind. Außerdem ist der Erste verletzt und wird entsprechend scharf auf unsere Lebenskraft ganz zu schweigen von unserem Blut sein. Du solltest die Gefahr die sie darstellen nicht so leichtfertig abtun.< Seine Warnung überraschte sie nicht. Aber sie kannte ihre Grenzen und ihre Fähigkeiten gut genug um die Situation richtig einschätzen zu können. Sie hatte längst die Möglichkeit akzeptiert, das ihre Aufgabe ihren Tod bedeuten konnte. Jagen dieser Art waren nichts für sensible, warmherzige und freundliche Gemüter. Diese Seite in ihr hatte sie fast vollständig ausgemerzt. Zum Glück. Nur so konnte sie immer wieder töten.
    „Wir sind einfache Jäger.“ Das stimmte zwar nicht, aber sie mussten das Gasthaus sofort verlassen. Mit Blicken verständigten sie sich. „Ich hasse unerledigte Angelegenheiten Maneth. Zeit diesen Eber von seinem Leid zu erlösen. Wir werden später hierher zurückkehren. Herr Butterblüm, es war wie immer ein Vergnügen.“ Mit einer Verbeugung verließ Dacil das Haus. Zehn Minuten später folgte sie ihm. Stumm verließen sie Bree und wurden zu Schatten. >Wir müssen leise sein. Schnell und präzise zuschlagen. Bist du bereit zu töten?< Ihre Augenbrauen hoben sich bei der Frage. Sie war eine Jägerin und musste töten. Es war ihre Aufgabe. Hätte sie Zeit dafür gehabt, wäre sie jetzt über ihn hergefallen. Aber andere Dinge waren wichtig. Der Schutz der Menschen. Wieder einmal. Die Sterblichen durften nie erfahren das es schlimmere Wesen gab als Orks oder Warge. Bedingungsloser Schutz von Schwächeren gegen Übergriffe von Abtrünnigen. Das war ein Teil dessen, was der Sinn ihrer Existenz ausmachte. >Mehr als du wie mir scheint. Pass auf deine linke Flanke auf Dacil.<
    Wenn man zusammen kämpfte fielen einem natürlich die Schwächen in der Deckung des anderen auf. Zu Dacils Ärger fand sie jede einzelne seiner Schwächen, während er bei ihr nie ein Fehler entdecken konnte. >Du weißt, dass du eine unerträgliche Zicke bist?< Sein Ärger amüsierte sie. Doch ihre Belustigung schwang in wachsame Kampfbereitschaft um, als sie die verräterischen Misstöne, die nur Abtrünnige in der Melodie der Natur erzeugten, wahrnahm. Ihre Feinde waren nun fast so nah, dass sie einen Angriff wagen konnten. Auf keinen Fall durften sie jetzt miteinander sprechen. Die Energieströme könnten auf sie zurückgeführt werden. Fylla zog es vor, den Überraschungsmoment auf ihrer Seite zu haben. Besonders bei ehemaligen Jägern die älter als sie waren. Oft war es die einzige Chance zum Sieg, den sie hatte. Plötzlich erstarrte sie. >Sei still. Ich höre sie.<
    Angespannt verharrten sie in der einbrechenden Dunkelheit und lauschten. Die natürlichen Geräusche waren längst verschwunden, sobald die Tiere der Gefahr gewahr wurden. Ängstlich hatten sie sich in ihre Verstecke zurückgezogen. Die beiden Jäger sahen einander an. Bis auf ihre eigenen Herzschläge und das Singen des Blutes in den Körpern der Tiere nahmen sie nichts wahr. Eine Kälte die ihnen auf grausame Weise in die Haut schnitt, legte sich über die Lichtung. Sie waren da. Doch es waren nur zwei von ihnen.
    Wo steckten die anderen beiden? Würden sie abwarten und aus dem Hinterhalt angreifen? Oder wollten sie, dass die Jäger sich im Kampf mit den ersten beiden so sehr erschöpften, dass sie keinen echten Widerstand mehr leisten konnten? Was auch immer ihre Bewegungsgründe waren verborgen zu bleiben: die Jäger mussten sich erst einmal der gegenwärtigen Gefahr stellen. Später konnten sie sich um die restlichen Abtrünnigen kümmern. In Fylla breitete sich eine ruhige Gelassenheit aus. Was auch immer ihnen bevorstand, sie war bereit die Herausforderung anzunehmen. Bisher hatte sie keinen Kampf verloren.

    6
    Die Jägerin hielt ihren Atem an und weitete ihr Bewusstsein aus um den genauen Aufenthaltsort ihrer Gegner feststellen zu können. Die Abtrünnigen hatten sich aufgeteilt, voller Misstrauen und blutgierigem Eifer. Nichts verlieh ihnen mehr Stärke, als die Seelen und Lebenskräfte von Jägern zu stehlen. Denn sie waren die mächtigste Gruppe der Dunklen, diejenigen mit den gefährlichsten und größten Kräften. Es war beängstigend wie die Jäger plötzlich zur Delikatesse und Opfer zu mutieren. Alles andere als angenehm.
    Ein Gewitter zog auf, eiskalter Wind fuhr durch den Wald und die Zeit schien sich zu verlangsamen. Alles Anzeichen darauf das hier die Mächtigsten ihrer Art am Werk waren. Vorsichtshalber hüllten Fylla und Dacil sich in zusätzliche Schatten um völlig mit der Umgebung zu verschmelzen. Jetzt ging es um den richtigen Zeitpunkt um zuzuschlagen. Alles hing von der Macht ihrer Gegner ab. Wie stark mochten die zwei Abtrünnigen sein, die nun so viel Schaden anrichteten? Auf keinen Fall konnte es sich hierbei um niedrige Abtrünnige oder Neulinge handeln.
    Plötzlich begann die Erde vor Schmerzen zu kreischen. Dunkle tentakelartige Ranken brachen aus dem Boden und schien alles Leben zu verschlingen. Eissplitter die mit zusätzlichem Gift durchsetzt waren fuhren durch die Luft. Auf die Suche nach Herzen, die sie durchbohren konnten. Der ganze Wald begann zu beben und vor Abscheu zu winden. Mitten in dem ausbrechenden Sturm materialisierten sich zwei Gestalten. Beide waren männlich und hochgewachsen. Verfilzte schwarze Haare hingen in bleiche Gesichter die mehr Ähnlichkeiten mit Totenschädeln hatten. Rote glühende Augen starrten ohne zu Blinzeln aus gähnenden schwarzen Höhlen. Die Hände der Männer waren zu tödlichen Krallen gekrümmt, die Nägel lang, scharf und schwarz. Als sie vor Zorn zischten weil sie die Jäger zwar spürten aber nicht lokalisieren konnten, troff Geifer aus dem Raubtiergebiss.
    Ein Kiefer, der selbst die stärksten Knochen brechen konnte und lange gelblich verfärbte Reißzähnen mit tödlichen Giftdrüsen.
    Die Haut war zum Zerreißen gespannt. Einzelne Risse aus denen eine schwarze dickflüssige Substanz trat und Flecke vervollständigen fast das Bild des Grauens das sie in ihrer wahren Gestalt boten. Sie machten sich keine Mühe eine Illusion zu erschaffen. Also wussten sie, das die Jäger ihre Anwesenheit bemerkt und auf Konfrontation aus waren.
    Ihre knochigen Körper war in schwarze Fetzen gehüllt.
    Eigentlich brauchten sie keine Waffen um zu töten. Dennoch hielten beide Schwerter aus Morgul in den Händen. Fylla wollte gar nicht wissen, wie sie in den Besitz der Klingen gekommen war.
    Die Tatsache, das sie zusammen arbeiteten statt gegeneinander verrieten den Jägern viel. Sie mussten Brüder oder zumindest Cousins sein, denn ihre Bewegungen waren gespenstisch synchron und wirkten erschreckend hypnotisch. Trotz ihres abschreckenden Äußeren. Sie verließen sich auf den anderen und würden gemeinsam Jagd machen. Brüder und Geschwister die einst Jäger waren blieben selbst nach ihrer Verwandlung zusammen.
    Diese Kreaturen waren schon lange der Dunkelheit verfallen.
    Denn die Bosheit und Kälte die sie ausstrahlten verrieten den wahren Ausmaß ihrer Macht. Sie hatten es mit Uralten zu tun. Das könnte sich als Problem erweisen. Dacil und sie waren zwar erfahrene Jäger, aber wenn sie zu sehr verletzt wurden, konnte das ihr Ende bedeuten. Sie warf ihrem Partner einen kurzen Blick zu.
    Ihre Möglichkeiten hatten sich beängstigend schnell verringert.
    Es war nur eine Frage der Zeit bis sie entdeckt wurden.
    Es sei denn, sie versuchte eine Strategie anzuwenden, vor der sie sich oft scheute. Denn es brachte sie zu nahe an die tödlichen Krallen. Aber was für andere Strategien hatten sie noch? Sie musste sich jetzt entscheiden und hoffen, das ihr Plan funktionierte. Dacils Augen blitzten entsetzt auf als er begriff was sie vorhatte.
    Fylla entfernte sich von der Lichtung, legte die Schatten ab und wurde zu einer menschlichen wenn auch betörend schönen Frau. Die Gestalt die sie wählte wirkte zerbrechlich, verletzlich und hilflos. Das perfekte Opfer.
    Entschlossen verdrängte sie alle Erinnerungen an ihre Kämpfe und schlüpfte vollkommen in die Rolle einer leicht panischen Sterblichen die sich in der Nacht im Wald verirrt hatte. „Hilfe! Ist hier jemand? Rosa? Finn? Leon? Wo seid ihr?“ Die Verzweiflung in ihrer Stimme weckte wie beabsichtig die Aufmerksamkeit der Abtrünnigen. Sie stolperte über eine Wurzel, stand auf und sah sich ängstlich um, die Augen weit aufgerissen. Schützend hob sie einen Arm vor ihr Gesicht. Tränen brannten in ihren Augen und ihr Herz pochte rasend schnell. „Hallo? Hallo!“
    Die Abtrünnigen betrachteten die Frau mit gierigen Blicken. Ihre Panik strahlte in heftigen Wellen von ihr aus. Selbst ihr Geruch verriet ihre Angst. Sie war völlig allein und konnte mit ihren schlechten stumpfen Augen kaum etwas erkennen. Zitternd blieb sie stehen und schlang die Arme um sich, begann leise schluchzend auf und ab zu wippen. Versank in einer gemurmelten Litanei aus Vorwürfen, Flehen und Verwünschungen. Die vollen Lippen bebten und die Tränen flossen ungehindert über ihre Wangen. Entscheidend für die Abtrünnigen war jedoch, dass sie vollkommen menschlich war und kein verräterisch Hinweis auf das Erbe der Dunklen bestand. Eine bessere Chance bot sich nicht, um sich für den bevorstehenden Kampf vorzubereiten.
    Stumm wirkten sie eine Illusion. Es war besser sie nicht zu verschrecken. Zumindest noch nicht. Langsam lösten sie sich aus dem Schatten. „Fräulein? Habt Ihr Euch verirrt?“ Absichtlich ließen sie ihre Stimmen hypnotisch schön klingen um die Sterbliche in ihren Bann zu ziehen. Zitternd hob sie den Kopf und blickte sie aus weit aufgerissenen Augen an. Fasste sich an die Kehle. „W- wer seid Ihr?“ Stotterte sie und ging langsam rückwärts. Beruhigend und unheimlich synchron hoben die Männer die Hände. Gleichzeitig untersuchten sie einmal mehr das Gedankenmuster der Frau. Eindeutig menschlich. Und definitiv verschreckt. In ihr tobte eine Vielzahl von Gefühlen. Angst, Verzweiflung, Schmerz weil ihr Knöchel wehtat und Sorge. Alles verständliche Gefühle wenn man ihre Situation bedachte. Nachts im Wald verirrt, völlig allein und ein drohendes Gewitter verschlechterte die Lichtverhältnisse.
    „Ganz ruhig. Wir wollen Euch nur helfen.“
    „Eine so schöne Frau sollte nachts nicht allein unterwegs sein.“
    „Wisst Ihr nicht, dass der Wald bei Nacht am gefährlichsten ist? Es ist die Zeit der Raubtiere. Ohne Schutz seid Ihr ein gefundener Leckerbissen für die wilden Tiere. Wenn Ihr erlaubt, würden wir Euch nach Hause begleiten.“
    „Wie lautet Euer Name?“
    „H- Herda, meine Herren.“ Die Sterbliche konnte ihren Blick nicht von ihnen abwenden. Mit einem Lächeln traten die beiden näher. Sie konnten das Angst geschwängerte Blut schon förmlich auf den Zungen spüren. Ihre Seele würde genauso vorzüglich schmecken wie ihr Blut. Absichtlich flößten die Männer ihr Sicherheit und Vertrauen ein, zogen sie tiefer in ihren tödlichen Bann. Zögernd blieb die Frau stehen, unfähig den Blick abzuwenden. Schließlich trennten sie nur eine Armlänge von ihrer Beute. Einer von ihnen streckte die Hand aus und berührte die weiche Haut ihres Kinn, fuhr über die verletzliche Linie ihres Halses ehe sie auf ihrem Schlüsselbein zu ruhen kam. Das war der Moment in dem Dacil von hinten als riesiger Wolf angriff. Da keiner der beiden Abtrünnigen damit gerechnet hatten waren sie so abgelenkt, dass Fylla in sekundenschnelle ihre Hände in die Brust des Mannes versenkte, der ihr zu nahe stand. Weißes brennendes Licht floss aus ihr in den Körper ihres Feindes der wie ein Nazgul zu kreischen begann. Zu spät hatten sie begriffen, dass sie auf den ältesten Trick der Jägerin hereingefallen waren. Nun konnten sie sich nicht mehr verteidigen. Denn das Licht quälte sie zu sehr, als dass sie kämpfen könnten. Fylla riss das verrottende Herz aus der Brust ihres Gegner und verbrannte es mit einem Blitz. Ohne Vorwarnung schlangen sich plötzlich Fesseln um ihre Knöcheln. Tausende scharfe winzige Zähne bohrten sich in ihr Fleisch. Säure und Gift drangen in ihren Blutkreislauf.
    Mit einem Fluch löste sie sich in winzige Tropfen auf ehe sie die Blitze direkt auf die bösartige Pflanze und in die Erde selbst jagte.
    Dacil folgte ihr wenige Sekunden später und schlang Fesseln aus gebündelter Energie um die verfallenen Körper der Gegner.
    Entschlossen vereinten sie ihre Macht.
    Die schon geschwächten Uralten konnten dieser Energie nicht mehr standhalten und starben endgültig. Es würde keine Rückkehr in die Welt der Lebenden für sie geben. Erleichtert fiel Fylla in ihrer halbwegs menschlichen Gestalt zu Boden. Es war vorbei. Wieder einmal ein Kampf gewonnen. Zum Glück. Weniger gefiel ihr das Schwächegefühl und die schwarzen Ränder die ihr Sichtfeld zu einem Tunnel zu verengen drohten. Wie viel Gift war in ihrem Körper? Und was waren die Hauptelemente, die ihr so sehr zusetzen? Sie hatte kaum Zeit, die Chemikalien aufzugliedern und aus ihrer Haut zu treiben. Verdammt. Ihre Stärke ließ beängstigend schnell nach. Sie brauchte dringend Dunkelheit, Erde und die Kraft der Natur um zu genesen. Diese Schwäche war gefährlich.
    „Das war riskant Maneth!“ Schimpfte Dacil der sich besorgt vor sie hinkniete um ihren verletzten Knöchel zu untersuchen. „Dein Plan hätte uns beide umbringen können.“ Sie zuckte mit den Schultern und ignorierte den sengenden Schmerz. Das Gift fraß sich direkt auf ihr Herz zu. Zeit ihren Blutkreislauf und ihre Atmung einzustellen. „Es hat funktioniert, oder? Bring mich in Sicherheit. Ich muss sofort mein Herz aufhören lassen zu schlagen. Das Gift verteilt sich nur schneller. Es ist dafür bestimmt, die wichtigsten Organe anzugreifen. Was die Säure angeht: es gibt eine neue Komponente die den Schmerz intensiviert.“
    Er nickte und sie schloss die Augen. Wenige Momente später erstarrte sie in völlige Leblosigkeit. Ihr Herz schlug nicht mehr, ihre Lungen hörten auf zu arbeiten und ihr Blut stockte. Alles Leben wich aus ihr. Dacil wusste, dass seine Halbschwester die richtige Entscheidung getroffen hatte. Die Gefahr für die Stadt und andere Unschuldige war einstweilen gebannt. Aber der Preis für diese Sicherheit war hoch. Sicher, bisher hatte Fylla noch jede Verletzung überlebt, aber das Gift in ihrem Körper würde ihr noch lange zusetzen. Ebenso wie die bösartigen Parasiten, die mit der Säure und dem Gift in ihren Blutkreislauf gelangt waren. Die Waffen der Abtrünnigen waren zahlreich und die Gegenmittel knapp bemessen. Wenn sie Pech hatten waren die Parasiten dazu bestimmt, den Heiler anzugreifen. Das wäre schrecklich. Es gab nur noch so wenige Dunkle während die Anzahl der Abtrünnigen wuchs. Wenn die Heiler vernichtet wurden und die Jäger gänzlich der Dunkelheit verfielen stand der Welt einer Gefahr gegenüber mit der sich nicht einmal Morgoth messen konnte.
    Doch wichtiger war, dass sie bis zu dem Kampf mit den beiden anderen Abtrünnigen wieder vollständig genesen war. So geschwächt hätten die Feinde ein leichtes Spiel ihre Seele zu rauben.

    7
    DIE VERGANGENHEIT
    Ein beißender Gestank schlug ihr entgegen und wenige Augenblicke erkannte Fylla das Massaker. Das kleine Dorf, in dem sie mit ihrer Mutter Garda lebte, bestand nur noch aus rauchenden Trümmern. Überall lagen Leichen. Ihre feinen Sinne verrieten ihr das es keine Überlebenden gab. Entsetzen breitete sich in ihr aus und sie ließ das Kaninchen das sie gefangen hatte fallen. Sie stürmte zu der Ruine, die einst ihr Haus gewesen war. Wie eine Wahnsinnige schrie sie immer wieder den Namen ihrer Mutter. Schließlich fand sie die Leiche. Garda hatte es nicht rechtzeitig nach draußen geschafft. Sie war von einem herabstürzenden Dachbalken erschlagen worden. Fassungslos kniete sich Fylla neben sie und zog sie in ihre Arme. Tränen liefen über ihre Wangen während sie sich hin und her wiegte. Ihre Kehle war zugeschnürt, ihre Augen brannten und ihr Herz schlug schmerzhaft gegen die Rippen. Wie hatte das nur passieren können? Sie waren doch alle vorsichtig geworden nach dem Angriff auf die Reisenden aus Domhnall. Sogar ihr Vater hatte seine seltenen Besuche eingestellt um das Risiko zu verringern und sie alle zu beschützen. Doch alles hatte nicht geholfen. Ihre Mutter war tot.
    Kein Lebewesen war in der Nähe. Fylla war völlig alleine. Sie weigerte sich zu glauben, was jeder ihrer Sinne ihr sagte. Erbittert versuchte sie ihre Mutter aufzuwecken, sie zu heilen obwohl sie wusste, das ihre Bemühungen aussichtslos waren. Es durfte, nein, konnte nicht wahr sein! Wütend, verzweifelt und schmerzerfüllt legte sie den Kopf in den Nacken. Sie schrie ihren Schmerz heraus. Warum nur! Warum musste es ihre liebevolle fröhliche Mutter treffen? Was hatte sie den Göttern getan? Nichts. Wenn man davon absah, dass sie sich in einen Dunklen verliebt und hatte schwängern lassen. Aber so grausam konnten die Götter nicht sein. Sie würden doch die Heilerin nicht deswegen töten.
    „Eine Dunkle zeigt keine Schwäche.“ Emotionslos erklang die Stimme in ihrem Rücken. Kälte kroch über ihre Haut. Sie war nur wenigen Dunklen begegnet. Denn dieses Volk galt als grausam, blutrünstig und barbarisch. Ihr Vater selbst hatte sie vor ihnen gewarnt: Du bist ihnen ein Dorn im Auge, Fylla. Sie kennen keine Gnade und verachten die Menschen dafür, dass sie ihre Gefühle offen ausleben. Wenn sie könnten würden sie dich töten. Lauf vor ihnen weg. Hast du mich verstanden? Sie dürfen dich niemals finden oder berühren. „Steh auf.“ Wie konnte jemand nur so kalt sein? Vorsichtig legte sie ihre Mutter auf den Boden und erhob sich langsam. Ihre Hand ruhte auf ihrem Dolch. Wenn sie schnell war könnte sie vielleicht entkommen. Sie hatte nur diese eine Chance. Hoffentlich half das Erbe ihres Vaters um sie zu retten.
    „Versuch es erst gar nicht.“
    Sie drehte sich um und erstarrte. Ein hochgewachsener Mann mit zeitlosen Gesichtszügen aber kalten uralten Augen beobachtete sie. Dunkelheit brannte in seinen grünen Augen und sie spürte die Bosheit in ihm. Die Schatten griffen gierig nach ihr als wollten sie Fylla verschlingen. Ihre Kehle wurde von unsichtbaren Fesseln umschlossen, schnürten ihr die Luft ab. Aber sie weigerte sich ihre Angst zuzulassen oder ohnmächtig zu werden. Selbst erfahrene Dunkle machten Fehler oder unterschätzten ihre Gegner. Es stimmte, Fylla war ein Halbblut, ein Mischling und mit ihren vierzehn Jahren noch sehr jung. Aber ihr Vater hatte sie ausgebildet und ihr gezeigt, wie sie ihr Denken abschotten konnte.
    „Es ist also wahr. Er hat eine Tochter.“ Stolz hob sie das Kinn und weigerte sich zusammenzuzucken. Er war ihr unheimlich. Kein einziges Mal blinzelte er. Die Kälte die von ihm ausging machte ihr Angst. Instinktiv wusste sie, dass dies nicht seine wahre Gestalt war. Könnte es sein, das er ein Abtrünniger war? Gerade vor ihnen hatte ihr Vater sie gewarnt. Ohne Skrupel töteten sie Menschen, Elben, Zwerge und auch Dunkle. Sie brauchten Blut und Seelen um zu überleben. Ihre Herzen schlugen nicht mehr. In ihnen herrschte nur noch die Bosheit, die Gier nach Blut und ein Drang zu töten, zu zerstören. Sie wusste das sie nicht stark genug war um einem Abtrünnigen wirklichen Widerstand leisten zu können. Dafür war sie zu jung und unerfahren. Dennoch fixierte sie den Mann, wissend, dass er sie jederzeit töten konnte. Mochte er sie auch für ihre Abstammung verachten, sie war stolz auf das Erbe ihrer Eltern auch wenn sie noch nicht ganz verstand, was es mit dem Vermächtnis ihres Vaters auf sich hatte. Ihre Sinne weiteten sich und ihr Gehör war einmal so sensibel, das selbst das Fallen eines einzelnen Blatts wahrnahm. Doch der Herzschlag des Mannes ihr gegenüber fehlte. Ein Abtrünniger. Verdammt. „Was für ein Jammer das du vollkommen wertlos für mich bist. So menschlich und schwach. Nein du bist es nicht würdig eine Dunkle zu sein.“ Sein Griff lockerte sich und sie nahm sofort eine geduckte Verteidigungshaltung ein. Der Dolch ruhte in ihrer Hand, summte vor Energie. Ihre Chancen diesen Kampf zu gewinnen waren äußerst gering aber an Weglaufen war nicht zu denken. Diese Kreatur war ein Raubtier und liebte es mit seiner Beute zu spielen. Sie gedachte nicht es ihm leicht zu machen an ihr Blut oder ihre Seele zu kommen.
    „Wer seid Ihr?“ Fragte sie um kurz danach zu keuchen. Dieses Mal war es eine unsichtbare Hand die sich um ihre Kehle schloss. Verdammter Kerl! „Du bist nicht in der Position irgendetwas zu fragen. Stirb.“ Ruhig kam er auf sie zu und die Schatten zerrten an ihr. Nein! Ich will nicht sterben, dachte sie verzweifelt. Plötzlich spürte sie wie etwas in ihr sich regte und nach den Schatten schlug. Der Griff um ihre Kehle lockerte sich und sie wich zurück. Die Augen des Mannes hatten sich geweitet ehe sie sich verengten. „Verstehe. Das Erbe des Dunklen Sterns ist stark genug um dich am Leben zu erhalten gleichgültig was ich tue. Was wird er wohl sagen, wenn wir ihn zusehen lassen, wie wir seine kleine Tochter foltern?“ Fylla verdrängte jeglichen Gedanken bis auf den, zu verschwinden. Wieder regte sich die seltsame Kraft und die Welt begann sich zu drehen während ihr Körper sich so anfühlte, als würde er in Stücke gerissen. Mit einem harten Aufprall landete sie auf Felsen. Die Kälte schnitt ihr in die Haut und sie fror entsetzlich. Sie versuchte aufzustehen und sank mit einem Aufschrei wieder zurück. Ihr Bein brannte höllisch. Als sie es untersuchte erkannte sie, dass der Knochen leicht angebrochen war. Ein leiser Fluch entfloh ihren Lippen und sie griff nach ihrer Energie. Wer auch immer ihr Handeln gerade lenkte verstand viel von Heilkunst. Allerdings forderte der Heilprozess ihren Tribut. Erschöpft betrachtete sie ihr Werk. Schatten wirbelten vor ihr zu einem dünnen Tornado und in ihm glommen grüne Augen. Seltsamerweise verspürte sie dieses Mal keine Angst.
    Die Schatten verschwanden und die vertraute Gestalt ihres Vaters wurde sichtbar. Seufzend kniete er sich vor sie und berührte ihr Bein.
    „Fylla. Habe ich dich nicht gewarnt nach der Jagd nie direkt nachhause zu kommen und immer bis zum nächsten Neumond zu warten?“ In seiner Stimme schwang neben Müdigkeit auch Trauer mit. Sie erkannte sofort, dass er von dem Tod ihrer Mutter bereits wusste. „Sie waren auf der Suche nach mir. Stattdessen haben sie deine Mutter und Hinweise auf deine Existenz gefunden. Um herauszufinden wo du bist haben sie einen der Dorfbewohner nach dem anderen gefoltert. Keiner hat dich verraten, denn Gerda hat niemanden gesagt das du weg bist um zu jagen. Aus lauter Wut haben sie das Dorf zerstört und deine Mutter gequält. Sie haben vermutet, das ich einen derart starken Bund mit ihr eingegangen bin, dass ihre Schmerzen mich selbst schwächen würden oder zumindest zu ihr lockten.“ Er sandte reine heilende Energie in ihren Körper um die Schwäche zu vertreiben. Schockiert und erschüttert lauschte sie seinen Worten. Er schob die Kapuze zurück. Sein braunes Haar war blutverkrustet, die Hälfte seiner Nase fehlte, ein Mundwinkel schien von einer langen Kralle eingerissen worden zu sein und ein frischer noch blutender Schnitt zerteilte seine rechte Augenbraue. Er sah fürchterlich aus. „Du solltest dich heilen und nicht mich.“ Sagte sie und brachte ihn damit zum Lächeln. Sanft fuhr er durch ihr Haar. „Es besteht kein Grund, so tapfer zu sein meine Kleine. Noch bist du nicht völlig alleine. Außerdem kann ich dich nicht in diesem geschwächten Zustand lassen.“
    „Aber was ist mit deinen Verletzungen?“
    „Es sind nur ein paar Kratzer, nichts lebensbedrohliches. Mir gefällt es ganz und gar nicht, dass die Abtrünnigen von dir wissen. Dabei habe ich wirklich jede Vorsichtsmaßnahme angewandt um dich und deine Mutter zu schützen.“ Vorsichtig hob er sie hoch und nutzte einen Teil seiner Macht um sie vor der Kälte zu bewahren. „Nun gibt es nur noch einen sicheren Ort für dich. Domhnall. Sie werden auf dich aufpassen und dich ausbilden während ich mich um die Mörder kümmere.“ Es lag kein Zorn in seiner Stimme nicht einmal der Wunsch nach Vergeltung. Nur ruhige Entschlossenheit. Fylla zweifelte nicht an den Fähigkeiten ihres Vaters, aber diese Abtrünnigen jagten ihr Angst ein. Was wenn sie sich zusammenschlossen um ihn eine Falle zu stellen? Sie schluckte. Wenn er starb hätte sie niemanden mehr dem sie blind vertrauen konnte. Sie wäre völlig auf sich allein gestellt. Konnte sie ihn verlieren? Nein. Aber sie konnte ihn auch nicht umstimmen. Es war seine Ehre die ihm gebot die Mörder zu jagen und es war seine Pflicht als Jäger jeden Abtrünnigen zu töten, den er aufspürte. Das Risiko das er dabei sterben könnte hatte er schon lange vor ihrer Geburt akzeptiert. Sie wusste das.
    „Was wenn sie sich verbünden um dich zu töten?“
    Seine Mundwinkel zuckten leicht. Ihre Sorge schien ihn zu amüsieren.
    „Das werden sie kaum tun es sei denn sie sind Geschwister oder wissen, dass ich hauptsächlich alleine jage. Habe Vertrauen in mich Kleines.“ Unruhig biss sie sich auf die Lippen. Er warf einen Blick auf ihr angespanntes Gesicht. „Nur eines solltest du wissen und dir merken. Du lebst länger wenn du deinen Instinkten vertraust und dich von anderen fernhältst. Die Dunklen neigen zur gnadenloser Brutalität, sie sind die geborenen Raubtiere. In jedem von ihnen schlummert eine Bestie, die besser niemals zu viel Macht gewinnen sollte. In Notsituationen brauchen auch wir Blut, insbesondere dann, wenn wir zu viele tödliche Verletzungen haben oder anderweitig geschwächt sind. Allerdings reichen kleine Mengen aus um die benötigte Energie zu bekommen. Manche aber kennen diese Grenze nicht und können nicht aufhören das Blut um kurz danach die Seele des Spenders zu nehmen. Deshalb vertraue nur dir selbst. Jegliche körperliche Schwäche oder deine Gefühle können sich im Kampf als tödlicher Fehler erweisen. Drehe niemals einem Uralten oder einem Jäger den Rücken zu. Du musst zu jedem Zeitpunkt wachsam und bereit sein einen Angriff abzuwehren.“
    „Das klingt förmlich so, als wolltest du mich darauf vorbereiten so zu werden wie du. Ein Jäger.“ Er seufzte und richtete den Blick nach vorne. Aus irgendeinem Grund war es seiner Tochter gelungen sich direkt in das eisige Tal der Dunklen zu teleportieren. Infolge dessen war es lebenswichtig für sie jegliche menschliche Neigung abzulegen und zu lernen wie ein Dunkler zu handeln. In ihr schlummerte ein ungeheures Potenzial von Macht. Bereits jetzt war ihre Seele so stark und mächtig, dass sie für die Abtrünnigen ein wahres Festbankett darstellte.
    Er hatte sich für Fylla ein Leben fern der Brutalität und Einsamkeit ihres Volkes gewünscht. Aber das Schicksal hatte seinen Plan vereitelt. Längst hatte er erkannt, dass seine Zeit bald ablief. Vielleicht hatte er noch knappe hundert Jahre, ehe er entweder sich für den Freitod entscheiden musste oder aber zum Abtrünnigen wurde. Als Jäger war dieses Risiko allgegenwärtig. Denn er gehörte zu den Uralten. Seine Blutlinie war eine der dominantesten und mächtigsten ihres Volkes. Dementsprechend dürften Fyllas Gaben ausfallen. Ihr wahres Machtpotenzial würde sie auch nach siebzigtausend Jahren nicht erreicht haben. Das verriete ihm viel über die verheerenden Folgen, sollte sie jemals den Pfad der Ehre und der Jäger verlassen. Er selbst konnte seine Tochter unmöglich unterrichten.
    Allerdings konnte er dafür sorgen, dass sie weitgehend darauf vorbereitet war ihren Platz unter den Dunklen als eine der Ihren anzunehmen, in dem Wissen, dass diese Verpflichtung lebenslänglich war. Ein Weg der Einsamkeit, Monotonie und Kälte lag nun vor ihr. Sie musste ihr Herz abhärten und verschließen um in der grausamen Welt ihres Volkes überleben zu können. Thaisen, Tym und er würden ihr zuerst nur die Grundtechniken beibringen, sowie einfache Schutzzauber. Erst in zwei Jahren konnte ihre Ausbildung als Jägerin wirklich beginnen. Es sei denn sie entpuppte sich als die geborene Jägerin. Nun es sähe ihr ähnlich alle anderen zu überraschen und Gleichaltrige zu übertrumpfen.
    „Vater? Willst du mich zu einer Jägerin ausbilden?“
    „Diese Entscheidung wurde mir heute von den Abtrünnigen und dir selbst abgenommen.“ In ihren Augen las er Verwirrung. Er lächelte innerlich. Noch hatte sie keine Ahnung was ihr bevorstand. „Du musst besser mit deinen Gaben umgehen können. Diese instinktive Handhabung ist zwar gut und schön, wird dir aber kein zweites Mal helfen. Außerdem hast du eine bessere Chance dich gegen einen Übergriff von Abtrünnigen behaupten zu können, wenn du das Wissen und die Erfahrungen einer Jägerin hast. Denn eines kannst du mir glauben: sie werden dich erneut angreifen. Bis dahin musst du vorbereitet sein.“
    „Soll das etwa heißen, dass die Kampftechniken die du mir bereits beigebracht hast nichts taugen?“ Neben Enttäuschung hörte er auch Neugierde aus ihrer Stimme heraus. Es war eine erfreuliche Überraschung gewesen zu merken, was für eine hervorragende Auffassungsgabe und Geschick sie besaß. Aber die Methoden die er ihr bisher gezeigt hatte waren auf einen menschlichen Gegner ausgelegt, nicht auf einen Dunklen, Abtrünnigen oder einem Ork. Gegen sie hätte sie keine Chance.
    „Oh im Kampf gegen Menschen kannst du ruhig darauf zurückgreifen, Kleines. Aber die Dunklen und ihre abtrünnigen Brüder kämpfen anders.“ Sie schien kurz zu überlegen, dann nickte sie entschlossen.
    „Gut. Ich will mich verteidigen können und lernen so zu kämpfen wie eine Dunkle. Auch wenn das bedeutet, dass ich noch einmal von vorne anfangen muss mit der Ausbildung.“
    Tapferes Mädchen. Anerkennend nickte er ihr zu und setzte sie ab. Mittlerweile hatten sie das Herz von Domhnall erreicht. Thaisen kam ihnen entgegen, die Stirn leicht gefurcht, als er das Mädchen bemerkte. „Deine Tochter?“ Der Ältere zog nur die Augenbraue hoch. Thaisen grinste schwach und konzentrierte sich auf Fylla. „Wie ich hörte hattest du einen kleinen Zusammenstoß mit einem Abtrünnigen. Magst du mir erzählen wie es dazu kam?“ Nach einem unmerklichen Zögern gehorchte sie und erzählte mit fester Stimme von ihrer Rückkehr zu ihrem Dorf, den toten Dorfbewohnern und das überraschende Auftauchen des Mannes.
    Während sie vom Kampf erzählte schlossen sich ihre Finger unwillkürlich fester um den Griff ihres Dolches. Die beiden Männer wechselten über ihren Kopf hinweg einen ernsten Blick.
    >Deine Tochter ist mutig Esgerd. Obwohl sie wusste, dass sie nicht gewinnen konnte hat sie sich entschlossen zu kämpfen.<
    >Also ist sie es wert in unsere Reihen aufgenommen zu werden?<
    >Ja. Aber du weißt, was die Ausbildung zur Jägerin ihr abverlangen wird. Sie muss ihre Menschlichkeit verlieren und in der Lage sein ohne Reue zu töten. Die Brutalität der Dunklen könnte sie zerstören.<
    >Oder stark genug machen unseren Feinden zu trotzen. Wir brauchen Krieger Thaisen. Morgoth belauert mittlerweile nicht nur die Elben sondern auch uns. Er hat Maeglin in seiner Gewalt und will Gondolin fallen sehen. Er weiß, das wir Turgons Reich vor seinen Augen schützen und das wir nicht tatenlos zusehen werden, sollte Gondolin angegriffen werden. Entweder wird er uns vernichten oder aber uns gefangen nehmen. Wir brauchen mehr Männer um einerseits unsere Grenzen zu schützen und andererseits ihm erfolgreich die Stirn bieten zu können.<
    >Ich kann keine Jäger zum Schutz der Elben entbehren, das weißt du Esgerd. Die Abtrünnigen werden immer dreister. Sie fordern ständig unsere unablässige Wachsamkeit. Die Elben müssen sich selbst helfen. Wir Jäger wirken am besten im Verborgenen. Außerdem hat Turgon von mir gefordert, sämtliche Wächter abzuziehen und den Bann aufzuheben. Törichter Elb. Soll er doch verrotten. Was kümmert es uns?<
    Diese Arroganz. Sie waren alle in Gefahr, aber sowohl Turgon als auch Thaisen schienen das Wort „Zusammenarbeit“ nicht wirklich zu verstehen. Scharf fixierte er den Anführer der Jäger. Er selbst hatte dem jungen Dunklen keine Treue geschworen und war ihm so auch keine Rechenschaft schuldig. Es gab niemand der Esgerd Befehle erteilen konnte. Außer seinem Gewissen und seinem Herzen. Anders als Thaisen begriff er, dass Morgoth nicht eher aufhören würde, bis man ihn aus Mittelerde verbannte. Die Dunklen hatten schon genug Probleme mit den Abtrünnigen, das war wahr. Aber sie hatten auch geschworen, die Elben und Menschen vor dem Bösen zu beschützen. Es war Zeit, sie alle daran zu erinnern. Es war eine Frage der Ehre.
    >Wir sind ein Teil dieser Welt, Thaisen. Sollte es Morgoth gelingen die Abtrünnigen für seine Sache zu gewinnen haben wir keine Chance mehr zu überleben. Wir müssen rasch handeln. In Fylla schlummert genügend Kraft um einen ganzen Gebirgszug dem Erdboden gleich zu machen.<
    „Gut. Ich nehme an, dein Vater hat sich um deine Verletzungen gekümmert?“ Das Mädchen nickte und straffte ihre eher zerbrechliche Gestalt. Thaisen legte ihr sanft eine Hand auf die Stirn. Nur um kurz darauf mit einer Grimasse zurückzuweichen. „Himmel, deine mentalen Abwehrkräfte haben es in sich.“ Fyllas Lächeln ähnelte dem eines Raubtieres das mit seiner Beute spielte. Ah, definitiv eine Dunkle.
    „Habt Ihr geglaubt ich wäre völlig schwach?“ Fragte sie zuckersüß. Esgerd grinste in sich hinein. Kleine Zicke. „Ich lerne aus meinen Fehlern.“
    „Dann dürfte das die denkbar kürzeste und intensivste Ausbildung in der Geschichte der Jäger werden.“ Brummte Thaisen und warf ihm einen ärgerlichen Blick zu. >Warum hast du mich nicht gewarnt? Dieses kleine Biest hat mich attackiert und unsanft aus ihrem Geist geworfen.<
    >Sie ist meine Tochter Thaisen. Begehe nicht den Fehler sie zu unterschätzen nur weil sie so klein, zierlich und zerbrechlich ist. Du weißt dass meine Linie die gefährlichsten Krieger, Jäger und Abtrünnige hervorgebracht hat. In ihr schlummert eine Stärke von der die meisten unseres Volkes nur träumen können.<
    >Das bedeutet aber auch, das ihre Ausbildung sehr hart, grausam und brutal ausfallen muss um die raubtierhafte Natur in ihr einerseits zu schärfen, andererseits zu kontrollieren.<
    „Das ist mir bewusst.“ Esgerd sah seine Tochter aufmerksam an. „Du wirst nun zu den anderen Schülern gebracht. Im Morgengrauen beginnt dein Training. Versuche möglichst schnell zu lernen. Hier überleben nur die Stärksten und Besten die harte Ausbildung. Fühlst du dich dem gewachsen?“ In ihren blaugrauen Augen sah er eine stählerne Entschlossenheit, die ihn beeindruckte und nachdenklich stimmte. Er spürte keine Angst in ihr, keine Zweifel oder Unsicherheit. Nur diese Entschlossenheit sich das nötige Wissen anzueignen um aus einem Kampf mit Abtrünnigen als Siegerin hervorzugehen. Sie schien schneller als erwartet bereit zu sein, ihr Schicksal als Jägerin anzunehmen.
    Sollte ihn diese ungewohnte Stärke freuen oder eher Sorgen machen? Immerhin war sie noch ein Kind. Nur hatte er gerade das Gefühl mit einer Erwachsenen zu sprechen. „Wenn ich eine Entscheidung treffe stehe ich auch dazu. Selbst wenn mir nicht alle Konsequenten gefallen. Ich will überleben und mich nie wieder so hilflos fühlen. Wenn das bedeutet, dass ich keinerlei Schwächen mehr zulassen darf, die Gefühle unter einer Eisschicht begraben muss und aufhöre ein Kind zu sein, nur zu. Ich werde diesen Weg gehen, auch dann, wenn er mein Tod bedeuten sollte.“
    Thaisen nickte feierlich und musterte sie aufmerksam. Esgerd trat zurück um ihm Platz zu machen. Da sie ein Halbblut war musste sie insgesamt vier Schwüre ablegen, ehe ihre Ausbildung beginnen konnte.
    „ Schwörst du bei deinem Leben, die Geheimnisse unseres Volkes vor Außenstehenden zu bewahren?“
    „Ich schwöre es.“
    „Wirst du alles was in deiner Macht steht dafür tun um die Dunklen zu beschützen und die Abtrünnigen zu vernichten?“
    „Ich schwöre es.“
    „Schwörst du die Regeln und Gebote der Dunklen zu ehren sowie dich dem Urteil deines Anführers zu beugen?“
    „Ich schwöre es.“
    „Und schwörst du, Fylla, Tochter von Esgerd, dass du mit deinem Leben das deiner Schützlinge und deiner Kameraden beschützen wirst?“
    „Ich schwöre.“
    Zufrieden lächelte er und griff nach jenem Dolch, denn Esgerd ihr einst gegeben hatte. „Gib mir deine Hand.“ Sie gehorchte. Vorsichtig ritzte er ihre Handfläche und fing das rotgoldene Blut mit seiner eigenen Klinge auf. Zischend trafen die Tropfen die glatte Oberfläche und verdampften.
    Wenige Sekunden später fiel das Mädchen vor Schmerz keuchend auf die Knie. Esgerd wusste warum. Die Macht der Klinge und der Verlust des Blutes hatten einen Prozess im Gang gesetzt, bei dem sie jegliche menschliche Gifte und körperliche Eigenschaften loswurde. Sie wurde nun ganz in die Welt ihres Vaters geholt. Zwar hätte er ihr gerne diesen Schmerz erspart, aber sie musste das allein durchstehen. Dies war ihre erste Prüfung. Wenn sie die Umwandlung überlebte wäre sie vollständig eine Dunkle. Nur dann war sie in der Lage, das harte Training das ihr bevorstand zu überleben. Ihr menschlicher Körper war den Anforderungen kaum gewachsen. Die Dunklen konnten zu Nebel, reiner Energie und dem Schatten selbst werden. Ihre Körper unterlagen ganz anderen Gesetzen als die der Sterblichen. Von Fylla würde gefordert werden, dass sie sich innerhalb von Sekunden in winzige Moleküle auflöste, mit dem Nebel eins wurde und die Schatten selbst zu ihrer zweiten Natur machte. Sie würde, wenn sie die Verwandlung überlebte, nie wieder frieren oder im Drachenfeuer sterben. Es war nahezu unmöglich eine Dunkle zu töten. Und seine Tochter würde eine beeindruckende Dunkle abgeben.
    Fylla schloss die Augen als selbst ihr Blut Feuer fing, ihre Haut Blasen warf und ihre Lungen zu versagen drohten. Der Schmerz hatte im Magen begonnen. Noch immer krampfte er und ihre Knochen schienen unter den gewaltigen Druck zu brechen. Ihr war schlecht wie noch nie aber trotzdem bereute sie ihre Entscheidung nicht. Sie hatte nicht einmal Angst.
    Grimmig konzentrierte sie sich auf ihren Körper und erkannte, wie er sich veränderte. Seine ganze Struktur verwandelte sich zu etwas Fremden. Aus ihren Poren traten giftige Chemikalien die sofort verdampften. Ihr Körper entledigte sich jeglicher Giftstoffe.
    Immer wieder erbrach sie und ließ zu, dass ihr Körper vor Qualen schrie. Die Folter würde ein Ende haben sobald diese Verwandlung abgeschlossen war. Es gab keinen Grund in Panik zu geraten. Tatsächlich wurde sie, je stärker die Schmerzen wurden und je länger die Krämpfe dauerten ruhiger, beinah heiter gelassen. Dann, ohne jegliche Vorwarnung, war es vorbei. Die Schmerzen waren weg. Stattdessen spürte sie eine ungewohnte Kraft und Stärke. Als sie die Augen öffnete erkannte sie, dass sie viel besser detaillierter und selbst in völliger Dunkelheit etwas erkennen konnte. Ihr Gehör verriet ihr noch die kleinste Bewegung eines Lebewesens, seinen genauen Aufenthalt und seine Stärke.
    Ein Pulsieren, fast wie ein Herzschlag unter ihren Händen verriet ihr, dass sie nun mehr mit der Erde verbunden war. Ein lebendes und atmendes Wesen wie sie selbst. Wie feinsten Spinnenweben konnte sie die Lebensstränge sehen, die jedes einzelne Wesen miteinander verbanden und wunderschönes Gebilde ergaben. Sie begriff, dass sie die Energien, die sie umgab, bündeln, leiten und nach Belieben einsetzen konnte. Ja, sie konnte selbst zu reiner Energie werden.
    Als sie ihren Vater ansah bemerkte sie, das seine Macht gewaltig war, so stark, dass er eigentlich alles in seinem Umfeld zerstören müsste. Der Grund, weshalb dem nicht so wahr, bestand in seiner Kontrolle. In seinem Geist las sie die Erinnerungen an Kämpfe, durchforstete ihn blitzschnell nach Informationen und Strategien. Der Informationsfluss war überwältigend, denn sie öffnete bewusst all ihre Sinne. In diesem Moment begriff sie, dass diese Daseinsform ein Geschenk war. Ein unheimlich wertvolles Geschenk, denn sie würde niemals wieder so hilflos sein wie vor ihrer Verwandlung. Sie hatte sich verändert. Nun war es an ihr, dieses Erbe anzunehmen und das Beste daraus zu machen.
    Sie lächelte und stand langsam auf.
    „Beeindruckend, nicht wahr?“ Ihr Vater lächelte sie an und musterte sie aufmerksam. „Diese Sinne und die Gaben, die du nun hast sind einzigartig. Sie ermöglichen dir völlig lautlos zu agieren und niemals als das erkannt zu werden was du bist. Wenn die Zeit dafür gekommen ist, wirst du merken, das dir kaum Grenzen gesetzt sind. Du kannst jede Gestalt annehmen die du willst und hast beeindruckend viele Möglichkeiten um deinen Feind zu vernichten.“
    „Dann bin ich also kein Mensch mehr. Oder nein, kein Mischling.“
    „Nein. Du bist jetzt eine Dunkle. Vollständig, unwiderruflich. Du bist unsterblich und kannst nicht mehr altern.“
    Sie hob neckend eine Augenbraue. „Heißt das ich werde immer wie vierzehn aussehen oder besteht noch die Hoffnung, das mein Körper erwachsen wird?“ Die beiden Dunklen grinsten sich an. „Oh, du hast noch fünf Jahre, dann wird der Alterungsprozess gestoppt. Tatsächlich wirst du nur noch hübscher, je älter du an Jahren wirst. Ein Grund, warum dir die Sterblichen nicht widerstehen können. Sehr praktisch.“
    Thaisen war der Erste der wieder ernst wurde. „Willkommen in Domhnall, Fylla Esgerd. Von heute an bist du eine von uns, eine Dunkle und morgen früh beginnt deine Ausbildung zur Jägerin.“
    Ruhig neigte Fylla den Kopf und lächelte. Was auch immer die Zukunft für sie bereit hielt, sie würde jede Herausforderung die ihre Ausbilder an sie stellten annehmen und meistern. Sie würde sich ihrem Erbe als würdig erweisen.

    Ununterbrochen trainierte sie. Selbst in der Nacht, während die anderen schliefen schärfte sie ihre Sinne und versuchte, immer schneller zu werden. Die Gewaltmärsche die sie unternahm, die extrem lebensfeindlichen Gegenden die sie als Übungsplätze aussuchten verrieten, dass sie entschlossen war, ihre Kräfte zu stählen und perfekt zu beherrschen. Die Ausbilder staunten über sie. Ihre Fähigkeiten waren innerhalb kürzester Zeit besser ausgebildet als die ihrer Mitstreiter – dabei war sie die Jüngste von ihnen. Ganz gleich was man alles von ihr abverlangte, sie tat es ohne zu zögern. Diese Entschlossenheit war beinahe beängstigend. Auch die Tatsache das sie sich nicht davor scheute, ihre Grenzen bis über die Erschöpfung hinaus auszuloten unterschied sie von den anderen.
    Jede noch so kleinste Information die sich als hilfreich erweisen könnte sog sie in sich auf. Sie beobachtete die Kämpfe der anderen und lernte aus ihren Fehlern. Mittlerweile konnte sie in jeder Gestalt kämpfen und beherrschte ihre Kräfte. Ohne Mühe wechselte sie während eines Übungskampfes ihre Gestalt, nutzte die Schatten um sich zu verbergen oder aus dem Hinterhalt anzugreifen und scheute sich nicht davor hart zuzuschlagen. Die Veränderungen die in ihr vorgingen waren von außen kaum bemerkbar. Aber Fylla wusste, was die Ausbildung ihr abverlangte. Sie hatte gelernt ohne Schlaf oder Nahrung auszukommen, wusste wie sie ihre Gedanken und Gefühle abschottete oder ihre Präsenz verschleierte.
    Ihre Verbindung zu ihrem früheren Leben oder ihrer Menschlichkeit war längst gerissen. Auch Gefühle ließ sie nicht mehr zu. Ihr ganzes Sein war auf ihre Aufgabe konzentriert und sie ließ keinen einzigen Moment lang so etwas wie Schwäche zu. Die Zeit in der sie Opfer ihrer Gefühle gewesen war hatte direkt nach ihrer Umwandlung ihr abruptes Ende gefunden.
    Fylla verspürte nichts mehr wenn sie kämpfte oder tötete. Weder Zorn, noch Hass, Angst oder Reue. In ihr hatte sich eine eiserne Ruhe und Gelassenheit ausgebreitet. Als Esgerd sah, wie sie gegen Thaisen, Tym und fünf weitere ausgebildete Jäger kämpfte war er erstaunt.
    Denn Fylla war dabei zu gewinnen. Sie nutzte den Schwung ihrer Gegner aus um sie zu Fall zu bringen und nagelte sie mit ihren eigenen Waffen am Boden fest ehe sie einen Bann aussprach, der verhinderte, das sie die Gestalt wechseln konnten. „Beeindruckende Leistung Fylla.“
    Sie nickte nur leicht und half den erwachsenen Männern wieder aufzustehen. Diese betrachteten sie mit neuem Respekt.
    „Drei Minuten.“ Tym lächelte voller widerwilliger Anerkennung. „Ein neuer Rekord, hm? Kann es sein, das dir das Ganze Spaß macht?“ Gespannt warteten sie auf ihre Antwort. Das Mädchen musterte ihre eigene Klinge um etwaige Schäden festzustellen. Sie fand keine. Ruhig hob sie den Kopf starrte ausdruckslos in erwartungsvolle Gesichter. Wenn sie glaubten, dass sie Vergnügen dabei empfunden hatten irrten sie sich. Über diesen Punkt war sie schon längst hinaus. Schließlich hatte ihr die Verlagerung der Energie in den Körpern ihrer Gegner alles verraten was sie wissen musste. Das war keine Leistung auf die sie stolz sein konnte.
    Es war so erschreckend leicht den nächsten Schritt dieser Jäger zu erkennen. Sie kannte ihre Absichten noch vor ihnen. Das war zwar unfair, besonders da sie diese Tatsache verschwieg, aber Thaisen hatte ihr die klare Aufgabe gegeben: Nutze was auch immer du brauchst um deine eigene Kraft möglichst zu schonen und den Kampf schnell zu beenden. Genau das hatte sie getan. Nicht mehr und nicht weniger.
    „Nein.“ Fylla gab ihm seine Waffe zurück. Gelassen fixierte sie den Ausbilder, der ihr stets unsympathisch gewesen war. Denn er hatte schließlich von ihr verlangt, sich erst foltern zu lassen und dann einen Kampf nach den anderen zu bestreiten. Oh, sie hatte gewonnen. Aber das änderte nichts an der Tatsache, dass diese Brutalität keineswegs notwendig gewesen wäre. „Ihr habt mir eine Aufgabe gestellt und ich habe sie erfüllt. Außerdem müsste ich Gefühle haben, um so etwas wie Vergnügen zu empfinden. Aber ich spüre nichts. Nicht einmal den Schmerz wenn ich verletzt werde. Tut mir Leid euch enttäuschen zu müssen.“ Thaisen nickte ihr zu und warf Esgerd einen sorgenvollen Blick zu. >Diese Veränderung ist zu schnell. Schon jetzt spüre ich diese Stille einer uralten Jägerin um sie. Dabei ist sie erst ein Jahr in Ausbildung. Wie kann es sein, dass sie sich so schnell verändert hat?<
    „Gute Arbeit Fylla. Für heute ist dein Training beendet.“ Sie verbeugte sich anmutig und wandte sich ab um leise mit einem anderen Ausbilder zu sprechen, der sie mit einem Nicken wegschickte. Esgerd beobachte seine Tochter mit Stolz. Sie machte ihrem Volk alle Ehre. Es war die richtige Entscheidung gewesen, sie zu einer vollwertigen Dunklen zu machen.
    >Sie muss ihr inneres Raubtier unter Kontrolle halten. Ihre Methode dabei ist vor allem das Ausschalten ihrer Gefühle. Wenn sie nichts berührt, gibt es auch keinen Auslöser für einen unkontrollierten Ausbruch von raubtierhafter Brutalität. Wir alle haben ihr gezeigt, wie sie ihre Sinne und Fähigkeiten am besten nutzen kann. Ich habe dir gesagt dass sie eine erstaunliche Auffassungsgabe hat und sehr schnell lernt. Sie steht zu ihrer Entscheidung und tut alles in ihrer Macht stehende, um den Anforderungen gewachsen zu sein. Warum erschreckt dich das so? Fühlst du dich etwa durch sie bedroht? Fylla hat kein Interesse an materiellen Dingen von ihren eigenen Waffen mal abgesehen. Sie will deine Macht und die damit verbundene Verantwortung für alle Jäger nicht.<
    >Esgerd. Sie ist bereits jetzt mehr Jägerin als Tym in seinem ganzen bisherigen Leben es je war. Die Fähigkeiten die sie sich zusätzlich angeeignet hat – nicht auszudenken was geschehen sollte, wenn sie sich jemals gegen uns wendet.< Thaisen seufzte und starrte der schlanken kleinen Gestalt hinterher, die sich rasch entfernte. Fylla hatte ihren Wert mehr als nur einmal bewiesen. Ihre Verwandlung hatte sie nicht nur körperlich verändert, das war ihm mittlerweile bewusst. Dennoch war er sehr besorgt. Ihre Macht und die damit einhergehende Verantwortung stellte durchaus ein hoher Risikofaktor dar. In allererster Linie musste er an die Sicherheit der Dunklen denken. Fylla lernte viel zu schnell ihr Bewusstsein abzuschotten und eignete sich das Wissen der erfahrenen Jäger in beachtlich kurzer Zeit an. Es war wichtig, sie unter Kontrolle zu behalten. Nicht auszudenken was geschah, wenn es Morgoth gelang sie in seine Gewalt zu bringen. Mit ihr als Werkzeug könnte er die Dunklen mühelos bezwingen. Auch deshalb hatte er ihr verboten Domhnall zu verlassen. Esgerd legte eine Hand auf seine Schulter. >Das wird kaum geschehen mein Freund. Für Fylla bedeutet Ehre alles. Das ist die einzige Sache die sie nie opfern wird.<

    8
    DIE GEGENWART
    Eigentlich sollte sie schlafen. Ihr Körper war noch lange nicht genesen, was auch der Grund für die Lethargie war, die auf ihr lastete. Sie heilte sich selbst. Nichts hätte sie aus der todesähnlichen Trance wecken dürfen. Still lag sie da mit geweiteten Sinnen. Was auch immer sie geweckt hatte, es musste Vorbote für etwas Grauenhaftes sein. Noch immer schlug ihr Herz nicht, auch ihre Lungen hatten ihre Arbeit nicht wieder aufgenommen und ihr Körper war so kalt als wäre er aus Eis. Aber ihr Geist war wach und nun in höchster Alarmbereitschaft. In ihren gegenwärtigen Zustand konnte sie niemanden zur Hilfe kommen.
    Irgendetwas war geschehen. Selbst so tief unter der Erde eingegraben hatte sie den Schrei über den gemeinsamen telepathischen Kommunikationsweg aller Dunklen gehört. Der Schmerz der in den Schrei gelegen hatte machte ihr Sorgen. Sofort nahm sie geistigen Kontakt zu Thaisen auf. >Was ist geschehen? Braucht ihr meine Hilfe?<
    Er war aufgewühlt, längst nicht mehr der gelassene Anführer den sie kannte. Was auch immer passiert war hatte gravierende Auswirkung auf ihn. >Die letzten unserer Frauen sind von den Nazgul gefangen genommen worden. Sie wurden nach Minas Morgul verschleppt. Saurons Warnung ist klar: wenn wir uns gegen ihn stellen wird er sie töten. Einer nach der anderen und uns an ihren Qualen teilhaben lassen.<
    Sie schwieg. Es war ein kluger Schachzug ihres Feindes, das gab sie gerne zu. Dennoch wäre es hilfreicher, wenn sie genauer wusste, was dieser Bastard eigentlich wollte. Er musste eine Forderung für ihre Freilassung gegeben haben oder er hatte reagiert, weil Thaisen und die anderen Anführer sich geweigert hatten, seiner Aufforderung Folge zu leisten. Sie konnte ihnen nur helfen wenn sie alle Informationen hatte. Das so viele Dunkle unter ihnen auch einige Uralte in Panik gerieten war ein schlechtes Zeichen und für sie eine Überraschung. Immerhin hatte man von ihr immer erwartet den Verstand über das Herz siegen zu lassen und niemals ihren Gefühlen die Oberhand zu geben. Nun waren alle jedoch in heller Aufregung während sie immer ruhiger wurde. Wer Angst hatte konnte nicht klar denken. >Was will er genau von uns? Das wir an seiner Seite kämpfe?< Ihre Stimme klang gelassen beinahe ungerührt, als ginge das Schicksal der Frauen sie nicht an. >Wie lautet der exakte Wortlaut seiner Forderung?< Deutlich nahm sie seine Überraschung wahr, weil sie nicht ähnlich wie er oder die anderen Dunklen reagierte. Vielleicht war es hart, dass sie nicht näher auf die Qualen einging, die den Frauen ohnehin bevorstanden, aber sie brauchte dringend Informationen. Es half ihnen nicht, wenn sie vor lauter Panik mögliche Lösungen und Auswege übersahen. Es brauchte einen kühlen Kopf um Strategien zu entwickeln. „Kenne deinen Feind besser als er selbst.“ Die wichtigste Lektion, die ihr Vater ihr eingebläut hatte, kaum das sie mit dem damals zehnjährigen Dacil begonnen hatte, sich mit der Kampfstrategie des Feindes zu beschäftigen. Sie wollte verstehen, wie Morgoth und Sauron handelten, wie sie dachten, was sie antrieb. Denn nur wenn sie wirklich begriff wer die beiden Männer waren konnte sie ihnen etwas entgegensetzen. Zwar war sie zu dem Zeitpunkt längst eine ausgebildete Jägerin, aber ihr Vater hatte ihr Wissen stets erweitert, ihre neue Herausforderungen geboten und seine Erfahrungen mit ihr geteilt. Es war ihm zu verdanken, das sie ihre Fähigkeiten selbst im Schlaf einsetzen konnte und sich fließend verwandeln konnte. Ohne seine Anleitung hätte sie die ersten fünf Einsätze als Jägerin kaum überlebt. Es waren Kämpfe gegen Uralte gewesen. Trotzdem war sie als Siegerin und ohne jegliche Wunden von der Jagd zurückgekehrt. Und das mit süßen zwanzig Wintern.
    Sie war mit Abstand die jüngste Jägerin der Dunklen. Zumal die meisten Frauen nicht den Weg der Einsamkeit, Brutalität und kalter Ehre beschritten. Fylla bildete da eine Ausnahme.
    Aber sie weigerte sich im Gegensatz der anderen Frauen sich von anderen beschützen zu lassen. Es waren ihre Kämpfe die sie alleine ausfocht. Sicher, mit Dacil verbanden sie die Blutsbande und sie waren auch Kampfgefährte – trotzdem wäre es gewagt zu behaupten, sie wären Freunde. Jäger hatten keine Freunde. Zumindest nicht jene, die so oft getötet hatten wie sie. Die Gefahr abtrünnig und von einem Freund gejagt zu werden war zu groß. Es war sicherer wenn die Jäger allein ihren Instinkten vertrauten. Freunde konnten sich leicht als Feinde herausstellen. Zumal sie alle die Fähigkeit besaßen, ihr wahres Wesen zu verschleiern. In diesem Moment räusperte sich Thaisen in ihrem Geist.
    >Der exakte Wortlaut? Hm. Wenn ihr mir eure Unterstützung und euren Gehorsam verweigert werde ich euch zerstören. Anfangen werde ich bei euren Frauen. Als Nächstes sind eure Anführer an der Reihe, dann die Jäger. Einer nach dem anderen wird entweder unter schrecklichen Qualen sterben oder mir seine Macht geben. Wenn ihr mir nicht freiwillig gebt was ich will, werde ich es mir mit Gewalt nehmen.< Indem Sauron die Frauen tötete zerstörte er die geringste Chance, das sich das Volk der Dunklen überhaupt noch erholte. Die Frauen, die grundsätzlich die vorausgesetzten Eigenschaften für eine Schwangerschaft mitbrachten, waren das Herz und die Hoffnungsträger des Volkes. Starben sie, war jegliche Hoffnung verloren. Fylla wusste, in welche Panik diese Nachricht einige andere versetzte. Sie selbst war noch ruhig.
    >Du bist die einzige Frau, die sich nicht in seiner Gewalt befindet.<
    Oh. Das war übel. Wenn ihr Körper lebendig gewesen und sie dementsprechend die Kontrolle über ihre Gesichtsmuskeln hätte, wäre ihre äußerliche Reaktion eine Grimasse gewesen. Sie war die einzige verfügbare, unverbundene und freie Frau. Da sie eine Jägerin war hatte sie sich geweigert ihr Leben mit einem Artgenossen zu verbinden.
    War der Bund erst einmal geschlossen, gab es für keinen der beiden ein Entkommen. Sie konnten nicht getrennt voneinander sein, Geist, Seele und Körper riefen ununterbrochen nacheinander. Was dem einen geschah übertrug sich auf den anderen. Mochte diese Verbindung auch noch so tief und eng sein – für eine Jägerin wäre das zu fatal und für ihre Aufgabe ein eindeutiges Hindernis. Denn die männlichen Dunklen, sobald sie eine Gefährtin hatten, wiesen einen ausgeprägten Beschützerinstinkt und eine verzehrende Bereitschaft zur Eifersucht auf.
    Nein. Das war nicht das Leben was sie für sich wollte. Und nun war sie die einzige Frau, die noch frei war. Von einen Moment auf den anderen war sie zur Gejagten geworden. Diese Entwicklung schätzte sie nicht.
    >Halt die Männer von mir fern. Ich habe eine Aufgabe zu erfüllen.<
    >Ich werde mein Bestes versuchen. Aber du weißt selbst, welche Gefahr die Dunklen nun für dich darstellen. Halte dich bedeckt und versuche die Sache anzutreiben. Wir können zu diesen Komplikationen nicht noch einen Fehler erlauben. Der Ring muss um jeden Preis zerstört werden.<
    >Wie viel Zeit ist mittlerweile eigentlich vergangen?<
    >Sag bloß, du liegst irgendwo verletzt in der Erde und kämpfst gerade gegen die Lethargie an?<
    >Wie kommst du denn auf die Idee?< Könnte sie es, hätte sie neckisch gegrinst. Thaisen klang so...besorgt. Als würde sie ihm etwas bedeuten. Nun ja. Sie war eine Jägerin und eine Frau. Wahrscheinlich machte er sich schon Sorgen um sie. Nicht das es gerechtfertigt wäre. <Aber ja, du hast Recht. Wir hatten ein unschönes Zusammentreffen mit uralten Abtrünnigen die das Auenland gefährdet haben. Ich dachte, Dacil hätte die Informationen weitergegeben?<
    >Nein.<
    >Anscheinend muss ich ihm die Ohren langziehen damit er auf mich hört. Du hast meine Frage nicht beantwortet: wie viel Zeit ist vergangenen?<
    >Ungefähr drei Monate.<
    >Ist der Ringträger schon in Bruchtal?<
    Stumm wartete sie ab, was er sagen würde. Aber Thaisen schwieg. Wahrscheinlich erkundigte er sich gerade bei einem anderen Jäger. >Noch nicht. Der Ringträger ist nicht allein unterwegs. Ein paar andere Halblinge und ein Mensch begleiten ihn. Sie sind gerade unterwegs zur Wetterspitze. Die Nazgul sind nicht weit entfernt.< Na hoffentlich waren sie vorsichtig. Ein Kampf mit diesen Untoten fehlte ihr gerade noch. >Sei vorsichtig Schattentod. Sie sind ängstlich aber auch misstrauisch. Wenn du eingreifst, lass dich nicht erwischen.<
    Dieses Vertrauen... Fylla konzentrierte sich auf ihren Körper um nach weiteren Giftspuren oder Parasitenstämmen zu suchen. Mithilfe der Erde hatte der Körper die befallenen oder beschädigten Zellen hermetisch abgeriegelt und begann mit dem mühevollen Zerstörungsprozess.
    Grimmig begann sie den langwierigen Prozess zu beschleunigen.
    Sie wurde gebraucht und konnte sich drei weitere Monate Genesungszeit nicht leisten. Um den Ringträger beschützen zu können musste sie einsatzfähig sein. Die Verletzung war ein Ärgernis das sie rasch beseitigen musste. Nichts nervte sie mehr als wenn sie an Geschwindigkeit einbüßte.
    >Ich lasse mich nicht erwischen, das weißt du Thaisen.<
    Nun zumindest nicht von gewöhnlichen Sterblichen.

    9
    Es begann mit einem leichten Beben. Feine Risse durchzogen die Erde und der Wind begann zu heulen wie ein hungriger Wolf. Kleine Tiere huschten ängstlich in ihre Verstecke und selbst die größeren Raubtiere brachen ihre nächtliche Jagd ab. Am Himmel türmten sich dunkle Gewitterwolken auf und ein fernes Donnern kündigte einen Sturm an. In der Wildnis hielten fünf Wanderer besorgt inne. Instinktiv spürten sie, dass das Gewitter lediglich ein Vorbote für eine viel größere Gefahr war. Nur hatten sie selbst nichts zu befürchten.
    Nicht ohne Grund hatte Fylla eine derartig dramatische Kulisse geschaffen: es war eine Warnung an sämtliche Jäger und Abtrünnige, dass sie ihr besser nicht in die Quere kamen. Sie war äußerst schlecht gelaunt, denn das Gift hatte ihre Energiereserven angegriffen und sabotiert um sich zu vervielfältigen. Das ihre eigenen Methoden, mit denen sie ihren Opfern auflauerte gegen sie verwendet worden waren, wenn auch in etwas abgewandelter Form, ärgerte sie. Sie hatte ihre Forschungsergebnisse gut geschützt und mit niemanden außer ihrem Vater geteilt. Aber er war von den Ältesten der Dunklen wegen Gesetzesbruch gejagt und hingerichtet worden. Um ihnen kein Wissen weiterzugeben, das sie gegen seine Tochter oder seinen Sohn verwenden könnten, hatte er sein ganzes Gedächtnis gelöscht. Unwiderruflich.
    Wie also waren diese Informationen in die Fänge von Abtrünnigen gekommen? Diese Pflanze mit Giftzähnen besetzten Tentakeln dienten ihr dazu, den Feind empfindlich zu schwächen, Zeit zu gewinnen und ihn zu orten, wenn er ihr entkam. Und nun war sie selbst Opfer dieses Geschöpfes geworden. Ihre blauen Augen glühten vor Zorn als sie aus der Erde hervorbrach. Jegliche Sanftheit war aus ihrem schönen Gesicht verschwunden. Hart. Grausam. Kompromisslos. Kalt.
    Es war an der Zeit die Jagd zu beginnen.
    Die beiden Abtrünnigen, die Dacil entkommen waren, wurden von dem Einen Ring angezogen und wollten die Seelen der ahnungslosen Wanderer nehmen. Der Ringträger und seine Begleiter wussten nicht, dass ihnen schrecklichere Geschöpfe auf den Fersen waren als die Ringgeister.
    Gegen die Abtrünnigen konnten sie nichts ausrichten.
    Als würde sie diese Aufgabe mit Vergnügen erfüllen.
    Vielleicht war es falsch, das es sie in diesem Fall befriedigte und als Jägerin sollte sie über Rachegefühle längst hinaus sein, aber sie war entschlossen zu beenden, was sie begonnen hatte. Sie verabscheute unerledigte Angelegenheiten. Es hinterließ ein ähnlich schales Gefühl im Mund wie eine Niederlage im Kampf oder die Erkenntnis, dass sie das Wechselspiel zwischen den Chemikalien, die sie im Kampf verwendete, nicht richtig aufeinander abgeglichen hatte. Unangenehm.
    Zum Glück handelte es sich bei diesen Abtrünnigen um rangniedrige und um Neulinge. Ein völlig anderes Format als sie selbst oder die letzten beiden. Wachsam blickte sie sich um und sandte ihren Geist aus. Kein Geschöpf entging ihrem tastenden Strahl. Während sie auf die unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen zurückgriff, Energieströme verfolgte, Schwingungen aussandte, Herzschläge ortete und nach den kleinsten Abweichungen im Gefüge suchte verharrte sie reglos wie eine Statue. Schatten wirbelten um sie herum bis sie gänzlich vor fremden Augen geschützt war. Die Wanderer selbst umgab sie mit einer beweglichen Schutzblase, die sie vor möglichen Angriffen oder Geschossen abschirmte. Die unsichtbare Blase wirkte, wäre sie für das menschliche Auge sichtbar, wie ein feines Spinnennetz aus Mondlicht. Zart, stabil und effektiv. Doch in den verwobenen Fäden steckten mehr Schutzzauber, Bannsprüche und magische Siegel als selbst ein Zauberer erkennen könnte. Es absorbierte dunkle Energien und wandelte es um, damit das Netz selbst stärker wurde und seinen Schützling besser vor Angriffen bewahren konnte. War der eigene Energiebedarf des Netzes vollständig aufgeladen konnte es sogar selbst Feinde angreifen. Die Blase war auch unterirdisch aktiv und überprüfte automatisch die Umgebung mit. Fremde konnten das Schutzschild nicht überwinden es sei denn, die Urheberin öffnete einen winzigen Spalt. Diejenigen, die von der Blase umgegeben waren, konnten die Blase mühelos verlassen, es war kein Gefängnis.
    In manchen Fällen löste sich ein Teil des Geflechts um eine eigenständige Blase um den Betreffenden zu bilden. Solange jedoch keine Angriffe erfolgten, war die Blase für niemanden sichtbar. Außerdem war sie selbst für Zauberer oder Dunkle nicht zu orten geschweige denn zu erkennen, da es weder Machtströme noch verräterische Energieströmungen gab, die Aufschluss über Größe, Form, Beschaffenheit und Aufgabe liefern könnten. Einmal gewirkt kostete es sie nur einen minimaler Energieaufwand, um es aufrechtzuerhalten.
    In diesem Schutzschild steckten Jahrtausende intensiver Forschungsarbeit. Fylla hatte es solange weiterentwickelt, geprüft, ausgebessert und perfektioniert, bis es nur noch einen Gedanken brauchte, um es hervorzurufen und sofort zu aktivieren. Die Entwicklung hatte sie weder schriftlich dokumentiert noch sonstige Hinweise hinterlassen. Es war für sie eine der wichtigsten Schutzschilde geworden, die sie auch für den Schutz größerer Objekte wie Städte oder Dörfer erfolgreich angewendet hatte. Fylla nahm ihre Aufgaben sehr ernst und der Schutz anderer Völker, insbesondere der Menschen war für sie aus vielen Gründen zu einer ihrer wichtigsten Aufgabenbereiche geworden.
    Verborgen im Schatten lächelte sie. Endlich. Die beiden Abtrünnigen waren so unvorsichtig gewesen, ihre Spuren nicht zu verwischen oder die Schatten zu benutzen um ihre Präsenz zu verschleiern. Nicht das sie so Fylla entgangen wären.
    Aber wenn die Dunklen Schattenmagie anwandten, traten hervorstechende persönliche Erkennungsmale, die sie sonst im Energiesystem hinterließen, in den Hintergrund oder verschwanden völlig. Es erschwerte eine genaue Ortung und die Bestimmung des gegenwärtigen körperlichen Zustands, aber es machte es ihr auch nicht unmöglich die Beute aufzuspüren. Wenn sie eines war, dann ein Raubtier. Sie war geduldig. Früher oder später wurde ihre Beute oder ihr Feind unvorsichtig. Ein kleiner Fehler reichte ihr um zu erfahren was sie wollte. >Hört meinen Ruf. Kommt zu mir.< Die Abtrünnigen konnten sich der hypnotisch schönen bezwingenden Stimme nicht entziehen. Die Macht, mit der Fylla ihre Stimme verwoben hatte war stark genug, um ein ganzes Heer aus Orks zu ihren willenlosen Sklaven zu machen. Sie war skrupellos genug, um jede Waffe zu benutzen, die sie für ihre Kämpfe mit Abtrünnigen zur Wahl hatte. Solange ihre Methoden funktionierten sprach nichts dagegen sie wiederholt anzuwenden. >Kommt.<
    Um die Ringgeister würde sie sich kümmern sobald die lästigen Seelenräuber vernichtet waren. Ihre Mundwinkel zuckten amüsiert, als die beiden mit leeren Gesichtern und gebrochenen Willen auf ihre Henkerin zu getrottet kamen. Wie brav die Kinder von heute doch waren. Die beiden Männer waren jünger als sie. Tatsächlich erinnerte Fylla sich noch gut an sie. Während ihrer wenigen Aufenthalte in Domhnall hatte sie die beiden angehenden Jäger kennengelernt. Damals waren sie junge Burschen mit hochfliegenden Plänen, romantischen (für Dunkle) Ideale und einem beeindruckenden Sinn für Humor gewesen. Bedauerlich, dass sie sich auf diese Art entwickelt hatten. Von ihrer schönen Fassade war nichts mehr zu erkennen, auch das Leuchten in den Augen oder das stark ausgeprägte Ehrgefühl waren verschwunden.
    Stattdessen sah sie zwei Männer, die vom körperlichen Verfall gekennzeichnet waren. Ihre Haut war leicht aufgedunsen, sie verströmten den Gestank eines verwesenden Kadavers, die Augen waren schwarz, blicklos, die Haltung leicht gebeugt. An manchen Stellen war die Haut aufgeplatzt und gab einen unappetitlichen Blick auf sich kringelnden Maden im Fleisch, Eiter und Entzündungen frei. Alles in allem ein unappetitlicher Anblick.
    Fylla begann die Details des körperlichen Verfalls zu ignorieren und wurde sichtbar. Gleichzeitig hob sie den Bann auf, mit dem sie ihre Opfer willenlos gemacht hatte. Kaum hatte sich ihr eiserner Zugriff gelöst, begannen die Abtrünnigen ihre Umgebung bewusster wahrzunehmen und erkannten, wen sie vor sich hatten. Mit einem feinen, spöttischen Lächeln stützte Fylla eine Hand in die Seite. „Wenn das nicht eine Überraschung ist. Cyran und Marian, die beiden Weltverbesserer. Lange nicht gesehen.“
    Die Reinheit ihrer Stimme hielt den beiden einen Spiegel der Realität vor und schwächte die Abwehrkräfte. „Maneth. Man erzählt sich, du seist tot oder eine von uns geworden.“ So? Ihre Augenbrauen hoben sich leicht. Anscheinend hatte jemand die Gerüchteküche gehörig angeheizt. Waren diese beiden Neulinge so töricht, diese Geschichte als wahr zu akzeptieren? Wie enttäuschend. „Eine Abtrünnige? Wie interessant. Bisher dachte ich, ihr wäret diejenigen, die unser Volk verraten hätten und jede Ehre in den Wind geschlagen haben, die sie noch hatten. Darf ich fragen, wer derartige Gerüchte in den Umlauf bringt?“ Cyran starrte sie mit unverhohlener Gier an. Er witterte das warme, reichhaltige und mächtige Blut in ihren Adern. Die Versuchung ihre Seele mitsamt ihren Blut aufzunehmen würde ihn unvorsichtig machen. Marian wirkte etwas widerstandsfähiger als sein Kampfgefährte. Misstrauisch sah er sich um, suchte nach einer Falle. Dass er sich längst in der Falle befand, bemerkte er nicht. „Man munkelt sehr viel in diesen Zeiten Maneth. Unter anderem das es Sauron gelungen ist, Abtrünnige für sich zu gewinnen und die Schutzvorkehrungen Domhnalls zu umgehen, um unsere Frauen gefangen zu nehmen. Die entscheidende Frage besteht doch darin, wie viel Wahrheitsgehalt in diesen Gerüchten liegt, nicht wahr?“
    Für so viel Erkenntnis im letzten Satz stellte er sich aber enttäuschend blauäugig an. Jammerschade, dass sie nicht die ganze Nacht damit verbringen würde, mit ihnen ihre Spielchen zu treiben. Fließend zuckte sie mit den Schultern. Eine eigentlich beiläufige Geste. Sekunden später traf ein Blitz knapp zehn Zentimeter neben Cyran den Boden. Fylla verbarg ihr Lächeln, als sie die Schmerzen auf den Gesichtern sah. Hitze und Licht waren zwei Dinge, die Abtrünnige vermieden wenn sie überleben wollten. Aber keine der beiden kam auf die Idee, dass sie der Auslöser des todbringenden Blitzes war. Töricht. Aber niemand hatte je behauptet, dass niedere Abtrünnige noch bei klaren Verstand waren. In ihren wirren Gedanken las sie, dass die Männer die Gerüchte wirklich glaubten. Der Schattentod sei zu einer Abtrünnigen geworden. Nun, Gerüchten zu glauben, ohne handfeste Beweise zu haben war schon in den meisten Fällen nicht ratsam. Für Cyran und Marian war es ein tödlicher Fehler. Aber sie schlug noch nicht zu. Sie hatte Zeit und wollte Informationen.
    „Wie seltsam, dergleichen habe ich auch gehört.“ Als ob sie mit ihnen lediglich plaudern wollte lehnte sie sich lässig an einen Baumstamm. Dabei behielt sie einen freundlich-interessierten Gesichtsausdruck, der ihre wahren Gedanken genauso verbarg wie ihre starke mentale Abwehr. „Und nun geraten alle in Panik, weil Sauron die Frauen in seiner Gewalt hat. Anscheinend will er sie foltern und qualvoll sterben lassen.“
    Absichtlich legte sie Köder aus um wichtige Informationen zu erfahren. Dinge, die Thaisen und die anderen nicht wissen konnten. Solange Cyran und Marian glaubten, dass sie zu ihnen gehörte, oder bald eine von ihnen sei, würden sie sehr mitteilsam und äußerst kooperativ sein, was den Informationsfluss anging. Erfahrenere Abtrünnige wären nicht auf Fyllas Schauspiel hereingefallen, aber die beiden waren noch jung und ihnen fehlte das nötige Wissen, dass sich andere bereits angeeignet hatten. Sie ließen sich bereitwillig von ihr täuschen und waren geblendet von ihrer eigenen scheinbar grenzenlosen Macht. Da sie noch Neulinge waren kannten sie den Preis für ihre Macht und ihre Entscheidung nicht in seinem ganzen grausamen Ausmaß. Deshalb waren rangniedrige Abtrünnige oft nur Marionetten für weitaus mächtigere Zeitgenossen. Sie waren Frischfleisch und wurden bedenkenlos geopfert. Im Ernstfall retteten die mächtigen Abtrünnigen immer nur ihre eigene Haut bzw. das, was davon noch übrig war. Das diese beiden hier sterben würden war offensichtlich. Jäger und Gejagte hatten ein viel zu leichtes Spiel mit ihnen. Das ideale Bauernopfer. Es war ein Jammer, dass sie das bis zum letzten Moment nicht begreifen würden. Ihre Naivität enttäuschte Fylla zwar, aber sie machte sie sich alles zu Nutze, was sie verwenden konnte. Wählerisch war sie selten, wenn es um Informationsbeschaffung ging. Solange die Methoden effektiv waren wurden sie verwendet, wenn nicht, verworfen. So einfach war es für sie. „Es wird ein weiterer Angriff auf die beiden Dörfer Ailis und Berivan geplant.“ Beide Dörfer lagen in den Eisenbergen und wurden hauptsächlich von Dunklen bewohnt, die ihr Leben nicht dem Tod oder dem Schutz sondern der Heilung und dem Lehren verschrieben. Sie bildeten die wenigen Schulen außerhalb von Domhnall. Schulen für längst vergessenes Wissen, alte Heilgesänge und Rituale, die im Zweifelsfall Leben von Tausenden bewahren konnten. Es wunderte Fylla nicht, dass man gerade diese kleinen von der Außenwelt abgeschotteten Dörfer ausgewählt hatte. Sie lagen gut versteckt, waren isoliert, besaßen einen hohen Wert für das Überleben der Dunklen und wurden kaum bewacht. Denn wer würde schon Heiler, Lehrer und Philosophen angreifen? Ja, so dachten die ranghöchsten Dunklen in Domhnall. Außerdem gefiel es diesen allmächtigen Männern nicht, dass einige entschieden hatten, sich gänzlich ihrer Kontrolle zu entziehen um ungestört ihren Interessen nachgehen zu können. Die Gefahr war eindeutig: wenn die Abtrünnigen und Sauron die beiden Dörfer attackierte würde jedwede Hilfe zu spät oder gar nicht erfolgen. Selbst wenn Fylla sofort Thaisen warnte oder selbst vor den Rat trat, würden sie mit endlos langen Debatten wertvolle Zeit verschwenden. Die Jägerin verbarg ihre Sorgen und ihre Gedanken so tief in ihrem Bewusstsein, dass niemand, der ihre mentale Abwehr überwand, die Wahrheit finden konnte. Das einzige, was sie sich bewusst anmerken ließ, war die Bewunderung für die brillante Strategie. „Die Dunklen, die dort leben sind weder Jäger noch Krieger. Die Heiler und ihr Wissen werden uns viel weiterbringen als unsere bisherigen Erfolge.“ So weit waren die Abtrünnigen also schon.
    Verdammt. Das sah nach einem Krieg an zu vielen Fronten aus. Das Volk der Dunklen würde diesen Krieg eindeutig nicht überleben. Wenn Ailis, Berivan, Domhnall und die letzte Zuflucht der Dunklen, Ebony auf Valinor fielen hatten sie keine Überlebenschancen mehr. Die Abtrünnigen würden genug Dunkle am Leben lassen, um ihnen Wissen zu stehlen, ihre Macht zu absorbieren und Blut nehmen zu können. Bis sie ihr eigentliches Ziel erreicht oder zumindest kurz davor waren, würden sie Gefangene machen die sie allerdings so schwach wie möglich hielten. Fylla wusste, dass sie schnell handeln mussten, wenn sie nicht überrannt oder versklavt werden wollten. Das eigentliche Ziel der Feinde musste herausgefunden, strenge Sicherheitsvorkehrungen getroffen sowie kampfbereite Krieger aufgestellt werden. Zeit war zur Mangelware wenn nicht sogar zum Feind geworden. Es konnte sehr gut sein, das für die Dunklen die Zeit schneller um war als für die Menschen. Im Vergleich zu dem, was sie nun erfuhr, erschienen die Befürchtungen der Folgen, die Saurons Rückkehr für die Menschen, Elben und Zwerge bedeutete, fast schon lächerlich. Sicher, Sauron war ein nicht zu unterschätzender Gegner, aber er konnte nicht einmal in seinen kühnsten Träumen so viel Schaden anrichten wie diese Abtrünnigen, wenn alle Jäger vernichtet, die Dunklen versklavt waren und sich das ganze gesammelte Wissen der Heilen in ihren verdorbenen Händen befand. Sauron und eine Invasion der Abtrünnigen – das war zu viel.
    Umso wichtiger das weder die Menschen noch die Elben von der Existenz der Jäger und der Abtrünnigen erfuhren. Drei oder vier starke Gegner, dagegen konnten selbst uralte Jäger wie Thaisen, Tym, Fylla oder Dacil nichts ausrichten. Sie waren zu wenige, hatten sich zu lange von anderen Völkern isoliert um auf Hilfe hoffen zu können. Selbst wenn die Elben und Menschen ihr Misstrauen den Dunklen gegenüber überwanden und Hilfe entsandten konnten sie nichts gegen diesen Feind ausrichten. Eher würden sie zu einer Futterquelle werden. Außerdem waren die Einzigen, die in der Lage waren Abtrünnige zu vernichten die Jäger, von denen es viel zu wenige gab. Die freien Völker Mittelerdes mussten aus diesem Krieg herausgehalten werden. Schlimm genug, dass sie sich der Bedrohung Mordors und Isengards stellen mussten. Sauron war für sie schon ein schier unüberwindbarer Gegner. Ihn aufzuhalten und Paroli zu bieten würde schon alle Völker bluten lassen. Rohans Existenz stand ebenso auf dem Spiel wie das Königreich Gondor. Den Menschen stand ein grauenhafter Krieg bevor. Den Dunklen ebenfalls aber ihr Feind hatte ein anderes Format. Nur sie konnten den Abtrünnigen Einhalt gebieten.
    Umso wichtiger zu erfahren, wer hinter diesen Plänen stand.
    „Ein brillanter Schachzug.“ Stellte sie mit einem anerkennenden, bewundernden Blick fest. Mittlerweile hatten die beiden Abtrünnigen jegliche Wachsamkeit in den Wind geschlagen. Sie fühlten sich sicher, entspannten sich und wurden ruhiger. Beinah hätte sie müde gelächelt. Bis sie alles erfahren hatte, was sie wissen wollte, würden die beiden noch ein wenig ihre wertvolle Luft verpesten. Ein Jammer. „Darf ich fragen, wem ich dazu gratulieren darf?“ Es war eine gewagte Frage. Ein Risiko, dass sie bewusst einging. Allein das sie ein solches Interesse zeigte, bewirkte bei diesen beiden Narren erstaunliches. Nichts hörte ein Abtrünniger lieber, als ein Kompliment für eine brillante Strategie oder Kampftechnik. „Es gehört schon einiges an Erfahrung dazu, um solche Pläne zu entwickeln und gut koordiniert umzusetzen.“
    „Das ist in der Tat eine brillante Idee von Be-“ Noch ehe Cyran den Namen fertig aussprechen konnte stand er in Flammen. Fylla ließ sich nichts anmerken, aber sie war alarmiert. Nichts hatte auf einen weiteren Abtrünnigen hingedeutet und es waren keine verräterischen Energieströme um die beiden herum gewesen. Was ging hier vor sich? Kälte breitete sich aus und ein Mann trat aus dem Wald. Es war ein Dunkler. Aber Fylla wusste, als sie seinen besorgten Blick auffing, dass er nicht für diesen Vorfall verantwortlich war. Waren sie wohlmöglich alle in eine Falle getappt? Oder hatten die Köpfe der Feinde beschlossen, das jeder was die Namen der Verantwortlichen betraf, um jeden Preis den Mund halten musste? Wer auch immer den Vergeltungsschlag ausgeführt hatte, besaß entweder genug Macht um seine unmittelbare Präsenz zu verschleiern oder hatte aus der Ferne getötet. In beiden Fällen wies er beachtliche Macht und Können auf. Hatte er vielleicht sogar ihre Augen zum „Sehen“ benutzt? Um zu überprüfen, ob das dumme Fußvolk sich an die Regeln hielt? Es war ein unangenehmes Gefühl.
    „Was zum Teufel ist hier passiert?“ Der Dunkle musterte aus schmalen Augen erst die kümmerlichen Aschereste, dann betrachtete er Marian und Fylla. Diese wiederum ließ den Abtrünnigen keine Sekunde mehr aus den Augen. Das Cyran verbrannt war hatte ihn weder überrascht, noch entsetzt, geschweige denn besorgt. Irgendetwas Wichtiges entging ihr. Das sie mit diesem Gefühl nicht alleine war, konnte sie nur als schwachen Trost werten.
    „Das wüsste ich auch gerne. Langsam glaube ich, dass jemand mit uns spielt. Ich würde nur gerne wissen, wer.“
    „Geht mir genauso.“ Stimmte der Fremde leise zu. Seine Miene war erschreckend grimmig. „Da dieser junge Mann hier bislang so mitteilsam war finde ich es nur gerecht, das er uns aufklärt.“
    Marian lächelte selbstzufrieden und schwieg.
    Fylla löste sich vom Baum und ging langsam auf ihn zu.
    Absichtlich ließ sie einen Teil ihrer Macht frei. Sofort verschwand der selbstzufriedene Ausdruck und machte höllischen Qualen Platz. Obwohl sie ihn nicht berührte zerfetzte ihre Macht ihn innerlich. Schweigend blieb sie zwei Armlängen von ihm entfernt stehen. Starrte ohne zu Blinzeln in seine Augen. Erkannte die Angst und das Erkennen des eigenen Untergangs darin. Und lächelte grimmig.
    „Das war keine Bitte Marian. So wie die Frauen gefoltert werden, wirst auch du leiden, wenn du mir nicht sofort die Wahrheit sagst: wer war das?“ Die letzten drei Worte waren nur noch ein bedrohliches Zischen. „Cyran hat gebrannt ohne das es auch nur einen Hinweis auf einen weiteren Abtrünnigen gab oder ein Anschwellen von Macht zu spüren war. Ich will eine Erklärung und du wirst sie mir geben.“
    In diesem Moment begriff Marian drei Dinge: erstens, er und sein Kumpane waren auf ein Täuschungsmanöver hereingefallen, zweitens er hatte die Wahl ob er wie Cyran den Namen sagte und starb ohne etwas preiszugeben und drittens er würde diese Nacht nicht überleben.
    Sie waren benutzt worden wie das menschliche Vieh zur Nahrungsaufnahme. Es kränkte und verletzte ihn, dass man ihn offensichtlich nur gebraucht hatte, um die Jäger von der eigentlichen Gefahr die ihnen drohte abzulenken. Er war viel mehr wert!
    Wenn er schon sterben musste, würde er diese beiden Dunklen mitnehmen. Hass loderte in seinen Augen auf ehe er nach vorne sprang. Direkt in die ausgestreckte Hand der Jägerin, die ihn nun mitleidig musterte. Er schrie vor Schmerz als ihre Hand seinen Brustkorb durchschlug und ihre Faust sich um sein totes Herz schloss.
    Ihr Mitleid machte ihn rasend vor Wut.
    Mit seinen Klauen schlug er nach ihr fuhr aber nur durch Luft. Ungläubig starrte er sie an, begriff nicht, wie sie einerseits sein Herz zerquetschen aber andererseits nur aus Schatten bzw. Luft bestehen konnte.
    Dann spürte er ihre Präsenz in seinem Geist. Gleißend heiß, hell, dominant und entschlossen durchsuchte sie ihn. So sehr er es auch versuchte, er konnte sie weder aufhalten noch verletzen. Das Einzige was er mit diesen Bemühungen erreichte, war, dass seine Schmerzen sich ins unerträgliche steigerten. Verzweifelt wand er sich, versuchte zu entkommen. Aber es gab kein Entrinnen. Nicht für ihn.
    Als es vorbei war und Marian als ein Häufchen Asche zu ihren Füßen lag schloss Fylla erschöpft die Augen. Alles was sie heute erfahren hatte war übel. Und die Pläne die sie in seinem Bewusstsein gesehen hatte...
    Nicht auszudenken, wenn diese in die Tat umgesetzt wurden.
    „Alles in Ordnung?“ Die besorgte Stimme des Fremden ließ sie müde lächeln. Er war kein Jäger, das spürte sie. Dafür strahlte seine Seele zu hell, war zu rein und sanft. Nein. Es war ein Heiler, wohlmöglich sogar aus einem der beiden Dörfer. „Wir haben viel zu tun so viel steht fest. Wenn ich geahnt hätte, dass Bennu, Gyasi und Chaths dahinter stecken, wäre ich jetzt wohl kaum so entsetzt über die Situation.“
    Er seufzte leise und sie musterte ihn aufmerksam.
    „Ausgerechnet Chaths.“ Kopfschüttelnd starrte er auf die Asche. „Ich kann nicht fassen, das mein eigener Bruder so etwas Schreckliches tut. Warum nur hat er nicht auf mich gehört, als ich ihm gesagt habe, dass er so nicht mehr weitermachen darf? Er darf nicht töten nur um die Illusion von etwas zu fühlen, dass er, weil er ein Jäger ist, längst verloren hat. Stattdessen hat er immer weiter gejagt und brach den Kontakt zu mir ab.“ Mitgefühl regte sich in ihr. Chaths war einer der erfahrensten Jäger gewesen und stammte aus der selben Generation wie Thaisen. Die beiden anderen, Bennu und Gyasi waren Zeitgenossen ihres Vaters Esgerd gewesen und schon damals hatte niemand aus Angst vor ihnen laut über sie gesprochen. Einzig allein ihr Vater. Aber er war tot.
    Gerade jetzt könnten sie Esgerd gut brauchen. Mit ihn hatte sie offen und klar reden können ohne jedes Wort sorgsam abwiegen zu müssen.
    Unnütze Gedanken! Ärgerlich verscheuchte sie die Sehnsucht danach.
    Vorsichtig berührte sie ihn am Arm und sog Sekunden später die Luft ein. Ein Seelenheiler! Sie sah in seine braunen Augen, die sie voller Trauer, Verständnis und Sorge musterten. Deshalb strahlte seine Seele so hell.
    „Ich weiß, das es schmerzhaft ist einen geliebten Menschen zu verlieren. Leider gibt es keine Worte, die so einen Verlust wieder gut machen können. Aber vielleicht hilft das Wissen, dass auch andere dieses Leid teilen und dir dabei helfen können.“ Er lächelte überrascht, betrachtete sie eingehender und nickte versonnen. Sie zögerte für einen Moment. „Der Weg den die Jäger betreten ist nicht für jeden der Richtige und es gibt kein Zurück. Wenn man erst einmal den ersten Schritt gemacht hat gibt es nur zwei Möglichkeiten dem ganzen zu entkommen, wenn es nicht länger zu ertragen ist. Der Tod oder das Schattenleben als Abtrünniger. Wir müssen töten um jene zu beschützen, die wir geschworen haben zu bewahren. Die Abtrünnigen sind nicht nur eine Gefahr für unser Volk, sondern auch für die anderen Völker.“
    „Ich erinnere mich an dich.“ Dieser Satz überraschte sie völlig, brachte sie aus dem Konzept. Er schmunzelte. „Für eine Jägerin hast du erstaunlich viele Gefühle Tochter von Garda. Esgerd kam zu mir ehe er sich von den anderen fangen ließ. Er bat mich, sein Gedächtnis zu löschen aber die Erinnerungen in einen Kristall aufzubewahren, damit seine Tochter ein Andenken an ihn hätte. Zu dieser Zeit machte er sich schwere Vorwürfe, weil er dich aus seiner Sicht gezwungen hätte, zur Jägerin zu werden.“
    Sanft berührte er ihr Gesicht und sie erkannte sofort die heilende Kraft die allein in dieser Geste steckte. Obwohl er nicht mehr tat, als in seiner Trauer ihr Trost zu spenden nahm er ich gleichzeitig ein wenig von ihrer Erschöpfung, der Hoffnungslosigkeit und den Schatten auf ihrer Seele.
    „Er hat mich nicht dazu gezwungen.“ Verwirrt, das die Worte einfach so hervorsprudelten runzelte sie die Stirn. „Wie kommt es, das du dich an mich erinnerst? Oder hast du mich einfach nur in den Erinnerungen meines Vaters gesehen? Verdammt ich rede Unsinn.“
    Er lachte leise auf und nahm seine Hand weg.
    „Ich erinnere mich an dich, weil ich bei deiner Geburt dabei war. Deine Mutter war eine Schülerin in Ailis und wir kannten uns deshalb sehr gut. Esgerd, Garda und ich waren gut befreundet. Hin und wieder habe ich dich kurz aus der Ferne gesehen, wenn du mit deinem Vater Rehe gejagt hast. Also ja, ich kenne dich. Aber wir sollten von hier verschwinden.“
    Sie nickte grimmig. Ja. Der Schutz des Ringträgers besaß oberste Priorität. Mit dem Wissen, das ein Seelenheiler offensichtlich mit ihren Eltern befreundet gewesen war, würde sie sich später befassen.
    „Wirst du die anderen im Dorf warnen? Könnt ihr irgendwohin fliehen?“
    Seine Augen wurden stahlhart und er nickte düster.
    „Es gibt einen Ort. Sie sind bereits dorthin unterwegs. Mach dir keine Sorgen um uns, wenn diese Seelenräuber dort ankommen werden sie nicht nur ein verlassenes sondern auch ein zerstörtes Dorf vorfinden. Eure Aufgabe als Jäger ist viel schwieriger. Chaths wird alles tun, um euch zu vernichten. Was dich angeht hat er einen ganz anderen Plan. Er will dich zu seiner Gefährtin machen. Dafür geht er über Leichen.“
    „Verstehe.“ Murmelte sie grimmig. „Danke für die Warnung.“
    „Ich wünschte nur die Begegnung hätte zu einer anderen Zeit stattgefunden oder zumindest nicht unter diesen Umständen.“
    Ein kleines Lächeln machte ihre Züge weicher und ihre Augen funkelten leicht. „Das kann ich nur bestätigen. Wollen wir hoffen, das wir einen Weg aus diesem Schlamassel finden. Denn so wie es jetzt aussieht haben wir alle Hände voll zu tun.“ Mit einem Anflug von Galgenhumor meinte sie: „Tja, über mangelnde Unterhaltung können wir uns kaum beklagen. Nur der Inhalt könnte etwas rosiger sein und nicht so düster.“
    „Du handelst doch mit dem Tod, wo ist das Problem?“
    „Dass ich es nicht ausstehen kann zur Gejagten zu werden?“
    „Eine Jägerin mit Humor, es geschehen noch Zeichen und Wunder.“ Formvollendet verneigte er sich leicht vor ihr. „In diesem Sinne: Mögen die Sterne dich leiten und deine Schritte sicher sein.“
    „Mögest du Frieden finden in der Dunkelheit und Trost im silbernen Licht des Mondes.“ Es war seltsam die alte Verabschiedungsformel zu gebrauchen. Aber es hatte auch eine tröstende Wirkung.
    Ein Lächeln, dann löste er sich in Luft auf und Fylla tat das was sie am Besten konnte. Aus dem Schatten über ihre Schutzbefohlenen wachen, die nichts von alledem ahnten, was diese Nacht hier passiert war.
    Eine Brise trug die Asche fort und die Spannung verschwand. Die Tiere kamen aus ihrem Verstecken hervorgekrochen und alles schien wieder normal. Der nächtliche Frieden war in die Wildnis zurückgekehrt und die Wanderer schliefen bis auf einen beruhigt ein. Der Mensch Aragorn starrte in die Nacht und versuchte zu verstehen, was sich verändert hatte. Die Natur hatte ihre Geheimnisse, das wusste er, aber er spürte, das auf einer anderen viel elementaren Ebene sich etwas verändert hatte.
    Irgendein Machtverhältnis, ein Bündnis war in dieser Nacht geschmiedet worden. Wie Recht er hatte würde er vielleicht nie erfahren. Er machte sich Sorgen wie sich diese Entwicklung im Zusammenhang mit Sauron und dem Ring auf das Leben aller auswirken würde.
    Morgen würde er die Hobbits zu mehr Eile antreiben. Sie durften nicht länger an diesem Ort bleiben. Hier waren Dinge im Gange, die er nicht verstand und er spürte eine völlig andere Bedrohung als nur die Nazgul, die sie verfolgten oder die wachsende Gefahr durch den Ring.
    Nachdenklich sah er zu dem Ringträger der sich unruhig herumwälzte. War es der Ring oder die seltsame Stimmung die seinen Schlaf störte? Für ihn stand fest, das er diese Nacht nicht wagen würde zu schlafen.
    Seine Vorsicht war unbegründet. In dieser Nacht würde es keine Überfälle, Tote oder weitere seltsame Enthüllungen geben.
    Für heute hatte das Sterben und Töten ein Ende.
    Doch der Krieg hatte erst begonnen.

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1502385880
Im Visier der Jägerin
Im Visier der Jägerin
Die „Dunklen Unsterblichen“, die „Geißel des Nordens“ oder einfach nur „Barbaren“ – es gab viele Bezeichnung für das dunkle Volk aus dem Norden. In ihrem Blut hatten sich Menschen, Istari, Elben und sogar die Valar vereint, was ihnen erst...
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2017-08-10
402C
Herr der Ringe

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