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Amoniel - Liebe in Mittelerde Teil 1

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7 Kapitel - 42.717 Wörter - Erstellt von: Sarah Loreen - Aktualisiert am: 2017-07-30 - Entwickelt am: - 617 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit - 3 Personen gefällt es

Die 19jährige Loré hätte nie gedacht, das es möglich wäre, in eine andere Welt zu reisen - geschweige den nach Mittelerde. Kaum dort angekommen wird sie zu einer der Gefährten. Sie genießt die Zeit mit ihren neuen Freunden. Aber nicht alles ist so wie es scheint: wie wird sich ihr Herz entscheiden? Ihren alten Freund Tarik oder doch den blonden Elben Legolas? Sie muss erfahren, das ihr gesamtes Leben auf einer Lüge basiert. Die Ereignisse überschlagen sich und Loré (Amoniel) wird klar, dass sie ihr Herz öffnen muss um ihr Glück zu finden. Doch das gestaltet sich schwieriger als gedacht.

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Kapitel 1: Alte Freunde und Neuanfänge

Erleichtert atmete ich tief durch, als die Schule in der Ferne verschwand. Ich bereute es nicht im Geringsten zu wechseln. Meine Klassenkameraden waren nicht gerade nett gewesen und die Situation zuhause war angespannt (freundlich ausgedrückt).
Nach meinem Unfall im letzten Jahr, dem Auslandaufenthalt in Frankreich und einigen Gesprächen mit meinen Geschwistern stand mein Entschluss fest: ich würde nicht länger hierbleiben sondern meinen Abschluss woanders machen. Schweigend sah ich aus dem Busfenster, ignorierte wie immer die Stimmen der anderen Fahrgäste. Frankreich...
Wie gerne wäre ich jetzt dort! Südfrankreich besonders Montpellier hatte mich schon immer fasziniert und in den Bann gezogen. Die Menschen wirkten nicht so gehetzt, verhärmt oder grimmig wie hier. Während der ganzen drei Monate waren mir nur etwa drei Passanten entgegengekommen, die so wirkten, wie ich sie von „zuhause“ kannte.
Obwohl ich in der ersten Woche so unsicher gewesen war – trotz jahrelangem Schulfranzösisch – hatten mich alle wunderbar aufgenommen. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich wirklich heimisch, glücklich und frei. Aber am erstaunlichsten war dass mich die Leute so zu sehen schienen, wie ich wirklich bin. Kein einziges Mal hatte ich auf meine Schutzmechanismen zurückgegriffen oder mein Poker Face aufgesetzt. Ich war einfach ich selbst gewesen und alle schienen mich so zu akzeptieren. Sogar zu mögen. Mit meinen wechselnden Klassen an der Sprachschule hatte ich mich gut verstanden. Diese Beobachtung versetzte mir einen kleinen schmerzhaften Stich. Warum nur? Warum mochten mich die Klassenkameraden und Lehrer in Frankreich, aber an meiner eigenen Schule, die ich seit Jahren besuchte, begegneten mir viele mit falschen Vorurteilen? War ich etwa so ein schlechter Mensch geworden? Oder wollten sie einfach nicht sehen, wer ich wirklich bin, aus Angst, sich Fehler einzugestehen? „Loré! Loré, woran denkst du wieder?“ Ich drehte mich um und erkannte zu meiner großen Freude meine beste Freundin. Wir hatten viel gemeinsam. Leider waren wir auf völlig andere Schulen gegangen. „Was glaubst du denn, Eina?“ Erwiderte ich grinsend. Wir hatten uns damals diese Namen gegeben, weil wir beide fanden, das sie besser zu uns passten – oh und auch, weil wir dieselbe Elfencomic – Serie liebten. „Ich denke daran, wie gut es tut, damit abzuschließen. Auch wenn es mir das Herz bricht, dich und meine Geschwister hier zu lassen.“ Sie lächelte wehmütig umarmte mich aber.
„Jetzt warst du solange weg und wir haben uns so selten gesehen. Du willst wirklich wegziehen?“ Ja sie hatte Recht. Wir hatten uns in den vergangenen zwei Jahren nicht so oft gesehen wie wir es gerne gehabt hätten. Unter anderem deshalb, weil sie arbeitete, ich in die Schule ging und wir beide viel Stress hatten. Dennoch, so wie sie damals ausgezogen war musste auch ich den Schritt tun. Ich hätte zwar nie gedacht, das es mit neunzehn dazu kommen würde aber so war es letzten Endes besser.
„Na komm, so schnell wird’ s noch nicht sein. Die letzten drei Monate hast du ja auch überstanden oder?“ Für mich war sie wie eine weitere kleinere Schwester. Ich liebte sie bedingungslos. Vor Jahren hatte ich geglaubt, Liebe würde bedeuten, dass man für jemanden sterben wollen würde, aber mittlerweile war ich anderer Meinung.
Echte Liebe hieß auch für diese Person zu leben und sie glücklich sehen zu wollen, auch wenn das bedeutete, das man selbst seine eigenen Wünsche verleugnete.
Gerade weil ich so wenige aber gute Freunde hatte, die sich sicher sein konnten, dass ich sie liebte, war mir meine Entscheidung wegzuziehen leicht gefallen. Ich hatte Jahre der Schikane und des Mobbings überstanden. Aber innerlich war ich immer mehr zerbro¬chen und gestorben. Ich will nicht, dass meine Freunde letzten Endes nur noch eine leere Hülle von mir finden. Würde ich hier bleiben wäre es unvermeidlich, dass ich endgültig untergehe. Und das will ich den Meinen nicht antun.
Ein Schatten als Tochter, Schwester oder Freundin zu haben...
„Glaub mir, wenn es nur um mich ginge würde ich bleiben. Aber ich will nicht, das einer von euch irgendwann zu mir kommt, nur um zu erkennen, das ich praktisch nicht mehr existiere. Wir beide haben so hart um uns gekämpft Eina. Wir wissen was es bedeutet, zu verlieren, verraten worden zu sein und das Gefühl zu haben, das niemand unseren Schmerz versteht. Ich kann nichts an meiner Vergangenheit ändern, das will ich auch gar nicht. Wäre ich nicht durch die Hölle gegangen, wären wir beide wahrscheinlich nie Freundinnen geworden. Ich wäre ein anderer Mensch.“
Ihre Augen glitzerten verdächtig. Mir ging es auch nicht anders. Ich würde den einzigen Menschen „verlieren“ der mich ohne Worte verstand. „Hast du eigentlich eine Entscheidung wegen der Jungs bei deiner Arbeit getroffen?“ Sofort begann sie zu schnauben und verdrehte genervt die Augen. Es war ja nicht so, als wären wir beide total hässlich – durchschnittlich hübsch traf’ s schon eher – aber es war immer meine Freundin, hinter den die Jungen offen her waren. Sie hatte so einiges schon hinter sich und nicht alles war gut gelaufen. Die Herren der Schöpfung konnten sehr verletzend mit ihrer Haltung sein. „Ach hör schon auf Loré! Die drei sind unerträglich. Weißt du eigentlich, wie sehr es nervt, wenn der eine dir ständig auf den Hintern oder auf die Brüste starrt?“ Ähm ja. Mir war das bisher zweimal passiert. Beides nicht so erfreulich. „Der Andere versucht ständig mit mir zu flirten - “
„Hey, sollte dich das denn nicht freuen?“ Wenn Blicke töten könnten, wäre ich jetzt so was von tot. „Entschuldige bitte. Was macht er denn sonst?“
„Also schön. Außer flirten versucht er ständig sich mit mir zu verabreden oder wuschelt mir durch die Haare. Als wäre ich ein kleines Kind!“ Oh ja, das nervende Haare wuscheln kannte ich. Damals hatte ich solche Spitznamen wie Kobold, Kleine oder Fee bekommen. Ach das waren noch schöne Zeiten gewesen! Als ich empört erwiderte, ich sei aber kein Kobold nur weil fünf okay zehn Zentimeter größer ist als ich, meinte der Kerl ernsthaft, er sei aber ein Elb. Ein blauhaariger Elb. Die Vorstellung war so lächerlich, dass ich prustend meinte, wohl eher ein Ork. Das hatte dem Jungen nicht so gut gefallen. Ich musste grinsen. Leider hatte ich Tarik lange nicht mehr gesehen.
„Und du sagst ständig nein, was er natürlich ignoriert.“ Riet ich. Sie nickte heftig. „Sagst du es mit einem Grinsen? Weil wenn, könnte es sein, das er dich einfach nicht ernst nimmt. Vielleicht glaubt er ja auch, dass wenn er hartnäckig bleibt, du irgendwann mal Ja sagst. Vielleicht gerade nicht zur Hochzeit aber für ein kleines romantisches Abendessen?“ Eina warf die Hände in die Luft. Sie hatte glatte hellblonde Haare, ein ovales Gesicht, leuchtend blaue Augen, Stupsnase und ein paar Sommersprossen. Kein Zweifel, sie war zwar keine Scarlett O’Hara oder eine Angelina Jolie, aber sie war hübsch genug, das sich Jungs für sie interessierten. Nun ja, und ich? Ich hielt eigentlich nicht viel von Jungs, denn die meisten die ich kannten, hatten einfach nur Blödsinn im Kopf.
Wenn irgendjemand aus meiner Klasse oder den unteren in mich verliebt war, hatte ich zumindest keine Ahnung davon. Es war letzten Endes auch unwichtig.
„Ich dachte, du hättest keinen Sinn mehr für Romantik. Hast du mir nicht erst neulich gesagt, die Jungs können sich zum Teufel scheren?“ Ich kicherte. Natürlich war ich im Herzen eine Romantikerin – nur bei anderen und nicht bei mir selbst. Wie sonst hätte ich vier Jahre lang in meinen besten Freund verliebt sein können? Der übrigens seit sechs Jahren vom Erdboden verschwunden war...
„Nun ja, bei mir gibt’s nichts zu holen. Außerdem, warum sollte sich irgendjemand in mich verlieben? Ich bin neunzehn, Eina, die meisten Mädchen in unserem Alter haben längst schon einen Freund gehabt. Bevor du jetzt mit Felix ankommst: den Kerl hat mir damals Sandra ausgespannt. Wir waren zusammen, wenn man das denn so nennen kann, und sie hat ihn sich geschnappt. Mal ganz davon abgesehen, das alles was wir als Paar unternommen haben immer von mir ausging.“
Schockiert sah sie mich an. „Auch die Kinobesuche? Die Ausflüge?“
„Ja, er hat mich nie wirklich gefragt. Was auch der Grund war, warum ich am Ende ganz froh bin dass Sandra ihn sich gekrallt hat. Fürs Erste habe ich von Romantik, Liebe und Jungs die Nase voll.“ Unglücklich verliebt zu sein, war nicht gerade angenehm.
„Hey, Loré hast du Lust, am Wochenende Herr der Ringe Teil 3 zu sehen? Meine Eltern sind nicht zuhause und das letzte Mal konnten wir den Film nicht zu Ende angucken.“ Ich liebe Herr der Ringe! Elbisch kann ich zwar immer noch nicht - mein Vater hatte mir ein Wörterbuch für Elbisch besorgt – aber dennoch liebte ich diesen epischen Stoff. Meine Lieblingsfigur war übrigens nicht Legolas, obwohl ich ihn in der Verfilmung richtig süß fand, sondern Aragorn. Das Einzige was mich störte war Arwen. Aus meiner Sicht passten die beiden einfach nicht zusammen. Eifersüchtig? Nein...
„Gerne! Was ist mit deinen Brüdern und deiner Schwester?“ Sie hatte mehr Geschwister als ich. Zwei Brüder (einer war anstrengend genug) und eine Schwester (süß aber manchmal sehr zickig). Im Gegensatz zu mir war sie nicht die Älteste der Rasselbande sondern die Dritte in der Reihenfolge. Ihr zweiter Bruder war im meinen Alter und eine derartige Nervensäge so dass ich oft Lust hatte ihm einfach mal eine Ohrfeige zu verpassen. Eina winkte ab. „Meine Schwester ist bei ihrem Freund und meine Brüder unterwegs. Sturmfreie Bude! Na wie klingt das?“ Himmlisch! „Sehr gut. Ich habe mir in Frankreich den zweiten Teil von Der Hobbit auf Französisch gekauft.“ Sie wirkte entsetzt. Naja kann ich auch verstehen. In der Schule hatte sie zwar Französisch, aber sie hatte sich nie wirklich für diese Sprache begeistern lassen. „Keine Sorge, wir müssen ihn nicht sehen. Ich glaube mein Bruder hat ihn auch auf Deutsch.“
Sie knuffte mich in die Seite. „Das war nicht witzig Loré!“
„Doch du Mimose. Französisch ist die schönste Sprache der Welt.“
„Pah! Deutsch ist schöner und verständlicher.“
„Hast du schon mal einen Südfranzosen das Wort Risikobereitschaft sagen hören?“ Ich musste lachen bei der Erinnerung. Er hatte sich ja wirklich bemüht, aber der Klang war so komisch gewesen, das alle in der Sprachklasse hatten lachen müssen. „Es klang so lustig, dass er von den anderen immer wieder aufgefordert wurde, es zu sagen. Und danach musste ich ihnen das Wort erklären.“ Was sich als sehr schwierig erwies denn ichkonnte nicht aufhören zu lachen. „Deutsch ist zwar klar, knapp und halbwegs verständlich, aber die Sprachmelodie ist einfach nicht so schön. Manchmal klingt sie in meinen Ohren sogar richtig hart, kehlig und unverständlich. Nichts von Leichtigkeit, Lebensfreude und Lachen.“ Sie schüttelte den Kopf.
„Du bist echt schräg Loré. Okay, wir sind beide ein bisschen verrückt.“
„Ein bisschen sehr! Erinnerst du dich noch an diese eine Doku, wo einer der Forscher aussah wie ein Elb? Mich hat sein Aussehen so gewundert, das ich das Fenster geöffnet habe um zu sehen, ob neuerdings ganz Mittelerde hier unterwegs ist.“
Wie erwartet brach sie in Gelächter aus. Es war auch eine wirklich lustige Situation gewesen. „Oder noch besser, dieser komische Film, wo die armen Herr der Ringe – Charaktere so sehr ins Lächerliche gezogen wurden, dass es nicht einmal mehr witzig war.“ Ich meine Hallo? Der Eine Ring aus Käse? Und dann wird der mit einem Ehering verwechselt? Die Elben als drogensüchtiges Völkchen dargestellt, ein transsexueller Gandalf und ein Aragorn, der mit einem schwulen Drachen verlobt ist? Wie schlecht ist das denn bitte? Also wenn ich die Wahl hätte, würde ich die andere Version dem vorziehen. „Weißt du noch, wie diese auf zwei Beinen herumlaufenden Kühe dieses kleine Tor bewacht haben? Diese pseudo Elbe, die in Wahrheit genauso hässlich aussah wie Gollum und die Vorstellung, das die Welt in Käse getaucht wird, wenn der Eine Ring in Saurons Finger gerät?“ Mittlerweile ernten wir überraschte Blicke von den anderen Fahrgästen. Mir ist es egal. Naja, Humor ist Geschmackssache.
„Der Film war so grauenvoll, das du zwischen durch einfach gegangen bist.“
Ein leises Räuspern und wir sehen in das hübsche Gesicht eines ungefähr fünfzehnjährigen Jungen. Er wird rot als ich ihn ansehe und lächelt verlegen. „Entschuldigung, wo¬rüber lacht ihr denn so?“ Ich schmunzele und bemerke, wie der arme Kerl vor Verlegen¬heit fast im Boden versinkt. Was genau läuft hier bitte?
„Nichts Wichtiges.“ Kommt mir Eina zuvor. „Loré ist nur wieder einmal sehr verrückt.“ „Achte besser gar nicht auf sie, das tue ich auch nicht!“ Für diese freche Bemerkung kassiere ich einen Stoß in die Rippen. „Autsch! Eina! Bring mich doch gleich um. Warum bist du nur immer so unhöflich? Er hat doch nur eine Frage gestellt.“
Drohende Blicke aus blauen Augen. Ernsthaft, jetzt? Eifersuchtsanfälle? Oder was ist hier los. Ich schüttele den Kopf. Mädchen! „Es tut mir Leid, aber Eina und ich kennen uns sehr gut, wir sind manchmal wie Schwestern. Und unhöflich, weil nie jemand genau weiß, warum oder worüber wir lachen. Wir haben nur über einen Film gelacht.“
„Ich habe auch zwei Schwestern, sie streiten sich dauernd.“
„Sind sie nah beieinander vom Alter her?“ Als er nickt grinse ich. „Tja, weißt, du, so ist es mit Schwestern. Entweder verstehen sie sich gut, wenn sie fast gleich alt sind, oder sie kratzen sich bei jeder Gelegenheit fast die Augen aus. Noch schlimmer wird’s dann allerdings, wenn ein Junge ins Spiel kommt den beide toll finden. Dann gibt es richtigen Krieg.“ Beeindruckt sieht mich der Kleine an. Ja ich nenne ihn Kleiner weil a) ich älter bin und b) er wirklich kleiner ist als ich. „Hast du denn Schwestern?“
„Streng genommen eine, aber die ist knappe sieben Jahre jünger als ich.“
Neugierde vertreibt seine Verlegenheit. Seine nächste Frage kann ich mir schon fast denken. „Und nicht streng genommen hast du mehr?“
„Naja, es gibt zwei gute Freundinnen, die für mich wie Schwestern sind. Eine davon sitzt gerade neben mir und versucht mich mit Blicken zu erdolchen. Lass das Eina, du machst ihm noch Angst.“ Sie schnaubt und rückt ein wenig ab. Was für ein Problem hat sie nur? „Ich wollte eigentlich dir Angst einjagen Loré.“
„Das ist sinnlos und das weißt du auch. Solange nicht eine diese riesigen Spinnen auftauchen oder ein Ork aufkreuzt hast du keine Chance zu gewinnen.“ Habe ich eine Spinnenphobie? Nein, eigentlich nicht. Aber ab einer gewissen Größe bekam ich Herzrasen. Was exakt der Grund war, warum ich bei den Stellen, wo die Spinnen in Filmen auftauchten, mir etwas zu trinken und zu essen holte. Tja und was die Orks angeht, ich finde sie einfach nur grotesk. Gut die ursprüngliche Geschichte wie aus Elben Orks wurden mag ja ganz schön tragisch und dramatisch sein, aber das ändert nichts an meiner Meinung.
„Wie heißt du?“ Fragte ich nun den Jungen. Immerhin kannte er unsere Namen. Er wirkte so ... fasziniert. Ein anderes Wort fällt mir nicht ein. Oje, ob das gut geht? Das letzte Mal, als mich jemand so angesehen hat, war ich vierzehn und der Betreffende elf. Diese Altersunterschiede machten mich immer noch wahnsinnig. Warum nur mussten alle männlichen Gleichaltrigen Idioten sein?
„Ä- ähm ich heiße Fabio.“ Ich sah über ihn hinweg und direkt in ein Paar interessierte eisblaue Augen. Der junge Mann lehnte lässig am Ticketautomaten (im Bus hat es manchmal welche) und musterte mich eingehend. Langsam zog ich eine Augenbraue hoch, was er mit einem Grinsen quittierte. Wie von selbst hoben sich meine Mundwinkel. Seine Augen leuchteten und fesselten mich praktisch. Ver- warte mal, fing ich jetzt ernsthaft an zu flirten? Ich konzentrierte mich wieder auf Fabio, kam aber nicht dazu etwas zu sagen, weil Eina mich (wieder einmal) in die Rippen stieß.
„Autsch! Was soll das?“ Sie deutete auf die Anzeigetafel. „Wenn du heute noch in die Bücherei willst, solltest du dich langsam fertig machen zum Aussteigen. Ruf mich an, wegen des Wochenendes.“ Ach ja, stimmt, das Buch für meine Schwester. Lächelnd verabschiedete ich mich von ihr und Fabio. Ich musste ein wenig drängeln um zu der Tür zu kommen. Die Tür ging auf und ich strebte durch die Strassen zu meiner Lieblingsbuchhandlung. Dabei warf ich ab und zu einen Blick in die Schaufenster und erkannte, dass der Mann von eben mir folge. Hm, einer von der hartnäckigen Sorte, oder wollte er zufällig in dieselbe Richtung wie ich? Eindeutig hatte ich zu viele Romane gelesen. Mit einem Lächeln betrat ich den kleinen Laden. „Ella! Wie schön dich hier zu treffen. Wie geht’s dir?“ Mein Lächeln gefror. Die Stimme gehörte der Person aus meinen schlimmsten Albträumen. Langsam drehte ich den Kopf zur Seite. Da stand er, als würde ihn kein Wässerchen trüben können. In Begleitung von drei vollbusigen Blondinchen. War ja wieder typisch. Felix. Den letzten Menschen auf diesem Planeten den ich begegnen wollte. Er löste sich aus den Klauen der Mädchen und kam auf mich zu. Als er mich umarmen wollte, wich ich zurück, ganz und gar nicht begeistert ihn wiederzusehen. „Seit wann interessiert sich der faulste Schüler aller Zeiten für Bücher!“ Fauchte ich erbost. „Lass mich einfach in Ruhe!“ Mein Tag hatte so schön angefangen und jetzt drohte dieser Kerl alles zu ruinieren! Beinahe schon erschrocken sah er mich an. „Das bist doch nicht du! Du würdest mich nie so anschreien und fauchen. Was ist los mit dir? Bist du krank?“
Männer! Er war so ein Idiot! Am liebsten würde ich ihn ohrfeigen aber ich hatte mich unter Kontrolle. Diese Genugtuung würde ich ihm nicht verschaffen. Niemand außer meinen Freundinnen und meinen Geschwistern hatten mich je weinen gesehen. Ein bisschen Stolz muss sein. Kalt musterte ich ihn. Er war ein Mistkerl, war es immer gewesen. Und das, was ich gleich sagen würde, hätte den gleichen Effekt wie eine Ohrfeige. „Ich habe genau drei Worte für dich Felix: Fahr zur Hölle!“
Damit rauschte ich an ihm vorbei und ging in die Abteilung für nun ja, Schundromane. Meine kleine Schwester liebte diese Dinger. Ab und zu las ich zwar auch so was, aber eigentlich bevorzugte ich andere Lektüre. Nicht nur Herr der Ringe, Die Chroniken von Narnia oder Harry Potter. Auch wenn das definitiv meine Top 3 waren.
Der Graf von Monte Christo, Die Schatzinsel oder Frankenstein (die Originalversion von Mary Shelley) waren ebenfalls nicht zu verachten. Nur leider hatte ich meiner Schwester etwas anderes versprochen. Seufzend musterte ich die Einbände. Auf vielen postierten blonde Frauen mit vielen Kurven, meist kurzen Kleidern und immer in einer Position, die in gewisser Weise Unterwerfung signalisierte. Argh! Gab es hier nichts Vernünftiges? Ich stöberte herum, las mir die Inhaltsangaben an. Alles war so vorhersehbar. Nichts was den Intellekt herausfordert, keine Spannung. Warum jemand freiwillig so etwas schrieb, ich weiß nicht. Der Chefarzt bekommt die Krankenschwester, der Adlige heiratet gegen den Willen seiner Familie das Mädchen von nebenan, die Rothaarige ist eine eifersüchtige Intrigantin... Warum nur schrieb jemand freiwillig solch einen Schwachsinn? Ich strich mir eine vorwitzige Strähne aus dem Gesicht und fuhr mit den Fingern über die Bücherrücken. Ja, streng gesehen bin ich eine notorische Leseratte. Aber selbst ich habe Gren¬zen was das Niveau meiner Lektüre angeht. Meine Familie würde niemals Playboy – Exemplare oder die Bravo bei mir finden. Schlicht und ergreifend deshalb, weil sie mich langweilten. Und eine gelangweilte Loré bedeutete nichts als Ärger.
„Wenn Sie wollen, verpasse ich dem Jungen eine Abreibung.“
Ich hielt überrascht inne. Diese Stimme ging mir direkt unter die Haut. So etwas hatte ich noch nie erlebt. „Danke für das Angebot, aber nein. Es ist schmerzhafter für ihn, wenn er nicht beachtet wird oder eine Abfuhr von einem Mädchen bekommt.“
Er lachte leise. „Er hat Sie mit einem anderen Namen angesprochen als Ihre Freundin.“ Warte mal – er hatte unsere Unterhaltung belauscht? Aber wie war das möglich. Immer¬hin war der Bus voll und von Stimmen erfüllt gewesen. Wie konnte er uns dann genügend hören um zu verstehen, was wir sagten? Okay, eindeutig, meine Fantasie spielt mir Streiche. Entweder das oder ich gehe (freiwillig) in die nächste Anstalt.
„Sehr scharf beobachtet. Aber warum interessiert es Sie, wie ich heiße?“
„Vielleicht, weil ich Sie näher kennen lernen möchte? Nein, im Ernst, Sie erinnern mich an ein Mädchen, mit dem ich früher befreundet war.“ Ich grinste und schnappte mir ein Buch. Meine Schwester wird es lieben, da bin ich mir sicher. Im Bus hat er mit mir geflirtet. Vielleicht ist er wirklich neugierig wer ich bin? Aber sein Pech ist, das ihm die Zeit und meine Pläne für den Abend einen Strich durch die Rechnung machen. „Sehr höflich eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten. Aber leider habe ich dafür keine Zeit.“ Von wegen leider – gottseidank! Dieser Mann sollte mit einem Warnschild herumlaufen. Seine Augen waren faszinierend, seine Stimme beinahe hypnotisch schön und er strahlte etwas aus, das mich unruhig machte - im positiven Sinne. Praktischerweise fängt mein Handy an zu klingeln. „Hey Sis, wo bleibst du denn? Deine heiße Schokolade sieht mich gerade ganz traurig an.“ Begrüßte mich Melanie (meine kleine Schwester) wie immer fröhlich. „Ein Buch zu kaufen sollte doch eigentlich nicht so schwer sein. Oder hast du dich wieder in die Fan-tasy – Abteilung verirrt?“ Schön wäre’ s. Grinsend gehe ich an meinen Traummann mit einem letzten Zwinkern vorbei. Hoppla, habe ich ihn gerade wirklich als meinen Traum¬mann bezeichnet? Und warum nur habe ich ihn zu gezwinkert? Irgendetwas war heute definitiv in meinem Essen. Immerhin hatte ich Abstinenz in Bezug auf Jungen / Männer und Beziehungen gelobt. „Mellie, Finger weg von meiner Schokolade, ganz egal wie lecker sie aussieht. Wenn ich in die Fantasy – Abteilung gegangen wäre, würde ich jetzt nicht mehr in der Lage sein mit dir zu telefonieren. Also was hast du kleine Hexe heute Abend vor, das du mich jetzt anrufst? Bitte kein Blind Date mehr. Das Letzte war scheußlich.“ Ein Kichern auf der anderen Seite. Melanie ist eine hoffnungslose Romantikerin und Optimistin. Sie glaubt auch an die Dinge wie Seelenverwandtschaft und das es für jeden von uns den Richtigen da draußen gibt. Was natürlich totaler Schwachsinn ist, aber hey, die Kleine ist erst zwölf. Und ein Mädchen (ja ich auch, aber ich bin älter und hoffentlich vernünftiger!). Seitdem sie zwölf ist versucht das süße Schwesterchen mich schon zu verkuppeln. Warum auch immer. Das letzte Mal hatte sie mir gesagt, eine alte Freundin hätte angerufen um sich mit mir in einem Café zu treffen. Stattdessen war es ein Typ, der die ganze Zeit versucht hatte mich an zu flirten (auf plumpe Art und Weise) und mich am Ende sogar küssen wollte. Ekelig! Das Schlimmste aber war, das Melanie das Ganze genoß. So wie jetzt. „Ach komm schon, er war ganz nett, gib’ s zu!“ Definiere >nett<. Er war sicher nett für eine andere gewesen, aber ich hatte momentan anderes im Kopf als Liebe. Zum Beispiel meinen Abschluss. Da blieb einfach keine Zeit für Männer oder Jungs. Nur wollte da niemand außer Eina einsehen. Melanie brauchte unbedingt ein neues anderes Hobby. Wenn sie so weitermachte, würde ich wahnsinnig werden. „Nicht mal unter Androhung von Folter.“ Gebe ich ruhig zurück. „Du solltest es besser wissen als Amor für deine große Schwester zu spielen Mel. Wer passt jetzt eigentlich auf dich auf? Doch nicht etwa Simon und seine Lene? Haben sie dich wieder stundenlang fernsehen lassen, nur damit sie traute Zweisamkeit genießen können?“
„Du bist gemein Loré.“ Meine Familie nannte mich nun schon seit einiger Zeit Loré. Was mir nur Recht war. Denn mit Ella verband ich immer noch die schmerzhafte Episode mit Felix. „Die beiden sind wenigstens romantisch im Gegensatz zu dir.“
„Ich bin nicht romantisch? Nur weil ich finde, das meine kleine Schwester mich nicht verkuppeln soll? Ich bin romantisch, Mellie, aber ich bin auch realistisch. Es gibt nicht den Richtigen für mich und wenn, dann ist er entweder verheiratet, schwul oder zu alt. Also hör auf mit diesem Unsinn. Und noch einmal: Finger weg von meiner Schokolade!“
Kopfschüttelnd ging ich zur Kasse und beendete das Gespräch.
Schwestern! Einfach unverbesserlich! „Du liest doch sonst nicht solche Bücher Loré?“ Grinsend sah ich den Sohn des Besitzers an. Er war vier Jahre älter als ich und auf dieselbe Schule gegangen. „Das hier ist auch nicht für mich sondern für Mellie. Die Kleine liebt diesen Schund und hat mich angebettelt, ein Buch für sie zu besorgen.“
„Mellie ist doch erst zwölf. Seit wann interessiert sie sich für so was?“
„Hach, machst du dir Sorgen mein Freund? Um das Mädchen, das viel zu romantisch veranlagt ist? Das schon mehrmals versucht hat uns zu verkuppeln?“
„Naja, eigentlich hat sie Recht.“ Er zuckte mit den Schultern. Verwirrt musterte ich ihn. „Wir würden gut zusammen passen und ich durfte mir von diversen Leuten anhören, dass wir ein schönes Paar abgegeben würden.“ Nicht er auch noch! Irgendetwas stimmte hier definitiv nicht. Liebe, so ein Quatsch. Dieses Wort mit meinem Namen kombiniert sollte nicht in einem Atemzug und schon gar nicht in einem Satz genannt werden. Es passte einfach nicht zusammen. Ich seufzte und zog die Augenbrauen leicht hoch. „Sorry, aber ich werde bald umziehen und da kommt die Liebe ein wenig ungelegen. Abgesehen davon werde ich mich nicht nach den Meinungen anderer richten wenn es darum geht. Würde ich es tun, wäre mein Herz bestimmt tausendmal gebrochen worden.“ Warum wurde ich das Gefühl nicht los, das ihn meine Antwort enttäuschte? Hatte er sich etwa Hoffnungen gemacht? Autsch. Das wäre nicht so gut. Ich mochte ihn und verletzen wollte ich ihn ganz bestimmt nicht.
„Hast du etwa Angst davor enttäuscht zu werden?“ Nein, das war meine kleinste Sorge, wenn es sie überhaupt gab. Ich schüttelte den Kopf. „Das nicht gerade. Aber ich bin vorsichtiger geworden was Liebe und Jungs angeht. Nicht dass ich dir etwas unterstellen würde Julian, aber ich bin nun einmal nicht für Beziehungen gemacht. Außer zu der mit meinen Büchern.“ Und die waren pflegeleicht, stellten keine Forderungen und hatten nichts dagegen, für ein paar Monate rumzustehen. Julian seufzte und gab mir das Wechselgeld zurück. „Das ist Jammerschade, Loré. Du bist ein sehr hübsches und vor allem kluges Mädchen. Wir sind seit Jahren befreundet. Also haben wir auch eine Beziehung – selbst wenn sie nur freundschaftlich ist.“ Haarspalterei. Ich verdrehte die Augen. „Jetzt mal im Ernst: was spricht denn dagegen? Außer den Gründen die du genannt hast?“
„Du würdest es nicht einmal zwei Wochen mit mir aushalten.“
Er kniff die Augen zusammen. „Felix scheint dir wirklich wehgetan zu haben wenn du das glaubst. Vergiss nicht, ich kenne dich schon lange und fast ebenso lang sind wir befreundet. Denk darüber nach.“ Hmpf. Warum musste er nur den einen Namen nennen, der mich noch immer zur Weißglut trieb? Leise grummelnd warf ich meine Haare über die Schulter und zwinkerte meinem Freund zu. „Mal sehen. Grüß deine Familie von mir.“
„Mal sehen heißt bei dir in der Regel nichts anderes als ich verdränge es.“
„Du kennst mich wirklich zu gut Julian.“ Grinsend steckte ich das Buch in die Tasche und wandte mich ab. „Pass auf dich auf und mach keine Dummheiten, wenn ich dich nicht retten kann.“ Er musste lachen und winkte mir nach. Lachend verließ ich die Buchhandlung. Jetzt hatte ich alles was ich brauchte und konnte nachhause fahren. Sonst machte die kleine Schwester ihre Drohung noch wahr. Aber irgendwie hatte ich keine Lust nachhause zurückzukehren. Weshalb ich zum nahgelegenen Park lief und mich dort an einem Baum anlehnte. Die Sonne schien mir warm aufs Gesicht. „Und so sieht man sich wieder kleiner Kobold.“ Kleiner Kobold – so hatte mich nur eine Person genannt. Aber der war seit vielen Jahren weg. Wahrscheinlich nur Wunschdenken. „Nur weil ich klein bin heißt das nicht das – Tarik! “ Ich wirbelte herum. Ungläubig starrte ich meinen alten Freund an. Er war der junge Mann im Bus gewesen der mir sogar in die Buchhandlung gefolgt war. Den ich so rüde abgekanzelt hatte. Den ich als meinen Traumprinzen bezeichnet hatte. Er grinste mich verschmitzt an. „Hallo Loré. Lange nicht mehr gesehen.“ Ich ging auf ihn zu und boxte ihn leicht. „Warum hast du mir nicht gesagt dass du es bist? Wo, verdammt noch mal, warst du die letzten sechs Jahre? Wieso hast du dich nie gemeldet?“ Lachend umarmte er mich und ich seufzte zufrieden. Sein Aussehen mochte sich drastisch verändert haben aber sein Geruch war immer noch der Gleiche. Mhm, Wald und Zimt. „Du bist unmöglich Tarik. Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.“
„Es tut mir Leid Loré. Ich hätte dir geschrieben, wenn das gegangen wäre aber die Umstände waren kompliziert.“ So ein Quatsch! Das war mit Abstand die lahmste Ausrede die ich jemals von ihm gehört hatte. „Zu beschäftigt um sich hinzusetzen und zu schreiben?“ Spöttisch zog ich eine Augenbraue hoch. „Das glaube ich kaum. Was verschweigst du mir?“ Er schüttelte schmunzelnd den Kopf und zerzauste meine Haare. Hey! Ich schlug seine Hand weg. Anscheinend hatte er immer noch einen Narren an meinen Haaren gefressen. So wie früher. „Du bist erwachsen geworden Lori. Ein richtig süßes Mädchen mit einer unverschämten Klappe und viel zu großer Aufmerksamkeit.“
So leicht kam er mir nicht davon! Als ich ihn in die Seite knuffte kicherte er nur.
Argh! Tarik war schon damals unmöglich gewesen aber jetzt würde er unerträglich sein wenn er mich aufzog. „Lenk nicht vom Thema ab Tarik Delany. Ich kenne dich sehr gut. Bei mir funktionieren deine Ablenkungen nicht.“
Er schmollte und bedachte mich mit einem seiner schönsten Hundeblicke.
Als ich genervt die Augen verdrehte grinste er zufrieden.
„Schade.“ Seine Augen funkelten amüsiert. „Ich habe dich vermisst Loré. Dich und deine störrische Art.“ Ich und störrisch? Niemals. Willensstark, hartnäckig, eigensinnig – das traf auf mich zu. Aber störrisch? Ähm, nein.
„Störrisch? Nur weil ich weiß was ich will?“ Ungläubig musterte ich ihn. Sein Dauergrinsen ging mir langsam auf die Nerven. Schon früher hatte er mich innerhalb kürzester Zeit zur Weißglut getrieben konnte mich aber in anderen Situationen als Einziger beruhigen oder trösten. Es hatte mich damals sehr verletzt, dass er ohne ein Wort des Abschieds gegangen war. Von seinen Nachbarn hatte ich erfahren müssen, dass sein Vater und seine Stiefmutter ihn auf ein teures Internat schickten weil sie keine Lust mehr hatten, sich um ihn zu kümmern. Seine Eltern waren egoistische ich-bezogene Menschen, die sich sowieso kaum um ihr einziges Kind gekümmert hatten.
Tarik war praktisch mit mir bei meinen Eltern aufgewachsen. Während er bei allen anderen oft eher verschlossen, abweisend und kühl reagierte, tobte er mit mir fröhlich und unbeschwert durch den Wald. Wir hatten zusammen Kampfunterricht genommen, spielten jede freie Minute miteinander und waren sehr wild.
Mit ihm an der Seite hatte ich mich stets so frei gefühlt. Bei ihm konnte ich einfach ich selbst sein und auch er zeigte mir stets sein wahres Ich. Zusammen in der Schule waren wir die Aufwiegler gewesen aber auch der Schrecken der Zicken und der Jungs, die andere gerne einschüchterten. Wehmütig lächelte ich.
Ach ja, das waren Zeiten gewesen, die ich immer vermissen würde.
„Nein, weil du dich nicht wie so viele andere ablenken lässt.“ Tariks Stimme reißt mich aus meinen Erinnerungen in die Gegenwart zurück. Ich löse mich von ihm und grinse selbstzufrieden. „Schön dass du das einsiehst. Also? Was versuchst du krampfhaft vor mir geheim zu halten?“ Auffordernd sah ich ihn an. „Was war so wichtig, das du nicht einmal deiner besten Freundin erzählen konntest dass du überhaupt noch lebst. Ich werde dich nicht in Ruhe lassen, bis du mir alles erzählt hast.“
„Neugierig, hm?“ Sehr. Aber das würde ich jetzt nicht laut kommentieren. Er schien kurz zu überlegen. „Ich glaube du verstehst das Ganze besser wenn ich es dir zeige.“
Ich kniff die Augen zusammen. War das jetzt ein fauler Trick damit ich Ruhe gab? Doch er schüttelte den Kopf. „Nein, keine geheimen Falltüren, Stricke oder Tricks. Du musst es sehen. Ganz besonders wenn man deine Vorliebe für das eigentlich Unmögliche bedenkt.“ Sechs Jahre und noch immer konnte er in mir lesen wie in einem offenen Buch! „Jetzt?“ Er muss lachen. Okay, irgendetwas schien er getrunken oder genommen zu haben. Warum sonst hat er diese Lachflashs oder dieses nervige Dauergrinsen? Was verdammt noch mal ist so lustig! Verschmitzt mustert er mein Gesicht.
Genervt verschränke ich die Arme vor der Brust. „Was denn?“
„Du hast dich nicht verändert. Das war meine größte Angst. Dass die Schule für dich zur Hölle werden würde, sobald ich weg war und das du all das verlierst, was dich ausmacht.“ Sein Lachen verschwand. Ernst blickt er mich an. „Nachdem ich weg war, was ist dann geschehen? Haben die Jungs dich in Ruhe gelassen?“
Oh nein. Darüber würde ich nicht mit ihm reden. Das kam gar nicht infrage. „Sagen wir es so: sie waren nicht mein größtes Problem. Das warst nämlich du! Warum bist du ohne ein Wort des Abschieds gegangen?“ Leider kann ich nicht verhindern, dass meine Stimme bebt und ich Tränen in den Augen habe. Verdammt! Ärgerlich funkele ich ihn an. Sechs Jahre Funkstille. „Ich musste von euren Nachbarn erfahren, dass du ins Internat gesteckt worden bist. Sie haben sich sehr gewundert, dass ich es nicht wusste. Sie schienen zu denken, das du mir sicher davon erzählt hättest, immerhin waren wir bis zu deinem dramatischen Abgang unzertrennlich.“ Meine Worte klingen wie der verzweifelte Aufschrei eines Kindes. Argh! Warum nur kann ich nicht kühl sein? Warum muss ich ihm alle meine Verletzungen auf dem Silbertablett präsentieren? Nicht das er mich absichtlich verletzen würde. Und dennoch... Noch immer tat es weh mich daran zu erinnern. Warum nur hatte er nichts gesagt? Er senkt betreten den Blick zum Boden. Um uns herum eilen die Passanten durch die Stadt. Aber mir geht es nur um Einen. Tarik.
„Du musst mich ja hassen.“ Sagt er leise. „Dafür das ich gegangen bin und dir nicht einmal geschrieben habe.“ Darum macht er sich Sorgen? Selbst wenn ich wollte könnte ich ihn nie hassen. Dafür bedeutet er mir zu viel. Aber ja, verletzt bin ich.
„Ich hasse dich nicht Tarik.“ Ungläubig sieht er mich an. „Aber ich bin enttäuscht. Offenbar habe ich dir nicht genug bedeutet das du mir wenigstens sagst was los ist oder mir nachher schreibst. Aber was soll’ s.“ Obwohl ich ein Kloß im Hals habe und mich wie gerädert fühle zucke ich leicht die Schultern. „Das Leben spielt selten richtig fair. Und dir ist es anscheinend gut ergangen, wo auch immer du warst.“
„Du bist nicht sauer? Du hasst mich nicht?“
„Hassen? Nein. Sauer sein? Ebenfalls nein. Aber wütend, enttäuscht und verletzt? Auf jeden Fall. Aber ich werde dir nicht die Augen auskratzen oder den Kopf dafür abreißen. Du warst mein bester Freund. Wer weiß, vielleicht bist du es heute immer noch.“
Warte, sind das Tränen in seinen Augen? Tatsächlich. „Wenn du das denn willst.“ Selbstvorwürfe, Zweifel, Unsicherheit, Angst – all das entdecke ich in seiner Miene. Dummkopf. Als würde ich ausgerechnet ihn aus meinem Leben verbannen. Er war schon immer einen der Wenigen die mich auch ohne Worte verstanden. Wir haben so viel zusammen erlebt. Sein wortloses Verschwinden hatte ein tiefes Loch in mein Herz gerissen. Normalerweise würde ich niemanden so viel Macht über mein Herz geben, aber Tarik war schon immer etwas Besonderes. Ohne ihn habe ich mich nie vollständig gefühlt. Warum also sollte ich ihn jetzt aus meinem Leben verbannen oder gar hassen?
„Ja du Idiot! Und jetzt komm mit, meine Schwester wartet schon ungeduldig.“ Gemeinsam laufen wir zu mir nachhause. Tarik war wieder da. Und dieses Mal würde ich ihn so schnell nicht aus meinem Leben lassen!

Kommentare (3)

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Elenath ( von: Elenath)
vor 16 Tagen
Das ist alles so toll geschrieben, man kann sich alles bildlich vorstellen und das liebe ich an deinen Geschichten! ;)
Bitte schreib weiter !!
L.G. Elenath
Sarah Laureen ( von: Sarah Lauree)
vor 22 Tagen
Ich bin mir selbst noch nicht ganz sicher, wohin die Reise geht. Klar ist einfach, das die beiden Dickköpfe endlich klar miteinander reden müssen. Du hast die halbtot gelacht? Geht es dir noch gut? Spaß beiseite, es freut mich das der zweite Teil dir gefällt. Mal sehen was als Nächstes passiert.
Sternenschreiber (80875)
vor 22 Tagen
Der nächsten Teil ist echt super! Besonders die Ausrede sie in denn Düsterwald zu schicken. Ich hab mich halb Tod gelacht als sie das versucht haben! Einfach zu gut. Bitte schreib bald weiter! Ich galt es nicht mehr aus ich will das Ende wissen!*mit Welpenaugen schauen*

Lg. Stern