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Music is magic - das Mädchen mit der magischen Stimme Teil 3

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41 Kapitel - 112.168 Wörter - Erstellt von: Ms. Mystery - Aktualisiert am: 2017-07-18 - Entwickelt am: - 1.389 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Olivias drittes Jahr auf Hogwarts beginnt, doch eine schreckliche Nachricht erschüttert die gesamte Zaubererwelt: Sirius Black ist aus Askaban geflohen. Dann ist da auch noch der neue Lehrer, Remus Lupin, der ihr seltsam bekannt vorkommt und die verwirrenden Träume, die sie sich nicht erklären kann...ganz abgesehen von ihren Gefühlen für Harry, die sich immer mehr verändern...

    1
    1. Kapitel

    Langsam öffnete ich die Augen und blinzelte. Ich gähnte und stand auf. Streckend und reckend ging ich hinüber zum Fenster und sah hinaus. Ich sah die warmen Sonnenstrahlen, die durch das Blätterdach des Parks drangen. Die Vögel sangen in den Bäumen und eine Brise rauschte durch die meterhohen Blätter. Was hätte ich dafür gegeben, nach draußen gehen zu können. Doch der Weg war mir durch ein Gitter versperrt worden. Ich seufzte, drehte mich um und sah in den Spiegel. Mir blickte ein blasses Mädchen mit lockigen dunkelbraunen Haaren, strahlend grünen Augen und schneeweißer Haut entgegen. Meine blasse Haut hatte ich dem dunklen Haus zu verdanken und den stets zugezogenen Vorhängen. Ich war diesen Sommer über noch nicht einmal draußen gewesen und man sah es mir deutlich an. Ich seufzte. Das war nunmal ich. Olivia. Olivia Rosier.

    Plötzlich hörte ich, wie die Tür aufging. Meine Mutter kam herein, mit einem großen Tablett in der Hand. Darauf war eine porzellane Teekanne, zwei Toasts mit Marmelade und eine Teetasse. „Guten Morgen, mein Schatz.“, sagte sie. Ich nickte und sah, wie sie das Tablett auf meinem Bett abstellte. Ich ging hinüber und setzte mich neben sie. Langsam aß ich die Toasts und trank eine Tasse Tee. Mein Vater hatte veranlaßt, dass ich jeden Morgen in meinem Zimmer frühstücken sollte. Für mich war das jedoch nicht schlimm. In seiner Gegenwart fühlte ich mich stets unwohl und so musste ich wenigstens nicht den Morgen mit ihm verbringen. Meine Mutter zückte unterdessen ihren Zauberstab und ordnete damit meine Haare. Mein Vater wollte, dass ich mich, als die Erbin eines riesigen Vermögens, auch angemessen verhielt. Dazu zählten die sogenannten „Benimmregeln“, die ich natürlich alle beherrschen musste. Ich vermutete, dass diese Regeln mindestens hundert Jahre alt waren. Eine lautete zum Beispiel: „Rede nur, wenn jemand dir eine Frage stellt.“ Eine andere war: „Benimm dich zurückhaltend.“ Und noch eine andere. „Sieze Vater und Mutter.“ Bei meinem Vater wendete ich diese Regeln auch an, doch es kam mir einfach nur komisch vor, meine Mutter zu siezen. „Ich werde versuchen, dich hier herauszuholen.“, flüsterte meine Mutter und ich fragte sie: „Wie willst du das anstellen?“ „Ich finde einen Weg.“, meinte sie und lächelte gequält. Ich wünschte mir seit dem Anfang der Sommerferien, hier herauszukommen. Bei meinen Freunden zu sein; Harry Potter, Ron Weasley und Hermine Granger. Bald würde mein drittes Schuljahr in Hogwarts beginnen, doch noch war ich hier gefangen. Hatte ich schon erwähnt, dass es auch strenge Kleiderregeln gab? Meine Mutter beherzigte diese. Sie trug stets ein Korsett und ein weit auseinanderlaufendes Kleid. Die Kleider waren hübsch, doch nicht ganz mein Stil.

    Nach dem raschen Fühstück half mir meine Mutter in das heutige Kleid. Es war dunkelrot und fiel bis zum Boden. Mit einem Wink ihres Zauberstabs schnürte sie das Korsett zusammen und ich keuchte entsetzt auf. „Es ist zu eng! Ich kriege keine Luft mehr!“ „Tut mir leid, aber so eng muss das Korsett mindestens sein. Ansonsten könnten wir es gleich weglassen. Aber es gehört zum Protokoll, also...“ Ich seufzte. Ich konnte ja eh nichts ändern. Sie half mir in das Kleid und die hohen Schuhe. Die Schuhe hatten einen zwölf-Zentimeter-Absatz und Mutter würde mir heute zeigen, wie man in diesen unmöglichen Dingern ging.

    Wir übten im Salon. Mein Vater war wie üblich nicht zu Hause. Er war im Zaubereiministerium, weshalb auch immer. Seit geschlagenen zwei Stunden übte ich schon, in diesen verdammten Schuhen zu gehen, doch immer wieder knickte ich ein. „Wieso stellst du dich nur so an?“, fragte meine Mutter. Sie kam auf mich zu und sah mich mit einer hochgezogenen Augenbraue an. „Es ist schwer“, murmelte ich. Sie seufzte. „Ich mache es dir noch einmal vor...“, meinte sie und stellte sich vor mich hin. Auch sie trug hohe Schuhe. Sie hob ihren Rock ein wenig hoch, sodass ich ihre Schuhe sehen konnte. Elegant bewegte sie sich nach vorne und drehte sich einige Male um ihre eigene Achse. „Du musst in diesen Schuhen auch tanzen können!“, meinte sie und sah mich direkt an. „Immerhin ist in einer Woche dein-...“ „Mein Geburtstag, ich weiß! Und Vater hat wieder mal eine Tanzveranstaltung daraus gemacht...“ „Einen Ball!“, korrigierte sie. „Und du wirst in solchen Schuhen tanzen müssen!“ Ich seufzte. „Und wann fragt mich mal jemand, was ich machen will?“

    Abends saßen wir zu dritt in unserem Esszimmer. Mein Vater, meine Mutter und ich. Schweigend aßen wir, bis Vater schließlich das Schweigen brach. „Morgen Abend kommen Gäste, Elizabeth.“ Ohne einen Ton von uns zu geben, sahen meine Mutter und ich auf. „Ich erwarte, dass ihr euch benehmt, wie es sich gehört.“ Damit sah er speziell mich an. „Hast du mich verstanden?“, fragte er mit einem drohenden Unterton in der Stimme. „Ja, Vater. Selbstverständlich habe ich Euch verstanden.“, sagte ich und blickte nach unten. Wer die Gäste wohl waren? Wahrscheinlich waren es Reinblüter, wie Vater und Mutter auch. Und ich...da ich adoptiert war, hatte ich keine Ahnung, welchen Blutsstatus ich hatte. Nicht, dass es mir wichtig wäre, aber manchmal wünschte ich mir doch, zu wissen, wer meine Eltern waren.

    Am nächsten Abend half Mutter mir, mich zurecht zu machen. Wie üblich trug ich das Korsett und darüber ein Kleid aus dunkelblauem Samt. Meine Schultern waren nicht bedeckt, aber der Rest meiner Arme waren von dem schweren Stoff bekleidet. An den Füßen trug ich hohe, ebenfalls dunkelblaue Sandaletten, die mit kleinen Perlen besetzt waren. Meine Haare hatte Mutter zu einer Hochsteckfrisur gezaubert. Schwer atmend sah ich in den Spiegel. Meine Augen spiegelten exakt meine Stimmung wieder. Sie blitzten aufgeregt, aber wirkten auch müde und ausgelaugt. Meine Mutter trat neben mich. „Du bist wunderhübsch“, flüsterte sie und legte mir ihre Hand auf die Schulter. Meine Kette mit dem Silbermond hing mir noch um den Hals. Langsam gingen Mutter und ich schweigend die Treppe hinunter. Unten erwarte uns mein Vater und musterte uns von oben bis unten. Dann sah er mich an und sagte: „Da ist etwas, das überflüssig ist.“ Er trat auf mich zu und riss mir mit einem Ruck die Kette vom Hals. Entsetzt starrte ich ihn an. Er erwiderte meinen Blick gehässig und sagte genüsslich: „Du bekommst sie zurück, wenn du dich den Regeln gemäß benimmst.“ Er wandte sich um und ging hinaus. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich zitterte. „Komm“, sagte Mutter sanft und wir folgten meinem Vater in den Garten. Es war das erste Mal, dass ich in diesem Sommer den Garten betrat. Wir gingen über die sorgfältig geharkten Wege hinüber zu unserem Pavillon. Darin stand bereits ein großer Tisch aus Marmor mit sechs Stühlen darum herum. Ich betrat gerade die Stufen zum Pavillon, als ich ein lautes Ploppen hörte. Hastig drehte ich mich um und erkannte entsetzt die Gäste, die mein Vater angekündigt hatte. Es waren die Malfoys.

    Ich erkannte Lucius Malfoy, der gerade meinem Vater die Hand schüttelte. Neben ihm stand eine zierliche Dame, die wohl seine Frau war. Und hinter den beiden erkannte ich Draco. Er war ein Slytherin und der Erzfeind von Harry. Was sollte ich nur tun? Doch ich hatte keine Zeit zu überlegen, was ich nun zu tun hatte, denn Mrs. Malfoy kam auf mich zu. „Du bist wohl Evans Tochter, Olivia, richtig?“, fragte sie freundlich und reichte mir die Hand. „Richtig, Mrs. Malfoy.“ „Ich nehme an, du kennst meinen Sohn Draco?“ Sie zeigte zu ihm hinüber. „Ja. Er ist im gleichen Jahrgang wie ich.“ Ihr Mann trat neben sie. „Eine Gryffindor?“ Ich nickte schluckend. Er sah mich kurz berechnend an und wandte sich dann von mir an. Draco sah zu mir hinüber. Er hatte sich über die Ferien hinweg ziemlich verändert. Er war größer geworden und hatte sein hämisches Lächeln aufgesetzt. Und in diesem Moment sahen wir uns direkt in die Augen. Grün auf grau. Ich hatte Angst, ich würde in diesen Augen versinken. Doch im nächsten Moment war diese magische Verbindung schon wieder verschwunden. Kopfschüttelnd riss ich mich von Dracos Gesicht los. Wir folgten unseren Eltern in den Pavillon und setzten uns auf die letzten beiden Stühle, die nebeneinander standen. Unsere Väter führten gerade eine erregte Diskussion, doch ich hörte nicht zu. Ich musste noch an diesen kurzen Augenblick zwischen Draco und mir denken. Es war, als wäre zwischen uns eine magische Verbindung gewesen, die durch unseren Blick gehalten wurde. Mit einem Ploppen erschien das Abendessen vor uns. Während Dracos Mutter und meine Mutter schweigend aßen, diskutierten Mr. Malfoy und Vater während des ganzen Essens über die „unreine“ Zauberergesellschaft. Ich war die ganze Zeit über nervös, da Draco neben mir saß, der auch schweigend aß. Ich wusste nicht, ob ich mir das einbildete, aber es kam mir so vor, als ob Draco mir ständig Blicke zuwerfen würde.

    Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus. Leise wandte ich mich an Vater. „Vater, wenn Ihr erlaubt, würde ich mich gern rasch ein wenig frisch machen.“ Er sah kurz zu mir hinüber und nickte dann. Langsam stand ich auf und verließ den Pavillon. Ich benutzte die Wege, die zurück zum Haus führten, bis die Anwesenden mich nicht mehr sehen konnten und ging weiter in den Garten hinein.

    Dracos Sicht:
    Was das voher nur gewesen? Ihre Augen hatten mich in den Bann gezogen und während dem ganzen Essen hatte ich sie angesehen. Olivia hatte sich verändert. Ihre Haut war blasser als sonst, sie war geschminkt, doch ihre Augen funkelten geheimnisvoll. Sie sah heute sehr hübsch aus, auch, wenn sie eigentlich immer wunderschön war. Und aus einem mir nicht definierbaren Grund wollte ich ihr folgen, als sie den Pavillon verließ. „Mr. Rosier, würden Sie es erlauben, dass ich mir Ihren wundervollen Garten ansehe?“, fragte ich. Er sah mich an. „Gefällt er dir?“ Ich nickte. „Immer gerne.“ Ich lächelte und verließ hastig den Pavillon. Wo war sie hingegangen?

    Olivias Sicht:
    Ich stand vor einer kleinen weiß gestrichen Brücke, die über einen Seerosenteich führte. Ich seufzte. Jetzt konnte ich loslassen. Endlich wieder einmal die sein, die ich wirklich war... Ich begann mit einer leisen Stimme zu singen.

    I’m caught up in your expectations
    You try to make me live your dream
    But I’m causing you so much frustration
    And you only want the best for me

    Ich starrte auf die Wasseroberfläche; ich sah mich selbst, wie in einem Spiegel, aber ich konnte mich trotzdem nicht wiedererkennen. Dieses Mädchen, dass mir da entgegenstarrte, mit den großen, furchtvoll geweiteten Augen, diesem geschminkten Gesicht, das wie eine Maske wirkte, dem perfekt sitzendem Haar; all das war nicht mehr ich. Dieses Mädchen war eine Person, die ich nicht kannte.

    You’re wanting me to show more interest
    To always keep a big bright smile
    Be that pinky little perfect princess
    But I’m not that type of child.

    Ich ging langsam über die Brücke und folgte einem perfekt geharkten Weg, der zu dem mir bekannten kleinen Teich führte, um den eine Gruppe von Bäumen stand, die mich verdeckten, falls jemand kommen würde.

    And the storm is rising inside of me
    Don’t you feel that our worlds collide?
    It’s getting harder to breathe
    It hurts deep inside.

    Ich setzte mich mit meinem teuren Kleid auf einen großen Stein, der am Ufer lag, doch es war mir egal, wenn das Kleid dreckig werden würde.

    Just let me be
    Who I am
    It’s what you really need to understand
    And I hope so hard for the pain to go away
    And it’s torturing me
    But I can’t break free
    So I cry and cry but just won’t get it out
    The silent scream.

    Ein kleiner Vogel, eine Nachtigall, kam aus dem Gewirr von Bäumen geflogen und setzte sich auf meinen Finger. Die Nachtigall sah mich kurz an, dann begann sie, die Melodie mitzuzwitschern.

    Tell me why you’re putting preasure on me
    And every day you cause me harm
    That’s the reason why I feel so lonely
    Even though you hold me in your arms.

    Ich nahm den Vogel in beide Hände und warf ihn in die Luft; die Nachtigall flatterte einige Male mit den Flügeln, dann war sie zwischen den Bäumen verschwunden. Dieser Vogel war das komplette Gegenteil zu mir; er war frei, während ich hier eingesperrt saß.

    Wanna put me in a box of glitter
    But I’m just tryfing to get right out
    And now you’re feeling so so bitter
    Because I’ve let you down

    And the storm is rising inside of me
    Don’t you feel that our worlds collide?
    It’s getting harder to breathe
    It hurts deep inside

    Just let me be
    Who I am
    It’s what you really need to understand
    And I hope so hard for the pain to go away
    And it’s torturing me
    But I can’t break free
    So I cry and cry but just won’t get it out
    The silent scream.

    Can’t you see how I cry for help
    Cause you should love me
    Just for being myself
    I’ll drown in an ocean
    Of pain and emotion
    If you don’t save me right away!

    Just let me be
    Who I am
    It’s waht you really need to understand
    And I hope so hard for the pain to go away
    And it’s tortuing me
    But I can’t break free
    So I cry and cry but just won’t get it out
    The silent scream
    My silent scream.

    (Silent Scream, Anna Blue)

    Dracos Sicht:
    Ihre Stimme war das Schönste, was ich jemals gehört hatte. Ein Vogel war auf ihrer Hand gesessen und hatte die Melodie mitgezwitschert. Sie saß auf einem Stein am Ufer des kleinen Teichs. Ich stand hinter einem Baum und hoffte, dass sie mich nicht bemerkt hatte. Ich lugte wieder hinter dem Baum hervor. Sie hatte ihren Kopf in den Händen vergraben und ich war mir nicht sicher, ob sie weinte. Das Lied, das sie gesungen hatte, hatte mich berührt. Tief in meinem Inneren wusste ich, dass sie genauso in ihrer Rolle gefangen war, wie ich es war.

    Olivias Sicht:
    Ich hatte mein Gesicht in den Händen vergraben und schluchzte trocken. Plötzlich hörte ich Schritte und schreckte hoch. Es war Draco, der langsam auf mich zukam. Seinen Gesichtsausdruck konnte ich nicht einordnen. „Draco?“, fragte ich leise. Er setzte sich neben mich. Er sah mich verwirrt an. „Wieso nennst du mich Draco?“, fragte er. „Wie sollte ich dich sonst nennen?“ „Malfoy“, sagte er knapp. „Du bist nicht Malfoy, du bist Draco. Ich glaube nicht, dass diese Seite, die du in Hogwarts zeigst, wirklich das ist, was du dein wahres Selbst nennst. Für mich bist du Draco, nicht Malfoy.“ Er sah auf und blickte mich an. „Wenn du mich Draco nennst, bist du für mich Olivia.“ Ich lächelte. „Olivia, dieses Lied war so...wunderschön.“ Ich seufzte. „Es zeigt nur, was ich fühle.“ Ich stand auf. „Es ist, als wäre ich in dieser Welt gefangen. Ich wäre gerne so frei wie ein Vogel...“ „Es ist seltsam“, sagte Draco. „Ich wusste nicht, dass wir uns so ähnlich sind. Ich meine... Du bist eine Gryffindor...“ Ich drehte mich um. „Und du bist ein Slytherin. Ein Wunder, dass wir friedlich miteinander reden.“ Ich grinste und auch Draco lächelte. „Ich dachte immer, wir wären so unterschiedlich... Deine besten Freunde sind Potter, Weasley und Granger. Du bist so mutig, freundlich klug...“ Ich lief rot an. „Ich weiß von dir nur, dass du in Hogwarts so arrogant, niederträchtig und gehässig bist, dass ich nicht glaube, dass das dein wirkliches Selbst ist.“, sagte ich. Er lächelte. Doch dann blickte er mich verwirrt an. „Wieso trägst du deine Kette nicht?“ „Woher weißt du von meiner Kette?“, fragte ich neugierig. „Mir ist aufgefallen, dass du sie jeden Tag trägst.“ Ich lächelte. Ich erklärte ihm die Sache mit meiner Adoption und er versuchte offensichtlich, mich zu verstehen. „Mein Vater hat mir die Kette weggenommen. Ich kriege sie erst wieder, wenn ich mich den Regeln nach benehme.“ Ich sah in seinem Gesicht, dass er wusste, was ich meinte. „Sind wir... Sind wir jetzt soetwas wie... Freunde?“. fragte ich zögernd. „Ich... ich glaube schon.“, murmelte Draco und lächelte verunsichert. Auch ich schenkte ihm ein sanftes Lächeln.

    Wir machten uns auf dem Weg zurück zum Pavillon. Wir gingen nebeneinander her. Schließlich sagte ich: „Ich glaube, mein Vater wird deine Eltern zu meinem Geburtstag einladen. Er richtet schon wieder einen Ball aus.“ Ich verdrehte die Augen. Draco grinste. „Kannst du tanzen?“, fragte er. „Natürlich“, meinte ich. „Ich frage Vater, ob ich mitkommen kann“, sagte er und lächelte.

    Zusammen betraten wir den Pavillon. Mein Vater sah mich fragend an. „Ich habe Draco unseren Garten gezeigt. Ich hoffe, das ist in Eurem Sinne, Vater.“, sagte ich und lächelte. Draco schob meinen Stuhl zurück, damit ich mich setzten konnte. Leise bedankte ich mich, während er sich neben mich setzte. Unter dem Tisch berührten sich unsere Hände. Unsicher sah ich ihn an. Er lächelte leicht und ich erwiderte es.

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    2. Kapitel

    Ich hatte meinem Geburtstag entgegengefiebert, seit dem Tag, an dem ich Draco „richtig“ kennengelernt hatte. Der Ball würde in unserem Ballsaal stattfinden und wenn ich ehrlich sein sollte, freute ich mich sogar ein wenig darauf. An diesem Abend half mir meine Mutter wie üblich mit meinem Aussehen. Sie schnürte das Korsett eng zusammen und half mir damit, das schwere Kleid anzusehen. Es war schneeweiß mit einem weit auslaufenden Rock. Es war aus Seide und Brockat. Ich trug ebenfalls schneeweiße Handschuhe und meine Kette. Meine Haare waren zum Teil zu einem Dutt hochgesteckt, zum anderen Teil flossen sie in sanften Wellen über meine Schultern. Ich drehte mich um und sah in den Spiegel. „Wow“, flüsterte ich und sah mein Spiegelbild an. Meine grünen Augen blitzten. Ich trug heute wieder hohe Schuhe, allerdings hatte ich viel geübt und nun konnte ich darin auch tanzen. Ich atmete einmal tief durch. Dann machte ich mich auf den Weg zum Ballsaal, der im hinteren Teil des riesigen Hauses lag. Vorsichtig öffnete ich die Tür einen Spalt. Vor der Treppe, die ich hinunterschreiten musste, standen um die fünfzig bis hundert Leute. Ich würde mit meinem Vater den allerersten Walzer tanzen müssen. Dies war Tradition. Ich hörte, wie die Geigen zu spielen anfingen. Mein Zeichen. Und nun öffnete ich die Tür und trat hinaus.

    Dracos Sicht:
    Sie trat aus den Schatten und ich hielt den Atem an. Olivia war wunderschön. Sie trug ein schneeweißes bodenlanges Kleid, das an ihren Hüften auseinander floss. Langsam schritt sie die Treppe herunter. Unten wartete ihr Vater auf sie. Er nahm sie an der Hand und führte sie in die Mitte des Raumes. Er hielt ihr die Hand hin und Olivia griff nach ihr. Die Musik begann zu spielen und sofort begannen Vater und Tochter zu tanzen. Olivias Kleid flog umher und ich war beeindruckt. Sie war eine wunderbare Tänzerin.

    Olivias Sicht:
    Mein Vater drehte mich herum, immer perfekt im Takt. Das Lied war in etwas drei Minuten lang. Nachdem die Musik kurz verstummt war, sah ich jemanden auf mich zukommen. Es war Lucius Malfoy. „Würden Sie mir diesen Tanz gewähren, Olivia?“, fragte er und zeigte auf die Tanzfläche. Ich lächelte matt und sagte: „Immer gerne, Mr. Malfoy.“ Wie vorher mein Vater, führte auch Mr. Malfoy mich in die Mitte und tanzte mit mir. Auch andere Tanzpaare kamen nun auf die Tanzfläche, sodass der Fokus nicht mehr auf mir lag. Innerlich atmete ich auf. Mr. Malfoy war ein guter Tänzer, das musste ich zugeben. Er führte ausgezeichnet, doch trotzdem war ich froh, als das Stück zu Ende war. Rasch verschwand ich von der Tanzfläche.

    Ich ging in eine Ecke und sah den Tanzenden zu, als ich plötzlich eine Stimme hörte. „Du bist heute wunderhübsch...wie immer, aber heute noch besser.“ Ich sah hinüber. Es war Draco. Er trug einen schwarzen Festumhang und lächelte mich an. „Danke, Draco“, sagte ich und ich war mir sicher, dass ich gerade rot wurde. Er deutete eine kleine Verbeugung an und fragte: „Darf ich um diesen Tanz bitten, Ms. Rosier?“ Ich lächelte und erwiderte: „Sehr gerne, Mr. Malfoy.“ Er führte mich in die Mitte der Tanzfläche, wobei ich bemerkte, dass uns unsere Eltern zusahen. Draco machte eine Verneigung und reichte mir seine linke Hand. Ich machte mit Herzrasen einen Knicks vor Draco und ergriff seine linke mit meiner rechten Hand. Meine rechte Hand lag auf meinem Kleid während Draco seine linke Hand um meine Hüfte legte. Meine linke und seine rechte Hand hielten einander. Einen Moment sahen wir uns in die Augen und ich wünschte, dieser Moment würde ewig andauern. Die Musik begann zu spielen und Draco führte mich. Er war ein guter Tänzer und kurz darauf, während wir tanzten, flüsterte er: „Du tanzt wunderbar...“ Ich lächelte. „Unsere Eltern sehen uns zu.“ „Vergessen wir sie einfach“, meinte er und ich nickte. Ich bemerkte, wie die Musik höher spielte. Draco sah mich kurz an, dann wurde er schneller und hob mich schließlich in eine kurze Hebefigur. Ich hörte, wie die Menge raunte, doch es war mir egal. Ich sah nur auf Draco, denn so fühlte ich mich sicher.

    Als das Lied erstarb und ein neues zu spielen begann, flüsterte ich ihm zu: „Komm mal mit!“ Ich nahm ihn bei der Hand und führte ihn durch eines der riesigen Glastüren des Festsaals nach draußen auf eine Terasse. Es war schon dunkel, die Sterne glitzerten am Himmel und der Mond schien auf uns herunter. „Das wollte ich dir unbedingt zeigen“, meinte ich leise und sah ihn an. Am Rande der Terasse wuchsen Lilien und Rosen. Eine leichte Brise wehte durch die Luft und verwirbelte mein Haar. Draco kam zu mir herüber und sah mich an. „Es ist wunderschön.“ Er bückte sich und pflückte eine Lilie. „Diese Blume erinnert mich an dich. Sieh dich an, du bist heute so schön wie diese Lilie.“ Er steckte mir die Lilie ins Haar. „Eine Blume für eine Blume.“ Ich lächelte. „Ich wusste nicht, dass du ein Romantiker bist, Draco.“ Auch er grinste. „Das liegt vermutlich an dir.“ Ich schüttelte nur lächelnd den Kopf. „Du kannst anders sein, Draco, ich wusste es.“ Er ging an mir vorbei und auf die Glastür zu. „Schenkst du mir den nächsten Tanz, Via?“, fragte er. „Via?“, murmelte ich. „Olivia ist mir zu lang. Außerdem nennen deine Freunde dich Liv, aber Via gefällt mir besser.“ Ich lächelte. „Via gefällt mir.“

    Zusammen gingen wir wieder in den Saal. „Übrigens, Alles Gute zum Geburtstag!“, meinte er. „Danke“, sagte ich leise. Wir tanzten mehrere Tänze durch, bis mir meine Füße wehtaten. Draco sah mich an. „Wollen wir nach draußen gehen?“ Ich nickte erfreut. Zusammen betraten wir wenige Minuten später den sommerlichen Garten. Grillen zirpten, als wir über die geharkten Wege gingen. „Ich will dir den Teich zeigen, wenn es dunkel ist.“, meinte ich, griff nach seiner Hand und zog ihn mit.

    Dracos Sicht:
    Dieses Mädchen war einfach unglaublich! Sie griff nach meiner Hand und zog mich mit sich. Wieso hatte ich nicht früher gemerkt, dass sie mir in so vielen Dingen ähnlich war? Wir hatten beide eine Mutter, die sich mehr um uns kümmerte, als unser Vater. Mir war das Verhältnis zwischen Via und Mrs. Rosier nicht entgangen. Außerdem sehnte sie sich danach, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und sich nicht an die Regeln halten zu müssen. Vias grüne Augen blitzten und ich drohte, schon wieder in ihren Augen zu versinken. Zwischen einigen kleineren Büschen, erkannte ich einen kleineren Pavillon, der längst nicht so groß wie der war, in dem wir vor einer Woche gewesen waren. Er war direkt an dem großen Teich. Langsam betraten wir den Pavillon. Hier war es ruhig. Via ging hinüber zum Geländer und beugte sich hinüber. Im Mondlicht sah ich, dass sie traurig war, als sie sich wieder zu mir umdrehte. „In Hogwarts wird alles anders sein, nicht?“ „Was meinst du?“, fragte ich verwirrt. „Nun ja, du wirst in der Schule ganz anders sein. Dort sind wir „Feinde“. „Ich weiß“, seufzte ich. „Es gab noch nie einen Slytherin und eine Gryffindor, die befreundet waren.“ Sie grinste. „Dann ist das jetzt unser Geheimnis.“ Ich grinste ebenfalls.

    Olivias Sicht:
    Auch Draco lächelte. Diese grauen Augen fesselten mich. Wieso war mir vorher nicht aufgefallen, dass er diese wundervollen Augen hatte? Ich wusste, wir beiden hatten etwas, dass uns verband. Es war unsere Lebensgrundlage. Beide mit reichen Eltern, mit einem - nun ja - eigensinnigem Vater. Draco sah auf seine Uhr. „Wir sollten zurückgehen.“, sagte er. Ich nickte und gähnte. Dies war ein wunderschöner Abend gewesen.

    3
    3. Kapitel

    Am nächsten Morgen erwachte ich schon früh. Die Erinnerung an den vergangenen Abend kam mir wie ein wunderschöner Traum vor. Es dauerte einige Minuten, bis ich vollkommen wach war. Ich hörte, wie die Tür aufging und meine Mutter hereinkam. „Guten Morgen, Olivia“, sagte sie leise und stellte das Tablett mit dem Frühstück auf meinem Bett ab. Langsam setzte ich mich auf. „Guten Morgen“, meinte ich schläfrig. „Und, wie war es gestern Abend für dich? Ich habe dich mit Narzissas Sohn tanzen sehen.“ „Draco?“, fragte ich und sie nickte. „Du lächelst sogar, wenn du seinen Namen sagst!“, sagte sie und lächelte. „Du glaubst doch nicht, dass zwischen ihm und mir... Nein, da ist nichts!“, meinte ich widerstrebend. „Außerdem, ich bin doch erst dreizehn! Für die „große Liebe“ interessiere ich mich noch nicht.“ „Wenn du meinst...“, sagte meine Mutter. „Dabei fällt mir ein, du hast dein Geschenk noch nicht bekommen...“ Sie zog etwas aus ihrer Tasche. Es sah aus wie eine riesige Schale aus kaltem, grauen Stein. Aus der Mitte stieg ein wenig Dampf auf. „Was ist das?“, fragte ich neugierig. „Das ist ein Denkarium. Darin kannst du dir Erinnerungen ansehen.“ Ich betrachtete dieses Denkarium genauer. Eine gewisse Ahnung sagte mir, dass ein Denkarium nicht gerade billig war. „Danke“, sagte ich leise, als ich plötzlich etwas an dem Arm meiner Mutter erkannte. Es war eine große Wunde, aus der ständig Blut floss. Mutter versuchte, sie zu verstecken, doch ich sah es trotzdem. „Wer war das?“, fragte ich entsetzt. „Olivia, ich.... Ich sollte dich mit soetwas nicht belasten.“ „Mutter, du blutest!“ Ich nahm ihren Arm und begann, eine Melodie zu summen. Goldene Strahlen traten aus meinen Händen heraus und die Wunde begann, sich zu schließen. „Danke“, sagte sie. „Mutter, wer war es?“, sagte ich nachdrücklich. Plötzlich sah ich sie entsetzt an. Ich wusste, wer ihr das angetan hatte, doch ich wollte es aus ihrem Mund hören. „Es war dein... dein Vater.“, sagte sie leise.

    Das reichte mir. Ich spürte, wie etwas gegen meinen Körper drückte und in mir hochstieg, bis ich es herauslassen musste. Ich wusste nicht, was in mich gefahren war, doch ich verspürte in diesem Moment eine solche Wut auf meinen Vater, dass es mich richtig überrannte. Ich sprang auf und rannte, so wie ich war, in meinem Nachthemd, die Treppen zur Eingangshalle hinunter. Und da sah ich ihn. Er stand in der Mitte des Raumes und wirkte nicht im Mindesten schuldig. „Du!“, zischte ich und stapfte lautstark die Treppe hinunter. Er sah kaum auf. „Was fällt dir ein, meine Mutter zu quälen! Was bist du nur für ein Tyrann!“, rief ich rasend vor Wut. Sein Blick verhärtete sich augenblicklich. „Wie hast du mich genannt?“, fragte er drohend und richtete seinen Zauberstab auf mich. „Ich habe gesagt, du bist ein Tyrann!“, zischte ich, nicht im Mindesten beeindruckt. „Crucio!“, rief er und ein grüner Zauber flog auf mich zu. Doch ich reagierte sofort. Ich sang einen hohen Ton und aus meinen Händen kam ein Schutzschild, das den Zauber aufhielt. Ich lächelte hämisch und drehte mich um. „Das wirst du noch bereuen!“, rief mein Vater mir hinterher, als ich die Treppe hinaufstieg. Ich drehte mich noch einmal zu ihm um und rief hämisch grinsend: „Garantiert nicht!“ Im nächsten Moment war ich aus seinem Blickfeld verschwunden.

    Doch er hatte Recht. Ich würde es bereuen, doch dies sollte erst am Abend geschehen. Schweigend saßen wir am Esstisch. Meine Mutter saß in sich zusammengekauert am Tisch (soweit das mit dem steifen Korsett möglich war). Ich saß jedoch kerzengerade und ertrug Vaters eisiges Schweigen ohne mit der Wimper zu zucken. Schließlich räusperte er sich und sah mich direkt an. „Wir haben noch etwas zu klären, Olivia!“ „Haben wir das?“, fragte ich und zog eine Augenbraue hoch. „Oh ja, das haben wir!“, sagte er und stand auf. Ich stand ebenfalls auf und höhnte: „Mit welchem Zauberspruch willst du mich denn belegen? Versuch’s nur, es wird nicht funktionieren!“ Er sah mich kalt an und sagte: „In diesem Punkt hast du Recht, dich selbst kann ich nicht verletzen, aber jemand anderen schon...“ Er grinste hämisch und zeigte auf meine Mutter. „Elizabeth, steh auf!“ Meine Mutter stand auf und sah ihn fragend an. „Sieh genau hin, Olivia. Das sollte dir eine Lektion sein.“ Er richtete seinen Zauberstab blitzschnell auf meine Mutter und rief: „Crucio!“ Ich hatte mich den ganzen Tag über gefragt, was dieser Zauberspruch bewirkte. Nun sah ich es. Kaum, dass der Zauber meine Mutter getroffen hatte, begann sie schrecklich zu schreien. Sie musste unglaubliche Schmerzen erleiden! Meine Mutter wand sich entsetzt auf dem Boden, da sie sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Sie ließ lautes Schluchzen und Weinen erklingen, das sich mit Schreien vermischte. Entsetzt sah ich meinen Vater an. „HÖR AUF!“, kreischte ich unter Tränen. „BITTE! BITTE! ICH TUE ALLES, NUR LASS SIE IN FRIEDEN!“, schluchzte ich. „Nein!“, hörte ich meine Mutter brüllen. Doch mein Vater lächelte und hob den Zauber auf. „Das wollte ich hören!“, sagte er und zeigte ein gefährliches Lächeln.

    Er packte meine Hand und drückte sie fest zusammen. „Du wirst dieses Haus nicht mehr verlassen!“, zischte er. „Du bleibst in deinem Zimmer. Wenn nicht, wird deine Mutter für dich bezahlen!“ Er hatte mein Kinn nach oben gedrückt, sodass ich ihn ansehen musste. „Hast du mich verstanden?“, zischte er erbost. Ich nickte. Das schien ihm zu reichen, denn er ließ mich fallen und verließ den Raum.

    Und ich hielt mich daran. Ich verließ mein Zimmer nicht und verhielt mich still. Das Wetter draußen passte nicht zu meiner Laune. Die hellen Sonneenstrahlen fielen durch die Glasfenster und tauchten meinen Raum in warmes Licht. Meine Tür war nicht einmal abgeschlossen, doch ich wagte nicht, den Raum zu verlassen. Ich wollte nicht wissen, was er meiner Mutter sonst angetan hätte. Stattdessen saß ich vor dem Denkarium und sah mir meine Erinnerungen von Hogwarts, meinen Freunden und meiner Vergangenheit. Ich saß zusammengekauert in einer Ecke meines Zimmers und ließ einen silbernen Gedächtnisfaden in das Denkarium fallen. Es stieg Dampf auf und ich beugte mich über die flache Schale, bis ich mit der Nasenspitze die Flüssigkeit berührte. Sofort war mir, als würde ich in das Denkarium gesogen werden. Ein dunkler Raum baute sich vor mir auf und ich erkannte mein Zimmer wieder. Eine jüngere Liv saß vor dem Kamin, in dem ein Feuer prasselte. Mein jüngeres Ich war in etwas fünf Jahre alt. Sie saß auf einem Schemel und dahinter saß Mutter in einem roten Sessel und bürstete ihr das Haar. Ich hörte, wie die junge Liv leise fragte: „Mum, wieso darf ich nicht nach draußen?“ Mutter seufzte und nahm aus einer Blumenvase, die auf einem kleinen Beistelltisch stand, eine Rose, die noch nicht ganz aufgeblüht war, heraus. Sie hielt die Rose der jungen Liv hin und sagte: „Du bist wie diese Blume, mein Schatz. Wenn man sie wachsen und gedeihen lässt, kann sie in voller Blüte erstrahlen.“ Mutter zog ihren Zauberstab und deutete auf die Rose. Sie begann, zu erblühen und sich gen Himmel zu recken. Mein jüngeres Ich machte große Augen. Mutter sah sie an. „Aber... Wenn man sie der Gefahr aussetzt, geht sie ein und stirbt.“ Ein weiterer Wink mit ihrem Zauberstab und die Rose zerfiel zu Staub. Die junge Liv zuckte erschrocken zusammen. Dann veränderte sich das Bild.

    Das Nächste, was ich sah, war unser Park. Eine achtjährige Liv rannte durch das perfekt gemähte Gras und ließ sich dann fallen. Ich setzte mich neben sie und versuchte, sie zu berühren, auch wenn ich wusste, dass sie mich weder sehen noch hören konnte. Dies war nur eine meiner Erinnerungen, doch seltsamerweise erinnerte ich mich noch genau an diesen Moment. Die junge Liv pflückte eine Blume aus dem Gras und hielt sie in ihrer Hand. Sie lächelte. Ein zauberhaftes Lächeln. Ich wusste, was passieren würde. Mein jüngeres Selbst summte eine leise Melodie. Die Vögel verstummte schlagartig und lauschten ihrem leisen Gesang. Die junge Liv hielt die Blume in ihrer Hand, die sofort zu blühen begann. Ein Vogel kam auf sie zugeflattert und setzte sich auf ihren Finger. Er trällerte ihre Melodie mit. Ich seufzte. Wie unbekümmert die junge Liv wirkte. Sie hatte noch keine Sorgen, musste sich nicht mit ihrem schrecklichen Vater herumschlagen. Ich rückte näher an sie heran und umarmte sie und auch wenn ich wusste, dass mein jüngeres Ich diese Umarmung nicht spüren konnte, aber mich beruhigte es ungemein. Das Bild änderte sich erneut.

    Es war erneut eine Erinnerung des Parks. Ich sah mich, dieses Mal als Sechsjährige. Die sechsjährige Liv und meine Mutter rannten durch den Park. Ich sah meine Kette mit dem Mondanhänger, die um ihren Hals hüpfte. Sie lachte und rannte barfuß über das weiche Gras, während Mutter ihr folgte. „Gleich hab’ ich dich!“, rief Mutter fröhlich. Liv lachte und rannte schneller, doch Mutter holte auf. Mit einem Sprung hinderte sie die junge Liv daran, weiterzulaufen. Beide fielen ins Gras und lachten. „Ich hab dich so lieb, mein Schatz!“, murmelte Mutter. „Mum, das sagst du mir jeden Tag!“, lachte Liv. „Ich weiß“, sagte Mutter und lächelte. „Du bist das Wichtigste in meinem Leben, Olivia. Vergiss das nie. Ich würde alles für dich tun.“ Die junge Liv lachte. Wieso hatte ich sie nie ernst genommen? Ich wusste, sie würde alles für mich tun. Die Sechsjährige setzte sich auf eine Schaukel, die an einer hohen Eiche befestigt war. Sie schwang hin und her und rief vergnügt: „Ich kann fliegen! Ich kann fliegen!“ Ich hörte, wie Mutter lachte, dann veränderte sich das Bild erneut.

    Meine nächste Erinnerung zeigte mich als Fünfjährige. Ich stand auf der Plattform in unserem Garten, auf der ich normalerweise Rollschuh fuhr und meine Mutter war bei mir. Die junge Liv trug Schützer und ihre Rollschuhe und bewegte sich langsam über den glatt geschliffenen Boden. In ihren Augen sah ich Angst aufblitzen, denn sie fürchtete sich davor, zu fallen. Mutter half ihr und fing sie auf, falls sie ausrutschte und zu Boden fiel. Ich hörte ihr fröhliches Lachen, bis ich mit einem kräftigen Ruck zurück gerissen wurde und praktisch aus dem Denkarium „herausgeschleudert“ wurde.

    Mein Kopf schwirrte etwas und ich musste erst einige Sekunden still sitzen, bis das Bild wieder klar wurde. Ich sah meine Mutter (heute in einem dunkelblauen Kleid) und neben ihr stand noch jemand. Es war ein alter Mann mit einem langen weißen Bart, außergewöhnlich blauen Augen und einer Halbmondbrille auf der Nase. „Es ist nicht gut, in Erinnerungen zu schwelgen, Olivia“, sagte er schmunzelnd. Verwundert sah ich ihn an. „Professor Dumbledore! Was machen Sie denn hier?“

    4
    4. Kapitel

    Verwirrt starrte ich den Schulleiter von Hogwarts an. „Nun, wie soll ich dir das erklären...“, sagte Dumbledore langsam. „Deine Mutter hat mich gebeten, dich für den Rest der Ferien von hier wegzubringen.“ „Ich habe es geschafft, Dumbledore heimlich eine Eule zu schicken.“ „Aber... Wie? Warum? Weshalb?“, fragte ich verwirrt, doch Mutter hörte nicht zu. Mit einem Wink ihres Zauberstabs sorgte sie dafür, dass mein Koffer, der mit einem Ausdehnungszauber belegt war, erschien. „Wir haben keine Zeit, mein Schatz.“, meinte sie hektisch, während sie mit einem Wink ihres Zauberstabes Kleider, Schuluntensilien, Krimskrams und das Denkarium in den Koffer fliegen ließ. „Wo gehen wir hin, Mum?“, fragte ich sie verwirrt, denn mir ging das alles ein wenig zu schnell. Meine Mutter drehte sich zu mir um und sagte mit einem leicht traurigen Unterton in der Stimme: „Wir gegen nirgendwo hin, Olivia. Du musst ohne mich fort.“ „Was?“, fragte ich entsetzt. „Aber was wird dann aus dir?“ Ein trauriges Lächeln erschien auf ihren Lippen. „Ich kann nicht mitkommen. Aber vergiss nicht, du bist das Wichtigste in meinem Leben, mein Traum. Das Wichtigste für mich ist, dass du in Sicherheit bist.“ Ich hatte das Gefühl, gleich in Tränen ausbrechen zu müssen. Ich rannte zu ihr hinüber und umarmte sie. Plötzlich hörte ich Dumbledores Stimme, den ich bis dahin vollkommen vergessen hatte. „Ich bringe dich zum Tropfenden Kessel, Olivia. Dort kannst du die restlichen Wochen verbringen.“ Ich nickte tapfer und nahm meinen Koffer in die Hand. Meine Mutter holte meinen Nimbus 2000 aus der Ecke meines Zimmers und drückte mir dann einen kleinen Zettel in die Hand. „Das ist die Erlaubnisbescheinigung, damit du nach Hogsmeade kannst.“

    Hogsmeade war ein kleines Dorf in der Nähe von Hogwarts, in dem ausschließlich Zauberer lebten. Schülern ab der dritten Jahrgangsstufe war es erlaubt, das Dorf an festgelegten Wochenenden, sofern sie eine schriftliche Erlaubnis besaßen, zu besuchen. Dort gab es verschiedene Läden, wie Zonko’s, einem Scherzartikelladen (ich hatte gehört, es war Fred und Georges Lieblingsladen), den Honigtopf, einen Süßwarenladen, in dem es alle möglichen zauberhaften Süßigkeiten gab, Die drei Besen, eine beliebte Schenke, in der es das begehrte Butterbier zu kaufen gab, Derwish und Banges, einen Laden für Schuluntensilien, das Postamt, in dem man sich Eulen leihen konnte, sofern man keine eigene besaß, den Eberkopf, einen Pub, in dem zwielichtige Gestalten herumtrieben und Madam Puddifoot, ein kleines Café. Außerdem befand sich dort der Bahnhof, an dem der Hogwarts-Express hielt.

    Ich umarmte meine Mutter noch einmal und sie flüsterte: „Pass auf dich auf!“ Wollte sie schon wieder, dass ich meine Kräfte geheimhielt? Na ja, es war ja auch egal. Ich nickte und ließ sie dann wieder los. Ich steckte die Erlaubnis meiner Mutter in die Jackentasche, nahm meinen Besen und meinen Koffer in jeweils eine Hand und stellte mich neben Professor Dumbledore. Er griff in eine seiner unzähligen Manteltaschen und holte etwas Flohpulver hervor. Wir stiegen in den Kamin und Dumbledore rief laut und deutlich: „Zum Tropfenden Kessel!“ Grüne Flammen loderten hervor und alles begann sich zu drehen. Das Letzte was ich sah, war der besorgte Blick meiner Mutter.

    Alles in meinem Sichtfeld begann zu verschwimmen, als ich fortgerissen wurde. Alles drehte sich im Kreis, bis es abrupt stehen blieb. Ich musste erst einige Sekunden lang den Kopf schütteln, um wieder ein klares Bild zu empfangen. Ich stand im Kamin des Tropfenden Kessels und blickte mich um. Viel hatte sich, seit ich letztes Jahr hiergewesen war, nicht verändert. Es war immer noch sehr dunkel und schäbig. In einer Ecke, halb im Schatten, saßen einige alte Frauen und tranken Sherry aus kleinen Gläsern. Hinter dem Tresen entdeckte ich Tom, den Wirt, der aussah wie eine klebrige Walnuss und vollkommen glatzköpfig war. Dumbledore trat hinüber zum Tresen und Tom drehte sich sofort zu ihm um. „Dumbledore, wie schön, Sie zu sehen.“, sagte der Wirt und lächelte. „Was kann ich für Sie tun?“ Dumbledore winkte mich zu sich und meinte ruhig: „Du hast doch sicher noch ein Zimmer frei, oder, Tom?“ „Aber natürlich, Dumbledore.“ „Nun wir bräuchten ein Zimmer für diese junge Hexe.“ Ich lächelte den Wirt an. Dieser nickte und sagte: „Fünf Galleonen pro Tag.“ Ich lächelte. „Kein Problem!“ Der Wirt klatschte einmal kurz in die Hände und rief: „Das Gepäck auf Zimmer sieben!“ Und im nächsten Moment war mein Koffer samt Besen verschwunden. „Wie lang darf mit deinem Aufenthalt rechnen?“, fragte er an mich gewandt. „Die restlichen Ferien bis zum ersten September.“ Er nickte und wandte sich dann einer alten Damen zu, die offenbar ein weiteres Glas Sherry verlangte. Ich wünschte nur, meine Mutter wäre jetzt hier. Sie war immer noch in der Hand von meinem Vater und ich konnte nichts dagegen unternehmen. Dumbledore sah mich an und sagte, als ob er meine Gedanken gelesen hätte: „Diejenigen, die dir wichtig sind, können dir niemals genommen werden. Denn sie sind hier drin.“ Er legte seine Handfläche an die Stelle, an der ich ganz eindeutig mein Herz pochen hörte. Dumbledore lächelte und sagte dann: „Ich wünsche dir noch schöne Ferien, Olivia!“, während ich immer noch auf die Stelle blickte, an der mein Herz laut und deutlich schlug. Und als ich aufblickte, war der Schulleiter verschwunden.

    Die nächsten Wochen sollten einige der besten meines Leben werden. Im Tropfenden Kessel genoss ich eine ungewohnte Freiheit. Niemand schrieb mir vor, wie ich mich zu verhalten und anzuziehen hatte. Ich verbrachte die Tage hauptsächlich in der Winkelgasse und dort gefiel es mir ausgesprochen gut. Meine Schulaufgaben erledigte ich meistens in Florean Fortescues Eissalon mit einigen Rieseneisbechern. Jeden Tag bestellte ich eine andere Sorte und bald kannte ich die ganze Karte auswendig. Wenn ich dann mein tägliches Maß an Schularbeiten hinter mich gebracht hatte, schlenderte ich durch die Winkelgasse, die mich mit ihren vielzähligen Geschäften immer wieder faszinierte. Überall tummelten sich Hexen und Zauberer mit ihren Kindern, um ihre Einkäufe zu erledigen.

    Heute zog es mich zu Flourish & Blotts, den magischen Buchladen, in dem es eine unendliche Auswahl an magischer Lektüre gab. Außerdem waren inzwischen meine Einkaufslisten für das diesjährige Schuljahr gekommen und ich hatte hatte noch keine Gelegenheit gehabt, die Bücher zu kaufen. Also betrat ich den Laden und bemerkte einen eisernen Käfig im Schaufenster. Darin befanden sich ganz offensichtlich Bücher, allerdings nicht die, die man normalerweise erwartet hätte. Die riesigen Bücher schnappten nach einander und es flogen bei einer kleinen Rauferei gerade kleine Papierstücke aus dem Käfig heraus. Ich sah, wie ein Verkäufer auf mich zugelaufen kam. „Hogwarts?“, war das Einzige, was er fragte und ich nickte. Sofort kämpfte er sich durch die Menge zu dem Eisenkäfig hinunter und zog sich dicke Handschuhe über. Er griff in den Käfig und holte ein Buch, das wütend nach ihm schnappte, heraus. Sofort holte er einen Gürtel heraus und zog ihn quer über den Buchrücken. Schwitzend reichte er mir das Buch. Irgendwie fühlte ich mich an diesem Unglück schuldig und sagte deshalb: „Es tut mir wirklich leid.“ „Ach“, meinte der Verkäufer, immer noch völlig außer Atem, „Diese Dinger haben mich seit heute Morgen schon fünfmal gebissen.“ Er warf einen bösen Blick zum Käfig hinüber, wo zwei Bücher schon wieder auf ein anderes Buch einbissen. „Aufhören! Aufhören!“, rief der Verkäufer genervt und stöhnend. „Diese Dinger werde ich nie wieder bestellen, nie wieder! War doch schon schlimm genug, als wir zweihundert Exemplare des Buchs „Das unsichtbare Buch der Unsichtbarkeit“ gekauft haben. Haben ein Vermögen dafür bezahlt und haben sie danach nie mehr gefunden. Also, kann ich dir sonst noch irgendwie helfen?“ Ich nickte. „Ich bräuchte noch „Die Entnebelung der Zukunft“. „Ah, du fängst mit Wahrsagen an.“, sagte der Verkäufer und verschwand hinter einem Bücherregal. Nach einigen Sekunden kam er mit dem besagten Exemplar wieder hervor. Das Monsterbuch der Monster drückte er mir in den Arm und murmelte dabei: „Sehr guter Überblick über alle Grundlagen der Wahrsagerei...“ Aber weiter hörte ich dem Verkäufer nicht zu, denn mein Blick fiel auf ein dickes Buch. Der Titel lautete: „Omen des Todes - Was tun, wenn Sie wissen, dass das Schlimmste bevorsteht.“ „Das würde ich an deiner Stelle nicht lesen“, rief mich der Verkäufer aus meinen Gedanken. „Sonst fängst du noch an, überall Vorzeichen des Todes zu sehen und das kann einem wirklich Angst machen.“ Doch mein Blick haftete immer noch auf dem Umschlag. Darauf war ein Hund, so groß wie ein Bär, abgebildet. Seine Augen leuchteten mir teuflisch gelb entgegen. Kopfschüttelnd riss ich mich von diesem Bild los. „Was darf es denn sonst noch sein?“, fragte er. Ich lächelte und zog meine Liste hervor, von der ich jeden einzelnen Punkt vorlas. Vollbepackt und um einige Galleonen erleichtert, machte ich mich auf den Rückweg zum Tropfenden Kessel. Dort aß als Abendessen einen Teller Eintopf und machte mich dann auf den Weg nach oben in mein Zimmer. Ich wollte noch ein wenig lesen, (auf gar keinen Fall in diesem Monsterbuch; Das wollte ich sicher in meinem Koffer verstauen!) und danach schlafen.

    Als ich den Gang entlangging und meine Zimmertür öffnete, bemerkte ich, dass der Zimmerservice hiergewesen sein musste. Das Zimmer blitzte geradezu vor Sauberkeit, auch wenn ich bisher noch nicht viel Dreck gemacht hatte. Draußen wurde es bereits dunkel und der Mond stieg auf. Ich setzte mich auf einen Stuhl neben dem Fenster und sah hinaus. Die Lichter in der Winkelgasse gingen an und tauchten die Einkaufsstraße in helles Licht. Plötzlich sah ich, wie eine weiße Eule auf das Fenster neben mir zugeflogen kam. Flatternd setzte sie sich auf das Fensterbrett und ich hörte, wie eine Stimme aus Zimmer sechs sagte: „Komm rein, Hedwig. Hast dir wohl gerade eine Maus gefangen, was?“ Ich erstarrte. Diese Schneeeule war Hedwig! Und Hedwig war Harrys Eule, was bedeutete, dass eben dieser gerade in dem Zimmer neben mir saß! Ich nahm gar nicht wahr, wie ich aufstand, die Tür aufriss, auf den Gang stürmte und an die Tür von Nummer sechs klopfte. Ich hörte, wie Schritte sich der Tür näherten und sie schließlich geöffnet wurde. Mein bester Freund stand mir gegenüber. „Harry!“, rief ich freudig.

    Harrys Sicht:
    „Liv?“, fragte ich erstaunt. Wie war das denn möglich? Wieso war sie hier? Erst hatte ich heute Abend meine Tante Martha aufgeblasen, war dann mit dem Fahrenden Ritter hierher gefahren, hatte mit dem Minister gesprochen, der mich komischerweise nicht von der Schule verwiesen hatte und nun stand vor mir meine beste Freundin. Ich sah sie von oben bis unten an. Sie hatte sich sehr seit dem letzten Schuljahr verändert. Sie war um die zehn Zentimeter größer geworden, ihre Haut war blasser, ihre Haare waren ein wenig kürzer, glänzten aber trotzdem in dem üppigen zartbitterschokoladenbraun. Anders konnte ich ihre Locken, die wie mit einem Lockenstab gedreht waren, nicht beschreiben. Das Einzige, was sich kein bisschen verändert hatte, waren ihre strahlend grünen Augen, die mich freudig anblitzten. Und ihr Anblick löste in mir ein solches Gefühl von Wärme aus, dass ich Angst hatte, sie würde es ebenfalls spüren. In der nächsten Sekunde hatte ich sie in eine Umarmung gezogen. Ich wusste nicht, wie Liv es schaffte, mir dieses Gefühl von Geborgenheit zu geben, doch in diesem Moment wünschte ich, dass ich sie nie wieder loslassen müsste.

    Olivias Sicht:
    Harry zog mich in eine Umarmung und ich schlang meine Arme um seinen Nacken. Harry hatte sich, seit ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, sehr verändert. Er war größer geworden und seine Haare standen wie immer widerspenstig vom Kopf ab. Durch seine Brille konnte ich seine grünen Augen leuchten sehen. Mir war, als würde in meinem Herzen ein Feuer brennen, das sich rasend schnell über meinen ganzen Körper ausbreitete. Aber seltsamerweise machte mir das nichts aus, denn ich hatte das Gefühl, solange Harry bei mir war, könnte ich ewig hier stehen bleiben.

    „Harry, was machst du denn hier?“, fragte ich, als wir dann zusammen in seinem Zimmer auf dem Bett saßen. „Na ja...Ich habe meine Tante Martha sozusagen...aufgeblasen.“ „Was?“, fragte ich und hatte das Gefühl, gleich loslachen zu müssen. „Doch, wirklich. Und deshalb wurde ich von der Schule verwiesen.“ „WAS?“, schrie ich entsetzt. „Keine Sorge“, meinte er hastig. „Cornelius Fudge hat mit mir gesprochen...“ „Der Zaubereiminister?“, unterbrach ich ihn. Harry nickte. „Er hat gesagt, es wäre nicht so schlimm. Immerhin käme man ja nicht nach Askaban, nur weil man seine Tante aufbläst.“ „Wie seltsam...“, murmelte ich. „Und du?“, fragte Harry. „Was machst du hier?“ Ich zögerte. „Also...meine Mutter hat Dumbledore eine Eule geschickt, damit er mich von Zuhause abholt.“ „Wieso?“, fragte Harry. Wie sollte ich ihm erklären, dass meine Mutter mich vor meinem Vater beschützen wollte? „Es...Bei uns Zuhause gab es ein Problem.“, sagte ich und versuchte, ihm dabei nicht in die Augen zu sehen, damit er nicht merkte, dass ich ihn anlog. „Hey...“, sagte Harry. „Das...Das ist nicht der wahre Grund, oder?“ Er legte mir die Hand auf die Schulter. Ich sah ihm in die Augen und seufzte. Ich sah ihm in die Augen und nickte. „Wäre es schlimm, wenn ich dir...nichts erzähle?“ Er sah mich an und sagte: „Aber vergiss nicht...Wenn du reden willst, ich bin für dich da.“ Ich sah ihn dankbar und lächelte. „Du bist der Beste, Harry.“ Sein Lächeln ließ mein Herz buchstäblich schmelzen. Ich stand auf und ging zur Tür. „Gute Nacht, Harry.“ Ich schenkte ihm ein müdes Lächeln und er sagte: „Gute Nacht, Liv. Wir sehen uns morgen Früh.“ Dann ließ ich die Tür ins Schloss fallen.

    Am nächsten Morgen weckten mich die warmen Sonnenstrahlen, die durch das Fenster schienen. Ich stand gähnend auf und zog mir ein leichtes Sommerkleid über. Ich sah in den Spiegel und bemerkte, dass meine Locken mal wieder aussahen, als hätte ich mir gerade Locken gedreht. Manchmal glaubte ich, meine Haare hätten eine gewisse Art von Magie. Na ja, es war ja auch egal. Ich putzte mir rasch die Zähne und kämmte meine Haare. Dann packte ich meine Tasche und rannte die Treppe hinunter. Im Schankraum des Tropfenden Kessels entdeckte ich Harry allein an einem Tisch. „Harry!“, rief ich und er sah von der Zeitung, die er in der Hand hielt, auf.

    Harrys Sicht:
    Liv kam zu mir herübergerannt und nahm mir schon wieder den Atem. Sie trug ein knielanges, dunkelrotes Kleid und ihre Sichelmondkette. Ihre Locken hüpften um ihren Kopf herum, als sie zu mir herüber kam. Sie setzte sich mir gegenüber. Ich hielt den Tagespropheten in der Hand und sah, wie sie auf das Titelblatt sah. „Wer ist das?“, fragte sie verwundert.

    Olivias Sicht:
    Auf dem Titelblatt des Tagespropheten entdeckte ich einen einen Mann mit schulterlangen Haaren, der in die Kamera schrie. Natürlich hörte man es nicht, doch das Bild bewegte sich. Die Überschrift lautete: „Haben Sie diesen Mann gesehen?“ Harry sah mich an. „Hast du es noch nicht mitbekommen? Das ist Sirius Black.“ Ich schüttelte den Kopf und las den Artikel:

    ...Das von Dementoren gesicherte Askaban war bisher ein Ort, der uns sicher erschien. Doch nun ist es einem Gefangenem zum ersten Mal gelungen, zu fliehen. Von Sirius Black geht die höchste Gefahrenstufe aus. Er sprengte unter einigen Augenzeugen zwölf Muggel und einen Zauberer, namens Peter Pettigrew, in die Luft. Von Pettigrew blieb nur ein kleiner Finger und es mussten viele Gedächtnisse an diesen Vorfall gelöscht werden. Black wurde zu lebenslänglich in Askaban verurteilt, doch offensichtlich ist es ihm irgendwie geglückt, zu entkommen. Das Ministerium bittet um die Mithilfe der magischen Bevölkerung, um Black wieder dingfest zu machen. Sollten Sie diesen Zauberer gesehen haben, wenden Sie sich an die magische Behörde...

    „Das ist ja schrecklich!“, meinte ich geschockt. „Nicht wahr?“, meinte Tom der Wirt, der jetzt hinter uns aufgetaucht war und mir eine Schüssel mit Haferbrei hinstellte. „Sogar in den Muggelnachrichten bringen sie es.“ Interessiert sahen Harry und ich ihn an. „Offenbar will das Ministerium Black unbedingt zu fassen kriegen. Dafür ist ihnen jedes Mittel recht, selbst wenn die Muggel über ihn informiert sind.“ Ich schluckte schwer. „Er ist ein Massenmörder.“ Der Wirt nickte beunruhigt. „Ich hoffe, sie spüren Black bald auf. Bevor er uns noch alle in die Luft jagt.“ Ich schluckte schwer.

    5
    5. Kapitel

    Die nächsten Wochen verbrachte ich hauptsächlich mit Harry. Wir streiften zusammen durch die Winkelgasse und besuchten sämtliche Läden, was erheblich viel Zeit in Anspruch nahm. An unserem dritten Abend zusammen überraschte Harry mich mit einem Geschenk. Es handelte sich um eine Art magisches, silberenes Fernglas. Darauf waren einige Sterne, eine Sonne und im Zentrum ein Mond abgebildet. „Was ist das?“, fragte ich Harry erstaunt. „Ich hab es heute Nachmittag gekauft. Man nennt es ein Lunaskop. Verstehst du, Luna, wie deine Kette mit dem Mond.“ „Kann man damit den Mond beobachten?“, fragte ich neugierig. Harry nickte. „Der Verkäufer hat gesagt, man kann damit die Mondzyklen verfolgen. Ich dachte, es würde dich interessieren.“ Ich nickte. „Danke, Harry.“ „Ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk.“ Ich hatte das Gefühl, rot zu werden.

    Abends lag ich gedankenverloren auf meinem Bett und starrte wie gebannt auf das Lunaskop. Die Tatsache, dass Harry es mir geschenkt hatte, machte es zu etwas Besonderem. Ich hatte nie Geldprobleme gehabt, ich konnte mir alles kaufen, was ich wollte, aber bei diesem Lunaskop war es etwas anderes. Harry hatte es mir geschenkt. Er hatte an mich gedacht, an meinen Geburtstag und hatte mir dieses Geschenk gekauft. Ach, Harry... Wenn ich ihm in die Augen sah, hatte ich immer das Gefühl, darin zu verschwimmen. Halt!, dachte ich mir. Was dachte ich denn da? Nein, nein, nein! Wie konnte ich nur an seine wunderschönen grünen Augen, an sein verwuscheltes Haar denken, durch das ich am liebsten mit meinen Händen fahren würde... Stop! Wieso konnte ich nur nicht aufhören, an Harry zu denken? Ich versuchte schon seit einiger Zeit, mir Harry aus dem Kopf zu schlagen, doch es wollte einfach nicht funktionieren. Immer wieder stahl er sich durch eine Hintertür zurück in meine Gedanken. Ich seufzte. Harry war mein bester Freund, nicht mehr...Und das würde er auch bleiben. Über mich selbst den Kopf schüttelnd stand ich auf, zog mich um und legte mich dann ins Bett. Ich starrte an die Decke, konnte nicht einschlafen und hatte keine Ahnung, dass Harry gerade in seinem Zimmer ebenfalls am Grübeln war.

    Harrys Sicht:
    Ich lag auf meinem Bett und dachte nach. Dachte über Liv nach. Wie schaffte sie es nur, in mir ein solches Feuer zu entfachen, dass ich sicher war, damit den ganzen Tropfenden Kessel anzünden zu können? Wie ihre grünen Augen geleuchtet hatten, als ich ihr das Lunaskop geschenkt hatte. Wie sie mir ein so herzergreifendes Lächeln schenken konnte, dass ich mir sicher war, sie könnte meinen Herzschlag hören, der, sobald sie in die Nähe kam, anfing, doppelt so schnell zu schlagen wie sonst. Alles an ihr war einfach perfekt. Ich konnte es nicht ertragen, zu sehen, wie sie Kummer plagte und ihr sonst so schönes Lächeln verblassen ließ. Ich hatte längst aufgegeben, mir diese Worte zu verbieten. Es brachte sowieso nichts. Liv schwebte mir ständig im Kopf herum und ich schaffte es nicht, einmal an etwas anderes als sie zu denken. Ich war mir sicher. Ich empfand mehr für sie als Freundschaft. Doch ich war mir sicher, dass Liv in mir nicht mehr als einen Freund sah. Schlimmer noch: Ich war ihr bester Freund. Und sie würde nie mehr für mich empfinden.

    Olivias Sicht:
    In den nächsten Tagen sorgten Harry und ich dafür, dass wir alle Bücher für das nächste Schuljahr zusammenhatten. Harry hatte als Wahlfächer Wahrsagen und Pflege magischer Geschöpfte gewählt, die ich ebenfalls belegt hatte. Außerdem hatte ich Alte Runen gewählt, da mich der Name dieses Fachs besonders angesprochen hatte. An einem Nachmittag, den wir wieder einmal bei Floreans Fortescues Eissalons mit zwei riesigen Fruchtbechern verbracht hatten, entdeckten wir vor dem Schaufenster von Qualität für Quidditch eine riesige Menge an jungen Hogwartsschülern, die sich alle zum Schaufenster hinschieben wollten. Harry und ich blickten uns an und hatten denselben Gedanken. Rasch bezahlten wir die Eisbecher und schoben uns durch die Menge zu dem Schaufenster hindurch. Dort klappte uns erst einmal der Mund auf. Wir standen vor einem brandneuen, perfekten Besen. Auf einem Plakat daneben stand der Name des Besens: Der Feuerblitz.

    Darunter stand eine Definition des Besens:
    Dieser Rennbesen nach dem neusten Stand der Technik hat einen stromlinienförmigen, veredelten Stiel aus Eschenholz mit diamantharter Politur und eine von Hand gemeiselte Registriernummer. Jede handverlesene Birkenholzrute des Schweifs ist dynamisch optimal abgeschliffen, was dem Feuerblitz unvergleichliche Stabilität und haarscharfe Präzision verschafft. Der Feuerblitz beschleunigt von 0 auf 250 Stundenkilometer in 10 Sekunden und ist mit einem unbrechbaren Bremszauber ausgestattet. Preis auf Nachfrage.

    Harry war fasziniert von diesem Besen und ich verdrehte nur die Augen. „Harry, du hast doch einen Besen.“ „Schon, aber...“, fing Harry an, aber ich unterbrach ihn. „Kein Aber, komm schon.“ Ich schüttelte nur lächelnd den Kopf. Harry wurde bald ein richtiger Quidditch-Fanatiker wie Oliver Wood, der Kapitän des Gryffindor-Quiditchteams. Ich wusste nicht, wie man so auf Quidditch fixiert sein konnte. Immerhin besaßen Harry und ich jeweils einen Nimbus 2000. Na ja, woher sollte ich auch wissen, was in Harrys Kopf vor sich ging?

    Zusammen verbrachten Harry und ich die letzten Ferientage und der erste September rückte immer näher. Am letzten Ferientag beschlossen Harry und ich, ein letztes Mal durch die Winkelgasse zu schlendern. Morgen würden wir endlich nach Hogwarts zurückkehren. Mein wirkliches Zuhause! Wir gingen gerade an Florean Fortescues Eissalon vorbei, als ich zwei mir nur allzu bekannte Stimmen hörte. „Harry, Liv!“ Ich drehte mich um. Ron und Hermine saßen winkend vor zwei Eisbechern. „Ron! Mine! Wie schön, euch zu sehen!“, rief ich und rannte zu ihnen hinüber. Harry folgte mir. Hermine war braun geworden und ihre lockigen braunen Haare waren wie üblich nicht zu bändigen. Ron hatte noch mehr Sommersprossen bekommen und war wieder um die zehn Zentimeter gewachsen. „Endlich! Wir haben euch schon die ganze Zeit gesucht. Im Tropfenden Kessel haben sie uns aber gesagt, dass ihr ausgegangen seid. Also waren wie schon bei Flourish & Blotts und Madam Malkin und-...“, plapperte Ron drauflos und ich grinste. Harry sagte: „Wir haben unsere Schulsachen schon längst besorgt.“ „Woher wisst ihr denn eigentlich, dass wir im Tropfenden Kessel wohnen?“, fragte ich verwundert. „Von Dad“, erwiderte Ron. Das klang logisch, immerhin arbeitete Mr. Weasley im Ministerium. „Hast du deine Tante wirklich in die Luft gejagt?“, fragte Mine ungläubig und mit strengem Blick. Unweigerlich musste ich mir ein Grinsen verkneifen. „Ich hatte mich nicht mehr unter Kontrolle“, meinte Harry. Ron gluckste. „Das ist nicht witzig, Ron“, zischte Mine. „Sie hätten Harry von der Schule werfen können!“ „Es wundert mich, dass sie es es nicht getan haben.“, murmelte ich. „Nicht nur dich“, brummte Ron. „Wahrscheinlich, weil er der berühmte Harry Potter ist, bla, bla, bla... Ich will gar nicht wissen, was passiert wäre, wenn ich meine Tante zu einem Ballon aufgeblasen hätte. Mum und Dad hätten mich umgebracht. Na ja, ihr könnte sie selbst fragen. Wir wohnen nämlich auch im Tropfenden Kessel.“ Ich strahlte. „Toll!“, rief Harry. „Habt ihr schon alle eure Bücher?“, fragte ich. „Seht euch das an!“, sagte Ron und zog stolz eine schmale Schachtel aus der Tasche. „Mein brandneuer Zauberstab! Vierzehn Zoll, Weide mit Einhornschwanzhaar.“ „Und natürlich haben wir alle Bücher“, fügte Mine hinzu. „Aber was ist eigentlich mit diesen Monsterbüchern? Der Verkäufer ist fast in Tränen ausgebrochen, als wir zwei Stück verlangt haben.“ Ich musste laut lachen. Die Vorstellung allein war aber auch zu lustig. „Was soll da eigentlich alles drin sein?“, fragte ich und deutete auf drei vollgepackte Tüten mit Büchern. „Tja“, meinte Mine, „Ich habe eben mehr Fächer als andere genommen. Das sind meine Bücher für“, sie zählte es mit den Fingern ab, „Arithmantik, Alte Runen, Wahrsagen, Pflege magischer Geschöpfe, Muggelkunde-...“ Ron unterbrach sie. „Wieso Muggelkunde? Du stammst doch von Muggeln ab.“ Mine verdrehte die Augen. „Ja, aber es ist spannend, das alles aus der Sicht der Zauberer zu lernen.“ „Okay“, meinte ich immer noch grinsend. „Ich habe noch zehn Galleonen. Meine Eltern haben mir Geld gegeben, weil ich ihm September doch Geburtstag habe.“ „Kauf dir doch ein Buch. Ist ja nicht so, als ob du nicht schon eine ganze Bibliothek hättest!“, sagte Ron ironisch. Ich verdrehte belustigt die Augen. Mine ignorierte Rons Kommentar einfach. „Ich dachte, ich könnte mir eine Eule kaufen. Ich meine, Harry hat Hedwig und Ron Errol...“ „Errol gehört nicht mir, sondern der ganzen Familie“, warf Ron dazwischen. „Ich hab nur Krätze.“ Er holte seine Ratte aus der Jackentasche hervor. Krätze wirkte ungewöhnlich kränklich und seine Schnurrhaare hingen schlaff nach unten. Außerdem bemerkte ich, dass er dünner geworden war. „Ich glaube, Ägypten hat ihm nicht gutgetan. Ich will ihn untersuchen lassen.“ Ron und Mine bezahlten ihre Eisbecher und Ron erzählte uns dabei ausführlich von seinem Urlaub mit seiner Familie in Ägypten, wo sie ihren Bruder Bill besucht hatten. „Davorn ist ein Laden für magische Geschöpfe. Dort könnten wir Krätze untersuchen lassen.“, schlug ich vor. Ron nickte und so betraten wir den Laden.

    Im Laden war es ziemlich eng. Jeder Zentimeter an der Meter waren mit Käfigen voller Tieren ausgefüllt. In einer Ecke stand ein Terrarium mit einer Schlange und ich blickte sie interessiert an. Ron setzte Krätze auf die Ladentheke und ich bemerkte, dass er den Ratten gegenüber ziemlich jämmerlich aussah. „Was kann ich für euch tun?“, fragte die Verkäuferin. „Das ist meine Ratte. Seit wir aus Ägypten zurück sind, hat sie ein wenig an Farbe verloren.“, sagte Ron beunruhigt. Die Verkäuferin besah sich Krätze sehr genau. „Hmmm... wie alt ist er denn?“, fragte die Hexe. „Keine Ahnung. Aber ziemlich alt. Sie hat einmal meinem Bruder gehört.“ Krätze sah recht mitgenommen aus. Erst jetzt bemerkte ich, dass ihm eine Kralle fehlte. „Eine gewöhnliche Haus-und Gartenratte wird gewöhnlich nicht älter als drei Jahre. Vielleicht könntest du dich mit etwas Haltbarerem anfreunden?“, sagte die Verkäuferin und deutete auf einige Käfige, in denen Ratten anfingen, auf und ab zu springen. Ron schüttelt den Kopf. „Na gut, dann kannst du es mit dieser Rattentinktur versuchen.“, sagte die Hexe und stellte ein kleines Fläschchen auf den Tisch. „Gut, wie viel-...Autsch!“, rief Ron, denn ein dicker, orangroter Kater war aus seinem Käfig gelangt und war auf seinen Kopf gesprungen. „Nein, Krummbein, AUS!“, rief die Hexe entsetzt, denn Krätze bekam dem Anschein nach panische Angst vor dem Kater und machte sich aus dem Staub. „Nein, Krätze!“, rief Ron und rannte der Ratte hinterher, denn die war mittlerweile aus dem Laden gehuscht. Harry stürzte hinterher, um Ron zu helfen. Ich warf eine Galleone auf die Theke, rief: „Der Rest ist für Sie!“, packte die Rattentinktur und folgte meinen beiden Freunden. Mine ließ ich allein, damit sie sich in Ruhe eine Eule aussuchen konnte.

    Es dauert knapp zehn Minuten, bis Harry und Ron die Ratte endlich unter einem Mülleimer vor Qualität für Quidditch ausfindig gemacht hatten. Ich kicherte, als ich den beiden zusah, wie sich verzweifelt versuchten, Krätze zu fangen. Als die beiden gebückt dastanden und Ron Krätze endlich wieder in der Hand hielt, lachte ich und meinte vergnügt: „Eure Versuche, die Ratte zu fangen, waren wirklich amüsant, Jungs!“ Beide sahen mich gleichzeitig an und stießen sich die Köpfe an. „Wo ist eigentlich Hermine?“, fragte Ron. „Sie kauft sich höchstwahrscheinlich gerade eine Eule“, antwortete ich und wir gingen zurück zur Magischen Menagerie. Im nächsten Moment trat Hermine aus dem Laden. Sie hatte jedoch keine Eule dabei, sondern trug den orangeroten Kater im Arm. Er schnurrte zufrieden. „Du hast dieses Monster gekauft?“, fragte Ron fassungslos. „Er ist kein Monster, Ron! Nicht wahr, Krummbein, du bist kein Monster.“, meinte Mine und streichelte den Kater. „Dieses Ding hätte mich fast skalpiert!“, meinte Ron. „Das war keine Absicht, oder, Krummbein?“, meinte Hermine liebevoll. Harry beäugte den Kater misstrauisch. Er hatte dickes, rotes Fell und ein plattgedrücktes Gesicht. „Darf ich ihn streicheln?“, fragte ich Mine und sie nickte. „Ach ja, Ron, hier ist deine Rattentinktur.“, meinte ich und drückte Ron das Fläschen in die Hand. Sanft streichelte ich dem Kater über das Fell und hörte sein lautes Schnurren. Ich musste lächeln. „Und was ist mit Krätze?“, protestierte Ron. „Er braucht Ruhe und Entspannung! Wie soll das gehen, wenn dieses Monster in der Nähe ist?“ Mine sah ihn an und sagte: „Krätze schläft bei dir im Schlafsaal und Krummbein bei mir, wo liegt das Problem? Armer Krummbein. Die Hexe meinte, er wäre schon ewig in ihrem Laden und niemand würde ihn haben wollen.“ „Wieso wohl?“, hörte ich Ron flüstern. Ich drehte mich um und bedachte ihn mit einem kalten Blick. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg zurück zum Tropfenden Kessel. Ich freute mich schon, Fred und George wiederzusehen. An einem der Tische saß Mr. Weasley und las den Tagespropheten. Er blickte auf, als wir den Raum betraten und sagte: „Hallo, Harry; Hallo, Olivia!“ „Hallo, Mr. Weasley!“, sagte ich und entdeckte auf der Titelseite des neuen Tagespropheten das Bild von Sirius Black. „Sie haben ihn noch nicht gefangen, oder?“, fragte ich Mr. Weasley. Er nickte beunruhigt und sagte: „Das Ministerium hat uns von den täglichen Pflichten freigestellt, damit wir mit vereinten Kräften suchen, aber bisher leider ohne Erfolg.“ Nun betraten auch die restlichen Weasleys den Tropfenden Kessel, alle bepackt mit Einkaufstüten.

    Es gab ein herzliches Willkommen. Mrs. Weasley wandte sich strahlend an Harry und mich. „Harry, Olivia, ihr kennt die gute Neuigkeit sicher schon.“ „Nein, Mrs. Weasley!“, sagte ich zwischen zwei Bissen. „Percy ist Schulsprecher! Schon der zweite in unserer Familie!“, sagte sie und ihre Brust schwellte vor Stolz an. „Und der letzte!“, murmelte George mir zu. Ich grinste. „Das ist mir auch nicht entgangen“, meinte Mrs. Weasley. Sie hatte George offensichtlich gehört. „Euch haben sie nicht zu Vertrauenschülern gemacht.“ Ich musste kichern. Fred und George als Vertrauenschüler...Hogwarts würde untergehen! „Wozu sollten wir Vertrauensschüler werden? Dann ist doch der ganze Spaß vorbei!“, sagte Fred verständnislos. Ginny kicherte. „Ihr könnet euer Schwester wirklich ein besseres Vorbild sein!“, schimpfte Mrs. Weasley. „Ginny hat noch andere Brüder, die ihr ein Vorbild sein können, Mutter“, sagte Percy hochmütig. Er reckte das Kinn in die Höhe und ich musste mich beherrschen, um nicht laut zu lachen. Fragend sah ich Ginny an, die sofort heftig den Kopf zu schütteln begann. Es hätte mich aber auch gewundert! Ich war mir sicher, dass Ginny viel mehr nach Fred und George kam. Percy stand auf und sagte arrogant: „Ich gehe nach oben und ziehe mich für das Abendessen um.“ Er stolziert davon und ich flüsterte Ginny zu: „Es sieht aus, als hätte er einen Besenstiel verschluckt!“ Ginny hatte gerade etwas Kürbissaft getrunken und prustete vor Lachen alles wieder aus. George seufzte. „Eigentlich wollten wir ihn ja in einer Pyramide einmauern, aber Mum hat uns erwischt.“

    Beim Abendessen mussten ganze drei Tische zusammengeschoben werden, damit wir alle Platz hatten. Ich saß zwischen Harry und George. Alle futterten sich mit dem köstlichen Essen voll und es wurde sehr gelacht. „Wie kommen wir eigentlich morgen nach King’s Cross, Dad?“, fragte Fred. „Das Ministerium stellt uns ein paar Autos zur Verfügung.“, antwortete Mr. Weasley. „Wieso denn?“, fragte Percy. „Wegen dir, Percy“, sagte George. „Und auf die Kühler stecken wir den kleinen Wimpel mit G.A. drauf.“ Fred fügte hinzu: „Für Gewaltiger Angeber!“ Alle prusteten vor Lachen in ihren Nachtisch, außer Percy und Mrs. Weasley. „Also, weshalb stellt uns das Ministerium die Autos zur Verfügung?“, fragte Percy erneut. „Weil wir zu wenig haben und ich im Ministerium arbeite, tun sie mir den Gefallen.“, sagte Mr. Weasley, doch ich erkannte an seinem Gesichtsausdruck, dass irgendetwas nicht stimmte. Ich ließ mir jedoch nichts anmerken. „Und das ist auch gut so“, sagte Mrs. Weasley. „Ihr wisst doch, wie viel Gepäck ihr habt!...Ihr habt doch schon alle gepackt, oder?“ „Ron leider noch nicht. Er hat seine neue Sachen auf meinem Bett gelagert.“, sagte Percy scheinbar leidend. Ich drehte mich zu ihm herum und sagte: „Oh Percy, du tust mir ja sooo leid!“ Meine Stimme war mit Ironie durchtränkt und offensichtlich bemerkte Percy dies, denn er hielt endlich die Klappe.

    Nach dem Essen gingen wir alle in unsere Zimmer und packten, sofern wir nicht schon (so wie ich) fertig gepackt hatte. Ich trat auf den Gang, als in Zimmer acht lautes Geschrei hörte. Ich verdrehte genervt die Augen und riss die Tür auf. Percy und Ron standen wütend im Raum. „Es war hier auf dem Nachttisch! Ich habe es zum Polieren abgenommen!“, rief Percy aufgebracht. „Ich hab’s nicht genommen, klar!“, zischte Ron. Offenbar hatte der Lärm auch Harry angelockt, denn er erschien neben mir im Türrahmen. „Was ist denn los?“, fragte ich die beiden Streithähne. „Mein Schulsprecher-Abzeichen ist verschwunden!“ „Was für ein Weltuntergang!“, sagte ich und verdrehte die Augen. „Und Krätzes Rattentonikum auch!“, rief Ron und durchsuchte seinen Koffer. „Hast du es vielleicht unten vergessen?“, fragte Harry. Ron wollte sofort losrennen, als Percy ihn am Umhang festhielt. „Du gehst nicht weg, ehe mein Abzeichen wieder aufgetaucht ist!“ Ich stöhnte und Harry sagte: „Ich geh schon! Ich hab meine Sachen schon gepackt!“ und ging. „Ich sehe mich hier oben um, okay, Ron?“, fragte ich und schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln. Ich verschwand und ging den Gang entlang. Plötzlich entdeckte ich Fred und George, die in einer Ecke saßen und sich vor Lachen krümmten. „Was ist denn los?“, fragte ich. „Wir haben es...Wir haben es ein wenig verändert.“, sagte George und zeigte mir Percys Abzeichen. Ich grinste. Darauf stand jetzt: „Großsprecher“. Ich kicherte und sagte dann aber: „Also, ich glaube, „Großkotz“ hätte besser gepasst!“ Fred gluckste und flüsterte: „Gute Idee! Das werden wir gleich ändern, danke, Livvy!“ „Immer gern!“ Eigentlich hätte ich ja ins Bett gehen sollen, doch ich konnte noch nicht schlafen, also ging ich weiter, bis ich zu dem Treppenansatz angelangt war, der in den Schankraum führte. Von der Treppe hatte man einen perfekten Überblick über den gesamten Raum, in dem sich niemand mehr befand...Eigentlich. Denn ich entdeckte Mr. und Mrs.Weasley in der hintesten Ecke. Die beiden wirkten verängstigt und ich ging leise die weiteren Treppenstufen hinunter, um hören zu können, über was die beiden redeten. „Arthur, meinst du nicht, wir sollten Harry davon erzählen? Der arme Junge...“ Von was wollte Mrs. Weasley Harry erzählen? „Molly“, flüsterte Mr. Weasley. „Wir können ihm doch nicht erzählen, dass Sirius Black aus Askaban ausgebrochen ist, um ihn zu töten.“ „Aber bist du dir sicher, dass...“ „Wenn ich es dir doch sage, sie haben gesehen, wie er ihm Schlaf gesprochen hat. Immer wieder dieselben Worte: „Er ist in Hogwarts, er ist in Hogwarts...“ Ganz eindeutig hat er es auf Harry abgesehen!“ Ich schluckte schwer. Das konnte doch nicht wahr sein! Black war aus Askaban ausgebrochen, um Harry umzubringen. Das hieß, er war ein Anhänger von Voldemort... Ein Anhänger, der gerade vogelfrei herumlief und keine Skrupel hatte, jemanden umzubringen! Ich hörte noch, wie Mr. Weasley sagte: „Also gut, Molly. Ich werde es ihm morgen sagen.“ Dann machte ich mich aus dem Staub. Ich wartete einige Minuten oberhalb der Treppe, bis ich Schritte hörte. „Liv?“, hörte ich Harry fragen. „Harry, hast du das gehört?“, fragte ich mit zitternder Stimme. Er nickte. Na, dieses Schuljahr fing ja schon mal gut an!

    6
    6. Kapitel

    Am nächsten Morgen wachte ich schon früh auf, denn ich freute mich schon auf die Fahrt zurück nach Hogwarts. Rasch zog ich mich an und ging dann mit meinem fertig gepackten Koffer die Treppe hinunter. Unten saßen die Weasleys, Harry und Mine am Tisch und frühstückten. Ich setzte mich neben Harry und schmierte mir schnell ein Brot mit Marmelade. Harry stupste mich an und flüsterte, sodass es die anderen nicht hören konnten: „Glaubst du, dass das mit Black wirklich stimmt? Ich meine, dass er mich umbringen will.“ Ich hätte Harry jetzt gerne aufgemuntert und ihm versichert, dass ich das Ganze für ein Gerücht hielt. „Ich weiß nicht.“, murmelte ich. „Über was redet ihr?“, fragte Ron. „Später“, antworteten Harry und ich wie aus einem Mund, denn alle anderen waren mit dem Frühstück fertig und stapelten ihre Koffer neben der Tür. Rasch gingen ich hinüber und legte meinen Koffer neben den von Mine. Natürlich herrschte ein heilloses Durcheinander. Hedwig und Hermes, Percys Eule, herrschten über dieses Chaos. Aus einem großen Weidekorb erklang ein lautes Fauchen. „Ich glaube, dein Kater mag es gar nicht, eingesperrt zu sein“, machte ich Mine darauf aufmerksam. Sie ging mit hastigen Schritten hinüber zum Korb. „Schon gut, Krummbein. Im Zug kannst du dann raus“, sagte sie zärtlich. Harry war hinter mir aufgetaucht und sagte: „Du redest mit ihm ja wie mit einem Kleinkind.“ Ich strafte Harry mit einem kalten Blick. Sah er nicht, dass Mine in diesem Kater wirklich etwas besonderes sah? „Bloß nicht!“, blaffte Ron. „Und warum nicht?“, fragte ich kalt. Immerhin hatte ich das von meinem Vater gelernt. Eiskalt zu sein, wenn’s drauf ankam! „Was soll denn dann aus dem armen Krätze werden?“, meinte Ron verbittert. Ich antwortete nicht und drehte mich um.

    Mr. Weasley, der draußen auf die Autos vom Ministerium gewartet hatte, steckte nun seinen Kopf durch die Tür. „Kommt, Kinder. Sie sind da!“ Alle nahmen ihre Koffer und traten durch die Tür. Vor uns standen drei riesige, schwarze Autos. Mr. Weasley stand angespannt auf der Straße und blickte hektisch hin und her. Harry hatte es auch bemerkt. Ron war schon in einen Wagen eingestiegen. Harry und ich gingen hinterher. Ein Zauberer hielt uns die Tür auf Harry half mir hinein. Zu meinem Leidwesen folgte uns Percy. Die Fahrt war recht ereignislos. Ron versuchte seinen Blick nicht auf Percy schweifen zu lassen, Harry sah aus dem Fenster, oder eher gesagt, ins Leere, denn die Fenster waren schwarzgetönt und ich spielte mit meinen Locken. Percy quasselte uns mit seiner „Verantwortung als Schulsprecher“ voll, doch keiner hörte zu. Am Bahnhof angekommen holte Mr. Weasley die Gepäckwagen. Nachdem das Gepäck verstaut war, verabschiedeten sich die Zauberer des Ministeriums mit einem Nicken und verschwanden. Mr. Weasley sagte: „Am Besten gegen wir immer zu zweit.“ „Wir gehen zuerst“, meinte Harry und reichte mir seine Hand. Ich nickte. Als keine Muggel hinsahen, nahmen wir unseren ganzen Mut zusammen und rannten durch die Mauer zwischen Gleis 9 und 10. Im nächsten Moment standen wir auf dem Gleis neundreiviertel und sahen die wieder die scharlachrote Lok vor uns. Hinter uns kamen Mine und Ron durch die Wand, dann Fred und George, Ginny und Percy und als Abschluss Mr. und Mrs. Weasley. „Ah, da ist ja Penelope.“, sagte Percy, richtete seine Kleidung und ging mit geschwellter Brust auf ein braunhaariges Mädchen zu. „Wie lächerlich man sich doch machen kann“, meinte ich kopfschüttelnd, während Ron und Harry grinsen mussten.

    Zusammen stiegen wir in den Zug ein und suchten uns ein Abteil. Am hinteren Ende des Zuges fanden wir ein Abteil, das uns zuerst leer erschien. Doch dann entdeckte ich in der Ecke einen Mann, der seinen Kopf schlafend auf die Seite gelegt hatte. „Seht mal“, sagte ich leise und deutete auf den unbekannten Mann. „Sollen wir uns hineinsetzen?“, fragte Mine unsicher. Ron nickte. „Wenn wir noch weiter gehen, fallen mir gleich die Füße ab!“ Lachend setzten wir uns in das Abteil. „Mich würde nur interessieren, wer er ist.“, meinte Harry und deutete mit einem Kopfnicken auf den Mann. Ich grinste. „Er heißt R. J. Lupin.“ „Woher weißt du das, Liv?“, fragte Ron verwundert. „Ganz einfach“, erwiderte ich. „Es steht auf seinem Koffer.“ Auf dem Koffer des Unbekannten stand die Aufschrift. „Ich glaube, er wird der nächste Professor für Verteidigung gegen die dunklen Künste sein.“, mutmaßte ich. „Ich hoffe, dass er gut ist.“, meinte Harry. „Besser als Lockhart wird er allemal sein“, sagte ich und wir mussten lachen.

    Während der Zugfahrt ging es ruhig zu. Mine las in einem Buch, Harry und Ron unterhielten sich leise und ich beobachtete den Unbekannten. Er hatte hellbraune Haare, die in einen hellen Karamellton übergingen. Ich schätzte ihn auf ein Alter zwischen dreißig und vierzig Jahren. Seine Kleidung war zerissen und schien alt zu sein, doch darauf achtete ich nicht sonderlich. Irgendwie erinnerte er mich an jemanden, ich wusste nur nicht, an wen. Seine ganze Erscheinung kam mir bekannt vor, doch in meinen Erinnerungen fand ich nichts. Ich fragte mich, was er für eine Augenfarbe hatte. Die Augen zeigten an einer Person immer, wie sie sich fühlte. Wieso kam er mir nur so bekannt vor? Mir war, als hätte ich ihn schon irgendwann mal gesehen! Verzweifelt kramte ich in meinen Erinnerungen, doch ich fand nichts. Rein gar nichts.Wie war soetwas nur möglich?

    Ich wurde jäh aus meinen Gedanken gerissen, als der Hogwarts-Express mit einem Ruck stehen blieb und es stockdunkel wurde. „Was ist denn jetzt los?“, fragte ich panisch. Ich hörte, wie in der Finsternis die Tür aufgerissen wurde und jemand hereinkam. „Leute, seid ihr hier?“, hörte ich Ginny fragen. „Ginny!“, rief ich erleichtert. „Ja, wir sind hier!“ „Ich habe Neville mitgebracht. Macht mal bitte Platz!“ Ich hörte, wie Ron wütend rief: „Wer von euch hat mir gerade ins Gesicht gefasst?“ „Entschuldige Ron, das war ich“, hörte ich Neville. „Achtung, Hermine-...“, rief Ginny. „Vorsicht!“, schrie ich, denn jemand stolperte gerade auf mich zu. „Ich bin’s nur“, hörte ich Harry. Plötzlich bemerkte ich, wie ein Flackern zu sehen war. Im nächsten Moment ging das Licht wieder an. Ich musste erst blitzeln, bis meine Augen das ganze Bild wieder aufnahmen. Auch Neville und Ginny saßen nun im Abteil und der Mann schlief immer noch. Doch irgendetwas war anders. Ich trat hinüber zum Fenster und legte meine Hand gegen die Scheibe, um nach draußen zu sehen. Doch kaum hatte meine Hand das Glas berührt, bildeten sich kleine Eiskristalle, die sich sofort über die gesamte Scheibe ausbreiteten. „Leute...“, flüsterte ich. Alle drehten sich zu mir herum und entdeckten die vereiste Scheibe. Und auf ein Mal war mir, als würde alles Glück aus mir gesogen werden. Alles wurde eisig kalt und ich hatte das Gefühl, nie wieder glücklich sein zu können. Ich hörte, wie etwas die Tür zum Abteil aufschoben wurde und eine schwarze, lange Hand mit dünnen Fingern erschien. Die Hand konnte nicht menschlich sein, da war ich mir sicher.

    Eine große, in einen Kaputzenumhang gehüllte Gestalt erschien. Ich hörte seine rasselnden Atemzüge und stand immer noch, wie angewachsen, mitten im Abteil. Und nun hörte ich es. Eine lauter Schrei, der mich bis ins Mark erschütterte. Im nächsten Moment war mir, als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen werden und alles wurde schwarz.

    „Liv?“, hörte ich Mines besorgte Stimme. „Liv, komm schon!“ Langsam öffnete ich die Augen. „Was ist passiert?“, fragte ich leise. „Du...Du bist einfach umgekippt, als der Dementor reinkam.“ Sie half mir hoch und ich setzte mich auf meinen Platz. „Dementor?“, fragte ich. „Schreckliche Kreaturen, die alles Glück und Freude aus dir heraussaugen und dir die Seele aussaugen können.“ R. J. Lupin hatte gesprochen. Kurz sah er mich überrascht an, dann sagte er: „Iss ein wenig Schokolade!“ Er reichte mir ein Stück und ich biss etwas davon ab. Sofort begann mein Körper sich wieder aufzuwärmen. „Bist du auch ohnmächtig geworden?“, fragte Harry. Ich nickte. „Ich habe eine Person schreien hören.“, meinte ich verwirrt. „Ich habe eine Frau schreien hören. Ich glaube, es war meine Mutter.“, sagte Harry unruhig. Ich fasste mir an den Kopf. „Wir haben nichts gehört“, sagte Neville und Mine schüttelte den Kopf. Wieso hatte ich diese Stimme denn überhaupt gehört? Wie konnte das sein? Der Mann namens Lupin stand auf und ging zur Tür. „Ich muss nach vorne zum Lokführer und überprüfen, ob alles in Ordnung ist.“ Dann verschwand er. „Was hatten die Dementoren eigentlich in diesem Zug zu suchen?“, fragte ich. Mine erklärte: „Sie haben nach Black gesucht.“ „Oh...Und was ist passiert, als wir ohnmächtig wurden?“, fragte ich. „Na ja. Als der Dementor hereinkam, bist du immer noch mitten im Raum gestanden und plötzlich umgekippt. Auch Harry ist im Sitz zusammengesackt und Lupin hat ein helles Licht aus seinem Zauberstab heraufbeschworen. Der Dementor ist sofort verschwunden.“ Ich nickte. Ich hoffte, einem solchen Dementor nie wieder begegnen zu müssen.

    Die weitere Fahrt verlief reibungslos. Wir waren alle recht schweigsam und bald waren wir am Bahnhof von Hogsmeade angelangt. Rasch drängten wir uns mit unseren Koffern aus dem Zug und machten uns auf den Weg zu einer der Kutschen. Ich sah diese seltsamen „Pferde“, doch mir fiel auf, dass Mine, Ron und Harry gar nicht auffiel, dass sie direkt vor ihrer Nase standen. Es war, als wären sie für die drei unsichtbar. Die Fahrt in der Kutsche verging schweigend. Als wir die Stufen zur Eingangshalle emporstiegen, hörte ich eine mir allzu bekannte Stimme: „Ooh, Potter, bist du in Ohnmacht gefallen? Stimmt es, was Longbottom rumerzählt?“ Ich erkannte Dracos spöttische Stimme nur zu gut und mein Herz tat einen kleinen Satz. Einerseits war ich ich froh, ihn wieder zu sehen, doch andererseits hatte er wieder seine übliche Maske aufgesetzt. Er spielte die Rolle des verzogenen, arroganten, besserwisserischen Slytherin wirklich perfekt. Ich bemerkte, wie Draco mir einen kurzen Blick zuwarf, was meinen Freunden aber nicht auffiel. „Lass uns in Ruhe, Malfoy!“, zischte Harry. „Potter, gibst du dich immer noch mit dem Blutsverräter, dem Schlammblut und dem Singvogel ab?“, fragte er höhnisch. Mit dem „Singvogel“ meinte er ganz offensichtlich mich, doch irgendwie hatte ich das Gefühl, dass das mehr ein Kompliment als eine Beleidigung war. Ich verdrehte scheinbar genervt meine Augen und hoffte, dass mir meine Freunde das abnahmen. „Hau ab, Malfoy!“, brummte Ron. Draco grinste jedoch nur verächtlich. „Na, Weasley, bist du auch ohnmächtig geworden, weil du Angst vor den bösen Dementoren hattest?“ Er lächte höhnisch. Ich sagte nichts und glücklicherweise sah mich Draco nicht erneut an. „Gibt es hier ein Problem?“, hörte ich die freundliche Stimme von Professor Lupin. Ich drehte mich um und meinte: „Keinerlei Probleme, Professor.“ „Wie du meinst.“, sagte er an mich gewandt. Er lächelte mir zu und ging dann davon. Wieso kam mir dieses Lächeln nur so bekannt vor? Ich war mir so sicher, dass ich es schon mal gesehen hatte, ich war mir nur nicht mehr sicher, wo! Diese Tatsache machte mich beinahe wahnsinnig, doch Professor McGonagalls Stimme riss mich aus meinen Gedanken. „Granger! Potter! Kommen Sie bitte mit mir!“, sagte die Lehrerin und bedeutete ihnen, ihr zu folgen. Verwirrt folgten Mine und Harry ihr, doch Ron und ich zuckten nur mit den Schultern. „Gehen wir in die Große Halle!“, schlug ich vor und Ron nickte. „Ich hab schon wieder Hunger.“ Ich musste bei diesem Satz kichern.

    Während der Einteilung der Erstklässler hörte ich überhaupt nicht zu, sondern war in meine Gedanken versunken. Ich hatte mich so an den Gryffindortisch gesetzt, dass ich Draco am Slytherintisch in die Augen sehen konnte. Mir war, als würden wir uns seit Stunden ansehen. Diese grauen Augen faszinierten mich einfach und Ron hatte nichts bemerkt, denn er wartete immer noch ungeduldig auf Harry und Mine. Als der Hut die letzte Schülerin, Zeller Rose („GRYFFINDOR!“), eingeteilt hatte, lächelte Draco mir zu und deutete mit einem unscheinbaren Kopfnicken hinüber zum Lehrertisch. Dort stand Dumbledore gerade auf, um seine Rede zu halten. Harry und Hermine waren inzwischen von der Besprechung mit McGonagall zurückgekommen und hatten sich neben mich gesetzt. Dumbledore räusperte sich: „Willkommen zu einem neuen Jahr in Hogwarts! Ich habe euch Einiges mitzuteilen und da etwas sehr Ernsthaftes dabei ist, will ich gleich damit beginnen. Ich halte es für das Beste, gleich damit herauszurücken, denn nach unserem herrlichen Festmahl werdet ihr sicher etwas bedröppelt sein.“ Unkontrolliert wanderte mein Blick dabei zu Ron. „Wie ihr mitbekommen habt, ist der Hogwarts-Express von den Dementoren nach Sirius Black durchsucht worden. Nun, ihr müsste wissen, dass unsere Schule gegenwärtig einige Dementoren von Askaban beherbergt, die im Auftrag des Zaubereiministeriums hier sind.“ Unruhiges Getuschel breitete sich in der ganzen Halle aus. Auch Draco am Slytherintisch schien diese Ankündigung nicht zu gefallen. „Sie sind an allen Ausgängen des Geländes postiert und ich muss euch klar machen, dass niemand die Schule ohne Erlaubnis verlassen darf, während sie hier sind. Dementoren dürfen nicht mit Tricks oder Verkleidungen zum Narren gehalten werden - nicht einmal mit Tarnumhängen. Es liegt nicht in der Natur eines Dementors, Bitten und Ausreden zu verstehen. Ich mahne daher jeden einzelnen von euch: Gebt ihnen keinen Grund, euch Leid zuzufügen. Ich erwarte von den Vertrauensschülern und unserem neuen Schulsprecherpaar, dass sie dafür sorgen, dass kein Schüler einem Dementor in die Quere gerät.“ Percy reckte wichtigtuerisch das Kinn. „Und nun zu etwas Angenehmeren: Es freut mich, dieses Jahr zwei neue Lehrer begrüßen zu dürfen. Zuerst Professor Remus Lupin, der freundlicherweise die Stelle des Lehrers für Verteidigung gegen die dunklen Künste übernehmen wird.“ Es folgte Beifall, ich klatschte besonders heftig. „Nun zu unserer zweiten Neuernennung. Nun, es tut mir Leid, euch sagen zu müssen, dass Professor Kesselbrand, der Professor für Pflege magischer Geschöpfe, in den Ruhestand geht. Ich darf nun als seinen Nachfolger Rubeus Hagrid herzlich willkommen heißen.“ Die Gryffindors klatschten fröhlich, Ravenclaws und Hufflepuff klatschten höflich und die Slytherins wirkten überhaupt nicht begeistert. Nachdem wieder Ruhe eingekehrt war, sagte Dumbledore: „Bevor wir mit dem Festessen beginnen, erfreut uns der Schulchor mit einem Lied unter der Leitung von Professor Flitwick.“ Harry, Mine und Ron grinsten mir zu und Harry flüsterte: „Du machst das schon!“ Ich nickte und ging mit den anderen Chormitgliedern nach vorne, wo Flitwick gerade mit seinem Zauberstab aus dem Boden einige Stufen heraufbeschworen hatte, auf die wir uns stellten. Diesmal stand ich in der Mitte, sodass mich alle sahen. Professor Flitwick gab mit seinem Zauberstab den Takt vor. Alle zusammen setzten wir an und das Lied schwoll mit jedem Ton weiter an. Das diesjährige Lied zum Beginn gefiel mir besonders gut. Es handelte von Zusammenhalt und der Kraft, mit der man alles schaffen konnte. Auch in diesem Stück hatte ich ein Solo, das jetzt gleich begann. Flitwick nickte mir zu und ich schloss kurz meine Augen. Vergaß die erwartungsvollen Gesichter, die Gesichter von Harry, Ron, Mine und Draco. Es war, als könnte ich Magie bis in meine Fingerspitzen fühlen, als wäre ich durch reine Magie verbunden. Musik war Magie. Alles um mich herum war Musik. Mir war, als begänne sich alles zu drehen. Nichts war mehr wichtig. Nichts mehr; nichts außer Musik. Musik war Magie. Ich war Magie. Und diese Erkenntnis brachte mich zum lächeln. Ich hatte nur eine Zehntelsekune die Augen geschlossen, doch mir war, als hätte ich schon ewig auf diesen Moment gewartet. Ich holte tief Luft und sang. Sang; zeigte meine Magie. Meine Art von Musik. Ich nahm nichts um mich herum mehr war. Alles was zählte war, dass ich sang. In meinem Teil ging es um den einzigartigen Zusammenhalt von Himmel und Erde, Sonne und Mond, Nacht und Tag. Jedes Wort betonte ich anders, ließ alles zu reiner Magie verschmelzen, bis ich das Lied schließlich mit einem tiefen C beendete. Eine Sekunde war es unheimlich still, doch dann brach ohrenbetäubender Applaus über mich herein.

    Ich errötete und setzte mich schnell wieder auf meinen Platz. Ich starrte auf die Tischoberfläche und wollte nicht in die begeisterten Gesichter der anderen sehen. „Du warst heute echt perfekt“, lobte Mine. „Ich meine...sonst bist du auch gut, aber heute hast du dich wirklich selbst übertroffen.“ Ich lächelte. „Danke, Mine.“ Rons Mund stand immer noch offen vor Erstaunen und ich sagte scherzhaft: „Mund zu, Ron, ansonsten fliegt noch eine Fliege rein!“ Augenblicklich klappte er den Mund wieder zu. „Du warst unglaublich, Liv! Heute hast du alle anderen in den Schatten gestellt!“, meinte Harry. Ich merkte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg und ich verlegen auf die Seite sah. Über Harrys Lob freute ich mich sehr, so sehr, dass es in meiner Brust brannte.

    Dracos Sicht:
    Vias Gesang war wie immer wundervoll, doch etwas war anders. Mir war, als wäre zwischen ihr und mir eine magische Verbindung, während sie sang. Via hatte etwas an sich, das mich fesselte. Ihre Stimme klang wie eine gesummte Melodie, ihr Lachen war glockenhell und immer, wenn ich sie sah, musste ich lächeln. Ich sah, wie Via sich zurück zu Potter setzte und das Schlammblut auf sie einredete. Ich sah, wie sie lächelte und ihre Wangen sich rot färbten, als Potter ihr scheinbar ein Kompliment machte. Seltsamerweise bemerkte ich, wie in mir etwas aufflammte. Ich wusste nicht, was es war. Ich wusste nur, dass es weh tat.

    Olivias Sicht:
    „Nun, beginnen wir mit dem Festessen“, rief Dumbledore und sofort erschienen in den leeren Schüsseln und auf den leeren Platten allerlei Köstlichkeiten. Ron griff mit beiden Händen zu und schaufelte sich Fleischpasteten, Kartoffeln und Chicken Wings auf den Teller. Vorsichtig griff ich nach einem Krug mit Kürbissaft und schenkte mir ein Glas ein. Das Essen in Hogwarts war wirklich super. Ich nahm mir ein Stück Braten und dazu Kartoffelecken. In meinem Freundeskreis konnte man wirklich Unterschiede in der Essweise erkennen. Ron stopfte sich alles in den Mund, Harry langte ebenfalls kräftig zu, Mine aß langsam und mit Sorgfalt, während ich elegant Messer und Gabel in den Händen hielt. Auf die unterschiedlichen Nachspeisen freute ich mich immer an meisten. Darunter befanden sich beispielsweise Yorkshire-Pudding, Harrys geliebte Siruptorten, riesige Schüsseln mit Schokoladen- und Vanillepudding, Eiscreme und einen besonders leckeren Schokoladenkuchen, den ich am liebsten aß. Außen war er mit Schokoladencreme verziert, innen war locker und fluffig und enthielt einen leckeren, flüssigen Schokoladenkern, der auseinanderfloss, sobald man den Kuchen anschnitt. Von außen wirkte ich glücklich und zufrieden, doch in mir drin spielte sich gerade ein Sturm aus Gefühlen ab. Ich war besorgt wegen den Dementoren, die jetzt das Gelände bewachten, dieses seltsame Gefühl, das sich in mir abgespielt hatte, als ich gesungen hatte und Professor Lupin, der mir so vertraut vorkam. Ich sah hinüber zum Lehrertisch und bemerkte grinsend, wie Snape Lupin mit einem Todesblick bedachte, der noch schlimmer war, als der für seinen Vorgänger. In diesem Moment drehte sich Professor Lupin und schenkte mir ein freundliches Lächeln. Auch Snape bemerkte mich und warf Lupin einen weiteren Todesblick zu. Ich lächelte belustigt und zeigte mit meinem Kopf leicht hinüber zu Snape. Lupin bemerkte es, sah mit einem kurzen Augenaufflackern zu Snape hinüber und sein Lächeln wurde zu einem breiten Grinsen. Kopfschüttelnd lächelte und wandte mich wieder meinem köstlichen Kuchen zu.

    Nachdem alle satt und zufrieden auf ihren Plätzen saßen, schickte Dumbledore uns ins Bett. „Was wollte Professor McGonagall eigentlich von euch?“, fragte ich Harry und Hermine, als wir zu viert aus der Großen Halle traten. „Sie wollte mich in den Krankenflügel schicken, weil ich ohnmächtig geworden bin.“, sagte Harry und verdrehte die Augen. „Mit mir hat sie nur etwas wegen meinem Stundenplan besprochen“, sagte Mine rasch. „Wieso weiß eigentlich keiner, dass ich auch ohnmächtig geworden bin? Immerhin hat Dra-...äh Malfoy nichts davon gesagt und McGonagall hat auch nur dich in den Krankenflügel geschickt, Harry.“ Ich musste mich zusammenreißen, denn fast hätte ich Draco beim Vornamen genannt und wir hatten uns im Sommer darauf geeinigt, unseren Freunden nichts zu erzählen, was aus meiner Sicht äußerst vernünftig war, denn ich wollte nicht wissen, wie Harry reagiert hätte, wenn er gewusst hätte, dass sein Erzfeind mit seiner besten Freundin befreundet war. „Vermutlich hat Neville einfach seine Klappe gehalten.“, vermutete Ron und damit war das Thema vom Tisch. In der Eingangshalle trafen wir auf Hagrid. „Herzlichen Glückwunsch, Professor.“, sagte Harry grinsend. „Danke, ihr vier. Als Professor Kesselbrand seinen Entschluss mitteilte, hat Dumbledore sich sofort an mich gewandt. Das war immer mein größter Traum. Ich, als Lehrer!“, brummte er und wischte sich kurz einige Freudentränen aus dem Gesicht. „Du wirst das klasse machen, Hagrid!“, sagte ich zuversichtlich. „Oh“, fiel Hagrid ein, „Übrigens, deine Stimme war mal wieder unglaublich, einfach nur unglaublich.“ „Danke, Hagrid.“, sagte ich, doch wir kamen nicht dazu, noch mehr zu reden, denn Professor McGonagall verscheuchte uns aus der Halle. Wir schlossen uns den anderen Gryffindors an und machten uns auf den Weg zum Gemeinschaftsraum. Vor dem Porträt der Fetten Dame hatte sich mittlerweile ein kleiner Stau gebildet. „Ich komme schon! Das neue Passwort ist >Fortuna Major<!“ Es war Percy, der angehastet kam. Wir kletterten durch das Porträtloch und fanden den gemütlichen Gryffindorgemeinschaftsraum vor. „Gute Nacht, Jungs!“, rief ich Harry und Ron zu, dann gingen Mine und ich in den Mädchenschlafsaal. Eine Viertelstunde später lagen wir beide in unseren Betten und schliefen tief und fest.

    7
    7. Kapitel

    Alles war dunkel, stockdunkel. Verwirrt sah ich mich um. Wo war ich? Doch plötzlich erschien ein Scheinwerferlicht und ich wusste, irgendetwas Wichtiges war im Licht. Als ich darauf zuging, entdeckte ich, dass in der Mitte des Lichts ein kleiner Tisch stand. Ich ging näher darauf zu und sah auf die Tischplatte. Darauf lag mein Mond-Medaillon. Wie seltsam. Doch irgendetwas war anders. Vorsichtig streckte ich die Hand nach dem Anhänger aus und ließ die Kette durch die Finger gleiten. „Das soll dich immer daran erinnern, wer du bist. Es gibt immer einen Ausweg, genauso sicher, wie, dass auf den Mond die Sonne folgen wir.“ Erschrocken zuckte ich zusammen. Die Stimme, die gesprochen hatte, klang so hübsch wie eine Melodie und sie kam mir seltsam bekannt vor. Doch es war, als wäre die Erinnerung an diese Stimme schon lange verblasst. Ich drehte mich um und hörte kurz auf zu atmen. Vor mir stand eine junge Frau, etwa zwanzig Jahre alt mit dunklen Haaren, strahlend grünen Augen und einem leichten Lächeln. Ich hatte sie schon einmal gesehen, im Spiegel Nerhegeb, in meinem ersten Schuljahr. Sie sah mir so ähnlich und leise fragte ich: „Mum?“ Sie nickte. Sie kam auf mich zu und strich mir mit ihrer rechten Hand durchs Haar. „Wie groß du geworden bist“, flüsterte sie und lächelte traurig. Ich löste mich von ihr und sah sich an. Sie sah mir sehr ähnlich. Unsere Haare hatten fast denselben schokoladigen Ton und unsere Augen war absolut identisch. „Du bist ihm so ähnlich“, meinte Mum. Dies war meine Chance. Hier und jetzt hätte ich sie fragen können, wer mein Vater war, doch ich tat es nicht. Ich wusste nicht, was mich davon abhielt. Mein ganzes Leben lang hatte ich nie einen Vater gehabt, der mich grenzenlos unterstützte, der mich liebte, so wie ich war. Doch plötzlich bemerkte ich, wie meine Mum immer durchsichtiger wurde. Erstickt schrie ich auf, doch Mum lächelte nur traurig. „Mum, wer ist es?“, fragte ich, als sie immer transparenter wurde. Sie machte den Mund auf, doch ich hörte nichts mehr, denn jemand rüttelte mich und rief laut: „Liv! Aufstehen!“ Ich streckte meine Hand verzweifelt nach Mum aus, doch sie verschwand und löste sich Luft auf.

    Erschrocken fuhr ich aus dem Schlaf auf. Mine stand neben meinem Bett und rüttelte mich. „Morgen, Liv!“ „Morgen, Mine“, antwortete ich. „Ist was mit dir?“, fragte sie, denn offensichtlich machte ich auf sie einen verwirrten Eindruck. Ich schüttelte mich kurz, dann sagte ich: „Nein, nein...Alles in Ordnung.“ „Wie du meinst. Ich wollte dich nur wecken, damit wir frühstücken gehen können.“ Ich nickte, stand wortlos auf und zog die Schuluniform an. Wie immer bestand sie aus einem Hemd, dem grauen Rock, der bis zu den Knien reichte, den Kniestrümpfen, die ebenfalls grau waren, den schwarzen Schuhen, der Krawatte, in den Farben von Gryffindor (scharlachrot und gold) und dem schwarzen Umhang, auf dem das Wappen von Gryffindor eingestickt war. Danach ging ich ins Bad und kämmte meine Haare, was damit endete, dass sie in sanften Locken über die Schultern fielen. Aus dem hinteren Teil meiner Haare flocht ich vier kleine Zöpfchen, die ich zusammenband. Rasch putzte ich mir meine Zähne und holte meine Tasche. Dann ging ich zusammen mit Mine hinunter zum Frühstück. Wie schon gesagt, das Essen in Hogwarts war super. Ron und Harry saßen schon am Tisch und frühstückten. Ich setzte mich neben Harry und nahm mir etwas Müsli. Mine las schon wieder in einem Buch, Ron stopfte sich mit Toasts voll und Harry stupste mich an. „Sieh mal.“, sagte er. Mein Blick fiel auf den Tisch der Slytherins. In einer Traube von Slytherins entdeckte ich Draco. Alle grölten. „Was ist denn da los?“, fragte ich neugierig. „Malfoy findet es lustig, Harry darzustellen, wie er in Ohnmacht gefallen ist.“, knurrte Ron. Ich verdrehte genervt die Augen. „Wie im Kindergarten.“, sagte ich und schüttelte den Kopf. „Hier, die neuen Stundenpläne“, meinte George und reichte mir die Blätter. „Und vergesst Malfoy einfach“, fügte Fred hinzu. „Gestern im Zug war er nämlich nicht so dreist. Da ist er in unser Abteil gerannt und hat sich fast nass gemacht.“ „Das hätte ich zu gerne gesehen“, sagte Ron und grinste. Ich zwang mir ein Lächeln auf das Gesicht. „Mir war auch nicht wohl...schreckliche Ungeheuer“, erinnerte sich George. „Lassen dir die Eingeweide einfrieren“, meinte Fred. Ich studierte meinen Stundenplan, um nicht mitreden zu müssen. Diese Dementoren machten mir irgendwie Angst. Immerhin konnten sie Menschen ihre Seelen aussaugen, und das bedeutete, dass diese Menschen dann nur noch eine leere Hülle sind; zu einem Leben in ewiger Traurigkeit verdammt. „Fred, weißt du noch, als Dad nach Askaban musste? Er sagte, es wäre der schlimmste Ort auf Erden.“, sagte George schaudernd. „Was machen Dementoren?“, fragte Ron. „Sie saugen alle Freude und Glück aus deinem Körper.“, murmelte ich und sah wieder wie gebannt auf den Stundenplan. „Aber Malfoy wird das Lachen schon vergehen. Spätestens beim ersten Quidditchspiel: Gryffindor gegen Slytherin“, sagte Harry. Ich nickte, doch war mit meinen Gedanken nicht anwesend. „Besonders, wenn du ihm mal wieder den Schnatz vor der Nase wegschnappst“, meinte Ron und ich kicherte leise. Mine sah ebenfalls auf den Stundenplan und sagte begeistert: „Ach gut, wir fangen mit ein paar neuen Fächern an.“ Ich blickte auf ihren Stundenplan und fragte verwirrt: „Mine, was hast du denn alles gewählt? Du hast mindestens zehn Fächer pro Tag.“ „Das schaffe ich alles. Es ist schon alles mit Professor McGonagall geregelt.“ „Aber sieh doch mal hin. Um neun Uhr Wahrsagen, Muggelkunde und Arithmantik! Wie willst du denn in drei Klassenräumen gleichzeitig sein?“ „Red doch keinen Unsinn, Liv. Man kann doch nicht in drei Unterrichtsfächern gleichzeitig sein.“ Dann wandte sie sich um und ich zuckte nur mit den Schultern. Plötzlich stupste Ron mich an. „Sieh mal, Liv. Lupin und Snape starren dich an.“ Verwundert sah ich zum Lehrertisch. Und tatsächlich! Beide Lehrer starrten mich an und hatten ihr Frühstück offenbar ganz vergessen. Als die beiden bemerkten, dass ich sie verwundert ansah, lächelte Lupin mich an und Snape wandte sich rasch ab. Ich erwiderte Professor Lupins Lächeln und drehte mich wieder zu meinen Freunden. „Snape und Lupin haben einen Narren an dir gefressen“, sagte George grinsend. „Das wird langsam gruselig“, murmelte Harry und Fred sagte scherzhaft: „Vielleicht haben sich die beiden in dich verliebt.“ Ich verdrehte belustigt die Augen und knurrte: „Jungs!“ „Wir sollten uns mal auf den Weg in den Nordturm zu Wahrsagen machen“, meinte Mine, klappte ihr Buch zu, in dem sie gelesen hatte, und stand auf. Ich nickte und nahm meine Sachen. Als wir am Lehrertisch vorbeigingen, sahen wir Hagrid auf uns zukommen. „Na, alles klar bei euch? Ihr sitzt in meiner allerersten Stunde! Gleich nach dem Mittagessen...Bin schon seit fünf Uhr wach und bereite alles vor...Nicht zu fassen...Ich und Lehrer.“ Dann verabschiedete er sich von uns und verschwand aus der Großen Halle. Ich sah kurz hinüber zum Slytherintisch und entdeckte Draco, der gerade wieder Harrys Ohnmacht vorspielte. In dem Moment sah er auf und erblickte mich. Ich schenkte ihm ein kaum sichtbares Lächeln und folgte meinen Freunden. Dass mir Draco nachsah, bis ich die Große Halle verlassen hatte, bekam ich nicht mit.

    „Das ist doch nicht möglich! Wir gehen jetzt seit über zwei Jahren auf diese Schule und waren noch nie im Nordturm!“, schimpfte ich, denn wir suchten seit zwanzig Minuten den Unterrichtsraum für Wahrsagen. Wir waren alle schon ziemlich genervt und mir kam es vor, als wären wir schon dreimal im Kreis gegangen. „Gibt es denn keine Abkürzung?“, keuchte Ron, als wir in einen weiteren verlassenen Gang gelangt waren und nun vor einer Abzweigung standen. „Ich glaube hier geht es lang“, sagte Mine und zeigte nach rechts. Ich stöhnte genervt auf. „Und spielen wir bei der nächsten Abzweigung >Schere, Stein, Papier<?“ „Hier ist nichts, außer ein hässliches Bild mit einer grünen Wiese.“, beschwerte sich Harry. „Sieh an!“, hörte ich jemanden rufen und drehte mich geschockt um. Im Bild war ein Ritter und ein braungeschecktes Pferd aufgetaucht. „Was sind das für Schurken, die in meine Ländereien eingedrungen sind?“, sprach der Ritter. „Der ist doch definitiv mehrmals auf den Kopf gefallen“, flüsterte Ron mir zu und ich nickte. Ich sah, wie der Ritter mit seinem Schwert herumfuchtelte, was einfach nur lächerlich aussah. Da das Schwert fiel zu lang für ihn war stolperte er und fiel prompt, mit dem Gesicht nach vorne, ins Gras. „Haben Sie sich was getan?“, fragte Harry. Doch diese Chance nutzte ich und fragte den Ritter zuckersüß: „Hören Sie, wir sind auf den Weg in den Nordturm, wissen aber nicht, wo wir lang gehen müssen. Könnten Sie uns vielleicht helfen?“ Ich setzte meinen herzerweichenden Blick auf und offensichtlich brachte das den Ritter aus der Fassung. „Aber natürlich, hübsche Dame.“ Ich lächelte, auch wenn Harry und Ron etwas zweifelnd aussahen. „Wie hast du ihn denn so schnell willig gemacht?“, fragte Ron. Ich grinste. „Man muss man einfach nur nett fragen, dann bekommt man alles, was man will.“ Offenbar hatte diese Methode gewirkt, denn der Ritter rief: „Folgt mir, werte Freunde. Wir werden unser Ziel finden, oder aber kläglich untergehen.“ Bei diesen Worten versuchte er auf sein Pferd zu steigen, worin er allerding kläglich versagte und deshalb beschloss, zu Fuß zu gehen. „Zu Fuß, werte Herren und edle Damen. Auf geht’s!“ Er rannte durch die die Porträts nach oben und wir folgten augenblicklich. Immer wieder erschien er in anderen Gemälden, worüber sich deren Abgebildeten, mal nett ausgedrückt, wenig freuten. „Wir fragen nie wieder ein Bild um Rat!“, japste Ron, während wir eine Treppe nach oben rannten. „Lebt wohl“, rief der Ritter, als er seinen Kopf durch das Gemälde eines finster dreinblickenden Mönchs steckte. „Solltet ihr jemals ein edles Herz in einer stählernden Luftröhre brauchen, dann ruft nach Sir Cadogan!“, rief er und verschwand. „Machen wir...“, murmelte Ron, „Falls wir einen Narren brauchen.“ Ich lachte leise auf. „Nie wieder fragen wir DEN um Hilfe!“, brummte Harry, als wir die letzten Stufen nach oben stiegen. „Und wo ist jetzt das Klassenzimmer?“, fragte ich verwirrt. Die anderen waren schon versammelt und Dean machte uns auf eine Falltür in der Decke aufmerksam. Auf einem Schild unter der Falltür stand: „Sibyll Trelawney, Lehrerin für Wahrsagen.“ „Wie sollen wir denn nach oben kommen?“, fragte Hermine verwundert. In diesem Moment öffnete sich die Falltür und eine silberne Strickleiter fiel nach unten. Ich musste grinsen. „So geht’s natürlich auch.“

    Das Klassenzimmer gehörte zu den außergewöhnlichsten, die ich je gesehen hatte. Es war sehr stickig und heiß und erinnerte mich aus einer Mischung aus Dachboden und Teeladen. Über dem Feuer im Kamin in der Ecke hing ein großer Kupferkessel, aus dem widerliche Parfümgerüche aufstiegen. Harry wirkte nicht gerade begeistert. Ich ließ meinen Blick einmal durch das gesamte Zimmer wandern. Die Regale waren überladen mit staubigen Federn, Kerzenstümpfen, Stapel von zerknitterten Spielkarten, dutzende silberne Kristallkugeln und tausende Teetassen. „Hier sollte mal ausgemistet werden“, murmelte Ron. Es erinnerte mich ein wenig an Zaubertränke, den dort schwebten auch überall Gase herum. „Willkommen“, ertönte plötzlich eine rauchige Stimme aus einer Ecke. „Wie schön, euch endlich in der materiellen Welt zu sehen.“ Eine Frau trat aus dem Schatten und im ersten Moment dachte ich, wir würden dieses Jahr in Wahrsagen von einer übergroßen Fliege unterrichtet werden. Die Brillengläser der Professorin vergrößerten ihre Augen nämlich um ein Vielfaches. Tausende Ketten und Ringe schmückten ihren Körper und außerdem trug sie einen silberfarbenen dünnen Schal. „Setzt euch, Kinder.“ In diesem Moment fragte ich mich wirklich, welcher Fluch mich dazu gebracht hatte, Wahrsagen zu wählen. Widerwillig setzte ich mich neben Harry, Ron und Mine um einen kleinen runden Tisch auf rote Sitzpolster. „Willkommen in Wahrsagen“, sagte die Lehrerin und setzte sich in einen Sessel. „Mein Name ist Professor Trelawney. Ihr habt mich wohl noch nie gesehen, denn ich denke, dass der allzu häufige Abstieg und das hektische Treiben in der Schule mein inneres Auge trübt.“ Einige Slytherins lachten ungehalten, doch Professor Trelawney schien es gar nicht zu bemerken. „Nun“, fuhr Professor Trewlaney fort, „Ihr habt euch für Wahrsagen, das schwierigste aller magischen Wahlfächer, entschieden. Doch ich muss euch warnen: Wer das innere Auge nicht besitzt, dem kann ich die Kunst des Wahrsagen nicht lehren. Bücher helfen uns da nicht weiter.“ Meine Augen wanderten, genauso wie die von Ron und Harry sofort zu Mine, die vollkommen bestürzt wirkte. „Viele begabte Hexen und Zauberer sind dennoch unfähig, in die verschleierten Geheimnisse der Zukunft zu dringen.“ Und jetzt fragte ich mich, wie solche Leute Lehrer werden können. „In diesem Jahr lernen wir die Anfangsgründe des Wahrsagens. Im ersten Quartal deuten wir Teeblätter, im Zweiten behandeln wir das Handlesen. Übrigens, meine Liebe, halte dich von einem rothaarigen Mann fern.“, sagte sie zu Parvati, die sofort zu Ron sah und ein Stück von ihm wegrückte. Wer hatte denn bitte vor Ron Angst? Sie sollte sich lieber vor Fred und George in Acht nehmen! Bei diesem Gedanken musste ich schon wieder grinsen. „Im Sommerquartal werden wir uns der Kristallkugel zuwenden - wenn wir bis dahin mit den Feueromen fertig sind. Dann wird der Unterricht leider im Februar durch eine Grippewelle unterbrochen werden. Ich selbst werde meine Stimme verlieren. Und an Ostern wir einer der hier Versammelten für immer von uns gehen.“ Beunruhigende Stille trat in den Raum ein. Ich verdrehte die Augen. Wer glaubte denn an sowas? „Würde es dir etwas ausmachen, mir die große, silberne Teekanne zu geben?“, fragte sie Lavender, die sie ihr sofort brachte. Na endlich ging der Unterricht los!

    „Holt euch alle eine Tasse und lasst euch von mir den Tee einfüllen. Und du, Junge...“. Sie deutete auf Neville. „Könntest du bitte, nachdem du die erste zerbrochen hast, eine der blauen Tassen nehmen? An den rosafarbenen hänge ich sehr.“ Schnell standen wir auf, um uns eine Tasse zu holen und uns Tee einschenken zu lassen. Als ich eine blaue Tasse ergattert hatte, hörte ich ein lautes Klirren. Neville hatte seine Tasse zerbrochen. Als wir wieder auf unseren Plätzen saßen, trank ich den Tee. Er schmeckte grässlich, doch ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. „Trinkt, bis nur noch der Bodenansatz übrig ist. Schwenkt die Tasse dreimal mit der linken Hand und stülpt sie auf die Untertasse. Gebt sie eurem Partner zum lesen. Auf den Seiten fünf und sechs könnt ihr sie leicht deuten.“, gab Professor Trelawney als Anweisung. Ich tat, was sie verlangte und gab meine Tasse Mine zum lesen. In Mines Tasse glaubte ich eine Spirale zu erkennen und schlug das Buch auf. „Hier ist eine Spirale in der Tasse, das bedeutet Unsicherheit und daneben ist ein Kreis, das bedeutet Aufgeschlossenheit.“ Mine schüttelte ihren Kopf. „Bei dir erkenne ich gar nichts.“ Sie schob mir die Tasse herüber und ich sah hinein. Harry sah über meine Schulter und deutete auf einen kleinen Fleck am Rand des Tassenbodens. „Das sieht aus wie ein Mond...“ Ron fand meine Tasse scheinbar ebenfalls interessanter, denn er schlug im Buch nach und sagte: „Ein Mond steht für Geheimnisse.“ Ich schluckte. Ich hatte Geheimnisse, das mit meiner Stimme und meine Freundschaft mit Draco waren da wohl die größten. Ich deutete auf einen größeren Fleck in der Mitte. Für mich sah das aus wie ein Herz. „Seht ihr das Herz auch?“, fragte ich. Ron nickte, sagte aber: „Zuerst dachte ich, es wäre ein Pfirsich.“ Lächelnd schüttelte ich den Kopf. „Ein Herz steht für Liebe.“, sagte Harry und schluckte. „Das bedeutet...Du bist heimlich verliebt?“, fragte Harry. „Wa-...Was? Nein!“, sagte ich sofort abstreitend und sah mir als Ablenkung Rons Tasse an. „Hier sieht es aus wie ein Kreuz...“ Ich schlug im Buch nach und sagte dann: „Hier steht, das steht für Prüfungen und Leiden.“ „Und das könnte ne Sonne sein?“, sagte Harry und sah mich fragend an. „Harry, eine Sonne steht für Glück. Tja, Ron wird leiden, aber glücklich sein. Ich glaube, du solltest dein inneres Auge untersuchen lassen, Harry.“ Die Jungs grinsten, doch plötzlich spürte ich, wie mich jemand beobachtete und drehte mich um. Draco saß in einer Ecke mit Crabbe, Goyle und Zabini und starrte mich direkt an. Ich sah ihm in die Augen und schenkte ihm ein Lächeln. Er lächelte ebenfalls leicht, bis Zabini an seinem Arm rüttelte und Draco den Augenkontakt zu mir abbrach. Zabini schenkte mir einen kurzen Blick, dann begann er auf Draco einzureden. Ich war jedoch zu weit entfernt, um zu verstehen, was sie besprachen.

    Dracos Sicht:
    „Was war das gerade?“, zischte Blaise mir zu. „Von was sprichst du?“, stellte ich mich dumm. Seit ich wieder in Hogwarts war, hatte ich Via fast ununterbrochen beobachtet. „Ich rede von Rosier, die du seit gestern Abend ständig ansiehst, wenn sie in deiner Nähe ist!“, sagte er. „Das tue ich überhaupt nicht!“, wehrte ich mich, auch wenn ich wusste, dass er mir das sicher nicht glauben würde. Blaise grinste. „Gefällt sie dir?“ „Was?“, fragte ich. „Du spinnst doch! Die ist eine Gryffindor!“ Hoffentlich glaubte er mir jetzt. Auch wenn seine Worte mich zum nachdenken brachten. Sicher, ich mochte Via, aber empfand ich mehr für sie? Ich war mir nicht sicher... „Gut, es ist auch besser für dich!“, zischte er und wandte sich wieder seiner Teetasse zu.

    Olivias Sicht:
    „Jetzt ich!“, rief Ron, riss mich damit aus meinen Gedanken und schnappte sich Harrys Teetasse. „Hmmm...Sieht aus wie eine Blase, nein, eine Melone...“ „Kann es sein, dass du einfach nur Hunger hast?“, fragte ich. Harry gluckste, doch Ron rätselte weiter. „So sieht es wie eine Eichel aus...Und das könnte ein Pferd sein, nein, ein Schaf...“ Ich kicherte, doch plötzlich kam Professor Trelawney auf uns zu. „Zeig mal her, Junge“, sagte sie vorwurfsvoll und nahm Ron die Tasse ab. Sie starrte sie wie hypnotisiert an und drehte sie einmal im Uhrzeigersinn. „Ein Falke...Du hast einen Todfeind.“, sagte sie unheilverkündend. „Verzeihung, Professor“, sagte ich, „Aber jeder kennt die Geschichte von Harry und Lord Voldemort. Das ist nun wirklich nichts Neues!“ Bei dem Namen „Voldemort“ zuckten alle im Raum zusammen. Bei Merlins Unterhose, das war doch nur ein Name! Trelawney konzentrierte sich wieder auf die Tasse, nachdem sie sich gefangen hatte. „Ein Schlagstock...Ein Angriff...Das aber nun wirklich nicht schön...“ Na klar, es wäre ja auch komisch gewesen, wenn wir einmal ein ganz normales Jahr auf Hogwarts haben könnten! Doch plötzlich fing sie an zu schreien. Erschrocken fuhr ich zusammen und starrte sie an. „Mein armer Junge...mein armer Junge...Ich sollte es besser nicht sagen...“ Ich fragte sie vorsichtig: „Professor, was ist los?“ „Mein Lieber, du hast den Grimm.“, sagte sie an Harry gewandt. „Äh...was ist der Grimm?“, fragte Harry. „Der Grimm. Er ist das Omen des Todes.“ „Für mich sieht es nicht wie ein Grimm aus“, sagte Mine. Ich sah Professor Trelawney an, dass sie Hermine immer weniger leiden konnte. „Meine Liebe, verzeihen Sie, wenn ich das sage, aber ich nehme sehr wenig Aura um Sie herum war. Sehr schlecht für den Blick in die Zukunft.“ Doch dann drehte sie sich um und es war, als würde sie mich das erste Mal richtig ansehen. „Meine Liebe, was geht für eine kräftige Aura von Ihnen aus.“ Ich verstand nicht ganz, was sie meinte. „Wie ich sehe, ist sie rot...Sie sind offenbar sehr leidenschaftlich, aber auch intelligent, mutig...“ Kopfschüttelnd stand sie auf und murmelte dabei immer wieder: „Wie seltsam, wie seltsam...“ Gerade, als ich sie fragen wollte, was denn seltsam sei sagte sie: „Ich denke, für heute ist der Unterricht beendet. Bitte räumt eure Sachen auf.“ Das ließen wir uns nicht zweimal sagen und wir waren die ersten, die wieder die Strickleiter heruntergeklettert waren. Zusammen gingen in Verwandlung und ich war froh, endlich aus diesem Klassenzimmer rauszukommen.

    Im Verwandlungsklassenzimmer zerrte Harry mich mit nach ganz hinten und ich bemerkte die mitleidigen Blicke, die Harry von unseren Mitschülern zugeworfen wurden. Sogar Mine und Ron gehörten dazu, doch ich sagte einfach nichts dazu. Selbst als Professor McGonagall sich in eine Katze verwandelte, sah niemand hin. „Sagt mal, was ist denn heute mit euch los? Das ist das erste Mal, dass eine Klasse nicht klatscht, wenn ich mich verwandle, nicht das es mir was ausmachen würde.“, fragte sie und sah uns der Reihe nach an. „Ach, Harry wurde nur vohergesagt, dass er sterben wird“, sagte ich so gelassen, als würde ich über das Wetter reden. „Verstehe, ihr hattet Wahrsagen. Dann sollten Sie wissen, dass Professor Trelawney jedes Jahr einem Schüler den Tod voraussagt. Keiner ist bisher gestorben. Todesomen vorherzusagen ist ihre bevorzugte Art, eine neue Klasse willkommen zu heißen. Ich spreche eigentlich nie schlecht über Kollegen, aber...“ Professor McGonagall verstummte. „Wahrsagen ist einer der ungenausten Zweige der Magie. Ich möchte Ihnen nicht verheimlichen, dass ich mich nicht weiter damit abgebe. Wahre Seher sind sehr selten, und Professor Trelawney-...“ Wieder verstummte sie. „Sie sehen sehr gesund aus, Mr. Potter, also werden Sie mir trotz allem verzeihen müssen, dass ich Ihnen Hausaufgaben aufgebe. Wenn Sie sterben, brauchen Sie Ihre Arbeit nicht abzugeben, das versichere ich Ihnen!“

    8
    8. Kapitel

    Nach Verwandlung machten wir uns auf den Weg zum Mittagessen. Als wir am Tisch saßen, wirkte Ron immer noch beunruhigt. „Ach, komm schon Ron. Wenn es nach Professor Trelawney gehen würde, dürfte Harry nicht einmal sein Zimmer verlassen. Und Professor McGonagall hat doch gesagt, dass noch nie jemand von ihren Todesprophezeihungen gestorben ist!“ Ron wirkte aber immer noch beunruhigt. „Harry, du hast doch nicht wirklich einen solchen Hund gesehen, oder?“, fragte er. „Doch“, sagte Harry zögerlich. „An dem Tag, als ich aus dem Ligusterweg abgehauen bin.“ Ron, der sich gerade etwas Eintopf auf einen Teller getan hatte, ließ den Löffel klirrend fallen. „Wahrscheinlich nur ein streunender Köter“, meinte Mine gelassen. „Hermine! Das ist überhaupt nicht gut...Mein Onkel Bilius hat mal einen gesehen...vierundzwanzig Stunden später war er tot.“, verkündete Ron dramatisch. „Aber Ron. Harry ist nicht nach einem Tag tot umgefallen!“, erwiderte ich. „Der Grimm ist dafür verantwortlich, dass die Leute sterben. Und Harry ist nicht gerade wie normale Leute.“ Während Ron und ich uns fassungslos anstarrten, holte Mine ihr Buch für Arithmantik aus der Tasche und schlug es auf. „Wahrsagen ist doch eher schwammig. Ein Haufen Rumgerätsel, wenn ihr mich fragt.“, sagte sie kühl. „Du magst das Fach doch nur nicht, weil du eine Lusche darin bist.“ Ich konnte nicht fassen, dass Ron Mine das an den Kopf geworfen hatte. Das würde sie Ron lang nachtragen, da war ich mir sicher. Wütend ließ sie ihr Buch auf den Tisch klatschen, sodass Fleisch- und Karottenstückchen durch die Luft flogen. „Wenn gut sein in Wahrsagen heißt, Todesomen in Teeblättern zu lesen, dann weiß ich nicht, ob ich das überhaupt lernen will! Dieser Unterricht war im Vergleich zu meiner Arithmantikstunde haarsträubender Blödsinn!“ Sie nahm ihre Sachen und stolzierte davon. „Aber das ist unmöglich!“, sagte ich verwirrt. „Arithmantik ist zeitgleich mit Wahrsagen!“

    Vor mich hin summend ging ich zusammen mit Ron und Harry zur ersten Stunde von Pflege magischer Geschöpfe. Blöderweise hatten wir dieses Fach, ebenso wie Wahrsagen und Zaubertränke zusammen mit den Slytherins. Wir hatten unsere reißerischen Monsterbücher der Monster dabei, die jedoch noch fest verschlossen waren. Ich hatte mit meiner Singstimme einen festen Verschluss aus Silber heraufbeschworen, der das Buch abhielt, nach mir zu schnappen. „Wegen was bist du denn jetzt wieder so glücklich?“, fragte Harry. „Woher weißt du, dass ich glücklich bin?“, fragte ich verwundert. „Immer wenn du glücklich bist, summst du vor dich hin und deine Augen leuchten nur noch mehr.“ Ich wurde rot und starrte auf den Boden. Harry nahm kurz meine Hand und flüsterte: „Du bist unglaublich, wenn du glücklich bist.“ Wir starrten uns in die Augen. Dieses smaragdgrün in seinen Augen, das so wundervoll funkelte, wenn er mich ansah. „Hey, ihr beiden, ich bin auch noch da!“, sagte Ron. Wir schreckten beide auf, als wären wir in Trance gewesen und starrten Ron an. „Was ist denn?“, fragte Harry. Ron antwortete nicht und wir gingen einfach weiter, bis wir an einer Koppel ankamen. „So, schlagt erstmal eure Bücher auf“, brummte Hagrid. „Und wie?“, hörte ich Draco im Hintergrund keifen. „Na ganz einfach. Ihr müsst es streicheln!“, sagte Hagrid, als wäre das selbstverständlich. „Oh, wie dumm wir doch alle sind. Wir müssen sie streicheln“, höhnte Draco weiter. Ich verdrehte die Augen, ging auf ihn zu, streichelte den Buchrücken von seinem Buch und sagte: „Man, Malfoy, du bist sogar zu dumm dafür, ein Buch aufzuschlagen!“ Normalerweise hätte ich sowas nie gesagt, doch ich konnte es nicht leiden, wie Draco Hagrid runtermachte. Ich grinste ihn sarkastisch an und ging zurück zu meinen Freunden. Ron grinste und Harry flüsterte: „Dem hast du’s gegeben.“ Hagrid hatte es offensichtlich nicht mitbekommen, denn er sagte: „Also, da ihr jetzt eure Bücher habt, braucht ihr nur noch die magischen Tiere. Ich hol sie mal.“ Er drehte sich um und verschwand kurz etwas tiefer im Wald. „Diese Schule geht vor die Hunde. Mein Vater kriegt einen Anfall, wenn er erfährt, dass dieser Hornochse uns unterrichtet.“ Und wieder mal war es Draco. „Halt den Mund, Malfoy!“, zischte Harry und ich sah ihm an, dass er wütend war. Ich sah zwischen Draco und Harry hin und her. „Pass auf, Potter, hinter dir steht ein Dementor!“, spottete er weiter. Harry wollte sich auf ihn stürzen, doch ich packte ihn am Arm und zog ihn von Draco weg. Ich drehte mich kurz um und funkelte Draco zornig an. Es war genauso geschehen, wei ich es mir gedacht hatte. Draco war wieder der arroganteste Slytherin auf Erden und ich sollte ihn eigentlich hassen. Doch irgendetwas in mir sagte mir, dass ich Draco nicht hassen konnte.

    Plötzlich rief ein Mädchen: „Oooh!“ Und es war wirklich erstaunlich, was wir da sahen. Hagrid kam mit drei magischen Geschöpfen aus dem Dickicht hervor. Sie besaßen das Vorderteil eines Greifvogels und das Hinterteil eines Pferdes. Eines der Tiere war schwarz, eines braun und eines silbergrau. „Wer kann mir sagen, was das für ein Tier ist?“, fragte Hagrid. Ich meldete mich am Schnellsten und ich antwortete: „Das sind Hippogreife.“ „Sehr gut, 10 Punkte für Gryffindor!“ Ich grinste. „Wollt ihr nicht etwas näher kommen?“ Keiner außer Harry, Ron, Mine und ich trat näher an den Zaun heran. „Zuerst solltet ihr wissen, dass Hippogreife stolze Geschöpfe sind. Beleidigt nie einen, denn es könnte das letzte sein, was ihr tut.“ Das beruhigte mich wirklich seeeehr. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Draco, Crabbe und Goyle die Köpfe zusammensteckten. „Ihr müsst warten, bis der Hippogreif den ersten Schritt macht. Das ist eine reine Höflichkeitssache. Ihr geht auf ihn zu, verbeugt euch und wartet, bis der Hippogreif sich ebenfalls verbeugt. Wenn er das tut, könnt ihr auf ihn zugehen und ihn streicheln. Wenn nicht, dann macht euch schnell davon, denn diese Krallen können weh tun.“ Alle wirkten etwas beunruhigt. “ Das ist übrigens Seidenschnabel. Also, wer will als erstes?“, fragte Hagrid und streichelte den grauen Hippogreif. Alle traten einen Schritt zurück, außer Harry. „Ah, feine Sache, Harry!“ Zögerlich ging Harry auf den Hippogreif zu und verbeugte sich tief. Ich ballte meine Hände zu Fäusten, als ich sah, wie Harry reglos dastand. Doch dann sah ich, wie Seidenschnabel den Kopf senkte und Hagrid sagte: „Sehr gut Harry. Jetzt kannst du ihn berühren!“ Langsam kam Harry auf Seidenschnabel zu und berührte vorsichtig seinen Schnabel. „Wow!“, flüsterte ich begeistert. „So, jetzt kannst du auch auf ihm reiten“, sagte Hagrid und hob Harry, ohne auf seine Proteste einzugehen, auf Seidenschnabels Rücken. Dieser breitete seine langen grauen Flügel aus und hob dann ruckartig vom Boden ab. Die beiden verschwanden aus meinem Blickfeld. Alle warteten angespannt, bis Harry und Seidenschnabel wieder zu erkennen waren. Ich hörte, wie Draco sich im Hintergrund schon wieder über Harry lustig machte, doch ich achtete nicht darauf. Und dann waren der Hippogreif und Harry wieder auf der Erde. Nun hatte niemand mehr Angst vor den Hippogreifen. Harry hatte der Flug auf Seidenschnabel ganz offensichtlich gefallen und ich bewegte mich auf den schwarzen Hippogreif zu. Hagrid kam auf mich zu und sagte: „Das ist Nachtflügel. Er wird dir gefallen.“ Vorsichtig machte ich einen Schritt nach vorne, während Nachtflügel mich neugierig beäugte. Ich verbeugte mich tief und sah aus den Augenwinkeln, wie der Hippogreif einen Schritt nach vorne machte und sich elegant verbeugte. Ich trat langsam näher und streckt zaghaft meine Hand aus und berührte den Schnabel des Hippogreifs. Er sah mich aus klugen, gelben Augen an und ich fuhr ihm durch das schwarze Gefieder.

    Doch auf ein Mal hörte ich Dracos Stimme und drehte mich um. Er lief geradewegs auf Seidenschnabel zu und rief: „Du bist doch gar nicht gefährlich! Oder, du großes, hässliches Scheusal?“ Erschrocken sah ich ihn an. Auch Seidenschnabel wirkte nicht gerade begeistert, wie Draco ihn beleidigt hatte und reagierte auch entsprechend. Er stellte sich auf seine Hinterbeine, bereit, mit seinen Krallen Draco mit ihnen zu durchbohren. Ich sah wie in Zeitlupe Dracos erschrockenes Gesicht und Seidenschnabel, der Draco gleich mit seinem Gewicht zerschmettern würde. Ich war nur knapp zwei Meter von ihm entfernt...Ich könnte es schaffen...Ich wusste nicht, wieso ich es tat, vor all meinen Freunden, doch ich machte einen gewaltigen Sprung auf Draco zu, schubste ihn mit aller Kraft zu Seite und das Nächste, was ich sah, war warmes Blut, das vor meinem Gesicht aufspritzte.

    Dracos Sicht:
    Gerade als der Hippogreif seine Krallen in mich bohren wollte, spürte ich einen so heftigen Stoß, dass ich auf die Seite und dabei vollständig auf meinen Arm fiel. Ich sah braunes, lockiges Haar und entsetzte grüne Augen. Via hatte mich auf die Seite geschubst und ich hörte einen lauten Schrei. Ich traute mich nicht, hinzusehen. Wollte ihren Körper nicht sehen, das Entsetzen in ihren Augen. Dieser Dummkopf Hagrid kam angerannt und murmele immer wieder: „Oh nein, oh nein, das hätte nicht passieren dürfen...“ Auch Potter, Weasley und Granger kamen auf den regungslosen Körper zugerannt. Ich überwand mich und sah zu Via hinüber. Was ich sah, erschreckte mich. Der Stoff ihrer Schuluniform an Bauch und Hüfte war zerfetzt und darunter konnte ich nackte Haut erkennen, die mit roten Striemen übersät war. Alles war voller Blut und ihr Umhang war bereits damit durchtränkt. Ich konnte mich nicht vom Fleck rühren und hoffte nur immer wieder, dass sie nicht tot war. Dass sie nicht meinetwegen tot war. Das könnte ich mir nicht verzeihen. Diese strahlenden Augen nie wieder sehen zu können. Ich war wie gelähmt. „Was ist passiert?“, fragte Weasley schockiert. „Sie hat Malfoy aus dem Weg gestoßen und Seidenschnabel hat statt ihn Liv erwischt.“, sagte das Schlammblut. Potter sah von Vias regungslosen Körper auf und starrte mich hasserfüllt an. „Das ist alles seine Schuld!“ Er wollte sich schon auf mich stürzen, als Weasley Potter am Umhang festhielt. „Du kannst dich später an ihm rächen, jetzt muss Liv zuerst in den Krankenflügel!“ Er nickte widerstrebend und der Hornochse Hagrid hob Via hoch. Potter drehte sich noch einmal zu mir um. „Dafür wirst du bezahlen, Malfoy. Das schwöre ich dir!“, zischte er wütend, dann ging er zusammen mit seinen Freunden hinter Hagrid her, der Via in den Krankenflügel trug.

    Harrys Sicht:
    In mir brodelte es gewaltig. Malfoy war daran schuld, dass Liv mit Striemen übersät war und in den Krankenflügel musste. Hagrid murmelte immer wieder: „Das hätte nicht passieren dürfen...Nicht in meinem Unterricht...“ „Es war nicht deine Schuld, Hagrid“, sagte Hermine aufmunternd. „Wenn ich Malfoy erwische...“, knurrte ich wütend, doch Hermine unterbrach mich. „Harry, du weißt, dass es nicht Malfoys Schuld war.“ Ron nickte und sagte: „Harry, wir wissen, dass du sauer bist, aber Liv wollte lieber, dass sie verletzt wird, als Malfoy.“ „Aber wenn es nicht Malfoy...“ „Du weißt doch, dass Liv das für jeden machen würde. Selbst für einen Slytherin.“, sagte Hermine. Ich wusste, dass die beiden Recht hatten, aber ich wollte es nicht wahrhaben. Im Krankenflügel kam Madam Pomfrey auf uns zu und versorgte Liv sofort mit einigen Salben und Zaubersprüchen. „Morgen oder übermorgen kann sie voraussichtlich wieder raus.“, sagte sie und schickte uns hinaus. Vor dem Krankenflügel sahen wir Malfoy, der sich den Arm hielt. Ich wollte mich schon wieder auf ihn stürzen, aber Ron hielt mich am Umhang fest. „Was machst du hier, Malfoy?“, fragte Hermine kalt. „Als ob dich das etwas angehen würde, Schlammblut. Aber wenn du’s genau wissen willst, bei dem Stoß von deiner Freundin habe ich mir den Arm gebrochen.“ Ungläubig sahen wir uns an und dann sagte ich: „Das du dich nicht schämst, Malfoy. Ohne Liv könntest du jetzt tot sein. Denk mal drüber nach.“ Dann gingen wir zu dritt davon.

    Dracos Sicht:
    Als sie verschwunden waren, ging ich in den Krankenflügel und klagte Madam Pomfrey mein Wehleiden. Sie erkannte zwar nichts Gebrochenes, aber als ich weiter jammerte, machte sie mir einen Verband und schickte mich in das Bett neben Via. Den ganzen Abend über beobachtete ich sie und daran, was Potter gesagt hatte. Es stimmte. Wäre Via nicht gewesen, könnte ich jetzt tot sein. Ich sollte statt ihr ohnmächtig in diesem Bett liegen, nicht sie. Ich hätte es mehr verdient, an ihrer Stelle zu sein. Immerhin war ich es gewesen, der diesen dummen Hippogreif wütend gemacht hatte. Die Schuldgefühle zernagten mich förmlich. Sie lag regungslos neben mir. Vorsichtig legte ich eine Hand an ihre Wange und flüsterte: „Wie schaffst du es nur, mir solche Schuldgefühle zu machen?“ Ich seufzte. Wie sehr sie mich doch anzog. Und doch wusste ich, dass unsere Freundschaft unmöglich war. Ich war ein Slytherin, sie eine Gryffindor. Wir waren wie Tag und Nacht, wie schwarz und weiß, wie Sonne und Mond. Allein das, was sie heute für mich getan hatte, zeigte mir, dass ich ihr einen Gefallen schuldig war.

    Es musste kurz vor halb zehn sein, als ich plötzlich ein Klopfen an der Tür hörte. Ich stellte mich schlafend und hörte die hastigen Schritte von Madam Pomfrey, als sie die Tür öffnete. „Was wollen Sie denn hier, Professor?“, hörte ich sie verwundert fragen. „Ich wollte zu Olivia.“ Das war die Stimme von Lupin, dem neuen Lehrer. „Sie ist noch nicht aufgewacht“, sagte Madam Pomfrey. „Das macht nichts“, meinte Lupin hastig. „Ich möchte sie nur kurz...sehen. Bitte, nur fünf Minuten.“ „Nun gut“, sagte Madam Pomfrey zögernd. „Aber seien Sie bitte leise. Im Bett daneben liegt ein anderer Schüler.“ Ich hörte, wie ihre Schritte sich entfernten und die langsamen Schritte von Lupin näher kamen. Ich hörte das Scharren eines Stuhles, was wohl bedeutete, dass Lupin sich hingesetzt hatte. Er seufzte leise. „Wie sehr du deinen Eltern doch ähnelst.“ Redete er gerade wirklich mit ihr? Er lachte. „Das gute Aussehen hast du von deiner Mutter, ganz eindeutig. Die Haare, die Augen und vor allem dieses Lächeln, bei dem am liebsten dahinschmelzen möchte. Mal sehen, ob du in Verteidigung gegen die dunklen Künste genauso gut bist, wie dein Vater es immer war. Na ja, in Zaubertränke bist du anscheinend auch gut...Ganz die Mutter. Wenn ich dir doch nur mehr über deine Eltern erzählen könnte. Aber die Wahrheit würdest du sicher nicht gut aufnehmen...Olivia, meine Sonne und mein Mond.“ Was meinte er damit? Welche Wahrheit würde Via nicht gut aufnehmen? Und woher wusste Lupin so gut über ihre Eltern Bescheid? Doch plötzlich hörte ich Schritte und die flüsternde Stimme von Madam Pomfrey. „Professor, die fünf Minuten sind um.“ Lupin stand auf und ging offenbar auf die Tür zu. Bevor die Tür ins Schloss fiel, sagte Lupin: „Bitte erzählen Sie ihr nichts, Poppy.“ „Darf ich fragen, was Sie hier eigentlich zu suchen hatten?“ „Ach, ich wollte sie nur kurz ansehen. Sie müssen wissen, sie erinnert mich an eine sehr gute Freundin von mir.“ Sie seufzte. „Sie reden von Lindsay, oder?“ „Ja“, sagte Lupin leise. „Wie sehr sie ihr doch ähnlich sieht...“ Dann hörte ich, wie die Tür ins Schloss fiel.

    Ich lag nach eineinhalb Stunden immer noch wach und konnte nicht schlafen. Lupin hatte über Vias Eltern gesprochen. Sollte ich ihr davon erzählen? Als sie mir die Sache mit der Adoption erzählt hatte, hatte sie zum Schluss gesagt, wie wolle nichts, rein gar nichts, von ihren Eltern wissen. Ich wusste nicht, ob ich es ihr sagen sollte. Doch dann fasste ich einen Beschluss. Ich würde ihr nichts erzählen. Sie hatte mir gesagt, sie würde nichts über ihre Vergangenheit wissen wollen...Und das würde ich respektieren.

    Olivias Sicht:
    Langsam öffnete ich die Augen und blinzelte. Wo war ich? Das Bild wurde klarer und ich erkannte, dass ich im Krankenflügel lag. Ein lautes Pochen hämmerte in meinem Kopf und ich stöhnte auf. Ich wollte mich im Bett aufsetzen, als ein stechender Schmerz durch meinen Bauch fuhr und ich mich sofort zurück ins Bett fallen ließ. Ich kreischte kurz auf und hörte, wie sich etwas im Bett neben mir regte. „Via?“, hörte ich Draco flüstern. „Draco?“, fragte ich leise. „Was machst du denn hier?“ „Ich hab mir den Arm verletzt. Ich mit voller Wucht darauf gefallen, als du mich geschubst hast.“ „Tut mir so leid, Draco“, sagte ich und starrte auf seinen Verband. „Nein, mir tut es leid, Via. Das mit diesem Hippogreif, das war alles nur meine Schuld!“, sagte er zerknirscht. Ich glaubte, meinen Ohren nicht zu trauen! Hatte sich Draco, der Eisprinz von Slytherin, gerade entschuldigt? Helles Mondlicht fiel durch das Fenster neben Dracos Bett und ließ sein Gesicht geheimnisvoll aufleuchten. „Wieso hast du das getan?“, fragte Draco schließlich. Überascht sah ich ihn an. Diese Frage hatte ich nicht erwartet. „Weil...weil du mein Freund bist. Und für meine Freunde würde ich alles tun.“ Ich lächelte ihn an. „Es ist seltsam, darüber zu reden...“, murmelte Draco. „Ich meine...das wir Freunde sind.“ Ich nickte. „Schon komisch, oder? Das wir uns so gut verstehen...Unsere Häuser sind verfeindet, unsere Freunde hassen einander...“ Draco lachte leise auf. „Ich würde sagen, wir sind definitiv verrückt!“ Auch ich kicherte. „Übrigens, Potter hat geschworen, mich umzubringen, wegen der Sache mit dem Hippogreif.“ „Wirklich?“, fragte ich. „Harry hat das wirklich gesagt?“ Draco nickte. „Du weißt nicht, wie besorgt er um dich war!“ Ich wurde rot. Harry hatte sich um mich gesorgt? Draco sah mich verwundert an. „Was hast du denn?“ „Ach nichts!“, sagte ich hastig, doch ich sah, dass Draco mir nicht glaubte. Er sagte allerdings nichts. „Gute Nacht, Via!“, sagte er und drehte sich auf die Seite. Ich lächelte. „Gute Nacht, Draco.“

    9
    9. Kapitel

    Draco und ich erschienen erst wieder am Donnerstagmorgen im Unterricht, als die Gryffindors und Slytherins schon die Hälfte der Zaubertrankstunde hinter sich hatten. Eigentlich hätte ich schon nach zwei Tagen entlassen werden sollen, aber meine roten Striemen am Bauch wollten nicht so schnell verheilen. Wenn Madam Pomfrey nicht im Raum war, hatten Draco und ich geredet, gelacht und zusammen Süßigkeiten gegessen. Ich hatte Draco überzeugt, mich wieder vor seinen und meinen Freunden zu beleidigen, auch, wenn mein Herz sich dabei zusammenzog, damit ihnen nicht auffiel, dass wir uns, wenn wir uns sahen, immer lächeln mussten. Ich würde mich auch zusammenreißen müssen, denn wenn Draco bei mir war, machte er eine komplette Verwandlung seiner Persönlichkeit durch.

    Aber zurück zu diesem Donnerstagmorgen. Draco stolzierte, den rechten Arm in einer Schlinge verbunden, in den Kerker, als wäre er der einzige überlebende Held einer furchtbaren Schlacht. Ich kam hinter ihm durch die Tür und setzte mich sofort neben Mine und Neville. „Wie geht’s, Draco?“, fragte Pansy Parkinson und schenkte ihm einen bewundernden Blick. „Tut’s noch sehr weh?“ „Jaah“, sagte er mit der Miene des tapferen Kämpfers. Doch ich sah, wie er Crabbe und Goyle zuzwinkerte, als Pansy nicht hinsah. „Setzen Sie sich, setzten Sie sich“, sagte Snape gleichmütig zu Draco und mir. Ich sah, wie Harry und Ron sich missmutig ansahen. Ich konnte mir auch vorstellen, wieso. Wären die beiden nämlich zu spät gekommen, hätte Snape garantiert nicht „Setzen Sie sich“ gesagt; er hätte die beiden nachsitzen lassen. Ich schüttelte nur lächelnd den Kopf und entfachte ein Feuer unter meinem Kessel. Mine flüsterte: „Wie geht’s dir, Liv?“ Ich sah nicht von den Zutaten auf und sagte: „Ganz gut. Tut nur noch etwas an der Hüfte weh, aber ansonsten geht’s mir gut.“ Heute war ein neuer Zaubertrank dran, eine Schrumpflösung. Ich sah aus den Augenwinkeln, wie Draco seinen Kessel und die Zutaten auf den Tisch stellte, an dem Ron und Harry arbeiteten. Ich war so schnell, dass ich meine fein säuberlich geschnittenen Gänseblümchenwurzeln in den Kessel tun konnte. Vorsichtig schälte ich meine Schrumpelfeige und fügte sie gemeinsam mit den anderen Zutaten dem unfertigen Trank zu. „Professor“, hörte ich Dracos Stimme und drehte mich um. „Professor, ich brauche Hilfe beim Zerschneiden dieser Gänseblümchenwurzeln, weil mein Arm-...“ „Weasley, du schneidest die Wurzeln für Malfoy.“, antwortete Snape ohne aufzusehen. Ron schoss die Röte ins Gesicht. Ich hörte, wie er zischte: „Dein Arm ist völlig in Ordnung!“ Draco sah ihn hämisch an. „Weasley, du hast gehört, was Professor Snape gesagt hat, schneid mir die Wurzeln.“ Ich hatte das Glück, meine Schrumpflösung schon köcheln lassen zu können (und das wollte was heißen, denn immerhin hatte ich das in zehn Minuten geschafft, während alle anderen schon über einer halbe Stunde daran arbeiteten). Ich wusste selbst nicht, weshalb ich einen Trank in circa zehn Minuten herstellen konnte, ohne mir die geringste Mühe zu geben. Keine Ahnung, von wem ich dieses Talent hatte. Aber ich war schon wieder in meinen Gedanken versunken. Zurück zu Draco. Also sah ich dieser Konversation jetzt gespannt zu. Ron packte sein Messer, zog Dracos Wurzeln zu sich hinüber und begann sie grob zu zerkleinern, so dass die Stücke alle verschieden groß wurden. „Professor“, beschwerte sich Draco. „Weasley verhackstückt meine Wurzeln, Sir.“ Snape trat an ihren Tisch heran, beugte seine Hakennase über die Wurzeln und lächelte Ron durch seine langen fettigen schwarzen Haare hindurch Unheil verkündend an. „Du nimmst Malfoys Wurzeln, Weasley, und gibst ihm deine.“ „Aber Sir!“, sagte Ron empört. Ron hatte die letzte Viertelstunde damit verbracht, seine Wurzeln sorgfältig in gleich große Stücke zu zerhacken. „Sofort“, sagte Snape in einem drohenden Tonfall. Widerwillig schob Ron seine schön gehackten Wurzeln hinüber zu Draco und griff wieder zu seinem Messer. „Und Sir, diese Schrumpelfeige muss auch jemand für mich schälen.“, sagte Draco, der sein hämisches Grinsen kaum unterdrücken konnte. „Potter, du kannst Malfoys Schrumpelfeige schälen“, zischte Snape und bedachte Harry mit einem hasserfüllten Blick. Harry nahm Dracos Schrumpelfeige und begann sie hastig zu schälen. Ich nahm Ron das Messer für seine Wurzeln aus der Hand und schob mir die Würfel auf ein Schneidebrett. Schnell, und ohne die hastigen Schneidebewegung zu unterbrechen, verkleinerte ich Rons Wurzeln in perfekt gleichgroße Stücke. „Danke“, flüsterte Ron und ich lächelte. „Kein Problem.“

    Dann wandte ich mich wieder meinem Trank zu, der inzwischen eine giftgrüne Farbe angenommen hatte. Draco grinste noch hämischer über das ganze Gesicht. „Euren Kumpel Hagrid mal wieder gesehen?“, fragte er die beiden mit gedämpfter Stimme. „Das geht dich nichts an“, sagte Ron unwirsch, ohne von seinem Trank aufzublicken. „Ich fürchte, er wird nicht mehr lange Lehrer sein“, sagte Draco mit gespieltem Bedauern. Ich drehte mich ruckartig zu ihm um. Was hatte er getan? „Mein Vater war nicht gerade erfreut über meine Verletzung-...“ Entsetzt starrte ich ihn an. „Red nur weiter, Malfoy, und ich verpass dir eine wirkliche Verletzung!“, blaffte Ron ihn an. „Er hat sich bei den Schulräten beschwert. Und beim Zaubereiministerium.“ Meine aufgerissenen Augen wurden immer größer. Höhnisch er mich an. „Über deine Aktion war er genauso wenig erfreut, Rosier.“ Ich ballte meine Hände zu Fäusten, doch Draco fuhr unbeirrt fort: „Vater hat gute Beziehungen, müsst ihr wissen. Und eine bleibende Verletzung wie diese-...“, er ließ einen gespielten falschen Seufzer hören, “-...wer weiß, ob mein Arm je wieder richtig gesund wird?“ „Ach, deshalb spielst du dieses Theater“, sagte Harry wütend, „Damit sie Hagrid rauswerfen.“ „Nicht nur, Potter“, sagte Malfoy hämsich. „Es bringt auch andere Vorteile. Weasley, schneid meine Raupe.“ Kochend vor Wut sah ich ihn an. Langsam trat ich auf ihn zu und sah ihm direkt in die grauen Augen. Wütend zischte ich: „Du bist echt das Letzte!“

    Dann drehte ich mich um und ging zurück zu meinem Trank. Ein paar Kessel weiter war Neville mal wieder in Schwierigkeiten. Der Zaubertrankunterricht endete für ihn jedes Mal in einer Katastrophe; noch schlimmer war er in keinem Fach und seine schreckliche Angst vor Snape machte es keinesfalls besser. Sein Zaubertrank war, statt giftgrün (wie meiner), orange. „Orange, Longbottom“, sagte Snape, schöpfte ein wenig Flüssigkeit ab und ließ sie in den Kessel zurückplätschern, damit alle es sehen konnten. „Orange. Sag mir, geht eigentlich überhaupt etwas in deinen dicken Schädel rein? Hast du nicht gehört, wie ich ganz deutlich gesagt habe, nur eine Rattenmilz hinzugeben? Habe ich nicht gesagt, ein Spritzer Blutegelsaft genügt? Was soll ich tun, damit du es kapierst, Longbottom?“ Er war, während er redete, immer lauter geworden. Neville war rosa angelaufen und fing an zu zittern. Es sah aus, als würde er gleich losheulen. „Bitte, Sir“, sagte Mine, „bitte, ich könnte Neville helfen, es in Ordnung zu bringen-...“ „Ich erinnere mich nicht, Sie gebeten zu haben, hier die Wichtigtuerin zu spielen, Miss Granger.“, sagte Snape kalt und Mine lief genauso rosa wie Neville an. „Longbottom, am Ende der Stunde werden wir ein paar Tropfen dieses Zaubertranks an deine Kröte verfüttern und zusehen, was passiert. Vielleicht machst du es dann endlich richtig.“ Snape ging vorbei und Neville blieb atemlos vor Angst sitzen. Er kam an meinem Kessel vorbei, sah hinein und sagte: „Siehst du, Longbottom, das ist ein Schrumpftrank! Sieh dir Ms. Rosiers Zaubertrank an! Giftgrün und nicht orange!“ Er sah mich noch kurz an und sagte: „10 Punkte für Gryffindor!“ Dann rauschte er davon.

    „Hey, Harry!“, sagte Seamus und beugte sich über den Tisch. Ich drehte mich um und sah ihn interessiert an. „Habt ihr’s schon gehört? Heute morgen im Tagespropheten - sie glauben, Sirius Black sei gesehen worden.“ „Wo?“, kam es von Harry, Ron und mir zeitgleich. Gegenüber am Tisch sah Draco hoch und lauschte aufmerksam. „Nicht allzu weit von hier“, erzählte Seamus aufgeregt. „Ein Muggel hat ihn gesehen. Natürlich hatte sie im Grunde keine Ahnung. Die Muggel glauben doch, er sei ein gewöhnlicher Verbrecher. Jedenfalls hat er den Notruf gewählt. Aber als die Leute vom Zaubereiministerium auftauchten, war er schon verschwunden.“ „Nicht allzu weit von hier...“, wiederholte Ron und blickte Harry und mich viel sagend an. Harry drehte sich um und bemerkte, dass Draco uns scharf beobachtete. „Was ist los, Malfoy? Soll ich dir noch was schälen?“ Doch Dracos Augen leuchteten bösartig und waren fest auf Harry gerichtet. Er lehnte sich über den Tisch. „Glaubst du, du könntest Black allein fangen, Potter?“ „Ja, sicher“, log Harry lässig. Dracos schmaler Mund zog sich zu einem schiefen Lächeln. „Ich an deiner Stelle“, sagte er leise, „hätte schon längst was unternommen. Ich würde nicht in der Schule bleiben wie ein braver Junge, sondern draußen nach ihm suchen.“ „Wovon redest du überhaupt, Malfoy?“, zischte ich grob. „Weißt du es nicht, Potter?“, flüsterte Draco, der mich nicht beachtete, seine blassen grauen Augen zu Schlitzen verengt. „Was denn?“, fragte Harry genervt. Draco ließ ein hämisches, leises Lachen vernehmen. „Vielleicht willst du deinen Hals nicht riskieren“, sagte Draco. „Willst es lieber den Dementoren überlassen, nicht? Aber ich an deiner Stelle würde Rache wollen. Ich würde ihn selbst jagen.“ „Wovon redest du denn?“, fragte Harry zornig, doch in diesem Moment rief Snape: „Ihr solltet inzwischen alle Zutaten reingemischt haben, dieser Trank muss eine Weile köcheln, bevor er getrunken werden kann, also lasst ihn ein wenig blubbern und dann testen wir das Gebräu von Longbottom...“ Crabbe und Goyle lachten laut auf und Neville, der jetzt fieberhaft seinen Trank umrührte, brach verzweifelt in Schweiß aus. Damit Snape nichts mitbekam, murmelte ihm Mine aus dem Mundwinkel zu, was er machen sollte. Ich räumte meine übrig gebliebenen Zutaten weg und traf am Steinbecken auf Harry und Ron. Zusammen wuschen wir uns die Hände und die Schöpflöffel. „Was wollte Malfoy eigentlich sagen?“, murmelte Harry uns zu, während ich meine Hände unter den eisigen Wasserstrahl hielt, der aus dem Maul eines Wasserspeiers kam. „Warum sollte ich mich an Black rächen wollen? Er hat mir nichts getan- bisher jedenfalls.“ „Er redet doch Unsinn“, meinte Ron wütend. „Malfoy will doch nur, dass du eine Dummheit machst...“ Ich nickte und schwieg.

    Das Ende der Zaubertrankstunde nahte und Snape trat hinüber zu Neville, der ängstlich und krampfhaft auf seinem Stuhl saß. „Alle hier im Kreis aufstellen“, sagte er und seine schwarzen Augen glitzerten boshaft. „Seht euch an, was mit Longbottoms Kröte passiert. Wenn er es geschafft hat, eine Schrumpflösung zustande zu bringen, wird sie zu einer Kaulquappe zusammenschrumpfen. Wenn er, woran ich nicht zweifle, die Sache vermasselt hat, könnte seine Kröte vergiftet werden.“ Alle Gryffindors sahen ziemlich beklommen aus. Die Slytherins hatten allesamt ein breites Grinsen aufgesetzt, doch Neville sah aus, als wäre im schon wieder zum Heulen zu Mute. Snape hob Nevilles Kröte Trevor in der linken Hand hoch und tauchte einen kleinen Löffel in Nevilles Zaubertrank, der mittlerweile giftgrün war. Er ließ ein paar Tropfen in Trevors Kehle rinnen. Einen Moment lang herrschte gespannte Stille, und Trevor gluckste; dann gab es ein leises „Plopp“ und Trevor wure zu einer Kaulquappe, die sich in Snapes Handfläche wand. Wir, das hieß die Gryffindors, klatschten laut Beifall. Snape sah sauer drein und zog eine kleine Flasche aus der Tasche seines Umhangs, träufelte einige Tropfen auf Trevor und sofort war die Kaulquappe wieder eine Kröte. „5 Punkte Abzug für Gryffindor“, zischte er und das Lachen auf unseren Gesichtern gefror. „Ich habe Ihnen genau gesagt, Ms. Granger, dass Sie ihm nicht helfen sollen. Der Unterricht ist beendet.“

    Zu viert stiegen wir die Stufen zur Eingangshalle nach oben. Ich dachte noch über Dracos Worte nach. Er hatte auf mich gehört, hatte seine Maske wieder aufgesetzt und doch tat es mir in einer seltsamen Weise weh, wie abwertend er mich angesehen hatte. Aber wie er mit Harry geredet hatte, gefiel mir gar nicht. Es war, als ob er das Ziel hätte, dafür zu sorgen, dass Harry etwas Unüberlegtes tat. Doch Ron riss mich aus meinen Gedanken. „5 Punkte Abzug für uns, nur, weil der Zaubertrank in Ordnung war. Hättest du nicht lügen können, Hermine?“, hetzte Ron wütend über Snape her. Mine antwortete nicht. Ich drehte mich um. „Wo ist sie?“, fragte Ron verwirrt. Wir waren jetzt oben und ließen die anderen vorbeigehen, die in die Große Halle zum Mittagessen gingen. „Sie war doch eben noch hinter uns“, meinte er stirnrunzelnd. Draco ging an uns vorbei, in der Mitte zwischen Crabbe und Goyle. Er sah Harry kurz spöttisch an und nickte mir zu. Ich schenkte ihm ein leichtes Lächeln, so dass es Harry und Ron nicht sahen. „Da ist sie ja“, sagte Harry. Mine kam ein wenig keuchend die Stufen hochgerannt. Mit der einen Hand hielt sie ihre Tasche; mit der anderen schien sie etwas unter ihrem Umhang zu verstecken. „Wie hast du das gemacht?“, fragte Ron. „Was?“, sagte Mine und stellte sich neben mich. „Du warst direkt hinter uns, im nächsten Moment warst du wieder ganz unten an der Treppe.“ „Wie?“, sagte Mine etwas verwirrt. „Ach, ich hatte was vergessen und musste noch einmal zurück. Oh nein-...“ An Mines Tasche war eine Naht aufgeplatzt. Mich wunderte das nicht geringsten; sie war vollkommen überfüllt mit mindestens einem Dutzend großer, schwerer Bücher. „Warum trägst du die alle mit dir herum?“, fragte Ron. „Du weißt doch, wie viele Fächer ich habe“, meinte Mine außer Atem. „Kannst du die mal halten?“ Sie drückte Ron einen Stapel Bücher in die Hände. „Aber-...“ Ich musterte die Umschläge der Bücher, die Mine Ron gereicht hatte. „Diese Fächer hast du heute doch gar nicht. Nur heute Nachmittag noch Verteidigung gegen die dunklen Künste.“ „Ach ja“, murmelte Mine nebenbei. Dennoch packte sie alle Bücher wieder in ihre Tasche. „Hoffentlich gibt’s was Gutes zu essen, ich sterbe vor Hunger!“, fügte sie hinzu und schritt in Richtung Große Halle. „Habt ihr nicht auch das Gefühl, dass Hermine uns was verheimlicht?“, fragte Ron und ich nickte zustimmend.

    10
    10. Kapitel

    Professor Lupin war noch nicht da, als wir zu unserer ersten Stunde Verteidigung gegen die dunklen Künste kamen. Wir setzten uns, packten unsere Bücher, Federkiele und Pergamentblätter aus und unterhielten uns aufgeregt, bis er endlich hereinkam. Lupin lächelte mir kurz zu und legte seine alte Aktentasche auf das Lehrerpult. Er sah noch immer so schäbig aus, wie wir ihn im Zug kennengelernt hatten, doch er sah etwas gesünder aus. „Schönen Tag“, sagte er. „Würdet ihr bitte alle eure Bücher wieder wegpacken. Heute haben wir eine praktische Lektion. Ihr braucht nur eure Zauberstäbe.“ Ein paar neugierige Blicke wurden ausgetauscht, während wir unsere Bücher wegräumten. Wir hatten noch nie praktischen Unterricht in Verteidigung gegen die dunklen Künste gehabt, weder bei Quirrell, noch bei Lockhart, abgesehen von der unvergesslichen Stunde im letzten Jahr, als unser damaliger „Lehrer“ Gilderoy Lockhart einen Käfig voller Wichtel mitgebracht und sie auf uns losgelassen hatte. „Alles klar“, sagte Professor Lupin, als alle bereit waren. „Dann folgt mir bitte.“ Ratlos, aber gespannt, folgten alle Professor Lupin aus dem Klassenzimmer. „Was glaubst du, was hier heute machen?“, fragte ich Harry. „Keine Ahnung“, murmelte Harry. Professor Lupin führte uns durch den ausgestorbenen Korridor, und als wir um die Ecke bogen, sahen wir als Erstes Peeves, den Poltergeist. Rücklings in der Luft schwebend stopfte er das nächstbeste Schlüsselloch mit Kaugummi voll. Peeves sah nicht auf, bis Professor Lupin nur noch einen Meter von ihm entfernt war, dann wackelte er mit den Füßen und begann lauthals zu singen: „Lusche Lusche Lupin“, sang er lauthals, „Lusche Lusche Lupin, Lusche Lusche Lupin-...“ Grob und frech war Peeves fast immer, doch immerhin war er gegenüber den Lehrern meistens respektvoll. Ich sah rasch hinüber zu Professor Lupin, und bemerkte überrascht, dass er immer noch lächelte. „Wenn ich Sie wäre, Peeves, würde ich diesen Kaugummi aus dem Schlüsselloch holen, denn Mr. Filch wird sonst nicht in der Lage sein, zu seinen Besen zu gelangen.“ Doch Peeves achtete nicht auf Professor Lupins Worte, außer dass er laut und Speichel sprühend schnaubte. Professor Lupin seufzte leise auf und zückte seinen Zauberstab. „Das ist ein kleiner nützlicher Zauber“, sagte er zur Klasse gewandt. „Bitte, seht alle mal her.“ Er hob den Zauberstab auf Schulterhöhe und rief: „Waddiwasi!“ Er richtete den Zauberstab auf Peeves. Mit der Kraft einer Gewehrkugel schoss der Kaugummi aus dem Schlüsselloch und geradewegs hinein in Peeves’s linkes Nasenloch; er wirbelte herum und schwebte prustend und schnaubend davon. Ich kicherte. „Toll, Sir!“, sagte Dean beeindruckt. „Danke Dean“, erwiderte Professor Lupin und steckte seinen Zauberstab wieder weg. „Gehen wir weiter?“

    Wir machten uns wieder auf den Weg. Die Klasse warf Professor Lupin zunehmend respektvolle Blicke zu. Er führte uns einen weiteren Gang entlang und hielt vor dem Lehrerzimmer an. „Hinein, bitte“, sagte Professor Lupin, öffnete die Tür und trat beiseite. Das Lehrerzimmer war ein langer, holzgetäfelter Raum voll alter, nicht zusammenpassender Stühle, und leer, na ja, fast. Professor Snape saß in einem niedrigen Sessel. Er blickte auf, als wir hereinkamen. Seine Augen glitzerten und um seinen Mund spielte ein gehässiges Grinsen. Als Professor Lupin als Letztes eintrat und die Tür hinter sich schließen wollte, höhnte Snape: „Lassen Sie die Tür auf, Lupin. Das möchte ich lieber nicht mit ansehen.“ Er erhob sich und schritt mit schwarzem wehendem Umhang an der Klasse vorbei. An der Tür drehte er sich ruckartig und sagte: „Vermutlich hat keiner Sie gewarnt, Lupin, aber in dieser Klasse ist Neville Longbottom. Ich kann Ihnen nur raten, ihm nichts Schwieriges aufzugeben. Außer wenn Ms. Granger ihm Anweisungen ins Ohr zischt.“ Neville lief scharlachrot an. Ich sah Snape wütend an; es war schon schlimm genug, dass er Neville in seinem eigenen Unterricht fertigmachte, und jetzt tat er es auch noch vor einem anderen Lehrer. Professor Lupin zog die Augenbrauen hoch. „Ich hatte gehofft, Neville würde mir beim ersten Schritt des Unternehmens behilflich sein“, erwiderte er, „und ich bin mir sicher, er wird es garantiert schaffen.“ Nevilles Gesicht wurde, sofern es noch möglich war, noch röter. Snapes Lippen kräuselten sich, doch er ging hinaus und schlug die Tür kraftvoll zu. „Nun denn“, sagte Professor Lupin und winkte die Klasse zum anderen Ende des Zimmers, wo nichts, außer ein alter Schrank, in dem die Lehrer ihre Ersatzumhänge aufbewahrten, stand.

    Als Professor Lupin vor den Schrank trat, fing er plötzlich heftig zu ruckeln an und krachte gegen die Wand. „Kein Grund zur Beunruhigung“, meinte Professor Lupin gelassen, denn einige Schüler waren erschrocken zurückgewichen. „In diesem Schrank steht ein Irrwicht.“ Die meisten schienen nicht zu glauben, dass dies kein Grund zur Beunruhigung sein sollte. Neville warf Professor Lupin einen grauenerfüllten Blick zu und Seamus starrte wie gebannt auf den ruckelnden Türknopf. „Irrwichte mögen dunkle, enge Räume“, erklärte Professor Lupin. „Schränke, die Lücke zwischen Betten, Spülkästen - ich hab sogar mal einen getroffen, der es sich in einer Standuhr häuslich eingerichtet hat. Dieser hier ist gestern Nachmittag eingezogen und ich habe den Schulleiter gefragt, ob die Kollegen ihn meiner dritten Klasse zum Üben überlassen könnten. Nun, die erste Frage, die wir uns stellen müssen, lautet: Was ist ein Irrwicht?“ Ich hob die Hand und Lupin nickte mir zu. „Es ist ein Gestaltwandler“, erzählte ich. „Er kann die Gestalt dessen annehmen, wovor man sich, wie er spürt, am meisten Angst hat.“ „Das hätte ich selbst nicht besser ausdrücken können“, lobte mich Professor Lupin und ich strahlte. „Der Irrwicht sitzt also in der Dunkelheit herum und hat noch keine Gestalt angenommen. Er weiß noch nicht, was der Person auf der anderen Seite der Tür Angst macht. Keiner weiß, wie ein Irrwicht aussieht, wenn er allein ist, doch wenn wir ihn herauslassen, wird er sich sofort in das verwandeln, was wir am meisten fürchten. Und das heißt“, fuhr Professor Lupin fort, ohne Nevilles entsetztes Keuchen zu beachten, „dass wir von Anfang an gewaltig in Vorteil sind. Kannst du dir denken, warum, Harry?“ Harry suchte nach einer Antwort, während Mine auf den Fußballen auf- und abhüpfte und die Hand in die Luft streckte. Genervt verdrehte ich die Augen und stieß Mine in die Seite. „Ähm - weil wir so viele sind und er nicht weiß, welche Gestalt er annehmen soll?“, fragte Harry zögernd. „Genau“, bestätigte Professor Lupin Harrys Vermutung. Mine ließ ein wenig enttäuscht die Hand sinken. „Man sollte nie allein sein, wenn man es mit einem Irrwicht aufnehmen will. Das bringt ihn durcheinander. Der Zauber, der einen Irrwicht vertreibt, ist einfach, aber er verlangt geistige Anstrengung. Was einem Irrwicht wirklich den Garaus macht, ist immer Gelächter. Ihr müsst versuchen ihn zu zwingen, eine Gestalt anzunehmen, die ihr komisch findet. Wir üben den Zauber erst mal ohne Zauberstab. Nach mir, bitte... Riddikulus!“ „Riddikulus!“, wiederholte die Klasse wie aus einem Mund. „Gut“, sagte Professor Lupin. „Sehr gut. Aber das war leider nur der leichte Teil. Denn das Wort allein genügt nicht. Und jetzt bist du dran, Neville.“ Der Schrank fing wieder zu zittern an (allerdings nicht so heftig wie Neville, der einige Schritte vortrat, als ob er zum Galgen gehen würde). „Schön, Neville“, meinte Professor Lupin. „Das Wichtigste zuerst: Was würdest du sagen, ist es, was dir am meisten Angst macht?“ Neville bewegte seine Lippen, doch es kam kein Wort hervor. „Verzeihung, Neville, ich hab dich nicht verstanden“, sagte Professor Lupin gut gelaunt. Neville sah ihn panisch an, als ob er jemanden bitten wollen, ihm zu helfen, dann sagte er, kaum vernehmlich flüsternd: „Professor Snape.“

    Fast alle lachten und ich musste mir ein Grinsen verkneifen. Selbst Neville grinste peinlich verlegen. Professor Lupin war jedoch nachdenklich geworden. „Professor Snape...hmmm...Neville, stimmt es, dass du bei deiner Großmutter lebst?“ „Äh - ja“, antwortete Neville nervös. „Aber ich will nicht, dass der Irrwicht sich in sie verwandelt.“ „Nein, nein, du verstehst mich falsch“, sagte Professor Lupin hastig und lächelte jetzt. „Könntest du uns sagen, was für Kleider deine Großmutter normalerweise trägt?“ Neville wirkte verdutzt, doch er antwortete: „Na ja...immer denselben Hut. Einen hohen mit einem ausgestopften Geier drauf. Und ein langes Kleid...meist grün...und manchmal einen Schal aus Fuchsfell.“ „Und eine Handtasche?“, hakte Professor Lupin nach. „Eine große rote“, erwiderte Neville. „Sehr schön“, sagte Professor Lupin. „Kannst du dir die Kleidung ganz genau vorstellen, Neville? Kannst du sie vor deinem geistigen Auge sehen?“ „Ja“, meinte Neville unsicher, sich offensichtlich fragend, was als Nächstens kommen sollte. „Wenn der Irrwicht aus diesem Schrank kommt und dich sieht, Neville, wird er die Gestalt von Professor Snape annehmen. Und du hebst deinen Zauberstab - so - und rufst >Riddikulus!< - und denkst ganz fest an die Kleider deiner Großmutter. Wenn alles gut geht, wird Professor Irrwicht Snape gezwungen sein, mit diesem Geierhut, dem grünen Kleid und der großen roten Handtasche aufzutreten.“ Ich prustete vor Lachen los. Allein dieses Bild in meinem Kopf war schon genial! Aber auch die restliche Klasse lachte laut auf. Der Schrank zitterte noch heftiger. „Wenn Neville es gut macht, wir der Irrwicht seine Aufmerksamkeit danach wahrscheinlich uns zuwenden und zwar einem nach dem anderen“, fuhr Professor Lupin fort. „Ich möchte, dass ihr alle mal kurz überlegt, was euch am meisten Angst macht und euch vorstellt, wie man es zwingen kann, komisch auszusehen...“ Im Zimmer wurde es still. Auch ich dachte angestrengt nach. Was machte mir am meisten Angst? Fieberhaft überlegte ich, doch dann durchfuhr mich ein Schauder. Es gab etwas, das ich mehr als alles andere fürchtete. Viele um mich herum hatten die Augen fest geschlossen und dachten über ihre größte Angst nach. Ron flüsterte etwas wie: „Nimm ihr die Beine weg.“ Ich war mir ziemlich sicher, vor was sich Ron fürchtete. Die größte Angst hatte er vor Spinnen. Ich schluckte, als ich über meine größte Angst nachdachte und überlegte, wie ich sie lächerlich aussehen lassen könnte. „Seid ihr bereit?“, fragte Professor Lupin. Alle nickten und rollten ihre Ärmel hoch. „Neville wir gehen ein paar Schritte zurück“, gab Professor Lupin als Angabe vor. „Dann hast du freie Bahn, klar? Ich rufe dann den Nächsten auf...alle zurücktreten jetzt, damit Neville richtig ziehen kann.“ Wir gingen alle zurück und lehnten uns gegen die Wand. Neville stand jetzt allein vor dem Schrank. Er sah blass und verängstigt aus, doch er hatte die Ärmel seines Umhangs hochgekrempelt und hielt seinen Zauberstab bereit. „Ich zähle bis drei, Neville“, sagte Professor Lupin und deutete mit seinem Zauberstab auf den Türknopf des Schranks. „Eins - zwei - drei - jetzt!“

    Die Schranktüren flogen auf. Hakennasig und drohend kam Professor Snape heraus und richtete seine blitzenden Augen auf Neville. Neville wich zurück, den Zauberstab erhoben, und bewegte stumm den Mund. Snape griff in seinem Umhang und ging drohend auf ihn zu. „R - r - riddikulus!“, quiekte Neville. Es gab einen Knall, ähnlich dem Knall einer Peitsche. Snape stolperte; er trug jetzt ein langes, dunkelgrünes, spitzenbesetztes Kleid, einen turmhohen Hut, auf dessen Spitze ein mottenzerfressener Geier saß und an seinem Handgelenk schlenkerte eine enorme rote Handtasche. Dröhnendes Gelächter brach aus; der Irrwicht erstarrte, heillos verwirrt und Professor Lupin rief: „Parvati! Du bist dran!“ Parvati trat mit entschlossener Miene nach vorne. Drohend wandte sich Snape ihr zu. Wieder knallte es und wo er gestanden hatte, erschien eine blutbefleckte, bandagierte Mumie. Sie begann, schlurfend auf Parvati zuzugehen und hob die Arme. „Riddikulus!“, rief Parvati. Am Fuß der Mumie löste sich eine Bandage; die Mumie verhedderte sich und fiel mit dem Gesicht auf den Boden. „Seamus!“, rief Professor Lupin. Seamus ging an Parvati vorbei. Knall! Wo die Mumie gewesen war, stand eine Frau mit schwarzem Haar, das bis zum Boden reichte und einem skelettartigen Gesicht - eine Todesfee. Sie machte den Mund weit auf und ein Klang wie nicht von dieser Welt erfüllte den Raum, sodass ich mir die Ohren zuhielt. „Riddikulus!“, schrie Seamus. Knall! Die Todesfee verwandelte sich in eine Ratte, die im Kreis herumrasend ihrem eigenen Schwanz nachjagte und dann - knall! - zu einem blutigen Augapfel wurde. „Er ist durcheinander!“, rief Lupin. „Bald haben wir’s geschafft! Dean!“ Dean trat rasch nach vorne. Krach! Der Augapfel wurde zu einer abgerissenen Hand; wie ein Krake kroch sie über den Boden. „Riddikulus!“, rief Dean. Es gab ein schnappendes Geräusch und die Hand war in einer Mausefalle gefangen. „Glänzend! Ron, du bist dran!“ Ron stürzte nach vorne. Knall! Nicht wenige schrien. Eine riesige Spinne, zwei Meter hoch und haarig, krabbelte auf Ron zu und klickte bedrohlich mit ihren Greifzangen. „Riddikulus!“, bellte Ron und die Beine der Spinne verschwanden; sie kullerten über den Boden.

    „Olivia!“, rief Lupin mich auf. Zitternd ging ich nach vorne. Es gab einen lauten Knall und was ich sah, ließ mich erstarren. Ein riesiger, schwarzer Dementor schwebte vor mir in der Luft. Alles wurde eisig kalt und mir war, als würden meine Eingeweide gefrieren. Nein!, dachte ich fest entschlossen. Dieser Irrwicht würde mir nicht meine glücklichen Erinnerungen nehmen! Ich dachte fest an meinen ersten Moment in Hogwarts, als ich nach Gryffindor kam, meine Momente mit Mine, Harry und Ron, meine Gespräche mit Draco, mein Gesang, meine Freundschaft mit Luna...Alle glücklichen Erinnerungen schossen mir durch den Kopf und erstaunt bemerkte ich, wie ein helles Licht aus meinem Zauberstab herausbrach. Der helle Lichtschein wurde immer heller und bildete sich zu einer Gestalt. Eine Katze erschien, die sich in ihrem ganzen Lichtschein vor mir aufbaute und mich vor dem Dementor beschützte. Doch ich sah, wie das Licht schwächer wurde und keuchte erschrocken auf. Alle anderen im Klassenraum waren erstarrt, doch Professor Lupin reagierte und sprang zwischen den Dementor, dem immer schwächer werdenden Licht und mich. Knall! Der Dementor war verschwunden. Stattdessen kam zwischen sich auseinanderschiebenden Wolken der Vollmond hervor. „Riddikulus!“, rief Professor Lupin und der Vollmond wurde zu einem gelben Luftballon, der zurück in den Schrank flog. „Gut...Ihr habt eure Sache sehr gut gemacht...lasst mich kurz überlegen...5 Punkte für Gryffindor bekommt jeder, der den Irrwicht bekämpft hat. Ihr wart alle sehr gut, es war eine hervorragende Stunde. Als Hausaufgabe lest bitte das Kapitel über das Kapitel über irrwichte und schreibt mir eine Zusammenfassung...bis nächsten Montag. Das ist alles.“ Aufgeregt durcheinander redend verließ die Klasse das Lehrerzimmer. Ich wollte Harry, Ron und Mine gerade folgen, als Professor Lupin zu mir sagte: „Olivia, bleibst du bitte noch kurz hier? Ich möchte ein wenig mit dir reden.“ Ich sah meine Freunde entschuldigend an, dann gingen sie hinaus und schlossen die Tür hinter sich. Ich drehte mich um und sah Professor Lupin an. „Über was wollen Sie mit mir reden, Professor Lupin?“

    „Setz dich doch bitte“, bat mich Professor Lupin und deutete auf zwei weinrote Sessel. Ich nickte und setzte mich auf das Polster. Professor Lupin nahm gegenüber von mir Platz und sah mich direkt an. „Weißt du, was du gerade für einen Zauber ausgeführt hast?“, fragte er mich. „Es war...es war ein Patronus, nicht wahr?“ Er nickte und ich fügte hinzu: „Das ist nicht das erste Mal, dass ich diesen Zauber heraufbeschworen habe.“ „Nein?“, fragte Professor Lupin interessiert. „Als ich meinen Zauberstab bei Ollivander gekauft habe, habe ich diesen Zauber auch benutzt. Meine Mutter hat gesagt, es wäre einer der schwersten Zauber, den es gibt.“ „Damit hat sie recht“, stimmte Professor Lupin mir zu. „Du hast es geschafft, einen vollständigen Patronus heraufzubeschwören. Du hast meinen Respekt, denn der Patronus-Zauber ist bereits fortgeschrittene Magie.“ Ich lächelte. „Dein Patronus war bereits sehr deutlich zu erkennen, aber er ist schnell wieder schwächer geworden. Nun, ich wollte dir anbieten, dir eine Art...Privatstunden zu geben, wo wir an deinem Patronus-Zauber arbeiten könnten.“ „Oh!“, sagte ich. „Was sagst du?“, fragte Professor Lupin und sah mich fragend an. Ich nickte und erwiderte: „Es würde nicht schaden, wenn ich an meinem Patronus arbeiten würde. Ich meine, seitdem die Dementoren das Gelände bewachen...“ „Gut...“, überlegte Professor Lupin. „Was hältst du davon, wenn wir die erste Privatstunde nächste Woche am Donnerstag durchführen?“ Ich nickte. „Abgemacht.“ Er lächelte. „Sehr schön. Gut, du kannst gehen.“ Ich stand auf und ging zur Tür. Doch ich drehte mich noch einmal um und sagte: „Danke, Professor.“ Ich ging hinaus und machte die Tür zu. Draußen standen Mine, Ron und Harry und warteten auf mich. „Was hatte Professor Lupin mit dir zu besprechen?“, fragte Ron neugierig. „Ich habe Privatstunden bei ihm.“, antwortete ich. „Privatstunden? Warum?“, fragte Harry neugierig. „Wegen dem Patronus, den ich erzeugt habe. Ihr wisst schon, diese Katze aus Licht“, erklärte ich den dreien, als sie mich fragend ansahen. „Er hilft mir, den Patronus-Zauber zu üben. Kommt, lasst uns gehen.“ Meine Freunde nickten und wir machten uns zusammen auf den Weg zum Gryffindorturm. „Das war die beste Stunde in Verteidigung gegen die dunklen Künste, die wir je hatten, oder?“, sagte Ron begeistert. „Er scheint ein guter Lehrer zu sein“, meinte ich anerkennend. Mine seufzte. „Ich wünschte, ich wäre auch mal drangekommen mit dem Irrwicht.“ Ron gluckste. „Was wäre er für dich gewesen? Eine Hausaufgabe, für die du nur neun von zehn Punkten bekommen hättest?“

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    11. Kapitel

    Im Handumdrehen war Verteidigung gegen die dunklen Künste zu meinem Lieblingsfach geworden und da war ich nicht die einzige. Nur Draco und seine Clique von den Slytherins redeten gehässig über Professor Lupin. „Schaut euch doch mal seine Umhänge an“, flüsterte Draco unüberhörbar, wenn Professor Lupin vorbeiging. „Der zieht sich an wie unser alter Hauself.“ Doch ansonsten kümmerte es niemanden, dass Professor Lupin ausgefranste und geflickte Umhänge trug. Die weiteren Unterrichtsstunden bei ihm waren nicht weniger spannend als die erste. Nach den Irrwichten lernten wir die Rotkappen kennen, fiese kleine koboldartige Wesen, die überall dort herumlungerten, wo Blut vergossen worden war; sie versteckten sich in den Kerkern von Schlössern und in den Sprenglöchern verlassener Schlachtfelder und verprügelten jeden, die sich dorthin verirrten. Nach den Kappas, grausigen Wasserbewohnern, die wie schuppige Affen aussahen und Hände mit Schwimmhäute hatten, die es nur danach juckte, denjenigen zu erwürgen, der in ihren Tümpeln herumwatete. Und immer wieder fiel mir auf, dass ich in diesem Fach sehr begabt war. Auch in den Privatstunden bei Professor Lupin machte ich rasch Fortschritte. Ich schaffte es mittlerweile, meinen Patronus über fünfzehn Sekunden aufrecht zu erhalten. In den anderen Fächern lief es aber keinesfalls schlechter. In Zaubertränke fiel mir allerdings ziemlich auf, dass Snape ausgesprochen rachsüchtig gelaunt war. Der Grund dafür war kein Geheimnis. Die Geschichte von dem Irrwicht, der Snapes Gestalt angenommen hatte und von Neville in die Sachen seiner Großmutter gesteckt worden war, hatte sich sie ein Lauffeuer im Schloss verbreitet. Der Einzige, der das natürlich nicht komisch fand, war Snape. Seine Augen blitzten drohend auf, sobald man Professor Lupin erwähnte und Neville drangsalierte er schlimmer den je. Das einzige Fach, das ich nicht mochte, war Wahrsagen. Ich konnte Professor Trelawney einfach nicht leiden, während Lavender und Parvati sie regelrecht vergötterten. Auch Alte Runen war zu einem meiner Lieblingsfächer geworden. Zusammen mit Mine entzifferte ich regelmäßig lange Texte und es machte mir auch noch Spaß. Mit Luna traf ich mich regelmäßig zum Lernen in der Bibliothek und wir unterhielten uns dabei. Pflege magischer Geschöpfe hingegen mochte keiner mehr; nach der dramatischen Stunde war der Unterricht todeslangweilig geworden. Ich entschuldige mich tausendmal bei Hagrid, denn irgendwie hatte ich das Gefühl, dass das ganze meine Schuld war. Doch Hagrid schrieb mir keine Schuld zu und hatte seine Selbstvertrauen vollständig verloren. Stunde um Stunde verbrachten wir jetzt damit, Flubberwürmer zu pflegen, die zu den langweiligsten Geschöpfen überhaupt zählten. „Warum sollte sich überhaupt jemand um sie kümmern?“, fragte Ron genervt nach einer weiteren Stunde, in der wir klein gehackte Salatblätter in die schleimigen Kehlen der Flubberwürmer gestopft hatten. Anfang Oktober fand ich jedoch etwas, was mich beschäftigte und mir viel Spaß machte.

    Die Quidditch-Saison würde bald beginnen und Oliver Wood rief uns an einem Freitag zusammen, um die Taktik für die kommende Spielzeit zu erläutern. Als er uns an besagtem Freitag eine Rede hielt, klang er sehr verzweifelt. „Das ist unsere letzte Chance - meine letzte Chance - den Quidditch-Pokal zu gewinnen.“, erklärte er, während er vor uns auf und ab schritt. „Ende des Jahres gehe ich von der Schule. Noch einer Gelegenheit kriege ich nicht. Gryffindor hat jetzt seit sieben Jahren nicht mehr gewonnen. Gut und schön, wir hatten tatsächlich schlimmes Pech - Verletzungen, und dann ist das Turnier letztes Jahr auch noch abgeblasen worden...“ Wood schluckte, als ob ihm die Erinnerung immer noch im Hals stecken würde. „Aber wir wissen auch, dass wir das verdammt - noch - mal - beste - Team - der - Schule sind.“, sagte er. Dabei schlug er mit der rechten Faust auf die linke Handfläche und in seinen Augen erschien wieder das alte, kämpferische Glimmen. „Wir haben drei großartige Jägerinnen.“ Wood deutete auf Angelina, Katie und mich. „Wir haben zwei unschlagbare Treiber.“ „Hör auf, Oliver, du machst uns ganz verlegen“, erwiderten Fred und George und taten so, als würden sie sich schämen, was mir ein Grinsen entlockte. „Und wir haben einen Sucher, der noch jedes Spiel für uns gewonnen hat!“, donnerte Wood und starrte Harry an. Ich lächelte bei Harrys Anblick. „Und mich“, fügte Wood hinzu, als wäre es ihm gerade erst wieder eingefallen. „Du bist auch ganz toll, Oliver“, munterte George ihn auf. „Als Hüter ein Ass“, fügte Fred hinzu. „Die Sache ist die“, fuhr Wood fort und fing erneut an, auf und ab zu schreiten. „der Quidditch-Pokal hätte in den letzten beiden Jahren unseren Namen tragen müssen. Seit Harry und Olivia dabei sind, hatte ich immer das Gefühl, wir häten das Ding eigentlich schon in der Tasche. Aber wir haben es nicht geschafft und jetzt haben wir eine letzte Chance, endlich unseren Namen auf diesen Pokal zu setzen...“ Wood schien zu niedergeschlagen, um weiterzureden. Selbst Fred und George sahen ihn mitleidig an. „Oliver, das ist unser Jahr“, sagte Fred. „Diesmal packen wir’s, Oliver!“, meinte Angelina. „Ganz klar“, fügte Harry hinzu und ich nickte. Voll Entschlossenheit begannen wir zu trainieren, drei Abende die Woche. Allmählich wurde es kälter und regnerischer und es wurde immer früher dunkel, doch weder Schlamm, Regen noch Wind konnten uns vom trainieren abhalten.

    Eines Abends nach dem Training kehrten Harry und ich steif gefroren, doch höchst zufrieden mit dem Training ins Schloss zurück. Im Gemeinschaftsraum der Gryffindors herrschte ein aufgeregtes Summen. „Was ist denn hier los?“, fragte Harry Ron und Mine, die in zwei der besten Sessel am Kamin saßen und an ihren Sternkarten für Astronomie arbeiteten. „Das erste Wochenende in Hogsmeade“, erklärte Ron und deutete auf den Zettel, der am Notizbrett aufgetaucht war. „Klasse!“, rief ich begeistert. Ich freute mich schon, nach Hogsmeade zu gehen. Fred war uns durch das Porträtloch gefolgt und murmelte: „Ich muss zu Zonko, meine Stinkkügelchen sind fast alle.“ Ich ließ mich in den Sessel neben Mine fallen und merkte, dass Harry nicht gerade erfreut wirkte. Aber als ich ihn fragte, was denn los sei, antwortete er: „Mein Onkel hat den Zettel nicht unterschrieben. Und außerdem läuft Black ja draußen frei herum, der mich zufällig umbringen will!“ Mine sah auf. „Das nächste Mal kannst du dann sicher mitbekommen, Harry. Sie werden Black bestimmt bald fassen, er wurde ja schon gesehen.“ „Black ist nicht so bescheuert, in Hogsmeade Ärger zu machen“, sagte Ron. „Frag doch McGonagall, ob du dieses eine Mal mitkommen kannst, wer weiß, wann wir wieder dürfen-...“ Ich nickte. „Ron hat Recht.“ „Ron! Harry soll in der Schule bleiben!“, meinte Mine empört. Ich verdrehte genervt die Augen. „Er kann doch nicht der einzige Drittklässler sein, der nicht mitdarf!“, widersprach ihr Ron. „Frag McGonagall, mach schon, Harry.“ „Ja, vielleicht habt ihr Recht.“, überlegte Harry.

    Mine öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch in diesem Moment sprang Krummbein auf ihren Schoß. Eine große tote Spinne hing ihm aus dem Maul. „Muss er die denn ausgerechnet vor unseren Augen fressen?“, fragte Ron missmutig. „Kluger Krummbein, hast du die ganz allein gefangen?“, fragte Mine den Kater. Gemächlich zerkaute Krummbein die Spinne, die gelben Augen frech auf Ron gerichtet. Ich streichelte Krummbein über das Fell und er schnurrte. „Pass bloß auf, dass er bei dir bleibt“, erwiderte Ron gereizt und wandte sich wieder seiner Sternkarte zu. „Krätze schläft in meiner Tasche.“ Harry gähnte. Ich holte Pergament, einen Federkiel und Tinte aus meiner Tasche und zeichnete an meiner Sternkarte weiter. Harry tat dasselbe. „Du kannst meine abzeichnen, wenn du willst“, bot Ron Harry an, beschriftete schwungvoll den letzten Stern und schob seine Sternkarte zu Harry hinüber. Mine, die nichts vom Abschreiben hielt, schürzte die Lippen, sagte jedoch nichts. Krummbein starrte immer noch unverwandt auf Ron und ließ die Spitze seines buschigen Schwanzes zucken. Dann, ohne Vorwarnung, sprang er los. „He!“, brüllte entsetzt und packte seine Tasche, in der Krummbein jedoch schon seine messerscharfen Krallen versenkt hatte. „Hau ab, du blödes Vieh!“, versuchte Ron Krummbein zu verscheuchen. Ron wollte seine Tasche in Sicherheit bringen, doch der Kater hielt sie fauchend und kratzend fest. „Ron, tu ihm bloß nicht weh!“, kreischte Mine; der ganze Gemeinschaftsraum hörte zu und ich versank vor Scham in meinem Sessel; Ron wirbelte die Tasche im Kreis herum, doch Krummbein ließ nicht locker, und jetzt kam Krätze oben herausgeflogen. „Fangt diesen Kater ein!“, schrie Ron, als Krummbein die Überreste der Tasche liegen ließ, über den Tisch sprang und dem davonrasenden panischen Krätze nachjagte. George machte einen Hechtsprung, doch er verfehlte krummbein kanpp; Krätze huschte durch zwanzig Paar Beine und verschwand unter einer alten Kommode; Krummbein kam schlitternd zum Stehen, legte den Kopf auf den Boden und haute zornig mit den Tatzen unter die Kommode. Ron und Mine rannten herbei; Mine packte Krummbein am Bauch und hob ihn hoch; Ron warf sich auf den Boden und zog Krätze mit großer Mühe am Schwanz hervor. „Schau ihn dir an!“, schrie er Mine wütend an und ließ Krätze vor ihrem Gesicht hin- und herbaumeln. „Er ist doch nur noch Haut und Knochen! Halt ihm bloß diesen verrückten Kater vom Hals!“ „Krummbein weiß doch nicht, dass man das nicht tut!“, erwiderte Mine mit zitternder Stimme. „Alle Katzen jagen Ratten, Ron!“ „Aber an diesem Tier ist irgendetwas komisch! Er hat gehört, dass ich gesagt habe, dass Krätze in meiner Tasche sei!“ „Aber das ist doch Unsinn“, erwiderte Mine ungehalten. „Krummbein kann ihn riechen, ron, oder wie sonst, glaubst du-...“ „Dieser Kater hat es auf Krätze abgesehen!“, sagte Ron Panisch. Er würdigte das Publikum im Raum keines Blickes, dass jetzt zu kichern begann. „Und Krätze war zuerst hier, und er ist krank!“ Ron marschierte durch den Gemeinschaftsraum und verschwand auf der Treppe hoch zum Jungenschlafsaal.

    Am nächsten Morgen war Ron immer noch schlecht auf Mine zu sprechen. In Kräuterkunde sagte er kaum ein Wort zu ihr, obwohl er, zusammen mit Harry, Mine und mir an einem Kartoffelbauchpilz arbeiteten. „Wie geht’s Krätze?“, fragte Mine behutsam, während wir fette rosa Schoten von den Pflanzen pflückten und die glänzenden Bohnen in einen Holztrog warfen. „Hat sich unter meinem Bett versteckt und zittert immer noch am ganzen Leib“, knurrte Ron unwirsch und verfehlte den Trog, so dass die Bohnen über den Boden kullerten. „Vorsicht, Weasley, Vorsicht!“, rief Professor Sprout, als die Bohnen vor ihren Augen jäh aufblühten. Als Nächstes hatten wir Verwandlung. Harry hatte mir erzählt, dass er beschlossen habe, Professor McGonagall nach dem Unterricht zu fragen, ob er mit nach Hogsmeade könnte. Wir hatten uns kaum in die Warteschlange eingereiht, als Professor McGonagall auch schon herangerauscht kam. MIne und Ron sahen sich an, als wollten sie gleich aufeinander losstürzen, und drinnen im Klassenzimmer setzte sich Mine links neben mich und Ron sich rechts neben Harry. Harry und ich saßen in der Mitte und sahen uns genervt an. Die beiden sprachen die ganze Stunde über kein einziges Wort miteinander. Am Ende der Stunde sprach Professo r McGonagall das Thema Hogsmeade an. „Einen Moment noch bitte!“, rief sie, als alle aufstehen wollten. „Als Ihre Hauslehrerin bitte ich Sie, mir die Zustimmungserklärungen für den Besuch in Hogsmeade noch vor Halloween auszuhändigen. Ohne diese Erklärung dürfen Sie nicht mitkommen, also nicht vergessen!“ Neville hob die Hand. „Bitte, Professor, ich - ich glaube, ich hab meine verloren-...“ „Ihre Großmutter hat sie direkt an mich geschickt, Longbottom“, erwiderte Professor McGonagall. „Sie schien es für sicherer zu halten. Gut, das ist alles, Sie können gehen.“ „Frag sie jetzt“, zischte Ron Harry zu. „Oh, aber-...“, warf Mine ein, doch ich warf ihr einen warnenden Blick zu. „Los jetzt, Harry“, drängte Ron. Wie warteten, bis alle andern draußen waren, dann ging Harry hinüber zu Professor McGonagalls Pult. „Ja, Potter?“, fragte sie. Ich sah, wie Harry tief Luft holte, dann sagte er: „Professor, meine Tante und mein Onkel - ähm - haben vergessen, das Formblatt zu unterschreiben.“ Professor McGonagall sah ihn über ihre viereckige Brillengläser hinweg an, erwiderte jedoch nichts. „Also - ähm - meinen Sie, es wäre möglich - das heißt, wäre es in Ordnung, wenn ich - wenn ich mitkomme nach Hogsmeade?“ Professor McGonagall senkte ihren Blick und begann damit, die Papierstapel auf ihrem Schreibtisch zu ordnen. „Ich fürchte, nein, Potter“, seufzte sie. „Sie haben gehört, was ich gesagt habe. Keine Erlaubnis, kein Besuch im Dorf. So lautet nunmal die Regel.“ „Aber Professor“, widersprach Harry, „Mein Onkel und meine Tante - Sie sind Muggel, sie verstehen im Grunde nichts von - von diesen Formblättern und generell von Hogwarts.“ Ron feuerte ihn mit heftigem Kopfschütteln an. „Wenn Sie sagen würden, ich kann mitgehen-...“ „Aber das sage ich nicht“, erwiderte Professor McGonagall. „Auf dem Formblatt steht ganz klar und deutlich, dass Eltern oder Vormund die Erlaubnis geben müssen.“ Sie sah Harry mit einem seltsamen Gesichtsausdruck an. War es Mitleid? „Tut mir Leid, Potter, aber das ist mein letztes Wort. Sie beeilen sich besser, oder Sie kommen zu spät zur nächsten Stunde.“

    Die besagte nächste Stunde war Zaubertränke. Snape kam wie immer in den Kerker gerauscht und schlug die Tür hinter sich zu. Ich saß an einem Tisch mit Harry, Ron und Mine (die immer noch nicht miteinander reden wollten). Snape lächelte wie immer gehässig und sagte: „Für heute habe ich mir etwas Besonderes ausgedacht. Ihr werdet heute einen Alterungstrank brauen; und zwar in Partnerarbeit.“ Alle Gryffindors stöhnten entsetzt auf, denn wir wussten, dass Snape jeweils einen Gryffindor mit einem Slytherin zusammentun würde. Die Slytherins schien diese Tatsache allerdings nicht sonderlich zu stören; im Gegenteil, sie schienen sich sogar richtig darauf zu freuen, die Tränke zu versauen, da jeder wusste, dass Snape ganz klar den Gryffindors die Schuld geben würde. Snape ging durch die Reihen und als er bei uns angekommen war, zischte er gehässig: „Weasley geht zu Goyle, Ms. Granger, Sie gehen zu Ms. Parkinson, Potter-...“, - er spuckte das Wort förmlich aus- „zu Crabbe und Ms. Rosier...“ Er sah mir direkt in die Augen. „Gehen Sie zu Malfoy, Ms. Rosier. Dann bekommen wir wenigstens einen wirkungsvollen Trank.“ Ich sah hinüber zu Draco. Er versuchte, sein gehässiges Grinsen aufrecht zu erhalten, doch ich konnte in seinen Augen sehen, dass er diese Zusammensetzung keineswegs missbilligte. „Dich hat es echt am Schlimmsten erwischt“, murmelte Harry mir zu. „Ich werd’s überleben.“ Ich nahm meinen Kessel und ging hinüber zu dem Tisch, an dem Draco saß. Ich setzte mich neben ihn und stellte meinen Kessel auf den Tisch ab. Draco grinste und flüsterte mir zu: „Sieh mal rüber zu deinen Freunden!“ Ich sah hinüber zu Harry und Ron. Die beiden wirkten nicht gerade zufrieden mit ihren Partnern. Crabbe und Goyle wirkten neben meinen Freunden irgendwie fehl am Platz und ich musste grinsen. Zusammen machten Draco und ich uns daran, den Alterungstrank zu brauen. Während ich sorgfältig die Schrumpelfeigen schälte, zerhackte Draco 100g Sonnenblumenkerne. Ich summte vor mich hin, denn bei uns lief es prächtig, während alle anderen mit ihren Tränken zu kämpfen hatten. Plötzlich stieß Draco mich an und zeigte hinüber zu Ron und Goyle, die an ihrem Zaubertrank verzweifelten. Gerade stieg eine blaue Dampfwolke aus dem Kessel auf, und Goyle, der sich über den Kesselrand gebeugt hatte, hatte nun ein knallblaues Gesicht. Bei diesem Anblick hielten Draco und ich es nicht mehr aus und prusteten vor Lachen los. Beim Kichern hielt ich mir den Bauch und Draco gluckste belustigt. Was das ganze noch witziger machte, war die Tatsache, dass uns alle Gryffindors und Slytherins verwundert ansahen. Sie hatten wohl noch nie eine Gryffindor und einen Slytherin gesehen, die sich zusammen vor Lachen bogen. Ihre verwirrten Gesichter brachten Draco und mich nur noch mehr zum Lachen. Goyle sah dümmlich aus der Wäsche; das Gesicht immer noch knallblau. Auch Snape war darauf aufmerksam geworden, denn er kam auf Ron und Goyle zu und mit einem Schlenker seines Zauberstabs war Goyles Gesicht wieder normal. Grinsend sahen Draco und ich uns an und machten mit dem Trank weiter. Das Harry Draco einen wütenden Blick zuwarf, bemerkte ich gar nicht.

    Am Ende der Stunde füllte ich ein wenig des gelben Tranks in eine Phiole und beschriftete sie sorgfältig. Draco räumte währenddessen die restlichen Zutaten weg. Als ich meine Hand wieder auf den Tisch legte, schob Draco plötzlich seine Hand zu mir hinüber und drückte mir, so dass keiner es bemerkte, einen Streifen Pergament in die Hand. Verwirrt sah ich ihn an, doch ich wurde von Snape abgelenkt, der durch die Reihen ging und die Arbeiten bewertete. Als er bei Draco und mir angekommen war, nahm er die Phiole in die Hand, drehte sie, während er sie sorgfältig ansah und sagte schließlich: „Sehr gut. Fehlerfreie Arbeit. Jeweils 10 Punkte für Gryffindor und Slytherin.“ Als er weiterging, musste ich mal wieder grinsen. Kaum, dass die Stunde vorbei war, verließ Draco zusammen mit seinen Anhängseln Crabbe und Goyle den Kerker und ich blieb verwirrt mit dem Zettel in der Hand stehen. Ich drehte mich so, dass meine Freunde den Zettel nicht sehen konnten und faltete das Stück Pergament auseinander. Draco hatte in Hektik daraufgekritztelt:

    16:00 Uhr; Raum der Wünsche
    7. Stock, gegenüber vom Wandteppich Barnabas des Bekloppten
    Wünsch dir einen Raum und geh dreimal im Kreis

    Ich grinste. Ich freute mich schon auf das Treffen! Vor mich hin lächelnd packte ich meine Sachen zusammen und verließ zusammen mit Harry, Ron und Mine den Kerker. Ich bemerkte nicht, dass mich Harry von der Seite her komisch ansah, bis er fragte: „Was hat Malfoy mit dir angestellt?“ Überrascht sah ich ihn an. „Was meinst du, Harry?“ „Ihr habt gelacht. Er und du; er hat dich weder beleidigt, noch irgendetwas Blödes zu dir gesagt!“ „Ach, das. Draco hat mich nur auf Goyles blaues Gesicht aufmerksam gemacht.“ „Draco?“, fragte Ron und irgendein Unterton lag in seiner Stimme, der mir gar nicht gefiel. „Wie sollte ich ihn sonst nennen?“ „Draco; Ist das dein Ernst?“, fragte Harry ungläubig. „Was dagegen?“, zischte ich. „Was ist falsch daran, ihn beim Vornamen zu nennen?“ „Liv, er ist ein Slytherin!“, entgegnete Harry. Ich starrte ihn an. Das konnte doch nicht sein Ernst sein! Er glaubte doch nicht wirklich, dass es schon ein Verbrechen war, wenn ich mich mit einem Slytherin unterhielt! Und Harry schien davon auch noch vollkommen überzeugt, was es nur noch mehr in mir brodeln ließ. Wütend sah ich ihn an und rief: „Harry James Potter, du kannst mich mal! Du brauchst erst wieder mit mir reden, wenn du dir mal überlegt hast, was du gerade gesagt hast!“ Wütend ging ich weiter und rannte die Treppe hinauf. Ich hörte zwar, wie Harry meinen Namen rief, doch ich hatte im Moment wirklich keine Lust, mit ihm darüber zu diskutieren. Mein Gefühl sagte mir, dass es bald vier Uhr sein müsste und so machte ich mich auf den Weg in den siebten Stock. Und dabei fiel mir etwas ein. Letztes Jahr, als Mine versteinert worden war, hatte ich verzweifelt versucht, herauszufinden, wer für diese ganzen Taten verantwortlich war. Und dabei hatte ich im siebten Stock einen Raum gefunden, der genau darüber Bücher enthielt! Konnte das der Raum der Wünsche gewesen sein? Im siebten Stock angekommen tat ich genau das, was auf dem Zettel stand. Ich ging dreimal im Kreis und plötzlich erschien eine große, weiße Tür mit goldenen Klinken vor mir. Vorsichtig ging ich darauf zu und drückte die Klinken hinunter.

    12
    12. Kapitel

    Ich drückte die Tür auf und staunte. Dahinter lag ein riesiger Raum und in der Mitte stand ein großer, schwarzer Flügel. Durch die riesigen Fenster fiel schummriges Licht in den Raum und erhellten die Mitte. Langsam trat ich in die Mitte des Raum und dabei fiel mir auf, nachdem ich im Licht immer mehr sehen konnte, dass es sich um eine Bibliothek handelte, die bis über die Decke mit Büchern gefüllt war. Oben befand sich eine Art zweites Stockwerk, wobei es sich um einen Balkon mit Brüstung handelte, von der man in die Mitte des Raums sehen konnte. „Wow“, flüsterte ich, als ich über dem Flügel einen riesigen Kronleuchter mit tausenden Kerzen entdeckte. „Ich muss sagen, du hast durchaus Geschmack.“ Ich sah hinauf zur Brüstung und entdeckte Draco. Ich grinste. „Wirklich?“ Er nickte und kam über eine Treppe nach unten. „Spielst du?“, fragte er und deutete auf den Flügel. Ich lief ein wenig rot an und nickte. „Spiel mir was vor!“, bat er. „Lieber nicht“, flüsterte ich. „Hey. Hier sind nur du und ich. Du kannst mir vertrauen. Außerdem bin ich mir sicher, dass du wundervoll spielst.“ Ich lächelte. „Wenn ich dir etwas vorspiele, musst du mir etwas vorsingen.“ „Was?“, fragte er. Ich grinste. „Komm schon, Draco. Du hast gesagt, ich kann auf dem Flügel spielen. Dann kannst du auch singen.“ „Na gut“, gab er widerwillig zu. Ich schenkte ihm ein Lächeln, dann trat ich hinüber zum Flügel und setzte mich.

    Dracos Sicht:
    Vorsichtig setzte sie ihre zarten Finger auf die Tasten. Jeder einzige Ton, den sie spielte, war leicht und so wunderschön wie Schmetterlingsflügel. Und das Seltsame daran war, dass es war, als könnte ich verstehen, was sie bei diesem Lied spürte. Wie sanft sie lächelte, wenn sie mit Musik in Berührung kam, wie sie in diesem Lied versunken war. Ich hätte ihr ewig zuhören können, doch ich schrak auf, als sie das Lied mit einem Akkord beendete. Schüchtern sah sie mich an und wartete auf meine Reaktion. Ich grinste. „Und du dachtest, du wärst nicht gut?“ Nachdem ich das gesagt hatte, strahlten ihre Augen wieder. Dann grinste sie auch. „Ich hab’ dir was vorgespielt, jetzt musst du mir was vorsingen.“

    Olivias Sicht:
    Dracos Gesicht verzog sich. „Ich kann nicht singen.“ Ich schüttelte den Kopf. „Draco, du hast mir gesagt, dass du dir sicher bist, dass ich spielen kann. Wenn ich spielen kann, dann kannst du singen.“ Ich schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln. Draco nickte. „Aber nur, weil du es bist.“ Und im nächsten Moment standen statt dem Flügel zwei Mikrofone an zwei passenden Ständern. Draco ging hinüber und nahm ein Mikrofon in die Hand. Ich sah, wie er seine Augen schloss und ruhig durchatmete. Und im nächsten Moment hörte ich die Instrumentalversion eines Liedes. Draco warf mir einen kurzen Blick zu, dann sang er.

    Draco:
    Don’t do love,
    Don’t do friends
    I’m only after success.
    Don’t need a relationship
    I’ll never soften my grip

    Dracos Stimme war sehr ausdrucksstark; zumindest empfand ich es so. Und mit jeder weiteren Zeile merkte ich, dass das Lied genau auf seinen Charakter passte.

    Don’t want cash
    Don’t want car
    Want it fast
    Want it hard
    Don’t need money
    Don’t need fame
    I just want to make a change.

    Ich hatte nun das Gefühl, dass ich mitsingen musste. Der Rythmus des Liedes fesselte mich regelrecht. Auch hatte ich die leise Ahnung, dass Draco mir dafür danken würde.

    I just wanna change
    I just wanna change
    I just wanna change
    I just wanna change
    I just wanna change

    Ich trat auf das andere Mikrofon zu und umklammerte den Griff. Ich setzte den Text fort.

    Olivia:
    I now exactly what I want
    and who I want to be-

    Während ich sang, sah ich Draco auffordernd an; er grinste.

    Draco:
    -I now exactly why I walk and talk
    like a machine
    I’m now becoming
    my own self-fullfilled prophecy-

    Ich hatte das Gefühl, mich in seinen Augen zu verlieren, als er sang. Unwillkürlich musste ich lächeln.

    Olivia:
    -Oh, Oh no! Oh no! Oh no!

    Draco:
    One track mind
    One track heart
    If I fail
    I’ll fall apart

    Olivia:
    Maybe it is all a test-

    Draco:
    -Cause I feel like I’m the worst
    So I always act like I’m the best.

    Olivia:
    If you are not very carful
    your possessions will possess you
    TV taught me how to feel
    Now real life has no appeal-

    Draco:
    -It has no appeal
    It has no appeal
    It has no appeal
    It has no appeal
    It has no appeal-

    Olivia:
    I know exactly what I want
    and who I want to be-

    Draco:
    I know exactly whay I walk and talk
    like a machine
    I’m now becoming
    my own self-fullfilled prophecy-

    Olivia:
    -Oh, Oh no! Oh no! Oh no!
    I know exactly what I want
    and who I want to be-

    Draco:
    - I know exactly why I walk an talk
    like a machine
    I’m now becoming
    my own self-fullfilled prophecy-

    Olivia:
    -Oh, Oh no! Oh no! Oh no!
    I’m gonna live
    I’m gonna fly-

    Draco:
    - I’m gonna fail
    I’m gonna die-

    Olivia:
    -I’m gonna live
    I’m gonna fly-

    Draco:
    - I’m gonna fail
    I’m gonna die die die die-

    Olivia:
    - I know exactly what I want
    and who I want to be-

    Draco:
    -I know exactly why I walk and talk
    like a machine
    I: m now becoming
    my own self-fullfilled prophecy-

    Olivia:
    - Oh, Oh no! Oh no! Oh no!

    (Oh no!, Marina and the Diamonds)

    Ich lächelte Draco an. „Siehst du, Draco, natürlich kannst du singen.“ „Du hattest Recht...wie immer.“, erwiderte er und grinste. Lächelnd schüttelte ich den Kopf. Wie schaffte Draco es nur, mich so sehr zum Lächeln zu bringen?

    Beim Abendessen ignorierte ich Harry gekonnt. Er saß zwar nur zwei Plätze von mir entfernt, doch ich tat so. als würde ich ihn gar nicht bemerken. Mine und Ron saßen gegenüber und beobachteten uns skeptisch, allerdings jeder für sich, da sie ja immer noch zerstritten waren. „Liv?“, fragte Harry vorsichtig. Ich sah nicht zu ihm hinüber. Mit einem Ruck spießte ich eine Kartoffel von meinem Teller auf und ließ sie durch die helle Soße rutschen. „Liv, es tut mir Leid!“, fuhr Harry fort, während Ron Harry versuchte zu sagen, dass es hoffnungslos war. „Ich- Ich hätte das nicht sagen sollen. Ich weiß, nicht alle Slytherins sind böse, aber Malfoy ist doch verdammt nah dran, oder?“ Wütend stieß ich meine Gabel durch eine weitere Kartoffel, so dass diese fast vom Teller fiel. „Es ist doch nicht meine Schuld, dass er sich so benimmt.“ Zornig funkelte ich Harry aus meinen blitzenden Augen an, was ihn augenblicklich zusammenzucken ließ. „Liv, Harry hat doch Recht.“, verteidigte Ron seinen besten Freund. „Ronald Bilius Weasley, du hältst jetzt am besten deine Klappe!“, zischte ich ihm zu. Ron verstummte missmutig. Ich drehte mich zu Harry um. „Tut mir Leid, Liv, ehrlich.“, sagte er leise und sah mich nicht an. „Gut“, erwiderte ich, „Dann vergessen wir das Ganze, aber halt dich in Zukunft etwas zurück.“ Er nickte, froh, dass ich wieder mit ihm redete. Ich gab zu, es war nicht gerade angenehm, nicht mit Harry reden zu können. Er war mir wirklich wichtig, das konnte ich keinesfalls leugnen.

    Nach der Sache mit Professor McGonagall war Harry recht niedergeschlagen. Ron erfand eine Menge unschmeichelhafter Namen für Professor McGonagall, was Mine ausgesprochen ärgerte. Ich entdeckte, dass Mine dann immer ihren „Umso besser“- Blick aufsetzte, was Ron nur noch zorniger machte. Und Harry hat mir wirklich leid, denn nun musste er sich von allen anderen in der Klasse anhören, wie sie sich auf Hogsmeade freuten. „Du hast doch immer noch das Fest. Du weißt schon, das Festessen am Abend von Halloween.“, versuchte Ron Harry aufzuheitern. „Jaaa“, antwortete Harry trübselig, „ganz großartig“. Ich konnte ihn verstehen. Das Fest an Halloween war immer gut, sicher, doch es würde noch viel besser sein, wenn Harry am Abend zusammen mit uns und hungrig aus Hogsmeade zurückkommen würde. Keiner konnte Harry trösten, selbst ich nicht, auch wenn ich das nur zu gerne getan hätte. Dean, der gut mit der Feder umgehen konnte, hatte Harry angeboten, die Unterschrift seines Onkels zu fälschen, doch da Harry Professor McGonagall schon erzählt hatte, dass sein Onkel nicht unterschrieben hatte, brachte das auch nichts. Ron schlug Harry vor, den Tarnumhang zu benutzen, doch Mine war dagegen und erinnerte Ron daran, dass Dumbledore doch gesagt hatte, die Dementoren könnten sehen, wer darunter sei. Doch Percy kannte wenig tröstende Worte. „Sie machen immer diesen Aufstand wegen Hogsmeade, aber glaub mir, Harry, so toll ist es auch wieder nicht“, meinte er ernsthaft. „Gut und schön, der Süßigkeitenladen ist ziemlich gut, und Zonkos Scherzartikelladen ist schlichtweg gefährlich, und die Heulende Hütte lohnt immer einen Besuch, aber abgesehen davon entgeht dir nichts.“ Ich warf ihm nur einen wütenden Blick zu. Das hatte Harry garantiert nicht aufgemuntert!

    13
    13. Kapitel

    Am Morgen von Halloween wachte ich gutgelaunt auf. Heute durfte ich das erste Mal nach Hogsmeade gehen! Schnell stand ich auf und zog mich an. Ich zog eine dunkelrote Bluse und eine dunkelblaue Jeans an. Ich griff mir meinen rot-goldenen Gryffindorschal und eine hellbraune Jacke mit Fellbesatz und ging danach zum Frühstück. Harry saß schon ziemlich missmutig am Gryffindortisch und ich setzte mich neben ihn. „Hey“, sagte ich und nahm mir etwas Rührei auf den Teller. „Hey“, murmelte Harry. „Hör mal“, meinte ich, während ich mir Kürbissaft in mein Glas einschenkte, „Ich bringe dir eine Menge Süßigkeiten aus dem Honigtopf mit, versprochen.“ Ich lächelte ihn aufmunternd an. Er erwiderte das Lächeln leicht. Ron und Mine nickten. Die beiden hatten angesichts von Harrys Verzweiflung sogar ihren Streit wegen Krummbein vergessen. „Macht euch keine Sorgen um mich“, erwiderte Harry lässig. „Wir treffen uns dann beim Essen. Viel Spaß!“ Zweifelnd zog ich eine Augenbraue hoch.

    Harry begleitete uns zur Eingangshalle, wo Filch am Portal stand und die Namen auf einer langen Liste abhakte, wobei er misstrauisch jedes Gesicht musterte und aufpasste, dass keiner sich hinausschlich, der nicht mitdurfte. Ron, Mine und ich stellten uns in der Schlange an. „Du bleibst hier, Potter?“, hörte ich Malfoy rufen, der zusammen mit Crabbe und Goyle in der Schlange stand. „Hast du Bammel vor den Dementoren draußen?“ Harry überhörte ihn. Ich winkte ihm zum Abschied zu, bevor wir durch das Portal gingen und ich sah, wie Harry die Marmortreppe nach oben ging. Wir gingen durch das Portal und machten uns auf den Weg nach Hogsmeade. Ich konnte es kaum erwarten, Hogsmeade zu sehen!

    „Also, wohin wollt ihr zuerst?“, fragte Ron, als Hogsmeade vor uns lag. „Ich will unbedingt in den Honigtopf!“, erwiderte ich. „Ich auch!“, meinte Ron und allein die Vorstellung ließ ihn schon sabbern. „Dann los! Wir müssen Harry ja etwas mitbringen!“, stimmte Mine uns zu und zusammen machten wir uns auf den Weg in den Honigtopf. In Hogsmeade drängten sich die Schüler und ich sah staunend von rechts nach links. Ich spürte förmlich die Magie zwischen den Gebäuden. Auf dem Dorfplatz sah ich einen Springbrunnen und bald darauf entdeckte ich den Honigtopf, wo sich die Schüler schon hineindrängten. Schnell quetschten wir uns hinein und ich staunte. Die Regale mit den verführerischsten Leckereien, die man sich vorstellen konnte, reichten bis zur Decke. Es gab sahnige Schokoladenriegel, rosa schimmerndes Zitroneneis, honigfarbene, fette Toffeebohnen; Hunderte verschiedene Sorten Schokolade, fein säuberlich aneinander gereiht; ein riesiges Fass mit Bohnen jeder Geschmacksrichtung und ein anderes mit zischenden Wissbies (Brausekugeln, die einen vom Boden rissen). Entlang einer anderen Wand stapelten sich Süßigkeiten mit „Spezialeffekt“ - Druhbels Bester Blaskaugummi („füllt ein Zimmer mit glockenblumenfarbenen Blasen, die tagelang nicht platzen wollen!“), die merkwürdig splittrige Zahnweiß-Pfefferminzlakritze, winzige kleine Pfefferkobolde („heiz deine Freunde mal richtig ein!“), Eismäuse („dir klappern die Zähne und du quiekst!“), Pfefferminzpralinen in der Form von Kröten („hüpfen dir vorbildgetreu in den Magen!“), zerbrechliche, aus Zucker gedrehte Federhalter und explodierende Bonbons. Mir lief das Wasser im Mund zusammen und ich stürzte mich auf die Auswahl.

    Mit vier vollgepackten Tüten verließ ich zusammen mit Ron und Mine den Honigtopf. Danach zerrte mich Mine zu Derwish & Banges. Sie brauchte noch Pergament, denn ihr Vorrat war seit dem Beginn des Schuljahrs erheblich geschrumpft. Dort gab es auch Tinte, die vierfarbig war und sich je nach dem Willen des Besitzers veränderte. Ich kaufte mir zwei Tintenfässer voll und einen neuen Federhalter. Anschließend wollte Ron unbedingt in die Drei Besen, denn Fred und George hatten regelrecht davon geschwärmt. Also überquerten wir die Straße und betraten ein kleines Wirtshaus. Es war gesteckt voll und warm. Eine recht wohlproportionierte Frau mit hübschem Gesicht kümmerte sich gerade um die Bar. Wie hatten Glück, dass gerade ein Tisch frei wurde. Rasch setzten wir uns und bestellten uns Butterbier. Es schmeckte wunderbar und wärmte herrlich. An allen Tischen saßen plaudernde Schüler und die Wirtin, die wie Mine uns erklärte, Madam Rosmerta hieß, hatte offensichtlich alle Hände voll zu tun. „Also“, sagte Mine, nachdem sie die Hälfte ihres Butterbiers getrunken hatte, „ich will noch ins Postamt. Ich habe gelesen, dort haben sie siebenhundert Eulen, die für verschiedene Transportwege benutzt werden.“ „Du hast viel gelesen, Hermine.“, stöhnte Ron genervt auf, was mich zum Schmunzeln brachte. „Es kann ja nicht schaden, wenn wir uns das Postamt mal ansehen!“, stimmte ich ihr enthusiastisch zu. Wir tranken unser Butterbier aus und machten uns auf den Weg zum Postamt, während Mine uns mit Informationen darüber zuschüttete. Ich schaltete auf Durchzug und fragte mich, was Harry wohl gerade tat. Wie es sich wohl anfühlen musste, als einziger Drittklässler im Schloss bleiben zu müssen? Und dann war da ja noch die Sache mit Sirius Black...Harry tat mir leid. Black war hinter ihm her und ich wusste nicht, was ich getan hätte, wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre. Im nächsten Moment riss Mine mich aus meinen Gedanken. „Seht mal, da ist das Postamt!“ Das Postamt war ein großes Backsteinhaus, das dreistöckig war. Wir betraten das Postamt und ich sah mich staunend um. Mindestens dreihundert Eulen saßen auf Stangen und fiepten mir zu; alle Arten waren vorhanden: vom großen Uhu bis zu winzigen Käutzchen, die nur für die Zustellung von Briefen im Ort benutzt wurden. Sie waren so winzig, dass sie in meiner Hand gehabt hätten. Ron erkundigte sich, was eine Eule nach Rumänien kosten würde und danach machten wir uns auf den Weg zurück nach Hogwarts. „Was hat euch am besten gefallen?“, fragte ich. „Ich weiß nicht, Derwisch & Banges hat mir gut gefallen!“, antwortete Mine unentschlossen. „Der Honigtopf gefällt mir am besten!“, erwiderte Ron und ich nickte. „Ich muss Harry auf jeden Fall vom Honigtopf erzählen.“, meinte ich begeistert.

    „Hier, bitte sehr“, sagte Ron. „Wir haben so viel mitgenommen, wie wir tragen konnten!“, fügte ich hinzu. Ein Schauer bunter leuchtender Süßigkeiten ergoss sich in Harrys Schoss. Draußen dämmerte es schon, und ich war zusammen mit Mine und Ron soeben im Gemeinschaftsraum angekommen, mit rosa Gesichtern vom kalten Wind und für Harry musste es sicher so aussehen, als hätten wir die schönste Zeit unseres Lebens gehabt. „Danke“, erwiderte Harry und hob eine Tüte mit Pfefferkobolden auf. „Wie ist es in Hogsmeade? Wo wart ihr überall?“ Ich erzählte Harry, dass wir bei Derwisch & Banges gewesen waren und ich die Farbwechsel-Tinte gekauft hatte. Ron fuhr dazwischen und fuhr über die Drei Besen fort. Komischerweise erwähnte er Madam Rosmerta recht oft. „Das Postamt, Harry! Rund siebenhundert Eulen, alle auf Stangen, in verschiedenen Farben, je nachdem, wie schnell der Brief ankommen soll!“, meinte Mine begeistert. „Wir glauben, wir haben einen Oger gesehen, in den Drei Besen treibt sich so einiges rum-...“, sagte ich. „Am liebsten hätten wir dir ein wenig Butterbier mitgebracht, das wärmt richtig durch!“, fuhr Ron fort. „Und...was hast du getan?“, fragte ich. „Hast du ein wenig gearbeitet?“ „Nein“, antwortete Harry. „Lupin hat mir in seinem Büro eine Tasse Tee gemacht. Und dann ist Snape reingekommen...“ Er erzählte uns, dass Snape Lupin einen Trank gebraut hatte und dass Lupin vollkommenes Vertrauen in Snape hatte, obwohl Harry glaubte, dass es sich um Gift handeln könnte. Ron sackte der Unterkiefer herunter. „Lupin hat es getrunken? Ist er verrückt?“ Ich schüttelte nur innerlich meinen Kopf über Ron. Snape war nicht einmal so übel, und außerdem glaubte ich nicht, dass Snape Lupin vor Harrys Augen vergiften würde. Mine sah, während ich meinen Gedanken nachging, auf ihre Uhr. „Wir sollten jetzt nach unten gehen, das Fest beginnt in fünf Minuten...“ Eilig stiegen wir durch das Porträtloch und schlossen uns der Menge an. Während wir in Richtung große Halle gingen, unterhielten wir uns weiter über Snape. Ich senkte meine Stimme. „Aber wenn Snape wirklich Lupin hätte vergiften wollen, dann hätte er es doch sicher nicht vor Harry getan.“ „Ja, vielleicht“, murmelte Harry, als wir in die Eingangshalle kamen und auf die Große Halle zugingen.

    Die Große Halle war, wie immer an Halloween, mit Aberhunderten von kerzengefüllten Kürbissen geschmückt, mit einer Wolke flatternder Fledermäuse und flammend orangeroten Spruchbändern, die über den stürmenden Himmel schwebten (sie sahen aus wie leuchtende Wasserschlangen). Das Essen war köstlich; ich schaffte es, obwohl ich immer noch mit den Süßigkeiten aus dem Honigtopf vollgestopft war, mir von allem noch ein zweites Mal aufzutun. Ich bemerkte, wie Harry ständig Blicke zum Lehrertisch warf und ich folgte den Blicken; sie führten geradewegs zu Professor Lupin. Er sah fröhlich aus und war so munter wie gewöhnlich, während er angeregt mit Professor Flitwick plauderte. Ich ließ meine Augen den Tisch entlangwandern zu dem Platz, an dem Snape saß. Bildete ich mir das nur ein, oder flackerten seine Augen ungewöhnlich oft zu Professor Lupin hinüber? Das Festessen endete mit einer kleinen Show der Geister. Sie ploppten aus den Wänden und Tischen und schwebten eine Weile im Formationsflug durch die Halle; danach hatte der Fast Kopflose Nick einen großen Erfolg mit der Neuaufführung seiner eigenen verpatzten Enthauptung. Und auch Harry wirkte so, als hätte er die Tatsache, dass er nicht mit nach Hogsmeade konnte, schon vergessen. Selbst als Draco ihm ein gehässiges „Liebe Grüße von den Dementoren, Potter!“ zurief, ignorierte er ihn einfach. Harrys Augen blitzten im Licht, das die Kürbisse verströmten, auf und ließen mich erschaudern. Wie konnte er nur so schöne Augen haben? Sein Haar war wie üblich verwuschelt und stand nach allen Seiten vom Kopf ab. Harry konnte sie einfach nie in Form bekommen...Halt!, ermahnte ich mich innerlich. Wieso dachte ich die ganze Zeit nur an Harry? An dieses wunderschöne Lächeln, das er mir immer zuwarf...Stop, Liv! Stop! Innerlich schimpfte ich mit mir selbst. Ich musste endlich damit aufhören, immer an Harry zu denken! Irgendwie musste es doch möglich sein, ihn aus meinem Kopf zu bekommen!

    Harry, Ron, Mine und ich folgten den anderen Gryffindors hoch in den Turm, doch als wir den Gang erreichten, an dessen Ende das Porträt der Fetten Dame hing, gerieten wir in einen Stau. „Warum gehen sie denn nicht rein?“, fragte Ron verwundert. Ich spähte über die Köpfe der anderen hinweg. Das Porträt schien noch an seinem Platz zu hängen. „Lasst mich bitte durch“, hörte ich Percy rufen, der sich durch die Menge schob. „Warum steht ihr hier rum? Ihr könnt doch nicht alle das Passwort vergessen haben!“ Und dann verstummte die Menge und ein Schaudern breitete sich den Gang entlang aus. Wir hörten, wie Percy mit scharfer Stimme rief: „Jemand muss den Schulleiter holen, sofort!“ Alle Köpfe wandten sich um; wer ganz hinten stand, stellte sich auf die Zehenspitzen. „Was ist denn los?“, fragte mich Ginny, die soeben zu uns gestoßen war. Ich zuckte nur mit den Schultern. Kurz darauf erschien Professor Dumbledore und eilte zum Porträt; alle Gryffindors drängten sich zusammen, um ihn durchzulassen und zusammen mit meinen Freunden schob ich mich weiter nach vorne, um zu sehen, was los war. „Oh, nein...“, stammelte ich entsetzt und packte vor Schreck Harrys Arm. Die fette Dame war aus ihrem Gemälde verschwunden und das Bild war mti einer solchen Wut zerschlitzt worden, dass Leinwandfetzen auf dem Boden lagen: ganze Stücke waren weggerissen worden. Wer das nur gewesen sein mochte? Dumbledore warf einen raschen Blick auf das ruinierte Gemälde und wandte sich mit verdüsterten Augen um; die Professoren McGonagall, Lupin und Snape kamen auf uns zugerannt. „Wir müssen sie suchen“, gab Professor Dumbledore als Anweisung. „Professor McGonagall, bitte gehen Sie sofort zu Mr. Filch und sagen ihm, er soll jedes Gemälde im Schloss nach der fetten Dame absuchen.“ „Da werdet ihr kein Glück haben!“, hörte ich plötzlich eine freche Stimme hinter uns. Es war Peeves, der über unsere Köpfe hinweghüpfte und, wie immer, wenn Zerstörung und Unruhe herrschte, ganz ausgelassen war. „Was meinst du damit, Peeves?“, fragte Dumbledore ruhig. Peeves’ Grinsen gefror. Bei Dumbledore erlaubte er sich keine Scherze. Stattdessen legte er einen schleimigen Tonfall auf, der nicht besser war, als sein Glucksen. „Sie geniert sich, Herr Oberschulleiter. Will nicht gesehen werden; sieht fürchterlich aus. Hab sie durch das Landschaftsgemälde oben im vierten Stock rennen sehen, Sir, sie hat sich hinter den Bäumen versteckt. Hat etwas Schreckliches gerufen“, antwortete er glücklich. „Armes Ding“, heuchelte er kaum überzeugend. „Hat sie gesagt, wer es war?“, fragte Dumbledore leise. „Oh ja, Herr Professor Doktor Dumbledore“, erwiderte Peeves so, als trüge er eine tickende Bombe unter dem Arm, die gleich explodieren würde. „Er wurde sehr zornig, als sie ihn nicht einlassen wollte, verstehen Sie.“ Peeves grinste. „Übles Temperament hat er, dieser Sirius Black.“

    14
    14. Kapitel

    Professor Dumbledore schickte alle Gryffindors zurück in die Große Halle. Zehn Minuten später stießen auch die verwirrten Ravenclaws, Hufflepuffs und Slytherins hinzu. Ich entdeckte Luna in der Menge der Ravenclaws, die ganz verträumt in die Ferne starrte. „Luna!“, sagte ich. „Weißt du schon, was passiert ist?“ Sie schüttelte den Kopf und antwortete verträumt: „Du wirst es mir sicher gleich erzählen, Liv!“ Ich nickte. „Sirius Black war, oder besser gesagt, ist hier im Schloss. Er wollte in den Gryffindorgemeinschaftsraum, aber die fette Dame hat ihn nicht hineingelassen, also ist er wütend geworden und hat ihr Gemälde aufgeschlitzt; die fette Dame ist geflohen und die Lehrer suchen gerade das Schloss nach ihr und Black ab.“ Lunas Mund ging auf. „Hoffentlich finden sie ihn. Übrigens, um deinen Kopf fliegen schon wieder lauter Keoilis!“ Verwundert starrte ich sie an. „Du weißt schon, Keoilis. Sie schwirren um dich herum und dabei deuten sie immer wieder auf deinen Freund dadrüben.“ Sie zeigte hinüber zu Harry. „Was?“, fragte ich verwirrt. „Das kann nicht sein, Luna. Du musst dich versehen haben.“ „Die Keoilis irren sich nie...“ Ich wollte sie gerade fragen, was das bedeuten sollte, als wir von Professor Dumbledore unterbrochen wurden. „Ich werde zusammen mit den anderen Lehrern das Schloss gründlich durchsuchen“, erklärte Professor Dumbledore, während Professor McGonagall und Professor Flitwick alle Türen zur Halle schlossen. „Ich fürchte, zu eurer eigenen Sicherheit müsst ihr die heutige nacht hier verbringen. Ich bitte die Vertrauensschüler, an den Eingängen zur Halle Wachen aufzustellen. Ich übergebe den Schulsprechern die Verantwortung. Jeder Zwischenfall ist mir sofort mitzuteilen. Schicken Sie einen der Geister zu mir.“, sagte er an den ungeheuer stolz und wichtig dreinschauenden Percy gewandt. Auf dem Weg zum Ausgang blieb Professor Dumbledore noch einmal stehen. „Ach ja, Sie brauchen...“ Mit einem lässigen Schlenker seines Zauberstabs flogen die langen Tische in die Ecken der Halle und stellten sich senkrecht gegen die Wand; ein weiterer Schlenker und der Fußboden war bedeckt mit Hunderten von knuddeligen, purpurroten Schlafsäcken. „Schlaft gut!“, meinte Professor Dumbledore und schloss die Tür hinter sich. „Dann...bis morgen in der Bücherei, oder?“, fragte ich Luna und sie nickte. In der Halle hate sich mittlerweile ein aufgeregtes Gesumme gebildet; die Gryffindors erzählten den anderen, was gerade passiert war. „Alle in die Schlafsäcke!“, rief Percy. „Los macht schon, kein Getuschel mehr! In zehn Minuten geht das Licht aus!“ Ich ging hinüber zu meinen Freunden. „Kommt“, meinte Ron zu uns; wir nahmen uns vier Schlafsäcke und verzogen uns hinüber in eine Ecke. „Glaubt ihr, Black ist immer noch im Schloss?“, fragte Mine beklommen. „Jedenfalls glaubt Dumbledore es“, antwortete Ron leise. „Ein Glück, dass er sich den heutigen Abend ausgesucht hat“, flüsterte ich. Mit allem, was wir anhatten, stiegen wir in die Schlafsäcke und wandten uns auf die Ellbogen gestützt einander zu. „Ausgerechnet heute Abend waren nicht im Turm...“ „Ich glaube, er weiß gar nicht mehr, welcher Tag heute ist, wo er doch ständig auf der Flucht ist“, meinte Ron. „Ihm war nicht klar, dass heute Halloween ist. Sonst wäre er hier hereingeplatzt.“ Ich schauderte. Um uns herum erklang immer wieder dieselbe Frage: „Wie ist er hereingekommen?“ „Vielleicht weiß er, wie man appariert“, vermutete ein Ravenclaw in der Nähe. „Einfach aus dem Nichts aufgetaucht, wisst ihr.“ „Hat sich wahrscheinlich verkleidet“, murmelte ein Huffelpuff. „Er könnte reingeflogen sein“, schlug Dean vor. Ich sah Mine an. Wir hatten genau denselben Gedanken. „Also ehrlich mal, sind wir die Einzigen, die >Eine Geschichte von Hogwarts< gelesen haben?“ „Kann schon sein“, dachte Ron laut nach. „Wieso?“ „Weil das Schloss nicht allein durch Mauern geschützt ist, wie ihr eigentlich wissen solltet“, erklärte Mine und ich ergänzte: „Es ist mit allen möglichen Zauberbannen und Flüchen umgeben, damit niemand heimlich reinkommt. Hier kann man nicht einfach reinapparieren. Und die Tarnung, mit der man Dementoren täuschen kann, würde ich gern mal sehen. Die bewachen doch jeden Eingang auf dem Gelände. Die hätten ihn doch auch reinfliegen sehen. Und Filch kennt alle Geheimgänge. Auch die werden sie bewachen...“ Plötzlich drang Percys laute Stimme durch die Halle: „Wir löschen jetzt die Lichter! Alle in die Schlafsäcke und kein Getuschel mehr!“

    Gleich darauf gingen die Kerzen aus. Das einzige, schimmernde Licht ging jetzt noch von den silbernen Geistern aus, die umherschwebten und in ernstem Ton mit den Vertrauensschülern sprachen. Ich blickte an die Decke; sie war wie der Himmel draußen mit Sternen übersät. Diese Tatsache und das Geflüster, das immer noch leise die Halle erfüllte, gaben mir das Gefühl, unter freiem Himmel zu schlafen. Ich lächelte und sah hinüber zu Harry. Auch er starrte an die Decke und sah zu mir, als er bemerkte, dass ich ihn ebenfalls ansah. „Was ist los?“, fragte er leise. „Ich habe Angst...wegen Black.“ „Bestimmt finden sie ihn, Liv.“ „Glaubst du?“, fragte ich zweifelnd. Dann flüsterte ich, sodass Ron und Mine es nicht hören konnten: „Ich habe Angst davor, einzuschlafen.“ Harry schien kurz zu überlegen, dann rutschte er im Schlafsack zu mir hinüber. Er streckte mir seine Hand entgegen. „Weißt du, ich habe genauso viel Angst wie du.“ Er lächelte. „Glaub mir, nimm meine Hand und wenn du etwas Schlimmes träumst, dann erinnerst du dich daran, dass ich neben dir liege und bei dir bin, in Ordnung?“ Zögernd blickte ich zwischen seinem Gesicht und seiner Hand hin und her. „Danke, Harry!“, sagte ich leise und ergriff seine Hand. Ein leichter Schauer lief mir über den Rücken, gefolgt von einem Gefühl der Wärme und Geborgenheit. „Schlaf ruhig, Liv.“ Ich lächelte und in weniger als fünf Minuten war ich eingeschlafen.

    Die warme Sonne schien auf mein Gesicht und wärmte meine Haut. Mir war, als ob ich fliegen könnte. Überall um mich herum glitzerte Schnee und ich lachte. Ich fühlte mich leicht, so frei wie ein Vogel. Über mir sah ich die hohe, kahle Krone eines Baumes und zwei lange Schnüre, die am Baum befestigt waren, was wohl heißen musste, dass ich auf einer Schaukel saß. Plötzlich fiel ein wenig Schnee aus der Baumkrone in meine Hand; kleine Finger umschlossen ihn und ich sah, wie ein leuchtendes Licht in den Handflächen aufblitzte. Als ich die Hände wieder öffnete, befand sich darin eine Blume; eine Lilie aus reinem Eis. Im schwachen Sonnenlicht funkelte die Blume, als wäre sie aus zerbrechlichem Glas. Ich schwang immer noch hin und her, als ich plötzlich eine leise, hohe Stimme hörte: „Höher, Daddy, höher!“ Sie kam mir seltsam bekannt vor, als hätte ich sie schon irgendwo mal gehört. Doch ich konnte mich nicht erinnern...So sehr ich es auch versuchte, es funktionierte nicht. Doch plötzlich wurde mir bewusst, dass das Bild schwächer wurde und genauso die Stimme, denn ich versuchte, genauer hinzuhören. Die Stimme wurde immer leiser, bis sie schließlich ganz verschwand.

    Mit einem Ruck fuhr ich aus dem Schlaf hoch. Harry neben mir blickte auf. „Was ist passiert?“, flüsterte er. Doch ich konnte keine Antwort geben, denn ich hörte Professor Dumbledore näher kommen, der offensichtlich einen Rundgang machte, um zu überprüfen, ob auch wirklich alle schliefen. Rasch taten Harry, Ron, Mine und ich so, als würden wir schlafen. „Irgendeine Spur von Black, Professor?“, hörte ich Percy flüstern. „Nein. Alles in Ordnung hier?“ „Alles unter Kontrolle, Sir.“ „Gut. Es hat keinen Zweck, die Schüler jetzt aufzuscheuchen. Für das Porträtloch oben bei den Gryffindors habe ich vorrübergehend einen anderen Wächter gefunden. Morgen können sie wieder nach oben.“ „Und die fette Dame, Sir?“ „Versteckt sich oben im zweiten Stock auf einer Landkarte von Argyllshire. Sie hat sich ganz offensichtlich geweigert, Black ohne Passwort einzulassen, deshalb hat er sie attackiert. Sie ist immer noch ziemlich durcheinander, aber sobald sie sich beruhigt hat, werde ich Filch anweisen, sie zu restaurieren.“ Ich hörte, wie die Tür zur Halle quietschend aufging und jemand eintrat. „Direktor?“ Es war Snape. Ich hielt den Atem an und lauschte angestrengt. „Wir haben den gesamten dritten Stock durchsucht. Keine Spur von ihm. Und Filch war in den Kerkern; dort ist er auch nicht.“ „Was ist mit dem Astronomieturm? Das Zimmer von Professor Trelawney? Die Eulerei?“ „Alles durchsucht...“ „Na gut, Severus. Ich hatte ohnehin nicht erwartet, dass Black lange trödelt.“ „Haben Sie eine Idee, wie er hereingekommen ist?“, fragte Snape. „Einige, Severus, und eine unsinniger als die andere.“ „Sie erinnern sich an das Gespräch, das wir hatten, Direktor, kurz vor - ähm - Beginn des Schuljahrs?“, meinte Snape durch zusammengepresste Lippen, als ob er Percy aus dem Gespräch ausschließlich wollte. „In der Tat, Severus“, sagte Dumbledore und etwas Warnendes lag in seiner Stimme. „Es scheint - fast unmöglich - dass Black ohne Hilfe aus dem Schloss hereingekommen ist. Ich habe damals wegen dieser Stellenbesetzung meiner Vorbehalte zum Ausdruck gebracht-...“ „Ich glaube nicht, dass auch nur ein Einziger hier im Schloss Black geholfen hat“, antwortete Dumbledore, und sein Tonfall zeigte unmissverständlich, dass er das Thema für abgeschlossen hielt. Snape erwiderte nichts.. „Ich muss runter zu den Dementoren“, meinte Dumbledore. „Ich sagte, ich würd eihnen berichten, wenn die Suche beendet ist.“ „Wollten die nicht helfen, Sir?“, fragte Percy. „Oh doch“, erwiderte Dumbledore kühl. „Aber solange ich hier Schulleiter bin, kommt kein Dementor über die Schwelle dieses Schlosses.“ Percy sah ein wenig verdutzt drein. rasch und leise ging Dumbledore aus der Halle. Snape stand einen Moment schweigend da und blickte dem Schulleiter mit einem Ausdruck tiefen Widerwillens nach, dann ging er ebenfalls hinaus. Harry und ich linsten aus den Augenwinkeln zu Ron und Mine hinüber. Beide lagen mit offenen Augen da und starrten an die Decke mit dem Sternengewölbe. In Harrys Augen spiegelten sich die Sterne. „Worum ging es da eigentlich?“, hauchte Ron.

    Während der nächsten Tage sprachen die Schüler über nichts anderes. Doch mich beschäftigte immer noch dieser seltsame Traum. Als ich mich am nächsten Tag mit Luna in der Bibliothek traf, war ich immer noch in Gedanken. „Was hast du denn?“, fragte Luna und sah mich aus blauen weiten Augen an. „Ich hatte gestern Nacht nur einen seltsamen Traum, Luna...“ Ich erzählte ihr von meinem Traum. „Hmmm...vielleicht bezieht sich der Traum auf deine Vergangenheit.“ „Aber Luna, an diesem Ort aus meinem Traum, war ich noch nie, den hab ich noch nie gesehen.“ „Vielleicht ist es eine Erinnerung aus deinem Unterbewusstsein...Du weißt schon, bevor du adoptiert wurdest...“ Verträumt sah sie mich an. Vielleicht hatte Luna recht. Aber selbst, wenn das die Wahrheit war, was brachte mir diese Erkenntnis?

    Wie gesagt, war Blacks Angriff auf die fette Dame das Hauptgesprächsthema der Schüler. Die Theorien, wie Black hereingekommen war, wurden immer abstruser. Hannah Abbott aus Hufflepuff erzählte in der nächsten Stunde Kräuterkunde jedem, der es hören wollte, dass Black sich in einen blühenden Busch verwandeln könne. Das zerschlitzte Gemälde der fette Dame wurde von der Wand genommen und durch das Porträt Sir Cadogans ersetzt. Damit war irgendwie niemand so recht zufrieden. Sir Cadogan forderte alle Gryffindors ständig zu Duellen heraus, oder dachte isch komplizierte Passwörter aus, die er zweimal am Tag änderte. „Der ist doch komplett verrückt“, beschwerte sich Seamus bei Percy. „Können wir keinen anderen kriegen?“ „Keines von den anderen Bildern wollte den Job übernehmen“, meinte Percy schulterzuckend. „Angst wegen der Geschichte mit der fetten Dame. Sir Cadogan war der Einzige, der mutig genug war und sich freiwillig meldete.“ Doch bald bemerkte ich auch, dass Harry nun auf Schritt und Tritt verfolgt wurde. Die Sache mit Black steckte den Lehrern offensichtlich immer noch im Hals, denn sie hatten Percy auf Harry angesetzt. Dieser folgte ihm nun überall hin, wie ein äußerst wichtigtuerischer Leibwächter. Und um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, bestellte Professor McGonagall Harry mit einem düsteren Gesichtsausdruck in ihr Büro. Danach erzählte Harry mir, sie hätte ihn über die Tatsache aufklären wollen, dass Black hinter ihm her war und er hatte ihr erzählt, dass er bereits alles wusste. Am nächsten Samstag war unser erstes Quidditch-Spiel. Professor McGonagall hatte sich dem Schein nach Sorgen um Harry gemacht, denn sie hatte veranlasst, dass Madam Hooch das Training beausichtigte.

    Das erste Quidditch-Spiel rückte nun immer näher und das Wetter wurde immer schlechter. Unser Team ließ sich aber nicht entmutigen und trainierten unter den Augen von Madam Hooch härter den je. Dann, während unseres letzten Trainings vor dem Spiel am Samstag, überbrachte Wood uns eine unerfreuliche Nachricht. „Wir spielen nicht gegen den Slytherins!“, verkündete er wütend. „Flint war eben bei mir. Wir spielen gegen die Hufflepuffs!“ „Warum?“, riefen wir alle im Chor. „Flint redet sich damit raus, dass ihr Sucher immer noch am Arm verletzt ist“, erwiderte Wood mit knirschenden Zähnen. „Aber es ist doch klar, warum sie das tun. Wollen nicht bei diesem Wetter spielen, weil sie denken, es würde ihre Chancen vermindern...“ Den ganzen Tag hatte es heftig gestürmt und heftig geregnet und ein fernes Donnergrollen unterlegte Woods Worte. Alle wussten mittlerweile, dass Draco nicht verletzt war, aber trotzdem nutzten die Slytherins das jetzt offensichtlich aus. Harry rief zornig: „Malfoys Arm ist vollkommen gesund! Er schauspielert doch nur!“ „Das weiß ich auch, aber wir bräuchten Beweise“, knurrte Wood. „Und wir haben jetzt alle diese Spielzüge geübt, weil wir angenommen haben, wir würden gegen Slytherin spielen, und dann kommen die Hufflepuffs mit einer ganz anderen Spielweise. Außerdem haben sie einen neuen Kapitän und Sucher, Cedric Diggory-...“ Angelina und Katie fingen urplötzlich an zu kichern. „Was ist denn?“, meinte Wood gereizt und runzelte die Stirn über dieses mädchenhafte Benehmen. „Das ist doch dieser große, gut aussehende Junge?“, schwärmte Angelina. „Stark und schweigsam“, fügte Katie hinzu und wieder fingen die beiden an zu kichern. „Der ist nur schweigsam, weil er zu doof ist, um zwei Wörter miteinander zu verknüpfen“, sagte Fred unwirsch. „Ich weiß nicht, weshalb du dir Sorgen machst, Oliver, die Hufflepuffs besiegen wir doch locker. Beim letzten Spiel gegen die hat Harry den Schnatz in fünf Minuten gefangen, weißt du noch?“ „Das waren ganz andere Bedingungen!“, rief Wood. „Diggory hat ein recht starkes Team auf die Beine gestellt. Er ist ein sehr guter Sucher! Ich hatte ja schon befürchtet, dass ihr es auf die leichte Schulter nehmt! Wir dürfen uns nicht zurücklehnen! Die Slytherins wollen uns auf dem falschen Fuß erwischen! Wir müssen gewinnen!“ „Schon gut“, antwortete George ein wenig beunruhigt. „Wir nehmen die Hufflepuffs sehr ernst. Im Ernst.“

    15
    15. Kapitel

    Am Tag vor dem Spiel wurde der Wind zu einem heulenden Sturm, der um das Schloss fegte. Es goss wie aus Kübeln. Drinnen auf den Korridoren und in den Klassenzimmern war es so dunkel, dass zusätzliche Fackeln und Laternen angezündet werden mussten. Als wir zu Verteidigung gegen die dunklen Künste kamen, musste ich allerdings feststellen, dass Professor Lupin nicht da war. Ich setzte mich neben Mine nach vorne und Ron setzte sich missmutig hinter uns; Harry war mal wieder von Wood aufgehalten worden, der ihm Tipps gab, wie er Cedric Diggory schlagen könne. Pötzlich wurde mit einem Ruck die Tür zum Klassenraum aufgerissen und nicht Professor Lupin, sondern Snape stürmte herein. Sein Umhang flatterte hinter ihm her, als er hinter das Pult rauschte, während alle verwirrt tuschelten. Wieso war Professor Lupin nicht da? „Ruhe“, rief Snape und augenblicklich verstummten diejenigen, die sich angeregt unterhalten hatten. „Ich vertrete Professor Lupin, er ist krank. Nun, wie ich sehe, hat Professor Lupin keine Notizen über den Stoff hinterlassen, den Sie bisher behandelt haben-...“ Die Tür wurde erneut aufgerissen und Harry stürzte außer Atem in den Klassenraum. „Entschuldigen Sie, dass ich zu spät komme, Professor Lupin, ich-...“ Harry erstarrte. Er hatte ebenfalls bemerkte, dass Snape statt Lupin im Raum stand. „Diese Unterrichtsstunde hat vor fünf Minuten begonnen, Potter und ich denke, dafür ziehen wir Gryffindor 10 Punkte ab. Setz dich.“ Doch Harry rührte sich nicht vom Fleck. „Wo ist Professor Lupin?“, fragte er. „Er sagt, er fühlt sich zu krank, um zu unterrichten.“ Snape setzte ein schiefes Lächeln auf. „Habe ich nicht gesagt, du sollst dich setzen?“ Harry bewegte sich immer noch nicht. „Was hat er denn?“ Snapes Augen glitzerten bedrohlich. „Nichts Lebensbedrohliches“, meinte er. Allerdings sah es so aus, als ob er sich genau das sehnlichst wünschte. „Noch einmal 5 Punkte Abzug für Gryffindor, und wenn ich dich noch einmal auffordern muss, dich zu setzen, werden’s fünfzig.“ Langsam ging Harry zu seinem Platz neben Ron und setzte sich. Snape blickte in die Runde. Wie immer blieb sein Blick kurz an mir hängen. Dann sagte er: „Wie ich bereits sagte, bevor Potter uns unterbrach, hat Professor Lupin keine Notizen über den Stoff hinterlassen, den Sie bisher behandelt haben-...“ Doch er wurde erneut unterbrochen, diemal von Mine. „Bitte, Sir, wir haben Irrwichte behandelt, Rotkappen, Kappas und Grindelohs“, sprudelte es aus ihr hervor, „und wir wollten gerade mit-...“ „Schweigen Sie“, zischte Snape mit kalter Stimme. „Ich habe nicht um Aufklärung gebeten. Mir ist nur Professor Lupins Misswirtschaft aufgestoßen.“ In diesem Augenblick breitete sich unglaubliche Wut in mir aus. Wie konnte er es wagen, Professor Lupin zu beleidigen? „Er ist der beste Lehrer in Verteidigung gegen die dunklen Künste, den wir je hatten“, sagte ich klar und deutlich, sodass die Aussage durch die Stille im Raum einschnitt. Snape sah mich direkt an. Der Rest der Klasse stimmte mir murmelnd zu. Snape sah nun bedrohlicher aus denn je. „Von Ihnen hätte ich nicht gedacht, dass Sie sich so leicht zufrieden stellen lassen, Ms. Rosier. Lupin überfordert Sie alle ja schließlich kaum - ich gehe davon aus, dass schon Erstklässler mit Rotkappen und Grindelohs fertig werden. Heute behandeln wir-...“ Er blätterte durch das Lehrbuch, bis zum letzten Kapitel, von dem er wissen musste, dass wir es noch nie behandelt haben konnten. „Werwölfe“, fuhr Snape fort.

    Grummelnd schlug ich mein Buch auf. „Aber Sir“, sagte Mine, die sich ganz offensichtlich nicht im Zaum halten konnte, „wir haben bis jetzt noch nicht mit den Werwölfen angefangen, eigentlich sollten wir mit den Hinkepanks beginnen-...“ „Ms. Granger“, erwiderte Snape mit eisiger Gelassenheit. „Ich war davon ausgegangen, dass ich heute den Unterricht halte, und nicht Sie. Und nun schlagen Sie bitte alle Seite 394 im Buch auf.“ Erneut blickte er in die Runde. „Alle, habe ich gesagt! Und zwar sofort!“ Unter vielen wütenden Seitenblicken und trotzigem Gemurmel schlugen wir alle die Bücher auf. „Wer von Ihnen kann mir sagen, wie man einen Werwolf von einem richtigen Wolf unterscheidet?“, fragte Snape. Rasch hoben Mine und ich die Hände. „Keiner?“, fragte er und sein Blick schwiff über die Köpfe der Schüler, ohne unsere erhobenen Hände zu beachten. „Wollen Sie mir etwa vermitteln, dass Sie nicht wissen, wie man Werwölfe erkennt? Also, sowas ist doch unzumutbar. Ich werde Professor Dumbledore davon in Kenntnis setzen, wie weit Sie hinterher sind...“ Kopfschüttelnd blickte er in die Runde, bis sein Blick auf mir hängen blieb. Mine hatte ihre Hand wieder herutergenommen; Snape würde sie ja sowieso nicht drannehmen. „Ms. Rosier, wenn Sie die Antwort kennen, dann sind Sie die Einzige, die auch nur gewisse Grundkenntnisse hat; nicht wie Ihre werten Klassenkameraden. Also, reden Sie schon.“ Dankbar lächelte ich ihn an. „Der Werwolf ist vom echten Wolf mit kleineren Merkmalen zu unterscheiden. Die Schwanzspitze des Werwolfs ist beispielsweise besonders buschig. Außerdem werden die Hände des Werwolfs zu klauenartigen Pfoten.“ Snape nickte und murmelte: „5 Punkte für Gryffindor!“ Im Klassenraum war schon niemand mehr verwundert über die Tatsache, dass Snape mir, als einzige Gryffindor, die er mochte, Punkte gab. Snape trat wieder hinter das Lehrerpult und fuhr zähneknirschend fort: „Nun, man muss den Werwolf allerdings nicht nur vom echten Wolf, sondern auch vom Animagus, unterscheiden. Wer kann mir sagen, was ein Animagus ist?“ Mines Hand schoss erneut nach oben, doch Snape ignorierte sie einfach. Natürlich wusste ich, was ein Animagus war, immerhin war ich selbst einer. Es war angeboren; ich konnte mich in eine schwarze Katze mit grünen Augen verwandeln. Das kostete mich keinerlei Anstrengung, ich musste nur an meine Katzengestalt denken und schon wurde ich zur Katze.

    Aber wie gesagt, Mine hob also hoffnungsvoll, dass Snape sie drannehmen könnte, die Hand. Snape ignorierte sich und begann damit, schon wieder loszuschimpfen, dass wir vollkommen mit dem Stoff hinterherhängen würden. „Bitte Sir“, unterbrach Mine Snape dann, „Animagi sind Zauberer und Hexen, die die Fähigkeit besitzen, sich in ein Tier verwandeln zu können. Dabei unterscheidet man zwischen angeborenen und ausgebildeten Animagi-...“ „Das ist das zweite Mal, dass Sie einfach reinreden, Miss Granger.“, erwiderte Snape kühl. „Noch einmal 5 Punkte Abzug für Gryffindor, weil Sie eine unerträgliche Alleswisserin sind.“ Mine wurde puterrot und ließ die Hand sinken. Ich bemerkte, wie sie mit wässrigen Augen auf den Boden starrte. Beruhigend flüsterte ich auf sie ein, damit sie aufhörte zu weinen. Wie sehr wir alle Snape hassten, zeigte sich jetzt, als die ganze Klasse ihn mit zornig funkelnden Augen anstarrte. Obwohl jeder von ihnen Mine irgendwann schon einmal eine Alleswisserin genannt hatte, und Ron, der Mine mindestens zweimal die Woche so nannte, sagte laut: „Sie haben uns eine Frage gestellt und Hermine weiß die Antwort! Warum fragen Sie denn überhaupt, wenn Sie es gar nicht wissen wollen?“ Noch während Ron sprach, erkannten alle, dass er zu weit gegangen war. Snape ging langsam auf Ron zu und alle ringsrum hielten den Atem an. „Strafarbeit, Weasley“, zischte Snape, das Gesicht ganz nahe an dem Rons. „Und wenn ich noch einmal höre, dass Sie meine Unterrichtsweise kritisieren, dann wird Ihnen das wirklich Leid tun.“ Während der restlichen Stunde machte keiner einen Mucks. Wir saßen da und schrieben das Kapitel über Werwölfe aus dem Schulbuch ab, während Snape an den Pultreihen entlang ging und die Arbeiten prüfte, die wir bei Professor Lupin geschrieben hatten. Snape murmelte vor sich hin. „Ganz schlecht erklärt...das ist nicht richtig, der Kappa kommt häufiger in der Mongolei vor...Professor Lupin hat dafür acht von zehn Punkten gegeben? Bei mir hätten Sie keine drei bekommen...“ Ich konnte es kaum erwarten, bis es klingelte. Doch kaum hatte die Glocke geläutet, hielt Snape uns zurück, bevor wir aus dem Klassenzimmer stürmen konnten. „Sie schreiben einen Aufsatz über die Frage, wie man einen Werwolf erkennt und tötet. Ich will bis Montagmorgen zwei Rollen Pergament darüber sehen. Wird mal Zeit, dass einer die Klasse in den Griff bekommt. Weasley, Sie bleiben noch, wir müssen über Ihre Strafarbeit sprechen.“

    Harry, Mine und ich gingen mit den anderen hinaus und warteten, bis alle anderen außer Hörweite waren, dann brachen wir alle drei und wüste Beschimpfungen über Snape aus. „Snape hat noch nie so gehässig über unsere anderen Lehrer gegen Verteidigung gegen die dunklen Künste geredet, auch wenn er die Stelle gern haben wollte.“, meinte ich. „Warum hat er es auf Lupin abgesehen? Glaubt ihr, das liegt alles an diesem Irrwicht?“, vermutete Mine. „Ich weiß nicht“, sagte Harry nachdenklich. „Aber ich hoffe wirklich, dass es Professor Lupin bald besser geht...“ Fünf Minuten später stieß Ron wieder zu uns; er schäumte vor Wut. „Wisst ihr, was dieser-...“ (er benutzte ein so schlimmes Schimpfwort für Snape, dass Mine entsetzt „Ron!“ rief) „mir aufgehalst hat? Ich muss die Bettpfannen im Krankenflügel putzen! Ohne Zaubern!“ Er atmete schwer und ballte seine Hände zu Fäusten zusammen. „Hätte sich Black doch nur in Snapes Büro versteckt! Er hätte ihn für uns erledigen können!“

    16
    16. Kapitel

    Am nächsten Morgen wachte ich ungewöhnlich früh auf, so früh, dass es draußen noch dunkel war. Einen Moment lang glaubte ich, das Heulen des Windes hätte mich aufgeweckt, doch dann hörte ich das ferne Donnergrollen. Ich gähnte, schälte mich aus dem Bett und trat hinüber zum Fenster. Die Bäume am Rand des Verbotenen Waldes schwankten bedrohlich und ich fragte mich, ob die Baumstämme wohl leicht brechen konnten. Das ferne Ächzen war bis hierhin zu hören. In ein paar Stunden würde ich auf dem Quidditch-Feld sein und gegen das Unwetter kämpfen. Ich wankte zurück zum Bett und sah auf den Wecker. Es war fünf Uhr morgens. Ich legte mich zurück ins Bett und versuchte, wieder einzuschlafen, doch es wollte mir nicht gelingen. Ich hatte das Gefühl, mich gleich übergeben zu müssen, und unterdrückte es krampfhaft. Doch irgendwann gab ich die Hoffnung auf, wieder einzuschlafen und stieg erneut aus dem Bett. Ich zog mich an, griff nach meinem Nimbus 2000 und ging leise aus dem Schlafsaal, da Mine, Parvati und Lavender noch schliefen. Als ich die Tür öffnete, streifte etwas mein Bein. Ich sah nach unten und entdeckte Krummbein, der mir um die Füße strich. Ich bückte mich, streichelte den rotorangen Kater und ging nach unten in den Gemeinschaftsraum. Ich setzte mich in einen Sessel und starrte aus dem Fenster. Das Tosen des Sturms war hier noch lauter zu hören. Draußen stürmte es und Regen prasselte gegen die dicken Fensterscheiben. Ich machte mir keine Illusionen. Das Spiel würde nicht abgesagt werden. Wegen solcher Kleinigkeiten wurden die Quidditch-Spiele nicht verschoben. Dennoch war mir etwas beklommen zumute. Wood hatte Harry und mir im Vorbeigehen Cedric Diggory gezeigt, als wir einmal auf dem Weg zum Quidditch-Training waren; er war ein Fünftklässler und viel größer als Harry und ich. Zugegeben, er war ziemlich hübsch. Harry tat mir Leid, er musste immerhin gegen Diggory antreten. Normalerweise waren Sucher leicht und flink, doch Diggorys Gewicht war bei diesem Wetter von Vorteil; der Sturm würde ihn nicht so leicht vom Kurs blasen können. Ich vertrieb mir die Stunde bis zum Sonnenaufgang im Gemeinschaftsraum, indem ich las. Krummbein war zu mir geschlichen und sich auf meinen Schoß gelegt. Irgendwann hörte ich Harry in den Gemeinschaftsraum kommen. Er setzte sich neben mich. Wir blieben stumm, bis Harry nach knappen zehn Minuten die Stille durchbrach. „Konntest du auch nicht schlafen?“ Ich nickte. „Versprich mir, dass du versuchen wirst, zu gewinnen, Harry.“ „Ich versuch’s.“

    Endlich war es Zeit fürs Frühstück; Harry und ich kletterten durch das Porträtloch. „Stell dich und kämpfe, du räudiger Köter!“, rief Sir Cadogan Harry zu. „Ach, halt den Mund“, gähnte Harry genervt. „Entschuldigung, Sir Cadogan, aber wir haben jetzt keine Zeit für soetwas.“, sagte ich und ging mit Harry im Schlepptau davon.

    Nachdem Harry seine zweite Schüssel Haferschleim gegessen hatte, erschien auch der Rest des Teams. Ich hatte keinerlei Hunger und aß nichts, auch wenn Harry mich gefühlte tausendmal dazu aufforderte. Seit gestern Mittag brachte ich keinen einzigen Happen mehr hinunter. „Das wird ein beinhartes Ding“, knurrte Wood, der keinen einzigen Bissen anrührte. „Hör auf, dir Sorgen zu machen, Oliver“, beschwichtigte ihn Katie, „das bisschen Regen macht uns doch nichts aus.“

    Doch es war deutlich mehr als ein bisschen Regen. Quidditch war so beliebt, dass wie immer die ganze Schule zusah. Allerdings mussten alle Schüler mit eingezogenen Köpfen und gegen den Wind ankämpfend über den Rasen hinweg zum Spielfeld rennen, und der Sturm riss ihnen die Schirme aus den Händen. Auch ich hatte einen Schirm dabei, unter dem ich zusammen mit Harry hinüber zu den Umkleiden lief. Kurz bevor wir den Umkleideraum betraten, sah ich, wie Draco, Crabbe und Goyle auf dem Weg zum Stadion unter einem riesigen Schirm hervor lachend auf Harry deuteten. Harry knirschte vor Wut mit den Zähnen, doch als Dracos Augen auf mich fielen, wurde sein Blick weicher. Ich lächelte ihm leicht zu und flüsterte Harry zu: „Lass dich von denen nicht ärgern, Harry!“ Gemeinsam betraten wir den Umkleideraum und zogen unsere scharlachroten Umhänge über. Anschließend warteten wir auf Woods übliche Aufmunterungsrede vor dem Spiel. Doch diesmal fiel sie aus. Wood setzte zwar immer zum Sprechen an, brach dann aber wieder abrupt ab, schüttelte hoffnungslos den Kopf und winkte uns hinaus. So niedergeschlagen hatte ich Wood noch nie gesehen. Und allein sein niedergeschlagener Gesichtsausdruck spornte mich dazu an, mein Bestes zu geben. Der Wind war so stark, dass wir, als wir aufs Spielfeld liefen, zur Seite wegstolperten. Die Menge musste dem Schein nach juben und kreischen, aber die Rufe gingen in den immer lauteren Wellen des Donners unter. Wie zum Teufel sollte ich denn bei diesem Wetter den Quaffel fangen, geschweige denn Tore machen? Die Hufflepuffs mit ihren kanariengelben Umhängen kamen von der anderen Seite des Feldes und ich sah sie verschwommen durch den Wasserschleier, der mir die Sicht versperrte. Die Kapitäne gingen aufeinander zu und schüttelten sich die Hände; Diggory lächelte Wood an, doch dieser knurrte nur und nickte knapp. Kurz schweifte Diggorys Blick über die Gryffindorspieler und blieb an mir hängen. Ich schenkte ihm ein knappes Lächeln und konzentrierte mich dann auf den Anpfiff des Spiels. Ich sah, wie Madam Hoochs Mund die Worte „Besteigt die Besen“ formte. Ich zog meinen rechten Fuß mit einem schmatzenden Geräusch aus dem Schlamm und schwang mich auf meinen Nimbus 2000. Madam Hooch setzte die Pfeife an die Lippen und blies; es war jedoch nichts zu hören, denn der Wind heulte zu laut auf. Und im nächsten Moment ging es los. Ich stieg schnell in die Höhe. Der Wind blies mir ins Gesicht und ich hatte das Glück, dass meine Haare zu einem Zopf geflochten waren, denn ansonsten hätten mir die wirbelnden Haare die Sicht versperrt. Mein Nimbus schlingerte ein wenig im Wind, ich spähte durch den Regen und hielt den Besen mit aller Kraft fest. Angelina hatte mittlerweile den Quaffel ergattert und warf ihn mir zu. Durch den Regenschleier konnte ich den Quaffel erst erkennen, als er direkt auf mich zugeflogen kam. Kaum hatte ich den Ball in der Hand, schoss ich Richtung Torstangen los. Ich flog über die Spieler in den gelben Umhängen hinweg und sah die drei Torringe auf mich zukommen. Plötzlich zischte ein Klatscher knapp an meinem Ohr vorbei und hätte ich mich nicht geduckt, wäre ich vom Besen gefallen. Ich warf den Quaffel treffsicher durch den linken Torring und schoss somit die ersten 10 Punkte für Gryffindor. In weniger als fünf Minuten war ich nass bis auf die Haut und halb erfroren. Meine Hände zitterten und ich musste mich zusammenreißen, um nicht vor Kälte vom Besen zu fallen. Meine Mitspieler konnte ich kaum erkennen und es wurde mittlerweile schwer, den Quaffel rechtzeitig zu fangen, bevor er in die Tiefe fiel. Ich hoffte nur, dass Harry bald den Schnatz fing, denn ich war mittlerweile vollkommen durchgefroren.

    Ich hatte mein Zeitgefühl verloren. Es wurde immer schwieriger, den Besen gerade zu halten. Der Himmel verdunkelte sich, als ob es schon Nacht werden würde. Zweimal wäre ich fast mit anderen Spielern zusammengestoßen, und ich wusste schon nicht mehr, ob es ein Mitspieler, oder ein Gegner war. Alle waren jetzt so nass und der Regen war so dicht, dass ich sie nicht mehr auseinander halten konnte. Und dazu hatte ich auch das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden. Mit dem ersten Gewitterblitz kam auch der Pfiff von Madam Hoochs Pfeife; Ich konnte durch den dichten Regen gerade noch die Umrisse Woods erkennen, der das Team gestikulierend zu Boden wies. Alle setzten spritzend im Schlamm auf. „Ich hab um Auszeit gebeten“, brüllte uns Wood durch den Sturm entgegen. „Kommt, hier drunter-...“ Wir drängten uns am Spielfeldrand unter einen großen Schirm zusammen; ich hatte das Gefühl, dass mir gleich der Boden unter den Füßen weggezogen werden würde. Harry nahm seine Brille ab und wischte sie hastig am Umhang trocken. „Wie steht’s eigentlich?“ „Wir haben 50 Punkte Vorsprung“, sagte Wood. „Aber wenn wir nicht bald den Schnatz fangen, spielen wir bis in die Nacht hinein.“ Ich zitterte, denn die Aussicht, immer weiter spielen zu müssen, war nicht gerade angenehm. Das Bild vor meinen Augen flackerte kurz auf, dann hörte ich Harry beunruhigt fragen: „Liv? Alles in Ordnung mit dir?“ Alles wurde schwarz.

    Harrys Sicht:
    Livs Augen wurden glasig und verdrehten sich, dann brach sie urplötzlich zusammen. George stand zum Glück direkt neben Liv und fing sie auf. Angelina schrie erstickt auf. „Was ist mit ihr?“ Wood sah panisch auf die ohnmächtige Liv. „Katie, schnell, hol Madam Hooch!“ Katie nickte und rannte los. Ich blickte zu Liv hinunter, die leichenblass wirkte. „Liv! Liv!“ Ich rüttelte an ihrem Arm, doch es brachte nichts. Im nächsten Moment kam Katie mit Madam Hooch im Schlepptau angerannt. „Was ist passiert?“, wollte die Schiedsrichterin von uns wissen. „Sie ist einfach zusammengeklappt. Ganz plötzlich.“, erklärte Wood. Madam Hooch zückte ihren Zauberstab und murmelte: „Enervate!“ Livs Augen öffneten sich und verwirrt sah sie uns an. „Geht es Ihnen gut, Ms. Rosier?“ „Ich denke, mir geht’s gut...“, antwortete Liv und versuchte aufzustehen. Doch ihre Beine wollten ihr ganz offensichtlich nicht gehorchen und sie fiel unsanft zurück ins Gras. Ich ging zu Liv hinüber und reichte ihr meine Hand; sie ergriff sie und ich zog sie vorsichtig hoch. Liv stützte sich auf meiner Schulter ab, denn sie wäre fast wieder hingefallen. „Kann sie weiterspielen, Madam Hooch?“, fragte Wood besorgt. In mir kochte es. Das Einzige, an dass er dachte, war sein dummes Quidditch-Spiel! Dass Liv gerade zusammengebrochen war, interessierte ihn offenbar nicht. Madam Hooch besah sich Liv, die kreidebleich war, von oben bis unten. „Tut mir Leid, Wood, aber...“ „Bitte, Madam Hooch, lassen Sie mich spielen!“, unterbrach Liv sie verzweifelt. Auch Wood nickte zustimmend. Madam Hooch sah uns der Reihe nach an. „Es tut mir wirklich leid, aber das liegt nicht in meiner Hand, Ms. Rosier. Außerdem geht es Ihnen nicht gut, wenn Sie sich selbst sehen könnten, würden Sie mir da zustimmen.“ Ich nickte zustimmend. „Aber wie sollen wir denn mit nur zwei Jägern spielen?“, fragte Wood in Panik. „Harry, du musst den Schnatz fangen!“, sagte Liv und sah mich mit ihren leuchtend grünen Augen bittend an. Ich nickte. „Für dich tu ich doch alles.“ Sie nickte dankbar. „Kommen Sie mit, Ms. Rosier!“, meinte Madam Pomfrey, die neben Madam Hooch aufgetaucht war und führte Liv davon.

    Olivias Sicht:
    Madam Pomfrey ging mit mir in den Krankenflügel; na ja, sie ging und ich schwankte hinterher. Als wir im Krankenflügel angekommen waren, befahl sie mir, mich in ein Bett zu legen. Madam Pomfrey untersuchte meinen Blutdruck und seufzte danach. „Ihr Blutdruck ist sehr niedrig, Ms. Rosier. Kein Wunder, dass Sie ohnmächtig geworden sind. Wann haben Sie das letzte Mal etwas gegessen?“ Beschämt blickte ich zu Boden. „Gestern Morgen...“ „Gestern Morgen?“, japste Madam Pomfrey entsetzt auf. Das hatte sie ganz offensichtlich nicht erwartet. „Ms. Rosier, wissen Sie denn nicht, wie unverantwortlich das ist?“ Sie wirkte etwas verärgert. Leise sagte ich: „Ich hatte keinen Hunger...Ich war zu nervös und zu aufgeregt.“ „Schon gut, Ms. Rosier“, antwortete Madam Pomfrey. „legen Sie sich hin und rufen Sie mich, falls ein Gefühl von Schwindel bemerken.“ Sie verschwand und ließ mich voller Schuldgefühle zurück. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, wie die anderen jetzt draußen in diesem Sturm um den Sieg kämpften, während ich im gemütlich warmen Krankenflügel lag. Hätte ich doch nur mehr gegessen, dann wäre ich nicht ohnmächtig geworden und dann könnte ich jetzt draußen sein und Tore schießen. Wieso machte ich nur immer solche Fehler?

    Eine Weile später kam das gesamte Gryffindor-Quidditch-Spiel in den Krankenflügel gestürmt. Fred und George trugen einen ohnmächtigen Harry in den Armen, der überall mit Schlamm bespritzt war. Auch Ron und Mine waren dabei, die aussahen, als wären sie gerade aus einem Schwimmbecken gestiegen. „Harry!“, kreischte ich entsetzt auf und wollte zu seinem Bett hinüberrennen, doch ich hatte den Schwindel vergessen, weshalb ich nicht mal bis zum Bettrand kam. Zum Glück belegte Harry das Bett neben mir, sodass nicht einmal zwei Meter zwischen unseren Betten waren. „Was ist passiert?“, fragte ich fassungslos. „Harry ist vom Besen gefallen, aus fast fünfzehn Metern. Da waren Dementoren-...“ „Dementoren?“, flüsterte ich. Nein, das konnte doch nicht wahr sein! „Ein Glück, dass der Boden so durchweicht war.“, meinte Angelina. „Ich dachte, er ist tot.“, flüsterte Katie. „Wenigstens ist die Brille nicht hin.“, sagte Ron, was ihm einen bösen Blick von Mine einbrachte. Der ohnmächtige Harry, der neben mir lag, brachte mich fast zum Weinen, und ich ließ einen erleichterten Seufzer von mir, als er langsam seine Augen öffnete. „Das war das Fürchterlichste, das ich je gesehen habe.“, meinte George leise. „Harry!“, sagte Fred, der unter der dicken Schicht aus Schlamm leichenblass war, „wie geht’s dir?“ „Was ist passiert?“, fragte Harry und setzte sich so plötzlich auf, dass alle die Münder aufrissen. „Du bist abgestürzt. Müssen wohl ungefähr fünfzehn Meter gewesen sein.“ „Wir dachten, du wärst tot.“, meinte Katie, die es am ganzen Körper schüttelte. „Aber das Spiel...Was ist damit? Wird es wiederholt?“, fragte ich nervös. Keiner sagte ein Wort. Die Wahrheit durchdrang mich hart wie ein Stein. „Wir haben - verloren?“, fragte Harry stockend. „Diggory hat den Schnatz gefangen“, erklärte George. „Kurz nach deinem Absturz. Er hat nicht gesehen, was passiert ist. Als er sich umsah und dich auf dem Boden gesehen hat, wollte er den Fang für ungültig erklären und ein Wiederholungsspiel ansetzen lassen. Aber im Grunde haben sie verdient gewonnen...“ Fred fuhr fort: „Lasst den Kopf nicht hängen. Noch ist nicht aller Tage Abend. Wir haben 100 Punkte verloren, na und? Wenn Hufflepuff gegen Ravenclaw verliert und wir Ravenclaw und Slytherin schlagen-...“ „Hufflepuff muss mit mindestens 200 Punkten verlieren...“, meinte George missmutig. „Wir dürfen den Kopf jetzt nicht hängen lassen! Wir werden Ravenclaw und Slytherin schlagen, und wenn wir dafür noch soviel üben müssen, wir geben nicht auf!“, motivierte ich das Team. „Das ist die richtige Einstellung“, lobte mich Wood. Harry sagte die ganze Zeit über kein Wort. Offenbar steckte der Schock immer noch in seinen Knochen. Das war natürlich kein Wunder, immerhin hatten wir mit Harry noch nie ein Quidditch-Spiel verloren.

    Nach gut zehn Minuten kam Madam Pomfrey herein und wies alle an, uns jetzt in Ruhe zu lassen. Das Team marschierte widerstrebend nach draußen und hinterließ eine breite Schlammspur, die Madam Pomfrey missbilligend betrachtete. Ron und Mine traten näher an unsere Betten heran. „Dumbledore war wirklich wütend“, erinnerte sich Mine. „So hab ich ihn noch nie erlebt. Während du gefallen bist, Harry, rannte er auf das Spielfeld und schwang seinen Zauberstab und irgendwie wurdest du langsamer, bevor du aufgeschlagen bist. Dann hat er mit dem Zaubestab zu den Dementoren hinübergefuchtelt und silbernes Licht kam daraus hervor und hat die Dementoren vertrieben. Er war stinksauer, weil sie ins Stadion gekommen sind, wir haben ihn schimpfen hören...“ „Hat- Hat jemand meinen Nimbus mitgenommen?“, fragte Harry zögernd. Ron und Mine warfen sich einen kruzen Blick zu. „Ähm-...“ „Ron, Mine, was ist los?“, fragte ich und sah die beiden abwechselnd an. „Nun ja...als du abgestürzt bist, Harry, wurde er weggeweht“, meinte Mine zögernd. „Und?“ „Und er ist- gegen- gegen die Peitschende Weide gekracht.“ „Oh nein!“, flüsterte ich entsetzt. „Und?“, fragte Harry und es schien, als hätte er vor der Antwort jetzt schon Angst. „Tja, ihr kennt ja die Peitschende Weide“, sagte Ron. „Sie- ähm- mag es nicht, belästigt zu werden. Flitwick hat ihn geholt, kurz bevor du wieder zu dir gekommen bist, Harry.“ Zögernd griff er nach einer Tasche zu seinen Füßen, stellte sie auf den Kopf und schüttelte ein Dutzend zersplitterte Holzstücke und angeknacksten Reisig auf Harrys Bett, die letzten Überreste von Harrys wunderschönem Besen.

    17
    17. Kapitel

    Harry war immer noch niedergeschlagen, weil sein treuer Nimbus 2000 zerstört worden war. Madam Pomfrey hatte uns abends mitgeteilt, dass sie uns zur Sicherheit übers Wochenende im Krankenflügel behalten würde. Als ich ich wegdämmerte, wurden meine ganzen Sorgen kleiner und verschwammen vor meinen Augen.

    Ich fand mich in einem dunklen Raum wieder, kaum dass ich die Augen geöffnet hatte. Ich drehte mich einmal um mich selbst, um herauszufinden, ob es irgendwo Licht gab, doch alles war tiefschwarz. Plötzlich sah ich, wie direkt vor meinen Augen ein helles Licht anging. Es erhellte den Raum und ich sah mich interessiert um. Es gab große, weite Fenster mit hellen Vorhängen, durch die das helle Licht der Sterne hereinfiel. An den Wänden befanden sich riesige Bücherregale mit hunderten Büchern und im Raum stand ein weißer Klavierflügel. In einer Ecke stand ein weißgestrichenes Bett mit hellrosafarbener Bettwäsche. Außerdem stand neben dem Bett ein großer Blumenstrauß. Als ich mich umdrehte, entdeckte ich erneut meine leibliche Mutter. Wie immer sah sie mich traurig aus ihren großen Augen an. Doch als ich auf sie zurannte, wurde ich durch eine unsichtbare Barriere zurückgeworfen. Ich rieb mir den Kopf und berührte vorsichtig die transparente Wand, die uns trennte. Mum lächelte niedergeschlagen. Mit einem Mal hörte ich etwas hinter mir klirren. Erschrocken drehte ich mich um. Die Blumenvase, in der der große Strauß stand, war explodiert. Auch Mum wirkte nervös. Hektisch blickte sie von einer Seite zur anderen, als wollte sie mich vor etwas warnen. Ich starrte immer noch wie erstarrt auf die Scherben der Vase auf dem Boden. Wieso war sie explodiert? Doch diese Frage beantwortete sich mir im nächsten Moment. Plötzlich sah ich, wie große Rauchschwaden empor stiegen. Ich hustete, als der Rauch immer dichter wurde. Woher kam er nur? Im nächsten Moment sah ich etwas hinter mir aufflackern. Ich drehte mich um und entdeckte lodernde Flammen, die meterhoch über mir emporragten. Auch meine Mutter war im Rauch verschwunden, wie ich jetzt erschrocken bemerkte. Das Feuer kam immer näher und erfüllte den ganzen Raum. Ich hustete immer wieder und meine Augen brannten. Mittlerweile konnte ich nichts mehr erkennen und verzweifelt rief ich nach meiner Mutter: „Mum! Wo bist du?“ Doch sie antwortete nicht. Meine Augen tränten und ich sah die Hand vor den Augen nicht mehr. Ich sank erschöpft in mich zusammen und alles wurde schwarz.

    Erschrocken fuhr ich aus dem Schlaf hoch. „Es war alles nur ein Traum, es war alles nur ein Traum...“, flüsterte ich mir selbst beruhigend zu. Aber wieso war mir das dann alles so real vorgekommen? Mir war, als könnte ich die Hitze des Feuers noch deutlich auf meiner Haut spüren und den Rauch fühlen, der mir in den Augen brannte. Ich hörte, wie etwas raschelte und dann Harrys Stimme aus der Dunkelheit: „Liv, was ist los?“ „Es...Es war nur ein schlimmer Traum...“, antwortete ich leise. Ich seufzte. „Harry...Ich habe Angst, wieder einzuschlafen.“ „War es so schlimm?“, fragte Harry. Ich nickte, bis ich merkte, dass Harry es ja nicht sehen konnte. „Ja.“ Das Licht des Mondes fiel durch ein Fenster. „Du könntest zu mir kommen, ich meine...ins Bett, wenn du willst. Vielleicht schaffst du es dann, einzuschlafen.“ Zögernd stand ich auf und ging zu Harrys Bett hinüber. Harry zog die Bettdecke zurück und ich legte mich neben ihn. Ich schmiegte mich an ihn und fühlte die Wärme, die von ihm ausging. Er nahm meine Hand und flüsterte: „Schlaf ruhig. Und wenn du aufwachst, werde ich da sein, und dir sagen, dass das alles nur ein Traum war.“ Ich nickte und fühlte, wie mir von oben bis unten warm wurde. Harry umarmte ich, aber löste seine Hand nicht von meiner. Er strich mir eine Strähne meines Haars aus dem Gesicht. Und mit Harrys Worten in der Erinnerung schaffte ich es schließlich, einzuschlafen.

    Am nächsten Morgen wachte ich schon früh auf. Unweit von meinem Gesicht entdeckte ich Harrys verwuschelte Haare und ich musste unweigerlich lächeln. Seine Hand lag immer noch in meiner und in Harrys Gesicht lag ein seeliges Lächeln. Wie gern ich ihn jetzt geküsst hätte... Halt, Stopp! Was dachte ich denn da? Ich musste mir Harry entgültig aus dem Kopf schlagen. Ich verstand ja selbst nicht, was seit den Sommerferien anders war. Wieso sein Lächeln in mir sofort Glücksgefühle auslöste, und ich das Gefühl hatte, für ihn bis zum Mond fliegen zu können. Ich schob die Bettdecke zur Seite und stand auf. Rasch ging ich hinüber zu meinem eigenen Bett und legte mich hinein. Harry schlief immer noch tief und fest. Ich hatte das Gefühl, ihn ewig ansehen zu können. Seine Brille lag auf dem Nachtkästchen und seine Augen waren immer noch geschlossen. Ich lächelte. Auch wenn es Harry schlecht ging (wegen seines Besens), sah er so friedlich aus...

    Der Strom an Besuchern riss nicht ab, und alle kamen, um uns zu besuchen. Harry und ich verloren kein Wort mehr über die vergangene Nacht, was mich keinesfalls störte. Hagrid schickte uns zwei Sträuße Ringelblumen, die wie gelbe Kohlköpfe aussahen. Ginny schenkte Harry eine Genesungskarte, die mit schriller Stimme zu singen begann, wenn Harry sie nicht durch eine schwere Obstschale zum Schweigen brachte. Das Team der Gryffindors tauchte am Sonntagmorgen wieder auf. Wood machte Harry keinerlei Vorwurf, dass wir das Spiel verloren hatten, auch wenn er das mit merkwürdig hohler und lebloser Stimme sagte. Ron und Mine wichen nur nachts von unseren Betten. Doch was die beiden auch taten, sie konnten Harry nicht aufheitern, denn sie wussten nur die Hälfte von dem, was ihn wirklich beunruhigte. Harry hatte mir erzählt, dass er kurz vor seinem Absturz einen Grimm gesehen hatte. Außerdem hatte er mich gebeten, Ron und Mine nichts zu erzählen, denn wir wussten beide nur zu gut, dass Ron panisch und Mine spöttisch reagieren würden. Tatsache war jedoch, dass er Harry jetzt schon zweimal erschienen war, und beiden Erscheinungen waren lebensgefährliche Unfälle gefolgt. Harry hatte genau beschrieben, wie der Fahrende Ritter ihn fast überrollt hätte und er danach vom Besen fünfzehn Meter tief gestürzt war. Ich hatte ihm versprochen, nicht darüber zu reden. Irgendwie wurde mir ganz heiß bei dem Gedanken, dass Harry ausgerechnet mir das alles anvertraute. Wie schaffte Harry es nur, mich so in Verlegenheit zu bringen?

    Es war eine Erleichterung, endlich am Montag in den lärmenden Alltag der Schule zurückzukehren. Harry musste Dracos Hänseleien über sich ergehen lassen. Draco war ganz entzückt vor Schadenfreude über die Niederlage der Gryffindors. Endlich hatte Draco seine Bandagen abgenommen und er feierte diesen Anlass, indem er Harrys Sturz vom Besen imitierte. Wenn er das tat, schenkte ich ihm nur einen kalten Blick und ignorierte ihn. Trotzdem verbrachte er einen Großteil der nächsten Zaubertrankstunde damit, als Dementor im Kerker aufzutreten, bis Ron schließlich die Nerven verlor und ein großes, glitschiges Krokodilherz auf Draco warf, das ihn mitten im Gesicht traf; ich musste mir das Lachen verkneifen und Snape zog Gryffindor 50 Punkte ab. „Wenn Snape wieder Verteidigung gegen die dunklen Künste gibt, melde ich mich krank“, wütete Ron nach dem Mittagessen auf dem Weg zu Professor Lupins Klassenzimmer. „Seht erst mal nach, der drin ist.“ Mine öffnete die Tür einen Spaltbreit und spähte hinein. „Du kannst kommen, Ron.“ Professor Lupin war wieder da. Sein alter Umhang hing ihm noch schlaffer um die Schultern als sonst und er hatte dunkle Ringe unter den Augen. Dennoch lächelte er uns an, als wir unsere Plätze einnahmen, und die ganze Klasse brach in einen wüsten Sturm von Beschwerden über Snapes Verhalten während Professor Lupins Krankheit aus. „Das ist nicht fair, er macht nur Vertretung, warum gibt er uns Hausaufgaben auf?“, fragte Dean empört. „Wir wissen doch nichts über Werwölfe-...“ „Zwei Rollen Pergament!“ „Habt ihr Professor Snape gesagt, dass wir Werwölfe noch nicht behandelt haben?“, fragte Professor Lupin ruhig und runzelte die Stirn. Das Gebrabbel brach wieder los. „Ja, aber er sagte, wir wären weit zurück-...“ „Er wollte nichts davon hören-...“ „Zwei Rollen Pergament!“ Professor Lupin lächelte angesichts der Entrüstung auf unseren Gesichtern. „Macht euch keine Sorgen, ich spreche mit Professor Snape. Den Aufsatz müsst ihr natürlich nicht schreiben.“ Alle atmeten erleichtert auf, nur Mine sagte enttäuscht: „Oh nein! Meiner ist schon fertig!“

    Wir hatten eine recht interessante Stunde. Professor Lupin hatte einen Glaskasten mit einem Hinkepank mitgebracht, einem kleinen einbeinigen Geschöpf, das aussah, als bestünde es aus Rauchschwaden und wäre recht schwächlich und harmlos. „Der Hinkepank lockt Reisende in die Sümpfe“, erklärte Professor Lupin, während die gesamte Klasse eifrig mitschrieb. „Seht ihr die Laterne, die er in der Hand hält? Er hüpft voraus - die Leute folgen dem Licht - und dann...“ Der Hinkepank gab ein fürchterlich quietschendes Geräusch von sich. Als es läutete, packten alle ihre Sachen ein und gingen zur Tür, auch ich, doch- „Warte einen Moment, Olivia“, rief Professor Lupin, „ich möchte kurz mit dir sprechen.“

    Ich kam zurück und sah dabei zu, wie er den Glaskasten des Hinkepanks mit einem Tuch abdeckte. „Ich habe vom Spiel gehört...Von den Dementoren...“ Er drehte sich um. „Eigentlich wollte ich mit dir über den Zusatzunterricht reden.“ Überrascht sah ich auf. „Wir haben ja darüber geredet, dass du die richtige, glückliche Erinnerung brauchst, um deinen Patronus heraufzubeschwören, nicht wahr?“ Ich nickte. Er sah mich fragend an. „Hast du schon deine glücklichste Erinnerung gefunden?“ Ich schüttelte den Kopf. „Es ist so schwer...Woher soll ich wissen, welche die richtige ist?“ Professor Lupin nickte verständnisvoll. „Es kann schwer sein...Da hast du recht.“ Er schien zu überlegen. „Versuch doch, bis zum nächsten Donnerstag eine der möglichen Erinnerungen zu finden.“ Ich nickte. „Ich will unbedingt einen Patronus erzeugen können. Ich will endlich den Dementoren widerstehen können.“ „Du wirst es schaffen.“ „Aber...Warum bin ich so anfällig für sie?...Wieso konnte ich diesen Schrei hören, Professor?“, fragte ich. „Das hat nichts mit Schwäche zu tun. Die Dementoren greifen dich stärker als andere an, weil es dem Anschein nach schreckliche Ereignisse in deiner Vergangenhei gibt, die andere nicht erlebt haben. Ein Strahl der schwachen Sonne fiel ins Klassenzimmer und beleuchtete Lupins braune Haare und die Furchen auf seinem jungen Gesicht. „Dementoren gehören zu den schrecklichsten Kreaturen, die auf der Erde wandeln. Sie brüten an den dunkelsten, schmutzigen Orten, sie schaffen Verzweiflung, sie saugen Frieden, Hoffnung und Glück aus jedem Menschen, der ihnen zu nahe kommt. Wenn sie können, ernähren sie sich so lange von ihm, bis er ähnlich wie sie selbst wird...seelenlos und böse. Selbst Muggel spüren ihre Anwesenheit, auch wenn sie sie nicht sehen können. Wenn du einem Dementor zu nahe kommst, saugt er jedes gute Gefühl, jede glückliche Erinnerung aus dir heraus. Und dir bleiben nur die schlimmsten Erfahrungen deines Lebens.“ „Wenn sie mir nahe kommen-...“, Ich starrte mit zugeschnürter Kehle auf Lupins Pult, „kann ich diesen seltsamen Schrei hören. Ich weiß nur nicht, wieso ich das hören kann. Ich kann mich an kein schreckliches Ereignis erinnern, dass irgendwas mit dem Schrei zu tun hat. Askaban muss schrecklich sein.“ Professor Lupin nickte grimmig. „Die Festung ist auf einer kleiner Insel gebaut, weit draußen im Meer, aber sie brauchen keine Mauern und kein Wasser, um die Gefangenen an der Flucht zu hindern, nicht, wenn sie alle in ihren Köpfen gefangen sind, unfähig, einen einzigen klaren Gedanken zu fassen, Die meisten werden nach ein paar Wochen verrückt.“ „Aber Sirius Black ist entkommen. Er ist geflohen.“, meinte ich langsam. Lupins Mappe glitt plötzlich vom Tisch; er musste rasch zugreifen, um sie aufzufangen. „Ja“, sagte er und schüttelte sich. Offenbar hatte ihn das aus der Fassung gebracht. „Black muss einen Weg gefunden haben, wie man sie besiegt. Ich hätte nicht gedacht, dass es möglich wäre... Dementoren, heißt es, berauben einen Zauberer seiner Kräfte, wenn er ihnen zu lange ausgeliefert ist...“ „Was glauben Sie, wie Black entkommen ist?“, fragte ich. „Glaub mir, Olivia, irgendwie hat er es geschafft. Aber wichtiger ist, dass sie ihn bald wieder einsperren.“

    Am nächsten Donnerstag machte ich mich nach dem Nachmittagsunterricht auf den Weg zu Professor Lupins Klassenzimmer. Lupin hatte einen weiteren Irrwicht gefangen, den er in einer Truhe eingesperrt hatte. „Hast du eine passende Erinnerung gefunden?“, fragte Professor Lupin nach der Begrüßung. Ich nickte. „Gut, also vergiss nicht: Der Zauberspruch lautet: >Expecto patronum<.“ „In Ordnung.“ „Schön“, Lupin trat hinüber zur Truhe und meinte: „Also, auf „drei“ öffne ich die Truhe; der Irrwicht wird sich in einen Dementor verwandeln...Eins, zwei, drei!“ Professor Lupin stieß die Truhe auf und im nächsten Moment kam ein riesiger Dementor herausgeschossen. Er schwebte direkt vor meinen Augen und schon spürte ich erneut die frostige Kälte, die mir durch die Adern schoss. Ich schloss die Augen und dachte fest an den Moment, als ich Hogwarts das erste Mal gesehen hatte. „Expecto patronum!“ Ein helles Licht trat aus dem Zauberstab, aber es bildete sich keine Gestalt. Zwar schreckte der Dementor zurück, doch der Patronus war nicht stark genug. Ich versuchte verzweifelt, den Dementor zurück in Richtung Truhe zu lenken, was mir auch gelang. Lupin schlug den Truhendeckel krachend zu und ich sank erschöpft zusammen. Professor Lupin sah mich an. „Offensichtlich war die Erinnerung nicht stark genug. An was hast du gedacht?“ „Ich habe an den Moment gedacht, als ich Hogwarts das erste Mal gesehen habe.“ „Mmmh...“ Lupin schien zu überlegen. „Wir versuchen es noch einmal. Denk an das, was dich im Moment am meisten glücklich macht.“ Ich nickte. „Also gut, wieder auf „drei“...Eins, zwei, drei!“ Erneut ließ er die Truhe aufklappen. Der Dementor kam sofort wieder heraus. Ich hob meinen Zauberstab. Und da schoss mir Harry durch den Kopf. Diese grünen Augen, die zerstrubbelten Haare und dieses wunderbare Lächeln... „Expecto patronum!“ Das gleißende Licht kam wieder heraus und diesmal wurde es zu einer Katze, die den Dementor zurückschrecken ließ und ihn zurück in die Truhe trieb. Ich lächelte. Ich hatte es geschafft! Die Katze leuchtete weiß auf und verkörperte mein gesamtes Glück. Lupin schlug den Truhendeckel zu. „Sehr gut!“, lobte er mich. „Das hast du sehr gut gemacht. An was hast du gedacht?“ Ich glaubte, dass ich gerade rot wurde. Ich hatte an Harry gedacht...Ich hatte meine eigenen Vorsätze, Harry zu vergessen, nicht beachtet. Aber allein durch den Gedanken an ihn hatte ich einen Patronus heraufbeschworen. Professor Lupin lächelte. „Kann es sein, dass du an jemanden gedacht hast?“ Ich lief rot an und nickte. „Offenbar war die Erinnerung daran stark genug, dass du einen Patronus heraufbeschwören konntest.“ Ich nickte nur.

    Abends saß ich noch lange im Gemeinschaftsraum und starrte ins Feuer. Wieso schaffte ich es aufgerechnet mit dem Gedanken an Harry, einen Patronus heraufzubeschwören? Außer mir war niemand mehr im Gemeinschaftsraum. Wieso konnte ich nur noch an Harry denken? Es machte mich wahnsinnig! Was war nur in letzter Zeit mir los? Wieso war mir Harry plötzlich so wichtig? Er war doch nur mein bester Freund...außer ich wäre-... Nein, das war undenkbar! Harry war mein bester Freund, sowas durfte nicht sein! Und ohne, dass ich etwas dagegen unternehmen konnte, rollte mir im nächsten Moment unweigerlich eine Träne über die Wange. Ich schluchzte auf. „Liv?“ Erschrocken fuhr ich hoch. Ron kam zu mir herüber. „Was ist los?“, fragte er. „Ach, nichts“, schluchzte ich und wischte mir eine Träne aus dem Gesicht. „Hey“, meinte er und setzte sich neben mich, „du kannst es mir erzählen.“ Ich seufzte. „Ich-...Ich weiß nicht, wie ich dir das erklären soll.“ „Versuchs einfach“, sagte Ron direkt. „Weißt du, ich glaube, ich...ich bin verliebt.“ Jetzt, da ich es ausgesprochen hatte, merkte ich, dass es die einzige plausible Erklärung war. „Was ist daran so schlimm?“, fragte Ron. „Es ist mein bester Freund.“ Ron sah mich überrascht an. „Du-...du bist in Harry verliebt?“ Ich nickte und mir schossen erneut Tränen in die Augen. „Ich fühle mich so schlecht deswegen.“ „Deshalb musst du dich doch nicht schlecht fühlen!“, widersprach mir Ron. „Ich bin in meinen besten Freund verliebt, Ron.“ „Bist du sicher, dass du in ihn verliebt bist?“ „Absolut“, ich sah ihm direkt in die Augen, „wenn ich ihn ansehe, habe ich dieses warme Gefühl, und ich kann einfach nur lächeln. Und wenn unsere Hände sich berühren, dann brennt es in mir.“ Ich sah ins flackernde Feuer und seufzte. „Aber Harry wird nie genauso empfinden wie ich. Für ihn bin ich doch nur seine beste Freundin...“ Ron nahm mich in den Arm. „Ron, bitte, davon darfst du Harry niemals erzählen!“, flehte ich ihn an. Er nickte. „Keine Sorge. Ich werd’ nichts sagen, aber...glaubst du nicht, dass du Harry davon erzählen solltest?“ Hastig schüttelte ich den Kopf. „Versprich mir, niemandem etwas zu erzählen.“ Ron nickte. „Versprochen!“

    18
    18. Kapitel

    Der Oktober ging vorbei, und als es November wurde, machte Ravenclaw Hufflepuff im Quidditch-Spiel platt. Die Gryffindors waren noch nicht ganz aus dem Rennen, aber eine weitere Niederlage konnten wir uns nicht leisten. Wood gewann seine fieberhafte Tatkraft wieder zurück und trimmte das Team hörter denn je in den eisigen Regenschauern, die bis in den Dezember hinein anhielten. Ich sah weit und breit keine Spur von einem Dementor. Dumbledores Wut schien sie auf ihren Posten an den Eingängen zu halten. Zwei Wochen vor den Weihnachtsferien nahm der Himmel ein blendend helles, opales Weiß an und das Gelände eines Morgens in glitzernden Frost gehüllt. Im Schloss herrschte schon ein wenig vorweihnachtliche Stimmung. Professor Flitwick hatte sein Klassenzimmer bereits mit schimmernden Lichtern geschmückt, die sich als echte, flatternde Feen herausstellten. Fasziniert betrachtete ich eines der Lichter in meiner Hand und musste unweigerlich lächeln, bis Ron mich anstieß. Verwirrt sah ich auf, als Ron hinüber zu Harry zeigte. Er hatte mich die ganze Zeit angestarrt. Ich lächelte Harry an und er grinste ebenfalls. Harry gab mir schon wieder das Gefühl, ohne Raum und Zeit zu sein.

    Gut gelaunt sprachen wir in den Klassen darüber, was wir alles in den Ferien vorhatten. Ron und Mine hatten beschlossen, in Hogwarts zu bleiben. Ron behauptete, er könne es keine zwei Wochen mit Percy aushalten, und Mine meinte, sie wolle unbedingt mal ganz in Ruhe in der Bibliothek arbeiten. Alle freuten sich auf den nächsten Ausflug nach Hogsmeade am letzten Wochenende vor den Ferien - alle außer Harry. „Wir können dort für Weihnachten einkaufen!“, meinte ich. Mine fügte begeistert hinzu: „Mum und Dad werden ganz begeistert sein von dieser Zahnweiß-Pfefferminzlakritze aus dem Honigtopf!“ Harry flog jetzt während dem Quidditch-Training einen der Schulbesen, einen alten, ziemlich langsamen und kippligen Shooting Star; was er brauchte, war ein neuer Besen. Deshalb hatte er sich von Wood das Heft >Rennbesen im Test< ausgeliehen um sich nach einem neuen Besen umzusehen.

    Am Samstagmorgen verabschiedeten Ron, Mine und ich uns von Harry und machten uns, eingemummelt in Mäntel und Schals, nach Hogsmeade auf. Wir gingen über die verschneiten Ländereien hinweg und erreichten nach einer halben Stunde Hogsmeade. Es sah aus, wie auf einer Weihnachtskarte: die kleinen aneinander geschmiegten Dorfhäuser und Läden lagen unter einer Hülle von pulvrigem Schnee; an den Türen hingen Stechpalmenbündel und durch die Bäume schlangen sich Kordeln mit Zauberkerzen. Als erstes gingen wir in den Honigtopf, wo sich die Schülermassen schon drängten. Ich nahm mir einige Tafeln Schokolade in verschiedener Geschmackssorten. Danach untersuchten Ron, Mine und ich eine Schale Lutscher mit Blutgeschmack. Ich blickte im Laden herum, auf der Suche nach etwas, dass ich Harry mitbringen könnte. Prüfend drehte ich einen Lutscher in der Hand. „Urrgh, nein, die will Harry bestimmt nicht, die sind sicher für Vampire.“ „Und was ist mit denen hier?“, fragte Ron und hielt Mine und mir einen Krug mit getrockneten Kakerlaken unter die Nase. „Auch nicht“, hörte ich pötzlich Harrys Stimme hinter mir. Ich zuckte zusammen und drehte mich um; Ron ließ den Krug fast fallen. Hinter mir stand niemand. „Harry?“, flüsterte ich. „Ich bin unter dem Tarnumhang.“ „Was machst du denn hier, Harry? Wie...wie bist du -?“ Harry erzählte uns, dass Fred und George ihm eine geheimnisvolle Karte gegeben hatten, mit der er einen Geheimgang ausfindig gemacht hatte und so in den Honigtopf gelangt war. „Wieso haben Fred und George sie mir nicht gegeben!“, meinte Ron empört. „Ich bin doch schließlich ihr Bruder!“ „Harry“, flüsterte Mine besorgt, „Wenn das jemand erfährt, sitzt du in der Patsche... und was ist mit- du weißt schon - Sirius Black?“ „Es würde mich wundern, wenn er Harry jetzt erkennen könnte.“, widersprach ich ihr. Ich ging hinüber zu einem kleinen Fenster und sah hinaus. Draußen herrschte dichtes Schneetreiben. „Mach dir nichts draus, Mine, es ist Weihnachten. Harry hat sich einen kleinen Ausflug verdient.“ Mine wirkte sehr besorgt. „Willst du mich etwas verpetzen?“, fragte Harry unter dem Tarnumhang, und ich konnte schwören, dass er grinste. „Oh, natürlich nicht - aber ehrlich gesagt, Harry-...“, stammelte Harry. „Hast du die zischenden Wissbies gesehen, Harry?“, meinte Ron. „Und die Gummischnecken? Und die Säuredrops? Als ich sieben war, hat mir Fred einen geschenkt, und er hat mir ein Loch durch die Zunge gebrannt, ich weiß noch, wie Mum ihn mit dem Besen vermöbelt hat.“ Ron starrte gedankenverloren in das Glas mit den Säuredrops. „Meinst ihr, Fred wird von den getrockneten Kakerlaken probieren, wenn ich ihm sage, es seien Erdnüsse?“

    Als wir unsere Süßigkeiten bezahlt hatten, verließen wir den Honigtopf und stürzten uns nach draußen in den Schneesturm. Ich bibberte; in meinem Mantel wurde mir langsam kalt und ich schlang meine Schal mit den Gryffindor-Farben enger um den Hals. Ich rückte meine Ohrenschützer zurecht. Wir gingen die Straße entlang, die Köpfe gegen den Wind geneigt. „Wisst ihr was“, schlug Ron zähneklappernd vor, „wir könnten doch auf ein Butterbier in die Drei Besen gehen!“ Ich war unbedingt dafür; der Wind blies heftig und meine Hände waren eiskalt. Wir machten uns auf den Weg in das Drei Besen. „Da ist Madam Rosmerta“, meitne Ron und zeigte auf die Wirtin. „Ich hol uns was zu trinken, oder?“ Harry, Mine und ich schlugen uns in die hinterste Ecke durch, wo ein Tisch unter den Fenstern fei war und ein schöner Weihnachtsbaum neben dem Kamin stand. Ron kam nach fünf Minuten mit vier dampfenden Krügen Butterbier zu uns. „Frohe Weihnachten!“, sagte er fröhlich und erhob seinen Krug. Auch ich trank in großen Schlucken. Es schien mich von innen bis in die letzte Pore zu wärmen. Ein jäher Windstoß ließ mein Haar flattern. Die Tür der Drei Besen war aufgegangen. Ich blickte über den Rand meines Kruges hinweg und verschluckte mich. Die Professoren McGonagall und Flitwick hatten soeben den Pub betreten, und kurz darauf folgte ihnen Hagrid, ganz in ein Gespräch vertieft mit einem pummeligen Mann mit limonengrüner Melone und Nadelstreifenanzug - Cornelius Fudge, der Minister für Zauberei. Da Harry seinen Tarnumhang mittlerweile abgelegt hatte, zögerte ich keine Sekunde lang und drückte ihn unter den Tisch, sodass ihn niemand sehen konnte. Ich richtete meinen Zauberstab auf den Weihnachtsbaum und flüsterte: „Mobiliarbus!“ Der Baum erhob sich eine Handbreit vom Boden, schwebte zur Seite und landete mit einem sanften Rascheln direkt vor unserem Tisch.

    Ich hörte das Stuhlrücken am Nebentisch; der Minister und die Lehrer setzten sich unter Ächzen und Seufzen. Ich hörte nur zu, denn meine Sicht wurde ja von dem Weihnachtsbaum versperrt. „Ein kleines Goldlackwasser-...“ „Das ist für mich“, antwortete Professor McGonagalls Stimme. „Vier Halbe heißen Honig-Met.“ „Hier, Rosmerta“, brummte Hagrid. „Kirschsirup und Soda mit Eis und Schirmchen-...“ „Mmmm!“, sagte Professor Flitwick und schnalzte mit der Zunge; ich schmunzelte. „Dann ist der Johannisbeer-Rum für Sie, Minister.“ „Danke, Rosmerta, meine Liebe“, antwortete Fudge. „Schön, Sie mal wieder zu sehen. Wollen Sie sich nicht setzen und einen Schluck mit uns trinken?“ „Oh, vielen Dank, Minister. Nun, was bringt Sie ausgerechnet in dieses Nest hier, Minister?“ Da war wieder Madam Rosmertas Stimme. Die Stimmen waren gedämpft, doch ich konnte allerding trotzdem alles deutlich verstehen. „Wer sonst, als Sirius Black? Sie haben sicher gehört, was an Halloween in der Schule oben passiert ist?“ „Gerüchteweise“, gab Madam Rosmerta zu. „Haben Sie es im ganzen Pub rumerzählt, Hagrid?“, fragte Professor McGonagall ungehalten. „Glauben Sie, dass Black immer noch in der Gegend ist, Minister?“, flüsterte Madam Rosmerta verängstigend. „Da bin ich mir sicher“, sagte Fudge knapp. „Sie wissen doch, dass die Dementoren das ganze Dorf zweimal durchsucht haben?“, meinte Madam Rosmerta mit einem Anflug von Ärger in der Stimme. „Haben mir alle Kunden verschreckt...gar nicht gut fürs Geschäft, Minister.“ „Rosmerta, meine Liebe, ich mag diese Gestalten genauso wenig wie Sie“, erwiderte Fudge peinlich berührt. „Das ist eine wichtige Vorsichtsmaßnahme...lästig, aber was soll man machen...hab gerade ein paar von ihnen gesprochen. Sie sind wütend auf Dumbledore - er will sie nicht aufs Schulgelände lassen.“ „Das kann ich nur unterstützen!“, meinte Professor McGonagall scharf. „Wie sollen wir denn unterrichten, wenn diese Horrorgestalten um uns herumschweben?“ „Hört, hört“, quiekte Professor Flitwick. „Wie auch immer“, fuhr Fudge zögernd fort, „sie sind hier, um Sie alle vor etwas viel Schlimmerem zu schützen... wir wissen alle, wozu Black in der Lage ist...“ Ich schluckte schwer. „Ehrlich gesagt, ich kann es immer noch nicht fassen“, hörte Madam Rosmertas nachdenkliche Stimme. „Alle möglichen Leute sind damals auf die Dunkle Seite übergelaufen, aber ich hätte nie gedacht, dass Sirius Black...ich meine, ich kannte ihn als Jungen in Hogwarts. Wenn Sie mir damals gesagt hätten, was aus ihm werden wird, hätte ich gesagt, Sie hätten ein paar Met zu viel getrunken.“ Gespannt spitzte ich die Ohren. „Sie kennen noch nicht mal die Hälfte der Geschichte“, murmelte Fudge. „Von seinen beiden schlimmsten Taten weiß kaum jemand.“ „Schlimmer als der Mord an all diesen Menschen, meinen Sie?“ „Allerdings“, antwortete Fudge. „Das kann ich nicht glauben. Was könnte denn schlimmer sein?“

    „Sie sagten, Sie kennen ihn aus seiner Zeit in Hogwarts, Rosmerta“, murmelte Professor McGonagall. „Erinnern Sie sich noch an das Mädchen, das er so gern hatte?“ „Oh ja, natürlich!“, erwiderte Madam Rosmerta. „Nun, Sie sollten wissen, dass er sie später geheiratet hat und das die beiden zusammen ein Kind hatten.“ „Ach wirklich?“ „Ja, und zwar schon zu der Zeit, als Black auf der dunklen Seite war. Und...schlussendlich hat er die beiden an Voldemort verraten. Seine Frau und sein eigenes Kind.“ „Nein!“, flüsterte Madam Rosmerta entsetzt. „Beide wurden getötet. Und ganz offensichtlich war ihm das Dasein als Todesser wichtiger, als seine eigene Familie!“ Geschockt atmete ich ein.

    „Und erinnern Sie sich noch, wer sein bester Freund in der Schule war?“, fragte Professor McGonagall. „Aber ja! Hingen zusammen wie siamesische Zwillinge, nicht wahr? Ich weiß nicht mehr, wie oft sie bei mir waren - ooh, sie haben mich immer zum Lachen gebracht. Waren ein richtiges Duett, Sirius Black und James Potter!“ Harrys Krug fiel klirrend zu Boden. Ron versetzte ihm einen Stoß und ich hielt den Atem an. Erst das mit dem Tod seiner Frau und dem Kind, und jetzt auch noch Harrys Vater! „Genau“, meinte Professor McGonagall. „Black und Potter. Anführer ihrer kleinen Bande. Beide sehr aufgeweckt - ungewöhnlich klug, wenn Sie mich fragen - doch solche zwei Unruhestifter hatten wir wohl auch noch nie-...“ „Na, ich weiß nicht“, gluckste Hagrid. „Fred und George Weasley hätten ihnen ganz schön Konkurrenz gemacht.“ „Man hätte meinen können, Black und Potter wären Brüder“, flötete Professor Flitwick. „Unzertrennlich!“ „Natürlich waren sie das“, meinte Fudge. „Potter hat Black mehr vertraut als allen seinen anderen Freunden. Und das hat sich nicht geändert, als sie von der Schule gingen. Black war Trauzeuge, als James und Lily heirateten. Dann baten sie ihn, Harrys Pate zu werden. Davon hat Harry natürlich keine Ahnung. Sie können sich vorstellen, wie der Gedanke ihn quälen würde.“ „Weil es sich eines Tages herausstellte, dass Balck auf der Seite von Du-weißt-schon-wem stand?“, flüsterte Madam Rosmerta. „Schlimmer noch, meine Liebe...“ Fudge senkte seine Stimme. „Nur wenige kennen die Tatsache, dass die Potters wussten, dass Du-weißt-schon-wer hinter ihnen her war. Dumbledore hatte eine Reihe nützlicher Spione. Einer von ihnen hat ihm den Tip gegeben und er aht sofort James und Lily gewarnt. Er riet ihnen, sich zu verstecken. Nun war es natürlich nicht so einfach, sich vor Du-weißt-schon-wem zu verstecken. Dumbledore hat ihnen gesagt, sie sollten am besten den Fidelius-Zauber anwenden.“ „Wie geht er?“, fragte Madam Rosmerta. Professor Flitwick räusperte sich. „Ein äußerst komplizierter Zauber“, quiekte er, „bei dem es darum geht, ein Geheimnis auf magische Weise im Inneren einer lebenden Seele zu verbergen. Die Information wird in der gewählten Person, dem Geheimniswahrer, versteckt und ist unauffindbar - außer natürlich, der Wahrer des Geheimnisses beschließt, es zu verraten. Sobald sich der Geheimniswahrer weigerte zu sprechen, hätte Du-weißt-schon-wer das Dorf, in dem Lily und James lebten, jahrelang durchsuchen können, ohne sie zu finden, nicht einmal, wenn er die Nase gegen ihr Wohnzimmerfenster gedrückt hätte!“ „Also war Sirius Black der Geheimniswahrer?“, flüsterte Madam Rosmerta. „Natürlich“, erwiderte Professor McGonagall. „James Potter hat Dumbledore erzählt, dass Black eher sterben würde als das Geheimnis zu verraten...aber dennoch machte sich Dumbledore weiterhin Sorgen.“ „Hat er Black verdächtigt?“ „Er war sich sicher, dass jeamnd, der den Potters nahe stand, Du-weißt-schon-wen über ihre Schritte informiert hatte“, meinte Professor McGonagall bedrückt. „Tatsächlich hatte er schon länger den Verdacht gehegt, dass jemand auf unserer Seite zum Verräter geworden war, und eine Menge Informationen weitergab.“ „Aber James Potter beharrte darauf, Black zu nehmen?“ „Ja, allerdings“, sagte Fudge mit schwerer Stimme. „Und dann, kaum eine Woche nachdem der Fidelius-Zauber ausgesprochen worden war-...“ „hat ihn Black verraten?“, keuchte Madam Rosmerta. „Ja, so war es. Black hatte seine Rolle als Doppelagent satt, wer war bereit, offen seine Unterstützung für Du-weißt-schon-wen zu erklären, und er scheint dies für den Tag von Potters Tod geplant zu haben. Doch wie wir alle wissen, fand Du-weißt-schon-wer in dem kleinen Harry Potter einen tödlichen Gegner. Seiner Kräfte beraubt und fürchterlich angeschlagen, machte er sich auf die Flucht. Und so steckte Black in einer sehr üblen Lage. Sein Meister war in ebenjenem Moment gestürzt, da er, Black, seine Karten als Verräter offen auf den Tisch gelegt hatte. Er hatte keine andere Wahl als ebenfalls zu fliehen-...“ „Dreckiger, stinkender Wechselbalg!“, rief Hagrid so laut, dass das halbe Wirtshaus verstummte. „Schhh!“, meinte Professor McGonagall. „Ich hab ihn getroffen“, erzählte Hagrid. „Ich muss der Letzte gewesen sein, der ihn gesehen hat, bevor er all diese Leute umgebracht hat! Ich war es, der Harry Potter aus Lilys und James’ Haus gerettet hatm nachdem sie getötet wurden! Hab ihn nur noch aus den Ruinen holen können, das arme kleine Ding, mit einem großen Riss auf der Stirn, und beide Eltern tot... und dann erscheint plötzlich Sirius Black auf diesem fliegenden Motorrad, das er damals hatte. Keine Ahnung, was er dort suchte. Ich wusste nicht, dass er der Geheimniswahrer von Lily und James war. Ich dachte, er hat wohl von dem Überfall gehört und will nachsehen, ob er helfen kann, Ganz bleich war er und gezittert hat er. Und wisst ihr, was ich gemacht hab? Ich hab den mörderischen Verräter auch noch getröstet!“, polterte er. „Hagrid, bitte!“, sagte Professor McGonagall, „schreien Sie nicht so rum!“

    „Wie sollte ich wissen, dass er nicht wegen Lily und James so von der Rolle war? Dem ging es nur um Du-weißt-schon-wen! Und er sagt mir noch: >Gib Harry mir, Hagrid, ich bin sein Pate, ich kümmere mich um ihn-< Ha! Aber ich hatte meine Anweisungen von Dumbledore, und >nein, Black<, hab ich gesagt, >Dumbledore will, dass Harry zu seinen Verwandten kommt<. Wir haben uns gestritten, aber am Ende hat er nachgegeben. >Nimm mein Motorrad<, hat er gesagt, >und bring Harry dorthin, ich brauch es nicht mehr.< Ich hätte wissen müssen, dass da irgendwas faul war. Er war ganz vernarrt in das Motorrad. Weshalb hat er es mir gegeben? Warum hat er es nicht mehr gebraucht? Tatsache war, es war zu auffällig. Dumbledore wusste, dass er der Geheimniswahrer von Potter war. Black wusste, dass er in dieser Nacht schleunigst verschwinden musste, es war nur eine Frage von Stunden, bis das Ministerium ihm auf den Fersen sein würde. Aber was, wenn ich ihm Harry gegeben hätte? Ich wette, er hätte ihn draußen über dem Meer vom Motorrad geworfen. Der Sohn seines besten Freundes! Aber wenn ein Zauberer auf die Dunkle Seite überwechselt, gibt es nichts und niemanden, der ihm noch was wert ist...“ Auf Hagrids Geschichte folgte ein langes Schweigen. Dann sagte Madam Rosmerta: „Aber er hat es nicht geschaffft zu verschwinden, oder? Das Zaubereiministerium hat ihn am nächsten Tag erwischt!“ „Ach, wenn es so gewesen wäre“, meinte Fudge erbittert. „Es waren nicht wir, die ihn gefunden haben, es war der kleine Peter Pettigrew - auch einer von Potters Freunden. Sicher war er außer sich vor Trauer und wusste, dass Black Potters Geheimnis bewahrt hat, so hat er auf eigene Faust nach Black gesucht.“ „Pettigrew...dieser dicke kleine Junge, der ihnen in Hogwarts immer hinterhergeschlichen ist?“, fragte Madam Rosmerta. „Hat Black und Potter wie Helden verehrt“, erzählte Professor McGonagall, „Spielte allerdings nie in derselben Liga mit ihnen, was die Begabung angeht. Ich hab ihn öfters etwas scharf angefahren. Sie können sich vorstellen, wie ich - wie ich das heute bedaure...“ „Nimm’s dir nicht so zu Herzen, Minerva“, sagte Fudge aufmunternd. „Pettigrew ist als Held gestorben. Die Augenzeugen - natürlich waren es Muggel, wir haben ihre Erinnerungen später gelöscht -, sie haben uns berichtet, dass Pettigrew Black in die Enge getrieben hatte. Sie sagten, er habe geschluchzt. >Lily und James, Sirius! Wie konntest du das nur tun!< Und dann hat er nach seinem Zauberstab gegriffen. Nun, Black war natürlich schneller. Hat Pettigrew in Stücke gerissen...“ Professor McGonagall schnäuzte sich und sagte mit belegter Stimme: „Dummer Junge...einfältiger Junge...er war beim Duellieren immer ein hoffnungsloser Fall...hätte es dem Ministerium überlassen sollen...“ „Ich sag euch“, knurrte Hagrid, „wenn ich Black vor Pettigrew in die Hände gekriegt hätte, ich hätte nicht lange mit dem Zauberstab gefackelt - ich hätte ihm - alle - Rippen - ausgerissen.“ „Sie wissen doch nicht, wovon Sie reden, Hagrid“, meinte Fudge scharf. „Keiner außer den dafür geschulten Eingreifzauberern von der Magischen Polizeibrigade hätte eine Chance gegen Black gehabt, als er in die Enge getrieben war. Ich war damals als stellvertretender Minister für Zauberkatastropfhen einer der Ersten am Tatort, nachdem Black all diese Menschen ermordet hatte. Ich - ich werde den Anblick nie vergessen. Ich träume heute noch manchmal davon. Ein Krater mitten in der Straße, so tief, dass die Abflussrohre in der Erde aufgerissen waren. Überall Leichen. Schreiende Muggel. Und Black stand da und hat gelacht, vor ihm die Überreste Pettigrews...ein blutgetränkter Umhang und ein paar - ein paar Fetzen -...“ Fudge brach ab. Ich hörte, wie Nasen geschnäuzt wurden. „Nun, jetzt wissen Sie Bescheid, Rosmerta“, sagte Fudge dumpf. „Black wurde von zwanzig Leuten der Magischen Polizeibrigade abgeführt und Pettigrew hat den Orden des Merlin erster Klasse erhalten. Black saß seit diesem Tag in Askaban.“ Madam Rosmerta stieß einen langen Seufzer aus. „Stimmt es, dass er verrückt ist, Minister?“ „Ich wünschte, ich könnte das behaupten. Was ich sicher weiß, ist, dass ihn die Niederlage seines Meisters für einige Zeit aus der Bahn geworfen hat. Der Mord an Pettigrew und all den Muggeln war die Tat eines in die Enge getriebenen und verzweifelten Mannes - grausam...sinnlos. Aber bei meiner letzten Inspektion habe ich Black getroffen. Wissen Sie, die meisten Gefangenen sitzen dort im Dunklen und murmeln vor sich hin, sie haben den Verstand verloren...aber ich war erschrocken, wie normal Black schien. Er hat ganz vernünftig mir mir gesprochen. Es war richtig unheimlich. Man hätte meinen können, er langweile sich nur - hat mich ganz gelassen gefragt, ob ich meine Zeitung ausgelesen hätte, er würde nämlich gern das Kreuzworträtsel lösen. Ich war erstaunt, wie wenig Wirkung die Dementoren auf ihn zu haben schienen - und er war einer der am schärfsten bewachten Gefangenen, müssen Sie wissen. Tag und Nacht standen sie vor seiner Zelle.“ „Aber, was glauben Sie, hat er jetzt nach seiner Flucht vor?“, fragte Madam Rosmerta. „Meine Güte, Minister, er will sich doch nicht etwa wieder Du-weißt-schon-wem anschließen?“ „Ich würde sagen, das - ähm - ist möglicherweise Blacks Absicht“, meinte Fudge ausweichend. „Aber wir hoffen, dass wir ihn schon bald fassen werden. Ich muss sagen, Du-weißt-schon-wer allein und ohne Freunde ist das eine...aber gewinnt er seinen ergebensten Gefolgsmann zurück, dann schaudert mir bei dem Gedanken, wie schnell er wieder an die Macht gelangen könnte...“ Es gab ein leises Klingen. Jemand hatte sein Glas auf dem Tisch abgestellt. „Wissen Sie, Cornelius, wenn SIe mit dem Schulleiter zu Abend essen, sollten wir jetzt besser zurück ins Schloss“, hörte ich Professor McGonagall sagen. Stühle wurden gerückt und Schritte entfernten sich von uns. Die Tür zu den Drei Besen öffnete sich, erneut wirbelten Schneeflocken herein und die Lehrer verschwanden. „Harry?“, flüsterte ich und spähte unter den Tisch, ohne ein einziges Wort aussprechen zu können.

    19
    19. Kapitel

    Abends lag ich noch lange im Bett und starrte an die Decke. Ich konnte das einfach nicht glauben; Black sollte dafür verantwortlich sein, dass Harrys Eltern tot waren. Doch was noch schlimmer war, ich konnte mir nicht vorstellen, dass er seine Frau und sein eigenes Kind umbringen hat lassen. Das waren doch sicher die Menschen gewesen, die er am meisten geliebt hatte; Wie konnte es sein, dass er ihnen soetwas angetan hatte? Seine Frau, die er über alles geliebt hatte und sein Kind; Blut von seinem Blut... Ich konnte das einfach nicht glauben! Ich nahm mir vor, morgen in die Bibliothek zu gehen, um nachzusehen, ob ich in den alten Jahrbüchern eine Spur von Sirius Black und James Potter finden konnte. Mit diesem Vorsatz schaffte ich es, endlich einzuschlafen.

    Am nächsten Morgen machte ich mich sofort auf den Weg in die Bibliothek. Das war kein Problem, denn heute war Sonntag. Kaum, dass ich in der Bibliothek angekommen war, machte ich mich zielstrebig auf die Suche nach den Jahrbüchern. Ich ging in den hinteren Teil des Raums, wo man mich nicht so leicht entdecken konnte. Vor mir stapelten sich in einem Regal unzählige, dicke Jahrbücher. Wahllos zog ich ein Buch hervor und schlug es auf. Na, das konnte lange dauern!

    Ich wusste nicht, wie lang ich schon in meinem gemütlichem Sessel saß und die Jahrbücher durchblätterte. Ich stöhnte; langsam gab ich die Hoffnung auf, etwas zu finden. Ich nahm ein dickes, mit Staub überzogenes Buch vom Stapel. Ich wischte den Staub mit dem Ärmel beiseite und schlug es auf. Zuerst sah ich Bilder von den Quidditch-Mannschaften aus allen vier Häusern. Plötzlich blieb mein Blick auf den Gryffindor-Spielern hängen. Dort, wo normalerweise der Sucher stand, grinste mir Harry entgegen! Ich sah genauer hin; das war nicht Harry, denn diese Person hatte haselnussbraune Augen. Das musste also James sein, Harrys Vater. Und dann fiel mir noch etwas anderes auf. Auf der Position des Hüters strahlte mir ein junger Mann entgegen. Ich starrte in das hübsche, lachende Gesicht. Sein Gesicht war nicht eingesunken und wächsern, sondern sehr hübsch: Mir sah Sirius Black entgegen. Zugegeben, ich hätte ihn fast nicht erkannt. Er sah so anders aus, als auf den Steckbriefen, wo er gesucht wurde. Ich blätterte hektisch durch die Seiten, bis ich plötzlich ein weiteres Foto sah. Darauf waren vier Jungen zu sehen. Der eine war James Potter, der andere Sirius Black und noch zwei andere. Der eine Junge war klein und moppelig, er erinnerte mich an eine Ratte und der vierte...es kam mir so vor, als ob ich ihn schon einmal gesehen hätte. Ich sah genauer hin und erstarrte. Dieser Junge war...Remus Lupin! Ich sah auf die Schrift unter dem Bild. „Die vier Musketiere: James Potter, Sirius Black, Remus Lupin und Peter Pettigrew.“ Ich stockte. Dann stimmte das alles, was Fudge Madam Rosmerta erzählt hatte! Doch darunter entdeckte ich noch ein anderes Bild. Und das Blut gefror mir in den Adern. Zwei Mädchen waren zu sehen; die eine rothaarig, die andere mit braunen Locken. Beide grinsten in die Kamera. Und das Seltsame daran war, dass mir die Braunhaarige absolut ähnlich sah. Mit ihren grünen Augen lachte sie in die Kamera und hatte ihren Arm um die Rothaarige gelegt. Unter dem Bild stand: „Zwei beste Freundinnen: Lily Evans und Lindsay Winter.“ Ich starrte wie hypnotisiert auf das Foto. Lily Evans war Harrys Mutter, sie hatten dieselben Augen und Lindsay Winter war-... Ich konnte den Gedanken nicht zu Ende führen. Ich hatte sie gefunden...Meine Mutter hieß Lindsay Winter.

    Ich starrte immer noch verwirrt auf die beiden Fotos. Wie freundschaftlich die vier Jungs wirkten. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass einer von ihnen ein Massenmörder, einer mein Lehrer und die beiden anderen tot waren. Vor allem Sirius und James wirkten sehr vertraut, als würden sie mehr als Freunde sein; als wären sie Brüder. Es konnte nicht wahr sein, dass Black für James’ Potters Tod verantwortlich war. Ich schüttelte den Kopf. Das konnte ich einfach nicht glauben! Mein Blick fiel auf das untere Bild. Lily und Lindsay lachten beide in die Kamera; man sah, dass sie beste Freundinnen waren. Ich musterte meine Mutter aufmerksam. In den Haaren trug sie einen grünen Haarreif, passend zu ihren Augen; außerdem trug sie einen Schal in scharlachrot und gold, was darauf schließen ließ, dass sie eine Gryffindor war; sie trug einen ebenfalls roten Pullover; aber das Auffällige war ihre Halskette. Ihr Medaillon sah meinem zum Verwechseln ähnlich. Ich zückte meinen Zauberstab und richtete ihn auf die beiden Bilder. „Exemplera!“ Die beiden Bilder verdoppelten sich. Ich nahm sie in die Hand und steckte das Jahrbuch in meine Tasche. Ich nahm die restlichen Bücher in beide Arme und schleppte sie mühsam zurück zum Regal hinüber. Aber plötzlich spürte ich Widerstand, wurde zurückgestoßen und fiel auf den harten Boden. Alle Bücher fielen hinunter und lagen nun verstreut auf dem Boden. Ich rieb mir die Stirn und starrte zu demjenigen hinauf, mit dem ich zusammengestoßen war. Es war Draco. Auch er sah zu mir hinunter und hielt schließlich auffordernd die Hand hin. Zögernd ergriff ich sie und er zog mich nach oben. Dann bückte er sich und hob meine Bücher vom Boden auf; er drückte sie mir in die Hand, schenkte mir ein kurzes Lächeln und ging dann rasch davon, ohne dass ich etwas hätte sagen können. Verwirrt starrte ich ihm hinterher, konnte mir aber ein Lächeln nicht verkneifen.

    Abends lag ich im Bett und starrte auf die beiden Bilder. Mum lachte immer wieder und ich seufzte. Allmählich glaubte ich, dass es besser geworden wäre, wenn ich das Foto nie gefunden hätte. Ich wollte nie irgendetwas über meine Vergangenheit wissen, außer vielleicht die Namen meiner richtigen Eltern, aber mehr hatte mich nie interessiert. Wieso auch? Meine Mutter hatte mich weggegeben, als ob ich ihr nichts bedeutet hätte. Aber jedes Mal, wenn ich sie in meinen Träumen sah, hatte ich das Gefühl, dass Mum mich nicht mit Absicht abgeschoben hatte. Vielleicht war ich wirklich verrückt! Ich nahm die beiden Fotos und schob sie unter mein Kopfkissen. Mein Blick fiel noch kurz auf die lächelnde Lindsay und mir stiegen Tränen in die Augen. „Wieso?“, flüsterte ich erstickt. „Wieso hast du mich weggegeben?“ Doch natürlich antwortete sie nicht. Traurig versteckte ich das Bild unter dem Kissen. Ich hatte zurzeit einfach zu viele Sorgen.

    Am nächsten Nachmittag machten wir uns auf den Weg zu Hagrid. Wir hatten ihn schon lange nicht mehr besucht, und ich glaubte, dass Harry sich deshalb schuldig fühlte. Langsam schlurften wir über den Rasen im glitzernden Pulverschnee. Der Verbotene Wald kam uns vor, als wäre er verzaubert; alle Bäume glitzerten silbern und Hagrids Hütte sah aus wie ein Stück glasierter Kuchen. Ich klopfte, doch es kam keine Antwort. „Er ist doch nicht etwa draußen?“, fragte Mine, die unter ihrem Mantel bibberte. Doch Ron presste sein Ohr an die Tür. „Da ist so ein komisches Geräusch“, meinte er. „Hört mal - ist das vielleicht Fang?“ Auch Harry, Mine und ich legten die Ohren an die Tür. Von drinnen hörten wir ein leises, bebendes Stöhnen. „Sollten wir nicht besser jemanden holen?“, fragte ich besorgt. „Hagrid!“, rief Harry, „Hagrid, bist du da?“ Ich hörte schwere Schritte, dann ging quietschend die Tür auf. Hagrid stand vor uns mit rotem und geschwollenen Augen; Tränen liefen an seiner Lederweste herab. „Du hast es doch gehört!“, polterte er und warf sich plötzlich Harry um den Hals. Bei Hagrid, der mindestens doppelt so groß war wie ein normaler Mensch, war das nicht zum Lachen. Schon knickte Harry unter Hagrids Last ein. Mine, Ron und ich kamen ihm rasch zur Hilfe und hievten ihn mit Harrys Hilfe zurück in die Hütte. Hagrid ließ es zu, dass wir ihn auf einen Stuhl bugsierten. Er sackte über dem Tisch zusammen und fing haltlos an zu schluchzen; sein Gesicht glitzerte wegen den ganzen Tränen, die auf seinen krausen Bart tropften. „Hagrid, was ist denn los?“, sprach ich die Frage aus, die uns alle vier beschäftigte. Erst jetzt bemerkte ich einen amtlich wirkenden Brief, der aufgefaltet auf dem Tisch lag. „Was ist das, Hagrid?“, fragte Harry, der den Brief offensichtlich auch bemerkt hatte. Hagrid begann noch heftiger zu schluchzen und ich hob den Brief auf. Ich las vor:

    Sehr geehrter Mr. Hagrid,
    im Zuge unserer Untersuchung des Angriffs eines Hippogreifs auf einen Schüler in Ihrem Unterricht vertrauen wir der Versicherung Professor Dumbledores, dass Sie für den bedauerlichen Zwischenfall keine Verantwortung tragen.

    „Na also, Hagrid, das ist doch gut!“, sagte Ron und klatschte Hagrid auf die Schulter. Doch Hagrid schluchzte nur laut auf und deutete wild gestikulierend auf den Brief, um mir zu zeigen, dass ich weiterlesen sollte.

    Allerdings müssen wir unsere Besorgnis über den fraglichen Hippogreif zum Ausdruck bringen. Wir haben beschlossen, die offizielle Beschwerde von Mr. Lucius Malfoy zu unterstützen, und übergeben die Angelegenheit daher zum Ausschuss für die Beseitigung gefährlicher Geschöpfe. Die Anhörung findet am 20. April statt und wir bitten Sie, sich an diesem Tag mit Ihrem Hippogreif in den Amtsräumen des Ausschusses in London einzufinden. In der Zwischenzeit muss der Hippogreif von den anderen Tieren abgesondert und angebunden werden.
    Mit kollegialen Grüßen...

    Es folgte eine Liste der Schulräte. „Oh“, meinte Ron leise. „Aber du hast gesagt, Seidenschnabel ist kein schlechter Hippogreif, Hagrid. Ich wette, er kommt davon-...“ „Du kennst diese Widerlinge in dem Ausschuss nicht!“, würgte Hagrid hervor und wischte sich das Gesicht mit dem Ärmel ab. „Das ist alles nur meine Schuld!“, flüsterte ich entsetzt. Hagrid schüttelte schniefend den Kopf. „Du hast es doch nicht mit Absicht getan!“, polterte er. Trotzdem fühlte ich mich schuldig, und es drückte schwer auf meinen Magen. Ein plötzliches Geräusch von hinten ließ uns herumfahren. Seidenschnabel lag in einer Ecke der Hütte und hackte auf etwas herum, aus dem Blut über den ganzen Boden sickerte. „Ich konnte ihn doch nicht draußen in der Kälte angebunden lassen“, schluchzte Hagrid. „Ganz alleine! Und an Weihnachten!“ Es stimmte; bald war Weihnachten. Wir sahen uns an. Wir hatten mit Hagrid nie ernsthaft über die „interessanten Geschöpfe“ gesprochen, so wie er sie nannte, während andere Leute von „schrecklichen Monstern“ sprachen. Andererseits schien von Seidenschnabel keinerlei Gefahr auszugehen. Und wenn ich an Hagrids andere Monster dachte, wirkte er sogar ganz niedlich. „Du musst dir eine gute und starke Verteidigung einfallen lassen, Hagrid“, sagte ich laut und deutlich. Ich schwor mir, Hagrid so gut wie möglich zu helfen. Immerhin war ich an diesem Unglück schuld. „Ich bin mir sicher, dass du bewiesen kannst, dass Seidenschnabel ganz harmlos ist.“ „Das macht auch keinen Unterschied“, jammerte Hagrid. „Diese Teufel von Beseitigungsausschuss, die hat Lucius Malfoy doch alle in der Tasche! Haben Angst vor ihm! Und wenn ich bei der Anhörung verliere, wird Seidenschnabel-...“ Hagrid ließ seinen Kopf auf die Arme fallen. „Was ist mit Dumbledore, Hagrid?“, fragte Harry. „Der hat schon viel zu viel für mich getan“, stöhnte Hagrid. „Hat genug Scherereien, muss diese Dementoren vom Schloss fernhalten, und dazu kommt noch Sirius Black, der hier herumschleicht-...“ „Hör zu, Hagrid“, meinte Harry, „Liv hat Recht. Du darfst nicht aufgeben, du brauchst nur eine gute Verteidigung. Du kannst uns als Zeugen aufrufen-...“ Ich nickte heftig. „Ich bin mir fast sicher, dass ich mal von einem Rechtsstreit wegen einer Hippogreif-Schlägerei gelesen habe“, unterbrach Mine nachdenklich, „und der Hippogreif ist davongekommen. Ich schlag’s für dich nach, Hagrid, und seh mir an, was da genau passiert ist.“ Hagrid heulte nur noch lauter. Wir wandten uns alle drei Hilfe suchend an Ron. „Ähm - soll ich ‘ne Tasse Tee machen?“ Verwundert starrte ich ihn an. „Das tut Mum auch immer, wenn jemand durchgedreht ist“. murmelte Ron und zuckte mit den Schultern.

    Endlich, nachdem wir Hagrid viele Male unsere Hilfe zugesprochen hatten und er eine dampfende Tasse Tee vor sich hatte, schnäuzte er sich mit einem tischtuchgroßen Taschentuch und sagte: „Ihr habt Recht, ich kann hier nicht einfach in Grund und Boden versinken. Muss mich zusammenreißen...“ Fang kroch unter dem Tisch hervor und legte den Kopf auf Hagrids Knie. „War in letzter Zeit einfach nicht mehr der Alte“, polterte er und streichelte Fang mit einer Hand, während er mit der anderen sein Gesicht abwischte. „Mach mir Sorgen wegen Seidenschnabel, und dass keiner meinen Unterricht mag-...“ „Ich finde ihn toll!“, meinte ich aufmunternd. „Ja, ist wirklich gut!“, sagte Ron und kreuzte die Finger unter dem Tisch. „Ähm - wie geht’s den Flubberwürmern?“ „Tot“, flüsterte Hagrid tonlos. „Zu viel Salat.“ „Oh nein“, erwiderte Ron mit zuckenden Lippen. „Und diese Dementoren spielen mir ganz übel mit, könnt ihr glauben. Muss jedes Mal an denen vorbei, wenn ich in den Drei Besen einen trinken will. Als ob ich wieder in Askaban wäre-...“ Er verfiel in jähes Schweigen und nahm nur noch hin und wieder einen Schluck Tee zu sich. Wir starrten ihn angespannt an. Noch nie hatte Hagrid von seiner kurzen Haft in Askaban erzählt. Nach einer Weile fragte Mine schüchtern: „Ist es schlimm dort, Hagrid?“ „Ihr habt ja keine Ahnung“, meinte Hagrid leise. „Hab noch nie so was erlebt. Dachte, ich würde verrückt werden. Ständig schwirrten mir fürchterliche Dinge durch den Kopf...der Tag, an dem sie mich aus Hogwarts rausgeworfen haben...der Tag, an dem mein Dad gestorben ist...der Tag, an dem ich Norbert gehen lassen musste...“ Seine Augen füllten sich erneut mit Tränen. Das hörte sich einfach nur schrecklich an. „Du weißt nach ‘ner Zeit nicht mehr, wer du bist. Und du weißt nicht mehr, warum du überhaupt noch leben sollst. Ich habe immer gehofft, ich würde einfach im Schlaf sterben...als sie mich rausgelassen haben, war es, als wär ich neugeboren worden, alles kam wieder auf mich eingeströmt, es war das schönste Gefühl der Welt. Aber ich sag euch, die Dementoren waren gar nicht begeistert davon, dass sie mich gehen lassen mussten.“ „Aber du warst doch unschuldig!“, protestierte ich. Hagrid schnaubte. „Glaubt ihr, das spielt für die ‘ne Rolle? Solange ein paar hundert Menschen dort um sie herum festsitzen und sie ihnen alles Glück aussaugen können, schert es sie keinen Deut, wer schuldig ist und wer nicht.“ Hagrid verstummte einen Moment und starrte in seinen Tee. Dann sagte er leise: „Dachte, ich lass Seidenschnabel einfach frei...vielleicht krieg ich ihn dazu, fortzufliegen...Aber wie erklärst du einem Hippogreif, dass er sich verstecken muss? Und - und ich ahb Angst, das Gesetz zu brechen...“ Er sah uns an und wieder rannen Tränen über seine Wangen. „Ich will niemals wieder zurück nach Askaban.“

    20
    20. Kapitel

    Der Besuch bei Hagrid war zwar nicht gerade lustig gewesen, aber wir hatten uns geschworen, Hagrid zu helfen. Am nächsten Tag gingen wir zu viert in die Bibliothek und kehrten mit Armen voller Bücher in den leeren Gemeinschaftsraum zurück. Vielleicht stand ja etwas Hilfreiches für die Verteidigung von Seidenschnabel darin. Wir setzten uns vor das prasselnde Feuer und blätterten langsam durch die Seiten über berühmte Fälle wild gewordener Biester. Nur gelegentlich wechselten wir ein paar Worte, wenn wir auf etwas Wichtiges stießen. „Hier ist was...im Jahr 1722 gab es einen Fall...aber der Hippogreif wurde verurteilt - urrgh, schaut mal, was sie mit ihm gemacht haben, das ist ja abscheulich-...“ „Das hilft uns vielleicht weiter, seht mal - im Jahr 1296 hat ein Mantikor jemanden zerfleischt und sie haben ihn freigelassen - oh - nein, das haben sie nur gemacht, weil sie alle zu viel Angst hatten und keiner sich in seine Nähe traute...“

    Unterdessen war das Schloss wie immer herrlich weihnachtlich geschmückt worden, auch wenn kaum Schüler dageblieben waren, die sich darüber freuen konnten. Dicke Büschel aus Stechpalmenzweigen und Misteln zogen sich die Korridore entlang, an den Rüstungen leuchteten geheimnisvolle Lichter und in der Großen Halle standen wie üblich die zwölf Weihnachtsbäume, an denen goldene Sterne glitzerten. Ein überwältigender Geruch aus den Küchen wehte durch die Korridore und am Weihnachtsabend war er so stark geworden, dass selbst Krätze die Nase aus Rons geschützter Tasche herausstreckte und schnupperte. Am Weihnachtsmorgen erwachte ich schon früh. Mine schlief noch und Lavender und Pavati waren über die Ferien nach Hause gefahren. Gähnend streckte ich mich und setzte mich auf. Vor meinem Bett lag ein Stapel Geschenke und ich machte mich daran, ihn auseinander zu nehmen. Von meiner Mutter bekam ich ein Paar hübsche, mit Weißgold verzierte Ohrringe geschenkt. Sie stellten kleine Pfauen mit Saphiren als Augen dar. Von Mrs. Weasley bekam ich einen saftigen Pflaumenkuchen und einen weinroten Pullover, diesmal mit einigen Musiknoten aufgestickt, geschenkt. Mine hatte mir ein Buch über Astronomie und Sterndeutung gekauft, Ron beschenkte mich mit einem kunstvollen Zuckerfederhalter und Harry schenkte mir eine große Schachtel mit bunten Armreifen, die ich liebend gern trug. Dann entdeckte ich ein kleines Kästchen auf dem Boden stehen; ich bückte mich und hob es auf. Darauf war ein kleines Stück Pergament angebracht, auf dem zu lesen war: > Für meinen Singvogel<. Offensichtlich hatte Draco sich wirklich die Mühe gemacht, mir etwas zu schenken! Behutsam öffnete ich die kleine Box. Im Inneren befand sich eine wunderhübsche Brosche. Sie war offenbar aus reinem Gold; die Brosche bestand aus einem schmalen Ring, in dem eine kleine Nachtigall schwebte. Ich lächelte; dieses Geschenk gefiel mir wirklich gut. Ich zog den Weasley-Pullover an und steckte meine neue Brosche vorsichtig daran fest. Doch plötzlich bemerkte ich ein unscheinbares, blaues, mit Goldrand verziertes Buch am Bettrand. Verwundert hob ich es auf und öffnete es. Die Seiten waren vollkommen leer. Verwundert drehte und wendete ich das Buch, als mit einem Mal ein kleiner Zettel herausfiel. Ich hob ihn auf und las still:

    In dieses Tagebuch kannst du deine Geheimnisse schreiben, ohne dass sie jemand außer dir lesen kann. Und für jede Situation wirst du ein passendes Lied finden. Frohe Weihnachten.

    Ich las den Zettel aus Verwirrtheit mehrmals durch, ohne die Worte richtig zu verstehen. Bei diesem Buch handelte es sich also um ein Tagebuch...Erneut schlug ich die Seiten auf. Plötzlich entdeckte an der Seite eine dünne, weiße Feder, die mit einem Gummiband am Buchrand befestigt war. Vorsichtig zog ich die elegante Feder heraus und malte eine Musiknote auf die erste Seite des Tagebuchs. Ich erstarrte. Die Tinte war nicht blau, sondern silberweiß, die sich deutlich von den Pergamentblättern abhob. „Was machst du da?“, hörte ich Mine hinter mir fragen. Ruckartig drehte ich mich um. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie sie aufgewacht und ihre Geschenke ebenfalls ausgepackt hatte. Sie sah über meine Schulter. „Hast du etwas geschrieben?“, fragte sie, als ob sie die leuchtend gezeichnete Note nicht sehen könnte. „Siehst du’s nicht?“, erwiderte ich. „Von was redest du, Liv?“ „Ach, nichts“, meinte ich und schüttelte nur den Kopf. Da fiel mir der Zettel ein. Darauf stand: „In diesem Tagebuch kannst du deine Geheimnisse schreiben, ohne dass sie jemand außer dir lesen kann.“ Na klar, nur ich konnte dank dieser speziellen Feder das Geschriebene lesen! Aber was bedeutete der nächste Satz: „Und für jede Situation wirst du ein Lied finden“? Und wer hatte mir dieses Tagebuch geschickt? Auf dem Zettel stand kein Absender... „Liv? Kommst du? Ich will hinüber zu Harry und Ron!“ Ich nickte und stand auf. Das Buch nahm ich allerdings lieber mit.

    Gemeinsam betraten Mine und ich den Schlafsaal von Harry und Ron. Doch das Erste, was ich sah, war ein Superbesen, den Harry in der Hand hielt. „Harry, ist das ein Feuerblitz?“, fragte ich. Er nickte. Ron zeriss gerade die Verpackung des Feuerblitzes. „Was machst du da, Ron?“, fragte Mine stirnrunzelnd. „Ich suche soetwas wie eine Karte. Nichts! Meine Güte, wer sollte denn soviel Gold für dich ausgeben?“, meinte er an Harry gerichtet. „Ich wette jedenfalls, dass es nicht die Dursleys waren.“, sagte Harry vollkommen verdutzt. „Ich wette, es war Dumbledore. Er hat dir auch den Tarnumhang anonym geschickt...“ „Der gehörte aber Harrys Dad.“, warf ich ein. Harry nickte. „Dumbleodre hat ihn nur an mich weitergegeben. Er würde keine 500 Galleonen für mich ausgeben. Das kann er einfach nicht machen, seinen Schülern solche Sachen schenken-...“ „Deshalb sagt er ja nicht, dass es von ihm ist!“, vermutete Ron. „Damit so ein Idiot wie Malfoy nicht sagen kann, er würde dich bevorzugen. Hey-...“ Ron lachte schallend auf und ich zwang mich dazu, ein wenig zu kichern, auch wenn ich das nicht gerne hinter Dracos Rücken trat. „Malfoy! Wartet nur, bis er dich auf dem Besen sieht! Dem wird speiübel werden!“ Mine sagte nichts und Harry murmelte: „Ich kann’s einfach nicht glauben.“ „Wo wir gerade bei verwirrenden Geschenken sind“, meinte ich und holte mein Tagebuch hervor, „sollte ich euch vielleicht das hier zeigen.“ „Was ist das?“, meinte Ron. Mine stöhnte. „Das nennt man ein Tagebuch, Ron! Liv hat es zu Weihnachten bekommen.“ „Und was ist daran verwirrend?“, fragte Harry. „Es ist magisch“, erklärte ich, „niemand außer mir kann lesen, was ich hineinschreibe. Außerdem stand kein Absender dabei.“ Ich reichte den dreien das kleine Pergamentstück. Sie überflogen den Zettel, dann sagte Mine verwirrt: „Was bedeutet wohl dieser zweite Satz? >Für jede Situation wirst du ein Lied finden<?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Irgendwann werde ich es schon rausfinden.“ Doch plötzlich kreischte Ron panisch auf. Der Grund dafür? Krummbein war ins Zimmer gehuscht. „Bring ihn bloß nicht hier rein!“, rief Ron, während er rasch in den Untiefen seines Bettes nach Krätze wühlte und verstaute ihn in seiner Schlafanzughose. Doch Mine achtete nicht auf ihn; sie ließ Krummbein auf das leere Bett von Seamus fallen. Sie starrte erneut auf Harrys Feuerblitz und fragte: „Es war also keine Karte dabei?“ Harry nickte und Mine schien von dieser Mitteilung weder besonders überrascht noch begeistert. Im Gegenteil, sie biss sich auf die Lippen und zog eine Schnute. „Was ist los mit dir?“, fragte Ron. „Ich weiß nicht“, sagte sie langsam, „aber ist es nicht ein wenig merkwürdig? Das ist doch angeblich ein ziemlich guter Besen, oder?“ Ron seufzte ungehalten. „Das ist der beste Besen, den es gibt, Hermine“, erklärte er. „Aber der muss doch ziemlich teuer gewesen sein...“ „Hat wahrscheinlich mehr gekostet als alle Besen der Slytherins zusammen“, fuhr er ausgelassen fort. „Na, also...wer würde Harry etwas so Teures schicken und nicht einmal seinen Namen verraten?“, fragte Mine weiter. „Wen kümmert das?“, erwiderte Ron ungeduldig. „Hör mal, Harry, kann ich ihn kurz fliegen?“ „Ich glaube nicht, dass einer von euch gerade jetzt mit diesem Besen fliegen sollte!“, kreischte Mine schrill. Harry, Ron und ich starrten sie an. „Was soll Harry denn sonst damit anfangen? Den Boden fegen?“, fragte ich sie. Doch bevor Mine antworten konnte, sprang Krummbein von Seamus’ Bett herüber und warf sich mit ausgefahrenen Krallen auf Rons Brust. „Schmeiß - das - Biest - hier - raus!“, brüllte Ron, während Krummbein seinen Schlafanzug zerfetzte und Krätze einen verzweifelten Fluchtversuch über seine Schulter. Ron packte Krätze am Schwanz und trat mit dem Fuß nach Krummbein, deoch vergeblich; er traf nur den Koffer am Fuß von Harrys Bett. Der Koffer kippte um und Ron hüpfte jaulend vor Schmerz auf einem Fuß durch das Zimmer. Plötzlich sträubte sich Krummbeins Fell. Ein schrilles, blechernes Pfeifen erfüllte den Raum. Harrys Taschenspickoskop war aus einem alten Socken gekullert und lag jetzt surrend und blitzend auf dem Boden. „Das hab ich ganz vergessen! Diese Socken trag ich möglichst nie...“, sagte Harry, bückte sich und hob das Spickoskop auf. Ich hielt mir die Ohren zu, denn Spickoskop surrte und pfiff immer noch in seiner Hand. Krummbeins tarrte es fauchend und knurrend an. Ron saß auf Harrys Bett und rieb sich den Zeh. „Den Kater bringst du jetzt besser raus, Hermine“, zischte er wütend. „Kannst du dieses Ding nicht abstellen?“, rief ich Harry zu, während Mine hocherhobenen Hauptes, mit Krummbein im Arm, hinausmarschierte. Harry stopfte das Spickoskop zurück in den Socken und warf es in seinen Koffer. Alles, was ich jetzt noch hören konnte, waren Rons gestöhnte Schmerzens- und Wutbekundungen. Krätze rollte sich in Rons Händen ein. Ich hatte die Ratte schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen, und war unangenehm überrascht, dass sie, einst so fett, jetzt ganz abgemagert war; auch schien ihr ganze Büschel Fell ausgefallen zu sein. „Sieht nicht besonders gesund aus, oder?“, stellte Harry fest. „Das ist die Aufregung!“, entgegnete Ron. „Wenn dieser blöde Kater ihn nur in Ruhe lassen würde, ging es ihm auch besser!“ Doch ich wusste noch genau, wie die Frau in der „Magischen Menagerie“ gesagt hatte, Ratten würden nur drei Jahre leben. Mich beschlich die ungute Ahnung, dass Krätze, wenn er nicht bald mit Kräften aufwartete, die er bisher verborgen hatte, das Ende seines Leben erreicht hatte. Und trotz Rons ständiger Beschwerden, dass Krätze langweilig und nutzlos sei, war ich sicher, dass Ron sehr traurig sein würde, wenn Krätze tot wäre.

    Weihnachtlicher Geist war an diesem Morgen im Gemeinschaftsraum garantiert nicht übermäßig zu spüren. Mine hatte Krummbein in unseren Schlafsaal eingeschlossen, war aber sauer auf Ron, weil er nach ihm getreten hatte. Ron war voller Kratzer dank Krummbeins Krallen gewesen, deshalb hatte ihn innerhalb einer Minute durch meinen Gesang geheilt. Ron rauchte jedoch immer noch vor Zorn wegen Krummbeins neustem Versuch, Krätze zu verspeisen. Harry und ich gaben die Hoffnung auf, die beiden könnten sich je wieder versöhnen. Wir wandten und dem Feuerblitz zu, den er mit in den Gemeinschaftsraum genommen hatte. Au irgendeinem Grund schien sich Mine auch darüber zu ärgern; sie sagte nichts, warf jedoch ständig missmutige Blicke auf den Besen, als ob auch er ihren Kater misshandelt hätte.

    Zum Mittagessen gingen wir hinunter in die Große Halle. Die Tische der vier Häuser waren erneut an die Wände gerückt worden und ein einziger Tisch, gedeckt für zwölf, stand in der Mitte. Die Professoren Dumbledore, McGonagall, Snape, Sprout und Flitwick saßen da, zusammen mit Filch, der seine übliche braune Jacke abgelegt hatte und einen sehr alten und recht mottenzerfressen aussehenden Frack trug. Es saßen noch zwei andere Schüler da, ein äußerst aufgeregt wirkender Erstklässler und ein schmollgesichtiger Fünftklässler aus Slytherin. „Fröhliche Weihnachten!“, sagte Dumbledore, als Harry, Ron, Mine und ich auf den Tisch zukamen. „Da wir so wernige sind, schien es mir albern, die Haustische zu nehmen...setzt euch, setzt euch!“ Wir setzten uns nebeneinander an das eine Ende des Tisches. „Knallbonbons!“, meinte Dumbledore begeistert und bot Snape die Verschnürung eines großen silbernen Bonbons an. Snape packte es zögernd und zog daran. Laut wie ein Pistolenschuss flog das Knallbonbon auseinander und es erschien ein großer spitzer Hexenhut, auf dem ein ausgestopfter Geier saß. Mir fiel die Geschichte mit dem Irrwicht ein und grinste. Snape presste die Lippen zusammen und schob den Hut zu Dumbledore hinüber, der ihn sofort aufsetzte. „Haut rein!“, wies er die Tischgesellschaft an und strahlte in die Runde. Während ich mir Bratkartoffeln auftat, öffneten sich erneut die Türen der Großen Halle. Es war Professor Trelawney, die wie auf Rädern zu uns herübergeglitten kam. Zur festlichen Gelegenheit hatte sie ein grünes, silbern besticktes Kleid angezogen, das sie noch mehr wie eine glitzernde, übergroße Libelle aussehen ließ. „Sibyll, das ist ja eine angenehme Überraschung!“, sagte Dumbledore und erhob sich. „Ich habe in die Kristallkugel geschaut, Direktor und zu meiner Verwunderung sah ich, wie ich mein einsames Mahl stehen ließ und mich Ihnen anschloss“, erwiderte Professor Trelawney mit ihrer rauchigen, unirdischsten Stimme, „Sollte ich denn die Winke des Schicksals missachten? Auf der Stelle verließ ich meinen Turm und ich bitte inständig, die Verspätung zu entschuldigen...“ „Aber gewiss, gewiss“, meinte Dumbledore mit funklenden Augen. „Lassen Sie mich einen Stuhl für Sie zeichnen-...“ Und tatsächlich zeichnete er mit seinem Zauberstab einen Stuhl in die Luft, der sich ein paar Sekunde lang drehte und dann mit einem dumpfen Knall zwischen die Professoren Snape und McGonagall fiel. Professor Trelawney jedoch setzte sich nicht; ihre riesigen Augen waren am Tisch entlanggewandert und plötzlich stieß sie einen gedämpften Schrei aus. „Ich wage es nicht, Schulleiter! Wenn ich mich dazusetze, sind wir dreizehn! Nichts bringt mehr Unglück! Vergessen Sie nicht, wenn dreizehn am Tisch sitzen, wird der Erste, der sich erhebt, sterben!“ „Das werden wir riskieren, Sibyll“, meinte Professor McGonagall ungeduldig. „Bitte setzen Sie sich, der Truthahn wird langsam kalt.“ Professor Trelawney zögerte, doch dann leiß sie sich auf den leeren Stuhl nieder. Ihre Augen huschten über die Köpfe hinweg, bis sie schließlich an mir hängen blieben. Professor Trelawney sah mich mit zusammengepressten Lippen an, dann ließ sie einen Schrei ertönen. Geschockt sah ich sie an; genauer gesagt: alle am Tisch starrten sie erschrocken an. „Oh“, keuchte Professor Trelawney und sie weinte fast, „dir wird so großes Unrecht getan werden...dir, der Unschuldigen...“ Verwirrt starrte ich sie an. Redete sie gerade von mir? „Also wirklich, Sibyll, reißen Sie sich zusammen!“, schnaubte Professor McGonagall. „Keine Angst, Ms. Rosier, soetwas passiert ständig!“ Ich nickte nur und wandte mich meinen Kutteln zu.

    Einige Minuten später hatte sich Professor Trelawney sich wieder beruhigt und fragte schließlich: „Aber wo ist der liebe Professor Lupin?“ „Ich fürchte, der arme Kerl ist schon wieder krank“, erwiderte Dumbledore. „Großes Pech, dass es ausgerechnet an Weihnachten pssiert.“ „Aber das haben Sie doch sicher gewusst, nicht wahr, Sibyll?“, fragte Professor McGonagall mit hochgezogenen Augenbrauen. Professor Trelawney schenkte Professor McGonagall einen sehr kühlen Blick. „Natürlich wusste ich es, Minerva“ antwortete sie leise. „Aber man geht nicht mit der Tatsache hausieren, dass man allwissend ist. Häufig tue ich so, als ob ich nicht im Besitz des Inneren Auges wäre, um andere nicht nervös zu machen.“ „Das erklärt wirklich eine ganze Menge“, meinte Professor McGonagall säuerlich. Professor Trelawneys Stimme war plötzlich um einiges weniger rauchig. „Wenn du es also unbedingt wissen musst, Minerva, ich habe gesehen, dass Professor Lupin nicht lange bei uns bleiben wird. Er scheint selbst zu wissen, dass seine Zeit knapp bemessen ist. Er sit buchstäblich geflohen, als ich ihm anbot, für ihn in die Kristallkugel zu schauen-...“ „Nicht zu fassen“, sagte Professor McGonagall trocken. „Ich glaube nicht, dass Professor Lupin in unmittelbarer Gefahr ist“, meinte Dumbledore fröhlich, doch mit leisem Nachdruck, was das Gespräch der beiden Lehrerinnen beendete. „Severus, Sie haben ihm doch noch einmal diesen Trank gebraut?“ „Ja, Direktor“, erwiderte Snape. „Gut“, meinte Dumbledore. „Dann sollte er im Nu wieder auf den Beinen sein...Derek, hast du schon von diesen Grillwürstchen gekostet? Sie sind köstlich.“ Der junge aus der ersten Klasse, so direkt vom Dumbledore angesprochen, errötete bis zu den Haarspitzen und griff mit zitternden Händen nach der Platte mit den Würstchen.

    Professor Trelawney verhielt sich die nächsten zwei Stunden bis zum Ende des Weihnachtsessen fast normal. Zum Platzen voll und mit den Hüten aus den Knallbonbons auf den Köpfen erhoben wir uns als Erste von der Tafel. Und da kreischte sie laut auf. „Meine Lieben! Wer von euch ist zuerst aufgestanden? Wer?“ „Keine Ahnung“, murmelte Ron und sah Harry und mich verlegen an. „Ich denke nicht, dass es eine Rolle spielt“, sagte Professor McGonagall kühl, „außer wenn ein Verrückter mit einer Axt draußen vor der Tür wartet, um den Ersten zu töten, der in die Eingangshalle kommt.“ Selbst Ron lachte. Professor Trelawney sah höchst pikiert aus. „Kommst du?“, fragte ich Mine. „Nein“, murmelte Mine, „ich möchte noch kurz mit Professor McGonagall sprechen.“ „Fragt vielleicht, ob sie noch mehr Unterricht nehmen kann“, gähnte Ron, als wir in die Eingangshalle traten, in der weit und breit kein verrückter Axtmörder zu sehen war. Am Porträtloch angelangt, stellen sie fest, dass Sir Cadogan eine Weihnachtsparty mit ein paar Mönchen, einigen ehemaligen Schulleitern von Hogwarts und seinem Pferd feierte. Er schob sein Visier hoch und prostete uns mit einem Krug Met zu. „Fröhliche - hicks - Weihnachten! Passwort?“ „Alea jacta est!“, sagte ich. „Wie wahr“, dröhnte Sir Cadogan, als das Gemälde zur Seite schwang und uns einließ. Ich setzte mich zusammen mit Ron und Harry in den Gemeinschaftsraum uns starrte immer noch fasziniert auf das Tagebuch. Wer es mir wohl geschickt hatte? Harry und Ron bewunderten den Feuerblitz von allen Seiten. Ich sah auf, als sich das Porträtloch öffnete und Mine, begleitet von Professor McGonagall, herein. Wir starrten die Lehrerin verwundert an. Mine ging um uns herum, setzte sich, griff sich das nächste Buch und verbarg ihr Gesicht dahinter. „Das ist er also, nicht wahr?“, fragte Professor McGonagall umstandslos, ging hinüber zum Kamin und musterte den Feuerblitz. „Ms. Granger hat mir soeben mitgeteilt, dass man Ihnen einen Besen geschickt hat, Potter.“ Harry, Ron und ich drehten uns zu Mine um. Ich konnte sehen, wie ihre Stirn über dem Buch, das sie im Übrigen falsch herum hielt, rot anlief. „Darf ich mal?“, fragte Professor McGonagall, obwohl es sich eher wie ein Befehl anhörte. Sie zog Harry schnurstracks den Feuerblitz aus den Händen. Sie untersuchte ihn sorgfältig von Stiel bis zu den Zweigspitzen. „Hmmm. Und keine Notiz dazu, Potter? Keine Karte? Keine Mitteilung irgendeiner Art?“ Rasch versteckte ich das Tagebuch hinter meinem Rücken. Hoffentlich hatte Mine Professor McGonagall nichts davon erzählt... „Nein“, antwortete Harry schlicht. „Verstehe...Nun, ich fürchte, ich werde ihn beschlagnahmen müssen, Potter.“ „W...wie bitte?“, stammelte Harry und rappelte sich hoch. „Warum?“ „Er muss auf Zauberflüche überprüft werden“, erklärte Professor McGonagall. „Ich bin natürlich keine Fachfrau, aber ich bin sicher, Madam Hooch und Professor Flitwick werden ihn auseinander nehmen.“ „Ihn auseinander nehmen?“, wiederholte Ron, als ob Professor McGonagall verrückt geworden wäre. „Es dürfte nicht mehr als ein paar Wochen dauern“, meinte Professor McGonagall. „Sie bekommen ihn zurück, wenn wir sicher sind, dass er nicht verhext ist.“ „Der ist völlig in Ordnung!“, behauptete Harry mit leichtem Zittern in der Stimme. „Ehrlich, Professor-...“ „Das können Sie nicht wissen, Potter“, erwiderte Professor McGonagall recht freundlich, „jedenfalls nicht, bis Sie ihn geflogen haben, und ich fürchte, das kommt nicht in Frage, bis wir sicher sind, dass damit kein Hokuspokus getrieben wurde. Ich werde Sie auf dem laufenden halten.“ Professor McGonagall drehte sich auf dem Absatz um und trug den Feuerblitz aus dem Gemeinschaftsraum. Harry stand da und starrte ihr nach. Ich drehte mich wütend zu Mine um. Auch Ron wirkte nicht gerade begeistert. „Wieso rennst du eigentlich zu McGonagall?“ Mine warf ihr Buch beiseite. Sie war immer noch rosa im Gesicht, doch sie stand auf und sah Ron verteidigungslustig ins Gesicht. „Weil ich dachte - und Professor McGonagall übrigens auch -, dass es vielleicht Sirius Black war, der Harry den Besen geschickt hat!“

    21
    21. Kapitel

    Mine hatte es gut gemeint, dass wusste ich, aber dennoch waren ich und Harry nicht gerade begeistert von ihrer Aktion. Auch Ron war wütend auf Mine. Für ihn war die Auseinandernehmung eines brandneuen Feuerblitzes nichts anderes, als kriminelle Sachbeschädigung. Mine war jedoch fest davon überzeugt, nur zu Harrys Wohl gehandelt zu haben. Sie erschien immer seltener im Gemeinschaftsraum und ich hatte die leise Vermutung, dass sie Zuflucht in der Bibliothek gesucht hatte. Letzendlich war ich froh, als kurz nach Neujahr wieder der Schulalltag begann. Am Abend vor dem ersten Unterrichtstag nahm Wood Harry beiseite. Offensichtlich redeten die beiden über den beschlagnahmten Feuerblitz. Ich lächelte und zeichnete mit der weißen Feder in meinem Tagebuch. Ich war gerade dabei, Harry abzuzeichnen. Es kam mir ziemlich gelegen, dass niemand außer mir die Schrift lesen konnte; so konnte mich auch niemand fragen, weshalb ich gerade Harrys abstehende Haare zeichnete. Die geschwungenen Linien vereinigten sich zu Harrys Profil. Ich lächelte und mir war fast, als ob das Bild zurücklächeln würde.

    Als ich abends im Bett lag, starrte ich wieder auf die beiden Bilder aus dem Jahrbuch. Sirius Black, Remus Lupin, Peter Pettigrew und James Potter grinsten mir entgegen. Vielleicht sollte ich Professor Lupin fragen, ob er und Black wirklich befreundet gewesen waren...Allerdings glaubte ich nicht, dass Professor Lupin sonderlich erfreut darüber wäre, wenn er wüsste, was ich über ihn herausgefunden hatte. Ich seufzte und nahm mein Tagebuch zur Hand. Ich klebte die beiden Bilder hinein und klappte das Buch zu. Ich wusste aber immer noch nicht, was ich tun sollte.

    Am nächsten Morgen war wieder Schule. Das Letzte, worauf ich an diesem kalten Januarmorgen Lust hatte, waren zwei Stunden draußen auf den Ländereien. Um uns aufzumuntern, hatte Hagrid ein großes Feuer mit Salamandern vorbereitet, und mit viel Eifer sammelten wir trockenes Holz, damit das Feuer fest prasselte, während die Flammen liebenden Salamander über die weiß glühenden und zerfallenen Holzscheite huschten. Die erste Stunde Wahrsagen im neuen Jahr war wie immer wirklich langweilig; Professor Trelawney lerht uns die Handlesekunst und eröffnete Harry ohne Umschweife, er habe die kürzeste Lebenslinien, die sie je gesehen habe, was Mine die Augen verdrehen ließ.

    Eine Woche nach Ende der Ferien spielte Ravenclaw gegen Slytherin. Slytherin gewann, wenn auch knapp. Wood zufolge war das gut für uns, weil wir den zweiten Platz erobern würden, wenn wir auch Ravenclaw besiegen würden. Also setzte Wood gleich fünf Trainingsstunden die Woche an. Es war irgendwie ein Wunder, dass ich mit nur zwei freien Abenden meine gesamten Hausaufgaben erledigen konnte. Aber mir war die Anspannung nicht so deutlich anzusehen wie Mine, deren immenses Arbeitspensum ihr allmählich doch sichtlich zusetzte. Jeden Abend sah ich sie in einer Ecke des Gemeinschaftsraums, wo sie gleich mehrere Tische beanspruchte mit ihren Büchern, Arithmantiktabellen, Runenwörterbüchern, Querschnittzeichnungen von muggeln, die schwere Lasten trugen, und mit stapelweise Ordnern für ihre ausführlichen Notizen. Sie sprach kaum mit jemandem und jedes Mal fauchte sie unwirsch, wenn man sie unterbrach. „Wie schafft sie das bloß?“, murmelte Ron eines Abends, als wir gerade an einem kniffeligen Aufsatz über nicht nachweisbare Gifte für Snape saßen. Ich blickte auf. Mine war hinter einem wackligen Bücherstapel kaum zu sehen. „Was denn?“, fragte Harry. „Den ganzen Unterricht!“, erwiderte Ron. „Ich hab gehört, wie sie heute Morgen mit Professor Vektor gesprochen hat, dieser Arithmantikhexe. Sie haben über die gestrige Stunde gesprochen, aber Hermine kann nicht dort gewesen sein, sie war doch mit uns in Pflege magischer Geschöpfe! Und Ernie McMillan hat mir erzählt, dass sie noch kein einziges Mal in Muggelkunde gefehlt hat, aber der Unterricht überschneidet sich doch mit Wahrsagen und da war sie auch immer dabei!“ Ich schüttelte nur den Kopf; ich hatte Wichtigeres zu tun, als mir über Mines unmöglichen Stundenplan den Kopf zu zerbrechen. Zwei Sekunden später wurden wir jedoch von Wood unterbrochen. „Schlechte Nachrichten, Harry. Ich war eben bei Professor McGonagall wegen des Feuerblitzes. Sie - ähm - hat mich ziemlich angepflaumt. Ich wisse wohl nicht recht, was wirklich wichtig ist. Dachte wahrscheinlich, mir wäre es wichtiger, den Pokal zu gewinnen, als dass du am Leben bleibst. Nur weil ich ihr gesagt habe, es sei mir egal, wenn es dich vom Besen haut, solange du vorher den Schnatz fängst.“ Wood schüttelte ungläubig den Kopf. Ich an Professor McGonagalls Stelle, hätte allerdings genauso gehandelt. „Ehrlich, wie die mich angeschrien hat...als ob ich irgendwas Schreckliches gesagt hätte...Dann habe ich sie gefragt, wie lange sie ihn noch behalten will...“ Er schnitt eine Grimasse und ahmte Professor McGonagalls strenge Stimme nach. „>So lange wie nötig, Wood<...ich schätze, du solltest dir lieber einen neuen Besen bestellen. Auf der Rückseite von >Rennbesen im Test< ist ein Bestellschein...du könntest dir einen Nimbus 2001 besorgen, wie Malfoy einen hat.“ Harrys schlichte Antwort darauf war: „Ich kaufe nichts, was Malfoy für gut hält.“

    Dracos Sicht:
    Ich saß im Slytheringemeinschaftsraum und starrte auf die Uhr, die Via mir zu Weihnachten geschenkt hatte. Sie zeigte nicht nur die Uhrzeit, sondern auch den Mondkalender an. Sie war mit einer goldenen Sonne und einem silbernen Mond verziert. Außerdem leuchteten einige silberne Sterne darauf. Vor dem erneuten Beginn des Unterrichts hatte ich Via mit der Brosche gesehen, die ich ihr geschenkt hatte. Als ich an den Spitznamen gedacht hatte, den ich ihr gegeben hatte, hatte ich in Hogsmeade an die Brosche gedacht und sie sofort gekauft. Offensichtlich gefiel ihr das Geschenk. Plötzlich ließen sich Crabbe und Goyle neben mir auf das Sofa fallen. Beide unterhielten sich leise, bis ich sie harsch unterbrach. „Was redet ihr denn da?“ „Wir haben einen neuen Zauberspruch in einem alten Buch gefunden“, grummelte Crabbe. Goyle kicherte. „Wir können ihn morgen an jemandem ausprobieren.“ Beide lachten hämisch und ich verdrehte die Augen. Die beiden waren solche Idioten!

    Olivias Sicht:
    Am nächsten Nachmittag hatten wir mal wieder Zaubertränke. Während Harry und Ron an dem Trank verzweifelten, hatte ich mal wieder kein Problem damit. Mein Trank hatte ich eine sanfte, türkisfarbene Farbe angenommen, genau wie vorgegeben. Von Rons Trank ging mit einem Mal ein beißender Gestank aus; er erinnerte an verfaulte Eier. Ich sah in Rons Kessel; darin war eine harte, schwarze Masse, die fast am Boden festhing. „Bitte hilf mir, Liv!“, flehte Ron, denn Snape drehte gerade wieder seine Runde, um die Tränke der Gryffindors niederzumachen. „Ron, du hast zu viel Wermut benutzt! Hmmm...mal sehen...misch ein wenig Zucker, gemischt mit Nieswurz, bei.“ Ron tat, wie ihm geheißen und die ekelhafte Masse wurde zu einem gelblichen, festen Gemisch. „Gut, jetzt misch noch 500 ml Wasser bei!“, befahl ich Ron leise. Er nickte und es war auch höchste Zeit, denn Snape kam auf uns zu. Vor mir kam er abrupt zum Stehen, blickte in den Kessel und meinte: „Mal wieder die einzige Vorzeigearbeit der Gryffindors...gut gemacht, Ms. Rosier. 5 Punkte für Gryffindor!“ Ich atmete auf, doch danach wandte er sich Ron zu. „Was ist denn das, Weasley? Der Trank soll türkisfarben sein, und nicht goldgelb! 5 Punkte Abzug für Gryffindor!“ Und schon waren meine fünf Punkte wieder abgezogen.

    Bis zur Ende der Stunde wurden Gryffindor noch weitere zehn Punkte abgezogen. Verantwortlich dafür waren Harry und Neville, denn ihre Tränke waren nicht gerade geglückt. Neville konnte schon froh sein, dass sein Gebräu nicht explodiert war! Am Ende befahl Snape uns, eine Probe abzufüllen und nach vorne zu bringen. Als es klingelte, stürmten alle Schüler nach draußen; ich wollte ihnen gerade folgen, als Snape mich zurückhielt. „Ms. Rosier, wären Sie bitte so freundlich, und würden mir kurz beim Auswerten der Tränke helfen?“ Ich nickte; was hatte ich auch für eine Wahl? Mit prüfendem Auge besah ich die Tränke und notierte die Note auf einem Blatt Pergament. Plötzlich räusperte sich Snape. „Ich muss ehrlich sagen, Ms. Rosier, ich staune immer wieder über Ihr Zaubertranktalent. Dieser Trank ist absolut perfekt!“ Ich errötete leicht. „Es ist höchstwahrscheinlich angeborenes Talent, Sir.“ „Sind Ihre Eltern begabte Zaubertrankbrauer?“, fragte er interessiert. Ich zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht, Professor. Von meinen Adoptiveltern kann ich das nicht sicher sagen und meine leiblichen Eltern kenne ich nicht, deshalb kann ich Ihnen da leider keine Auskunft geben.“ „Sie sind adoptiert?“ Ich nickte. „So ist das also...“, murmelte Snape vor sich hin. Verwirrt starrte ich ihn an. „Haben Sie etwas gesagt, Sir?“ Hastig schüttelte er den Kopf. „Nein, nein...Sie können gehen, danke für die Hilfe.“ Ich nickte, nahm meine Tasche und trat schnell aus dem Kerker. Ich konnte Snape nicht richtig einordnen. Was er wohl vorher damit gemeint hatte? Ich schüttelte den Kopf. Ich sollte mich nicht mit soetwas befassen. Ich zog mein Tagebuch aus der Tasche und begann zu zeichnen. Ich hatte keine Lust, in den Gemeinschaftsraum zurückzukehren und bis zum Abendessen war noch eine Menge Zeit. Ich ging also langsam den Gang entlang, die Feder in der Hand haltend, den Blick auf die Pergamentseiten gerichtet. Mein Zauberstab steckte in meiner Tasche.

    Ich bog gerade um eine Ecke und blieb stehen. Ich verstand nicht, weshalb meine Freunde den Kerker so unheimlich fanden. Hier war es zwar dunkel und kalt, aber mir machte das nicht das Geringste aus. Ich musste noch um vier Ecken biegen, um aus den Kerkern zu kommen. Doch plötzlich schreckte ich auf. Hatte sich da in der dunkle Ecke nicht gerade etwas bewegt? Ich schüttelte den Kopf. Das hatte ich mir sicher nur eingebildet! Doch kaum, dass ich einen Schritt weiter gegangen war, war mir, als ob ich beobachtet werden würde. Doch weiter konnte ich den Gedanken nicht spinnen, denn ich hörte eine Stimme, die rief: „Incarcerus!“ Sofort schlangen sich Seile wie Schlangen um meinen Körper und verschnürten mich fest. Ich war unfähig, mich zu wehren. Ich war von Kopf bis Fuß umwickelt, außerdem waren die Seile auch um meine Lippen geschlungen, was bedeutete, dass ich mich mit meiner magischen Stimme nicht befreien konnte. Dafür waren meine Kräfte nicht stark genug. Und mein Zauberstab half mir auch nicht weiter, denn der war ja in meiner Tasche verstaut, an die ich unmöglich herankam. Plötzlich wurde ich von zwei riesigen Händen gepackt und weiter in das Gewirr von Gängen hineingezogen. Ich versuchte, einen Blick auf meinen Angreifer zu erhaschen, doch es gelang mir nicht. Mein Gefühl von wilder Wut wurde von kalter Angst abgelöst. Was wollte er von mir? Ich war vollkommen hilflos und ich hasste dieses Gefühl. Ich wollte gar nicht wissen, was der Angreifer jetzt alles mit mir anstellen könnte...niemand würde mich in diesem Labyrinth hören...Mein Herzschlag verdoppelte sich schlagartig und mich überkam helle Panik. Was sollte ich nur tun? Doch im nächsten Moment wurde ich in eine dunkle, abgelegene Ecke gedrängt und fiel unsanft zu Boden. Mit beiden Knien schlug ich hart auf dem kalten Steinboden auf und fester Schmerz fuhr mir durch das linke Bein. Im Dunkeln versuchte ich, meinen Angreifer ausfindig zu machen. Die Fesseln schnitten unterdessen schon fest in mein Fleisch und ich musste stoßweise atmen, damit der Schmerz nicht die Oberhand gewann. Plötzlich hörte ich Gelächter aus der gegenüberliegenden Ecke und zwei dunkle Gestalten traten ins Licht. Ich kniff die Augen zusammen. Meine Angreifer waren Crabbe und Goyle.

    Vor Schreck wollte ich aufschreien, aber ich hatte vergessen, dass ich geknebelt war. „Sieh sie dir an!“, kicherte Crabbe. Er kam auf mich zu und drückte mein Kinn nach oben. Wütend sah ich ihn an. Ich wollte schreien, doch natürlich brachte das nicht. Crabbe holte mit der Hand aus und gab mir eine Ohrfeige. Meine Wange brannte und ich ging zu Boden. „Wollen wir diesen Zauberspruch an ihr ausprobieren?“, grunzte Goyle. Crabbe nickte dümmlich als Zustimmung. Erschrocken starrte ich die beiden Slytherins an; was hatten sie vor? Goyle zückte seinen Zauberstab, trat näher an mich heran, richtete ihn auf mich und flüsterte hämisch grinsend: „Crucio!“ Ein grünes Licht kam aus seinem Zauberstab und traf mich mitten in der Brust. Mich traf ein Schmerz, der sich anfühlte, als bestände er aus tausenden Messern, die auf meinen gesamten Körper einstachen. Ich wollte schreien, weinen, als ich im Schmerz ertrank, doch ich konnte nicht. Mein gesamter Körper schmerzte, als würden mich hunderte spitze Pfeile durchbohren. Meine Augen tränten und ich hatte mich selbst nicht mehr unter Kontrolle. Ich konnte keinen einzigen klaren Gedanken fassen, dafür war der Schmerz viel zu groß.

    Ich wusste nicht, wie lange Crabbe und Goyle mich nun schon quälten. Mir wurde schwindelig und schlecht und ich lag mittlerweile nur noch in der Ecke und wünschte, sie würden irgendwann von mir ablassen. Ich zitterte und wünschte mir nur, schreien zu können. Die Seile schnitten in meine Haut und ich hatte es aufgegeben, mich von meinen Fesseln befreien zu können. Tränen liefen meine Wangen hinunter; der Schmerz war unerträglich. Ich konnte die Schmerzen mit keinem einzigen Wort beschreiben. Wie sehr ich mir doch wünschte, jetzt an einem anderen Ort zu sein!

    Dracos Sicht:
    Ich suchte Crabbe und Goyle. Wo trieben die beiden sich schon wieder herum? Ich bog gerade um eine Ecke, als ich eine einsame Tasche auf dem Boden liegen sah. Verwundert ging ich darauf zu. Neben der Tasche lag ein kleines, blaues Buch. Ich erstarrte. Dieses Buch gehörte Via! Wieso lag ihre Tasche hier und wo war ihre Besitzerin? Plötzlich gefror mir das Blut in den Adern. Crabbe und Goyle hatten doch erzählt, dass sie einen seltenen Zauber an einer Person ausprobieren wollten! Via war vorher noch kurz bei Professor Snape gewesen...Nein, das konnte nicht wahr sein! Ich rannte los, in das Labyrinth von Gängen hinein. Ich musste Via finden!

    Als ich in einen weiteren Gang einbog, hörte ich plötzlich Goyles Stimme: „Crucio!“ Mein Herz schlug schneller und ich folgte der Stimme. Als ich um eine Ecke bog, stockte mir der Atem. In einer Nische standen Crabbe und Goyle, die Zauberstäbe auf Olivia gerichtet, die gefesselt und geknebelt halb ohnmächtig auf dem Boden in einer Ecke lag. „Crabbe! Goyle! Was macht ihr da?“, zischte ich die beiden an, die erschrocken aufsahen. Ich zog meinen Zauberstab hervor und löste Vias Fesseln. Sie blieb verletzt auf dem Boden liegen. „Verschwindet!“, fuhr ich die beiden an. „Verschwindet! Bevor euch noch jemand erwischt!“ Beide gehorchten und verschwanden. „Via!“, rief ich entsetzt und rannte zu ihr hinüber. Sie zitterte, ihre Augen waren knallrot und verweint und ihre Augenlider zitterten. „Draco!“ hauchte sie, gerade noch so laut, dass ich sie verstehen konnte. Sie so zu sehen schmerzte mich sehr. Ich wollte Crabbe und Goyle dafür das Unmenschlichste antun, was mir einfiel, aber das konnte ich Via nicht antun. „Du musst in den Krankenflügel!“, sagte ich nachdrücklich und versuchte, ihr aufzuhelfen, doch Via war zu schwach. Sie schaffte es kaum, sich auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Verzweifelt starrte ich sie an. Sie musste sofort in den Krankenflügel! Via konnte sich nicht rühren, also nahm ich sie in die Arme und hob sie hoch. Langsam trug ich sie durch die Gänge; ich hatte Glück, dass niemand unseren Weg kreuzte. „Wieso tust du das?“, flüsterte sie leise. „Du hast mir geholfen, wegen der Sache mit dem Hippogreif. Jetzt helfe ich dir.“ Ich war mir nicht sicher, ob Via die Antwort gehört hatte, denn sie schloss die Augen und wirkte, als wäre sie schon fast tot.

    Kaum, dass ich die Türen zum Krankenflügel geöffnet hatte, kam mir auch schon Madam Pomfrey entgegengestürmt. Sie stieß einen erstickten Schrei aus und rief: „Was ist mit ihr passiert?“ „Zwei Schüler haben ihr den Cruciatus-Fluch auf den Hals gehetzt.“ „Nein“, flüsterte Madam Pomfrey entsetzt. Sie schüttelte den Kopf, dann sagte sie: „Legen Sie Miss Rosier in das Bett da drüben.“ Ich gehorchte. „Bitte gehen Sie jetzt, Mr. Malfoy. Ich muss Professor Dumbledore informieren.“ Ich schluckte, dann meinte ich: „Madam Pomfrey, bitte sagen Sie Professor Dumbledore nicht, dass ich Olivia gerettet habe.“ Verwundert sah sie mich an. „Weshalb denn nicht?“ „Bitte, tun Sie mir einfach den Gefallen!“ Sie nickte, dann fragte sie: „Wissen Sie, wer für den Cruciatus-Fluch verantwortlich war?“ Ich schluckte erneut. „Es- es waren zwei Schüler aus Slytherin...zumindest vermute ich das. Ich habe sie in den Kerkern gefunden.“ Sie nickte erneut, dann verließ ich hastig den Krankenflügel.

    Harrys Sicht:
    Als ich zusammen mit Hermine und Ron zum Abendessen in die Große Halle ging, hielt ich nach Liv Ausschau. „Habt ihr Liv gesehen?“, fragte ich die beiden. Hermine schüttelte den Kopf. „Ich habe sie das letzte Mal in Zaubertränke gesehen.“ Ron nickte bestätigend. Gemeinsam setzten wir uns an den Gryffindortisch. Auch dort suchte ich auf beiden Seiten nach Liv, konnte sie jedoch nicht entdecken. Plötzlich stupste Hermine mich an. „Sieh mal!“ Sie deutete zum Lehrertisch. Dort setzte sich Dumbledore gerade auf seinen Platz und bat höflich um Ruhe. Er räusperte sich. „Bitte, hört mir alle kurz zu! Ich habe euch etwas Wichtiges mitzuteilen!“ Augenblicklich kehrte Ruhe ein. „Ich habe leider eine schlechte Neuigkeit für euch.“ Beunruhigendes Gemumrel erhob sich. „Ruhe!“, rief Dumbledore. „Nun, ich muss sagen, dass ich sehr enttäuscht mit einigen von euch bin! Heute Nachmittag nach dem Unterricht wurde im Kerker eine Drittklässlerin aus Gryffindor von zwei anderen Schülern mit dem Cruciatus-Fluch gefoltert!“ Entsetzte Rufe wurden am Gryffindortisch laut. „Die besagte Schülerin liegt im Krankenflügel; sie wurde von einem anderen Schüler gerettet, der lieber anonym bleiben will. Wer auch immer für die Qualen der Schülerin verantwortlich ist, soll wissen, dass ich sehr enttäuscht von ihm bin. Wir können froh sein, wenn die Schülerin nicht verrückt wird, oder vielleicht sogar ins Koma fällt.“ Unruhiges Getuschel wurde laut und alle Gryffindors sahen am Tisch entlang, um zu entdecken, wer fehlte. Beunruhigt begannen alle Schüler zu essen, doch ich hatte keinen rechten Hunger. Die schlimme Nachricht lag mir wie ein Stein im Magen. „Iss was, Harry!“, meinte Ron und schob sich einen Hähnchenschenkel in den Mund. Ich schüttelte den Kopf. Hermine sah nervös zu beiden Seiten und sagte: „Ich habe irgendwie ein ganz ungutes Gefühl...“

    Nach dem Abendessen gingen wir eilig aus der Großen Halle. Alle Schüler tuschelten miteinander und versuchten herauszubekommen, wer wohl die Schülerin war, die mit dem Cruciatus-Fluch belegt worden war. Plötzlich hörte ich rasche Schritte auf uns zukommen und ich drehte mich um. Professor McGonagall kam auf uns zu. In ihrem Blick konnte ich große Traurigkeit und Nervosität entdecken. „Mr. Potter, Mr. Weasley, Ms. Granger! Würden Sie mir bitte folgen? Ich glaube, das sollten Sie sehen!“ Beunruhigt folgten wir ihr. Was wollte sie uns zeigen? Wir steuerten den Krankenflügel an; Ron schluckte. Meine Adern gefroren. Nein, das konnte nicht sein! Professor McGonagall öffnete die Türen und seufzte: „Das wird Ihnen nicht gefallen...“ Mein Blick fiel in den Raum und ich erstarrte. In einem Bett, nahe dem Fenster, lag eine Gestalt mit langen, braunen Haaren und geschlossenen Augen. „Liv!“, kreischte Hermine entsetzt. Wir gingen hinüber zu dem Bett. Ihre Haut war schneeweiß und ihre Lippen standen hellrot hervor. Es sah aus, als wäre sie tot. „Sie ist nicht...tot, oder?“, fragte ich leise. Hermine legte ihr Ohr an Livs Brust und schüttelte den Kopf. „Ich höre ihr Herz schlagen.“ Ich starrte meine beste Freundin immer noch entsetzt an. „Was glaubt ihr, wer ist daran schuld?“, fragte Ron. „Dumbledore hat doch gesagt, dass es im Kerker passiert ist...“, überlegte Hermine. „Du meinst, es waren zwei Schüler aus Slytherin?“, fragte ich sie. Hermine zuckte mit den Schultern. „Glaubt ihr, Malfoy hat damit was zu tun?“, meinte Ron. „Garantiert!“, bestätigte ich. Ich würde es ihm zumindest zutrauen! „Ich hoffe, dass die Täter von der Schule fliegen“, murmelte Hermine. „Liv wird die beiden Täter doch sicherlich anschwärzen, oder?“, fragte Ron. „Natürlich“, antwortete ich, „immerhin haben die beiden sie gefoltert!“ Hermine nickte ängstlich. „Aber Dumbledore meinte doch, dass sie vielleicht in ein Koma verfallen könnte, oder vielleicht den Verstand verliert!“ Sie war kurz vor einem Heulkrampf. Ron nahm sie in den Arm. Offenbar setzte Hermine diese Sache ziemlich zu. „Mich würde nur interessieren, wer sie gerettet hat“, meinte ich. „Er muss wirklich bescheiden sein, wenn er lieber anonym bleibt. Immerhin könnte Dumbledore seinem Haus einige Punkte zukommen lassen, oder sowas.“ Ron und Hermine nickten.

    Ab sofort besuchten wir Liv jeden Abend; ihr Zustand veränderte sich jedoch kein bisschen. Sie lag immer noch blass und vollkommen farblos im Bett und hatte sich noch keinen Millimeter bewegt. Madam Pomfrey gab ihr Bestes, um Liv aus ihrer Schockstarre herauszuholen, doch es wollte nicht so recht funktionieren. An einem Freitag (es waren zwei Wochen seit dem Angriff auf Liv vergangen) saßen wir mal wieder bei ihrem Bett. Livs Hand lag schlaff auf der Bettdecke; vorsichtig griff ich nach ihr und hielt sie fest. Ihre Finger waren eiskalt. Hermine ging es mittlerweile überhaupt nicht gut. Die Lernerei setzte ihr sichtlich zu und nun, da ihre beste Freundin halb tot im Krankenflügel lag, fühlte sie sich hundeelend. Plötzlich hörten wir, wie eine Tür aufgemacht wurde und Madam Pomfrey trat ins Zimmer. „Es fällt mir schwer, euch das zu sagen, aber...falls wir eure Freundin bis zum Ende der Woche nicht aufwecken können und sich ihr Zustand nicht verbessert, müssen wir sie ins St. Mungo einliefern lassen.“ „Was? Nein!“, kreischte Hermine entsetzt. „Das können Sie nicht machen!“, widersprach ich ihr. „Tut mir Leid“, meinte Madam Pomfrey seufzend, „aber das liegt nicht mehr in meiner Hand.“ „Aber...wie können wir das verhindern?“, fragte Ron. Madam Pomfrey seufzte. „Sie müsste aufwachen.“

    Dracos Sicht:
    Während dem Abendessen in der Großen Halle stahl ich mich heimlich in den Krankenflügel. Heute war Samstag, was bedeutete, dass alle beim Abendessen waren. Vorsichtig öffnete ich die Türen zum Krankenflügel und spähte hinein. Madam Pomfrey war nirgendwo zu sehen; Via lag, wie schon seit zwei Wochen, in einem Bett am Fenster. Ich schlich hinein und setzte mich neben ihr Bett. So blass hatte ich Via noch nie gesehen. Seit Tagen hoffte ich nun schon, dass sich ihre Augenlider endlich wieder öffneten und mich ihre hübschen grünen Augen anblitzten. Ihre dunkelbraunen Locken lagen wie Sonnenstrahlen um ihr weißes Gesicht herum und ihre Lippen standen leuchtend rot im Kontrast zu ihrer blassen Haut hervor. Neuerdings hatte ich jede Nacht Alpträume. Immer wieder sah ich die gefolterte Via, wie sie mich aus leeren Augen anstarrte und schließlich tot auf dem Boden lag. Wie sie voller Blut zu Boden ging, tot in meinen Armen lag und mich mit gebrochenem Herzen zurückließ. Und jedes Mal schreckte ich aus dem Traum auf, und flüsterte mir selbst beruhigend zu, dass alles nur ein Alptraum gewesen war. Nach Dumbledores Rede hatte ich Crabbe und Goyle eingeschüchtert und ihnen geraten, so etwas nie wieder zu tun. Wenn Via die beiden verriet, würden sie von der Schule fliegen. Ich legte meine Hand an ihre Wange; sie war eiskalt. Doch plötzlich sah ich, wie sich ihre Hand einen Millimeter bewegte. „Via?“, flüsterte ich.

    Olivias Sicht:
    „Via?“, hörte ich eine Stimme flüstern. Ich wollte antworten, doch meine Stimme gehorchte nicht. Alles in mir war eiskalt. Ich zwang mich, meine Augen ein wenig zu öffnen; meine Augenlider flackerten. Vor meinem Gesicht erschien ein Bild. Graue Augen; platinblondes Haar. „Draco“, hauchte ich und hoffte, dass er mich gehört hatte. „Via!“, antwortete er freudig. „Wie geht es dir?“ Ich versuchte, mich aufzusetzen, doch es wollte mir nicht gelingen; alles tat mir weh. Ich stöhnte leise auf. Draco sah mich erschrocken an und sagte: „Bleib liegen...bleib liegen.“ Meine Augenlider flackerten erneut. „Du darfst niemandem erzählen, dass ich dich gerettet habe, verstanden?“ Ich zwang mich, zu nicken. Ich wollte etwas sagen, wollte Draco danken, doch es kam nur ein leises Krächzen hervor. Draco legte seinen Zeigefinger auf meine Lippen und bedeutete mir, zu schweigen. Ich gehorchte und verstummte. „Schlaf, schlaf ruhig“, flüsterte er und wie verzaubert fielen mir auch sofort meine Augenlider zu und Dunkelheit senkte sich über mich.

    Harrys Sicht:
    Am Sonntagmorgen saßen wir wieder an Livs Bett. Ich hielt ihre Hand; Hermine konnte ihre beste Freundin nicht mal mehr ansehen, ohne sofort in Tränen auszubrechen. Ron hielt sie im Arm; beide wollten nicht glauben, dass Liv vielleicht ins St. Mungo eingeliefert werden musste. Liv schlief immer noch tief und fest und ich seufzte. Ob sie wohl je wieder aufwachen würde? Doch plötzlich spürte ich einen leichten Druck gegen meine Hand. Ich starrte hinunter. „Leute!“, flüsterte ich; Hermine und Ron blickten auf. „Liv...sie-, sie hat gerade meine Hand gedrückt!“ Beide stürzten sofort zu mir hinüber. Erneut drückte Liv schwach gegen meine Hand. „Liv? Liv!“, redete ich auf sie ein. Ihre Augenlider zitterten; dann öffnete sie ihre Augen und mir sahen grüne Augen entgegen.

    Olivias Sicht:
    Harry, Ron und Mine sahen mir entgegen. „Liv!“, schrie Mine freudig auf und umarmte mich. Ich räusperte mich. „Liv, wie geht’s dir?“, fragte Harry besorgt. „Ganz gut. Mir tut nur alles weh“, erwiderte ich. „Kannst du dich noch erinnern, wer dich gefoltert hat?“, kam es aus Ron hervorgeschossen. Ich versuchte, mich an den Moment zu erinnern, doch seltsamerweise herrschte in der Erinnerung ein großes Loch. Ich konnte mich an keine Gesichter erinnern, so sehr ich es auch versuchte. Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ich kann mich nicht erinnern!“, antwortete ich verzweifelt. „Und...was ist demjenigen, der dich gerettet hat?“, fragte Mine. Ich erinnerte mich daran, was Draco zu mir gesagt hatte. Ich sollte niemandem erzählen, dass er mich gerettet hatte. Ich schüttelte den Kopf. „Da ist auch nichts.“

    22
    22. Kapitel

    Am darauffolgenden Mittwoch wurde ich aus dem Krankenflügel entlassen und sofort von allen Gryffindors willkommen geheißen. Alle hatten sich riesige Sorgen um mich gemacht und nun versuchte jeder herauszufinden, wer diejenigen waren, die mich gefoltert hatten. Harrys Favorit dafür war natürlich Draco, obwohl er dafür keinen einzigen Beweis hatte. Auch Mine war sichtlich erleichtert, dass es mir besser ging. Als ich eines Abends mal wieder mit Harry und Ron im Gemeinschaftsraum saß, kam ein kleiner Erstklässler auf uns zugelaufen. „Olivia Rosier? Ein Brief von Professor Dumbledore.“ Verwundert nahm ich den Umschlag in die Hand und öffnete den Brief.

    Liebe Olivia,
    bitte finde dich morgen Abend um 8:00 Uhr im meinem Büro ein.

    Ps: Ich mag Zitronensorbet.

    Seltsam, das war aber eine kurze Mitteilung. Das Passwort für den Wasserspeier, der den Weg zu Professor Dumbledores Büro versperrt, war also „Zitronensorbet“. Über was er wohl mit mir reden wollte? Ich hatte nicht die leiseste Ahnung. Na ja, vielleicht wollte er mit mir über meine Folterung reden, auch wenn ich nicht wusste, was er mir dazu sagen sollte.

    Am nächsten Abend nach dem Abendessen machte ich mich auf den Weg zu Professor Dumbledores Büro. Vor dem großen Wasserspeier hielt ich an, als er laut fragend rief: „Passwort?“ Ich grinste. „Zitronensorbet!“ Der Wasserspeier schwang zur Seite und die goldene Adlerstatue erschien. Ich stellte mich auf eine Treppenstufe und fuhr nach oben. Vor der großen Holztür hielt ich an und klopfte. „Herein“, hörte ich Dumbledores Stimme und ich trat hinein. Professor Dumbledore saß hinter seinem Schreibtisch mit den seltsamen, silbernen Aparaturen, und schien mich schon zu erwarten. „Wie schön dich zu sehen, Olivia“, meinte Dumbledore ruhig und bat mich, mich zu setzen. „Sie wollten mich sprechen, Professor?“, fragte ich. Er nickte. „Wie ich sehe, hast du trainiert, nicht wahr?“ Ich lächelte. „Ja. Ich schaffe es mittlerweile, Gegenstände aus meinen Kräften entstehen zu lassen.“ „Wie schön. Nun, ich habe dich aus einem ganz bestimmten Grund zu mir gebeten...“ Gespannt sah ich ihn an. „Erinnerst du dich noch an dein erstes Schuljahr, als du im Krankenflügel lagst?“ ich nickte verwirrt. Auf was wollte er hinaus? „Du hast mir die Frage gestellt, ob deine Kräfte vererbbar sind. Deine Frage hat mich nicht mehr losgelassen, also habe ich ein wenig nachgeforscht...und etwas herausgefunden, was dich vielleicht interessieren könnte.“ „Wirklich?“, fragte ich gespannt. Er schenkte mir ein aufrichtiges Lächeln. Dann griff er nach einem Blatt Pergament auf seinem Schreibtisch und hob es hoch. Er gab es mir in die Hand und sagte: „Sieh dir bitte dieses Bild an.“ Verwundert starrte ich die farbige Zeichnung an. Darauf war eine hübsche, junge Frau abgebildet. Sie besaß zwei riesige, goldene Flügel; ihr langes braunes Haar flatterte im Wind und sie trug ein luftiges weißes Kleid. Sie trug goldenen Schmuck und schwere Sandalen; die junge Frau war umwerfend hübsch. „Und?“, fragte Dumbledore. „Eine junge hübsche Frau mit goldenen Flügeln; sie sieht aus, wie ein Engel.“ „Nicht wahr?“, schmunzelte er. „Ihr Name ist Molpe. Sie ist eine Sirene.“ „Eine Sirene?“ „Genau. Kennst du diese Wesen nicht?“ Ich schüttelte den Kopf. „Sirenen sind magische Wesen; sie sind normalerweise außergewöhnlich hübsch und haben eine magische Stimme, mit der sie Seefahrer auf ihre Insel locken können, um sie zu töten.“ „Sie-, sie besitzen magische Stimmen?“, stammelte ich. Dumbledore nickte. „Und Sie glauben, ich könnte von den Sirenen abstammen? Aber ich bin doch nicht böse und meine Stimme lockt auch keine Seefahrer an, oder soetwas.“ Mein Gegenüber schmunzelte und seine blauen Augen funkelten. „Nun, ich nehme an, dass du von dieser Sirene abstammst.“ Er deutete auf die Sirene auf dem Pergament. „Genauer gesagt, von Molpe.“ „Und was bringt Sie zu dieser Annahme?“, fragte ich. „Nun, zu Molpe gibt es eine kleine Geschichte, die mich dazu führt, dass du von ihr abstammst.“ „Wie genau geht diese Geschichte?“, fragte ich neugierig. Dumbledore lächelte. „Nun, die Sage geht in etwas so: Auf einer magischen Insel im alten antiken Griechenland lebten einst acht Sirenen; sieben von ihnen waren böse, eine war gut. Diese gute Sirene hieß Molpe, ihr Name bedeutet übersetzt „das Lied“. Alle Sirenen versuchten, Seefahrer auf ihre Insel zu locken, um sie töten zu können. Dies taten sie mit ihren magischen Stimmen, die so wunderschön waren, dass man ihnen nicht widerstehen konnte. Eines Tages fuhren einige Muggel an der Insel der Sirenen vorbei; einer unter ihnen war ein Zauberer. Als er Molpe unter den Sirenen entdeckte, verliebte er sich augenblicklich in sie. Er wusste, dass sie ihn töten würde, wenn er der Insel zu nahe käme und verzauberte die Muggel, sodass sie es gerade noch von der Insel davon schafften. Aber auch Molpe hatte sich in den jungen Zauberer verliebt. Ihre Schwestern verstanden sie nicht; so etwas wie Liebe kannten sie nicht. Molpe wusste, dass sie als Sirene nie mit dem Zauberer zusammensein konnte. Deshalb fragte sie Sonne und Mond, ob sie ihr helfen konnten.“ „Warten Sie, Professor“, unterbrach ich ihn. „Sie meinen, Molpe hätte ihr Leben als Sirene aufgegeben, nur um bei dem Zauberer zu sein?“ „Aber ja“, antwortete Dumbledore. „Die Liebe kann manchmal undurchscheinbar sein... Nun, die Sonne und der Mond wollten Molpe helfen. Sie war die Lieblingssirene der beiden. Allerdings konnten sie Molpe nur helfen, wenn sie ihnen etwas als Tausch anbot. Molpe hätte alles für ihre große Liebe getan. Sie gab der Sonne und dem Mond ihre goldenen Flügel, die ihr das Liebste waren; außerdem gab sie ihnen ihre unvergleichliche Schönheit und die Fähigkeit, andere Menschen durch ihren Gesang zu beeinflussen. Für dieses Opfer gaben ihr Sonne und Mond die Fähigkeit, andere Menschen durch ihren Gesang zu heilen. Sie brachten Molpe also an Land, wo sie den Zauberer traf und zusammen mit ihm glücklich wurde. Sie bekamen zwei Söhne und eine Tochter. Und die Tochter war etwas Besonderes, denn sie konnte, genau wie ihre Mutter, die Wunden anderer heilen und außerdem war sie eine unglaubliche Schönheit. Und nun rate, wie dieses Mädchen hieß!“ Ich überlegte und erstarrte dann. „O-...Olivia?“ Professor Dumbledore nickte. „Molpe benannte ihr Tochter nach der Sehnsucht nach der Sonne des Südens und dem Meer.“ „Ich trage denselben Namen wie sie...“, murmelte ich. „Siehst du, ich bin mir sicher, dass sie deine Vorfahrin ist.“, meinte Dumbledore. Er schob mir das Blatt Pergament mit dem Bild von Molpe zu. „Ich werde versuchen, noch mehr herauszufinden, aber ich fürchte, dass es schwer werden wird.“ Ich sah auf das Blatt Pergament. „Du kannst es behalten“, sagte Dumbledore lächelnd, während ich das Bild in die Hand nahm. „Danke, Professor!“ „Du kannst gehen, Olivia.“ Ich stand auf und trat zu Tür. „Gute Nacht, Sir“, sagte ich und ging hinaus, das Bild der Sirene immer noch in der Hand haltend.

    23
    23. Kapitel

    Die Wochen glitten mittlerweile unbemerkt dahin. Das Quidditch-Spiel gegen Ravenclaw rückte immer näher, doch Harry hatte immer noch keinen neuen Besen bestellt. Nach jeder Verwandlungsstunde fragte er Professor McGonagall nach dem Feuerblitz, und Ron stand ihm hoffnungsvoll zur Seite, während Mine mit abgewandtem Gesicht vorbeirauschte. „Nein, Potter, Sie können ihn nicht zurückhaben“, erklärte ihm Professor McGonagall nun mittlerweile zum zwölften Mal, noch bevor er überhaupt den Mund aufgemacht hatte. „Wir haben ihn auf die meisten üblichen Flüche geprüft, doch Professor Flitwick glaubt, in dem Besen könnte ein Schleuderfluch stecken. Ich werde es Ihnen schon sagen, wenn wir fertig sind. Und nun hören Sie bitte auf, mich ständig mit ein und derselben Frage zu löchern.“

    Mittlerweile dachte ich jeden Abend an die Geschichte von Molpe, die Professor Dumbledore mir erzählt hatte. Ich hatte das Blatt Pergament in mein Tagebuch eingefügt und starrte es immer wieder an. Ich konnte es einfach nicht glauben! Meine Vorfahrin war eine Sirene...

    Ich war gerade in Gedanken, als ich eines Nachmittags mit Harry zusammenstieß. Meine Bücher fielen mir aus der Hand und krachten auf den Boden. Rasch bückten Harry und ich uns und hoben die Bücher auf. Als ich nach dem letzten Buch griff, spürte ich plötzlich Harrys Hand auf der meinen und schreckte zurück. Ich war mir sicher, dass ich gerade rot anlief und stand hastig auf. Dabei fiel mir auf, dass Harry seinen nagelneuen Feuerblitz in den Händen hielt. „Harry! Dein Feuerblitz...hat Professor McGonagall ihn dir zurückgegeben?“ Harry nickte. „Endlich!“ Zusammen gingen wir zurück zum Gryffindor-Turm; Harry trug ehrfürchtig seinen neuen Besen. Als wir um die Ecke bogen, sahen wir den von Ohr zu Ohr grinsenden Ron auf uns zurennen. „Sie haben ihn dir gegeben, Harry? Klasse! Hör mal, kann ich ihn mal ausprobieren? Morgen?“, sprudelte es aus ihm heraus. „Jaaah...natürlich...“, erwiderte Harry langsam. „Kommt, wir zeigen ihn den anderen!“, fuhr Ron fort. Wir bogen in den Korridor zum Gryffindor-Turm ein und sahen an dessen Ende Neville mit Sir Cadogan verhandeln, der ihn offenbar nicht einlassen wollte. „Ich hab sie mir doch aufgeschrieben!“, meinte Neville flehentlich, als wir näher kamen. Er war den Tränen nahe. „Aber ich muss den Zettel irgendwie verlegt haben!“ „Eine tolle Ausrede!“, brüllte Sir Cadogan. Dann erkannte er uns: „Einen guten Abend, die edlen Freischützen und werte junge Dame!“ Er verbeugte sich vor mir und fuhr dann an Harry und Ron gewandt fort: „Kommt und legt diesen Taugenichts in Ketten, er ist gewillt, sich Eingang zu meinen Gemächern zu erzwingen!“ „Ach, halt den Mund“, schnauzte Ron ihn an. Wir standen jetzt neben Neville. „Ich hab die Passwörter vergessen!“, erklärte Neville verzweifelt. „Ich hab ihn dazu überredet, mir die Passwörter für diese Woche zu verraten, weil er sie ja ständig ändert, und jetzt weiß ich nicht mehr, wo ich den Zettel hingelegt habe!“ „Metzengerstein“, sagte ich und Sir Cadogan klappte, offensichtlich furchtbar enttäuscht, widerwillig zur Seite und ließ uns hinein. Erregtes Gemurmel erhob sich, alle Köpfe wandten sich uns zu und schon war Harry umgeben von einer Traube Schüler, die alle begeistert auf den Feuerblitz deuteten. „Wo hast du den her, Harry?“ „Kann ich ihn mal fliegen?“ „Hast du ihn schon ausprobiert, Harry?“ „Ravenclaw hat jetzt keine Chance mehr, die haben doch alle noch diesen Sauberwisch Sieben!“ „Kann ich ihn mal halten, Harry?“ Ich ließ mich in einen Sessel am Kamin fallen uns starrte ins Feuer.

    Gut zehn Minuten lang wurde der Feuerblitz von Hand zu Hand gereicht und zog bewundernde Blicke von allen Seiten auf sich, dann zerstreute sich die Menge, und wir hatten freie Sicht auf Mine, die Einzige, die nicht herbeigeeilt war. Da saß sie mal wieder, über ihre Arbeit gebeugt, und keinen eines Blickes würdigend. Harry, Ron und ich gingen auf ihren Tisch zu und endlich sah sie auf. „Ich hab ihn wieder“, meinte Harry grinsend und hob den Feuerblitz in die Höhe. „Siehst du, Hermine? Er ist doch nicht verhext!“, stimmte Ron ihm zu. „ja - hätte aber sein können!“, schnaubte Mine. „Immerhin wisst ihr jetzt endlich, dass er sicher ist!“ „Ja stimmt schon“, gab Harry ihr Recht. „Ich bring ihn besser nach oben-...“ „Ich nehm ihn mit!“, bot Ron eifrig an, „ich muss Krätze ohnehin das Rattentonikum geben.“ Ron nahm den Feuerblitz an sich und trug ihn, als wäre er aus Glas, die Treppe hoch zum Jungenschlafsaal. „Können wir uns kurz hinsetzen?“, fragte Harry Mine. „Von mir aus“, erwiderte sie und räumte einen großen Stapel Pergament von zwei Stühlen. Ich musterte das Durcheinander auf dem Tisch, den langen Arithmantikaufsatz, auf dem noch die nasse Tinte glitzerte, den noch längeren Aufsatz für Muggelkunde („Warum brauchen Muggel elektrischen Strom?“) und die Runenübersetzung, über der Mine gerade brütete und die ich schon erledigt hatte. „Wie schaffst du das eigentlich alles?“, fragte ich sie. „Na ja, ich arbeite eben viel“, antwortete Mine. Jetzt fiel mir auf, dass sie fast so müde aussah wie Professor Lupin. „Warum lässt du nicht einfach ein paar Fächer sausen?“, fragte Harry, der dies offensichtlich auch erkannt hatte, während Mine zwischen ihren ganzen Papieren nach ihrem Runenwörterbuch stöberte. „Das kann ich einfach nicht!“, meinte Mine empört. „Arithmantik sieht furchtbar kompliziert aus“, stellte Harry fest und hob eine undurchschaubare Zahlentabelle hoch. „Oh nein, es ist toll!“, schwärmte Mine. „Es ist mein Lieblingsfach! Es ist-...“ Doch Harry und ich sollten nie erfahren, was denn so toll an Arithmantik sein sollte. Genau in diesem Moment hallte ein erstickter Schrei im Treppenhaus zum Jungenschlafsaal wider. Der ganze Gemeinschaftsraum verstummte und alle sahen starr vor Schreck zur Treppe. Dann hörten wir Schritte, die immer lauter wurden - und schließlich erschien Ron. Er schleifte ein Bettlaken hinter sich her. „Sieh dir das an!“, brüllte Ron und kam auf mit großen Schritten auf Mines Tisch zu. „Sieh dir das an!“, schrie er noch einmal und schüttelte das Tuch vor uns aus. „Ron, was zum-?“ „Krätze! Seht euch das an! Krätze!“ Mine wich vor Ron zurück, das Gesicht völlig verwirrt. Ich musterte das Laken in Rons Hand. Etwas Rotes war darauf. Etwas, das unheimlich erinnerte an- „Blut!“, schrie Ron in die schreckerfüllte Stille. „Er ist fort! Und weißt du, was auf dem Boden lag?“ „N...nein“, stotterte Mine. Ron warf etwas auf Mines Runenübersetzung. Harry, Mine und ich beugten uns darüber. Auf den mittlerweile vertrauten, spitzen Schriftzeichen lagen ein paar lange, rostrote Katzenhaare.

    In dieser Nacht hatte ich erneut einen seltsamen Traum. Ich war wieder in dem mir vertrauten Zimmer. Alles wirkte friedlich und ruhig. Doch plötzlich flackerte das Licht und ich spürte eine seltsame Wärme um mich herum; es war das flackernde Feuer. Eine meterhohe Flammenwand türmte sich vor mir auf und drohte, mich von Kopf bis Fuß zu verschlingen. Ich bekam Panik; ich würde bei lebendigem Leibe verbrennen! Rauch füllte den Raum und ich hustete und hustete. Der Rauch wurde immer dichter und das Feuer umfasste mittlerweile das ganze Zimmer. Alles was ich sah, war leuchtend rot, orange und grau und sorgte dafür, dass meine Augen brannten. Ich versuchte, um Hilfe zu rufen, doch es kam nur ein lautes Krächzen hervor. Ich war eingeschlossen von Feuer, Flammen und Rauch; es war hoffnungslos, zu entkommen. Das Licht flackerte, dann wurde alles schwarz.

    Erschrocken fuhr ich aus dem Schlaf hoch. „Es war alles nur ein Traum, es war alles nur ein Traum...“, flüsterte ich beruhigend auf mich selbst ein. Immer wieder hatte ich nun schon denselben Traum. Zuerst war ich in diesem Zimmer, dann kam der Rauch und gleich darauf das Feuer. Ich schüttelte den Kopf. Ich musste endlich dafür sorgen, dass ich diesen Traum nicht mehr bekam.

    24
    24. Kapitel

    Die Freundschaft zwischen Ron und Mine schien zerstört. So wütend waren sie aufeinander, dass Harry und ich uns nicht vorstellen konnten, wie sie sich jemals wieder versöhnen sollten. Ron war wütend, weil Mine die wiederholten Versuche von Krummbein, Krätze zu verspeisen, nicht ernst genommen hatte. Sie hatte sich nicht darum geschert, ihn scharf im Auge zu behalten, und tat immer noch so, als wäre Krummbein völlig unschuldig. Ron solle doch mal unter allen Betten nachsehen, schlug sie vor. Und außerdem, behauptete sie wütend, hatte Ronkeinen Beweis, dass Krummbein Krätze gefressen habe, die roten Haare seien vielleicht schon seit Weihnachten auf dem Bettlaken und überhaupt habe Ron Vorurteile gegen ihren Kater, seit er in der Magischen Menagerie auf Rons Kopf gelandet sei. Ich wollte keinen meiner beiden Freunde verleiren, und so stellte ich mich auf keine Seite. Harry war sich jedoch sicher, dass Krummbein Krätze gefressen hatte, und als er Mine erklären wollte, dass alle Tatsachen in diese Richtung deuteten, riss ihr der Geduldsfaden auch bei Harry. „Schön und gut, du stellst dich also auf Rons Seite, ich wusste es!“, sagte sie schrill. „Erst der Feuerblitz, jetzt Krätze, an allem bin ich schuld, oder? Lass mich bloß in Ruhe, Harry, ich hab ‘ne Menge Arbeit zu erledigen!“ Mine war wirklich nicht gerade begeistert. Ron war der Verlust seiner Ratte tatsächlich sehr nahe gegangen. „Komm schon, Ron, du hast doch immer gesagt, Krätze sei so langweilig“, wollte Fred ihn aufmuntern. „Und er war doch schon ewig nicht mehr richtig auf den Beinen, er ist langsam dahingestorben. War wohl ohnehin besser für ihn, wenn es schnell ging - in einem Schluck -, und gespürt hat er wahrscheinlich auch nichts.“ „Fred!“, rief Ginny empört. „Er hat doch nur noch gefressen und geschlafen, Ron, das hast du doch selbst immer gesagt“, warf George ein. „Einmal hat er Goyle für uns gebissen!“, meinte Ron wehmütig. „Weißt du noch, Harry?“ „Ja, stimmt“, erwiderte dieser. „Seine größte Stunde“ sagte Fred, schaffte es jedoch nicht, eine ernste Miene zu behalten. „Angesichts der Narbe auf Goyles Finger werden wir immer voller Ehrfurcht an ihn denken. - Ach komm schon, Ron, geh runter nach Hogsmeade und kauf dir eine neue Ratte, was hilft dein Jammern?“

    Harry und ich unternahmen einen allerletzten Versuch, Ron aufzumuntern, und überredeten ihn, zum letzten Training der Gryffindors vor dem Spiel gegen Ravenclaw mitzukommen. Anschließend könne er noch ein wenig mit dem Feuerblitz herumfliegen. Das schien Ron tatsächlich einen Moment lang von seinem Kummer über Krätze abzulenken („Voll krass! Kann ich auch ein paar Tore schießen?“), und so machten wir uns gemeinsam auf den Weg zum Quidditch-Feld. Madam Hooch, die weiterhin das Training der Gryffindors beaufsichtigte und Harry ganz besonders, war ebenso beeindruckt vom Feuerblitz wie alle anderen, die ihn gesehen hatten. Vor dem Start des Trainings nahm sie ihn in die Hände und begutachtete ihn mit erfahrenem Blick. „Seht mal, wie schön er im Gleichgewicht ist! Wenn die Nimbus-Serie einen Fehler hat, dann ist es ein klein wenig Schlagseite zum Schweif hin - nach ein paar Jahren kommen sie meist ziemlich schräg daher. Den Stiel haben sie auch ganz neu entwickelt, er ist ein wenig schlanker als bei den Sauberwischs und erinnert mich an den alten Silberpfeil - ein Jammer, dass sie den nicht mehr herstellen, auf dem hab ich fliegen gelernt, ein wirklich solider Besen...“ Auf diese Art fuhr sie noch eine ganze Weile fort, bis Wood sie unterbrach. „Ähm - Madam Hooch? Könnte Harry den Feuerblitz jetzt zurückhaben? Wir müssen trainieren...“ „Oh - natürlich - hier ist er, Potter“, sagte Madam Hooch. „Ich setzte mich mit Weasley dort hinüber...“ Madam Hooch und Ron verließen das Spielfeld und kletterten auf die Ränge, während wir uns um Wood scharten, der uns die letzten Anweisungen für das morgige Spiel gab. „Harry, ich hab eben erfahren, wer bei den Ravenclaws der Sucher macht. Es ist Cho Chang, eine Viertklässlerin, und sie ist ziemlich gut...eigentlich hatte ich gehofft, sie würde noch nicht wieder fit sein, sie hatte ein paar Verletzungsprobleme...“ Woods Miene verfinsterte sich vor Missbehagen über Cho Changs Genesung, dann fuhr er fort: „Andererseits fleigt sie einen Komet Zwei-Sechzig, der wird neben dem Feuerblitz wie ein Witz aussehen.“ Er warf Harrys Besen einen Blick voll fiebriger Bewunderung zu. „Okay, Leute, los geht’s-...“ Ich bestieg meinen Besen und stieß mich fest vom Boden ab. Der Wind fuhr mir durchs Haar und ich konnte es mal wieder kaum erwarten, bis wir zu spielen anfingen. Wood warf den Quaffel nach oben und ich fing ihn mit einer Hand auf. Harry flog währenddessen seinen neuen Feuerblitz. Er ging bei der leisesten Berührung in die Kurve; Harry raste so schnell über das Spielfeld, dass er es garantiert nur noch als frünen und grauen Schleier wahrnahm. Ich schrie entsetzt auf, als Harry so scharf wendete, dass er mich fast von meinem Nimbus 2000 warf. Er ging in einen Sturzflug, streifte das Gras unten mit den Schuhspitzen und stieg dann wieder dreißig Meter hoch in die Lüfte. „Harry, ich lass den Schnatz raus!“, hörte ich Wood rufen. Harry wendete, flog um die Torstangen herum und hatte nach zehn Sekunden den Schnatz gefangen; wir jubelten so sehr, dass mir die Ohren wehtaten.

    So gut hatten wir noch nie trainiert; das Team, durch den Feuerblitz angespornt, übte die schwierigsten Spielzüge fehlerlos, und als wir wieder landeten, hatte Wood kein einziges Wort der Kritik vorzubringen, was, wie George verkündete, noch nie geschehen war. „Ich kann mir nicht vorstellen, was uns jetzt noch aufhalten könnte!“, meinte Wood begeistert. „Außer - Harry, du hast dein Problem mit den Dementoren doch in den Griff bekommen, oder?“ „Jaaah“, meinte Harry, doch ich sah ihm an, dass er sich dabei nicht so sicher war. Wood schien jedoch nichts zu bemerken. „Die Dementoren werden nicht wieder aufkreuzen, Oliver, Dumbledore würde völlig durchdrehen“, sagte Fred zuversichtlich. „Das können wir nur hoffen“, erwiderte Wood. „Jedenfalls - das war gute Arbeit von euch allen. Gehen wir zurück in den Turm...wir müssen morgen ja früh aus den Federn-...“ „Wir bleiben noch eine Weile draußen, Oliver, Ron will den Feuerblitz mal kurz ausprobieren“, erklärte ich ihm und während die anderen sich auf den Weg zu den Umkleidekabinen machte, gingen Harry und ich hinüber zu Ron, der schon über die Absperrungen gesprungen war und uns entgegenlief. Madam Hooch war auf ihrem Sitz eingeschlafen. „Da hast du ihn“, meinte Harry und reichte Ron den Feuerblitz. Ron schwang sich mit hingebungsvoller Miene auf den Besen und flog hoch in den dunkler werdenden Himmel. Harry und ich gingen am Spielfeldrand entlang und beobachteten ihn. Es würde kälter und ich fröstelte. Harry und ich setzten uns auf eine kleine Bank am Rand des Feldes. Ich zog meinen Quiddich-Umhang enger um mich zusammen und zitterte. Harry bemerkte es scheinbar, denn er rutschte näher an mich heran. Meine Hand war eiskalt und er legte seine warme, etwas größere Hand auf meine. Eine Hitze, wie von einer Stichflamme, durchfuhr mich; Harry lächelte nervös und ich erwiderte es zitternd. Ich rutschte etwas näher an ihn heran, bis wir so nah aneinander sahen, dass unsere Umhänge sich berührten. Ich wusste nicht, ob ich mich unwohl fühlen, oder vor Freude innerlich jauchzen sollte. Ich konnte das Gefühl einfach nicht richtig einordnen.

    Die Nacht war schon hereingebrochen, als Madam Hooch jäh aufschreckte. Ron kam mit dem Feuerblitz auf uns zu und Harry und ich fuhren wie automatisch auseinander. Na ja, eher gesagt, ich schreckte zurück. Harry bewegte sich nicht vom Fleck; Ron zog die Augenbraue nach oben und sah mich verwirrt an, ohne dass Harry es bemerkte. Ich blickte ein wenig beschämt zu Boden. Madam Hooch schimpfte uns anschließend, da wir sie nicht geweckt hatten, und schickte uns ungehalten zurück ins Schloss. Harry schulterte den Feuerblitz und verließ mit Ron und mir das dunkle Stadion. Ron und Harry sprachen über die sanften Bewegungen des Feuerblitzes, seine irre Beschleunigung und seine haarnadelengen Drehungen und ich ging meinen eigenen Gedanken nach. Auf halbem Weg zum Schloss wandte ich den Blick zur Seite und erstarrte - ein Augenpaar leuchtete in der Dunkelheit herüber. Ich blieb wie angefroren stehen; mein Herz pochte mir gegen die Rippen. Die Augen starrten uns immer noch ohne Unterbrechung an. „Harry! Ron! Seht mal!“ Ich zeigte zu den Augen hinüber. Die Jungs blickten die Augen an. Ich zückte langsam meinen Zauberstab und murmelte: „Lumos!“ Ein Lichtstrahl fiel über das Gras, traf den Stamm eines hohen Baumes und erhellte seine Äste. Dort, zwischen den zarten Knospen an den Zweigen, kauerte Krummbein. „Runter vom Baum!“, brüllte Ron. Er bückte sich und packte einen Stein, doch schon war Krummbein mit einem heftigen Wedeln seines rostbraunen langen Schwanzes verschwunden. „Seht ihr?“, meinte Ron aufgebracht und ließ den Stein fallen. „Hermine lässt es immer noch zu, dass er sich rumtreibt, wo er will - wahrscheinlich verdaut er gerade Krätze gewürzt mit ein paar Vögeln -...“ Ich blieb stumm. Erleichterung durchströmte mich und ich atmete tief durch; seit dieser Sache mit meiner Folterung war ich immer auf der Hut. Es war ein großer Nachteil, dass sich in meinem Kopf eine riesige Lücke befand, wenn ich an den Täter dachte. Ich zerbrach mir den Kopf darüber und suchte krampfhaft nach einer winzigen Erinnerung, die mir helfen könnte, doch ich fand nichts. Alles war fort, und auch wenn Harry, Ron und Mine mir helfen wollten, konnten sie diese Gedächtnislücke nicht wieder ausfüllen. Es war ein Wunder, dass ich nicht den Verstand verloren hatte und ich konnte mir das nicht erklären (nicht, dass ich etwas dagegen hätte). Wir gingen weiter. Ich drehte mich kein einziges Mal um, bis wir die hell erleuchtete Eingangshalle des Schlosses erreicht hatten.

    25
    25. Kapitel

    Am nächsten Morgen sah ich, wie Harry zusammen mit den anderen Jungen im Schlafsaal, die wohl alle glaubten, der Feuerblitz verdiene eine Ehrengarde, hinunter zum Frühstück ging. Als wir die Große Halle betraten, wandten sich aller Augen dem Feuerblitz zu und aufgeregtes Getuschel hob an. Ich bemerkte, dass Harry mit immenser Genugtuung sah, dass das Team der Slytherins wie vom Donner gerührt dasaß. „Hast du sein Gesicht gesehen?“, meinte Ron schadenfroh und blickte über die Schulter zu Draco hinüber. „Er kann es nicht fassen! Das ist klasse!“ Ich verlor zu dieser Bemerkung kein Wort. Selbst Wood badete in dem Glanz, den der Feuerblitz auch auf ihn warf. „Hier drauf mit dem Besen, Harry“, sagte er und legte den Feuerblitz mitten auf den Tisch, wobei er sorgfältig darauf achtete, dass auch ja der Name zu lesen war. Bald kam einer nach dem anderen von den Tischen der Ravenclaws und Hufflepuffs herüber, um ihn genauer zu betrachten. Auch Cedric Diggory kam auf unseren Tisch zu, um Harry zu gratulieren, weil er einen so tollen Ersatz für seinen Nimbus bekommen hatte, und Percys Freundin aus Ravenclaw, Penelope Clearwater, fragte, ob sie den Feuerblitz einmal anfassen dürfe. „Na, na, Penny, keine Sabotage!“, erwiderte Percy gut gelaunt, während ihre Augen über den Feuerblitz glitten. „Penelope und ich haben gewettet“, erklärte er uns. „10 Galleonen auf das Ergebnis des Spiels!“ Penelope legte den Feuerblitz zurück auf den Tisch, dankte Harry und kehrte zu den Ravenclaws zurück. „Harry - sieh bloß zu, dass du gewinnst“, hörte ich Percy eindringlich flüstern. „Ich habe keine 10 Galleonen. Ja, ich komme, Penny!“ Er wuselte davon, um sich mit ihr ein Stück Toast zu teilen. „Bist du sicher, dass du mit diesem Besen umgehen kannst, Potter?“, hörte ich eine kalte, schnarrende Stimme. Harry und ich drehten uns ruckartig um. Draco, mit Crabbe und Goyle im Schlepptau, war herübergekommen, um sich die Sache näher anzusehen. „Ja, ich denk schon“, erwiderte Harry beiläufig. „Hat ‘ne Menge Schnickschnack eingebaut, was?“, meinte Draco mit bösartig glitzernden Augen. Er war mal wieder derjenige, der eigentlich mein Erzfeind sein müsste. Auch wenn mein Herz jetzt wie wild pochte, musste ich meine Rolle weiter aufrecht erhalten. Ich musste einfach... „Nur Pech, dass er nicht gleich mit Fallschirm geliefert wir - falls du einem Dementor zu nahe kommst.“ Crabbe und Goyle kicherten. Harry reagierte und sagte: „Schade, dass du keinen Ersatzarm anschrauben kannst, Malfoy. Der könnte den Schnatz für dich fangen.“ Die Gryffindors lachten laut auf und ich zwang mich zu einem Grinsen. Ich tat es nicht gern, doch ich hoffte, dass es echt wirkte. Dracos graue Augen verengten sich und er stakste davon. Ich beobachtete, wie er sich zu den anderen Spielern von Slytherin setzte, die jetzt die Köpfe zusammensteckten und Draco ganz sicher fragten, ob Harrys Besen wirklich ein Feuerblitz war.

    Um Viertel vor elf brachen wir, also das Gryffindor-Quidditch-Team zu den Umkleideräumen auf. Das Wetter war um Welten besser als bei unserem Spiel gegen Hufflepuff. Es war ein klarer, kühler Tag mit einer sanften Brise, die mir die Haare zerzauste. Doch als ich kurz vor dem Quidditch-Feld war, hörte ich eine leise Stimme: „Via!“ Es war Draco. Ich blieb kurz stehen, während das restliche Team weiterging. Ich ging rasch zu ihm hinüber. „Draco!“, flüsterte ich überrascht. „Ich wollte dir Glück wünschen.“, sagte er. Ich lächelte ihn an. „Danke! Du bist der Beste.“ Er grinste. „Ich wette, du wirst die meisten Tore schießen.“ „Wir werden sehen.“ Er blickte sich hastig um. „Ich muss los, bevor Crabbe und Goyle mich zusammen mit dir sehen.“ Ich nickte. Er drehte sich um und wollte schon gehen, als ich seine Hand nahm und meinte: „Warte!“ Er drehte sich zu mir um und sah mich fragend an. „Ich habe dir noch nicht gedankt...“ Ich sah ihn an und ließ seine Hand los. „dafür, dass du mich geretten hast.“ Ich glaubte, dass ich gerade rot wurde, als er erwiderte: „Für dich würde ich es immer tun.“ Mir wurde ganz heiß. „Also...ich muss jetzt los“, sagte Draco und wandte sich um. „Ja- ja, klar.“, antwortete ich und machte mich auf den Weg zu den Umkleiden.

    In der Umkleide angekommen zog ich meinen Quidditch-Umhang über und steckte meinen Zauberstab in das T-Shirt, dass ich darunter tragen wollte. Ich würde ihn hoffentlich nicht brauchen. Aber falls die Dementoren wirklich kommen sollten, würde ich mit aller Kraft veruschen, einen Patronus heraufzubeschwören. Ich atmete tief durch und dann begann es. Unter tosendem Applaus marschierten wir hinaus auf das Spielfeld. Das Team der Ravenclaws, ganz in Blau, hatte sich bereits in der Mitte aufgestellt. Die Sucherin, Cho Chang, war das einzige Mädchen im Team. Ich konne wirklich nicht behaupten, dass sie hässlich war, und ich bemerkte, wie sie Harry anlächelte. In mir brannte es, als ich Harrys Gesicht sah. Es brannte wie ein Feuer und ich wusste ganz genau, worum es sich handelte: Eifersucht. Ich riss mich zusammen und stand stocksteif auf dem Boden. Die Kapitäne stellten sich zueinander gewandt auf. „Wood, Davies, begrüßt euch“, sagte Madam Hhoch beschwingt; Wood und der Kapitän der Ravenclaws schüttelten sich die Hände. Ich sah kurz zu Harry hinüber und fasste einen Entschluss. Ich würde heute mein Bestes geben. „Besteigt eure Besen...auf meinen Pfiff geht’s los...eins - zwei - drei-...“ Ich stieß mich ab und rauschte hoch in den Himmel. Meine Haare flogen im Wind, doch es war mir egal. Endlich konnte ich wieder fliegen. Ich hielt den Besen gerade und lausche den Worten von Lee, der mal wieder den Spielkommentar sprach. „Jetz sind sie oben, und die große Sensation dieses Spiels ist der Feuerblitz, den Harry Potter für die Gryffindors fliegt. >Rennbesen im Test< zufolge werden die Nationalmannschaften bei der diesjährigen Weltmeisterschaft allesamt den Feuerblitz fliegen-...“ „Jordan, wären Sie wohl so freundlich uns zu sagen, wie das Spiel verläuft?“, unterbrach ihn Professor McGonagalls Stimme. Ich schüttelte nur grinsend den Kopf und achtete auf den Quaffel, den Madam Hooch nun in die Luft warf. Blitzschnell fing ich ihn und schoss auf das gegnerische Tor zu. Lee diskutierte derweil immer noch mit Professor McGonagall. „Da haben Sie vollkommen Recht, Professor - ich wollte nur ein wenig Hintergrundwissen vermitteln - übrigens hat der Feuerblitz eine eingebaute automatische Bremse und-...“ „JORDAN!“ „Schon gut, schon gut, Gryffindor im Ballbesitz, Olivia Rosier auf dem Weg zum Tor...“ Ich schoss über die Spieler hinweg auf die Torstangen zu. Den Quaffel hielt ich fest an mich gedrückt und rauschte an den wenigen vorbei, die mich irgendwie aufzuhalten versuchten. Kurz vor den Torstangen bremste ich das Tempo ein wenig und warf den Quaffel mit aller Kraft durch den rechten Torring. „Rosier holt aus, wirft und...TOR FÜR GRYFFINDOR!“ Die Gryffindors jubelten, als ich über sie hinweg flog; die Ravenclaws klatschten nur höflich, die Hufflepuffs jubelten ebenfalls (sie zeigten sich in Quidditch-Spielen, in denen ihr Haus nicht selbst spielte, immer neutral). Als ich über die Seite der Slytherins rauschte, sah ich Draco, der grinsend zu mir empor sah. Ich schenkte ihm ein leichtes Lächeln, doch im nächsten Moment wurde ich fast vom Besen geworfen, denn ein Klatscher flog haarscharf an meinem Ohr vorbei. Ich konzentrierte mich und machte mich erneut auf die Suche nach dem Quaffel.

    Ich wusste nicht, wie lange ich nun schon in der kühlen Luft war, doch es machte mir nichts aus. Ich spürte zusehends die Begeisterung, die nur ein Quidditch-Spiel mit sich brachte. Ich hatte nun schon drei Tore geschossen, als ein Klatscher, der von einem Treiber der Ravenclaws geschlagen worden war, aus dem Nichts angeschossen kam. Ich machte einen raschen Schlenker und kam um Haaresbreite an ihm vorbei. Es folte ein lang gezogenes enttäuschtes „Oooooh“ der Gryffindor-Fans, doch viel Applaus der Ravenclaw-Kurve für ihren Treiber. George ließ Dampf ab und schmetterte den zweiten Klatscher gegen den Missetäter der anderen Seite, der sich mitten in der Luft auf den Rücken drehen musste, um dem Ball zu entgegen. „Gryffindor füht mit achtzig zu null Punkten, und schaut euch an, wie dieser Feuerblitz losgeht! Potter macht ihm jetzt wirklich die Hölle heiß, jetzt geht er scharf in die Kurve und Changs Komet kann da einfach nicht mithalten, die Gleichgewichtsautomatik des Feuerblitzes ist wirklich erstaunlich bei diesem langen-...“ „Jordan! Werden Sie dafür bezahlt, um für Fuerblitze Werbung zu machen? Bleiben Sie beim Spiel!“ Die Ravenclaws holten jetzt auf; sie hatten drei Tore erzielt und Gryffindor lag nur noch mit fünfzig Punkten vorne. Nun musste ich alles geben und hoffen, dass Harry bald den Schnatz fing. Ich sah, wie ein Ravenclaw-Jäger den Quaffel falllen ließ, da Angelina ihm den Weg abschnitt. Ich jagte über das Feld und fing den Quaffel geschickt mit einer Hand auf. Ich flog wie eine Gewehrkugel auf die Torstangen der Ravenclaws zu, zögerte nicht lange, drehte mich um mich selbst, sodass ich nur noch schneller wurde und warf den Quaffel durch den mittleren Torring. „ Rosier trifft und...TOR FÜR GRYFFINDOR!“ Die Menge aus Gryffindors jubelte laut auf. Ich sah nach unten und erstarrte. Mein Adern gefroren förmlich. Drei Dementoren, drei große, schwarze, kaputzentragende Dementoren, sahen zu mir nach oben. Ich überlegte erst gar nicht. Ich steckte die Hand in den Kragen meines Umhangs, zückte meinen Zauberstab und rief: „Expecto patronum!“ Etwas Silbrigweißes, etwas Riesiges, brach aus der Spitze meines Zauberstabs hervor. Es formte sich zu der mir vertrauten Katze uns schoss auf die Dementoren zu, doch ich wartete nicht, um zu sehen, was passierte. Ich rauschte davon, doch im nächsten Moment hörte ich Madam Hoochs Pfiff. Harry hatte den Schnatz gefangen.

    Ich drehte mich in der Luft um und raste auf Harry zu, genauso wie die anderen des Teams; wir schlangen unsere Arme so heftig um ihn, sodass er fast vom Besen gezerrt wurde. Er hatte uns den Sieg gebracht! Von tief unten drangen die Begeisterungsstürme der Gryffindors im Publikum herauf. „Gut gemacht, mein Junge!“, rief Wood immer wieder. Angelina und Katie hatten Harry inzwischen abgeküsst, Fred hielt ihn so fest umklammert, dass Harry bestimmt fürchtete, dass er ihm den Kopf abreißen würde. Im heillosen Durcheinander schafften wir gerade noch die Landung. „Hast du die Dementoren gesehen?“, fragte ich Harry. Er nickte. „Ich habe versucht einen Patronus zu erzeugen. Ich habe deinen gesehen.“ Ich wurde rot. Wir stiegen vom Besen und ich sah jetzt einen Wirbel von Gryffindors auf das Spielfeld rennen, Ron vorneweg. Bevor Harry und ich uns retten konnten, waren wir schon von einer jubelnden Menge eingeschlossen. „Ja!“, rief Ron und riss Harrys Arm in die Luft. „Ja! Ja!“ „Gut gemacht, Harry!“, sagte Percy vergnügt. „10 Galleonen für mich! Ich muss Penelope suchen, entschuldigt mich kurz-...“ „Feine Sache, Harry!“, brüllte Seamus. „Klasse, verdammt noch mal! Das habt ihr super gemacht!“, rief Hagrid mit strahlendem Gesicht über die Köpfe der wogenden Menschenmenge hinweg. „Eure Patroni waren nicht von schlechten Eltern“, flüsterte jemand hinter uns. Harry und ich drehten uns um und erkannten Professor Lupin, der erschüttert und erfreut zugleich wirkte. „Die Dementoren haben mir gar nichts ausgemacht!“, sagte ich aufgeregt. Harry nickte. „Ich habe gar nichts gespürt!“ „Das - ähm - liegt daran, dass sie gar keine Dementoren waren“, meinte Professor Lupin. „Kommt und seht euch das an-...“

    Er führte uns aus der Menge heraus, bis wir den Spielfeldrand sehen konnten. „Ihr habt Mr. Malfoy einen hübschen Schreck eingejagt“, sagte Lupin. Ich stand mit offenem Mund da. In einem verknäulten Haufen auf dem Boden lagen Draco, Crabbe, Goyle und Marcus Flint, der Teamkapitän der Slytherins, und versuchten verzweifelt, sich aus ihren langen, schwarzen Kapuzenumhängen zu befreien. Offenbar hatte Draco auf Goyles Schultern gestanden. Ich verschränkte die Arme; Dracos Blick fiel auf mich und er erstarrte. Ich funkelte ihn aus zornigen Augen an und ich sah, wie er schluckte. Doch er kam gar nicht dazu, sich zu entschuldigen, denn jemand hatte sich über ihnen aufgebaut und sah mit furchtbar wütendem Blick auf sie hinab - Professor McGonagall. „Ein verabscheuungswürdiger Trick!“, rief sie empört. „Ein miser und feiger Versuch, den Sucher und die Jägerin der Gryffindors zu behindern. Strafarbeiten für Sie alle, und 50 Punkte Abzug für Slytherin! Ich werde mit Professor Dumbledore über diese Sache sprechen, machen Sie sich keine falschen Vorstellungen!“ Sie schimpfte noch weiter und verwendete einige unschöne Worte, doch ich hörte nicht mehr zu. Ich starrte Draco fragend und zugleich wütend an. Wie konnte er nur! Er suchte verzweifelt meinen Blick und sah mich flehend an, als ob er sich dafür entschuldigen wollte. Ron hatte sich mittlerweile zu Harry und mir durchgekämpft und krümmte sich vor Lachen, während wir Draco zusahen, wie er sich aus seinem Umhang, in dem immer noch Goyles Kopf steckte, freizustrampeln versuchte. „Kommt mit!“, sagte George, der sich ebenfalls durchgedrängelt hatte und mir die Hand auf die Schulter legte. „Fete ist angesagt! Jetzt gleich im Gemeinschaftsraum!“ „Gut“, erwiderte Harry. Doch mir war nicht nach Feiern zumute. Ich sah noch einmal kurz zu Draco hinüber, der mich mit einem Gesichtsausdruck ansah, den ich nicht ganz deuten konnte, dann drehte ich mich um und ging mit den anderen Spielern zurück zum Schloss.

    Es war, als ob wir den Quidditch-Pokal schon gewonnen hätten. Den ganzen Tag tobte die Fete und weit hinein in die Nacht. Fred und George verschwanden für ein paar Stundne und kehrten mit Massen von Butterbier, Kürbislimonade und Süßigkeiten aus dem Honigtopf zurück. „Wie habt ihr das geschaffft?“, kreischte Angelina, während George anfing, Pfefferminzkröten in die Menge zu werfen. Doch ich hielt mich an diesem Abend etwas zurück. Ich konnte es einfach nicht glauben. Vor dem Spiel hatten wir noch friedlich geredet, uns gut verstanden, ich hatte ihm gedankt, und nun? Draco hatte mich ein weiteres Mal enttäuscht. Ich wusste, dass das zu seiner Rolle gehörte, die er zu spielen hatte, aber ich konnte an meinen Gefühlen nun mal nichts ändern. Ich konnte diese ganze Fröhlichkeit nicht ertragen, wenn es mir selbst so schlecht ging. Ich stand auf und stieg aus dem Portätloch. Ich wusste nicht, wohin ich wollte, aber ich ließ meine Füße mich einfach tragen. Ich sah nicht nach links und nach rechts. Es war mir egal. Ich stieg den Astronomietrum hinauf und lehnte mich über das Geländer. Ein leises Seufzen entfuhr mir. Wieso musste mein Leben nur so kompliziert sein? „Wieso machst du es mir so schwer, Draco?“, flüsterte ich so leise, dass es niemand hören konnte. „Via?“ Ich fuhr herum. Draco stand am Anfang der Treppe. Ich wich zurück, als er auf mich zukam. „Lass mich in Ruhe, Draco!“, sagte ich mit zitternder Stimme. Doch bevor ich verschwinden konnte, kam er auf mich zu und hielt meine Hand fest. „Es tut mir leid!“, erwiderte er, während er meine Hand umklammert hielt. Ich versuchte, mich aus seinem Griff zu befreien, doch er wollte mich nicht loslassen. „Ich will nichts von dir hören! Und lass mich jetzt bitte los!“ „Nein!“ Ich starrte ihn wütend an. „Lass - mich - los!“, wiederholte ich. „Ich lass dich erst los, wenn du mir zuhörst.“, erwiderte Draco. Ich entspannte mich etwas und funkelte ihn an. „Dann rede. Aber komm mir nicht mit Ausreden.“ Er atmete tief durch und sah mir direkt in meine Augen. „Ich wollte das nicht, wirklich. Eigentlich wollten wir nur Potter ablenken, damit er den Schnatz nicht fängt.“ Ich schnaubte. „Ich wusste nicht, dass du, wie Potter, so intensiv auf die Dementoren reagierst. Bitte glaub mir, ich hatte es dabei nicht auf dich abgesehen.“ Ich blickte beschämt zu Boden. Das ich darauf nicht gekommen war! „Hey.“ Er drückte sanft gegen mein Kinn, sodass ich ihm direkt in die Augen sehen musste. „Tut mir leid, dass ich so reagiert habe“, flüsterte ich. „Ich wüsste nicht, was ich an deiner Stelle getan hätte.“ Mein Gesicht blieb regungslos. Draco nahm meine Hand. „Würdest du mir einen Gefallen tun?“ Ich nickte. „Zeig mir dein Lächeln. Du bist in letzter Zeit so...anders. Wo ist das Mädchen, das ich meine beste Freundin nenne? Wo ist das Mädchen, das die ganze Welt mit ihrem magischen Lächeln dahinschmelzen lässt? Wo ist das Mädchen, das mit ihrem Lächeln ein Licht aufleuchten lässt?“ Ich musste unweigerlich lächeln, als ich diese Worte hörte. „Siehst du?“, fragte Draco. „Das ist die Olivia, die ich kenne!“ Dabei mussten wir beide lächeln.

    Harrys Sicht:
    Liv wirkte seit dem Quidditch-Spiel nicht gerade glücklich. Die ganze Zeit über saß sie in einer Ecke und starrte ins Leere. Ich hätte mich gerne neben sie gesetzt, aber ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich wurde von allen Gryffindors gefeiert, immerhin hatte ich den Schnatz gefangen. Doch irgendwann stand Liv auf und verschwand durch das Porträtloch; ich wusste nicht, was mich da antrieb, doch ich drängte mich durch die feiernde Menschenmenge und folgte ihr. Zuerst verlor ich sie etwas aus den Augen, doch dann sah ich sie den Astronomieturm empor steigen. Ich haderte; sollte ich ihr folgen, oder doch lieber wieder zurückgehen? Doch nach gefühlten zehn Minuten entschied ich mich dafür, ihr zu folgen. Langsam stieg ich die Treppenstufen nach oben.

    Olivias Sicht:
    Plötzlich fuhr ich herum. Langsame Schritte näherten sich. Auch Draco hatte sie bemerkt, denn er flüsterte: „Los, schnell, niemand darf uns so zusammen sehen!“ Ich nickte. Draco fuhr fort: „Verzeih mir!“ Er packte mich grob an meiner Hüfte und zog mich so nah an sich heran, dass unsere Kleidung sich berührte. Das Ganze war mir äußerst unangenehm; in mir brannte es. Die Schritte kamen immer näher. Draco nahm mein Gesicht in seine Hände und beugte sich zu mir herunter. Unsere Lippen waren nur noch wenige Zentimeter von einander entfernt; die Schritte waren jetzt ganz nahe. Ich wollte förmlich dahinschmelzen. Ich konnte seine Lippen schon fast auf mir spüren. „Wehr dich!“, flüsterte Draco mir ins Ohr. Ich nickte; jetzt musste ich also schauspielern! „Lass mich los!“, keuchte ich erstickt und hoffte, dass es echt wirkte. Aber auch Draco war jetzt wieder in seiner Rolle. Er drückte mich nur näher an sich heran und war schon kurz davor, seine Lippen auf meine zu legen, während ich mich wehrte. Er versuchte, es so aussehen zu lassen, als ob er absichtlich grob zu mir wäre, aber ich wusste, dass er probierte, es so wenig schmerzhaft wie möglich zu machen. „Lass mich los!“ Draco erwiderte nichts. „Malfoy!“, hörte ich eine wütende Stimme. Es war Harry. Mein Herz setzte einen Schlag aus. „Lass sie sofort los, Malfoy!“, forderte Harry. Das, was ich tun würde, musste jetzt möglich echt wirken... Kaum scheinbar lockerte Draco seinen Griff; er wusste, dass gleich etwas geschehen würde. Ich riss mich sofort los und blickte Draco eine Zehntelsekunde lang an; in meinen Augen spiegelten sich die Verzweiflung, und die Bitte, dass er nicht wütend werden würde. Ich holte aus und gab Draco eine so heftige Ohrfeige, dass das Geräusch meiner Hand, die auf seine Wange traf, von den steinernden Wänden widerhallte. In seinen sturmgrauen Augen sah ich, nachdem er sich wieder gefangen hatte, tiefstes Verständnis. Rasch rannte ich hinüber zu Harry. „Lass meine Freundin lieber in Ruhe, Malfoy!“, sagte Harry zornig. „Sonst was?“, erwiderte Draco. „Sonst bekommst du es mit mir zu tun!“, meinte Harry und nahm meine Hand. Zusammen stiegen wir die Treppenstufen nach unten. Das Letzte, was ich sah, war Dracos Gesicht. Offenbar hatte uns Harry das Schauspiel abgenommen.

    Dracos Sicht:
    Wieso hatte ich das getan? Das fragte ich mich immer wieder. Ich hätte auch irgendetwas anderes tun können, aber das war nunmal die erste Idee, die mir eingefallen war. Ich hätte sie fast geküsst. Diese Erkenntnis kam mir plötzlich. Ich war so nahe dran gewesen. Und das Schlimmste daran war, dass ich es nicht bereute. Ich bereute es kein bisschen. Ich war kurz davor gewesen meine beste Freundin zu küssen. Ich war ihr so nahe gewesen; hatte in ihre frühlingsgrünen Augen gesehen, die ich über alles liebte, hatte den Duft ihrer schokoladenbraunen Haaren gerochen. Sie duftete regelrecht; nicht, wie so viele Mädchen, nach Blumen, nein, sie roch nach Früchten, nach Erd- und Himbeeren, und auch leicht nach Vanille. Als ich ihr so nahe gewesen war, hatte ich mich gefühlt, als könnte ich ewig in dieser Bewegung bleiben; nur sie und ich. Via und ich. Ich verspürte ein solches Verlangen nach ihr, dass ich es gar nicht in Worte fassen konnte. Und dieses Gefühl, wenn wir zusammen waren, hatte ich noch nie gespürt. Es brannte in meinen Gliedern, setzte mich von innen in Brand. Soetwas hatte ich noch nie gespürt. Sie war wie ein Wirbelsturm in mein Leben geweht, und hatte alles durcheinander gebracht, auf den Kopf gestellt. Wenn ich sie sah, wollte ich sie am liebsten nur in den Arm nehmen, bei ihr sein. Doch dieser Wunschtraum würde nie in Erfüllung gehen. Ich wünschte, dass Via ganz mir gehören könnte, doch das war nicht wahr. Ich hatte Potters Blick gesehen; wie er Via angesehen hatte. Er würde sie beschützen, er würde sie für nichts in der Welt im Stich lassen. Für ihn war sie alles; sie besaßen eine unsichtbare Verbindung, die nichts zu trennen vermochte. Ich hatte gegen ihn keine Chance. Das Einzige, was ich tun konnte, war zu hoffen, zu träumen, und Via ein guter Freund zu sein.

    Olivias Sicht:
    Rasch gingen wir die Treppenstufen nach unten. Harry sah mich besorgt an. „Geht es dir gut?“ Hastig nickte ich. „Was ist passiert?“, fragte Harry. In meinem Kopf ratterte es. Ich musste mir rasch eine passende Geschichte ausdenken. „Ich...mir ging es nicht so gut und ich brauchte frische Luft, also bin ich auf den Astronomieturm gestiegen. Ich bin am Geländer gestanden und habe auf die Ländereien gesehen, aber plötzlich ist Malfoy aufgetaucht. Ich habe ihn gar nicht kommen hören. Er hat mich gepackt und wollte mich küssen. Aber bitte frag mich nicht, weshalb, ich weiß es nicht. Du bist gerade noch rechtzeitig aufgetaucht, Harry.“ Ich sah ihn an und hoffte, dass er mir glauben würde. „Dieses miese Schwein!“, schimpfte Harry. „Beruhig dich, Harry!“, versuchte ich ihn zu beschwichtigen. „Malfoy wollte dich küssen, Liv!“ „Bitte, Harry“, flüsterte ich, „komm runter.“ Er nickte. „Du hast ja recht.“ „Bitte, tu mir den Gefallen und erzähl niemandem davon, Harry.“ Er sah mich an. „Wenn du willst. Immerhin bist du das Opfer, du solltest es am Besten wissen.“

    Wir machten uns auf den Weg zurück zum Gemeinschaftsraum, bevor jemand bemerkte, dass wir fehlten. Wir schwiegen und ich ging meinen Gedanken nach. Konnte es wirklich sein, dass Draco mich küssen wollte? Ich fand keine andere Erklärung dafür. Und seltsamerweise war es mir im Nachhinein nicht einmal unangenehm. Doch ich wünschte mir, dass es Harry gewesen wäre, und nicht Draco, der mich küssen wollte. Aber Harry hatte nicht sonderlich erfreut über Dracos Versuch gewirkt...Oh, Man! Ich vergaß vollkommen, dass das nur ein Schauspiel gewesen war; freiwillig würde Draco soetwas nie tun. Aber wir hatten so kurzfristig eben keine andere Wahl gehabt. Harry riss mich aus meinen Gedanken, als wir vor dem Porträtloch ankamen. „Fieser Hund!“, murmelte Harry. „Und Sie auch!“, erwiderte Sir Cadogan und ließ uns ein. Sobald wir im Gemeinschaftsraum waren, machte ich mich schnurstracks auf den Weg zum Mädchenschlafsaal. Ich sah nicht nach links und rechts und verschwand rasch. Im Schlafsaal ließ ich mich auf mein Bett fallen und seufzte. Ich hatte einfach eine Lust zu Feiern. Ich nahm mir ein Buch, beachtete den Lärm von unten nicht und setzte mich auf den Fenstervorsprung. Der Mond schien herab und leuchtete so hell, dass ich bequem lesen konnte.

    Irgendwann, mitten in der Nacht, hörte ich plötzlich einen so lauten Schrei, dass ich verschlafen aus dem Bett hochschreckte. „AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAARRRRRRRRRRRRRRRRRRRRHHHHH HHHHHHHHHHHHHHHH! NEIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIN!“
    Ich horchte in der Dunkelheit und mir gefror das Blut in den Adern. Der Schrei kam aus dem Schlafsaal von Harry und Ron! Hastig zog ich mir in der Dunkelheit den Morgenmantel über, riss die Tür auf und rannte zum Jungenschlafsaal hinüber. Auch einige anderen waren herunter gekommen; alle gähnten fest. „Alle zurück in die Betten!“, rief Percy, der jetzt hereingerannt kam und sich beim Sprechen sein Schulsprecher-Abzeichen an den Schlafanzug heftete. „Perce - Sirius Black!“, meinte Ron matt. „In unserem Schlafsaal! Mit einem Messer! Hat mich geweckt!“ Offenbar war Ron derjenige, der geschrien hatte. Im Gemeinschaftsraum wurde es totenstill. „Unsinn!“, erwiderte Percy, wenn auch verdutzt. „Du hast zu viel gegessen, Ron - davon hat man Alpträume -...“ „Ich sag dir doch-...“ „Jetzt aber wirklich, genug ist genug!“ Professor McGongall war wieder da. Sie schlug das Porträt hinter sich zu, trat in den Gemeinschaftsraum und blickte wütend in die Runde. „Ich bin ja froh, dass Gryffindor das Spiel gewonnen hat, aber Ihr Verhalten wir allmählich lästig. Percy, ich hätte mehr von Ihnen erwartet!“ „Ich habe das natürlich nicht erlaubt, Professor!“, antwortete Percy empört. „Ich hab sie alle ins Bett zurückgeschickt. Mein Bruder Ron hier hatte einen Alptraum-...“ „Es war kein Alptraum!“, rief Ron. „Professor, ich bin aufgewacht und da stand Sirius Black über mir mit einem Messer in der Hand!“ Professor McGonagall starrte ihn an, als wisse sie nicht so ganz, ob sie ihm glauben sollte. „Machen Sie sich nicht lächerlich, Weasley, wie hätte er denn durch das Porträtloch kommen sollen?“ „Fragen Sie doch den!“, meinte Ron und wies mit zitterndem Zeigefinger auf die Rückseite von Sir Cadogans Gemälde. „Fragen Sie ihn, ob er -...“ Mit einem übellaunigen Blick auf Ron stieß Professor McGonagall das Porträt zur Seite und ging hinaus. WIr lauschten alle mit angehaltenem Atem. „Sie - Sie haben ihn eingelassen?“, kreischte Professor McGonagall. „Aber - aber das Passwort!“ „Er hat sie gehabt!“, erklärte Sir Cadogan stolz. „Hatte alle von der ganzen Woche! Hat sie von einem kleinen Zettel abgelesen!“ Professor McGonagall kletterte zurück durch das Porträtloch und wandte sich der sprachlosen Menge zu. Sie war weiß wie Kreide. „Wer von Ihnen“, sagte sie mit zitternder Stimme, „welcher unsäglicher Dummkopf hat die Passwörter von dieser Woche aufgeschrieben und sie herumliegen lassen?“ Zunächst herrschte vollkommende Stille und dann, zuerst kaum vernehmlich, hörte man ein schrecklich verängstigtes Fiepen. Neville hob, von Kopf bis Fuß zitternd, langsam die Hand.
    Keiner im Turm der Gryffindors schlief in dieser Nacht. Wir wussten, dass das Schloss erneut durchsucht wurde, und das ganze Haus wartete im Gemeinschaftsraum auf die Nachricht, dass sie Black endlich gefasst hätten. Im Morgengrauen kehrte Professor McGonagall zurückund sagte uns, dass er wieder entkommen war. Wo immer wir am nächsten Tag hinkamen, überall fielen uns die scharfen Sicherheitsvorkehrungen auf; Professor Flitwick brachte dem Schlossportal anhand eines großen Bildes bei, Sirius Black zu erkennen; Filch wuselte die Korridore entlang und gipste alles zu, was er findne konnte, von kleinen Rissen in der Wand bis zu winzigen Mauselöchern. Sir Cadogan wurde gefeuert. Sein Porträt hing wieder auf dem verlassenen Korridor im siebten Stock und die fette Dame war wieder an ihrem ursprünglichen Platz. Sie war zwar fachmännsich restauriert worden, doch noch immer war sie höchst nervös. Ihre Rückkehr hatte sie nur unter der Bedingung zugestimmt, dass man ihr zusätzlichen Schutz bot. Und so wurde zu ihrer Bewachung eine Truppe bärbeißiger Sicherheitstrolle angeheuert. Diese bedrohlich wirkenden Gestalten, die jetzt auf dem gesamtne Korridor Streife gingen, unterhielten sich mithilfe von Grunzlauten und verglichen zum Zeitvertreib die Größe ihrer Schlagkeulen. Ron war über Nacht zur Berühmtheit geworden.Zum ersten Mal in seinem Leben schenkten ihm die anderen Schüler mehr Aufmerksamkeit als Harry und offensichtlich genoss er dies. Zwar steckten ihm die nächtlichen Ereignisse noch immer in den Knochen, aber dennoch schilderte er jedem, der es hören wollte, was geschehen war, und sparte dabei nicht an Einzelheiten. Neville hingegen war in Schimpf und Schande gefallen. Professor McGonagall war so wütend auf ihn, dass sie ihm jeden weiteren Besuch in Hogsmeade verboten, ihm eine Strafarbeit aufgehalst und jedem untersagt hatte, ihm das Passwort zum Turm zu verraten. Der arme Neville musste nun jeden Abend draußen vor dem Gemeinschaftsraum warten, wo ihn die Sicherheitstrolle misstrauisch beäugten, bis jemand kam, der ihn einließ. Die schlimmste Strafe jedoch war von seiner Großmutter. Zwei Tage später schickte sie ihm einen Heuler. „Hau lieber ab, Neville“, riet ihm Ron, als wir beim Frühstück saßen. Neville ließ sich das nicht zweimal sagen. Er packte den Umschlag, hielt ihn mit ausgestrecktem Arm vor sich wie eine Bombe und rannte aus der Halle. Das war ein solch lustiger Anblick, dass der Tisch der Slytherins in tosendes Gelächter ausbrach. Ich hörte den Heuler in der Eingangshalle losgehen. Die Stimme von Nevilles Großmutter, magisch verstärkt auf das Hundertfachte ihrer üblichen Lautstärke, schimpfte und tobte, was er für eine Schande für die Familie sei.

    Ich rührte währenddessen in meinem Früchtetee herum. Harry sah wütend zu Draco hinüber, der am Slytherintisch saß. Er hatte sich immer noch nicht beruhigt. „Dieser Bastard...“, knurrte Harry. „Pssst“, flüsterte ich, doch Ron hatte es gehört. „Wer ist ein Bastard?“, fragte er. „Malfoy“, erwiderte Harry, ohne meinen warnenden Blick zu beachten. „Was hat er jetzt schon wieder angestellt?“ Ich funkelte Harry aus bösen Augen an, doch er achtete gar nicht darauf. „Er wollte Liv küssen.“ Wütend starrte ich ihn an. „Harry!“ „Er hat was?“, fragte Ron an mich gewandt. „Liv, stimmt das?“ Zögernd nickte ich. „Was denkt er eigentlich, wer er ist?“ „Ich bin gerade noch rechtzeitig gekommen“, murmelte Harry. Er wollte mich doch nur küssen, und nicht umbringen!, dachte ich, doch ich hielt den Mund. Beide begannen auf Draco zu schimpfen und irgendwann, als es mir zu viel wurde, unterbrach ich die beiden: „Wir sollten los zum Unterricht! Ansonsten fängt der nämlich ohne uns an!“ Beide nickten und standen auf. Und somit war das Thema „Malfoy“ und „Kuss“ vom Tisch.

    Beim Mittagessen brachte Hedwig Harry einen Brief. Neugierig blickten Ron und ich über Harrys Schulter.

    Lieber Harry, lieber Ron, liebe Olivia,
    wie wär’s mit einer Tasse Tee heute Nachmittag gegen sechs? Ich hol euch vom Schloss ab. Wartet in der Eingangshalle auf mich. Ihr dürft nicht alleine rausgehen.
    Beste Grüße,
    Hagrid.

    „Er will wahrscheinlich alles über Black hören!“, vermutete Ron. Und so verließen wir an diesem Nachmittag um sechs den Turm der Gryffindors, gingen schleunigst an den Sicherheitstrollen vorbei und stiegen hinunter zur Eingangshalle. Hagrid wartete bereits auf uns. „Ich weiß, Hagrid!“, meinte Ron. „Du willst sicher wissen, was Samstagnacht passiert ist?“ „Das weiß ich schon alles“, erwiderte Hagrid, öffnete das Portal und begleitete uns nach draußen. „Ach so“, meinte Ron ein wenig enttäuscht. Das Erste, was wir sahen, als wir in Hagrids Hütte traten, war Seidenschnabel. Die gewaltigen Flügel an den Körper geschmiegt hatte er sich der Lände nach auf Hagrids Flickenvorleger ausgestreckt und verspeißte genüsslich einen großen Teller toter Frettchen. Ich wandte meine Augen von diesem unschönen Anblick ab und sah nun einen kolossalen Anzug aus braunem Fellhaar und eine fürchterlich grelle orangerote Krawatte an der Tür von Hagrids Kleiderschrank hängen. „Wofür brauchst du denn diese Klamotten?“, fragte Harry. „Für den Prozess gegen Seidenschnabel vor dem Ausschuss für die Beseitigung gefährlicher Geschöpfe“, antwortete Hagrid. „Diesen Freitag. Wir fahren zusammen runter nach London. Ich hab zwei Betten im Fahrenden Ritter gebucht...“ Mich überkamen mit einem Moment peinliche Gewissensbisse. Dass Seidenschnabel bald der Prozess draohte, hatte ich völlig vergessen, und nach Harrys und Rons verlegener Miene zu schließen war es ihnen nicht anders ergangen. Zudem hatten wir unser Versprechen vergessen, Hagrid bei der Vorbereitung für Seidenschnabels Verteidigung zu helfen. Ich sah beschämt zu Boden. Hagrid schenkte uns Tee ein und bot uns einen Teller Rosinenbrötchen an, doch wir lehnten dankend ab; Hagrids Kochkünste hatten wir noch gut in Erinnerung. Hagrid wandte sich an mich. „Hab von deiner Folterung gehört.“ Ich sah auf. „Muss schrecklich gewesen sein, oder?“ Ich nickte. „Ich kann mich an nichts mehr erinnern. Na ja, an fast nichts. Da ist nur die Erinnerung an den Schmerz.“ „Wie fühlt sich das an?“, fragte Harry neugierig. „Es fühlt sich an, als ob tausende Messer deinen Körper durchbohren würden, und das immer wieder.“ Das war Harry Antwort genug, denn er schwieg. Eine unangenehme Stille trat ein. Irgendwann räusperte sich Hagrid und sagte: „Ich hab was mit euch zu besprechen.“ Er setzte eine für ihn ungewöhnlich ernste Miene auf. „Was denn?“, wollte Harry wissen. „Hermine.“ „Was ist mit ihr?“, fragte Ron. Ich blieb still. „Geht ihr ziemlich elend. Sie hat mich seit Weihnachten oft besucht, müsst ihr wissen. Hat sich einsam gefühlt. Erst habt ihr wegen dem Feuerblitz nicht mit ihr geredet, und jetzt ist es wegen ihrem Kater-...“, sagte Hagrid an Ron und Harry gewandt. „hat Krätze gefressen!“, warf Ron zornig ein. „So sind sie eben, die Kater“, fuhr Hagrid unbeirrt fort. „Sie hat ziemlich oft geheult. Hat’s nicht leicht. Hat sich mehr aufgehalst, als sie verkraften kann, wenn ihr mich fragt, diese ganze Lernerei tut ihr nicht gut. Hat aber trotzdem Zeit gefunden, mir mit Seidenschnabel zu helfen...und hat einiges herausgefunden, was ich wirklich gut gebrauchen kann...schätze mal, er hat jetzt ‘ne reelle Chance...“ „Hagrid, wir hätten dir auch helfen sollen - tut uns so Leid-...“, begann ich voller Schuldgefühle. „Ich will euch doch nichts vorwerfen“, tat Hagrid meine Entschuldigung mit einer Handbewegung ab. „Du lagst zwei Wochen nach deiner Folterung im Krankenflügel, und alle haben sich schon gefragt, ob du überhaupt wieder aufwachst.“ Er wandte sich auch an Harry und Ron. „Olivia, Harry, ihr hattet weiß Gott genug zu tun, ich hab euch Tag und Nacht Quidditch trainieren sehen - aber ich muss euch sagen, ich hätte gedacht, euch wär ein Freund wichtiger als Besen und Ratten. das ist alles.“ Harry und Ron tauschten betretene Blicke. „Sie war ganz durcheinander, unsere Hermine, als Black dich fast erstochen hat, Ron. Sie hat das Herz am rechten Fleck und ihr redet nicht mal mit ihr, Harry, Ron-...“ „Wenn dieser Kater verschwindet, red’ ich wieder mit ihr!“, unterbrach ihn Ron zornig, „aber sie hängt immer noch an dem Vieh! Ein richtiges Raubtier, und sie will kein einziges Wort gegen ihn hören!“ „Ach, weißt du, Ron, die Menschen stellen sich manchmal ein wenig dumm an, wenn’s um ihre Haustiere geht“, meinte Hagrid weise. Hinter ihm spuckte Seidenschnabel ein paar Frettchenknochen auf Hagrids Kissen.

    Der Rest der Zeit sprachen wir über Quidditch und die inzwischen besseren Chancen Gryffindors, den Pokal zu gewinnen. Um neun brachte Hagrid uns zurück ins Schloss. Im Gemeinschaftsraum drängte sich eine große Schülerschar um das Mitteilungsbrett. „Nächstes Wochenende geht’s wieder mal nach Hogsmeade!“, teilte uns Ron mit, der sich ein wenig vorgedrängelt hatte, um den neuen Zettel zu lesen. „Was meinst du?“, fügte er mit gedämpfter Stimme an Harry gewandt hinzu, während wir uns setzten. „Na ja, Filch hat sich um den Geheimgang zum Honigtopf nicht gekümmert...“, erwiderte Harry noch leiser. „Harry!“, hörte ich Mines Stimme. Wir zuckten zusammen und drehten uns um. Am Tisch hinter uns saß Mine, die gerade eine Lücke in die Wand aus Büchern freiräumte, die sie bisher verborgen hatte. „Harry, wenn du noch einmal nach Hogsmeade gehst...erzähle ich Professor McGonagall von dieser Karte!“, flüsterte Mine. „Hört ihr jemanden reden?“, knurrte Ron ohne Mine anzusehen. „Ron, wie kannst du ihn auch noch dazu anstacheln? Nach dem, was Black dir fast angetan hätte! Ich mein’s ernst, ich geh zu-...“ „Jetzt treibst du es noch so weit, dass sie Harry von der Schule werfen!“, zischte Ron wütend. „Hast du dieses Schuljahr noch nicht genug angerichtet?“ Ich sah zwischen den beiden hin und her, unfähig zu entscheiden, auf welcher Seite ich nun stand. Mine öffnete den Mund, um zu antworten, doch mit einem leisen Fauchen sprang Krummbein auf ihren Schoß. Mine warf Ron einen besorgten Blick zu, dessen Gesicht jetzt einen merkwürdigen Ausdruck annahm. Sie packte Krummbein und ging rasch in Richtung Mädchenschlafsaal davon.

    „Also, gehst du mit?“, fragte Ron Harry, als ob wir gar nicht unterbrochen worden wären. „Komm schon, das letzte Mal, als du in Hogsmeade warst, hast du noch nicht alles gesehen. Du warst noch nicht mal bei Zonko!“ Harry vergewisserte sich, dass Mine außer Hörweite war. „Gut“. flüsterte er. „Aber ich nehme den Tarnumhang mit.“

    26
    26. Kapitel

    Am Samstagmorgen ging ich zusammen mit Harry und Ron zum Frühstück. Mine warf uns von der anderen Seite des Tisches immer wieder misstrauische Blicke zu, doch meine Freunde beachteten sie gar nicht und als wir in die Eingangshalle kamen, sorgte Harry extra dafür, dass Mine sah, wie Harry die Marmortreppe emporstieg, während sich alle anderen am Portal versammelten. „Tschau!“, rief Harry Ron und mir zu. „Wir sehen uns, wenn ihr wieder zurück seid!“ Ron zwinkerte Harry zu, dann traten wir durch das Portal.

    Auf dem Weg nach Hogsmeade kamen Ron und ich über Harry ins Gespräch. „Hast du schon mit Harry geredet?“, fragte er. Verwirrt sah ich ihn an. „Worüber?“ „Na ja, du weißt schon. Das du....“ Ich schüttelte den Kopf. Natürlich wusste ich, von was er redete. „Wieso? Ich glaube, wenn du mit ihm reden könntest, würdest du dich sicher besser fühlen!“ Ich sah ihn ungläubig an. „Weißt du, was du gerade gesagt hast, Ron? Wenn ich mit Harry reden würde, könnte ich unsere Freundschaft für immer verlieren!“ „Harry würde soetwas doch nie tun; du bist seine beste Freundin.“ „Und eben deshalb werde ich nicht mit ihm reden; eben, weil ich seine beste Freundin bin.“ Unabsichtlich hart trat ich auf, sodass es schon fast weh tat. Wir schwiegen beide. Ich musste meine Gefühle für Harry einfach verdrängen. Irgendwann würden sie schon von allein verschwinden.

    Als wir schon zehn Minuten im Honigtopf waren und auf Harry warteten, spürte ich plötzlich, wie jemand meine Hand nahm. „Harry?“, flüsterte ich. „Ich bin’s“, murmelte er. „Wo hast du so lange gesteckt?“, zischte Ron. „Snape ist herumgeschlichen...“ Wir machten uns auf den Weg die Hauptstraße entlang. „Wo bist du?“, murmelte Ron immer wieder aus den Mundwinkeln. „Bist du noch da? Ein komisches Gefühl ist das...“ Wir gingen zum Postamt. Ron tat so, als wolle er wissen, wie viel eine Eule zu Bill nach Ägypten koste, damit sich Harry in Ruhe umsehen konnte. Danach besuchten wir Zonko, wo sich so viele Schüler drängelten, dass ich aufpassen musste, niemandem auf die Zehen zu treten. Hier gab es Scherz- und Juxartikel, die selbst Freds und Georges wildeste Träume verblassen ließen. Harry flüsterte uns zu, was wir tun sollten, und reichte uns unter seinem Umhang einige Goldmünzen. Wir verließen Zonko mit stark erleichterten Geldbeuteln, doch unsere Taschen waren berstend voll mit Stinkbomben, Schluckaufdrops, Froschlaichseife und mit je einer nasebeißenden Teetasse.

    Es war ein schöner Tag mit einer leichten Brise, und keiner von uns hatte Lust, sich in ein Café zu setzen. Also schlenderten wir an den Drei Besen vorbei und einen Hügel hinauf. Dort oben, ein wenig abseits vom dorf, stand das verspukteste Haus in ganz Großbritannien, die Heulende Hütte. Mit den brettervernagelten Fenstern und dem morastigen, überwucherten Garten war sie selbst bei Tageslicht etwas unheimlich. „Sogar die Geister von Hogwarts machen einen Bogen um die Hütte“, erklärte ich Harry, der meine Hand hielt, damit ich wusste, wo er war. Ron nickte. „Ich hab den Fast Kopflosen Nick gefragt...er meinte, hier hätte eine ziemlich raue Bande gelebt. Keiner kommt da rein. Fred und George haben’s natürlich versucht, aber alle Eingänge sind versiegelt...“ Doch plötzlich fuhr ich herum. Auf der anderen Seite des Hügels stieg jemand empor und ich hörte eine Stimme, die sprach. Sekunden später war Draco zu erkennen, dicht gefolgt von Crabbe und Goyle. Draco redete. „Ich erwarte jede Minute eine Eule von meinem Vater. Er musste zum Prozess, um ihnen von meinem Arm zu berichten...dass ich ihn drei Monate lang nicht gebrauchen konnte...“ Crabbe und Goyle glucksten. „Ich wünschte, ich könnte dabei sein, wenn sich dieser zottige Volltrottel zu verteidigen sucht...dieser Hippogreif ist so gut wie tot...“ Da fiel Dracos Blick auf mich und Ron. Sein blasses Gesicht verzog sich zu einem bösartigen Grinsen. „Rosier, Weasley, was macht ihr denn hier?“ Er sah an Ron vorbei zu dem baufälligen Haus. „Vermute mal, du würdest am liebsten hier wohnen, nicht wahr, Weasley? Träumst davon, ein eigenes Schlafzimmer zu haben? Hab gehört, bei euch schlafen sie alle in einem Zimmer - stimmt das?“ Ich musste Ron von hinten packen, damit er sich nicht auf Draco stürzte. „Überlasst ihn mir“, zischte Harry mir und Ron ins Ohr. Ich war gespannt, was gleich passieren würde. „Wir reden gerade über euren Freund Hagrid“, fuhr Draco fort. „Was er wohl dem Ausschuss für die Beseitigung gefährlicher Geschöpfe erzählt? Glaubt ihr, er fängt an zu heulen, wenn sie seinem Hippogreif-...“ Klatsch. Dracos Kopf ruckte nach vorn, als ihn der Schlamm vom Wegrand von hinten traf; an seinem silberblonden Haar tropfte der Moder herunter. „Was zum-?“ Ron bekam wabbelige Knie vor Lachen und musste sich am Zaun festhalten. Auch ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen. Draco, Crabbe und Goyle torkelten im Kreis herum und starrten fassungslos in die Gegend, was mich nur noch mehr zum Lachen brachte. Dieser Anblick war einfach nur genial! Mühselig wischte sich Draco den Dreck aus den Haaren. „Wer war das?“ „Spukt ganz schön hier oben“, sagte ich, als ob ich über das Wetter reden würde. Crabbe und Goyle bekamen es ganz offensichtlich mit der Angst zu tun. Gegen Gespenster konnten sie mit ihren überquellenden Muskelpaketen nichts ausrichten. „Das hast du nicht erwartet, oder, Malfoy?“, fragte ich scheinheilig. Flatsch. Diesmal bekamen Crabbe und Goyle ihren Anteil. Goyle tapste wütend umher und wischte sich verzweifelt den Schlick aus den kleinen Augen. Während Crabbe und Goyle versuchten, den Matschwerfer, alias Harry, zu fassen, bemerkte ich nicht, wie Draco näher auf mich zukam, da ich mich immer noch über die Gesichter der beiden kaputt lachte. Crabbe stolperte gerade los, die Arme ausgestreckt wie ein Zombie. Aus dem Nichts wurde plötzlich ein Ast auf Crabbes Rücken geschleudert. Dieser hob vor Schreck vom Boden ab und drehte in der Luft eine Pirouette. Crabbe ging nun auf Ron los; im nächsten Moment wurde ich plötzlich an meiner rechten Hand gepackt und herumgedreht. Ich starrte ins Dracos Gesicht. „Da gibt es noch etwas, dass wir erledigen müssen, Rosier!“ „Lass mich los, Malfoy!“, zischte ich, doch er dachte gar nicht daran. Draco zog mich an sich heran, während ich versuchte, mich von ihm loszureißen. Er packte meine Hände. Sein Gesicht kam immer näher an mich heran und im nächsten Moment lagen seine Lippen auf meinen.

    Ich hatte nie gewusst, wie sich ein Kuss anfühlte. Aber wenn das ein Kuss war, dann wollte ich nie wieder etwas anderes bekommen. In mir herrschte ein regelrechtes Feuerwerk, das explodierte, als unsere Lippen aufeinandertrafen. Ich könnte ewig in dieser Position verharren. Es war nicht unangenehm; ich fühlte mich, als hätte ich nie etwas anderes getan. In diesem Moment gab es nur uns beide; Draco und ich. Und trotzdem musste ich mich von Draco losreißen. Ich versuchte es immer wieder, doch er ließ nicht los.

    Dracos Sicht:
    Ich wünschte, dass dieser Moment ewig andauern würde. Es war, als hätte ich eine scheinbar unüberwindbare Mauer durchbrochen, als hätte ich alle Ketten gesprengt. In mir herrschte ien solches Glücksgefühl, dass ich es gar nicht beschreiben konnte. Ich verstand nicht, wie sie mich so fühlen lassen konnte. In diesem Moment wollte ich nur eines: ich wollte sie. Ich konnte mir nicht vorstellen, jemals wieder ohne sie sein zu müssen.

    Harrys Sicht:
    Ich erstarrte. Das was ich gerade sah, ließ mein Herz zerbrechen und in mir brannte eine solche Wut, dass ich Malfoy am liebsten den Kopf abreißen wollte. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Malfoy. küsste. meine. beste. Freundin. Ich war nicht der Einzige, der erstarrt war. Ron, Crabbe und Goyle starrten die beiden ebenfalls fassungslos an. Liv versuchte, sich irgendwie aus Malfoys Griff zu befreien, doch es wollte ihr nicht gelingen. Ich bückte mich, griff in den Moder und warf den Schlamm mit aller Kraft auf Malfoy. Es traf ihn direkt an der Stirn. Liv riss sich los.

    Olivias Sicht:
    Ich riss mich aus Dracos Griff los und sah ihn fassungslos an, bis mir der Kragen platzte. „SAG MAL, MALFOY, SPINNST DU?“, schrie ich ihm direkt ins Gesicht, doch ich bekam keine Antwort. In seinen Augen las ich nur die Bitte, dass ich ihm verzeihen würde. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Einer meiner besten Freunde hatte ich mich gerade geküsst. Auch Ron, Crabbe und Goyle erwachten aus der Schockstarre. Crabbe ging nun auf Ron los, doch offenbar stellte Harry ihm Bein. Und im nächsten Moment war Harrys Kopf zu sehen. Für einen Bruchteil der Sekunde starrten Draco und ich, da wir immer noch nahe beieinander standen, den Kopf ohne Körper an. „AAAAARH!“, brüllte Draco und zeigte auf Harrys Kopf. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und rannte mit halsbrecherischer Geschwindigkeit den Hügel hinunter, Crabbe und Goyle auf den Fersen. „Harry!“, rief ich, „du haust besser ab! Wenn Malfoy das erzählt - du musst zurück ins Schloss, aber schnell-...“ „Bis später“, hörte ich Harrys Stimme aus dem Nichts und ich hörte, wie er den Weg hinunterrannte.

    Ich sank im Gras zusammen und schluchzte. „Was denkt Harry jetzt wohl von mir?“, fragte ich Ron weinend. „Du hast nicht so ausgesehen, als würde dir der Kuss gefallen; er nimmt wohl an, dass du daran nicht schuld bist; er wird Malfoy die Schuld geben.“ Ich nickte und stand auf. „Los, wir müssen zurück!“, rief ich Ron zu, während ich meine Tränen trocknete. Er nickte. „Harry braucht ein Alibi!“

    Während wir den Weg zum Schloss hinaufrannten, fragte ich Ron keuchend: „Okay, wir müssen nachdenken. Wem würde Malfoy am ehesten erzählen, dass er Harry in Hogsmeade gesehen hat?“ „Snape!“, stieß Ron nach Luft ringend aus. „Also ist Harry sicher in Snapes Büro!“, vermutete ich. Ron nickte und wir sprinteten noch schneller.

    Kaum, dass wir im Schloss angekommen waren, machten wir uns auf den Weg in den Kerker. Na ja, besser gesagt, wir rannten. „Was sagen wir Snape, woher Harry die Scherzartikel von Zonkos hat?“, keuchte Ron. „Wir sagen ihm, wir hätten sie Harry das letzte Mal aus Hogsmeade mitgebracht!“ Im nächsten Moment stürzten wir auch schon in Snapes Büro. Völlig außer Atem kamen wir kurz vor seinem Schreibtisch zum Stehen. Ron hielt sich die Hand auf die stechende Brust gepresst und versuchte, etwas zu sagen. „Wir - haben - Harry - diese - Sachen - geschenkt“, würgte er hervor, während mir auffiel, dass sich außer Harry und Snape auch Professor Lupin im Raum befand. Ich nickte heftig. „Wir haben sie...bei Zonko gekauft...schon - ewig - lange - her...“ „Gut!“, meinte Lupin, klatschte in die Hände und blickte gut gelaunt in die Runde, „das scheint mir die Sache zu klären! Severus, das hier nehme ich an mich, einverstanden?“ Es war die Karte des Rumtreibers. Ich hatte ganz vergessen, dass Harry die Karte dabeihatte. Er faltete sie zusammen und steckte sie in den Umhang. „Harry, Ron, Olivia, ihr kommt mit mir auf ein Wort über den Vampiraufsatz - entschuldigen Sie uns bitte, Severus -...“ Wir gingen hinaus und ich wagte nicht, einen Blick auf Snape zu werfen, nicht, dass er noch merkte, dass wir ihn angelogen hatten. Ohne ein einziges Wort zu wechseln gingen wir den ganzen Weg zurück zur Eingangshalle. Dann wandte sich Harry an Lupin. „Professor, ich-...“ „Ich möchte jetzt keine Erklärung hören“, sagte Lupin kurz angebunden. Er sah sich in der leeren Eingangshalle um und dämpfte die Stimme. „Zufällig weiß ich, dass Mr. Filch diese Karte vor vielen Jahren beschlagnahmt hat.“ Wir rissen erstaunt die Augen auf. „Ja, ich weiß, dass es eine Karte ist“, fuhr er fort. „Ich möchte nicht wissen, wie sie in deinen Besitz gelangt ist. Allerdings bin ich erstaunt, dass du sie nicht an mich weitergegeben hast. Besonders nach dem, was beim letzten Mal passiert ist, als ein Schüler Informationen über das Schloss herumliegen hat lassen. Und ich kann sie dir nicht zurückgeben, Harry.“ Harry widersprach nicht. „Warum glaubt Snape eigentlich, dass ich sie von den Herstellern habe?“ „Weil...“, Lupin zögerte, „weil die Hersteller der Karte dich sicher aus der Schule haben wollten. Das hätten sie höchst unterhaltsam gefunden.“ „Sie kennen sie?“, fragte ich beeindruckt. „Oberflächlich“, erwiderte Lupin knapp. Er sah Harry ernst an. „Glaub nicht, dass ich noch einmal für dich die Hand ins Feuer lege, Harry. Ich kann dich nicht dazu zwingen, Sirius Black ernster zu nehmen. Aber ich hätte geglaubt, dass die Dinge, die du hörst, wenn die Dementoren in die Nähe kommen, dich stärker beeindruckt hätten. Deine Eltern haben ihr Leben für deines geopfert, Harry. Das ist keine schöne Art, ihnen zu danken - ihr Opfer für eine Tüte magischer Scherzartikel zu verspielen.“ Er ging davon und ließ uns stehen. Langsam stiegen wir die Marmortreppe wieder nach oben. „Es ist meine Schuld“, sagte Ron aus heiterem Himmel. „Ich hab dich angestiftet dürfen, mitzukommen. Lupin hat Recht, es war dumm, wir hätten es nicht tun dürfen-...“ Er verstummte; wir waren jetzt in dem Korridor, in dem die Sicherheitstrolle auf und ab marschierten, und Mine kam auf uns zu. Nach einem Blick in ihr Gesicht war ich mir sicher, dass sie gehört hatte, was passiert war. Sie hielt vor uns an. „Na, willst du deine Schadenfreude genießen?“, fragte Ron gehässig. „Oder hast du uns gerade verpetzt?“ Ich stieß ihm mit dem Ellbogen in den Bauch. Wieso konnte er das nicht einfach lassen? „Nein“, erwiderte Mine. Sie hielt einen Brief in der Hand und ihre Lippen zitterten. „Ich dachte nur, ihr solltet es erfahren...Hagrid hat den Prozess verloren. Sie werden Seidenschnabel hinrichten.“

    „Er -er hat mir das geschickt“, meinte Mine und hielt einen Brief in die Höhe. Ich nahm das feuchte Pergament. Riesige Tränen hatten die Tinte an manchen Stellen so verschmiert, dass der Brief schwer zu lesen war.

    Liebe Hermine,
    wir haben verloren. Ich darf ihn nach Hogswarts zurückbringen. Der Tag der Hinrichtung steht noch aus. London hat Schnäbelchen gefallen. All deine Hilfe für uns werde ich nie vergessen.
    Hagrid

    „Das können sie doch nicht einfach machen“, beschwerte ich mich. „Das dürfen sie nicht! Seidenschnabel ist nicht gefährlich.“ „Malfoys Vater hat den Ausschuss eingeschüchtert“, erklärte Mine und wischte sich die Augen. „Ihr wisst doch, wie er ist. Das ist eine Bande tattriger alter Dummköpfe und sie hatten Angst. Allerdings gibt es wie immer eine Berufungsverhandlung. Aber ich mache mir keine Hoffnungen...ändern wird sich nichts.“ „Oh doch“, erwiderte Ron grimmig. „Diesmal bist du nicht alleine, Hermine, ich werde dir helfen.“ „Oh Ron!“ Sie warf ihre Arme um seinen Hals und schluchzte verzweifelt. Ron, vollkommen ratlos, tätschelte schüchtern ihren Kopf. Schließlich ließ sie ihn wieder los. „Ron, es tut mir wirklich ganz furchtbar Leid wegen Krätze...“, schluchzte sie. „Ach - ähm - es war schon eine alte Ratte“, antwortete Ron, offenbar ausgesprochen erleichtert, dass sie wieder auf eigenen Beinen stand. „Und nicht besonders nützlich. Wer weiß, vielleicht kaufen mir Mum und Dad jetzt eine Eule.“ Harry und ich wussten nicht so ganz, wie wir auf die Szene vor uns reagieren sollten. Ich sah zu Boden. „Weißt du schon, was passiert ist?“, fragte ich Mine. Sie schüttelte den Kopf. „Malfoy hat mich geküsst.“ Mine riss die Augen auf. „Er hat WAS?“ Ich nickte. „Aber warum?“ „Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass jetzt Crabbe, Goyle, Harry und Ron davon wissen.“ Ron und Harry nickten. „Ich hab ihm danach Matsch ins Gesicht geworfen.“, knurrte Harry. „Bei Merlins Unterhose, was fällt diesem Bastard eigentlich ein?“, sagte Ron wütend. „Wie kann er es eigentlich wagen? Ich meine, du hast dich ja gewehrt, Liv. Er hat dich einfach, gegen deinen Willen, geküsst.“ Ich sah beschämt zu Boden. „Hey, Liv“, murmelte Harry. „Beruhig dich. Wenn er das noch einmal tut, bring ich ihn um.“ Ich nickte und zusammen machten wir uns auf den Weg in den Gemeinschaftsraum.

    Abends lag ich hellwach im Bett und starrte an die Decke. Ich konnte das einfach nicht glauben. Draco hatte mich geküsst. Er hatte mich geküsst, und das Schlimmste daran war, dass mir der Kuss gefallen hatte. Ich verfluchte mich innerlich dafür. Wieso mochte ich das Gefühl, das mir Flügel verlieh? Wenn mir Draco dieses Gefühl verlieh, wie würde es dann erst bei Harry sein? Wie sehr ich mir wünschte, dass Harry mich küssen würde...Und trotzdem verfluchte ich Draco dafür, dass er mich geküsst hatte. Hatte er keine andere Wahl gehabt? Das konnte ich nicht glauben. Er hätte tausend andere Dinge tun können. Wieso hatte er mich geküsst? Und ohne eine Antwort gefunden zu haben, schlief ich ein.

    Dracos Sicht:
    Ich verstand mich im Moment selbst nicht. Ich verfluchte mich dafür; ich hatte sie gesehen, sie und Weasley. Und heute war sie mal wieder unwiderstehlich gewesen. Ihr Haar lag perfekt, ihre Augen blitzten und sie lächelte. Verdammt, wieso konnte ich mich in ihrer Gegenwart nicht beherrschen? Ich wusste nicht, was in diesem Moment in mir vorgegangen war, aber meine Gefühle hatten mich überrannt. Sie hatte gelacht; dieses wunderhübsche Lachen eines Engels. Und schon wieder verfluchte ich mich innerlich. Wieso konnte ich meine beste Freundin nur so beschreiben? Wieso machte mich ihre reine Gegenwart regelrecht wahnsinnig? Ich wollte mir meine Gefühle einfach nicht eingestehen. Sie war so viel mehr, als nur eine Freundin; sie war meine Seelenverwandte, meine Schwester, meine andere Hälfte, mein fehlender Teil. Und erneut stöhnte ich auf. Sie machte mich zu einem Romantiker; mich: Draco Malfoy! Und wenn ich das jemanden erzählt hätte, würde dieser Person mich auslachen, da war ich mir sicher.

    27
    27. Kapitel

    Olivias Sicht:
    Seit Blacks zweitem Einbruch waren scharfe Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden und wir konnten Hagrid abends nicht mehr besuchen. Die einzige Gelegenheit, mit ihm zu reden, ergab sich in Pflege magischer Geschöpfe. Der Schock des Urteils schien ihm immer noch in den Knochen zu stecken. „S’ ist alles meine Schuld. Hab einfach den Mund nicht aufgebracht. Die sitzen alle vor mir in den schwarzen Umhängen und ich lass ständig meine Zettel fallen und vergess alles, was du für mich aufgeschrieben hast, Hermine. Un dann steht auch noch Lucius Malfoy auf und sucht seinen Teil und der Ausschuss hat genau das gemacht, was er wollte...“ „Du hast doch immer noch die Berufung!“, murmelte Ron grimmig. „Gibt ja nicht auf, wir lassen uns was einfallen!“, versuchte ich Hagrid aufzumuntern.

    Nach dem Unterricht gingen wir zusammen zurück zum Schloss. In einiger Entfernung auf dem ansteigenden Weg sahen wir Draco mit Crabe und Goyle, die sich immer wieder mit hämischem Gelächter zu uns umdrehten. „Nützt doch alles nichts, Olivia“, erwiderte Hagrid traurig, als wir die Schlosstreppe erreicht hatten. „Lucius Malfoy hat diesen Ausschuss in der Tasche. Ich kann nur noch dafür sorgen, dass es Seidenschnäbelchen für den Rest seiner Tage richtig gut geht. Das schulde ich ihm...“ Hagrid drehte sich um, vergrub das Gesicht in sein Taschentuch und kehrte rasch zu seiner Hütte zurück. „Guckt mal, wie der flennt!“ Draco, Crabbe und Goyle hatten hinter dem Schlossportal gestanden und gelauscht. Ich fuhr herum und musterte Draco aus böse funkelnden Augen. „Hast du jemals so etwas Erbärmliches erlebt, Rosier?“, wandte sich Draco an mich. „Und der soll unser Lehrer sein!“ Harry und Ron gingen zornig ein paar Schritte auf ihn zu, doch Mine war schneller - klatsch. Mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, gab sie Draco ein paar gepfefferte Ohrfeigen. Ihm zitterten die Beine. Wir standen mit offenem Mund da und sahen zu, wie Mine wieder und wieder die Hand hob. „Wag es nicht noch einmal, Hagrid erbärmlich zu nennen, du Mistkerl - du Schuft -...“ Sie holte erneut aus und verpasste ihm die nächste Ohrfeige. „Und das ist dafür, dass du Liv gegen ihren Willen geküsst hast!“ „Hermine!“, sagte Ron zaghaft und versuchte ihre Hand, die noch einmal ausholte, festzuhalten. „Lass mich los, Ron!“ Sie zückte ihren Zauberstab. Draco wich zurück. Crabbe und Goyle suchten in heilloser Verwirrung seinen Blick. „Kommt“, murmelte Draco, und im Nu waren alle drei im Eingang zu den Kerkern verschwunden. „Hermine!“, rief Ron noch einmal, verdutzt und beeindruckt zugleich. „Harry, Liv, seht bloß zu, dass ihr ihn im Quidditch-Finale schlagt“, sagte Mine schrill. „Ihr müsst einfach, ich kann es nicht ertragen, wenn Slytherin gewinnt!“ „Zauberkunst hat schon angefangen“, murmelte Ron, der Mine immer noch glubschäugig anstarrte. „Wir müssen uns beeilen.“

    Zusammen rannten wir die Marmortreppe zu Professor Flitwicks Klassenzimmer hoch und betraten den Raum. Professor Flitwick stand schon vorne, doch ganz offenbar waren wir gerade noch rechtzeitig gekommen, denn er suchte nach einem Blatt Pergament und würdigte uns keines Blickes. „Schnell die Zauberstäbe raus, wir üben heute den Aumunterungszauber, tut euch bitte paarweise zusammen-...“ Harry, Ron und ich eilten zu einem Tisch ganz hinten, wo nur Neville saß, und öffneten unsere Mappen. Ron blickte über die Schulter. „Wo ist Hermine?“ Auch Harry und ich sahen uns um. Mine war nicht mit ins Klassenzimmer gekommen, doch ich wusste genau, dass sie neben mir gewesen war, als ich die Tür geöffnet hatte. „Ist ja seltsam“, murmelte ich. „Vielleicht ist sie aufs Klo gegangen?“ Doch Mine tauchte in dieser Stunde nicht mehr auf. „Einen Aufmunterungszauber hätte sie auch gut brauchen können“, meinte Ron, als wir über das ganze Gesicht grinsend zum Mittagessen gingen - der Zauber hatte uns das Gefühl tiefster Zufriedenheit verschafft.

    Auch beim Essen fehlte Mine. Als wir unseren Apfelkuchen gegessen hatten, ließ die Wirkung des Aufmunterungszaubers langsam nach und mich beschlich allmählich Unruhe. „Glaubt ihr, Malfoy hat ihr was getan?“, frage Ron besorgt, während wir zum Gryffindor-Turm hinaufrannten. Diese Vermutung konnte ich nicht teilen. Wenn Draco Mine etwas getan hätte, würde er meinen Zorn auf sich ziehen, und er wusste, dass mit mir nicht zu spaßen war, wenn ich wütend war. Das würde Draco sicher nicht riskieren. Wir kamen an den Sicherheitstrollen vorbei, sagten der fetten Dame das Passwort (diesmal war es „Amontillado“) und kletterten durch das Porträtloch in den Gemeinschaftsraum. Mine saß an einem Tisch, den Kopf auf ein aufgeschlagenes Arithmantikbuch gelegt, und schlief tief und fest. Wir setzten uns neben sie. Vorsichtig stupste ich sie an. Mine schreckte hoch und sah sich um. „W...was ist?“, fragte sie verschlafen und verwirrt. „Müssen wir gehen? W...was haben wir jetzt?“ „Wahrsagen, aber erst in zwanzig Minuten“, erklärte ihr Harry. „Hermine, wieso warst du nicht in Zauberkunst?“ „Was? Oh nein!“, kreischte Mine, „ich hab Zauberkunst ganz vergessen!“ „Aber wie konnte dir das passieren?“, fragte ich. „Du warst doch direkt hinter uns!“ „Ich kann’s nicht fassen!“, klagte sie. „War Professor Flitwick sauer? Ach, es war Malfoy, an den hab ich gedacht und vollkommen den Faden verloren!“ „Weißt du was, Hermine?“, meinte Ron und sah auf den riesigen Arithmantikband, den sie als Kissen benutzt hatte. „Ich glaub, du drehst langsam durch. Du hast dir einfach viel zu viel vorgenommen.“ „Nein, tu ich nicht!“, erwiderte Mine, strich sich die Haare aus den Augen und suchte mit verzweifeltem Blick nach ihrer Tasche. „Ich hab nur einen Fehler gemacht, das ist alles! ich sollte am besten zu Professor Flitwick gehen und mich entschuldigen...Bis später in Wahrsagen!“

    Und tatsächlich trafen wir Mine zwanzig Minuten später am Fuß der Leiter zu Professor Trelawneys Turmzimmer wieder. Sie sah äußerst mitgenommen aus. „Ich kann einfach nicht glauben, dass ich den Aufmunterungszauber verpasst habe! Die kommen sicher in der Prüfung, Professor Flitwick hat da so was angedeutet!“ Nacheinander kletterten wir die Leiter zum dämmrigen, stickigen Turmzimmer hoch, Auf jedem der kleinen Tische stand eine Kristallkugel voll perlweißem Nebel. Harry, Ron, Mine und ich setzten uns zusammen an einen wackligen Tisch. „Ich dachte, Kristallkugeln kommen erst im nächsten Vierteljahr dran“, murmelte ich. „Na ja, dann sind wir immerhin, dass wir mit Handlesen fertig sind.“, zischte Harry. „Das hat mich ganz krank gemacht, wenn die bei jedem Blick auf meine Hände fast in Ohnmacht gefallen ist.“ „Einen schönen Tag wünsche ich euch!“, hörte ich die vertraute rauchige Stimme sagen, und mit gewohnt dramatischer Geste trat Professor Trelawney aus den Schatten heraus. Parvati und Lavender zitterten vor Begeisterung, was mich genervt die Augen verdrehen ließ. „Ich habe beschlossen, ein wenig früher als geplant mit der Kristallkugel zu beginnen“, erklärte Professor Trelawney. „Die Schicksalsgöttin hat mir mitgeteilt, dass die Prüfung im Juni sich ganz um die Kugel drehen wird, und ich will mich bemühen, euch genug Erfahrung zu vermitteln.“ Mine schnaubte. „Hört euch das an, >die Schicksalsgöttin hat mir mitgeteilt<! Wer bestimmt denn die Prüfungsaufgaben? Sie selbst! Eine wahrhaft erstaunliche Weissagung!“ Mine bemühte sich nicht einmal, die Stimme zu dämpfen. Harry, Ron und ich antworteten mit glucksendem Lachen. Ich konnte nicht erkennen, ob Professor Trelawney uns gehört hatte, denn ihr Gesicht war im Dunklen verborgen. Jedenfalls fuhr sie fort, als wäre nichts gewesen. „Das Lesen der Kristallkugel ist eine besonders raffinierte Kunst“, erklärte sie träumerisch. „Ich erwarte nicht, dass ihr schon beim ersten Mal Sehen könnt, wenn ihr in die unendlichen Tiefen der Kugel schaut. Wir üben jetzt zuerst, wie wir unser bewusstes denken und äußeren Augen entspannen.“ Ron hielt es nicht mehr aus; er begann, haltlos zu kichern und musste sich die Faust in den Mund stecken, um seinen Lachanfall zu ersticken. „Damit reinigen wir das Innere Auge und das Überbewusstsein. Wenn wir Glück haben, werden ein paar von euch vielleicht am Ende der Stunde Sehen können.“

    Und so ging es los. Ich stierte in die Kugel und versuchte angestrengt, etwas zu sehen. Dass Ron immer wieder in ersticktes Lachen ausbrach und Mine genervt aufseufzte, war auch nicht hilfreich. „Schon was gesehen?“, fragte Harry nach einer halben Stunde stummen Kristallkugelstarrens. „Ja, da auf dem Tisch ist ein Brandfleck“, murmelte Ron und deutete darauf. „Jemand hat seine Kerze umgestoßen.“ „Das ist doch komplette Zeitverschwendung“, fauchte Mine. „Ich könnte jetzt was Sinnvolleres machen. Zum Beispiel Aufmunterungszauber nachholen-...“ „Möchte jemand, dass ich ihm helfe, die Schattengestalten in seiner Kugel zu deuten?“, sagte Professor Trelawney, die gerade angewuselt kam. „Ich brauch keine Hilfe“, flüsterte Ron. „Ist doch klar, was das bedeutet. Heute Nacht wird’s ziemlich neblig.“ Harry und Mine glucksten belustigt. „Also bitte, ihr stört die Schwingungen in diesem Raum!“, schimpfte die Professorin empört, doch ich starrte weiter in die Kugel. In diesen weißen Rauchschwaden-... Moment, Rauchschwaden! Und plötzlich formten sich die weißen Nebelschwaden...Sie schlugen wie Flammen in die Höhe. Mir kam es vor, als würde es im Raum wärmer werden, bis zur regelrechten Hitze. Und zwischen den Flammen erkannte ich riesige Rauchschwaden und hörte eine Stimme, die meinen Namen rief.

    Harrys Sicht:
    „Feuer“, flüsterte Liv hinter mir. Verwundert drehten wir uns zu ihr. „Was hast du gesagt?“, fragte Ron, doch Liv schien ihn gar nicht zu hören. „Liv?“, fragte ich besorgt. Ihre Augen waren ganz glasig und sie wirkte, als ob sie gar nicht anwesend wäre. Professor Trelawney war jedoch regelrecht entzückt. „Hach, sie sieht in der Kugel!“, erklärte sie den Schülern, die mittlerweile alle zu uns hinüber sahen. „Ms. Rosier sieht etwas! Nun, meine Liebe, was sehen Sie?“, fragte sie Liv. „Feuer! Überall Feuer!“, hauchte sie entsetzt. Mine verdrehte nur die Augen. „Und was sehen Sie noch?“, horchte Professor Trelawney Liv weiter aus. „Rauch...Mond...mein Medaillon...“, ratterte sie hinunter, als ob sie die Professorin immer noch nicht hören konnte. Irrte ich mich, oder rann ihr im nächsten Moment eine Träne über die Wange? Das konnte doch nicht sein! „Sie muss wirklich etwas sehen. Liv würde doch nie mitten im Unterricht anfangen, zu weinen!“, flüsterte Ron, dem die ganze Sache nicht ganz geheuer war. „Liv!“, redete ich auf sie ein und rüttelte an ihrem Arm. „Nein!“, rief Professor Trelawney entsetzt, „zerstören Sie die Bindung nicht!“ Doch Ron und ich hörten gar nicht auf sie. Ich zog sie etwas von Kugel weg. Alle anderen im Raum waren wie erstarrt. Lavender und Parvati tuschelten aufgeregt miteinander und sogar die Slytherins sahen zu uns herüber. Malfoy starrte Liv wie hypnotisiert an. Ron zog die Kugel von Liv weg und im nächsten Moment starrte sie uns verwirrt an. „Wie geht’s dir, Liv?“, fragte ich sie besorgt. Sie schüttelte kurz den Kopf. „Ganz gut, glaub ich zumindest...“

    Olivias Sicht:
    Harry sah mich trotzdem noch besorgt an. Professor Trelawney wandte sich nun Harry zu, wobei sie aber ständig irgendwelche leisen Wörter vor sich hin murmelte. „Hier ist etwas!“, flüsterte sie und berührte mit der Nasenspitze fast die Kugel, so dass sich ihr Gesicht in beiden riesigen Brillengläsern spiegelte. „Etwas bewegt sich...aber was ist es?“ Ich hätte alles, was ich besaß darauf gesetzt, dass dieses Etwas nichts Gutes war. Und tatsächlich- „Mein Lieber...“, raunte Professor Trelawney und blickte zu Harry auf. „Es ist hier, deutlicher als je zuvor...meine Güte, es schleicht auf dich zu und kommt immer näher...der Gr...“ „Ach zum Teufel damit!“, sagte Mine laut. „Nicht schon wieder dieser lächerliche Grimm!“ Professor Trelawneys riesige Augen richteten sich auf Mines Gesicht. Parvati flüsterte Lavender etwas ins Ohr und sie starrten Mine empört an. Die Professorin richteten sich auf und musterte Mine mit unverhohlenem Zorn. „Ich muss leider sagen, meine Liebe, bei Ihnen war mir auf den ersten Blick klar, dass Sie nicht die Begabung besitzen, welche die noble Kunst des Wahrsagens verlangt. Tatsächlich kann ich mich an keine einzige Schülerin erinnern, deren Geist so hoffnungslos irdischen Dingen zugewandt war.“ Für einen Moment trat Schweigen ein. Dann- „Schön!“, sagte Mine plötzlich, stand af und stopfte „Entnebelung der Zukunft“ zurück in ihre Schultasche. „Schön!“, wiederholte sie und warf sich die Tasche über die Schulter, wobei sie fast Ron vom Stuhl fegte. „Ich geb’s auf! Ich gehe!“ Und zur Verblüffung der ganzen Klasse, stapfte Mine hinüber zur Falltür, öffnete sie mit einem Fußtritt und verschwand. Alle brauchten einige Minuten, um zu begreifen, was vorgefallen war. Professor Trelawney schien den Grimm völlig vergessen zu haben. „Oooooooooooh!, durchbrach Lavender plötzlich die Stille und alle schreckten auf. „Oooooh, Professor Trelawney, mir ist etwas eingefallen! SIe haben sie gehen sehen, nicht wahr? Wissen Sie noch, Professor? >Um Ostern wird einer von uns für immer von uns gehen!< Das haben Sie schon vor einer Ewigkeit gesagt, Professor!“ Professor Trelawney schenkte ihr ein munteres Lächeln. „Ja, meine Liebe, ich wusste in der Tat, dass Ms. Granger uns verlassen würde. Aber man hofft doch immer, die Zeichen falsch zu deuten...das Innere Auge kann eine Last sein, weißt du...“ Lavender und Parvati wirkten tief beeindruckt und rückten zusammen, damit sich Professor Trelawney an ihren Tisch setzen konnte. „Hermine schafft sie heute alle“, murmelte Ron mit ehrfurchtsvoller Miene. „Jaaa...“, erwiderte Harry. Ron wandte sich an mich. „Aber erzähl mal, Liv, was hast du in dieser dummen Kugel gesehen?“ Ich schluckte. „Da war überall Feuer und Rauch...Es war, als wäre ich wirklich in diesem Raum, als stünde ich mitten in den Flammen...Und da war noch jemand...Da war eine Person, die meinen Namen gerufen hat.“ „Wirklich?“, fragte Harry verwirrt. Ich nickte. „Und da war noch etwas. Mein Amulett lag in der Mitte des Raumes auf dem Boden.“ „Dein Mond-Amulett?“, fragte Ron. Erneut nickte ich und dachte angestrengt nach. „Und da war noch eine andere Person. Ich hab sie nicht gesehen, aber sie hat nach meiner Kette gegriffen...und was danach passiert ist, weiß ich nicht mehr.“ Ich sah Ron und Harry direkt in die Augen. „Seltsam, oder?“ Beide nickten.

    28
    28. Kapitel

    Die Osterferien waren nicht gerade erholsam. Noch nie hatten wir so viele Hausaufgaben zu erledigen gehabt. Neville schien einem Nervenzusammenbruch nahe und er war nicht der Einzige. „Und das nennen sie Ferien!“, polterte Seamus eines Nachmittags im Gemeinschaftsraum. „Bis zu den Prüfungen ist doch noch ewig Zeit, also was wollen sie eigentlich?“ Doch so viel wie Mine hatte keiner zu tun. Selbst ohne Wahrsagen hatte sie mehr Fächer als alle anderen. Meist war sie abends die Letzte, die den Gemeinschaftsraum verließ, und am nächsten Morgen die Erste, die in der Bibliothek saß; sie hatte dunkle RInge unter den Augen wie Lupin und schien ständig den Tränen nahe. Ron hatte die Verantwortung für Seidenschnabels Berufungsverhandlung übernommen. Wenn er nicht Hausaufgaben erledigte, brütete er über mächtige Wälzern wie >Handbuch der Hippogreif-Psychologie< und >Tollheit oder Tollwut? Die Übergriffe von Hippogreifen.< Er war so sehr in das Problem vertieft, dass er sogar vergaß, gemein zu Krummbein zu sein. Wenn ich nicht arbeitete, traf ich mich mit Draco im Raum der Wünsche.

    An einem späten Nachmittag, an dem ich mir sicher war, dass Ron und Harry im Gemeinschaftsraum und Mine in der Bibliothek waren, machte ich mich mal wieder auf den Weg in den siebten Stock. Ich wünschte mir meinen Raum und im nächsten Moment befand sich vor mir eine dunkelblau gestrichene Tür, in deren Ecken die Sterne funkelten. Ich drückte die Klinke hinunter und trat durch die Tür. Mein Atem stockte. Vor mir befand sich eine große, leere Fläche. Und in der Ecke entdeckte ich etwas, was sofort meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Es waren meine Rollschuhe. Ich ging darauf zu und sah sie mir genau an. Und wirklich, es waren meine Rollschuhe. Meine blauen Rollschuhe mit den roten und grünen Rollen. Rasch setzte ich mich auf den Boden und zog die Rollschuhe an. Ich konnte es kaum erwarten! Vorsichtig stand ich auf und drehte eine Runde. Es fühlte sich unglaublich; ich war schon lang nicht mehr auf Rollschuhen gestanden. Ich beschleunigte, drehte mich um 180 Grad und wagte einen Sprung, bei dem ich meine Beine auseinanderstreckte und wieder zusammenzog, sobald ich auf dem Boden aufkam. Ich drehte eine Pirouette und streckte meine Arme gen Himmel. Ich ließ ein lautes Lachen von mir fahren und beschleunigte erneut; ich machte eine Standwaage und zog anschließend den unteren Teil meines Beines nach oben, sodass der Rollschuh meinen Kopf berührte. Nach knapp fünf Sekunden ließ ich wieder los und fuhr in die Mitte des Raums. Ich fuhr langsam an und schlug ein Rad. Es dauerte nicht lange, doch es fühlte sich an, als könnte ich fliegen. Kaum stand ich wieder auf den Beinen, holte ich Schwung und drehte mich einige Male um mich selbst. Plötzlich hörte ich, wie jemand hinter mir laut klatschte. Ich drehte mich um und musste unweigerlich lächeln; es war Draco.

    „Das war unglaublich!“, sagte er bewundernd und kam auf mich zu. „Danke“, erwiderte ich. „Es hat ausgesehen, als könntest du fliegen, wie auf einem Besen!“ Ich grinste. „So geht es mir auch!“ Doch dann erstarrte mein Lächeln. „Wir müssen reden, Draco.“ Er nickte. „Ich weiß, und...“, er sah mir direkt in die Augen, „Es tut mir Leid.“ „Aber...wieso hast du das getan?“, fragte ich ihn. „Wieso hast du mich geküsst, Draco?“ Ich starrte ihn verwirrt an. Er seufzte. „Ich...ich weiß es nicht.“ „Na ja, immerhin passt es perfekt zu deinem Image!“, meinte ich und setzte mich auf den Boden. Draco tat es ebenfalls. „Harry hat uns ja „erwischt“, als du mich fast küssen wolltest. Ron und Harry waren wirklich nicht begeistert...“ „Haben Potter und Weasley sich aufgeregt?“, fragte er grinsend. Ich rollte mit den Augen. „Und wie die beiden sich aufgeregt haben; sie wollten dir am liebsten den Kopf abreißen!“ Ich sah ihn direkt an. „Aber Draco, bitte...tu das nicht noch einmal.“

    Dracos Sicht:
    Und bei diesen Worten stürzten meine gesamten Traumgebilde in sich zusammen. Sie wollte es nicht. Aber selbst, wenn ich alles aufgeben musste, für sie tat ich es gerne. Für Via würde ich alles tun. Ich nickte. „Vergessen wir diesen Kuss einfach“, murmelte ich. „Du hast Recht. Vergessen wir den Kuss, reden wir nicht mehr darüber. Versprochen?“, fragte sie und hielt mir ihre sanfte Hand hin. „Versprochen!“, erwiderte ich und nahm ihre Hand. Sie lächelte und in mir ging mal wieder ein Licht auf, als ich sie so sah.

    Olivias Sicht:
    Ich lächelte. „Weiß du was, Draco?“, fragte ich ihn und grinste. „Kannst du Rollschuh fahren?“ „Was?“, fragte er verwirrt. Mein Lächeln wurde breiter. „Also?“ „Nein.“ Mein Lächeln wurde noch breiter. „Würdest du es gern können?“ Auf Dracos Gesicht breitete sich ein wissendes Lächeln aus. Er hatte begriffen, auf was ich hinauswollte. „Nur, wenn ich die beste Lehrerin der Welt bekomme!“ „Hmmm“, ich überlegte und grinste, „kenne ich diese Person?“ Draco gluckste; „Na ja, sie ist in Gryffindor, hat braune, lockige Haare und ist die intelligenteste Hexe, die ich kenne!“ Gespielt schockiert sah ich ihn an. „Was, du meinst Hermine?“ Ich war schon kurz vor einem Lachanfall; Draco schien es ähnlich zu gehen, doch er fuhr fort: „Aber nein! Dieses Mädchen hat die schönsten grünen Augen, die ich je gesehen habe, sie hat die Stimme eines Engels, sie ist meine beste Freundin und sitzt gerade neben mir!“ Bei diesen Worten lächelte ich erneut. „Also, gibst du mir Unterricht, Via?“, fragte er. Ich grinste. „Aber natürlich, Draco!“ Und im nächsten Moment stand neben Draco ein graues Paar Rollschuhe. „Wollen wir gleich anfangen?“, fragte ich.

    Ich wusste mittlerweile nicht mehr, wie lange wir schon im Raum der Wünsche waren. Zuerst hatte ich Draco beim Anziehen der Rollschuhe geholfen und danach hatte ich ihm gezeigt, wie er vorwärts und rückwarts fuhr. Draco war ziemlich beeindruckt gewesen. „Na los, Draco!“, rief ich fröhlich und nahm seine Hand. Während Draco versuchte, nur nicht hinzufallen, fuhr ich gekonnt rückwarts und zog ihn mit. Ich kicherte; „Was ist denn?“, fragte er, während er auf seine Füße sah, um nicht hinzufallen. „Diese gesamte Situation ist einfach nur witzig. Wenn ich jemandem erzählen würde, dass ich mich mit Draco Malfoy, dem Eisprinz von Slytherin, im Raum der Wünsche treffe, um ihm Rollschuh fahren beizubringen, würde ich ins St. Mungo eingeliefert werden!“ Da grinste Draco auch. „Wir sind verrückt!“ Ich kicherte. „Und wie!“

    Während der restlichen Ferien blieb ich größtenteils im Gemeinschaftsraum. Zusammen mit Harry musste ich meine Hausaufgaben neben dem täglichen Quidditch-Training erledigen, ganz zu schweigen von den endlosen Gesprächen mit Wood über die Spieltaktik. Die Begegnung Gryffindor gegen Slytherin war für den ersten Samstag nach den Osterferien angesetzt. Slytherin führte im Tunier mit genau 200 Punkten. Das bedeutete, wie Wood uns unablässig einschärfte, dass unser Sieg noch höher ausfallen musste, wenn wir den Pokal gewinnen wollten. Und das hieß auch, dass die Last dieser Aufgabe weitgehend auf Harry ruhte, denn der Schnatz brachte ja bekanntlich 150 Punkte. „Also darfst du ihn erst fangen, wenn wir mit mehr als 50 Punkten führen“, erklärte ihm Wood tagaus, tagein. „Nur wenn wir mit über 50 Punkten vorn liegen, Harry, oder wir gewinnen zwar das Spiel, verlieren aber den Pokal. Das hast du doch begriffen? Du darfst den Schnatz erst fangen, wenn wir-...“ Da platzte Harry der Kragen. „Ich weiß, Oliver!“, fauchte er. Sämtliche Gryffindors hatten nichts anderes mehr im Kopf als das kommende Spiel. Unser Haus hatte den Quidditch-Pokal nicht mehr gewonnen, seit der legendäre Charlie Weasley als Sucher gespielt hatte. Doch ich fragte mich, ob auch nur einer von uns, Wood eingeschlossen, sich so nach dem Sieg sehnte wie Harry. Die Feindschaft zwischen Harry und Draco hatte ihren Höhepunkt erreicht. Draco rauchte nämlich immer noch vor Zorn wegen der einseitigen Schlammschlacht in Hogsmeade. Und er war noch zorniger darüber, dass Harry der Strafe irgendwie entgangen war. Und Harry hatte nicht vergessen, dass Draco versuchte hatte, ihn bei der Partie gegen Ravenclaw übel mitzuspielen und der Kuss, den Draco mir gegeben hatte, genauso wenig. Aber das, was ihn am meisten antrieb, Draco vor der gesamten Schule zu blamieren, war die Sache mit Seidenschnabel. Keiner konnte sich erinnern, jemals in so geladener Atmosphäre einem Spiel entgegengefiebert zu haben. Am Ende der Ferien erreichte die Spannung zwischen den beiden Teams und ihren Häusern ihren knisternden Höhepunkt. In den Korridoren brachen immer wieder kleine Rangeleien aus, und es kam schließlich zu einem hässlichen Zwischenfall, in dessen Folge ein Viertklässler der Gryffindors und ein Sechstklässler der Slytherins im Krankenflügel landeten, weil ihnen kräftige Lauchpflanzen aus den Ohren wuchsen.

    Harry hatte es in diser Zeit besonders schwer. Er konnte nicht in den Unterricht gehen, ohne dass ihm ein Slytherin irgendwo auf den Gängen ein Bein stellte; wo er auch war, Crabbe und Goyle tauchten überall auf und trollten sich mit enttäuschten Mienen, wenn die beiden sahen, dass er von Schülern umringt war. Wood hatte die Gryffindors gebeten, Harry überallhin zu begleiten, falls die Slytherins versuchen sollten, ihn schon im Vorfeld lahm zu legen. Begeistert widmete sich das ganze Haus dieser Aufgabe, und von nun an war es für ihn unmöglich, rechtzeitig zum Unterricht zu kommen, da er ständig von einer dicken Menschentraube umgeben war. Er tat mir wirklich Leid.

    Eines nachmittags, es waren nur noch wenige Tage bis zum Quidditch-Spiel, saß ich mal wieder im Raum der Wünsche. Diesmal war es eine Art Wohnzimmer geworden, mit Bücherwänden an der Wand und einem riesigen, weichen Sofa in der Mitte. Vergnügt summte ich vor mich hin, während ich in meinem Tagebuch zeichnete. Es war eine neue Zeichnung von Harry; um das Portät herum zeichnete ich einige Herzen. „Was zeichnest du da?“, fragte Draco neugierig, da er ja die silberweiße Tinte nicht sehen konnte. Ich wurde leicht rot. Sollte ich ihm die Wahrheit sagen? „Na ja...ich zeichne gerne Abbildungen von meinen Freunden und...“ Draco grinste mich wissend an. „Wen hast du gezeichnet?“ Mein Blick richtete sich gen Boden. „Harry.“ „Potter?“, fragte er und ich nickte. Draco berührte meine Hand und drückte mein Kinn sanft nach oben, so dass ich ihm in die Augen sah. „Kann es sein, dass...dass du was für Potter empfindest?“, fragte er und grinste. Ich sah peinlich berührt zur Seite, doch das war Draco Antwort genug. Jetzt kannte er also mein Geheimnis... Und plötzlich durchfuhr mich ein irrsinniger Gedanke. Wieso sollte er nicht von meinem anderen Geheimnis wissen? „Draco?“ Ich sah auf. „Kannst du mir etwas versprechen?“ Draco sah mich überrascht an, doch dann nickte er. „Natürlich.“ Ich seufzte und nahm seine Hand. „Ich werde dir jetzt etwas erzählen, Draco. Aber...du musst mir versprechen, mein Geheimnis keiner Menschenseele zu verraten.“ Ich sah ihn bittend an. Er nickte erneut. „Ich versprech’s dir.“ Ich sah zuerst zu Boden, dann zur Tür und wieder zurück zu Draco. „Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll...“, flüsterte ich. Er sah mir direkt in die Augen. „Fang einfach am Anfang an.“, erwiderte er. Ich nickte und räusperte mich. „Also, ich habe dir doch von Adoption erzählt, richtig?“ Er nickte. „Ich habe eine besondere Gabe, seitdem ich geboren wurde. Ich habe eine magische Stimme. Ich kann Wunden heilen und seit dem letzten Schuljahr ist es stärker geworden; jetzt schaffe ich es zum Beispiel, aus meiner Stimme Spiegel zu machen.“ Ich sah Draco an; seinen Gesichtsausdruck konnte ich nicht richtig deuten. „Also deshalb ist deine Stimme das Schönste, was ich je gehört habe“, flüsterte er. „Ach Draco, übertreib doch nicht so!“ Er schüttelte den Kopf. „Das meinte ich absolut ernst.“ Ich wurde rot. Er räusperte sich. „Könntest du...könntest du vielleicht?“ Ich lächelte. „Du willst, dass ich singe?“ Er nickte. „Also gut!“ Ich schloss die Augen und begann, vor mich hin zu summen. Aus meinen Handflächen schwebten die goldenen Spiralen hervor, die mit den silbernen Strahlen verschmolzen. Ich drehte meine Handflächen nach innen und dachte an eine bestimmte Form. Draco starrte mich an, als ob mir Flügel gewachsen wären. „Was ist?“, fragte ich grinsend. Er deutete immer noch stumm vor Begeisterung auf meine Hand und ich folgte seinem Blick. In der Hand hielt ich eine Lilie, eine echte Blume. Draco streckte seine Hand danach aus und berührte dabei meine Hand. Fasziniert betrachtete er die Lilie. Danach sah er mich erneut an. „Aber...eins versteh ich nicht. Als du am Anfang vom Schuljahr mit dem Schulchor gesungen hast, da war nicht dieses Leuchten...und...ach, du weißt schon, was ich meine!“ Ich nickte. „Ich habe meine Kraft unter Kontrolle. Ich kann sie zurückhalten.“ Er sah mir direkt in die Augen. „Ich versprech’ dir, ich werde es niemandem erzählen.“ „Danke, Draco!“, flüsterte ich und umarmte ihn. Er erwiderte die Umarmung.

    Irgendwann kamen wir auf die Ferien zu sprechen. „Das hört sich bestimmt verrückt an, aber ich will nicht nach Hause“, erzählte ich Draco. Verständnisvoll sah er mich an. „Ich versteh dich, aber ich muss zugeben, dass du in diesen Kleidern hinreißend aussiehst!“ Ich rollte belustigt mit den Augen. „Aber Draco, Zuhause bin ich nicht ich selbst. Ich lebe in einer künstlichen, nicht realen Welt, wenn ich dort bin. Und außerdem kannst du froh sein, kein Korsett tragen zu müssen! Du weißt nicht, wie unangenehm das ist...“ Er nickte nachdenklich. „Hat deine Mutter dich auch mit diesen Regeln zugetextet?“, fragte er und ich nickte heftig. „Einfach nur schrecklich!“, sagte ich. Draco stimmte mir darin vollkommen zu. „Tja, wenn wir uns im Sommer vielleicht sehen, müssen wir uns siezen!“, meinte ich grinsend. Draco stand auf und sagte: „Es ist mir eine große Freude, Euch wiederzusehen, Ms. Rosier!“ Ich kicherte und stand auf. „Die Freude ist ganz meinerseits, Mr. Malfoy.“ Bei diesen Worten mussten wir beiden anfangen zu lachen. Doch irgendwann verhärteten sich Dracos Züge. „So weit hergeholt ist das nicht einmal“, murmelte er. Ich verdrehte die Augen. „Wir müssen uns verhalten, wie die Menschen vor 200 Jahren!“ Auch darin stimmten wir überein. Wir unterhielten uns über diese dummen Regeln, über das strenge Protokoll und wie wir beide es verachteten. Ich erzählte Draco von den Schuhen mit dem 12 cm- Absatz, dem Korsett, diesen schrecklichen Kleidern und dieser dämlichen Regel, dass ich meinem Vater nicht widersprechen durfte. Draco schien es zu verstehen, zumindest das mit den Regeln. Ich hielt diese Regeln einfach für unsinnig. Aber ich konnte nicht davonlaufen...Ich würde wieder zurückkehren müssen, zurück in meine persönliche Hölle. Dort hatte ich keine Rechte; ich hatte zu gehorchen. Ich durfte nicht meine eigene Meinung sagen; ich sollte still sein, schweigen. Ich durfte nicht die Sachen tragen, die meinem Geschmack entsprachen; ich musste ein Korsett und so lange Kleider, die so lang waren, dass ich fast darüber stolperte, tragen. Es war einfach die Hölle. Und trotzdem musste ich lächeln. Und der Grund dafür war klar. Danach würde ich wieder nach Hogwarts gehen können; ich würde wieder zu dem Ort zurückkehren können, der mir ein wirkliches Zuhause war. „Weißt du, dass du wunderschön bist, wenn du lächelst?“ Ich errötete leicht. „Draco, du übertreibst!“, erwiderte ich. „Es gibt so viele andere hübsche Mädchen in Hogwarts!“ Draco nahm meine Hand. „Aber es gibt keine, die ein solches Lächeln hat, wie du.“ Bei diesen Worten vermutete ich, dass ich rot anlief, wie eine Tomate. Draco strich mir eine Locke aus dem Gesicht und ich musste wieder lächeln. „Viel Glück beim Spiel!“, wünschte ich ihm. „Ich wünsch dir auch viel Glück!“, erwiderte er und wir lachten beide.

    Am Vorabend des Spiels ging im Gemeinschaftsraum nichts mehr seinen gewohnten Gang. Selbst Mine hatte ihre Bücher beiseite gelegt, und das wollte etwas heißen! „Ich kann nicht arbeiten, ich kann mich einfach nicht konzentrieren“, murmelte sie nervös. Es herrschte ziemlicher Lärm. Fred und George linderten die Anspannung auf ihre Weise und verhielten sich lauter und ausgelassener als sonst. Wood hatte sich über ein Modell des Quidditch-Feldes in der Ecke gebeugt, schob kleine Figuren hin und her und murmelte vor sich hin. Angelina und Katie lachten über die Witzeleien von Fred und George. Ich saß mit Harry, Ron und Mine etwas abseits vom Geschehen und versuchte nicht an den nächsten Tag zu denken, denn immer wenn ich es tat, bekam ich das fürchterliche Gefühl, etwas sehr Großes wolle unbedingt aus meinem Magen heraus. Harry schien es ähnlich zu gehen. „Ihr schafft das“, sagte Mine aufmunternd, sah jedoch ausgesprochen besorgt aus. „Harry, du hast einen Feuerblitz!“, meinte Ron. „Jaa...“, murmelte Harry. Zu unserer Erleichterung richtete sich Wood plötzlich auf und rief: „Leute! Ins Bett!“

    29
    29. Kapitel

    Tosender Beifall empfing Harry, mich und die anderen Gryffindor-Spieler am nächsten Morgen in der Halle. Harry konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, als wir sahen, dass auch an den Tischen der Ravenclaws und Hufflepuffs geklatscht wurde. Die Slytherins zischten laut, als wir vorbeigingen. Mir entging nicht, dass Draco noch blasser war als sonst. Wood war beim Frühstück damit beschäftigt, das Team zum Essen zu ermuntern, während er selbst keinen Bissen anrührte. Dann, bevor alle anderen fertig waren, scheuchte er uns aufs Spielfeld, damit wir uns schon ein wenig umsehen konnten. Als wir die Große Halle verließen, gab es wieder Beifall von fast allen Seiten. „Okay - praktisch kein Wind - die Sonne ist ein bisschen hell, dass könnte die Sicht stören, also passt auf - der Boden ist recht hart, gut, dann können wir uns schnell abstoßen -...“ Wood schritt das Feld ab und warf uns immer wieder aufmerksame Blicke zu. Schließlich sahen wir, wie in der Ferne das Schlossportal aufging und bald ergoss sich die ganze Schülerschar über den Rasen. „Umkleidekabinen“, befahl Wood steif. Keiner verlor ein Wort, während wir in die scharlachroten Umhänge schlüpften. Kaum eine Minute schien vergangen, als Wood schon sagte: „Gut, es ist Zeit, gehen wir.“

    Wir marschierten hinaus aufs Spielfeld und eine Flutwelle aus Lärm brandete uns entgegen. Drei Viertel der Zuschauer trugen scharlachrote Bandschleifen, schwangen scharlachrote Fahnen mit dem Gryffindor-Löwen oder hielten Spruchbänder in die Höhe. „SIEG FÜR GRYFFINDOR“ und „LÖWEN FÜR DEN CUP“ hieß es da. Hinter den Torstangen der Slytherins saßen jedoch zweihundert Zuschauer ganz in Grün; die silberne Schlange der Slytherins glitzerte auf ihren Fahnen, und Professor Snape, ebenfalls in Grün (ich hatte ihn noch nie in einer anderen Farbe als Schwarz gesehen!), saß in der ersten Reihe und lächelte grimmig. „Und hier kommen die Gryffindors!“, rief Lee, der wie immer das Spiel kommentierte. „Potter, Bell, Johnsin, Rosier, Weasley, Weasley und Wood. Weiterhin anerkannt als das beste Team, das Hogwarts seit einigen Jahren hervorgebracht hat-...“ Lees Bemerkung ging in einer Welle von Buhrufen der Slytherins unter. „Und hier ist das Team der Slytherins, geführt von Kapitän Flint. Er hat einige Änderungen in der Aufstellung vorgenommen und scheint jetzt weniger auf Können als auf Kraft zu setzen-...“ Wieder wurde in der Reihe der Slytherins gebuht. Ich hatte jedoch das Gefühl, dass Lee durchaus Recht hatte. Draco war ganz eindeutig der Kleinste im Team der Slytherins (auch wenn er mich um fast zwei Köpfe überragte), die anderen waren riesig. „Begrüßt euch, Kapitäne!“, forderte Madam Hooch. Flint und Wood traten aufeinander zu und packten sich an den Händen, so fest, als wollten sie sich die Finger brechen. Mein Blick fiel derweil auf Draco. Er sah mich kurz an und ich nutzte die Gelegenheit. Vorsichtig zog ich meinen Umhang ein wenig zur Seite, ohne, dass es die anderen merkten, und zeigte Draco meinen roten Pullover. Er schenkte mir ein kurzes Lächeln, als er die Brosche sah, die er mir zu Weihnachten geschenkt hatte. Ich hatte die Vogel-Brosche mit einem Zauber an meinem Pullover befestigt, sodass ich sie nicht verlieren konnte. „Besteigt eure Besen!“, rief Madam Hooch. „Drei...zwei...eins...“

    Der gellende Pfiff ging im Raunen der Menge unter und die vierzehn Besen stiegen in die Luft. Und im nächsten Moment hatte das Spiel begonnen. Lee kommentierte natürlich fleißig: „Und jetzt ist Gryffindor im Ballbesitz, Angelina Johnson mit dem Quaffel, sie fliegt direkt auf die Torstangen der Slytherins zu, sieht gut aus, Angelina! Aaarh, nein - Quaffel abgefangen von Warrington, Warrington von den Slytherins rast jetzt in die Gegenrichtung - autsch! - George Weasley hat da schön mit dem Klatscher gearbeitet, Warrington lässt den Quaffel fallen...“ Ich rauschte auf Warrington zu, der den Quaffel fallen ließ, und fing den Ball mit einer Hand auf. „Der Quaffel wird gefangen von - Rosier, Gryffindor wieder im Ballbesitz, komm schon, Olivia! - hübscher Schlenker um Montague - duck dich, Olivia, da kommt ein Klatscher!“ Ich wich mit einer Rolle aus und warf den Quaffel mit aller Kraft durch den linken Torring. „Sie macht das Tor! Zehn zu null für Gryffindor!“ Lachend flog ich über die Tribünen hinweg; das scharlachrote Meer in der Tiefe tobte vor Begeisterung- „Autsch!“ Marcus Flint stieß mit mir zusammen und hätte mich fast vom Besen geschleudert. „’tschuldigung“, rief Flint, als die Menge unter und zu buhen anfing. „Tut mir Leid, hab sie nicht gesehen!“ Doch schon hatte ihn Fred mit seinem Schläger auf den Hinterkopf gehauen - Flints Nase knallte gegen den Besenstiel und fing an zu bluten. „Das reicht jetzt!“, sagte Madam Hooch, die dazwischen gerauscht kam, während ich immer noch schockiert auf den verletzten Slytherin starrte. „Strafstoß für Gryffindor wegen einer beabsichtigten Attacke auf ihre Jägerin! Strafstoß für Slytherin wegen mutwilliger Verletzung ihres Jägers!“ „Aber das ist doch Unsinn, Madam Hooch!“, rief Fred, doch Madam Hooch blies in ihre Pfeife. Ich flog nach vorne, um den Strafstoß auszuführen. „Olivia, du machst es!“, schrie Lee in die Stille hinein, die sich über die Menge gesenkt hatte. Ich fokusierte das Ziel genau, überprüfte meine richtige Position und warf. Der Torhüter der Slytherins versuchte, den Quaffel zu fangen, doch ich hatte richtig geworfen. Der Ball flog durch den rechten Torring. Die Menge fing an zu jubeln. „Und sie hat sich gegen den Torhüter durchgesetzt! Super, Olivia-... Zwanzig zu null für Gryffindor!“ Nun sah ich dabei zu, wie Flint, der immer noch heftig aus der Nase blutete, nach vorne flog, um den Strafstoß für Slytherin auszuführen. Wood schwebte mit zusammengebissenen Zähnen vor den Torstangen der Gryffindors. „Natürlich ist Wood ein exzellenter Torhüter!“, verkündete Lee dem Publikum. „Klasse! Sehr schwer den Ball vorbeizukriegen - wirklich ganz schwer - Jaaa! Ich kann’s nicht glauben! Er hat ihn gehalten!“ Erleichtert atmete ich wieder aus, wobei nicht gewusst hatte, dass ich überhaupt eingeatmet hatte. Lee fing wieder an, den Spielverlauf zu beschreiben. „Gryffindor wieder im Ballbesitz, nein, Slytherin - nein! - wieder Gryffindor und diesmal mit Katie Bell, Katie Bell für Gryffindor mit dem Quaffel, sie rauscht das Spielfeld hoch - das war Absicht!“ Montague, ein Jäger der Slytherins, war Katie in die Quere geflogen, aber statt den Quaffel zu schnappen hatte er sie am Kopf gepackt. Katie drehte ein paar Saltos und schaffte es, auf dem Besen zu bleiben, ließ jedoch den Quaffel fallen. Wieder ertönte Madam Hoochs Pfiff. Sie flog hinüber zu Montague und begann laut mit ihm zu schimpfen. Kurze Zeit später hatte Katie einen weiteren Strafstoß gegen den Hüter der Slytherins verwandelt. „Dreißig zu null! Was sagt ihr jetzt, ihr dreckigen, falsch spielenden-...“ „Jordan, wenn Sie das Spiel nicht unparteiisch kommentieren können, dann-...!“ „Ich sag nur die Wahrheit, Professor! und wieder Gryffindor mit Johnson im Quaffelbesitz - Flint neben ihr - stich ihm ins Auge, Angelina! - war nur’n Scherz, Professor, war nur’n Scherz - oh nein - Flint ist jetzt dran, er rast auf die Torstangen der Gryffindors zu - komm schon, Wood, halt-...!“ Doch Flint hatte getroffen; in der Slytherin-Kurve brach Jubel aus und Lee begann so übel zu fluchen, dass Professor McGonagall ihm das magische Megafon entreißen wollte. „Tut mir Leid, Professor, Entschuldigung! Wird nicht wieder vorkommen! Also, Gryffindor in Führung, 30 zu 10, und Gryffindor im Ballbesitz-...“ Das wurde allmählich die schmutzigste Partie, die ich je erlebt hatte. Die Slytherins waren wütend, weil unser Team schon so früh in Führung gegangen war und deshalb war ihnen jedes Mittel recht, um sich den Quaffel zu sichern. Bole versetzte Angelina einen Hieb mit dem Schläger und versuchte sich damit herauszureden, er habe geglaubt, sie wäre ein Klatscher. George stieß Bole zur Vergeltung mit dem Ellbogen ins Gesicht. Madam Hooch sprach beiden Teams Strafstöße zu und Wood schaffte noch einmal eine Glanzparade - schlussendlich stand es 40 zu 10 für Gryffindor. Ich versenkte den Quaffel erneut im rechten Torring - es stand 50 zu 10. Fred und George schwirrten jetzt ständig um Katie, Angelina um mich herum, damit kein Slytherin auf dne Gedanken kam, sich zu rächen. Bole und Derrick nutzten das aus, um beide Klatscher gegen Wood zu schmettern; sie trafen ihn kurz nacheinander in der Magengegend und Wood kippte vollkommen fertig zur Seite weg und konnte sich gerade noch an seinen Besen klammern. Madam Hooch war außer sich. „Ihr sollt den Torhüter nicht angreifen, außer wenn der Quaffel im Torraum ist!“, schrie sie Bole und Derrick an. „Strafstoß für Gryffindor!“ Und Angelina warf das nächste Tor. 60 zu 10. Sekunden päter schmetterte Fred einen Klatscher gegen Warrington und schlug ihm den Quaffel aus den Händen; Ich packte ihn und trieb ihn ins Tor der Slytherins - 70 zu 10. Die Gryffindor-Fans unten auf den Rängen schrien sich heiser- Gryffindor lag mit sechzig Punkten vorne und wenn Harry den Schnatz jetzt fing, hatten wir den Pokal gewonnen. Harry sauste an mir vorbei, mit Draco auf den Fersen, doch etwa stimmte nicht. Draco hatte sich nach vorne geworfen, den Schweif des Feuerblitzes gepackt, und zerrte ihn zurück. Draco hielt sich vor Anstrengung keuchend fest und seine Augen funkelten bösartig. „Strafstoß! Strafstoß für Gryffindor! Ein so übles Foulspiel hab ich ja noch nie erlebt!“, kreischte Madam Hooch und schoss in die Höhe, während sich Draco auf seinen Nimbus 2001 zurückgleiten ließ. „Du betrügerisches Schwein!“, rie Lee ins Megafon und huschte vorsorglich außer Reichweite von Professor McGonagall, „du dreckiges, fieses A-...“ Doch Professor McGonagall scherte sich nicht darum, Lee zurecht zu weisen. Wütend schüttelte sie die Fäuste in Richtung Draco, der Hut fiel ihr vom Kopf und jetzt schrie sie vor Zorn.

    Katie übernahm den Strafstoß, doch sie war so zornig, dass sie ein paar ein Meter danebenschoss. Wir wurden zunehmend nervös, doch die Slytherins, die entzückt über Dracos Foul an Harry waren, schwangen sich zu Glanzleistungen auf. „Slytherin im Spiel, Slytherin auf dem Weg zum Tor - Montague trifft.“ Lee stöhnte auf. „70 zu 20 für Gryffindor...“ Nun riss ich mich zusammen und gab noch einmal mein Bestes. Ich schoss auf Warrington zu und und rammte ihn, sodass er den Quaffel fallen ließ. Ich fing in auf und schoss Richtung Torringe davon. „Olivia Rosier hat den Quaffel für Gryffindor, mach schon, Olivia, mach schon!“ Alle Slytherin-Spieler außer Draco flogen auf mich zu, selbst der Torhüter - sie wollten mich abblocken- Doch plötzlich schrien die Slytherins auf. Der Grund dafür war Harry, der auf seinem Feuerblitz wie eine Kugel angeschossen kam; sie stoben auseinander, als sie den Feuerblitz auf sich zurasen sahen. Ich hatte freie Bahn... „Sie trifft! Toor! Toor! Gryffindor führt jetzt 80 zu 20-...“ Und im nächsten Moment explodierte das Stadion förmlich. Ich wusste, was das zu bedeuten hatte; Harry hatte den Schnatz gefangen! Rasch steuerte ich den Boden an. Dann raste Wood auf uns zu, halb geblendet von Tränen; er packe Harry am Arm und ließ sich hemmungslos schluchzend gegen seine Schuler sinken. fred und George klopften ihm auf den Rücken, dass es schon richtig wehtun musste. Angelina und Katie riefen: „Wir haben den Pokal! Wir haben den Pokal!“ Die vielen Arme zu einem einzigen Knäuel verschlungen, sank das Team unter heiserem Schreien zurück zur Erde. Eine riesige Welle von scharlachroten Anhängern ergoss sich über die Absperrungen aufs Feld. Hände regneten auf unsere Rücken herunter. Ich nahm verschwommen wahr, wie der Lärm anschwoll und die Körper auf uns eindrangen. Dann waren ich und die anderen Spieler auf den Schultern der Menge. Jetzt, da ich wieder etwas erkennen konnte, sah ich Hagrid, bepflastert mit scharlachroten Bandschleifen - „Ihr habt sie geschlagen, Harry, Olivia, ihr habt sie geschlagen! Wartet nur, bis ich es Seidenschnabel erzählt hab!“ Percy sprang wie verrückt in die Luft und hatte jede „würdevolle“ Zurückhaltung abgelegt. Professor McGonagall schluchzte noch herzergreifender als selbst Wood und wischte sich mit einer riesigen Gryffindor-Fahne die Augen. Und dort kämpften sich auch Ron und Mine zu uns durch. Sie brachten beide keine Wort heraus. Sie strahlten nur, während wir zu den Rängen getragen wurden, wo Dumbledore mit dem mächtigen Quidditch-Pokal auf uns wartete. Wenn doch jetzt nur ein Dementor unterwegs wäre...Als mir der grinsende Harry den Pokal weiterreichte, hatte ich das Gefühl, den besten Patronus der Welt erzeugen zu können.

    30
    30. Kapitel

    Mindestens eine Woche lang schwelgte ich im Glück. Selbst der Himmel schien unseren Pokalsieg zu feiern; der Juni brach an, die Wolken verzogen sich und es wurde schül. Alle bekamen Lust, über die Wiesen zu schlendern und sich mit ein paar Krügen eiskalten Kürbissafts ins Gras zu legen. Man konnte vielleicht eine Partie Koboldstein spielen, oder dem Riesenkraken zusehen, wie er durch den See kraulte. Doch es ging nicht - die Prüfungen standen kurz bevor und statt draußen zu faulenzen mussten alle Schüler im Schloss bleiben und sich die Hirne zermartern, während durch die offenen Fenster die sommerliche Luft hineinwehte. Selbst Fred und George hatten arbeiten müssen; bald würden die beiden den ersten ZAG (Zaubergrade) schaffen. Percy hingegen bereitete sich auf den UTZ (Unheimlich Toller Zauberer) vor, den höchsten Abschluss, den man in Hogwarts erreichen konnte. Er wollte sich beim Zaubereiministerium bewerben und dafür brauchte er die besten Noten. Percy wurde zusehends verärgerter und brummte jdem schwere Strafarbeiten auf, der die abendliche Ruhe im Gemeinschaftsraum störte. Auch ich lernte, doch es kam mir so vor, als wären alle Informationen in sämtlichen Fächern irgendwo in meinem Gehirn gespeichert und in Schubladen geordnet. Es gab nur eine Schülerin, die noch mehr Bammel vor den Prüfungen als Percy hatte, und das war Mine. Harry, Ron und ich hatten es längst aufgegeben, sie zu fragen, wie sie es schaffte, mehrere Fächer gleichzeitig zu belegen, doch als wir ihre Liste mit den Prüfungsterminen sahen, konnten wir uns nicht mehr zurückhalten. In der ersten Spalte hieß es:

    MONTAG
    9 Uhr Arithmantik
    9 Uhr Verwandlung
    Mittagessen
    13 Uhr Zauberkunst
    13 Uhr Muggelkunde

    „Hermine?“, fragte Ron behutsam, weil sie in den vergangenen Tagen immer explodiert war, wenn man sie unterbrach. „Ähm - bist du sicher, dass du diese Prüfungszeiten richtig abgeschrieben hast?“ „Was?“, fauchte Mine, nahm ihren Plan in die Hand und warf einen kurzen Blick darauf. „Ja, stimmt doch alles.“ „Hat es irgendeinen Sinn dich zu fragen, wie du in zwei Prüfungen zugleich sitzen willst?“, fragte Harry sie. „Nein“, erwiderte Mine knapp. „Hat einer von euch mein >Nummerologie und Grammatica< für Alte Runen gesehen?“ „Ach ja, ich wollte im Bett noch ein wenig lesen und hab’s mir ausgeliehen“, gab Ron zu, wenn auch recht leise. Mine kramte unter ihren riesigen Pergamentstapeln nach dem Buch. „Du kannst meins haben, Mine“, unterbrach ich sie, „Für Alte Runen hab ich schon gelernt.“ Sie nickte. In diesem Moment raschelte es am Fenster und Hedwig flatterte mit einer Nachricht im Schnabel herein. „Von Hagrid“, murmelte Harry und riss den Umschlag auf. „Die Berufsverhandlung von Seidenschnabel - findet am achten Juni statt.“ „Das ist doch unser letzter Prüfungstag“, sagte ich. „Sie kommen dafür eigens hierher“, fuhr Harry fort und las den Brief weiter vor, „jemand vom Zaubereiministerium und...und ein Henker.“ Ich blickte verdutzt auf. „Sie bringen den Henker mit zur Berufung! Das klingt doch, als hätten sie schon alles entschieden!“ „Ja, allerdings“, meinte Harry langsam. „Das können sie nicht machen!“, heulte Ron, „ich hab Ewigkeiten gebraucht um für Hagrid diese Wälzer durchzuarbeiten, das können sie mir einfach nicht antun!“ Doch ich hatte das schreckliche Gefühl, dass der Ausschuss für die Beseitigung gefährlicher Geschöpfe die Sache bereits entschieden hatte, ganz so, wie Mr. Malfoy es wollte. Draco, der seit dem Triumph der Gryffindors im Quidditch auffallend kleinlaut war, schien in den folgenden Tagen wieder das alte Großmaul zu werden. Nach höhnischen Bemerkungen zu schließen, die ich mithörte, war er sich sicher, dass Seidenschnabel hingerichtet würde und er war offenbar höchst zufrieden mit sich, weil er selbst alles angezettelt hatte. Und das Schlimmste war, dass wir weder Zeit noch Gelegenheit hatten, Hagrid zu besuchen, denn die strengen neuen Sicherheitsregeln waren nicht aufgehoben worden und wir waren viel zu sehr mit den Prüfungen beschäftigt.

    Die Prüfungswoche begann, und eine unnatürliche Stille breitete sich im Schloss aus. Montag um die Mittagszeit kamen wir aus Verwandlung. Ausgelaugt und mit bleichen Gesichtern verglichen alle ihre Ergebnisse und klagten, wie schwer die Aufgaben diesmal gewesen waren. Nur ich beschwerte mich nicht, denn ich war mir ziemlich sicher, dass ich die Aufgaben alle richtig bearbeitet hatte. Zum Beispiel mussten wir eine Teekanne in eine Schildkröte verwandeln. Mine ärgerte uns alle, wiel sie sich darüber aufregte, dass ihre Schildkröte eher wie eine Kröte ausgesehen habe, worüber die anderen höchstwahrscheinlich mehr als froh gewesen wären. „Meine hatte den Schnabel der Teekanne als Schwanz, ein Alptraum war das...“ „Sollten die Schildkröten eigentlich Dampf auspusten?“ „Meine hatte diese chinesische Porzellanmalerei auf dem Schild, glaubt ihr, sie zieht mir dafür Punkte ab?“ Dann, nach einem hastigen Mittagessen, ging es gleich wieder nach oben zur Prüfung in Zauberkunst. Mine hatte Recht gehabt; Professor Flitwick prüfte sie tatsächlich in Aufmunterungszaubern. Harry trieb es, nervös wie er war, ein bisschen zu weit. Ron, der sein Partner war, fing urplötzlich an, lauthals zu lachen und konnte sich nicht wieder einkriegen, so dass man ihn schließlich zum Abkühlen in ein ruhiges Zimmer bringen musste, bevor er selbst die Prüfung ablegte. Nach dem Abendessen kehrten wir rasch zurück in den Gemeinschaftsraum, nicht etwa, um zu entspannen, sondern um für Pflege magischer Geschöpfe, Zaubertränke und Astronomie zu büffeln.

    Hagrid nahm die Prüfung am nächsten Morgen mit ausgesprochen besorgter Miene ab; mit dem Kopf schien er ganz woanders zu sein. Er hatte für die Klasse einen großen Zuber frischer Flubberwürmer vorbereitet und erklärte uns, dass die Prüfung aus der Aufgabe bestand, die Flubberwürmer eine Stunde lang am Leben zu halten. Da Flubberwürmer am besten überlebten, wenn man sie vollkommen in Ruhe ließ, war das die leichteste Prüfung meines Lebens und außerdem hatten Harry, Ron, Mine und ich so genügend Zeit, mit Hagrid zu reden. „Schnäbelchen ist ein wenig trübselig“, berichtete Hagrid, der sich tief gebückt hatte, und so tat, als wolle er überprüfen, ob Harrys Flubberwurm noch lebte. „Ist jetzt schon so lange eingesperrt. Aber was soll man machen...übermorgen wissen wir’s - so oder so-...“

    Am selben Nachmittag hatten wir Zaubertränke. Bei mir lief es geradezu unheimlich gut, während Ron und Harry schlichtwegs verzweifelten. Wir sollten ein Verwirrungs-Elixier brauen; Harry schaffte es nicht, seinen Trank einzudicken und was Ron da zusammenbraute, wollte ich gar nicht wissen. Snape beobachtete die beiden mit heimtückischem Vergnügen und bevor er weiterging, machte er einen Kringel auf Harrys Blatt, der verdächtig wie eine Sechs aussah. Ich war mir jedoch ziemlich sicher, dass ich das Elixier richtig gebraut hatte, denn Snape nickte mir nur kurz zu, als er in meinen Kessel spähte. Um Mitternacht war Astronomie dran, oben auf dem höchsten Turm; Geschichte der Zauberei war am Mittwochmorgen und ich schrieb in Rekordzeit alles nieder, was ich über die mittelalterliche Hexenverfolgung wusste. Mittwochnachmittag war die Prüfung in Kräuterkunde, in den Gewächshäusern unter den glühend heißen Sonne; Danach rannten Mine und ich zu der Prüfung in Alte Runen. Wir mussten einen langen Text in Runen übersetzen und uns rann der Schweiß über den Nacken. Dann gingen wir sofort zurück in den Gemeinschaftsraum, wo wir schon sehnsüchtig an Freitagnachmittag dachten, wenn alles vorbei sein würde.

    Die vorletzte Prüfung am Donnerstagmorgen war Verteidigung gegen die dunklen Künste. Professor Lupin hatte die ungewöhnlichste Aufgabe von allen vorbereitet, eine Art Hindernisrennen, draußen in der Sonne. Wir mussten durch einen tiefen Tümpel stapfen, in dem ein Grindeloh lauerte, eine Reihe von Erdlöchern voller Rotkappen überqueren, durch ein sumpfiges Feld waten und dabei die irreführenden Wegangaben eines Hinkepanks missachten, und schließlich in einen alten, verzauberten Schrankkoffer klettern und uns mit einem neuen Irrwicht herumschlagen. „Herrvoragend, Olivia“, murmelte Lupin, als ich wieder aus dem Koffer stieg und ihm ein sonniges Lächeln schenkte. „Volle Punktzahl.“ Auch Harry erreichte die volle Punktzahl und wir blieben noch eine kurze Weile, um auf Mine und Ron zu warten. Ron kam gut voran, bis er auf den Hinkepank traf, der es schaffte, ihn so zu verwirren, dass er hüfthoch im Morast versank. Mine gelang alles tadellos, bis sie zum Koffer mit dem Irrwicht kam.Nach einer Minuten im Inneren platzte sie schreiend heraus. „Hermine!“, rief Lupin verblüfft, „was ist denn los?“ „P...Professor McGonagall!“, stammelte Mine und deutete auf den Koffer. „S-sie sagt, ich sei überall durchgefallen!“ Es dauerte eine Weile, bis Mine sich wieder gefangen hatte. Unterwegs zurück zum Schloss kicherte Ron immer noch ein wenig über ihren Irrwicht, doch was uns oben am Portal erwartete, ließ die beiden den aufkommenden Streit vergessen. Dort stand Cornelius Fudge, leicht schwitzend in seinem Nadelstreifenanzug, und spähte über die Ländereien. Er stutze, als er Harry erkannte. „Hallo, Harry!“, begrüßte er meinen besten Freund. „Du kommst von einer Prüfung, nicht wahr? Hast es bald geschafft?“ „Ja“, erwiderte Harry. Da Ron, Mine und ich noch nie mit dem Zaubereiminister gesprochen hatten, hielten wir uns etwas verlegen ihm Hintergrund. „Schöner Tag“, stellte Fudge fest und ließ die Augen über den See wandern. „Ein Jammer, wirklich ein Jammer...“ Er seufzte tief und sah zu Harry hinunter. „Ich bin wegen einer unangenehmer Aufgabe hier, Harry. De Ausschuss für die Beseitigung gefährlicher Geschöpfe braucht einen Zaugen für die Hinrichtung eines verrückten Hippogreifs. Da ich ohnehin in Hogwarts vorbeischauen musste, um mich in Sachen Black zu vergewissern, wurde ich gebeten einzuspringen.“ „Soll das heißen, die Berufsverhandlung ist schon vorbei?“, warf Ron ein und trat einen Schritt vor. „Nein, nein, sie ist für heute Nachmittag angesetzt“, meinte Fudge und sah Ron neugierig an. „Dann werden Sie ja vielleicht gar keine Hinrichtung bezeugen müssen!“, erwiderte Ron beherzt. Ich nickte. „Der Hippogreif könnte ja freigesprochen werden!“ Bevor Fudge antworten konnte, traten hinte rihm zwei Zauberer durch das Schlossportal. Der eine war so alt, dass er vor unseren Augen zu altern schien, der andere groß und stark und hatte einen dünnen schwarzen Schnurrbart. Ich vermutete, dass die beiden zum Ausschuss für die Beseitigung gefährlicher Geschöpfe gehörten, denn der steinalte Zauberer spähte hinüber zu Hagrids Hütte und sagte leise: „Meine Güte, ich werd langsam zu alt für diese Geschichten...es ist doch schon zwei, nicht wahr Fudge?“ Der Mann mit dem schwarzen Schnurrbart nestelte an seinem Gürtel; Ich sah näher hin und erkannte, dass er mit seinem breiten Daumen an der schimmernden Klinge eines Beils entlangfuhr. Ron öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Mine stieß ihm heftig in die Rippen und nickte mit dem Kopf zum Eingang.

    „Warum hast du mich zurückgehalten?“, fragte Ron wütend, als wir zum Mittagessen in die Große Halle gingen. „Hast du die beiden gesehen? Die haban ja schon das Beil bereit! Das ist doch nicht fair!“ „Ron, dein Dad arbeitet im Ministerium, da kannst du doch nicht so mit seinem Chef reden!“, erklärte sie ihm, doch auch sie schien aufgebracht. Kein Wunder. „Wenn Hagrid diesmal die Nerven behölt und seine Sache richtig vertritt, können sie Seidenschnabel auf keinen Fall töten.“ Doch Mine schien von ihren Worten selbst nicht ganz überzeugt. Alle anderen Schüler um uns herum schwatzten und lachten, freuten sich auf den Nachmittag, wenn alles vorbei war, doch Harry, Ron, Mine und ich waren sehr besorgt wegen Hagrid und Seidenschnabel und hatten keine Lust uns zu dem Getümmel anzuschließen. Bei Mittagessen stocherte ich nur missmutig in meinem Eintopf herum; die Sorge um Seidenschnabel steckte mir wie ein Kloß im Hals. Harry, Ron und ich hatten noch unsere letzte Prüfung in Wahrsagen, also gingen wir zusammen die Marmortreppe nach oben. Wir verabschiedeten uns con Mine und rannten in den siebten Stock, wo schon einige aus unserer Klasse saßen und sich im letzten Moment noch abfragten. Wir setzten uns zu Neville. „Sie will uns einzeln drannehmen“, erzählte er. Auf seinem Schoß lag >Entnebelung der Zukunft<. Er hatte das Kapitel über Kristallkugeln aufgeschlagen. „Hat einer von euch jemals irgendwas in einer Kristallkugel gesehen?“, fragte er bekümmert. Ron machte den Mund auf, um über meine Vision zu reden, doch ich warf ihm einen warnenden Blick zu und er hielt die Klappe. Beiläufig murmelte Harry: „Null.“ und ich nickte ihm kaum merkbar dankend zu. Immer wieder sah ich auf die Uhr; Ich zählte die Minuten bis zum Beginn von Seidenschnabels Verhandlung. Die Warteschlange vor dem Klassenzimmer wurde nur langsam kürzer. Jeden, der die silberne Leiter herabstieg, löcherten die anderen mit geflüsterten Fragen: „Was wollte sie wissen? War es schwer?“ Doch keiner konnte etwas sagen. „Sie meint, sie wisse aus der Kristallkugel, dass mir was Furchtbares passieren wird, wenn ich es verrate!“, quickte Neville, als er die Leiter zu uns herunterkletterte. „Das macht sie geschickt“, schnaubte Ron. „Wisst ihr, allmählich glaube ich, dass Hermine Recht hatte“ (er zeigte mit dem Daumen nach unten“), „sie ist nichts anderes, als ‘ne olle Schwindlerin.“ Im nächsten Moment kam Parvati glühend vor Stolz die Leiter herunter. „Sie sagt, ich hätte alle, was eine wahre Seherin braucht“, verkündete sie uns. „Ich hab ja so viel gesehen...also, viel Glück!“ Und sofort kletterte sie die Wendeltreppe hinunter, wo Lavender auf sie wartete. „Ronald Weasley“, hörten wir die vertraute rauchige Stimme über unseren Köpfen. Ron zog eine Grimasse, letterte die sillberne Leiter hoch und verschwand. Jetzt waren nur noch Harry und ich übrig. Ich sah überall hin, nur nicht in sein Gesicht, ansonsten hätte er mir vermutlich angesehen, dass ich in seiner Nähe sofort nervös wurde, wenn wir allein waren. Ich lauschte dem Summen einer Fliege am sonnendurchfluteten Fenster. Mit meinem Herzen war ich gerade an einem ganz anderen Ort, nämlich bei Hagrid am Waldrand.

    Endlich, nach zwanzig Minuten, erschienen Rons Beine auf der Leiter. „Wie ist es gelaufen?“, fragte ich neugierig. „Bescheuert“, erwiderte Ron. „Hab überhaupt nichts gesehen, also hab ich was erfunden. Glaub abe rnicht, dass sie richtig überzeugt war...“ „Wir treffen uns im Gemeinschaftsraum“, murmelte ich. Ich wandte mich an Harry. „Ich warte auf dich. Dann können wir zusammen zurück gehen.“ Im nächsten Moment rief Professor Trelawney: „Olivia Rosier!“

    Im Turmzimmer war es stickiger denn je; die Vorhänge waren zugezogen, das Feuer loderte und die süßlichen Dünsten ließen mich fast taumeln. Ich stolperte durch das Gewirr von Stühlen und Tischen hinüber zu Professor Trelawney, die vor einer großen Kristallkugel saß. „Guten Tag, meine Liebe“, begrüßte sie mich sanft. „Wenn Sie so freundlich wären, in die Kristallkugel zu blicken...lassen Sie sich ruhig Zeit...und dann sagen Sie mir, was Sie sehen...“ Ich beugte mich langsam über die Kristallkugel und starrte in das weiße Nebelgewaber. Und plötzlich war da etwas...Ich wusste nicht, wieso ich es mit einem Mal deutlich sah, doch ich beschrieb es Professor Trelawney deutlich. „Da ist eine Gestalt...ich kann ihr Gesicht nicht erkennen, aber ich schätze, dass es ein Mann ist.“ „Und was erkennen Sie noch?“, drang ihre Stimme zu mir durch. „Er streckt seine Hand nach mir aus...und in der Hand, da ist ein helles Licht...Ich weiß nicht, was es ist, ich kann wegen dem Licht nichts erkennen.“ „Glauben Sie, die Person bedeutet Böses?“, fragte sie weiter. „Nun ja, um ihn herum ist nur gänzliche Schwärze, das Einzige, was Licht bringt, ist dieses Leuchten in seiner Hand, aber ja, es könnte jemand sein, der Unheil bringt.“ Und im nächsten Moment war, als würde ich rückwärts aus dieser „Vision“ geworfen werden und ich sagte: „Tut mir Leid, Professor, aber mehr kann ich nicht sehen.“ „Aber nein, meine Liebe, das reicht vollkommen.“, erwiderte sie und ich sah, dass sie auf einem Blatt Pergament mitgeschrieben hatte. „Gut, Sie dürfen gehen.“ Ich stand auf und ging rasch die Leiter nach unten. „Harry Potter!“, hörte Professor Trelawney rufen und Harry ging an mir vorbei nach oben. Ich setzte mich auf den kalten Boden und wartete auf Harry. Es dauerte lange, ich schätzte, um die zwanzig Minuten, bis er wieder auftauchte. Er wirkte seltsam angespannt und bedeutete mir mit einem kurzen Nicken, dass wir gehen sollten. „Was ist los, Harry?“ Er schüttelte nur stumm den Kopf. „Harry, was ist passiert?“ Er antwortete wieder nicht. Allmählich wurde ich echt wütend. Wieso wollte er schon wieder nichts erzählen? „Harry James Potter, du erzählst mir jetzt sofort, was passiert ist! Ich will nur das beste für dich, Harry, und dir liegt was auf dem Herzen, also könntest du es wenigstens deiner besten Freundin erzählen!“, zischte ich wutentbrannt. Harry seufzte. „Na gut, aber du musst mir versprechen, es niemandem zu erzählen.“ „Versprochen!“ „Also, als ich bei Professor Trelawney war...da war zuerst alles normal. Ich hab einfach irgendwas erfunden, weil ich in der Kugel nichts gesehen habe, aber dann...dann war sie plötzlich wie ausgewechselt. Ihre Stimme wurde ganz schräg und schrill. Und dann hat sie irgendwas gesagt von >Der Schwarze Lord wäre einsam.< und >Sein Knecht lag zwölf Jahre lang in Ketten. Heute Nacht, vor der zwölften Stunde, wir der Knecht die Ketten abwerfen und sich auf den Weg zu seinem Meister machen.< Aber erzähl das niemandem.Wahrscheinlich wollte sie nur mächtig Eindruck schinden.“ Wir verstummten beide. Harry wusste, dass ich niemandem etwas verraten würde; er vertraute mir. Doch in meinem Kopf arbeitete es auf Hochtour. Ich hatte eine vage Ahnung, wer der „Knecht“ war, von dem Professor Trelawney gesprochen hatte. Sirius Black. Doch irgendetwas in mir, das ich nicht benennen konnte, klammerte sich immer noch an meine Ungläubigkeit, dass Black wirklich diese ganzen taten wirklich vollbracht hatte. Doch wenn Professor Trelawney wirklich eine echte Vorhersage gemacht hatte, dann musste es doch wahr sein, oder? Die beiden Stimmen in meinem Kopf stritten um die Oberhand, beide wollten den Kampf gewinnen, doch ich wusste nicht, was ich glauben sollte. Aber meine hektischen Gedanken wurden unterbrochen, als wir im Gemeinschaftsraum ankamen; Ron und Mine sahen uns mit ernsten Gesichtern an. „Seidenschnabel hat verloren“, meinte Ron erschöpft. „Das hier kam gerade von Hagrid.“ Diesmal war Hagrids Nachricht trocken, keine Träne hatte die Tinte verschmiert, doch seine Hand hatte dermaßen gezittert, dass die Notiz kaum leserlich war. Er hielt mir das Blatt Pergament hin und ich laß mit zitternder Stimme leise vor.

    „Berufung verloren. Sie richten Seidenschabel bei Sonnenuntergang hin. Ihr könnt nichts mehr tun. Kommt nicht runter. Ich will nicht, dass ihr es mit anseht.
    Hagrid“

    „Wir müssen hin“, sagte Harry augenblicklich. „Wir können ihn nicht alleine rumhocken und auf den Henker warten lassen!“ Ich nickte bestätigend, doch brachte kein Wort hervor. Der Schock war zu groß. „Sonnenuntergang“, murmelte Ron und starrte mit glasigen Augen aus dem Fenster. „Das erlauben sie uns nie...und dir schon gar nicht, Harry...“ Ich ließ den Kopf sinken. „Wenn ich doch nur den Tarnumhang hätte...“, sagte er traurig. „Wo ist er?“, fragte Mine. Harry erklärte uns, dass er ihn im Geheimgang unter der einäugigen Hexe versteckt hatte. Als Harry mit uns das letzte Mal in Hogsmeade gewesen war und Draco seinen Kopf gesehen hatte, hatte er den Tarnumhang im Geheimgang lassen müssen, da Snape ihn vor der Statue abgefangen hatte. „Wenn Snape mich noch mal in dieser Ecke trifft, sitz ich wirklich in der Patsche“, schloss er. „Das stimmt“, sagte Mine und stand auf. „Wenn er dich sieht...wie geht der Hexenbuckel noch mal auf?“ „Du-du tippst dagegen und sagst >Dissendium<“, erklärte Harry, „aber-...“ Mine wartete nicht, bis er ausgeredet hatte; mit großen Schritten durchquerte sie das Zimmer, klappte das Bild der fetten Dame zur Seite und verschwand. „Sie geht doch nicht etwa nicht und holt den Umhang?“, fragte Ron und starrte ihr mit offenem Mund nach. Doch genau das tat Mine. Eine halbe Stunde später kam sie zurück, mit dem sorgfältig gefalteten silbrigen Tarnumhang unter ihrem Schulumhang verborgen. „Hermine, ich weiß nicht, was seit neuestem in dich gefahren ist!“, sagte Ron verdutzt. „Erst vermöbelst du Malfoy, dann marschierst du bei Professor Trelawney einfach aus dem Unterricht-...“ Offensichtlich fühlte Mine sich geschmeichelt, denn sie grinste.

    31
    31. Kapitel

    Wie alle anderen gingen wir zum Abendessen, doch wir kehrten danach nicht in den Turm zurück. Wir huschten in eine leere Kammer neben der Eingangshalle und lauschten, bis wir sicher waren, dass keiner mehr draußen war. Ein letztes Pärchen eilte durch die Halle und eine Tür wurde zugeknallt. Mine lugte durch den Türspalt. „Gut“, flüsterte sie, „keiner mehr da - unter den Umhang-...“ Ich trat neben Harry, Ron und Mine, die sich jetzt unter dem Umhang versteckten. Ich grinste kurz und dachte an meine Katzengestalt. Es gab ein leises „Plopp“ und im nächsten Moment steckte ich in meinem Katzenkörper mit dem kurzen schwarzen Fell und den grünen Augen. Auf Zehenspitzen durchquerten wir die große Halle und stiegen die steinernden Stufen zum Schlossgelände hinunter. Die Sonne versank schon hinter dem Verbotenem Wald und tauchte die Baumspitzen in einen sanften Goldton. Vor Hagrids Hütte angelangt, klopften Mine, Harry und Ron. Ich war immer noch in meiner Animagusgestalt. Er brauchte eine Weile, um sich zu rühren, doch dann trat er vor die Tür und sah sich zitternd nach seinem Besucher um. Sein Blick fiel auf mich, doch er zuckte nur kurz mit den Schultern. „Wir sind’s“, zischte Harry. „Wir tragen den Tarnumhang. Lass uns rein, dann können wir ihn ablegen.“ „Ihr hättet nicht kommen sollen!“, flüsterte Hagrid, trat aber zurück, um uns einzulassen. Geschmeidig schlich ich mich ebenfalls in die Hütte. „Was ist mit der Katze?“, fragte Hagrid und runzelte die Stirn. „Es ist Liv!“, raunte Mine, doch Hagrid wirkte nicht überzeugt. „Na los, Liv, zeig’s ihm!“ Ein kleines „Plopp“ ertönte, und schon war ich wieder ein Mensch. Harry zog den Umhang herunter. „Aber klar, die grünen Augen...“, murmelte Hagrid; er weinte nicht und warf sich auch keinem von uns um den Hals. Er sah aus wie jemand, der nicht weiß, wo er ist oder was er tut. Diese Hilflosigkeit war noch schlimmer mit anzusehen als Tränen. „Wollt ihr ‘n Tee?“, fragte er. Mit zitternden Händen griff er nach dem Kessel. „Wo ist Seidenschnabel, Hagrid?“, fragte Mine zögernd. „Ich - ich hab ihn rausgebracht“, antwortete Hagrid und bekleckerte beim Auffüllen des Milchkrugs den ganzen Tisch. „Er ist hinter meinem Kürbisbeet an der Leine. Dachte, er sollte noch mal die Bäume sehen und - und ein wenig frische Luft schnappen - bevor -...“ Hagrids Hand zitterte so heftig, dass ihm der Milchkrug aus der Hand rutschte und auf dem Boden zerschellte. „ich mach das schon, Hagrid“, murmelte Mine rasch und beeilte sich, den Milchsee aufzuwischen. „Da ist noch einer im Schrank“, meinte Hagrid. Er setzte sich und wischte sich mit dem Ärmel die Stirn. „Kann man denn gar nicht smehr machen, Hagrid?“, fragte Harry wild entschlossen und setzte sich neben ihn. „Dumbledore-...“ „Er hat’s doch versucht“, sagte Harry tonlos. „Aber er hat nicht die Macht, das Urteil zu ändern. Er hat den Leuten vom Ausschuss erklärt, dass Seidenschnabel in Ordnung ist, aber die haben doch Angst...ihr kennt Lucius Malfoy...der hat sie bedroht, vermut ich mal...und der Henker, Macnair, ist ein alter Kumpel von Malfoy...aber es wird schnell und sauber gehen...und ich werd bei ihm sein...“ Hagrid schluckte. Sein Blick huschte durch die Hütte, als würde er verzweifelt nach einem Fetzen Hoffnung oder Trost suchen. „Dumbledore will auch dabei sein, wenn es...wenn es passiert. Hat mir heute Morgen geschrieben. Er will...will bei mir sein. Großartiger Mensch, Dumbledore...“ Mine, die in Hagrids Schrank nach einem anderen Milchkrug gesucht hatte, ließ einen leisen, rasch erstickten Schluchzer hören. Mit dem Krug in der Hand richtete sie sich auf. Ich schluckte. „Wir bleiben bei dir, Hagrid“, begann ich und kämpfte mit den Tränen, doch Hagrid schüttelte den Kopf. „Ihr müsst zurück ins Schloss. Ich hab euch doch gesagt, ich will nicht, dass ihr zuseht. Und ihr solltet sowieso nicht hier unten sein...wenn Fudge und Dumbledore euch hier finden, dann kriegt ihr gewaltigen Ärger.“ Nun musste ich mich noch mehr zusammenreißen, um nicht zu weinen. Mine liefen schon stumme Tränen über die Wangen, doch sie werkelte am Teekessel herum, um sie vor Hagrid zu verbergen. Dann griff sie nach der Milchflasche, um die Kanne zu füllen - und stieß einen spitzen Schrei aus. „Ron! Ich - das gibt’s doch nicht - es ist Krätze!“ Ron starrte sie mit aufgerissenem Mund an. „Was redest du da?“ Mine trug die Milchkanne hinüber zum Tisch und stellte sie auf den Kopf. Mit einem panischen Quieken und verzweifelt mit den Beinen krabbelnd, um wieder in die kanne zu kommen, kam Krätze auf den Tisch gekullert. „Krätze!“, rief Ron entgeistert. „Krätze, was machst du denn hier?“ Er packte die widerspenstige Ratte und hielt sie ins Licht. Krätze sah einfach schrecklich aus; Er war dünner als je, dicke Haarbüschel waren ihm ausgefallen und hatten große kahle Stellen hinterlassen. Er wand sich in Rons Hand, als ob er verzweifelt das Weite suchte. „Ist schon gut, Krätze!“, versuchte Ron die Ratte zu beruhigen. „Keine Katzen! Keiner hier will dir was antun!“ Plötzlich stand Hagrid auf und spähte durch das Fenster. Sein Gesicht nahm die Farbe von Pergament angenommen. „Sie kommen...“ Wir wirbelten herum. In der Ferne sah ich ein paar Männer die Schlosstreppe herunterkommen. Voran ging Dumbledore, dessen silberner Bart gut in der untergehenden Sonne zu erkennen war. Ihm nach trottete Fudge. Dann folgten das alte Ausschussmitglied und Macnair, der Henker. „Ihr müsst gehen“, meinte Hagrid. Er zitterte am ganzen Leib. „Sie dürfen euch hier nicht finden...verschwindet jetzt, schnell...“ Ron stopfte Krätze in seine Tasche und mine nahm den Umhang hoch. „Komm lieber unter den Umhang, Liv“, murmelte Ron hektisch. „Wegen deiner Animagusgestalt...Krätze...“ Ich nickte. „Ich lass euch hinten raus“, sagte Hagrid. Wir folgten ihm durch die Tür in seinen Garten.Mir kam das alles seltsam unwirklich vor, und das umso mehr, als ich ein paar Meter entfernt Seidenschnabel sah, den Hagrid an den Zaun und sein Kürbisbeet gebunden hatte. Seidenschnabel schien zu wissen, dass etwas geschehen würde. er warf den Kopf hin und her und scharrte nervös auf der Erde. „ist schon gut, Schnäbelchen“, murmelte Hagrid leise. „Es ist alles gut...“ Er wandte sich uns zu. „Geht jetzt“, riet er, „sputet euch.“ Doch wir rührten uns nicht. „Hagrid, wir können nicht einfach-...“ „Wir sagen ihnen, was wirklich passiert ist-...“ „Sie dürfen ihn nicht umbringen-...“ „Das können sie doch nicht-...“ „Geht“, wiederholte Hagrid grimmig. „Ist alles schon schlimm genug, da müsst ihr nicht auch noch Ärger kriegen!“ Wir hatten keine Wahl. Als Mine den Umhang über uns warf, hörten wir Stimmen vor der Hütte. Hagrid sah auf die Stelle, wo wir eben verschwunden waren. „Geht schnell“, meinte er heiser, „und lauscht nicht...“ jemand klopfte an seine Tür und er ging rasch in die Hütte. Langsam schlichen wir leise um Hagrids Hütte herum. Als wir auf der anderen Seite waren, fiel die Vordertür mit einem scharfen Knall ins Schloss. „Beeilen wir uns, bitte“, flüsterte Mine. Ich nickte. „Ich kann das nicht sehen, ich kann es nicht ertragen.“ Wir gingen den Rasenhang zum Schloss hoch. Die Sonne versank jetzt am Horizont; der Himmel hatte ein klares, mit purpurnen Schleiern durchzogenes Grau angenommen, doch im Westen glühte es geradezu rubinrot. Ron blieb wie angewurzelt stehen. „Oh bitte, Ron“, murrte Mine. „Es ist Krätze - gibt einfach keine Ruhe-...“ Ron hatte sich gebückt und versuchte Krätze in der Tasche zu halten, doch die Ratte hatte scheinbar rasende Angst gepackt. Mit irrem Quieken, sich windend und kratzend, versuchte sie die Zähne in Rons Hand zu versenken. „Krätze, ich bin’s, Ron, du Dummkopf“, zischte Ron. Hinter uns ging eine Tür auf und wir hörten Männerstimmen. „Oh Ron, bitte, gehn wir weiter, sie tun’s jetzt!“, keuchte Mine. „Gut - Krätze, bleib hier-...“ Wir gingen weiter; Wir versuchten, nicht auf die Stimmen hinter uns zu hören. Wieder erstarrte Ron. „Ich kann sie nicht mehr festhalten - Krätze, halt’s Maul, die hören uns doch-...“ Die Ratte quiekte spitz, doch nicht laut genug, um die Geräusche zu überdecken, die von Hagrids Garten herüberwehten. Zunächst gab es ein Gewirr undeutlicher Männerstimmen, dann trat Stille ein, und dann, ohne Warnung, hörten wir das laute Surren und den dumpfen Aufschlag einer Axt. Ich wankte. „Sie haben es wirklich getan!“, flüsterte ich entsetzt. „Ich kann’s nicht fassen - sie haben’s getan!“

    32
    32. Kapitel

    Ich stand einfach nur sprachlos da. Nun, da sie es wirklich getan hatten, merkte ich erst, dass in mir noch ein winziger Funken Hoffnung gewesen war, dass Seidenschnabel doch irgendwie davonkommen würde. Und nun, da der Funke erloschen war, merkte ich erst, dass er da gewesen war. Gelähmt vor Schreck standen wir unter dem Tarnumhang. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne tauchten das Land und die langen Schatten der Bäume in blutrotes Licht. „Es gibt immer einen Ausweg, genauso sicher, wie, dass auf den Mond die Sonne folgen wird.“ Dieser Satz war mir plötzlich in den Kopf geschossen, doch er brachte mich zum Weinen. Für Seidenschnabel würde die Sonne nie wieder aufgehen... Dann hörten wir ein wildes Heulen. „Hagrid“, murmelte ich. Ich schaffte das nicht; Ich wollte mich losreißen und zurückrennen, doch Harry hielt mich zurück. „Wir können jetzt nicht zurück zu ihm“, meinte Harry, während er mich an den Armen packte. „Wenn sie rauskriegen, dass wir ihn besucht haben, wird alles noch viel schlimmer für ihn...“ Ich nickte. „Du hast ja Recht, Harry.“ „Gehen wir“, sagte Ron mit klappernden Zähnen. Wir gingen weiter und achteten unter dem Tarnumhang sorgfältig auf unsere Schritte, um uns nicht zu verrraten. Das Tageslicht erstarb rasch. Als wir freies Gelände erreicht hatten, legte sich die Dunkelheit wie ein Fluch über uns. „Gib Ruhe, Krätze“, zischte Ron und presste die Hand auf seine Brusttasche. Die Ratte strampelte und kratze verzweifelt. Ron blieb plötzlich stehen und versuchte Krätze tiefer in die Tasche zu zwängen. „Was sit los mit dir, du dumme Ratte? Ruhe jetzt - autsch! Er hat mich gebissen!“ „Sei leise, Ron!“, flüsterte Mine. „Fudge wird sicher gleich kommen-...“ „Er - will - einfach - nicht - dableiben -...“ Krätze hatte offensichtlich Höllenangst. Er sträubte sich mit aller Kraft und versuchte, sich aus Rons Griff zu entkommen. „Was ist eigentlich los mit ihm-?“ Doch ich hatte es schon gesehen - etwas schlich auf uns zu, den Körper an den Boden geschmiegt, die weit aufgerissenen gelben Augen gespenstisch in der Dunkelheit glimmend - Krummbein. Ob er uns sehen konnte, oder nur Krätzes Quieken folgte, konnte ich nicht sagen. „Krummbein!“, stöhnte Mine, „nein, Krummbein, hau ab!“ Doch Krummbein kam näher. „Krätze - nein!“

    Zu spät - die Ratte entglitt Rons Fingern, fiel zu Boden und raschelte davon. Mit einem gewaltigen Sprung setzte ihr Krummbein nach und bevor Harry, Mine oder ich einen Finger rühren konnten, warf Ron den Tarnumhang ab und rannte ihnen hinterher in die Dunkelheit. „Ron!“, seufzte Mine.Wir sahen uns kurz an, dann stürzten auch wir los; richtig rennen konnten wir nicht unter dem Tarnumhang und so warfen wir ihn ab und ließen ihn hinter uns herflattern wie eine Fahne. Vor mir hörte ich das schnelle Getrommel von Rons Füßen. „Lass ihn in Ruhe - hau ab - Krätze, komm hierher-...“ Es gab einen dumpfen Aufschlag. „Hab ich dich! Hau ab, du stinkender Kater-...“ Fast wären wir über Ron gestolpert. Er lag rücklings auf dem Boden, doch Krätze war wieder in seiner Tasche; mit beiden Händen drückte er fest gegen die Öffnung, sodass die Ratte nicht wieder entwischen konnte. „Ron- komm jetzt - zurück unter den Umhang-...“, keuchte Mine. „Dumbledore - und der Minister - sie kommen gleich hier entlang-...“ Doch bevor wir uns wieder tranen konnten hörten wir das leise Trommeln riesiger Pfoten...etwas kam auf uns zugesprungen, stumm wie ein Schatten - ein riesiger, rabenschwarzer Hund. Ich griff rasch nach meinem Zauberstab, doch es war zu spät - der Hund hatte einen riesigen Sprung gemacht und stieß mit den Vorderpfoten gegen Harrys Brust; unter einem Wirbel von Haaren stürzte er zu Boden. Doch die Schnellkraft seines Sprungs ließ den Hund über Harry hinwegrollen; er machte sich knurrend zu einem neuen Angriff bereit. Ron war inzwischen auf den Beinen - wieder setzte der Hund zum Sprung an, doch diesmal stieß er Harry nur beiseite - und sein Maul klammerte sich um Rons ausgestreckten Arm; ich wollte mich auf den Hund stürzen und ihn von Ron herunterzerren, doch das Untier zerrte Ron mit sich fort, so mühelos, als wäre er eine Stoffpuppe- Dann, aus dem Nichts, schlug mir etwas so heftig gegen mein Bein, dass ich fast umgefallen wäre. Auch Mine schrie vor Schmerz auf. In der Dunkelheit tastete ich nach meinem Zauberstab- „Lumos!“, flüsterte ich. Das Licht meines Zauberstabs fiel auf den dicken Stamm eines Baumes; wir hatten Krätze in den Schatten der Peitschenden Weide verfolgt, deren Zweige ächzten, als würde ein Sturm an ihnen rütteln; peitschend schlugen sie aus und verwehrten uns jeden weiteren Schritt auf sie zu. Und dort, unten am Fuß des Baustamms, war der Hund. Er zerrte Ron fort, hinein in eine große Erdspalte zwischen den Wurzeln - Ron wehrte sich verzweifelt, doch schon war sein Kopf verschwunden - „Ron!“, rief Harry und versuchte ihm zu folgen, doch ein kräftiger Zweig peitschte ihm entgegen und er schaffte es gerade noch, zurückzuweichen. Jetzt war nur noch Rons Bein zu sehen, mit dem er sich an einer Wurzel festgekrallt hatte, um nicht weiter in die Tiefe gezerrt zu werden - doch ein fürchterliches Knacken durchschnitt die luft wie ein Gewehrschuss. Ich wusste, was das bedeutete. Rons Bein war gebrochen und im nächsten Moment war sein Fuß ebenfalls verschwunden. „Wir müssen Hilfe holen-...“, keuchte Mine; Ich sah zu ihr hinüber; Sie blutete ebenfalls. „Nein!“, widersprach Harry und wollte Ron nachstürzen, doch erneut surrte ein dicker Zweig durch die Luft und er konnte sich gerade noch rechtzeitig wegducken. „Dieser Köter ist groß genug, um ihn zu fressen, wir haben keine Zeit-...“ Ein weiterer Ast schlug nach mir, die kleinen Zweige geballt wie Fäuste. Er war auf der Höhe meiner Knöchel, also sprang ich kurz in die Luft und der Ast sauste unter mir hinweg. „Ohne Hilfe kommen wir nie durch-...“, murmelte ich. „Wenn dieser Köter dort reinkommt, dann kommen wir auch rein“, knurrte Harry. Immer wieder versuchte er, von unten an den Baum vorzustoßen, doch er kam keinen Schritt näher an die Wurzeln, ohne sich den Hieben seiner Zweige auszusetzen. Mine war nervös und flüsterte leise Worte vor sich hin. Pfeilschnell schoss Krummbein an uns vorbei. Er schaffte es, den Hieben der Weide auszuweichen und setzte dann die Vorderpfote auf einen Knoten am Baumstamm. Sofort erstarrte der Baum, als wäre er zu Stein geworden. Kein Zweig bewegte sich, kein Blatt zitterte. „Krummbein!“, flüsterte Mine argwöhnisch. Sie klammerte sich so fest an meinen Arm, dass es wehtat. „Woher wusste er das-?“ „Er ist mit diesem Hund befreundet“, erklärte Harry grimmig. „ich hab sie zusammen gesehen. Kommt - und haltet eure Zauberstäbe bereit-...“

    Im Handumdrehen waren wir beim Baumstamm, doch bevor wir den Spalt zwischen den Wurzeln erreicht hatten, war Krummbein schon hineingesprungen. Wir sahen nur noch seinen Schwanz, der vor uns herwedelte. Ich folgte ihm; mit dem kopf voran krabbelte ich hinein, glitt eine Erdrutsche hinunter und landete auf dem Boden eines sehr niedrigen Tunnels. Sekunden später schlitterten Harry und Mine hinunter und landete neben mir. „Wo ist Ron?“, flüsterte Mine ängstlich. „Da lang“, sagte ich und folgte Krummbein, der voranlief. „Wohin führt dieser Tunnel?“, fragte Mine erneut. Harry antwortete: „Ich weiß nicht...er ist auf der Karte des Rumtreibers eingezeichnet, aber Fred und George glauben, hier sei noch keiner reingekommen...die Karte zeigt nicht, wo er endet, aber es sah so aus, als würde er nach Hogsmeade führen...“ Tief gebückt leifen wir, so schnell wir konnten; immer wieder erhaschten wir einen Blick auf Krummbeins Schwanz. Der Geheimgang schien nicht enden zu wollen. Ich dachte nur noch an Ron und wollte mir gar nicht vorstellen, was der Riesenhund mit ihm anstellen könnte. Endlich begann der Tunnel anzusteigen; kurz darauf ging es in eine Biegung und Krummbein war verschwunden. Ich entdeckte einen schwachen Lichtfleck, der durch eine kleine Öffnung hineingelangte. Wir hielten inne und rangen nach Atem, dann drangen wir weiter vor. Wir hoben unsere zauberstäbe, um zu sehen, was hinter der Öffnung lag. Es war ein Zimmer, wüst und staubig. Die Tapeten schälten sich von den Wänden; der ganze Fußboden war mit Flecken bedeckt; alle Möbel waren kaputt, als ob sie jemand zertrümmert hätte. Die Fenster waren mit Brettern vernagelt. Wir zogen uns nach oben aus dem Loch und sahen uns um. „Ich glaube, wir sind in der Heulenden Hütte.“, flüsterte ich Mine und Harry zu. Ich sah mich weiter um. Niemand war in diesem Raum, doch zur Rechten stand eine Tür offen, die in einen düsteren Flur führte. In diesem Augenblick knarrte es über unseren Köpfen. Ich erstarrte; Im oberen Stockwerk hatte sich etwas bewegt. So leise wir konnten, schlichen wir hinaus den Flur und die morsche Treppe nach oben. Ich zitterte, doch im nächsten Moment spürte ich etwas an meiner Hand. Ich sah auf. Harry hatte meine Hand in die seine gelegt. Ich konnte nicht anders; ich musste leicht lächeln, auch wenn ich immer noch Angst hatte. Und trotzdem schaffte es Harry, dieses schreckliche, lähmende Gefühl der Angst abzuschwächen. Auf den Stufen lag eine dicke Staubschicht, doch an bestimmten Stellen sah man, dass etwas Schweres nach oben gezerrt worden war. Oben gelangten wir in einen dunklen Korridor. „Nox!“, flüsterten wir gleichzeitig und die Lichter an den Spitzen unserer Zauberstäbe erloschen. Nur eine Tür stand offen. Als wir näher darauf zuschlichen, hörten wir, wie sich etwa dahinter bewegte; ein leises Stöhnen und ein tierisches, lautes Schnurren. Wir wechselten einen bedeutenden Blick und ein letztes Kopfnicken. Ich umklammerte meinen Zauberstab und ließ Harrys Hand los; dann trat Harry die Tür auf.

    Auf einem prächtigen Himmelbett mit verstaubten Vorhängen lag Krummbein, der bei unserem Anblick laut zu schnurren begann. Neben dem Bett auf dem Fußboden lag Ron, die Hände um ein Bein geklammert, das in einem merkwürdigen Winkel abstand. Wir stürzten zu ihm hin. „Ron - was ist mit dir?“ „Kannst du dich bewegen?“ „Wo ist der Hund?“ „Kein Hund“, stöhnte Ron und biss vor Schmerz die Zähne zusammen. „Harry, das ist eine Falle!“ „Was?“ „Er ist der Hund...er ist ein Animagus...“ Ron starrte über Harrys Schulter. Ich und Harry wirbelten herum. Der Mann im Schatten ließ die Tür ins Schloss fallen. Das schmutzige verfilzte Haar reichte ihm bis zu den Schultern. Wenn aus den tiefen, dunklen Höhlen in seinem Gesicht keine Augen geleuchtet hätten, hätte er auch eine Leiche sein können. Die wässrige Haut war so fest über die Knochen gespannt, dass sein Kopf wie ein Totenschädel wirkte. Ein Grinsen offenbarte die gelben Zähne. Es war Sirius Black.

    33
    33. Kapitel

    Dieser Mann, der da vor uns stand, wirkte so gar nicht wie der gutaussehende Junge, der auf dem Bild mit seinen Freunden in meinem Tagebuch klebte. Dieser Sirius Black wirkte wie ein wirklicher Massenmörder und meine Adern gefroren zu Eis. „Expelliarmus!“, krächzte er und richtete Rons Zauberstab auf uns. Harry, Mine und mir riss es die Zauberstäbe aus den Händen, sie wirbelten durch die Luft und Black fing sie auf. Dann kam er einen Schritt näher. Seine Augen waren unverwandt auf Harry gerichtet. „Ich wusste, dass du kommen würdest, um deinem Freund zu helfen“, sagte er heiser. Seine Stimme klang, als hätte er sie schon lange nicht mehr gebraucht. „Dein Vater hätte dasselbe für mich getan. Mutig von dir, nicht erst einen Lehrer zu holen. Ich bin dir dankbar...es wird alles viel leichter machen...“ Harry sah aus, als wolle er sich gleich auf Black stürzen, also packte ich ihn und hielt ihn zurück. „Nein, Harry!“, flüsterte ich; Ron jedoch sprach zu Black. „Wenn Sie Harry töten wollen, dann müssen Sie uns auch töten!“ zischte er grimmig, doch die Anstrengung, aufrecht zu stehen, trieb ihm den letzten Rest Farbe aus dem Gesicht und er schwankte ein wenig. In Blacks schattigen Augen flackerte etwas auf. „Leg dich hin“, meinte er leise. „Dein Bein ist gebrochen.“ „Haben Sie mich gehört?“, fragte Ron schwach, doch er klammerte sich an Harry, um nicht zu fallen. „Sie müssen uns alle vier umbringen!“ „Es wird heute Nacht nur einen Mord geben“, sagte Black und sein Grinsen wurde breiter. „Warum das denn?“, fauchte Harry. „Das letzte Mal hat’s Sie doch auch nicht gekümmert, oder? All diese Muggel abzuschlachten, um an Pettigrew zu kommen, hat Ihnen nichts ausgemacht...was ist los, haben sie Sie weich gekriegt in Askaban?“ „Harry!“, wimmerte Mine. „Sei still!“ „Er hat meine Mum und meinen Dad umgebracht!“, brüllte Harry. Mit einem heftigen Ruck befreite er sich von mir und stürzte sich Black entgegen. Er hatte alle Zauberei vergessen - Harry hatte vergessen, dass er erst dreizehn war, Black hingegen ein großer, ausgewachsener Mann. Vielleicht war Black einen Augenblick zu verdutzt, weil Harry etwas so Dummes tat, jedenfalls hob er die Zauberstäbe nicht rechtzeitig - Harry packte Blacks ausgemergeltes Handgelenk und schob die Zauberstäbe von sich weg; mit der anderen Hand schlug er gegen Blacks Schläfe, und beide krachten gegen die Wand. Ich schrie entsetzt auf; Ron brüllte; aus den Zauberstäben in Blacks Hand schossen leuchtende Lichtblitze, und ein Funkenstrahl verfehlte Harry nur um Haaresbreite. Black versuchte seinen ausgemergelten Arm, den Harry umklammert hielt, verzweifelt loszureißen, doch Harry umklammerte ihn noch fester und schulg mit der anderen Hand wie von SInnen auf Black ein. Doch Blacks freie Hand hatte den Weg zu Harrys Gurgel gefunden. „Nein“, zischte er, „ich hab zu lange gewartet.“ Harry würgte, die Brille hing ihm schief von der Nase. Ich rannte auf Black zu und trat ihm mit aller Kraft gegen das Schienbein. Ächzend vor Schmerz ließ Black Harry los; Ron hatte sich auf Blacks Zauberstabhand geworfen und die Zauberstäbe rollten über den Boden. Ich hechtete hinterher, doch- „Aaarh!“ Krummbein hatte sich ins Getümmel geworfen; die Krallen beider Vorderpfoten gruben sich tief in meinen Arm; Ich schüttelte ihn ab, doch Krummbein hüpfte jetzt zu Harrys Zauberstab hinüber. „Nein, das tust du nicht!“, schrie ich und versetzte Krummbein einen Fußtritt, der ihn fauchend in die Ecke fliegen ließ. Harry und ich schnappten uns die Zauberstäbe und wandten uns um. „Aus dem Weg!“, rief Harry Ron und Mine zu. Das ließen sie sich nicht zweimal sagen. Mine sprang japsend beiseite und warf sich mit blutenden Lippen auf ihren und Rons Zauberstab. Ron kroch hinüber zum Bett und brach röchelnd darauf zusammen. Mit beiden Händen umklammerte er das gebrochene Bein. Black lag ausgestreckt an der Wand. Seine flache Brust hob und senkte sich rasch, während er mit den Augen Harry folgte, der langsam auf ihn zuging, den Zauberstab direkt auf Blacks Herz gerichtet. „Willst du mich töten, Harry?“, flüsterte er. Harry blieb über ihm stehen, den Zauberstab unverwandt auf Blacks Brust gerichtet, und sah zu ihm hinunter. Ein brennender Riss zog sich über sein Auge, und seine Nase blutete. „Sie haben meine Eltern getötet“, sagte Harry mit leichtem Zittern in der Stimme, doch die Hand mit seinem Zauberstab war vollkommen ruhig. Black starrte aus seinen eingesunkenen Augen zu ihm hoch. „Ich leugne es nicht“, gab er ganz ruhig zu. „Aber ich habe es nicht gewollt.“ Ich schnaubte. „Und das ihre Frau und ihr Kind wegen ihnen gestorben sind, das wollten sie auch nicht, oder wie?“ Er sah nur traurig zu Boden. „Nein, das wollte ich auch nicht.“ „Sie haben es nicht gewollt?“, wiederholte Harry. „Sie haben Voldemort gesagt, wo er sie finden kann, und Sie wussten nicht, dass er sie töten würde?“ Harry bezog sich auf seine Eltern und wirkte sehr wütend. „Hör mir zu“, bat Black mit flehender Stimme. „Töte mich, wenn du willst, aber zuerst hör mir zu...wenn nicht, wirst du es bereuen...du verstehst nicht...“ „Ich verstehe nicht?“, fragte Harry und jetzt bebte seine Stimme. „Sie haben sie gehört, oder nicht? Meine Mum...wie sie versucht, mich vor Voldemort zu retten...und Sie haben es getan...Sie waren es...“ Bevor einer von uns ein weiteres Wort sagen konnte, huschte etwas Rostbraunes an mir vorbei; und schon war Krummbein auf Blacks Brust gesprungen und hatte sich genau auf Blacks Herzen zusammengerollt. Black blinzelte und sah den Kater an. „Scher dich bloß weg“, murmelte Black und versuchte, den Kater von sich wegzudrücken. Doch Krummbein versenkte seine Klauen in Blacks Umhang und rührte sich nicht von der Stelle. Mine schluchzte trocken. Harry starrte auf Black und Krummbein und umklammerte den Zauberstab noch fester. Er hob ihn an und mein Herzschlag setzte einen Moment aus. Harry würde Black töten. Er würde ihn wirklich töten. Und irgendetwas in mir schrie, dass ich etwas unternehmen musste. Ich wusste nicht, wieso, doch dieses Gefühl überschwemmte mich regelrecht.Vom Bett her hörte ich Rons rasselndes Bett und Mine war ganz still. Harry stand wie angewurzelt da, den Zauberstab umklammert. Und dann hörte ich ein neues Geräusch - Gedämpfte Fußschritte drangen durch den Fußboden; jemand kam die Treppe hinauf. „Wir sind hier oben!“, schrie Mine plötzlich. „Wir sind hier oben - Sirius Black - schnell!“ Black zuckte so heftig zusammen, dass Krummbein fast von seiner Brust gerutscht wäre; die Schritte polterte jetzt die Treppe nach oben. Die Tür krachte unter einem Schauer roter Funken auf und Harry und ich wirbelten herum.

    Professor Lupin kam in das Zimmer gestürzt, das Gesicht blutleer, den Zauberstab drohend erhoben. Seine Augen flackerten hinüber zu Ron, der auf dem Bett lag, zu Mine, die an der Tür kauerte, zu mir, zu Harry, der dastand und Black mit dem Zauberstab bedrohte, und dann zu Black selbst, zusammengekrümmt und blutend zu Harrys Füßen. „Expelliarmus!“ Abermals flog mir mein Zauberstab aus der Hand, und auch Harry und Mine verloren die anderen drei Zauberstäbe. Geschickt fiel Lupin sie auf, dann trat er näher und starrte Black an, auf dessen Brust noch immer Krummbein schützend lag. Harry stand immer noch da. Dann sprach Lupin, und seine Stimme war zum Zerreißen gespannt. „Wo ist er, Sirius?“ Ich sah Lupin überrascht an. Wo war wer? Ich sah erneut zu Black. Sein Gesicht war vollkommen ausdruckslos. Ein paar Sekunden lang regte er sich überhaupt nicht. Dann, ganz langsam, hob er die Hand und deutete auf Ron. Verblüfft drehten Harry und ich uns zu Ron um, der ebenfalls vollkommen verdutzt schien. „Aber dann...“, murmelte Lupin und starrte Black so durchdringend an, als wollte er seine Gedanken lesen, „warum hat er sich dann nie gezeigt? Außer...“- und Lupin riss plötzlich die Augen auf, als würde er hinter Black etwas sehen, etwas, das keiner von uns sonst sehen konnte -„außer, er war es...wenn ihr getauscht habt...ohne es mir zu sagen?“ Ganz langsam, mit den eingesunkenen Augen starr auf Lupin gerichtet, nickte Black mit dem Kopf. „Professor“, setzte Harry an, „was-?“ Doch er konnte seine Frage nicht zu Ende bringen, denn Lupin sprang urplötzlich an Blacks Seite, packte ihn bei der Hand, zog ihn hoch und umarmte Black wie einen Bruder. „Können Sie ihr Wiedersehen vielleicht auf später verschieben und uns erklären, über was Sie gerade reden?“, zischte ich wütend. Beide sahen mich an. „Es ist ja toll, dass sie ihren besten Freund wiedersehen, aber...“ Lupin unterbrach mich: „Woher weißt du, dass Sirius und ich früher befreundet waren?“ Ich lachte freudlos auf. „Ich hab ein Bild von Ihnen in der Bibliothek in einem alten Jahrbuch gefunden.“ Mine schrie Lupin wütend an: „Sie und er!“ „Hermine, beruhige dich-...“ „Ich hab’s niemandem erzählt!“, kreischte Mine, „ich hab es für Sie vertuscht-...“ „Hermine, hör mir bitte zu!“, rief Lupin, „ich kann’s erklären-...“ Harry schüttelte es am ganzen Körper, aber nicht aus Angst, sondern vor Zorn. „Ich habe Ihnen vertraut“, rief er Lupin zu, „und die ganze Zeit waren Sie sein Freund-...“ „Ihr irrt euch“, erwiderte Lupin, „ich war bisher nicht Sirius’ Freund, aber ich bin es jetzt - lasst es mich erklären...“ „Nein!“, schrie Mine, „Harry, trau ihm nicht, er hat Black geholfen, ins Schloss zu kommen, er will auch dich tot sehen - er ist ein Werwolf!“ Eine unheimliche Stille trat ein, dann sagte ich mit fester Stimme: „Nur weil Professor Lupin ein Werwolf ist, heißt das nicht, dass er ein schlechter Mensch sein muss und Harry tot sehen will.“ Ich sah Lupin an. „Sind Sie ein Werwolf, Professor?“ Lupin wirkte erstaunt ruhig, wenn auch ziemlich blass. „Ich fürchte, nur einer der drei Punkte stimmt. Ich habe Sirius nicht geholfen, ins Schloss zu kommen, und ich will gewiss nicht, dass Harry stirbt...“ Ein merkwürdiges Zittern huschte über sein Gesicht. „Doch ich will nicht bestreiten, dass ich ein Werwolf bin.“ Ron unternahm einen vergeblichen Versuch, sich aufzurichten, sackte jedoch vor Schmerz wimmernd zurück aufs Bett. Lupin ging mit besorgtem Blick zu ihm hinüber, doch Ron keuchte: „Weg von mir, Werwolf!“ Lupin blieb wie angewurzelt stehen. Dann wandte er sich mit offensichtlicher Mühe Mine zu und fragte: „Seit wann weißt du es?“ „Schon ‘ne Ewigkeit“, flüsterte Mine. „Seit ich den Aufsatz für Professor Snape geschrieben habe...“ „Er wird sich freuen“, antwortete Lupin kühl. „Er hat euch den Aufsatz schreiben lassen in der Hoffnung, jemand würde erkennen, was meine Symptome bedeuten...Hast du auf der Mondtabelle nachgesehen und festgestellt, dass ich bei Vollmond krank war? Oder ist dir aufgefallen, dass der Irrwicht sich in einen Mond verwandelte, als er mich sah?“ „Beides“, meinte Mine leise. „Aber wenn ich etwas schlauer gewesen wäre, hätte ich allen erzählt, was Sie sind!“ „Aber das wissen Sie schon“, erklärte Lupin. „Zumindest die Lehrer.“ „Dumbledore hat Sie eingestellt, obwohl er wusste, dass Sie ein Werwolf sind?“, schnaubte Ron mit aufgerissenen Augen. „Ist er wahnsinnig?“ Wütend sah ich Ron an, sagte aber nichts. Wie konnte er nur so etwas sagen? Professor Lupin war der beste Lehrer, den wir je hatten, er war nett, freundlich, klug...und das, obwohl er ein Werwolf war. „Einige Lehrer dachten das auch.“, erklärte Lupin. „Es war ein schweres Stück Arbeit, gewisse Lehrer davon zu überzeugen, dass man mir vertrauen kann-...“ „Und da hat er sich geirrt!“, rief Harry. „Sie haben ihm die ganze Zeit geholfen!“ Er deutete auf Black, der plötzlich zum Bett hinüberhumpelte und darauf niedersank, als ob seine Beine ihn nicht mehr tragen konnten. Krummbein sprang zu ihm hoch und kroch schnurrend auf seinen Schoß. Ron rückte von beiden weg und zog sein Bein nach. „Ich habe Sirius nicht geholfen“, meinte Lupin. „Wenn ihr mir eine Chance gebt, dann erkläre ich es. Hier-...“ Er nahm unsere Zauberstäbe an und warf sie uns zu. „Also gut“, sagte lupin und steckte den eigenen Zauberstab in den Gürtel. „Ihr seid bewaffnet, wir nicht. Hört ihr mir jetzt zu?“ „Wenn Sie ihm nicht geholfen haben“, fragte Harry mit zornigem Blick auf Black, „woher wussten Sie dann, dass er hier war?“ „Die Karte“, erklärte Lupin, „die Karte des Rumtreibers. Ich war in meinem Büro und hab auf ihr nachgesehen.“ „Sie wissen, wie man mit ihr umgeht?“, fragte ich misstrauisch. Black hatte den Kopf gehoben. Auch er starrte Lupin verblüfft an. „Natürlich weiß ich, wie man mit ihr umgeht“, meinte Lupin und wedelte ungeduldig mit der Hand. „Ich hab daran mitgeschrieben. Ich bin Moony - das war mein Spitzname bei den Freunden in der Schule.“ „Sie selbst-?“ „Wichtig ist jetzt nur, dass ich die Karte heute Abend sorgfältig zu Rate gezogen habe, weil ich ahnte, dass ihr vier euch vielleicht aus dem Schloss stehlt, um Hagrid zu besuchen, bevor der Hippogreif hingerichtet wir. Und ich hatte Recht, nicht wahr?“Er schritt im Zimmer auf und ab und sah uns abwechselnd an. Seine Schritte wirbelte kleine Staubwolken auf. „Du hast sicher den Umhang deines Vaters getragen, Harry und du warst in deiner Animagus-Gestalt, nicht wahr, Olivia?“ „Woher wissen Sie von dem Umhang?“, fragte Harry und ich fügte hinzu: „Und woher wissen Sie, dass ich ein Animagus bin?“ Zuerst antwortete Lupin auf Harrys Frage: „Ich sah James oft darunter verschwinden...Und was dich angeht, Olivia, ich kann spüren, wenn ein Animagus in meiner Nähe ist, das ist nicht ungewöhnlich. Die Verwandlung erfordert einen außergewöhnlich guten Umgang mit Magie. Ich nehme mal an, deine Tiergestalt ist die einer Katze, wie dein Patronus, nicht?“ Ich nickte. Lupin fuhr nun fort: „Der Witz dabei ist, selbst wenn du den Tarnumhang trägst, oder in deiner Animagusgestalt bist, erscheinst du auf der Karte des Rumtreibers. Jedenfalls sah ich euch über das Gelände gehen und Hagrids Hütte betreten. Zwanzig Minuten später seid ihr herausgekommen und habt euch auf den Rückweg gemacht. Doch jetzt war noch jemand anderes dabei.“ „Wie bitte?“, fragte Harry. „Nein, wir waren zu viert!“ „Ich wollte meinen Augen nicht trauen“, meinte Lupin, der immer noch auf und ab ging und Harrys Einwurf nicht beachtete. „Ich dachte, mit der Karte würde etwas nicht stimmen. Wie konnte er bei euch sein?“ „K...keiner war bei uns!“, erwiderte ich. „Und dann hab ich noch einen Punkt gesehen, der sich rasch auf euch zubewegte, mit dem Namen Sirius Black...Ich sah, wie er mit euch zusammenstieß und wie er zwei von euch unter die Peitschende Weide zerrte-...“ „Einen!“, entgegnete Ron zornig. „Nein, Ron“, sagte Lupin. „Zwei von euch.“ Er war stehen geblieben und ließ die Augen über Ron gleiten. „Könnte ich mir mal deine Ratte ansehen?“, fragte er gelassen. „Was?“, erwiderte Ron. „Was hat Krätze mit alldem zu tun?“ „Einiges. Kann ich sie sehen, bitte?“ Ron zögerte, dann holte er Krätze hervor, der verzweifelt um sich schlug. Fast wäre er entkommen, hätte Ron ihn nicht gerade noch an seinem langen kahlen Schwanz erwischt. Krummbein hob den Kopf und fauchte. Lupin trat auf Ron zu. Er hielt den Atem an, während er Krätze aufmerksam musterte. „Was?“, fragte Ron erneut und drückte Krätze mit angsterfülltem Blick an die Brust. „Was hat meine Ratte mit alldem zu tun?“ „Das ist keine Ratte“, krächzte Black auf einmal aus der Ecke. „Was soll das heißen - natürlich ist das eine Ratte-...“ „Nein, ist es nicht“, widersprach Lupin ruhig. „Es ist ein Zauberer.“ „Ein Animagus“, fuhr Black fort, „mit Namen Peter Pettigrew.“

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    34. Kapitel

    Es dauerte eine Weile, bis ich diese verrückte Behauptung verdaut hatten. Oder vielleicht wahr das Ganze nicht so sehr verrückt, wie ich dachte...In meinem tiefsten Inneren rief mir eine Stimme zu, dass es stimmte, auch, wenn es absolut unwahrscheinlich schien. Schließlich brach Ron das unheimliche Schweigen. „Sie sind verrückt, alle beide.“ „Lächerlich!“, sagte Mine matt. „Peter Pettigrew ist tot!“, meinte Harry. „Er hat ihn umgebracht!“ Er deutete auf Black, dessen Gesicht krampfartig zuckte. „Das wollte ich“, murmelte er, „aber ich hab es nicht geschafft.“ „Alle dachten, Sirius hätte Peter umgebracht“, erklärte Lupin bedächtig und ließ den in Rons Faust strampelnden Krätze nicht aus den Augen. „Ich selbst habe es zwölf Jahre lang geglaubt - Peter hat Sirius in die Enge und Sirius hat ihn getötet. Doch die Karte des Rumtreibers lügt niemals...das hier ist unser alter Freund Peter.“ „Leute, ich verschwinde“, sagte Ron mit zitternder Stimme. Er versuchte sich auf sein gesundes bein zu stellen, doch Lupin hatte seinen Zauberstab gezückt und deutete auf Krätze. „Ihr könnt gehen, wenn ihr wollt, alle vier“, meinte er ruhig. „Aber Peter müsst ihr hier lassen.“ „Das ist nicht Peter, das ist Krätze!“, rief Ron und drückte die Ratte fest an die Brust. „Hören Sie“, widersprach Mine und trat Ron zur Seite, als wolle sie ihn schützen. „Professor Lupin...es...es kann einfach nicht stimmen und Sie wissen das...“ Sie klang verängstigt und argwöhnisch zugleich, als wisse sie nicht so recht, ob Lupin jetzt den Verstand verloren hatte oder nicht. Ich konnte sie verstehen, und dass Lupin plötzlich anfing zu grinsen, machte alles noch schlimmer. „Warum kann es nicht stimmen, Hermine?“, fragte er, als ob wir in der Schule wären und Mine beim Experimentieren mit Grindelohs ein Problem aufgefallen wäre. „Weil...es bekannt wäre, wenn Peter Pettigrew ein Animagus gewesen wäre. Das Zaubereiministerium führt ein Verzeichnis mit allen Animagi...das haben wir bei Professor McGonagall gelernt. Sie sagt, das Ministerium behält alle Zauberer und Hexen im Auge, die sich in Tiere verwandeln können; in einem Verzeichnis steht, welches Tier sie werden können, wie man sie erkennt und so weiter. Und ich hab in diesem Verzeichnis nachgesehen, für meine Hausaufgaben, und in diesem Jahrhundert gab es nur sieben Animagi, und Pettigrews Name stand nicht auf der Liste.“ Lupin fing an zu lachen. „Schon richtig, Hermine!“, meinte er. „Aber das Ministerium wusste nie, dass es drei nicht verzeichnete Animagi in Hogwarts gab. Keiner davon hat seinen Namen im Ministerium eintragen lassen, weil sie insgeheim wurden, und aus einem sehr guten Grund - weil ich ein Werwolf bin.“ Verwirrt sah ich ihn an. „Das verstehe ich nicht, Professor.“ Lupin wollte gerade etwas antworten, als es hinter uns laut knarrte. Die Schlafzimmertür war von allein aufgegangen. Wir starrten sie alle an. Dann ging Lupin hinüber und sah auf den Korridor hinaus. „Keiner da...“ „Hier spukt es“, behauptete Ron. „Keineswegs“, entgegnete Lupin und sah immer noch ratlos zur Tür. „In der Heulenden Hütte hat es nie gespukt...das Schreien und Heulen, das die Leute im Dorf hörten, stammte von mir.“ Er wischte sich das braune Haar aus den Augen, dachte einen Moment lang nach und fügte dann hinzu: „Ich will euch alles erzählen. Ihr habt ein recht, es zu erfahren - besonders du, Harry. Nichts davon hätte geschehen können, wenn ich nicht ein Werwolf wäre. Aber wo soll ich anfangen?“ Er lachte nicht mehr. Er sah ernst und müde aus. „Also, ich denke, alles fing damit an, dass ich gebissen wurde. Ich war noch ein ganz kleiner Junge, als es geschah. Meine Eltern haben alles versucht, aber damals gab es noch keine Heilung. Der Trank, den Professor Snape für mich gebraut hat, ist eine ganz neue Entdeckung. Er schützt mich, wisst ihr. Wenn ich ihn in der Woche vor Vollmond einnehme, behalte ich den Verstand, während ich mich verwandle...ich kann mich dann in meinem Büro einrollen, als harmloser Wolf, und warten, bis der Mond wieder abnimmt. Na ja, jedenfalls, bevor der Wolfsbann-Trank jedoch entdeckt wurde, verwandelte ich mich einmal im Monat in ein ausgewachsenes Ungeheuer. Es schien unmöglich mich nach Hogwarts zu schicken. Die anderen Eltern würden ihre Kinder sicher nicht dieser Gefahr aussetzen wollen. Doch dann wurde Dumbledore Schulleiter, und er hatte Verständnis. Solange wir bestimmte Vorkehrungen träfen, sagte er, gebe es keinen Grund, warum ich nicht zur Schule kommen sollte...“ Lupin seufzte und sah Harry in die Augen. „Ich hab dir schon vor Monaten erzählt, dass die Peitschende Weide in dem Jahr geplanzt wurde, als ich nach Hogwarts kam. Die Wahrheit ist, dass sie geplanzt wurde, eben weil ich nach Hogwarts kam. Dieses Haus-...“ Lupin sah sich traurig im Zimmer um, „der Tunnel, der hierher führt - sie wurden für mich gebaut. Einmal im Monat hat man mich aus dem Schloss geschmuggelt, in dieses Haus, wo ich mich verwandeln konnte. Den Baum pflanzten sie am Eingang des Tunnels, damit niemand mir folgen konnte, wenn ich gefährlich war.“ Ich hatte keine Ahnung, wo diese Geschichte hinführen sollte, und dennoch lauschte ich hingerissen. Auch Ron, mine und Harry schienen wie gebannt von Lupin. Selbst Sirius Black folgte Lupins Worten gespannt, als ob er diese Geschichte noch nie gehört hätte. Außer Lupins ruhiger Stimme war nur noch Krätzes ängstliches Quieken zu hören. „Meine Verwandlungen in jener Zeit waren...fürchterlich. Es sit sehr schmerzhaft, sich in einen Werwolf zu verwandeln. Ich war fernab von Menschen, die ich beißen konnte, also biss und kratzte ich mich selbst. Die Dorfbewohner hörten den Lärm und die Schreie und glaubten, es seien besonders wüste Gespenster, Dumbledore schürte diese Gerüchte...selbst heute, da im Haus seit Jahren Ruhe herrscht, wagen sich die Leute nicht in seine Nähe...Doch abgesehen von meinen Verwandlungen war ich so glücklich wie nie im Leben. Sirius Black...Peter Pettigrew...und natürlich dein Vater, Harry. James Potter. Meinen drei Freunden konnte natürlich nicht entgehen, dass ich einmal im Monat verschwand. Ich ließ mir alle möglichen Geschichten einfallen. Meine Mutter sei krank und ich müsse sie zu Hause besuchen...Ich hatte fürchterliche Angst, sie würden mich verlassen, wenn sie herausfänden, was in mir steckte. Doch natürlich fanden sie die Wahrheit heraus...Und sie ließen mich nicht im Stich. Im Gegenteil, sie taten etwas für mich, das meine Verwandlungen nicht nur erträglich machte, sondern zur schönsten Zeit meines Lebens. SIe wurden Animagi.“ „Mein Dad auch?“, fragte Harry erstaunt. „Ja, allerdings“, bestätigte Lupin. „Sie brauchten fast drei Jahre, um herauszufinden, wie man es anstellt. Dein Vater und Sirius waren die klügsten Schüler in Hogwarts und das war ein Glück, denn die Verwandlung in einen Animagus kann fürchterlich schief gehen. Das ist ein Grund, weshalb das Ministerium alle, die es versuchen, scharf im Auge behölt. Peter hötte es ohne die Hilfe von James und Sirius nicht geschafft. Sie sagen mir nicht, was sie vorhatten, sie taten heimlich, falls es nicht gelingen sollte. Doch dann, in unserem fünften Jahr in Hogwarts, schafften sie es.“ „Aber wie konnten sie Ihnen damit helfen?“, fragte ich neugierig. „Als Menschen konnten sie mir nicht Gesellschaft leisten, also taten sie es als Tiere“, erklärte Lupin. „Ein Werwolf ist nur für Menschen gefährlich. Jeden Monat schlichen sie sich unter James’ Tarnumhang aus dem Schloss. Sie verwandelten sich...Peter, als der Kleinste, konnte unter den peitschenden Weidezweigen hindurchschlüpfen und den Knoten berühren, der sie erstarren lässt. Dann schlitterten sie hinunter in den Tunnel und kamen zu mir ins Haus. Unter ihrem Einfluss war ich weniger gefährlich. Mein Körper war immer noch der eines Wolfes, doch wenn ich mit ihnen zusammen war, fühlte ich mich eher wie ein Mensch. Vor allem James und Sirius entdeckten jetzt, was wir alles unternehmen konnten, wenn wir verwandelt hatten. Bald verließen wir die Heulende Hütte und streiften nachts über das Schlossgelände. Sirius und James verwandelten sich in so große Tiere, dass sie einen Werwolf mühelos im Schach halten konnten. Ich glaube nicht, dass je ein Hogwarts-Schüler mehr über das Schloss und die Ländereien herausgefunden hat als wir. Und so beschlossen wir, die Karte des Rumtreibers zu schreiben und sie mit unseren Spitznamen zu unterzeichnen. Sirius ist Tatze. Peter ist Wurmschwanz. James war Krone.“ „Was für ein Tier?“, wollte Harry wissen, doch Mine unterbrach ihn. „Das war immer noch sehr gefährlich! Mit einem Werwolf in der Dunkelheit herumzulaufen.“ „Du hast Recht“, meinte Lupin nachdenklich. „Aber wir waren jung und dachten, mit unserem Scharfsinn könnten wir alles machen. Ich will nicht verschweigen, dass es manchmal brenzlig wurde. Einige Male hätte ich die anderen fast aus den Augen verloren und jetzt verletzt. Und dann, eines Tages, rächte sich alles. Ihr - ähm - jabt sicher bemerkt, dass Professor Snape mich nicht leiden kann. Der Grund ist, dass Sirius ihm einen Streich gespielt hat, der ihn fast das Leben gekostet hätte.“ Black grinste hämisch. „Geschah ihn recht“, krächzte er. „Hat rumgeschnüffelt und wollte herausfinden, was wir vorhatten...er wollte doch nur, dass wir von der Schule fliegen...“ „Snape war sehr erpicht darauf zu erfahren, wohin ich jeden Monat verschwand. Wir waren im selben Jahrgang, wisst ihr, und wir - ähm - mochten uns nicht besonders. Vor allem gegen James hegte er eine Abneigung. Er war wohl neidisch, weil James im Quidditch so begabt war... Jedenfalls hatte Snape mich eines Abend, kurz vor Vollmond, mit Madam Pomfrey übers Gelände gehen sehen, die mich immer zur Peitschenden Weide führte. Sirius hielt es für eine - ähm - lustige Idee, Snape zu sagen, er müsse nur den Knoten an der Peitschenden Weide mit einem langen Stock berühren und könne mir dann folgen. Nun, natürlich hat Snape es probiert - und wenn er bis zum Haus gekommen wäre, dann hätte er es mit einem ausgewachsenen Werwolf zu tun bekommen-. doch dein Vater, der hörte, was Sirius getan hatte, lief Snape hinterher und schleifte ihn zurück...Allerdings hat Snape noch einen Blick auf mich erhascht, wie ich am Ende des Tunnels verschwand. Dumbledore hat ihm verboten, irgendjemandem etwas davon zu erzählen, doch von da an wusste er, dass ich...“ „Wusste Professor Dumbledore von dem Animagus-Zauber?“, unterbrach Mine ihn. „Bis heute hat er keine Ahnung, dass James, Sirius und Peter Animagi wurden. Er hätte sie von der Schule werfen müssen...sie hatten ein wichtiges Gesetz gebrochen...“ „Und aus diesem Grund kann Snape Sie nicht leiden?“, fragte ich langsam. „Weil er dachte, Sie hätten von Sirius’ Scherz gewusst?“ „So ist es“, sagte eine kalte Stimme an der Wand hinter Lupin. Snape riss sich den Tarnumhang vom Leib. Sein Zauberstab war drohend auf Lupin gerichtet.

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    35. Kapitel

    Mine schrie erschrocken. Black sprang vom Bett auf. Mir war, als hätte mir jemand einen elektrischen Schlag bekommen. „Den habe ich unter der Peitschenden Weide gefunden“, meinte Snape und warf den Tarnumhang beiseite, ohne den Zauberstab auch nur kurz von Lupins Brust abzuwenden. „Recht nützlich, Potter, ich danke...“ Snape wirkte leicht erschöpft, doch auf seinem Gesicht spiegelte sich ein Ausdruck des Triumphs. „Sie fragen sich vielleicht, woher ich wusste, dass Sie hier sind?“, fragte er mmit boshaft glitzernden Augen. „Ich war eben in Ihrem Büro, Lupin. Sie haben heute Abend vergessen, ihren Trank zu nehmen, also wollte ich einen Becher vorbeibringen. Und das war ein Glück...Glück für mich, würde ich sagen. Auf ihrem Tisch lag eine gewisse Karte. Ein Blick darauf verriet mir, was ich wissen musste. Ich sah Sie durch den Tunnel laufen und verschwinden.“ „Severus-...“, warf Lupin ein, doch Snape ließ sich nicht unterbrechen. „Ich habe den Schulleiter immer wieder gewarnt, dass Sie Ihrem alten Freund Black dabei helfen, ins Schloss zu kommen, Lupin, und hier ist der Beweis-...“ „Severus, Sie machen einen Fehler“, meinte Lupin eindringlich. „Sie haben nicht alles gehört - ich kann es erklären - Sirius ist nicht hier, um Harry zu töten-...“ „Zwei weitere Gefangene für Askaban heute Nacht“, sagte Snape ruhig, und seine Augen glühten wie die eines Besessenen. „Bin gespannt, wie Dumbledore das alles aufnimmt...er war vollkommen überzeugt, dass Sie harmlos seien, Lupin...ein zahmer Werwolf-...“ „Sie Dummkopf“, schimpfte Lupin leise. „Ist der Groll über einen Schülerstreich Grund genug, einen Unschuldigen nach Askaban zu bringen?“ Dünne Seile schossen mit einem Mal aus der Spitze von Snapes Zauberstab und schlängelten sich um Lupins Mund, Handgelenke und Fersen. Er verlor das Geleichgewicht und stürtze zu Boden, wo er liegen blieb, ohne einen Finger rühren zu können. Black sprang vom Bett auf und wollte sich auf Snape stürzen, doch dieser richtete seinen Zauberstab genau zwischen seine Augen. „Gib mir einen Grund“, flüsterte er. „Gib mir nur einen Grund, es zu tun, und ich schwöre dir, ich werde es tun.“ Black erstarrte. Es war unmöglich zu sagen, welches Gesicht hasserfüllter war. Ich stand da wie gelähmt und wusste nicht mehr, auf welcher Seite ich stand. Dem Gefühl nach, war ich Lupins Seite. Aber Black hatte ja zugegeben, für den Tod von Harrys Eltern verantwortlich zu sein...andererseits, hatte er gesagt, Harry nicht umbringen zu wollen. Ron, Harry und Mine schien es ähnlich zu gehen. Mine machte einen zögerlichen Schritt auf Snape zu und meinte mit matter Stimme: „Professor Snape, es...es würde doch nichts schaden zu hören, was sie zu sagen haben, o-oder?“ „Ms. Granger, auf Sie wartet bereits der Schulverweis“, bellte Snape. „Sie, Ms. Rosier, Potter und Weasley haben alle Regeln gebrochen und befinden sich in der Gesellschaft eines verurteilten Mörders und eines Werwolfs. Auch wenn es das erste Mal in Ihrem Leben sein sollte, halten Sie den Mund.“ „Aber wenn - wenn es einen Irrtum gab-...“ „Sei still, du dumme Göre!“, schrie Snape und sah plötzlich ziemlich verstört aus. „Red nicht über Dinge, die du nicht verstehst!“ Ein paar Funken prasselten aus der Spitze seines Zauberstabs, der immer noch auf Blacks Gesicht gerichtet war. Mine verstummte. „Rache ist zuckersüß“, hauchte Snape Black zu. „Wie sehr habe ich gehofft, dich als Erster in die Finger zu kriegen...“ „Und jetzt bist du mal wieder Dumme, Severus“, entgegnete Black gelassen. „Wenn dieser Junge seine ratte ins Schloss bringen kann“, er nickte mit dem Kopf hinüber zu Ron, „komme ich ohne Federlesen mit...“ „Ins Schloss?“, fragte Snape salbungsvoll. „Ich glaube nicht, dass wir so weit gehen müssen. Sobald wir draußen vor der Weide sind, rufe ich die Dementoren. Sie werden hocherfreut sein, dich zu sehen, Black...so entzückt, dass sie dir sicher einen kleinen Kuss geben wollen...“ Das bisschen Farbe auf Blacks Gesicht verschwand. „D...du musst mich anhören“, krächzte er. „Die Ratte- schau dir die Ratte an-...“ Doch ein irres Flackern, wie ich es noch nie gesehen hatte, trat jetzt in Snapes Augen. Offenbar hatte er das Reich der Vernunft verlassen. „Kommt mit, allesamt“, befahlt er. Er schnippte mit den Fingern und die Enden der Seile, die Lupin fesselten, flogen ihm in die Hände. „Ich ziehe den Werwolf. Vielleicht haben die Dementoren auch ein Küsschen für ihn übrig.“ Irgendwie war dieser Satz ein Auslöser: Ich wusste nicht, was ich tat, aber ich rannte hinüber zur Tür zu und versperrte Snape den Weg. „Nein“, bestimmte ich kalt und richtete meinen Zauberstab auf Snape. „Liv, was tust du da?“, flüsterte Mine panisch. Ich antwortete ihr, ohne den Blick von Snape zu nehmen: „Ich mache das einzig Richtige.“ Ich umklammerte meinen Zauberstab und starrte Snape hasserfüllt an. „Lassen Sie Professor Lupin frei.“ Doch Snape dachte gar nicht daran. „Geh mir aus dem Weg, Mädchen.“ „Nein.“ Meine Augen blitzten bösartig, als wollten sie Snape am liebsten durchbohren. „Ich sag es dir noch einmal, geh zur Seite!“, wiederholte Snape, doch ich hörte nicht auf ihn. „Sie sind jämmerlich!“, rief ich. „Nur weil Sie in der Schule zum Narren gehalten wurden, wollen Sie jetzt nicht mal zuhören!“ „Ruhe! So spricht man nicht mit mir!“, brüllte Snape und wikrte mehr denn je wie ein Irrer. „Ach, ist das so? Sie sind doch wahnsinnig! Nur wegen einem dummen Streich landen Black und Professor Lupin in Askaban!“ „Du wärst gestorben, wenn ich dich nicht gerettet hätte. Und jetzt geh aus dem Weg, oder ich räum dich fort - aus dem Weg!“ Ich entschied mich im Bruchteil einer Sekunde. Bevor Snape auch nur einen Schritt auf mich zugehen konnte, hatte ich den Zauberstab geschwungen.

    „Expelliarmus!“, rief ich - allerdings war meine Stimme nicht die einzige. Es gab einen Knall, der fast die Tür aus den Angeln gehoben hätte; Snape riss es von den Füßen, er krachte gegen die Wand und rutschte an ihr zu Boden. Unter seinem Haarschopf sickerte ein kleines rotes Rinnsal hervor. Er war ohnmächtig. ich drehte mich um. Ron, Mine und Harry hatten im selben Augenblick beschlossen, Snape zu entwaffnen. Snapes Zauberstab war durch die Luft geflogen und neben Krummbein auf dem Bett gelandet. „Wir haben einen Lehrer angegriffen...wir haben einen Lehrer angegriffen...“, wimmerte Mine und starrte mit angsterfüllten Auen auf den ohnmächtigen Snape. „Oh, wir kriegen gewaltigen Ärger.“ Lupin versuchte unterdessen, sich von seinen Fesseln zu befreien. Black bückte sich rasch und half ihm. Lupin richtete sich auf und rieb sich die Arme, wo das Seil ihm ins Fleisch geschnitten hatte. „Danke, Harry, Olivia“, meinte er. Doch Harry erwiderte sein Lächeln nicht. „Ich sage nicht, dass ich Ihnen glaube“, erklärte er Lupin. „Diesen ganzen Kram über einen Haufen Animagi und Krätze, der ein Zauberer sein soll...“ „Dann ist es an der Zeit, dass wir es beweisen“, sagte Lupin. „Ron, bitte gib mir Peter. Jetzt.“ Ron drückte Krätze noch fester an seine Brust. „Hören Sie auf damit“, forderte er mit schwacher Stimme. „Wollen Sie sagen, er ist aus Askaban geflohen, nur um Krätze in die Hände zu kriegen? Das ist doch...“ Er sah hilfesuchend zu Harry, Mine und dann zu mir. „Gut, sagen wir, Pettigrew konnte sich in eine Ratte verwandeln - es gibt Millionen von Ratten - wie soll er wissen, hinter welcher er her ist, wenn er in Askaban sitzt?“ „Wenn ich’s mir überlege, dann ist das eine berechtigte Frage, Sirius“, meinte Lupin und wandte sich mit leichtem Stirnrunzeln Black zu. „Wie hast du eigentlich rausgefunden, wo er steckte?“ Black zog ein zerknülltes Stück Papier hervor, strich es glatt und hielt es hoch. Es war das Foto von Ron und seiner Familie, das im vorigen Sommer im Tagespropheten erschienen war, und da, auf Rons Schulter, saß Krätze. „Wie hast du denn das in die Finger bekommen?“, fragte Lupin wie vom Donner gerührt. „Fudge“, antwortete Black. „Letztes Jahr, bei seinem Kontrollbesuch in Askaban, gab er mir seine Zeitung. Und da war Peter, auf der Titelseite...auf der Schulter dieses Jungen...ich hab ihn sofort erkannt...wie oft hatte ich gesehen, wie er sich verwandelte. Und darunter hieß es, der Junge würde bald nach Hogwarts zurückkehren...wo Harry war...“ „Mein Gott“, entfuhr es Lupin leise und starrte abwechselnd Krätze und das Zeitungsfoto an. „Die Vorderpfote...“ „Was soll damit sein?“, fragte Ron widerwillig. „Ihr fehlt ein Zeh“, flüsterte ich. „Natürlich“, seufzte Lupin, „so einfach...so gerissen...er hat in selbst abgehackt?“ „Kurz bevor er sich verwandelte“, meinte Black. „Als ich ihn gestellt hatte, schrie er, dass es in der ganzen Straße zu hören war, ich hätte Lily und James verraten. Dann, bevor ich einen Fluch sprechen konnte, hat er mit dem Zauberstab hinter dem Rücken die ganze Straße in die Luft gejagt und alle im Umkreis von zehn Metern getötet - und schließlich ist er mit den anderen Ratten im Kanalloch verschwunden...“ „Ron!“, hauchte ich entgeistert. „Das größte Stück von Pettigrew, das gefunden wurde, war sein Finger!“ „Ach was, Krätze ist wahrscheinlich mit einer anderen Ratte aneinander geraten. Er ist schon ewig in meiner Familie.“ „Zwölf Jahre, um genau zu sein“, widersprach Lupin. „Hast du dich nie gewundert, warum er so lange lebt?“ „Wir...wir haben uns gut um ihn gekümmert!“ „Sieht im Moment allerdings nicht gerade gesund aus, oder?“, sagte Lupin. „Ich vermute, er verliert Gewicht, seit er gehört hat, dass Sirius wieder auf freiem Fuß ist...“ „Er hat Angst vor diesem verrückten Kater!“, rief Ron und zeigte zu Krummbein hinüber, der immer noch schnurrend auf dem Bett lag. Doch das stimmte nicht. Krätze hatte schon krank ausgesehen, bevor er auf Krummbein traf...schon seit Rons Rückkehr aus Ägypten...seit Black geflohen war... „Dieser Kater ist nicht verrückt“, sagte Black mit heiserer Stimme. Er streckte seine knochige Hand aus und streichelte über Krummbeins wuschligen Kopf. „Er ist der klügste Kater, den ich kenne. Er hat Peter sofort durchschaut. Und als er mich traf, war ihm auch klar, dass ich kein Hund war. Es dauerte eine Weile, bis er mir vertraute...schließlich schaffte ich es, ihm mitzuteilen, hinter wem ich her war, und er half mir...““Was wollen Sie damit sagen?“, wisperte Mine. „Er wollte mir Peter bringen, aber es gelang ihm nicht...also hat er die Passwörter für den Gryffindor-Turm für mich gestohlen...ich glaube, er hat sie vom Nachttisch eines Jungen stibitzt...Doch Peter bekam Wind davon und floh...“, krächzte Black. „Dieser Kater - Krummbein - nennst du ihn? - hat mir gesagt, dass Peter Blut auf dem Laken hinterlassen hat...ich denke, er hat sich selbst gebissen...nun ja, seinen eigenen Tod vorzutäuschen hat schon einmal geklappt...“ Harry fuhr hoch. „Und warum hat er seinen Tod vorgetäuscht?“, fragte er aufgebracht. „Weil er wusste, Sie würden ihn töten, wie Sie meine Eltern getötet haben!“ „Nein“, erwiderte Black, „Harry-...“ „Und jetzt sind Sie gekommen, um ihn entgültig zu erldeigen!“ „Das stimmt, aber-...“ „Dann hätten wir Snape freie Hand lassen sollen!“, rief Harry. „Harry“, warf Lupin ein, „begreist du nicht? Die ganze Zeit dachten wir, Sirius hätte deine Eltern verraten und Peter hätte ihn gejagt und gestellt, Doch es war genau umgekehrt. Peter hat deine Mutter und deinen Vater verraten - und SIrius hat Peter gejagt-...“ „Das ist nicht wahr!“, rief Harry erneut, „er war ihr Geheimniswahrer! Er hat es gesagt, bevor Sie kamen, er hat gesagt, dass er sie getötet hat!“ Er deutete auf Black, der nachdenklich den Kopf schüttelte; seine eingesunkenen Augen leuchteten plötzlich. „Harry...es war praktisch meine Schuld“, krächzte er. „Ich habe Lily und James im letzten Moment dazu überredet, Peter an meiner statt als Geheimniswahrer zu nehmen...ich bin schuld, ich weiß es...in der Nacht, als sie starben...war ich Peter besuchen gegangen, doch er war nicht zu Hause und es sah nicht nach einem Kampf aus...ich bin sofort zu deinen Eltern...und als ich ihr zerstörtes Haus und ihre Leichen sah...war mir klar, was Peter getan haben musste...was ich getan hatte...“ Seine Stimme versagt. Er wandte sich ab. „Genug davon“, meinte Lupin und etwas Stählernes lag in seiner Stimme, wie ich es von ihm nicht kannte. „Es gibt nur einen sicheren Weg, um zu beweisen, was wirklich geschehen ist. Ron, gib mir die Ratte.“ Ron sah stumm von Lupin zu Harry hinüber. Harry nickte. „Was werden SIe tun, wenn ich sie Ihnen gebe?“, fragte Ron angespannt. „Ihn zwingen, sich zu zeigen“, erklärte Lupin. „Wenn das wirklich eine Ratte ist, tut es ihr nicht weh.“ Ron biss sich auf die Lippen und streckte die Hand mit Krätze aus. Lupin packte die Ratte. Krätze begann verzweifelt zu quieken und wehrte sich kratzend und beißend gegen Lupins Griff. „Bereit, Sirius?“, fragte Lupin. Schon hatte Black Snapes Zauberstab vom Bett genommen. Er trat auf Lupin und die sich windende Ratte zu; seine feuchten Augen schienen plötzlich in ihren Höhlen zu brennen. „Zusammen?“, fragte er leise. „Ich denke schon“, erwiderte Lupin und packte Krätze fest mit der einen, den Zauberstab mit der anderen Hand. „Ich zähle bis drei. Eins - zwei -DREI!“

    Blauweiße Blitze knisterten aus beiden Zauberstäben hervor; einen Moment blieb Krätze in der Luft schweben, die kleine graue Gestalt zuckte krampfartig. Ron schrie auf. Dann fiel die Ratte zu Boden; ein weiterer blendend heller Lichtstrahl und dann- Es war, als sähe ich im Zeitraffer, wie ein Baum wächst. Vom Fußboden wucherte ein Kopf empor, dann ein Körper, aus dem Glieder sprossen, und schon stand, wo Krätze gelegen hatte, sich krümmend und händeringend - ein Mann. Krummbein fauchte und knurrte mit gesträubten rückenhaaren. Es war ein sehr kleiner Mann, kaum größer als Harry. Um einen großen kahlen Kreis auf dem Kopf fand sich noch ein wenig dünnes, farbloses Haar. Er machte den Eindruck eines pummeligen Mannes, der in kurzer Zeit viel Gewicht verloren hatte. Seine Haut wirkte schmuddlig, fast wie krätzes Fell, und seine spitze Nase und die sehr kleinen, wässrigen Augen erinnerten an eine Ratte. Er blickte hechelnd in die Runde. ich bemerkte, wie sein Blick rasch zur Tür huschte. „Ach, hallo, Peter“, sagte Lupin, als wäre es nichts Ungewöhnliches, dass sich Ratten in seinem Umkreis als alte Schulfreunde entpuppten. „Lange nicht gesehen.“ „S-Sirius...R-Remus...“, quiekte Pettigrew. Wieder huschten seine Augen zur Tür. „Meine Freunde...meine alten Freunde...“ Black hob den Zauberstab, doch Lupin packte ihn am Armgelenk und sah ihn warnend an, dann wandte er sich, betont lässig, erneut Pettigrew zu. „Wir hatten eine kleine Unterhaltung, Peter, über die Nacht, als Lily und James starben. Du hast vielleicht einige Einzelheiten verpasst, während du dort auf dem Bett herumgequiekt hast.“ „Remus“, keuchte Pettigrew und ich sah, wie Schweißperlen auf sein teigiges Gesicht traten, „du glaubst ihm doch nicht etwas...er hat versucht mich umzubringen, Remus...“ „Das wissen wir“, erwiderte Lupin, jetzt eine Spur kühler. „Peter, ich möchte ein oder zwei kleiner Fragen mit dir klären, wenn du so-...“ „Und jetzt ist er hier, um es noch einmal zu versuchen!“, quiekte Pettigrew erneut und deutete auf Black. Ich sah, dass er seinen Mittelfinger benutzte, weil der Zeigefinger fehlte. „Er hat Lily und James umgebracht und jetzt wird er auch mich töten...du musst mir helfen, Remus...“ Blacks Gesicht ähnelte jetzt mehr denn je einem Totenschädel und er starrte Pettigrew aus hasserfüllten Augen an. „keiner hier wird versuchen dich zu töten, bevor wir ein paar Dinge geklärt haben“, sagte Lupin ruhig. „Geklärt?“, kreischte Pettigrew und sah mit flehendem Blick um; seine Augen huschten über die brettervernagelten Fenster und dann ernet über die einzige Tür. „Ich wusste, dass er mich jagen würde! Ich wusste, dass er mir auf den Fersen war! Darauf habe ich zwölf Jahre lang gewartet!“ „Du wusstest, dass Sirius aus Askaban fliehen würde?“, fragte Lupin stirnrunzelnd. „Obwohl es bisher noch keiner geschafft hatte?“ „Er hat dunkle Kräfte, von denen unsereiner nur träumen kann!“, rief Pettigrew schrill. „Wie ist er sonst dort rausgekommen? Ich vermute, Du-weißt-schon-wer hat ihm ein paar Tricks beigebracht!“ Black fing an lauthals zu lachen, ein schauriges, freudloses Lachen, das den Raum erfüllte. „Voldemort - und mir Tricks beibringen?“ Pettigrew zuckte zusammen, als hätte Black ihm einen Peitschenschlag versetzt. „Was denn - Angst vor dem Namen deines alten Herrn?“, fragte Black. „Ich versteh dich wohl, Peter. Seine Leute sind nicht besonders gut auf dich zu sprechen, nicht wahr?“ „Ich weiß nicht, was du meinst, Sirius“, wisperte Pettigrew und sein Atem ging schneller. Sein Gesicht glitzerte von Schweiß; ich sah ihm an, dass er genau wusste, wovon Black sprach. „Vor mir jedenfalls hast du dich nicht zwölf Jahre lang versteckt“, meinte Black. „Du hast dich vor Voldemorts alten Anhängern versteckt. Ich hab in Askaban gewisse Dinge gehört, Peter...sie glauben alle, du wärst tot, denn sonst müsstest du ihnen Rede und Antwort stehen. Klang, als ob sie glaubten, der Verräter hätte sie selbst verraten. Voldemort ging auf deinen Wink hin zu den Potters...und das war sein eigenes Ende. Aber nicht alle Anhänger Voldemorts landeten in Askaban, oder? Es treibt sich immer noch eine Menge herum und wartet, bis es wieder an der Zeit ist. Alle tun so, als hätten sie eingesehen, dass sie sich geirrt hätten...wenn sie je Wind davon bekommen, dass du noch lebst, Peter-...“ „Weiß nicht...wovon du redest...“, sagte Pettigrew erneut und schriller denn je. Er wischte sich mit dem ärmel über das Gesicht und sah zu lupin hoch. „Du glaubst doch nicht etwas - diesem Irren - Remus...“ „Ich muss zugeben, Peter, es fällt mir schwer zu begreifen, warum ein Unschuldiger zwölf Jahre lang als Ratte leben sollte“, meinte Lupin gleichgültig. „Unschuldig, aber voller Angst!“, quiekte Pettigrew. „Wenn Voldemorts Anhänger hinter mir her sind, dann doch nur, weil ich einen ihrer besten Männer nach Askaban gebracht habe - den Spion, Sirius Black!“ Blacks Gesicht verzerrte sich. „Wie kannst du es wagen“, knurrte er und klang plötzlich wie der bärengroße Hund, in den er sich verwandeln konnte. „Ich, ein Spion für Voldemort? Wann bin ich je um Leute herumscharwenzelt, die stärker und mächtiger waren als ich? Aber du, Peter - ich werde nie begreifen, warum ich nicht gleich gemerkt habe, dass du ein Spion bist. Du mochtest immer große Freunde, die für dich nach dem Rechten sahen, nicht wahr? Erst waren wir es...ich und Remus...und James...“ Pettigrew wischte sich erneut den Schweiß ab; er rang jetzt beinahe nach Luft. „Ich ein Spion...du musst den Verstand verloren haben...niemals...weiß nicht, wie du auf so etwas kommst-...“ „Lily und James machten dich nur zum Geheimniswahrer, weil ich es vorgeschlagen hatte“, zischte Black und klang dabei so giftig, dass Pettigrew einen Schritt zurücktrat. „Ich dachte, es wäre ein perfekter Plan...ein Bluff...Voldemort würde gewiss hinter mir her sein, er würde sich nie träumen lassen, dass sie ein schwaches, unbegabtes Kerlchen wie dich nehmen...das muss der größte Augenblick deines elenden Lebens gewesen sein, als du Voldemort berichtest hast, dass du ihm die Potters ausliefern könntest.“ Pettigrew murmelte geistesabwesend; Ich fing Worte auf wie „weit hergeholt“ und „verrückt“, doch ich achtete eher auf Pettigrews aschfarbenes Gesicht und auf seine Augen, die immer wieder über die Fenster und zur Tür huschte. „Professor Lupin?“, fragte Mine schüchtern. „Kann...kann ich auch etwas sagen?“ „Natürlich, Hermine“, erwiderte Lupin höflich. „Nun - Krätze - ich meine, dieser - dieser mann - er hat drei Jahre lang in Harrys Schlafsaal geschlafen. Wenn er für Du-weißt-schon-wen arbeitet, wie kommt es dann, dass er niemals versucht hat, Harry etwas anzutun?“ „Ganz genau!“, meinte Pettigrew schrill und deutete mit seiner verstümmelten Hand auf Mine. „Ich danke dir! Siehst du, Remus? Ich hab Harry nie auch nur ein Haar gekrümmt! Warum sollte ich auch?“ „Das will ich dir erklären“, giftete Black. „Weil du nie etwas für irgendjemanden getan hast ohne zu wissen, was dabei für dich herausspringt. Voldemort versteckt sich seit zwölf Jahren, es heißt, er sei halb tot. Du wolltest unter Dumbledores Nase doch keinen Mord begehen für einen Zauberer, der nur noch ein Wrack ist und all seine Macht verloren hat? Du musst ganz sicher sein, dass er wieder der mächtige Zauberer von damals ist, bevor du zu ihm zurückkehrst. Warum hast du sonst eine Zaubererfamilie gesucht, die dich aufnimmt? Mit einem Ohr hast du auf die neusten Nachrichten gelauscht, nicht wahr, Peter? Nur für den Fall, dass dein alter Beschützer seine Kraft wiedergewinnen würde und du gefahrlos zurückkehren könntest...“ Pettigrew bewegte den Mund, blieb jedoch stumm. Es schien ihm die Sprache verschlagen zu haben.

    „Ähm - Mr. Black - Sirius?“, fragte ich. Black zuckte zusammen, als ich ihn so anredete und starrte mich neugierig an. „Darf ich Sie fragen, wie - wie Sie aus Askaban fliehen konnten ohne schwarze Magie?“ „Danke!“, keuchte Pettigrew und nickte mir begeistert zu, „genau das, was ich-...“ Doch ich brachte ihn mit einem eisigen Blick zum Schweigen. Black sah mich stirnrunzelnd an, schien sich aber nicht über mich zu ärgern. Offenbar dachte er über seine Antwort nach. „Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe“, sagte er langsam. „Ich glaube, ich habe nur deshalb nicht den Verstand verloren, weil ich unschuldig war. Da war kein bisschen Glück in mir, also konnten die Dementoren auch nichts aus mir heraussaugen...aber das bewahrte mich davor, verrückt zu werden. ich wusste immer, wer ich war...das half mir, meine Kräfte zu bewahren...und als dann alles...zu viel wurde...konnte ich mich in meiner Zelle verwandeln...und ein Hund werden. Dementoren können nichts sehen, musst du wissen...“ Er schauderte. „Sie spüren den Menschen nach und ernähren sich von ihren Gefühlen...sie merkten, dass meine Gefühle weniger - weniger menschlich, einfacher waren, wenn ich ein Hund war...aber sie dachten natürlich, ich würde den Verstand verlieren wie alle andern dort drin, es kümmerte sie nicht. Doch ich war schwach, sehr schwach, und ich hatte keine Hoffnung, ich könnte sie mir ohne Zauberstab jemals vom Leib halten...Doch dann sah ich Peter auf diesem Bild...er war also mit Harry in Hogwarts...in bester Lage, um handeln zu können, falls ihm zu Ohren gelangen sollte, dass die Dunkle Seite wieder an die Macht kam...“ Pettigrew schüttelte den Kopf und bewegte stumm die Lippen, starrte jedoch unverwandt Black an, als wäre er hypnotisiert. „Bereit, in dem Moment zuzuschlagen, da er sich seiner Verbündeten sicher war...und ihnen den letzten der Potters auszuliefern. Wenn er ihnen Harry brachte, wer würde es dann noch wagen zu behaupten, er hätte Voldemort verraten? Sie würden ihn mit offenen Armen wieder aufnehmen... Du siehst also, ich musste etwas tun. Ich war der Einzige, der wusst, dass Peter noch lebte...Es war, als hätte jemand ein Feuer in meinem Kopf entfacht und die Dementoren konnten es nicht ersticken...es war kein Glücksgefühl...ich war wie besessen...doch das gab mir Kraft und klärte meine Gedanken. Nun, eines Nachts, als sie meine Tür öffneten, um mir das Essen zu bringen, huschte ich flink als Hund an ihnen vorbei...es war so viel schwieriger für sie, die Gefühle von Tieren zu erspüren, das verwirrt sie...ich war dünn, ganz abgemagert...so konnte ich durch die Gitter schlüpfen...als Hund schwamm ich hinüber zum Festland...“ Er blickte Harry an und diesmal sah Harry nicht weg. „Glaub mir“, krächzte Black. „Glaub mir, Harry. ich habe James und Lily nie verraten. Ich wäre lieber gestorben, als das zu tun.“ Und nun glaubten wir ihm endlich.

    Harry nickte. „Nein!“ Pettigrew war auf die Knie gefallen, als wäre Harrys Nicken sein Todesurteil gewesen. Er rutschte auf den Knien herum, die Hände vor sich verschränkt. „Sirius - ich bin’s...Peter...dein Freund...du wirst doch nicht...“ Black stieß mit dem Fuß nach ihm und Pettigrew zuckte zurück. „Ich hab schon genug Dreck auf dem Umhang, ohne dass du ihn berührst“, zischte Black. Pettigrew wandte sich Lupin zu. „Remus!“, quiekte er und krümmte sich fehlend vor ihm nieder. „Du glaubst das doch nicht...hätte Sirius dir nicht gesagt, dass sie den Plan geändert hatten?“ „Nicht wenn er glaubte, ich wäre der Spion...“, murmelte Lupin. „Ich vermute, deshalb hast du es mir nicht gesagt, Sirius?“ „Verzeih mir, Remus“, meinte Black. „Keine Ursache, Tatze, alter Freund“, erwiderte Lupin und krempelte sich die Ärmel hoch. „Und du, vergibst du mir, dass ich dich auch für einen Spion gehalten habe?“ „Natürlich“, sagte Black und ein kurzes Grinsen huschte über sein ausgemergeltes Gesicht. Auch er begann die Ärmel hochzurollen. „Sollen wir ihn gemeinsam töten?“ „Ja, ich denke schon“, stimmte ihm Lupin grimmig zu. „Das könnt ihr nicht tun...das werdet ihr nicht...“, keuchte Pettigrew. Und dann warf er sich herum und blickte Ron an. „Ron...war ich nicht immer ein gutes Haustier? Du lässt doch nicht zu, dass sie mich töten, Ron...du bist auf meiner Seite, oder?“ Doch Ron starrte Pettigrew mit größtem Ekel an. „Ichhab dich in meinem Bett schlafen lassen!“, rief er. „Lieber Junge...gutes Herrchen...“, Pettigrew kroch auf Ron zu, „das lässt du nicht zu...ich war deine Ratte...ich war ein gutes Haustier...“ „Wenn du als Ratte besser warst als Mensch, ist das kein Grund zu prahlen, Peter“, herrschte Black ihn an. Ron zerrte das gebrochene Bein aus der Reichweite Pettigrews und der Schmerz ließ ihn noch blasser werden. Pettigrew drahte sich auf den Knien herum und sah Harry an. „Harry...Harry...du siehst genau wie dein Vater aus...wie aus dem Gesicht geschnitten...“ „Wie kannst du es wagen, Harry anzusprechen?“, donnerte Black. „Wie kannst du es wagen, ihn anzusehen? Wie kannst du es wagen, vor ihm über James zu sprechen?“ „Harry“, flüsterte Pettigrew und warf sich mit ausgestreckten Händen vor ihm zu Boden. „Harry, James hätte nicht gewollt, dass sie mich töten...James hätte verstanden, Harry...er hätte mir Gnade erwiesen...“ Black und Lupin traten rasch vor, packten Pettigrew an den Schultern und warfen ihn auf den Rücken. Da lag er, zuckend vor Angst, und starrte zu ihnen hoch. „Du hast lily und James an Voldemort verkauft“, sagte Black und auch seine Stimme zitterte. „Leugnest du das?“ Pettigrew brach in Tränen aus. Er bot einen furchtbaren Anblick, wie ein großes, fast kahlköpfiges Baby, das auf dem Boden kauerte. „Sirius, Sirius, was hätte ich tun können? Der Dunkle Lord...du hast keine Ahnung...er besitzt Waffen, von denen du keine Ahnung hast...ich hatte Angst, Sirius, ich war nie mutig, wie du, Remus und James. Ich habe es nicht gewollt...Er, dessen Name nicht genannt werden darf, hat mich dazu gezwungen-...“ „Lüg nicht!“, schrie Sirius wütend. „Du hast Lily und James schon ein Jahr, bevor sie starben, ausgespitzelt! Du warst sein Spion!“ „Er - er hat überall die Macht übernommen!“, keuchte Pettigrew. „W-was sollte es nützen, sich ihm zu verweigern?“ „Was sollte es nützen, gegen den übelsten Zauberer zu kämpfen, der je gelebt hat?“, bellte Black und furchtbarer Zorn stand ihm im Gesicht. „Nur unschuldige Leben hätte man retten können, Peter!“ „Du verstehst nicht!“, wimmerte Pettigrew, „er hätte mich getötet, Sirius!“ Black sprach das aus, was ich dachte. „Dann hättest du sterben sollen!“, donnerte Black. „Lieber sterben als deinen Freunde zu verraten, wie wir es für dich getan hätten!“ Black und Lupin standen Schulter an Schulter, die Zauberstäbe erhoben. „Dir hätte eins klar sein sollen“, sagte Lupin leise. „Wenn Voldemort dich nicht getötet hätte, dann hätten wir es getan. Adieu, Peter.“

    Mine schlug die Hände vors Gesicht und drehte sich zur Wand. „NEIN!“, rief Harry. Rasch trat er vor und stellte sich den Zauberstäben entgegen. „Sie sollen ihn nicht töten“, sagte er und atmete ruckartig. „Tun Sie es nicht.“ Black und Lupin waren verblüfft. „Harry, dieses >Etwas< ist der Grund, wehalb du keine Eltern mehr hast“, knurrte Black. „Dieses sich windende Stück Dreck hätte auch dich ohne mit der Wimper zu zucken sterben lassen. Du hast ihn gehört. Seine eigene stinkende Haut war ihm mehr wert als deine ganze Familie.“ „Ich weiß“, keuchte Harry. „Wir bringen ihn hoch ins Schloss. Wir übergeben ihn den Dementoren...er soll nach Askaban...aber töten Sie ihn nicht.“ „Harry!“, seufzte Pettigrew und warf die Arme um Harrys Knie, „du - ich danke dir - das ist mehr, als ich verdiene - danke-...“ „Lass mich los!“, fauchte Harry und schüttelte angewidert Pettigrews Hände ab. „Das tue ich nicht für dich. Ich mache es, weil - ich glaube nicht, dass mein Vater gewollt hätte, dass sie - zu Mördern würden - nur wegen dir.“ Niemand regte sich oder machte ein Geräusch, außer Pettigrew, der pfeifend atmete und die Arme um die Brust klammerte. Black und Lupin sahen sich an. Dann ließen sie gleichzeitig die Zauberstäbe sinken. „Du bist der Einzige, der das Recht hat, dies zu entscheiden, Harry“, meinte Black. „Aber bedenke...bedenke, was er getan hat...“ „Er soll nach Askaban“, wiederholte Harry, „wenn jemand es verdient, dort zu sitzen, dann er...“ Hinter uns hörte ich immer noch Pettigrews pfeifendes Atmen. „Also gut“, murmelte Lupin. „Geh beiseite, Harry.“ Harry zögerte. „Ich werde ihn fesseln“, erklärte Lupin, „das ist alles, ich schwör’s dir.“ Harry trat aus dem Weg. Dünne Schnüre schossen aus Lupins Zauberstab und kurz darauf wälzte sich Pettigrew gefesselt und geknebelt auf dem Boden. „Aber wenn du dich verwandelst, Peter“, nurrte Black, den Zauberstab auf Pettigrew gerichtet, „werden wir dich doch töten. Bist du einverstanden, Harry?“ Harry nickte; Pettigrew entging es nicht.

    „Gut“, sagte Lupin, auf einmal geschäftsmäßig. „Ron, ich kann Knochen nicht halb so gut heilen wie Madam Pomfrey, also ist es das Beste, wenn wir dein Bein einfach schienen, bis wir dich in den Krankenflügel bringen können.“ Rasch ging er zu Ron hinüber, bückte sich, schlug mit dem Zauberstab sachte gegen sein bein und murmelte: „Ferula!“ Eine Binde rollte sich an Rons Bein hoch und schnürte es an einer Schiene fest. Lupin half ihm auf; Ron trat behutsam auf, ohne vor Schmerz zu ächzen. „Schon besser“, meinte er, „danke.“ „Was ist mit Professor Snape?“, fragte ich betreten und sah auf die zusammengekrümmte Gestalt hinunter. Lupin beugte sich über Snape und fühlte seinen Puls. „Er hat nichts Ernstes“, sagte er. „Ihr wart nur ein wenig -ähm - übereifrig. Immer noch ohnmächtig. Vielleicht ist es das Beste, wenn wir ihn erst drüben im Schloss wieder aufpäppeln. Wir können ihn so mitnehmen...“ Er murmelte: „Mobilcorpus!“.Wie an unsichtbaren Fäden wurde er hochgezogen, bis er aufrecht stand. Der Kopf baumelte immer noch hin und her und die Füße schwebten ein paar Zentimeter über dem Boden. Lupin hob den Tarnumhang auf und verstaute ihn in seiner Tasche. „Und zwei von euch sollten sich an das hier ketten“, knurrte Black und stieß Pettigrew mit den Zehenspitzen an. „Nur um sicherzugehen.“ „Das mache ich“, meldete Lupin sich freiwillig. „Und ich“, stimmte Ron mit bitterer Miene zu und humpelte herbei. Black beschwor schwere Handschellen aus dem Nichts herauf; bald stand Pettigrew wieder auf den Beinen, den linken Arm an Lupins rechten und den rechten Arm an Rons linken gekettet. Ron machte ein recht steifes Gesicht. Krätzes wahre Gestalt schien er als persönliche Beleidigung zu empfinden. Krummbein sprang leichtfüßig vom Bett und führte uns hinaus, den bauschigen Schwanz erfreut in die Höhe gestreckt.

    36
    36. Kapitel

    Es war schon eine sehr merkwürdige Prozession, an der ich da teilnahm. Krummbein stolzierte voraus die Treppe hinunter. Dann kamen Lupin, Pettigrew und Ron, die aussahen, als wollten sie bei einem Dreibeinwettlauf antreten. Ihnen folgte Professor Snape, der, senkrecht schwebend und mit den Füßen gegen die Stufen schlagend, einen unheimlichen Anblick bot. In der Schwebe hielt ihn sein eigener Zauberstab, den Black auf Snapes Rücken gerichtet hielt. Harry, Mine und ich bildeten den Schluss. In den Tunnel hinunterzusteigen war schwierig. Lupin, Pettigrew und Ron mussten sich zur Seite drehen, um es zu schaffen; Lupin hielt Pettigrew weiterhin mit dem Zauberstab in Schach. Ich beobachtete stumm, wie sie, aneinander gekettet, den Tunnel entlangstolperten. Krummbein ging munter voran. Black ließ Snape vor sich herschweben, dessen leblos baumelnder Kopf immer wieder gegen die Tunnelwand schlug. Black interessierte das offenbar nicht im Geringsten. Mühsam quälten wir uns voran. Black und Harry unterhielten sich. „Du weißt, was das bedeutet?“, fragte Black an Harry gewandt, „Pettigrew auszuhändigen?“ „Dann sind Sie frei“, erwiderte Harry. „Ja...“, murmelte Black. „Aber ich bin auch - ich weiß nicht, ob man es dir je gesagt hat - ich bin dein Pate.“ „Ja, ich weiß“, entgegnete Harry. „Nun...deine Eltern wollten, dass ich dein Vormund werde“, erklärte Black steif, „falls ihnen irgendwas geschehen sollte...“ Harry wartete. „Ich verstehe natürlich, wenn du bei deiner Tante und deinem Onkel bleiben willst“, fuhr Black fort. „Aber...nun...denk darüber nach. Sobald mein guter Name wiederhergestell ist...wenn du ein...wenn neues Zuhause willst...“ „Wie - bei Ihnen wohnen?“, fragte Harry und stieß mit dem Kopf versehentlich gegen ein Stück Fels, das aus der Tunneldecke ragte. „Die Dursleys verlassen?“ „Natürlich, es war mir schon klar, dass du nicht willst“, antwortete Black rasch. „Ich verstehe, ich dachte nur, ich-...“ „Du bist wohl verrückt!“, sagte Harry und seine Stimme krächzte längst genauso wie die von Black. „Natürlich will ich von den Dursleys weg! Hast du ein Haus? Wann kann ich einziehen?“ Die Aussicht, bei seinem Paten zu wohnen, schien Harry wirklich glücklich zu machen. Black wandte sich um und sah ihn an; Snapes Kopf scheuerte über die Decke, doch Black scherte sich nicht darum. „Du willst?“, fragte er. „Im Ernst?“ „Ja, im Ernst!“, wiederholte Harry begeistert. Blacks ausgemergeltes Gesicht verzog sich zu einem ersten wirklichen Lächeln, das ich bei ihm gesehen hatte. Und nun erkannte ich in ihm den gutaussehenden jungen Zauberer, von dem ich das alte Bild aus dem Jahrbuch besaß. Die beiden sprachen kein Wort mehr, bis wir das Ende des Tunnels erreicht hatten. Krummbein schoss pfeilschnell voran nach oben; offenbar hatte er bereits die Pfoten auf den Knoten am Baumstamm gesetzt, denn Lupin, Pettigrew und Ron kletterten nach oben, ohne dass von den tödlichen Peitschenhieben der Weide etwas zu hören war. Black führte Snape am Zauberstab hoch und durch das Erdloch, dann trat er zur Seite und ließ Harry, Mine und mich vorbei. Endlich waren wir alle draußen.

    Über den Ländereien war die Nacht hereingebrochen, das einzige Licht kam von den fernen Fenstern des Schlosses. Schweigend machten wir uns auf den Weg. Pettigrew atmete immer noch pfeifend und ließ gelegentlich ein Wimmern hören. „Keine falsche Bewegung, Peter!“, sagte Lupin vor uns mit drohendem Ton. Der Zauberstab war immer noch Pettigrews Brust gerichtet. Schweigend zogen wir weiter und allmählich wurden die Lichter des Schlosses größer. Snape schwebte immer noch als unheimliche Gestalt vor Black her, sein Kinn schlug auf die Brust. Und dann- Am Himmel tat sich ein Loch in den Wolken auf. Sie warfen dunkle Schatten auf das Gras; der Mond tauchte sie in sein Licht. Snape prallte mit Lupin, Pettigrew und Ron zusammen, die wie angewurzelt stehen geblieben waren. Black erstarrte. Er streckte den Arm aus, um Harry, Mine und mich zurückzuhalten. Ich konnte Lupins Umrisse erkennen. Er war steif geworden. Dann begannen seine Arme und Beine heftig zu zittern. „Oh nein!“, hauchte ich entsetzt. „Er hat heute Abend seinen Trank nicht genommen! Er ist gefährlich!“ „Rennt los!“, flüsterte Black. „Rennt, und zwar schnell!“ Doch ich konnte einfach nicht losrennen. Ron war an Pettigrew an Lupin gekettet. Harry hatte es offensichtlich auch bemerkt, denn er wollte vorspringen, doch Black packte ihn um die Brust und warf ihn zurück. „Überlasst das mir - lauft!“ Ein schauriges Knurren. Lupins Kopf zog sich in die Länge, dann der Körper. Seine Schultern schrumpften. Ganz deutlich sah ich, wie aus seinem Gesicht und seinen Händen Haare sprossen und die Hände sich u klauenartigen Pfoten ballten. Krummein standen die Haare zu Berge, er wich zurück - Während der Werwolf sich aufbäumte und sein riesiges Maul aufriss, verschwand Black von harrys Seite. Auch er hatte sich verwandelt - der gewaltige, bärengleiche Grimm sprang mit einem mächtigen Satz vor - als der Werwolf sich von seiner Fessel befreit hatte, packte ihn der Hund am Nacken undzerrte ihn fort, weg von Ron und Pettigrew. Doch ganz offensichtlich hatte Black zu kämpfen. Ich überlegte nicht zweimal. Harry, der ganz offensichtlich ahnte, was ich vorhatte, hielt mich fest. „Nein, Liv!“ Doch ich hörte nicht auf ihn und riss mich los. Ich rannte auf die beiden verwandelten Zauberer zu und setzte zum Sprung an. Als ich wieder auf dem Boden aufkam, landete ich mit meinen schwarzen Pfoten auf dem sich windenden Werwolf. Ich fuhr die Krallen aus und verbiss mich in seinem Fell, unwillig nachzulassen. Der Werwolf versuchte, zurück zu Ron und Pettigrew zu gelangen, doch mit vereinten Kräften hielten der Grimm und ich ihn zurück. Doch irgendwie schaffte es der Werwolf, sich aus dem hartnäckigen Griff zu befreien und ergriff die Flucht. Mit langen Sprüngen setzte er auf den Wald zu- „Sirius, Liv, Pettigrew hat sich verwandelt!“, rief Harry. Black blutete; am Maul und auf dem Rücken hatte er tiefe Risse, doch bei Harrys Worten rappelte er sich hoch und kurz darauf jagte er über das Gelände, bis das Trommeln der Pfoten langsam leiser wurde und erstarb. An meiner rechten Vorderpfote brannte es und an meinem Rücken hatte ich einige tiefe Schrammen. Im nächsten Moment lag ich auch schon wieder in meiner normalen Gestalt im Gras. Harry und Mine rannten hinüber zu Ron und mir. Auch ich robbte zu Ron hinüber. „Was hat er ihm getan?“, flüsterte Mine. Rons Augen waren halb geschlossen, der Mund stand offen. Er lebte noch, da war ich mir sicher, ich konnte ihn atmen hören, doch er schien uns nicht zu erkennen. „Ich weiß nicht...“ Mine sah zu mir. „Wie geht’s dir?“ Ich stöhnte kurz auf. „Es geht schon.“ Ich summte und berührte meine rechte Hand, aus der immer noch ein stechender Schmerz schoss. Der goldene Schimmer erschien und im nächsten Moment war der Schmerz verschwunden. Ich wiederholte das auch bei den Schrammen auf meinem Rücken. Ich hätte auch gerne Ron geholfen, doch leider konnte ich ja nur Verletzungen heilen und bei Ron konnte ich keine sichtbaren Verletzungen entdecken. Harry blickte sich verzweifelt um. Black und Lupin waren verschwunden...jetzt hatten wir niemanden mehr außer Snape, der immer noch bewusstlos über dem Boden schwebte. „Wir gehen besser hoch zum Schloss und holen Hilfe“, meinte Harry. Er wischte sich die Haare aus den Augen. „Kommt mit-...“ Doch dann drang ein Jaulen und Wimmern aus der Dunkelheit herüber; ein Hund. „Sirius“, murmelte Harry und starrte in die Nacht hinaus. Black war in Schwierigkeiten-

    Harry rannte los und Mine und ich setzten ihm nach. Das Jaulen schien vom Ufer des Sees her zu kommen. Wir hetzten darauf zu, und mitten im Laufen spürte ich die vertraute Wand aus Kälte, doch ich achtete nicht darauf. Plötzlich verstummte das Jaulen. Am Seeufer angelangt, sahen wir, warum - Sirius hatte sich in einen Mann zurückverwandelt; er kauerte am Boden, die Hände über den Kopf verschränkt. „Neiiiin“, stöhnte er, „neiiin...bitte...“ Und dann sah ich die Dementoren. Mindestens hundert Gestalten schoben sich wie eine schwarze Masse um den See herum auf uns zu. Ich wirbelte herum und schon durchdrang die vertraute, eisige Kälte meine Eingeweide, und Nebel nahm mir die Sicht; noch mehr Gestalten erschienen von beiden Seiten aus der Dunkelheit; wir waren eingekreist... „Hermine, denk an ein glückliches Erlebnis!“, rief Harry und hob den Zauberstab. Ich wusste, was er vorhatte und hob meinen Zauberstab ebenfalls. Ich blinzelte verzweifelt, um etwas sehen zu können, und schüttelte den Kopf, um das leise Schreien in meinen Ohren loszuwerden, das allmählich lauter wurde- Ich versuchte immer wieder, dagegen anzukämpfen, doch die Kälte kroch immer weiter in meinen Körper. „Expecto patronum! Expecto patronum!“ Doch es funktionierte nicht. Ich geriet in Panik und fuhr mit dem Singsang fort, um das Schreien in meinen Ohren zu übertönen. „Expecto patronum! Expecto patronum!“ Ein dünner silberner Faden schoss aus meinem Zauberstab und blieb wie ein Nebelschleier vor mir schweben. Im selben Moment spürte ich, wie Mine nehmen mir zusammenbrach. Jetzt waren nur noch Harry und ich übrig. „Expecto patronum!“, keuchte Harry. Auch ich sprach den Zauberspruch erneut. Im schwachen Licht von Harrys gestaltlosen Patronus sah ich wie ein Dementor innehielt, ganz nahe bei uns. Er konnte nicht durch das silbrige Licht dringen, doch eine tote, schleimige Hand glitt unter dem Umhang hervor. Sie machte eine Geste, als wolle sie den Patronus zur Seite fegen. „Nein“, hauchte ich entsetzt. Der Dementor hob die verrotteten Hände - und zog die Kapuze vom Gesicht. Ich zuckte zurück. Dort, wo die Augen hätten sein sollen, war nur dünne, zerkratzte Haut, die sich glatt über die leeren Höhlen spannte. Doch erhatte einen Mund...einen tiefen, unförmigen Schlund, und sein Atmen klang wie ein Todesröcheln. Ein solches Grauen überkam mich, dass ich mich weder rühren noch sprechen konnte. Harrys Patronus flackerte auf und erstarb. Weißer Nebel blendete mich. Von fern hörte ich ein vertrautes Schreien, das mich so fest traf, dass ich fiel. Das Kreischen wurde lauter und lauter, bis es meinen ganzen Kopf erfüllte. Und dann, durch den Nebel, der mich ertränkte, glaubte ich einen silbernen Schimmer zu sehen, der heller und heller wurde. Blendend helles Licht fiel auf das Gras um mich herum - das Geschrei hatte aufgehört, die Kälte wich... Etwas trieb die Dementoren davon...es kreiste um Black, Mine, Harry und mich...die Dementoren schwebten fort...die Luft erwärmte sich... Mit allerletzter Kraft hob ich den Kopf noch ein wenig höher und sah inmitten des Lichts zwei Tiere, die über den See hinweg schwebten. Ich versuchte zu erkennen, was es war...es war hell wie ein Einhorn. Ich sah noch, wie sie drüben am anderen Ufer ankamen, dann schlug mein Kopf zu Boden und alles wurde schwarz.

    37
    37. Kapitel

    „Fürchterliche Geschichte...schrecklich...Wunder, dass alle noch leben...so was hab ich noch nie gehört...Heiliger Strohsack, ein Glück, dass Sie da waren, Snape...“ „Danke Minister.“ „Orden des Merlin, zweiter Klasse, würde ich sagen. Erster Klasse, wenn ich’s arrangieren kann!“ „Vielen Dank, Minister.“ „Sieht ja übel aus, der Schnitt, den sie da im Gesicht haben...das war sicher Black?“ „Keinesfalls, Minister, es waren Potter, Weasley, Granger und Rosier, Minister...“ „Nein!“ „Black hat sie verhext, war mir auf der Stelle klar. Ein Verwirrungszauber, so wie die sich benahmen. Glaubten offensichtlich, er sei doch unschuldig. Sie waren für ihre Taten nicht verantwortlich. Allerdings wäre Black fast entkommen, weil sie sich eingemischt haben...glaubten wohl, sie könnten ihn auf eigene Faust fangen. Man hat ihnen bisher einfach zu viel durchgehen lassen...ich fürchte, das ist ihnen zu Kopf gestiegen...und natürlich hat der Schulleiter immer größtes Nachsehen mit Potter.“ „Nun ja, Snape...Sie wissen, Harry Potter...wir haben da alle einen schwachen Punkt, wenn es um ihn geht.“ „Keinesfalls, Minister. Ich persönlich bemühe mich, ihn wie jeden anderen Schüler auch zu behandeln. Und jeder andere Schüler würde - allermindestens - für einige Zeit ausgeschlossen, wenn er seine Freunde derart in Gefahr gebracht hätte. Bedenken Sie, Minister, gegen alle Schulregeln - und nach allem, war wir zu seinem Schutz getan haben - außerhalb der Schule angetroffen, spätabends, in Gesellschaft eines Werwolfs und eines Mörders - und außerdem habe ich Grund zu der Annahme, dass er auch unrechtmäßig in Hogsmeade war-...“ „Gut und schön...wir werden sehen, Snape, wir werden sehen...der Junge hat zweifellos eine Dummheit begangen...“ Ich lag mit geschlossenen Augen da und lauschte. Mir war elend zumute. Die Worte drangen nur langsam von meinen Ohren in mein Hirn und ich verstand sie kaum. Meine Glieder fühlten sich an, als wären sie mit Blei gefüllt; meine Augenlider waren so schwer, dass ich sie nicht öffnen konnte. „Was mich am meisten erstaunt, ist das Verhalten der Dementoren...Sie haben wirklich keine Ahnung, warum sie zurückgewichen sind, Snape?“ „Nein, Minister...als ich zu mir kam, hatten sie bereits wieder ihre Posten an den Toren eingenommen...“ „Unglaublich. Aber Black, Harry und die beiden Mädchen waren-...“ „Alle bewusstlos, als ich zu ihnen kam. Ich habe Black natürlich sofort gefesselt und geknebelt, Tragen heraufbeschworen und sie gleich ins Schloss gebracht.“ Eine Pause trat ein. Mein Denken schritt ein wenig schneller voran, und damit wuchs auch ein nagendes Gefühl in meiner Magengegend. Ich öffnete die Augen. Ich lag im dunklen Krankensaal. Ganz am Ende des Saals sah ich Madam Pomfrey, die mit dem Rücken zu mir stand und sich über ein Bett beugte. Ron lag darin. Ich drehte den Kopf nach rechts. Im Bett neben mir lag Harry und starrte mit offenen Augen an die Decke. Ich drehte den Kopf hinüber nach links. Im anderen Bett lag Mine. Ihr Bett lag im Mondlicht. Auch sie hatte die Augen geöffnet und schien starr vor Angst. Als sie sah, dass ich wach war, legte sie einen Finger auf die Lippen und deutete auf den Eingang. Die Tür war offen; vom Korridor drangen die Stimmen von Cornelius Fudge und Snape herein. Jetzt hastete Madam Pomfrey auf unsere Betten zu. Ich drehte mich um. Sie hatte den größten Schokoladenriegel in den Händen, den ich je gesehen hatte. er sah aus wie ein Pflasterstein. „Aha, du bist wach!“, begann sie forsch. Sie legte den Schokoriegel auf meinen Nachttisch und schlug mit einem Hämmerchen Stücke herunter. „Wie geht’s Ron?“, fragten Harry, Mine und ich wie aus einem Mund. „Er wird’s überleben“, sagte Madam Pomfrey mit bitterer Miene. „Und ihr drei...ihr bleibt hier, bis ich überzeugt bin, dass - Potter, was fällt dir eigentlich ein?“ Harry hatte sich aufgerichtet, die Brille auf die Nase gesetzt und den Zauberstab gepackt. „Ich muss den Schulleiter sprechen“, meinte er. „Potter“, begann Madam Pomfrey besänftigend, „es ist alles gut. Sie haben Black. Er ist oben eingeschlossen. Die Dementoren werden ihn jeden Moment küssen.“

    „WAS?“ Harry sprang vom Bett; Mine und ich folgten ihm. Doch draußen im Gang hatten wir einen Schrei gehört; einen Moment später betraten Cornelius Fudge und Snape den Krankensaal. „Harry, Harry, was soll das denn?“, fragte Fudge aufgebracht. „Du solltest im Bett bleiben - hat er seine Schokolade bekommen?“, fragte er Madam Pomfrey besorgt. „Minister, bitte hören Sie zu!“, meinte Harry, „Sirius Black ist unschuldig! Peter Pettigrew hat seinen eigenen Tod nur vorgetäuscht! Wir haben ihn heute Nacht gesehen! Sie dürfen nicht zulassen, dass die Dementoren diese Sache mit Sirius anstellen, er ist-...“ Doch Fudge schüttelte sanft lächelnd den Kopf. „Harry, Harry, du bist völlig durcheinander, du hast Furchtbares durchlitten, leg dich wieder hin, wir haben alles im Griff...“ „Haben Sie nicht!“, schrie Harry, „Sie haben den falschen Mann!“ „Minister, bitten hören Sie zu“, wiederholte ich. Ich trat rasch an Harrys Seite und sah Fudge flehend an. „Ich hab ihn auch gesehen, er war Rons Ratte, er ist ein Animagus, Pettigrew, meine ich, und-...“ „Sehen Sie, Minister?“, unterbrach Snape. „Völlig übergeschnappt, alle drei...Black hat ganze Arbeit geleistet...“ „Wir sind nicht übergeschnappt!“, donnerte Harry. „Minister! Professor!“, sagte Madam Pomfrey empört, „ich muss darauf bestehen, dass Sie gehen, Potter ist mein Patient und Sie dürfen ihn nicht aufregen!“ „Ich bin nicht aufgeregt, ich versuche nur zu sagen, was passiert ist!“, erwiderte Harry zornig. „Wenn Sie nur zuhören würden-...“ Doch Madam Pomfrey stopfte ihm blitzschnell ein großes Stück Schokolade in den Mund; Harry verschluckte sich und Madam Pomfrey nutzte die Gelegenheit, um ihn zurück zum Bett zu schubsen. „Nun, ich bitte Sie, Minister, diese Kinder brauchen Pflege - bitte gehen Sie.“ Die Tür ging auf und Dumbledore kam herein. Harry hob erneut an: „Professor Dumbledore, Sirius Black-...“ „Um Himmel willen!“, rief Madam Pomfrey erzürnt, „ist das hier der Krankenflügel oder was? Direktor, ich muss-...“ „Verzeihung, Poppy, aber ich muss kurz mit Mr. Potter, Ms. Rosier und Ms. Granger sprechen“, antwortete Dumbledore gelassen. „Ich habe eben mit Sirius Black geredet-...“ „Ich nehme an, er hat Ihnen dasselbe Märchen erzählt, das er Potter ins Hirn geplanzt hat?“, fauchte Snape. „Etwas von einer Ratte und dass Pettigrew noch am Leben sei.“ „Das ist tatsächlich Blacks Darstellung“, sagte Dumbledore und sah Snape durch seine Halbmondbrille scharf an. „Und meine Aussage zählt überhaupt nicht?“, rief Snape wütend. Am liebsten hätte ich laut „Ja!“, gerufen, doch ich hielt mich zurück. „Peter Pettigrew war nicht in der Heulenden Hütte, und draußen auf den Ländereien war keine Spur von ihm zu sehen.“, fuhr er fort. „Sie waren doch bewusstlos, Professor!“, widersprach Mine entschieden. „Sie kamen zu spät, um zu hören-...“ „Miss Granger, hüten Sie Ihre Zunge!“ „Aber, aber, Snape“, meinte Fudge aufgeschreckt, „die junge Dame ist ein wenig durcheinander, da müssen wir nachsichtig sein. „Ich möchte mit Harry, Olivia und Hermine gerne unter acht Augen sprechen“, warf Dumbledore ein. „Cornelius, Severus, Poppy - bitte lassen Sie uns allein.“ „Aber Direktor“, widersprach Madam Pomfrey, „sie brauchen Pflege, sie brauchen Ruhe-...“ „Es duldet keinen Aufschub“, sagte Dumbledore bestimmend. „Ich muss darauf bestehen.“

    Madam Pomfrey schürzte die Lippen, ging mit steifen Schritten hinüber zu ihrem Büro am Ende des Krankensaals und schlug die Tür fest hinter sich zu. Fudge warf einen Blick auf die großen Taschenuhr, die an seiner Weste baumelte. „Die Dementoren müssten inzwischen da sein“, murmelte er. „Ich werde sie in Empfang nehmen. Wir sehen uns dann oben, Dumbledore.“ Er ging zur Tür und hielt sie für Snape auf, doch dieser rührte sich nicht. „Sie glauben doch nicht etwa auch nur ein Wort von Blacks Geschichte?“, flüsterte Snape und starrte Dumbledore an. „Ich würde jetzt gerne mit Harry, Olivia und Hermine allein sprechen“, wiederholte Dumbledore. Snape trat einen Schritt auf ihn zu. „Sirius Black hat schon im Alter von sechzehn Jahren bewiesen, dass er zum Mord fähig ist“, wisperte er. „Sie haben das nicht vergessen, Direktor? Sie haben nicht vergessen, dass er mich einst umbringen wollte?“ „Mein Gedächtnis hat nicht gelitten, Severus“, erwiderte Dumbledore knapp. Snape drehte sich auf dem Absatz um und marschierte durch die Tür, die Fudge noch immer aufhielt. Als sie verschwunden waren, wandte sich Dumbledore uns zu. Wir sprudelten alle gleichzeitig los. „Professor, Black sagt die Wahrheit - wir haben Pettigrew gesehen -...“ „er konnte entkommen, als Professor Lupin sich in einen Werwolf verwandelte - er ist eine Ratte -...“ „Pettigrew hat Ron angegriffen, es war nicht Sirius -...“ Doch Dumbledore hob die Hand, um die Flut von Erklärungen aufzuhalten. „Ihr seid jetzt mit Zuhören dran, und bitte unterbrecht mich nicht, wir haben sehr wenig Zeit“, meinte er ruhig. „Es gibt nicht die Spur eines Beweises für Blacks Geschichte, ich habe nur euer Wort - und das Wort von drei dreizehnjährigen Schülern wir niemanden überzeugen. Eine Straße voller Augenzeugen hat geschworen, dass Sirius Pettigrew ermordet hat. ich selbst habe im Ministerium ausgesagt, dass Sirius Potters Geheimniswahrer war.“ „Professor Lupin kann es Ihnen erklären-...“, begann Harry ungeduldig. „Professor Lupin steckt gegenwärtig tief im Wald und kann keinem Menschen irgendetwas erklären. Wenn er wieder ein mensch ist, wird es zu spät sein, Sirius wird tot sein, schlimmer als tot. Und ich muss leider hinzufügen, dass die meisten von uns einem Werwolf dermaßen misstrauisch, dass seine Aussage weniger Gewicht haben wird - und die Tatsache, dass er und Sirius alte Freunde sind -...“ „Aber-...“ „Hört mir bitte zu. Es ist zu spät, versteht ihr? Ihr müsst einsehen, dass Professor Snapes Darstellung der Ereignisse viel überzeugender ist als eure.“ „Er hasst Sirius“, sagte ich verzweifelt. „Und alles nur, weil Sirius ihm einen dummen Streich gespielt hat-...“ „Sirius hat sich nicht gerade wie ein Unschuldiger verhalten. Er hat die fette Dame angegriffen - dann ist er mit einem Messer in den Gryffindor-Turm eingedrungen - jedenfalls haben wir ohne Pettigrew, tot oder lebendig, keine Chance, Sirius die Strafe zu ersparen.“ „Aber Sie glauben uns doch.“ „Ja, das tue ich“, meinte Dumbledore leise. „Doch es steht nicht in meiner Macht, andere Menschen die Wahrheit sehen zu lassen oder den Zaubereiminister in die Schranken zu weisen...“ Dumbledore seufzte. „Was wir brauchen“, sagte er langsam, und seine hellblauen Augen wanderten von Harry über mich und zu Mine, „ist mehr Zeit.“ „Aber-...“, setzte Mine an. Doch dann bekam sie ganz große Augen. „OH!“ „Und jetzt passt auf“, wisperte Dumbledore sehr leise und deutlich. „Sirius ist in Professor Flitwicks Büro im siebten Stock eingeschlossen. Dreizehntes Fenster rechts vom Westturm. Wenn alles gut geht, werdet ihr heute Nacht mehr als ein unschuldiges Leben retten können. Doch vergesst Folgendes nicht, ihr drei. Niemand darf euch sehen. Hermine, du kennst das Gesetz - du weißt, was auf dem Spiel steht... niemand - darf - euch - sehen.“ Ich hatte keine Ahnung, was vor sich ging. Dumbledore war bereits in der Tür, als er sich noch einmal umdrehte. „Ich werde euch einschließen. Es ist-...“, er sah auf die Uhr, „fünf Minuten vor zwölf. Hermine, drei Drehungen sollten genügen. Viel Glück.“ „Viel Glück?“, wiederholte Harry, als sich die Tür hinter Dumbledore schloss. „Drei Umdrehungen? Was redet er da? Was sollen wir tun?“ Doch Mine fingerte schon an ihrem Oberteil herum und zog eine sehr lange, sehr feingliedrige Goldkette hervor. „Harry, Liv, kommt her“, sagte sie eindringlich. „Schnell!“ Völlig verdattert traten wir zu ihr. Sie hielt die Kette in die Höhe. Ich sah ein winziges, funkelndes Stundenglas daran hängen. „Hier-...“ Sie warf die Kette auch um Harrys und meinen Hals. „Bereit?“, fragte sie atemlos. „Was haben wir vor?“, fragten Harry und ich gleichzeitig und völlig ratlos. Mine drehte das Stundenglas dreimal im Kreis.

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    38. Kapitel

    Der dunkle Krankensaal löste sich auf. Ich hatte das Gefühl, schnell, rasend schnell rückwärts zu fliegen. Eine Flut von Farben und verschwommenen Gestalten rasten an mir vorbei, in meinen Ohren hämmerte es, ich versuchte zu schreien, konnte meine eigene Stimme nicht hören- Und dann stand ich plötzlich wieder auf festem Boden und um mich herum nahm alles wieder eine klare Gestalt an- Ich stand neben Mine und Harry in der menschenleere Eingangshalle. Goldenes Sonnenlicht ergoss sich durch das offene Portal über die steinernden Fließen. Die Kette des Stundenglases schnitt mir in den Hals. Verwirrt wandten wir uns Mine zu. „Hermine, was-?“ „Hier rein!“ Mine packte mich und Harry am Arm und zog uns quer durch die Halle zu einem Besenschrank; sie öffnete ihn, schubste uns hinein in das Durcheinander von Eimern und Wischlappen, dann zog sie die Tür hinter uns zu. „Was -wie - Hermine, was ist passiert?“ „Wir haben eine kleine Zeitreise gemacht“, flüsterte Mine und befreite uns in der Dunkelheit von der Kette. „Drei Stunden in die Vergangenheit...“ „Aber-...“ „Schhh! Hört mal! Da kommt jemand! Ich glaube - ich glaube, dass könnten wir sein!“ Mine drückte ihr Ohr an die Schranktür. „Schritte durch die Halle...ja, ich glaube, wir sind auf dem Weg zu Hagrid!“ „Willst du uns vielleicht sagen“, wisperte ich, „dass wir hier in diesem Schrank sind und gleichzeitig auch da draußen?“

    „Ja“, bestätigte Mine, das Ohr immer noch an die Schranktür gepresst. „Ich bin sicher, dass wir es sind...wir gehen langsam, weil wir unter dem Tarnumhang stecken-...“ Sie verstummte und lauschte angestrengt. „Wir gehen die Treppe runter...“ Mine setzte sich auf einen umgestülpten Eimer. Die Anspannung stand ihr ins Gesicht geschrieben; Harry stellte plötzlich leise eine Frage. „Wo hast du dieses Ding, dieses Stundenglas her?“ Damit sprach er aus, was ich dachte. „Es heißt Zeitumkehrer“, flüsterte Mine, „und ich hab’s am ersten Tag nach den Ferien von Professor McGonagall bekommen. Sie ließ mich schwören, dass ich es niemandem sage. Sie musste viele Briefe an das Zaubereiministerium schreiben, damit ich einen kriegen konnte. Sie musste ihnen sagen, dass ich eine vorbildliche Schülerin bin und dass ich es niemals für irgendetwas anderes als meine Schulausbildung benutzen würde...ich hab den Zeitumkehrer gedreht, damit ich die Stunden noch einmal erlebe, und deshalb konnte ich mehrere Fächer gleichzeitig belegen, versteht ihr jetzt? Aber... Ich weiß nicht, was Dumbledore meint, was wir tun sollen. Warum hat er gesagt, wir sollen drei Stunden zurückgehen? Wie soll das Sirius nützen?“ Ich starrte in ihr sorgenvolles Gesicht. „Etwas muss um diese Zeit passiert seom, etwas, das wir ändern sollen“, wisperte ich nachdenklich. „Was ist passiert? Vor drei Stunden sind wir hinunter zu Hagrid gegangen...“ Ich runzelte die Stirn. „Dumbledore hat eben gesagt -, dass wir mehr als ein unschuldiges Leben retten könnten...“ Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. „Aber klar, wir retten Seidenschnabel!“ „Aber - wie helfen wir damit Sirius?“, fragte Harry. „Dumbledore - er hat uns gerade erklärt, wo das Fenster ist - das Fenster von Flitwicks Büro! Wo sie Sirius eingeschlossen haben! Wir müssen mit Seidenschnabel zum Fenster fliegen und Sirius retten! Sirius kann mit Seidenschnabel fliehen - sie können zusammen entkommen!“ Ich sah Mines Gesicht nur undeutlich, doch sie schien entsetzt zu sein. „Wenn wir das schaffen, ohne gesehen zu werden, wäre das ein Wunder!“ „Wir müssen es einfach versuchen, oder?“, fragte Harry. Er stand ebenfalls auf und legte ein Ohr an die Tür. „Hört sich nicht an, als ob da jemand wäre...kommt, gehen wir...“ Harry drückte die Schranktür auf. Die Eingangshalle war menschenleer. So schnell wir konnten, huschten wir aus dem Schrank und die steinernen Stufen hinunter. Die Schatten zogen sich schon in die länge, und erneut waren die Baumspitzen des Verbotenen Waldes in Gold getaucht. Mine warf einen Blick zurück. „Hoffentlich sieht uns keiner von einem Fenster aus“, wisperte sie. „Lasst und hinüber zum Wald rennen. Dann verstecken wir uns am besten hinter einem Baum und halten Ausschau.“ „Gut, aber hinter den Gewächshäusern lang!“, keuchte Mine. Ich überlegte. „Und möglichst weit weg von Hagrids Tür, oder sie sehen uns noch. Wir sind schon fast bei der Hütte!“ Wir liefen los; wir rannten durch die Gemüsegärten hinüber zu den Gewächshäusern, versteckten uns in deren Schutz ein wenig, und rannten dann so schnell wie möglich weiter. Wir schlugen einen großen Bogen um die Peitschende Weide und gelangten schließlich zum schützenden Waldrand... Im Schatten der Bäume verborgen, wandte ich mich um; Sekunden später standen Harry und Mine neben mir. Mine schnappte nach Luft. „Gut“, japste sie, „wir müssen zu Hagrid hinüberschleichen...haltet euch versteckt...“

    Leise und dicht am Waldrand staksten wir im Unterholz voran. Dann, ganz in der Nähe von Hagrids Hütte, hörte ich, wie es an der Tür klopfte. Wir versteckten uns schnell hinter einem dicken Stamm einer Eiche und spähten hervor. Ich erkannte eine kleine, schwarze Gestalt. Ich konnte es nicht glauben. Das war ich, ich in meiner Animagus-Gestalt. Und dann hörte ich Harrys Stimme. „Wir sind’s. Wir tragen den Tarnumhang. Lass uns rein, dann können wir ihn ablegen.“ „Ihr hättet nicht kommen sollen!“, flüsterte Hagrid. Er trat zurück, ließ uns ein und schloss die Tür. „Das ist das Verrückteste, was wir je getan haben“, meinte Harry begeistert. Da stimmte ich ihm vollkommen zu. „Gehen wir ein Stück weiter“, flüsterte Mine. „Wir müssen näher an Seidenschnabel heran!“ Wir rannten zwischen den Bäumen hindurch, bis wir den Hippogreif sahen, der gereizt an seiner Leine zerrte, die Hagrid am Zaun um sein Kürbisbeet befestigt hatte. „Jetzt?“, fragte Harry. „Nein“, wisperte ich. „Wenn wir ihn jetzt stehlen, werden die Leute vom Ausschuss denken, Hagrid hätte ihn befreit! Wir müssen warten, bis sie sehen, dass er draußen angebunden ist!“ „Dann haben wir gerade mal sechzig Sekunden“, murmelte Harry unberuhigt. In diesem Moment drang aus Hagrids Hütte das Geräusch von zerbrechendem Porzellan. „Jetzt hat er gerade den Milchkrug zerbrochen“, flüsterte Mine. „Gleich werde ich Krätze finden-...“ Und tatsächlich hörte ich nach einigen Minuten einen überraschten Aufschrei. „Hermine, Liv“, sagte Harry plötzlich, „wie wär’s wenn wir -einfach reinrennen und und Pettigrew schnappen-...“ „Nein!“, antwortete Mine erschrocken. „Begreifst du nicht? Wir brechen gerade eines der wichtigsten Zaubereigesetze! Niemand darf die Vergangenheit verändern, absolut niemand! Du ahst Dumbledore gehört: wenn wir gesehen werden -...“ „Nur wir selbst und Hagrid würden uns sehen!“ Ich stöhnte. „Harry, was, glaubst du, würdest du tun, wenn du dich selbst in Hagrids Hütte reinplatzen siehst?“ „ich - ich würde glauben, ich sei verrückt geworden“, antwortete Harry, „oder vermuten, dass jemand schwarze Magie mit mir treibt-...“ „Genau! Du würdest es nicht vertehen, du würdest dich vielleicht sogar selbst angreifen! Verstehst du nicht? Professor McGonagall hat mir erzählt, was für schreckliche Dinge schon passiert sind, wenn Zauberer an der Vergangenheit herumgepfuscht haben...viele von ihnen haben im Durcheinander ihr vergangenes oder künftiges Selbst getötet!“ „Schon gut!“, meinte Harry, „war nur’ne Idee, ich dachte-...“ Doch ich stieß ihn in die Rippen und deutete hinüber zum Schloss. Dumbledore, Fudge, das alte Ausschussmitglied und Macnair, der Henker, kamen die Treppen herunter. „Wir kommen jetzt gleich raus!“, flüsterte Mine. Und tatsächlich öffnete sich Augenblicke später Hagrids Tür und ich sah mich selbst, Harry, Ron und Mine zusammen mit Hagrid herauskommen. Es war zweifellos das befremdlichste Erlebnis, das ich je gehabt hatte: hinter einem Baum zu stehen und sich selbst dort drüben im Kürbisbeet zu beobachten. „Ist schon gut, Schnäbelchen, es ist alles gut...“, sagte Hagrid. Dann wandte er sich uns zu. Also, dem vergangenen „uns“. „Geht jetzt. Sputet euch.“ „Hagrid, wir können nicht einfach-...“ „Wir sagen ihnen, was wirklich passiert ist-...“ „Sie dürfen ihn nicht umbringen-...“ „Das können sie doch nicht-...“ „Geht! Ist schon alles schlimm genug, da müsst ihr nicht auch noch Ärger kriegen!“ Ich sah, wie Mine im Kürbisbeet den Umhang über mich, Harry und Ron warf. „Geht schnell. Und lauscht nicht...“

    Vorne an Hagrids Tür klopfte es. Henker und Zeugen waren da. Hagrid wandte sich um und ging zurück in die Hütte; die Hintertür ließ er offen. Ich sah, wie das Gras um die Hütte fleckenweise niedergetreten wurde und hörte, wie sich vier Paar Füße entfernten. Ich, Harry, Ron und Mine waren gegangen...doch die Liv, der Harry und die Hermine, die sich hinter den Bäumen versteckt hatten, konnten jeetzt durch die offene Hintertür hören, was in der Hütte vor sich ging. „Wo ist das Biest?“, hörte ich die kalte Stimme, die Macnair gehörte. „Drau...draußen“, krächzte Hagrid. Ich zog rasch den Kopf zurück, als Macnair an Hagrids Fenster auftauchte und zu Seidenschnabel hinübersah. Dann hörten wir Fudge. „Wir - ähm - müssen den offiziellen Hinrichtungsbefehl verlesen, Hagrid, ich mach’s kurz. Und dann musst du ihn unterschreiben und Macnair auch.Macnair, hören Sie zu, das ist Vorschrift.“ Macnairs Gesicht verschwand vom Fenster. Jetzt oder nie. „Wartet hier“, flüsterte Harry. „Ich mach das.“ Fudge fing wieder an zu sprechen und Harry schnellte hinter seinem Baum hervor, sprang über den Zaun des Kürbisbeetes und lief auf Seidenschnabel zu.

    „Der Ausschuss für die Beseitigung gefährlicher Geschöpfe hat beschlossen, den Hippogreif Seidenschnabel, im Weiteren der Verurteilte genannt, am sechsten Juni bei Sonnenuntergang hinzurichten-...“

    Harry blieb vor Seidenschnabel stehen und verbeugte sich. Auch Seidenschnabel sank auf die Knie und richtete sich wieder auf. Harry nahm die Leine, die den Hippogreif an den Zaun band, und versuchte den Knoten zu lösen.

    “...verurteilt zum Tode durch Enthauptung, auszuführen durch den vom Ausschuss ernannten Henker. Walden Macnair...“

    „Komm mit, Seidenschnabel“, zischte Harry, „komm mit, wir helfen dir. Leise...leise...“

    “...und schriftlich von ihm zu bestätigen. Hagrid du unterschreibst hier...“

    Harry zerrte nach Leibeskräften an dem Seil, doch Seidenschnabel hatte sich mit den Vorderbeinen im Boden eingegraben. Mine und ich wechselten einen Blick, dann rannten wir gleichzeitig los. Ich hoffte nur, dass uns niemand sah. „Nun, bringen wir’s hinter uns“, sagte die dünne Stimme des alten Ausschussmitglieds in Hagrids Hütte. „Hagrid, vielleicht wäre es besser, wenn Sie drinbleiben würden-...“ „Nein - ich - ich will bei ihm sein...ich will nicht, dass er allein ist-...“ Das Geräusch von Schritten drang aus der Hütte. „Seidenschnabel, beweg endlich deinen Hintern!“, flehte Harry. Er zog noch heftiger am Seil um Seidenschnabels Hals. Der Hippogreif raschelte verärgert mit den Flügeln und bewegte sich allmählich. Noch waren die beiden einige Meter vom Wald entfernt und von Hagrids Hintertür aus deutlich zu sehen. „Einen Moment noch bitte, Macnair“, erklang Dumbledores Stimme aus dem Inneren der Hütte. „Auch Sie müssen hier unterschreiben.“ Die Schritte verstummten. Harry warf sich ins Seil. Seidenschnabel schnappte mit dem Schnabel und bequemte sich dazu, ein wenig schneller zu gehen. „Harry, schnell!“, zischte ich ihm zu. Noch immer konnte ich Dumbledore in der Hütte sprechen hören. Noch einmal ruckte Harry am Seil. Seidenschnabel verfiel in einen widerwilligen Trott. Die beiden erreichten endlich die Bäume. „Schnell! Schnell!“, stöhnte Mine und sprang hinter ihrem baum hervor. Auch ich packte das Seil und zog wie verrückt daran. Ich sah über die Schulter. Jetzt waren wir außer Sicht; wir konnten Hagrids Garten nicht mehr sehen. „Halt!“, ermahnte ich Harry und Mine. „Sie könnten uns noch hören-...“

    Krachend schlug Hagrids Hintertür auf. Wir machten keinen Mucks (selbst Seidenschnabel verhielt sich vollkommen ruhig). Stille...dann - „Wo ist er?“, fragte die dünne Stimme des Alten. „Wo ist das Biest?“ „Es war hier angebunden!“, meinte der Henker wutentbrannt. „Ich hab’s mit eigenen Augen gesehen! Genau hier!“ „Höchst erstaunlich“, sagte Dumbledore emit einem Glucksen in der Stimme. „Schnäbelchen!“, rief Hagrid heiser. Es gab ein surrendes Geräusch und dann folgte das Krachen einer Axt. Der Henker schien sie vor Wut in den Zaun geschlagen zu haben.Undd ann kam Hagrids Heulen und diesmal konnte ich Hagrids Worte durch sein Schluchzen hören. „Fort! Fort! Glück für Schnäbelchen, er ist fort! Muss sich losgerissen haben! Kluger Junge, Schnäbelchen!“ Seidenschnabel begann am Seil zu zerren; offenbar wollte er zu Hagrid zurück. Harry, Mine und ich gruben die Fersen in den Waldboden und warfen uns ins Seil, um ihn aufzuhalten. „Jemand hat ihn losgebunden!“, raunzte der Henker. „Wir sollten das Gelände absuchen und den Wald.“ „Macnair, und wenn Seidenschnabel wirklich gestohlen wurde, glauben Sie, der Dieb hätte ihn zu Fuß weggebracht?“, meinte Dumbledore und klang dabei recht vergnügt. „Suchen Sie den Himmel ab, wenn Sie wollen... Hagrid, ich könnte eine Tasse Tee vertragen. Oder einen großen Schnaps.“ „Oh n-natürlich, Professor“, sagte Hagrid, offenbar ganz erschöpft vor Glück, „kommen Sie rein, kommen Sie...“ Wir lauschten mit gespitzten Ohren. Ich hörte Schritte, das leise Fluchen des Henekr, die Tür, die ins Schloss fiel und dann herrschte Stille.

    „Was jetzt?“, flüsterte Harry und sah sich um. „Wir müssen uns hier verstecken“, murmelte Mine, die ziemlich mitgenommen aussah. „Wir müssen erst einmal warten, bis sie wieder im Schloss sind. Und dann, bis es ungefährlich ist, mit Seidenschnabel zum Fenster von Sirius fliegen. Er wird erst in ein paar Stunden dort sein...Mensch, das wird schwierig werden...“ Nervös blickte ich über die Schulter in den dunklen Wald. Die Sonne ging gerade unter. Ich dachte scharf nach. „Wir können hier nicht bleiben. Wir müssen die Peitschende Weide sehen können, sonst wissen wir nicht, was passiert.“ „Gut“, meinte Mine und klammerte die Hand noch fester um Seidenschnabels Leine. „Aber wir dürfen uns nicht blicken lassen, denkt daran...“ Während wir am Waldrand entlangschlichen, senkte sich die Dunkelheit über uns. Schließlich versteckten wir uns hinter einer Gruppe von Bäumen, von der aus wir die Peitschende Weide erkennen konnten. „Da ist Ron!“, sagte Harry plötzlich. Einde dunkle Gestalt hetzte über das Gras und ihre Rufe hallten durch die stille Nachtluft. „Lass ihn in Ruhe - hau ab - Krätze, komm hierher-...“ Und dann tauchten aus dem Nichts drei weitere Gestalten auf. Ich beobachtete, wie ich selbst, Harry und Mine Ron hinterherjagten, der jetzt ins Gras hechtete. „Hab ich dich! Hau ab, du stinkender Kater -...“ „Da ist Sirius!“, meinte Harry. Der riesige Hund war zwischen den Wurzeln der Wiede hervorgesprungen. Wir sahen zu, wie der schwarze Umriss Harry zu Boden stieß und Ron packte... „Da sieht ja von hier aus noch schlimmer aus.“, murmelte ich und beobachtete, wie der Hund Ron zwischen die Wurzeln zerrte. Jetzt ächzte die Peitschende Weide und schlug mit den unteren Zweigen aus; ich sah mir selbst zu, wie ich gemeinsam mit Harry und Mine versuchte, den Baum zu überlisten und an den Stamm zu gelangen. Und dann erstarrte der Baum. „Jetzt hat Krummbein den Knoten gedrückt“, sagte Mine. „Und los geht’s...“, murmelte Harry. „Wir sind schon drin.“ Kaum waren wir verschwunden, regte sich der Baum wieder. Sekunden später hörte ich in der Nähe Schritte. Dumbledore, Fudge, Macnair und das alte Ausschussmitglied waren auf dem Rückweg ins Schloss. „Gleich nachdem wir runter in den Tunnel sind!“, meinte Mine. „Wenn Dumbledore doch bloß mitgekommen wäre...“ „Macnair und Fudge wären dann auch gekommen“, erwiderte ich bitter. „Und Fudge hätte Macnair auf der Stelle befohlen, Sirius umzubringen, darauf könnt ihr Gift nehmen...“ Wir sahen den vier Männern nach, die jetzt die Schlosstreppe hochstiegen und verschwanden. Ein paar Minuten herrschte Stille. Dann-

    „Dort kommt Lupin!“ Ich sah seine Gestalt die Steinstufen hinunterspringen und auf die Weide zurennen. Ich sah zum Himmel. Der Mond war vollkommen hinter den Wolken verborgen. Wir sahen, wie Lupin einen abgebrochenen Zweig aus dem Gras hob und den Knoten am Baumstamm anstupste. Der Baum hörte auf, um sich zu schlagen, und auch Lupin verschwand im Erdloch zwischen den Wurzeln. „Wenn er nur den Tarnumhang mitgenommen hätte“, stöhnte Harry. „Der liegt da einfach rum...“ Er drehte sich zu uns um. „Wenn ich kurz rüberrenne und ihn hole, kann ihn Snape nicht mitnehmen und-...“ Mine und ich sahen uns gleichzeitig an dann riefen wir wie aus einem Mund: „NEIN, HARRY!“ „Ich kann nicht einfach nur hier rumstehen und alles geschehen lassen.“ Er zögerte kurz. „Ich hol mir den Umhang!“ „Harry, nein!“ Ich packte Harry am Kragen, und keinen Moment zu früh. In diesem Augenblick hörten wir, wie jemand laut anfing zu singen.Es war Hagrid. Leicht schwankend war er auf dem Weg zum Schloss, schmetterte ein Liedchen und fuchtelte mit einer großen Flasche Schnaps in der Hand durch die Luft. „Siehst du?“, flüsterte Mine. „Siehst du, was passiert wäre? Wir müssen versteckt bleiben! Nein, Seidenschnabel!“ Der Hippogreif machte erneut hektische Anstalten, zu Hagrid zu laufen. Auch Harry und ich packten ihn jetzt wieder an der Leine und hielten ihn mühsam zurück. Wir sahen Hagrid nach, wie er in gewagten Schlangenlinien den Weg entlangging und schließlich verschwand. Seidenschnabel hielt an und ließ traurig den Kopf sinken.

    Kaum zwei Minuten später flog das Schlossportal erneut auf und Snape kam heraus. Mit großen Schritten ging er auf die Weide zu. Vor dem Baum blieb er stehen und blickte sich um. Harry ballte die Fäuste. Snape griff nach dem Tarnumhang in Gras und hob ihn hoch. „Lass deine dreckigen Finger davon“, knurrte Harry hinter vorgehaltener Hand. „Schhhh!“ Snape nahm den Ast, den auch Lupin schon benutzt hatte, um den Baum zu lähmen, stupste gegen den Knoten und verschwand dann unter dem Tarnumhang. „Das war’s“, flüsterte Mine. „Wir sind jetzt alle da unten. Und jetzt müssen wir warten, bis wir wieder rauskommen...“ Sie nahm das Ende von Seidenschnabels Leine und wickelte es fest um den nächsten Baum, dann setzte sie sich auf den trockenen Waldboden und schlang die Arme um die Knie. „Eins verstehe ich nicht...warum haben die Dementoren Sirius nicht gekriegt? Ich weiß noch, wie sie kamen, und dann bin ich wohl ohnmächtig geworden...es waren so viele...“ Auch Harry und ich setzten uns ins Gras. Er schilderte Mine, was wir gesehen hatten; wie wir kurz, bevor wir ohnmächtig geworden waren, zwei große weiße Gestalten über den See schweben gesehen hatten. Als Harry fertig war, stand Mines Mund halb offen. „Aber was war das?“ „Wenn sie die Dementoren vertrieben haben, dann müssen es richtige, mächtige Patroni gewesen sein“, überlegte ich. „Aber wer hat sie heraufbeschworen?“ Ich zuckte mit den Schultern; Harry schwieg. „Hast du nicht gesehen, wie sie aussah?“, fragte Mine Harry neugierig. „War es zwei Lehrer?“ „Nein“, antwortete Harry. „Es waren keine Lehrer.“ „Aber es müssen zwei sehr mächtige Zauberer gewesen sein, wenn sie zusammen all diese Dementoren vertreiben konnten...wenn die beiden Patroni so geleuchtet haben, hat er die beiden dann nicht beschienen? Konntest du nicht sehen-?“ „Doch einen hab ich gesehen“, meinte Harry langsam. „Aber vielleicht hab ich’s mir nur eingebildet...ich konnte nicht klar denken...gleich danach bin ich ohnmächtig geworden...“ „Wer glaubst du, war es?“, fragte ich begierig. „Ich glaube-...“, Harry schluckte. „Ich glaube, es war mein Vater.“ Erstaunt sah ich ihn an. „Aber Harry, dein Dad ist - nun ja - tot“, flüsterte ich. „Das weiß ich“, entgegnete Harry rasch. „Glaubst du, es war ein Geist?“, fragte Mine. „Ich weiß nicht...nein...er schien aus Fleisch und Blut...“ „Aber dann-...“ „Vielleicht hab ich mir alles nur eingebildet“, murmelte Harry. „Aber...was ich gesehen habe...sah wie Dad aus...ich hab Fotos von ihm...“ Mine sah ihn immer noch an, als machte sie sich immer noch Sorgen um seinen Verstand. „Ich weiß, das klingt verrückt“, sagte Harry mit tonloser Stimme. Ich sah mich nach Seidenschnabel um, der gerade den Schnabel in die Erde bohrte und offenbar nach Würmern suchte. Ich schwieg, genau wie Mine und Harry. Jetzt warteten wir alle nur darauf, dass wir mit unserem Plan fortfahren konnten. Eine leichte Brise ließ die Blätter über uns erzittern und rascheln. Hinter den Wolken, die über den Himmel zogen, kam der Mond zum Vorschein und verschwand wieder. Ich saß da, blickte auf die Weide und wartete.

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    39. Kapitel

    Und dann, nachdem schon fast eine Stunde vergangen war- „Da kommen wir!“, flüsterte ich. Mine und auch Seidenschnabel hoben den Kopf.Wir sahen Lupin, Ron und Pettigrew mühsam aus dem Erdloch klettern. Dann kamen Mine und ich...dann der bewusstlose Snape, der merkwürdig senkrecht schwebte. Schließlich kamen auch Harry und Sirius. Wir machten uns auf den Weg zum Schloss. Mein Herz begann immer schneller zu pochen. Ich sah erneut zum Himmel. Jeden Moment würde diese Wolke weiterziehen und der Mond würde zum Vorschein kommen... Harry machte Anstalten, aufzustehen. „Harry“, flüsterte ich, „wir müssen hier bleiben, Wir dürfen doch nicht gesehen werden. Wir können nichts tun...“ „Also lassen wir Pettigrew einfach entkommen...“, murmelte Harry. „Wie willst du denn in der Dunkelheit eine Ratte finden?“, fauchte Mine. „Wir können nichts tun! Wir sind zurückgekommen, um Sirius zu helfen, und wir sollten jetzt nichts anderes tun!“ „Ist ja gut!“ Der Mond trat hinter einer Wolke hervor. Wir sahen, wie die kleinen Figuren auf dem Gras innehielten. Dann bewegte sich etwas. „Das ist Lupin“, flüsterte ich, „er verwandelt sich.“ „Oh nein! Wir müssen weg von hier!“, sagte Harry plötzlich. „Das geht nicht, ich erklär dir doch ständig-...“ “-dass wir uns nicht einmischen sollen! Ja doch, aber Lupin wird in den Wald rennen, und zwar genau auf uns zu!“ Ich riss entsetzt die Augen auf. „Schnell!“, stöhnte Mine; ich sprang hinüber zu Seidenschnabel, um ihn loszubinden. „Schnell! Wo sollen wir denn hin? Wo sollen wir uns verstecken, die Dementoren werden jeden Augenblick kommen!“ „Zurück zu Hagrid!“, rief ich. „Die Hütte ist leer - kommt schon!“

    Wir rannten, so schnell wir konnten, und Seidenschnabel setzte in langen Sprüngen hinter uns her. Wir hörten den Werwolf hinter uns heulen... Ich konnte die Hütte schon sehen; Harry rutschte zur Tür, stieß sie auf und wir (das hieß, Mine, Seidenschnabel und ich) flitzten an ihm vorbei. Harry stürzte uns nach und verriegelte die Tür. Fang kläffte laut. „Schhh, Fang, wir sind’s!“, flüsterte Mine. Rasch ging ich zu ihm hinüber und kraulte Fang besänftigend hinter den Ohren. „Das war wirklich knapp!“ „Jaaa...“ Ich ging hinüber zu Harry, der am Fenster stand. Von hier aus war kaum etwas zu sehen. Seidenschnabel schien überglücklich, wieder zu Hause zu sein. Er legte sich vor den Kamin, faltete die Flügel zufrieden und wollte offenbar ein kleines Nickerchen einlegen. „Ich glaube, ich geh am besten wieder nach draußen“, sagte Harry langsam. „Ich kann von hier aus nicht sehen, was passiert, und wir müssen doch wissen, wenn es Zeit ist-...“ Mine sah ihn argwähnisch an. „Ich werd mich ganz bestimmt nicht einmischen“, erklärte Harry rasch. „Aber wenn wir nicht sehen, was passiert, wie sollen wir dann wissen, wenn es Zeit ist, Sirius zu retten?“ „Ich komme mit, Harry“, meinte ich entschlossen. „Von mir aus...“, murmelte Mine, „ich warte hier mit Seidenschnabel...aber seid vorsichtig - da draußen ist ein Werwolf - und die Dementoren!“ Ich nickte. Harry und ich gingen hinaus und schlichen um die Hütte herum. Aus der Ferne hörten wir erschöpfte Schreie. Die Dementoren kreisten jetzt Sirius ein...ich, Harry und Mine würden jeden Moment zu ihm laufen... Ich blickte hinüber zum See und mein Herz führte eine Art Trommelwirbel auf. Wer auch immer die Patroni heraufbeschwört hatte, würde jeden Moment auftauchen. Harry und ich sahen uns für einen kurzen Moment an, dann rannten wir gleichzeitig los.

    Und da waren die Dementoren, Sie kamen aus der Dunkelheit, aus allen Richtungen, und glitten am Ufer des Sees entlang. Sie entfernten sich von uns, schwebten hinüber zum anderen Ufer...wir würden ihnen nicht zu nahe kommen... Der See kam immer näher und näher, doch niemand war zu sehen. Am anderen Ufer konnte ich dünne Silberschleier erkennen - es war die vergebenen Versuche von mir und Harry, einen Patronus zu erzeugen. Harry und ich versteckten uns hinter einem Busch am Wasser und schauten durch das Blattwerk. Das silberne Glimmen am anderen Ufer erlosch mit einem Mal. Jeden Augenblick- „Komm jetzt!“, murmelte Harry in Gedanken versunken, „wo bist du? Dad, komm bitte-...“ Doch niemand kam. Ich hob den Kopf und sah hinüber. Die Dementoren hatten einen Kreis gebildet. Einer von ihnen nahm die Kapuze ab. Es war höchste Zeit, dass der Retter kam - doch es kam niemand. Und dann begriff ich schlagartig. Harry hatte nicht seinen Vater gesehen - sondern sich selbst. Und somit war der Patronus sein eigener. Harry und ich hatten gleichzeitig begriffen; wir sprangen hinter dem Busch hervor und zückten die Zauberstäbe. „Expecto patronum!“, riefen wir gleichzeitig. Und es funktionierte. Aus der Spitze meines Zauberstabs brach die helle, silberne Katze hervor, die über den See zu rennen schien. Und auch bei Harry hatte es geklappt. Zusammen mit meiner Katze galoppierte ein hell erleuchteter Hirsch über die dunkle Wasseroberfläche. Die beiden leuchteten so hell wie der Mond am Himmel...die beiden kehrten zu uns zurück. Der Hirsch senkte sein schweres Geweih. „Krone“, flüsterte Harry. Meine Katze starrte mich aus großen silbernen Augen an. Ich war fasziniert von diesem wunderschönen Wesen, doch als ich das Geschöpf mit zitternden Fingern berühren wollte, verschwand es. Ich blieb mit ausgestreckter Hand stehen. Dann hörte ich plötzlich hinter mir Hufgetrappel. Harry und ich wirbelten gleichzeitig herum und sahen Mine auf uns zukommen, Seidenschnabel im Schlepptau. „Was habt ihr getan?“, fragte sie und schäumte vor Wut. „Ihr wolltet doch nur Ausschau halten!“ „Wir haben gerade unser aller Leben gerettet...“, verteidigte uns Harry. „Komm - hinter diesen Busch - wir erklären’s dir.“ Er schilderte, was geschehen war, und Mine lauschte abermals mit offenem Mund. „Hat euch jemand gesehen?“ „Ja, hast du denn nicht zugehört? Ich hab mich gesehen!“, erklärte Harry. „Ich kann’s nicht glauben...ihr habt zwei Patroni heraufbeschworen, die all diese Dementoren verjagt haben! Das ist sehr weit fortgeschrittene Zauberei...“ „Mine, Harry, seht mal, da drüben ist Snape!“ Ich deutete auf die andere Seite des Sees. Snape war zu sich gekommen. Er zauberte Tragen herbei und hievte die leblosen Gestalten hoch. Eine fünfte Trage, zweifellos mit Ron, schwebte bereits mit ihm. Dann ließ er uns mit ausgestrecktem Zauberstab zum Schloss emporschweben. „Gut, bald ist es so weit“, murmelte Mine angespannt und warf einen Blick auf ihre Uhr. „Wir haben eine drei viertel Stunde, bis Dumbledore die Tür zum Krankenflügel abschließt. Wir müssen also Sirius retten und im Krankensaal zurück sein, bevor jemand merkt, dass wir fehlen...“

    Beim Warten sahen wir den Wolken zu, die sich im See spiegelten, während der Busch vor uns in der Brise raschelte. Seidenschnabel langweilte sich und stocherte wieder nach Würmern. „Meint ihr, er ist schon dort oben?“, fragte Harry und sah auf die Uhr. Ich sah hinauf zum Schloss und zählte die Fenster rechts vom Westturm ab. „Schaut!“, flüsterte Mine. „Wer ist das? Da kommt jemand aus dem Schloss!“ Ich spähte durch die Nacht. Der Mann eilte über das Gelände auf einen der Eingänge zu. Etwas Metallenes schimmerte an seinem Gürtel. „Macnair!“, meinte ich. „Der Henker! Er holt die Dementoren! Wir müssen los!“Ich legte die Hände auf Seidenschnabels Rücken und Harry half mir, mich aufzuschwingen. Dann folgte Mine. Harry stellte sich auf einen niedrigen Ast und kletterte selbst hoch. „Fertig?“, flüsterte er. „Ihr haltet euch am besten an mir fest-...“ Mit den Fersen stieß er Seidenschnabel sanft in die Seiten. Seidenschnabel flatterte mühelos hoch in den dunklen Himmel. Harry presste die Knie gegen Seidenschnabels Flanken und ich klammerte mich fest an Harrys Hüfte. Der Wind fuhr mir durch’s Haar, aber trotzdem hatte ich Angst, von Seidenschnabels Rücken zu rutschen. Harry trieb den Hippogreif zur Eile. Wir schwebten leise hinauf zu den oberen Stockwerken des Schlosses...Harry zog die Leine heftig nach links und Seidenschnabel folgte augenblicklich. Ich begann die vorbeifliegenden Fenster zu zählen. „Stopp!“, rief ich, als wir am dreizehnten Fenster angekommen waren. Harry riss mit aller Kraft an der Leine. Wir blieben in der Luft stehen, wenn man mal davon absah, dass wir auf- und abhüpften, weil Seidenschnabel mit den Flügeln schlagen musste, um oben zu bleiben. „Er ist da!“, sagte Harry, der Sirius gesehen hatte, als wir vor seinem Fenster auftauchten. Er streckte die Hand mit dem Zauberstab aus und konnte beim nächsten Flügelschlag gegen das Glas schlagen. Sirius blickte auf. Ich sah, wie ihm die Kinnlade herunterfiel. Black sprang vom Stuhl, stürzte zum Fenster und wollte es öffnen, doch es war verschlossen. „Zurücktreten!“, rief ich ihm zu. Mit der linken Hand klammerte ich mich an Harrys Pullover fest, mit der rechten zückte im meinen Zauberstab. „Alohomora!“ Das Fenster sprang auf. „Wie...wie?“, fragte Black erschöpft und starrte den Hippogreif an. „Steig auf. Wir haben keine Zeit zu verlieren“, meinte Harry und packte Seidenschnabel fest an einer Seite seines schlanken Halses, um ihn ruhig zu halten. „Du musst fliehen - die Dementoren kommen - Macnair holt sie.“ Black hielt sich an beiden Seiten des Fensters fest und zog Kopf und Schultern ins Freie. Ein Glück, das er so mager war. In Sekundenschnelle gelang es ihm, ein Bein über Seidenschnabels Rücken zu schwingen und sich hinter mine auf den Hippogreif zu ziehen. „Gut gemacht, Seidenschnabel, und jetzt hoch-...“, sagte Harry und zog an der Leine. „Hoch zum Turm - mach schon!“

    Mit einem Schlag seiner riesigen Flügel rauschten wir davon, hoch zur Spitze des Westturms. Seidenschnabel landete hufenklappernd auf den Zinnen; Harry, Mine und ich ließen uns sofort heruntergleiten. „Sirius, du verschwindest am besten, schnell“, keuchte Harry. „Sie werden jeden Moment in Flitwicks Büro kommen und sehen, dass du fort bist.“ Seidenschnabel scharrte auf dem Boden und warf seinen Kopf hin und her. „Was sit mit dem anderen Jungen passiert? Mit Ron?“, krächzte Sirius. „Er wird sich wieder erholen - ist immer noch außer Gefecht, aber Madam Pomfrey sagt, sie wird ihn schon wieder hinkriegen - schnell - flieh -...“ Doch Sirius starrte Harry unverwandt an. „Wie kann ich dir jemals danken-...“ „Flieh!“, riefen Harry, Mine und ich wie aus einem Mund. Sirius warf Seidenschnabel herum und sah in den offenen Himmel. „Wir sehen und wieder“, meinte er. „Du bist ganz der Sohn deines Vaters, Harry...“ Er drückte die Fersen in Seidenschnabels Seiten; wir sprangen zurück und die gewaltigen Flügel hoben sich von neuem...der Hippogreif stieg in den Nachthimmel...Ich sah ihnen nach, wie sie kleiner und kleiner wurden...dann schob sich eine Wolke vor den Mond...fort waren sie.

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    40. Kapitel

    „Harry! Liv!“ Mine zupfte an meinem Ärmel und starrte auf die Uhr. „Wir haben genau zehn Minuten, um in dne Krankenflügel runterzukommen, bevor Dumbledore die Tür schließt - und keiner darf uns sehen!“ „Okay“, murmelte Harry und wandte sich widerwillig vom Nachthimmel ab, „gehen wir...“ Wir schlüpften durch die Turmtür und stiegen eine schmale Wendeltreppe hinunter. Unten angekommen, hörten wir Stimmen. Wir drängten uns in deine Nische in der Wand und lauschten. Die Stimmen klangen nach Fudge und Snape, die rasch den Korridor entlanggingen, in dem wir standen. „Ich hoffe nur, Dumbledore macht keine Scherereien“, erklang Snapes Stimme. „Der Kuss wird doch sofort ausgeführt?“ „Sobald Macnair mit den Dementoren zurückkommt. Diese ganze Affäre mit Black war äußerst peinlich. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr ich mich darauf freue, dem Tagespropheten mitteilen zu können, dass wir ihn endlich gefasst haben...die werden mit Ihnen sprechen wollen, Snape...und sobald der junge Harry wieder bei Verstand ist, möchte er den Zeitungsleuten sicher genau erzählen, wie Sie ihn gerettet haben...“ Ich biss die Zähne zusammen. Fudge und Snape gingen jetzt an unserem Versteck vorbei und ich erhaschte einen Blick auf Snapes grinsendes Gesicht. Ihre Schritte wurden leiser und erstarben. Um sicherzugehen, warteten wir noch einige Sekunden, dann rannten wir in die andere Richtung; eine Treppe hinunter, noch eine, durch einen Korridor - und dann hörten wir vor uns ein gackerndes Lachen. „Peeves!“, zischte ich und packte Harry und Mine am Handgelenk, „da rein!“ Gerade noch rechtzeitig stürzten wir in ein leeres Klassenzimmer zur Linken. Peeves hüpfte in bester Laune den Korridor entlang und schien sich vor Lachen nicht mehr einzukriegen. „Oh, ist der abscheulich“, wisperte Mine, das Ohr an der Tür. „Ich wette, er sit ganz aus dem Häuschen, weil die Dementoren Sirius erledigen wollen...“ Sie sah auf die Uhr. „Noch drei Minuten!“

    Wir warteten, bis Peeves’ schadenfroher Singsang in der Ferne verstummt war, dann glitten wir aus dem Zimmer und rannten erneut los. „Mine - was passiert - wenn wir nicht reinkommen - bevor Dumbledore die Tür schließt?“, keuchte ich. „Daran will ich gar nicht denken!“, stöhnte Mine und sah auf die Uhr. „Eine Minute noch!“ Wir waren im Korridor zum Krankenflügel angelangt. „Gut- ich kann Dumbledore hören“, sagte Mine angespannt.Wir schlichen den Gang entlang. Die Tür öffnete sich.Dumbledores Rücken erschien. „Ich werde euch einschließen“, hörten wir ihn sagen. „Es ist fünf Minuten vor zwölf. Hermine, drei Drehungen sollten genügen. Viel Glück.“ Dumbledore trat heraus, schloss die Tür und nahm seinen Zauberstab, um sie magisch zu verschließen. Von Panik gepackt stürzten wir auf ihn zu. Dumbledore sah auf und ein breites Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Nun?“, fragte er leise. „Wir haben’s geschafft!“, berichtete Harry atemlos. „Sirius ist geflohen, auf dem Rücken von Seidenschnabel...“ Dumbledore strahlte. „Gut gemacht. Ich glaube-...“, er lauschte aufmerksam an der Tür zum Krankensaal. „Ja, ich glaube, auch ihr seid fort - geht rein - ich schließe euch ein-...“ Wir schlüpften durch die Tür. Der Saal war fast leer, nur Ron lag immer noch reglos im letzten Bett . Die Tür klickte ins Schloss und wir krochen rasch in unsere Betten zurück. Mine steckte den Zeitumkehrer unter ihren Pullover. Und schon kam Madam Pomfrey aus ihrem Büro gewuselt. „Hab ich den Direktor gehen hören? Darf ich jetzt nach meinen Patienten schauen?“ Sie hatte ausgesprochen schlechte Laune. Ich hielt es für das Beste, ihr stumm die Schokolade abzunehmen. Madam Pomfrey stand neben uns und achtete darauf, dass wir unsere Medizin auch aßen. Doch ich konnte kaum schlucken. Harry, Mine und ich lauschten, warteten, meine Nerven lagen blank...Und dann, als wir gerade das vierte Stück Schokolade herunterwürgten, hörte ich aus der Ferne, irgendwo über uns, ein zorniges Grollen...

    „Was war das?“, fragte Madam Pomfrey aufgeschreckt. Jetzt konnten wir wütende Stimmen hören, die immer lauter wurden. Madam Pomfrey starrte zur Tür. „Also wirklich - sie wecken alle auf! Was bilden die sich eigentlich ein?“ Ich versuchte zu verstehen, was die Stimmen sagten. Sie kamen näher- „Er muss disappariert sein, Severus, wir hätten jemanden bei ihm lassen sollen - wenn das rauskommt -...“ „Von wegen disappariert!“, brüllte Snape, jetzt ganz in der Nähe. „Man kann in diesem Schloss weder apparieren noch disapparieren! Das - hat - etwas - mit - Potter - zu - tun!“ „Severus, seien sie vernünftig - Harry war doch eingeschlossen-...“ Krach. Die Tür zum Krankensaal flog auf. Fudge, Snape und Dumbledore kamen herein. Einzig Dumbledore sah gelassen aus. Tatsächlich wirkte es fast so, als würde er sich köstlich amüsieren. Fudge schien verärgert. Doch Snape war vollkommen außer sich. „Raus mit der Sprache, Potter!“, bellte er. „Was hast du getan!“ „Professor Snape!“, kreischte Madam Pomfrey. „Benehmen Sie sich gefälligst!“ „Snape, seien Sie vernünftig“, versuchte Fudge ihn zu beruhigen, „diese Tür war verschlossen, das haben wir eben festgestellt-...“ „Die drei haben ihm geholfen zu fliehen, ich weiß es!“, rief Snape wütend und deutete auf Harry, Mine und mich. Sein Gesicht war zu einer Grimasse verzerrt und Spucke sprühte ihm aus dem Mund. „Beruhigen Sie sich, Mann!“, bellte Fudge jetzt. „Sie reden Unsinn!“ „Sie kennen Potter nicht!“, kreischte Snape. „Er hat es getan, ich weiß es genau!“ „Nun reicht es aber, Severus“, sagte DUmbledore. „Denken Sie mal darübe rnach, was Sie sagen. Diese Tür war verschlossen, seit ich vor zehn Minuten hier raus bin. Madam Pomfrey, haben diese Schüler ihre Betten verlassen?“ „Natürlich nicht!“, entgegnete Madam Pomfrey entrüstet. „Das hätte ich gehört!“ „Nun, da haben Sie’s Severus“, meinte Dumbledore sanft. „Wenn Sie nicht behaupten wollen, dass Harry, Olivia und Hermine an zwei Orten zugleich sein können, sehe ich nicht, warum wir sie noch länger stören sollten.“ Snape brodelte immer noch vor Zorn und sein Blick wanderte zu Fudge, der von Snapes Verhalten zutiefst schockiert schien, zu Dumbledore, dessen Augen hinter den Brillenglässern funkelten. Snape wirbelte herum und stürmte mit wehendem Umhang aus dem Krankensaal. „Der Bursche scheint recht durcheinander zu sein“, murmelte Fudge und starrte ihm nach. „Ich würde ihn im Auge behalten, wenn ich Sie wäre, Dumbledore.“ „Oh, er ist nicht durcheinander“, erwiderte Dumbledore gelassen. „Er hat nur eben eine schwere Enttäuschung erlitten.“ „Da ist er nicht der Einzige!“, seufzte Fudge. „Ich seh schon die Schlagzeile im Tagespropheten! Wir hatten Black schon dingfest gemacht und er ist uns wieder entwischt! Jetzt muss nur noch ans Licht kommen, dass dieser Hippogreif auch entkommen ist, und ich bin das Gespött der Leute! Nun...ich verschwinde jetzt besser und benachrichtige das Ministerium...“ „Und die Dementoren?“, fragte Dumbledore. „Sie werden von der Schule abgezogen, oder etwa nicht?“ „Oh ja, sie müssen gehen“, stimmte Fudge zu und fuhr sich zerstreut mit den Fingern durch die Haare. „Hätte mir nie träumen lassen, dass sie versuchen würden, einem unschuldigen Kind ihren Kuss zu verpassen...völlig außer Kontrolle...nein, ich lass sie heute Abend noch nach Askaban verfrachten...vielleicht sollten wir über Drachen am Schuleingang nachdenken...“ „Da wäre Hagrid gleich dabei“, sagte Dumbledore und brachte mich damit zum schmunzeln. Als er und Fudge den Schlafsaal verlassen hatten, flitzte Madam Pomfrey gleich zur Tür und schloss ab. Zornig vor sich hin murmelnd eilte sie zurück in ihr Büro. Ein leises Stöhnen drang vom anderen Ende des Saals herüber. Ron war aufgewacht. Er setzte sich auf, rieb sich den Kopf und sah sich um. „Was...was ist passiert?“, ächzte er. „Harry? Hermine? Liv? Warum sind wir hier? Was ist eigentlich los?“ Harry, Mine und ich sahen uns an. „Erklär du mal“, sagten Harry und ich gleichzeitig an Mine gerichtet. Ich nahm mir ein wenig Schokolade.

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    41. Kapitel

    Als Harry, Ron, Mine und ich am nächsten Tag um die Mittagszeit den Krankenflügel verließen, fanden wir ein fast menschenleeres Schloss vor. Die flirrende Hitze und das Ende der Prüfungen hatten alle auf die Idee gebracht, wieder mal nach Hogsmeade zu gehen. Doch wir hatten keine große Lust dazu, und so wanderten wir mit Harry über die Ländereien und unterhielten uns über die geradezu verwirrenden Ereignisse der vergangenen Nacht. Wo Sirius und Seidenschnabel wohl mittlerweile wohl waren? Wir ließen uns am Seeufer nieder und beobachteten den Riesenkraken, der mit seinen riesigen Greifarmen faul im Wasser planschte. Ich schwieg. Ein Schatten fiel über mich und als ich aufblickte, stand ein recht trübäugigerHagrid unser uns. Er wischte sich mit einem seiner tischtuchgroßen Taschentücher den Schweiß vom Gesicht und strahlte uns an. „Ich weiß, ich sollte nicht so guter Laune sein, nach dem, was gestern Nacht passiert ist“, meinte er. „Wo doch Black schon wieder geflohen ist - aber wisst ihr was?“ „Was?“, fragten wir gleichzeitig und ich versuchte eine ernste Miene auszusetzen. „Schnäbelchen! Er ist entkommen! Er ist frei! Hab die ganze Nacht gefeiert!“ „Das ist ja toll, Hagrid!“, rief ich, stand auf und umarmte ihn. „Jaa...muss ihn wohl nicht richtig festgebunden haben“, fuhr Hagrid fort und ließ den Blick glückselig umher schweifen. „Hab mir heute Morgen doch Sorgen gemacht, Leute...dachte, er wäre irgendwo da draußen vielleicht Professor Lupin über den Weg gelaufen, aber Lupin sagt, er hätte gestern Nacht überhaupt nichts gefressen...“ „Wie bitte?“, fragte Harry rasch. „Hol mich der Teufel, habt ihr’s noch nicht gehört?“, fragte Hagrid und sein Lächeln verblasste ein wenig. Obwohl niemand in der Nähe war, senkte er die Stimme. „Ähm- Snape hat es heute Morgen den Slytherins gesagt...dachte, ihr wüsstet es inzwischen...Professor Lupin ist nämlich ein Werwolf. Und er hat sich letzte Nacht auf den Ländereien rumgetrieben...er packt jetzt seine Sachen.“ „Er packt?“, fragte ich erschrocken. „Warum?“ „Tja, er muss gehen, nicht wahr?“, sagte Hagrid und schien überrascht, dass ich überhaupt gefragt hatte. „Hat gleich heute Morgen gekündigt. Sagt, er könne es nicht riskieren, dass es noch einmal passiert.“ „Ich gehe zu ihm.“, sagte ich. „Ich komme mit.“, murmelte Harry und ohne zu zögern, rannten wir los.

    Lupins Bürotür stand offen. Er war mit Packen fast fertig. Der leere Glasbehälter, in dem offensichtlich ein Grindeloh gehaust hatte, stand neben einem zerbeulten alten Koffer, in dem nicht mehr viel Platz war. Lupin beugte sich über etwas auf seinem Schreibtisch und sah erst auf, als ich zögernd an der Tür klopfte. „Ich hab euch kommen sehen“, sagte Lupin lächelnd. Er deutete auf das Pergament, über dem er gebrütet hatte. Es war die Karte des Rumtreibers. „Wir haben eben Hagrid gesehen“, begann Harry. „Und er meinte, Sie hätten gekündigt. Das stimmt doch nicht, oder?“ „Ich fürchte, doch“, erwiderte Lupin. Er fing jetzt an, die Schreibtischschubladen herausziehen und sie zu leeren. „Warum?“, fragte ich. „Das Zaubereiministerium glaubt doch nicht, dass Sie Sirius geholfen haben, oder?“ Lupin ging zur Tür und schloss sie. „Nein. Professor Dumbledore konnte Duge davon überzeugen, dass ich versucht habe, euch das Leben zu retten.“ Er seufzte. „Das hat das Fass für Severus zum Überlaufen gebracht. Ich glaube, es hat ihn schwer getroffen, dass er den Orden des Merlin nun doch nicht bekommt. Also hat er heute Morgen beim Frühstück - ähm - versehentlich ausgeplaudert, dass ich ein Werwolf bin.“ „Sie gehen doch nicht etwa deswegen!“, sagte ich. Lupin lächelte gequält. „Morgen um diese Zeit trudeln die Eulen von den Eltern ein...sie werden keinen Werwolf als Lehrer ihrer Kinder haben wollen, Olivia. Und nach dem, was letzte Nacht passiert ist, kann ich sie verstehen. Ich hätte jeden von euch beißen können...das darf nie mehr vorkommen.“ „Sie sind der beste Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste, den wir je hatten!“, widersprach Harry und ich nickte heftig. „Bleiben Sie!“ Lupin schüttelte nur den Kopf und schwieg. Er räumte die nächste Schublade aus. Dann meinte er: „Nach dem, was der Schulleiter mir heute Morgen, habt ihr beiden letzte Nacht eingie Leben gerettet. Wenn ich dieses Jahr auf etwas stolz sein kann, dann darauf, wie viel ihr gelernt habt...“, er wandte sich an Harry, „erzähl mir von deinem Patronus, Harry.“ Harry schilderte ihm, was geschehen war. Am Ende lächelte Lupin. „Ja, dein Vater hat sich immer in einen Hirsch verwandelt“, erzählte er. „Du hast richtig geraten...darum haben wir ihn Krone genannt.“ Lupin warf die letzten Bücher in den Koffer, schloss die Schubladen und wandte sich Harry zu. „Hier - das hab ich letzte Nacht aus der Heulenden Hütte geholt“, meinte er und gab Harry den Tarnumhang zurück. „Und...“, er zögerte, dann streckte er uns beiden auch dei Karte des Rumtreibers entgegen. „Ich bin nicht mehr euer Lehrer, also fühle ich mich auch nicht unwohl dabei, wenn ich sie euch zurückgebe. Ich kann sie nicht gebrauchen und ich bin sicher, ihr werdet sie noch nützlich finden.“ Grinsend nahm Harry die Karte entgegen. „Sie haben gesagt, Moony, Wurmschwanz, Tatze und Krone hätten mich aus der Schule locken wollen...sie hätten das lustig gefunden.“ „Das hätten wir auch getan“, erwiderte Lupin und bückte sich, um den Koffer zu schließen. „Ich will dir nicht verschweigen, dass James mächtig enttäuscht gewesen wäre, wenn sein Sohn nie einen der Geheimgänge aus dem Schloss gefunden hätte.“

    Jemand klopfte. Harry stopfte die Karte und den Tarnumhang hastig in die Tasche. Es war Professor Dumbledore. Er schien nicht überrascht, Harry und mich hier vorzufinden. „Ihre kutsche wartet draußen am Tor, Remus“, sagte er. „Vielen Dank, Direktor.“ Lupin hob seinen alten Koffer und den leeren Grindeloh-Kasten hoch. „Also - auf Wiedersehen, Harry, Olivia“, meinte er lächelnd. „es hat wirklich Spaß gemacht, euer Lehrer zu sein. Ich bin sicher, wir sehen uns eines Tages wieder. Direktor, Sie müssen mich nicht hinausbegleiten, ich schaff das schon...“ Ich hatte den Eindruck, als wolle Lupin so schnell wie möglich fort. „Dann auf Wiedersehen, Remus“, sagte Dumbledore trocken. Lupin nahm den Glaskasten unter den Arm und schüttelte Dumbledore die Hand. Dann, mit einem letzten Kopfnicken für Harry und mich und dem Anflug eines Lächelns, ging Lupin hinaus. Ich wollte nicht, dass er ging. Irgendetwas in mir sagte mir, dass ich losrennen sollte, weil ich etwas wichtiges vergessen hatte...Ich überlegte. Was hatte ich vergessen? Und dann durchfuhr es mich wie ein Stromschlag. Das Bild von meiner Mutter und Lily Evans! Ich musste es einfach wissen... „Entschuldigen Sie mich bitte, Professor Dumbledore, aber ich habe noch etwas zu erledigen.“, sagte ich eilig und im nächsten Moment hatte ich schon die Tür hinter mir zugeworfen. Ich rannte die Gänge hinunter, immer weiter nach unten. Im zweiten Stock sah ich Professor Lupin dann vorne an einer Ecke; ich lief noch schneller und rief: „Professor Lupin! Professor Lupin! Warten Sie!“ Lupin stoppte abrupt und drehte sich um. „Olivia?“, fragte er. „Bitte...warten Sie“, keuchte ich und kam nach Atem ringend vor ihm zu stehen. „Professor, da gibt es etwas, was ich Sie fragen muss.“ Fragend sah er mich an. Ich zog mein Tagebuch hervor und schlug es auf. Ich blätterte zu der Seite vor, in die ich die beiden Bilder aus dem Jahrbuch eingeklebt hatte. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte ich die entsprechende Seite gefunden. „Professor...“, ich drehte das Tagebuch herum und zeigte Lupin die beiden Bilder, „kennen Sie diese Person?“ Ich zeigte auf Lindsay Winter. Lupin besah sich das Bild genauer, legte den Kopf schief und nickte dann zögernd. „Wirklich?“, fragte ich hoffnungsvoll. „Aber ja. Das...das ist Lindsay.“ „Kannten Sie sie?“ „Ja. Wir...wir waren im selben Jahrgang und beide in Gryffindor...“, er hielt kurz inne und musterte das Bild genauer, „wir waren Freunde, musst du wissen. Lindsay war eine recht fleißige Schülerin, deshalb kamen wir gut miteinander zurecht. Außerdem war sie immer Jahrgangsbeste.“ Er lächelte. „Haben Sie immer noch Kontakt zu ihr?“, fragte ich. Mein Herz klopfte bis zum Hals; diese Antwort könnte meine ganze Zukunft verändern. „Leider nein.“, antwortete Lupin. Meine Hoffnungen zerplatzen wie eine Seifenblase. „Nach unserem letzten Schuljahr haben wir uns aus den Augen verloren. Aber sag mal, wieso willst du das eigentlich wissen?“ Oh nein, was sollte ich ihm erzählen? „Ähm - ich - also, ich...ich habe das Bild mit Harrys Mutter und dieser Lindsay genau unter dem Bild von Ihnen und ihren Freunden gefunden und wollte einfach wissen, wer sie ist.“ Ich wusste nicht, ob Lupin mir diese Ausrede abkaufte, aber er nickte. „Nun, ich sollte jetzt hinunter zum Tor gehen, Olivia.“ Er schüttelte meine Hand und fuhr fort: „Es war mir eine große Ehre, dich kennenzulernen, Olivia. Du bist ein außergewöhnliches Mädchen, vergiss das nicht. Für jede Situation in deinem Leben wirst du ein Lied finden.“ Verwundert sah ich ihn an. Wie konnte das sein? Dieser Satz war doch auf dem Pergament gestanden, das ich zusammen mit dem Tagebuch zu Weihnachten bekommen hatte. Auf dem Pergament mit dem unbekannten Absender... „Sie haben mir das Tagebuch zu Weihnachten geschenkt?“, fragte ich ungläubig. Er nickte. „Ich dachte, es wäre das richtige Geschenk für dich, Olivia.“ Er wandte sich um. „Ich muss los“, murmelte er, dann sagte er mir noch zum Abschied: „Du bist die klügste und mutigste Hexe, die ich kenne. Ich wünsche dir alles Gute für die Zukunft, wir sehen uns garantiert einmal wieder.“ Ich nickte. Dann drehte Lupin sich um und ging davon. Ich wusste nicht, wie lange ich ihm noch nachsah, und ich konnte nur erahnen, dass gerade ein sanftes Lächeln auf meinen Lippen lag.

    Keiner in Hogwarts kannte jetzt die Wahrheit über das Geschehen in der Nacht, als Sirius, Seidenschnabel und Pettigrew verschwanden, außer Harry, Ron, Mine, mir und Dumbledore. Das Schuljahr ging nun rasch dem Ende zu und ich hörte die unterschiedlichsten Theorien über das, was wirklich geschehen war. Doch keine kam der Wahrheit nahe. Draco war wütend wegen Seidenschnabel. Er war überzeugt, Hagrid sei es irgendwie gelungen, den Hippogreif in Sicherheit zu bringen, und er schien außer sich vor Zorn, dass ein Wild hüter ihm und seinen Vater ein Schnippchen geschlagen hatte. Wenn Draco und ich uns trafen, redeten wir jedoch nicht darüber. Da war es nicht wichtig. Kurz vor den letzten Tagen vor den Ferien saßen wir mal wieder zusammen im Raum der Wünsche. Ich spielte auf meiner Gitarre, während Draco in einem Buch las. Irgendwann seufzte er und schlug das Buch zu. „Freust du dich schon auf die Ferien?“ Ich sah auf. „Soll das ein Scherz sein, Draco?“, fragte ich. Ohne eine Antwort abzuwarten, schüttelte ich den Kopf. „Es gibt nichts Schlimmeres, als die Sommerferien.“ „Wieso ist es für dich noch einmal so schrecklich?“, fragte er. Ich verdrehte belustigt die Augen. „Lass mich mal kurz überlegen...ich habe praktisch keine Rechte, bin die ganze Zeit Zuhause eingesperrt und fühle mich wie ihm Gefängnis.“ Draco seufzte. „Wenn es so schrecklich wird, dann brauchst du jetzt eine kleine Aufmunterung.“ „Was schwebt dir da vor?“, fragte ich neugierig. Dracos stand auf. „Darf ich um diesen Tanz bitten?“ Ich lächelte. „Aber immer gern.“ In der Ecke standen unsere Rollschuhe; im nächsten Moment standen wir auch schon auf unserer „Tanzfläche“. Draco streckte mir seine Hand entgegen und ich ergriff sie. Gemeinsam liefen wir an; Draco hob seine Hand, die meine innehielt und ich drehte mich. Ich fuhr rückwärts weiter und wagte einen kurzen Sprung, wobei ich Dracos Hand losließ. Als wir uns wieder in der Mitte trafen, packte ich Dracos Hände und schaffte es so, dass wir uns rund drei Mal im Kreis drehten. Als Draco mich wieder losließ, „lief“ ich mit einigen kurzen Sprüngen an und schlug ein Rad. Ich drehte eine Pirouette und fuhr seitwärts weiter; Draco griff meine Hände. Er fuhr vorwärts, ich rückwärts und ich machte eine Standwaage. Draco ginste und ich lächelte zurück.

    Als wir wieder auf dem gemütlichen Sofa saßen, grinste ich immer noch. „Das hat gut getan.“ Auch Draco gluckste. „Na ja, immerhin lächelst du jetzt wieder“, sagte er. Ich legte den Kopf schief. „Wegen der Sache mit den Ferien?“ Er nickte. Ich seufzte. „Ich werd’s überleben.“

    Ron erzählte mir am nächsten Morgen, dass Percy inzwischen einiges zur Flucht von Sirius zu sagen hatte. Als wir beim Frühstück saßen, hörte ich, wie Percy zu dem einzigen Menschen, der ihm zuhören wollte (seiner Freundin Penelope) sagte: „Wenn ich es schaffe, ins Ministerium zu kommen, werde ich denen mal erklären, wie man in der Zaubererwelt Recht und Ordnung durchsetzt!“ Das Wetter war herrlich, alle waren bestens gelaunt, ich wusste, dass wir das fast Unmögliche geschafft und Sirius zur Freiheit verholfen hatten - und doch hatte ich mich am Ende eines Schuljahrs noch nie so niedergeschlagen gefühlt. Ich war nicht die Einzige, die es schade fand, dass Professor Lupin gegangen war. Alle, die bei ihm Verteidigung gegen die Dunklen Künste gehabt hatten, waren über seine Kündigung bestürzt. „Ich frag mich, wen sie uns nächstes Jahr vorsetzen“, überlegte Seamus mit düsterer Miene. „Vielleicht einen Vampir“, meinte Dean hoffnungsvoll. Irgendwann fiel mir auch wieder Professor Trelawneys Vorhersage ein, von der mir Harry erzählt hatte. Und nun verstand ich. Voldemorts „Knecht“ war nicht Black, nein, es war Pettigrew. Das eigentlich Erstaunliche dabei war, dass Professor Trelawney einmal eine wirkliche Vorhersage gemacht hatte.

    Am letzten Tag bekamen wir unsere Prüfungsergebnisse. Harry, Ron, Mine und ich hatten es in jedem Fach geschafft. Harry war regelrecht verblüfft, dass er in Zaubertränke nicht durchgefallen war. Ich hatte den leisen Verdacht, dass Dumbledore eingegriffen und Snape daran gehindert hatte, ihn absichtlich durchrasseln zu lassen. Wie Snape sich Harry in den letzten Wochen gegenüber verhalten hatte, war äußerst beunruhigend. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass Snape sich noch mehr in seinen Hass gegen ihn hineinsteigern würde, doch genauso war es. Jedes Mal, wenn er Harry ansah, zuckte es Unheil verkündend um seinen schmalen Mund und er ließ die Fingerknöchel knacken, als ob er sich gerade noch gut genug beherrschen, um seine Finger nicht ganz fest um Harrys Hals zu legen. Ich wollte keinesfalls angeben, aber ich hatte schon wieder in jedem Fach die volle Punktzahl. Percy hatte seine UTZ geschafft, Fred und George um Haaresbreite ihren ersten ZAG. Wir hatten unterdessen das dritte Jahr in Folge die Hausmeisterschaft gewonnen. So war die Halle beim Abschlussfest ganz in Scharlachrot und Gold geschmückt und an unserem Tisch ging es bei der Feier natürlich am lautesten zu. Selbst Harry schaffte es, die Rückreise zu den Dursleys zu vergessen und feierte, redete und lachte mit uns anderen.

    Als der Hogwarts-Express am nächsten Morgen aus dem Bahnhof fuhr, erzählte uns Mine eine erstaunliche Neuigkeit. „Heute Morgen kurz vor dem Frühstück habe ich mit Professor McGonagall gesprochen. Ich habe beschlossen, Muggelkunde sausen zu lassen.“ „Aber du hast doch die Prüfung mit 320 % geschafft!“, meinte Ron. „Ich weiß“, seufzte Mine, „aber noch ein Jahr wie dieses halte ich nicht aus. Dieser Zeitumkehrer hat mich ganz verrückt gemacht. Ich hab ihn zurückgegeben. Ohne Muggelkunde und Wahrsagen hab ich endlich wieder einen ganz gewöhnlichen Stundenplan.“ „Ich kann immer noch nicht fassen, dass du uns nichts davon gesagt hast“, grollte Ron. „Wo wir doch angeblich deine Freunde sind!“ Ich verdrehte belustigt die Augen. „Ich habe versprochen, es niemandem zu sagen“, meinte Mine streng. Ich wandte mich Harry zu, der aus dem Fenster hinaussah, bis Hogwarts hinter einem Berg verschwunden war. „Kopf hoch, Harry!“, sagte ich. „Mir geht’s gut“, murmelte Harry rasch. „Ich denke nur an die Ferien.“ >Ich auch<, hätte ich am liebsten gesagt, doch ich tat es nicht. „Harry, du musst uns besuchen kommen. Ich red erst mal mit Mum und Dad und dann ruf ich dich an. Ich weiß jetzt, wie man ein Feleton benutzt-...“ „Ein Telefon, Ron“, widersprach ich. „Ehrlich, du solltest nächstes Jahr Muggelkunde belegen...“ Ron tat so, als hätte er es nicht gehört. „Du könntest auch kommen, Liv. In diesem Sommer ist die Weltmeisterschaft im Quidditch. Kommt ein paar Wochen zu uns und wir gehen hin! Dad kriegt meist Karten übers Büro.“ Der Vorschlag verfehlte seine Wirkung nicht und ich fühlte mich automatisch besser. Harry grinste. „Jaaa...ich wette, die Dursleys sind froh, wenn sie mich los sind...besonders nach dem, was ich mit Tante Magda angestellt hab...“ Um einiges besser gelaunt spielte ich zusammen mit Harry, Ron und Mine ein paar Partien Snape explodiert, und als die Hexe mit dem Imbisswagen kam, kaufte mir ein recht üppiges Mittagessen, welches jedoch nicht aus Schokolade bestand. Spät am Nachmittag bemerkte ich plötzlich etwas am Fenster. „Harry! Was ist eigentlich da draußen?“ Auch Harry sah auf. Etwas Kleines und Graues hüpfte vor dem Fenster auf und ab. Ich stand auf, um es besser sehen zu können und erkannte eine winzige Eule mit einem Brief im Schnabel, der viel zu groß für sie war. Die Eule war so klein, dass sie heftig am Fliegen war und im Fahrtwind des Zuges immer wieder gegen die Scheibe klatschte. Schnell zog Harry das Fenster herunter, streckte den Arm hinaus und fing sie auf. Vorsichtig holte er sie ins Abteil. Die Eule ließ ihren Brief auf Harrys Sitz fallen und begann im Abteil herumzuflattern, offenbar hochzufrieden, dass sie ihre Aufgabe erfüllt hatte. Hedwig klapperte missbilligend mit dem Schnabel. Krummbein erwachte aus dem Schlaf, setzte sich auf und folgte der Eule mit seinen großen gelben Augen. Ron, dem das nicht entging, fing sie auf und verbarg sie in der Hand. Harry nahm den Brief hoch, während ich ihm über die Schulter sah. Auf dem Umschlag stand sein Name. Er riss den Umschlag auf und rief: „Von Sirius!“ „Lies ihn laut vor, Harry!“, schlug ich vor.

    Lieber Harry,
    ich hoffe, dieser Brief erreicht dich, bevor du zu deinem Onkel und deiner Tante kommst. Ich weiß nicht, ob sie an Eulenpost gewöhnt sind.
    Seidenschnabel und ich haben ein Versteck gefunden. Ich sag dir nicht, wo es ist, falls die Eule in die falschen Hände gerät. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie zuverlässig sie ist, aber sie ist die beste, dich ich finden konnte, und sie schien ganz scharf auf den Job. Ich glaube, die Dementoren suchen immer noch nach mir, doch hier werden sie mich bestimmt nicht finden. Ich werde mich demnächst irgendwo ein paar Muggeln zeigen, weit weg von Hogwarts, so dass sie die Sicherheitsvorkehrungen im Schloss aufheben können.
    Es gibt noch etwas, das ich dir bei unserem kurzen Zusammentreffen nicht erzählen konnte. Ich war es, der dir den Feuerblitz geschickt hat-

    „Ha!“, rief Mine triumphierend. „Siehst du! Ich hab’s dir doch gesagt!“ „Ja, aber er hatte ihn nicht verhext, oder?“, meinte Ron. „Autsch!“ Die winzige Eule, die inzwischen glücklich in seiner Hand fiepte, hatte ihm in den Finger gepickt und es offenbar zärtlich gemeint.

    Krummbein brachte für mich die Bestellung zur Eulenpost. Ich habe deinen Namen verwendet, aber geschrieben, dass sie das Gold aus dem Gringotts-Verließ Nummer 711 nehmen sollten - das mir gehört. Bitte betrachte den Feuerblitz als dreizehn Geburtstagsgeschenke auf einmal von deinem Paten.
    Ich möchte mich auch dafür entschuldigen, dass ich dir im letzten Jahr offenbar so viel Angst bereitet habe, und zwar in der Nacht, als du das haus deines Onkels verlassen hattest. Ich wollte nur kurz einen Blick auf dich werfen, bevor ich mich auf die Reise nach Norden begab, aber ich glaube, mein Anblick hat dir einen Schock verpasst.
    Ich habe noch etwas für dich beigelegt, von dem ich glaube, dass es dein nächstes Jahr in Hogwarts vergnüglicher machen wird.
    Wenn du mich je brauchst, schicke mir eine Nachricht.
    Deine Eule wird mich finden.
    Ich schreibe dir bald wieder,
    Sirius

    Harry sah sofort im Umschlag nach. Darin war noch ein Stück Pergament. Er las es rasch durch, während ich ihm über die Schulter sah.

    Ich, Sirius Black, Harry Potters Pate, erteile ihm hiermit die Erlaubnis, an den Wochenenden nach Hogsmeade zu gehen.

    „Das wir Dumbledore genügen!“, sagte Harry glücklich. Er kehrte zu Sirius’ Brief zurück. „Wartet, da ist noch ein PS...“

    Vielleicht will dein Freund Ron diese Ratte behalten, immerhin ist es meine Schuld, dass er keine Ratte mehr hat.

    Ron machte große Augen. Die Winzeule fiepte immer noch aufgeregt. „Sie behalten?“, fragte er unsicher. Einen Moment lang musterte er die Eule scharf und dann, zu unserer Überraschung, hielt er sie Krummbein zum Beschnüffeln unter die Nase. „Was meinst du?“, fragte Ron den Kater. „Eindeutig ‘ne Eule?“ Krummbein schnurrte. „Das genügt mir“, erwiderte Ron glücklich. „Sie gehört mir.“ Harry las den Brief von Sirius immer wieder Wort für Wort durch, bis wir im Bahnhof King’s Cross einfuhren. er hatte ihn immer noch fest umklammerte, als wir zu viert durch die Absperrung von Gleis neundreiviertel zur Muggelwelt traten. Dort erkannte ich Harrys Onkel, der in einigem Abstand von Mr. und Mrs. Weasley entfernt stand und misstrauisch herüberäugte, als Mrs. Weasley uns nacheinander fest in die Arme zog. „Ich rufe dich wegen der Weltmeisterschaft an!“, rief Ron Harry nach. Auch ich verabschiedete mich von Mine und Ron und ging in einigen Metern Abstand hinter Harry her, auf der Suche nach meiner Hauselfe. „Miss Olivia!“ Leila stand in einer dunklen Ecke und rief nach mir. Hastig ging ich zu ihr hinüber, ohne dass mich ein Muggel bemerkte. „Hallo, Leila!“ „Kommen Sie, Miss...“, quiekte sie. Doch bevor ich ihre Hand ergriff, drehte ich mich noch einmal zu Harry um. Er grinste und ich konnte gar nicht anders, als zurück zu lächeln. Und als alles um mich herum verschwamm und ich das Gefühl hatte, durch einen Schlauch gepresst zu werden, spürte ich den sanften Blick dieser wunderschönen grünen Augen immer noch auf mir haften.

Kommentare (9)

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Ms. Mystery ( von: Ms. mystery)
vor 61 Tagen
@niniel Ich werde das vierte Buch in zwei Teile teilen, deshalb wird der nächste Teil höchstwahrscheinlich schneller als gedacht kommen. Ich werd' versuchen, so schnell wie möglich weiterzuschreiben, auch wenn ich gerade viel mit der Schule zu tun habe!
niniel ( von: niniel)
vor 67 Tagen
Bitte wann kommt die 4. ff von dir muss sie unbedingt
lesen
Princess Julie ( von: Princess Julie)
vor 80 Tagen
So froh die beste Freundin von Ms. Mistery zu sein, so weiß ich schon genau was passieren wird.
Sunny_Miley ( von: Sunny_Miley)
vor 101 Tagen
Das ist die beste ff die ich je gelesen hab!
Lady Malfoy (24123)
vor 119 Tagen
Ich liebe deine Fangiction!!! Am liebsten würde ich nur noch Zeit damit verbringen sie zu lesen als bitte schreib weiter BITTE!!!!!!!!!!!!!!❤️❤️❤️❤️❤️❤️
Svenja Granger ; ) (80572)
vor 121 Tagen
Wow, was für eine tolle Fanfikition! Du hast wirklich einen angenehmen Schreibstil und auch die Geschichte finde ich sehr interessant und spannend. Wirklich rundum perfekt, eigentlich.
Das einzige, was man vielleicht kritisieren könnte, wäre, dass du sehr viel einfach nur von den Büchern kopierst - dafür wirkt es aber auch echter und ich weiß, wie schwer ist es, da was wegzulassen.
Nichtsdestotrotz ist das eine der besten Geschichten, die ich seit langem hier gelesen habe :)
Freue mich auf den nächsten Teil!
Ms. Mystery ( von: Ms. mystery)
vor 136 Tagen
Es freut mich sehr, wenn meine FanFiktion gut ankommt. In ein bis zwei Wochen werde ich den dritten Teil hochladen, weil es leider etwas dauert bis ich die ganzen 123 Seiten auf Rechtschreibfehler überprüft habe. Außerdem ist der vierte Teil schon in Arbeit...
Zaubereule ( von: Showny)
vor 139 Tagen
OMG!!! Das ist die mit Abstand BESTE Fanfiktion die ich JEMALS gelesen habe! BITTE schreibe weiter lass dir ruhig Zeit, aber nicht zu viel! 😉 Ich glaub nämlich nicht dass ich es so lange ohne aushalte 😯 also bitte sag mir, dass du schon daran schreibst?🙏
Tawariel Lûth Draug Gaur ( von: Tawariel Lûth Draug Gaur)
vor 155 Tagen
Hey du! ♥ Ich finde deine Ff richtig cool und ich hoffe du schreibst bald weiter! ♥
Riel ♥