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Sieben Worte - An die Wahrheit

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1 Kapitel - 1.529 Wörter - Erstellt von: KillerRabbit - Aktualisiert am: 2017-07-13 - Entwickelt am: - 280 mal aufgerufen- Die Geschichte ist fertiggestellt

JULI

Für einen Menschen, der die Geschichten kennt. Für die Menschen, die in ihren Erinnerungen die Welt behüten. Hört nie auf zu erzählen. Wir werden euch zuhören.

http://www.testedich.de/quiz44/quiz/1475077173/Sieben-Worte-fuer-ein-Wunder-Ein-Schreibwettbewerb

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    Du sitzt in deinem Sessel, so wie immer, wenn ich dich sehe. In einer Hand die Zigarette, von der einzigen Marke, die ich nicht verabscheue. In der an
    Du sitzt in deinem Sessel, so wie immer, wenn ich dich sehe. In einer Hand die Zigarette, von der einzigen Marke, die ich nicht verabscheue. In der anderen die Fernbedienung. Du siehst dir immer nur die Nachrichten an, aber für mich schaltest du auch manchmal um. Dann lassen wir eine Dokumentation laufen und ich träume von der Zukunft, während du an die Vergangenheit denkst. Jeden Sommer aufs Neue. Jedes Jahr aufs Neue kaufst du schwarze Kirschen, wenn ich dich in den Ferien besuchen komme. Wir haben nie viel geredet, nicht viel am Stück. Wir wissen beide, wie ähnlich wir uns sind. Aber manchmal hast du einfach angefangen zu erzählen. Als wären die Worte in dir gefangen, als müssten sie unbedingt heraus. Du wusstest, dass ich dir Zuhören würde.

    Ein kleiner Junge sitzt auf seinem Bett und verschränkt wütend die Arme vor der Brust. An der Tür klopft es stetig. „Martin, jetzt mach doch auf. Das ist Unhöflich den Gästen gegenüber.“ Neben ihm auf dem Bettüberwurf liegt eine kleine Geige. „Ich will nicht spielen.“ ruft er trotzig. Er liebt die Musik. Auch die Musik seiner Violine. Aber spielen … spielen wollte er nie. Dazu hat sein Vater ihn gezwungen. Und das ist gar nicht gut. „Du kommst jetzt sofort raus.“ Die Stimme seiner Mutter klingt gedämpft. Die Gäste sollen wohl ihren Zorn nicht hören. „Sonst setzt es was.“ Da nimmt der kleine Junge seine Geige und sein Gesicht ist ganz entschlossen. Er öffnet die Tür, marschiert mit gehobenem Kinn an der Mutter vorbei und stellt sich artig im Wohnzimmer auf. Erfreute Blicke allerseits, man ist doch Stolz auf die talentierte Jugend. Und dann spielt er die schiefsten Töne, die sein Bogen hergibt.

    Wenn das Wetter so gut wie deine Laune ist, fahren wir zu deinem Teich. Auf dem Weg erzählst du mir, wie viele Fische du inzwischen hineingesetzt und wieder heraus gefangen hast. Mit der Aufregung eines Jungen, die niemals verfliegen wird. Bevor der Waldweg beginnt, halten wir noch einmal, um wilde, gelbe Pflaumen zu pflücken. Der Wind lässt die Blätter sachte schaukeln . Eigentlich mochte ich Pflaumen nie. Nur unsere. Unsere gelben Heimwegpflaumen. Wenn wir am Teich ankommen, steht die Sonne schon schief und wirft warme Glitzerstreifen auf die Oberfläche. Die Fische spüren sofort, wenn jemand kommt. Manchmal sind sie sogar neugierig genug, um aus dem Wasser zu springen. Wir setzen uns vor die Hütte, die du selbst gebaut hast und die eigentlich aussieht, als bestünde sie nur aus einem Dach. Aber sie hat eine ordentliche Tür, mit einem sicheren Riegel davor. Und so sitzen wir dann, denn jetzt, wo ich älter bin, muss ich die kleinen Fische nicht mehr jagen. Ich habe wohl genug für ein ganzes Leben gefangen. Und wieder zurück ins Wasser gesetzt. Stattdessen teilen wir altes Brot in Stücke und werfen es den Karpfen zu. Einer hat einen ganz silbernen Bauch. Der Dicke. Das hat dich mächtig gefreut.

    Aus dem kleinen Junge ist ein größerer Junge geworden. Er findet, dass er schon ein richtiger Mann ist. Schließlich ist er schon ganze fünfzehn Jahre alt. Und wieder sitzt er auf seinem Bett, doch diesmal steht niemand vor der Tür. Sein kleiner Bruder schläft im Zimmer gegenüber. Das heißt, dass er leise sein muss. Das Mondlicht sickert durch die gehäkelten Gardinen. Er hat lange darüber nachgedacht. Über die Zukunft, wie sein Vater sie sich vorstellt und über die Zukunft, wie er sie sich wünscht. Er wäre klug genug, um Apotheker zu werden. Er wäre klug genug, um Arzt zu werden. Das weiß sein Vater genau. Aber er selbst würde lieber Sänger werden. Oder ein Wanderer, der unter den Sternen schläft. Schließlich kann er nur einmal leben. Und darum schleicht er sich aus seinem Zimmer, durch die dunkle Veranda und hinaus in die Sternlose Nacht. Erst später fällt ihm ein, dass er sich einen Rucksack hätte packen können.

    Nachts hast du Albträume. Du schläfst nicht viel und manchmal wache ich auf, wenn du ruhelos durch die Wohnung streifst. Ich kann hören wie du die Balkontür öffnest und dich hinaus setzt, um die klare Luft zu genießen. Du hattest wirklich Glück eine Wohnung zu finden, die abgewandt von der Hauptstraße liegt. So musst du den Verkehr zwar hören, aber sehen brauchst du ihn nicht. Du hast erzählt, dass auf der Wiese unter dem Haus einmal eine kleine Kaninchenfamilie lebte. Das konnte ich Anfangs gar nicht glauben. Ein Stückchen Natur zwischen all den hohen Häusern? Aber dann hast du mir die Kanincheninsel gezeigt. Ein winziger Grünstreifen auf einer Schnellstraße. Und dort leben diese furchtlosen Wesen nun schon seit Jahren. Ihr beiges Fell blitzt immer wieder zwischen den Büschen hervor und in seliger Ruhe betrachten sie den Feierabendstau.

    Der Junge hatte ein winziges Küken gefunden, das aus einem Nest gefallen war. Ganz hilflos und nackt war es und das es überhaupt noch lebte ein Wunder. Obwohl er viele Sorgen hatte, nahm er es mit sich, in die kleine Wohnung, die er sich mit Freunden teilte. Er wusste viel über Tiere und er sorgte sich rührend um das kleine Vögelchen. Wenn er später durch das Dorf fuhr, auf seinem klapprigen Fahrrad, saß seine freche Dohle auf dem Lenker und versperrte ihm mit wildem Flügelschlag die Sicht. Manchmal landete sie auch auf seinem Kopf und zupfte an seinem Haar herum. Aber am häufigsten trug sie ihm kleine Geschenke zu, die sie sich heimlich erbeutet hatte. Im ganzen Dorf fürchtete man das diebische Geschick der kleinen Dohle. Und wenn etwas verloren war, wandte man sich als erstes an Martin.
    Der Junge ist nun ein Mann geworden, nicht nur in seinen Gedanken, sondern auch in seinem Blick. Der Krieg ist keine schöne Sache und nach Hause kommt man nur selten. Aber er kam. Er kam gesund nach Hause zurück. Und die Erste, die ihn begrüßt, ist die große Dohle, die am Himmel kreist und die sich auch nach Jahren noch an ihn erinnert.

    Du nimmst mich mit, wenn du zur Arbeit fährst. Du bist tatsächlich Sänger geworden. Gewiss, nicht ganz so, wie du es dir erträumt hattest. Aber die alten Menschen, für die du regelmäßig singst, hören dir mit glänzenden Augen zu. Manchmal stehen sie auch auf und beginnen auf wackeligen Beinen zu tanzen. Manche von ihnen können sich nicht mehr erinnern, wie sie heißen oder wo sie wohnen. Aber deine Lieder bringen ihnen ihre Jugend zurück. Ich habe noch nie so viele junge Augen in so vielen alten Gesichtern gesehen. Nach dem dritten Song hältst du mir das Mikrofon hin und ich verstecke mich schnell hinter meinen Händen. Aber dann singen wir doch, weil du mich mit einem Lächeln überzeugen kannst. Und es ist schön. So schön, dass Tränen auf eingefallenen Wangen trocknen.

    Vor kurzer Zeit, hast du mir ein kleines Päckchen geschickt. Darin war eine Kette, die ich mir selbst gebastelt hatte, als ich ein Kind war. Eine grobe Kordel, an der ein silberner Gecko baumelt, mit Meerwassertürkisen Augen. Früher fand ich sie wunderschön. Ich hatte sie wohl irgendwo bei dir verloren und du hattest sie gefunden, als du deinen alten Krempel umräumtest. In dem Päckchen lag auch ein Brief, der etwas ungelenkt geschrieben war. Es geht dir nicht gut. Du hast Krebs. Nächstes Jahr werden wir nicht zum Teich fahren können. Aber du hast keine Angst. Ich weiß, dass du die Wahrheit sagst. Aber ich weiß noch viel mehr. Ich habe dir bereits zurück geschrieben und du hast dich sehr gefreut. Am Telefon hast du gesagt, dass du Nachts von Zuhause träumst. Dass du deine Sprache vergessen hattest. Und dass sie nun Wort für Wort zu dir zurück findet. Ich möchte dir sagen, dass ich dich sehr liebe. Du warst die Fackel in der Dunkelheit meiner Gedanken. Und jetzt ist es hell.

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1499365479
Sieben Worte - An die Wahrheit
Sieben Worte - An die Wahrheit
JULI Für einen Menschen, der die Geschichten kennt. Für die Menschen, die in ihren Erinnerungen die Welt behüten. Hört nie auf zu erzählen. Wir werden euch zuhören. http://www.testedich.de/quiz44/quiz/1475077173/Sieben-Worte-fuer-ein-Wunder-E...
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2017-07-06
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Fanfiktion

Kommentare (4)

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KillerRabbit ( von: KillerRabbit)
vor 62 Tagen
Mhm ...Danke.😆
Alpha ( von: Alphawölfi)
vor 67 Tagen
Das ist... Ich habe keine Worte dafür... Es gefällt mir... sehr (ist noch nicht mal der Ausdruck, den ich treffe möchte, aber der Einzige, den ich sagen kann, der noch halbwegs trifft, was ich meine).😅
KillerRabbit ( von: KillerRabbit)
vor 70 Tagen
----Danke----
Dreamer (46027)
vor 72 Tagen
Das ist wunderschön....
Du solltest Autor werden. Du hast ein großartiges Talent dafür Kurzgeschichten zu schreiben und die Leser für dich zu gewinnen. Zwischen den Zeilen will man wissen wie es weiter geht. Man ist ganz vertieft in die Worte, die da stehen und was sie sagen und auch das was sie nicht sagen. Und das Ende.... jedes deiner Enden bringt einem zum Nachdenken. Man weiß nicht genau worüber. Aber man muss einfach nachdenken und fühlt sich so bei unwissend und gleichzeitig fühlt man sich vollkommen. Als würde man die Welt verstehen. Sie aus einem anderen Blickwinkel betrachten......
Worte können gar nicht ausdrücken was ich fühle. Ich weiß, es klingt kitschig, aber es ist wahr. Du verleihst Worten einen ganz anderen Wert. Du machst sie zu deinem Eigenen und dennoch denkt man es zu verstehen.