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A short story...

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4 Kapitel - 4.937 Wörter - Erstellt von: Alphawölfin - Aktualisiert am: 2017-06-22 - Entwickelt am: - 545 mal aufgerufen- Die Geschichte ist fertiggestellt

Es ist nicht wie du denkst. Ich bin nicht wie alle denken. Aber was spielt es noch für eine Rolle? Ich bin tot und doch spreche ich noch. Ich lausche noch. Ich schreibe noch. Ich rede um sie euch zu erzählen. Um euch meine Geschichte zu erzählen. Meine kurze Geschichte.
Lausche, wenn du dich traust.
Weine, wenn du dich traust.
Schreie, wenn du dich traust.
Nimm meine Worte auf, wenn du dich traust und spüre ihre Wirkung.
Du musst alleine entscheiden, wie du meine kurze Geschichte findest.
Denn ich kann es nicht.
Nicht mehr...

    1
    Inhaltsverzeichnis ~Kapitel 1 'Süße Pfirsiche' ~Kapitel 2 'Lila Veilchen' ~Kapitel 3 'Alles ist vergänglich'
    Inhaltsverzeichnis

    ~Kapitel 1 'Süße Pfirsiche'

    ~Kapitel 2 'Lila Veilchen'

    ~Kapitel 3 'Alles ist vergänglich'

    2
    Kapitel 1
    Süße Pfirsiche


    Es begann wie es mit allem beginnt. Mit einer Geburt. Der Tag als ich auf die Welt kam. Am Tag, an welchem meine Mutter starb. An welchem mich mein Vater im stich ließ und ich... alleine war. Alleine. Ein Wort, welches in meinem Leben noch eine große Rolle spielt. Das Wort klingt klein, doch das ist es nicht. Für mich bedeutet dieses Wort nämlich mein Leben. Es übermannte mich mit der Zeit, aber ich schweife ab.
    Ich kam ins Kinderheim. Ein Ort wo jene hinkommen, welche nicht geliebt werden. Welche es nur mit sehr viel Glück schaffen in eine Familie zukommen. Ich war keines dieser Kinder. Jahre des Leidens und des Lernens verbrachte ich dort und woanders. Jahre, die mir durch schwere Zeiten halfen. Schwere Zeiten auf der Straße. Zeiten geprägt von Drogen, Alkohol, Gewalt, Hass, Stehlen und des alleine seins. Die Schule besuchte ich nur wenige Jahre, denn was sollte ich dort auch? Es war allen egal, ob ich kam oder nicht. Für mich gab es niemanden, für den ich mich hätte anstrengen müssen. Also durchlief ich nur die Grundschule um darauf nach ein paar Jahren aus dem Kinderheim zu fliehen.
    Die Straße war ein komischer Ort. Viele würden sie als erbarmungslos, kalt, gefährlich und grausam bezeichnen. Völliger Quatsch! Man muss nur wissen, wie man mit dem Leben auf der Straße umgehen muss. Ja, selbst dann kann das Leben auf der Straße ein Paradies sein. Aber nicht für alle. Zwar wusste ich, wie ich auf der Straße überlebte. Regelmäßig einen vollen Magen bekam und sogar einen trockenen Schlafplatz. Das war viel mehr, als bei anderen. Aber dennoch war ich immer auf der Suche nach etwas. Ich wusste nie nach was, bis ich dann ihr begegnete.

    Es war ein kalter Wintertag und ich hatte mich unter einer Bushaltestelle vor dem fallenden Schnee versteckt. Es war reiner Zufall gewesen, dass ich an diesem Tag dort war. Eigentlich hätte ich ganz woanders sein gemusst. Wo weiß ich jedoch nicht mehr. Ich hatte meine Hände in meine Taschen gesteckt. Ein erbärmlicher Versuch sie warmzuhalten. Meine Wangen waren eiskalt, pochten und meine Nasenspitze spürte ich schon gar nicht mehr. Die Wölkchen, die mein Atem erzeugte, faszinierten mich. Die kleinen Flöckchen faszinierten mich. Die stechende Kälte faszinierte mich. Die Tatsache, dass das alles von jetzt auf gleich enden könnte, faszinierte mich. Ich hörte gedämpfte Schritte auf mich, oder eher auf die Bushaltestelle zukommen und zog den Kopf ein. Versuchte mich im Kragen meines dünnen Pullovers zu verstecken. Ich hatte gehofft, die Person würde einfach nur vorbeigehen wollen und war daher einen Schritt zurückgetreten. Die Person blieb neben mir stehen und ich starrte auf die Spitze von meinen durchgelaufenen und schmutzigen Turnschuhen. Sie waren nicht Wasserdicht und daher spürte ich die stechende Kälte und Nässe. Wie sie Besitz von meinen Füßen ergriffen und langsam meinen Körper hochkrochen.
    >>Entschuldigung, aber könnten Sie bitte etwas zur Seite gehen. Ich müsste an den Plan.<<
    Ich war nicht im Stande mich zu bewegen, denn ihre zaghafte und warme Stimme ließ die Kälte in mir schmelzen. Ich hielt den Atem an und als sie sich räusperte trat ich den Schritt wieder nach vorne. Als sie hinter mich trat und den Plan studierte, konnte ich ihre Wärme spüren. Tief atmete ich ein und nahm ihren betörenden Duft war. Sie roch nach Pfirsichen. Nach süßen Pfirsichen. Nach solchen, die man lieber ansehen und nicht essen wollte, weil sie einfach zu schön waren.
    >>Danke.<<
    Sie flüsterte fast und eine kleine Gänsehaut trat auf meine Arme. Leise stellte sie sich auf die andere Seite. Trotz diesem Meter Abstand zwischen uns, konnte ich weiter ihre Wärme spüren.
    Wir standen vielleicht Stunden so da, was zwar unwahrscheinlich, aber denkbar war. Durch den Schnee und dessen dicken Wolken am Himmel, konnte man nämlich nicht genau sagen, wie viel Zeit vergangen war. Keiner sagte etwas und ich wagte mich auch nicht aufzuschauen um zu sehen, wer sie war. Wie sie aussah. Ob sie mich ansah.
    Das Geräusch des Busses warf uns beide ins hier und jetzt zurück und sie trat unter der Haltestelle hervor. Ich schaute leicht auf und alles was ich von ihr sah, war ihr braunes Haar, ehe sie in den Bus stieg. Ich sah dem Bus nach, auch als ich ihn schon längst nicht mehr sehen konnte und wurde mir wiedermal schmerzlich bewusst, wie alleine ich doch war. Die ganzen Jahre auf der Straße war ich alleine gewesen und jetzt in diesem Moment an der Haltestelle, war ich wieder alleine. Alleine und fror.

    Es verging kein Moment, an dem ich nicht an ihre Stimme dachte. An dem ich nicht an ihre Wärme dachte. An ihren Duft dachte. An ihre braunen Haare dachte. Ich wünschte ich hätte vorher aufgeschaut. Hätte sie angesprochen. Meine Tage und Monate vergingen wie gewohnt. Ich traf mich mit dem ein oder anderen. Tauschte Stoff, stahl, betrog und wechselte den ein oder anderen Schlag. Für kurze Zeit kam ich ins Gefängnis, aber sie mussten mich schon nach wenigen Stunden wieder gehen lassen. Ich weiß noch, wie glücklich ich war, dass ich da keinen Stoff oder Alkohol dabei hatte.

    Es wurde langsam Frühling und ich kann mich noch ganz genau an ihn erinnern. Es war der schönste Frühling den ich je erlebt hatte. Ich war häufig im Park unterwegs, da ich es liebte die Schneeglöckchen wachsen zu sehen. Zu sehen, wie das Leben die kalte Welt des Winters durchbrach und die langersehnte Wärme brachte. Was ich nur noch nicht wusste war, dass ich selbst an den warmen Tagen fror.
    Als es eines Tages regnete, rettete ich mich in einem Einkaufscentrum und versuchte die ganzen Eindrücke zu verdrängen. Ich hasste viele Menschen auf einmal. Ich hasste diese Lautstärke. Hasste die ganzen Geschäfte und die Tatsache, dass ich ganz alleine hier war. Ich sprang beiseite, als eine ganze Schar von Kinder an mir vorbei rannte und stieß dabei gegen sie. Als ich sie fluchen hörte, erkannte ich sofort ihre warme Stimme und erstarrte. Mir wurde wieder ganz warm und ich drehe mich langsam herum. Sah in ihr wunderschönes Gesicht, welches so zierlich und blass war. Ihre wasserblauen Augen hatten einen Ausdruck von Stärke und Willenskraft, die man ihren weichgeschwungenen, roten Lippen nicht ansah.
    Das braune Haar lag in leichten Locken über ihrer Schulter und ich hatte das Gefühl, als würde ihr Duft eine Art Sehnsucht in mir befriedigen.
    >>Sorry.<<, ich räusperte mich, als ich hörte, wie rau meine Stimme wieder war.
    Ich gebrauchte meine Stimme nicht häufig und wenn ich es doch tat, dann war ich immer wieder von ihr überrascht.
    >>Ja, ja. Schon gut.<<
    Sie winkte ab und ging weiter. Mich überkam die Angst. Angst, dass wenn ich sie jetzt nicht ansprach nie wieder sehen würde. Dass dies meine letzte Chance war, sie anzusprechen, sie zu behalten. Ich ging ihr nach und immer wieder drehte sie sich nach mir um. Schlagartig erinnerte ich mich, wie ich aussah. Fettige blonde Haare, die dazu verfilzt waren. Dunkel geränderte, grüne Augen. Eine krumme Nase, welcher man ansah, dass sie mehr als einen Schlag hatte einstecken müssen. Ein Lippenpiercing, mit welchem ich aufgeregt spielte und meine ausgeleierten und dreckigen Klamotten. Dazu war mein Geruch nicht gerade ansprechend, aber ich roch mich nicht. Nicht mehr. Meine letzte Dusche... Ich erinnerte mich schon gar nicht mehr an sie.
    Erst als ich in sie hineingelaufen war, bemerkte ich, dass sie mitten im Weg einfach stehen geblieben war.
    >>Was soll das?<<
    Ihr Haar rutsche von der Schulter, als sie zu mir hoch sah. In ihren Augen sprühte Selbstbewusstsein aus, welches man bei einer kleinen zierlichen Frau nicht erwartete.
    >>Ich... Ähm... Wir kennen uns.<<
    Sie musterte mich eingehender und wir beide wichen nicht einen Schritt zurück, obwohl wir den Atem des anderen spüren konnten.
    >>Nein, tun wir nicht.<<
    Mit diesen Worten drehte sie sich wieder um und verschwand. Ließ mich zurück mit leeren Händen und ganz alleine. Wieder ganz alleine.

    Die Tage wurden länger und meine Einsamkeit immer schwerer. Ich suchte sie. Fand sie jedoch nicht. Ich fand nie was ich suchte. Kennst du das Gefühl? Du suchst und suchst, findest Sachen, die du davor mal gesucht hast, aber das was du jetzt brauchst findest du nicht.
    Es war eine warme Nacht und ich stand vor der Disko. War hin und hergerissen, ob ich hinein gehen sollte, oder doch lieber hier auf meine Gelegenheit wartete. Ich spielte mit den Tütchen in meiner Tasche und atmete tief ein, ehe ich durch die Tür hinein in den Lärm und die Menge ging.
    Die bunten Lichter flackerten hin und her. Der Bass und das Stampfen der Füße ließen den Boden erzittern. Die heiße und trockene Luft war erdrückend und die vielen Leiber, der jungen Leute pressten sich aneinander. Der Gestank nach Alkohol, Schweiß, Drogen und erbrochenem nahm immer weiter Besitz von meiner Lunge und mich überkam das Gefühl des Erstickens. Ich rettete mich an den Rand des Geschehens und wartete einfach. Jeder wusste, wer wo, welchen Stoff besaß und diesen verkaufte. So wurde ich meinen schnell los und verließ die Disko mit hastigen Schritten und gehetztem Blick. Draußen atmete ich hastig die etwas kühlere Luft und verzog mich in eine Seitenstraße. Wo ich mein eigenes Tütchen hervorholte und den Inhalt gierig musterte. Drogen halfen mir meine Einsamkeit für einen kurzen Moment zu vergessen. Die Tatsache zu vergessen, dass ich ganz alleine auf dieser kalten Welt war. Gerade als ich das Tütchen öffnete, hörte ich das Klicken eines Messers. Langsam drehte ich mich herum und musterte eine schäbige Frau, die hinter einem Müllcontainer hervorgekrochen war. Es war nicht das erste Mal, dass mich jemand wegen Drogen bedrohte. Das war sogar schon fast Routine geworden und doch war mir die Frau komisch. So, als würde nicht das Messer in ihrer Hand die eigentliche Waffe sein, sondern sie. Ich schüttelte meinen Kopf und trat einen Schritt zurück, wobei ich gegen eine große Gestalt stieß. Ich wusste, dass sie mich gefunden hatte. Sie fanden einen immer. Immer dann, wenn man nicht damit rechnete.

    3
    Kapitel 2
    Lila Veilchen


    Nachdem sie, die Mafiosos mit mir fertig waren, ließen sie mich einfach auf der Straße zum Sterben liegen. Sie gingen davon aus, dass ich starb und ich auch. Ich hieß den Tod willkommen, wie einen alten Freund. Komisch eigentlich, denn ich hatte nie Freunde gehabt und der Tod war sicherlich auch keiner. Ich schloss meine Augen und spürte die harte Straße nur noch als weiches Kissen. Die Wunden als Nachhall in meinem Geist. Meinen Geist nur noch als kleine unbedeutende Feder. Die kleine unbedeutende Feder nur als etwas sterbendes in mir. Ich spürte den Tod so nah. Wollte meine Hand nach ihm ausstrecken und das Letzte was ich wahrnahm, war die erdrückende Hitze um mich herum.

    Piep piep piep piep...
    Das Geräusch schien gegen meine Schädelwand zu stochern und riss mich aus meinem tiefen Schlaf. Ich wusste weder wo ich war, noch wie ich hierher gekommen war. Ich wusste nur, dass mich dieses Geräusch bis aufs äußerste nervte und meine Schmerzen unerträglich schienen.
    Irgendein Arzt hatte mir erzählt, dass mich jemand auf der Straße gefunden und ins Krankenhaus gebracht hätte. Wer dieser jemand war, sollte ich erst später erfahren.

    Nachdem ich ganze zwei Wochen hier verbrachte hatte, hielt ich es nicht mehr aus. Die kahlen, weiße Wände schienen immer näher zukommen und mir die Luft zu rauben. Dazu erinnerten sie mich pausenlos daran, dass ich ganz alleine war. Verdammt alleine in diesem kleinen Zimmer, mit diesen weißen Wänden. Irgendwann riss ich mir alles aus den Armen und stand wacklig auf. Irgendein Gerät piepte lauter und ich hielt schlagartig meine Ohren zu und sank zusammen. Dieses Piepen legte mich lahm und selbst durch meine Hände, die meine Ohren verdeckten, hörte ich es ohne Unterlass. Bis irgendeiner dieser Schwestern kam und es ausschaltete. Die Person kniete sich vor mich und überrascht schaute ich direkt in ihre wasserblauen Augen. Wie konnte es sein, dass ich sie endlich vor mir hatte? Nach all dem Suchen war sie endlich da. Vor mir. Vor meinen Augen. Sie sah nicht besonders glücklich aus. Wortlos half sie mir auf und drückte mich ins Bett. Ich starrte sie nur an und konzentriert schloss sie mich wieder an alles an. Wie einen Computer an seine Kabel, ohne die er nicht auskommen würde. Wir sprachen auch als sie schon fertig war kein Wort. Keiner traute sich die erdrückende Stille zu durchbrechen. Sie drehte sich herum und ging zur Tür. Am liebsten hätte ich sie angeschrien, doch meine Stimme war weg. Ich hatte sie so lange nicht mehr benutzt, dass sie sich auch jetzt nicht regte.
    >>Wir kennen uns.<<, flüsterte sie.
    Ein unsichtbares Lächeln hatte sich auf meine Lippen gestohlen und so beobachtete ich, wie sich die Tür hinter ihr leise schloss.

    Sie musste mitbekommen habe, dass ich nie Besuch bekam. Wer hätte mich auch schon besuchen sollen? Es gab niemanden in meinem Leben, der sich irgendwelche Sorgen um mich machte. Die Einzigen die eventuell an mich dachten, oder eher an meine Drogen, waren meine Kunden. Aber vermutlich hatten auch diese schon wieder neue Verkäufer und das bedeutete, dass wenn ich wieder auf die Straße kam, ganz neu anfangen musste.
    Immer wenn sie da war, sprachen wir kein Wort. Saßen nur wortlos nebeneinander und sahen aus dem Fenster. Der Ausblick war trostlos. Der direkte Anblick der hässlichen und farblosen Stadt, weckte meine Sehnsucht nach der Natur. Diese befand sich aber nur außerhalb und ich war hier drinnen gefangen. Sie musste meinen sehnsüchtigen Blick bemerkt haben, denn eines Tages holte sie einen Rollstuhl und brachte mich aus dem Krankenhaus. Sie schob mich durch die Straßen, bis wir da waren. In der Natur. Es war vielleicht keine große Natur, eher nur der Park, aber er war lebendig. Es gab hier keinen weißen Wände, die einem die Luft nahmen. Keine nervigen Geräte, die einen mit irgendwelchen Flüssigkeiten versorgten. Hier fühlte ich mich willkommen. Hier fühlte ich mich geborgen. Hier konnte ich dem Wind, den Vögeln, Blättern und Bäumen einfach lauschen. Hier konnte ich abschalten und alles vergessen. Ich bemerkte nicht, wie sie mein Lächeln studierte und wie sich eines auf ihr Gesicht stiel. Irgendwann setzte sie sich auf eine Bank, während ich etwas herumfuhr und die einzelnen Blumen betrachtete. Als ich mich streckte um ein Veilchen anzufassen, stand sie auf und gesellte sich zu mir.
    >>Warum nehme Sie Drogen?<<
    Ich hielt inne. Mir war klar, dass sie wusste, was ich alles nahm. Die Ärzte hatten mich schließlich auf den Kopf gestellt, als ich ins Krankenhaus gebracht wurde. Ich zuckte mit den Schultern.
    >>Warum?<<, hakte sie nach.
    Ich sah sie nicht an, sondern studierte das Lila der Blüten.
    >>Weil es mich vergessen lässt.<<
    Meine Stimme war nicht mehr als ein Wispern. Wundern tat mich dies nicht, jedoch war es mir unangenehm.
    >>Was lässt es Sie vergessen?<<
    Behutsam strich ich mit meinem Zeigefinger über die einzelnen Blüten.
    >>Bitte sag du. Dann fühle ich mich wohler.<<
    Ich spürte, wie sie versuchte in mein inneres zu sehen.
    >>Es lässt mich vergessen, wie alleine ich bin. Auf der Straße gibt es nicht so viele, mit den ich mich verstehe.<<
    Es überraschte mich, dass ich es so offen gesagt hatte. Ich wollte nicht so wirken, als würde ich Mitleid wollen. Aber tief im Inneren wusste ich, dass ich es wollte. Ich wollte ihr Mitleid. Ihre Aufmerksamkeit. Ich wollte wissen, wie sie heiß, damit ich meiner Sehnsucht einen Namen geben konnte.
    >>Wie heißt du?<<
    Jetzt sah ich auf, um mich zu vergewissern, dass sie meine Frage mitbekommen hatte und nicht so tat, als hätte sie mich nicht gehört. Sie schien zu überlegen, ob sie ihn mir verraten sollte. Meiner Meinung nach war es nur fair, denn meinen Namen kannte sie schon. Wofür gab es denn diese Mappen, wo sie alles drinnen stehen hatten?
    >>Anna. Ich heiße Anna.<<
    Ich nickte und reichte ihr meine Hand.
    >>Schön, dich endlich richtig kennenzulernen.<<
    Schmunzelnd nahm sie meine Hand entgegen und schüttelte sie sanft. Ihre weiche, kleine Hand in meiner großen, rauen, ließ mein Herz einen Satz machen.
    >>Die Freude ist ganz meinerseits, Alan.<<
    Sie erzählte mir, wie sie mich auf der Straße gefunden hatte. Erzählte mir, wie sie lebte und dass sie eine kleine Tochter, namens Rose hatte. Erzählte und ich lauschte. Lauschte ihrer schönen Stimme, ihren fesselnden Worten und war verzaubert.

    Mit ihrer Hilfe überstand ich die Zeit im Krankenhaus. Und nachdem sie sehr gut auf mich eingeredet hatte, hatte ich verschiedene Hilfegruppen besucht und mich von Drogen, Alkohol und dem sonstigen Kram verabschiedet.
    Sie stellte mich ihrer Tochter vor, welche ich sofort in mein Herz geschlossen hatte. Mit ihren großen braunen Augen, den schwarzen Haaren und ihrer Art einfach jeden zum Lachen zu bringen. Ich durfte bei ihnen wohnen. In einem eigenen Zimmer. Ich hatte nie ein Zimmer besessen und war überglücklich. Ich hatte ein warmes Bett, eine kleine Freundin, mit welcher ich immer Spielen musste, was sie wollte und Anna, welche sich wirklich um mich zu sorgen scheint.

    4
    Kapitel 3
    Alles ist vergänglich


    Es vergingen ein paar Jahre so und Anna und ich wurden ein glückliches Paar. Ich konnte es nicht fassen. Ich war nicht mehr alleine, nicht mehr einsam und wurde endlich geliebt. Leider vergeht das Schöne viel zu schnell und das Glück stiehlt sich doch immerzu davon. Dieses mal machte es auch keine Ausnahme. Bei der kleinen Rose wurde Krebs diagnostiziert. Für Anna brach die Welt zusammen, meine drohte auch zusammenzubrechen, doch ich blieb für beide stark. Ich war es ihnen schuldig. Sie waren für mich stark gewesen und jetzt war ich dran. Während die kleine Rose immer magerer wurde und die Ärzte alles versuchten irgendetwas für sie zu tun, las ich ihr vor. Sie hatte mir Nachhilfe gegeben, weil sie meinte, dass jedes Kind etwas vorgelesen bekommen musste. Ich war zwar nicht der schnellste Leser, doch ihr genügte es.
    >>"Mitleidig hatte die kleine Hexe dem Mädchen zugehört. Einen Augenblick überlegte sie, wie sie ihm helfen konnte. Dann kam ihr ein Gedanke. Sie sagte:,, Ich kann nicht verstehen, weshalb dir die Leute die Blumen nicht abkaufen wollen. Sie duften doch!" Ungläubig blickte das Mädchen auf.,, Duften? - Wie sollen Papierblumen duften können?",, Doch, doch", versicherte die kleinen Hexe ernsthaft.,, Sie duften viel schöner als richtige Blumen. Riechst du nicht?" Die Papierblumen dufteten wirklich! Das merkte nicht nur die kleine Verkäuferin. Überall auf dem Marktplatz begannen die Leute zu schnuppern.,, Was duftet da?" fragten sie untereinander.,, Nicht möglich! Papierblumen, sagen Sie? Gibt es die etwa zu kaufen? Da muß ich mir gleich welche mitnehmen! Ob sie wohl teuer sind?" Alles was Nase und Beine hatte, eilte dem Winkel zu, wo das Mädchen stand. Die Hausfrauen kamen gelaufen, die Dienstmädchen kamen, die Bauersfrauen, die Köchinnen, alle."<< (Die kleine Hexe, S. 44 f.)
    >>Alan?<<
    >>Ja, kleine Rose?<<
    Sie blickte mich schwach an und ihre einst so schönen Haare, waren nur noch kurz und glanzlos.
    >>Wie heißt das Buch noch einmal?<<
    >>Die kleine Hexe.<<
    Sie nickte und nahm mir das Buch mit zittrigen, mageren Händchen ab.
    >>Wer hat es geschrieben?<<
    Ich drehte es in ihren Händchen herum.
    >>Da steht, dass es Otfried Preußler geschrieben hat.<<
    Anna erschien in der Tür und beim Anblick ihrer Tochter, stiegen ihr wieder die Tränen in die Augen. Die Tränen einer Mutter, die wusste, dass sie nichts für ihr Kind tun konnte und wusste, dass sie es beerdigen musste. Die kleine Rose hatte sich an mich geschmiegt und war tief und fest eingeschlafen. Ich blieb neben ihr liegen. Wie immer. Einen Arm streckte ich nach Anna aus, doch sie schüttelte nur traurig den Kopf und verschwand wieder. So betrachtete ich Rose einfach. Ihr Name passte zu ihr. Sie hatte mich stets an eine Rose erinnert, welche sich jeden Morgen als erstes geöffnet hatte, damit alle ihr lebendiges Wesen sehen konnten. Doch jetzt erinnerte sie mich an eine verwelkende Rose, welche noch viel zu klein und besonders schien, als es verdient zu haben. Es war, als würden irgendwelche Raupen, oder sowas, sie langsam auffressen und nichts und niemand konnte was dagegen tun. Nicht die Ärzte, mit ihren Medikamenten, die sie ihr stetig gaben. Nicht Anna, welche versuchte ihrer Tochter Mut zuzusprechen und auch ich nicht, der ihr vorlas und sie tröstete. Ab und zu erzählte ich ihr ausgedachte Geschichten und dann fragte sie, woher ich diese kannte, ob meine Eltern sie mir erzählt hatten. Ich sagte dann immer, dass sie es selbst war, die meine Gedanken auf Reise nach Geschichten schickte, damit ich sie ihr erzählen konnte.

    Der Krebs fraß sie immer weiter von inne auf. Ihre Augen wurden immer toter und ihre Knochen immer sichtbarer. Die Ärzte gaben auf, Anna gab auf, doch ich hoffte weiter und versuchte auch Rose weiter die Hoffnung vor Augen zuhalten. Hoffte auf ein Wunder. Vergebens. Sie schlief und hustete im Schlaf. Wenn sie schlief, dann nur noch unruhig und stückchenhaft. Ich ließ sie kurz alleine um nach Anna zu sehen. Ihr Anblick tat mir im Herzen weh. Auch sie war magerer geworden und dunkle Ringe zeichneten sich um ihre einst starken Augen ab. Am liebsten hätte ich sie heim geschickt, doch sie wollte bleiben. Sie musste bleiben, sagte sie immer. Ich verstand es, doch es zerriss mich. Als ich ihre stummen Tränen sah, nahm ich sie in den Arm und versuchte ihr etwas von meiner verbliebenen Kraft zu geben. Sie schluchzte und am liebsten wäre ich zusammengezuckt. Ich wollte nicht, dass sie schluchzte, doch was konnte ich tun? Nichts. Ich konnte nichts tun. Und auch, als die Ärzte ins Roses Zimmer rannten, konnte ich nichts tun. Anna schrie und wand sich aus meiner Umarmung. Stürmte ins Zimmer und in einer Art Trance folgte ich ihr. Die Ärzte hantierten an der röchelnden Rose herum und versuchten ihre Schmerzen zu lindern. Eine Ärztin versuchte die schreiende Anna zu beruhigen und drückte sie wieder in meine Arme. Ich drückte ihr Gesicht an meine Brust, damit sie nicht mit ansehen musste, wie Rose Blut aufs Bett spuckte. Rose weinte, wand sich unter den Händen der Ärzte und übergab sich immer und immer wieder. Und immer und immer wieder war mehr Blut dabei. Irgendwann sah sie mich nur noch an und ihr Blick sagte alles, sagte: Alan, es ist soweit. Ich sehe den Tod. Den Tod, von welchem du mir nie erzählen wolltest. Ich sehe ihn.
    Und dann sank sie zurück, ihr Brustkorb bete noch kurz, ehe eines der Geräte durchgehend piepte und Anna in meinen Armen zusammenbrach. Ich... Ich starrte die tote Rose nur in die Augen und ihre unausgesprochenen Worte hingen in der Luft.

    Es regnete warme, dicke Tropfen, welche laut auf unsere Schirme prasselten. Das Gras neben dem Grab war plattgetreten und wir standen alleine dort. Keiner sagte ein Wort und stumme Tränen liefen uns über die Wangen.
    Irgendwann, als die Wolken aufgehört hatten zu weinen und die Vögel zaghaft wieder anfingen zu zwitschern, wanden wir uns ab und gingen. Gingen ohne zu wissen, wohin uns unsere Füße brachten. Gingen ohne zu sehen.

    Ich weiß noch, dass wir über eine Straße gingen und durch den Dunst, war es neblig.
    Ich weiß noch, dass es auf einmal hell wurde.
    Ich weiß noch, wie die Räder gequietscht haben.
    Ich weiß noch, wie ihr Schirm in die Luft flog.
    Ich weiß noch, wie meine Hand auf einmal leer war.
    Ich weiß noch, dass mein letzte Gefühl Trauer war.

    Und jetzt sitze ich neben ihrer Leiche, halte sie. Nicht Gestern, nicht letzte Woche. Nein, jetzt. Genau in diesem Moment, wo ich alles erzähle. Einfach jetzt. Meine schwarzen Klamotten färben sich noch dunkler. Geht das überhaupt? Anscheinend. Ich drücke sie an mich und beachte das stehende Auto gar nicht. Ich fühle nichts. Ich kann es nicht. Es ist, als wäre ich mit ihr gestorben. Mit meiner Liebsten. Ihre Augen sind geschlossen und ihre Hand liegt in ihrem Blut auf der Straße. Ich betrachte die rote Substanz und ich spüre nichts. Meine Welt ist leer. Ich spüre nicht, wie die Insassen des Wagen an mir zerren. Ich spüre rein gar nichts. Es ist so, als wäre eine Festplatte in mir gelöscht wurden und alles was noch darauf ist, ist das Wissen, dass ich wieder alleine bin. Ganz alleine. Ohne Rose und ohne Anna. Ohne meine Anna. Nur noch ich, als wandelndes Etwas. Kein Fünkchen Leben mehr in mir.

    Die Zeit, vergeht sie? Ich weiß es nicht. Ich taumel von einen Tag in den nächsten ohne zu leben. Ohne irgendetwas mitzubekommen. Ich bin eine lebende Leiche. Ohne Gefühle, ohne verlangen weiterzuleben. Nur mit dem Verlangen zu sterben. Alleine. Alleine. Alleine. Alleine. Das bin ich wieder und ich will es nicht sein.

    Ich stehe auf der Klippe und schaue hinunter ohne zu sehen. Ich höre nur das Brechen der Wellen. Höre das Rauschen des Meeres und spüre den kalten Stein unter meinen Füßen. Ich strecke meine Arme aus und schreie. Schreie mein Leid hinaus. Ein Leid, das ich nicht spüren kann. Heiße Tränen laufen mir über die Wangen und ich kann sie nicht spüren!
    >>ALLEINE!<<
    Ich brülle mir das Wort aus der Seele und scheuche damit sämtliche Vögel auf. Vor meinen Augen sinkt eine Feder zum Meer hinab und ich beuge mich vor um sie dabei zu beobachte.
    Ich komme und ich werde bleiben. Ich komme zu euch. Ihr braucht nicht mehr warten.
    Ich beuge mich weiter vor und stehe nur noch auf meinen Zehnspitzen. Ein Lächeln breitet sich in meinem Gesicht aus. Bald bin ich nicht mehr alleine. Bald... Ich lasse mich fallen und stürzte... stürze Richtung Meer und spüre nichts.

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1497632607
A short story...
A short story...
Es ist nicht wie du denkst. Ich bin nicht wie alle denken. Aber was spielt es noch für eine Rolle? Ich bin tot und doch spreche ich noch. Ich lausche noch. Ich schreibe noch. Ich rede um sie euch zu erzählen. Um euch meine Geschichte zu erzählen. Mein...
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2017-06-16
40J0
Horror, Krimi

Kommentare (5)

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BlueKookie ( von: Blauherz)
vor 72 Tagen
Sehr fesselnd und spannend geschrieben großes Lob!❤💙💮
Sonnenfell ( von: Sonnenfell)
vor 72 Tagen
Omg... Die Geschichte ist Wahnsinn! Ich würde noch so viel mehr sagen, aber die Story hat mir die Worte genommen...
KillerRabbit ( von: KillerRabbit)
vor 86 Tagen
“Mischa, wir finden Trost in dem Wissen, dass es keinen Gott gibt, dass du nicht im Himmel versklavt bist, um dort auf immer Gott in den Ar.sch kriechen zu müssen. Was du hast, ist besser als das Paradies. Du hast segensreiches Vergessen. Du fehlst mir jeden Tag.“

- Hannibal Rising, Thomas Harris
Saskia (46324)
vor 90 Tagen
Ich war richtig gefesselt, du hast einen tollen Schreibstil
Kati (13129)
vor 92 Tagen
Hast du echt schön geschrieben^^