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Der Hobbit- wenn eine starke Frau dabei gewesen wäre.

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2 Kapitel - 9.932 Wörter - Erstellt von: Nienna Heledir Caladwen - Aktualisiert am: 2017-06-16 - Entwickelt am: - 447 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Der Hobbit. Zusammen mit dem Herrn der Ringe die Geschichte, die mich am meisten berührt hat. Die Geschichte, die ich liebe. Aber stell dir vor, es hätte Frauen an der Seite einzelner Helden gegeben! Wäre dann vielleicht alles anders gekommen?
Das erste und zweite Kapitel wird sich darum drehen, wie die Geschichte gelaufen wäre, wenn Thorin und Bilbo die Frauen ihrer Träume dabei gehabt hätten. Begib dich in die Gedanken von Tessa und Sarah, die ihre Welt auf wundersame Weise verlassen mussten, um die verlorenen Seelen ihrer zukünftigen großen Liebe zu retten.

1
Ich liebe es, an Samstagnachmittagen über Flohmärkte zu bummeln, und den Duft alter Gegenstände zu genießen. Das ist nicht nur meine Leidenschaft- es ist ein wichtiger Teil meines Lebens.
Ich stoppe an einem alten Klapptisch, hinter dem eine Frau verzweifelt versucht, ihre Dinge an den Mann zu bringen. Ihre Haare sind stahlgrau, ihre Augen beißen, doch ihre Haut verrät nichts über ihr wahres Alter. Sie lächelt kühl. Es wäre unhöflich, sie anzustarren und dann nichts zu kaufen, also...
Ich suche mir die goldene Halskette aus. Sie ist ein wenig angelaufen, doch der Anhänger ist groß und hübsch verziert, bestimmt kann man ihn öffnen und ein Foto seiner Liebsten drin aufbewahren. Und bitte- für 35€ kann man echt nicht meckern.
Damit habe ich mein Gewissen beruhigt, der Dame etwas Gutes getan und mir selbst ein schönes Schmuckstück geschenkt.
"Ich danke Ihnen.", sagt die Frau. "Ich denke, Sie werden damit definitiv Ihren Spaß haben."
Ich bin Goldschmiedin, deshalb will ich die Kette so gut es geht aufarbeiten. Sie muss sorgfältig poliert werden, und wer weiß, vielleicht füge ich die ein oder andere Verzierung hinzu. Also ja, es wird mir Spaß machen, sie zu besitzen.
Ich versuche den Kettenanhänger zu Hause zu öffnen, ohne mir meine ohnehin schon kaputten Fingernägel noch mehr einzureißen. Er klemmt. Unschlüssig schiebe ich die Klinge des alten Jagdmessers meines Vaters in den schmalen Spalt, um ihn aufzuhebeln, doch was dann kommt, schockiert mich. Als der Anhänger endlich aufspringt, kommt mir ein unglaublich großer Strudel silbernen Lichtes entgegen, der mich, so blöd es klingt, einfach verschluckt. Das ist nicht rational erklärbar. Das widerspricht meinem Weltbild vollkommen. DAS stellt mein ganzes Leben infrage. Es ist ein erstaunlich kleiner Mann mit schwarzen, langen Haaren und Bart, den ich als erstes erblicke, als ich zu mir komme. Obwohl ich ihn überrage, hat seine ganze Ausstrahlung etwas Königliches und Respekteinflößendes an sich. Er trägt schwere Kleider und einige Waffen bei sich. „Wir sind keine fünf Minuten vom Auenland entfernt und schon ereilt uns der erste Zwischenfall.“, sagt er harsch. „Mein lieber Thorin.“, antwortet eine raue, weise klingende Stimme. Sie gehört zu einem alten Mann mit langem Bart und spitzem Hut. „Seht es als ein gutes Ohmen, dass der Himmel uns eine solch schöne Frau zur Seite gestellt hat.“
Kaum jemand redet mit mir, für diese abgefahrenen Leute scheint es nicht merkwürdig zu sein, dass Menschen vom Himmel fallen! Ich verbeiße mir einen Kommentar, als man mir stumm ein Pferd hinstellt. Ein Pferd! Wo leben wir denn? Der alte Mann mit dem Hut reitet neben mir und lässt mich nicht aus den Augen.
"Verratet Ihr mir Euren Namen?", will er einigermaßen freundlich wissen. Okay, puuuh. Ungern. Allerdings werde ich hier nicht weiterkommen, wenn ich mich bedeckt halte. "Ich bin Tessa Coldland, aber Tessa ist nur eine Abkürzung...jedenfalls...könnten Sie mir womöglich sagen, wo ich hier gelandet bin?"
Er reagiert nicht, mustert mich nur. Na vielen Dank auch.
Der Abend bricht an, die Männer entzünden ein Lagerfeuer.
„Hat jemand ein Smartphone dabei?“, frage ich verzweifelt. „Klingt jetzt blöd dass ich nicht weiß, wo ich bin, aber von euch redet ja kaum einer mit mir, und ich könnte ja auch allein bei Google Maps nach meinem Standort schauen.“
Alle blicken mich stumm an. Das einzige permanente Geräusch ist der leise Wind zwischen den Bäumen.
„Ihr seid nicht zufällig eine Geocaching-Gruppe aus Kleinwüchsigen im Roleplay-Game-Modus?“, versuche ich es weiter. „Kommt schon. Ich weiß, Nerds nehmen sowas extrem ernst, ja, ich habe The Big Bang Theory auch geschaut. Aber es würde mir wirklich helfen, wenn ich meiner Familie schnell skypen könnte.“
Totale Stille. Dann meldet sich einer der Kleinwüchsigen zu Wort. „Ist die komplett irre?“
Ein anderer nickt hektisch. „Muss sie ja! Habt ihr ihre Kleidung gesehen?“
Kleidung?
Ich trage doch nur ein weißes Top und eine blaue Lederjacke, zusammen mit einer hellen Jeans. Cowboystiefel werden im 21. Jahrhundert durchaus von Frauen getragen, und durchgestufte, offene Haare zusammen mit leichtem Make-Up sollten nun wirklich nichts exotisches darstellen, oder? Wie sexistisch kann man denn bitte sein?
Der Mann, der mir vorhin aufgeholfen hat, Thorin, erhebt sich mit düsterem Blick. „Ich erwarte mehr Respekt.“, sagt er und klingt durch und durch ernst. „Sie ist genauso heimatlos und allein wie wir es waren, und wir wären nicht besser als das Waldelbenpack, wenn wir ihr die Hilfe versagen würden. Sie ist wie wir vollkommen auf sich gestellt. Und wir werden sie unterstützen, wo wir nur können.“
Erschrockene Blicke, ich sehe die Fragezeichen in den Augen der Männer. Wieso stellt er sich auf ihre Seite?

Es ist tiefste Nacht. Ich bin noch immer wach, friere, habe Angst. Nicht vor den Gefahren, die hier angeblich lauern. Viel mehr davor, hier bleiben zu müssen. „Ihr seid sicher.“, raunt Thorin leise. „Einer von uns hält jederzeit Wache. Übrigens, Tessa...ich glaube nicht, dass ich mich schon persönlich vorgestellt habe. Mein Name ist Thorin Eichenschild. Ich bin der Anführer unserer...Expedition.“ Ich ziehe eine Augenbraue hoch. „Was für eine Expedition?“
Ein leichtes Lächeln huscht über seine Lippen. „Wir sind auf dem Weg, unsere Heimat zurückzuerobern. Ein Königreich, so groß, dass jederzeit für Euch Platz wäre, solltet Ihr Euch entscheiden, in Mittelerde zu bleiben.“
Oh mein Gott, was ist das denn bitte für eine billige Anmache?
"Ähm...danke?", sage ich. Sehe ich aus wie eine junge...Jungfrau in Nöten? Doch ich halte mich zurück- meine große Klappe kann hier nichts ausrichten.

Zeitsprung, Unterschlupf im Gebirge.

Gandalf, Bilbo und die Zwerge sind, wenn man sich erst einmal an sie gewöhnt hat, gar nicht so übel, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Ich sitze schlotternd an einen Felsen gelehnt, Nässe durchdringt meine neue, elbische Rüstung, die Elrond mir geschenkt hat. Doch etwas geht mir nicht aus dem Kopf...Was Thorin in der Nacht, in der Elrond die Runen gelesen hat, zu mir gesagt hat. Interpretiere ich zu viel? Klar. Oder aber er steht wirklich auf mich. Wobei...nein! Das wäre irgendwie creepy. Und zwar so richtig. Gerade, als meine Gedanken endlich einigermaßen verfliegen und ich am einschlafen bin, bricht uns auf einmal der Boden unter den Füßen weg. Ich bin erstaunlich weich gelandet. „Autsch.“, meckert mein wandelndes Sprungtuch. Ich schaue nach unten und erkenne mehr oder minder beschämt, dass ich auf Thorin gelandet bin. Allerdings sieht er nicht wirklich beleidigt aus, eher amüsiert. „Sorry.“, zische ich, doch im selben Augenblick bemerke ich, dass wir nicht allein, sondern von einem Haufen Orks umzingelt sind.

Es gelingt uns mit der Hilfe von Gandalf aus dem Orkverließ zu entkommen, allerdings habe ich ganz schön was einstecken müssen. Zu allem Überfluss liegt Thorin halbtot zwischen den Flammen! Ich renne zu ihm, doch die Orks bremsen mich aus. Ich schreie seinen Namen, doch helfen kann ich ihm nicht, ich bin zu beschäftigt Orks abzuschlachten, mit meinem unqualifizierten, miserablen Kampfstil. Ich sehe Bilbo, der zu Thorin eilt, um ihn zu beschützen, aber meine Angst, dass der Zwergenprinz stirbt, bleibt bestehen.
Die Adler haben uns auf einen großen Felsen geflogen, doch ich kann keine wirkliche Erleichterung zulassen.
„Thorin!“, kreische ich und gehe neben ihm auf die Knie, während Gandalf versucht, ihn zu heilen. Die üblichen Kommentare oder das anzügliche Pfeifen der Zwerge bleiben aus, als ich nach der Hand ihres Anführers greife und sie festhalte.
„Wach auf.“, wispere ich mit zitternder Stimme und lege die andere Hand an seine Wange.
Er schmunzelt, noch bevor er die Augen öffnet. Jetzt bin ich erleichtert. So erleichtert, dass ich die Freudentränen erst bemerke, als Thorin sie mir mit dem Daumen unter den Augen weg wischt.
„So schnell trete ich nicht ab, Caliel.“
Ich hebe eine Augenbraue. „Caliel?“
Er lacht rau. „Die Strahlende.“ Doch als er mich genauer mustert, wird sein Blick ernst. „Ist das dein Blut?“ Ich werfe einen Blick auf den steinigen Untergrund, in dessen Kuhlen sich bereits mehrere kleine Blutlachen gebildet haben.
„Ist nicht so wild.“, winke ich ab, und verschweige ihm die Schnittverletzungen, die ich während des Orkangriffes davon getragen habe. Ich beiße die Zähne zusammen und helfe ihm auf die Beine. „Eure Welt ist wirklich hart, das muss ich zugeben. Bei uns gibt es keine komischen Wesen wie Orks. Und außer Donald Trump fällt mir auch kein lebender Mensch ein, der so aggressiv sein könnte wie Azog.“
Thorin blinzelt. „Das klingt nach einer friedlichen Welt.“
Ein wehmütiges Lächeln kann ich mir nicht verkneifen. „Schön wär’s. Du...du solltest mit Bilbo sprechen.“
Er blickt mich fest aus klaren, graublauen Augen an. „Ich will mit dir sprechen. Über das, was ich in Bruchtal gesagt habe. Ich meine das ernst.“
Ich schlucke. „In Ordnung. Wir sprechen darüber. Aber bitte erst, wenn wir allein sind.“
Thorin nickt fast unmerklich und streicht mir unauffällig über den Handrücken, ehe er sich abwendet und wieder den starken, bestimmenden Anführer gibt.
Die Chancen, mit ihm zu reden, sind kaum vorhanden.
Inzwischen sitze ich in Beorns Haus, sehe den Zwergen beim Schlafen zu und frage mich, ob man mich zu Hause eigentlich vermisst. Bestimmt. Es ist in der heutigen Zeit praktisch unmöglich, nicht alle fünf Minuten etwas auf Snapchat zu posten. Apropos. Wie lange bin ich eigentlich schon hier?
„Machst du dir Sorgen?“ Thorins sanfte Stimme unterbricht meine Gedanken, als er sich zu mir setzt.
„Nein.“, lüge ich. „Ich denke nur nach.“
Erstaunlich zärtlich nimmt er meine Hand. „Weißt du noch? Damals, in Bruchtal?“

Flashback:

Ich stehe auf einer der unzähligen Terassen in Bruchtal. Das Geländer vor mir ist eiskalt, aber ich kann es nicht loslassen. Es ist wie ein kleines Psycho-Spielchen. Sobald ich die Finger vom steinernen Geländer löse, entgleitet mir meine Selbstkontrolle und ich werde zusammenbrechen, vor lauter Angst und Sorge. Zwar versichern mir die Zwerge, dass ich nicht allein bin, aber ich bin es sehr wohl. Niemand versteht was in mir vorgeht.
„Ihr wurdet aus Eurer Heimat gerissen.“, sagt jemand hinter mir. „Das kenne ich.“
Thorin stellt sich neben mich und starrt in die Sterne. „Es wird dauern, bis Ihr es so weit verschmerzt, dass Ihr darüber reden könnt.“
„Euch wurde Eure Heimat genommen.“, gebe ich zurück. „Mir meine gesamte Welt. Nichts ist so, wie ich es gewohnt bin. Ich weiß nicht, was in meiner Welt passiert. Und Gandalf hat keine Idee, wie er mich zurückschicken kann.“
Er senkt die Lider und seufzt. „Es klingt furchtbar egoistisch, wenn ich es ausspreche, aber ich wünschte, es würde so bleiben. Ich wünschte, DU würdest bleiben. Niemand weiß aus welchen Gründen du hier bist, habe ich Recht? Ich weiß es, Tessa. Du berührst mich, gibst meinem Leben einen Sinn. Wenn du gehst, dann geht ein Teil von mir mit dir.“

Gegenwart:


„Ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen.“, gebe ich grinsend zu. „Die Jungs in meiner Welt hätten sowas nie zu mir gesagt.“
Thorin sieht mich neugierig an. „Ach nicht? Was sagen die denn so?“
„Nichts besonderes. Höchstens „Ey, Babe, ich bin so voll in Love with dir.“
Er runzelt die Stirn. „Ich habe kein Wort verstanden.“
Oh. Mein. Gott. Dieser kritische Blick macht ihn noch...sexier als sonst. In unserer Welt wäre Thorin bestimmt so ein heißes Parfum-Model für Armani oder Dior.
„Prinzessin? Du siehst ein wenig abwesend aus.“
Ich blinzle eilig. „Sorry, ich war wohl ein bisschen am träumen.“
Er lächelt. „Wegen mir?“
„Immer wegen dir.“
Irgendetwas beginnt in seinen Augen zu funkeln. Erst jetzt wird mir klar, wie verknallt meine Aussage war. Doch bevor ich erröten kann, zieht er mich in bester Zwergenmanier, vollkommen ungestüm an sich und küsst mich auf den Mund, wie ich noch nie geküsst worden bin. Mit einer Hand löst er meinen Zopf und wühlt sich durch meine Haare, mit der anderen hält er meine Taille fest. Meine Arme sind fest um seinen Hals geschlungen.
„Du bist zu mir genauso unanständig, wie du zu deinen Leuten streng bist.“, keuche ich.
Thorin zwinkert mir nur zu. „Ich könnte noch viel unanständiger sein, Caliel. Aber nicht hier, so sehr ich auch an mich halten muss. Um unanständig zu sein, braucht man Privatsphäre.“
Ich lache heiser. „Ein Grund mehr, deinen Berg so früh wie möglich zurückzuholen.“
„Du weißt gar nicht, wie Recht du hast, Süße. Ich verspreche dir eins: Sobald ich den Erebor betreten habe, mache ich dich zu meiner Königin unter dem Berge.“
Ich...okay. Wow. Das ist nicht das, was ich mir unter einem erfüllten Leben vorgestellt habe.
„Meinst du das ernst?“, hake ich vorsichtig nach. „Ich bin ein fremdes Mädchen, ein Freak! Es gibt bestimmt etliche Prinzessinnen, die du haben könntest. Wohlhabende, schöne Frauen. Ich bin praktisch ein Alien, Thorin! Du hast entscheidend besseres verdient als mich.“
Er sieht aus als wüsste er nicht, ob er lachen oder die Augen verdrehen soll.
„Du bist wirklich kompliziert. Ich liebe dich. Und ich verstehe nicht, warum ich eine andere Frau heiraten sollte als die Frau, der mein Herz gehört.“
Ich seufze und schmelze dahin wie ein flüssig gegrilltes Marshmallow.
„Ich liebe dich auch, Thorin.“ Es ist wahr; noch nie habe ich so empfunden.
Wieder lächelt er sein seltenes, aber wunderschönes Lächeln.
Dann nimmt er mich bei der Hand und führt mich zu seinem Schlafplatz. Er legt sich hin, wartet, bis ich mich eng an ihn gekuschelt habe und breitet dann seinen Mantel (der aussieht wie als würde er aus hunderten toten Frettchen bestehen) über uns aus.
„Schlaf gut, Prinzessin.“
Ich schmunzle zutiefst zufrieden und schließe die Augen. „Wenn du da bist doch immer.“

Unsere endlose Wanderung durch den Düsterwald finde ich fast genauso schlimm wie die Wandertage, die unsere Grundschule immer veranstaltet hatte, als ich noch jünger war. Irgendwie hat sich dies bezüglich nicht viel geändert. Denn obwohl meine heutige Wandergruppe nicht aus kleinen, gemeingefährlichen Kindern besteht, wird genauso viel genörgelt wie unter Zehnjährigen.
„Seid still, alle!“, brüllt Thorin irgendwann. Ich bin auf eine seltsame Art und Weise stolz, dass er einen kühlen Kopf bewahrt. Doch seine Aussage darüber, dass wir beobachtet werden, und die Tatsache, dass überdimensionale Killerspinnen aus den Bäumen hüpfen, lenken mich rasch davon ab. „Du ekelhaftes Vieh!“, kreische ich und versenke mein Schwert im Hintern einer Spinne. „Stirb, Tarantula, stirb!“ Im echten Leben ist so eine fette Riesenspinne noch widerlicher als in einem Schwarz-Weiß-Hollywood-Streifen aus dem Jahre 1955.
Was aber gar nicht widerlich ist, ist der blonde, extrem scharfe Kerl, der plötzlich an einer Spinnenwebe herunterrutscht und sich mit einem dieser Ungetüme anlegt.
„Hallelujah.“, zische ich Thorin zu. „Warum kannst du nicht so einen in deine Gemeinschaft aufnehmen?“
„Denkt nicht, ich würde Euch nicht töten, Zwerg.“, sagt der Typ plötzlich. „Es wäre mir ein Vergügen.“
„Oh.“, beantworte ich mir meine Frage selbst. „Deshalb.“
Der Fremde scheint ein Elb zu sein, er hat dieselben spitzen Ohren wie Herr Elrond in Bruchtal. Aber er sieht düsterer aus, misstrauischer, weniger friedlich.
„Was haben wir denn hier?“, fragt er mit süffisantem Unterton in der Stimme. „Ein kleines Dienstmädchen, dass sich verirrt hat? Woher stammst du? Rohan oder Gondor?“
Er hält Pfeil und Bogen gefährlich nah in die Richtung meines Herzens.
„Weder noch.“, antworte ich. „Ich wüsste auch nicht, was Euch das angeht.“
Ein Raunen geht durch die Menge der Elben, die nun eingetroffen ist.
„Ihr wagt es...“
„Finger weg von meiner Frau.“, unterbricht ihn Thorin kalt. „Lasst sie in Frieden, oder ich zerfetze Eure ach so schöne Visage, das schwöre ich Euch.“
Diese Drohung veranlasst den Elben wohl erst recht dazu, uns einzusperren.

„Hör auf, mit der Elbin zu flirten.“, rufe ich Kili zu. Thorin ist sofort zum König gebracht worden, seit dem sitze ich allein in einer Zelle neben der von Kili und muss ertragen, wie er diese Tauriel nahezu vergöttert. „Flirte, mit wem du willst, aber nach Möglichkeit nicht mit dem Feind.“
„Feind?“, fragt er aufgebracht zurück. „Sie hat ja wohl kaum befohlen, uns einzusperren!“
„Das braucht sie auch nicht! Es reicht, dass sie auf der anderen Seite der Gitterstäbe steht. Das erklärt alles.“
Im selben Moment schließt ein Elb meine Tür auf und schubst Thorin hinein.
„Hi.“, sage ich einfallslos.
„Hi.“
„Was hat der Daddy von diesem wasserstoffblondem Model von sich gegeben?“
Thorin seufzt. „Das übliche. Sie wollen einen Anteil am Schatz, damit sie uns ziehen lassen. Mir gefällt übrigens nicht, wie du den Königssohn betitelst. Und dass du bei seinem Anblick „Hallelujah“ sagst, auch nicht.“
Er sieht düster auf mich herab. Ausnahmsweise kann er das mal, denn wenn ich neben ihm stehe, überrage ich ihn doch um gut dreißig Zentimeter.
„Och Mann, Thorin.“, gebe ich zurück. „Über Leute, die mir nichts bedeuten kann ich sagen was ich will. Ist es nicht logisch, dass es mir schwer fällt, dir direkt ins Gesicht zu sagen, was ich denke?“
„Nein.“
„Okay. Du wolltest es nicht anders. Thorin, ich liebe verdammt noch einmal deine Augen. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie solche Augen gesehen! Mir wird jedes Mal ganz anders, wenn du mich ansiehst. Außerdem finde ich deine raue und autoritäre Art zum Niederknien. Und wo ich schon dabei bin- du bist einfach sexy! Das Gesamtpaket stimmt. Ich will doch gar keinen leichtfüßigen, zerbrechlichen und blonden Elben. Ich will einen MANN. Ich will dich. Ich liebe dich.“
Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, dass seine Augen vor Rührung glänzen. Aus Angst, dass ich mich in einen emotionalen Hydranten verwandle, denke ich gar nicht erst darüber nach, wann Thorin wohl zum letzten Mal von jemandem gesagt bekommen hat, dass man ihn liebt. Oder wann er sich das letzte Mal einer Frau geöffnet hat.
„Das klang jetzt kitschig.“, bemerke ich. „Tut mir leid.“
„Was! Nein, es ist nur...so etwas habe ich noch nie von einer Frau gesagt bekommen. Womöglich liegt das daran, dass ich noch nie so empfunden habe, bis ich dich kennen lernen durfte, aber von dir zu hören, dass du mich genauso liebst wie ich dich...das ist mehr, als ich verdiene.“
Er kniet vor mir nieder und nimmt mein Gesicht in seine Hände.
„Ich hätte nie gedacht, dass so fühlen würdest.“, flüstere ich. „Als ich vor deinen Füßen gelandet bin, war ich der festen Überzeugung, dass du mich hasst. Erst später hatte ich wenigstens einigermaßen die Gewissheit, dass du mich nicht abstechen wirst. Wie sagt man doch gleich? Hunde die bellen, beißen nicht.“
Thorin streicht mir eine Haarsträhne hinters Ohr. „Ich wusste vom ersten Moment an, dass du das Mädchen bist, auf das jeder Mann im Leben wartet.“
Ich verkneife mir den Kommentar, dass sich sein Traummädchen jeden Moment in Luft auflösen könnte. Schließlich könnte ich genauso schnell wieder verschwinden, wie ich hier aufgetaucht bin.
„Erzähl mir von deiner Welt.“, wispert Thorin und zieht mich auf seinen Schoß. „Erzähl mir, was dich zu dem gemacht hat, das du bist.“
Wo fängt man an, wenn man eine Welt erklären soll, die so anders ist als Mittelerde? Wie erklärt man Politik, Technik und Wirtschaft?
„Ich komme aus einfachen Verhältnissen.“, beginne ich zaghaft. „Meine Mutter ist Friseurin, mein Vater arbeitet als Elektriker.“
Ich lege den Kopf in den Nacken und blicke in Thorins verwirrtes Gesicht. Ich liebe es, wenn er daran verzweifelt, sich meine Welt vorzustellen.
„Friseure schneiden für Geld die Haare anderer Menschen.“, erkläre ich. „Und ein Elektriker achtet darauf, dass der elektrische Strom in den Häusern funktioniert, der unsere Lampen, Fernseher, Kühlschränke und Ladegeräte versorgt. Stell dir- stell dir Elektrizität wie einen Blitz vor, der in eine feuerlose Lampe einschlägt und sie durch seine Kraft zum Leuchten bringt.“
Noch immer lese ich in seiner Miene nur Unverständnis.
„Auf jeden Fall habe ich nach meinem Realschulabschluss eine Ausbildung zur Goldschmiedin gemacht. Man verdient zwar nicht gut dabei, aber meine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung kann ich mir mit Ach und Krach leisten.“
Jetzt grinst er. „Goldschmiedin? Der Beruf gefällt mir.“
Ich greife nach seinen Händen. „Jep, das dachte ich mir. Und jetzt erzählst du mir, warum du alleinstehend bist. Es muss doch irgendeinen Haken an dir geben, den ich noch nicht bemerkt habe.“
Thorin lacht und legt sein Kinn auf meine Schulter, unsere Wangen berühren sich.
„Nun ja, es gibt Leute, die mich für störrisch halten.“ Er scheint zu überlegen. „Man sagt ich wäre launisch und viel zu streng.“
Ich zucke mit den Schultern. „Gut, damit kann ich leben.“
„Ich bin wohl einfach keine Persönlichkeit, die Frauen anspricht.“
Oh. Mein. Gott. Hat der ’ne Ahnung.
„He!“, schreit Kili von drüben. „Hör auf, mit dem Anführer zu flirten!“
Ich seufze. „Schatzi, kümmere dich um die Sachen, die dich etwas angehen.“
Diese Antwort belohnt Thorin mit einem Kuss.


Zeitsprung, die Nacht in der Smaug den Erebor verlassen hat und die Seestadt zerstörte:

„Thorin.“, seufze ich. „Wir sind alle total fertig. Und dein Glitzersteinchen taucht jetzt auch nicht mehr auf.“
Zögernd löst er sich vom Anblick seines Schatzes und wendet sich mir zu. Bilbo sieht zu mir auf, die Sorge in seinen Augen spiegelt mein eigenes Unwohlsein wieder.
„Er ist nicht er selbst.“, zischt der Hobbit. Mir genügt ein Blick zu Thorin und ich weiß, dass er Recht hat.
„Ich weiß.“, flüstere ich zurück. „Glaub mir, ich weiß es.“
„Caliel!“, brüllt Thorin plötzlich. Noch nie hat er mich angeschrien. NIE hat er es gewagt.
„Was!“, fauche ich gereizt zurück. Ich bin keine Lady aus Mittelerde, die nach der Pfeife ihres Mannes tanzt. Ich bin eine moderne, selbstständige Frau des 21. Jahrhunderts, aber anscheinend muss ich Thorin erst daran erinnern. „Du brauchst mich nicht anzuschreien, du kannst zu mir kommen und normal mit mir kommunizieren, wie kultivierte Leute das so tun!“
Bilbo zuckt zusammen. Doch Thorin scheint zu bemerken, dass er gerade ein ziemliches Fehlverhalten an den Tag legt und kommt tatsächlich aus seinen riesigen Goldbergen zu uns auf die Treppen.
„Wir sollten schlafen gehen.“, sagt er mit sanftem, unschuldigem Ton.
Ich funkle ihn an. „Du hast noch was vergessen.“
Zärtlich nimmt er meine Hand. „Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht so anfahren.“
Ich nicke. „Geht doch.“
Doch Bilbos Miene sagt alles: Er ist nicht normal. Pass auf dich auf.
Mit flauem Gefühl im Magen lasse ich mich von Thorin tiefer in den Berg führen.
Vor einer großen, schweren Tür stoppt er schließlich.
„Das war früher mein Zimmer.“, erklärt er und schließt es auf. „Es war schon mein kleines Reich, als ich noch ein Junge war. Es hat sich nicht viel geändert...vielleicht ist es ein bisschen eingestaubt.“
Ich folge ihm hinein, und ein „bisschen eingestaubt“ ist die Untertreibung des Jahrhunderts.
„Wow.“, bemerke ich. „Da ist Draculas Gruselschloss echt sauber dagegen.“
Um ehrlich zu sein habe ich keine Lust, auch noch dieses Zimmer zu putzen, bevor ich endlich schlafen darf, aber mir bleibt keine Wahl, außer, ich will mir in diesem Staub Asthma holen.
„Besen?“
„Warte, ich helfe dir.“
Mit wenigen Handgriffen hat er das Bett von Spinnenweben befreit und mit dem Besen hinter der Tür die fetten Staubflusen zusammengekehrt. Geschickt zieht er die alte Bettwäsche ab und wirft sie in den Schrank hinter sich, wo er auch gleich uneingestaubtes Bettzeug herauszaubert.
„Krass.“
Ich schlüpfe aus meinen Stiefeln und meinem Umhang und werfe beides auf einen Stuhl. Dann lasse ich mich aufs Bett fallen und genieße zum ersten Mal seit Ewigkeiten eine Matratze unter mir.
Thorin zieht eine Augenbraue hoch und grinst mich an.
„Du willst doch nicht etwa SO schlafen, oder?“
„Hä?“
Ich richte mich wieder auf, doch Thorin sitzt in Sekundenschnelle hinter mir und bindet mir die Haare aus dem Nacken, nur um dann damit zu beginnen, mir hinten das Mieder aufzuschnüren. „He.“, protestiere ich. „Machst du das mit jeder Frau, die vom Himmel fällt?“
Er lacht rau. „Natürlich.“
„Wie asozial.“
„Ach, wirklich?“
Er küsst mich ungemein langsam auf den Rücken. Dann schiebt er mein Oberteil von hinten über meine Arme und wirft es neben das Bett.
Thorin nimmt mich an den Schultern und dreht mich zu sich, ich sitze völlig entblößt vor ihm. Er mustert mich, dann blickt er mir direkt in die Augen.
„Du glaubst nicht, wie lange ich darauf gewartet habe.“
„Mich nackt zu sehen?“
Ein Grinsen huscht über Thorins Lippen. „Eigentlich meinte ich unsere Privatsphäre, aber wenn du es so nennen willst...“
Er drückt mich ins Kissen, kniet sich über mich und küsst mich.
„Thorin, warte.“
Unsicher lehnt er sich ein Stück zurück. „Ist...ist dir das zu viel oder zu früh? Du musst nur sagen, wenn dir das zu weit geht...tut mir leid, ich war nur schon so...“
Seine Wangen glühen regelrecht, sein Blick ist enttäuscht.
„Warte.“, wiederhole ich leiser. „Bleib genau so sitzen, wie du gerade bist.“
„Caliel, vergib mir, ich...“
„Schhhhhhhhhhhhh. Thorin. Bleib ganz ruhig.“
Das tut er. Er wagt es noch nicht einmal zu blinzeln.
Ich strecke die Hand aus und lege sie auf sein Herz. „So, wie du jetzt bist, habe ich dich kennengelernt.“, sage ich mit sanfter Stimme. „Warmherzig. Loyal. Um das Wohl anderer bemüht. So, wie du jetzt bist, liebe ich dich.“
Thorin schluckt.
„Du bist etwas ganz Besonderes für mich, glaub mir. Und ich WILL das hier, von ganzem Herzen und aus tiefster Seele, aber ich kann nicht ertragen, hier, mit dir zu sein und morgen früh ansehen zu müssen, wie der Berg und der Schatz dich verändern.“
Seine stechend blauen Augen bohren sich in meine.
„Ich habe Angst.“, haucht er plötzlich. „Seit wir hier sind, mache ich Dinge, die ich gar nicht tun will. Ich schreie dich an. Behandle dich falsch.“
„Das ist nicht deine Schuld, Thorin. Das Gold ist verflucht.“
Ich nehme sein Gesicht in meine Hände. „Du bist der stärkste Mann, den ich kenne. Wenn du den Wunsch hast -wenn du es willst- kannst du dich gegen das Verlangen wehren. Du kannst dagegen ankämpfen! Und wenn das geschafft ist, heiraten wir.“
Eine Träne rinnt ihm über die Wange. Hastig wische ich sie mit dem Daumen weg. „Versprochen?“
Ich nicke. „Ich verspreche es nicht nur, ich schwöre es dir.“
„Caliel? Wenn ich vergessen sollte, wer du bist, wenn ich vergessen sollte, dass ich dich liebe...wirst du mich daran erinnern?“
Ein Lächeln schleicht sich auf meine Lippen. „Jeden Tag meines Lebens.“
„Kannst du....kannst du mich vielleicht küssen?“
Ich lege meine Hände in seinen Nacken und ziehe ihn zu mir, während ich meine Lippen fest auf seinen Mund presse. Als ich spüre, wie fertig Thorin immer noch ist und wie er zittert, nehme ich ihn eine Zeit lang einfach nur in den Arm, um ihn zu beruhigen.
„Alles ist gut.“, hauche ich. „Alles ist gut.“
Ich spüre, wie meine Haut von seinen Tränen ganz nass wird. „Schhhhhhhhhhh. Thorin.“
Ich streiche ihm immer wieder durch die Haare. „Du brauchst dich nicht zu fürchten. Ich weiß, wie stark du bist. Wir schaffen das schon.“

Thorin packt Bilbo und ich sehe den kleinen Hobbit schon den Wall hinunterfallen.
„Thorin!“, brülle ich aus Leibeskräften. „Du lässt SOFORT Bilbo los!“
Meine Stimmer donnert fast durch den gesamten Erebor.
„Nicht.“, wimmert Balin. „Er weiß nicht, was er tut, er ist nicht er selbst...“
Thorin stößt den Halbling zur Seite und baut sich vor mir auf.
„Du befiehlst mir gar nichts! Ich bin dein König!“
Alles in mir zieht sich zusammen, doch ich denke an James Bond, Loki, Severus Snape und all die anderen kühlen, fiktiven Charaktere, die nie, oder nur selten angefangen haben zu schreien. Ich nehme sie mir als Vorbild, erinnere mich selbst daran, dass eine abweisende Haltung viel schlimmer für sein Gegenüber ist als die Offensive.
„Da wo ich herkomme, haben Könige keine Macht. Sie sind größenwahnsinnig und repräsentieren Blaublütigkeit wie Reichtum, aber sie haben keinerlei Befugnisse, anderen Menschen etwas zu befehlen. Staatsgeschäfte, Politik, Krieg, über all das haben sie keine Macht. Erklär mir also, Thorin, wieso ich mich dir unterordnen sollte. Da, wo ich herkomme, haben Männer keine anderen Positionen als Frauen. Du nennst dich mein König, aber du kannst mir gar nichts!“
Er beißt die Zähne zusammen und funkelt mich bitterböse an. „Um zu beweisen, dass ich sehr wohl Macht über dich habe, muss ich dich wohl erst hinrichten lassen.“
Seine Aussage ist so kalt und trocken, dass ich keine Sekunde daran zweifle, dass er es ernst meint.
„Töte mich.“, kontere ich. „Töte mich und lebe mit meinem Blut an deinen Händen. Töte mich, und lebe damit, wenn du wieder zur Besinnung kommst, und lebe damit, dass die einzige Frau, die deine Liebe je erwidert hat, durch deine Klinge gestorben ist.“
Thorin wird mich umbringen. Ich weiß es.
„Schluss mit dem Unfug.“, ruft der Elbenkönig empört. „Euer Verstand ist kleiner als ich dachte, wenn Ihr Hand an Eure eigene Frau legt! Lasst Sie herunter, Thorin Eichenschild, bevor ich meine Männer zu Euch schicke, um sie zu holen!“
Thorin greift blitzschnell mein Handgelenk. „Caliel geht nirgendwo hin!“, knurrt er. „Sie bleibt, wo sie ist, und ich mache mit ihr, was ich will!“
Nun mischt auch Gandalf sich ein. „Du verwechselst Besitztum mit Liebe, Thorin! Lass Caliel und Bilbo gehen....“
„...bevor ich dich zu Hackfleisch mache.“, beende ich den Satz des Zauberers. „Ich bin alt genug um zu entscheiden, wen ich durch einen Fleischwolf jage und wen nicht.“
Der Blick meines sonst so geliebten Zwergenprinzen ist voller Verwirrung und Abscheu.
„Ich werde dafür sorgen, dass ich dein Untergang sein werde.“, zischt er boshaft.
Jeder Satz, den ich je als verletzend empfunden habe, verliert seine Wirkung sofort. Denn nichts könnte mich so verletzen wie Thorins Drohung. Vor allem, weil ich weiß, dass er nichts dafür kann. Dass er in einer einsamen Sekunde zusammenbrechen und verzweifeln wird. Der Hass, den er auf einmal gegen mich hegt, ist nicht sein Hass. Es ist das Böse im Gold. Ich könnte jetzt gehen- mich bei Thranduil, Bard und Gandalf in Sicherheit bringen, wohl wissend, dass ich Thorin damit für immer verlassen würde. Aber der Gedanke daran, dass er mich gar nicht so behandeln will, hält mich zurück. Er ist krank. Und das sollte kein Grund sein, ihn zu verlassen.
Ich schließe die Lider, schnaufe tief durch und wende mich Thorin wieder zu.
„Ich bleibe.“, sage ich zitternd und schaffe es nicht, ihm in die Augen zu sehen. „Nicht weil ich dir gehorche. Sondern weil ich Hoffnung habe, Thorin. Ich liebe dich, nicht deine Krankheit.“
Ich bilde mir ein, Thranduil übertrieben laut seufzen zu hören.
Irgendwo verstehe ich ihn ja.
Doch Thorin deutet Thranduils Geste anders.
„Er will also unbedingt, dass du zu ihm kommst, ja?“, zischt er. „Hast du etwa was mit diesem blasierten Elbling?“
„Natürlich.“, fauche ich sarkastisch. „Ich vögel mit allem und jedem! Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch!“
Als ich aufblicke wird deine Mimik immer düsterer.
„Es hat keinen Wert!“, schreit Gandalf. „Bring dich in Sicherheit!“
„Er hat recht!“, ruft nun sogar Bard. „Wir können nicht dafür garantieren, dass er dir nichts antut!“
Okay. Gut. Bilbo klettert vor mir den Wall herunter, und gerade, als ich ihm folgen will, spüre ich etwas Scharfes am Rücken. Im ersten Moment nehme ich den Schmerz gar nicht so richtig wahr, dann läuft Blut meinen Rücke hinab und tropft hinter mir auf den Boden. Schockiertes Luftanhalten überall.
„Tessa!“, kreischt Bilbo, und es es das erste Mal seit langem, dass ich meinen richtigen Namen höre. Langsam drehe ich mich zu Thorin um, der erst sein blutverschmiertes Schwert anschaut, dann das Blut auf dem Boden und dann mich.
„Caliel...“
„Es hat auch eine gute Seite, wenn du mit umbringst.“, unterbreche ich ihn zynisch. „Ich muss mir deinen Untergang nicht mit ansehen.“
Dann verliere ich das Bewusstsein.

„Balin! Wird sie wieder aufwachen oder nicht!“
„Thorin, ich weiß es nicht! Du hast ihr den kompletten Rücken aufgeschlitzt! Wer weiß was alles verletzt ist? Ich bin kein Arzt.“
„Du meinst...“, Thorins Stimme bricht. „Ich habe sie tatsächlich getötet? Balin, bitte!“
Balin seufzt. „Ich will ehrlich sein, Junge. Ich denke nicht, dass sie wieder erwachen wird.“
Jemand greift nach meiner Hand. Ich höre ein Schluchzen.
Ich danke sämtlichen Göttern, dass ich gegen Tetanus geimpft bin, bevor ich langsam die Augen aufschlage. Thorin starrt mich komplett verheult an, ist blass und viel dünner als an dem Tag, an dem er mich zum Schnitzel verarbeiten wollte. Sofort lässt er meine Hand los, als würde er sich davor fürchten, dass ich mich gegen ihn wehren könnte.
„Caliel.“
Ich schlucke und versuche, mich aufzusetzen. Ich weiß nicht, wie lange ich ohnmächtig war.
Mein Rücken schmerzt, jedoch nicht so stark wie am Tag des Geschehens.
Balin lächelt mir zu, dann fragt er: „Ist es in Ordnung, wenn ich euch allein lasse, oder soll ich bleiben?“
Ah, alles klar. Er will wissen ob ich in Panik verfalle, sobald ich mit Thorin allein bin.
„Schon gut.“, krächze ich. „Wenn was sein sollte, rufe ich.“
Abgesehen davon dass ich gar nicht rufen kann, wenn ich mir meine Stimme so anhöre.
Thorin setzt sich neben mich auf die Bettkante und blickt mich mit großen Augen an, als wüsste er nicht, was er sagen soll.
„Hi.“, beginne ich also vorsichtig.
„Es tut mir so unfassbar leid.“, unterbricht er mich, noch bevor ich mehr sagen konnte. „Caliel. Ich wollte dir doch niemals wehtun! Ich habe dich beinahe getötet und ich...“
Er ist wieder der Alte. Vor lauter Erleichterung kann ich ein Lächeln nicht zurückhalten.
Ich beuge mich zu ihm und nehme ihn in den Arm, meinen Zwergenprinzen, den ich zu jeder Zeit meines Lebens unendlich lieben werde.
„Du bist wieder du.“, flüstere ich heiser. „Dem Himmel sei Dank, du bist wieder du.“
Er lacht kurz auf, hält sich aber immer noch zurück und scheut sich davor, meine Berührungen zu erwidern.
„Thorin.“ Ich lehne mich ein Stück zurück und sehe ihm in die Augen. „Du brauchst dich nicht zu schämen. Du brauchst keine Angst haben, mich anzufassen. Es war nicht deine Schuld, okay? Ich bin dir nicht böse und ich trage dir nichts nach.“
Er senkt den Blick. „Thranduil musste dich holen. Dieses Elbenmädchen musste dich retten, aber niemand wusste, ob du wieder aufwachen würdest. Die Elben, Gandalf und Bilbo sagten, sie würden dich nicht an mich ausliefern lassen...ich durfte dich erst zu mir in den Berg holen, als ich versprochen hatte, dass immer einer von ihnen Wache halten durfte.“
Erst jetzt komme ich dazu, mich umzusehen. Ich liege in Thorins altem Zimmer, das über und über mit Blumen geschmückt ist. Auf dem Nachttisch liegen etliche Pergamente mit Glückwünschen meiner Freunde aus Mittelerde.
„Wow.“
Thorin greift nach einer der Briefe und begutachtet ihn misstrauisch. „Der hier ist von Legolas, diesem blonden Elbenprinzchen. Er schreibt, dass ihm leid tut, was dir passiert ist, dass eine Frau so von ihrem Mann behandelt werden darf und dass du immer im Düsterwald Asyl finden wirst.“
„Thorin...“
„...er hat Recht! Caliel, ich habe dich angegriffen und verletzt! Du warst so gut wie tot. Niemand hat dich weniger verdient als ich.“
Er steht auf und will gehen.
„Nein!“, huste ich. „Nicht schon wieder! Du kannst nicht schon wieder gehen! Thorin! Es geht hier nicht darum, ob du mich verdienst oder nicht, das ist mir völlig egal. Es geht darum, dass ich dich liebe, und dass ich keine Sekunde böse auf dich gewesen wäre, selbst wenn du mich getötet hättest. Und das hättest du nicht. Auf dem Wall damals, habe ich dich absichtlich provoziert! Ich wusste, dass das Konsequenzen haben würde, aber ich wusste auch, dass ich dir nur so die Augen öffnen konnte. Es ist okay.“



Kommentare (2)

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Nienna Heledir Caladwen (67395)
vor 85 Tagen
@Jenny
Ich weiß noch nicht wann ich mit der Fortsetzung fertig sein werde, und wie sie heißen wird auch noch nicht:D
Jenny (50431)
vor 85 Tagen
Voll süß wann kommt die Fortsetzung und wie heißt die????