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Music is magic - das Mädchen mit der magischen Stimme Teil 2

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27 Kapitel - 49.277 Wörter - Erstellt von: Ms. mystery - Aktualisiert am: 2017-06-16 - Entwickelt am: - 1.112 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Olivia kann es kaum erwarten, bis ihr zweites Schuljahr in Hogwarts beginnt und sie ihre Freunde Hermine, Ron und Harry wiedersehen kann. Doch in der Schule ereignen sich immer wieder seltsame Vorfälle, bis auch sie selbst davon betroffen ist...

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    1. Kapitel

    In den verwinkelten Gassen Londons hörte man das morgendliche Vogelgezwitscher und konnte schon die ersten heißen Sonnenstrahlen auf der Haut spüren. Es war Sommer und es versprach, ein herrlicher Tag zu werden. Weit entfernt von der Innenstadt, vor Muggeln geschützt, konnte man zwischen einem sprichwörtlichen „Wald“, der von hohen Mauern und Hecken umgeben war, ein riesiges Haus erkennen. Man hätte es auch eine Villa nennen können, denn die Wände des Gebäudes waren prunkvoll mit Stuck, hellen und dunklen Holzbalken verziert. Das warme Sonnenlicht fiel zwischen dem Baumkronendach hindurch und tauchte den anliegenden Garten der Familie Rosier, den man schon „Park“ nennen konnte, in helles Licht. Und wenn man in ein großes Fenster im Ost-Flügel hineinsah, konnte man ein riesiges Zimmer entdecken. Die Wände waren mit grünen und blauen Schmetterlingen verziert, die mit ihren Flügeln schlagen konnten. In der Ecke stand ein riesiger Kleiderschrank, und damit meine ich wirklich riesig! Und direkt neben dem Fenster stand ein riesiges Himmelbett, in dem jemand lag.

    Dieser Jemand war ich, Olivia Cassiopeia Evangeline Jenna Rosier. Mit einem Ruck fuhr ich aus dem Traum hoch. Ich stöhnte und streckte mich. Ich hatte von meinem zweiten Schuljahr in Hogwarts geträumt, zusammen mit meinen besten Freunden, Hermine Granger, Harry Potter und Ron Weasley, das ich nun bald beginnen würde. Neben meinem Bett stand ein großer Schreibtisch aus Mahagoni-Holz, auf dem meine Schulbücher, die fertigen Hausaufgaben und mein Zauberstab lagen. Doch bevor ich nach ihm griff, trat ich in meinem kurzen hellblauen Nachthemd auf meinen Balkon hinaus. Ich konnte das Gezwitscher der Vögel hören und summte leise eine Melodie vor mich hin. Kleine goldene und silberne Funken traten aus meinen Handflächen hervor und ich versuchte, es hastig zu unterdrücken. Wer jetzt gerade nicht mitkommt, dem muss ich das selbstverständlich erklären. Ich besaß eine magische Stimme, mit der ich Wunden heilen konnte, wenn ich sang. Meine Eltern versuchten, es zu verstecken, doch ich hatte meinen Freunden davon erzählt. Das musste ich aber auch, nachdem ich Harry vor einem Lehrer, Quirell, retten musste, der sich mit Lord Voldemort den Körper teilte, welcher wiederrum versucht hatte, Harry umzubringen. Ich hatte Harry beschützt und er hatte Lord Voldemort und Quirell zerstört. Ich seufzte. Ich vermisste meine Freunde schrecklich, doch Ron hatte angeboten, ihn doch zu besuchen, und meine Mutter hatte mir die Erlaubnis gegeben. Ich drehte mich um und ging zurück in mein Zimmer. In meinem Kleiderschrank fand ich ein schlichtes weißes Kleid mit blauen Streifen. Ich kämmte meine Haare und steckte mir einen Haarreif ins Haar. Meine Füße steckte ich in passende blaue Sandalen und betrachtete mich dann im Spiegel. Mir blickte ein blasses Mädchen mit dunkelbraunen lockigen Haaren und strahlend grünen Augen entgegen. Ich musste grinsen. Auf meinen Wangen hatte sich kleine Sommersprossen gebildet. Ich nickte meinem Spiegelbild zu und ging dann die Treppe zum Esszimmer hinunter.

    Dort saßen bereits mein Vater und meine Mutter. Man konnte bei ihnen eine große Gegensätzlichkeit bemerken. Mein Vater blickte starr und mürrisch auf den Tagespropheten, meine Mutter lächelte strahlend, als sie mich sah und schob meinen Stuhl zurück, damit ich mich setzten konnte. Ich ließ mich ihr gegenüber nieder und beobachtete die beiden. Meine Mutter hatte leuchtend blaue Augen, die im Sonnenlicht funkelten und hatte hellbraune, leicht gewellte Haare. Mein Vater sah immer verdrießlich aus, hatte dunkle Haare und einen Vollbart. Seine Augen hatten eine undefinierbare Farbe, ich schätzte sie auf eine Mischung aus dunkelbraun und stahlgrau. Manchmal fragte ich mich, wie Mum Dad dazu überredet hatte, mich zu adoptieren. Meine Mutter riss mich aus meinen Gedanken, als sie mich fragte: „Möchtest ein wenig von den Eiern mit Speck? Oder vielleicht einen Toast?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, danke Mum.“ „Dann trink doch wenigstens etwas Tee, mein Schatz.“ „Na gut.“ Ich schenkte mir etwas von dem Früchtetee in meine Porzellan-Tasse ein. Mum lächelte, als ich ihn trank. Sie machte sich immer Sorgen um mich, vor allem, weil ich so blass war. Doch das war auch kein Wunder, schließlich war unser Haus mit dunklem Holz verkleidet, die purpur-roten Samtvorhänge waren immer zugezogen, im Garten schützte mich das Blätterdach vor der Sonne. Die kalten Steinmauern hatten meine Eltern mit einem Schutzzauber überzogen, sodass niemand daran vorbeikam, den die Hausherren nicht dort haben wollten. Außerdem war das riesige Grundstück mit einem Schutzzauber gegen Muggel versehen. Früher, als ich fünf oder sechs Jahre alt war, hatte mich Mum nicht einmal aus dem Haus gelassen, aus Angst, jemand könnte mir etwas antun. Ich fragte mich immer noch, wieso sie sich immer solche Sorgen um mich machte. „Freust du dich schon auf deine restlichen fünf Wochen der Ferien bei den Weasleys?“, fragte mich Mum plötzlich. „Und wie.“, erwiderte ich. Es hatte Mum einige Mühen gekostet, ihre Angst zu überwinden, dasss mir etwas passieren könnte und hatte mir die letzten Wochen bei den Weasleys versprochen. Jetzt blickte mein Vater von der Zeitung auf. „Du schickst sie zu diesen Blutsverrätern, Elizabeth? Meine Tochter?“, fragte er mit seiner kalten Stimme. Mum nickte und ich fügte hinzu: „Dieser Blutsverräter, wie du sie nennst, Vater, sind meine Freunde!“ Mein Vater ließ sich einige Sekunden Zeit für seine Antwort, dann sagte er: „Wir sprechen später noch darüber, Elizabeth.“ Meine Mutter zuckte nicht einmal mit der Wimper. „Wie du meinst, Evan.“ Mum wollte, dass ich glücklich war und das war ich nunmal bei meinen Freunden. Zudem hasste sie die Weasleys nicht so wie mein Vater und sie hatte auch nichts gegen meine Freundin Hermine, die eine Muggelstämmige war. „Sag mal, Schatz, wolltest du heute nicht diesen Sprung auf Rollschuhen üben?“, fragte sie mich. Ich nickte und sagte: „Ich bin im Park, falls du mich suchst.“ Sie wirkte beruhigt und dann holte ich meine Rollschuhe.

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    2. Kapitel

    Man möchte es nicht glauben, aber unser Park war so riesig, dass ich ganze zehn Minuten bis zu meinem Lieblingsplatz brauchte. Eichen und Buchen rahmten die riesige Marmorplatte, auf der ich Rollschuh fuhr, ein. Neben der großen Fläche war eine kleine Parkbank angebracht, auf die ich mich nun fallen ließ. Ein wenig Sonnenlicht fiel durch das dunkle dichte Blätterdach und malte Kreise und Spiralen auf den Marmorboden. Ich machte mir einen Doppelknoten mit den Schnürsenkeln, damit ich nicht beim Fahren hinfallen konnte. Mum wollte stets, dass ich Knie-, Ellbogen-, und Handschützer trug, doch ich hatte keine Lust darauf. Immerhin hatte ich magische Heilungskräfte, was sollte mir schon passieren?

    Ich stieß mich ab und drehte eine Pirouette. Meine Haare flogen mir allerdings dank des Haarreifs nicht ins Gesicht. Ich drehte einige Runden über die Platte und machte kleine Sprünge und halbe Drehungen als Aufwärm-Übung. Dann stellte ich mich in die Mitte und versuchte, den Sprung langsam auszuführen. Fast wäre ich gefallen, doch ich konnte mich gerade noch aufrecht halten. Dann versuchte ich den Sprung etwas schneller auszuführen. Fast schrammte ich mir dabei das Knie auf, doch irgendwie schaffte ich es, nicht hinzufallen. Nun war mein Ehrgeiz geweckt. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie ich den Sprung machte. Dann nahm ich kräftig Anlauf und stieß mich vom Boden ab. Es schien alles wie in Zeitlupe abzulaufen. Ich drehte mich, doch dann verließ mich plötzlich die Kraft und ich sah den Boden gefährlich schnell auf mich zukommen

    Und dann spürte ich den Schmerz. Er kam geradewegs aus meinem Bein und ich kam nicht darumherum, laut „Aua!“ zu schreien. Doch dann versuchte ich mich zu beruhigen und konzentrierte mich auf mein verletztes Bein. Das Blut rann daran herunter und verursachte in mir ein leichtes Schwindelgefühl. Ich begann eine leise Melodie zu summen und die Wunde begann zu verheilen. Plötzlich hörte ich schnelle Schritte, die über den Kiesweg klapperten. Ich schwöre, ich wusste nicht, wie meinen Mutter mich gehört haben konnte, doch sie kam sofort auf mich zu und begann mich mit besorgter Miene zu schimpfen: „Olivia, Schatz, wieso trägst du deine Schützer nicht? Was ist passiert? Bist du verletzt? Bitte, sag doch was!“ „Mir geht es gut Mum! Ich habe die Wunde selbst geheilt, keine Sorge!“ „Trotzdem, Olivia, komm mit ins Haus.“ Ich hatte sie noch nie so aufgelöst gesehen. In Gedanken stöhnend nahm ich meine Rollschuhe und die unbenutzten Schützer und folgte meiner Mutter ins Haus. Als Mum die schwere Eingangstür aus Eichenholz hinter mir zuzog, fragte ich sie leise und ängstlich: „Mum, du...du lässt mich doch trotzdem zu Ron, oder?“. Ihr Blick änderte sich sofort und wurde weich. „Natürlich, mein Schatz! Auf welche Ideen kommst du denn? Das habe ich entschieden, und ich ändere meine Meinung nicht so schnell!“ Ich konnte nur lächeln. „Allerdings bleibst du heute trotzdem im Haus.“ Mein Blick verfinsterte sich ein wenig. Wir gingen in den Salon. Dort deutete Mum auf den großen schwarzen Flügel und meinte: „Du kannst den Rest des Tages über das Klavierspielen üben.“ Damit ließ sie mich dann alleine.

    Sehnsuchtsvoll ging ich hinüber zum Fenster und zog die Vorhänge ein wenig zur Seite. Doch statt dem wunderschönen Sonnenschein erwartete mich ein wolkenverhangener Himmel und die ersten dicken Regentropfen begannen gegen die riesigen Fenster zu prasseln. Ich ließ den Vorhang wieder fallen. Ironischerweise passte dieses Hundewetter perfekt zu meiner Laune. Und wieder kam mir dieser Gedanke, den ich versucht hatte zu verdrängen. Sie halten dich hier gefangen. Ich seufzte. Meine Eltern liebten mich, das wusste ich, aber sie übertrieben es wirklich mit ihrer Fürsorge. Sie sperrten mich hier ein, wie in den ganzen vorherigen Jahren, bevor ich nach Hogwarts ging. Doch nun, da ich die Freiheit genossen hatte, kam mir diese Idee, mich einzusperren, umso wirklicher vor. Nun ging ich allerdings doch zum Klavierschemel und setzte mich. Leise begann ich die Mondschein-Sonate zu spielen. Meine Mum hatte schon früh erkannt, dass ich eine Begabung für das Klavierspielen besaß und hatte mich, als ich acht Jahre alt war, dass erste Mal vor diesen Flügel gesetzt. Ich war absolut begeistert gewesen und wollte sofort anfangen, richtig zu spielen. Ich wusste nicht mehr, wie viele Lieder ich danach gespielt hatte.

    Plötzlich ertönte ein leises „Plopp“ und meine Hauselfe Leila tauchte mit einem Tablett mit Tee und einem Stück Kuchen auf. „Eure Mutter sagte mir, ich soll Euch dies bringen, Miss Olivia.“ „Danke, Leila“, sagte ich. „Immer gern, Miss.“, erwiderte sie und verschwand. Ich blickte auf die uralte Kuckucksuhr an der Wand. Sie zeigte 16:30 Uhr. In einer Stunde gab es bei uns traditionell Abendessen. Ich trank ein wenig Tee und aß den Kuchen, dann stand ich auf und ging die Treppe hinauf in den Ost-Flügel zu meinem Zimmer. Mein Vater würde in einer Stunde nach Hause kommen und ich wollte ihm keinen Anlass geben, wütend auf mich zu sein.

    In meinem Zimmer angekommen, durchsuchte ich meinen Schrank nach einem passenden Outfit. Es kam mir vor, als hätte ich über hundert Kleider und vielleicht war das sogar der Fall. Mein Kleiderschrank war nämlich begehbar und erstreckte sich über einen ganzen Raum. Schließlich entschied ich mich für ein rotes langes Kleid mit kurzen Ärmeln. Meine Haare band ich zu einem Dutt, der von einem rosaroten Haarband zusammengehalten wurde. Meine Sichelmondkette baumelte mir immer noch um den Hals doch in meine Ohrlöcher steckte ich goldene Ohrringe aus echtem Blattgold, die mir Mum geschenkt hatte. Meine Füße kamen in rote Ballerinas mit einem 3cm-hohen Absatz. Danach sah ich auf den Kalender, der an meiner Zimmerwand hing. Heute war der 22. Juli. Morgen hatte ich Geburtstag und ich hatte es ganz vergessen. Dann blickte ich noch einmal auf die Uhr. Ich hatte wirklich eine ganze Stunde gebraucht.

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    3. Kapitel

    Langsam ging ich die vielen Treppenstufen zum Esszimmer hinunter. Im Kamin brannte bereits ein Feuer, doch trotzdem konnte es die eisige Stimmung im Raum nicht vertreiben. Meine Mutter war angespannt, denn jede Minute musste mein Vater zurückkehren. Sieben Hauselfen flitzten um den riesigen Tisch herum, brachten das Gedeck und stellten allerlei Speisen darauf. Mum setzte sich auf ihren Platz und starrte auf ihren leeren Teller. Sie sah wirklich wunderschön aus. Sie trug ein schwarzes, langärmliges Kleid und ihre Haare waren ebenfalls zu einem strengen Dutt hochgesteckt. Ihr Gesicht war kalkweiß, aber ob das Absicht war, wusste ich nicht. Ihre Lippen waren blutrot geschminkt und waren das einzig Farbige in ihrem Gesicht. Mum wirkte beunruhigt, doch ich wusste nicht, woran es lag. Mit jeder Sekunde, die ereignislos verstrich wurde sie nervöser und nervöser.

    Aber schließlich war der Moment gekommen. Die Türklinke bewegte sich geräuschvoll nach unten und dann trat er herein. Mit lauten Schritten ging er an mir vorbei und setzte sich an den Kopf der Tafel. Er nahm sich Rinderbraten und gekochte Kartoffeln auf den Teller, dann nahm er sein Weinglas und befahl Leila zu sich. „Elfe“, sagte er kalt. „Ja, Herr?“, fragte Leila nicht ohne Furcht. Mein Vater fügte nur ein Wort hinzu. „Wein.“ Sofort begriff Leila und brachte ihm eine große Flasche voll erlesenem Wein. Vater schenkte sich das komplette Glas voll, dann nickte er uns als Bestätigung zu, dass wir essen durften. Ich nahm mir nur ein wenig Salat und ein Glas Wasser. Ich sah hinüber zu Mum. Sie hatte sich einige Kartoffeln auf den Teller getan und sah auf meinen überschaubaren Teller, sagte aber nichts wie „Nimm auch ein paar Kartoffeln oder ein wenig Fleisch.“ Während wir aßen, sprach keiner ein Wort. Weder meine Mutter noch ich wollten, dass mein Vater einen Wutausbruch erlitt. Schließlich stand mein Vater auf und sagte kalt: „Wir müssen reden, Elizabeth.“ Meine Mutter nickte, doch ich bemerkte, dass sie zitterte. Vater zeigte Mum, dass sie ihm folgen sollte, doch mich beachtete er nicht. Ich hatte kein gutes Gefühl, als sich die Tür zu einem kleineren Empfangszimmer schloss.

    Ich stand auf und versuchte meinen Eltern, nachdem ich aus dem Esszimmer gehuscht war, zu folgen. Durch das Empfangszimmer führte ein enger Gang hinunter, dem ich folgte. Ich horchte an jeder Tür, bis ich an der letzten Tür rechts ein Geräusch hörte. Leise drückte ich die Klinke hinunter und lugte in den Raum. Was ich dort sah, verschlug mir den Atem. Vater hatte Mutter an der Hand gepackt und hielt sie mit aller Kraft fest, während Mum versuchte, sich loszureißen. „Nein“, hörte ich Mums erstickten Schrei. „Du stellst dich also auf die Seite der Blutsverräter, Elizabeth?“, schrie mein Vater Mum an und spuckte ihren Namen dabei angewidert aus. „Nein, ich will doch nur das Beste für unsere Tochter!“, keuchte sie. „Ach ja? Und das Beste für sie ist, wenn sie mit Blutsverrätern zusammen ist?“, schrie er weiter. „Sie sind ihre Freunde!“, wiederholte Mum meine Worte von heute Morgen. „Ach wirklich? Olivia ist nicht einmal unsere richtige Tochter!“, meinte er in seiner Wut. „Ich bin ihre Mutter!“, schrie sie ihn an. Das Nächste, was ich hörte waren ein Zischen und ein lautes Patschen. Vater hatte Mum eine Ohrfeige gegeben! Ich musste etwas unternehmen. Mein Vater wollte sie erneut schlagen, also riss ich die Tür auf und schrie ein lautes „NEIN!“ Meine Eltern drehten sich zu mir um. Vater kam bedrohlich auf mich zu und sagte kalt und bestimmt: „Was willst du hier?“ „Du darfst meine Mutter nicht schlagen!“, sagte ich. Er holte schon aus, um mich ebenfalls zu schlagen, als meine Mutter, die schon halb wimmernd am Boden saß, sprach: „Es geht hier doch um mich, nicht um Olivia!“ Er drehte sich ruckartig von mir weg und meinte: „Du hast Recht.“ Eine Stimme in meinem Kopf schrie mich an, ich sollte rennen. Was ist mit Mum?, fragte ich. Würde sie wollen, dass du auch leiden musst?, erwiderte die Stimme. Sie hatte Recht. Mum würde sich lieber selbst opfern, als dass mir etwas zustoßen sollte. Und dann nahm ich die Beine in die Hand und rannte.... rannte und rannte,... nur weg von diesem Ort.

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    4. Kapitel

    Ich wusste nicht mehr, wie ich es geschafft hatte, einzuschlafen. Zitternd war ich in meinem Bett gelegen, während mir salzige Tränen über die Wangen rannen. Und in meinem Kopf sah ich ständig dieses schreckliche Bild, mein Vater, der meine Mutter schlug. Irgendwie hatte ich es auch geschafft, traumlos einzuschlafen und wieder aufzuwachen. Nun blickte ich aus dem Fenster und konnte der Sonne bei ihrem Aufgang zusehen. Jetzt fiel mir auch wieder ein, dass heute mein Geburtstag war. Doch ich konnte mich nicht darüber freuen, der gestrige Abend lag mir noch schwer im Magen. Ich ging hinüber zu meinem Spiegel und betrachtete mich. Ich war leichenblass, wie die Haut eines Vampirs, meine Augen waren immer noch geweitet vor Schreck und meine Haare stellten ein einziges Wirrwarr auf meinem Kopf dar. Ich seufzte und ging erst einmal duschen.

    Als das warme Wasser an meinem Körper hinabrann, begann ich langsam, mich besser zu fühlen. Nachdem ich mich abgetrocknet hatt, blickte ich erneut in den Spiegel. Ja, das war wirklich um Einiges besser! Meine Augen leuchteten mir jetzt wieder entgegen. Meine Kette hing mir um den Hals und die kleinen Edelsteine, die in das Silber eingelassen waren, funkelten. Das letzte Bruchstück meiner Vergangenheit... Das war mein elfter Geburtstag ohne meine richtige Familie. Ich stellte mir vor, wie es wäre, wenn meine Eltern mich nicht weggegeben hätten. Ich mit einem fremden Mann und einer fremden Frau zusammen an einem Tisch mit einer Geburtstagstorte, die mir zum zwölften Geburtstag gratulierten. Ich konnte mir vorstellen, wie sie mich in den Arm nahmen, mit mir lachten, mich liebten. Ich hätte nur zu gern gewusst, was diese Kette bedeutete. Aber das würde höchstwahrscheinlich nie passieren... Ich fuhr mir durch mein Haar, das immer noch klatschnass war. Konnte ich nicht vielleicht... Ich fing an, eine Melodie zu summen, die mir gerade in den Sinn kam. Im Spiegel konnte ich beobachten, wie aus meinen Händen die goldenen und silbernen Lichtstrahlen kamen. Ich atmete tief durch, dann berührte ich meine Haare.

    Augenblicklich fingen meine Haare an, golden zu leuchten. Das Leuchten ging durch meine kompletten Haare und ich schloss meine Augen, da von dem Licht eine angenehme Wärme ausging. Als ich sie wieder öffnete, zuckte ich aus Reflex zurück. Meine Locken waren trocken und irgendwie waren nun die vorderen Strähnen nach hinten gebunden, die von einem Haargummi zusammengehalten wurden. Die hinteren Locken waren offen. Verwundert strich ich über die wunderschöne Frisur. Ich konnte es mir nicht erklären. Plötzlich hörte ich die Türklinke zu meinem Zimmer, die jetzt hinunter gedrückt wurde. Rasch zog ich mir einen Bademantel über und ging zurück in mein Schlafzimmer. Dort stand meine Mutter mit einem Brief in der Hand. Ich musterte sie von oben bis unten. Sie sah einfach nur schrecklich aus: Unter ihren Augen traten dunkle Ringe hervor, ihre Augen stachen rot heraus und an ihrem Arm konnte ich einen dunklen roten Fleck erkennen. Ein Bluterguss... Doch ansonsten wirkte sie wie immer. Ihre Haare waren ordentlich zu einer Hochsteckfrisur drapiert worden und sie trug wieder ein langes schwarzes Kleid. „Für dich, mein Schatz“, sage sie jetzt und hielt mir den Brief hin. Neugierig öffnete ich ihn. Er war von Ron.

    „Liebe Liv,
    ich hoffe, dass deine bisherigen Ferien in Ordnung waren. Zumindest nachdem, was du über deinen Vater erzählt hast, hoffe ich es wirklich! Deine Mutter hat uns eine Eule geschickt und uns gefragt, ob du die letzten fünf Wochen der Ferien bei uns bleiben könntest. Mum war ganz aus dem Häuschen, aber Fred und George überlegen schon, welchen Streich sie dir als Erstes spielen wollen. Ich tippe auf den Wassereimer über der Tür. Also pass bloß auf! Dad sagt, wir holen dich heute Vormittag bei dir Zuhause dank Flohpulver ab. Ich freue mich, bis dann.
    Ron“

    Ich sah meine Mutter dankbar an. „Wie hast du es geschafft, dass Dad den Brief nicht in die Hände bekommt?“ Mein Vater las nämlich immer unsere Post. Das war eine Angewohnheit von ihm. „Ich hatte Glück, dass Leila den Brief sofort sah und ihn mir brachte.“ Ich nickte. Da bemerkte ich, dass nun etwas auf meinem Bett lag. Es war ein bodenlanges, langärmliges, schwarzes Kleid. Und daneben entdeckte ich ein Korsett... Ich seufzte innerlich. Meine Mutter schnürte mir für solche Kleider immer das Korsett, schon seit ich klein war. Rasch verschwand ich hinter der Tür zum Badezimmer und zog mir Unterwäsche an. Dann ging ich hinüber zu meiner Mutter, die bereits mit dem Kleid und dem Korsett wartete. Ich stellte mich vor den Spiegel und fragte: „Wieso muss ich das denn diesmal tragen?“ „Ich will doch nur, dass dein Vater nichts an uns auszusetzen hat. Denn wenn er weg ist, kommen deine Freunde und bringen dich hier weg.“ Das fand ich ziemlich mutig von meiner Mutter, aber ich sagte unter Zähnegeknirsche: „Er ist nicht mein Vater. Ein Vater würde soetwas seiner Frau und seiner Tochter niemals antun.“ An ihrem Gesicht konnte ich erkennen, dass sie verstand was ich meinte.

    Sanft legte meine Mutter mir das hässliche Korsett um die Taille und begann damit, es immer enger zu schnüren. Ich hasste dieses abscheuliche Ding. Es nahm mir jedesmal den Atem und ich sah dank ihm immer spindeldürr aus. Aber mein „Vater“ mochte es so und ich hatte sowieso keine Chance, mich ihm zu widersetzen. Ich wollte nicht wissen, was er ansonsten mit mir gemacht hätte. Ich musste heftig schnaufen, als Mum das Korsett noch enger zusammenzog. Nun konnte ich kaum noch atmen. Während mir Mum in das dunkle Kleid half fragte ich sie: „Wieso tust du das für mich, Mum?“ „Weißt du, mein Schatz, jeder von uns hat doch einen Traum.“ Fragend sah ich sie an. Nun lächelte sie. „Du warst mein Traum.“ „Wirklich?“, fragte ich ungläubig. Sie nickte. Nun drehte ich mich um und sah in den Spiegel. Tja, das nannte man wohl eine Wespentaille! Der schwere Stoff des Kleides schmiegte sich an meine Haut und floss unten auseinander. Allerdings wirkte ich äußert unnatürlich dünn. „Setz dich doch einmal hier hin.“, sagte meine Mutter und zeigte auf einen roten Sessel vor meinem Schminktisch. (Ja, mit meinen 12 Jahren besaß ich einen Schminktisch.) Schweigend setzte ich mich und Mum begann, mein Gesicht mit Wimperntusche, Lidschatten, Eyeliner, Augenbrauenstiften und Lippenstift vollzukleistern.Vorsichtig verteilte sie Concealer auf meinen Augenringen. Danach malte sie mit einem dunklen Augenbrauenstift meine Augenbrauen nach und tuschte meine Wimpern. Anschließend malte sie mir Smokey-Eyes und fuhr meine Lippen mit dunkelrotem Lippenstift nach. Ich betrachtete mich im Spiegel und erkannte mich selbst kaum mehr. „Du bist wunderhübsch, Schatz!“ Dann ging sie und holte mir hohe schwarze Sandaletten, bei denen sie mir half, sie anzuziehen. „Komm, Olivia, wir gehen ins Esszimmer.“ Ich nickte und dann gingen wir die vielen Treppenstufen hinunter.

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    5. Kapitel

    Vater saß bereits am Esstisch und ließ sich von den Hauselfen bedienen. Neben ihm stand eine große Tasse Kaffee und er las die heutige Ausgabe des Tagespropheten. Das Gesicht meiner Mutter war wieder kreidebleich geworden. Doch jetzt musste ich mich auf meine hohen Schuhe konzentrieren, denn wenn nicht, würde ich fallen. Und ich wollte mir nicht ausmalen, was dann passieren würde. Stumm vor Angst ging ich auf meinen Stuhl zu. Vater blickte derweil nicht einmal von seiner Zeitung auf. Der Appetit war mir erneut vergangen, wie eigentlich schon den ganzen bisherigen Sommer. Also griff ich mit zitternder Hand nach der Teekanne und mit der anderen nach einer Teetasse. Meine Augen huschten währenddessen zwischen der Teekanne und meinem Vater hin und her. Und wie es kommen musste, stieß ich vor lauter Nervosität die Teekanne um und der gesamte Inhalt ergoss sich über den Frühstückstisch. Ich zuckte erschrocken zusammen und mein Vater blickte von der Zeitung auf. Nun kam Leila herein und begann, stillschweigend die Sauerei zu entfernen. Vor Schreck war ich unfähig, mich zu rühren. Dass meine Mutter mir einen ängstlichen Blick zuwarf, bekam ich nicht mit. Mein Vater blickte kalt auf den verschütteten Tee und sah mich dann einschüchternd an. „Was soll das?“, fragte er mit ruhiger Stimme. Doch ich wusste, dass er innerlich vor Wut brodelte. Mit Mühe zwang ich ein leises „Es tut mir Leid, Vater.“ hervor. „Ich kann dich nicht hören, Tochter“, sagte er. Mit etwas lauterer Stimme wiederholte ich: „Es war keine Absicht, Vater.“ Dabei senkte ich gedemütigt meinen Kopf, um ihm nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Ich hoffte, dass würde ihn zufrieden stimmen. Von Mutter und mir verlangte er nämlich absolute Unterwürfigkeit. Manchmal glaubte ich, er würde sogar die Hauselfen mehr schätzen als mich. Ich wagte nicht aufzusehen, doch ich hörte das Scharren des großen Stuhles, als er über den Boden zurückgezogen wurde und die glatten, polierten Schuhe meines Vaters, die immer näher auf mich zukamen bis sie vor mir zum Stillstand kamen. Dann hörte ich seine Stimme, die drohend sagte: „Ich verlange, dass du mich ansiehst, wenn ich mit die spreche.“ Zögernd hob ich den Kopf und blickte ihm in das ausdruckslose Gesicht. Und im nächsten Moment spürte ich einen brennenden Schmerz auf meiner rechten Wange.

    Mein Vater holte aus, um mir eine weitere Ohrfeige zu geben, doch dann überlegte er es sich doch anders. Er packte mich, zerrte mich die Treppe hinauf und den Gang entlang, bis er mich in ein Zimmer hineinstieß. Ich schrie laut auf und rief, er solle mich loslassen, doch er tat es nicht. Stattdessen packte er mich an der Stelle meiner Hüften, wo das angeschnürte Korsett lag. Zuerst drückte er es mühelos noch enger zusammen, während ich nach Luft ringen musste und ihn immer lauter um Gnade anflehte. Doch er hatte gerade erst angefangen, mich zu quälen. Ohne Anstrengung warf er mich mit voller Kraft mitten in den Raum und ich krachte gegen einen kleinen Beistelltisch. Ich musste kämpfen, um bei Bewusstsein zu bleiben, doch in diesem Moment wünschte ich, ich würde ohnmächtig werden und den ganzen Schmerz nicht mehr spüren. Jetzt kam er bedrohlich auf mich zu und schlug mir mit der einen Hand ins Gesicht, während er mir der anderen meinen linken Arm verdrehte. Ich stöhnte vor lauter Schmerz auf und schrie, er solle mich doch nur in Ruhe lassen. Er hörte nicht auf mich und drückte meinen Oberkörper auf den harten glattgeschliffenen Holzboden. Vater hielt mich fest und schlug mir mehrmals ins Gesicht. Ich versuchte verzweifelt, von ihm wegzukommen. Er bemerkte es und wurde nur noch rasender. Er packte mich an meinen Haaren und zog mich über den Boden. Ich schrie gequält auf. Vater schien genervt von meinen Schreien und drückte seine riesige Hand auf meinen Mund. Ich versuchte, ihm in die Hand zu beißen, doch wegen des Sauerstoffsmangels (dank des Korsetts, oh, ich hasste dieses Ding!) gelang es mir nicht. Zuletzt rammte mein Vater mich gegen den großen Spiegel, sodass das Glas brach und kleine Splitter auf mich herabprasselten. Als ich blutend und nach Atem ringend am Boden lag, verging meinem Vater offensichtlich die Lust, mich zu quälen, denn er war im Nu bei der Tür und rief mir zu: „Du bleibst solange hier drinnen, bis du gelernt hast, dass du deinen Vater nie wieder lächerlich machen wirst!“ Dann knallte er die Tür zu und ich hörte den Schlüssel, wie er im Türschloss herumgedreht wurde. Und im Raum lag ich in einem halb zerfetzten Kleid, mit verschmierter Schminke, aufgelösten Haaren und war blutüberströmt.

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    6. Kapitel

    Das war wirklich der tollste Geburtstag aller Zeiten! Mein Vater hatte mich geschlagen und gequält, nur weil ich ein wenig Tee verschüttet hatte. Ich wusste nicht, wie lange ich mittlerweile schon in diesem schrecklichen Zimmer lag, denn ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Die Fenster waren mit Samtvorhängen zugezogen und dahinter waren feste Gitter angebracht. An der Tür hatte ich bereits gerüttelt, doch sie war fest verschlossen. Ich hatte also keine Fluchtmöglichkeit. Ich versuchte, die großen Splitter des Spiegels aus meinem Körper zu entfernen. Viele kleine Glasscherben waren durch die zarte Spitze an den Armen meines Kleides gedrungen und ich blutete stark. Diese extrem hochhackigen Schuhe hatte ich mit viel Kraft abgestreift, doch ich war einfach durch den Sauerstoffmangel total geschwächt. Im Raum befand sich außerdem weder ein Bett, noch ein Sofa, oder etwas in der Art. Also lag ich einfach nur auf dem Boden und wimmerte.Wie sollte ich hier nur jemals wieder rauskommen?

    Schließlich wurde die Tür aufgedrückt, doch ich bemerkte es sofort. „Nein“, wimmerte ich. „Miss Olivia?“, hörte ich Leilas zarte Stimme. „Leila?“, fragte ich schwach. „Oh, hier seid ihr, Herrin. Eure Mutter und ich suchen Euch schon seit eineinhalb Stunden!“ Langsam kam sie näher, doch dann rief sie entsetzt: „Oh, Herrin, wer hat euch das angetan?“ „Mein Vater“, brachte ich schwer hervor. „Der Herr ist vor eineinhalb Stunden ins Zaubereiministerium aufgebrochen. Dies ließ er in der Eingangshalle liegen.“ Sie zeigte mir einen kleinen goldenen Schlüssel. Vermutlich war es der Schlüssel zu diesem Raum. „Kommt, Herrin.“ Langsam half sie mir, mich aufzurichten. Dann führte sie mich langsam den Gang entlang und die Treppe hinunter, bis ins Esszimmer. „Olivia“, kreischte Mum entsetzt, als sie mich sah. „Was hat Evan dir nur angetan?“, fragte sie. Dann blickte sie auf die Uhr. „Komm, mein Schatz, wir holen deine Sachen und ziehen dich um. Dein Freund kommt dich mit seinem Vater in einer Stunde abholen.“

    Ich nickte, musste jedoch aufpassen, dass ich nicht plötzlich umkippte. Mum half mir vorsichtig die vielen Treppenstufen und Gänge hinauf zu meinem Zimmer. Dort setzte ich mich sofort auf mein Bett, während meine Mutter mir half, das zerfetzte Kleid auszuziehen. Ich konnte Mutters entsetztes Keuchen kaum hören, als sie entdeckte, dass das Korsett mir die Atemwege nahm. Rasch machte sie sich an den Schnüren zu schaffen und erlöste mich von dem schrecklichen Schmerz. Tief atmete ich durch und sah meine Mutter dankbar an. Dann ging ich hinüber zu meinem Schrank und suchte mir etwas „Richtiges“ zum Anziehen, während Mum meine Koffer packte. Ich entschied mich für ein cremefarbenes knielanges Kleid und flache weiße Ballerinas. Dann setzte Mutter mich vor den Schminktisch und wischte mir die ganze Maskerade vom Gesicht. Ich atmete erleichtert auf. Mein Spiegelbild sah wieder mehr wie ich selbst aus. Bis auf die roten Spuren, die sich über meine gesamte rechte Wange zogen. Die Hand meines Vaters war deutlich zu erkennen. An meinen Armen sah es allerdings weitaus schlimmer aus. Viele kleine Splitter hatten sich in meine blasse Haut gebohrt und nun floss mein Blut daraus hervor. Ich sah meine Mutter fragend an und sie nickte. Ich summte die Melodie eines Liedes vor mich hin und berührte meine geschundenen Arme. Sofort begannen meine Wunden zu verschwinden. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht ohnmächtig zu werden. Mittlerweile ging es zwar besser, da ich geübt hatte und ich nicht sofort das Bewusstsein verlor, aber ich schaffte es noch nicht vollständig. Gerade kämmte Mum mit meiner Haarbürste mir die Haare, als sie sagte: „Ach, Schatz, du hast dein Geburtstagsgeschenk noch gar nicht bekommen!“ Verwirrt starrte ich sie an. Mum kramte in ihrer Handtasche, die sie mit einem Zauber magisch vergrößert hatte. Sie holte eine grün bemalte Gitarre hervor und reichte sie mir. Ich war sprachlos. „Die Farbe der Gitarre hat mich an die Farbe deiner Augen erinnert.“ Sie musste lächeln. „Danke“, sagte ich jetzt überglücklich. „Ich packe sie in deinen Koffer, mein Schatz.“ Sie stand auf und legte sie neben unzählige Klamotten, meine Schulbücher, den Schul-Utesilien und meinen Zauberstab. Mum klatschte zweimal kurz in die Hände und Leila erschien mit einem „Plopp“. „Bring Olivias Koffer nach unten, Leila.“ Sie nickte und verschwand mit meinem Koffer. Meine Mutter drückte mir jetzt etwas in die Hand. Ein kleiner Schlüssel aus Silber... „Das ist der Schlüssel zu deinem Verlies in Gringotts.“ Ich umarmte sie kurz, dann gingen wir hinunter in die Eingangshalle. Dort stand unser Kamin und so würde ich auch zu den Weasleys kommen. Leila übergab mir bereits meinen Koffer und meinen Nimbus 2000. Es konnte nur noch wenige Sekunden dauern.

    Und tatsächlich: Im Kamin leuchtete ein grünes Feuer auf und eine Sekunde später stand mein Freund Ron direkt vor mir. Und eine Sekunde später stand neben ihm sein Vater. Die Ähnlichkeit zwischen Vater und Sohn war verblüffend. Beide diesselben roten Haare (das typische Weasley-Orangerot), diesselben Augen, diesselbe Nase und das gleiche Lächeln, das sich jetzt über Rons Gesicht zog, als er mich sah. „Liv!“ „Ron.“ Ich ging auf ihn zu und umarmte ihn kurz. Dann wandte Ron sich an seinen Vater. „Hey, Dad, ich will dir meine Freundin Liv vorstellen.“ Ich sah Rons Dad an und sagte freundlich: „Freut mich Sie kennenzulernen, Mr. Weasley.“ Er erwiderte mit „Freut mich ebenfalls, Olivia!“ Dann wandte er sich an Mum: „Freut mich ebenfalls, Mrs?“ Das konnte doch nicht wahr sein! Ich zischte Ron ins Ohr: „Hast du deinen Eltern nichts von meinem Nachnamen erzählt?“ Er sah mich verwundert an. „Nein, wieso?“ Ich wurde panisch. „Ron, meinem Vater wird unterstellt, ein Todesser zu sein, was auch stimmt. Und deinem Vater wird es nicht gefallen, dass sein Sohn mit der Tochter eines Todessers befreundet ist!“ Er starrte mich schockiert an. Mum schien meine Nervosität zu spüren, denn sie schüttelte Mr. Weasleys Hand und meinte: „Elizabeth, Elizabeth Hampton.“ Ich starrte sie an. Meine Mutter hatte Rons Dad komplett angelogen! Doch Mr. Weasley schien nichts bemerkt zu haben. Ron sah allerdings auch überrascht aus. „Okay! Dann wollen wir mal los!“ Er nahm meinen Koffer und den Nimbus 2000. Ich rannte hinüber zu Mum und drückte sie fest. „Bis dann, Mum.“ Dann stellte ich mich zu Ron und sah zu, wie Mr. Weasley etwas Flohpulver nahm und dann „Fuchsbau“ rief. Im nächsten Moment war verschwunden. Ron griff nach meiner Hand, stellte sich mit mir in die Flamme und rief ebenfalls „Fuchsbau!“ Dann begann sich alles zu drehen und Mum verschwand mitsamt unserer Eingangshalle.

    7
    7. Kapitel

    Als ich meinen Gleichgewichtssinn wieder hergestellt hatte, blickte ich mich im Raum um, in dem ich gelandet war. Es war eine Küche, die ziemlich klein und vollgestopft schien. In der Mitte des Raumes standen ein abgenutzter Tisch und sieben Stühle. Ich staunte nicht schlecht. Die Uhr an der Wand besaß stand Ziffern Zeiger. Am Rand standen Dinge wie „Zeit für Tee“ „Du kommst zu spät“ und „Du musst die Hühner füttern“. Das Kaminsims war vollgepackt mit Büchern. Hier konnte man sich garantiert wohlfühlen. „Wow!“, flüsterte ich. „Es ist nichts Besonderes.“, meinte Ron. „Spinnst du, ich habe noch nie ein so schönes Haus gesehen!“ Ich musste an das Herrenhaus meiner Eltern denken und grinste. Ron sah mich verwirrt an. „Wenn du meinst?“

    Plötzlich entdeckte ich Rauch, der aus der Küche zu kommen schien. Und dann konnte ich eine Frau mit ebenfalls roten Haaren erkennen. Sie war das komplette Gegenteil von Mum. Sie trug weder ein teures Kleid noch hohe Schuhe. Doch das gefiel mir. Sie verschaffte mir sofort ein Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit. Nun sah ich auch Mr. Weasley wieder, der nun auf seinen Frau zuging, sie küsste und dann sagte: „Sieh mal, Molly, das ist Olivia Hampton.“ Er zeigte auf mich und ich musste schlucken. Mrs. Weasley kam sofort auf mich zu und schloss mich in eine feste Umarmung. „Wie schön, dass du hier bist, Schatz.“ „Mrs. Weasley..“ Ich würde schweren Herzens dieses Missverständnis aufklären müssen, auch wenn sie mich hassen würden. „Nenn mich Molly, Olivia.“ Ich schluckte. „Mein Nachname ist nicht Hampton, Mr. Weasley.“, sagte ich an ihn gewandt. „Was?“, fragte Mr. Weasley, „Aber deine Mutter...“ „Meine Mutter hat Sie angelogen“, sagte ich leise. Hinter Mr. Weasley konnte ich Ron entdecken, der absolut geschockt wirkte. „Aber wenn du nicht Hampton heißt, wie heißt du denn dann?“, fragte Mrs. Weasley verwirrt. „Ich bin Olivia Rosier.“ Ich sah Mrs. und Mr. Weasley direkt an. Mrs. Weasley sah schockiert aus und Mr. Weasley fragte vorsichtig: „Rosier, wie-, wie der Todesser?“ Ich nickte traurig. „Er ist mein Vater.“ „Er ist nicht ihr richtiger Vater“, mischte sich Ron jetzt ein. „Was?“ Seine Eltern wirkten noch verwirrter. „Sie ist adoptiert.“ „Oh“, hörte ich Mrs. Weasley und drückte mich fest. Dann sagte sie: „Man sollte ein Buch nie nach seinem Einband betrachten.“ Erleichtert atmete ich auf. „Nun gut“, fuhr sie fort, „Du wirst dir ein Zimmer mit Ginny teilen müssen...“ „Ginny?“, fragte ich verwirrt. „Ginny ist meine kleine Schwester“, meinte Ron. „Ronald, zeigst du Olivia bitte das Zimmer?“ Ron nickte. Mrs. Weasley sah aus dem Fenster und rief: „Fred, George, kommt sofort her!“ Es dauerte nicht lange und die Zwillinge traten durch die Küchentür, die in den Garten führte. „Ja?“, sagte Fred. „Mum?“, führte George die Frage fort. „Tragt bitte Olivias Koffer und ihren Besen in Ginnys Zimmer.“ Fred und George grinsten, als sie mich sahen. „Klar“, meinte George. „Für unsere Livvy tun wir doch alles!“, sagte Fred. Ich musste lachen. „Danke.. Ich komme darauf zurück, Fred.“ Verwirrt sah er mich an. „Was ist?“, fragte ich. „Woher weißt du, dass ich Fred bin und er George?“ Ich grinste. „Das würdet ihr wohl nur zugern wissen, was?“ An Georges Gesicht konnte ich es deutlich erkennen, also sagte ich des Spaßes halber: „Nicht wahr, George?“ Nun hatte ich sie wirklich an der Strippe. Ich konnte mir sicher sein, dass sie versuchen würden, mir zu entlocken, wie ich sie auseinander halten konnte.

    Immer noch grinsend nahm George meinen Koffer in die Hand, während Fred behutsam meinen Nimbus 2000 trug. „Kommst du?“, fragte mich Ron, „Dann zeige ich dir Ginnys Zimmer.“ Ich nickte und folgte ihm. Wir gingen durch die Küche durch ein schmales Treppenhaus und blieben schließlich an einem Zimmer im dritten Stock stehen. Ron machte die Tür auf und ich sah ein Mädchen mit ebenfalls roten Haaren, die auf dem Boden lag. „Ron, kannst du nicht anklopfen?“, fragte sie ihn wütend. „Mum hat gesagt, dass Liv bei dir wohnen soll.“ „Liv?“, fragte sie. Ron stöhnte. „Meine beste Freundin aus Hogwarts!“ „Ist das die, von der du den ganzen Sommer über geredet hast?“, fragte Ginny unverblümt. Ron lief rot an. „Hi.“, sagte ich. Sie nickte mir kurz zu, beachtete mich aber nicht weiter. Ich sah mich in ihrem Zimmer um. Die Wände waren cremefarben gestrichen und an der Wand stand ein kleines Bett, in dem wohl Ginny schlief. An der anderen Wand stand ein altes, dunkelrotes Sofa, auf dem dann wohl ich schlafen würde. Fred und George hatten mein Gepäck bereits dort abgestellt. „Sag mal Ron, was haben Fred und George denn eigentlich vorher gemacht?“, fragte ich ihn neugierig. „Na ja, sie haben den Garten entgnomt...“ „Können wir mithelfen?“, fragte ich ihn. „Wenn du willst?“ Ich nickte und zog ihn an der Hand wieder nach unten.

    Ron und ich fanden die Zwillinge unten im Garten, wo sie gerade einen Wettkampf im Gnom-Weitwurf austrugen. „Kann ich helfen, Fred?“, fragte ich den linken Zwilling. „Wie machst du das nur? Aber auf deine Frage... Ja!“ Ich musste schmunzeln. Ich sah George zu, wie er versuchte, einen Gnom loszuwerden, der ihm in den Finger gebissen hatte. „Wow, so sehen die aus?“, fragte ich Ron. „Hast du noch nie einen Gnom gesehen?“ „Noch nie.“ In der nächsten Stunde zeigte Ron mir, wie man die Gnome aus ihren Erdlöchern trieb und sie dann „entfernte“. Das bedeutete, man versuchte, sie so weit wie möglich von Haus und Garten wegzuschleudern. Es machte wirklich Spaß, auch, als ein paar Gnome zu stark waren und ich Rons starke Hände brauchte, die mir halfen. Wenn wir in eine solche Situation gerieten, konnte ich hören, wie Fred und George laut überlegten, wann Ron mir denn endlich seine Liebe gestehen würde. Ich konnte über so etwas nur die Augen verdrehen. Irgendwann fragte Ron mich dann: „Welches Datum haben wir heute?“ „Den 23. Juli“, antwortete ich. „Oh Liv, tut mir so Leid, dass ich deinen Geburtstag vergessen habe!“, sagte Ron jetzt entschuldigen. „Ist nicht so schlimm, Ron“, gab ich zurück. „Doch, eigentlich wollte ich dir etwas schenken.“, meinte er. „Dass ich hier sein darf ist doch schon Geschenk genug.“ Vor Stolz wurden Rons Ohren ganz rosa.

    Als Mrs. Weasley uns zum Mittagessen rief, kamen die Zwillinge, Ron und ich durch die Küchentür herein. Ich staunte über die riesige Anzahl von Speisen auf dem Tisch und setzte mich auf einen Stuhl. „Du bist ja ganz verhungert“, sagte Mrs. Weasley entsetzt, als sie einen riesigen Topf voller Kartoffelbrei auf den schon überladenen Tisch stellte. Ich zuckte nur mit den Schulter, während sie bereits jedem ihrer Kinder Würstchen auf den Teller schaufelte. Ich bemerkte allerdings doch, dass sie mich mitleidig ansah und mir doppelt so viel auf den Teller gab. „Wo ist den Percy?“, fragte ich Ron verwundert, weil ich ihn nicht entdecken konnte. „Der ist oben in seinem Zimmer.“, meinte er. „Will er denn nichts essen?“, fragte ich verwundert. „Nein, er ist den ganzen Sommer über schon so seltsam drauf.“, sagte George und Fred fügte hinzu: „Er hat einen ganzen Haufen Briefe verschickt und sich in seinem Zimmer eingeschlossen. So oft kann er seine Vertrauensschülermedaille auch nicht polieren!“ Ich gab mich mit dieser Antwort zufrieden und fing an zu essen. Es war einfach köstlich. „Der beste Geburtstag aller Zeiten!“, murmelte ich.

    8
    8. Kapitel

    Ich war nun schon sechs Tage bei den Weasleys und die Zeit war bisher wie im Flug vergangen. Ich unternahm viel mit Ron und den Zwillingen, Percy hatte ich während meines gesamten Aufenthalts nur beim Frühstück und Abendessen gesehen. Ron zeigte mir die Gegend und betonte dabei immer wieder, „Es ist nichts Besonderes.“ Besonders verzaubert hatte mich eine kleine Lichtung im naheliegenden Wald mit einem kleinem Weiher, in dem wir Baden gingen. Ich konnte gar nicht genug von dem Wasser bekommen und fühlte mich sehr wohl. Doch ab und an fiel mir auf, dass Ron etwas beunruhigt wirkte, wenn die Post kam. Schließlich fragte ich:

    „Sag mal, Ron, was ist denn los? Immer wenn Errol die Post bringt, bist du so beunruhigt?“ Er nickte, dann sagte er: „Harry hat mir die ganzen Ferien über nicht zurückgeschrieben! Ich verstehe das nicht! Vielleicht ist irgendetwas mit ihm.“ Ich nickte bestätigend und meinte: „Harry ist nicht der Typ, der einfach nicht antwortet. Vielleicht liegt es an seinen Verwandten, den Dursleys. Harry hat mir erzählt, sie wären schrecklich.“ „Dann müssen wir ihn dort rausholen!“, sagte er bestimmt. „Wen wo rausholen?“, hörte ich Fred und George hinter mir fragen. „Harry, aus dem Gefängnis seiner schrecklichen Verwandten.“ Fred und George sahen sich an, dann grinsten sie. „Wir sind dabei!“, meinte Fred. „Auf uns kannst du dich verlassen, Livvy!“, fügte George hinzu. Da musste ich auch grinsen.

    Bis zum Abend hatten Ron, die Zwillinge und ich einen Plan ausgeheckt, wie wir Harry aus dem Ligusterweg 4 holen wollten. Fred und George hatten mir das Auto von Mr. Weasley gezeigt. Es war ein Ford Anglia, das Besondere daran war aber, dass es schweben konnte und einen Unsichtbarkeitsknopf besaß. Nachdem wir zu Abend gegessen hatten und wir Mr. und Mrs. Weasley eine gute Nacht gewünscht hatten, schlichen wir leise die Treppe hinunter und setzten uns ins Auto. Fred saß am Steuer und startete den Wagen. Es war ein unglaubliches Gefühl, als das Auto vom Boden abhob und wir uns bald über den Wolken befanden. Zielsicher lenkte Fred immer weiter gen Westen, bis ich bald Little Whingin entdecken konnte. Wir flogen tiefer und betrachtete die Straßennamen prüfend. „Tulpenweg... Hyazinthenallee... hier ist es: Ligusterweg!“, meinte ich und flogen auf Haus Nummer 4 zu. In einem Zimmer im ersten Stock schimmerte noch Licht und ich bemerkte, dass vor dem Fenster dicke Gitter angebracht waren. Ich musste schlucken. Diese Gitter erinnerten mich an das Zimmer, indem mein Vater mich eingesperrt hatte. Und als Fred den Ford Anglia näher an das Fenster lenkte, konnte ich im Zimmer einen Jungen mit zerstrubbelten schwarzen Haaren erkennen. „Harry!“, rief ich ihm erfreut zu.

    „Liv?“, fragte Harry erstaunt, als er mich sah. Für ihn musste das sicher ein ungewöhnlicher Anblick sein, zwei seiner besten Freunde mit dessen Brüdern in einem fliegenden Auto zu entdecken. „Was macht ihr denn hier?“, fragte er entgeistert. „Wir holen dich hier raus!“, meinte Ron bestimmt, während George ein Seil am Auto und anschließend am Gitter festmachte. „Fahr, Fred, fahr!“, schrie ich ihm zu. Er nickte, steuerte das Auto vom Fenster weg und ich beobachtete, wie das Gitter schließlich aus seiner Verankerung gerissen wurde. Jetzt musste alles schnell gehen. Harry reichte Ron bereits seinen Koffer und seinen Nimbus 2000 und anschließend seine Eule Hedwig in ihrem Käfig. Ich bemerkte, dass im ganzen Haus die Lichter angingen und ich konnte deutlich hastige Schritte auf der Treppe vernehmen. „Schnell Harry!“, rief ich und kletterte hinüber zu Ron, der Harry gerade herein helfen wollte, als die Tür zu Harrys Zimmer aufgerissen wurde und Harrys Onkel panisch rief: „Petunia, der Junge will abhauen!“ Er rannte wie wildgeworden zu Fenster und packte Harry an den Füßen. Verbissen klammerte er sich daran, während Harry versuchte, sich von ihm zu befreien. Während Ron Harrys rechten Arm festhielt, nahm ich panisch Harrys linke Hand und zog. „Halt durch, Harry!“, rief ich Harry zu. Harry nickte. Fred und George lenkten den Wagen jetzt weiter vom Fenster weg. Harrys Onkel musste sich immer weiter nach vorne lehnen, um Harry nicht loszulassen. „Lass Harry ja nicht los!“, sagte ich. „Ist klar.“, erwiderte Ron. Dann befreite sich Harry mit einem großen Ruck aus dem Klammergriff seines Onkels. Doch Vernon Dursley hatte sich zu weit nach vorne gelehnt und er fiel kopfüber aus dem ersten Stock in die kleine Gartenlaube. Nun hatte ich doch etwas Mitleid mit ihm! Inzwischen war Harry in den Wagen hereingeklettert, schlug die Tür zu und rief den Dursleys laut „Bis nächsten Sommer!“ zu. Wir brachen alle zusammen in lautes Gelächter aus.

    9
    9. Kapitel

    Während Fred jetzt wieder den Wagen lenkte, setzte sich Harry zu mir und Ron auf die Rückbank. Ich umarmte ihn fest und bemerkte erst jetzt, wie sehr ich Harry vermisst hatte. Den ganzen Sommer über war es wie eine Barriere gewesen, die mich daran gehindert hatte, an ihn zu denken.

    Harrys Sicht:
    Und dann sah ich endlich diese wunderschönen grünen Augen wieder. Ich glaubte, ich könnte darin für immer versinken. Liv umarmte mich und eine angenehme Wärme breitete sich in mir aus. Jeden Tag dieses Sommers hatte ich an sie gedacht. Hatte mich gefragt, was sie wohl gerade machte. Nachdem sie uns von ihren Eltern erzählt hatte, war ich besorgt um sie gewesen, doch als ich sie gefragt hatte, wie sie denn die Ferien mit ihrem strengen Vater überstehen würde, hatte sie nur mit einem Lächeln geantwortet. Und nun war sie hier und ich wünschte, dieser Moment würde ewig dauern.

    Olivias Sicht:
    „Also Harry, jetzt erzähl mal. Was ist denn passiert?“, fragte ich. Harry erzählte uns, von der Warnung eines Hauselfs namens Dobby und einer Katastrophe mit einem Veilchennachtisch. Wir schwiegen alle nachdenklich, als Harry geendet hatte. „Eine ganz faule Geschichte“, meinte Fred schließlich. „Ziemlich fies.“, ergänzte George, „Und er wollte dir nicht mal sagen, wer an dieser Geschichte Schuld ist?“ Harry schüttelte den Kopf. „Ich glaube er konnte nicht.“, meinte er dann. „Jedes Mal, wenn er beinahe etwas verraten hätte, hat er seinen Kopf gegen die Wand geknallt.“ Ruckartig zuckte ich zusammen. Irritiert sah Harry zu mir herüber. „Was ist, Liv?“ „Ich glaube, dass jemand Dobby geschickt hat, um dich davon abzuhalten, zurück nach Hogwarts zu gehen. Hauselfen haben eigene magische Kräfte, aber ohne eine Erlaubnis ihres Herrn können sie die nicht einsetzen. Jemand fand das wohl sehr lustig. Das kann eigentlich nur jemand gewesen sein, der etwas gegen dich hat, Harry.“ „Draco Malfoy!“, sagte Ron. Doch Harry fragte mich: „Woher weißt du soviel darüber, Liv?“ „Meinem Vater gehören über zwanzig Hauselfen.“ „Wow!“, meinte George. „Gar nicht wow! Es ist schrecklich und die Hauselfen tun mir so leid.“ Erstaunt starrte Ron mich an. „Aber du bist doch reinblütig...!“ „Deshalb muss ich aber nicht ein Hauselfenverachtendes Monster, wie mein Vater, sein!“ Ich erstarrte, als ich bemerkte, was ich gerade gesagt hatte. Die Jungs sahen mich erschrocken an. Schweigend setzte ich mich wieder. Nach einer Weile nahmen sie das Gespräch wieder auf und George fragte Harry: „Draco Malfoy? Doch nicht Lucius Malfoys Sohn?“ Harry zuckte mit den Schultern und meinte: „Das muss er wohl sein, denn der Name Malfoy kommt nicht all zu oft vor.“ Doch auch ich hörte bei dem Namen Lucius Malfoy auf. Ich versuchte mich zu erinnern und da fiel es mir ein.

    Mein Vater redete oft über Lucius Malfoy, ich nahm an, dass sie sich durch die Arbeit im Zaubereiministerium kannten. Daraus ließ sich auch schließen, dass Malfoy senior ein weiterer Anhänger Voldemorts war. Fred riss mich aus meinen Gedanken, als er sagte: „Und als Du-weißt-schon-wer verschwunden ist, ist Lucius Malfoy zurückgekehrt und hat behauptet, er habe es nicht so gemeint. Totaler Mist! Dad meint, er hätte zum engsten Kreis von Du-weißt-schon-wem gehört.“ Offenbar hatte ich durch meine Suche nach Erinnerungen vergessen, zuzuhören. „Keine Ahnung, ob die Malfoys einen Hauselfen haben...“, meinte Harry. Ich spähte durch die Windschutzscheibe und sagte dann: „Da vorn ist die Hauptstraße... In knapp zehn Minuten sind wir da.“ Unter uns konnte ich ein kleines Dorf entdecken. Als ich Harrys fragenden Blick bemerkte, sagte ich: „Das ist Ottery St. Catchpole.“ Er nickte und schwieg. In der Ferne konnte dich schon das krumme Dach und die fünf Schornsteine vom Fuchsbau erkennen. Ich musste lächeln. Ich konnte es kaum erwarten, bis wir gelandet waren. Harry bestaunte Rons Heim. Doch dann lief Ron plötzlich kotzgrün an. Wir wirbelten herum und ich war wie erstarrt. Mrs. Weasley kam über den Hof marschiert und scheuchte dabei links und rechts die Hühner auf. Und dabei hatte sie etwas von einem Säbelzahntiger. „Ah“, meinte Fred. „Das darf doch jetzt bitte nicht wahr sein!“, fluchte George.

    Mrs. Weasley blieb vor uns stehen, stemmte demonstrativ die Ame in die Hüften und sah uns in die schuldbewussten Gesichter. „So“, meinte sie gefährlich leise. „Morgen, Mum.“, sagte George und versuchte unbekümmert und einschmeichelnd zu klingen. „Könnt ihr euch vorstellen, wie viele Sorgen ich mir um euch gemacht habe.“, zischte sie giftig. Dabei sah sie aber nur ihre drei Söhne an. Harry und mich nahm sie nicht zur Kenntnis. „Tut uns Leid, Mum, aber wir mussten...“ Fred, George und Ron waren zwar größer als Mrs. Weasley, aber unter ihren Worten schrumpften sie förmlich zusammen. „Die Betten leer“ Keine Nachricht! Der Wagen war weg, vielleicht gegen einen Baum gefahren, ich war fast verrückt vor Sorge- Meiner Lebtage ist mit sowas noch nie- wartet ihr nur, bis euer Vater nach Hause kommt, niemals haben Bill, Charlie oder Percy solchen Kummer gemacht...“ Ich bewunderte Mrs. Weasley für ihre innere Ruhe, denn mein Vater hätte garantiert andere Seiten aufgezogen. „Perfekter Percy...“, murmelte Fred. „VON PERCY KÖNNTET IHR EUCH EINE SCHEIBE ABSCHNEIDEN!“ Dann begann sie, ihre Söhne zur Rechenschaft zu ziehen und alle drei mussten ein Donnerwetter über sich ergehen lassen. Ich hätte Mrs. Weasley nur allzu gerne gesagt, dass es meine Schuld war, aber ich war mir sicher, sie hätte mir entweder nicht geglaubt oder mir gar nicht zugehört. Schließlich wandte sie sich dann aber doch Harry zu und ich bemerkte, dass er ein klein wenig vor ihr zurückwich. „Ich freu mich so sehr dich zu sehen, Harry.“ Dann musterte sie auch mich kurz und sagte dann: „Kommt doch rein zum Frühstück!“ Mrs. Weasley wandte sich um und ging ins Haus. Ich nickte Harry aufmuntert zu, dann folgten wir ihr.

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    10. Kapitel

    Bewundert sah Harry sich in der Küche der Weasleys um und setzte sich danach an den Küchentisch. Während Mrs. Weasley am Herd hantierte, setzte ich mich auf den Stuhl neben Harry und sagte: „Alles Gute zum Geburtstag, Harry!“ Ein leichtes Lächeln erschien auf seinem Gesicht, dann erwiderte er: „Danke. Dir auch alles Gute zum Geburtstag nachträglich!“ Ich grinste. Jetzt kam Mrs. Weasley auf uns zu und schaufelte Harry acht Würstchen auf den Teller. Dabei grummelte sie immer wieder vor sich hin und warf ihren Söhnen bitterböse Blicke zu. Ich konnte sie gerade noch davon abhalten, mir die gesamte Pfanne mit den restlichen Würstchen auf den Teller zu geben.

    In diesem Augenblick bemerkte ich Ginny, die in ihrem langen Nachthemd in die Küche gehüpft kam, einen leisen Schrei von sich gab und dann sofort wieder hinter der Tür verschwand. „Das ist Ginny.“, sagte ich zu Harry, der sie auch bemerkt hatte. „Meine Schwester. Den ganzen Sommer über redet sie nur von dir.“, erklärte Ron ihm. „Sie wird ein Autogramm von dir wollen, Harry.“, sagte Fred feixend, doch Mrs. Weasley warf ihm einen kalten Blick zu und er machte sich wieder stumm über seinen Teller her. Ich merkte, dass Harry das wirklich unangenehm war. „Mensch, bin ich müde“, gähnte Fred, „Ich glaub, ich geh jetzt ins Bett...“ Doch seine Mutter machte ihm einen Strich durch die Rechnung. „Oh nein, das könnte dir so passen! Ihr werdet jetzt für mich den Garten entgnomen. Dort geht es nämlich schon wieder drunter und drüber!“

    Sie zog einen dicken Wälzer aus dem Kaminsims und ich hörte George aufstöhnen. Ich bemerkte den Einband des Buches, denn dort stand in verschlungenen vergoldeten Lettern: Gilderoy Lockharts Ratgeber für Schädlinge in Haus und Hof. Und auf dem Umschlag prangte das riesige Bild eines gut aussehenden Zauberers mit blonden Haaren und hellblauen Augen. Natürlich bewegte sich das Foto und Gilderoy Lockhart zwinkerte uns verschmitzt zu. Ich konnte diesen Typen jetzt schon nicht ausstehen! „Ach, er ist ein wunderbarer Mann, er kennt sich mit Haushaltschädlingen aus, da könnt ihr Gift drauf nehmen, ein wirklich fabelhaftes Buch!“, schwärmte Mrs. Weasley. „Mum steht auf Gilderoy Lockhart.“, flüsterte George laut und deutlich. „Jetzt machst du dich aber lächerlich, George.“, sagte Mrs. Weasley, aber ich konnte deutlich sehen, wie sie rot anlief. „Na gut, wenn ihr glaubt, ihr könntet es besser als Lockhart, dann versucht`s, aber wenn ich danach in den Garten komme, will ich nicht den kleinsten Gnom mehr sehen!“ Wir gingen alle zusammen in den Garten und begannen damit, zu entgnomen. Harry war fasziniert, doch bald fiel ihm auf, dass die Gartengnome fiese und undankbare Kreaturen waren. Und ich bemerkte mal wieder, dass ich mich bei den Weasleys (genau wie in Hogwarts) wirklich Zuhause fühlte. Da musste ich wieder lächeln.

    11
    11. Kapitel

    Im Fuchsbau fühlte ich mich Zuhause und ich konnte mir vorstellen, dass es Harry genauso ging. Dieses Haus faszinierte mich und es wurde nie langweilig. Zum Beispiel gab es da den sprechenden Spiegel, der über dem Kaminsims hing und immer lautstark Kommentare über die getragenene Kleidung äußerte. Mir machte er manchmal ein Kompliment, das sich dann in etwa so anhörte: „Endlich ist hier mal etwas Glanz in diesem Schweinestall!“, oder „Etwas nicht Verdrecktes und Schmutziges! Ein Wunder!“ Dann gab es da auch noch einen Ghul, der unter dem Dach lebte und jedesmal, wenn er fand, dass das Haus zu ruhig war, ein ohrenbetäubendes Gejaule von sich ließ. Die Nachmittage verbrachte ich meistens damit, auf meiner brandneuen Gitarre zu spielen und ich wollte nicht ohne Stolz behaupten, dass ich bald einige Lieder spielen konnte.

    Eine knappe Woche nach Harrys Ankunft im Fuchsbau, erhielten wir Briefe aus Hogwarts. Als Ron und Harry die Treppe herunterkamen, saßen Mrs. Weasley, Ginny und ich bereits am Frühstückstisch. Als Ginny Harry sah, stieß sie ihre Haferbreischüssel vom Tisch, die klirrend auf dem Boden landete und sie tauchte mit rotem Kopf unter den Tisch ab. Nachdem sie die Schale aufgehoben hatte und wieder hervorkam, glühte ihr Gesicht wie der Sonnenaufgang. „Hier sind Briefe aus der Schule“, sagte Mr. Weasley und reichte Harry, Ron und mir einen Pergamentumschlag mit grüner Tinte. Erwartungsvoll riss ich ihn auf. In diesem Moment kamen auch Fred und George in die Küche und Mr. Weasley drückte ihnen ebenfalls zwei Briefe in die Hände. Nun lasen wir alle und ein paar Minuten herrschte absolute Stille. In meinem Brief stand, ich solle wie normalerweise am ersten Sptember vom Bahnhof King`s Cross den Hogwarts-Express nehmen. Daneben lag auch eine Liste mit den Bücher, die ich für das zweite Schuljahr brauchen würde:

    Schüler der zweiten Klasse benötigen:
    Miranda Habicht: Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 2
    Gilderoy Lockhart: Tanz mit einer Todesfee
    Gilderoy Lockhart: Gammeln mit Ghulen
    Gilderoy Lockhart: Ferien mit Vetteln
    Gilderoy Lockhart: Trips mit Trollen
    Gilderoy Lockhart: Abstecher mit Vampiren
    Gilderoy Lockhart: Wanderungen mit Werwölfen
    Gilderoy Lockhart: Ein Jahr bei einem Yeti

    Bei dieser Liste bekam ich ja einen Brechreiz! Ich sollte mir wirklich die Bücher von diesem blonden Schönling durchlesen? George hatte inzwischen auf meine Liste gesehen und Fred sagte jetzt: „Ihr müsst ja auch alle Bücher von Lockhart besorgen!“ George fügte hinzu: „Der neue Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste ist garantiert ein riesiger Fan von ihm, wetten es ist eine Hexe!“ Im selben Moment fing er den Blick seiner Mutter ein und er wandte sich wieder der Marmelade zu. „Das wird aber nicht gerade billig“, meinte er dann. Fred nickte und sagte: „Die Bücher von Lockhart sind ziemlich teuer!“ „Schon gut, wir schaffen das“, meinte Mrs. Weasley, aber ich glaubte in ihrem Blick Besorgnis zu sehen. „Ich glaube wir können viele Schulsachen von Ginny aus zweiter Hand kaufen.“ „Du kommst dieses Jahr auch nach Hogwarts?“, frage Harry Ginny und sie nickte. Ihr Gesicht war mittlerweile so rot wie ihre flammend rot-orangen Haare und sie setzte ihren Ellbogen in die Butterschale. Glücklicherweise bekam das niemand außer mir mit, denn Percy kam gerade und wünschte einen guten Morgen. Dann setzte er sich auf den einzig freien Stuhl, doch sprang sofort kreischend wieder auf, denn er hatte sich auf ein graues, zerfledertes Etwas gesetzt. „Errol!“, rief Ron und band der Eule einen Brief vom Bein. „Der ist von Hermine!“, erklärte er, „Ich hab ihr einen Brief geschrieben, dass wir dich von den Dursleys holen wollen.“ Er faltete den Brief auseinander und Harry und ich beugten uns über seine Schulter, um mitlesen zu können. Im Brief stand:

    Lieber Ron, liebe Liv, und lieber Harry, falls du da bist,
    ich hoffe, dass alles gut gelaufen und Harry okay ist. Und natürlich, dass ihr nichts Ungesetzliches getan habt, Ron und Liv, denn dann wäre auch Harry in Schwierigkeiten. Ich mache mir wirklich Sorgen, und falls es es Harry gut geht, lasst es mich sofort wissen. Aber vielleicht wäre es doch besser, wenn ihr eine andere Eule nehmt, denn ich glaube, dass noch ein Botenflug ihr den Garaus machen würde. Natürlich bin ich sehr viel mit den Schularbeiten beschäftigt-

    „Wieso das denn?“, fragte Ron absolut entsetzt, „Wir haben doch Ferien!“ Ich verdrehte die Augen über Rons Aussage. Meine eigenen Schuarbeiten hatte ich schon Zuhause erledigt, denn was hätte ich auch anderes tun sollen?

    - und nächsten Mittwoch gehen wir nach London, die neuen Bücher kaufen, wir können uns in der Winkelgasse treffen, wenn ihr wollt.
    Sagt mir, sobald ihr könnt, was los ist.
    Alles Liebe, Hermine

    „Nun, das passt ja ganz gut, dann können wir auch eure Schulsachen besorgen“, sagte Mrs. Weasley und begann den Tisch abzuräumen. „Und was habt ihr heute vor?“ Wir grinsten. Fred, George, Ron, Harry und ich wollten zu einer Pferdekoppel auf dem Hügel hinter dem Haus. Sie war von Apfelbäumen umgeben, die die Sicht zum Dorf abhielten und deshalb konnten wir dort Quidditsch spielen. Besser gesagt, die Zwillinge, Harry und Ron. Ich wollte ein neues Lied auf der Gitarre einstudieren, doch ich lieh ihnen meinen Nimbus 2000, da Rons alter Shooting Star sogar von Schmetterlingen überholt wurde. Fünf Minuten später schlenderten wir also den Hügel hinauf. Die Jungs spielten mit Äpfeln statt mit den Quidditsch-Bällen und ich setzte mich ins Gras und dachte über einen Songtext nach.

    Doch dabei driftete ich immer weiter ab und erinnerte mich an mein letztes Schuljahr. Wie ich nach Hogwarts gefahren war und ich Harry, Ron und Hermine kennengelernt hatte, die Auswahlzeremonie mit dem Sprechenden Hut. Er hatte mir die Wahl gelassen, da er meinte, ich hätte von allen Häusern Eigenschaften. Schließlich hatte ich mich für Gryffindor entschieden. Und da war dieser Satz des Hutes gewesen: Vergiss nie, wer du bist! Plötzlich durchfuhr mich ein Geistesblitz. Davon sollte mein Lied handeln. Wer ich war und was mich ausmachte. Probeweise probierte ich mit einigen Akkorden auf der Gitarre herum, doch dann versuchte ich still zu sein und mir eine Melodie in meinem Kopf zu bilden, mit der ich den Liedtext in Verbindung bringen wollte. Ich summte etwas vor mich hin, bis ich den perfekten Rythmus gefunden hatte. Dabei musste ich allerdings versuchen, das goldene Aufleuchten meiner Hand zu verstecken und unterdrücken. Jetzt musste ich nur noch einen Text dichten...

    12
    12. Kapitel

    Am folgenden Mittwoch weckte uns Mrs. Weasley schon recht früh. In mir hatte sich schon richtige Vorfreude auf den Tag in der Winkelgasse ausgebreitet. Nachdem jeder von uns ein halbes Dutzend Schinkenbrote verdrückt hatte, nahm Mrs. Weasley den Blumentopf vom Kaminsims und sah hinein. „Es ist nicht mehr viel da...“, murmelte sie, „Arthur, wir kaufen heute welches nach. Nach dir, Harry!“ Sie hielt Harry den Blumentopf unter die Nase. „W-Was soll ich tun?“, stammelte Harry. „Er ist noch nie mit Flohpulver gereist“, meinte Ron und sagte dann: „Hab’ nicht mehr dran gedacht!“ „Sieh doch erstmal uns zu, Harry!“, sagte Fred. Er griff in den Blumentopf, ging hinüber zum Kamin und sagte laut und deutlich: „Winkelgasse!“ Im nächsten Moment war er vom Feuer auch schon fortgerissen worden. Als nächstes verschwand George im Feuer und ich sah Mrs. Weasley fragend an. „Darf ich-...“ „Natürlich!“, erwiderte Mrs. Weasley. Ich griff in den Blumentopf und fühlte die kleinen Körner in meiner Handfläche. Ich trat zum Kamin, stellte mich hinein und rief: „Winkelgasse!“ Sofort schossen grüne Flammen empor und alles begann sich zu drehen.

    Als das Gedrehe endlich aufhörte, stieg ich mit zitternden Knien aus dem Kamin. Ich sah mich um und erkannte sofort die altbekannte Zaubererschenke, die den Namen „Der tropfende Kessel“ trug. Fred und George waren auch schon gelandet. Plötzlich hörte ich wieder das Geräusch, dass das Aufflackern der Flammen verursachten und ich trat rasch zur Seite. Der nächste Weasley, der aus dem Kamin stolperte war Ron. Dann folgte Percy (der alte Besserwisser), Mr. Weasley und schließlich Mrs. Weasley mit Ginny an der Hand. Mrs. Weasley sah sich püfend um und fragte dann: „Wo ist Harry?“ Schockiert stellten wir fest, dass Harry wirklich der Einzige war, der fehlte. „Wir müssen ihn suchen!“, meinte ich panisch, „Wer weiß, wo er gelandet ist!“ Mr. Weasley gab mir Recht, wir gingen zur Mauer hinter dem Tropfenden Kessel und Mr. Weasley tippte hektisch mit seinem Zauberstab gegen die Mauersteine. Im nächsten Moment bewegten sich die Steine zur Seite und bildeten den Durchgang zur Winkelgasse. Viel hatte sich seit dem letzten Mal nicht verändert. Die Geschäfte standen schief und krumm und ich war mir sicher, dass sie nur dank Magie noch nicht zusammengebrochen waren. Überall waren Schaufenster mit magischen Neuheiten, doch wir achteten nicht darauf. Suchend blickten wir uns um, doch wir konnten Harry nicht entdecken. „Wir sollten uns aufteilen“, sagte Mr. Weasley. „Liv und ich gehen da lang!“, meinte Ron und zeigte nach rechts. Dann nickte er mir zu und wir rannten los, wobei ich darauf bedacht war, niemanden umzurennen, während Ron schon mehrere Hexen über den Haufen gerannt hatte.

    Vor uns konnten wir jetzt das Bankgebäude Gringotts sehen. Und zwischen den weißen Säulen vor dem Eingang stand eine Hexe mit braunen bauschigen Haaren, die gerade jemanden zuwinkte. Ich stieß Ron an und sagte: „Ist das nicht Hermine?“ Er nickte und fügte hinzu: „Und da ist ja auch Harry. Und Hagrid ist auch hier!“ Schnell rannten wir hinüber zu den dreien. Schließlich hatte Hermine uns bemerkt und winkte wie verrückt. Inzwischen waren auch Fred, George, Percy und Mr. Weasley wieder zu uns gestoßen. Mine kam mir jetzt entgegengestürzt und ich schloss sie sofort in die Arme. „Mine!“ „Liv! Wie schön dich zu sehen!“, meinte sie erfreut. Mr. Weasley sagte jetzte keuchend: „Wir haben gehofft, dass du nur einen Kamin zu weit geflogen bist!“ „Wo bist du rausgekommen, Harry?“, fragte ich. „Nokturngasse“, brummte Hagrid. „Phantastisch“, meinten Fred und George wie aus einem Mund. „Da dürfen wir nie hin!“, sagte Ron neidisch. „Ich frage mich wieso.“, sagte ich ironisch. In diesem Moment kam auch Mrs. Weasley mit Ginny an der Hand in Sicht, die Harry sofort wieder in eine innige Umarmung zog. Nachdem Mrs. Weasley sich circa tausendmal bei ihm bedankt hatte, wünschte uns Hagrid noch einen Tag und verschwand dann.

    „Ratet mal, wen ich bei Borgin und Burkes gesehen habe?“, fragte Harry, während wir die vielen Treppenstufen zum Eingang von Gringotts erklommen. Ich sah ihn fragend an. „Malfoy und seinen Vater.“ „Hat Lucius Malfoy etwas gekauft?“, kam es von Mr. Weasley, wie aus der Pistole geschossen. „Nein“, Harry schüttelte den Kopf, „Er hat verkauft-...“ „Er macht sich also Sorgen!“, meinte Mr. Weasley mit einem grimmigen Gesichtsausdruck, „Oh, nur all zu gerne würde ich Lucius Malfoy wegen irgendetwas drankriegen!“ „Sei bloß vorsichtig, Arthur“, meinte Mrs. Weasley, „Die Familie Malfoy bedeutet nur Ärger!“ Jetzt hielten uns zwei Empfangskobolde die Türen auf und wir sahen die riesige Eingangshalle Gringotts vor uns. Mine kam mit einem Paar auf uns zu und stellte uns ihre Eltern Mr. und Mrs. Granger vor. Mr. Weasley war komplett aus dem Häuschen, als Mr. Granger gerade das Muggelgeld in einige Galleonen und Sickel eintauschte. „Oh, Molly, sieh mal, Muggelgeld!“ Er zeigte auf die Zehnpfundscheine in Mr. Grangers Hand. „Wir treffen uns hier wieder“, sagte ich zu Mine, als ein Kobold an uns herantrat, um die Weasleys, Harry und mich zu unseren unterirdischen Verliesen zu führen.

    Wir fuhren auf kleinen Karren hinunter zu den Verliesen. Doch als der Kobold das Verlies der Weasleys öffnete, wurde mir ganz komisch zu Mute. Im Inneren des Verlieses lagen ein winziger Haufen aus silbernen Sickeln und daneben eine einzige goldene Galleone. Mrs. Weasley tastete alle vier Wände des Verlieses ab, bevor sie das gesamte Geld in ihre Tasche schob. In diesem Moment war mir wirklich nach Heulen zumute. Die Weasleys waren im Verleich zu mir arm wie Kirchenmäuse! Ich hatte sogar ein eigenes Verlies und ich schämte mich jetz schon deswegen. Bei Harrys Verlies blieb ich im Wagen sitzen, doch dann waren wir bei meinem Verlies und der Kobold schob den silbernen Schlüssel, der mit verschiedenen Ornamenten und grünen Steinen besetzt war, ins Schloss. Hastig stand ich auf und rannte ins Verlies. Hinter meinem Rücken konnte ich Ron „Krass!“, flüstern hören. Und es stimmte. Mein Verlies war bis unter die Decke voller Galleonen gefüllt. Rasch schaufelte ich mir zehn volle Hände mit Galleonen in die Tasche, die ich mitgebracht hatte. Jetzt fühlte ich mich noch schlechter als vorher. Ich hätte den Weasleys gerne etwas von einem Geld geschenkt, doch ich wusste, dass Mr. und Mrs. Weasley das niemals annehmen würden.

    Wieder draußen auf den Marmorstufen angelangt, trennten wir uns. Percy murmelte, er bräuchte einen neuen Federkiel, Fred und George hatten Lee Jordan getroffen und sich sofort verabredet, Mrs. Weasley und Ginny gingen zu einem Laden mit gebrauchten Umhängen. „Wir treffen uns alle in genau einer Stunde bei Flourish & Blotts, um eure Schulbücher zu kaufen!“, rief Mrs. Weasley und ging mit Ginny davon. „Und ja keinen Schritt in die Nokturngasse!“, rief sie den Zwillingen noch hinterher. Harry, Ron, Hermine und ich schlenderten gemütlich durch die gepflasterte Gasse mit den vielen Windungen. Bei der ersten Gelegenheit kauften wir uns jeweils eine Eistüte mit zwei Eiskugeln. Ich hatte Blutorange und Drachenfrucht, Ron Schokolade und Himbeere, Mine Apfel und Jogurt und Harry Erdbeere und Erdnussbutter. Glücklich schleckten wir an unserem Eis, während wir die Gasse entlangbummelten und die verschiedenen Auslagen betrachteten. Ron blickte fasziniert auf eine komplette Umhanggarnitur von Potz und Blitz im Schaufenster von Qualität für Quidditsch, während ich die Augen verdrehte und Hermine ihn schließlich weiterschleifte, weil wir nebenan noch unbedingt Tinte und Pergament kaufen wollten. Die Zwillinge und Lee trafen wir bei Freud und Leid - Laden für Zauberscherze, die sich gerade mit „Dr.Filibusters Fabelhaftem Nass zündendem Hitzefreiem Feuerwerk“ eindeckten. Ich musste grinsen. Ich war schon gespannt, wann sie das Feuerwerk das erste Mal einsetzen würden!

    Eine Stunde später machten wir uns auf den Weg zu Flourish & Blotts. Wir waren allerdings keineswegs die Einzigen, die in den Buchladen wollten. Als wir um die Ecke bogen, stellten wir nämlich überrascht fest, dass vor der Tür über fünf Dutzend Hexen und Zauberer standen, die alle versuchten, in den Laden zu gelangen. Der Grund dafür war auf einem großen Banner zu lesen, das über die Fenster im ersten Stock gespannt war:

    GILDEROY LOCKHART
    signiert seine Autobiographie
    ZAUBERISCHES ICH
    heute von 12:30 Uhr bis 16:30 Uhr

    Genervt stöhnte ich innerlich auf. Wieso glaubten die Leute, dass dieser Gilderoy Lockhart (der absolut aufgesetzteste Schönling, den ich jemals gesehen hatte) diese ganzen Taten wirklich vollbracht hatten? Mine war offensichtlich auch im Lockhart-Fieber, denn sie rief begeistert: „Wir können ihn hier treffen! Immerhin hat er fast alle Bücher auf unserer Liste geschrieben!“ Das konnte doch nicht wahr sein! Sogar Mine fiel auf ihn herein! Trotzdem quetschte ich mich zusammen mit meinen Freunden hinein. Eine lange Schlange wand sich bis ans andere Ende des Ladens. Dort signierte Lockhart gerade seine Bücher. Wir nahmen uns jeweils einen Band von Abstecher mit Vampiren (ich nur mit größtem Widerwillen) und stahlen uns zu den Weasleys und Mr. und Mrs. Granger nach vorne. „Ach, da seid ihr ja.“, meinte Mrs. Weasley und zupfte dabei ständig an ihrer Frisur herum (mir fiel außerdem auf, dass sie etwas atemlos klang). „Gleich können wir ihn sehen...“ Allmählich kam jetzt wirklich Gilderoy Lockhart in Sicht, er saß an einem Tisch, umgeben von riesigen Porträts, die ihn selbst zeigten. Alle zwinkerten und er lächelte ein richtiges Zahnpasta-Lächeln mit seinen blendend weißen Zähnen in die Menge. Der echte Lockhart hingegen trug einen vergissmeinnichtblauen Umhang, der perfekt zu seinen Augen passte. Ich musste augenblicklich versuchen, nicht vor Ekel zu kotzen. Ein kleiner, ärgerlich dreinblickender Mann sprang umher und schoss mit einer großen schwarzen Kamera, die bei jedem blendenden Blitz eine purpurrote Rauchwolke ausstieß, Fotos. „Aus dem Weg“, schnauzte der Mann Ron an und trat dabei auf seinen Fuß. „Ich bin vom Tagespropheten.“ „Na, wenn das so ist.“, sagte Ron und rieb sich seinen Fuß.

    Gilderoy Lockhart hatte Ron offenbar gehört, denn er blickte auf. Er sah Ron - und dann sah er Harry. Er starrte Harry an, was ich ziemlich unheimlich fand, und dann rief er lauthals: „Das ist doch nicht etwa Harry Potter?“ Jetzt tat Harry mir wirklich Leid, denn die Menge teilte sich jetzt und verfiel sofort in aufgeregtes Flüstern. Lockhart machte einen Satz auf Harry zu, packte ihm am Arm und schob ihn nach vorne. Das Publikum brach augenblicklich in Beifall aus. Im nächsten Moment konnte ich Harry aber nicht mehr sehen, denn der Fotograf knipste wie wild Fotos und hüllte uns damit roten Rauch. Das Publikum jubelte immer noch, doch dann bat Lockhart mit einer Handbewegung um Ruhe und rief: „Meine Damen und Herren, was für ein außergewöhnlicher Augenblick für mich! Dies ist der rechte Moment für eine kleine Ankündigung, die ich schon seit einiger Zeit loswerden will. Als der junge Harry heute Flourish & Blotts betrat, wollte er nur meine Autobiographie kaufen - die ich ihm natürlich gerne schenken werde - und er hatte keine Ahnung, dass er in Kürze sehr viel mehr als mein Buch Zauberisches Ich bekommen würde. Er und alle seine Mitschüler werden nämlich mein wirkliches zauberisches Ich bekommen. Ja, meine Damen und Herren, mit ausgesprochenem Stolz und Vergnügen darf ich ankündigen, dass ich diesen September die Stelle des Lehrers für Verteidigung gegen die dunklen Künste an der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei antreten werde!“ Mein Kinn klappte herunter. Dieser schmierige Typ von Lockhart konnte doch nicht unser neuer Lehrer sein! Doch Mine jubelte und sie schien sich wirklich zu freuen.

    Harry kam inzwischen mit den geschenkten Büchern auf uns zu. Ginny stand neben mir mit ihrem neuen Kessel und Harry warf die Bücher in ihren Kessel. „Die kannst du haben. Meine kauf ich mir-...“ „Wette, das hat dir gefallen, Potter?“, fragte eine arrogante Stimme hinter uns. Mit einem innerlichen Stöhnen drehte ich mich um und starrte direkt in das Gesicht von Draco Malfoy. Er hatte wie üblich sein hämisches Grinsen aufgesetzt. „Der berühmte Harry Potter kann nicht mal in eine Buchhandlung gehen, ohne auf dem Titelblatt zu landen.“ „Lass ihn in Frieden, er hat das doch gar nicht gewollt!“, sagte Ginny. Zornig starrte ich Malfoy jetzt an, denn Ginny hatte recht. „Potter, du hast ja eine Freundin!“, schnarrte Malfoy. Ginny lief scharlachrot an, während Hermine und Ron sich zu uns durchkämpften, beide bepackt mit Büchern von Lockhart. „Oh, du bist es.“, sagte Ron und betrachtete Malfoy, als ob er etwas Ekliges an der Nase hätte. „Wette, du bist überrascht, Harry zu sehen?“ Jetzt musste ich grinsen. „Mehr darüber, dich in einem Buchladen zu sehen, Weasley! Ich nehme mal an, deine Eltern werden einen ganzen Monat lang hungern müssen, um das ganze Zeug überhaupt bezahlen zu können.“ Das Grinsen auf meinem Gesicht erstarb. „Nicht jeder ist so ein stinkreicher, arroganter, verzogener Bengel wie du, Malfoy!“, zischte ich. „Wenigstens gebe ich mich nicht mit Blutsverrätern ab, Rosier!“, erwiderte er.

    Ron lief puterrot an und wollte sich jetzt auf Malfoy stürzen, doch Harry und Hermine hielten ihn fest. „Ron“, sagte Mr. Weasley, der zusammen mit Fred und George auf uns zukam, „Was tust du da? Kommt, lasst uns rausgehen, das hier ist ja nur Unsinn.“ „Schön, schön, schön - Arthur Weasley.“ Das war Mr. Malfoy. Er stand da, die Hand auf Dracos Schulter gelegt und sah uns mit demselben höhnischen Blick wie sein Sohn an. „Malfoy“, sagte Mr. Weasley mit kalter Stimme. „Viel Arbeit im Ministerium, wie ich höre?“, sagte Mr. Malfoy. „Diese ganzen Hausdurchsuchungen... Ich hoffe doch, man bezahlt Ihre Überstunden?“ Er griff in Ginnys Kessel und zog zwischen den ganzen Lockhart-Büchern mit Hochglanzumschlägen ein altes, ramponiertes Exemplar von Verwandlungen für Anfänger hervor. „Offensichtlich nicht“, meinte er, „Meine Güte, was nützt es denn, eine Schande für die gesamte Zaubererschaft zu sein, wenn man nicht einmal gut dafür bezahlt wird?“ In meinem Bauch brodelte es bereits, als Mr. Weasley, der noch dunkler als Ron und Ginny angelaufen war, sagte: „Wir haben sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was eine Schande für die Zaubererschaft ist, Malfoy.“ „Eindeutig“, sagte Mr. Malfoy und er sah hinüber zu den Grangers, die den beiden Männern bei ihrer Auseinandersetzung zusahen. „Mit solchen Leuten geben Sie sich ab, Weasley und ich hatte gedacht, dass Ihre Familie nicht noch tiefer sinken könnte.“ Das Nächste, was folgte war ein metallisches Klingen, als Ginnys Kessel durch die Luft flog. Mr. Weasley stürzte sich auf Mr. Malfoy und warf ihn mit dem Rücken gegen ein Bücherregal. Dutzende von dicken Zauberbüchern klatschten auf ihre Köpfe. „Pack ihn, Dad!“, rief Fred, Mrs. Weasley kreischte: „Nein, Arthur, nein!“ Die Menge wich vor ihnen zurück und riss dabei noch mehr Bücherregale um. Plötzlich hörte ich eine laute Stimme rufen „Aufhören damit, meine Herren“. Hagrid watete durch das Meer aus Büchern und trennte Mr. Weasley von Mr. Malfoy. Mr. Weasley blutete an der Lippe und Mr. Malfoy hatte eine Enzyklopädie der Giftpilze ins Auge bekommen. Noch immer hielt er Ginnys Verwandlungsbuch in der Hand. Mit bösartigen Augen warf er es ihr entgegen. „Hier, Mädchen - nimm dein Buch - das ist alles, was dein Vater dir bieten kann-...“ Er befreite sich aus Hagrids Griff und verließ mit Draco arrogant den Laden.

    „Du hättest ihn gar nicht beachten dürfen, Arthur“, sagte Hagrid, „Verdorben bis in den Kern, die ganze Familie, das weiß doch jeder - einem Malfoy darf man niemals zuhören - böses Blut - kommt jetzt - lasst uns von hier verschwinden.“ Wir eilten sofort durch die Straßen und Mrs. Weasley zetterte: „Ein gutes Beispiel für deine Kinder, sich in aller Öffentlichkeit zu prügeln - was muss nur Gilderoy Lockhart gedacht haben-...“ „Er war zufrieden“, sagte George, „Er hat den Typen vom Tagespropheten gebeten, ja die Schlägerei nicht zu vergessen. Das sei die beste Werbung.“ Sobald wir im Tropfenden Kessel angekommen waren, verabschiedeten wir uns von den Grangers und Mine und reisten dann mit Flohpulver zurück zum Fuchsbau. Dies war ein aufregender Tag gewesen!

    13
    13. Kapitel

    Die Sommerferien gingen zu Ende, doch ich freute mich schon sehr auf mein zweites Schuljahr in Hogwarts, trotz Lockhart. Andererseits war der Monat im Fuchsbau der beste meines Lebens gewesen. Es fiel mir schwer, Ron nicht zu beneiden, wenn ich an mein Zuhause dachte. Klar, meine Familie war eine der reichsten Zauberfamilien Englands, doch im Fuchsbau herrschte etwas, dass ich von Zuhause nicht kannte. Hier gab es Zusammenhalt und Freundschaft, keine Langeweile... kurzum: ich liebte diesen Ort einfach!

    An unserem letzten Abend im Fuchsbau zauberte Mrs. Weasley ein üppiges Mahl aus all unseren Lieblingsspeisen, gekrönt von einem leckeren Siruppudding. Fred und George unterhielten uns mit einer kleiner Vorstellung ihres Filibuster-Feuerwerks ab. Dabei füllte sich die Küche mit blauen und roten Sternen, die eine halbe Stunde zwischen den Wänden und der Decke hin und her schossen. Danach gab es für jeden noch eine Tasse heißen Kakao und dann gingen wir ins Bett. Ginny beachtete mich nach wie vor nicht und mir fiel erst auf, dass wir die ganzen Ferien kein einziges Wort miteinander gewechselt hatten.

    Am nächsten Morgen brauchten wir recht lange, um in die Gänge zu kommen. Schon beim ersten Hahnenschrei wurden wir wach, doch alle hatten merkwürdigerweise noch ein Menge zu erledigen. Mrs. Weasley hetzte schlecht gelaunt herum und suchte Federkiele und Sockenpaare zusammen. Zur Hälfte angezogen und mit angebissenen Toastscheiben in den Händen rannten wir auf den Treppen ständig ineinander und Mr. Weasley hätte sich beinahe den Hals gebrochen, als er Ginnys Koffer über den Hof hinüber zum Auto schleppte und dabei über ein Huhn, das sich gerade einen Regenwurm aus dem Boden zog, stolperte. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie neun Personen, sieben riesige Koffer, zwei Eulen und eine Ratte in einen kleinen Ford Anglia passen sollten. Mit Mr. Weasleys Sonderausstattung hatte ich nicht gerechnet. „Kein Wort davon zu Molly“, flüsterte er Harry und mir zu, als er den Kofferraum öffnete und wir sahen, dass er magisch vergrößert war, sodass alle Koffer problemlos hineinpassten. Als die Zwillinge, Percy, Ron, Harry und ich endlich bequem auf der Rückbank saßen, sah Mrs. Weasley durch die Scheibe ins Wageninnere. „Die Muggel können doch mehr, als man ihnen zutraut, nicht wahr?“ Sie und Ginny setzten sich auf den Vordersitz, der sich auf die Größe einer Parkbank ausgedehnt hatte. „Von außen käme man nie auf die Idee, dass drinnen so viel Platz ist, oder?“

    Mr. Weasley startete den Motor und wir fuhren gemächlich über den Hof. Ich warf einen letzten Platz zurück auf den Fuchsbau. Doch plötzlich hielten wir mit einem Ruck an. Der Grund dafür: George hatte seine Kiste mit Filibuster-Feuerwerk vergessen! Fünf Minuten später kehrten wir mit quietschenden Reifen wieder um und Fred rannte um seinen Besen zu holen. Und wir waren schon auf der Autobahn als Ginny schreiend verkündete, dass sie ihr Tagebuch vergessen habe. Alle waren schon reichlich genervt, als Ginny mit ihrem Tagebuch wieder in den Wagen stieg. Mr. Weasley fuhr jetzt so schnell er konnte, denn wir waren wirklich spät dran. Um Viertel vor elf kamen wir endlich am Bahnhof King’s Cross an. Mr. Weasley rannte über die Straße um Gepäckkarren zu holen und im Laufschritt stürmten wir durch die Schalterhalle. Endlich kamen wir zwischen Gleis 9 und Gleis 10 an. „Percy geht als Erster“, meinte Mrs. Weasley, denn wir hatten nur noch fünf Minuten, bis der Zug abfuhr. Als Percy verschwunden war, rannten Fred und George durch die Absperrung und dann ich. Mit voller Kraft rannte ich durch die Wand und das Nächste was ich sah, war die rote Lok, der Hogwarts-Express. Rasch schlüpfte ich durch die Türen ehe sie sich schlossen. Jetzt musste ich nur noch Hermine finden!

    Ich hatte jetzt seit zehn Minuten in sämtliche Abteile gesehen und Mine immer noch nicht gefunden. Schließlich gab ich es auf und sah in das nächste Abteil. Dort saß nur eine einzige Person, ein Mädchen mit blonden Locken, die in eine Zeitschrift vertieft war. Ich klopfte gegen die Tür und sie sah auf. Ich lächelte sie an und fragte: „Entschuldige bitte, darf ich mich setzen?“ Mit einer verträumten Stimme antwortete sie: „Gerne.“ Ich betrat das Abteil und setzte mich ihr gegenüber. „Ich bin Olivia Rosier, aber du kannst mich Liv nennen, also, wenn du willst.“ Sie starrte mich aus klaren blauen Augen an, dann sagte sie mit ihrere verträumten Stimme: „Ich bin Luna Lovegood.“ Dann starrte sie mich weiter an. Irgendwann machte mich das nervös und ich fragte: „Wieso siehst du mich denn so an?“ „Du bist so interessant. Du wirkst geheimnisvoll, aber auch etwas nervös.“ Ich lachte. „Das können wir ja ändern.“ Sie lächelte ebenfalls dann sagte sie: „Also, ich bin Luna und komme in mein erstes Schuljahr.“ Ich beschloss mitzumachen und erwiderte: „Ich bin Liv, bin ab heute im zweiten Schuljahr und bin eine Gryffindor.“ „Du siehst aus wie jemand, der nach Gryffindor gehört.“ „Wie meinst du das?“, fragte ich verwundert. „Du wirkst so, als würdest du mutig handeln und immer auf dein Herz hören.“ „Wow, und in welches Haus willst du?“ „Eigentlich ist es mit egal, aber mein Mutter war in Ravenclaw, dort würde ich auch gerne hingehen.“ „Du siehst aus wie eine Ravenclaw“, meinte ich und grinste, „du bist garantiert kreativ und auch schlau.“ Wir begannen ein ausführliches Gespräch und ich mochte Luna jetzt schon. Doch draußen wurde es immer dunkler und wir zogen unsere Umhänge an. „Viel Glück, Luna!“, sagte ich und sie umarmte mich. Dann ging sie zu Hagrid, der die Erstklässler zu sich rief.

    Plötzlich hörte ich eine Stimme hinter mir, die rief: „Liv!“ Ich drehte mich um und Mine kam auf mich zu. „Mine!“, rief ich und wir umarmten uns. Dann zog sie mich zu einer Reihe voller Kutschen und drängte mich in eine hinein. Darin saßen schon Neville und Dean, die mich begrüßten. Doch ich gruselte mich etwas, denn jetzt fiel mir auf, dass die Kutschen von pferdeähnlichen Wesen gezogen wurden, die furchteinflößend waren. Ihr Kopf glich dem eines Drachen, der knochige Körper war mit einer schwarzen, ledrigen Haut überzogen war und am Rumpf befanden sich fledermausartige Flügel. Trotzdem sagte ich nichts und setzte mich neben Mine. Sie redete hauptsächlich und ich nickte nur, oder schüttelte eben den Kopf. Dann kamen wir im Schlosshof an. Alle Schüler stiegen aus den Kutschen und strömten in die große Halle. Dort angekommen, konnte ich wieder den Sternenhimmel an der Decke sehen und setzte mich neben Hermine an den Gryffindortisch. Dann entdeckte ich Professor McGonagall, die den dreibeinigen Stuhl und die Erstklässler hereinführte. Ich entdeckte Luna, die mir zuwinkte. Lächelnd winkte ich ihr zurück. Der Hut begann wie immer ein Lied über die vier Häuser und ihre Eigenschaften zu singen. Dann begann McGonagall die Namen auf der Liste vorzulesen. Als sie „Lovegood, Luna“ aufrief, drückte ich ihr die Daumen, dass sie nach Ravenclaw kam. Der Hut überlegte einige Sekunden, doch dann rief er laut: „RAVENCLAW!“ Ich klatschte wie wild, als Luna sich an den Nachbartisch setzte. Die nächsten zehn Minuten grübelte ich, denn ich fragte, wo Harry und Ron steckten. Ich hatte sie nämlich seit der Ankunft am King’s Cross nicht mehr gesehen. Doch dann riss mich Professor McGonagall aus den Gedanken, als sie laut „Weasley, Ginevra“ vorlas. Der Hut überlegte fünf Sekunden, dann rief er „GRYFFINDOR!“ Ihre Brüder klatschten wie wild und sie setzte sich an das Ende des Tisches.

    Dumbledore erhob sich und sagte laut: „Bevor wir mit dem Festmahl beginnen, werden wir uns ein Lied des Schulchors unter der Leitung Professor Flitwicks anhören!“ Die Slytherins stöhnten, als die Mitglieder des Chors, inklusive mir, erhoben und nach vorne gingen. Professor Flitwick machte einen Wink mit seinem Zauberstab und der Boden vor dem Lehrertisch wurde zu Stufen. Alle stellten sich darauf, ich nach ganz vorne. Mit einem weiteren Wink des Zauberstabs erschienen Notenblätter. Die ganze Halle war still, als der Chor den ersten Ton sang. In dem Lied, das Flitwick mit uns geprobt hatte, ging es um Freundschaft und Zusammenhalt. Alle sangen klar und deutlich, doch dann wurden die Stimmen leiser und Flitwick nickte mir zu. Ich sang jeden einzigen Ton ab jetzt alleine und Flitwick wirkte absolut entzückt. Falls es vorher in der Halle still gewesen war, so hätte man jetzt gehört, wenn jemand eine Stecknadel fallen lassen würde. Mein Solo zog sich bis zum Schluss hindurch und denn letzten Ton sangen alle gemeinsam. Brausender Applaus dröhnte von Tischen zu uns herüber (sogar von dem der Slytherins!) Alle setzten sich jetzt wieder auf ihren Platz und Dumbledore eröffnete das Festmahl.

    Während ich mir etwas von den Fleischpasteten auf meinen Teller tat und in meinen Kelch Kürbissaft goss, wandte sich Hermine mir zu. „Du hast großartig gesungen!“ „Danke!“, sagte ich. Fred und George auf der anderen Seite des Tisches sagten jetzt: „Du warst unglaublich. So etwas Schönes wie deinen Gesang haben wir noch nie gehört!“ „Du hast sogar die Slytherins zum Verstummen gebracht!“, meinte George noch. Ich grinste. „Danke, George.“ Ich bekam noch viele Komplimente wegen meines Solos, auch von den Ravenclaws und Hufflepuffs. Doch ich machte mir immer noch Sorgen um Harry und Ron, denn ich hatte die beiden, seitdem wir in King’s Cross angekommen waren, nicht mehr gesehen. Doch als ich Lee Jordan fragte, ob er die Beiden gesehen hätte, sagte er nur, dass es Gerüchte gäbe, dass sie mit einem fliegenden Auto gekommen waren. Ich war mir nicht sicher, was ich davon halten sollte.

    Hermine und ich gingen etwas später als die andern Gryffindors in den Gemeinschaftsraum, denn wir wollten versuchen, Harry und Ron zu finden. Als wir kurz vor dem Gemeinschaftsraum waren, konnten wir sie erkennen. „Passwort?“, fragte die fette Dame die Beiden gerade. „Ähm-...“ Wir rannten auf die Beiden zu. Endlich drehten sie sich um und Mine sagte: „Da seid ihr ja! Wo wart ihr denn?“ Und ich fügte hinzu: „Es gab die lächerlichsten Gerüchte! Jemand meinte, ihr seid rausgeflogen, weil ihr ein fliegendes Auto geschrottet habt.“ „Na ja, wir sind nicht rausgeflogen!“, versicherte uns Harry. „Sagt bloß, ihr seid tatsächlich hergeflogen?“, fragte Mine und klang dabei wie Professor McGonagall. „Spart euch den Vortrag und sagt uns lieber das Passwort.“, meckerte Ron unwirsch. „Es ist >Bartvogel<!“, meinte ich, doch Hermine fügte hinzu: „Aber darum geht’s jetzt nicht-...“ Sie wurde jedoch unterbrochen, als das Porträt der Fetten Dame zu Seite klappte und plötzlich ein Beifallssturm losbrach. Es schien, als wären noch alle Gryffindors wach. Im kreisrunden Gemeinschaftsraum standen sie eng aneinander gedrängt auf Tischen und Sofas und jubelten. Sie zogen Harry und Ron hinein und wir (das hieß, Hermine und ich) mussten hinterher klettern. „Klasse gemacht!“, rief Lee Jordan, „Genial! Einen Wagen in die Peitschende Weide zu fahren, darüber wird man noch in Jahren reden!“ Ich verdrehte nur genervt die Augen, als die anderen Gryffindors Harry und Ron feierten, denn ich war wirklich eine Person, die immer Gerechtigkeit verlangte, genau wie Mine. „Müssen wir uns das antun?“, fragte ich Mine. „Definitiv nicht!“, gab sie mir Recht. Wütend rief ich den beiden „Helden“ noch ein giftiges „Gute Nacht!“ zu, bevor Mine und ich im Schlafsaal verschwanden und einfach nur schlafen wollten.

    14
    14. Kapitel

    Am Tag darauf hatte ich mich immer noch nicht richtig beruhigt. Unter der magischen Decke, die heute in wolkig trübem Grau zu sehen war, ächzten die vier langen Haustische unter der Last aus Schüsseln voller Haferbrei, Platten voll geräuchertem Hering, Tellern voller Eiern und Schinken und Bergen aus Toastbrot. Ich saß neben Mine, die >Abstecher mit Vampiren< (Kotz!) aufgeschlagen hatte, als Harry und Ron in die große Halle kamen. Sobald sie sich neben uns setzten, begrüßte ich sie mit einem steifen „Morgen“, um ihnen auch ja zu zeigen, dass ich nicht mit der Art und Weise, wie die beiden nach Hogwarts gekommen waren, zufrieden war. Neville begrüßte sie jedoch fröhlich. Als ich mich über meine Schüssel mit Haferbrei gebeugt hatte, hörte ich ein lautes Rauschen über meinem Kopf und hunderte Eulen strömten in die große Halle. Ein klumpiges Paket prallte von Nevilles Kopf ab und landete in meiner Haferbrei-Schüssel. „Errol!“, sagte Ron und sah die Eule erstaunt an. „Nimm dieses Federvieh gefälligst aus meinem Frühstück!“, schnauzte ich ihn gereizt an. Meine Laune wurde durch soetwas auch nicht besser! Mit einem seltsamen Blick auf mich nahm Ron die bedröppelte Eule aus meinem Haferbrei. Errol sank ohnmächtig auf dem Tisch zusammen, einen feuchten roten Umschlag im Schnabel haltend. „Oh nein“, seufzte Ron. Ich wusste, was er meinte. Das war ein Heuler. Mein Vater hatte mir einen in meinem ersten Schuljahr geschickt, als ich nach Gryffindor statt Slytherin gekommen war. Fast empfand ich soetwas wie Schadenfreude. Jetzt bekamen Harry und Ron die gerechte Strafe für ihren Regelbruch!
    „Mach ihn auf“, drängte Neville, „In ein paar Minuten ist alles vorbei.“ Ron fummelte am Umschlag herum und im nächsten Moment dröhnte Mrs. Weasleys Stimme ohrenbetäubend laut durch die Halle: “...DEN WAGEN ZU STEHLEN - ES HÄTTE MICH KEIN BISSCHEN GEWUNDERT, WENN SIE DICH RAUSGEWORFEN HÄTTEN, WART DU NUR AB, BIS ICH DICH IN DIE FINGER KRIEGE, NATÜRLICH HAST DU NICHT DARAN GEDACHT, WAS DEUN VATER UND ICH DURCHMACHEN MUSSTEN, ALS WIR SAHEN, DASS DER WAGEN WEG WAR...“ Mrs. Weasleys Geschrei hallte gellend laut von den steinernden Wänden wieder und ließ die Teller und Löffel auf dem Tisch erzittern. Alle Köpfe in der Halle wirbelten herum, um zu sehen, wer den Heuler bekommen hatte. Ron versank so tief in seinem Stuhl, dass nur noch seine rote Stirn zu sehen war. “...BRIEF VON DUMBELDORE GESTERN ABEND, ICH DACHTE, DEIN VATER WÜRDE VOR SCHAM STERBEN, NACH ALLEM WAS WIR FÜR DICH GETAN HABEN, HARRY UND DU, IHR HÄTTET AUCH DEN HALS BRECHEN KÖNNEN...“ Ich hatte mich schon gefragt, wann Harrys Name fallen würde. “...EINE UNGLAUBLICHE SCHANDE, DEIN VATER HAT DANK DIR EINE UNTERSUCHUNGSKOMMISSION AUF DEM HALS UND WENN DU DIR NOCH EINMAL DEN KLEINSTEN FEHLTRITT ERLAUBST, HOLEN WIR DICH SOFORT NACH HAUSE.“ Jetzt herrschte Grabestille. Harry und Ron saßen sprachlos am Tisch, als wäre eine Flutwelle über sie hinweggegangen. Ein paar Schüler lachten und allmählich stellte sich wieder munteres Gerede ein. Mine klappte >Abstecher mit Vampiren< zu und sah hinab zu Ron, da dieser immer noch zur Hälfte unter dem Tisch kauerte. „Tja, ich weiß ja nicht, was du erwartest hast, Ron, aber du-...“ „Sag bloß nicht, ich hätte es verdient.“, fauchte Ron. Mine und ich grinsten uns an und dann sagte ich: „Du hast es absolut verdient, Ron!“ Mürrisch wandte Ron sich ab. Wir wurden allerdings von Professor McGonagall abgelenkt, die an unserem Tisch entlang ging und die Stundenpläne verteilte. Ich nahm meinen entgegen und stellte fest, dass wir als Erstes eine Doppelstunde Kräuterkunde mit den Hufflepuffs hatten. Ich mochte Kräuterkunde, es konnte also keine schlechte Stunde werden.

    Harry, Ron, Mine und ich verließen zusammen das Schloss und gingen durch den Gemüsegarten hinüber zu den Gewächshäusern. Ich fand, dass Harry und Ron nun genug bestraft worden waren, denn ich war wieder nett zu ihnen. Wir näherten uns den Gewächshäusern und sahen schon die andern aus der Klasse draußen auf Professor Sprout warten. Kaum waren wir hinzugetreten, kam sie auch schon auf uns zu - in Begleitung von Gilderoy Lockhart. Ich hatte schon wieder das Gefühl, gleich loskotzen zu müssen. Pormona Sprout war eine kleine untersetzte Hexe mit windzerzausten Haaren und einem Flickenhut und meist hatte sie eine Menge Erde an den Kleidern und den Fingernägeln. Im Gegensatz dazu war Gilderoy Lockhart tadellos mit einem wehenden türkisfarbenem Umhang und einem perfekt sitzenden türkisfarbenem Hut bekleidet. „Oh, hallo, hallo“, rief Lockhart mit seinem Zahnpasta-Lächeln. „Hab kurz Professor Sprout erklärt, wie man eine Peitschende Weide richtig verarztet. Aber ich möchte nicht, dass ihr jetzt denkt, ich sei besser in Kräuterkunde als sie! Auf meinen Reisen sind mir nur zufällig einige dieser Exoten begegnet...“ „Gewächshaus 3, Freunde!“, sagte Professor Sprout nicht wie sonst fröhlich, sonder miesepetrig. Wieso hatte ich nur das Gefühl, dass ich wusste, woran das lag? Ein neugieriges Gemurmel ging durch die Reihen der Schüler. Bisher hatten wir nämlich nur in Gewächshaus 1 gearbeitet, doch Gewächshaus 3 beherbergte viel interessante und gefährlichere Pflanzen. Professor Sprout nahm einen großen Schlüssel von ihrem Schlüsselbund und sperrte die Tür auf. Der Geruch von feuchter Erde und Dünger traten in meine Nase, der sich mit dem schweren Parfümduft einiger riesiger Blumen, die von der Decke hingen, vermischte. Doch da hörte ich Lockhart sagen: „Harry! Ich wollte mal kurz mit Ihnen sprechen. Sie haben doch nichts dagegen, wenn er ein paar Minuten später kommt, nicht wahr, Professor Sprout?“ An Professor Sprouts Gesicht konnte ich sehen, dass sie sehr wohl etwas dagegen hatte, doch da hatte ihr Lockhart schon die Tür vor der Nase zugeschlagen.

    Dann atmete die tief durch, begrüßte uns und erklärte uns das heutige Thema: Alraunen. Nach ein paar Minuten öffnete sich die Tür und Harry gesellte sich zu uns. Professor Sprout stand vor einer Holzplatte, auf der etwas zwanzig Paar verschiedenfarbige Ohrschützer. „Heute werden wir Alraunen umtopfen. Wer kann mir die Eigenschaften der Alraune nennen?“ Hermine hob sofort die Hand und sagte: „Die Alraune, auch Mandragora genannt, ist eine mächtige Rückverwandlerin. Sie wird verwendet, um Verwandelte oder Verfluchte in ihre ursprünglichen Zustand zurückversetzen.“, und dabei klang sie, als hätte sie das Lehrbuch geschluckt. „Glänzend. 10 Punkte für Gryffindor.“, sagte Professor Sprout. „Die Alraune bildet einen wichtigen Bestandteil der meisten Gegengifte. Natürlich ist sie auch gefährlich. Wer kann mir sagen, warum?“ Ich meldete mich schnell und verfehlte dabei nur knapp Harrys Brille. „Der Schrei der Alraune ist tödlich für jeden, der ihn hört.“, antwortete ich. „Genau. Weitere 10 Punkte.“ Ich lächelte. „Die Alraunen, die wir hier haben, sind noch sehr jung.“ Sie deutete auf eine Reihe tiefer Kästen und alle rannten mit neugierigen Blicken nach vorne. Dort wuchsen kleine büschelige grüne Pflanzen mit einemhauch Purpurrot. „Jetzt nimmt sich jeder ein Paar Ohrenschützer“, sagte Professor Sprout. Es gab ein Gerangel, weil alle versuchten, ein Paar zu bekommen, dass nicht flauschig und rosa war. „Wenn ich sage, ihr sollt sie aufsetzen, dann passt auf, dass eure Ohren vollständig bedeckt sind. Wenn ihr sie gefahrlos wieder abnehmen könnt, zeige ich mit dem Daumen nach oben. Also, Ohrenschützer aufsetzen.“, meinte Professor Sprout. Ich klemmte mir die Ohrenschützer über den Kopf. Sie ließen keinerlei Geräusch durch. Professor Sprout setzte ein flauschiges, rosafarbenes Paar auf die Ohren, rollte die Ärmel ihres Umhangs hoch, packte mit festem Griff eine der büscheligen Pflanzen und zog kräftig daran. Den Schrei der Alraune konnte ich nicht hören. Statt einer Wurzel kullerte ein kleines, schlammüberzogenesund äußerst hässliches Baby aus der Erde. Die Blätter wuchsen aus seinem Kopf heraus und es hatte eine blassgrüne, gefleckte Haut. Es schrie ganz eindeutig nach Leibeskräften. Professor Sprout zog einen großen Blumentopf hervor, steckte die Alraune hinein und begrub sie mit Komposterde, bis nur noch die Blätter zu sehen waren. Dann zeigte sie mit dem Daumen nach oben und nahm ihre Ohrenschützer ab.

    „Jeweils vier von euch an einen Kasten - hier sind genug Töpfe - Erde ist in den Säcken dort drüben - und passt ja auf die Venemosa Tentacula auf, sie beißt.“ Professor Sprout versetzte einer dornigen, dunkelroten Pflanze, deren lange Fühler sich still über ihre Schulter gestohlen hatte, einen heftigen Klaps und die Fühler wichen rasch zurück. An den Kasten neben uns trat ein lockenköpfiger Junge von den Hufflepuffs, den ich nur vom Sehen her kannte. „Justin Finch-Flechtley“, sagte er gut gelaunt und schüttelte Harry die Hand. „Weiß natürlich, wer du bist, der berühmte Harry Potter... du bist Hermine Granger - in allem immer Spitze...(Mine strahlte, da er auch ihr die Hand schüttelte) „...du bist Olivia Rosier, das Mädchen mit der schönsten Stimme von ganz Hogwarts...(ich errötete leicht und er schüttelte mir ebenfalls die Hand) “...und Ron Weasley. War das nicht dein fliegendes Auto?“ Ron lächelte nicht. Der Heuler ging ihm offesichtlich immer noch im Kopf herum. „Dieser Lockhart ist schon ein toller Hecht, nicht wahr? Unglaublich mutiger Kerl. habt ihr seine Bücher gelesen? Ich wär ja vor Angst gestorben, wenn mich ein Werwolf in einer Telefonzelle belagert hätte, aber ist ruhig geblieben und - zapp - einfach phantastisch.“ Ich verdrehte nur genervt die Augen.

    Danach hatten wir nicht mehr viel Gelegenheit, um zu reden. Wir setzten unsere Ohrschützer auf und mussten uns auf die Alraunen konzentrieren. Bei Professor Sprout hatte es einfach ausgesehen, doch es war nicht einfach. Die Alraunen mochten überhaupt nicht gerne aus der Erde, doch zurück in die Erde wollten sie noch weniger. Sie wandten und krümmten sich, ballten ihre kleinen spitzen Fäuste, schlugen um sich und knirschten mit den Zähnen. Doch irgendwann hatte ich von dem Widerwillen meiner Alraune genug und drückte sie mit aller Kraft in den für sie vorhergesehenen Topf. Am Ende der Stunde war ich wie alle anderen schweißnass, voller Erde und meine Arme taten weh. Wir liefen zurück ins Schloss, wuschen uns rasch und dann ging es für uns auch schon weiter mit Verwandlung.

    Der Unterricht von Professor McGonagall war immer harte Arbeit, doch heute war es besonders anstrengend. Wir sollten einen Käfer in einen Knopf verwandeln und nach dem dritten Mal klappte es dann auch. Ich schaffte, bis zur Ende der Stunde zwölf Käfer zu verwandeln. Aber Harry und Ron erging es nicht so gut. Keinem von beiden gelang es, ihren Käfer zu verwandeln.

    Wir gingen danach hinunter zum Mittagessen. „Was haben wir heute Nachmittag?“, fragte Harry. „Verteidigung gegen die dunklen Künste.“, antwortete Hermine blitzschnell. „Sag mal“, meinte Ron und schnappte sich Mine’s Stundenplan, „Warum hast du eigentlich alle Stunden bei Lockhart mit Herzchen umkringelt?“ Mine riss ihm den Stundenplan aus der Hand und lief knallrot an. Ich stöhnte innerlich auf.

    Nach dem Essen gingen wir hinunter in den Hof. Mine setzte sich auf eine steinerne Stufe und schlug wieder >Abstecher mit Vampiren< auf. Ich setzte mich neben sie, aber tat nichts und starrte ins Leere. Harry und Ron unterhielten sich ein wenig über Quidditch. Doch nach einigen Minuten bekam ich das Gefühl, dass uns jemand beobachtete. Ich sah auf bemerkte einen kleinen Jungen mit mausgrauen Haaren, den ich auch schon gestern Abend im Gemeinschaftsraum gesehen hatte, das hieß also, dass er ein Gryffindor war. Der Junge starrte Harry an, als stünde er unter einem Bann. In den Händen hielt er eine gewöhnliche Muggelkamera. Ich bemerkte, dass Harry auch auf ihn aufmerksam geworden war, denn sobald Harry den Jungen ansah, lief er rot an. „Hallo, Harry. Ich bin... Ich bin Colin Creevey.“, sagte er außer Atem und machte zaghaft einen kleinen Schritt in Harrys Richtung. „Ich bin auch in Gryffindor. Meinst du - wär es für dich in Ordnung, wenn - kann ich ein Bild von dir machen?“, sprudelte es aus ihm heraus und er hob hoffnungsvoll die Kamera. „Ein Bild?“, fragte Harry tonlos. Ich wusste nicht, was ich an Harrys Stelle getan hätte. Dieses kleine hoffnungsvolle Funkeln in Colins Augen würde mich um den Verstand bringen. Ich konnte einfach nicht >nein< sagen...

    Jedenfalls fuhr Colin fort: „Damit ich beweisen kann, dass ich dich getroffen habe. Ich weiß alles über dich. Jeder erzählt es. Wie du überlebt hast, als Du-weißt-schon-wer dich umbringen wollt und wie er verschwunden ist und das alles und dass du immer noch eine Blitznarbe auf der Stirn hast“ (er sah prüfend auf Harrys Haaransatz), „und ein Junge aus meinem Schlafsaal hat gesagt, wenn ich den Film im richtigen Gebräu entwickle, dann bewegen sich die Bilder.“ Colin holte vor lauter Begeisterung tief Luft und sagte dann: „Es ist einfach klasse, nicht? Ich wusste nie, dass Zaubern alles ist, was ich kann, bis ich den Brief aus Hogwarts bekam. Mein Vater ist Milchmann, er konnte es nicht fassen. Also mach ich eine Menge Fotos und schick sie ihm. Und es wär echt gut, wenn ich eins von dir hätte-...“, er sah Harry flehentlich an, “-...Vielleicht könnte dein Freund es schießen und ich stelle mich neben dich? Und dann könntest du deinen Namen drauf schreiben?“

    „Autogrammkarten? Du verteilst schon Autogrammkarten, Potter?“, hörte ich Dracos Stimme, die laut und schneidend im ganzen Hof widerhallte. Er hatte sich direkt hinter Colin gestellt und wurde wie immer von seinen brutalen Spießgesellen Crabbe und Goyle flankiert. Schon wurde ich wütend. „Alle anstellen!“, dröhnte Draco in die Menge hinein, „Harry Potter verteilt Autogrammkarten!“ Ich hatte mir angewöhnt, ihn Draco und nicht Malfoy zu nennen, das würde sein Ego doch nur noch puschen. „Nein, tu ich nicht“, meinte Harry wütend, „Halt den Mund, Malfoy.“ „Du bist doch nur neidisch“, piepste Colin, dessen gesamter Körper so dick wie Crabbes Hals war. „Neidisch?“, sagte Malfoy, der jetzt nicht mehr schreien musste, denn der halbe Schulhof hörte zu. „Worauf denn? Ich will doch keine ekelhafte Narbe quer über mein Gesicht haben, nein danke. Wenn du den halben Kopf aufgeschlitzt bekommst, mach dich das noch lange nicht zu was Besonderem, wenn du mich fragst.“ Crabbe und Goyle lachten dümmlich. Die Wut staute sich immer weiter in mir auf und jetzt musste ich sie rauslassen. „Vielleicht, weil Harry ein Halbblut ist, er aber mehr Respekt bekommt, als du, und dass, wo du doch ein Reinblut bist.“, Draco fielen bei meiner Argumentation fast die Augen aus dem Kopf, „Ach ja, und Harry hat ganz eindeutig mehr Freunde als du. Du hast ja nur Dick und Doof, Draco.“ Das Wort Draco betonte ich stark und meine Freunde lachten. „Tja, Olivia,-...“, mir lief bei der Art, wie er meinen Namen aussprach, ein Schauer über den Rücken, “...- da du ja schon eine Blutsverräterin bist, kannst du deine nächsten Ferien ja gleich in der Bruchbude von Weasley verbringen!“ Crabbe und Goyle kicherten dämlich, doch ich starrte Malfoy immer noch zornig in seine Augen. „Friss Schnecken, Malfoy!“, rief Ron, der ziemlich wütend dreinsah. Crabbe hörte auf zu lachen und begann drohend seine kastaniengroßen Faustknöchel zu reiben. „Sieh dich vor, Weasley“, höhnte Malfoy, „Du willst doch keinen Ärger machen, denn dann muss deine Mami kommen und dich von der Schule holen.“ Mit schriller Stimme rief er: „Wenn du dir noch einmal den kleinsten Fehltritt erlaubst-...“ Jetzt waren es die Slytherins, die lachten. „Weasley hätte gerne eine Autogrammkarte, Potter“, spottete er, „Sie wäre mehr wert als das ganze Hause seiner Familie-...“ Blitzschnell griffen Ron und ich zu unseren Zauberstäben, doch Mine schlug Abstecher mit Vampiren knallend zu und flüsterte: „Schaut mal, wer da kommt!“

    „Um was geht es denn?“, fragte Lockhart, der auf uns zukam, „Wer verteilt hier Autogrammkarten?“ Wieso hatte ich bei ihm immer den Drang, mich gleich zu erbrechen? Harry wollte gerade den Mund aufmachen, um zu antworten, doch Lockhart patschte ihm den Arm auf die Schulter und rief gönnerhaft: „Dumme Frage! Natürlich mal wieder unser Harry!“ Ich sah Draco mit einem spöttischen Blick in der Menge verschwinden. „Nun denn, Mr. Creevey“, sagte Lockhart und strahlte Colin an, „Ein Doppelporträt, was für ein Angebot, und wir werden es beide für Sie unterschreiben.“ Colin fummelte an seiner Kamera herum und schoss das Bild in dem Augenblick, als die Glocke hinter uns läutete und zum Nachmittagsunterricht rief. „So, die Herrschaften verkrümelt euch“, sagte Lockhart und zog Harry mit sich. Ich nahm meine Tasche und lief schon mal voraus zu unserem Klassenraum. So schrecklich konnte Lockharts Unterricht doch nicht sein!

    15
    15. Kapitel

    Ich setzte mich auf einen Platz ganz hinten und holte meine Bücher hervor. Harry, Ron und Mine setzten sich neben mich. Ron sagte zu Harry: „Du kannst nur beten, dass Creevey nicht Ginny über den Weg läuft, die gründen ansonsten sofort einen Harry-Potter-Fanclub.“ „Hör auf!“, fauchte Harry. Als alle saßen, räusperte sich Lockhart und hielt uns eine Rede, die natürlich, (von wem auch sonst) von ihm handelte. „Wie ich sehe, habt ihr alle die komplette Ausgabe meiner Werke erhalten. Ich dachte, wir könnten heute mit einem kleinen Quiz beginnen.“ Das hörte sich doch ganz gut an! „Was ganz Leichtes, keine Sorge, will nur sehen, wie gründlich ihr sie gelesen habt.“ Falsch gedacht! Meine Laune rutschte in den Keller. Er verteilte die Aufgabenblätter und ging dann wieder nach vorne: „Ihr habt dreißig Minuten.“ Ich sah auf mein Blatt und las:

    1. Was ist Gilderoy Lockharts Lieblingsfarbe?
    2. Wie lautet Gilderoy Lockharts geheimer Wunsch?
    3. Was ist Ihrer Meinung nach Gilderoy Lockharts größte Leisung bisher?

    So ging es weiter, über drei Seiten hinweg bis zur letzten Frage:

    54. Wann hat Gilderoy Lockhart Geburtstag und was wäre das ideale Geschenk für ihn?

    Die Fragen handelten nur von ihm und nicht von dem Fach, das er eigentlich unterrichten sollte! Doch plötzlich schoss mir eine Idee durch den Kopf und auf meinem Gesicht erschien ein gemeines Grinsen. Ich beugte mich über Frage eins. Auf die Frage „Was ist Gilderoy Lockharts Lieblingsfarbe?“ antwortete ich mit: „Durchsichtig, auch wenn das keine Farbe ist, aber soviel versteht er von der Zauberei!“ Ich musste grinsen. Die nächste Frage war: „Wie lautet Gilderoy Lockharts geheimster Wunsch?“ Ich lächelte und schrieb: „Der berühmteste Zauberer auf Erden zu sein, aber das wird garantiert in tausend Jahren nicht passieren!“ Die dritte Frage „Was ist Ihrer Meinung nach Gilderoy Lockharts größte Leistung bisher?“ beantwortete ich mit: „Als Professor in Verteidigung gegen die dunklen Künste zu fungieren. Andererseits gab es garantiert keine andere Person, die diesen Job übernehmen wollte.“ So arbeitete ich mich durch die drei Seiten durch und zu jeder Frage verfasste ich eine solche Antwort. Bis zu 54. Frage: „Wann hat Gilderoy Lockhart Geburtstag und was wäre das ideale Geschenk für ihn?“ Dort schrieb ich: „Ich wünschte, sein Geburtstag wäre am 31. Februar, denn dieses Datum existiert nicht. Und das ideale Geschenk wäre ein neues Gehirn, denn sein altes beherbergt nicht gerade Intelligenz.“

    Eine halbe Stunde später sammelte Lockhart die Zettel ein und blätterte sie vor der gesamten Klasse durch. „Tjaja - kaum einer von euch weiß noch, dass meine Lieblingsfarbe Lila ist. Das schreibe ich in >Ein Jahr bei einem Yeti<. Und ein paar müssen >Wanderungen mit Werwölfen< sorgfältiger lesen - dort mache ich in Kapitel zwölf deutlich, dass mein ideales Geburtstagsgeschenk die Harmonie zwischen allen magischen und nichtmagischen Menschen wäre - auch wenn ich zu einer Flasche Odgens Old Firewhisky nicht nein sagen würde!“ Er zwinkerte uns erneut schalkhaft zu. Ich grinste immer noch mein gemeines Lächeln und ich glaubte, ich wirkte fast wie eine Slytherin. Nervös sahen Harry und Ron mich an. Mine lauschte mit verzückter Aufmerksamkeit und zuckte zusammen, als Lockhart ihren Namen sagte. “...doch Miss Hermine Granger kennt meinen geheimen Wunsch, die Welt von allem Bösen zu befreien und meine eigene Serie von Haarpflegeprodukten zu vermarkten. Gutes Mädchen! Tatsächlich - die volle Punktzahl! Wo ist Miss Granger?“ Mine hob zitternd die Hand. „Hervorragend!“, strahlte Lockhart, „Nehmen sie 10 Punkte für Gryffindor!“ Er überflog erneut die Arbeiten und fragte dann: „Wo ist Miss Olivia Rosier?“ Mit meinem fiesen Grinsen stand ich auf und sagte ruhig: „Ich bin Olivia.“ Er sah mich an, zitterte ein wenig und sagte dann: „15 Punkte Abzug von Gryffindor! Was für eine -...“ Er schrieb schnell etwas auf einen Zettel und sagte dann: „Kommen Sie nach vorne, Miss Rosier.“

    Harrys Sicht:
    Mit einem fiesen Grinsen ging Liv nach vorne, während Hermine ihr verwirrt nachsah. So hatte ich Liv noch nie gesehen. Sie wirkte wie eine Slytherin. Lockhart drückte ihr ihre Arbeit und einen Zettel in die Hand und meinte: „Bringen Sie das zu Professor Snape, Miss Rosier.“ Mit einem Lächeln ging sie zur Tür und rief: „Nur zu gern, Professor!“ Im nächsten Moment war sie draußen und knallte die Tür zu. „Glaubt Lockhart wirklich, dass Snape Liv bestraft?“, fragte Ron mich grinsend. „Er weiß noch nicht, dass sie die einzige Gryffindor ist, die er bevorzugt.“, erwiderte ich.

    Olivias Sicht:
    Mit einem Lächeln las ich mir den Zettel durch, den Lockhart geschrieben hatte. Er sagte, Professor Snape solle mich bestrafen. Mit raschen Schritten lief ich in den Kerker und klopfte an die Tür des Zaubertrank-Klassenzimmers. Schwungvoll öffnete Snape die Türe und trat heraus. „Ich soll Ihnen das von Professor Lockhart geben, Professor.“, sagte ich mit einem leichten Lächeln und reichte ihm den Zettel und meine Arbeit. Er las den Zettel und danach meine Aufgaben durch. Langsam erschien ein breites Grinsen auf seinem Gesicht, dann sagte er: „15 Punkte für Gryffindor!“ Da musste ich auch grinsen. Snape sah mich an: „Dort steht, ich soll Ihnen Nachsitzen erteilen. Nun, wir wäre es, wenn sie Lockhart erzählen, dass Sie am Freitag Nachsitzen hätten. Da Sie die Klassenbeste sind, wäre es mir eine Freude, mit Ihnen am Freitag einige Tränke zu brauen, für die Sie schon durchaus Niveau haben. Betrachten Sie es als Privatstunde.“ Ich musste grinsen. „Um welche Uhrzeit soll ich hier sein?“

    Hüpfend ging ich zum Klassenzimmer für Verteidigung gegen die dunklen Künste zurück. Lockhart dachte, er habe mich bestraft, dabei hatte er mir einen Gefallen getan! Ich kicherte und öffnete die Türe zum Klassenraum. Was ich sah, war wirklich nicht zu beschreiben! Das Klassenzimmer sah aus, als wäre ein wütendes Nilpferd hindurch gerannt. In den letzten Reihen lagen auf den Tischen Glassplitter, überall lagen kaputte Tintenfässer und das ganze Klassenzimmer war mit Tintenspritzern übersät. Auf dem Boden lagen kaputte Bilderrahmen und die Abgebildeten kreischten wie verrückt und alle Schüler versteckten sich unter den Tischen. Der Grund dafür kam gerade auf mich zugeflogen. Dieser Lockhart hatte doch tatsächlich Wichtel im Klassenraum losgelassen! Ein Wichtel flog auf mich zu. Rasch zückte ich meinen Zauberstab und rief: „Petrificus Totalus!“ Der Wichtel erstarrte in der Luft. Lockhart fuchtelte ebenfalls mit seinem Zauberstab herum und rief: „Peskiwichteli Pesternomi!“ Nichts passierte, außer, dass einer der Wichtel Lockharts Zauberstab packte und ihn aus dem kaputten Fenster warf. Doch dann läutete die Glocke und alle rannten sofort zum Ausgang. Lockhart richtete sich auf und sagte zu Harry, Ron, Mine und mir: „Nun, ich bitte euch vier, den Rest der Wichtel wieder in den Käfig zu sperren.“ Dann rannte er an uns vorbei und schloss die Tür hinter sich. In mir brodelte es wieder und ich rief: „DAS IST DOCH NICHT SEIN ERNST!“ Ich war wirklich wütend. Hier hatten wir den Beweis dafür, dass Lockhart unfähig war! „Ach, er will doch nur, dass wir Erfahrungen sammeln! Denkt doch an die tollen Sachen, die er gemacht hat!“, sagte Mine. „Die er angeblich gemacht hat!“, knurrte ich. Die anderen versuchten gerade die Wichtel lahmzulegen, doch es waren einfach zu viele. „Geht mal zu Seite!“, knurrte ich. Ich holte tief Luft und sang den schrillsten Ton, den ich aus mir hervorbrachte. Mine, Harry und Ron hielten sich die Ohren zu, doch der hohe Ton wirkte. Als ich noch höher ging, erstarrten die Wichtel und zerplatzten schließlich in kleine Fetzen. Zufrieden nahm ich meine Tasche, während meine Freunde immer noch auf die Überreste der Wichtel blickten. „Manchmal bist du wirklich gruselig, Liv!“, meinte Ron. Ich zuckte nur mit den Schultern.

    16
    16. Kapitel

    In den nächsten Tagen war ich hauptsächlich damit beschäftigt sofort abzutauchen, wenn Lockhart auf der Bildfläche erschien. Ich hatte Harry und Ron erzählt, dass ich am Freitag eine Privatstunde bei Professor Snape hatte. Vor Hermine sagten wir dann immer, ich hätte „Nachsitzen“, auch wenn Hermine uns nicht wirklich glaubte. Am Freitag machte ich mich nach dem Abendessen auf zu den Kerkern. Dort erwartete mich Professor Snape schon. Zusammen mit mir wollte er heute den Schwelltrank, den Schrumpftrank und den Abschwelltrank zubereiten. Konzentriert befolgte ich die Anleitung und Professor Snape korrigierte manchmal meine Bewegungen. Und das erinnerte mich wieder daran, dass er mich bevorzugte, denn bei Neville hätte er garantiert nicht so nett darauf hingewiesen, dass man noch eine halbe Gänseblümchenwurzel hinzufügen musste. Ich atmete tief durch und fragte:„Professor Snape, vielleicht sollte ich das nicht fragen, aber wieso bevorzugen Sie mich?“ „Wie meinen Sie das, Miss Rosier?“ Ich räusperte mich. „Sie ...Sie...“ Ich wusste nicht, wie ich ihm sagen sollte, dass er manche Schüler bevorzugte. Er seufzte. „Ich glaube, ich weiß, was Sie meinen. Es ist nur-...“ „Ja, Sir?“ „Sie erinnern mich an jemanden. An eine gute Freundin von mir. Sie sah Ihnen sehr ähnlich.“ „Sah?“ „Sie ist vor knapp elf Jahren gestorben.“ Professor Snape lächelte: „Sie war ein großes Zaubertänke-Talent. Sie hätte Tränkemeisterin werden können, aber...“ „Was ist passiert?“, fragte ich neugierig. „Sie hat sich verliebt...“, meinte er mürrisch. „Ach, vergessen Sie einfach, was ich gesagt habe.“ Wir schwiegen beide. Nach einer Stunde entließ er mich. Den nachdenklichen Blick, den er mir nachwarf, bemerkte ich nicht mehr.

    Am Samstag wollte ich mit Harry, Ron und Mine Hagrid besuchen gehen. Doch um fünf Uhr morgens wurde ich von Angelina Johnson und Katie Bell geweckt. „Was ist denn los?“, fragte ich und gähnte. „Quidditch-Training“, sagte Angelina. Katie fügte hinzu: „Hat Wood angeordnet.“ Sie wirkten nicht besonders erfreut und ich verdrehte die Augen. Ich blinzelte. „In einer Viertelstunde bin ich auf dem Feld!“, sagte ich leise und stand auf. „Bis gleich!“, sagten die Beiden und verschwanden. Ich suchte meinen scharlachroten Mannschaftsumhang heraus und zog (weil mir kalt war) einen Mantel über. Rasch schrieb ich Mine einen Zettel und nahm meinen Nimbus 2000. Ich rannte die Treppe hinunter und die Gänge des Schlosses entlang. Nach fünf Minuten kam ich am Quidditch-Feld an.

    In den Umkleidekabinen saßen schon alle anderen Teammitglieder, außer Harry. Aber richtig anwesend waren wir alle nicht. Harry tauchte zwei Minuten später auf, wirkte aber auch nicht wirklich wach. Wood war der Einzige, der frisch und munter war. Fred und George saßen mit zerzausten Haaren und geschwollenen Augen neben Katie, die immer wieder einnickte und dabei mit dem Kopf gegen die Wand schlug. Ich saß neben Angelina und gähnte, als Harry sich neben mich setzte. „Da bist du ja Harry, wo warst du denn so lange?“, sagte Wood munter. „Nun denn, ich wollte noch kurz mit euch reden, bevor wir aufs Feld rausgehen. Denn Sommer über habe ich nämlich ein komplett neues Trainingsprogramm entwickelt und bin überzeugt, dass es uns den entscheidenden Schritt nach vorne bringt...“ Wood hielt eine große Tafel mit dem Plan des Quidditch-Feldes in die Höhe. Mit Kreiden in verschiedenen Farben waren Pfeile, Kreuze und Linien darauf eingezeichnet. Wood zückte seinen Zauberstab, tippte auf die Tafel und die Pfeile begannen über den Plan, wie Raupen, zu krabbeln. Während er seinen Vortrag über die neue Spieltaktik hielt, sank Freds Kopf auf Katies Schulter und er begann zu schnarchen. Ich gähnte. Wood brauchte zwanzig Minuten, um die erste Tafel zu erläutern, doch darunter war noch eine zweite und darunter noch eine dritte. Ich döste vor mich hin, während Wood immer weiterplapperte. „So“, sagte Wood und riss mich aus meinem Dämmerschlaf, in dem ich mir gerade überlegt hatte, was ich wohl am besten als Frühstück essen sollte. „Ist alles klar? Habt ihr noch Fragen?“ „Ich hab eine Frage, Oliver“, fragte George, der aus dem Schlaf hochgeschreckt war, „Warum hast du uns das nicht gestern erzählt, als wir wach waren?“ Wood war nicht gerade entzückt. Er warf George nur einen warnenden Blick zu.

    „Also los jetzt, gehen wir und setzen unsere neuen Theorien in die Praxis um.“, reif Wood, packte seinen Besen und marschierte hinaus. Immer noch gähnend folgten wir ihm. Wir waren so lange in der Kabine gewesen, dass die Sonne inzwischen schon ganz aufgegangen war, obwohl noch die letzten Reste des Morgennebels über dem Stadion hingen. Als Harry und ich das Feld betraten, sahen wir Hermine und Ron auf der Tribüne sitzen. „Seid ihr noch nicht fertig?“, rief Ron ungläubig. „Wir haben noch nicht mal angefangen“, erwiderte ich bissig und schielte hungrig auf die Toasts mit Marmelade, die sie in den Händen hielten. „Wood hat uns neue Spielzüge gezeigt.“, entgegnete Harry. Wir bestiegen unsere Besen und sausten hoch in die Luft. Die kühle Morgenluft peitschte mir ins Gesicht und weckte mich endlich auf. Es war ein wunderbares Gefühl, wieder auf dem Quidditch-Feld zu sein! Doch plötzlich hörte ich ein komisches Klicken. Irritiert sah ich zu den Tribünen und entdeckte Colin Creevey, der aufgeregt Fotos von Harry schoss. „Was ist hier los?“, fragte Wood stirnrunzelnd, als er hinter mir auftauchte, „Warum macht dieser Erstklässler Fotos? Mir gefällt das nicht. Womöglich ist er ein Spion der Slytherins, der unsere neuen Trainingszüge auskundschaften will.“ „Er ist ein Gryffindor“, sagte ich. „Und die Slytherins brauchen keinen Spion, Oliver!“, meinte George. „Wieso?“, fragte Wood gereizt. „Weil sie selbst da sind.“, erklärte George und deutete auf die Erde. Mehrere Personen in smaragdgrünen Umhängen und mit Besen in den Händen schritten auf das Feld zu. „Ist das nicht zu fassen!“, zischte Wood empört, „Ich habe das Feld doch für heute gebucht! Das werden wir ja sehen!“ Wood schoss zur Erde. Fred, George, Harry und ich folgten ihm. „Flint! Das ist unsere Trainingszeit! Wir sind heute extra früh aufgestanden! Ihr könnt gleich wieder Leine ziehen!“, bellte Wood. Flint antwortete mit: „Ist doch Platz genug für uns alle, Wood.“ Auch Angelina und Katie kamen jetzt herüber. Allesamt grinsend standen die Slytherins Schulter an Schulter vor uns. „Aber ich habe das Feld gebucht!“, spuckte Wood jetzt buchstäblich vor Wut. „Ich habe hier allerdings eine persönlich unterzeichnete Erklärung von Professor Snape“, sagte Flint, „>Ich, Professor S. Snape, erteile dem Slytherin-Team die Erlaubnis, am heutigen Tag auf dem Quidditch-Feld zu trainieren aufgrund der Notwendigkeit, ihren neuen Sucher auszubilden.<“ „Ihr habt einen neuen Sucher?“, fragte Wood, „Wen?“ Hinter den sechs stämmigen Gestalten kam ein siebter, kleiner Junge zum Vorschein. Es war Draco Malfoy.

    „Bist du nicht Lucius Malfoys Sohn?“, fragte Fred und musterte Draco geringschätzig. „Komisch, das du Dracos Vater erwähnst.“, sagte Flint und die Slytherins setzten ein breites Grinsen auf. „Seht mal, was für ein großzügiges Geschenk er dem Slytherin-Team gemacht hat.“ Alle sieben hielten ihre Besen in die Höhe. Sieben auf Hochglanz polierte, brandneue Besenstiele und siebenmal die Aufschrift in großen Goldlettern „Nimbus 2001“ „Das allerneuste Modell. Kam erst vor knapp einem Monat raus.“, sagte Flint lässig, „Ich glaube er schlägt den alten Zweitausender um Längen. Und was die alten Sauberwischs angeht-...“, gehässig lächelte Flint Fred und George an, die ihre Sauberwischs Fünf in den Händen hielten, “...- damit könnt ihr die Tafel wischen.“ Wir waren für einen Moment vollkommen sprachlos. Draco feixte. „Oh, sieh mal“, sagte Flint, „was für ein Ansturm.“ Ron und Mine kamen über den Rasen, um nachzusehen, was passierte. „Was ist los?“, fragte Ron, „Warum spielt ihr nicht? Und was macht eigentlich der hier?“ Der letzte Satz galt Draco. „Ich bin der neue Sucher der Slytherins, Weasley“, sagte Draco arrogant. „Wir sind gerade dabei, die Besen zu bewundern, die mein Vater unserer Mannschaft geschenkt hat.“ Ron starrte mit offenem Mund auf die sieben Superbesen vor ihm an. „Gut, oder?“, sagte Draco mit gleichgültiger Stimme, „Aber vielleicht können die Gryffindors ja ein wenig Gold auftreiben und sich ebenfalls neue Besen zulegen. Ihr könntet eure Sauberwischs Fünf verscheuern, vielleicht hat ein Museum Interesse daran.“ Die Slytherins johlten. „Zumindest musste sich keiner von den Gryffindors in das Team einkaufen!“, sagte Mine mit schneidender Stimme. „Die sind nämlich nur wegen ihres Können reingekommen.“ Dracos Gesicht begann zu flackern. „Keiner hat nach deiner Meinung gefragt, du dreckiges Schlammblut!“

    Es war, als hätte jemanden die Zeit angehalten. Wie konnte er es wagen? Wie konnte er es wagen, Hermine ein Schlammblut zu nennen? Bevor mich jemand aufhalten konnte, hatte ich mich schon auf Draco gestürzt. Alle meine Kräfte traten in meine Hand und ich scheuerte Draco eine. Ein deutlicher roter Abdruck erschien auf seiner blassen Wange. Ich packte ihn an seinem Umhang, zog ihn zu mir herunter und zischte: „Nenn meine Freundin nie wieder ein Schlammblut, Draco! Oder du bekommst von mir einen unverzeihlichen Fluch zu spüren! Und glaub mir, die beherrsche ich!“ War das, was ich in seinen Augen sah wirklich Angst? Ron zückte jetzt seinen Zauberstab und rief: „Dafür wirst du bezahlen, Malfoy!“ Voller Wut richtete er den Zauberstab auf Dracos Gesicht. Ein lauter Knall hallte im Stadion wider, ein grüner Lichstrahl schoss aus dem falschen Ende von Rons Zauberstab heraus, traf ihn in den Magen und schleuderte ihn in hohem Bogen rücklings ins Gras. „Ron!“, rief ich und rannte auf ihn zu. „Ist dir was passiert?“, fragte Mine atemlos. Er öffnete seinen Mund um zu sprechen, doch er brachte kein Wort hervor. Stattdessen gab er einen rülpsenden Ton von sich und ein Dutzend Schnecken kullerten ihm aus seinem Mund in den Schoß. Die Slytherins krümmten sich vor Lachen. Flint musste sich auf seinen Besen stützen und Draco lag auf dem Boden, mit den Fäusten auf den Boden hämmernd. Wir schlossen einen Kreis um Ron, der ständig glänzende, große Schnecken hervorwürgte. Keiner wollte ihn berühren.

    „Wir bringen ihn am besten zu Hagrid, der ist am nächsten.“, meinte Harry und nickte mir zu. Ich packte Ron unter seinem rechten Arm (Harry nahm Rons linken Arm), Mine ging hinter uns und zu zweit zogen wir Ron in die Höhe. „Was ist passiert? Was ist passiert, Harry? Ist er krank? Aber du kannst ihn doch gesund mchen, oder, Harry?“ Es war Colin. Er war von seinem Platz auf der Tribüne heruntergerannt und tänzelte neben uns her, während wir das Feld verließen. Ein heftiges Würgen von Ron folgte und noch mehr Schnecken kullerten seinen Bauch herunter. In seinen Augen standen bereits Tränen, da er die ganze Zeit über würgen musste. „Kannst du ihn still halten, Harry?“, fragte Colin fasziniert. „Aus dem Weg jetzt, Colin“, sagte Harry unwirsch. Harry und ich stützten Ron den Weg hinaus aus dem Stadion und über die Felder hinweg zum Waldrand. „Wir sind fast da, Ron“, sagte Mine und ich fügte hinzu: „Gleich geht’s dir besser - nur ein paar Schritte noch-...“

    Wir waren nur noch sieben Meter von Hagrids Hütte entfernt, als die Tür aufging. Doch es war nicht Hagrid, sondern Lockhart. „Schnell, da rüber“, zischte ich und zerrte Ron hinter ein nahes Gebüsch. Hary war sofort hinter mir, doch Mine folgte nur widerstrebend. „Es ist ganz einfach, wenn Sie wissen, was Sie zu tun haben.“, sagte Lockhart mit lauter Stimme, „Sie wissen, wo Sie mich finden, falls Sie Hilfe brauchen. Ich lasse Ihnen mein Buch zukommen, es wundert mich, dass Sie es noch nicht haben. Ich signiere heute Abend eines für Sie und schicke es rüber. Nun denn, auf Wiedersehen!“ Zu unserem Glück marschierte er sofort in Richtung Schloss davon. Wir warteten, bis Lockhart außer Sicht war, dann zogen Harry und ich hinter dem Busch hervor und halfen ihm weiter zu Hagrids Tür, wo wir laut klopften. Hagrid öffnete sofort, allerdings blickte er recht missmutig drein. Doch seine Miene erhellte sich sofort, als er uns sah. „Hab mich schon gefragt, wann ihr endlich kommt - rein mit euch - dachte schon, vielleicht wieder Professor Lockhart -...“ Wir halfen Ron über die Schwelle und ließen ihn in einem Sessel sinken. Hagrid schien Rons Schneckenproblem nicht zu stören. Er stellte eine große Kupferwanne vor Ron hin und meinte: „Besser raus, als rein!“ „Könntest du ihm nicht helfen, Liv?“, fragte Harry. Panisch starte ich Hagrid an, denn er wusste ja nichts von meinen Kräften. „Harry...“ Doch dann seufzte ich auf: „Wieso sollte Hagrid es nicht wissen dürfen?“ Irritiert sah Hagrid mich an und fragte dann: „Von was redest du?“ „Ich habe eine magische Stimme, mit der ich Wunden und Krankheiten heilen kann. Außerdem kann ich damit zum Beispiel einen Schutzwall aufbauen.“ Hagrid sah mich ungläubig an. Ich holte tief Luft und dann sang ich vor mich hin:

    I used to rule the world,
    Seas would rise when I gave the word
    Now in the morning I sleep alone
    Sweep the streets I used to own.

    I used to roll the dice
    Feel the fear in my enemy’s eyes
    Listen as the crowd would sing:
    „Now the old king is dead! Long live the king!“

    One minute I held the key
    Next the walls were closed on me
    And I discovered that my castles stand
    Opun pillars of salt and pillars of sand

    I hear Jerusalem bells are ringing
    Roman Cavalry choirs are singing
    B my mirror my sword an shield
    My missionaries in a foreign field
    For some reason I can’t explain
    Once you go there was never
    never an honest word
    That was when I ruled the world
    ...
    (Viva la Vida, Coldplay)

    Aus meinen Händen kamen die vertrauten silbernen und goldenen Strahlen und ich fühlte mich frei. An Hagrids Gesicht konnte ich erkennen, dass er mir nun glaubte. Dennoch war ich ihm in diesem Moment dankbar, dass er keine weiteren Fragen stellte. „Ich glaube ich bin noch zu wütend. Ich könnte dich eventuell verletzen, Ron“, sagte ich enschuldigend. „Ist schon in Ordnung“, meinte er und erbrach danach noch mehr Schnecken in die Wanne. „Ich glaube, wir können nichts tun außer abwarten, bis es aufhört“, meinte Hermine bedrückt. Hagrid war emsig damit beschäftigt, uns Tee zu kochen. „Was wollte Lockhart eigentlich bei dir, Hagrid?“, fragte Harry neugierig. „Hat mich beraten, wie man Wassergeister aus einer Quelle rauskriegt“, brummte Hagrid und setzte dabei den Teekessel auf, „Als ob ich das nicht selbst wüsste. Und hat ganz groß damit angegeben, wie er eine Todesfee gebannt hat. Wenn davon auch nur ein einziges Wort wahr ist, futtere ich meinen Kessel auf.“ Innerlich atmete ich auf. Wenigstens Hagrid war meiner Meinung! Mine verteidigte Lockhart mit einer etwas höheren Stimme als sonst: „Ich glaube, du bist ein wenig unfair. Professor Dumbledore war ganz offensichtlich der Meinung, er sei der beste Mann für diese Aufgabe.“ „Genau genommen war er der einzige Mann für diese Aufgabe. Und das meine ich wörtlich. Wird langsam schwierig, jemanden für diese Arbeit zu finden. Die Leute sind nicht besonders scharf darauf, sich mit den dunklen Künsten rumzuschlagen. Allmählich glauben die Leute nämlich, dass es Unglück bringt. Aber erklärt mir jetzt mal“, fragte Hagrid und deutete hinüber zu Ron, „Wen wollte er eigentlich mit diesem Fluch belegen?“

    „Malfoy hat Hermine beschimpft - muss wirklich schlimm gewesen sein, denn alle sind ausgerastet-...“, sagte Harry. „Es war schlimm“, meinte Ron heiser und ich nickte. „Er hat sie >Schlammblut< genannt, Hagrid.“ Hagrids Gesichtszüge entglitten ihm. „Das hat er nicht!“, knurrte er. „Hat er doch“, sagte Hermine leise, „aber ich weiß nicht, was es bedeutet. Aber es wirklich übel-...“ „Das ist so ziemlich das Gemeinste, was er sagen konnte“, meinte Ron und würgte wieder in die Wanne. Ich seufzte, dann sagte ich: „Schlammblut ist ein wirklich schlimmes Schimpfwort für jemanden, der aus einer Muggelfamilie stammt - du weißt schon, mit Eltern, die keine Zauberer sind. Es gibt einige Zauberer, wie Malfoys Familie, die glauben, sie wären etwas Besseres als alle anderen, weil sie das sind, was man reinblütig nennt.“ Ron tauchte wieder auf und fuhr fort: „Wir wissen ja, dass es überhaupt keinen Unterschied macht. Ich meine, seht euch mal Neville an. Er ist reinblütig, kann aber kaum einen Kessel richtig herum halten.“ „Und einen Zauber, den unsere Hermine nicht schafft, muss man erst noch erfinden.“, fügte Hagrid hinzu. „Es ist abscheulich, jemand so zu nennen“, sagte ich wütend, „schmutziges Blut, gewöhnliches Blut. Verrückt. Heutzutage haben die meisten ohnehin gemischtes Blut. Wenn wir keine Muggel geheiratet hätten, wären wir ausgestorben.“ Ron begann danach erneut zu würgen und tauchte ab. „Tja, ich mach dir keinen Vorwurf, dass du ihm einen Fluch auf den Hals jagen wolltest“, brummte Hagrid, „aber vermutlich ist es besser, dass du es nicht getan hat. Du hättest große Schwierigkeiten mit Lucius Malfoy bekommen, wenn du seinen Sohn mit einem Fluch belegt hättest.“ Harry grinste und ich sagte: „Ron hat ihm zwar keinen Fluch aufgehetzt, aber ich habe ihm eine Ohrfeige gegeben. Die hatte er verdient!“ Auch Mine grinste, aber Ron, der gerade mal keine Schnecken spuckte, sagte heiser: „Bekommst du dann keinen Ärger?“ „Mit der Schulleitung? Weil ich dem arrogantesten Slytherin auf Erden eine gescheuert habe? Glaube ich nicht.“ „Und was ist mit Lucius Malfoy?“ Mein Magen zog sich zusammen. Falls Dracos Vater von diesem Vorfall erfahren sollte, würde er meinen Vater sofort darüber informieren. Und dann konnte ich nur noch beten...

    „Falls er es meinem Vater sagt, ist es mir das wert. Auch wenn mein Vater Hermine schon mal ein Schlammblut genannt hat.“ Erstaunt sahen sie mich an. „In dem Brief, den ich letztes Jahr bekommen habe, als wir Norbert weggebracht haben, hat er Mine als ein Schlammblut beschimpft.“ „Was?“, fragte Harry geschockt. „Das kann er doch nich’ machen“, brummte Hagrid empört, doch ich schüttelte den Kopf. „Vergiss es, Hagrid. Mein Vater ist ein Reinblut, genau wie meine Mutter, auch wenn meine Mum meine Freunde noch nie beleidigt hat.“ „Aber dann kann Malfoy doch nichts gegen dich sagen!“, meinte Ron und würgte wieder einige Schnecken hervor. „Du hast vergessen, dass ich seinen Augen eine Blutsverräterin bin und außerdem weiß ich nicht, welchen Blutsstatus ich habe. Schon vergessen, ich bin adoptiert.“ Ich seufzte tief, dann sagte ich: „Lasst uns das Thema wechseln.“ „Gute Idee“, stimmte mir Mine zu. „Harry“, sagte Hagrid und sah aus, als wäre ihm gerade etwas eingefallen, „mit dir habe ich noch ein Hühnchen zu rufen. Wie ich höre, verteilst du Autogrammkarten. Wie kommt es, dass ich noch keine habe?“ „Ich vergebe keine Autogrammkarten“, rief Harry aufgebracht, „Wenn Lockhart das immer noch behauptet-...“ Ich sah Hagrid grinsen. „War nur’n Witz“, meinte er und klopfte Harry auf die Schulter. „Ich wusste schon, dass es nicht stimmt. Hab Lockhart gesagt, dass du es gar nicht nötig hast. Du bist ohnehin berühmter als er, auch wenn du keinen einzigen Finger rührst.“ Ich grinste. „Ich wette, das hat er gar nicht gerne gehört.“ Hagrid zwinkerte und sagte: „Das könnt ihr mir glauben. Und als ihm dann auch sagte, dass ich kein einziges seiner Bücher gelesen habe, wollte er gehen.“ Mein Lächeln wurde noch breiter.

    „Kommt mal mit und seht, was ich angepflanzt habe“, brummte Hagrid und führte uns hinter sein Haus. Auf dem kleinen Gemüsebeet wuchsen ein Dutzend der größten Kürbisse, die ich je gesehen hatte. “ Wachsen gut, oder?“, fragte Hagrid, „Für das Halloween-Fest... bis dahin werden sie groß genug sein.“ „Womit hast du sie denn gedüngt?“, fragte ich neugierig. Hagrid sah sich rasch um, ob wir allein waren. „Nun, ich hab ihnen - wisst ihr - ein wenig geholfen -...“ Ich grinste. „Ein Schwellzauber, nehme ich an? Hat wirklich gewirkt.“ „Das hat deine kleine Schwester auch gesagt“, sagte Hagrid und nickte Ron zu. „Hab sie gestern getroffen“, brummte er und sah mit zuckendem Bart Harry aus den Augenwinkeln an, „Sagte, sie wolle sich nur die Ländereien anschauen, aber ich wette, sie hat gehofft, hier jemanden zu treffen.“ Er zwinkerte Harry zu. „Wenn du mich fragst, sie würde zu einem Autogramm nicht nein sagen-...“ „Ach hör doch auf damit.“, sagte Harry. Etwas in mir war froh, dass Harry so reagiert hatte. Doch sobald ich das Gefühl bemerkt hatte, war es auch schon wieder verschwunden.

    Jetzt bemerkte ich erst, dass es bald Zeit für’s Mittagessen sein müsste. Wir verabschiedeten uns von Hagrid und machten uns auf den Weg zurück ins Schloss. Mein Magen knurrte, denn ich hatte seit gestern Abend nichts mehr gegessen. Rons Drang zum Schnecken-Spucken ließ ebenfalls nach. Kaum hatten wir die Eingangshalle betreten, als wir auch schon eine durchdringende Stimme hörten: „Potter - Weasley, da sind Sie ja.“ Professor McGonagall kam auf uns zu. Ich nahm an, dass es um die Strafarbeiten, die die beiden erledigen mussten, da sie mit dem fliegenden Auto hergekommen waren.

    Mine und ich gingen schon vor und setzten uns an den Gryffindortisch. Mine stieß mich an und zeigte hinüber zum Slytherintisch. Dort saß Draco mit seinen Bodyguards. Auf seiner blassen Wange war ein großer roter Fleck zu sehen. Der deutliche Abdruck meiner Hand war zu erkennen. Ich musste auch grinsen. Allerdings wirkte er kein bisschen niedergeschlagen. Er grinste sogar bis über beide Ohren! In mir brodelte es schon wieder. Doch dann setzten sich Fred und George uns gegenüber. Erneut schoss mir eine teuflische Idee durch den Kopf. Die beiden wirkten immer noch wütend. Ich beugte mich zu ihnen herüber und flüsterte: „Jungs, würdet ihr mir einen Gefallen tun?“ Die beiden sahen mich an, grinsten und George fragte: „Was springt für uns dabei raus, Livvy?“ Ich überlegte kurz, doch dann sagte ich: „Also, Erstens: Auch euch wird dieser Streich gefallen und Zweitens: Ich sage euch dann, wie ich euch auseinanderhalten kann.“ Die Beiden schienen zu überlegen doch dann sagte Fred: „Das klingt nach einem vernünftigen Vorschlag“ und George fragte: „Also, was sollen wir tun?“ Mein teuflisches Lächeln wurde noch breiter. „Ich dachte schon, du würdest nie fragen, George.“

    Nach dem Mittagessen ging ich in die Bibliothek und suchte nach einem Buch über die magische Geschichte, das ich noch nicht kannte. Als ich eines gefunden hatte, setzte ich mich in eine Ecke und schlug das erste Kapitel auf. Interessiert las ich noch die ersten Seiten doch dann bemerkte ich, dass ich diese Fakten schon kannte und schlug das Buch wieder zu. Ich zog meinen Zauberstab hervor und flüsterte: „Avis!“ Drei kleine Vögel traten aus meinem Zauberstab hervor und umkreisten einander. Als ich mit einem Lächeln den Zauberstab sinken ließ, verschwanden die Vögel wieder. Ich seufzte und schlug das Buch erneut auf. Ich glaubte, zehn Minuten gelesen zu haben, als ich Schritte hörte, die auf mich zukamen. Neugierig blickte ich auf und erkannte Luna, die sich neben mich fallen ließ. „Ich habe dich gesucht“, meinte sie mit ihrer verträumten Art. „Hey, Luna. Hast du dich schon eingelebt?“, fragte ich. „Die anderen nennen mich Loony und verstecken ständig meine Sachen, aber das ist in Ordnung.“ „Wirklich?“, fragte ich skeptisch. Luna nickte. „Warst du schon auf den Ländereien?“, fragte ich sie. „Nein.“, erwiderte sie schlicht. „Wenn du willst, kann ich sie dir zeigen.“ „Wenn du willst“, antwortete sie. Ich kicherte und nahm sie an der Hand. Mit schnellen Schritten liefen wir durch die Gänge, bis wir vor dem Schlosstor angekommen waren. Lunas Augen blitzten und ich freute mich jetzt schon, ihr alles zeigen zu können.

    Der Nachmittag ging rasend schnell vorbei und ehe ich mich versah, lag ich auch schon in meinem Bett im Gryffindorturm und ließ den Nachmittag mit Luna Revue passieren. Zuerst hatte ich ihr die Gewächshauser und den Kräutergarten gezeigt, dann waren an der Peitschenden Weide vorbeigelaufen und waren hinunter zum Schwarzen See gegangen. Zusammen mit Luna hatte ich den Kraken mit Brotstücken gefüttert und danach waren wir auf den Astronomieturm gestiegen und hatten uns die Dämmerung angesehen. Mit Luna machte es viel Spaß, etwas gemeinsam zu unternehmen. Sie war einfach anders, als alle anderen. Sie hatte mich zum Beispiel auf die Schrumpfhörnigen Schnarchkackler aufmerksam gemacht, die um meinen Kopf herum schwebten und hatte mir gesagt, ich sähe aus, als hätte ich einen Grimmin in meinem Ohr. Zufrieden und mit dem Gedanken an den Streich, den ich mit Fred und George geplant hatte, schlief ich ein.

    17
    17. Kapitel

    Mit einem leichten Lächeln trat ich am nächsten Morgen in den Gemeinschaftsraum. Fred und George warteten bereits auf mich. Schnell lief ich zu ihnen hinüber und fragte leise: „Habt ihr es hinbekommen?“ Die beiden grinsten und dann sagten sie wie aus einem Mund: „Klar, Livvy!“ Ich grinste und fragte dann aber: „Wie habt ihr das denn angestellt?“ „Sagen wir mal so“, sagte Fred, „Wir haben unsere Wege“, sagte George. „Das freut mich.“ „Hey, Livvy, was ist mit unserer Bezahlung?“, fragte Fred. „Ach so, das habe ich fast vergessen. Also ihr wollt ja wissen, wie ich euch auseinanderhalten kann...“ Fred und George nickten heftig. „Also, eigentlich ist es ganz einfach. Georges Augen sind ein klein wenig heller als Freds.“ „Das ist das ganze Geheimnis?“, fragte Fred enttäuscht. „Ganz genau, Fred“, sagte ich und grinste, „Und hat es euch Spaß gemacht?“ George grinste: „Und wie!“

    Nach einer Viertelstunde gingen Hermine und ich in die Große Halle um zu Frühstücken. Summend setzte ich mich an den Tisch und nahm mir einen Toast mit Marmelade. „Möge die Show beginnen!“, flüsterte ich, sodass es Mine nicht hören konnte. Ich hörte bereits lautes Gelächter vor der großen Halle und Mine beugte sich vor, um rauszufinden, was los war. Harry und Ron kamen gerade in die Halle und hielten sich die Bäuche vor Lachen. Immer noch lachend setzten sie sich neben uns und mir fiel auf, dass sie vor lauter Lachen schon Tränen in den Augen hatten. „Was ist denn los?“, fragte Hermine neugierig. „Malfoy-...“, japste Ron und konnte nicht weiterreden, weil er schon wieder zu glucksen anfing. „Was ist mit Malfoy?“, fragte ich scheinbar interessiert. „Er...er...“, doch Harry brauchte nicht weiterzureden, denn jetzt trat Draco in die große Halle. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen! Seine sonst weißblonden Haare waren nicht mehr weißblond, sondern weasley- orangerot! Ich sah ihn einen Moment überrascht an, doch dann brach ich in schallendes Gelächter aus und sogar Mine hatte ein breites Grinsen auf dem Gesicht. Und offenbar ging es nicht nur mir so. Denn an allen vier Haustischen brach jetzt lautes Gelächter hervor. „Hey, Ron“, rief ich ihm zu, „Du hast mir gar nicht erzählt, dass du einen Zwillingsbruder hast!“ Alle Gryffindors lachten noch lauter bei diesem Satz. Ich blickte immer noch kichernd zum Lehrertisch. Professor McGonagall versuchte vergeblich sich ein Lachen zu verkneifen und Professor Dumbledore lachte ebenfalls. Mürrisch setzte sich Draco an seinen Haustisch und musste sich nun anhören, wie er ausgelacht wurde. Grinsend wandte ich mich ab. Hiermit war mein Tag gerettet!

    Fred und George hatten es gestern Nacht irgendwie geschafft, in den Gemeinschaftsraum der Slytherins geschafft. Sie hatten den Schlafsaal von Draco ausfindig gemacht und hatten ihm dann die Harre rot gefärbt. Die Zwillinge hatten in den Ferien ein spezielles Haarfärbemittel hergestellt, dass nicht herauswaschbar war. Der Zauber würde noch knapp zwölf Stunden anhalten, hatten mir die Beiden verraten.

    18
    18. Kapitel

    Es wurde Oktober und Kälte breitete sich über die Ländereien und das Schloss aus. Eine jähe Erkältungswelle brach über die Schüler und Lehrer herein und Madam Pomfrey in Atem. Zwar wirkte ihr Aufpäppel-Trank sofort, aber wer ihn trank, dem rauchten danach stundenlang die Ohren. Percy drängte Ginny, die etwas kränklich aussah, ein paar Schlucke zu trinken, und sofort zischte Dampf unter ihren feuerroten Haaren hervor und es sah aus, als stünde ihr Kopf in Flammen. Gewehrkugelgroße Regentropfen prasselten tagelang gegen die Schlossfenster, der See schwoll an, die Blumenbeete waren nur noch Ströme an Matsch und Hagrids Kürbisse quollen zur Größe von Geräteschuppen auf. Oliver Wood ließ sich jedoch nicht davon abbringen, regelmäßig zu trainieren. So befanden Harry und ich uns also eines stürmischen Nachmittages bis auf die Haut durchweicht und mit Schlammspritzern übersäht auf den Rückweg zum Turm der Gryffindors. Von dem ganzen Regen und Wind mal abgesehen war es alles andere als ein gutes Training gewesen. Fred und George hatten das Slytherin-Team ausgespäht und berichteten uns, wie schnell sie mit den neuen Nimbus 2001 waren. Die Slytherins jagten durch die Luft wie Senkrechtstarter und seien nur noch als sieben grüne Dunstschleier auszumachen. Als wir den ausgestorbenen Gang entlangstiefelten begegnete uns jemand, der genauso besorgt dreinsah wie wir selbst.

    Der Fast Kopflose Nick starrte trübselig aus einem Fenster und brummelte vor sich hin. „Hallo, Nick“, sagte Harry und ich sagte: „Hallo, Sir Nicolas“, denn ich wusste, dass er so gerne genannt wurde. „Hallo, hallo“, sagte der Fast Kopflose Nick und drehte sich erschrocken um. Er trug einen eleganten Federhut und einen Waffenrock mit Halskraue, do dass man nicht sehen konnte, dasss sein Hals fast ganz durchtrennt war. „Sie sehen besorgt aus, die beiden Gryffindors“, sagte Nick und faltete einen durchsichtigen Brief zusammen, den er in seiner Manteltasche verschwinden ließ. „Sie ebenfalls“, meinte Harry. „Ach“, sagte der Geist und machte eine elegante Handbewegung, „eine unbedeutende Angelegenheit... nicht, dass ich wirklich Mitglied werden wollte... ich dachte, ich bewerbe mich mal, doch ganz offenbar genüge ich >nicht den Anforderungen<.“ Er wirkte nicht gerade gelassen. „Aber nicht wahr, man sollte doch meinen, wenn man vierzig Hiebe mit einer stumpfen Axt auf den Hals bekommen hat, wäre man gut genug für die Jagd der Kopflosen?“ „Natürlich, Sir Nicolas“, sagte ich und nickte, denn ganz offensichtlich wurde hier unsere Zustimmung verlangt. „Ich meine, keiner wünscht sich mehr als ich, dass alles sauber und schnell vonstatten gegangen und mein Kopf entgültig herunter wäre, das hätte mir einiges an Gelächter und Schmerz erspart. Allerdings...“ Der Fast Kopflose Nick holte den Brief wieder heraus und las wutentbrannt vor: „Wir können nur Jäger aufnehmen, deren Köpfe sich entgültig von ihren Körpern getrennt haben. Wie Sie gewiss einsehen werden, wäre es andernfalls unmöglich, dass die Mitglieder an Jagdvergnügen wie Kopfjonglieren zu Pferde oder Kopfpolo teilnehmen können. Daher muss ich Ihnen mit dem größten Bedauern mitteilen, dass sie nicht den Anforderungen entsprechen. Mit den besten Wünschen, Sir Patrick Delany - Podmore“. Rauchend vor Wut steckte er den Brief zurück. „Zwei Zentimeter Haut und Sehnen halten meinen Kopf auf dem Hals. Normale Leute würden denken, das könnte doch als geköpft durchgehen, aber nein, es reicht nicht für Sir Ordentlich Geköpfter Podmore!“ Der Fast Kopflose Nick atmete einige Male tief durch und sagte dann: „So, und was macht Ihnen Sorgen? Kann ich etwas für Sie tun?“

    „Leider nein“, meinte ich und Harry sagte: „Außer, Sie wissen, wo wir sie-...“ Harry sprach den Rest des Satzes nicht aus, denn wir hörten ein lautes fiepsiges Miauen und sahen hinunter. Drei Meter von uns entfernt saß Mrs. Norris, die Katze des Hausmeisters Filch und starrrte uns mit ihren gelben Laternenaugen an. „Sie verschwinden am besten von hier“, sagte der Geist beunruhigt. Ich nickte und innerhalb zweier Sekunden hatte ich meinen Katzenkörper wieder und rannte davon. Ich rannte so schnell ich konnte, bis ich vor dem Porträt der fetten Dame stehen blieb und mich zurückverwandelte. „Passwort?“, fragte sie und rasch antwortete ich: „Mondsteingebräu!“ Die fette Dame wirkte zufrieden und das Porträt sprang zu Seite. Nachdem ich mich gewaschen und umgezogen hatte, traf ich auf Hermine und Ron im Gemeinschaftsraum. Ron verzweifelte an seinen halb fertigen Zaubertränke-Hausaufgaben. Ich setzte mich neben ihn und korrigierte seine Sätze.

    Nach einer halben Stunde setzte sich auch endlich Harry neben uns, nachdem er sich umgezogen hatte. Er erzählte, dass Sir Nicolas uns zu seiner Todestagsfeier eingeladen hatte. „Eine Todestagsfeier“, sagte Mine. „Ich wette, es gibt nicht viele Lebende, die auf einer waren“, murmelte ich. „Das wird sicher fasziniernd“, meinte Hermine optimistisch. „Warum sollte jemand den Tag feiern, an dem er gestorben ist?“, fragte Ron, „Das ist doch total deprimierend.“ Insgeheim stimmte ich ihm darin zu.

    Halloween kam immer näher und die große Halle war wie üblich mit lebenden Fledermäusen geschmückt worden. Hagrids Riesenkürbisse waren ausgehöhlt worden; in ihnen konnten drei Schüler gleichzeitig sitzen und es liefen Gerüchte um, Dumbledore habe zur Unterhaltung eine Gruppe tanzender Skelette gebucht. „Versprochen ist versprochen“, meinte Mine zu Harry, als er sich beschwerte, dass er so rasch zugesagt hatte. „Du hast gesagt, dass du hingehst!“, sagte ich und setze meinen strengen Blick auf. Und so gingen wir um sieben Uhr an der Tür zur vollbesetzten Großen Halle vorbei und stiegen hinab in den Kerker. Der Gang zur Feier des Fast Kopflosen Nicks war mit Kerzen erleuchtet, allerdings hatten diese keine beruhigende Wirkung auf mich. Sie waren pechschwarz und leuchteten hellblau, was sogar unsere lebenden Gesichter tot erscheinen ließ. Naja, wenigstens war ich passend gekleidet. Ich trug ein schwarzes, langärmliges Kleid aus Samt, dass mir bis zu den Knien ging und darunter eine ebenfalls schwarze Strumpfhose. Meine Haare hatte ich zu einer komplizierten Hochsteckfrisur gezaubert. Mit jedem Schritt, den ich ging, wurde es kälter. Und plötzlich hörte ich etwas, das klang, als ob tausend Fingernägel über eine Tafel kratzen würden. „Soll das etwa Musik sein?“, flüsterte Ron. „Sieht so aus“, sagte ich leise. Wir bogen um die Ecke und entdeckten Sir Nicolas vor einer Tür stehen, die man schwarzem Samt bespannt war. „Willkommen, willkommen... meine lieben Freunde... so erfreut, dass Sie kommen konnten...“, rief er mit Trauer erfüllt. Er bat uns mit einer Verneigung herein und sagte zu mir: „Sie sehen zauberhaft aus, Olivia.“ Dann gab er mir einen Handkuss, der sich eiskalt anfühlte. Ich errötete ein wenig, doch folgte ich meinen Freunden.

    Ein unglaublicher Anblick bot sich uns. Der Kerker war mit mehr als fünfhundert Geistern gefüllt. Die meisten schwebten dicht aneinander gedrängt über einen Tanzboden und tanzten zu dem fürchterlichen Kreischen von dreißig Musiksägen eines Orchesters, das auf einer schwarzbespannten Bühne spielte. Über uns verströmten tausend Kerzen auf einem Kronleuchter dunkelblaues Licht. Unser Atem bildete kleine Nebelwolken, hier war es kälter als in einem Gefrierschrank! „Sollen wir uns ein wenig umsehen?“, fragte Harry, der mit den Zähnen klapperte. Ich nickte und Ron sagte: „Passt ja auf, dass ihr durch keinen hindurchgeht!“ WIr kamen an einer Gruppe düsterer Nonnen vorbei, an einem zerlumptenund mit Ketten gefesselten Mann und an dem Fetten Mönch, einem gut gelaunten Geist aus dem Haus Hufflepuff. Ich erkannte auch den Blutigen Baron, ein ausgemergelter, voll silberner Blutflecken Slytherin-Geist. „Oh nein“, sagte Mine und blib schlagartig stehen. „Umdrehen, ich will nicht mit der Maulenden Myrthe sprechen-...“ „Mit wem?“, fragte Harry, während wir uns entfernten. „Die Maulende Myrthe spukt in der Mädchentoilette im ersten Stock herum“, sagte ich. „Sie spukt in einem Klo rum?“ Ich nickte. Mine sah ihn an und meinte: “ Das Klo war fast das ganze Jahr über geschlossen, weil sie ständig alles unter Wasser setzt.“ „Seht mal, da gibt’s was zu essen!“, sagte Ron. An der anderen Seite des Kerkers stand ein langer Tisch, der ebenfalls mit schwarzem Samt bedeckt war. Hungrig traten wir nächer, doch blieben nach einigen Schritten entsetzt stehen. Der Gestank war wirklich Ekel erregend. Auf schönen Silberplatten lagen große verdorbene Fische, rabenschwarz verbrannte Kuchen; es gab Unmengen an Schafsinnereien, auf denen sich Maden tummelten, einen Käselaib, der mit flaumigen grünem Moder überzogen war und der Stolz der Küche: ein grauer Kuchen in der Form eines Grabsteins verziert mit einer Art schwarzen Tee, der die Worte bildete:

    Sir Nicolas de Mimsy-Porpington
    gestorben am 31. Oktober 1492

    Wir sahen erstaunt zu, wie ein fülliger Geist sich dem Tisch näherte, in die Knie ging und mit offenem Mund durch einen stinkenden Lachs watschelte. „Können Sie es denn schmecken, wenn Sie hindurchgehen?“, fragte Harry den Geist interessiert. „Beinahe“, sagte der Geist traurig und schwebte davon. „Ich nehme mal an, dass sie es verrotten, damit es einen stärkeren Geschmack annimmt.“, vermutete ich. „Lasst uns gehen, mir ist schlecht.“, sagte Ron.

    Kaum hatten wir uns umgedreht, huschte ein kleiner Mann unter dem Tisch hervor und schwebte uns in den Weg. „Hallo, Peeves“, sagte Harry vorsichtig. Im Gegensatz zu den ganzen anderen Geistern war Peeves nicht blass und durchscheinend. Er trug einen orangeroten Papierhut, eine sich drehende Fliege und grinste arglistig über das ganze Gesicht. „Was zu knabbern?“, fragte er einschmeichelnd und hielt uns einen Teller mit pilzüberwucherten Erdnüssen hin. „Nein danke“, sagte ich. „Hab gehört, wie ihr über die arme Myrthe geredet habt“, sagte Peeves mit tanzenden Augäpfeln. „Unverschämte Dinge habt ihr über die arme Myrthe gesagt.“ Er holte tief Luft und rief mit lauter Stimme: „MYRTHE! MYRTHE!“ Der Geist eines plumpen Mädchens kam zu uns herübergeglitten. Sie hatte ein trübseliges Gesicht, halb verborgen hinter glatten Haaren und einer dicken Perlmuttbrille. „Was ist?“, fragte sie schmollend. „Miss Granger hat gerade über dich gesprochen“, sagte Peeves heimtückisch. Myrthe beäugte Mine misstrauisch. „Du machst dich über mich lustig“, sagte sie, und silberne Tränen schossen in ihre durchsichtigen Augen. Und dann kullerten Tränen ihr Gesicht hinunter, während Peeves glücklich über ihre Schulter hinweg gluckste. „Meint ihr, ich weiß nicht, wie mich die Leute hinter meinem Rücken nennen? Fette Myrthe! Hässliche Myrthe! Elende, trübselige, maulende, Myrthe!“ „Du hast >pickelig< vergessen!“, zischte ihr Peeves ins Ohr. Die Maulende Myrthe brach in verzweifeltes Schluchzen aus und floh aus dem Kerker. Peeves schoss hinterher, bewarf sie mit pilzigen Erdnüssen und rief: „Pickelig, pickelig!“

    Ich seufzte traurig. Der Fast Kopflose Nick schwebte uns entgegen und fragte: „Macht’s Spaß?“ „Klar“, logen wir. Dann schwebte der Geist davon und hielt eine Rede, die circa fünfzehn Minuten dauerte. Doch nach zehn Minuten klapperte ich mit den Zähnen und Ron knurrte: „Ich halt’s hier nicht länger aus.“ Harry nickte und sagte: „Gehen wir.“ Unbemerkte verließen wir den Kerker und rannten den Gang hinunter und danach die Treppen hinauf. Doch dann blieb Harry plötzlich stehen und lauschte. „Harry, was ist los?“, fragte ich nervös. „Da ist wieder diese Stimme - seid mal still -...“ Wir waren still, konnten aber dennoch nichts hören. „Hört doch!“, sagte Harry eindringlich. Ich lauschte immer noch angestrengt, konnte aber nichts hören. „Hier lang“, rief er und rannte die Stufen zur Eingangshalle hoch. Wir waren Harry dicht auf den Fersen, als er die Marmortreppe zum ersten Stock hoch lief. „Harry, was tun-..“ „SCHHHH!“ Harry spitzte die Ohren. Er hörte wirklich etwas, das war nicht hören konnten. „Es wird jemanden umbringen!“, rief er panisch und rannte los. Wir machten nur verwirrte Gesichter, aber folgten ihm dennoch. Harry nahm auf der nächsten Treppe jeweils drei Stufen auf einmal und zusammen rannten wir durch alle Gänge im zweiten Stock. Mein Kleid flatterte im Wind und eine Strähne hatte sich aus meiner Hochsteckfrisur gelöst, doch ich achtete nicht darauf. Erst als wir in den letzten verlassenen Korridor einbogen, blieben wir stehen. „Harry, was ist eigentlich los?“, fragte Ron, während er sich den Schweiß von der Stirn wischte. „Ich habe nichts gehört...“, meinte Hermine. Plötzlich entdeckte ich etwas und ließ einen erstickten Schrei verlauten. „Was ist los, Liv?“, fragte Harry. „Seht mal!“, sagte ich und zeigte auf die Wand vor uns. Wir traten vorsichtig näher heran. An die Wand zwischen zwei Fenstern waren halbmeterhohe Wörter geschmiert, die im flackernden der Fackeln schimmerte.

    DIE KAMMER DES SCHRECKENS WURDE GEÖFFNET.
    FEINDE DES ERBEN, NEHMT EUCH IN ACHT!

    „Was hängt dadrunter?“, fragte Ron mit einem leichten Zittern in der Stimme. Zögernd gingen wir darauf zu. Auf dem Boden war eine große Wasserlache, auf der ich ausrutschte und in Harrys Arme fiel. Rasch richtete ich mich auf und strich mein Kleid glatt. Gemeinsam näherten wir uns der Schrift an der Wand, die Augen auf den dunklen Schatten darunter gerichtet. Wir erkannten alle im gleichen Augenblick was es war und zuckten zurück. Mrs. Norris hing, am Schwanz festgebunden, von dem linken Fackelhalter herab. Sie war steif wie ein Brett und in ihren weit aufgerissen Augen lag ein starrer Blick. Einige Sekunden standen wir wie festgefroren da, dann sagte Ron: „Lasst uns von hier verschwinden.“

    Doch es war schon zu spät. Einen Dröhnen, wie von fernem Donner, sagte uns, dass das Fest gerade zu Ende war. Von beiden Enden des Korridors näherte sich das Geräusch von hunderten treppensteigenden Füßen und das laute, muntere Gemurmel wohlgenährter Schüler: und schon drangen sie von den Seiten herein. Das Gerede und Gekicher und der Lärm starben jäh ab, als die Ersten von ihnen die aufgehängte Katze erblickten. Harry, Ron, Mine und ich standen allein inmitten des Durchgangs, und allmählich verstummte die ganze Schar und drängte vorwärts um diesen grauenvollen Ort zu sehen. Plötzlich drang ein Ruf durch die Stille. „Feinde des Erben, nehmt euch in Acht! Ihr seid die Nächsten, Schlammblüter!“ Es war Draco. Er hatte sich nach ganz vorne gedrängt. Mit einem Funkeln in den grauen Augen, das sonst blutleere Gesicht gerötet, grinste er bei dem Anblick der starren Katze.

    19
    19. Kapitel

    „Was ist hier los?“ Argus Filch, angelockt von Dracos Geschrei, bahnte sich mit den Ellbogen durch die Schülerschar. Als er Mrs. Norris erblickte, zuckte er erschrocken zusammen und begrub entsetzt das Gesicht in seinen Händen. „Meine Katze! Was ist mit Mrs. Norris passiert?“, jammert er. Und seine geröteten Augen richteten sich auf Harry. „Du!“, kreischte er, „Du! Du hast meine Katze ermordet! Du hast sie getötet! Ich bring dich um! Ich -...“ „Argus!“ Dumbledore hatte den schrecklichen Schauplatz betreten, mit einigen Lehrern im Schlepptau. Im Nu war er an uns vorbeigerauscht und hatte Mrs. Norris vom Haken geholt.

    „Kommen Sie mit, Argus“, sagte er zu Filch, „und auch Sie, Mr. Potter, Mr. Weasley, Ms. Rosier, Ms. Granger.“ Hilfsbereit trat Lockhart vor. „Mein Büro ist am nächsten, Direktor - nur die Treppe hoch - bitte seien Sie so -...“ „Ich danke Ihnen, Gilderoy“, sagte Dumbledore ruhig. Mein Herzschlag schien sich zu verdoppeln. Würde Professor Dumbledore uns bestrafen? Die stumme Menge teilte sich, um uns durchzulassen. Lockhart, mit gewichtiger Miene und aufgeregt, eilte hinter Dumbledore her und auch die Professoren McGonagall und Snape folgten. Als wir Lockharts Büro betraten, gab es ein Gehusche entlang der Wände. Ich sah einige Lockharts mit Lockenwicklern in den Haaren aus den Bildern verschwinden. Ich verdrehte meine Augen.

    Der echte Lockhart zündete gerade die Kerzen auf dem Schreibtisch an und trat zurück. Dumbledore legte Mrs. Norris auf die polierte Tischplatte und begann sie zu untersuchen. Harry, Ron, Hermine und ich tauschten gespannte Blicke und setzten uns auf einige Stühle außerhalb des Kerzenscheins. Die Spitze von Dumbledores langer Hakennase war kaum drei Zentimeter von Mrs, Norris’ Fell entfernt. Durch seine Halbmondbrille untersuchte er sie sehr genau, wobei er sie mit seinen langen Fingern streichelte und anstupste. Professor McGonagall untersuchte die Katze ebenso. Hinter den beiden Professoren stand Snape im Halbschatten, wachsam und mit einem höchst merkwürdigen Gesichtsausdruck: als ob er angestrengt versuchte nicht zu lächeln. Und Lockhart tänzelte um alle herum und gab seine Einschätzungen zum Besten. Er brachte mich schon wieder zum Kotzen! „Eindeutig einn Fluch, der sie umgebracht hat - vermutlich der Transmutations-Tutor - ich hab’s viele Male mit angesehen, leider war ich hier nicht dabei. Ich kenne nämlich den Gegenfluch...“ Während Lockhart immer wieder neue Vermutungen einwarf, waren die trockenen, markerschütternden Schluchzer von Filch zu hören. Filch war auf einem Stuhl neben dem Schreibtisch zusammengesunken, und war nicht fähig, einen Blick auf Mrs. Norris zu werfen. Auch wenn ich Filch nicht leiden konnte, empfand ich in diesme Moment Mitleid für ihn.

    Dumbledore murmelte jetzt seltsame Worte vor sich hin und tippte Mrs. Norris mit seinem Zauberstab an, doch nichts geschah: sie sah weiterhin so aus, als wäre sie gerade ausgestopft worden. “... ich kann mich an einen Vorfall erinnern, der ganz ähnlich war... In Ouagadogou...“ Die Lockharts an den Wänden nickten allesamt. Dabei mir fiel mir auf, dass einer vergessen hatte, sein Haarnetz abzunehmen. Endlich richtete Dumbledore sich auf. „Sie ist nicht tot, Argus“, sagte er sanft. Lockhart verstummte abrupt, als er gerade die Tode aufzählte, die er verhindert hatte. „Nicht tot“, würgte Filch hervor, „Aber warum ist sie ganz... ganz erstarrt und steif?“ „Sie wurde versteinert“, beruhigte ihn Dumbledore. „Ah! Hab ich’s mir doch gedacht!“, rief Lockhart. (Ich verdrehte erneut die Augen.) „Doch wie, kann ich nicht sagen...“, meinte Dumbledore. „Fragen sie doch ihn!“, schrie Filch aufgelöst und deutete auf Harry. „Kein Zweitklässler hätte das geschafft. Dafür wäre Magie der fortgeschrittenen-...“ Weiter reden konnte Dumbledore nicht. „Er hat’s getan, er hat’s getan!“, keifte Filch und dank ihm lief mir ein Schauer über den Rücken. „Sie haben gesehen, was er an die Wand geschrieben hat!“ „Es war nicht Harry!“ Erst nach einigen Sekunden bemerkte ich, dass ich diejenige war, die diesen Satz gesagt hatte.

    „Wenn ich etwas dazu sagen dürfte, Direktor“, sagte Snape, „Potter und seine Freunde waren vielleicht nur zur falschen Zeit am falschen Ort!“ Dankbar sah ich ihn an.“Aber wir haben hier eine eine Reihe von merkwürdigen Umständen. Warum war er überhaupt in diesem Korridor? Warum war er nicht bei Halloween-Fest?“ Meine Dankbarkeit verflüchtigte sich sofort wieder. Aber jetzt sprudelten Harry, Ron und Mine gleichzeitig los, um die Tatsache mit der Todesfeier zu erklären. „Ruhe!“, rief Professor McGonagall. Snape wandte sich an mich: „Miss Rosier, würden Sie uns bitte die Umstände schildern?“ Ich nickte und erzählte von der Todesfeier: “...dort waren hunderte von Geistern, mitsamt dem Fast Kopflosen Nick, sie werden Ihnen bestätigen können, dass wir dort waren.“ „Aber warum seid ihr hinterher nicht zum Fest gekommen?“, fragte Snape jetzt und seine dunklen Augen blitzten. Automatisch sahen Hermine, Ron und ich Harry an. „Weil wir müde waren und ins Bett gehen wollten.“ „Ohne etwas zu Abend zu essen?“, fragte Snape mit einem triumphierenden Lächeln. „Wir hatten keinen Hunger.“, sagte Ron, um ein gewaltiges Knurren seines Magens zu übertönen. Snapes gehässiges Lächeln verwandelte sich in ein breites Grinsen. „Ich denke, dass Potter nicht die ganze Wahrheit sagt.“, meinte Snape. Dann sah er mich an. „Wollen Sie Mr. Potter berichtigen, Ms. Rosier?“ Er kam ganz nah auf mich zu. Meine Freunde sahen erschrocken zu mir herüber. Ich verschränkte meine Arme vor der Brust, blickte direkt in Snapes dunkle Augen uns sagte kalt: „Es gibt nichts hinzufügen, Professor.“ Einen Moment sah er mich irritierend an, doch dann wandte er sich wieder an.

    Dumbledore sah uns alle prüfend an. Seine hellen blinkenden Augen aben mir das Gefühl, geröntgt zu werden. „Unschuldig bis zum Beweis der Schuld, Severus.“, sagte er entschieden. Snape sah zornig aus, ebenso wie Filch. „Meine Katze ist versteinert worden!“, kreischte er mit hüpfenden Augenbällen. „Wir werden sie heilen können“, sagte Dumbledore geduldig, “ Madam Sprout ist es neulich gelungen, einige Alraunen zu züchten. Sobald sie ihre volle Größe erreicht haben, werde ich einen Trank brauen lassen, der Mrs. Norris wieder beleben wird.“ „Sie können gehen“, nickte er uns zu.

    Das ließen wir uns nicht zweimal sagen. Ein Stockwerk über Lockharts Büro huschten wir in ein leeres Klassenzimmer un schlossen leise die Tür hinter uns. „Meint ihr, ich hätte den Lehrern von der Stimme erzählen sollen, die ich gehört habe?“ „Nein“, sagte Ron ohne zu zögern, „Stimmen zu hören, die niemand sonst keiner hören kann, ist kein gutes Zeichen, selbst in der Zaubererwelt.“ Harry fragte: „Ihr glaubt mir doch, oder?“ „Natürlich glauben wir dir, Harry“, meinte ich rasch. „Aber, du musst doch zugeben, es ist wirklich unheimlich...“, fügte Ron hinzu. „Ich weiß“, sagte Harry, „Es ist unheimlich. Diese ganze Geschichte ist unheimlich. Was stand da noch einmal an der Wand? Die Kammer wurde geöffnet... Wa soll das denn bitte heißen?“ „Wart mal, da klingelt was bei mir“, sagte Ron, „Ich glaub’, jemand hat mir mal etwas über eine Kammer des Schreckens erzählt... vielleicht war’s Charlie...“ Irgendwo in der Ferne läutete eine Glocke. „Mitternacht“, murmelte ich, „Wir sollten besser ins Bett gehen, bevor Snape kommt und versucht, uns wegen iregendetwas anderem dranzukriegen.“

    Ein paar Tage lang sprach man nur über den Angriff auf Mrs. Norris. Filch erinnerte uns außerdem alle wieder daran, indem er vor dem Tatort auf und ab marschierte, als würde er hoffen, der Täter würde zurückkommen. Harry und ich hatten gesehen, wie er mit „Mrs. Skowers Allzweck-Magische-Sauerei-Entferner“ schrubbte. Doch es brachte nichts. Die Worte leuchteten immer noch so grell wie zuvor auf der steinernden Wand. Wenn Filch nicht den Ort des Verbrechens bewachte, schlurfte er durch die Gänge und versuchte, den arglosen Schülern Nachsitzen aufzubrummen für Dinge wie „lautes Atmen“ und „glückliches Aussehen“. Ginny schien über den Vorfall sehr betrübt zu sein. Doch jedes Mal, wenn ich mit ihr reden wollte, drehte sie sich beleidigt weg, lief davon oder beachtete mich nicht. Irgendwann gab ich es auf, mit ihr gut auskommen zu wollen. Aus irgendeinem Grund mochte sie mich nicht, nein sie hasste mich regelrecht. Einmal hörte ich jedoch, wie Ron mit ihr darüber redete. „Aber du hast Mrs. Norris doch gar nicht richtig kennen gelernt“, meinte er aufmunternd, „Ehrlich gesagt sind wir ohne sie sogar besser dran.“ Bei diesen Worten fingen Ginnys Lippen an zu zittern. „Solche Sachen passieren selten in Hogwarts“, versicherte Ron, „Sie werden den Verrückten kriegen, der es getan hat und ihn dann schnurstracks rauswerfen. Ich hoffe nur, er hat noch Zeit, Filch zu versteinern.“ Als Ginny erbleichte, fügte er jedoch rasch hinzu: „War nur ein Witz.“

    Langsam kam ich auf die beiden zu und sagte: „Hey Ron, hey, Ginny!“ Sobald Ginny bemerkte, dass ich es war, stand sie ohne ein weiteres Wort auf und ging weg. Seufzend ließ ich mich neben Ron auf das Sofa fallen. „Ich verstehe das nicht. Wieso kann Ginny mich nicht leiden? Ich habe ihr doch nichts getan!“, meinte ich enttäuscht. „Ist dir das noch nicht aufgefallen?“, fragte Ron erstaunt. „Was denn?“, fragte ich. „Na ja, ich glaube, dass Ginny eifersüchtig ist.“ „Ginny? Eifersüchtig? Auf mich?“ Ron nickte. „Aber wieso? Was habe ich denn, was sie nicht hat?“ „Also, du bist hübsch, klug, hilfsbereit, mutig, kreativ, sportlich... Du bist reich, verstehst dich mit allen gut, bist ziemlich beliebt, alle mögen dich, bist frech, manchmal aufbrausend, hast diese unglaubliche Stimme, um die dich alle beneiden und das Einleuchtendste: Du bist Harry Potters beste Freundin!“ „Wow, so habe ich das noch nie gesehen.“, meinte ich überrascht. „Aber Ginny sieht es so. Und du bist für sie eine Konkurrentin, was Harry angeht. Hast du mal gesehen, wie Harry dich ansieht?“ „Das erklärt so einiges“, meinte ich. „Danke, Ron“, sagte ich und lächelte. „Da wir das geklärt hätten, könntest du mir bitte bei dem Aufsatz für Geschichte der Zauberei helfen? Du bist die Einzige, die dieses Fach mag. Und du hast anderthalb Meter Pergament mit deiner Bonsai-Schrift geschafft!“ Ich grinste. „Immer gern!“

    Auch Mine wirkte wegen des Vorfalls ziemlich aufgewühlt. Sie steckte fast den ganzen Tag in der Bibliothek. Am nächsten Mittwoch saßen Ron und ich in der Bibliothek zusammen und ich half ihm mit dem Aufsatz für Zaubertränke, da meiner schon seit einer Woche fertig war. Plötzlich entdeckten wir Harry, der sofort zu uns herüber kam. „Wo ist Hermine?“, fragte er. „Irgendwo dadrüben!“, sagte ich, meine Augen auf Rons Pergamentrolle geheftet und seine Sätze korrigierend. „Ich glaube, sie will die ganze Bibliothek vor Weihnachten auslesen“, meinte Ron genervt. Harry erzählte uns, wie er Justin Finch-Flechley begenet war. „Er sah wirklich so aus, als habe er Angst vor mir“, meinte Harry irritiert. „Weiß nicht, weßhalb dich das so beschäftigt“, sagte Ron, „er kam mir ein wenig dumm vor. Der ganze Unsinn über Lockhart, den er so großartig findet.“ Ich warf Ron einen bösen Blick zu. „Er war echt nett. Er hat gesagt, dass ich die schönste Stimme von ganz Hogwarts hätte.“

    Harrys Sicht:
    Wieso bekam ich bei Livs Worten ein schmerzhaftes Stechen im Magen zu spüren? Sie fand Justin nett, dass hatte sie gesagt. Dabei zeigte sie wieder dieses zauberhafte Lächeln, dass ich so an ihr mochte.

    Olivias Sicht:
    „Das stimmt ja auch“, brummte Ron. „Das ist kein großes Kunststück. Immerhin hattest du ja ein Solo im Stück des Schulchors.“ Plötzlich tauchte Mine zwischen den Bücherregalen auf. Sie sah verärgert aus und kam auf uns zu. „Alle Exemplare der >Geschichte von Hogwarts< sind ausgeliehen worden!“, sagte sie und setzte sich neben uns. „Es gibt einen zweiwöchige Warteliste.“ „Hätte ich doch mein Exemplar nicht zu Hause gelassen, aber es hat wegen dieser blöden Lockhart-Bücher nicht mehr in den Koffer gepasst!“, fluchte ich. „Warum willst du es?“, fragte Harry. „Aus dem gleichen Grund wie alle anderen auch“, meinte sie, „um die Legende der Kammer des Schreckens nachzulesen.“ „Was ist das?“, fragte Harry erneut. „Das ist es ja. Ich kann mich nicht erinnern.“, sagte Mine. „Hermine lass mich deinen Aufsatz sehen“, bettelte Ron. „Nein, ich will nicht. Du hattest immerhin zehn Tage Zeit.“ „Jetzt komm schon. Mir fehlen doch nur noch sechs Zentimeter-...“ Es läutete. Zankend gingen Mine und Ron zu Geschichte der Zauberei. Harry und ich folgten, doch lächelten über den Streit der beiden.

    Für Harry, Ron und Mine war es das langweiligste Fach auf dem Stundenplan, doch ich liebte Geschichte der Zauberei. Professor Binns, war der einzige Lehrer, der ein Geist war und einmal hatte er das Klassenzimmer durch die Tafel betreten. Es liefen Gerüchte herum, dass Binns nicht einmal wusste, dass er ein Geist war. Er sei eines Tages einfach aufgestanden, um zum Unterricht zu gehen und hatte dabei seinen Körper verlassen. Binns leierte zwar immer den Stoff herunter, aber dennoch mochte ich den Stoff sehr. Heute öffnete Professor Binns seine Unterlagen und begann dumpf dröhnend vorzulesen, bis alle, außer ich und Mine, in einem Wachschlaf verfallen waren. Doch dann hob Mine die Hand. Professor Binns, der inmitten seines Vortrags über die Internationale Zaubererversammlung 1289 war, sah verdutzt auf. Er war jedoch nicht verdutzt, dass sich überhaupt jemand meldete, sondern dass es nicht ich war. „Miss- ähm-...“ „Granger, Professor. Ich frage mich, ob Sie uns nicht etwas über die Kammer des Schreckens erzählen könnten“, sagte sie. Dean Zhomas, der mit einem herabhängendem Unterkiefer dagesessen und aus dem Fenster gestarrt hatte, fuhr aus seiner Trance auf. Lavender Brown riss den Kopf von ihren Armen und Neville fiel dank Lavender fast vom Stuhl. Professor Binns blinzelte. „Mein Fach ist Geschichte der Zauberei, Ms. Granger, ich habe es mit Tatsachen zu tun, nicht mit Legenden und Mythen.“ Er räusperte sich und fuhr fort. „Im September jenes Jahres hat ein Unterausschuss zyprischer Zauberer-...“ Ich wollte jedoch auch unbedingt die Legende der Kammer des Schreckens hörte. Also meldete ich mich. „Miss Rosier?“, fragte er mich mit einem angedeutetem Lächeln. Ich war seine Lieblingsschülerin, darin bestand kein Zweifel. „Bitte, Sir“, sagte ich, „gehen Legenden denn nicht immer auf Tatsachen zurück?“ Ich lächelte ihn an. „Allerdings ist die Legende, von der Sie beide sprechen, eine derart reißerische, geradezu lächerliche Geschichte-...“

    Doch nun hing die gesamte Klasse an Professor Binn’s Lippen. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Das außergewöhnliche Interesse an seinem Fach brachte Binns offensichtlich völlig aus dem Häuschen. „Lassen Sie mich überlegen... die Kammer des Schreckens... Sie wissen natürlich alle, dass Hogwarts vor über tausend Jahren gegründet wurde - das genaue Datum ist nicht überliefert - und zwar von den vier größten Hexen und Zauberern des damaligen Zeitalters. Wer kann sie mir nennen?“ Mein Arm schoss sofort in die Höhe. „Ja, Ms. Rosier?“ „Godric Gryffindor, Rowena Ravenclaw, Helga Hufflepuff und Salazar Slytherin.“ Er nickte zufrieden und sagte: „5 Punkte für Gryffindor. Nun, Sie haben dieses Schloss gemeinsam erbaut, fern von neugierigen Muggeln, denn es war ein Zeitalter, als das einfache Volk die Zauberei fürchtete und Hexen und Zauberer unter grausamer Verfolgung zu leiden hatten.“ Er hielt inne, sah sich mit betrübten Augen im Raum um und fuhr dann fort. „Einige Jahre lang arbeiteten die Zauberer einträchtig zusammen. Sie suchten sich junge Leute, denen sie magische Kräfte ansahen und brachten sie auf das Schloss, um sie auszubilden. Doch dann kam es zum Streit zwischen Slytherin und den anderen. Slytherin wollte die Schüler strenger auslesen. Er glaubte, das Studium der Zauberei müsse den durch und durch mgischen Familien vorbehalten sein. Schüler mit Muggeleltern wollte er nicht aufnehmen, sie wären nicht vertrauenswürdig. Nach einiger Zeit kam es darüber zu einem heftigen Streit zwischen Slytherin und Gryffindor und Slytherin verließ die Schule.“ Erneut machte Professor Binns eine Pause. „Zuverlässige historische Quellen sagen uns jedenfalls so viel“, fuhr er fort. „Doch diese klaren Tatschen werden überwuchert durch die phantasiereiche Legende von der Kammer des Schreckens. Dieser zufolge hat Slytherin eine Geheimkammer in das Schloss eingebaut, von der die anderen drei Gründer nicht wussten. Und die Legende besagt außerdem, dass Slytherin die Kammer versiegelt hat, sodass keiner sie öffnen kann, bis sein eigener wahrer Erbe zur Schule kommt. Der Erbe soll allein in der Lage sein, die Kammer des Schreckens zu entsiegeln, den Schrecken im Inneren zu entfesseln und mit seiner Hilfe die Schule von all jenen zu säubern, die es nicht wert seien, Zauberei zu studieren.“ Stille trat ein. Die Stimmung war unangenehm gespannt, denn alle sahen Professor Binns und warteten auf mehr. „Die ganze Geschichte ist blühender Unsinn. Natürlich haben die gelehrtesten Hexen und Zauberer die Schule viele Male nach einer solchen Kammer durchsucht. Es gibt sie nicht.“ Mines Hand schoss nach oben. „Sir, was genau ist der >Schrecken< in der Kammer?“ „Das soll eine Art Monster sein, dass nur der Erbe Slytherins im Griff haben soll.“ Die gesamte Klasse tauschte beunruhigte Blicke. „Ich versichere Ihnen, dieses Wesen existiert nicht. Es gibt weder eine Kammer noch ein Monster. Und jetzt werden wir, wenn Sie erlauben, zur Geschichte zurückkehren, zu den harten, glaubhaften und nachprüfbaren Tatsachen!“ Und fünf Minuten später waren wieder alle (außer Mine und ich) alle wieder in ihrem üblichen Wachschlaf gesunken.

    „Ich habe immer gewusst, dass Salazar Sytherin ein verrückter alter Schwachkopf war“, sagte Ron zu Harry, Hermine und mir, als wir uns nach Ende der Stunde durch die dicht gedrängten Gänge kämpften, um unsere Taschen vor dem Abendessen nach oben zu bringen. „Aber ich habe nicht gewusst, dass er diesen ganzen Unsinn mit dem reinen Blut angefangen hat. Ich wollte nicht in seinem Haus sein, und wenn er mich dafür bezahlen würde. Ehrlich gesagt, wenn der Sprechende Hut versucht hätte, mich nach Slytherin zu stecken, wäre mit dem Zug sofort wieder nach Hause gefahren...“ Ich schluckte. Der Hut hatte letztes Jahr in Betracht gezogen hatte, mich nach Slytherin zu schicken. Ich sah auf den Boden, um nicht mitreden zu müssen. „Was ist los, Liv?“, fragte Ron. „Ich...ich... Der Hut hätte mich fast nach Slytherin geschickt...“ „Dich?“, fragte Mine erstaunt. „Du bist keine Slytherin.“, meinte Harry, „Wenn du nicht nach Gryffindor gekommen wärst, wärst du höchstwahrscheinlich in Ravenclaw.“ Er lächelte. Dann sagte Ron aber: „Na ja, als du dir bei Lockhart Nachsitzen eingehandelt hast, warst du schon wie eine Slytherin...“ „Ron!“, zischte Hermine. Ich grinste allerdings. Während der Schülerstrom uns in die einige Richtung trug, schwamm in der Gegenrichtung Colin Creevey vorbei. „Hi, Harry!“ „Hallo, Colin“, sagte Harry beiläufig. „Harry - Harry - ein Junge in meiner Klasse hat gesagt, dass du -...“ Doch Colin war zu klein, dass er nicht gegen die Welle von Schülern ankämpfen konnte, die ihn zur Großen Halle trug. Wir hörten ihn nur noch quieken: „Bis nachher, Harry!“ und im nächsten Moment war er verschwunden.

    „Was sagte ein Junge in seiner Klasse über dich?“, fragte ich. „Dass ich der Erbe von Slytherin bin, vermute ich mal“, erwiderte Harry. „Die Leute hier glauben auch alles“, meinte Ron angewidert. Die Menge verlor sich allmählich und die nächste Treppe nahmen wir ohne Mühe. „Glaubt ihr wirklich, dass es eine Kammer des Schreckens gibt?“, fragte Ron. „Ich weiß nicht“, sagte ich stirnrunzelnd. „Dumbledore konnte Mrs. Norris nicht heilen, und deshalb denke ich, was immer sie auch angegriffen hat, ist vielleicht kein - nun ja - menschliches Wesen.“, überlegte Mine. Während sie sprach, bogen wir um eine Ecke und fanden uns am Ende jenes Korridors, in dem der Angriff auf Mrs. Norris stattgefunden hatte, wieder. Wir hielten inne und sahen uns um.

    Der Schauplatz sah noch genauso aus wie in jener Nacht, nur hing keine steife Katze mehr am Fackelhalter und an der Wand, auf der immer noch zu lesen stand: „Die Kammer wurde geöffnet.“, stand ein lehrer Stuhl. „Da hat Filch Wache gehalten.“, murmelte Ron. Wir sahen uns erneut um. Der Korridor war menschenleer. „Es kann nicht schaden, wenn wir uns einmal ein wenig umsehen.“, meinte Harry. Wir stellten unsere Taschen ab. Ich ging in die Knie und kroch mit Harry auf dem Boden, um nach Spuren zu suchen. „Brandflecken“, murmelte ich, „hier - und hier -...“ „Kommt und schaut euch das mal an!“, sagte Mine, „das ist wirklich seltsam...“ Ich stand auf und ging hinüber zum Fenster. Harry sah hinüber zur Schrift. „Seht euch das an!“, sagte Mine und deutete auf die oberste Fensterscheibe, wo sich etwa zwanzig Spinnen auf einem Haufen drängten und offenbar mit aller Kraft versuchten durch eine kleinen Riss zu kommen. Ein langer Faden pendelte hin und her wie ein Seil, als ob sie alle schnell daran hochgekrabbelt wären, um hinauszugelangen. „Habt ihr schonmal so viele Spinnen gesehen?“, fragte Hermine kopfschüttelnd. „Nein“, sagten Harry und ich wie aus einem Mund. „Und du, Ron?“ Ich drehte mich um. „Ron?“ Ron hielt weiten Abstand zu ihnen und schien gegen den Drang anzukämpfen, einfach wegzurennen. „Was ist denn los?“, fragte ich. „Ich mag keine Spinnen.“, presste er hervor. „Das haben wir nicht gewusst“, meinte Hermine. „Aber du mischst doch Spinnen in Zaubertränke ...“ „Gegen tote hab ich ja nichts“, sagte Ron, der sorgfältig den Blick auf das Fenster vermied. „Ich mag nur nicht, wie sie sich bewegen...“ Mine kicherte. „Das ist nicht komisch“, sagte ich. „Wenn du’s wissen willst“, sagte Ron beleidigt, „Als ich drei war, hat Fred meinen... meinen Teddybären in eine eklige riesige Spinne verwandelt, weil ich seinen Spielzauberstab zerbrochen hatte... Du würdest sie auch nicht ausstehen können, wenn du deinen Bären geknuddelt hättest, und der hätte plötzlich so viele Beine...“ Erschaudernd brach er ab. Hermine bemühte sich immer noch, sich das Lachen zu verkneifen. Harry fragte: „Erinnert ihr euch das viele Wasser auf dem Boden? Jemand hat es weggewischt, aber wo kam es her?“ „Es war ungefähr hier“, sagte Ron und ging einige Schritte an Filchs Stuhl vorbei: „Auf Höhe dieser Tür.“

    Er streckte die Hand nach dem bronzenen Türknopf aus, doch zog sie ruckartig wieder zurück, als ob er sich verbrannt hätte. „Was ist denn jetzt wieder los?“, fragte Hermine. „Ich kann da nicht rein. Das ist ein Mädchenklo.“ „Ron, da wird niemand drin sein“, sagte Mine und ich nickte. „Da lebt die Maulende Myrthe. Kommt, lasst uns mal nachsehen.“ Wir setzten uns über das „Defekt“-Schild hinweg und öffneten die Tür. Wir sahen in einen düsteren und rostlosen Toilettenraum. Unter einem riesigen gesplitterten und fleckigen Spiegel zog sich eine Reihe angeschlagener Waschbecken entlang. Der Boden war feucht und an den zerkratzen Holztüren der Kabinen schälte sich die Farbe ab und einige hingen in den Angeln. Ich drückte die Finger an die Lippen, während Mine hinüber zur hintersten Kabine schlich. Dort angelangt sagte sie: „Hallo, Myrthe, wie geht es dir?“ Ich bedeutete Harry und Ron mir zu folgen, und wir traten näher heran.

    Die Maulende Myrthe schwebte über der Kloschüssel und drückte an einem Pickel auf ihrem Kinn herum. „Das ist ein Mädchenklo“, sagte sie und musterte Harry und Ron von oben bis unten. „Das sind keine Mädchen.“ „Nein“, ich stimmte Myrthe zu, „wir wollten ihnen nur zeigen, wie - ähm - schön du es hier hast.“ „Fragt sie, ob sie etwas gesehen hat.“, flüsterte mir Harry ins Ohr. „Was flüsterst du da?“, fragte Myrthe argwöhnisch und starrte Harry an. „Nichts“, sagte Harry schnell, „Wir wollten nur fragen -...“ „Ich wünschte, die Leute würden aufhören, hinter meinem Rücken zu reden!“, sagte Myrthe mit tränenerstickter Stimme. „Ich habe auch Gefühle, müsst ihr wissen, obwohl ich tot bin-...“ „Myrthe, niemand will dich ärgern“, sagte Hermine, „Harry wollte nur-...“ „Niemand will mich ärgern! Guter Witz!“, heulte Myrthe vor sich hin. „Mein Leben hier drin war nichts als das reine Elend und nun kommen auch noch Leute, die mir den Tod ruinieren wollen!“ „Wir wollten dich fragen, ob du in letzter Zeit etwas gesehen hast. Denn direkt vor der Tür wurde an Halloween eine Katze angegriffen.“ „Ich hab nicht drauf geachtet“, sagte Myrthe aufbrausend. „Peeves hat mich derart zur Verzweiflung getrieben, dass ich hierher geflüchtet bin und versucht habe, mich umzubringen. Dann ist mir natürlich eingefallen, dass ich...dass ich...“ „Dass du schon tot bist.“, half ihr Ron weiter. Myrthe stieß einen dramatischen Schluchzer und stürzte sich dann in die Kloschüssel. Wasser spritzte umher und ich sagte: „Gehen wir lieber.“

    Harry hatte kaum die Tür hinter Myrthes gurgelnden Schluchzern zugeschlagen, als eine laute Stimme uns zusammenzucken ließ. „RON!“ Es war Percy, der mit glänzendem Vertrauensschülerabzeichen wie angewurzelt am Treppenabsatz stand. Er hatte einen Ausdruck von unglaublichem Staunen im Gesicht. „Das ist ein Mädchenklo!“, sagte er entsetzt, „was habt ihr-?“ „Haben uns nur ein wenig umgesehen“, meinte Ron und zuckte mit den Schultern, „Spuren, weißt du-...“ Percy schwoll auf eine Weise an, die mich an einen Ochsenfrosch erinnerte. „Verschwindet-auf-der-Stelle“, sagte er, schritt dabei auf uns zu und begann uns mit den Armen fuchtelnd fortzuscheuchen. „Ist es euch denn egal, was das für einen Eindruck macht? Hierher zurückzukommen, während alle anderen beim Abendessen sind?“ „Warum sollten wir nicht hier sein?“, fragte ich gereizt. Ron schritt auf Percy zu und sagte wütend: „Hör zu, wir haben diese Katze nicht angerührt!“ „Das hab ich Ginny auch gesagt“, sagte Percy erbost, „aber sie denkt offensichtlich immer noch, dass ihr von der Schule fliegt, ich hab sie noch nie so aufgeregt gesehen, sie heult sich die Augen aus, denk doch mal an die, alle Erstklässler sind wegen dieser ganzen Geschichte völlig aus dem Häuschen-...“ „Dir ist Ginny doch egal“, sagte Ron und seine Ohren liefen rot an. „Du machst dir doch nur Sorgen, dass ich dir die Chance vermassle, Schulsprecher zu werden-...“ „Fünf Punkte Abzug für Gryffindor!“, sagte Percy barsch und griff nach seinem Vertrauensschülerabzeichen. „Und ich hoffe, das ist dir eine Lektion! Keine Detektivarbeit mehr, oder ich schreibe Mum!“ Und als er davon schritt, sah ich, dass sein Nacken so rot wie Rons Ohren waren.

    20
    20. Kapitel

    Harry, Ron, Hermine und ich setzten uns an diesem Abend im Gemeinschaftsraum so weit wie möglich von Percy weg. Ron war immer noch schlecht gelaunt und bekleckerte mit der Tinte ständig seine Zauberkunst-Hausaufgaben. Als er gedankenverloren nach seinem Zauberstab griff, fing das Pergament Feuer. Ron rauchte vor Zorn fast genauso, wie seine Hausaufgaben. „Aber wer könnte es denn sein?“, rätselte Hermine, als würde sie gerade ein Gespräch fortsetzen. „Wer würde alle Muggelstämmigen aus Hogwarts vertreiben wollen?“ „Überlegen wir mal“, sagte Ron mit gespielter Ratlosigkeit, „Wer, den wir kennen, denkt, Muggelstämmige wären Abschaum?“ Er sah uns der Reihe nach an. „Wenn du von Malfoy redest...“, sagte ich nicht gerade überzeugt. „Natürlich rede ich von ihm!“, sagte Ron aufgebracht, „du hast ihn gehört - „Ihr seid die Nächsten, Schlammblüter!“ - und du musst dir nur sein fieses Rattengesicht ansehen, um zu wissen, dass er es ist-...“ „Malfoy, der Erbe von Slytherin?“, fragte ich skeptisch. „Schau dir seine Familie an“, meinte Harry, „Die ganze Bande war in Slytherin, damit prahlt er doch immer. Die könnten ohne weiteres die Nachfahren Slytherins sein. Sein Vater ist böse genug.“ Ich war immer noch nicht ganz überzeugt. Immerhin war mein Vater auch nicht gerade die Freundlichkeit in Person und doch hatte er Mum, die so gar nicht wie er war. Und ich war auch nicht wie er. „Vielleicht haben sie schon den Schlüssel für die Kammer des Schreckens!“, sagte Ron, „geben ihn immer weiter, die Väter den Söhnen...“ „Gut“, sagte Mine, „Ich denke, es wäre möglich.“ Wie konnten meine Freunde das nur glauben? Ich traute Draco das nicht zu. Dafür war er viel zu eingebildet. Doch ich sagte nichts. „Aber wie beweisen wir es?“, fragte Harry. „Es gäbe da eine Möglichkeit. Natürlich ist es schwierig. Und sehr gefährlich. Wir würden wahrscheinlich um die fünfzig Schulregeln brechen, fürchte ich...“ „Wenn du irgendwann mal Lust hast, uns das näher zu erklären, melde dich.“, sagte Ron gereizt. „Na gut“, meinte Mine kühl, „Wir müssen in den Gemeinschaftsraum der Slytherins kommen und Malfoy aushorchen, ohne dass er merkt, dass wir es sind.“ Ich fuhr hoch. „Das ist nicht euer Ernst!“ Alle drei sahen mich überrascht an. „Ich glaube nicht, dass Malfoy der Erbe Slytherins ist. Also, dass könnt ihr alleine machen!“ „Was?“, fragte Harry. „Tut mir Leid, aber da mache ich nicht mit.“ Ich drehte mich um, nahm meine Sachen und sagte hastig: „Ich geh jetzt besser ins Bett.“ Meine Freunde sahen mir ratlos hinterher.

    Immer noch wach lag ich im Bett und dachte nach. Hätte ich das besser nicht sagen sollen? Sollte ich lieber mitmachen? Nein, sagte mir mein Stolz. Das konnten sie ohne mich machen. Wenn wir etwas Verbotenes machen würden, (und da war mich mir sicher) und wir erwischt werden würden, bekäme mein Vater eine Benachrichtigung. Das konnte ich mir nicht leisten. Ich wollte nicht, dass mir oder meiner Mutter deswegen etwas geschah. Stumm rannen mir Tränen über die Wangen. Doch plötzlich hörte, wie sich die Tür öffnete. „Liv?“, fragte Hermine. Ich antwortete nicht. Sollte sie doch denken, ich würde schlafen. Ich hörte sie seufzen und dann das Rascheln, als sie sich in das Bett neben mir legte. Ich lag von ihr abgewandt und hoffte, irgendwann einschlafen zu können.

    Ich sah wieder den Sprechenden Hut. „Rosier, Olivia“, rief Professor McGonagall. Ich setzte mich auf den Stuhl. Doch kaum, dass der Hut meinen Kopf berührt hatte, rief er: „SLYTHERIN!“ Ich sah die geschockten Gesichter von meinen Freunden. Alle Schüler tuschelten und warfen mir verächtliche Blicke zu. Ich war wie festgefroren. Lavender flüsterte Parvati etwas ins Ohr und Hermine sah mich voller Hass an. „Ich wusste schon immer, dass sie ńach Slytherin gehört!“, sagte Ron und warf mir einen Blick voller Ekel zu. Und Harry stand nur da, sah mich mit seinen grünen Augen an und sagte dann: „Ich dachte wirklich, du wärst meine Freundin!“ Und alle starrten mich hasserfüllt an, als wäre ich der menschgewordene Ausbund aus allem Schrecklichem. Tränen flossen mir über die Wangen. „Seht mal, sie heult!“, rief Draco triumphierend und die ganze Halle fing schallend an zu lachen.

    Erschrocken öffnete ich meine Augen. „Liv?“, fragte Mine besorgt. Ich sah auf und bemerkte, dass meine Augen feucht waren. „Alles in Ordnung? Du hast im Schlaf geweint.“ Ich setzte mich im Bett auf. „Alles in Ordnung.“ „Wirklich? Eigentlich wollte ich McGonagall holen; ich hab dich einfach nicht wachgekriegt!“ Ich nickte. „Mir geht’s gut. War nur ein Alptraum.“ Immer noch besorgt sah Hermine mich an, als ich aufstand und mir die Schuluniform anzog. Zusammen gingen wir hinunter in den Gemeinschaftsraum, wo Harry und Ron auf uns warteten. Doch als ich sie sah, dachte ich sofort wieder an Dinge, die sie im Traum über mich gesagt hatten und mir schossen Tränen in die Augen. „Entschuldigt mich“, sagte ich mit erstickter Stimme und ehe ich mich versah, war ich auch schon durch das Porträtloch verschwunden.

    Harrys Sicht:
    „Was hat sie denn?“, fragte ich Hermine besorgt. „Ich weiß auch nicht. Sie hatte einen Alptraum.“, meinte sie. „Einen Alptraum?“, fragte Ron stirnrunzelnd. „Ja, sie hat im Schlaf geweint. Ich wollte schon McGonagall holen, weil ich sie nicht aufwecken konnte.“ „Wir sollten ihr lieber hinterher.“, sagte ich. Hermine und Ron nickten zustimmend.

    Olivias Sicht:
    Ich rannte und rannte. Hunger hatte ich nicht, also machte ich mich vor dem Unterricht auf in die Bibliothek. Nachdem ich nocheinmal den Stoff für Verwandlung durchgegangen war, machte ich mich auf den Weg zum Unterricht. Im Klassenraum für Verteidigung gegen die dunklen Künste setzte ich mich auf meinen üblichen Platz neben Harry. „Wirklich alles okay mit dir, Liv?“ Ich nickte und holte meine Bücher hervor. Während Lockharts Unterricht passte ich nicht auf, ich ging meinen eigenen Gedanken nach. Was hatte dieser Alptraum zu bedeuten? Das musste doch eine Bedeutung haben! Am Ende der Stunde verschwand ich sofort aus dem Raum und auch den ganzen restlichen Tag über war ich abwesend. Klar körperlich war ich da, geistig allerdings nicht.

    Nach dem Nachmittagsunterricht hielt ich es nicht mehr aus. Ich rannte aus dem Schloss hinaus, hinunter zum Schwarzen See. Ich hatte eine Idee und begann auf einen Baum zu klettern. In der Baumkrone angekommen, setzte ich mich auf einen Ast und blickte über den See. Ich wusste nicht, wie lang ich dort saß, aber es kam mir vor, als wären es mehrere Stunden. Es hatte leicht zu nieseln begonnen, doch ich bemerkte es nicht. Ich war vollauf in meine Gedanken vertieft und summte vor mich hin. Sofort schossen die goldenen und silbernen Lichstreifen hervor. Ich spielte mit ihnen herum, bis mir schließlich eine Idee in den Sinn kam. Mit meinen Händen zog ich eine Form. Aus den Lichstreifen bildete sich ein Herz. „Wow“, flüsterte ich. Ich fügte mehrere kleine Lichtstrahlen hinzu. Das Herz wurde drei-dimensional. Ich veränderte die Form nach Lust und Laune. Einmal wurde sie zu einem Stern, dann zu einem Schmetterling und dann schaffte ich es sogar, aus meinen Kräften einen Spiegel mit Schnörkel und Ornamenten zu erschaffen.

    Plötzlich hörte ich das Geräusch von schweren Schuhen, die über den Boden stapften. Ich sah hinunter und entdeckte Hagrid. Der blieb gerade stehen und sah zu mir empor. „Was machst du denn da oben, Olivia?“, brummte er. Ich zuckte mit den Schultern und sagte: „Nachdenken.“ „Komm lieber runter, sonst erkältest du dich noch!“ „Na gut!“ Ich schwang mich von dem Ast und sprang vom Baum. Ich kam direkt vor Hagrid auf. „Komm mal mit“, meinte ich und ich folgte ihm. Zusammen gingen wir zu Hagrids Hütte. Sobald Hagrid mich hineinbat, sprang Fang mich an und schleckte mir das Gesicht ab. „Setz dich doch. Ich mach uns einen Tee.“, meinte Hagrid. Ich nickte und setzte mich. „Also“, brummte er, „Was bedrückt dich?“ Ich seufzte. „Ich hatte heute Nacht einen Alptraum.“ Ich kraulte Fang hinter dem rechten Ohr. „Es war schrecklich. Hermine hat gesagt, ich hätte im Schlaf geweint. Und na ja, normalerweise, hat das, was ich träume, irgendwas mit einer Angst zu tun.“ Während ich redete, setzte Hagrid den Wasserkessel auf. „Um was ging es in deinem Traum?“, fragte er. „Ich...ich...“ Ich stockte. Ich wollte nicht aussprechen, wie es sich angefühlt hatte. „Hey“, sagte Hagrid, während er sich auf den Stuhl neben mir setzte, „mir kannst du’s erzählen.“ „Danke“, sagte ich flüsternd. „Also, ich habe von der Häusereinteilung in meinem ersten Schuljahr geträumt. Der Hut hat mich aber nicht nach Gryffindor, sondern nach Slytherin gesteckt.“ „Das ist doch nicht weiter schlimm“, meinte Hagrid. „Es wäre nicht schlimm gewesen, wären da nicht auch Harry, Ron und Hermine gewesen...“ Ich seufzte. „Ich glaub’ ich weiß, was passiert ist.“, meinte Hagrid. „Sie haben dich beschimpft und dich ausgelacht, nich’?“ Erstaunt sah ich ihn an. „Woher weißt du das?“ Doch in diesem Moment ließ der Wasserkocher einen schrillen Pfiff ertönen. Hagrid stolperte hinüber zum Herd, holte das heiße Wasser und füllte es in zwei riesige Tassen. Er ließ sich wieder auf den Stuhl fallen und meinte: „Deine Freunde bedeuten dir viel, oder?“ Ich nickte. „Du hast ganz offensichtlich Angst, sie zu verlieren. Das wollte dir dieser Traum wohl sagen.“ „Ich glaube, du hast recht, Hagrid.“, flüsterte ich und nahm einen großen Schluck von dem heißen Tee. Nachdenklich sah ich auf die Tischplatte. „Die drei sind deine besten Freunde, Olivia. Sie würden dich nie im Stich lassen.“ Ich atmete tief durch. „Ich sollte mich von diesem Traum nicht so sehr beeinflussen lassen.“ „Genau“, brummte Hagrid. „Danke, Hagrid“, meinte ich. „Immer gern.“ Und da musste ich wieder lächeln.

    21
    21. Kapitel

    Am Samstagmorgen wachte ich früh auf. Heute war das erste Quidditch-Spiel: Gryffindor gegen Slytherin. Mir war nicht wohl bei dem Gedanken, gegen sieben grobe Slytherins mit Superbesen spielen zu müssen. Ich wollte mir nicht vorstellen, was Wood sagen würde, wenn wir verlören. Mit einem mulmigen Gefühl im Magen stand ich auf und zog mich an. Meine Haare band ich zu einem Zopf. Im Gemeinschaftsraum traf ich auf Harry und zusammen gingen wir hinunter in die Große Halle. Die anderen aus der Gryffindor-Mannschaft saßen schon am verlassenen Haustisch, alle mit angespannten Mienen und recht schweigsam.

    Gegen elf machte sich die gesamte Schule auf zum Quidditsch-Stadion. Ich hatte die Befürchtung, dass bald ein Gewitter ausbrechen würde. Hermine und Ron wünschten uns Glück und suchten sich dann einen Platz auf der Tribüne. Alle zogen ihre scharlachroten Gryffindor-Umhänge an und wir setzten uns auf die Bänke, um wie üblich Woods aufmunternde Worte zu hören. „Die Slytherins haben bessere Besen als wir“, begann Wood, „zwecklos, das zu bestreiten. Aber wir haben bessere Spieler auf unseren Besen. Wi rhaben viel härter trainiert als sie, wir sind bei jedem Wetter geflogen-...“ („Oh ja“, murmelte George, „seit August war ich nicht mehr richtig trocken.“) “...- und wir werden sie den Tag bereuen lassen, an dem sie dieses kleine Stück Schleim, Malfoy, in ihre Mannschaft aufnahmen.“ Die ganze Mannschaft grinste. Nun wandte sich Wood an Harry. „Es liegt an dir, ihnen zu zeigen, dass ein Sucher etwas mehr haben muss, als einen reichen Vater, Harry. Schnapp dir den Schnatz, bevor Malfoy es tut, oder stirb bei dem Versuch, denn heute müssen wir unbedingt gewinnen.“ „Also kein Erwartungsdruck, Harry“, sagte Fred und grinste.

    Wir gingen hinaus auf das Spielfeld, wo wir mit höllischem Lärm begrüßt wurden. Es waren nicht nur die Gryffindors, sondern auch die Ravenclaws und Hufflepuffs, die uns anfeuerten, denn auch sie wollten Slytherin verlieren sehen. Madam Hooch forderte Wood und Flint zum Händedruck auf und die beiden drückten heftiger zu als nötig. „Auf meinen Pfiff geht’s los“, sagte Madam Hooch. „Also, drei... zwei...eins...“ Unter dem Geschrie der Menge stiegen wir in die Höhe. Madam Hooch warf den Quaffel und ich fing ihn auf. Blitzschnell jagte ich zu den Torringen der Slytherins vor, doch weit kam ich nicht, denn ein Klatscher verfehlte mich nur um Haaresbreite und Adrian Pucey schnitt mir den Weg ab. Gekonnt warf ich den Ball zu Katie, die ihn aber nicht lange behielt. Flint rammte sie mit voller Wucht und der Quaffel fiel ihr aus der Hand. Im nächsten Moment hörte ich auch schon das Gejubel der Slytherins. Die Slythrins hatten Vorsprung. Und so ging es die nächsten zehn Minuten lang. Ich war am Rande der Verzweiflung, denn wir hatten noch kein einziges Mal getroffen und ein Klatscher hatte meine Hüfte getroffen. Ein brennender Schmerz stach in meiner Hüfte, aber ich gab mir alle Mühe, deshalb nicht vom Besen zu fallen. Slytherin führte mit sechzig zu null.

    Plötzlich hörte ich Madam Hooch’s Trillerpfeife. Offenbar verlangten die anderen eine Auszeit. Rasch lenkte ich meinen Nimbus 2000 zum Boden. „Was ist los?“, fragte Wood unter dem lauten Johlen der Slytherins, als wir uns zu einem Kreis zusammenschlossen. „Wir werden platt gemacht“, meinte er. „Fred und George, wo wart ihr, als dieser Klatscher Angelina am Torschuss gehindert hat?“ „Wir waren zehn Meter unter ihr und haben verhindert, dass der andere Klatscher Harry umbringt.“, sagte George wütend. „Jemand hat ihn verhext, er lässt Harry nicht in Ruhe und ist das ganze Spiel über hinter niemand anderem her.“ Madam Hooch kam auf uns zugeschritten, während die Slytherin-Mannschaft johlend in unsere Richtung zeigte. „Hört mal“, sagte Harry zu Fred und George, „wenn ihr die ganze Zeit um mich herumfliegt, kann ich den Schnatz nur kriegen, wenn er direkt vor meiner Nase auftaucht. Geht zurück zu den anderen und lasst mich mit dem Klatscher allein fertig werden.“ „Sei doch nicht blöd“, sagte Fred, „er schießt dir noch den Kopf ab.“ Wood blickte abwechselnd von Harry zu den Weasleys und wieder zurück. „Oliver, das ist doch verrückt“, sagte ich, „ihr könnt Harry nicht alleine mit diesem Ding lassen. Wir brauchen eine Untersuchung!“ „Wenn wir jetzt aufhören, müssen wir das Spiel abschreiben!“, meinte Harry, „und nur wegen eines durchgedrehten Klatschers wollen wir doch nicht gegen die Slytherins verlieren! Komm schon Oliver, sag ihnen, dass sie mich alleine lassen sollen.“ „Das ist alles deine Schuld“, sagte George wütend, „>hol den Schnatz oder stirb bei dem Versuch<- das war saudumm von dir, ihm sowas zu sagen.“ Madam Hooch war jetzt bei uns angekommen. „Bereit, wieder zu spielen?“, fragte sie Wood. Ich sah den entschlossenen Blick in Harrys Gesicht. „Alles klar. Ihr habt Harry gehört, Fred und George. Er will es mit dem Klatscher alleine aufnehmen.“

    Es hatte begonnen zu regen. Auf Madam Hoochs Pfiff stieß ich mich vom Boden ab. Ich versuchte dem Klatscher auszuweichen.Der Regen wurde immer dichter, doch plötzlich hörte ich ein Rauschen durch den Regen. WAMM. Ein stechender Schmerz trat in mein Bein. Ein Klatscher hatte mich getroffen. Ich spürte ein schmerzhaftes Ziehen im Bein. Ich konnte mich nicht mehr auf dem Besen halten und im nächsten Moment sah ich den Boden auf mich zukommen.

    Ich hörte einen harten Aufprall und war mir erst später darüber im Klaren, dass ich auf dem Boden aufgekommen war. Im nächsten Moment hörte ich Madam Hoochs Pfeife. Das Spiel war zu Ende und Harry hatte den Schnatz gefangen. Ich sah ein Flimmern vor meinen Augen und Punkte die sich bewegten. Und dann wurde mir schwarz vor Augen.

    Langsam öffnete ich meine Augen. In meinem Kopf spürte ich ein lautes Pochen. Das Bild wurde scharf. Ich sah in die besorgten Gesichter von Mine und Ron. „Liv?“, fragte Hermine. „Was ist denn?“, fragte ich leise und wollte aufstehen. Ein stechender Schmerz fuhr mir durchs Bein und ich schrie laut auf. „Aua!“, rief ich. „Dein Bein ist gebrochen.“, meinte Ron. „Aber Madam Pomfrey wird es gleich heilen“, sagte Hermine, „sie sieht nur zuerst nach Harry.“ „Was ist mit Harry?“, fragte ich. „Also, dieser verhexte Klatscher hat Harry den Arm gebrochen und Lockhart hat versucht, ihn zu heilen.“, sagte Mine. „Lasst mich raten, er hat es vermasselt“, sagte ich und verdrehte die Augen. Ron nickte. „Stattdessen hat er alle Knochen aus Harrys Arm entfernt.“ „Was?“, fragte ich erstaunt. „Wieder mal ein Beweis, dass Lockhart nichts zustande bringt!“ Ron grinste. Doch Hermine verteidigte Lockhart schon wieder: „Jedem kann doch mal ein Fehler unterlaufen.“ Ich rollte mit den Augen. Nach einigen Minuten kam Madam Pomfrey zu mir herüber. Sie schwenkte einmal kurz ihren Zauberstab und im Nu konnte ich mein Bein wieder bewegen. „Bleiben Sie aber lieber noch über Nacht hier, Ms. Rosier.“ Ich nickte. Und dann schickte sie Ron und Mine aus dem Krankenflügel.

    Viele Stunden später wachte ich plötzlich auf. Ich hörte Harrys Stimme in der Dunkelheit. „Hau ab“, rief er laut, „Dobby!“ War Dobby nicht der Name des Hauselfs, der dafür verantwortlich war, dass Harry von seinen Verwandten eingesperrrt wurde? Ich spähte durch die Dunkelheit, bedacht darauf, keinen Laut von mir zu geben. Ich sah einen kleinen Hauselfen mit glubschigen Tennisballaugen, der auf Harrys Bett saß. „Harry Potter ist in die Schule zurückgekehrt.“, hörte ich ihn niedergeschlagen flüstern. „Dobby hat Harry Potter immer wieder gewarnt. Sir, warum haben Sie Dobby nicht geglaubt? Warum ist Harry Potter nicht wieder nach Hause gefahren, als er den Zug verpasst hat.“ Ich sah, wie Harry sich aufrichtete und Dobbys Taschentuch wegschob. „Was machst du hier?“, fragte Harry leise. „Und woher weißt du überhaupt, dass ich den Zug verpasst habe?“ Ich sah, wie Dobbys Lippen zitterten. Mir kam plötzlich ein furchtbarer Verdacht. „Du warst es!“, sagte Harry. Er hatte also die gleichen Schlüsse gezogen wie ich. „Du hast verhindert, dass die Absperrung uns durchließ!“ „In der Tat, Sir“, sagte Dobby. Seine Stimme hörte sich lebhaft an und ich sah, wie er mit den Ohren wackelte. „Dobby hat sich versteckt und nach Harry Potter Ausschau gehalten und hat den Durchgang verschlossen und danach musste Dobby seine Hände schienen.“ Ich sah, wie Dobby Harry seine zehn langen verbundenen Finger zeigt. „Aber Dobby war es egal, denn er glaubte, Harry Potter sei sicher und er hätte sich nie träumen lassen, dass Harry Potter auf einem anderen Weg zur Schule kommen könnte!“ Ich sah, wie er den Kopf schüttelte und vor und zurück wiegte. „Dobby war so entsetzt, als er hörte, dass Harry Potter zurück in Hogwarts war, dass er das Essen seines Herrn anbrenne ließ! Eine solche Tracht Prügel hat Dobby noch nie bekommen, Sir...“ Das hörte sich sehr nach meinem Vater an. „Wegen dir sind Ron und ich fast rausgeworfen worden“, hörte ich Harry sagen, „Du verschwindest besser, bevor meine Knochen zurückkommen, Dobby, oder ich erwürge dich noch.“ Dobby sagte: „Dobby ist an Todesdrohungen gewöhnt, Sir. Zuhause kriegt er sie fünfmal am Tag.“

    Ich hörte, wie Dobby sich in eine Ecke des schmutzigen Kissenbezugs, den er trug, schnäuzte. „Warum trägst du dieses Ding, Dobby?“, hörte ich Harry fragen. „Das, Sir?“, hörte ich Dobby fragen, „Das ist ein Zeichen für den Sklavenstand der Hauselfen. Dobby kann nur freikommen, wenn sein Meister ihm Kleidung schenkt. Die Familie achtet darauf, Dobby nicht einmal eine Socke zu geben, denn dann wäre er frei, ihr Haus für immer zu verlassen.“ Dann sprudelte es plötzlich aus ihm heraus: „Harry Potter muss nach Hause gehen! Dobby dachte, sein Klatscher würde reichen, um ihn-...“ „Dein Klatscher?“, hörte ich Harry wütend und ich konnte mir vorstellen, dass er vor Wut gerade schäumte. „Was meinst du mit, dein Klatscher? Du steckst dahinter, dass mich dieses verdammte Ding umbringen wollte?“ „Nicht umbringen, Sir“, sagte Dobby schockiert, „Dobby will Harry Potters Leben retten! Besser nach Hause geschickt und schwer verletzt, als hier bleiben, Sir! Dobby will nur, dass Harry Potter so sehr verletzt wird, dass sie ihn nach Hause schicken!“ „Oh, das ist alles?“ Harry schnaubte. „Ich nehme mal an, dass du mir nicht sagen willst, warum du willst, dass ich in Stücke zerlegt nach Hause geschickt werde?“ „Ach, wenn Harry Potter doch nur wüsste“, hörte ich Dobby stöhnen, „Wenn er nur wüsste, was er uns bedeutet, den Niederen, den Versklavten, dem Abschaum der Zaubererwelt! Dobby erinnert sich noch, wie es war, als Jener, dessen Name nicht genannt werden darf, auf der Höhe seiner Macht war, Sir! Natürlich wird Dobby immer noch so behandelt, Sir“, meinte er. „Aber insgeheim, Sir, hat sich das Leben für unsereins verbessert, seit Sie über Jenem, dessen Name nicht genannt werden darf, triumphiert haben. Harry Potter hat überlebt, und die Macht des Dunklen Lords wurde gebrochen... und jetzt, in Hogwarts, werden schreckliche Dinge geschehen, und geschehen jetzt schon und Dobby kann Harry Potter nicht hier lassen, nun, da die Geschichte sich wiederholen wird, da die Kammer des Schreckens wieder geöffnet ist...“

    Was hatte er gesagt? Die Kammer des Schreckens ist wieder geöffnet? Die Kammer des Schreckens gab es wirklich? Vor Schreck hörte ich kurzzeitig auf zu atmen. Doch Dobby erstarrte. Ich hörte ein klirrendes Geräusch, als Dobby Harrys Wasserkrug vom Nachtisch nahm und seinen Kopf dagegen schlug. Ich hörte, wie er brummelte: „Böser Dobby, ganz böser Dobby...“ „Also gibt es tatsächlich eine Kammer des Schreckens?“, flüsterte Harry entsetzt. „Und... sie wurde schon einmal geöffnet? Erzähl’s mir, Dobby!“ Ich wagte nicht zu atmen. „Aber ich stamme nicht aus einer Muggelfamilie, wie mir dann Gefahr drohen?“, fragte Harry verwirrt. „Ach, Sir, fragen Sie den armen Dobby nicht aus“, stammelte der Elf, „Schlimme Taten werden an diesem Ort geplant, doch Harry Potter darf nicht hier sein, wenn sie geschehen - gehen Sie heim, Harry Potter, Sir, Sie dürfen sich da nicht einmischen, es ist zu gefährlich...“ „Wer ist es, Dobby?“, hörte ich Harry fragen, „Wer hat sich geöffnet? Wer hat sie das letzte Mal geöffnet?“ „Dobby kann nicht, Sir“, rief der Hauself panisch, „Dobby darf es nicht sagen! Gehen Sie heim, Harry Potter, gehen Sie heim!“ „Ich gehe nirgendwohin!“, sagte Harry bestimmt, „eine Freundin von mir kommt aus einer Muggelfamilie, sie wird als Erste an der Reihe sein, wenn die Kammer wirklich geöffnet wurde.“ „Harry Potter setzt sein Leben für seine Freunde ein“, sagte Dobby gerührt, „So edel! So tapfer! Aber er muss sich selbst retten, Harry Potter darf nicht-...“ Dobby verstummte. Auch ich hörte es. Draußen näherten sich schnelle Schritte. „Dobby muss gehen!“, flüsterte Dobby entsetzt und im nächsten Moment war er verschwunden. Ich hörte, wie Harry sich zurück auf’s Bett fallen ließ. Offenbar stellte er sich auch schlafend. Auch ich rührte mich nicht vom Fleck und lauschte den näherkommenden Schritten.

    Die Tür öffnete sich und einen Moment später kam Dumbledore rückwärtsgehend in das Krankezimmer hinein. Er trug eienen langen Morgenmantel und schleppte den Kopf von etwas, das aussah wie eine Statue. Professor McGonagall erschien eine Sekunde später. Sie trug die Füße der Statue. Gemeinsam hievten sie die Statue auf ein Bett. „Holen Sie Madam Pomfrey, Minerva“, flüsterte Dumbledore leise. Professor McGonagall hastete am Fußende von meinem Bett vorbei und verschwand. Ich war still und tat so, als würde ich schlafen. Ich hörte aufgeregtes Geflüster und dann tauchte Professor mcGonagall wieder auf, dicht gefolgt von Madam Pomfrey. „Was ist passiert?“, fragte Madam Pomfrey entsetzt. „Ein zweiter Angriff“, sagte Dumbledore, „Minerva hat ihn auf der Treppe gefunden.“ „Neben ihm lag ein Bündel Trauben“, flüsterte Professor McGonagall, „Wir glauben, dass er versucht hat, sich hier heraufzuschleichen, um Potter zu besuchen.“ Mein Magen verkrampfte sich. Langsam richtete ich mich einige Zentimeter auf, um die Figur auszumachen. Ich hatte einen schrecklichen Verdacht, der sich bestätigte. Es war Colin Creevey. Mit weit aufgerissenen Augen lag er da, die Hände von sich gestreckt. Und in den Händen hielt er seine Kamera. „Versteinert?“, flüsterte Madam Pomfrey. „Ja“, meinte Professor McGonagall. Alle drei starrten auf Colin hinunter. ich sah, wie Dumbledore sich vorbeugte und an Colins versteinerten Händen zerrte. „Sie denken, es ist ihm gelungen, ein Foto des Angreifers zu machen?“, sagte Professor McGonagall. Dumbledore antwortete nicht. Er zog den Kameradeckel ab. Ein Dampfstrahl schoss aus der Kamera. Der Gestank von verbranntem Plastik drang in meine Nase. „Geschmolzen“, flüsterte Madam Pomfrey und schüttelte immer wieder den Kopf. „Alles geschmolzen...“ „Was bedeutet das, Albus?“, fragte Professor McGonagall ängstlich. So hatte ich sie noch nie gesehen. „Es bedeutet“, sagte Dumbledore beunruhigt, „dass die Kammer des Schreckens tatsächlich wieder offen ist.“ Madam Pomfrey schlug sich die Hand vor die Hand gegen die Mund. Professor McGonagall sah Dumbledore entsetzt an. „Aber Albus...wer?“ „Die Frage ist nicht wer“, sagte Dumbledore und sah den versteinten Colin an, “ sondern wie...“ Ich schluckte. ich verstand, dem Gesichtsausdruck von Professor McGonagall nach, genauso wenig, wie sie.

    22
    22. Kapitel

    Die Nachricht, dass Colin Creevey abgefriffen worden war und jetzt wie tot im Krankenflügel lag, hatte sich bis Montagmorgen in der ganzen Schule herumgesprochen. Harry und ich waren aus dem Krankenflügel entlassen worden und bemerkten sofort die Wirkungen, die diese Nachricht auf die Schüler hatte. Plötzlich schwirrte die Luft von Verdächtigungen und Gerüchten. Die Erstklässler gingen nur noch in Grüppchen durch das Schloss, als ob sie Angst hätten, angegriffen zu werden, wenn sie sich allein auf den Weg machen würden. Hinter dem Rücken der Lehrer kam es zu einem blühenden Handel mit Talismanen, Amuletten und anderen angeblich „schützenden“ Utensilien. Neville kaufte eine übel riechende grüne Zwiebel und den verwesenden Schwanz eines Wassermolchs, bevor ich ihm erklärte, dass er ein Reinblut war, und deshalb auch nicht in Gefahr wäre. „Sie haben sich Filch als Ersten vorgenommen“, antwortete Neville darauf und fügte noch hinzu: „und jeder weiß, dass ich beinahe ein Squib bin.“

    Harry, Ron und Hermine heckten inzwischen hundertprozentig etwas aus, um zu beweisen, dass Draco der Erbe Slytherins war. Ich lächelte darüber nur, und während sie mit ihrem Plan beschäftigt waren, blieb mir mehr Zeit, mein Lied fertig zu schreiben. Ich saß oft im Gemeinschaftsraum und spielte auf meiner Gitarre, während ich mir den Text ausdachte. Ich musste bis Ende des Schuljahrs fertig werden, da Professor Flitwick mich gefragt hatte, ob ich am letzten Schultag, wenn das Fest beginnen würde, etwas singen könnte. Ihm war nicht entgangen, dass den Schülern das Lied am Anfang des Schuljahres gefallen hatte. Begeistert hatte ich zugesagt und ihn bei der Gelegenheit gefragt, ob es mein Lied sein könnte. Das hatte den Professor auf eine Idee gebracht. Er hatte mir vorgeschlagen, den Chor und das Orchester zusammenzulegen und ich die Hauptstimme singen sollte. Vor Freude hatte ich ihn umarmt und ihm versprochen, ihm die Noten bald zu geben.

    In der zweiten Dezemberwoche kam Professor McGonagall wie üblich zu uns hoch und notierte sich die Namen der Schüler, die über Weihnachten in Hogwarts bleiben wollten. Wir trugen uns alle vier in die Liste ein. Wir hatten gehört, dass auch Draco dableiben würde und das kam meinen Freunden sehr verdächtig vor.

    Das nächste nennenswerte Ereignis geschah am darauffolgenden Donnerstagnachmittag im Zaubertrankunterricht. Es ging wie üblich zu. Zwanzig Kessel brodelten zwischen den Holztischen, auf denen wie üblich unsere Messingwaagen und Töpfe mit Zutaten standen. Snape durchstreifte die Dampfwolken und machte abfällige Bermerkungen über die Arbeiten der Gryffindors (mich mal ausgenommen), während die Slytherins genüsslich kicherten. Als er an mir vorbeiging, blickte Snape in meinen Kessel. „Wieder mal die beste Arbeit der Gryffindors, Miss Rosier. Perfekt aufgeführt. 5 Punkte für Gryffindor.“ Die Slytherins zischten. Natürlich, immerhin war ich mit Draco Snapes Lieblingsschülerin. Ich grinste. Harrys Schwell-Lösung war viel zu dünn und Snape spottete über seine zusammengebraute Suppe. Doch heute schien Harry das nicht zu interessieren. Als der Professor weiterging, um Neville zu hänseln, sah Mine Harry an und nickte. Was hatten die nur schon wieder vor? Im nächsten Moment duckte Harry sich und zog einen Filibuster-Feuerwerkskrachern aus der Tasche. Er tippte ihn und sofort begann der Kracher zu zischen und zu knattern. Harry würde doch nicht... Doch meine Vermutung, sollte sich verwirklichen. Harry warf den Kracher durch die Luft: er landete genau im Ziel, nämlich Goyles Kessel. Rasch ging ich unter dem Tisch in Deckung. Dies war eine gute Entscheidung gewesen, denn Goyles Schwellgebräu explodierte schlagartig und regnete über die ganze Klasse herab. Alle Schüler, die einen Tropfen abbekommen hatten, schrien laut auf. Draco hatte einen Spritzer mitten ins Gesicht bekommen und seine Nase blähte sich auf wie ein Luftballon. Goyle tapste herum mit Händen, die groß wie Teller waren. Professor Snape bemühte sich nach Kräften, Ruhe in die Klasse zu bringen und herauszufinden, was geschehen war. Im Durcheinander sah ich, wie Mine sich in Snapes Büro stahl. „Ruhe! RUHE!“, dröhnte Snape, „Alle, die einen Spritzer abbekommen haben, kommen hier herüber zum Abschwelltrank...Wenn ich rauskriege, wer das war...“ Ich musste sich das Lachen verkneifen, als ich sah, wie Draco nach vorne rannte, den Kopf vom Gewicht einer melonengroßen Nase zu Boden gezogen. Die Hälfte der Klasse schlurfte vor zu Professor Snapes Tisch. Einige hatten Arme wie unförmige Holzprügel, andere brachten durch ihre angeschwollenen Lippen kein Wort mehr hervor. Ich bemerkte, wie Hermine wieder aus dem Kerker glitt.

    Als alle einen Schluck des Abschwelltranks genommen hatten und die verschiedenen Schwellungen wieder verschwunden waren, rauschte Snape zu Goyles Kessel hinüber und schöpfte die schwarzen Überreste des Feuerwerkskörpers heraus. Die Klasse verstummte. „Wenn ich je rauskriege, wer das getan hat“, zischte Snape, „Dem garantiere ich, dass er rausfliegen wird.“ Harry bemühte sich, seinem Gesicht den Ausdruck von Verwirrung zu geben. Kopfschüttelnd wandte ich mich wieder meinem Trank zu.

    Als Harry, Ron, Mine und ich eine Woche später die Eingangshalle durchquerten, bemerkten wir einen kleinen Menschenauflauf um das schwarze Brett herum. Dort war soeben ein Pergament angepinnt worden. Seamus und Dean winkten uns aufgeregt herüber. „Sie gründen einen Duellierclub!“, sagte Seamus begeistert, „Heute Abend ist das erste Treffen. Also, ich hätte nichts gegen Duellunterricht, vielleicht brauche ich ihn eines Tages...“ „Wie - du denkst, Slytherins Monster wird sich duellieren?“, fragte Ron, doch auch er las den Aushang mit Interesse durch. Als wir auf dem Weg zum Mittagessen waren, sagte Ron: „Könnte nützlich sein. Sollen wir hingehen?“

    Wir hatten alle Lust und so kamen abend um acht zurück in die Große Halle. Die langen Haustische waren verschwunden und an einer Wand war eine goldene Bühne aufgetaucht, die von tausend schwebend Kerzen erleuchtet wurde. Es herrschte ein großer Andrang. „Wer wohl den Unterricht gibt?“, fragte Mine. „Vielleicht Flitwick“, überlegte ich, „Ich habe gehört, dass er, als er jung war, ein glänzender Duellkämpfer war.“ „Solange er nicht-...“, begann Harry, doch er brach mit einem Seufzer an. Ich blickte in die Richtung, in die er sah und wusste sofort, wieso. Gilderoy Lockhart betrat die Bühne (heute in einem pflaumenfarbenen Umhang), gefolgt von Snape (glücklicherweise in seinem üblichen schwarzen Umhang!) Mit einer Armbewegung bat Lockhart um Ruhe. Dann streckte seine Burst heraus und sagte: „Können mich alle sehen? Könnt ihr mich alle hören? Sehr schön!“ Von so viel Enthusiasmus wurde mir noch schlecht. Lockhart fuhr unbeirrt fort: „Nun, Professor Dumbledore hat mir die Erlaubnis erteilt, diesen kleinen Duellierclub zu gründen für den Fall, dass ihr euch verteidigen müsst, wie ich es selbst in zahlreichen Fällen getan habe - die Einzelheiten lest ihr bitte in meinen Veröffentlichungen nach.“ Diesen Satz quittierte ich mit einem Rollen meiner Augen. Lockhart rief jetzt: „Ich möchte euch meinen Assistenten Professor Snape vorstellen. Er hat mir anvertraut, dass er selbst ein wenig vom Duell versteht und hat sich freundlicherweise bereit erklärt, mir anfangs bei einer kleiner Vorführung zu helfen.“ „Snape weiß garantiert mehr, als Lockhart in tausend Jahren“, flüsterte ich Ron und Harry zu. Die beiden grinsten. Lockhart ließ ein breites Lächeln aufblitzen. „Ihr jungen Leute braucht euch keine Sorgen zu machen, wenn ich mit ihm fertig bin, bekommt ihr euren Zaubertranklehrer unversehrt wieder, keine Angst.“ Ich brachte ein spöttisches Lächeln zusammen. Snape würde schneller mit Lockhart fertig sein, als umgekehrt. Snapes Oberlippe kräuselte sich. Ich fragte mich, weshalb Lockhart eigentlich noch lächelte. Wenn Snape mich so angesehen hätte, wäre ich schon längst davongerannt.

    Snape und Lockhart wandten sich einander zu und verbeugten sich. Lockhart tat dies mit viel Händegefuchtel, während Snape gereizt mit dem Kopf ruckte. Dann hoben die beiden ihre Zauberstäbe wie Schwerter in die Höhe. „Wie ihr seht, halten wir unsere Zauberstäbe in der herkömmlichen Kampfstellung“, erklärte Lockhart der schweigenden Menge. „Ich zähle bis drei und dann sprechen wir unsere ersten Zauberflüche. Natürlich hat keiner von uns die Absicht, zu töten.“ „Darauf würde ich nicht wetten“, meinte ich und sah, wie Snape die Zähne bleckte. Ich grinste. „Eins - zwei - drei-....“ Beide schwangen ihre Zauberstäbe über die Schulter. Snape rief: „Expelliarmus!“ Ein scharlachroter Blitz trat aus Snapes Zauberstab und riss Lockhart von den Füßen. Rücklings flog er über die Bühne, knallte gegen die Wand, rutschte an ihr herunter und blieb, mit allen Vieren von sich gestreckt, auf dem Boden liegen. Draco und einige anderen Slytherins johlten. Ich lachte, doch Hermine warf mir einen vernichtenden Blick zu. Dann stellte sie sich auf Zehenspitzen und hüpfte herum. „Ob ihm was passiert ist?“ „Na und wenn schon“, sagten Ron, Harry und ich wie aus einem Mund. Lockhart richtete sich schwankend auf. Hatte ich schon erwähnt, dass er mir nicht im Geringsten Leid tat? Sein Wellenhaar stand spitz in die Höhe. „Nun, ihr habt’s gesehen!“, sagte er und tapste zurück auf die Bühne. „Das war der Entwaffnungszauber - wie ihr seht, hab ich meinen Zauberstab verloren - ah, danke, Miss Brown... Eine treffliche Idee, ihnen das zu zeigen, Professor Snape, aber verzeihen Sie mir bitte, es war recht offensichtlich, was sie vorhatten und ich hätte es verhindert, wenn ich gewollt hätte - allerdings meinte ich, es wäre lehrreich, wenn die Schüler es sehen würden...“ Snapes Gesicht hatte einen mörderischen Ausdruck angenommen. Vielleicht war dies auch Lockhart aufgefallen, denn er sagte: „Genug der Vorführung! Ich komme jetzt herunter und stelle euch alle zu Paaren zusammen - Professor Snape, wenn Sie mir helfen würden...“

    Sie gingen durch die Menge und stellten die Schüler partnerweise zusammen. Lockhart stellte Neville und Justin zusammen. Snape erreichte Harry und Ron zuerst. „Zeit, das Traumpaar zu trennen“, hörte ich ihn höhnen, „Weasley, du gehst zu Finnigan. Potter -...“ Er überlegte kurz, dann sagte er: „Mr. Malfoy, kommen Sie hier rüber. Mal sehen, was Sie aus dem berühmten Potter machen.“ Dann wandte er sich zu Hermine um. „Und Sie, Miss Granger, gehen mit Miss Bulstrode zusammen.“ Er sah mich an. „Miss Rosier, gehen Sie doch zu Mr. Macmillan.“ Ein stämmiger Junge aus Hufflepuff kam auf mich zu. Ich lächelte ihn an und er erwiderte das Lächeln matt. „Zauberstäbe bereit!“, rief Lockhart. „Ich zähle bis drei, dann sprecht ihr eure Zauberflüche und entwaffnet den Gegner - nur entwaffnen - wir wollen keine Unfälle - eins... zwei... drei-...“ Blitzschnell rief mein Gegner: „Expelliarmus!“ Instinktiv schwang ich meinen Zauberstab und rief: „Protego!“ Aus meinem Zauberstab baute sich ein Schild auf, dass den scharlachroten Strahl zurück auf Ernie warf. Sein Zauberstab flog ihm aus der Hand und beeindruckt hob er den Zauberstab auf. „Wow!“, meinte er, „Diesen Zauber lernt man doch gar nicht im zweiten Schuljahr.“ Ich grinste. Dann sagte ich: „Ich habe schon ein wenig vorgelernt.“ Plötzlich hörte ich Lockhart aufgebracht rufen: „Ich sagte, nur entwaffnen!“ Ich sah, wen er meinte. Es waren Draco und Harry. Harry hatte Draco mit einem Kitzelfluch belegt und hielt es ganz offensichtlich für unsportlich, Draco in einem solchen Zustand zu verhexen, denn dieser konnte sich vor Lachen kaum bewegen. Doch das war ein Fehler. Denn Draco richtete nach Atem ringend seinen Zauberstab auf Harry und rief: „Tarantallegra!“ Im nächsten Augenblick begannen Harrys Beine wild umherzuschlenkern, als würde er einen schnellen Foxtrott tanzen. „Aufhören! Aufhören!“, rief Lockhart hysterisch. Ich verdrehte die Augen, richtete meinen Zauberstab auf Harry und Draco und sagte: „Finite Incantatem!“ Harrys Beine hörten auf zu tanzen und Draco hörte auf zu lachen und beide konnten sich wieder sammeln.

    Grünlicher Rauch hing über dem Schlachtfeld. Neville und Justin lagen schwer atmend auf dem Boden. Ron half dme blassen Seamus auf die Beine und entschuldigte sich für was immer auch sein kaputter Zauberstab angestellt hatte, doch Mine und Millicent Bulstrode rauften immer noch. Millicent Bulstrode war groß und vierschrötig und ihr schwerer Kiefer mahlte angriffslustig. Sie hatte Mine, die vor Schmerz wimmerte, im Schwitzkasten. Ihre Zauberstäbe lagen vergessen auf dem Boden. Ich rannte zu ihnen hinüber und riss Millicent von Hermine weg. Es war nicht einfach, denn sie war viel größer als ich. „Du meine Güte“, rief Lockhart. Er hüpfte durch die Menge und begutachtete das Trümmerfeld. „Aufstehen, Finch-Fletchley...Vorsicht, Miss Fawcett... drück stark dagegen, Boot, es wird gleich aufhören zu bluten - Ich denke, ich zeige euch lieber, wie ihr feindselige Zauber abblocken könnt.“, meinte Lockhart, verwirrt in der Halle stehend. Er sah hinüber zu Snape, der ihn aus dunklen Augen anfunkelte und sah rasch wieder weg. „Ich brauche zwei Freiwillige. Longbottom und Finch-Fletchley, wie wär’s mit Ihnen?“ „Eine schlechte Idee, Professor Lockhart“, sagte Snape und kam zu uns herübergerauscht. „Longbottom richtet schon mit den einfachsten Zaubersprüche Verheerungen an, da könne wir das, was von Finch-Flechley übrig bleibt, in einer Streichholzschachtel hoch in den Krankenflügel schicken.“ Neville lief rosa an. „Wie wär’s mit Potter und Malfoy?“, schlug Snape mit einem schiefen Lächeln vor. „Glänzende Idee!“, rief Lockhart und holte die beiden in die Mitte der Halle.

    „Harry, wenn Draco seinen Zauberstab auf Sie richtet, tun Sie dies.“, sagte Lockhart. Er hob seinen Zauberstab, versuchte eine komplizierte Schlängelbewegung und ließ ihn fallen. Ich versuchte krampfhaft, mir das Lachen zu verkrampfen. Unter dem hämischen Grinsen von Snape hob Lockhart den Zauberstab auf. „Uuups - mein Zauberstab ist ein wenig überhitzt-...“ Ich grinste. Snape trat zu Draco, trat zu ihm hinunter und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Snape grinste hämisch und Draco setzte ein fieses Lächeln auf. Harry sah nervös zu Lockhart und fragte: „Professor, könnten Sie mir diese Abwehrbewegung noch einmal zeigen?“ „Angst?“, hörte ich Draco Harry fragen. „Hättest du wohl gern“, zischte Harry aus dem Mundwinkel. Lockhart patschte fröhlich auf Harrys Schulter. „Machen Sie einfach meine Bewegung nach, Harry!“ „Wie, ich soll meinen Zauberstab fallen lassen?“, fragte Harry verwirrt. doch Lockhart hörte ihm offensichtlich nicht zu. „Drei - zwei - eins - los!“ Draco hob seinen Zauberstab und bellte: „Serpensortia!“ Die Spitze seines Zauberstabs explodierte. Eine Schlange schoss heraus, klatschte schwer auf den Boden und richtete sich auf. Alle traten erschrocken zurück, außer ich. „Nicht bewegen, Potter. Ich entfernte sie.“, meinte Snape ruhig. „Erlauben Sie“, rief Lockhart und trat auf die Schlange zu. Drohend schwang er den Zauberstab und richtete ihn auf die Schlange. Es gab einen lauten Knall. Aber die Schlange verschwand nicht. Sie wurde vier Meter hoch geschleudert und fiel mit einem Klatschen zurück auf den Boden. Rasend vor Wut glitt sie direkt auf Justin zu und richtete sich mit ihren scharfen Giftzähnen vor ihm auf. Ich sah, wie Harry sich auf die Schlange zubewegte. Er sagte etwas, dass jedoch nicht wie eine Sprache klang. Eher wie ein Zischen. Beschwörend sah er die Schlange an. Doch seltsamerweise ließ die Schlange von Justin ab. Harry grinste Justin an. Doch Justin wirkte wütend und verängstigt. „Was treibst du eigentlich für ein Spiel?“, schrie Justin wütend und bevor jemand etwas sagen konnte, war er aus der Halle gestürmt. Ich drehte mich zur Schlange um und rief: „Vipera Evanesca!“ Die Schlange löste sich in ein Wölkchen aus schwarzem Staub auf.

    Alle sahen Harry an. Und nun erhob sich ein merkwürdiges Gemurmel. Ich packte Harry an der Schulter. „Komm schon, Harry!“, flüsterte ich und zog in von der Stelle. Ron, Mine und ich nahmen Harry in die Mitte und führten ihn aus der Halle. Als wir durch die Tür gingen, teilte sich die Schar von Schülern zu beiden Seiten um uns durchzulassen, als hätten sie Angst. Wir sagten kein Wort, bis wir oben im Gemeinschaftsraum waren. Harry blickte verwirrt drein. Ron drückte ihn in einen Sessel und fragte: „Du bist ein Parselmund. Wieso hast du uns das nicht erzählt?“ „Ich bin ein was?“, fragte Harry verwundert. „Ein Parselmund“, sagte ich nachdrücklich, „Du kannst mit Schlangen reden!“ „Ich weiß.“, meinte Harry, „Aber das ist erst das zweite Mal in meinem ganzen Leben. Einmal habe ich aus Versehen eine Boa constrictor im Zoo auf meinen Vetter Dudley losgelassen - lange Geschichte -, aber sie meinte, sie wäre noch nie in Brasilien gewesen und ich habe sie unabsichtlich freigelassen - das war, bevor ich wusste, dass ich ein Zauberer bin -...“ „Eine Boa constrictor hat dir gesagt, sie sei noch nie in Brasilien gewesen?“, wiederholte Ron leise. „Na und?“, entgegnete Harry, „Ich wette, eine Menge Leute hier können das.“ Ich schüttelte den Kopf. „Es ist keine sehr verbreitete Gabe, Harry. das ist schlecht.“ „Was ist schlecht?“, fragte Harry aufgebracht. „Was ist eigentlich los mit euch? Wenn ich der Schlange nicht gesagt hätte, dass sie Justin nicht angreifen soll-...“ Ich unterbrach ihn. „Oh, das hast du gesagt?“ Verwundert sah er mich an. „Was soll das heißen? Du warst doch dabei - du hast mich gehört...“ „Ich habe dich Parsel sprechen hören“, meinte ich und Ron sagte: „Du hättest alles sagen können. Kein Wunder, dass Justin panische Angst gekriegt hat, du hast geklungen, als ob du die Schlange anstacheln würdest - es war gruselig, weißt du.“ Harry starrte uns mit offenem Mund an. „Ich habe eine andere Sprache gesprochen? Aber das habe ich nicht gemerkt. Wie kann ich eine andere Sprache sprechen, ohne dass ich es weiß?“ Ron schüttelte den Kopf. „Willst du mir sagen, was daran schlimm ist, wenn ich eine dreckige Schlange daran hindere, Justin den Kopf abzubeißen?“, fragte Harry wütend, „ist doch egal, wie ich es angestellt habe, solange Justin nict bei der Kopflosenjagd mitmachen muss!“ „Es ist nicht egal“, meldete sich Mine endlich zu Wort. Ich seufzte. „Salazar Slytherin war berühmt dafür, dass er mit Schlangen reden konnte. Deshalb ist das Symbol des Hauses Slytherin auch eine Schlange.“ „Genau“, meinte Ron, „Und jetzt denkt die ganze Schule, dass du sein Urururururururgroßenkel bist oder so ähnlich...“ „Aber das bin ich nicht“, meinte Harry mit einem Anflug von Panik in der Stimme. „Das wirst du nicht beweisen können“, sagte ich. „Er lebte vor ungefähr einem Jahrtausend, nach allem, was wir wissen, könntest du es sein.“, fügte Hermine hinzu.

    23
    23. Kapitel

    Am nächsten Morgen erwachte ich früh. Das nächtliche Schneetreiben hatte sich in einen so dichten Schneesturm verwandelt, dass Kräuterkunde ausfiel. Professor Sprout wollte den Alraunen Socken und Schals umziehen und das war eine so vertrackte Angelegenheit, dass sie niemand anderen damit betrauen wollte. Besonders jetzt war dies wichtig, denn die Alraunen wuchsen rasch und würden Mrs. Norris und Colin Creevey zurück ins Leben holen. Harry und ich saßen am Kaminfeuer, während Ron und Hermine die freie Stunde nutzten, um Zauberschach zu spielen. Harry wollte Justin eigentlich in der Kräuterkundestunde erzählen, was sich gestern Abend mit der Schlange wirklich abgespielt hatte. „Um Himmels Willen, Harry“, sagte Mine genervt, als einer von Rons Läufern ihren Springer vom Pferd herunterzerrte und ihn vom Brett schleifte. „Dann geh doch und such Justin, wenn es dir so wichtig ist.“ Harry stand auf und verließ den Gemeinschaftsraum.

    Nach einer Stunde, blickte ich auf. Harry hätte schon längst wieder zurücksein sollen. Ich stand auf und sagte zu Ron und Mine: „Ich gehe Harry suchen.“ Die beiden hörten mir nicht zu. Ich stöhnte und verschwand dann durch das Porträtloch. Ich lief durch die Gänge auf der Suche nach Harry. Plötzlich hörte ich jemanden rufen. Es war Peeves. „ANGRIFF! ANGRIFF! WIEDER EIN ANGRIFF! KEIN STERBLICHER ODER GEIST IST MEHR SICHER! RENNT UM EUER LEBEN AAAAAAAANGRIFF!“ Das Geschrei hallte von den Wänden wieder und ich suchte ihren Ursprung. Ich bog um eine Ecke und erstarrte. Ich sah Harry, Peeves und... Ich rannte auf sie zu. Justin Finch-Fletchley lag starr auf dem Boden. Steif, kalt und reglos starrte er an die Decke. Er hatte einen festgefrorenen Ausdruck des Entsetzens im Gesicht. Neben ihm war etwas Seltsames, dass ich noch nie gesehen hatte. Es war der Fast Kopflose Nick. Er war jedoch nicht mehr perlweiß und durchsichtig, sondern mit schwarzem Rauch gefüllt. reglos schwebte er eine Handbreit über dem Boden. Sein Kopf hing herunter und auf seinem Gesicht stand derselbe Ausdruck des Entsetzens wie auf dem Justins.

    In diesem Moment hörte ich das Knallen der Türen und eine Tür nach der anderen flog auf. Eine Flut von Schülern quoll heraus. Einige langen Minuten herrschte solches Durcheinander, dass Justins Körper Geffahr lief, ernsthafte Schäden zu nehmen und manche mitten im Kopflosen Nick standen. Harry und ich wurden von den ganzen Schülern an die Wand gedrückt. Die Lehrer baten mit lauter Stimme um Ruhe. Professor McGonagall kam herbeigeeilt. Ein lauter Knall aus ihrem Zauberstab ließ endlich Ruhe einkehren und sie wies alle zurück in ihre Klassenzimmer. Kaum hatte sich der Korridor etwas geleert, kam Ernie Macmillan keuchend angerannt. „Auf frischer Tat ertappt!“, rief er triumphierend und deutete mit einer dramatischen Geste auf Harry. „Lassen Sie es gut sein, Macmillan!“, sagte Professor McGonagall scharf. Über uns hüpfte Peeves auf und ab und wachte bösartig über das ihm dargebotene Schauspiel: wenn heilloses Durcheinander herrschte, hatte Peeves die beste Laune. Während die Lehrer sich über Justin beugten, gab Peeves ein Lied zum Besten:
    „Ach Potter, du Schwein, was hast du getan.
    Du meuchelst die Schüler und freust dich daran-...“
    „Das reicht, Peeves“, blaffte Professor McGonagall und Peeves schwebte rücklings davon (nicht, ohne Harry die Zunge rauszuschrecken). Professor Flitwick und Professor Sinistra trugen Justin in den Krankenflügel, doch niemand wusste, was man mit dem Fast Kopflosen Nick machen sollte. Schließlich beschwor McGonagall einen riesigen Föhn herauf und befahl Ernie, ihn die Treppe raufzublasen. „Kommen Sie mit, Potter“, befahl Professor McGonagall. Harry warf mir einen verzweifelten Blick zu, musste aber trotzdem Professor McGonagall folgen.

    Der Doppelangriff auf Justin und den Kopflosen Nick verwandelte die angespannte Stimmung im Schloss in helle Panik. Das Schicksal des Fast Kopflosen Nicks war für die Schüler und Lehrer die größte Sorge. Denn was für ein Wesen konnte einem Geist so etwas antun? Fast kam es zu einem Ansturm auf die Fahrkarten für den Hogwarts-Express, denn jetzt wollten all über Weihnachten nach Hause. „Wenn das so weitergeht, bleiben wir als Einzige hier“, sagte Ron zu Harry, Mine und mir. „Wir, Malfoy, Crabbe und Goyle. Das werden ja lustige Ferien.“ Crabbe und Goyle, die Draco alles nachmachten, hatten sich ebenfalls in die Liste derer eingetragen, die in den Ferien dableiben würden. Für Harry war es aber, meiner Meinung nach, aber gut, dass so viele nach Hause fuhren. Er tat mir leid, denn alle anderen machten einen großen Bogen um Harry, wenn man uns begegnete. Und ich bemerkte jedes Mal, dass sie im Vorbeigehen murmelten, zischten und mit dem Finger auf Harry zeigten. Die Einzigen, die das lustig fanden, waren Fred und George. Sie ließen es sich nicht nehmen, als Harry’s Vorhut durch die Gänge zu marschieren und dabei zu rufen: „Macht Platz für den Erben von Slytherin, ein gaaanz böser Zauberer kommt hier durch...“ Bei diesen Worten musste ich jedesmal lachen und manchmal sah ich Harry auch lächeln. Percy missbilligte dieses Verhalten allerdings zutieft. „Ach, gah aus dem Weg, Percy“, meinte Fred unbeeindruckt, „Harry hat’s eilig.“ „Ja“, fügte George ein, „Er macht schnell einen Abstecher in die Kammer des Schreckens auf eine Tasse Tee mit seinem reißzähnigen Knecht.“ Ich musste bei diesem Satz glucksen. Auch Ginny fand das nicht lustig. „Hört doch auf“, flehte sie, wenn Fred Harry laut fragte, wen er denn als Nächsten angreifen würde, oder George so tat, als ob er Harry mit einer Knoblauchknolle abschrecken würde. Na ja, wenigstens hielten Fred und George für ausgemachten Unsinn, dass Harry der Erbe Slytherins sein könnte.

    Endlich hatten die Weihnachtsferien begonnen. Es herrschte eine tiefe Stille im Schloss, wie der Schnee auf den Ländereien und ich war froh, dass Harry, Mine, die Weasleys und ich den ganzen Gryffindortrum für uns alleine hatten. Das hieß, wir konnten „Snape explodiert“, spielen, ohne jemanden zu stören und in Ruhe das Duellieren üben. Ich hatte inzwischen auch mein Lied fertig geschrieben und die Noten Professor Flitwick gegeben. Er war begeistert gewesen und hatte sofort mit den Proben begonnen. Fred, George und Ginny waren lieber in der Schule geblieben, als mit Mr. und Mrs. Weasley ihren Bruder Bill in Ägypten zu besuchen.

    Der Weihnachtsmorgen brach an. Er war kalt und weiß. Früh wurde ich von Mine geweckt. „Geschenke!“, rief ich aus. Vor meinem Bett lag ein kleiner Stapel von Geschenken. Das erste Geschenk war von meinen Eltern. Es war eine alte goldene Taschenuhr, mit silbernen Zeigern. Hermine hatte mir ein Buch geschenkt. Der Titel lautete: „Spezielle Zaubersprüche für jeden Anlass.“ Von Harry bekam ich einen langen Pfauenfeder geschenkt und Rons Geschenk war eine riesige Packung voller Lutscher, die ständig ihre Farben änderten. Mrs. Weasley hatte mir einen selbst gestrickten weißen Pullover und einen großen Pflaumenkuchen geschickt. Mine freute sich sehr über mein Geschenk. Ich hatte mit meinen Kräften eine Figur hergestellt. Diese zeigte Hermine mit erhobenem Zauberstab. Ich hatte mich bei dem Gesicht der Figur öfters verbessern müssen, aber Mine gefiel sie. Als sie es auspackte, fiel sie mir um den Hals. In diesem Moment war ich wunschlos glücklich.

    Keiner kam darum herum, das Weihnachtsessen in Hogwarts zu genießen. Die Große Halle war herrlich geschmückt worden. Dort standen ein Dutzend mit Eiskristallen bedeckte Weihnachtsbäume und kreuz quer waren Stechpalmenzweige und Misteln in dicht geflochtenen Bändern unter die Decke gespannt worden. Von der Decke rieselte weicher verzauberter Schnee, der aber vollkommen trocken war. Dumbledore sang mit uns einige Weihnachtslieder, wobei Hagrid mit jedem Glas Eierpunsch, das er trank, lauter dröhnte. Fred hatte Percys Vertrauenschülerabzeichen verhext und nun stand darauf „Eierkopf“. Die Zwillinge und ich glucksten die ganze Zeit und Percy fragte uns irgendwann genervt, was denn los sei. Als Antwort bekam er nur ein lautes Lachen. Es störte mich nicht einmal, dass Draco am Tisch der Slytherins sich gerade über unsere neuen Pullover lustig machte. Ich wusste, dass Hermine, Ron und Harry etwas vorhatten, denn sie sahen sich die ganze Zeit etwas nervös an. Als wir danch zu viert aus der Großen Halle traten, sagte ich: „Ich verziehe mich jetzt in den Gemeinschaftsraum und lasse euch einfach mal machen. Aber jammert danach nicht rum, dass ich euch nicht gesagt habe, dass Malfoy nicht der Erbe Slytherins ist.“ Mit diesen Worten rauschte ich davon.

    Nach eineinhalb Stunden, die ich lesend im Gemeinschaftsraum verbracht hatte, hörte ich, wie das Porträtloch aufging. Ich blickte auf und sah Ron, der dem Anschein nach gerannt war, denn sein Gesicht war ganz rot. „Komm...mit“, hechelte er. Ich stand auf und ging zu ihm hinüber. „Jetzt schnauf’ erst einmal durch Ron, und sag mir dann, was los ist.“ Er nickte und langsam wurde seine Gesichtsfarbe wieder normal. „Hermine hat sich im Klo der Maulenden Myrthe eingesperrt. Sie will nicht rauskommen. Harry meinte, vielleicht kannst du sie dazu bringen.“ Wieso kam mir diese Situation seltsam bekannt vor? Ich nickte und gemeinsam rannten wir zur Mädchentoilette.

    „Hermine?“, fragte ich, als wir vor den Kabinen standen. „Haut ab!“, quiekte Mine. Harry, Ron und ich sahen uns an. „Was ist los mit dir?“, fragte Ron. „Du musst doch inzwischen wieder du selbst sein.“ Plötzlich glitt die Maulende Myrthe durch die Trennwand. So glücklich hatte ich sie noch nie gesehen. „Oooooooh, wartet nur, bis ihr sie seht“, sagte sie freudig, „Es ist schrecklich...“ Der Riegel wurde zurückgezogen und Hermine kam heraus, das Gesicht versteckend. „Was ist los?“, fragte Ron, „Hast du noch Millicents Nase, oder so?“ Mine sah ins Licht und Ron zuckte so schnell zurück, dass er gegen das Waschbecken stieß. Ihr Gesicht war mit schwarzem Fell überzogen, ihre Augen waren gelb und lange spitze Ohren ragten aus ihrem Haar. „Es war ein K-Katzenhaar!“, heulte sie, „Und der Trank darf nicht für Verwandlungen in Tiere gebraucht werden!“ „Ich will gar nicht wissen, was ihr gemacht habt“, flüsterte ich kopfschüttelnd. „Da werden sie dich ganz fürchterlich triezen“, meinte Myrthe glücklich. „Ist schon in Ordnung, Hermine“, sagte Harry, „Wir bringen dich hoch in den Krankenflügel, Madam Pomfrey stellt zum Glück nie viele Fragen...“ Es dauerte lange, bis wir Hermine überredet hatten, nach draußen zu gehen. Die Maulende Myrthe lachte schallend. „Warte nur, bis alle rausfinden, dass du einen Schwanz hast!“ Ich warf ihr einen bitterbösen Blick zu.

    Mine blieb mehrere Wochen im Krankenflügel. Als die anderen aus den Weihnachtsferien zurückkamen, kochte die Gerüchteküche über, denn alle glaubten, sie wäre angegriffen worden. Auffällig viele schlenderten am Krankenflügel entlang und versuchten einen Blick auf Hermine zu erhaschen. Deshalb packte Madam Pomfrey ihren Vorhang wieder aus und hängte ihn um Hermines Bett herum, damit es ihr erspart blieb, mit einem Fellgesicht gesehen zu werden. Wir gingen sie jeden Abend besuchen und brachten ihr, seit dem der Unterricht wieder angefangen hatte, diese Hausaufgaben mit. An einem Abend besuchten wir Hermine, wie immer. „Ich war mir so sicher, es wäre Malfoy.“, sagte zum ungefähr hundertsten Mal. „Was ist das denn?“, fragte ich und eutete auf etwas Goldenes, das unter Mines Kissen hervorlugte. „Nur eine Gute-Besserung-Karte“, meinte sie hastig und versuchte, die Karte wegzustecken, doch Ron war schneller als sie. Er zog sie hervor und las laut vor:
    „An Ms. Granger, der ich eine rasche Genesung wünsche, von ihrem besorgten Lehrer, Gilderoy Lockhart, Orden des Merlins dritter Klasse, Ehrenmitglied der Liga zur Verteidigung gegen die dunklen Künste und fünfmaliger Gewinner des Charmantestes-Lächeln-Preises der Hexenwoche.“
    Ich schnaubte verächtlich. „Auf dieser Karte steht mir über ihn als über dich.“, meinte ich. Ron nickte und sah Hermine angewidert an: „Du schläfst mit der Karte unter dem Kissen?“ Doch Hermine brauchte nicht zu antworten, denn Madam Pomfrey kam mit der Arznei und schickte uns aus dem Krankenflügel.

    „Lockhart ist mit Abstand der größte Schleimer, den man sich vorstellen kann“, knurrte Ron. „Wusstet ihr, dass Lockhart ein Ravenclaw war?“ Beide starrten mich an. „Was denn? Alle Fakten, die ihn bloßstellen, sind wichtige Informationen. Ich nehme mal an, er war die größte Schande, die dieses Haus jemals hatte.“ Beide grinsten. Plötzlich hörten wir aus dem Stockwerk über uns einen wutentbrannten Schrei. „Das ist Filch“, murmelte Harry. Wir rannten die Treppe nach oben, gingen in Deckung und lauschten mit gespitzten Ohren. „Glaubt ihr, es ist wieder jemand angegriffen worden?“, flüsterte Ron. Wir standen reglos da, und lauschten Filchs hysterischer Stimme. “...-noch mehr Arbeit für mich! Die ganze Nacht wischen, als ob ich sonst nichts zu tun hätte! Nein, das bringt das Fass zum Überlaufen, ich gehe zu Dumbledore-...“ Seine Schritte wurden leiser und in der Ferne hörten wir, wie eine Tür zugeschlagen wurde.

    Wir sahen um die Ecke. Filch hatte offenbar an der üblichen Stelle Wache gehalten: Wieder einmal waren wir an dem Ort, wo Mrs. Norris angegriffen worden war. Wir sahen auf den ersten Blick, weshalb Filch so getobt hatte. Eine große Wasserlache bedeckte den halben Korridor und es sah so aus, als ob immer noch Wasser unter der Klotür der Maulenden Myrthe heraussickerte. Nun, da Filch weggegangen war, konnten wir Myrthes Klagen von den Klowänden widerhallen hören. „Was ist denn mit der schon wieder los?“, fragte Ron. „Lasst uns nachsehen“, meinte Harry. Wir zogen unsere Schulumhänge hoch und tapsten durch die riesige Wasserlache hinüber zu Tür mit dem „Defekt“-Schild, missachteten es wie üblich und traten durch die Tür. Die Maulende Myrthe weinte noch lauter und heftiger als sonst, falls das überhaupt möglich sein konnte. Offenbar versteckte sie sich in ihrer üblichen Kabine. Es war dunkel, denn die Wasserflut, von der die Wände und der Boden klatschnass waren, hatte auch die Kerzen gelöscht. „Was ist los, Myrthe?“, fragte Harry. „Wer ist da?“, schluchzte sie, „Willst du noch etwas auf mich werfen?“ Wir wateten hinüber zu ihrer Tür und Harry fragte: „Warum sollte ich dich mit etwas bewerfen?“ „Frag mich nicht“, rief Myrthe und tauchte auf, wobei eine weitere Wasserwelle auf den patschnassen Boden schwappte. „Da bin ich und kümmere mich um meine eigenen Angelegenheiten und irgendjemand hält es für witzig, ein Buch nach mir zu werfen...“ „Aber es kann dir doch nicht wehtun, wenn jemand dich trifft“, sagte Ron, „es würde doch einfach durchfliegen, oder?“ Er hatte etwas Falsches gesagt. Myrthe plusterte sich auf und schrie: „Lasst uns alle Bücher auf myrthe werfen, denn sie spürt es ja nicht! 10 Punkte, wenn es durch den Magen geht! 50 Punkte, wenn ihr eins durch ihren Kopf kriegt! Schön! Was für ein wunderbares Spiel!“

    „Wo wir schon darüber reden - wer war es denn eigentlich?“, fragte ich. „Ich weiß nicht... Ich saß im Abflussrohr und dachte über den Tod nach und es fiel direkt durch meinen Kopf“, sagte Myrthe und starrte uns böse an. „Da drüben liegt es.“ Sie deutete zum Waschbekcen. Dort lag ein kleines, dünnes Buch. Es hatte einen hässlichen schwarzen Einband und war nass, wie alles andere im Klo. Harry bückte sich und hob das Buch auf. Ron und ich sahen über seine Schulter. Es handelte sich um einen Taschenkalender und die ausgebleichte Jahreszahl sagte uns, dass er fünfzig Jahre alt war. Neugierig schlugen wir das Buch auf. Auf der ersten Seite stand nur ein Name: „T. V. Riddle“ war in verkleckster Tintenschrift zu lesen. „Wart mal“, sagte Ron, „Den Namen kenn ich doch... T. V. Riddle hat vor fünfzig Jahren eine Auszeichnung für besondere Verdienste um die Schule erhalten.“ Verwundert sah ich ihn an. „Woher weißt du das?“ „Filch hat mich bei den Strafarbeiten die Medaille ungefähr hundert Mal polieren lassen“, sagte Ron gereizt, „Das war die Medaille, über die ich eine Ladung Schnecke gespuckt hab. Wenn du eine Stunde lang Schleim von einem Namen gewischt hättest, dann würdest du dich auch daran erinnern. Harry schälte die nassen Seiten auseinander. Sie waren vollkommen leer. „Er hat ihn nicht genutzt“, sagte er enttäuscht. „Ich frag mich, warum es dann jemand ins Klo spülen wollte?“, meinte ich verwundert. Ron senkte dic Stimme. „50 Punkte, wenn du es durch Myrthes Nase kriegst.“ Harry steckte es jedoch in seine Tasche.

    Mine konnte Ende Februar wieder den Krankenflügel verlassen. Sie war ihre Schnurrhaare, den Schwanz und die Ohren losgeworden. Am ersten Abend im Gemeinschaftsraum zeigte Harry ihr den seltsamen Taschenkalender und erzählte, wie wir es gefunden hatten. „Es könnte verborgene Kräfte besitzen“, sagte Mine begeistert. Sie nahm den Kalender in die Hand und musterte ihn eindringlich. „Wenn er welche hat, dann verbirgt er sie ganz gut“, murmelte Ron. „Vielleicht ist er schüchtern. Warum wirfst du ihn nicht einfach weg?“ „Ich würde nur zu gerne wissen, weshalb jemand es loswerden wollte.“, sagte ich. „Und ich hätte auch nichts dagegen“, fügte Harry hinzu, „zu wissen, für welche besonderen Verdienste um Hogwarts Riddle seine Auszeichnung bekommen hat.“ Ron zuckte mit den Schultern. „Könnte alles Mögliche gewesen sein. Vielleicht hat er den dreißigsten ZAG geschafft oder einen Lehrer vor dem Riesenkraken gerettet. Vielleicht hat er Myrthe umgebracht, dann hätte er uns allen einen Gefallen getan...“ Ich grinste bei diesen Worten. .

    Doch plötzlich kam mir ein Verdacht. „Was ist?“, fragte Ron, als er meinen nachdenklichen Blick sah. „Die Kammer des Schreckens wurde vor fünfzig Jahren schon einmal geöffnet, oder?“, sagte ich. „Ja...“, meinte Ron langsam. „Und dieser Kalender ist fünfzig Jahre alt.“ Ich trommelte mit den Fingern auf dem Taschenkalender herum. „Na und?“ „Ach Ron, wach auf“, herrschte Hermine ihn an. Ich sah ihn eindringlich an. „Wir wissen, dass die Person, die die Kammer das letzte Mal geöffnet hat, vor fünfzig Jahren von der Schule geflogen ist. Wir wissen auch, dass T. V. Riddle seine Auszeichnung für besondere Verdienste vor fünfzig Jahren bekommen hat.“ Harry nickte und Mine fuhr fort: „Was wäre, wenn Riddle seine Auszeichnung bekam, weil er den Erben Slytherins gefangen hat? Sein Kalender, den er als eine Art Tagebuch benutzt hat, würde uns wahrscheinlich alles sagen. Wo die Kammer ist und wie man sie öffnet, was für eine Kreatur darin lebt. Die Person, die diesmal hinter den Angriffen steckt, würde so ein Buch lieber nicht hier herumliegen sehen, oder?“ „Das ist eine geniale Theorie, Hermine“, sagte Ron, „Mit einem kleinen Fehler. In dem Buch steht nichts.“ Ich hatte eine Idee und zog meinen Zauberstab hervor. „Vielleicht ist es unsichtbare Tinte!“, meinte ich und richtete meinen Zauberstab sanft gegen den Kalender. „Aparecium!“, rief ich und tippte dreimal auf den Taschenkalender. Nichts geschah. Mine griff in ihre Tasche und holte einen leuchtend roten Radiergummi heraus. „Das ist ein Enthüller. Hab ihn in der Winkelgasse gekauft.“ Sie rubbelte kräftig über „Erster Januar“. Wieder geschah nichts. „Ich sag euch doch, dadrin ist nichts“, sagte Ron genervt, „Riddle hat eben einen Kalender zu Weihnachten bekommen und hatte keine Lust, darin zu schreiben.“

    24
    24. Kapitel

    Die Sonne warf inzwischen wieder die ersten Sonnenstrahlen auf Hogwarts. Im Schloss war die Stimmung hoffnungsvoller geworden. Seit den Angriffen auf Justin und den fast Kopflosen Nick war nämlich nichts mehr passiert. Professor Sprout konnte erfreut berichten, dass die Alraunen launisch und geheimnistuerisch wurden, was hieß, dass sie bald verwendbar waren. Vielleicht hatte der Erbe Slytherins die Nerven verloren. Wenn die Schule so wachsam und misstrauisch war, musste es ja immer riskanter werden, die Kammer des Schreckens zu öffnen. Ernie Macmillan war immer noch der Meinung, dass Harry der Schuldige war und sich im Duellierclub „verraten“ habe. Peeves war da auch nicht gerade hilfsbereit. Ständig tauchte er in den überfüllten Gängen auf und trällerte sein kleines Lied: „Ach Potter, du Schwein...“, inzwischen sogar mit einem Tänzchen im Gepäck. Für Lockhart stand außer Frage, dass er persönlich bewirkt habe, dass die Angriffe aufgehört hatten. Während sich alle Gryffindors für Verwandlung bereitmachten, hörte ich, wie er diese „Tatsache“ Professor McGonagall erklärte. „Ich denke nicht, dass es zu weiteren Schwierigkeiten kommen wird, Minerva“, sagte er augenzwinkernd und sich ahnungsvoll gegen die Nase tippend. „Ich galube, die Kammer des Schreckens ist jetzt entgültig verschlossen. Der Schurke muss gewusst haben, dass ich ihn erwischen würde. Ganz vernünftig von ihm, jetzt aufzuhören, bevor ich ihn mir zur Brust nehmen konnte. Wissen Sie, was die Schule jetzt braucht ist ein Stimmungsheber. Etwas, das die Erinnerungen an diese Geschichte fortwäscht! Ich will nicht weiter darüber reden, aber ich denke, ich weiß genau das Richtige...“

    Was Lockhart sich unter einem Stimmungsheber vorstellte, sollten wir am 14. Februar erfahren. Harry und ich hatten gestern bis spät in die Nacht Quidditch-Training gehabt und gähnten, als wir in die Große Halle kamen. Zuerst glaubte ich, wir hätten uns in der Tür geirrt. An den Wänden hingen große, blassrosa Blumen und von der Decke fiel herzförmiges Konfetti. Harry und ich gingen hinüber zum Gryffindortisch. „Was ist denn hier los?“, fragte ich entsetzt. Ron war offenbar zu angewidert, um zu sprechen, und deutete zum Lehrertisch. Lockhart gebot armfuchtelnd um Ruhe (diesmal mit einem zur Dekoration passenden blassrosa Umhang). Die anderen Lehrer neben ihm saßen mit versteinerten Gesichtern auf ihren Plätzen. Ein Muskel von Professor McGonagalls Wange zuckte. Alle Lehrer waren offensichtlich entsetzt, was mit der Großen Halle geschehen war. Snape sah aus, als hätte man ihm soeben einen riesigen Becher Skele-Wachs eingeflößt. „Einen föhlichen Valentinstag!“, rief Lockhart fröhlich. „Und ich möchten den inzwischen 46 Leuten danken, die mir Karten geschickt haben. Ich habe mir die Freiheit genommen, diese kleine Überraschung für Sie alle vorzubereiten - und es kommt noch besser!“ Er klatschte in die Hände und durch das Portal zur Eingangshalle marschierten ein Dutzend griesgrämig dreinschauender Zwerge. Natürlich nicht irgendwelche Zwerge. Lockhart hatte sie alle mit goldenen Flügeln und Harfen ausstraffiert. „Meine freundlichen Liebesboten“, strahlte Lockhart. „Sie werden heute durch die Schule streifen und ihre Valentinsgrüße überbringen. Und damit ist der Spaß noch nicht zu Ende! Ich bin sicher, meine Kollegen werden mir zustimmen. Warum bitten wir nicht Professor Snape, uns zu zeigen, wie man einen Liebestrank mischt! Und wenn wir schon dabei sind, Professor Flitwick weiß mehr als jeder Hexenmeister, den ich je getroffen habe, darüber, wie man jemanden in Trance zaubert, der durchtriebene alte Hund!“ Professor Flitwick vergrub das Gesicht in den Händen. Er tat mir wirklich leid. Snape sah aus, als ob er den Ersten, der ihn nach einem Liebestrank fragte, vergiften würde.

    Den ganzen Tag über platzten die Zwerge zum Ärger der Lehrer in die Unterrichtstunden und brachten Valentinsgrüße. Es war mir wirklich unangenehm, denn in jeder Unterrichtstunde, kam ein Zwerg in den Unterricht und brachte mir eine Rose. Als wir spät am Nachmittag auf dem Weg zur Zauberkunststunde waren, schnaubte ich genervt auf. Ich hatte gerade die zwölfte Rose für heute erhalten. „Ich trage jetzt schon ein Dutzend Rosen in meiner Tasche mit herum.“, schimpfte ich. „Wenigstens hast du kein Gedicht bekommen.“, meinte Ron. „Ich habe mindestens ein Dutzend Verehrer, die nichts Besseres zu tun haben, als mir Rosen zu schicken!“, schnaubte ich. Doch ich wurde abgelenkt. Es kam ein besonders grimmiger Zwerg auf Harry zu und rief: „Ei, du! Arry Potter!“ Er räumte sich den Weg mit seinen Ellbogen frei. Ich fühlte mit Harry, der gerade rot anlief. Er musste vor einer Schar Erstklässler, zu der zufällig auch Ginny gehörte, einen Valentinsgruß empfangen und versuchte, zu entkommen. Doch der Zwerg schlug sich schienbeintretend durch die Mange und holte ihn ein, bevor Harry auch nur zwei Schritte getan hatte. „Ich hab eine musikalische Nachricht an Arry Potter zu überbringen“, sagte der Zwerg und zupfte Unheil verkündend an seiner Harfe herum. „Nicht hier“, zischte Harry. „Stillgestanden!“, raunzte der Zwerg, packte Harrys Tasche und zog ihn zurück. „Lass mich los“, hörte ich Harry knurren.

    Mit einem lauten Reißen riss seine Tasche enzwei. Bücher, Zauberstab, Pergament und Federkiel flogen zu Boden und über dem ganzen Durcheinander zerbrach auch noch sein gläsernes Tintenfass. Ich hastete zu Harry hinüber, der gerade seine Sachen auflas. Ich bückte mich zu ihm hinunter und suchte seine Pergamente zusammen. Ich griff nach dem zerbrochenen Tintenfass, in dem selbem Moment, als Harry es auch tat. Unsere Hände berührten sich. Ein warmes Gefühl lief durch meinen Körper und ich zuckte erschrocken zusammen. Auch Harry schreckte zurück und lief rot an. Ich richtete meinen Zauberstab auf das kaputte Tintenfass und rief hektisch: „Reparo!“ Das Tintenfass setzte sich wieder zusammen. Wir hatten versucht, alles aufzuheben und zu verschwinden, bevor der Zwerg zu singen anfing, doch es war zu spät. Im Korridor hatte sich inzwischen ein kleiner Menschenauflauf gebildet. „Was geht hier vor?“, hörte ich Dracos Stimme. Harry versuchte alles fieberhaft in seine Tasche zu stopfen, bevor Draco den musikalischen Valentinsgruß zu hören bekam. „Was ist denn das hier für ein Durcheinander?“, sagte eine vertraute Stimme. Es war Percy. Harry verlor den Kopf und wollte losrennen, doch der Zwerg packte ihn um die Knie und stürzte polternd zu Boden. „Schön“, sagte der Zwerg und setzte sich auch Harrys Fußgelenke. „Hier ist dein Valentinslied:

    >Seine Augen so grün wie frisch gepökelte Kröte
    Sein Haar so schwarz wie Ebenholz
    Ich wünscht’, er wär mein, denn göttlich muss sein
    Der die Macht des Dunklen Lordes schmolz.<“

    Harry bemühte sich vergeblich zu lachen, wie alle anderen und rappelte sich auf. Unterdessen tat Percy sein Bestes, um die Schar der Schüler zu zerstreuen, von denen einige zu Tränen gerührt waren. „Weitergehen, weitergehen! Es hat vor fünf Minuten geläutet.“, sagte Percy und schubste einige der jüngeren schüler mit sanfter Gewalt weiter. „Auch du, Malfoy!“ Wir sahen zu Draco hinüber und ich bemerkte, wie er plötzlich innehielt etwas vom Boden aufhob. Höhnisch grinsend zeigte er es Crabbe und Goyle und ich erkannte, dass es Riddles Taschenkalender war. „Gib das zurück“, sagte Harry mit ruhiger Stimme. „Was Potter da wohl reingeschrieben hat?“, fragte Draco höhnisch. Er hatte die Jahreszahl auf dem Umschlag offenbar nicht gesehen und nahm an, es wäre Harrys Kalender. Die Umstehenden verstummten. Unter ihnen sah ich auch Luna. Sie wirkte recht verträumt, wie immer, und lächelte mir zu. Ginny stand in ihrer Nähe und starrte mit entsetztem Blick abwechselnd von dem Buch zu Harry und wieder zurück. Percy begann mit einem Satz: „Als Vertrauensschüler-...“, doch Harry hatte die Geduld verloren. Er zückte seinen Zauberstab und rief: „Expelliarmus!“ Draco musste zusehen, wie ihm das Buch aus der Hand flog. Ron fing es auf. Er grinste über das ganze Gesicht. „Harry!“, rief Percy empört, „Keine Zaubereien in den Korridoren. Ich muss das berichten, das weißt du!“ Doch es war uns egal. Das waren die 5 Punkte Abzug für Gryffindor wert! Draco sah wütend aus und als Ginny an ihm vorbeiging, rief er ihr hämisch nach: „Ich glaube nicht, dass Potter deinen Valentinsgruß besonders gemocht hat!“ Ginny bedeckte das Gesicht mit den Händen und verschwand durch die Tür. Schnaubend zog Ron seinen Zauberstab hervor, doch Harry hielt ihn zurück. Schließlich sollte Ron keine Schnecken während des ganzen Zauberkunstunterrichts spucken.

    Harrys Sicht:
    Im Zauberkunstunterricht setzte ich mich wie immer neben Ron, Mine und Liv. Liv öffnete ihre Tasche. Fünf Rosen fielen heraus und ich erkannte noch mehrere Rosen im Inneren. Sie stöhnte auf, nahm die Blumen aus der Tasche und klatschte sie auf den Tisch. Dann zückte Liv ihren Zauberstab und zeigte auf die Rosen „Evanesco!“, rief sie und die Rosen verschwanden. Sie lächelte und legte ihren Zauberstab auf den Tisch. „Das wird deinen Verehrern aber nicht gefallen!“, meinte Ron und grinste. Sie nickte und schwieg. Ich schämte mich immer noch für dieses Valentinslied. Und ich schämte mich noch mehr über die Tatsache, dass Liv dabei zugesehen hatte. Was hielt sie jetzt wohl von mir? Ich sah auf die Tischplatte, als ich plötzlich ihre Stimme hörte. „Harry“, flüsterte sie, „Du musst aufpassen!“ Sie grinste. Und offenbar hatte sie den Vorfall schon vergessen.

    Olivias Sicht:
    Abends ging Harry schon früh ins Bett. Das lag höchstwahrscheinlich daran, dass fred und George jetzt schon zum dreißigsten Mal „Seine Augen so grün wie frisch gepökelte Kröte“ sangen. Er tat mir leid. Harry konnte doch auch nichts dafür, dass alle Mädchen ihn vergötterten, nur weil er berühmt war. Ron, Hermine und ich dikutierten über diesen misslungenen Valentinstag. „Das war der absolut peinlichste Tag meines Lebens!“, schimpfte ich. „Dieser Lockhart ist der größte Einfaltspinsel auf Erden.“ Ron nickte. „Ach kommt, so schlimm war es doch gar nicht!“, murmelte Mine. „Hermine!“, rief Ron entsetzt und ich spuckte schon förmlich aus. „Das ist jetzt nicht dein Ernst!“ „Was habt ihr denn?“, meinte sie. „Es war garantiert nicht schlimm, wenn du auf ein Mal ein Dutzend Verehrer am Hals hast, die dir alle Blumen schicken. Ich will gar nicht wissen, wer das alles war! Oder wenn du kein romantisches Liebeslied, wie Harry, bekommen hast! Alle haben entweder über ihn gelacht, oder dieses Gedicht vergöttert! Dich möchte ich mal in einer solchen Situation sehen!“, zischte ich. Danach äußerte sich Hermine nicht mehr über dieses Thema.

    Ron und ich gingen danach noch kurz in den Jungenschlafsaal. Ron wollte mich fragen, ob ich seinen Zauberstab nicht doch mit irgendetwas wieder zusammensetzen könnte. Wir öffneten die Schlafsalltür. Harry lag, alle Viere von sich gestreckt, mit Riddles Tagebuch auf dem Bauch, in seinem Bett. Wir gingen hinein. „Was ist denn mit dir los, Harry?“, fragte ich. Er setzte sich auf. Er schwitzte und zitterte. „Es war Hagrid. Hagrid hat die Kammer vor fünfzig Jahren geöffnet.“

    Immer wieder musste Harry uns die Geschichte erzählen. Er war in eine Erinnerung Riddles gelangt, war dem sechzehnjährigen Riddle gefolgt und hatte Hagrid mit einem Monster gesehen. „Riddle könnte den Falschen erwischt haben.“, meinte ich schließlich. „Vielleicht war es ein anderes Monster, das die Leute angegriffen hat...“, fügte Hermine nachdenklich hinzu. „Wie viele Monster, passen denn dort rein?“, fragte Ron gelangweilt. „Wir wussten immer, dass Hagrid der Schule verwiesen wurde“, sagte Harry niedergeschlagen, „Und die Angriffe müssen nach seinem Rausschmiss aufgehört haben, ansonsten hätte Riddle die Medaille nicht bekommen.“ „Du hast Hagrid doch in der Nokturngasse getroffen, oder, Harry?“, fragte ich. „Er sagte, er wolle einen Fleisch fressenden Schneckenschutz kaufen“, erwiderte er rasch. Wir verstummten. Nach einer langen Pause stellte Harry mit zögerlicher Stimme die kniffligste Frage: „Meint ihr, wir sollten zu Hagrid gehen und ihn einfach fragen?“ „Das wäre ein lustiger Besuch“, sagte Ron. „>Hallo, Hagrid, sag mal, hast du in letzter Zeit irgendwas Haariges und Verrücktes im Schloss losgelassen?<“ Schließlich beschlossen wir, Hagrid nicht zu fragen, außer wenn es einen neuen Angriff geben sollte. Und da immer mehr Tage ohne Harrys flüsternde Stimme vergingen, wuchs in mir die Hoffnung, dass wir ihn nie fragen müssten, weshalb er von der Schule geflogen war. Es war jetzt schon fast vier Monate her, seit der Angriff auf Justin und den Fast Kopflosen Nick verübt wurde und fast alle glaubten, dass der Angreifer, wer immer es auch sein mochte, sich entgültig zurückgezogen hatte. Peeves war ein „Potter, du Schwein“-Liedchen endlich leid geworden, eines Tages sah ich, wie Ernie Macmillan Harry höflich um einen Eimer hüpfender Giftpilze bat und im März schmissen einige Alraunen im Gewächshaus 3 eine lärmende Party. Professor Sprout war sehr glücklich darüber. „Bald können wir diese armen Schüler im Krankenflügel wieder beleben“, sagte sie zu mir.

    Während der Osterferien bekamen wir neuen Stoff zum Nachdenken. Es war an der Zeit, unsere Wahlfächer für das dritte Schuljahr zu wählen. „Es könnte unsere ganze Zukunft beeinflussen“, meinte Hermine, während wir über den Listen mit den neuen Fächern grübelten und unsere Kreuzchen machten. „Zaubertränke will ich jedenfalls loswerden“, murmelte Harry. „Das geht nicht“, stöhnte Ron, „Wir müssen unsere alten Fächer behalten, sonst würde ich Verteidigung gegen die dunklen Künste gleich über Bord werfen.“ „Aber das ist sehr wichtig!“, sagte Mine schockiert. „So wie Lockhart es unterrichtet jedenfalls nicht“, zischte ich. „Bei dem habe ich nichts gelernt, außer, dass man Wichtel niemals freilassen darf.“ Neville hatte Briefe von allen Hexen und Zauberern seiner Familie bekommen, die ihm alle verschiedene Ratschläge gaben, welche Fächer er wählen sollte. Verwirrt saß er da und fragte uns, ob wir glaubten, Arithmantik sei ein schwierigeres Fach als Alte Runen. Dean schloss am Ende einfach die Augen, stach mit dem Zauberstab auf die Liste und wählte die Fächer, auf denen er landete. Mine wollte keinerlei Ratschläge hören und kreuzte einfach alle an. „Überlegt einfach, was eure Stärken sind, Jungs!“, gab ich ihnen als Ratschlag. Harry und Ron sahen hinüber auf mein Blatt. Ich hatte Wahrsagen, Pflege magischer Geschöpfe und Alte Runen angekreuzt. „Wieso willst du denn Alte Runen wählen?“ fragte Ron. „Das interessiert mich halt.“, sagte ich und sah zu ihnen hinüber. Beide hatten Wahrsagen und Pflege magischer Geschöpfe gewählt. Dann hatten wir immerhin zwei Fächer zusammen.

    25
    25. Kapitel

    Im nächsten Spiel der Gryffindors ging es gegen die Hufflepuffs. Wood bestand darauf, dass sie jeden Abend nach dem Abendessen noch trainierten, und so blieb Harry und mir wenig Zeit für etwas anderes als Quidditch und Hausaufgaben. Allerdings wurden die Trainingsstunden trockener und als Harry und ich nach der letzten Trainingsstunde zurück in den Gemeinschaftsraum kamen, hatte ich das Gefühl, die Gryffindors hätten noch nie eine größere Chance gehabt, den Quidditch-Pokal zu gewinnen. Doch meine muntere Stimmung hielt nicht lange an. Neville stand auf dem Treppenabsatz zu den Schlafsälen und war völlig aus dem Häuschen. „Harry - ich weiß nicht, wer es war - ich hab’s gerade entdeckt -...“ Mit ängstlichem Blick auf Harry stieß Neville die Tür zum Jungenschlafsaal auf. Harrys Schrankkoffer war geöffnet worden und seine Sachen lagen überall verstreut auf dem Boden. Das Betttuch war heruntergerissen worden, die Schubladen herausgezogen und über der Matratze ausgeschüttet worden. Mit offenem Mund ging Harry hinüber zu seinem Bett. Ich brachte kein Wort hervor. Ich half Harry und Neville das Leintuch wieder aufzuziehen, als Ron, Seamus und Dean hereinkamen. Dean fluchte laut. „Was ist passiert, Harry?“, fragte Ron entsetzt, „Keine Ahnung“, murmelte Harry, während Ron Harrys Umhang unter die Lupe nahm. Alle Taschen waren nach außen gestülpt worden. „Da hat jemand was gesucht“, stellte Ron fest. „Fehlt irgendwas?“, fragte ich. Harry begann seine Sachen aufzulesen und sie wieder in den Koffer packte. Plötzlich erstarrte er. „Riddles Tagebuch ist verschwunden“, sagte er mit gedämpfter Stimme zu Ron und mir. „Was?“, fragte ich entsetzt. Harry nickt emit dem Kopf hinüber zur Tür und Ron und ich folgten ihm nach draußen.. Wir rannten in den Gemeinschaftsraum hinunter, der heute halb leer war. Mine saß einsam in einer Ecke und las ein Buch mit dem Titel >Alte Runen leicht gemacht<. Mit offenem Mund lauschte sie den Neuigkeiten. „Aber nur ein Gyffindor hätte es stehlen können - die anderen kennen unser Passwort nicht.“ „Genau“, meinte Harry.

    Als ich am nächsten Morgen aufwachte, strahlte die Sonne und es wehte ein leichter Wind. „Beste Bedingungen für Quidditch!“, sagte Wood begeistert am Gryffindor-Tisch und schaufelte uns die Teller mit Rührei voll. „Haltet euch ran, ihr braucht ein anständiges Frühstück.“, meinte er. Als wir mit Ron und Hermine die Große Halle verließen, um unsere Quidditch-Sachen zu holen, blieb Harry plötzlich stehen. Er schrie laut auf und Ron, Hermine und ich sprangen erschrocken zurück. „Die Stimme“, sagte Harry und warf einen Blick über die Schulter. „ich hab sie eben wieder gehört - ihr nicht?“ Wir schüttelten die Köpfe. Mine schlug sich hingegen die Hand gegen die Stirn. „Ich glaub, mir ist gerade ein Licht aufgegangen! Ich muss in die Bibliothek!“ Und sie wirbelte herum und rannte davon. „Was ist ihr eingefallen?“ „Eine ganze Menge mehr als ich“, meinte Ron kopfschüttelnd. „Aber warum muss sie dann in die Bibliothek?“, fragte Harry. „Weil das Hermines Art ist“, erklärte ich ihm lächelnd, „Im Zweifelsfall geht sie in die Bibliothek.“ Harry stand unentschlossen herum und versuchte offenbar, die Stimme zu orten. „Beeilt euch lieber“, meinte Ron. „Es ist fast elf - das Spiel-...“ Ich nickte und wir rannten los, um unsere Besen zu holen.

    Wir schlossen uns der großen Schar aus Schülern an, die zum Quidditch-Stadion hinuntergingen. Im Umkleideraum zogen wir unsere scharlachroten Quidditch- Umhänge an und als wir auf das Feld hinausmarschierten, wurden wir durch ohrenbetäubenden Beifall begrüßt. Die Hufflepuffs, die in Kanariengelb spielten, bildeten eine Traube und besprachen ein letztes Mal ihre Taktik. Wir bestiegen gerade unsere Besen, als Professor McGonagall über das Feld gerannt kam. Sie hielt ein riesiges Megafon in der Hand und rief: „Das Spiel ist abgesagt!“ Es waren Buhrufe und Pfiffe zu hören. Wood landete sofort und rannte auf Professor McGonagall zu. „Aber Professor“, rief er. „Wir müssen spielen - der Pokal - Gryffindor...“ Professor McGonagall achtete gar nicht auf ihn und rief erneut in das Megafon: „Alle Schüler gehen zurück in die Gemeinschaftsräume, wo die Hauslehrer ihnen alles weitere erklären werden. So schnell, wie sie können, bitte!“ Dann ließ sie das Megafon sinken und winkte Harry und mich zu sich herüber. „Potter, Rosier, ich denke, Sie kommen besser mit mir...“ Wir sahen, wie Ron sich aus der protestierenden Menge löste und zu uns herübergerannt kam. Professor McGonagall hatte jedoch nichts dagegen einzuwenden. „Ja, vielleicht sollten Sie auch mitkommen, Weasley...“

    Wir folgten Professor McGonagall zurück in die Schule und die Marmortreppen hinauf. „Das wird ein ziemlicher Schock für Sie sein“, sagte sie mit sanfter Stimme, als wir uns dem Krankenflügel näherten. „Es gab einen weiteren Angriff... einen Doppelangriff.“ Meine Eingeweide verkrampften sich schmerzhaft. Kaum, das sie die Tür zum Krankenflügel geöffnet hatte, rannte ich hinein. Ich hatte einen schrecklichen Verdacht... Madam Pomfrey wandte sich über ein Madchen mit langem Lockenhaar. Sie war eine Ravenclaw, wie ich auf ihrer Schuluniform erkennen konnte. Und im Bett neben ihr lag- „Hermine!“, stöhnte Ron. Entsetzt schreckte ich zurück. „Nein“, flüsterte ich. „Nicht Mine...“ Langsam trat ich näher. Sie lag vollkommen reglos da. Ihre Augen waren aufgerissen und glasig. Ich konnte es nicht glauben. Vor einer knappen Viertelstunde war sie noch quicklebendig gewesen. Tränen stiegen in mir hoch und Harry drückte mich an sich. „Sie wurde in der Nähe der Bibliothek gefunden“, sagte Professor McGonagall. „Ich nehme an, keiner von Ihnen kann das erklären? Und das lag neben ihnen auf dem Boden...“ Sie zeigte uns einen kleinen Spiegel. Wir schüttelten die Köpfe, ohne den Blick von Mine zu nehmen. „Ich begleite Sie zurück in den Gryffindor-Turm“, meinte Professor McGonagall mit trauriger Stimme. „Ich muss ohnehin mit den Schülern sprechen.“

    „Sie kehren alle spätestens um sechs Uhr abends zurück in den Gemeinschaftsraum. Danach verlässt keiner mehr den Schlafsaal. Quidditch-Training und -Spiele sind bis auf weiteres gestrichen. Es gibt keine abendlichen Veranstaltungen mehr.“, rief Professor McGonagall. Alle Gryffindors, die im Gemeinschaftsraum zusammendrängten waren, lauschten ihr schweigend. Dann rollte sie das Pergament ein und sagte mit erstickter Stimme: „Ich muss wohl kaum hinzufügen, das ich in großer Sorge bin. Wahrscheinlich wir die Schule geschlossen, wenn der Schurke, der hinter den Angriffen steckt, nicht gefasst wird. Ich ermahne eindringlich jeden, der glaubt, etwas darüber zu wissen, mit der Sprache rauszurücken.“ Sie kletterte aus dem Portätloch und sofort begannen die Gryffindors laut zu schwatzen. „Jetzt sind schon zwei Gryffindors, ein Geist nicht mitgezählt, eine Ravenclaw und ein Hufflepuff außer Gefecht gesetzt worden.“, zählte Lee Jordan die Opfer auf. „Hat von den Lehrern denn keiner mitgekriegt, dass die Slytherins noch vollzählig sind? Es ist doch glasklar, dass diese Angriffe von Slytherin ausgehen! Der Erbe Slytherins, das Monster von Slytherin... Warum werfen sie nicht einfach alle Slytherins raus?“, schimpfte Lee Jordan. Einige der Umstehenden nickten und klatschten Beifall. Percy saß in einem Stuhl hinter Lee, doch er war offenbar nicht erpicht darauf, seine Meinung kundzutun. Er sah blass und ratlos aus. „Percy steht unter Schock“, flüsterte Fred mir zu. „Dieses Ravenclaw war eine Vertrauenschülerin. Er glaubte wohl, das Monster würde nicht wagen, einen Vertrauensschüler anzugreifen.“ Doch ich hörte nur mit halbem Ohr zu. Ich sah immer noch Mine vor mir. Kalt und erstarrt, als wäre sie eine Statue. Irgendwann ging ich hinüber zu Harry und Ron. „Ich gehe ins Bett.“, flüsterte ich . „Aber wir wollten zu Hagrid gehen.“, meinte Ron. Harry sah mich an. „Geh ruhig ins Bett. Wir gehen alleine und erzählen dir morgen davon.“ Er umarmte mich und ich fühlte mich ein wenig besser. „Gute Nacht“, sagte ich und ging in den Schlafsaal.

    Lavender und Parvati waren noch nicht da. Ich sah auf das leere Bett neben meinem. Dort schlief Hermine, doch jetzt war es so, als herrschte in diesem Raum eisige Stille. Ich machte mich bettfertig und legte mich ins Bett. „Gute Nacht, Mine“, sagte ich leise. Dann drehte ich mich in der Hoffnung, schlafen zu können, weg.

    Ich erwachte am nächsten Morgen in aller Frühe. Als ich in den Gemeinschaftsraum kam, sah ich Ron und Harry dort sitzen. „Was ist los?“, fragte ich und gähnte. „Sie haben Hagrid nach Askaban gebracht und Dumbledore ist nicht mehr Schulleiter“, sagten die beide. „Wow, was habe ich denn genau verpasst?“, fragte ich erstaunt. „Wir waren bei Hagrid und haben mit ihm geredet“, erzählte Ron. „Aber dann sind Malfoys Vater, Dumbledore und Cornelius Fudge-...“ Ich unterbrach ihn. „Der Zaubereiminister?“ Harry nickte und fuhr fort: „Sie haben Hagrid verhaftet und die zwölf Schulräte haben Dumbledore beurlaubt. Aber Hagrid hat noch etwas gesagt, was glauben wir zumindest, ein Hinweis war. >Wenn jemand etwas herausfinden will, muss er den Spinnen folgen<.“ Dann sahen die beiden mich an. „Wie geht’s dir. Du siehst schrecklich aus!“, meinte Ron besorgt. „Danke für das Kompliment, Ron.“, sagte ich sarkastisch. Ich seufzte. „Ohne Hermine ist es schrecklich einsam. Ich konnte die ganze Nacht über nicht schlafen, wegen dem leeren Bett, in dem eigentlich sie gelegen hätte.“ Ich ließ den Kopf hängen und sah auf den Boden. Die beiden setzten sich neben mich. „Hey, du musst einmal lächeln“, meinte Ron. „Du hast das schönste Lächeln, das ich kenne.“ Ich lächelte matt. „Du musst an etwas anderes denken, als an Hermine.“, meinte Harry. „Ich kann nicht.“, sagte ich leise, „Sie ist meine beste Freundin.“ „Sie würde nicht wollen, dass du deswegen traurig bist“, sagte Harry. Beide schlossen mich in eine Umarmung. „Ich habe Angst“, murmelte ich und schluckte schwer. „Ich habe Angst davor, die nächste zu sein, die versteinert wird.“ „Woher soll das Monster wissen, dass du adoptiert bist?“, fragte Ron. „Weshalb sollte es nicht glauben, dass ich muggelstämmig bin?“, stellte ich eine Gegenfrage. „Dir wird nichts passieren“, presste Harry hervor. „Nicht dir!“ Ich fühlte mich ein wenig besser.

    26
    26. Kapitel

    Langsam zog der Frühsommer über die Ländereien. Himmel un See färbten sich grünblau und in den Gewächshäusern trieben Blumen kohlkopfgroße Blüten aus. Doch ohne Hagrid, der frühmorgens mit Fang seine Runden drehte, stimmte etwas an diesem Bild nicht. Und drinnen war es nicht besser, wo die Dinge so fürchterlich falsch liefen. Harry, Ron und ich versuchten Mine zu besuchen, doch Besuche im Krankenflügel waren jetzt strengstens verboten. „Wir gehen kein Risiko mehr ein“, erklärte uns Madam Pomfrey mit strenger Miene durch einen Spalt in der Tür. „Nein, es tut mir Leid, es könnte durchaus sein, dass der Angreifer zurückkommt, um seine Opfer entgültig zu erledigen...“ Seit Dumbledore fort war, hatte sich eine nie gekannte Furcht im gesamten Schloss breit gemacht, und die Sonne, die die Schlossmauern draußen erwärmte, schien an den Doppelfenster Halt zu suchen. In der Schule entdeckte ich keinen, der nicht besorgt oder angespannt aussah. Ich erinnerte mich immer wieder an die letzten Worte, die Mine zu uns gesagt hatte: >Ich glaub mir ist gerade ein Licht aufgegangen! Ich muss in die Bibliothek!< Was hatte sie herausgefunden? Diese Frage stellte ich mir immer wieder.

    An einem Freitagnachmittag nach dem Unterricht lief ich durch die Gänge, ohne zu wissen, wohin ich eigentlich unerwegs war. Immer wieder schossen mir Mines letzte Worte durch den Kopf. Ich brauche einen Raum, in dem ich herausfinden kann, welches Monster für diese Angriffe verantwortlich ist!, dachte ich. Ich war gerade im siebten Stock, gegenüber des Wandteppichs von Barnabas des Bekloppten, als ich plötzlich eine Tür entdeckte, von der ich mir sicher war, dass sie vorher noch nicht dort war. Sie war gerade groß genug, dass ich hindurchgepasst hätte. Langsam ging ich auf die Tür zu und drückte die Klinke hinunter. Die Tür öffnete sich geräuschlos und ich ging hinein. In dem Raum waren unzählige Bücherregale mit tausenden Büchern und gemütlichen Sesseln. Ich war mir sicher, noch nie in diesem Raum gewesen zu sein. Vorsichtig zog ich ein altes Buch aus dem mir am nächsten stehenden Regal und setzte mich in einen purpurroten Sessel. >Gefährliche magische Wesen< stand auf dem Einband. Vorsichtig schlug ich das Buch auf. Vielleicht fand ich eine Antwort darauf, welches Monster in der Kammer des Schreckens lebte. Ich blätterte das erste Kapitel auf. Darin ging es um Wesen namens Thestrale. Plötzlich hatte ich eine Idee. Das Symbol des Hauses Slytherins war doch eine Schlange! Was wäre, wenn das Monster ebenfalls eine Schlange wäre? Aufgeregt blätterte ich das Buch durch. Und dann sah ich es. Auf Seite 256 standen die richtigen Informationen:

    Der Basilisk
    Von den äußerst seltenen und Furcht erregenden Biestern und Monstern, ist keines gefährlicher, seltener und tödlicher, als der Basilisk, der auch als der König der Schlangen bekannt ist. Diese Schlange kann eine gigantische Größe erreichen und mehrere Jahrhunderte alt werden. Sie wird aus einem Hühnerei geboren, dass von einer Kröte ausgebrütet wird. Der Basilik tötet auf eine wunderliche Weise, denn außer seinen höchst giftigen Zähnen, die außerdem tödlich sind, besitzt der Basilisk einen mörderischen Blick, und alle, die in seine Augen blicken, erleiden den sofortigen Tod. Spinne fliehen vor dem Basilisken, da er ihr tödlicher Erzfeind ist. Der Basilisk flieht nur von dem Krähen eines Hahns, da dieser tödlich für ihn ist.

    Natürlich! Das musste das Monster in der Kammer sein! Und keiner war gestorben, weil niemand ihm wirklich in die Augen gesehen hatte. Mrs. Norris hatte höchstwahrscheinlich in die Wasserlache gesehen... Colin hatte den Basilisken durch seine Kamera gesehen... Justin musste das Monster durch den Kopflosen Nick gesehen haben und Nick konnte natürlich nicht sterben, weil er schon tot war... und neben Hermine und der Ravenclaw war ein Spiegel gefunden worden! Aber wie hatte das Monster sich fortbewegt, ohne gesehen zu werden? Harry hatte gesagt, er würde die Stimme durch die Wände hören... Da er Parsel sprach, war dies ganz offensichtlich der Basilisk gewesen. In der Wand... Klar! Mir ging ein Licht auf. Das Monster musste sich durch die Rohrleitungen bewegt haben! Hermien hatte offensichtlich das Selbe wie ich erkannt und den ersten Menschen, den sie traf, gewarnt. Sie hatten offenbar mit dem Spiegel um die Ecken gesehen... Ich sah kurz auf die Uhr an meinem Handgelenk. Ich fuhr zusammen. Es war halb sieben! Ich sollte seit einer halben Stunde im Gemeinschaftsraum sein. Hoffentlich machten sie sich keine Sorgen. Ich musste so schnell wie möglich zurück in den Turm! Doch ich summte vorher noch schnell eine Melodie und beschwor einen Spiegel hervor. Ich nahm ihn in die Hand und riss die Seite über den Basilisken aus dem Buch. Das musste ich Ron und Harry zeigen!

    Vorsichtig bewegte ich mich durch die Gänge und spähte mit dem Spiegel hinter jede Ecke. Mein Herz raste und ich hatte Angst. Was, wenn der Basilisk mich finden würde? Ich war schon in der Nähe des Gemeinschaftsraum und sah mit dem Spiegel vorsichtig um die letzte Ecke. Und plötzlich waren da nur noch gelbe Augen, die ich im Spiegel sah. Ich hörte noch, wie der Spiegel auf den Boden krachte, dann wurde alles schwarz.

    Harrys Sicht:
    Ich war nervös. Wo war Liv? Ron und ich hatten sie nach dem Nachmittagsunterricht aus den Augen verloren. Sie wirkte in letzter Zeit sehr besorgt und abwesend. Die Sache mit Hermine machte ihr sicherlich zu schaffen. Ron und ich versuchten täglich sie aufzuheitern, doch es fiel ihr sichtlich schwer, von den Dingen Abstand zu nehmen. Ron setzte sich wieder neben mich. „Hast du sie gefunden?“, fragte ich. Ron schüttelte den Kopf. Plötzlich kam Professor McGonagall in den Gemeinschaftsraum gestürmt. Hektisch sah sie sich um und winkte mich und Ron dann zu sich herüber. „Kommen Sie mit, Mr.Potter und Mr. Weasley!“, forderte sie uns auf. Besorgt folgten wir ihr, als sie Richtung Krankenflügel ging. „Das wird jetzt nicht wirklich einfach für Sie sein.“, meinte sie traurig. Mich beschlich einen furchtbare Ahnung. „Komm, Ron“, meinte ich und rannte los. Er folgte mir ohne Zögern und wir liefen beide in den Krankenflügel. Madam Pomfrey schickte uns nicht hinaus. Sie war über jemanden an einem Krankenbett gebeugt. Langsam gingen wir an Hermines Bett vorbei. Und neben ihr lag ... „Liv!“, flüsterte ich entsetzt. „Nein“, stöhnte Ron. „Alle, nur nicht sie!“, sagte ich leise. Stumm lag sie dort. Ihre langen Locken hingen versteinert an ihr herunter und ihr Mund war halb geöffnet. Ihre Augen waren furchtvoll auf Etwas hinter uns gerichtet. Und auf dem Nachtisch neben ihr lag ein silberner Spiegel mit zerbrochenem Glas.

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    27
    27. Kapitel

    Olivias Sicht:
    Langsam öffente ich meine Augen. Wo war ich? Dann wurde das Bild klarer. Ich lag im Krankenflügel. Was war geschehen? Ich versuchte, an meine letzten Momente zu denken. Und dann setzten sich die Puzzleteile Stück für Stück zusammen. Ich hattte diesen seltsamen Raum gefunden und darin das Buch gefunden, in dem etwas über den Basilisken stand. Ich war wieder in Richtung Gemeinschaftsraum gegangen, auf der Hut vor dem Basilisken. Das letzte, was ich gesehen hatte, waren große gelbe Augen gewesen... „Liv?“, hörte ich eine schwache Stimme fragen. „Mine?“, antwortete ich leise. Ich versuchte mich aufzurichten. Nach einigen Anstrengungen klappte es. Im Bett neben mir saß Hermine. „Wir wurden beide versteinert, oder?“, fragte sie. Ich nickte. Auch die anderen Opfer des Angreifers waren offensichtlich wach. Madam Pomfrey kam in den Saal und rief freudig: „Der Alraunen-Trank hat gewirkt! Sie können alle miteinander zum Fest gehen!“ Ich blickte aus dem Fenster. Es war schon abends. „Weshalb gibt es ein Fest?“, fragte ich Madam Pomfrey. „Die Schule muss nicht geschlossen werden und der Erbe Slytherins ist gefasst worden. Aber das sollten Ihnen lieber Ihre Freunde erklären...“

    Dies war ein Fest, wie ich es noch nie erlebt hatte. Alle waren in ihren Schlafanzügen erschienen und die Feier dauerte die ganze Nacht lang. Als wir die Große Halle betraten, sahen wir Harry und Ron am Gryffindortisch sitzen. „Harry! Ron!“, rief ich und winkte. „Ihr habt es gelöst!“, jubelte Hermine und wir rannten auf die beiden zu. Ron zog mich in eine Umarmung. „Es ist schön, dich wieder hier zu haben“, flüsterte er mir ins Ohr. Ich lächelte. „Das ist das Lächeln, das ich sehen wollte!“, meinte er. Dann ging ich zu Harry und er zog mich ebenfalls in eine Umarmung. Ein warmes Gefühl breitete sich in mir aus. „Ich hatte Angst um dich, weißt du.“, nuschelte Harry. „Ich weiß. Aber dank dir ist mal wieder alles gut ausgegangen.“, erwiderte ich. Wir setzten uns an den Tisch. Und unsere Fruende erzählten uns, was nachdem wir versteinert wurden, passiert war. Wie sie im Verbotenen Wald mit den Acromantulas geredet hatten und danach mit dem Ford Anglia entkommen waren; wie Ginny in die Kammer des Schreckens verschleppt worden war; wie sie erfahren hatten, dass Gilderoy Lockhart ein Schwindler war (Ich hatte es ja von Anfang an gewusst!) und sie im Klo der Maulenden Myrthe den Eingang zur Kammer gefunden hatten; wie sie hinabgestiegen waren und Lockhart, dank Rons kaputtem Zauberstab, einen Amnesiezauber verpasst bekam und Harry herausgefunden hatte, dass Riddle Voldemort aus der Vergangenheit war; und wie Harry zu guter Letzt Dobby befreit hatte, der der Hauself von Lucius Malfoy gewesen war. „Und es war alles Ginny?“, fragte ich schließlich. Harry nickte. „Sie hat in das Tagebuch geschrieben und so wurde Riddle immer mächtiger. Sie wusste nicht und konnte nichts dafür, dass Riddle sie diese Dinge tun ließ.“ Ich nickte nachdenklich und blickte mich um. Ich entdeckte Ginny am anderen Ende des Tisches. Sie saß etwas abseits und sah nachdenklich drein. „Ich bin gleich wieder da!“, sagte ich zu meinem Freunden und lief zu Ginny hinüber.

    „Hey, Ginny“, sagte ich ruhig. Sie drehte sich um. „Olivia.“, meinte sie und sah weg. Es war das erste Mal, dass wir wirklich miteinander sprachen. Ich setzte mich neben sie. „Geht es dir gut?“, fragte ich vorsichtig. Sie nickte. „Klar.“ Dann holte sie tief Luft und sah mich direkt an. „Es tut mir leid, wie ich zu dir war, Olivia. So abwertend und so...“ Ich lächelte. „Ist schon vergessen. Wir könnten noch einmal von vorne anfangen. Also, nur wenn du willst...“ Sie strahlte. „Gerne!“ Dann sah ich mich kurz um. „Wart mal kurz hier. Ich will dir jemanden vorstellen.“ Ich suchte nach Luna und kam kurz darauf mit ihr im Schlepptau zu Ginny zurück. „Das ist Luna, Luna Lovegood.“ Ginny und Luna verstanden sich auf Anhieb gut und dieser Abend war unvergesslich. Um halb vier in der Nacht tauchte Hagrid wieder auf und klopfte Harry und Ron so heftig auf die Schultern, dass sie mit der Nase in die Puddingteller fielen. Außerdem bekamen wir dank Harry und Ron 400 Punkte für Gryffindor, was uns das zweite Jahr in Folge den Hauspokal einbrachte. Professor McGonagall verkündete mit einem Schmunzeln im Gesicht, dass die Prüfungen als ein kleines Geschenk der Schule, abgesagt worden waren. („Oh, nein!“, flüsterte Hermine entsetzt.) Und außerdem verkündete Professor Dumbledore, der nun dank, der elf Schulräte (Lucius Malfoy zählte ich nicht mit) wieder im Amt war, und dass Lockhart im nächsten Jahr leider nicht mehr unterrichten könne, da er auf Reisen gehen müsse, um sein Gedächtnis wiederzufinden. Nicht wenige Lehrer stimmten in die lauten Jubelschreie der Schüler ein.

    Der Rest des Sommerhalbjahres verging in gleißendem Sonnenschein. In Hogwarts ging alles wieder seinem üblichen Gang, nur mit einigen kleinen Änderungen. Verteidigung gegen die dunklen Künste wurde nicht mehr unterrichtet, und Lucius Malfoy war als Schulrat gefeuert worden. Ich verbrachte die restliche Zeit damit, mein Lied mit Professor Flitwicks Chor und Orchester zu proben. Alle Proben verliefen ausgezeichnet und am letzten Abend war es dann endlich soweit. Alle Schüler saßen in der Halle und Professor Dumbledore kündigte das Schulorchester mit Olivia Rosier als Sängerin an. Meine Knie zitterten, als ich nach vorne ging. Alle sahen mich an. Vor mir stand ein magisches Mikrofon, das mit dem Sonorus-Zauberspruch belegt war, sodass mein Gesang in der ganzen Halle zu hören sein würde. Das Orchester saß hinter mir. Ich atmete tief durch. Professor Flitwick stand vor dem Orchester und dem Chor und nickte mir zu. Ich holte tief Luft und sang:

    Everyone has got a secret side,
    A winding path up to a door
    that’s open wide.
    You think, you know me,
    but I’m changing all the time.

    Ich hatte krampfhaft auf das Mikrofon gestarrte. Dann traute ich mich, einen kurzen Blick ins Publikum zu werfen und ich entdeckte Harry, Ron und Mine. Harry nickte mir aufmunternd zu, was mir mehr Sicherheit gab. Und auch Ron und Mine schienen mir die Daumen zu drücken.

    ‘Cause if I wanna be sweet,
    If I wanna be wild,
    If I wanna cry like a child,
    If I pick up the world
    in the palm of my hand.
    I guess that’s just,
    who I am.

    Ich blickte etwas sicherer ins Publikum. Als der Chor und die Musik einsetzte, wurde ich lauter und sang mit der größten Leidenschaft, die ich hervorholen konnte.

    This is me.
    Can’t ignore it,
    Reaching out,
    Breaking free,
    Constantly,
    Rolling forward,
    Yeah, I just going for it,
    This is me.

    Nun hingen mir alle an den Lippen; sogar die Slytherins hörten aufmerksam zu.

    Sometimes life is a confusing thing,
    And when I talk it seems,
    like no one’s listening.
    Try to be an angel,
    but I just can’t find my wings.

    Bei dieser Strophe grinsten Fred und George mir zu. Es war ja auch kein Wunder, damit bezog ich mich nämlich auf den Streich, den wir Draco gespielt hatten.

    ‘Cause I wanna be sweet.
    But I wanna be wild
    And I wanna find my own style.
    So I make y mistake,
    then I do it again
    But I do it the best that I can.

    This is me.
    Can’t ignore it,
    Reaching out,
    Breaking free,
    Constantly,
    Rolling forward,
    Yeah, I’m just going forward
    This is me.

    More than what you see
    Finding out,
    who I can be

    Nach diesen Zeilen begann das Orchester instrumental weiterzuspielen und der Chor machte sich für den Kanon bereit.

    This is me.
    Can’t ignore it,
    Reaching out,
    Breaking free,
    Constantly
    Falling forward,
    Yeah, I’m just going forward
    This is me.

    Der Chor stimmte in den Refrain mit ein und zusammen sangen wir die Zeilen immer wieder.

    Can’t ignore it,
    Reaching out,
    Breaking free,
    Constantly,
    Falling forward,
    Yeah, I’m jest going forward
    This is me.

    Can’t ignore it,
    Breaking free,
    falling forward
    Yeah, I’m just going for it
    This is me!
    (This is me, The Barbie diaries)

    Ich verstummte. Es war einen Moment totenstill, dann brach der Applaus über mich herein. Ich glaubte, ich lief vor Freude rot an und setzte mich wieder an meinen Platz. Ich hörte mir den ganzen Abend über Koplimente an und war einfach nur glücklich.

    Allzu bald war es Zeit für die Heimreise mit dem Hogwarts-Express. Harry, Ron, Mine, Fred, George, Ginny und ich bekamen ein Abteil für uns. Wie nutzten die letzten paar Stunden vor den Ferien, in denen wir noch zaubern durften, natürlich aus. Fred und George ließen ihre allerletzen Filibuster- Kracher losgehen. WIr waren schon fast im Bahnhof King’s Cross, als Harry noch fragte: „Ginny, wobei hast du Percy eigentlich erwischt, was du niemandem erzählen solltest?“ „Ach das“, meinte Ginny und kicherte. „Percy hat eine Freundin.“ Fred ließ einen riesigen Stapel Bücher fallen. „Was?“ „Es ist diese Vertrauenschülerin der Ravenclaws, Penelope Clearwater“, erzählte Ginny. „Er hat ihr den ganzen Sommer über geschrieben. Sie haben sich überall heimlich in der Schule getroffen. Einmal bin ich ein leeres Klassenzimmer gekommen und habe gesehen, wie die beiden sich küssten.“ Ich kicherte. „Er war so erschüttert, als sie - ihr wisst schon - angegriffen wurde. Aber ihr zieht ihn doch nicht damit auf, oder?“, meinte sie. „Fiele mir nicht im Traum ein.“, meinte Fred. Er sah jedoch so aus, als wäre sein Geburtstag vorverlegt worden. „Ganz bestimmt nicht“, sagte George grinsend.

    Der Hogwarts-Express hielt abrupt stehen. Harry zog einen Federkiel und Pergament heraus. Er wandte sich Hermine und Ron zu. „Das nennt man eine Telefonnummer“, sagte er und reichte den beiden die Pergamentblätter. „Ich hab deinem Dad letzten Sommer erklärt, wie man ein Telefon benutzt“, sagte er an Ron gewandt. „Dein Onkel und deine Tante werden doch sicher stolz sein“, meinte ich, als wir aus dem Zug stiegen und uns der Menge anschlossen, die zu der verzauberten Absperrung drängten. „Wenn sie hören, was du dieses Jahr alles getan hast?“ „Stolz?“, fragte Harry. „Bist du verrückt? Wo ich doch so oft hätte sterben können und es nicht getan habe? Die werden sauer sein...“ Ich lachte. Und gemeinsam traten wir durch das Tür zur Muggelwelt.

Kommentare (9)

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Ms. Mystery ( von: Ms. mystery)
vor 35 Tagen
@niniel Ich werde das vierte Buch in zwei Teile teilen, deshalb wird der nächste Teil höchstwahrscheinlich schneller als gedacht kommen. Ich werd' versuchen, so schnell wie möglich weiterzuschreiben, auch wenn ich gerade viel mit der Schule zu tun habe!
niniel ( von: niniel)
vor 41 Tagen
Bitte wann kommt die 4. ff von dir muss sie unbedingt
lesen
Princess Julie ( von: Princess Julie)
vor 53 Tagen
So froh die beste Freundin von Ms. Mistery zu sein, so weiß ich schon genau was passieren wird.
Sunny_Miley ( von: Sunny_Miley)
vor 75 Tagen
Das ist die beste ff die ich je gelesen hab!
Lady Malfoy (24123)
vor 93 Tagen
Ich liebe deine Fangiction!!! Am liebsten würde ich nur noch Zeit damit verbringen sie zu lesen als bitte schreib weiter BITTE!!!!!!!!!!!!!!❤️❤️❤️❤️❤️❤️
Svenja Granger ; ) (80572)
vor 95 Tagen
Wow, was für eine tolle Fanfikition! Du hast wirklich einen angenehmen Schreibstil und auch die Geschichte finde ich sehr interessant und spannend. Wirklich rundum perfekt, eigentlich.
Das einzige, was man vielleicht kritisieren könnte, wäre, dass du sehr viel einfach nur von den Büchern kopierst - dafür wirkt es aber auch echter und ich weiß, wie schwer ist es, da was wegzulassen.
Nichtsdestotrotz ist das eine der besten Geschichten, die ich seit langem hier gelesen habe :)
Freue mich auf den nächsten Teil!
Ms. Mystery ( von: Ms. mystery)
vor 110 Tagen
Es freut mich sehr, wenn meine FanFiktion gut ankommt. In ein bis zwei Wochen werde ich den dritten Teil hochladen, weil es leider etwas dauert bis ich die ganzen 123 Seiten auf Rechtschreibfehler überprüft habe. Außerdem ist der vierte Teil schon in Arbeit...
Zaubereule ( von: Showny)
vor 112 Tagen
OMG!!! Das ist die mit Abstand BESTE Fanfiktion die ich JEMALS gelesen habe! BITTE schreibe weiter lass dir ruhig Zeit, aber nicht zu viel! 😉 Ich glaub nämlich nicht dass ich es so lange ohne aushalte 😯 also bitte sag mir, dass du schon daran schreibst?🙏
Tawariel Lûth Draug Gaur ( von: Tawariel Lûth Draug Gaur)
vor 129 Tagen
Hey du! ♥ Ich finde deine Ff richtig cool und ich hoffe du schreibst bald weiter! ♥
Riel ♥