Springe zu den Kommentaren

Ameisen

star goldstar goldstar goldstar goldstar greyFemaleMale
1 Kapitel - 3.379 Wörter - Erstellt von: Kiara Fenyx - Aktualisiert am: 2017-06-10 - Entwickelt am: - 271 mal aufgerufen- Die Geschichte ist fertiggestellt

Mein Beitrag zu Torden! s Schreibwettbewerb im Juni. Die Pflichtwörter sind unterlegt.

Genre: Dystopia, Science Fiction

Diese Geschichte spielt in einem Paralleluniversum und muss nicht sämtlichen Logikregeln unserer Welt entsprechen.

    1
    Das Portal zur Sardinenfabrik öffnet sich, und die Menschenmassen auf dem überfüllten Platz der Siegesstatue beginnen sich brummend, schnatternd und stampfend in Bewegung zu setzen.
    Du bist unter ihnen. Hinter dir, vor dir, überall um dich herum ballt sich eine nahezu undurchdringliche Menge zusammen; jeder einzelne dieser Arbeiter versucht nun zuerst durch das Tor zu kommen, das kaum drei Meter breit ist.
    Obgleich der Zaun, der das Fabrikgelände von den Wohngebieten abgrenzt, fast zehn Meter hoch ist, ist der einzige Zugang sehr eng. Zu eng, für vierhundert mürrische Leute, die alle zuerst an ihrem Arbeitsplatz ankommen wollen.
    Wie ein Korken stauen sich immer mehr Menschen zwischen den Türflügeln auf. Der Rest, der nicht mit der ersten Welle Arbeiter und Schmutz auf die abgeholzte Ebene vor der Fabrik getaumelt ist, versucht jetzt, sich anders Zugang zu verschaffen-die Meisten durch Drängeln und Schubsen.
    Ein paar Schritte vor dir steht ein kleines Mädchen auf den Zehenspitzen-vielleicht elf Jahre alt-und zupft am Rocksaum einer alten Frau, die sich mit aller Gewalt durch die Menschentraube zu drängen versucht. Offenbar ist die Kleine so verzweifelt, dass sie schon versucht um einen Platz weiter vorne zu betteln. Allerdings wird sie in keiner Weise wahrgenommen, die sie auch nur einen Schritt weiterbringt.
    Ganz schön ungeduldig, dieser Pöbel. Alle wollen die ersten sein. Immer. Schließlich werden die eifrigsten Angestellten fast nie zu Überstunden verdonnert.
    Nachdem fast fünfzehn Minuten der Zankerei vergangen sind, passieren auch du und ich den Eingang. Ein Wachmann drückt dir im Vorbeigehen eine Metallstange in die Hand, so wie hunderten anderen vor und nach dir. Auch mir, die ich versuche, mit dir Schritt zu halten. Dadurch, dass du zu den letzten gehörst fällt es mir leicht dich nicht so schnell aus dem Blickfeld zu verlieren. Das darf ich auch gar nicht, schließlich bist du der Grund, warum ich mich an die Fersen der grauen Armee aus Arbeitern gehängt habe, und das Risiko eingegangen bin, als... nun ja, Einbrecherin enttarnt zu werden. Zumindest einer der wenigen Gründe.
    Aber rein theoretisch hätte ich eine Terroristin sein können und wäre ungeschoren an den Wachmännern vorbei gekommen. Offenbar steckt die Regierung nicht mehr so viel Geld in die Sicherheit der gemeinen Bevölkerung, wie zu der Zeit, als ich noch hier gearbeitet habe. Es ist lange her, seit ich wieder unter Leuten wie dir bin.

    Deine schmutzigen alten Schuhe stapfen über den matschigen Boden, bis du das Fabrikgebäude erreichst und von einer Wolke Fischgestanks, Schweißgeruchs und Staubs empfangen wirst. Auch mir verschlägt es fast den Atem, jedoch bemühe ich mich, meinen Ekel nicht allzu offensichtlich zu machen. Schließlich bin ich in den allgegenwärtigen Argusaugen der Aufseher nur eine weitere Arbeiterin und wenn ich jetzt aus Atemnot umkippe spricht das eindeutig dagegen, dass ich schon seit längerer Zeit angestellt bin.
    Die Fabrikhalle ist sehr weiträumig und aus Trichtern, die aus der Decke hinausragen, purzeln tote Sardinen in riesige Bottiche aus blutigem, mit den Gedärmen der gefischten Tiere beschmiertem Metall. Der Fisch wurde vor einiger Zeit von den Fischfarmen an der Nordsee hierhin gebracht und eingelagert, nun ist es an den Arbeitern ihn zu bearbeiten. Um die großen Tonnen versammeln sich immer gut fünfzig Leute, jeder bewaffnet mit der Stange, die er am Anfang erhalten hat. Erleuchtet wird das fensterlose Gewölbe von einigen flackernden Neonlampen, die die Schatten der Leute an die gefliesten Wände flimmern lassen. Um die Decke schwirren einige Motten.
    Auch du wirst von einem Haufen Anweiser an die nächstbeste Riesenschüssel bugsiert-wobei ich versuche, bei dir zu bleiben ohne zu viel Aufsehen zu erregen-und beginnst mit deiner täglichen Arbeit.
    Da du nicht groß genug bist, als dass dein ganzer Kopf über den Rand der Tonne ragt, stellst du dich auf die Zehenspitzen und hebst deine Stange in den Behälter, bis du ein glitschiges Schmatzen hörst und plötzlich bis zu den Unterarmen in toten Tieren steckst.
    Jetzt schließt du dich den Leuten neben dir an und beginnst in der stinkenden Masse zu stochern und jeden Fisch umzudrehen, der dir unter die Finger gerät. Jedes Mal, wenn du ein bereits verdorbenes Stück erwischst, holst du es heraus und wirfst es neben dir auf den Boden, wo es durch eine Ritze verschwindet und in einem zweiten Boden landet.
    So lauten die Anweisungen. Auf den Mittagstischen der oberen Schicht darf schließlich kein Müll landen. Zumindest daran kann ich mich also noch richtig erinnern-aber die Hygieneumstände waren zu meiner Zeit um Welten besser, und wir mussten keine Stangen benutzen, sondern Maschinen haben uns immer eine gewisse Menge vor die Nase gerotzt, die wir durchfiltern mussten. Wir hatten zudem Mundschutz und Handschuhe.
    Aus dem Augenwinkel entdeckst du die Kleine, die du am Eingang bei der alten Frau gesehen hast. Sie hat sich von einem Mitarbeiter in den Bottich heben lassen und patscht nun mit nackten Füßen durch die Fische. Sie hantiert etwas ungeschickt mit ihrem Werkzeug, das gut halb so groß ist wie sie. Als sie deinen Blick bemerkt muss sie grinsen und, wie um dich zu beeindrucken, schnappt sie sich rasch eine Sardine und steckt sie sich ganz in den Mund. Sie kaut, schluckt. Weg.
    Ich wende meinen Blick ab-stattdessen landet er fast automatisch auf dir und ich versuche deine Reaktion zu deuten.
    Im stillen hoffst du, dass die Anweiser sie nicht gesehen haben-dass erkenne ich an deinem Blick, der im so Schnelldurchlauf durch die ganze Halle wandert und etwas zu lange an den Stühlen hängenbleibt, auf denen wie Wachsfiguren eure Vorgesetzten stationiert sind.
    Du möchtest offenbar dem Genuss einer öffentlichen Bestrafung entgehen? Was steht noch einmal auf Diebstahl von Lebensmitteln?
    Neun Peitschenhiebe. Und bei Kindern ist das ja immer so ein Lärm.
    Aus diesem Grund bist du besorgt, nicht um das Mädchen.
    Du zuckst kaum merklich die Achseln und nimmst deine Arbeit wieder auf, als mir plötzlich ein Ellenbogen in die Rippen gejagt wird. „Mach mal weiter!“, knurrt jemand.

    Ich habe eindeutig weniger Fische aus dem Bottich geholt, als die anderen. Man hat der neuen Generation Sklaven wohl keine Unterweisung geboten, die erklärt, was verdorben ist und was nicht. Einige Fische, die ihr für verfault haltet, sind sogar noch ganz in Ordnung, sie haben lediglich ein paar Schuppen verloren. Wiederum welche, die ihr durchgehen lasst, sind auf keinen Fall mehr essbar.
    Meine Arme werden langsam müde und ich habe mir an der scharfen Kannte meiner Stangenspitze den linken Handteller geschnitten. Sie wurde so unsauber Massenproduziert, dass niemand sich die Mühe gemacht hat, sie abzuschleifen. Ich danke den Göttern, dass es hier wenigstens eine mürrische Krankenschwester gibt, die mich mit einem Taschentuch und einem Pflaster versorgt hat. Ich hoffe, ich kriege kein Tetanus.
    Nach zweieinhalb Stunden Arbeit sind die Anweiser zufrieden. Sie glauben, wir haben den eingelagerten Fang ausreichend überprüft und die zweite Arbeitsphase beginnt.
    Wir geben die Stangen dem Nächstbesten Wachmann ab und verlassen die Halle mit den Trichtern. Der Strom aus ihnen ist nun versiegt und während wir durch ausgefallene Schuppen, Flossen und Fischaugen in Richtung Tür stapfen, gehen die Lampen aus. Wir brauchen diesen Ort heute nicht mehr zu besuchen.
    So geht das jeden Morgen.
    Der Boden der Bottiche hat sich geöffnet und die Fische werden nun durch ein unterirdisches Röhrensystem in den nächsten Arbeitsraum gepresst. Auch für mich ist es jetzt Zeit, dich weiter zu verfolgen. Es ist etwas mühsam dich nicht zu verlieren, aber schließlich komme ich in deinen näheren Umkreis und bleibe endgültig in Sichtweite.
    Jetzt wird verpackt.
    In der Mitte der schlammigen Ebene vor dem Gebäude, das wir nun wieder verlassen haben, gibt es ein paar Treppenabgänge, die gut zehn Meter unter die Erde führen. Ich kann mich nicht mehr an sie erinnern-wahrscheinlich wurden sie neu gebaut. Früher wurde noch alles in demselben Gebäude erledigt.
    Wir steigen die Treppe hinab und vor uns öffnen sich in kaltem Neonlicht recht niedrige, rechteckige Räume, die an Bunker erinnern. Aus Rohren in den Wänden sprudelt der Strom aus mehr oder weniger gefilterten Sardinen in Becken im Boden. Ich rümpfe die Nase.
    Aus Spendern an den Eingängen erhält jeder von uns ein Paket mit Dosen und dazugehörigen Deckeln. Die sollen wir jetzt füllen und verschließen. Sobald eine Packung Dosen voll ist, setzten wir sie auf ein Laufband, das gegenüber dem Eingang auf Augenhöhe vorbeifährt und in einer Spalte im Beton verschwindet. Leichtes spiel für mich, mich in die Arbeitsroutine einzuschleusen.
    So wiederholt sich das Spiel jeden Nachmittag, bis die Dunkelheit hereinbricht. Im Sommer bleibt es etwas länger hell, aber zur Zeit haben wir Spätherbst, sodass die Sonne früh untergeht.
    Wie hältst du bloß den ganzen Tag unter diesen Umständen durch? Schon meine Erinnerungen an das Arbeitsleben sind grauenvoll... aber das hier ist eine stinkende Hölle.
    Vielleicht hätte ich mir wirklich eine gemütlichere Position zum Spionieren aussuchen sollen-irgendwo verborgen, Popcorn essen und dich beobachten. Aber viele Alternativen hatte ich nicht und durch die unterirdischen Rohre der Fabrik zu kriechen, hätte durch den strengen Geruch an meiner Kleidung nur noch mehr Aufmerksamkeit auf mich gelenkt.

    Einige Stunden später gehen die Leute in die Pause, nur der Putzdienst bleibt noch in der unterirdischen Halle und schrubbt die grauen Fliesen. Auch du bekommst Wischmob und Eimer in die Hand gedrückt und wirst angewiesen, das Laufband und den Boden darum herum zu säubern. So sauber wie man den noch kriegt.
    Anstatt mich mit dem restlichen Pöbel in die einstündige Auszeit zu begeben, eile ich unbemerkt in den hinteren Teil des Bunkers, klettere auf das abgeschaltete Laufband und in die Spalte, in der die Sardinenbüchsen verschwinden. Es ist recht muffig und eng, aber ich kann die Position aushalten, solange sich das Band nicht in Bewegung setzt.
    Dadurch, dass die anderen Unglücklichen deiner Schicht sich weiter am Eingang aufhalten, befindest du dich fast allein hier am Laufband. Selbst die Wachmänner sind bereits verschwunden, um eine Mütze Schlaf zu bekommen.
    Noch kannst du mich nicht sehen, jedenfalls noch nicht.
    Etwas müde tunkst du den Mob in den Eimer und beginnst den Boden zu . Schrubben... nein, eigentlich klatschst du ihn bloß wiederholt lustlos auf die Kacheln.
    Ich werfe noch einen letzten Blick in Richtung Eingang ehe ich entschließe, dass die Zeit gekommen ist mich dir zu zeigen. Ich ziehe mich etwas mühsam aus meinem Versteck und lande unbeschadet auf beiden Beinen vor dir in einer Pfütze aus verdünntem Fischblut, dass du aufzuwischen versucht hast.
    Du fährst zurück und deine Pupillen weiten sich vor Erstaunen.
    „W-Was...!“.
    Ich muss kichern, denn dein Blick ist wirklich unbezahlbar albern. So als hättest du noch nie einen Menschen gesehen, als wäre ich ein Außerirdischer. Gut, vielleicht bin ich ein bisschen eingestaubt, aber was soll´s.
    Da ich nicht weiß, wie lange deine Starre noch anhalten wird, mache ich es kurz und versuche das lang erwartete Gespräch zu beginnen, zu dem ich hier bin.
    „Hallo“. „GYA-“. Ich halte dir den Mund zu und umklammere deinen Arm, der vorgeschnellt ist, um mich wegzustoßen. Wenigstens gehörst du nicht zu denen, die andere ungebeten in die Hand beißen.
    „Ich will Sie doch nicht fressen! Hören Sie mir zu!“.
    Du hörst auf gegen meinen Handteller zu sabbern und beruhigst dich etwas-nicht aufgrund meiner Worte, sondern weil ich stärker bin als du und dir keine Hoffnung biete, dich aus eigener Kraft meinem Griff zu entwinden. Schließlich lockere ich meine Hände ein wenig.
    Überrascht bin ich dann doch, als du meinen Arm bei der sich bietenden Gelegenheit entschieden wegschlägst und mich mit fester Stimme fragst, was ich hier will und ob ich weiß, dass „Zutritt in die Transportkanäle unbefugtem Personal untersagt ist“.
    Statt einer Antwort greife ich in meine Hosentasche und entrolle vor deinen Augen ein Stück knittriges Papier. Während der Drecksarbeit in der ersten Halle ist es zudem etwas nass geworden, allerdings kann man die aufgedruckten Buchstaben darauf noch klar lesen. Ich sehe wie dein Blick ein bisschen zu lange an den Lettern hängen bleibt.
    Lesen kannst du kleiner Rebell also.
    Dabei kannst du nie und nimmer alt genug sein, als dass du noch der Generation angehören könntest, die in ihrer Jugend eine Schule, gar eine Universität besucht hat.
    Entweder hast du Verwandte die noch Bücher besitzen, oder du hast dir andere Mittel und Wege beschafft um dich zu bilden.
    Test bestanden. Du hast womöglich was drauf.
    „Da steht mein Name. Was ist das? Kenne ich sie? Soll ich Sie melden, weil Sie mich bei meiner Arbeit belästigen?“.
    Du wirst mich den Aufsehern nicht melden, weil du nicht der Typ bist, der die Aufmerksamkeit seiner Vorgesetzten mit Schwierigkeiten auf sich zieht. Das weiß ich, seit ich dich mit dem kleinen Mädchen in der Tonnen-Halle beobachtet habe. Du bist der Typ Mensch der keine Probleme machen oder haben will-um seinetwillen, nicht um irgendjemanden sonst aus der Schlinge zu ziehen. Seltsam, für jemanden der auf meiner Abhol-Liste steht.
    Aber gut, jetzt wo ich dich ausgespäht habe, werde ich meinen Plan auch mit dir durchziehen. Befehle sind Befehle.
    „Ich habe die Anweisung bekommen, Sie mit mir mitzunehmen. (Dein Name), ich bin Kiara Fenyx. Es freut mich Sie kennenzulernen und mit diesem Treffen haben Sie die einmalige Möglichkeit in ihrem Leben, alldem hier...“.
    Ein Wachmann ist die Treppen hinabgestiegen, um die Lage zu prüfen und ich habe keine Wahl, als mich hinter einem Haufen Büchsen wegzuducken.
    „Machst du da hinten auch mal weiter?“, knurrt der Alte in deine Richtung.
    „Ja doch“, zischst du zu ihm hinüber und nimmst deine Schrubberei erneut auf. Wieder zu mir gewandt sprichst du weiter: „Es wäre wirklich besser, wenn Sie jetzt verschwinden. Ich mache hier nur meine Pflicht und Sie... nun, ich habe nicht einmal eine Ahnung, was sie hier zu suchen haben! Arbeiten Sie überhaupt hier?“.
    Deine Widerworte ignorierend, rede ich weiter, wo ich aufgehört habe. „(Dein Name), Sie haben heute die einmalige Möglichkeit, alldem hier zu entfliehen, das Ruder herumzureißen und die Welt zu verändern!“.
    Enttäuscht stelle ich fest, dass du bereits viel zu sehr damit beschäftigt bist, deinen Wischmob über den Boden glitschen zu lassen.
    „Sagen Sie, hören Sie mir überhaupt zu?“, werde ich hitzig.
    „Ich will keine Schwierigkeiten. Was stört Sie überhaupt so sehr an der Arbeit? Wir haben Essen und einen Platz zum Schlafen...".
    Du bekommst nicht viel Schlaf, wenn du dir nebenbei noch das Lesen beibringst. Regelbrecher.
    „Ah ja. Haben Sie nie darüber nachgedacht etwas zu verändern?“, will ich wissen.
    Zu meiner Überraschung habe ich deine Aufmerksamkeit zurückgewonnen.
    „Doch, sicher. Jeder träumt einmal. Aber finden sie nicht... dass man Träume im Erwachsenwerden langsam vergessen und sich auf das wirklich wichtige konzentrieren sollte?“.
    Ich runzele die Stirn. „Nein. Wieso finden Sie das?“. Darauf hast du keine Erwiderung vorbereitet. „Ich...“. „Sie? Sie haben Träume wie jeder andere, und ich weiß, dass sie das Potential haben, sie umzusetzen. Sonst wäre ich nie hierher beordert worden, um Sie zu finden“.
    Jetzt ist dir dein Wischmob endgültig egal. Zwar hältst du ihn noch fest, aber deine Konzentration ruht auf mir. „Wieso sollte jemand mich finden wollen? Ich bin nur ein einfacher Bürger“.
    Was für eine spießige Wortwahl. Du hast definitiv mindestens ein echtes Buch gelesen.
    „Nein, (Dein Name), das sind Sie nicht. Sie wissen es nur noch nicht. Würden Sie mir dann bitte eine Antwort geben: ob Sie mir folgen wollen, oder nicht?“.
    Dein Blick bewegt sich über meinen Kopf hinweg, zu der Spalte im Beton. „Da durch? Wohin?“.
    „Nun, wir können auch einen Umweg nehmen, wenn Ihnen das recht ist. Ich bin allerdings nicht befugt, ihnen vorerst mehr zu sagen“.
    Du bist für einen Moment scheinbar abwesend.
    „Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit“, erinnere ich dich durch ein Murren.
    „Ich...“. „Sie?“.
    Deine Miene verändert sich schlagartig von „verträumt“ zu „Realität“ und nichts ist von deinem eben noch sichtbaren Interesse geblieben.
    „Ich kann hier auch eine bessere Stelle bekommen. Dann... werde ich die Arbeiten beaufsichtigen, und mehr Geld verdienen können“, erwiderst du. „Was sollen mir Träumereien nützen“.
    Ich muss auf die schleimerische Tour wechseln.
    „So? Ist das dein Traum (Dein Vorname)“.
    „Bitte, verwenden sie eine höfliche Anrede für mich. Ich kenne Sie nicht“. Ich bleibe hartnäckig. „Willst du das, (Dein Vorname), oder willst du das nicht?“.
    Du schrubbst weiter.
    „Willst du den Ozean sehen? Einen Wald? Kinder, die miteinander spielen, statt für die oberen Schichten der Gesellschaft Fische zu verpacken? Vielleicht deine Kinder?“.
    Die Wenigsten wissen überhaupt noch, was das ist: der Ozean, den selbst ich nie gesehen habe. Zwölf Stunden Arbeit pro Tag, sieben Tage die Woche-das hat sich nicht verändert.
    Selbst jetzt, da ich mich entschlossen habe, etwas zu verändern, bleibt es beim erbitterten Kampf um die Freiheit. Noch ist der Sieg in weiter ferne. Fast so weit entfernt wie das Meer.
    Du knirschst mit den Zähnen. „Bitte, lassen Sie mich in Ruhe“.
    Ich habe dich verloren. Du kommst nicht mehr mit mir mit.
    „Bist du dir da sicher?“, frage ich.
    Ohne mich noch einmal anzublicken, sagst du: „Ja. Ich habe kein Interesse, an was auch immer sie hier zu vermarkten versuchen“.
    „Verstehe. Da lässt sich wohl nichts machen“.
    Rebellion. Das ist es, was ich zu vermarkten versuche.
    Im Weggehen ziehe ich mir das Pflaster von der Hand. Es brennt tierisch, aber ich sage nichts und hefte stattdessen den Zettel mit deinem Namen unbemerkt an die Innenseite deiner weit geöffneten Jackentasche. Außerdem steht darauf noch eine Telefonnummer.
    Falls dir beim Lesen mal langweilig wird.
    Ich entgehe dem Wachmann und steige unbemerkt ins Freie. Die Luft ist durchtränkt von Rauch aus den Fabrikschloten des nahen Industriegebiets, aber ich atme trotzdem endlich wieder frei-freier als dort unten im Bunker. Die verletzte Hand in der linken Hosentasche schlendere ich über das Gelände in Richtung Pausenraum und krame meine Liste aus der anderen.
    Es scheint an dieser Fabrik so einige Leute zu geben, die sich zum rebellieren eignen. Deine Komfortzone wird kein Hindernis darstellen.
    Du bist eben nur eine von den Millionen willenlosen Arbeiterameisen da draußen.
    Während mein Blick auf den nächsten Namen schweift, ziehe ich meine verletzte Hand aus der Tasche und ziehe einen Strich Dreck und dunkles Blut über deinen Namen-und das Fahndungsbild, das daneben steht.
    Ausradiert.

Kommentare (3)

autorenew

Muria ( von: Murialana)
vor 58 Tagen
Arbeiterameise - So beschreibst du doch auch Noreens Leben in deiner anderen ff.
Die Geschichte ist echt toll. Indem du den Leser miteinbeziehst, wird dem Leser noch präsenter, dass man die "Ameisenwelt" mit unserer vergleichen kann.
Kiara Fenyx ( von: Kiara Fenyx)
vor 108 Tagen
Danke 🐟! Und möge die Macht mit dir sei- falsches Universum.
Curtis ( von: KillerRabbit)
vor 108 Tagen
So ... ich muss ehrlich zugeben: Ich bin schwer beeindruckt. Dein Schreibstil istist schön klar und man kann quasi sehen, was man liest.
Und die Idee, den Leser in die Geschichte mit einzubauen, ist nicht nur kreativ, sondern verleiht der ganzen Sache plötzlich eine unglaubliche Direktheit und Ernsthaftigkeit.
Das Thema ist auch sehr Interessant. Gut, dass man immer noch ein Stückchen Meer findet, zwischen all den toten Fischen. :)