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Sieben Worte - Ewiges Licht

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1 Kapitel - 885 Wörter - Erstellt von: KillerRabbit - Aktualisiert am: 2017-05-30 - Entwickelt am: - 262 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

MAI

http://www.testedich.de/quiz44/quiz/1475077173/Sieben-Worte-fuer-ein-Wunder-Ein-Schreibwettbewerb

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    ((unli))Mai: ((eunli)) Er saß auf dem Grabstein und fror ein wenig, obwohl er die Arme fest um seinen Körper geschlungen hatte. Da gab es nicht viel
    Mai:

    Er saß auf dem Grabstein und fror ein wenig, obwohl er die Arme fest um seinen Körper geschlungen hatte. Da gab es nicht viel zu umschlingen. Seine Rippen, die störten ihn beim schlafen. Das sah man auch, das sah man an den Ringen unter seinen Augen. Die waren dunkelviolett, als würde das Schwarz seiner Iris Schatten werfen. Irgendwann waren seine Augen einmal blau gewesen. So blau wie der Himmel im Juli. Nun war der Himmel grau und das Laub der letzten Jahre verrottete silbrig glänzend neben längst erloschenen Ewigen Lichtern. Die Wildschweine waren da gewesen. Er hatte sie weder gesehen noch gehört, aber die Spuren ihrer Anwesenheit waren nun unmöglich zu ignorieren. Sie hatten die Leichen ausgegraben. Nicht die, die tief unten in den Särgen lagen. Die, die in Frieden gestorben waren, die würden auch in Frieden ruhen. Aber die darüber, die Toten über den Toten, die waren nicht tief genug begraben. Nicht einmal der hartgefrorene Boden hatte sie beschützt. Eine Krähe pickte an einem Gesicht herum, das längst kein Gesicht mehr war. Ein Büschel Haar flatterte im Wind, immer noch so rot wie die Blätter im Herbst. Er erinnerte sich noch an sie, er hatte sie selbst beerdigt. Sie und viele andere, das war noch am Anfang gewesen. Da hatte er gedacht, es wäre das Recht eines Menschen auf einem Friedhof zu liegen, dort Ruhe zu finden, bei all den anderen. Manchmal glaubte er das immer noch, aber er konnte nicht mehr graben. Und es war kein Platz mehr.
    Als es kühler wurde, stach der Wind an seinen Wangen. Das war ungewohnt. Seine Hände begannen ungefragt zu tasten, nach dem Bart, der da gewesen war. Am Anfang, da hatte er keine Zeit dafür gehabt. Jetzt hatte er Zeit. Mehr als er brauchte. Vor ein paar Tagen hatte er wieder begonnen sich zu rasieren. Er hatte eine Glasscherbe genommen, denn er wollte in keines der Häuser gehen. Er hätte keine Seele dort getroffen. Manchmal lief er noch die Straßen entlang, barfuß über den Asphalt, der langsam rissig wurde. Dann sah er die Häuser und Blöcke und Gassen und Geschäfte und stellte sich vor, es wäre Sonntag. Nur Sonntags war es je so still gewesen. Nur Sonntags hatten die Läden geschlossen. Sonntag machten die Menschen ihren wohl verdienten Mittagsschlaf. Er wollte in keines der Häuser gehen, für nichts. Er wollte niemanden wecken. Der Frost hatte einen silbernen Teppich gelegt, der an den Füßen brannte. Er hatte seine Schuhe verloren, er war selbst Schuld. Er hätte sich welche nehmen können, es gab viele und niemand brauchte sie mehr. Aber er war kein Dieb. Es hätte ihm Albträume gemacht. Das waren die Schuhe eines Menschen, der nur kurz verreist war. Das waren die Schuhe eines Menschen, der gerne draußen schlief. Das waren die Schuhe eines Herrn, der davon lebte, sie zu verkaufen. Nein, was ihm nicht gehörte, das nahm er nicht. Da ging er lieber über die Frostpfützen. Mit einem der Zehen spürte er sowieso nichts mehr. Der war erst blau gewesen, jetzt war er schwarz.
    Er wartete. Seine Gedanken zogen viskos , aber das war gut. Eine Zeit lang war sein Kopf ganz leer gewesen. Nach der letzten Träne vielleicht. Jetzt dachte er wieder. Er hatte an den Bart gedacht, er hatte ihn im Schaufenster gesehen. Das konnte nicht so bleiben, er sah ganz schrecklich damit aus. Wie ein Verrückter auf einer einsamen Insel. Und er war sich sicher, dass er die Liebe seines Lebens treffen würde. Das hatte er geträumt und das war wichtig, denn es war der erste gute Traum seit Monaten gewesen. Oder Jahren vielleicht. Die Glasscherbe stammte von demselben Schaufenster. Er hatte es nicht zerbrochen. Es tat ihm weh, Dinge brechen zu sehen.
    Als er sie hörte, stand er auf. Er achtete sorgsam darauf, auf niemanden zu treten. Niemanden zu wecken. Seine Freundin hatte nur noch drei Beine von Vieren, aber das störte sie nicht. Nichts konnte sie davon abbringen vorwärts zu gehen. Sie sprach mit ihm, in ihrer eigenen Sprache zwar, aber ... An manchen Tagen verstand er, was sie sagen wollte. Als er sich zu ihr beugte, schleckte sie seine Finger ab. Sie freute sich immer ihn zu sehen. Mehr brauchte er nicht. Zusammen ließen sie den Friedhof hinter sich, die schiefen Steine und die zerwühlte Erde. Er spürte noch das Echo der zarten Krokusblüte in der Hand. Er hatte sie nicht gepflückt. Sie sollte leben. Bald wird es Frühling, dachte er.

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1494610266
Sieben Worte - Ewiges Licht
Sieben Worte - Ewiges Licht
MAI http://www.testedich.de/quiz44/quiz/1475077173/Sieben-Worte-fuer-ein-Wunder-Ein-Schreibwettbewerb
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2017-05-12
4000
Fanfiktion

Kommentare (2)

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Alpha ( von: Alphawölfi)
vor 82 Tagen
Tiefgründig... Du schreibst tiefgründig. Das gefällt mir, das schreit gerade zu: Lies mich!
Imagine (38056)
vor 108 Tagen
Du schreibst unglaublich! Ich bin ein absoluter Fan von deinem Schreibstil und deiner Ausdrucksweise!