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7 Worte für ein Wunder - Neuanfang

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1 Kapitel - 929 Wörter - Erstellt von: Lilian* - Aktualisiert am: 2017-05-10 - Entwickelt am: - 172 mal aufgerufen- Die Geschichte ist fertiggestellt

Mein Beitrag zu Tordens Schreibwettbewerb im Mai.

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    Den Oberkörper ein Stück nach vorn gebeugt, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, die Hände ineinander verschränkt: Seit Stunden harrte ich in di
    Den Oberkörper ein Stück nach vorn gebeugt, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, die Hände ineinander verschränkt: Seit Stunden harrte ich in dieser Position aus, hatte mich nicht einen Zentimeter bewegt. Von dem Metallbett, auf dem ich saß, ging eine eisige Kälte aus, die sich auf meinen ganzen Körper übertrug.
    Meine Augen hatten sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt und fixierten die geschlossene Tür am anderen Ende des Raumes. Das vergitterte Fenster hinter mir ließ nur wenig Licht hinein.
    Als ich Schritte auf dem Gang hörte, wusste ich, dass es Zeit war.
    Ein Schlüssel wurde im Schloss umgedreht, dann öffnete sich die Tür. Grelles Licht blendete mich und ich musste den Blick abwenden.
    Als ich wieder aufsah, stand Thomas vor mir. Seine Uniform saß makellos wie immer, aber er hatte dunkle Augenringe. Seine Haare standen ab, als hätte er sie die ganze Nacht gerauft.
    "Bist du bereit, Marius?" Seine Stimme klang wie immer, höflich, aber distanziert. Doch allein die Tatsache, dass er "du" statt "Sie" sagte und meinen Vornamen verwendete, war ein kleines Zeichen von Widerstand, ein winziges Stück Rebellion. Engere Beziehungen zwischen Wärtern und Gefangenen waren nicht erlaubt, aber Thomas war in der langen Zeit, die ich hier verbracht hatte, so etwas wie ein Freund für mich geworden.
    Ich nickte und erhob mich. Ein letzter Blick auf meine Zelle bestätigte mir, was ich schon wusste: Ich würde nichts an diesem Ort vermissen. Trotzdem fühlte es sich seltsam an, ihn für immer zu verlassen. Es erschien mir noch immer unwirklich. Zu schön, um wahr zu sein. Ich hatte zwölf Jahre hier gelebt. Zwölf Jahre - eine Ewigkeit.
    Das Herz schlug mir bis zum Hals, als wir die Zelle verließen und Thomas die Tür abschloss. Um diese Uhrzeit - es war kurz nach sechs Uhr am Morgen - waren die Flure noch leer.
    Während Thomas mich stumm durch die Gänge geleitete, versuchte ich mich auf das vorzubereiten, was mich erwarten würde, aber mein Kopf war leer. In meinen ersten Jahren hatte ich täglich an diesen Moment gedacht, hatte mir ausgemalt, wie es sich anfühlen würde. Doch da war keine freudige Erwartung, keine Aufregung, keine Angst, noch nicht einmal Nervosität. Ich fühlte einfach nichts.

    Als wir wenig später den Hof betraten, wurde ich von dem Wetter überrascht. Es hatte in der Nacht geregnet. Nasses Laub bedeckte den Boden und bildete einen bunten Teppich auf dem Asphalt. Die Erde in den Blumenbeeten hatte sich in Schlamm verwandelt, eine dunkle, viskose Masse.
    In der Hand hielt ich einen Beutel mit den wenigen persönlichen Sachen, die ich soeben zurückbekommen hatte.
    Ich blieb kurz stehen und griff hinein, tastete nach meiner Armbanduhr. Als ich sie anlegte, fiel mein Blick auf das Tattoo an meinem Handgelenk. Drei Krähen, für die drei Menschen, die ich zurückgelassen hatte. Johanna und ihre Tochter, unsere Tochter, deren Geburt ich nicht hatte miterleben dürfen. Deren Namen ich nicht einmal kannte.
    Und Kai. Meine Knie wurden weich, als ich an meinen Sohn dachte. Vor zwölf Jahren war er noch ein Kleinkind gewesen. Jetzt musste er sich wahrscheinlich schon täglich rasieren.
    Himmel, wie viel hatte ich verpasst?

    Thomas wartete geduldig, bis ich fertig war. Zusammen gingen wir zu dem großen Tor, dem einzigen Hindernis, das mich jetzt noch vor der Außenwelt trennte.
    Er klopfte mir zum Abschied auf die Schulter. "Ich würde ja gerne Auf Wiedersehen sagen, aber ..."
    Ich gestattete mir ein Lächeln. "Schon verstanden."
    Auch wenn er einer der besten Freunde war, die ich je gehabt hatte, würden sich unsere Wege heute trennen, das wussten wir beide.
    Ich glaubte daran, dass ich es schaffen würde. Dass ich mein Leben auch ohne seine Hilfe in den Griff bekommen könnte und nie wieder eine Zelle betreten müsste.
    "Im nächsten Leben vielleicht", schlug er vor.
    "Danke, Thomas", sagte ich mit rauer Stimme. Ich hatte in den letzten Tagen viel darüber nachgedacht, mit welchen Worten ich mich von ihm verabschieden würde. Aber jetzt, wo es soweit war, kam kein Laut über meine Lippen.
    "Pass auf dich auf, Marius." Der junge Mann lächelte.
    Ich wollte ihm sagen, wie sehr er mir ans Herz gewachsen war. Er sollte wissen, dass er mich gerettet hatte. Dass ich ohne ihn verzweifelt wäre.
    Aber als ich ihm in die Augen blickte, sah ich, dass er es schon wusste.
    Thomas steckte die Hände in die Taschen und trat einen Schritt zurück.
    Dann öffnete sich das Tor. Und ich trat hinaus in die Freiheit.

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1493989477
7 Worte für ein Wunder - Neuanfang
7 Worte für ein Wunder - Neuanfang
Mein Beitrag zu Tordens Schreibwettbewerb im Mai.
http://www.testedich.de/quiz48/quiz/1493989477/7-Worte-fuer-ein-Wunder-Neuanfang
http://www.testedich.de/quiz48/picture/pic_1493989477_1.jpg
2017-05-05
40SB
Schreibwettbewerb

Kommentare (11)

autorenew

Simon ( von: torden!)
vor 106 Tagen
#Thomarius (ich sehe die beiden trotzdem eher als enge Freunde)
Eisblatt ( von: Eisblatt)
vor 129 Tagen
fantastische Geschichte! Ich wünsche mir eine Fortsetzung!! #Thomarius!^^
KillerRabbit ( von: KillerRabbit)
vor 132 Tagen
Diese Geschichte ist wie die Spitze eines Eisberges. Ein bisschen, als würde man kurz ein ganzes Leben sehen. Einmal blinzeln und weg ist es wieder. Gefällt mir.^^
Kiara Fenyx ( von: Kiara Fenyx)
vor 137 Tagen
WARNING, FUJOSHI CROSSING!!!
big_dreams ( von: big_dreams)
vor 139 Tagen
Also, ganz ehrlich, SWEEEEEEEETTTTTT!!!!!!!! #thomarius!
Lici ( von: Lilian*)
vor 139 Tagen
Dankeschön ^^
--- ( von: Paradise)
vor 139 Tagen
Kann Kiara Fenyx nur zustimmen.
Mega schön, und ich bin definitiv Team Thomarius ;)
Lici ( von: Lilian*)
vor 139 Tagen
Vielen, vielen Dank. :)
Tja, das ist wohl deiner Fantasie überlassen. ^^
Kiara Fenyx ( von: Kiara Fenyx)
vor 139 Tagen
Natürlich stellt sich jetzt noch die Frage...
KOMMEN MARIUS UND THOMAS ZUSAMMEN?
Shipping Thomarius ist geboren...

Spaß xD
Kiara Fenyx ( von: Kiara Fenyx)
vor 139 Tagen
Nyu^^
Ich mag die Geschichte sehr. Die Worte sind in einem guten Kontext reingeschrieben und dein Schreibstil ist Bombe.
Natürlich würde man sich eine Fortsetzung wünschen, aber wäre auch nur etwas länger, könnte sie diese Charme verlieren, der sie umgibt.
*hust hust* Gefängnis und Charme!!! *hust hust*
Mich hast du überzeugt.
Lilian* ( von: Lilian*)
vor 139 Tagen
Über Kritik oder Verbesserungsvorschläge würde ich mich freuen. :)
Hier der Link zum Schreibwettbewerb: http://www.testedich.de/quiz44/quiz/1475077173/Sieben-Worte-fuer-ein-Wunder-Ein-Schreibwettbewerb