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2 Kapitel - 855 Wörter - Erstellt von: Torden! - Aktualisiert am: 2017-05-06 - Entwickelt am: - 304 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Eine Kurzgeschichte, die, (ich betone) nicht auf wahren Ereignissen beruht.

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    In dem Moment, als ich den Bordstein traf, wusste ich, dass es vorbei war. Das Ruckeln übertrug sich vom Sitz in meine Wirbelsäule hinauf in die Arm
    In dem Moment, als ich den Bordstein traf, wusste ich, dass es vorbei war. Das Ruckeln übertrug sich vom Sitz in meine Wirbelsäule hinauf in die Arme. In meinen Händen kam es zum Stehen. Sie waren um das Lenkrad verkrampft. Hätte ich noch fester zugedrückt, wäre es bestimmt zerbrochen.

    Die Stimmen der beiden anderen hörte ich nicht. Ich wusste auch so was ich tun musste. Zittrig setzte ich den Blinker und fuhr rechts ran. Meine Knie bestanden aus Wackelpudding, als ich ausstieg und auf dem Beifahrersitz Platz nahm.

    Versagt. Wieder ballte ich meine Hände zu Fäusten. Wenn das so weiterging, würden meine Knöchel vielleicht für immer so weiß bleiben. Ich unterdrückte ein Schluchzen und starrte auf meine Oberschenkel. Die Genugtuung mich weinen zu sehen, würde ich den beiden nicht geben.

    Langsam kamen die Geräusche zurück. Sascha seufzte resigniert und lenkte den Wagen zurück auf die Straße. Hinter mir kratzte Herr Müllers Kugelschreiber über die Papiere. Ich konnte die Kreuze vor meinem inneren Auge sehen. Einmal war ich zu schnell gefahren, aber das lag noch in der Toleranzgrenze. Was mich getötet hatte, war dieser gottverdammte Bordstein. Schon wieder.

    Es war immer das gleiche. Ich sah ihn einfach nicht, schätzte Entfernungen zu schlecht ein oder fuhr nur etwas zu schnell, sodass man das Ruckeln deutlicher spürte. Sonst wäre es nicht schlimm gewesen. Nur heute... nur heute hatte ich gehofft, dass es anders wäre.

    Am TÜV reichte ich beiden Männern die Hand, beteuerte, dass es mir gut ging und versprach Sascha zu schreiben. Den Flugmodus in meinem Handy schaltete ich gar nicht erst aus. Stattdessen holte ich einfach nur meine Kopfhörer heraus und drückte auf Shuffle.

    Der Schlüssel meines Fahrradschlosses wollte nicht passen. Er glitt mir aus den Fingern und fiel in eine Pfütze. Das Wasser war kalt und schlammig, doch es löste endlich den Knoten in meiner Brust. Tränen stiegen mir in die Augen, blind öffnete ich das Schloss und fuhr los.
    Dass der Sattel nass war und ich den Helm nicht trug, war mir egal.

    Solange hatte ich auf diese dreiviertel Stunde hingearbeitet. Jetzt war meine erste Chance verweht und alles war umsonst gewesen. Meine Versetzung war gefährdet, da ich statt in die Mathenachhilfe zu gehen Fahrstunden genommen habe.

    Mit Karacho rauschte ich durch eine Pfütze, Wasser spritzte hoch. Mein Selbstmitleid verwandelte sich in stählerne Wut und ich trat kräftiger in die Pedale. Die Nässe und die Blicke der Passanten störten mich nicht.

    Wenn ich nach Hause käme, wäre da nur der Blick meiner Mutter. Sie würde mich nicht ausschimpfen oder fragen was schieflief, aber sie würde mich auch nicht trösten. Da wäre nur Müdigkeit und ganz weit hinten versteckt auch Enttäuschung. Schließlich hatte sie gesehen, was ich die letzten Monate alles für die diesen Tag getan hatte und war stolz auf ihre ach so eifrige Tochter gewesen.

    Sie hatte nie wirklich Druck gemacht, sondern mir die Zeit gegeben, die ich brauchte. Aber da war diese Erwartung. Ich hatte sie gespürt, wenn sie mir einen kurzen Blick zuwarf, während ich mit der Nase in einem Schulbuch steckte oder Verkehrszeichen durchging. Ihre Tochter sollte es schließlich einmal besser als sie haben.

    Versagt. Versagt. Versagt.

    Dieses eine Wort sprang in meinem Kopf wie ein wild gewordener Flummi auf und ab. Ich konnte nicht mehr. Noch einige hundert Meter und ich mussten in die Straße, in der mein Haus lag, abbiegen. Doch die Straße vor mir war lang und gerade. Das Licht der Nachmittagssonnen spiegelte sich in den Pfützen. Bis vor einigen Jahren hatte ich mir noch vorgestellt, wie es wohl wäre einfach immer weiter geradeauszugehen ohne anzuhalten oder zurückzublicken. Wohin ich wohl käme.
    Natürlich hatte ich es nicht getan. Niemand tat so etwas. Und selbst wenn kehrte man immer am selben Tag wieder um. Man hatte schließlich eine Familie, die sich um einen sorgte, ein Haustier, um das man sich kümmern musste, Arbeit, Schule, Freunde, Verpflichtungen...

    Wieder diese scheiß Erwartungen.

    Ich beschloss an diesem Tag nicht nach Hause abzubiegen. Ich fuhr weiter.


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    Über konstruktive Kritik oder einfach auch nur eine Rückmeldung würde ich mich freuen:)

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1493834160
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Eine Kurzgeschichte, die, (ich betone) nicht auf wahren Ereignissen beruht.
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2017-05-03
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Fanfiktion

Kommentare (4)

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Lilian* ( von: Lilian*)
vor 155 Tagen
Ich denke auch, dass sie irgendwann wieder umkehrt. Aber wie du schon gesagt hast, zählt wahrscheinlich nur, dass sie überhaupt einmal vorbeifahren ist.
torden ( von: torden!)
vor 158 Tagen
Was denken die anderen? Dreht sie irgendwann um oder fährt sie immer weiter?
torden ( von: torden!)
vor 158 Tagen
Danke Muria, dass freut mich immer zu hören. Ich persönlich habe mich auch nicht entschieden, aber ich glaube am Ende ist nur wichtig, dass sie überhaupt vorbeigefahren ist.
Muria ( von: Murialana)
vor 160 Tagen
Wow, ist das eine schöne Geschichte. Deinen Schreibstil liebe ich sowieso und in Kurzgeschichten bist du Hammer! Und der offene Schluss ist supi, ich stelle mir vor, dass die Erzählerin dann schlussendlich doch wieder nach Hause zurückkehrt.