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Sieben Worte für ein Wunder-Die Bilder der Verlorenen

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2 Kapitel - 1.166 Wörter - Erstellt von: Kalypso - Aktualisiert am: 2017-05-04 - Entwickelt am: - 224 mal aufgerufen- Die Geschichte ist fertiggestellt

Das ist mein Beitrag zu Tordens Schreibwettbewerb im April.

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    Sie lagen überall. Überall! Hinter mir! Vor mir! Links und rechts. Einige hatten ihre Augen geschlossen, dabei drückten Kinder ihre Kuscheltiere an sich, Familien saßen zusammen und hielten einander die Hände, Freunde lagen Arm in Arm auf den Boden und sie alle wirkte fast so, als schliefen sie nur. Ganz friedlich und ohne Sorgen. Und träumen bloß einen wunderschönen Traum. Einen Traum in der alle gemeinsam zusammenleben. Einen Traum, wo alle glücklich sein können. Einen Traum, der nur nie sein Ende finden wird, denn es war das Ende…
    Viele andere, nein! Eigentlich die meisten lagen mit offenen Augen, die weit weg ins Leere zu blicken schienen, reglos da. Sie sahen so aus, als wären sie im Höhepunkt ihrer Angst und Furcht, während einer Horrorszene eines Horrorfilms erstarrt. In etwa die Szene, wo das Monster langsam und mit neuer Mordlust aus seinem Versteck kriecht, der Fußboden bei jedem Schritt des Monsters laut knarrt, das sich eher wie Schreie anhört, während er auf das Schlafzimmer zu geht und man sich einfach nur wünscht, dass die Eltern aufwachen und mit ihrem Kind aus dem Geisterhaus verschwinden. Genauso blickten die Menschen. Genauso! Nur mit noch viel mehr Angst. Und noch viel echter. Denn es war echt! Und ich war mittendrin! Und ich hockte zwischen ihnen! Zusammen gekauert! Ganz klein!
    Ich zog meine Beine ganz fest an mich, so fest das meine Rippen schmerzten. Ich wollte damit das Zittern verhindern. Das Zittern, das meinen ganzen Körper zu beben brachte. Das Zittern, das mich von allen anderen um mich herum unterschied. Das Zittern, das offensichtlich nicht aus Kälte kam, sondern aus Angst. Aber was für eine Angst hatte ich? Hatte ich Angst zu sterben? Hatte ich Angst alleine zu sein? Oder kam die Angst doch davon, dass ich diese Bilder nicht mehr sehen wollte? Ich kniff meine Augen zusammen, genau aus diesem Grund. Ich wollte sie nicht mehr sehen! Sie taten mehr weh, als ein Schuss in die Brust. Und genau dort schmerzte es mir. Doch egal ob Augen offen oder zu. Ich sah sie trotzdem!
    Sie hielten ihre Hände und kuschelten sich aneinander. Sie lagen so wie, als hätten wir bloß wieder einen gewöhnlichen Fernsehabend. Mein kleiner Bruder hat immer die bunten Streifen unseres Fernsehers, an denen man schon sah, dass unser kleiner, alter Fernseher eigentlich schon Schrottplatzfähig war, fasziniert bestaunt und lachte dabei fröhlich. Während meine Mutter ihn dann wieder auf ihren Schoß zog, gab mein Vater ihr einen zärtlichen Kuss auf die Wange. Sie wirkten so glücklich und eigentlich fehlte auf diesem Bild nur noch ich! zwischen ihnen! Und ganz ehrlich, als ich sie so friedlich schlafend vor mir sah. Da war mein größter Wunsch mich einfach nur zu ihnen zu legen und in ihren Armen einzuschlafen. Doch stattdessen lief ich aus unserem Haus.
    Was heißt hier Haus? Es war kein Haus! Vielmehr eine Hütte, wobei man sogar das nicht mehr dazu sagen konnte. Es waren nur noch Trümmern einer Ruine. Und aus dieser Ruine lief ich dann und egal wo ich hinschaute sah ich sie und, wenn man beim Laufen die Augen schließen könnte. Oh Gott. Ich wäre dann wohl blind durch die Straßen gelaufen. Aber das kann man leider nicht. Und so sah ich sie. Ich wollte sie nicht sehen! Aber ich sah sie! Und ich hätte sie wahrscheinlich auch nicht übersehen können, denn was ich von ihr sah, war eindeutig unübersehbar!
    Sie funkelte mich mit ihren klaren dunkelgrünen Augen an. Sie schienen schöner als je zu vor, leuchtender und glänzender. Vielleicht lag es daran, weil ich sie mir nie so genau angesehen habe, aber vielleicht auch daran, weil sie mich auf eine Art anschauten, wie noch nie zuvor. Verängstigt und von Panik erfüllt, jedoch befand sich dahinter etwas, was ich nie erwartet hätte. Es war ein kleiner, undeutlicher, aber dennoch sichtbarer Funken von Erleichterung und Glück. Ich kniete mich neben ihrem Kopf hin. Ich wollte es eigentlich nicht, aber mein Blick blieb einfach an ihr hängen, so steif, dass ich ihn nicht abwenden konnte.
    Ich erkannte jede Einzelheit an ihr wieder. Ich erkannte ihre nach vorn gebogene Hexennase wieder, ihre gebräunte Haut und ihre leicht abstehenden Ohren, an denen ihre Liplingsohrstecker hingen. Und ich erkannte, dass sie ein wenig Lippenstift aufgetragen hatte, dass tat sie normalerweise nicht, doch genau das erklärte den Funken in ihren Augen.
    Ich hatte mich ruckartig und entsetzt von diesem Funken aufgesetzt. Ich fuhr mit dem Kopf, um ihn nicht sehen zu müssen, herum und entdeckte etwa drei Meter von ihr entfernt ein Pärchen. Ein Junge und ein Mädchen. Der Junge hatte seinen Kopf auf die Schulter des Mädchens gelegt, aber bei dem Mädchen fehlte etwas. Und das was fehlte! Das war das unübersehbare.
    Ich versuchte ruhig zu atmen, aber probiert das erst mal. Ruhig zu atmen. In so einer Situation. Nein! Wie soll man bitte ruhig atmen, während alles was einem lieb und wichtig war, zerstört wurde und verloren ist. Wenn das kleine Hüttchen, worin man sein Leben lang drin wohnte, spielte, kochte und lebte, zerstört wurde. Wenn die ganze Familie, mit der man aufgewachsen ist, gelacht und geweint hat, Höhen und Tiefen erlebt hat und die man unendlich geliebt hat, auf den Boden liegt und nun nie mehr erwachen wird. Und wenn die beste Freundin die man je hatte für immer diesen furchtbaren, aber gleichzeitig auch schönen Blick hat. Wie soll man da ruhig atmen können? Das ist unmöglich. Auch für mich.
    Während mein Herz hart gegen meinen Brustkorb schlug, war mein größter Wunsch, ich hätte einfach eine frühere Rückfahrt nach Hause genommen. Oder einfach nie weggefahren. Vielleicht hätte ich sie aufhalten können. Oder wenigstens die anderen rechtzeitig gerettet und gewarnt. Diese Zerstörung die sie angerichtet haben eventuell verhindert. Doch jetzt war es zu spät! Sie waren schon weg und haben mir das hinterlassen. Es war vorbei und ich wünschte, es sei auch mit mir vorbei. Aber das war es nicht! Leider!

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    Zur Bewertung:
    http://www.testedich.de/quiz44/quiz/1475077173/Sieben-Worte-fuer-ein-Wunder-Ein-Schreibwettbewerb

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