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Sieben Worte für ein Wunder-April-Bis fünf Uhr in Berlin

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1 Kapitel - 1.787 Wörter - Erstellt von: Kiara Fenyx - Aktualisiert am: 2017-05-03 - Entwickelt am: - 270 mal aufgerufen- Die Geschichte ist fertiggestellt

Für tordens Schreibwettbewerb im April 2017

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    Dieses Bild könnte aus einem Horrorfilm stammen:
    Unser schwarzer VW-Bus am Seitenstreifen geparkt, die Scheinwerfer leuchten mit ihrem gelben Schein gerade hell genug um erkennen zu können, dass wir hier stehen wo wir stehen und nicht tot sind, zudem ist es Nacht.
    Auf dieser Autobahn scheint um zwei Uhr morgens nichts los zu sein. Ich kann zwar die Lichter einer nahegelegen Kleinstadt blinken sehen und hinter dem großen Nadelmeer des Waldes, der die graue Asphaltschlange namens Straße umgibt, flackert eine grelle Neonreklame die vermutlich zu einer Raststätte oder Tankstelle gehört, aber es ist Totenstill.
    Einzig die alten Autoscheinwerfer brummen ein bisschen, während ihr Licht langsam schwächer wird. Die Batterie des Wagens ist bald leer.
    Hinter mir öffnet sich die Beifahrertür und Kai steigt aus. Während er sich die Steifheit aus den Beinen schüttelt-wir waren bisher fünf Stunden ohne Pause unterwegs-schlendert er zu mir hinüber. Er hat Augenringe, die genauso gut Krater sein könnten. Sein Pech, wenn er meint im Auto nicht schlafen zu können.
    „Was ist das Problem?“, fragt er mit schlaftrunkener Stimme. An meiner Stelle antwortet Simon, der mit einem frustrierten und irgendwie schuldbewussten Gesichtsausdruck die Motorhaube zuklappt. „Es ist alles in Ordnung. Wenigstens mit dem Motor. Wir... haben kein Benzin mehr“, seufzt er. Ich starre meinen Kumpel eine Weile lang an, hoffe, es sei nur ein Scherz, bis ich Simons ernsten Blick sehe und schließlich trotzdem pruste. Vielleicht einfach, weil die Idee so lächerlich ist. Zu klischee für einen guten Horrorfilm.
    „Ich dachte der Motor ist kaputt oder.. keine Ahnung, aber du hast einfach nur vergessen zu tanken!“.
    Der Kleinbus ist vor ein paar Minuten mitten auf der Strecke plötzlich stehen geblieben und wir haben ihn nicht mehr zum laufen bekommen. Alles hätte geschehen sein können, und jetzt stellt sich heraus, dass ein Fehler Simons das Problem war.
    „Es tut mir leid, okay? Wir sind alle schon halb am pennen“. „Wieso lässt du mich dann nie fahren? Es hätte euch nicht wehgetan. Und wir wören jetzt nicht hier!“, brumme ich, nicht gerade beeindruckt davon, dass Simon mit seiner Kontrolle der Motorhaube hinausgezögert hat, uns zu sagen, dass der Tank leer war. Schon dämlich von uns anderen, dass wir die Anzeige über dem Lenkrad nicht direkt gesehen haben, als wir hängen blieben.
    Ich strecke meine Hand aus und deute in Richtung der Flackerleuchte, die durch die Bäume scheint. „Das da hinten kann eine Tankstelle sein. Wenn wir jemanden losschicken, der einen oder zwei Kanister Benzin holt, kriegen wir den Wagen da hin und können den ganzen Tank füllen. Dann geht es endlich nach Hause“. Kai pflichtet mir bei. "Zum Schieben ist es zu weit. Außerdem ist es verdammt dunkel-die Autobatterie ist demnächst leer und wir werden kein Licht mehr haben“.
    Ich spreche die Frage aus, die jetzt in der kühlen Nachtstille schwebt und nur darauf wartet gestellt zu werden.
    „Wer wird gehen?“. Niemand sagt etwas. Als wäre es nicht schon ruhig genug. Nichtmal Käuzchen rufen, wie doch in jedem klischeehaften Horrorfilm.
    Bloß unser Genie Simon beginnt auf seiner Unterlippe zu kauen. Angsthase.
    „Ich mach´s“, sage ich. „Setzt euch einfach rein und macht die Scheinwerfer aus. Ich bin jeden Moment zurück“. „Passt. Beeil dich aber“.
    Ohne zu antworten stecke ich die Hände in die Taschen meines Hoodies und marschiere den Seitenstreifen hinauf, der Leuchte entgegen. Als hinter mir die Autoscheinwerfer erlöschen, wird mir erst bewusst, wie scheiße diese Aufgabe eigentlich ist.
    Jetzt ist es nämlich richtig düster. Ich kann, nachdem meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt haben, kaum fünf Meter weit sehen. Der Himmel ist dunkel, nicht blau sondern schwarz, und es scheinen weder Mond noch Sterne. So, als wolle mir jemand Angst einjagen.
    Endlich erkenne ich einen mit Flutlichtern erstrahlten Parkplatz und dahinter eine Tankstelle. Keine Autos, keine Mitarbeiter, keine Kunden. Allerdings brennt Licht im Geschäft. Mit schnellen Schritten laufe ich über die vermüllte Rasenfläche vor dem Gebäude und gehe durch die elektrische Tür hinein. Die Heizung ist so warm eingestellt, dass ich am liebsten gleich für immer hier drin bleiben würde.
    „Hi“, sage ich, noch ohne den Ladeninhaber gesehen zu haben. „Ich und meine Freunde sind hier in der Nähe hängen geblieben weil der Tank leer ist. Ich möchte zwei Kanister kaufen, geht das?“.

    Ich verlasse das Geschäft, zwei Plastikbehälter unterm Arm. Nicht nur, dass diese Dinger sperrig sind, sie sind auch noch schwer und ich werde mit hoher Wahrscheinlichkeit ein oder zwei Verschnaufpausen machen müssen, wenn ich mich jetzt auf den Weg zurück mache, damit wir endlich die Rückfahrt antreten können.
    In der Kühle ziehe ich mir die Kapuze ins Gesicht, als ich aus dem Augenwinkel sehe, wie eine Person auf mich zukommt. Sie ist etwa gleich groß wie ich, weiblich, wirkt dünn und blass und hat strähniges schwarzes Haar. Außerdem macht ihr dreckiges Gesicht einen verheulten und erschöpften Eindruck. Es ist erschreckend, wie lautlos sie war, als sie suf mich zu kam.
    Da ich in der Nähe kein Auto sehe, mit dem sie hierhergefunden haben könnte, halte ich sie zunächst für eine Ladenmitarbeiterin, aber sie trägt keine Dienstkleidung und keine dieser dämlichen Kappen mit dem Firmenlogo.
    „Hey“, sagt sie und ich drehe mich ganz zu ihr um. Nur zwei Meter trennen uns jetzt. „Was machst du hier?“, will sie wissen. Keine Anmache und auch keine beiläufige Frage, sondern schon der Beginn einer Bitte.
    Als Antwort erhält sie ein Seufzen. „Ich hab es eilig. Wir können dich leider nirgendwohin mitnehmen, falls du das willst“. „Irgendwie war das genau mein Plan“, murmelt das Mädchen und blickt zu Boden, während sie beginnt, sich auf ihren Fußballen vor und zurück zu wiegen. Ein wenig seltsam wirkt sie schon auf mich, doch ich denke mir nichts dabei.„Meine Freunde und ich müssen unser Auto hierhinbekommen. Das dauert vielleicht noch eine ganze Weile, nichtsdestotrotz müssen wir möglichst vor fünf Uhr in Berlin sein“.
    Die Miene meines Gegenübers hellt sich jäh auf und ihr grauer Blick trifft meinen. Ihre Pupillen sind sehr groß, wie mir scheint. Ist sie high?. „Berlin klingt gut“, stellt sie mit überraschter Stimme fest. Nüchtern scheint sie zu sein. Zumindest klingt sie nicht betrunken. Ausserdem hat sie nichts verdächtiges solcher Art bei sich, genaugenommen fast gar nichts ausser ihrer Kleidung und einer kleinen Handtasche.
    „Ihr könnt mich einfach irgendwo auf dem Weg absetzen. Als Gegenleistung helfe ich mit dem Wagen“, bietet sie an. Ich zögere, ob meine Freunde damit einverstanden wären, doch da hat sie mir schon einen der Behälter abgenommen und läuft vor mir her über den Parkplatz. „Der Name ist Zoe“. "Warte!". Ich eile hinter unserem halb ungewollten Gast her und habe tatsächlich ein wenig Mühe, mit ihr Schritt zu halten. "Ich bin Paul". Warum auch immer ich ihr das jetzt gesagt habe. Gott, ich muss müde sein.
    "Euer Auto steht da hinten, richtig?", fragt Zoe. "Hast du es schon gesehen?". So als wüsste sie schon, dass wir sie mitnehmen würden. Ziemlich selbstsicher.
    Ich beginne zu rätseln, wie sie hierher kam, bis ich feststelle, wie egal es mir ist. Ich bin einfach nur müde und will nach Hause.

    Es vergehen eine, schließlich zweieinhalb Stunden Fahrt. Zoe schläft auf der zweiten Rückbank, ich sitze hinter dem Lenkrad und Simon und Kai starren wie schlaflose Zombies zu den Seitenfenstern hinaus. Sie sind viel zu sehr darauf konzentriert, nicht reisekrank zu werden, als dass sie die kleinwüchsige, zusammengerollte Gestalt hinter sich wirklich beachten könnten. Erst als wir die Ortsschilder mit der Aufschrift „Berlin“ passieren, wirken sie wieder lebendiger und auch ich atme sichtlich aus. Langsam geht die Sonne auf und in der Morgendämmerung schaltet die Straßenbeleuchtung sich aus, obwohl es noch nicht ganz hell ist, was eine unheimliche Atmosphäre verursacht.
    Als wir von der Schnellstraße fahren, ist Zoe plötzlich hellwach und bittet mich, sie an der nächsten Straßenecke rauszulassen.
    Ich halte an und die Autotüren knallen einmal, zweimal und wir fahren weiter. Nacheinander setzte ich auch meine Freunde ab, da ich allerdings mit Simons Wagen unterwegs war, muss ich ihn bei ihm vor der Haustür abstellen und die zwei Kilometer zu mir nach Hause laufen.
    Als ich ankomme und mich unter die Dusche stelle, fallen mir im warmen Wasser schon fast die Augen zu, aber mein Hunger ist stärker als meine Müdigkeit. Das Fahren scheint mich wachgerüttelt zu haben.
    Unten im Wohnzimmer schalte ich die Nachrichten ein und bestelle mir Pizza, als ich einen seltsamen Bericht sehe. Eine „Eilmeldung“ wie der Moderator es formuliert.
    Aus der geschlossenen Berliner Psychiatrie sei eine Patientin ausgebrochen, die potentiell Gefährlich für Mitmenschen werden könnte. Ihr jetziger Aufenthaltsort ist unbekannt.
    Ungewöhnlich, klar. Ich wusste gar nicht, dass das Personal in Irrenanstalten so einfach zu überlisten ist.
    Bis ich das Bild sehe, das ausnahmsweise nicht zensiert ist, damit man die gesuchte junge Frau erkennen und die Polizei rufen kann, wenn etwas ungewöhnliches passiert.
    Auf den ersten Blick sieht die Person auf dem Foto zu ordentlich aus um mit irgendwem verwechselt zu werden, den ich kenne. Eben dieses typische Mädchen aus bestem Hause, das viele Freundinnen und nur gute Noten an ihrer spießigen Uni hat.
    Aber dann fällt mein Blick auf die grauen Augen, mit den riesigen Pupillen, unterstrichen von spitzen Wangenknochen.
    "Die kenn ich doch".

Kommentare (2)

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Maggie (08631)
vor 257 Tagen
Hi! Die nächste tolle Geschichte von Dir, gefällt mir sehr gut, spannend und überraschend!!!
big_dreams ( von: big_dreams)
vor 258 Tagen
Coole geschichte! Das war so ziemlich unerwartet! Richtig gut gesccrieben!