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Das Reitinternat

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2 Kapitel - 3.150 Wörter - Erstellt von: Pyrrha - Aktualisiert am: 2017-08-10 - Entwickelt am: - 430 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Kayleigh hat sich geschworen, dass mit ihrem Wechsel an die neue Schule alles anders werden soll. Nur zu bald muss sie feststellen, dass alte Muster nur schwer zu durchbrechen sind - doch dann lernt sie Menschen kennen, die alles verändern, und eine Liebe, die sie so unverhofft trifft wie ein Sommersturm.

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Kapitel 1

Normalerweise fand Kayleigh ihre Eltern ganz okay. Sie waren nicht außergewöhnlich peinlich und sie verspürte selten den Wunsch, sie in ein Erdloch fallen zu sehen, wenn ihre Freunde dabei waren. Nun, all das schien vor langer Zeit vergangen zu sein. Jetzt, als sie sich auf den Weg zu den Wohnräumen machten, war es ihr doch nicht mehr so recht, von den beiden begleitet zu werden. Zugegeben, ein paar der Kinder hatte das gleiche Schicksal ereilt, doch wann immer sie eines allein sah, fühlte sie sich wieder wie ein kleines Kind, das von ihren Eltern zum ersten Schultag eskortiert wurde. Nicht einmal ihren Koffer musste sie alleine schleppen und so hatte sie nur die Taschen ihres Sweatshirts, um ihre Hände nicht schlaff neben ihrem Körper hängen zu haben. Vermutlich war es nur Einbildung, doch die anderen Kinder schienen ihre Gefühle zu teilen, als sie von Zeit zu Zeit laut auflachten oder miteinander tuschelten.
„Wow, sie haben hier sogar ein Schwimmbecken. Du bist doch früher immer so gerne schwimmen gegangen, das wird dir sicher Spaß machen“, bemerkte ihre Mutter, was Kayleigh aber nicht dazu brachte, freudestrahlend zu grinsen, sondern eher etwas Unverständliches zu murmeln und den Boden in der gegenüberliegenden Richtung zu inspizieren. Diese Erinnerung bezog sich auf ihre Grundschulzeit, seitdem hatte sie nicht nur scheinbar alles verlernt, sondern war sogar noch so langsam geworden, dass beim Staffelschwimmen die Mannschaft nur verhalten aufstöhnte, wenn sie als letzte übrig blieb. Außerdem hatte sie nur noch den einen Badeanzug, der noch vom letzten Schulschwimmen übrig war und nicht nur völlig unangemessen für ihr Alter war, sondern ihr auch nicht mehr passen dürfte.
Kayleigh sah das Schild an der Tür zuerst und wünschte sich zum wiederholten Mal, dass sie allein im Flur stehen würde. Sie wusste genau, wie ihr erster Eindruck bei ihrer Mitbewohnerin aussehen würde: Verwöhntes Nesthäkchen, das keinen Schritt allein machen kann. Und vermutlich eine willkommene Einladung, sie zum Gespött der ganzen Schule zu machen. Wer wusste schon, mit wem dieses Mädchen befreundet war?
„Ah, da sind wir ja schon“, bemerkte ihr Vater und Kayleigh musste tief durchatmen, damit sich ihr Herzschlag nicht in astronomische Höhen verabschiedete. Sie konnte ja auch unmöglich sagen, dass die beiden hier total fehl am Platz und unerwünscht wie ein Pickel mitten auf der Stirn waren, den sie nur mühsam hatte überschminken können. Ihrer Mutter war das Makeup natürlich sofort aufgefallen, aber Kayleigh hoffte einfach, dass es bei dem schlechten Licht hier nur von Nahem sichtbar war.
Kayleigh sah wie in Trance zu, wie ihr Vater ohne zu zögern die Klinke herunterdrückte und in das Zimmer trat. Sie wartete darauf, dass er ein paar nett gemeinte, wenn auch zu überschwänglich freundliche Worte an ihre Mittbewohnerin richtete. Dass er versehentlich auf eine der optionalen, peinlichen Babygeschichten kam. Aber vermutlich würde schon sein Anblick das Mädchen dazu verleiten, ihn mit gerümpfter Nase anzusehen und Kayleigh für alle Zeiten dafür mit Schweigen zu strafen.
Doch entgegen aller Voraussicht passierte nichts davon. Obwohl schon von so vielen Seiten Stimmengewirr in den Flur drang, war sie die erste Schülerin, die in das Zimmer eintrat. Kayleigh seufzte und bedankte sich bei welcher höheren Macht auch immer, der sie dieses Ereignis zu verdanken hatte. „Sieht ja richtig gemütlich aus“, sagte ihre Mutter und lachte über ihren eigenen Witz. So froh Kayleigh eben auch gewesen war, so enttäuscht war sie von dem Zimmer. Die Fotos mussten wohl inmitten des Schuljahres aufgenommen worden sein und jetzt erkannte das Mädchen auch, warum: Die Wände waren weiß gestrichen, doch wenn man genau hinsah, konnte man sehen, das darunter ein paar Kritzeleien mit Edding verborgen waren. Sie war sich nicht sicher, ob Streichen erlaubt war, doch hatte sie wenn vermutlich weder die Zeit oder die Energie dazu. Ganz zu schweigen davon, dass sie keine Ahnung hatte, wie genau Inneneinrichtung eigentlich funktionierte. Immerhin stellte sie oft nur ihre Sachen möglichst funktionell an den richtigen Ort. Noch deprimierender war eigentlich nur das Etagenbett. Vermutlich würde sie als die Neue unten schlafen und die ganze Nacht Angst haben müssen, dass es einbrach. Der Rest des Raumes war ebenso unspektakulär, zwei Schreibtische inklusive Holzstühlen an der Fensterfront gegenüber dem Eingang, dazu noch zwei große Schränke. Zum Glück hatte Kayleigh lediglich zwei Koffer, sodass der Platz ausreichen dürfte. Eine kleine Tür links führte in ein winziges Badezimmer, in dem es nur eine Toilette und ein Waschbecken gab. Keine Dusche. Auch nicht hinter der Tür, sie hatte extra nachgesehen.
Schon jetzt sehnte sie sich nach ihrem Zimmer in ihrem Elternhaus zurück, doch scheinbar gehörte das zu einem Neuanfang dazu. Natürlich konnte sie immer noch einen Rückzieher machen und zurück an ihre alte Schule gehen bevor jemand wirklich mitbekommen hatte, dass sie je hier gewesen war, was in diesem Moment gar nicht mal schlecht klang. Wäre da nicht die entscheidende Konsequenz, dass sie, nachdem die halbe Klasse ein Foto von ihr in kindergartenverdächtiger Blümchenunterwäsche von der Klassenfahrt gesehen hatte. Sie hatte Sarah nie für so eine schlechte Freundin gehalten, doch nachdem sie in Englisch durchgefallen war (in ihrer Version weil Kayleigh sich geweigert hatte, ihr die Antworten zu verraten, obwohl sie selbst Probleme hatte, sich in dem wissenschaftlich angehauchten Text zurechtzufinden), war von „Freundschaft“ wohl nicht mehr viel übriggeblieben. Es war nur ein Ereignis in einer langen Kette von Demütigungen gewesen, doch von jemandem verraten zu werden, dem man mit als Einzigem vertraute, machte ein erneutes Schuljahr zu einer unmöglichen Aufgabe.
Als ihre Eltern sie also nach ihrem Geburtstagswunsch fragten, hatte Kayleigh nicht lange überlegen müssen. Ein Umzug kam für ihre Eltern nicht in Frage, sie hatten endlich einen Platz gefunden, an dem sie sich wohlfühlen konnten. Außerdem gingen ihre kleinen Geschwister noch zur Grundschule und ihre Freunde zu verlassen, schien einem Weltuntergang für sie gleichzukommen. Ihnen reichte es ja schon, wenn sie sich an einem Tag wegen eines Arzttermines nicht mit ihnen treffen konnten oder die Eltern sie nicht zum Sport fahren konnten. So traurig sie auch darüber war, musste Kathy sich eingestehen, dass sie selbst der größte Störfaktor in dieser Sache war und die einzige Lösung aus einem Schulwechsel bestand. Dass nun knapp drei Stunden Autofahrt zwischen ihrem Heimatdorf und hier dazwischen lag, konnte auch nur förderlich sein. Das sollte weit genug sein, um keinem ihrer ehemaligen Klassenkameraden mehr begegnen zu müssen.
„Puh, das ist ja schlimmer als in einer Jugendherberge“, bemerkte ihre Mutter und malte sich vermutlich schon aus, was man beim nächsten Besuch alles von IKEA einschmuggeln konnte, um dieses Zimmer aufzuwerten.
„Wird schon gehen“, erwiderte Kayleigh nicht ganz wahrheitsgetreu, doch sie wollte keinesfalls das Gefühl vermitteln, dass dieses Zimmer sie ebenso abstieß wie ihre Eltern. Nicht dass diese es sich noch anders überlegten und ihre Tochter wegen unzumutbarer Unterbringung wieder zu sich nach Hause holten. Sie begann sogar, ihre Sachen in den Kleiderschrank zu ordnen, nur um etwas zu tun zu haben und ihre Eltern davon abzuhalten, die Lüge in ihrem Gesicht abzulesen.
„Fünfzehn und schon so erwachsen“, bemerkte ihr Vater daraufhin und Kayleigh konnte sich vorstellen, wie er hinter ihrem Rücken einen Arm um ihre Mutter gelegt hatte und beide voller Stolz ihre Tochter begutachteten. Tränen stiegen in ihr auf und sie biss sich auf die Unterlippe, um sie zu vertreiben. Von wegen erwachsen. Ihre „Süße kleine Ayly“ würde es nach kritischer Selbsteinschätzung nicht länger als drei Tage aushalten, ohne irgendwo weinend zusammenzubrechen oder Reißaus zu nehmen und die Strecke nachhause entweder laufen oder mit zwielichtigen Truckern trampen. ‚Jetzt nicht‘, ermahnte sie sich und versuchte das Bild aus ihrem Kopf zu verbannen, wie sie sich wie ein kleines Kind an der Schuler ihrer Mutter ausweinte. Kinder wurden schon viel jünger in ein Internat gesteckt, das hier würde sie schon durchhalten. Und wenn niemand hier sie mögen würde, würde sie sich in ihrer Freizeit eben mit den Pferden begnügen. Von denen würde sie schon keines abweisen, wenn sie genug Möhren dabei hatte.
„Oh, ich fürchte, wir müssen jetzt gehen“, sagte ihre Mutter und blickte mit einem nervösen Blick zur Uhr. In einer Stunde würde der Flug ihrer Oma landen und wegen deren Angst vor zwielichtigen Taxifahrern musste sie abgeholt werden. Jeder normale Teenager wäre wohl froh gewesen, seine Eltern so schnell wie möglich loszuwerden und die Vorzüge des wilden Internatlebens zu genießen. Kayleigh hingegen konnte sich immer noch nicht vorstellen, in wenigen Minuten in diesem Zimmer zu stehen, allein mit der Erkenntnis, dass sie das nächste halbe Jahr auf mich allein gestellt war. Klar, ihre Eltern waren gerade mal einen Anruf entfernt und wenn es sein musste, könnte sie die Scham in Kauf nehmen, von ihnen abgeholt zu werden, aber eine wirklich gute Aussicht war das nicht.
Es brauchte nur ein paar starke Umarmungen, ein paar Tränen von meiner Mutter, fast auch von Kayleigh selbst, und die Versicherung, dass sie das alles packen würde, und schon waren sie wirklich weg. Kayleigh stand noch ein paar Sekunden an der Tür, unsicher darüber, was sie jetzt tun sollte. Ein paar Kisten und Koffer stapelten sich an einem Ende, doch große Lust zum Auspacken hatte sie nicht. Stattdessen ließ sie sich auf ihr Bett fallen, schaltete ihr Handy an und hörte sich durch die Playlist, die sie für schlechte Zeiten angelegt hatte. Es half nur bedingt, aber im Moment schien es das Beste zu sein, was sie erwarten konnte.
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Vielen Dank, dass du dir das erste Kapitel durchgelesen hast. Wenn du Fragen oder Kritik hast, lass mich das bitte in einem Kommentar wissen. Ich würde mich außerdem über Ideen und Anregungen freuen, also wenn du einen Wunsch hast, was ich einbauen soll, immer her damit. Ich kann zwar nichts versprechen, aber bei der Entscheidung, wie es weitergeht, ist noch viel Spielraum.

Kommentare (3)

autorenew

Pyrrha ( von: Pyrrha)
vor 130 Tagen
Vielen Dank für die Rückmeldung, ihr beiden. Ich hoffe, das neue Kapitel gefällt euch auch.
shellmaus ( von: shellmaus)
vor 149 Tagen
Helene finde ich auch!
*Helene* (70116)
vor 242 Tagen
Hi! Ich finde die Geschichte Super!