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Sieben Worte für ein Wunder - Das Turmzimmer

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1 Kapitel - 1.438 Wörter - Erstellt von: Murialana - Aktualisiert am: 2017-02-24 - Entwickelt am: - 324 mal aufgerufen- Die Geschichte ist fertiggestellt

Mein Beitrag zu Tordens Schreibwettbewerb im Februar. Ich hoffe, euch gefällt's.

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    Das braune Gras war mit Raureif überzogen und bedeckte die harte gefrorene Erde nur spärlich. Im Licht der Sterne huschte eine kleine Gestalt vorbei. Ihre langen dunklen Haare flatterten im Wind und ihre Füße berührten den kalten Boden so behutsam, dass sie zu fliegen schien. Nein, das konnte sie nicht. Wenn sie es nämlich könnte, müsste sie sich nicht damit abplagen, an Hauswänden hochklettern zu müssen. Abplagen war vielleicht das falsche Wort. Sie kletterte mittlerweile sogar gerne, gefährlich hin oder her. Das Mädchen blieb vor einem großen Haus mit einem kleinen Türmchen stehen. Dorthin würde sie klettern, ganz nach oben, so wie sie es schon zwei- oder dreimal getan hatte. Sie spuckte in ihre Hände, verrieb die Spucke noch etwas und sprang auf das niedrigste Fensterbrett. Daraufhin zog sie sich an der aufwendig verzierten Balustrade hoch. Als sie es das erste Mal versucht hatte, war sie an dieser Stelle mit dem Hintern voraus in den Sand gefallen. Doch jetzt kannte sie ihre Kletterroute schon in- und auswendig. Bald saß sie vor dem großen Fenster des Turmes. Sie kam sich ein bisschen wie dieser Typ im Rapunzelfilm von Disney vor. Wie hieß der noch einmal? Egal. Er war ein Dieb, genauso wie sie. Das Fenster war wie immer gekippt, also schob sie einen ihrer dünnen Arme zwischen Fensterscheibe und Rahmen und drehte am Fenstergriff. Nachdem sie das Fenster erfolgreich geöffnet hatte, schob sie ihren ganzen Körper ins große Zimmer. Leise schloss sie das Fenster wieder und schaute sich vorsichtig um. Links von ihr stand ein Etagenbett, gegenüber befanden sich die Tür und ein Kleiderschrank, auf dessen Tür jede Menge Blümchen und Smileys gezeichnet waren. Weiter rechts waren ein Regal und zwei Schreibtische zu sehen. Ihr Kleiderschrank, ihr Regal und ihre Schreibtische! Und zuallererst: Ihr Zimmer! Das war alles ihr Haus! Und das ihres Vaters. Er hatte das schönste Haus in der ganzen Gegend für sie ausgesucht, etwas abgelegen, aber immer noch nahe genug an der Stadt. Alt, aber hochmodern eingerichtet. Das hübsche Turmzimmer war für sie reserviert gewesen und sie hatte endlose glückliche Tage darin verbracht. Sie hatte darin Prinzessin gespielt, böse und gute Hexe oder Urmensch in der Höhle. Und dann, Ende des letzten vornübergepissten Sommers, hatte sich alles geändert. Sie war mit Papsi zu Oma und Opa gefahren und er war ohne sie wieder weggefahren. Sie war sich so sicher, dass ihre Großeltern davon gewusst hatten, denn es war schon das Gästezimmer für sie vorbereitet gewesen. Sie hatte ein paar Tage auf ihren Vater gewartet, aber er war einfach nicht mehr gekommen. Als sie Oma gefragt hatte, wo ihr Papsi nun sei, hatte sie keine direkte Antwort bekommen. Natürlich. Sie hatte auf eigene Faust nachgeforscht und hatte zwei erschütternde Dinge herausgefunden: Ihr Vater befand sich im Gefängnis und das wunderschöne große urige Haus mit dem Turmzimmer gehörte nun einer anderen Familie. Keine Frage, diese beiden Fakten hingen hundertundeinprozentig zusammen. Ihr Papsi im Knast? Das war ganz bestimmt ein Irrtum, eine Intrige, die die neuen vornübergepissten Hausbesitzer eingefädelt hatten, bloß, weil sie neidisch auf ihr Glück gewesen waren und das Haus haben wollten. Ihr Entschluss hatte noch in der selben Sekunde festgestanden: sie würde sich an diesen vornübergepissten Hausräubern rächen und ihnen das Leben so gut wie möglich erschweren. Ihre Großeltern waren mit ihr währenddessen öfters in den Freizeitpark gefahren, behandelten sie wie eine Königin und wollten ihr zum nächsten Geburtstag sogar das neueste Smartphone kaufen. Zugegeben, das war schon cool, aber auf solch ein Trostpflaster hatte sie momentan überhaupt keine Lust. Sie wollte Rache. Sie war im Schutz der Dunkelheit zu ihrem! Haus geschlichen und hatte sich nach und nach eine Kletterroute ausgearbeitet. Kaum hatte sie es ins Turmzimmer geschafft, war sie schon in den nächsten Schritt ihres Planes übergegangen: Spionieren und vor allem Klauen. Das große Turmzimmer war ein Schlafzimmer geblieben, nun aber für zwei Kinder anstatt für eines. Sie hatte nicht lange gebraucht, um das Versteck des Schmuckkästchens zu lokalisieren, ganz zu schweigen von den Geldbeuteln. Jedes Mal hatte sie sich ein Schmuckstück und ein paar Banknoten genommen. Aber heute wollte sie noch etwas ausprobieren, denn sie hatte erkannt, dass diesmal nur im oberen Bett jemand schnarchte. Der perfekte Zeitpunkt für eine kleine Modenschau. An der Schranktür hingen sogar ein paar ziemlich festlich aussehende Kleider. Während die Besitzerin der Kleider ihr Turmzimmer für eine Party verlassen hatte, war der Dancefloor für die Diebin das Zimmer. Sie nahm ein knielanges schwarzes Paillettenkleid vom Kleiderbügel, zog ihre Jacke aus und streifte es sich über. Es war wie erwartet viel zu groß. Jetzt brauchte sie noch ein Paar Stöckelschuhe. Sie öffnete den Schrank vorsichtig - und eine Lawine von.... Zeug verschiedenster Art ergoss sich über sie. Etwas besonders schweres traf sie an der Brust, was dafür sorgte, dass sie nach hinten fiel und unter den ganzen Sachen begraben wurde. Sie quietschte vor Überraschung, als sie nach hinten fiel und ein Kleidungsstück auf ihrem Gesicht landete. Nein! Was für ein Fehler! Wenn der Typ auf dem Etagenbett nicht durch den Lärm, den die vornübergepisste Lawine verursacht hatte, wach geworden war, reagierte er spätestens jetzt. Oder vielleicht hatte er ja auch einen Steinschlaf. Ein paar Sekunden später zerplatzte diese Hoffnung jedoch durch das Klicken des Lichtschalters. Wenig später saß der Nicht-Steinschläfer auf ihr und drückte ihre Schultern zu Boden. Ein Wunder, dass er unter dem ganzen Zeug überhaupt ihre Schultern hatte ausmachen können. Wahrscheinlich war es Zufall. Sie schloss ihre Hand um irgendetwas glitschiges, das gut in ihre Hand passte und warf es blindlings nach dem Typen, der gerade angefangen hatte, wie behämmert um Hilfe zu rufen. So ein Baby! Als sie ein klatschendes Geräusch hörte, wahrscheinlich ihr Wurfgeschoss, rief er sogar nach Mama!
    》Du vornübergepisstes Muttersöhnchen!《, fauchte sie, so gut es unter dem Stoff eben ging und begann sich zu winden und zu strampeln, doch er war ihr überlegen. Er war schwerer als sie, nicht viel zwar, aber genug. Außerdem waren da ja noch die Trümmer der Lawine, die sie behinderten.
    Die Tür wurde aufgerissen und durch den so entstehenden Luftzug wurde ihr endlich das Stück Stoff aus dem Gesicht geweht. Naja, nicht ganz, aber wenigstens konnte sie einen Blick auf die schlanke, schwarzhaarige Frau erhaschen, die in der Tür stand.
    》Was ist denn hier passiert, Schatzi?《, fragte sie bestürzt.
    Oh! Kleines vornübergepisstes Mamasöhnchen-Schatzi! Wie goldig!
    'Schatzi' antwortete:》Die wollte uns ausrauben! Sie hat den Schrank geöffnet! Außerdem war es bestimmt sie, die letzten Monat Darias Mega-Edelstein-Ohrringe hat verschwinden lassen.《
    Oh ja, das war sie gewesen. Sie hatte die Klunker letztes Wochenende getragen, als sie mit ihren Großeltern in ein ziemlich teures Restaurant gegangen war. Heute hatte sie zum Glück nur die neongrünen Würfel aus Billigmetall an, die sie irgendwann mal von einer Freundin geschenkt bekommen hatte.
    》Ja, das war ich!《, rief sie der Frau ins Gesicht. Sie schaffte es sogar, einen Arm zu befreien und zeigte damit auf die Frau. 》Und das ist auch richtig so. Wegen euch vornübergepissten Mikroben ist mein Papsi im Kittchen. Und das Haus habt ihr uns auch genommen.《 Mit aller Kraft stemmte sie sich gegen 'Schatzi' und setzte sich schließlich auf. Währenddessen füllten sich die Augen der Frau mit Tränen.
    》Nein, Verena《, flüsterte die Frau.
    Woher kannte sie bitteschön ihren Namen? Sie und 'Schatzi' wechselten einen verwirrten Blick.
    》Wir haben dir weder deinen Vater weggenommen noch das Haus《, fuhr sie fort. 》Im Gegenteil. Er hat uns zwei sehr kostbare Dinge weggenommen: Das Haus und dich.《

Kommentare (1)

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Ava ( von: Ava)
vor 295 Tagen
Die Geschichte ist sooooo schön und traurig😭