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Die Reise der Fünf

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1 Kapitel - 11.726 Wörter - Erstellt von: Bücherwurm - Aktualisiert am: 2017-02-19 - Entwickelt am: - 250 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

"Die Reise der Fünf" ist ein ernst gemeintes Buch, an dem ich seit über einem Jahr arbeite. Ich bin schon auf Seite 60, Schriftgröße 11, und ich würde gerne wissen, was andere davon halten. Jetzt habe ich nur ein paar Seiten reingestellt, und es wäre nett, wenn mir jemand in die Kommentare schreibt, wie es so ist.

    1
    Prolog



    Ein Otter rannte durch den Sumpf. Er sprang über Steine und Baumstämme. Hinter ihm lief ein Mädchen, bemüht, den Otter einzuholen. Es kam aus den Feuchtgebieten von Kanara und sein Name war Saera. Ihre hellblonden Haare waren zu zwei Zöpfen gebunden und sie hatte eisblaue Augen. Saera wusste, dass sie träumte, denn der Otter, dem sie folgte, hatte einen leichten Sternenschimmer im dichten Fell. Dass er ihr erschienen war, war eine große Ehre, denn wenn man den heiligen Otter im Traum sah, kam der Traum vom Patron der Feuchtgebiete persönlich. ‘Das muss ich Mutter erzählen.’, dachte Saera, während sie den Patron nicht aus den Augen ließ. Plötzlich hielt sie erstaunt an, denn der Otter war auf einen Baumstumpf gesprungen und hatte sich zu ihr umgedreht. Saera glaubte, eine leise Stimme zu vernehmen. “Saera... Saera... komm!” Der Otter lief weiter. Er hielt erst inne, als er zu einer Insel im Moor kam. Saera stutzte. Das war keine gewöhnliche Sumpfinsel. Es handelte sich um einen Ort, an dem es gleichzeitig Bäume, große, spitze Steine, Sand, Wiese und sumpfigen Boden gab. Der Otter hatte sich in die Mitte der Stelle gesetzt und schien auf etwas zu warten. Ein leises Zirpen erklang. Saera entdeckte eine Grille, den Patron der Mittleren Hügelländern. Hinter der Grille war eine verschwommene Gestalt. Saera wollte etwas sagen, doch da ertönte ein Knacken. Sie sah zu den Bäumen. Dort kam ein großer Hirsch angerannt, und ihm folgte jemand. Doch auch diesmal sah Saera nur verschwommene Konturen. Fast zur gleichen Zeit kam ein Wüstenfuchs zwischen den Sanddünen hervor, dicht gefolgt von einem unerkennbaren Schatten. “Wo bin ich?”, fragte Saera. “Wer seid ihr?” “Psssst.”, erklang eine sanfte Stimme. Jetzt sauste ein Adler auf einen der großen Steine. Etwas danach kam wieder jemand, der nicht zu erkennen war. Eine Stimme erklang. “Willkommen. Ihr seid hier, weil ihr etwas erfahren müsst.” Saera sah sich um. Die Stimme schien von allen fünf Tieren gleichzeitig zu kommen. “Ihr seid alle gekommen. Unheil kommt über Kanara. Nur ihr könnt es aufhalten, indem ihr es herausfindet.” Saera schlug das Herz bis zum Hals. Unheil? Woher? Warum? Was ist das Unheil? Sie war durcheinander, doch wer auch immer da sprach, er war noch nicht fertig. “Für diese Mission braucht es euch alle. Einer von jedem Volk aus Kanara. Aus den Trockengebieten, den Hügelländern, dem Wald, dem Gebirge und aus den Feuchtgebieten. Ihr müsst auf eine Reise gehen, der Sonne nach, bis ihr von uns hört. Sammelt euch dort, wo jeder von euch schon einmal war. Dann folgt der Sonne. Lasst nicht nach.” Saera hätte am liebsten laut vor Verzweiflung geschrien. Sie wusste nicht, ob das ein zufälliger oder ein bestimmter Traum war. Sie wusste nicht, wo sie alle schon gewesen waren. Sie wusste nicht einmal, wer die anderen waren. “Aber, wo waren wir schon alle?”, fragte da eine hohe Stimme. Sie kam von Saeras linker Seite, wo eine Gestalt auf einem Grasstreifen stand. ‘Das muss das Kind aus den Hügelländern sein.’, dachte Saera. “Kommt dort hin. Ihr findet es heraus.” Die Stimme verstummte. Auf einmal verschwanden die Patrontiere. Erschrockene Schreie kamen von allen fünf Kindern. Dann schwiegen sie. Lange Zeit lang. Da ertönte eine rauhe Stimme von einem Felsen: “Wer seid ihr? Ich kann euch nicht erkennen!” Saera bemerkte, dass keiner die anderen genau sah. “Wir müssen herausfinden, wo jeder von uns schon einmal war. Wenn wir uns treffen, wird sicher alles klar.”, sagte jemand. Da zuckte ein Blitz über den Himmel. Hagel schoss herab und traf die Kinder hart an den Armen, Beinen und Köpfen. Lautes Geschrei war zu hören, und nur undeutlich ertönte die Stimme: “Findet den Ort, wo ihr alle schon mal wart.”












    Kapitel



    Jodan schlug die Augen auf. Sofort zuckte er zusammen, als er einen Schmerz über dem Auge fühlte. Erschrocken bemerkte er, dass auf seiner Stirn eine kleine, blutige Wunde war. Woher konnte sie über die Nacht kommen? Er hatte einen seltsamen Traum gehabt. Im Traum war ihm der heilige Fennek erschienen und hatte ihn zu einem Ort gebracht, wo eine Mischung von fünf Großlandschaften aus Kanara gewesen war. Er hatte vier undeutliche Gestalten gesehen. Am Ende war Hagel gefallen... Der Hagel! Jodan setzte sich auf und blickte in seinen Spiegel, der neben ihm stand. Sein Kopf, seine Arme und seine Beine hatten mehrere Wunden. Die könnten von großen Hagelkörnern stammen, von solchen wie aus seinem Traum. Und das bedeutete, dass sein Traum sehr real gewesen war. Er erinnerte sich zurück. Da hatte es eine Stimme gegeben, die etwas von einer Gefahr berichtet hatte. Wenn das so echt gewesen war, dass er Spuren davongetragen hatte, dann war das sicher kein zufälliger Traum gewesen.

    Jodan stand auf. Er musste Wasser suchen gehen, um seiner Mutter und seiner neugeborenen Schwester zu trinken zu geben. Er war froh, dass seine Sippe sich zur Zeit in der Weißen Wüste befand, denn dort war es nicht so heiß wie in der grauen Wüste. Und nicht so staubig. So ging Jodan, und er suchte nach einem Wüstenbeerenstrauch. Die Beeren gaben gute Nahrung ab, und ihre Wurzeln enthielten viel Wasser. Während er so durch die Dünen ging, sah er eine Bewegung hinter einem toten Baum. Es war ein Fennek, ein Wüstenfuchs. Sein weißgelbes Fell hob sich nur leicht vom weißen, groben Sand ab. Jodan hatte gehört, dass es, irgendwo in Murimalien, einem Nachbarland von Kanara, eine Wüste gab, die gelben Sand hatte und in der es auch braungelbe Wüstenfüchse gab. Irgendwann wollte er dort hingehen und die Füchse sehen.
    Der Fennek schien Jodan direkt in die Augen zu schauen. Er lief nicht weg. Jodan wurde es ein bisschen mulmig zumute, denn wenn wilde Tiere keine Angst vor Menschen hatten, könnten sie die Tollwut haben. Jodans Großvater war gestorben, weil ihn eine mit Tollwut angesteckte Wüstenspringmaus gebissen hatte. Doch der Fennek hatte weder Schaum vor dem Mund, noch sah er irgendwie krank aus. Ein sanfter Windstoß fuhr Jodan durch die kurzgeschnittenen, hellbraunen Haare. Der Wind schien eine leise Stimme zu tragen. “Folge der Sonne. Folge der Sonne.” Jodan blickte sich um. Es war, als sei er in seinen Traum geschlüpft, doch jetzt war er alleine, und nur der Fennek stand etwa fünf Meter entfernt von ihm, als wollte er ihm etwas sagen.

    Die Sonne stach von blauen Himmel, als Jodan in das kleine Zeltdorf zurückkehrte. Sein Buckelkorb war voller Wüstenbeeren, denn er hatte eine ganze Hecke von den Sträuchern gefunden. In seinem Lehmkübel war außerdem viel Wasser, das er aus den Wurzeln von einem der Sträucher gewonnen hatte. Obwohl er reiche Beute gebracht hatte, war Jodan besorgt. Das Erscheinen des mutigen Fenneks hatte ihn nachdenklich gestimmt. Er war sicher, dass er ein Zeichen gewesen war, um ihn an seinen Traum zu erinnern. Jetzt dachte er nach. Wer waren die anderen Kinder, die er gesehen hatte? Sie waren so verschwommen gewesen, dass er nichts erkannt hatte. Er wusste nur eines: Ein Kind kam aus den Feuchtgebieten, eines aus den Hügelländern, eines aus dem Gebirge, eines aus dem Wald und er war aus den Trockengebieten. Wie so oft fiel ihm auf, wie groß Kanara war. Es gab sechs Großlandschaften, wenn man das Steinland dazuzählte. Er hatte gehört, dass dort, wo sich jetzt das Steinland befand, früher ein Berg gewesen war. Doch dieser Berg war bei einem furchtbaren Erdbeben vor ungefähr zweihundert Jahren in sich zusammengebrochen, und die Bruchteile hatten das Steinland gebildet. Es war unbewohnt, weil dort keine Pflanzen wuchsen. Auch Tiere hielten Abstand von dem Gebiet. Aber es gab ein einziges Gebäude im Steinland, nämlich die Araikirche. Das war eine Kirche, die direkt neben der Quelle des Araiflusses stand. In dieser Kirche fanden eigentlich nur Taufen statt, und fast jedes Kind in Kanara war dort getauft worden. Man wurde dann nur von seinen Eltern begleitet, und manchmal auch von seinen Geschwistern. Jodan erinnerte sich zwar nicht mehr an seine Taufe, aber seine Mutter hatte erzählt, dass es ein anstrengender Marsch gewesen sei, doch der hätte sich ausgezahlt.

    Jodan schob den Vorhang zur Seite, der das Zelt von seiner Mutter und Kaida, seiner kleinen Schwester, verschloss. Sofort wurde er von heftigem Bellen begrüßt. Es war Jappo, sein kleiner Hund. Jappo war ein Kind von Cera, der Hündin seiner Eltern. Jodans Vater hatte Cera und Julio, einen anderen Hund, einmal von einem Händler der Feuchtgebiete für hundert Ferna erstanden. Hundert Ferna waren viel Geld, aber dafür hatte die Sippe jetzt mehrere Hunde, die ihnen beim Aufspüren diverser Pflanzen zu Hilfe waren. Jetzt hüpfte Jappo an seinem Besitzer herum, sodass Jodan lachen musste. “Hallo, Mama!”, sagte er. “Ich bin da!” Direkt vor ihm lag seine Mutter auf den warmen Tüchern, die als Bett dienten. Neben ihr wälzte sich Kaida und jammerte. “Jodan! Komm her, mein Großer. Was bin ich froh, dass du etwas zu trinken mit hast.”, meinte seine Mutter. Jodan war erstaunt. Es war doch ganz normal, dass es nicht sehr viel Wasser in der Wüste gab, aber warum machte seine Mutter so ein Theater? “Was ist los, Mama?”, fragte er vorsichtig. “Merkst du es nicht? Es wird Winter. Deshalb vertrocknen die ganzen Wüstenbeerensträucher.”, antwortete diese. Jodan musste bei solchen Aussagen immer schmunzeln. Denn während es im restlichen Teil von Kanara immer kälter wurde, würde es in den Trockengebieten heißer sein als sonst. Das gefiel ihm so an seiner Heimat. “Ziehen wir wieder in die Steppe?”, wollte er wissen. Seine Mutter sah ihn ernst an. Das konnte nur Ja bedeuten, und Jodan fühlte sich, wie jedes Jahr, ein bisschen leer. Immer wenn es Winter wurde und wenn die Temperatur in der Wüste stieg, machten sich alle Sippen der Trockengebiete auf und zogen in die Steppe. Dort blieben sie dann, bis der Winter vorbei war und es in der Steppe für die Bewohner zu kalt wurde. Jetzt, wo Jodan darüber nachdachte, musste er wieder an die Traumbotschaft denken. Die Trockengebiete lagen im Osten Kanaras, und wenn er der Sonne folgen sollte, konnte das nur bedeuten, dass er nach Westen musste, wo die Sonne unterging. Da er die Hitze der Wüste gewöhnt war, würde er, sobald er seine Heimat verließ, sicher frieren. Da zuckte ihm ein Gedanke durch den Kopf. Er musste erst die anderen treffen, und zwar dort, wo jeder von ihnen schon einmal gewesen war. Doch jetzt musste er der Sippe helfen, zusammenzupacken. Er ging zu seinem Zelt, in dem eigentlich nur wenig Zeug war, denn in der Wüste kann man nicht viel mit sich herumtragen, vor allem nicht, wenn man zweimal im Jahr umziehen muss. Aber Jodan besaß schon ein paar Sachen. Er hatte einen eigenen Lehmkübel, einen Buckelkorb, ein paar Tücher, die man für alles brauchen konnte, ein Messer und kleine Sachen wie Knochenpfeifen oder Ähnliches. Und natürlich hatte er noch Jappo, den er aber nicht nur als seinen Hund, sondern als Familienmitglied ansah. Er packte alle Tücher in den Buckelkorb und gab auch noch kleine Sachen dazu. Das Messer steckte er in die Innentasche seines weiten, gelben Oberteils. Er brach das Zelt ab, um es zu dem Esel von seinem Vater zu bringen. Da kam Rani auf ihn zugerannt. Rani war eine seiner Freundinnen in der Sippe. Auch sie hatte ihr Zelt unter dem Arm. Das grüne Kleid, das nur aus kunstvoll geschneiderten Tüchern genäht war, flatterte hinter ihr her. “Hallo, Jodan.”, begrüßte sie ihn. “Wie geht es dir?” Jodan lächelte sie an und zupfte an seiner weiten, roten Hose herum. “Mir geht es gut. Hast du schon fertig gepackt?” Rani nickte. Ein Windstoß kam auf und zerzauste ihr offenes, helles Haar. Rani war erst neun Jahre alt und damit fünf Jahre jünger als Jodan. Für ihn war sie weniger eine Freundin, sondern viel mehr eine Schwester, denn er kannte sie, seit sie geboren war. Sie sah ihn an, und dann griff sie zu seinem Hals und machte einen Knoten in sein blaues Band, das dort zur Zierde an den gelben Stoff genäht war. Jodan dankte ihr und ging weiter, um sein Zelt abzuliefern. Sein Vater war dabei, drei andere Zelte an den Esel zu binden. Jetzt stand von allen zehn Zelten nur noch eines, das von Jodans Mutter. Gemeinsam machten sich er und Rani daran, es abzubauen. Seine Mutter setzte sich auf einen anderen Esel und nahm das Baby auf den Schoß. Sie bauten das Zelt noch fertig ab und verstauten es. In der Sippe gab es zum Glück mehr Esel als Menschen, daher konnten sie alle auch ihre Buckelkörbe aufladen. Jetzt mussten Jodan und Rani nichts tragen, und sie konnten barfuß über den warmen Wüstensand gehen. Jodan verscheuchte den aufkommenden Gedanken an seinen Traum. Er konnte ja noch am Abend daran denken, wenn er sich, diesmal ohne Zelt, auf den Sand legte und sich auf den Ellbogen stützte.


































    2. Kapitel



    Die Bienen summten unheimlich, doch Caroli hatte keine Angst. Sie hatte einen Imkerhut auf, und außerdem wusste sie, wie sie gefahrlos Honig holen konnte. Sie kannte die Bienen, seit sie klein war und hatte sich schon sehr oft bedient, damit sie etwas naschen konnte. Ihre einzige Sorge war, dass sie von ihren Eltern erwischt werden könnte. Es war ihr und ihren drei Brüdern verboten, einfach Honig aus den Bienenstöcken zu nehmen. Obwohl es die Wahrheit wäre, könnte Caroli ihren Eltern schlecht sagen, dass sie ihn für eine Reise brauchte. Doch das war wahr. Sie hatte geträumt, dass sie irgendwo hinmüsste, wo sie und vier andere Kinder in Kanara schon einmal gewesen waren, um von dort aus herauszufinden, welche Gefahr Kanara drohte. Caroli wusste zwar noch nicht, wo sie hinmusste, aber es konnte ja nicht schaden, ein bisschen Reiseproviant zu holen. Jetzt hob sie den Deckel des Stockes hoch. Die Bienen summten zwar lauter, aber sie ließen Caroli ungestört mit dem Schöpflöffel in den Honig tauchen und etwas davon in ein Tontöpfchen geben. Erst nachdem sie vier Schöpfer genommen hatte, schwirrte ein Tier auf und brummte ärgerlich vor ihrem Gesicht. Seufzend machte Caroli den Bienenstock wieder zu. Ihr Topf war randvoll, das würde eine gute Jause abgeben. Dennoch wusste sie nicht, wohin die Reise gehen sollte. Es gab sicher irgendeinen Ort in Kanara, wo sie und die anderen aus ihrem Traum schon einmal gewesen waren. Aber wo war dieser Ort? Caroli war ohnehin fast nie aus den Hügelländern herausgekommen, denn es gab zu Hause immer viel zu tun. Alle Bewohner der Mittleren Hügelländer betrieben Landwirtschaft, und die meisten hielten auch Bienen, genau wie Carolis Familie. Auch bauten viele Karotten und Kohlrüben an. Tatsächlich bestand die Ernährung der Familie fast ausschließlich aus Honig, Milch, Karotten und anderem Gemüse. Fleisch wurde nur selten gegessen. Man hatte hauptsächlich Kühe, Bienen, Schafe und Hühner als Nutztiere, selbst Esel und Pferde waren selten. Auf manchen Höfen gab es Katzen, und auf sehr wenigen Hunde. Auf dem Hof von Carolis Eltern gab es keinen Hund, dafür aber viele Katzen. In allen Räumen stieß man auf mindestens eine Katze, und selbst schlafen konnte man selten, ohne dass ein Stubentiger auf einem herumlief. Angefangen hatte alles mit Mola, der alten Katze von Carolis Bruder Emil. Er hatte Mola eines Tages von einem Freund bekommen, der auch Katzen gehabt hatte. Schließlich hatte sich Mola mit irgendeinem Kater gepaart, und ihre Kinder waren mittlerweile auch schon recht alt. Jetzt lag Mola fast immer auf Emils Bett. Die Menschen der Hügelländer lebten in einfachen Holzhütten, die Flachdächer hatten. Jedes Haus hatte etwa drei Zimmer im Untergeschoss und zwei im Obergeschoss. In Carolis Haus gab es nur zwei untere Räume, doch sie waren eine große Familie. Ihre Großeltern bewohnten einen Raum, einen ihre Eltern, ein Zimmer gehörte Carolis großen Brüdern Emil und Rudi und im letzten schliefen Caroli und Fridolin.

    Caroli brachte den Milchkübel in das Schlafzimmer ihrer Eltern, das gleichzeitig die Küche war. Ihre Mutter war gerade dabei, Käse zu machen. “Es wird immer kälter.”, bemerkte sie. Caroli nickte. Auch ihr war aufgefallen, dass es anfing, zu frieren. In ein paar Wochen würde Schnee liegen, und während dem Winter mussten die Tiere die ganze Zeit im Stall bleiben. Caroli stellte den Kübel ab. Sie freute sich schon auf den Käse, denn der schmeckte herrlich und man konnte ihn gut auf Spaziergänge mitnehmen. Jede Woche machten Emil, Rudi und Caroli einen Ausflug zu einem kleinen Teich, der sich in der Nähe des Hofes befand. Dort versuchten sie immer, kleine Fische zu fangen. Aber das war ihnen noch nie gelungen. Offenbar waren die Bewohner der Feuchtgebiete die einzigen in Kanara, die das konnten. Emil sagte immer, das läge nur daran, dass sie keine Angeln hatten, und damit hatte er vielleicht recht. Dafür war Caroli der Meinung, dass die Menschen der Hügelländer die einzigen waren, die wussten, wie man mit Bienen umging. Jetzt ging sie in ihr Zimmer, um nach Fridolin zu schauen. Ihr Bruder war erst fünf Jahre alt, und gerade war er dabei, vier kleine Babykätzchen zu streicheln, die am Bauch ihrer Mutter zappelten. “Hallo, Caroli.”, sagte er, als seine Schwester hineinkam. “Hallo”, erwiderte diese. “Was machst du da?” “Ich streichle die Jungen von Murli. Sie sind richtig groß geworden.” Groß war wohl nicht das richtige Wort für die winzigen Fellbündel, aber Fridolin hatte recht: Die Kätzchen waren sehr gewachsen, seit sie vor zwei Wochen das Licht der Welt erblickt hatten. Es waren zwei getigerte Buben, ein Schildpattmädchen und ein schwarzer Kater. Der schwarze Kater war der größte von allen, danach kam das bunte schildpattfarbene Kätzchen. Die Tiger waren am kleinsten, und Fridolin schien sie am liebsten zu haben. Caroli stand auf. “Komm, wir sammeln die Eier ein.”, meinte sie. “Alle?”, fragte Fridolin besorgt. “Nein, wir lassen Sprenkel ihre ausbrüten.” Sprenkel war Carolis Lieblingshuhn, und da ihre Eier ohnehin nicht sehr groß waren, ließen die Kinder sie sie immer ausbrüten. Kleine Eier brachten nicht sehr viel, Küken aber schon. Leider sammelte die Mutter Sprenkels Eier meistens trotzdem ein, egal, ob die Kinder sie ihr lassen wollten.
    Fridolin und Caroli gingen in den Hühnerstall. Zu ihrer großen Überraschung hatte Sprenkel keine Eier im Nest, die anderen Hühner aber schon. So sammelten sie alle ein. Caroli beschlich der Gedanke, dass Sprenkel ihre Eier vielleicht irgendwo versteckt gelegt hatte. Diesen Verdacht erzählte sie am Abend Rudi. Meistens wusste Rudi immer einen Rat, da er schon sechzehn Jahre alt war. Emil war vierzehn, und Caroli selbst war zehn. Doch Rudi hatte keine Ahnung, wo die Eier sein konnten. Er vermutete zuerst, dass Sprenkel sie im Kuhstall versteckt hatte, doch dort konnten die Hühner gar nicht hin. Außer wenn jemand die Stalltüren offenließ, aber das passierte so gut wie nie.

    Caroli kuschelte sich in ihr Bett. Es bestand eigentlich nur aus Heu, über dem ein Laken gespannt war, aber genau das liebte die Familie. Eines von Murlis Jungen, der schwarze Kater, kletterte zu Fridolin, der sich sehr darüber freute. Dann sprang Murli jedoch auf sein Bett und holte ihren Sohn wieder in den Korb zurück, der der kleinen Familie als Bett diente. Noch bevor Fridolin betrübt sein konnte, weil das Kätzchen nicht mehr bei ihm war, kam auch schon Bari, der große, schwere Hofkater zu ihm. Caroli lächelte. Sie deckte sich besser zu, weil ihr kalt wurde. Der Winter war nicht mehr weit. Während sie über die Arbeit nachdachte, die sie am nächsten Tag tun musste, schlief sie auch schon ein.

    Im nächsten Moment fand sich Caroli auf einem grasbewachsenen Hügel wieder. Sie wollte sich schon wundern, doch da sah sie eine Menge kleiner Grillen auf dem Boden krabbeln. Sofort war ihr bewusst, dass sie träumen musste. Ihr Traum von der letzten Nacht kam ihr in den Sinn. War es wieder eine Botschaft? Hatte sie etwas falsch gemacht? Auf einmal entdeckte sie eine kleine Gruppe von Leuten, die, ein paar Hügel weiter, nach Westen ging. Caroli war interessiert. Wer waren diese Leute? “Hallo! He! Hallo!”, rief sie. Doch die Menschen schienen sie nicht zu hören. Schnell rannte Caroli hin. Die Leute redeten miteinander, doch sie verstand kein Wort, da sie noch weit weg waren. ‘Sie stammen auf jeden Fall aus den Hügelländern.’, dachte sie. ‘Sonst würden sie keine Gewänder aus Wolle und Leder tragen’ Jetzt war sie nah genug, um etwas zu verstehen. “Sie ist wunderschön, nicht wahr?”, sagte eine Frau, die ein Baby im Arm hielt. Ein Mann nickte ihr zu. “Ja, und ihre Haare sind schön rötlich. Genau wie deine, Magaret.” Caroli stockte der Atem. Ihre Mutter hieß auch Magaret, und als sie näher hinsah, erkannte sie, dass es sich bei den Erwachsenen um ihre Eltern handelte. Sie sahen aber anders aus als jetzt, vor allem, weil ihr Vater eine Wollhose trug, und, anders als sonst, keine Lederjacke. Ihre Mutter hatte ihr gelbes Kleid aus Wolle an, das sie nur zu besonderen Anlässen trug. Doch wer war das Baby in den Armen ihrer Mutter, und welchen kleinen Buben hatte ihr Vater an der Hand? “Mama? Papa?”, fragte sie leise. Ihre Eltern bemerkten sie gar nicht. Caroli streckte die Hand aus, doch sie konnte ihre Eltern nicht berühren, sondern fühlte nur Luft. Zeigte ihr dieser Traum die Zukunft? Würden ihre Eltern noch einen kleinen Sohn bekommen, und auch noch eine zweite Tochter? Jetzt sprach ihr Vater weiter: “Steht der Name jetzt fest?” “Ja.”, meinte ihre Mutter nur. Der kleine Bub hob den Kopf. “Warum ist Emil nicht auch mitgekommen? Ohne ihn ist es so langweilig.”, jammerte er. “Emil ist noch etwas zu jung, Rudi. Aber du bist alt genug, um mit zu Carolis Taufe zu kommen.” Die Erkenntnis traf Caroli wie ein Schlag. Sie sah hier die Vergangenheit. Ihre Eltern waren mit ihr und Rudi unterwegs zu ihrer Taufe. Da kam ein Windstoß auf. Eine Stimme flüsterte etwas. “Wenn du an einem Ort warst, musst du dich nicht daran erinnern. Trefft euch. Es bleibt keine Zeit!” Die Stimme verschwand. Caroli wusste es jetzt. Fast jedes Kind in Kanara war bei der Quelle des Araiflusses getauft worden. Das war der Ort, an dem alle fünf schon einmal gewesen waren.

































    3. Kapitel



    Leise war das Kratzen des Schleifsteines zu hören. Der Pfeil war fast fertig. Jetzt musste Zede nur noch drei andere Pfeile schleifen. Wenn sie damit fertig war, konnte sie fast aufbrechen. Aber nur fast. Sie brauchte etwas zu essen, und etwas, damit sie nicht erfror. Jetzt ärgerte sie sich, dass sie sich am Abend überhaupt schlafen gelegt hatte. Der Traum, der ihr gesandt worden war, war unnötig gewesen, da sie schon alles gewusst hatte. In der vorigen Nacht war ihr der heilige Hirsch erschienen, und er hatte sie an einen Ort gebracht, an dem sie von einem Unheil erfahren hatte, dass Kanara drohte. Sie wusste nur nicht, was für ein Unheil, aber sie wusste, dass sie sich zuerst mit vier anderen Kindern treffen musste, und zwar an einem Ort, an dem jeder von ihnen schon einmal gewesen war. Zede war sich sofort sicher gewesen, dass es sich um die Quelle des Araiflusses handeln musste, denn dort wurde jedes Kind in Kanara getauft. Das war ihr in ihrem zweiten Traum bestätigt worden. Jetzt hatte Zede schon einen ganzen Tag gebraucht, um zu überlegen, was sie auf ihre Reise nehmen sollte. Mittlerweise wusste sie, war sie brauchte: Rohes Fleisch, das sie sich unterwegs braten konnte, einen Feuerbogen zu Feuermachen, eine Felldecke, Pfeile, einen Bogen und einen Ledermantel. Das alles wollte sie in ihren Ledersack geben. Den hatte sie zu ihrem dreizehnten Geburtstag bekommen, und der war gerade drei Monate her. Aber die Pfeile, die sie besaß, waren nicht spitz genug, um damit zu jagen. Also saß sie jetzt, am frühen Morgen, auf einem Holzhocker und schliff ihre Pfeile mit dem Schleifstein, der der ganzen Gruppe gehörte. Ihre Gruppe bestand aus zwei Familien. Ihre Familie und eine befreundete Familie hatten sich vor Jahrzehnten zusammengeschlossen, da das Überleben im Wald nicht allzu leicht war. Aber Zede liebte den Wald, so gefährlich er auch war. Sie war froh, dass sie in Kanara lebte und nicht in Ganar. Ganar war ein Nachbarland von Kanara, und im Dunkelwald, ein Gebiet in Ganar, gab es angeblich böse Räuberbanden, die jeden anfielen und ausraubten. Hier, im Grünen Wald, gab es so etwas nicht. Das einzige, was hier gefährlich war, waren Bären, und auch von den gab es nur wenige. Zede war einmal von einem Bär angegriffen worden. Es war ein Weibchen mit Jungen gewesen, und die waren besonders angriffslustig. Vor allem, wenn sie um ihre Kinder fürchteten. Seit dem Tag hatte Zede eine lange Narbe an der Schulter. Einerseits war sie stolz darauf, weil sie es überlebt hatte, aber andererseits fand sie es hässlich. Ihre kleine Schwester, Selma, hatte gesagt, dass es nicht hässlich war und dass es genau zeigte, wie zäh Zede war. Das stimmte vielleicht auch.
    Bald war Zede fertig und musste nur noch ihre Sachen in den Ledersack packen. Schnell warf sie alles hinein und warf ihn sich über die Schulter. Sie sah noch einmal das Lager an, dann wandte sie sich ab und ging. Die Sonne warf schon ein paar Strahlen durch die Äste. Zede wusste, dass sie jemandem Bescheid hätte sagen sollen. Aber das hätte zu lange gedauert. Noch einen Schritt, und sie wäre außerhalb des Lagers. Und...
    “Wohin gehst du?” Zede erschrak. Sie drehte sich um. Mitten im Lager standen Selma und Jeo, ihr großer Bruder. Beide sahen sie verletzt an. “Was hast du vor?”, fragte Selma, und ihre Stimme zitterte. “Woher.. wie... was...” Zede wusste nicht, was sie sagen sollte. Woher um alles in der Welt wussten ihre Geschwister, dass sie wegging? War sie zu laut gewesen? Jetzt trat Jeo vor. “Komm mit. Wir müssen das besprechen.”

    Kurz darauf saß Zede mit ihren Geschwistern in der kleinen Reisighütte ihres Bruders. Hier im Lager hatte man entweder zu zweit oder alleine eine Hütte, die auf einem festen Holzgerüst stand und mit Laub und Reisig bedeckt war. Diese Unterkünfte mussten sehr stabil sein, da es im Wald auch manchmal starken Wind gab. Jetzt wurde Zede von ihren Geschwistern erwartungsvoll angestarrt. “Raus damit.”, sagte Jeo. “Du denkst ja nicht, dass wir davon ausgehen, dass du jagen wolltest.” Zede seufzte. “Gut. Ich muss weg.” “Und wohin?”, hakte Selma nach. Jetzt wurde Zede bewusst, dass sie vor ihren Geschwistern einfach nichts geheimhalten konnte. “Meinetwegen. Also, ich habe vorletzte Nacht einen Traum gehabt. Da ist mir ein Hirsch erschienen.” Selma schnappte ehrfürchtig nach Luft. Zede ignorierte sie. “Er lief durch den Wald, und ich bin ihm nachgerannt, bis wir zu einem Ort kamen, an dem alle fünf bewohnten Großlandschaften aus Kanara vertreten waren. Auch die Patrone waren da. Und ich habe Kinder gesehen. Vier andere Kinder sind da gewesen, und ich habe keines erkannt, weil sie unscharf waren. Dann hat eine Stimme gesagt, dass wir uns dort treffen sollen, wo jeder von uns Fünf schon einmal gewesen ist. Das kann nur die Quelle des Araiflusses sein, weil dort so gut wie jedes Kind unseres Landes getauft worden ist. Wenn wir beisammen sind, müssen wir der Sonne folgen sollen. Wir müssen herausfinden, wer oder was Kanara bedroht. Und jetzt muss ich gehen.” Zedes Geschwister hatten sie die ganze Zeit mit offenem Mund angestarrt. Jetzt hob Jeo an zu sprechen. “Und du willst uns verlassen, nur weil du geträumt hast?” “Versteht mich doch!”, sagte Zede. “Ich will nicht weg. Ich muss. Es war nicht nur ein Traum. Es war ein Traum von unserem Patron!” Lange Zeit schwiegen die drei. Dann begann Selma, ganz leise zu weinen und sie lehnte sich an Jeos Schulter. Jeo schüttelte sie ab. “Zede, wir gehen mit dir!” Zede war überrascht. Sie hätte mit allem gerechnet, nur damit nicht. Selma wischte sich die Tränen ab. “Ja! Ja! Fantastisch!”, rief sie so laut, dass Zede befürchtete, das ganze Lager würde aufwachen. “Nein!”, sagte sie entschieden. “Das geht nicht! Ich will ja nicht einmal weg. Aber ihr dürft schon gar nicht in Gefahr kommen.” Jetzt sah Selma wieder traurig aus. Zede seufzte. “Ich komme wieder. Ihr müsst es Mama und Papa sagen, aber erst, wenn ich schon einen Tag lang weg bin. Sagt nicht, dass ich zur Quelle gehe. Sie dürfen mir nicht folgen.” Mit diesen Worten umarmte sie ihre Geschwister. Selma gab ihr einen Pfeil. “Hier, den wirst du brauchen.” Zede nickte. Jeo begleitete sie an den Rand der Lichtung und gab ihr noch etwas. Es war ein Säckchen. “Falls du dich jemals verirrst und von den anderen Kindern keine Spur siehst, dann streue den Inhalt auf den Boden und zünde es an. Es ist Irrlichtfeuer. Wenn man es anzündet, brennt es hellblau, aber nicht heiß. Es wird drei Tage lang brennen.” “Woher hast du das?”, fragte Zede. “Von einem Händler, den ich einmal vor zwei Jahren getroffen habe. Nutze es gut, es war sehr teuer.” Jetzt standen auch Jeo Tränen in den Augen. “Geh”, sagte er. “Sonst wachen noch alle auf.” Zede nickte. “Sei nicht traurig. Ich komme zurück.”

    Jetzt, wo die Sonne aufging, war der Wald nicht im Geringsten unheimlich. Ab und zu ließ sich ein Reh blicken, aber Zede wollte nicht jagen. Sie hatte genug Fleisch dabei, und außerdem wuchsen im Wald viele Knollen und Wurzeln, die sehr schmackhaft waren. Sie wusste, dass sie nicht lange gehen musste, denn Ganar reichte an einer Stelle sehr weit nach Kanara hinein. Direkt dahinter lag das Steinland. Wenn Zede über die Grenze käme, könnte sie ganz leicht zur Quelle gehen. Sie würde nur zwei Tage brauchen, mit einer einzigen Pause. Etwas betrübt strich sie sich die dunkelbraunen Haare aus dem Gesicht. Sie würde ihre Familie jetzt lange nicht sehen. Hoffentlich würde ihr niemand nachgehen. Ihr Vater wäre imstande, sie einfach von der Quelle nachhause zu holen, egal, ob Kanara Gefahr drohte. Sie beschleunigte ihren Schritt, um Zeit aufzuholen. Wenn sie zu lange brauchte, könnten die anderen vier längst angekommen sein, bevor sie eintraf. In ihrem Sack polterte das Gepäck. Ihr Säckchen mit dem Irrlichtfeuer war längst eingepackt. Sie war sich zwar sicher, dass sie sich nicht verirren würde, aber es würde ihr ganz sicher etwas nützen. Sonnenstrahlen brachen durch das Geäst und blendeten Zede. Weit hinter sich hörte sie jemanden schreien. Sie blieb sofort stehen. “Zede!”, schrie jemand aus weiter Ferne. “Zede, wo steckst du?” Es war ihre Mutter, so weit entfernt, dass ihre Stimme nur noch ein leises Flüstern war. Zedes braune Augen wurden wässrig. Wenn ihre Mutter jetzt schon so besorgt war, wie sollte es dann erst in ein paar Tagen sein. Normalerweise sagte Zede immer Bescheid, wenn sie das Lager verließ. Jetzt war das ungünstig, denn die Gruppe war es nicht gewohnt, dass Zede so sang- und klanglos verschwand. Jetzt knackte leise ein Zweig. Weit hinter ihr lief jemand! Das konnte nur jemand aus ihrer Gruppe sein, der nach ihr suchte. Zede ärgerte sich ein bisschen, weil alle solche Angst um sie hatten, dann rannte sie los. Sie lief auf einen Laubbaum zu und kletterte so schnell es ging hinauf. Als sie oben in der Krone saß, blickte sie hinunter. Dort liefen einige Menschen vorbei, darunter auch ihr Vater. Laut riefen sie Zedes Namen. Das tat Zede leid, und am liebsten hätte sie sich gezeigt. Doch das ging nicht. Sie hatte eine Mission zu erfüllen. Die Schritte verklangen. Gerade als Zede wieder hinunterklettern wollte, kam noch jemand. Es war Jeo. “Jeo?”, flüsterte sie. Jeo sah hinauf und blieb stehen. “Da bist du!”, sagte er. “Sie machen sich alle solche Sorgen, weil du nicht in deinem Bett warst. Komm ins Lager!” “Nein. Es geht nicht. Begreifst du es denn nicht? Du musst sie trösten. Morgen sagst du ihnen, wohin ich gegangen bin!” Mit diesen Worten sprang Zede auf den Nebenbaum, wie ein Eichhörnchen. Auf diese Fähigkeit war sie ziemlich stolz, denn das konnte nicht mal ihr Vater. “Zede!”, rief Jeo. Aber die hörte nicht hin. Sie hüpfte weiter von Ast zu Ast. Sie durfte nicht zurück. Jeo konnte noch so laut schreien. Sie hielt kurz inne, da sie fast von einem Raben vom Baum geworfen worden war, aber dann bewegte sie sich weiter auf die Grenze zwischen Kanara und Ganar zu. Sie musste die Quelle finden. Nur so war ihr Land zu retten.
























    4. Kapitel



    Moro fluchte, als er mit seiner Hose an einem Felsen hängenblieb. Er war jetzt schon einen ganzen Tag lang unterwegs, und hatte endlich den Fuß des Berges erreicht. Übernachtet hatte er in einem verlassenen Adlernest, wo es zwar gemütlich, aber nicht warm gewesen war. Jetzt steuerte er auf die alte Farm zu, die schon seit Ewigkeiten hier unten stand. Er riss seine Hose los, was ein kleines Loch im Wolfspelz veranlasste. Bei der Farm wollte er ein Pferd kaufen. Er hatte zwar kein Geld, aber in seinem Korb befand sich ein großer Wurzelteppich, den er selbst vor einem Jahr gewebt hatte. Solche Teppiche ließen sich gut verkaufen, so sagte es auf jeden Fall sein Vater, und der musste es ja wissen. Moro brauchte das Pferd, um damit möglichst schnell in das Steinland zu kommen, wo die Araiquelle war, denn dort musste er hin. Er war recht flexibel, und außerdem blieb er manchmal sowieso tagelang von zu hause weg, daher war es leicht für ihn gewesen, wegzugehen. Das alles lag an einem Traum. Eigentlich hasste Moro Träume, denn meistens waren sie schlecht, aber das war fast sein erster guter Traum gewesen. Zugegeben, etwas verwirrend, aber er war zu dem Schluss gekommen, dass er zur Araiquelle musste. Doch da er noch nie ein schneller oder guter Läufer gewesen war (In den Bergen kletterte er meistens und verließ sich auf seine starken Arme), hatte er beschlossen, dorthin zu reiten. Schon von Weitem hörte man das Wiehern von Pferden und das Gackern von Hühnern. Ein alter Mann mit einer großen Schüssel stand inmitten einer Schar von Hennen und warf Körner in die Menge. “Hallo!”, schrie Moro ihm zu. Der Mann drehte sich um und starrte den Reisenden an. Vor Überraschung weiteten sich seine Augen. “Ja, ist das denn möglich?”, stammelte er fassungslos. Moro verstand überhaupt nichts. “Endlich”, fuhr der Alte fort, “Endlich kommt mich jemand besuchen. Ich lebe hier jetzt schon mehr als zehn Jahre alleine. Komm ins Haus, mein Junge. Komm mit mir.”

    Moro war dem alten Mann gefolgt, weil er nicht unhöflich hatte sein wollen, aber jetzt saß er seit etwa einer Stunde an mit dem Gastgeber an einem Holztisch und trank Tee. Der Tee war ganz anders als bei Moro zu hause, doch er schmeckte erstaunlich gut. Es war ein Aufguss mit einem Kraut namens Thymian, das in den Bergen nicht wuchs. Daheim gab es immer Wurzeltee, in einer Lehmschüssel über einem Lagerfeuer erhitzt. Der Mann hatte den Tee in einem Kessel aus Metall gekocht. “Jetzt sag mal”, sagte der Alte jetzt, “was führt dich kleinen Buben denn zu mir? Ich habe seit Ewigkeiten keinen Menschen mehr gesehen.” ‘Wäre mir gar nicht aufgefallen.’, dachte sich Moro. ‘Du plapperst mich ja voll.’ Doch er sagte das nicht, weil ihm der Mann leid tat. “Ich brauche ein Pferd.”, erklärte er. “Ich muss zur Quelle.” Der Alte schien plötzlich traurig zu sein. “Wenn du weggehst, bin ich ja wieder alleine. Wie heißt du eigentlich?” Moro nannte seinen Namen. Der Mann stellte sich als Ero Huber vor. Ero blickte Moro ernst an. “Wenn du zur Quelle musst, brauchst du ein Pferd, das ist richtig. Ihr Menschen aus den Bergen seid nicht so gut zu Fuß, oder?” Moro nickte verlegen. Er ging mit Ero hinaus, um sich ein Pferd auszusuchen. “Wenn du schon gut reitest, empfehle ich dir Oli, den schwarzen Hengst dort. Er ist sehr schnell, aber schwer zu bändigen. Wenn du aber noch nie auf einem Pferd warst, solltest du Wildfang nehmen.”



    Etwas später




    19. Kapitel


    Viermal ging sie Sonne auf und unter, und nichts geschah. Endlich, es war kurz vor Mittag, schimmerte etwas violett am Horizont der öden, ganischen Ebene. Caroli erreichte den violetten Bach als Erste. Und sie war wahnsinnig überrascht, weil sie recht gehabt hatte. Im violetten Bach floss klares, amethystlila Wasser. Die Fünf wären gerne sofort nach Westen gegangen, doch der tagelange Marsch hatte sie so sehr erschöpft, dass sie bis zum nächsten Tag bleiben wollten. Die Nacht verlief ohne Störungen, und alle waren ausgeschlafen, als die Sonne den Bach in gleißendes Licht tauchte. Und mit einem Mal ertönten ledrige Flügelschläge. Sie sahen hoch. Salvator war zurückgekommen. Glücklich stiegen sie auf und flogen nach Westen.

    Zede stieß Jodan an. “Was ist denn?”, murmelte der. “Ich habe gerade so gut geschlafen.” “Wir sind da!” Jodan schreckte hoch und wäre fast von Salvators Rücken gefallen. Sie waren gelandet, und zwar an einem Waldrand. Vor ihnen lag eine riesige Lichtung, deren Boden mit Sand bedeckt war. Und in der Mitte davon befand sich eine halb verfallene Festung. “Taidems Burg!”, flüsterte Moro. “Sie sieht so unbewacht aus.” Saera nickte. “Aber auch nur auf den ersten Blick. Schau mal da auf den rechten Turm.” Der rechte Turm war die höchste der drei ruinenartigen Erhebungen, die sich inmitten der Burg befanden. Darauf sah Moro gegen die untergehende Sonne einige Geröllhaufen. Doch ein zweiter Blick zeigte ihm das, was dort oben lauerte. Einige mit Stacheln bedeckte Dornendrachen streiften ruhelos herum, ihre hypnotisierten Augen funkelten. “Um zu Taidem zu gelangen, müssen wir da hin.”, sagte Saera. “Und wenn wir nicht unheimlich viel Glück haben, stürzen sich diese Bestien auf uns. Ich habe einen Plan...” “Sag schon!”, drängte Zede. “Also”, begann Saera, “Falls uns die Drachen entdecken, versuchen zwei von uns, zur Burg zu kommen. Der Rest muss die Drachen in Schach halten. Wir haben jetzt ja das Schwert.” Sie zeigte auf das Drachenschwert, das an ihrer Hose befestigt war. Ihre Freunde nickten. “Wer kämpft und wer geht?”, fragte Caroli. “Du und Zede, ihr versucht, zu Taidem zu kommen und irgendwie seinen Plan auszukundschaften.”, schlug Moro vor. Damit waren alle einverstanden. “Wir gehen am besten in der Nacht. Dann können uns diese Drachen schwerer sehen.”, sagte Saera. “Und wir sie.”, murmelte Zede, aber da sie keinen besseren Einfall hatte, nickte sie.

    Der Mond spendete ihnen etwas Licht, als sie auf die sandige Fläche traten. Immer noch sahen sie die Schatten der Biester auf dem Turm herumlungern. Salvator wartete im Schatten der Bäume. Ihre weiße Haut wäre sofort aufgefallen. Caroli sah nervös auf die leuchtenden Augen der Dornendrachen, die über sie hinweg schweiften. Aber was war das? Verharrte dieser Drache nicht schon seit langem in derselben Position, die Augen auf den Fünf? Caroli hatte sich nicht getäuscht; im nächsten Moment stieß der Drache ein wütendes Brüllen aus und erhob sich in die Luft. Seine Artgenossen folgten seinem Blick und brüllten ebenfalls. “Lauft!”, schrie Saera Zede und Caroli zu, die daraufhin losrannten. Ein Drache entdeckte sie und stürzte auf sie zu. “Nein!” Saera riss sich das Schwert vom Gürtel und schleuderte es in die Richtung. “Was machst du?”, schrie Jodan, der bemerkt hatte, dass die Biester von ihnen nur noch wenige Meter entfernt waren. Das Schwert traf sein Ziel. Kurz bevor er Zede und Caroli erreicht hatte, stürzte der Drache zu Boden, vom Schwert tödlich getroffen. Zede zog es heraus und warf es Saera zu. Die fing es auf und sah, wie ihre Freundinnen zur Festung rannten und sich in einem Spalt versteckten. “Saera!”, rief Moro. Saera wirbelte herum und stach mit dem Schwert in die Brust des Drachen, der im Begriff war, Moro und Jodan zu grillen. Hinter ihnen schoss Salvator aus dem Wald und schlug ihre gewaltigen Zähne in das Bein eines Dornendrachen, der daraufhin aufheulte und mit seinem Schwanz ausholte. Es waren nicht viele Gegner, aber sie waren stark. Moro wusste, dass er die Tiere nur mit dem Drachenschwert wirklich erledigen konnte, aber er holte ein Messer aus seiner Tasche und stach einem der Drachen in den Rücken. Es tat weh, das konnte man hören. Das Viech schrie und kratzte Moro mit seinen gigantischen Krallen über den Arm. Moro biss die Zähne zusammen und holte abermals aus.
    Carolis Zähne klapperten laut, als der Schatten über die Felsspalte fiel. Sie hörte den Drachen schnaufen. Seine nebligen Augen schweiften über sie hinweg. Zede ging in Zeitlupentempo in die Knie und hob einen Stein auf, den sie unbemerkt wegwarf. Der Drache hörte das Klackern und zischte los. “Weiter gehts!”, flüsterte Zede und zog Caroli weiter. Die zitterte, folgte ihr aber. Der Gang, in den sie liefen, war dunkel. Die Wände waren übersät mit Krallenspuren. Nicht weit entfernt war eine Tür. “Wer wagt, gewinnt!”, meinte Zede. “Auf geht´s!” Langsam näherte sie sich mit dem Gesicht dem Schlüsselloch, das so groß war wie ihre ganze Hand. In diesem Moment flog die Türe auf und der Griff traf das Mädchen direkt unter dem rechten Auge. Sie knallte zu Boden, überzeugt davon, entdeckt zu sein. Doch sie hörte nur schnelle Schritte, die sich entfernten. “Zede, lebst du noch?”, flüsterte Caroli. Zede nickte. Die Tür war immer noch offen. Ein heimlicher Blick hindurch zeigte den Mädchen, dass dahinter ein weiterer Gang war, mit Fackeln, die violett brannten, beleuchtet. Niemand war zu sehen. “Los, komm!”, zischte Zede. “Was?”, rief Caroli etwas zu laut und senkte sofort die Stimme. “Was? Da rein? Bist du verrückt?” “Vielleicht, aber das ist der einzige Weg. Der andere Gang ist eine Sackgasse.” Da Zede recht hatte, schlichen sie los.

    Obwohl ihr Bein schmerzte, sprang Saera dem Drachen in den Weg und fuchtelte mit dem Schwert vor seiner Nase herum. Es waren einfach zu viele. Sie selbst waren nur zu viert, wenn man Salvator mitrechnete. Die Drachen waren mittlerweile zu zehnt, obwohl drei andere schon vom Drachenschwert erledigt worden waren. Ein Drache hatte Saera ins Bein gebissen, Moros Arm war komplett zerkratzt und Jodan hatte einen Schuh verloren, als ein Biest seinen Fuß fressen wollte. Jetzt war das Körperteil noch dran, wenn auch nicht in sehr guter Verfassung. Salvator kämpfte wie ein Löwe. Sie biss, kratzte, fauchte und spie weißblaues Feuer, dessen Wirkung Saera noch nicht herausgefunden hatte. Der Kampf schien einfach aussichtslos. Saera versuchte, dem Dornendrachen vor ihr in den Hals zu stechen. Das misslang ihr allerdings, und das Schwert schnitt nur einen Stachel durch, aus dem sofort die gelartige Substanz sickerte, die darin war. Jeder Stachel war so aufgebaut, innen das Gel, außen harte, spitze Haut. In diesem Moment hörte Saera ein Ohrenbetäubendes Brüllen. Sie drehte sich um und sah Salvator, die den massigen Kopf erhoben hatte und laute Töne ausstieß, die gleichzeitig nach Schlachtgeheul, Bellen und Nebelhörnern klangen. Egal was die Drachin da tat, sie war offenbar in Ordnung, denn sie stürzte sich sofort dem nächsten Gegner an die Kehle. “Au, verflixt!”, schrie Moro plötzlich hinter Saera. Saera sah ihn zu Boden fallen und stach seinem Angreifer eine Zacke auf. Das war nicht angenehm, soviel wusste sie, denn immer, wenn sie ein Tier auf diese Weise angriff, heulte es auf. Sie warf das Schwert zu Jodan, der sich mit einem Stock gegen eines der Biester wehrte. Das seltsame war, dass noch keiner dieser Drachen Feuer gespuckt hatte. Jodan fuchtelte mit dem Schwert herum, um seinen Gegner auf Distanz zu halten. Rückwärts bewegte er sich auf Saera und Moro zu. Saera sah auf und merkte plötzlich, dass die Drachen einen Kreis um die Kinder bildeten. Es gab kein Entkommen. Auch Salvator wurde bedrängt. “Was ist das für ein Geräusch?”, wisperte Jodan. Saera lauschte. Ein Säuseln lag in der Luft.










    20.Kapitel



    Caroli sah nichts außer dem violetten Licht der Fackeln. Zede neben ihr sah sich immer wieder nervös um. Hier gab es keine Deckung. Wenn ihnen jemand entgegenkam, würde er sie entdecken. Endlich weitete sich der Gang, und sie standen in einem großen Raum, der große Ähnlichkeit mit einem Herrschersaal hatte. An der Wand hingen alte Gemälde. Ein großer Teppich bedeckte den Boden. Und in einer Ecke stand ein riesiger Tisch. Erst nach wenigen Sekunden bemerkte Zede, dass daran jemand mit dem Rücken zu ihnen saß. Ohne das geringste Geräusch zog sie Caroli hinter eine große Truhe, die an der Wand stand. Von dort aus betrachtete sie den Sitzenden. Es war offenbar ein Mann, doch sicher war sie sich nicht, da sie ihn nur von hinten sah. Er trug einen zerrissenen Umhang aus einem Zeug, das aussah wie Drachenhaut. Und er hatte eine seltsame Krone auf dem Kopf. Sie sah uralt aus, denn sie war verbogen und rostig. Das musste Taidem sein, überzeugt davon, der wahre Herrscher der Malibischen Insel zu sein. Offensichtlich frug er das Herrschergewand seiner Ahnen. Er beugte sich über den Tisch. In dem Moment ertönten eilige Schritte und Zede duckte sich tiefer hinter die Truhe. Jemand kam hereingelaufen. “Herr!”, sagte eine schüchterne Stimme. “Ja?”, fragte Taidem, seine Stimme war kalt wie Eis. “Es handelt sich um Angreifer, Sir. Drei Menschen, ziemlich jung, glaube ich, und ein Silberdrache.” Zede hörte, wie Taidem aufstand. “Ein Silberdrache?” “Ja”, meinte der andere, “Ein ausgewachsener Silberdrache! Ziemlich zugerichtet allerdings. Das gilt auch für die Menschen.” Taidem schien zu überlegen. “Was die wohl wollen?”, meinte er mehr zu sich selbst als zu seinem Gesprächspartner. Schließlich setzte er sich wieder. “Beobachte den Kampf, und berichte mir, wenn sich etwas verändert.” “Ja, Sir!” Die Schritte entfernten sich wieder. Zede lugte über den Rand der Kiste. Taidem hatte sich einer Ecke des Raumes zugewandt. “Deine Retter werden sterben!”, sagte er, und Zede sah nicht, wen er meinte. Er sprach weiter. “Es wundert mich, wie sie uns gefunden haben. Aber das ist nicht von Bedeutung. In vier Tagen sind deine Leute sowieso alle tot. Du wirst dabei zusehen, und danach wirst auch du sterben.” Er lachte unfreundlich. “Ich werde nun meinen Plan ausarbeiten. Du bleibst hier, und etwas zu essen bekommst du erst, wenn du mir gesagt hast, wie ich in die Bernsteinhöhle komme.” Taidem hob ein Papier vom Tisch und verschwand durch eine große Holztüre. Als er sie geschlossen hatte, konnten die Mädchen unterdrücktes Schluchzen hören. Sie sahen sich an und huschten schließlich hinter der Truhe hervor. In der Ecke, zu der Taidem gesprochen hatte, saß jemand. Dieser jemand sah erschrocken auf, als Zede und Caroli sich näherten. Dann weiteten sich seine Augen vor Überraschung. Es war ein Mädchen, das Zede schon einmal gesehen hatte. Das war im Tal der Hüter gewesen. Caroli ging näher auf es zu und nahm ihm einen Knebel aus dem Mund, den Zede bisher nicht bemerkt hatte. “Zede! Caroli!”, stöhnte das Mädchen. “Wie kommt ihr denn hierher?” “Du bist Elva, die Tochter von Staratej, oder?”, meinte Caroli. Elva nickte. “Vor drei Tagen hat mich Taidem von einem hypnotisierten Drachen entführen lassen. Aber was meint er damit, dass meine Retter sterben werden? Ist jemand von den Hütern da?” Caroli und Zede tauschten besorgte Blicke. “Nein, von den Hütern ist niemand da. Aber wir sind da, und die anderen. Und Salvator.” “Salvator!”, rief Elva überrascht. “Die Gute! Könntet ihr mich befreien?” Zede nickte und schnitt ihre Fesseln mit ihrem Messer durch. “Wir müssen herausfinden, was genau Taidem vorhat!”, sagte sie. “Das weiß ich ungefähr.”, erwiderte Elva. “Er will die Macht wieder an sich reißen. Mit dem Tal der Hüter wird er beginnen, ihr habt es ja gehört. Dann macht er sich über die Länder her.” Sie schluckte. “In einem Monat sendet er seine Truppen aus. Es sind hauptsächlich hypnotisierte Drachen. Aber auch einige Menschen folgen ihm, ganz freiwillig. Sie werden alle auf einmal angreifen. Kanara, Ganar und Murimalien sind dem Untergang geweiht.” “Und was ist mit den anderen Ländern?”, fragte Zede, die sich noch an andere Staaten der Insel erinnern konnte. “Die sind Taidem egal.”, war die Antwort. “Sie sind zu klein, um sich ihm in den Weg zu stellen.” Da hatte er recht. In dem Moment, als Zede das dachte, hörte sie durch ein Fenster Salvator heulen. Es klang seltsam, aber nicht schmerzvoll. “Schnell!”, sagte sie trotzdem. Sie lief auf den Gang zu aus dem sie gekommen waren. “Was ist los?”, fragte Caroli, die mit Elva dicht hinter ihr lief. “Das war Salvator!”, antwortete Zede. “Und der, mit dem Taidem gesprochen hat, hat es auch gehört. Er wird ihm Bericht erstatten. Wir fangen ihn vorher ab.” Da waren auch schon leise Schritte zu hören, die immer lauter wurden. Zede hielt an und deutete den anderen, still zu sein. Da bog jemand um die Ecke. Es war ein junger Bursche, sicher noch nicht einmal erwachsen. Er erblickte Zede und erschrak, da hatte sie ihm auch schon einen ordentlichen Kinnhaken verpasst und hielt ihm den Mund zu. Sein Schrei verklang in ihrer großen Hand. “Du wirst jetzt still sein, klar?”, zischte sie. Neben ihr hielten Caroli und Elva erschrocken die Luft an. Der Bub nickte. “Gut.”, meinte Zede. “Wenn du schreist, verpasse ich dir noch einen Schlag, und der wird fester sein.” Sie nahm die Hand von seinem Mund. “Wer bist du?” Der Bub zuckte zusammen. “S... Seni.”, murmelte er schließlich verschreckt. “Soso. Du bist also einer von Taidems Leuten?” Seni schüttelte den Kopf. Zede schaute ihn verwirrt an. “Sondern?” “Ich komme aus Murimalien. Er hält mich gefangen.” “Sehr witzig! Ich glaube dir kein Wort! Du hast ihn ja vorhin mit Informationen versorgt!” Seni schüttelte ihre Hand ab. “Das musste ich tun! Er hätte mich doch sonst getötet. Und wenn ich ihn anlüge, dann...” “Was dann?” “Dann sterbe ich auch sofort!” Zede starrte Seni an. Was er sagte, klang ehrlich. Aber trotzdem war sie sich nicht sicher. “Wie ist das möglich?”, fragte sie barsch. “Er ist ein Zauberer!”, sagte Seni. “Er hat mich mit einem Fluch belegt.” “Er sagt die Wahrheit!”, warf Elva dazwischen. Zede drehte sich um. “Woher weißt du das?”, fragte sie. “Ich habe gehört, wie Taidem immer wieder gesagt hat, dass Seni ja weiß, was passiert, wenn er lügt.” Seni nickte. Zede sah ihn an. “Wirst du uns helfen?” Wieder nickte er. “Dann gehen wir jetzt besser. Wir müssen den anderen helfen.” Die Vier liefen los.

    Saera blickte zum Himmel. Das Geräusch kam ganz sicher von dort. Es hörte sich ein bisschen an wie Flügelschlagen. Die Dornendrachen rückten immer näher zusammen. Dann ertönte ein Kampfschrei von oben. Saera blickte hoch, genau wie ihre Gegner. Vom Himmel stürzten sich ein Menge von Drachen. Zuerst dachte Saera, dass es Feinde waren, doch da sprang Salvator in die Luft und griff einen Dornendrachen an. Die Neuankömmlinge taten es ihr nach, und es machte ‘Klick’ in Saeras Hirn. “Das sind die Drachen aus dem Tal!”, rief sie Jodan und Moro zu. Jodan nickte. Auch er hatte das mittlerweile kombiniert. Da hörte er jemanden seinen Namen rufen. Als er sich umdrehte, sah er Zede und Caroli auf sich zulaufen, hinter ihnen zwei andere Kinder. Jetzt war für Begrüßungen und Fragen aber keine Zeit. Jodan rannte zu Moro, der versuchte, ins Gebüsch zu kommen. Das war nicht so einfach, denn ein Drache hatte ihm gegen das Knie getreten, und das war jetzt einigermaßen unbeweglich. Jodan nahm seinen Freund auf den Rücken und trug ihn an den Waldrand. Kein Gegner wurde auf sie aufmerksam, die Drachen aus dem Hütertal waren in der Überzahl. “Warte hier!”, sagte er und rannte zurück. Er sah, wie Salvator von drei Dornendrachen in eine Ecke gedrängt wurde, doch gleich darauf eilte ihr ein rötlicher Drache mit Hörnern zur Hilfe.

    Die Hüterdrachen gewannen den Kampf. Am Ende flohen die verbliebenen Feinde zur Burg. Moro blickte zwischen den Blättern hindurch. Am Rande der Festung standen vier Gestalten, die jetzt auf seine Freunde zugingen. Also erhob Moro sich zitternd und hüpfte auf einem Bein zu den anderen. Doch bevor er sie erreicht hatte, stieß Saera einen klagenden Schrei aus und stürzte los. Moro blickte ihr nach. Sie rannte zu den Drachen, die allesamt einen Kreis gebildet hatten. Und in der Mitte dieses Kreises lag irgendetwas, etwas großes, ein grauer Haufen. Jetzt kam Jodan zu ihm und hob ihn sich wieder auf den Rücken. Gemeinsam gingen sie zu Caroli und Zede, neben denen ein fremder Bub und ein fremdes Mädchen standen. Das Mädchen hatte das Gesicht in die Hände gelegt und schien zu weinen. Einer der Drachen stieß sich mit lautem Geheul in die Luft und flog mit rasender Geschwindigkeit los. Jetzt erkannte Moro, was der graue Haufen war. Salvator.

    Zede hätte am liebsten geheult, aber das war ihr vor ihren Freunden unangenehm. Sie kniete sich neben die sterbende Salvator. Ohne die Silberdrachin wäre die Mission unzählige Male gescheitert. Salvator hatte sie aus dem Labyrinth geholt, sie hatte sie auf ihrem Rücken fliegen lassen, und sie hatte die Hüterdrachen geholt. Aus dem Drachenkreis erhob sich nun ein anderer Silberdrache, der Zede davor nicht aufgefallen war. Er ließ ein Geräusch hören, das wie ein Wal klang, gleichzeitig wie der Gesang von hundert kleinen Elfen. Dann hob er Salvator mit den Beinen auf und stieß flog auf. Die anderen Drachen folgten ihm, aber ein giftgrünes Weibchen ließ die Kinder noch aufsteigen. Dann flogen sie los, und obwohl die Fünf die Orientierung verloren hatten, wussten sie, wohin es ging.




























    21. Kapitel


    Als sie im Hütertal landeten, standen alle Bewohner versammelt da. Sie wussten von Salvators Tod, und hatten bereits eine riesige Grube ausgehoben. Das Begräbnis verlief traurig und still. Aber danach kam eine Abschiedsfeier für Salvator. Es war wunderbar, alle lachten und riefen Glückwünsche für Salvator. So war das im Hütertal: Zuerst wurde geweint, aber dann dankte man für das Leben des Verstorbenen und pries seine Taten. Kleine Mädchen flochten Kränze und legten sie auf Salvators Grab. Doch trotz der lockeren Stimmung konnten sich die Fünf nicht so richtig freuen. Es war, als würden sie verfolgt werden, und der Verfolger könnte jeden Moment zuschlagen. In vier Tagen wollte Taidem das Tal überfallen. Seine Armee war in der Überzahl.

    Staratej ging in seiner Höhle auf und ab. Was die Fünf, seine Tochter und der junge Seni erzählt hatten, beunruhigte ihn. “Wir müssen die Länder vereinen!”, sagte Saera sicher schon zum zehnten Mal. “Ich weiß!” Staratej schlug mit der Hand auf den Tisch. “Aber wie? Schon in vier Tagen - in VIER Tagen! - sind wir hier alle tot.” “Ganz einfach!”, schaltete sich Elva ein. “Wir fliehen. Dann haben wir einen Monat Zeit, um alle Leute in den Ländern zu informieren und eine Kampfmacht auf die Beine zu stellen.” “Eine Kampfmacht!”, rief Jodan, der seinen Hund Jappo streichelte, verächtlich. “In unseren Ländern herrscht seit vielen Jahrzehnten Frieden. Vermutlich gibt es keine einzige Waffe in Kanara.” “Wie kommst du bitte auf den Blödsinn?”, fuhr Zede ihn an. “Jeder Mensch im kanarischen Wald hat Pfeile und mindestens einen Bogen, und jeder ist damit aufgewachsen. Jedes kleine Kind kann einen Vogel aus zwanzig Metern Entfernung vom Himmel schießen, warum also nicht einen Drachen?” “Weil Taidem diesen Kampf seit Jahren plant!” “Ruhe!”, schrie Caroli, ihre kleine Katze Lua, die im Tal geblieben war, auf der Schulter.. “Taidem hat Drachen, ja und? Wir haben auch Drachen, sogar so viele verschiedene Arten. Er hat nur Dornendrachen, und die haben ja wohl auch irgendwelche Schwachstellen. Und im Übrigen - wer sagt denn, dass Taidems Drachen die einzigen überlebenden Dornendrachen sind?” Staratej sah Caroli lange an, dann begann er zu grübeln. Schließlich erhob er sich aus seinem Sessel. “Ihr habt alle Recht. Wir werden von hier wegziehen, alle miteinander.Wir suchen die Herrscher von Kanara, Murimalien und Ganar auf, und erklären ihnen alles. Sie müssen ihre Untertanen aufrufen, sich gegen den gemeinsamen Feind aufzulehnen. Und sobald auch nur die geringsten Anzeichen auf einen Angriff sichtbar werden, geht es los. Wir werden bereit sein. Wir haben Menschen, Drachen verschiedener Arten, und unsere wichtigste Waffe ist, dass wir Bescheid wissen. Taidem wiegt sich in Sicherheit, er denkt nicht, dass wir von ihm wissen.”

    Der Halbmond stand hoch, als die Fünf sich schlafen legten. Staratej hatte durch irgendeinen Zauber den Fluch von Seni genommen, nur für alle Fälle. Am nächsten Tag sollten die Hüter fliehen. Staratej würde alle in vier Gruppen aufteilen. Eine Gruppe suchte den König von Ganar auf, die nächste den von Kanara, die dritte wollte ihr Glück in Murimalien versuchen und der Rest würde mithilfe von einigen Drachen nach möglichen Drachenverbündeten suchen. Doch all das hatte noch eine Nacht lang Zeit. Sie lagen auf den mit Fell belegten Holzbetten und versuchten zu schlafen. Bald waren Jodan, Saera und Zede eingeschlafen, aber Caroli konnte keine Ruhe finden. Auch Moro lag wach. “Du, Caroli!”, meinte er schließlich. “Hm?” “Ich habe da einen Gedanken im Kopf, der will nicht raus. Du erinnerst dich doch noch an den Traum, in dem wir unsere Sachen von den Ahnen bekommen haben, oder?” “Wie könnte ich nicht?” “Und in diesem Traum haben sie ja diese Prophezeiung gesagt.” Natürlich erinnerte sich Caroli noch an die Prophezeiung. Sie hörte die Worte noch deutlich.
    “Hört auf den Winde
    und fürchtet euch nicht.
    Helfet dem Kinde
    mit dem kleinen Gesicht.
    Es ist der Schlüssel,
    so bringt es nach Haus´
    seht in die Schüssel
    und folgt einer Maus.
    Ein Drachen schafft Feuer,
    ein Todesstoß klar,
    Der Blaue, der heilt es,
    so bringt euch ihm dar.”

    “Was ist damit?” Moro zögerte. “Nun ja, der eine Ausdruck, dieses “und folgt einer Maus”, der beunruhigt mich. Ich meine, wir sind der Maus gefolgt, und dadurch haben wir das Labyrinth gefunden. Und das hätte uns fast umgebracht. Da muss doch etwas falsch sein.” Caroli dachte nach. Was Moro sagte, klang gar nicht so falsch. Im Labyrinth waren sie den ersten Drachen begegnet, und sie waren von Taidem geschickt worden. “Vielleicht ist es ihnen nur so eingefallen, weil es sich auf “Haus” reimt.”, scherzte sie. Aber sie wusste, dass ihre Ahnen keine Witzbolde waren. “Möglich wäre auch, dass das Labyrinth nichts mit der Prophezeiung zu tun hatte. Es war einfach da, und wenn wir nicht hineingegangen wären, hätte uns Salvator von dort abgeholt.” “Das könnte sein.” “Gute Nacht, Moro!” “Gute Nacht!”

    Am frühen Morgen wurden die Fünf geweckt. Staratej würde nun die Leute in die Gruppen einteilen. Es ging alles sehr schnell. Sie mussten schon weit gekommen sein, wenn Taidem in drei Tagen das Tal angreifen wollte. Die Fünf wurden getrennt. Jodan und Saera sollten sich der Gruppe anschließen, die nach anderen Drachen suchte. Zede und Moro waren in der Kanaragruppe und Caroli sollte, zusammen mit Seni, Elva und einigen anderen, nach Murimalien gehen. Alle hatten Drachen in ihrer Gruppe. ‘Es ist wie im Märchen.’, dachte Caroli. Sie war zwar ein bisschen traurig, dass sie ihre Eltern nicht so bald wiedersehen würde wie Zede und Jodan ihre, aber sie konnte noch ein bisschen warten. Schließlich stand das Leben sämtlicher Bewohner der Malibischen Insel auf dem Spiel. Dann ging es los. Alle Hüter, die zu alt oder zu jung oder nicht kampffähig waren, hatten sich der Kanaragruppe angeschlossen, um in diesem Land Schutz zu finden. Es sollte in Ganar gekämpft werden, da das näher bei Taidem war. Jetzt mussten sie nur noch hoffen, dass die übrigen Leute mitmachten.

    Saera lag auf dem Rücken eines großen, braunen Drachen. Seine Haut war ledrig, aber angenehm, und man konnte darauf gut schlafen, ohne hinunterzufallen. Ganz vorne, an der Spitze des Zugs, flog der blaue Hauchdrache, der Jodan vor nur wenigen Wochen das Leben gerettet hatte. Auf seinem Rücken saß Staratej, seine Robe hatte dieselbe Farbe wie der Drache. Bald war es soweit. Eine Gruppe flog nach Kanara, die nächste in die Hauptstadt Ganars, die dritte nach Murimalien und die letzte ins Ganargebirge. Die Freunde verabschiedeten sich, und schon pfiff Staratej dreimal - das Signal zum Aufbruch.

    Es dauerte nicht lange, und unter Zede tauchte das Ganische Büffelplateau auf. Mit einem Grinsen im Gesicht musste sie an Carolis Verwechsung des Wortes denken: Sie hatte Müffelplateau gesagt. Das war der Ort gewesen, an dem sie den ersten Dornendrachen gesehen hatten. Er hätte Zede beinahe umgebracht, wäre Saera nicht da gewesen. Auf einem Drachen flog man unglaublich schnell. Die Landschaft flog nur so vorbei. Schon am nächsten Tag waren sie über der Araikirche, wo die Fünf sich zum ersten Mal getroffen hatten. Zede war erstaunt, wie viel sie schon mit ihren Freunden erlebt hatte, und erst jetzt begann sie sich zu wundern, wie schnell sie sich angefreundet hatten. Aber vermutlich war der Grund der, dass sie gewusst hatten, wie viel auf dem Spiel stand. Jetzt wussten sie aber erst recht, wie gefährlich die ganze Sache eigentlich war. Schon in einer Woche konnten sie alle tot sein.

    Diesen Gedanken hatte auch Caroli. Lua saß neben ihr auf dem Silberdrachen. Genau so eine Art war Salvator gewesen, bevor sie gestorben war. Auf Silberdrachen konnte man ideal sitzen, und außerdem waren sie wunderschön. Caroli flog gerade über die Dünen der grauen Wüste. Sie sah öde und leblos aus. Jodan hatte ihr erzählt, dass die Sandkörner so klein wie Mehl waren. Das war sicher übertrieben gewesen, aber auch hier oben bemerkte Caroli manchmal einen staubigen Geschmack im Mund, ohne Körner zu bemerken. Es war so spannend. Hier war Jodan schon öfter durchs Land gegangen, und außerdem war es ein Teil von Kanara. Endlich sah sie wieder etwas vertrautes, auch wenn sie noch nie wirklich in der Wüste gewesen war. Caroli seufzte. Sie dachte an ihre Familie, an ihre Brüder Emil, Rudi und Fridolin. Fridolin musste halb wahnsinnig vor Angst sein. Er war ihr kleiner Bruder und Caroli war seine engste Bezugsperson. Jetzt erst bekam sie Schuldgefühle, weil sie ihre Familie ohne ein Wort verlassen hatte. Aber die kamen ein paar Monate zu spät. Als sie gegangen war, war es kurz vor dem Winter gewesen. Jetzt war der Schnee getaut. Sie seufzte noch einmal. Hoffentlich dachte Zede auch daran, Carolis Eltern zu besuchen, wie sie es versprochen hatte. Sie sollte ihnen sagen, dass es ihr und Lua gut ging und dass sie sich bald sehen würden. Zum Beweis hatte sie ein paar Haare von Lua und Caroli bekommen. “Gib sie ihnen”, hatte Caroli gemeint, “und sag Fridolin, dass er Sprenkel von mir grüßen soll.” Mit dem Erwähnen des Huhns sollte noch einmal bewiesen werden, dass Zede von Caroli geschickt worden war.

    Elva lehnte sich zu Caroli hinüber. “Mir ist da gerade etwas eingefallen.”, begann sie. “Was denn?”, rief Caroli, erfreut über Ablenkung. “In Murimalien gibt es eine Republik oder so.” “Was ist das denn?” Elva grinste verlegen. “Keine Ahnung. Aber auf jeden Fall haben die keinen König oder sonst irgendein Oberhaupt. Wie sollen wir dann die Botschaft überbringen?” Das stimmte. Caroli biss sich auf die Lippen. Aber Elva war noch nicht fertig: “Aber ist das in Kanara nicht so ähnlich? Ich meine, der König lebt in Königsburg, was übrigens ein verdammt bescheuerter Name ist, und von dort aus kann er nicht mit seinen Untertanen sprechen. Vor allem, weil Königsburg die einzige Stadt dort ist. Es gibt ja nicht einmal politische Dörfer!” Caroli lachte. “Das stimmt schon. Aber es gibt ein Signal, das jedes Kind kennt. Da haben sie ein bestimmtes Instrument, wie es heißt, weiß ich nicht mehr, und darauf blasen sie ein Signal. Es ist eine bestimmte Melodie, und wenn man sie hört, dann geht man schnurstracks nach Köngsburg. Das machen die Königsboten, sie müssen dafür durch das ganze Land gehen. Es ist eigentlich das Einzige, was uns wirklich miteinander verbindet. Sonst sind wir nur ein Haufen Leute, die anders aussehen und anders leben. Hast du dich schon einmal gefragt, warum alle Leute in den Hügelländern rötliche Haare haben?” Elva schüttelte den Kopf. “Ich habe es immer für selbstverständlich gehalten.” “Nun ja, das liegt daran, dass man es gerne so gemacht hat. Die Leute im Wald sind fast alle braunhaarig, weil blonde Haare offenbar sehr herausstechen, wenn man zwischen Bäumen ist. Das ganze beruht auf jahrhundertealten Traditionen.” Caroli schwieg nach dieser langen Rede. Doch dann fiel ihr noch etwas ein. “Außerdem nimmst du dir selten eine Frau oder einen Mann, der in den Bergen lebt, während du unten in der Wüste herumspazierst.” Elva lachte. “Interessantes Beispiel. Aber ich glaube, du hast ganz recht.”

    Das höchste Gebäude von Kanara tauchte unter ihnen auf: Der Palast. Er war nicht sehr groß, aber trotzdem eindrucksvoll. Die Form war bemerkenswert, denn der Grundriss war sechseckig, und nicht selten wurde er Sechserturm genannt. Moro war hingerissen. Er hatte den Turm nur einmal gesehen. Und damals war er noch sehr klein gewesen. Zede hingegen schlief. Und das tat sie schon seit Stunden. Moro beschloss, sie zu wecken. Als er sie anstupste, wäre sie fast vom Drachen gefallen, aber da landeten sie auch schon. Neben dem Palast standen ein paar Leute. Sie trugen alle typisches Feuchtgebietegewand, da Königsburg aufgrund der guten Handelsbedingungen am Meer lag. Aus dem Palast kamen jetzt mehrere Leute. Unter ihnen war auch ein Mann mit einem roten Mantel. Kein Zweifel: Das war der König von Kanara. Er war ein Mann, der über sein Land so gut wie gar keine Kontrolle hatte. Alle Bewohner waren verstreut. Jetzt blickte er Amalia, Staratejs Ehefrau, die die Truppe anführte, mit zusammengekniffenen Augen an. “Wer seid ihr?”, fragte er schließlich. “Und warum kommt ihr mit Drachen? Schon seit zwei Tagen erreichen mich ständig Nachrichten, dass hier und in Ganar große Tiere am Himmel seien. Wenn ihr vorhabt, uns anzugreifen...” “Wir sind nicht eure Feinde, im Gegenteil!”, sagte Amalia.



    Die Kinder werden sich dann treffen und auch herausfinden, was ihr Land bedroht. Das ist wie gesagt nur eine kleine Leseprobe, also bitte ein bisschen Feedback.

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