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Naruto - Fallen Olymp - Allein unter Ninja - Akasha, Tochter der Athene

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16 Kapitel - 51.948 Wörter - Erstellt von: Hino Kuraiko - Aktualisiert am: 2017-02-07 - Entwickelt am: - 1.286 mal aufgerufen- Die Geschichte ist fertiggestellt

Götter. Es gibt sie. Sie sind allgegenwärtig und im Laufe der Gezeiten haben die verschiedensten Kulturen ihnen die unterschiedlichsten Namen und Fähigkeiten zugeschrieben.
Die Götter, welche keine Namen hatten, nahmen irgendwann jene an, die ihnen die Menschen gaben. Besonderen Gefallen fanden sie an den Namen, welche die alten Griechen für sie ausgewählt hatten. Der Göttervater Zeus übernahm sogar die Bezeichnung der Griechen für den Sitz seinesgleichen, die Heimat der Götter. Er nannte ihn Olymp. Jahrhunderte lang lebten die Götter dort friedlich und standen auch den Menschen bei. Doch irgendwann zog ein Schatten in den Olymp und vernichtete fast jeden Gott, der sich dort aufhielt. Wenige konnten fliehen und sie versteckten sich unter den Menschen, gebunden an einen Körper und in ständiger Angst, gefunden zu werden. Eines Tages jedoch, fassten die verbliebenen Götter den Mut zu einer Konferenz. Keiner wollte kampflos aufgeben und so schmiedeten sie in der Unterwelt, dem Reich des Hades einen Plan. Sie beschlossen Wesen zu erschaffen, die es mit dem Mörder ihrer Brüder und Schwestern aufnehmen konnten und vereinigten sich mit den stärksten Männern und Frauen, die es in den Dörfern jener Zeit zu finden gab. Was sie anschließend gebaren, waren sterbliche Wesen, die jedoch die Fähigkeiten der Götter zu tragen vermochten. Sie waren schneller und stärker als es je ein normaler Sterblicher sein konnte. Ihr Seh- und Geruchssinn war intensiver als jener der Menschen, aber auch der Tiere. Es waren Halbgötter, die nur wenige Schwächen hatten und auf denen die Hoffnung der Götter ruhte.
Sie selbst zogen sich schließlich zurück und verschwanden und doch wachen sie über ihre Kinder und damit über ihr eigenes Schicksal.
Drei von diesen Halbgöttern, ist etwas Großes vorherbestimmt. Sie tragen eine Last auf ihren Schultern, die größer ist, als man es sich nur vorstellen kann. Wir werden sehen, ob sie die Stärke haben, diese Last auch zu tragen oder ob sie unter ihr zusammenbrechen werden.

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    Mein Bogen wiegt in dieser Nacht schwerer auf meinem Rücken als er es jemals zuvor getan hat, und es liegt nicht an dem Fasan, der tot an einem Stric
    Mein Bogen wiegt in dieser Nacht schwerer auf meinem Rücken als er es jemals zuvor getan hat, und es liegt nicht an dem Fasan, der tot an einem Strick darauf aufgeknüpft worden ist. Nein, dieses zusätzliche Gewicht kann ich mit meiner übermenschlichen Stärke sogar kaum ausmachen. Es sind meine Gedanken, die den Marsch durch den dichten, geräuschlosen Pinienwald fast schon unerträglich erschweren. Gedanken über Familie und Pflicht und die Probleme, die in beiden Punkten für mich einhergehen – sie sind es, die meine Schritte im Mondschleier der Nacht verlangsamen.
    Es gibt vielerlei Arten von Familiendramen. Manche werden von Leistungsdruck oder Strenge aufgebaut, andere durch Vernachlässigung oder einem harten Umfeld. Das Drama aber, das in meiner Familie Gang und Gebe ist, kennt wiederum einen ganz anderen Ursprung. Einen dunklen, übermächtigen Ursprung.
    Ich möchte glauben, es kommt eher selten vor, dass der eigene Großvater gleichzeitig auch Vater vieler seiner Enkel, einiger Nichten und Neffen und dem ein oder anderen außerehelichen Bastards ist. Ebenso wenig gebräuchlich ist es wohl, die eigene Tochter – meine Mutter nebenbei bemerkt- noch im Mutterleib vernichten zu wollen, nur weil einem ein paar halbblinde Moiren, auch Schicksalsgöttinnen genannt, prophezeit haben, dass einem eben dieses Kind später einmal in seiner Macht ebenbürtig sein würde. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, wie viele andere Familien auf eine jahrhundertlange Tradition an Inzest, geheimen Intrigen, falschem Stolz und territorialen Streitigkeiten zurück blicken können und sich vorzeigemäßig immer noch gegenseitig auf die Schulter klopfen, als wären sie nicht buchstäblich über Leichen gegangen. Selbst meine Mutter hat an diese Lebensweise angeknüpft und schon lange vor meiner Zeit Fehler gemacht, die wohl nicht nur ich, mehr aber jeder Therapeut im Feuerreich auf ihre verkorkste Kindheit und ihren Egokomplex zurück führen würde. Ehrlich, ich könnte Länge mal Breite über meine Verwandtschaft, eher aber ihren stupiden Lebensstil ausholen, den sie zu pflegen gedacht haben, bevor Tag X gekommen ist, und würde nach der Jahrtausendwende wohl noch immer mitten in der Stammbaumverzweigung feststecken, deren Komplexität mir heute noch Kopfschmerzen bereitet.
    Und dabei hat das alles bis zu letzt sogar herzlich wenig mit mir selbst zu tun.
    Ich wünschte, wenigstens meine Geschichte würde sündenfrei beginnen, aber das Leben ist eben kein Wunschkonzert. Denn so wie der mächtige Göttervater Zeus in gewisser Weise - zumindest des Blutes Willen – mich seine Enkelin nennen dürfte, muss ich selbst die Göttin Athene als meine Mutter anerkennen.
    Ja, DIESE Athene, Göttin der Weisheit, der Strategie, des Kampfes, der Kunst, des Handwerks und Handarbeit sowie Preisträgerin der goldenen Himbeere hinsichtlich elterlichen Pflichten. Von ihr und einem bis heute nichts von mir ahnenden Hyuga gezeugt, bin ich quasi direkt aus ihrem Geburtskanal in die Hände einer Pflegefamilie gerutscht, die bescheiden gesagt auf mich, meine Bildung und Training sowie natürlich meine Abstammung fixiert sind. Ich bin eben Akasha, Tochter der Athene, Halbgöttin, Auserwählte oder – wie ich selbst es gerne formuliere – Sündenbock einer Herrschaftsgesellschaft, deren beste Tage längst hinter ihnen liegen.
    Und genau da wären wir wieder bei meiner Pflicht angekommen, bei der Aufgabe, für die ich erschaffen worden bin, für die man mich buchstäblich gezüchtet hat. Schon mein ganzes Leben warte oder eher bange ich nämlich, dass das eine, angeblich unmissverständliche Zeichen für meinen Aufbruch das Himmelszelt erhellen würde.
    Was für eine Scheiße.
    Nun verharre ich wie angewurzelt. Meine Sinne, die auszuschalten ich eigentlich ständig pflege, schlagen urplötzlich aus. Mit einem Mal bricht mein gesamtes Umfeld auf mich ein, wie eine gigantische Welle aus Eindrücken, lässt mich intensiver hören und schärfer sehen, legt den fauligen Geschmack vermodernden Pflanzen auf meine Zunge und den feucht-warmen Atem der Peripherie auf meine Wangen. Ich kann mit einem Mal das leise Rascheln der Blätter hören, als wären es Paukenschläge und kein Windraunen um die dicht aneinander stehenden Pinien. Da ist nun deutlich der verzagte Ruf eines einsamen Kauzes zu hören, der in der Nacht keinen Partner gefunden hat, sich aber wie das Kreischen eines Sterbenden direkt an meinem Ohr ausweitet und mein Trommelfell zermartert. Ich kann das Treiben zweier Wildschweine ausmachen, auf das ich gut verzichten könnte, lasse mich zu allem Überfluss auch noch vom Mondlicht blenden und ich schwöre, wäre der kriechend vorankommende Wurm direkt zu meinem Füßen nicht eines ausgezeichneten Instinktes mächtig und hätte er nicht in diesem Moment Inne gehalten, bei den Göttern, die Sohle meiner Sandale hätte sich seinem Schicksal angenommen.
    Knurrend stoße ich den Atem aus.
    Ich muss mich konzentrieren, um die Eindrücke um mich herum zu filtern, sie einzudämmen, damit mein Bewusstsein im Wald nicht ziellos umher schnellt und alles für eine Gefahr hält, das einen Herzschlag sein eigen nennt. Außerdem ist da jetzt auch noch der Geruch des Blutes, der mich bedrückt. Fasst schon will ich den für mich nun stinkenden Fasan in den Bärlauch werfen, der neben nassem Laub und Moos den Großteil des Bodens bedeckt, besinne mich aber recht schnell, dass ich mich extra vom Anwesen entfernt habe, um der von der gestrigen Morgensonne wegen zu früh abgebrochenen Jagd nun ein angemessenes Ende zu setzten. Niemand würde mir glauben, sollte ich behaupten, ich wäre mit leeren Händen Heim gekehrt. Das passiert nun einmal nicht. Nicht mir zumindest.
    Langsam hebe ich nun den Blick, um vor mir nach der Bewegung zu suchen, die meinen meditativen Zustand gerade beendet hat. Die Anwesenheit von Tieren bin ich in diesem Gebiet des Feuerreiches nämlich gewohnt, sie irritiert meinen Verstand nicht mehr, ganz anders sieht es mit Menschen aus. Diese kommen nur zum Sterben oder aus purer Torheit hier her, was zum gleichen Ergebnis führt
    Auf diesem Wald liegt schließlich nicht umsonst ein Fluch. Weder Kompass noch menschliche Orientierungsfähigkeit sind seinem Dickicht gewachsen, eine fremde Seele, die einmal in ihr Inneres eingetaucht ist, wird lebendig niemals wieder gefunden, nur noch seine Leiche, verkümmert im Laub oder davon eingedeckt, meistens aber auf einem Baum hängend. Es ist nicht selten, dass ich meine Jagd unterbrechen muss, um ein Grab zu schaufeln. Das passiert sogar öfters, als es meiner Seele lieb ist.
    Mit Ausnahme von heute vielleicht. Manchmal ist so ein Loch auszuheben die ideale Beschäftigung, um sich von einem spontanen Kampf zu erholen.
    Geschmeidig hebe ich den Arm über die Schulter und umfasse einen der drei Pfeile aus der ledernen Halterung, die auch meinen Bogen umschließt und wiege ihn kurz auf Zeige und Mittelfinger. Ich kann Schritte hören und sehe einen schnellen Schatten, der in einem halben Kilometer Entfernung zwischen den Bäumen hin und her huscht. Er kommt auf mich zu.
    Diesmal provokant gemächlich schneide ich mit der Pfeilspitze durch den Strick, der das tote Tier an meiner offensichtlichsten Waffe fest bindet. Der Aufprall zieht sich ewig lang dahin. Bis er geschehen ist habe ich meinen Bogen bereits in Händen, spanne seine Seite mit einer fließenden Bewegung und wiege den Pfeil wie eine Feder auf einer Wasseroberfläche. Das Zischen, als ich diesen schließlich entlasse, übertönt für den Moment jegliches Geräusch, von denen es an der Zahl nur wenige im Dunkeln dieser Nacht gibt. Das Geschoss fliegt unaufhaltsam zwischen den Bäumen hindurch, als wäre in der sonstigen Willkür der Natur gerade diese Flugbahn von genau meinem Standpunkt aus so geplant gewesen.
    Der Mann, der bis jetzt in einem für ihn wahrscheinlich nicht einmal erkennbaren Muster von Seite zu Seite und dennoch vorwärts gesprungen ist, sieht sich einer Fleischwunde direkt beim Herzen entgegen, mit der er sichtlich nicht gerechnet hat. Überrascht und von der Wucht des Pfeils zudem aus dem Gleichgewicht gebracht, verliert er den Halt auf dem Ast, dem er sich zum Sprung bedienen hat wollen und beugt sich dem Willen der Schwerkraft.
    Zufrieden sprinte ich nach vorne. Bei jedem Schritt spüre ich die Beschaffenheit meines Untergrundes, als würde ich barfuß laufen; jeden versteckten Stein, jeden weichen Pilz und vor allem jedes Insekt, das sich vor seinen Feinden und Opfern zu verstecken versucht. Irgendwann, nach dem siebten Regenwurm oder so, ertrage ich das Schmatzen unter mir nicht mehr und springe in die Bäume. Im Geäst und nahe an meiner unerwarteten Beute, spanne ich meinen zweiten Pfeil ein, nicht aber, weil ich mit Verstärkung rechnen würde.
    „Wer bist du?“, frage ich den Fremden, nachdem ich ihm dabei zugesehen habe, wie er das Geschoss in seiner Brust umfasst und ohne ein Augenzwinkern wie einen lästigen Dorn einfach ungerührt entfernt hat. Er wirkt nicht einmal ärgerlich, obwohl ich ihm den schwarzen Saum seiner Kapuzenjacke eindeutig zerstört und sichtlich damit gerechnet habe, eine tödliche Wirkung zu erzielen. Ohne eine Antwort abzugeben, legt mein Gegenüber meinen Pfeil sorgsam auf den Boden und hebt dann beide Hände, um sie mir leer zu präsentieren.
    Misstrauisch kneife ich meine Augen zusammen. Wer in diesen Wald eindringt, will entweder sterben oder das Abenteuer seines nur noch kurzen Lebens auskosten, etwas kommt mir an dieser Kooperation demnach suspekt vor. Mit meiner üblichen, für Normalsterbliche nur schwer nachzuvollziehenden Schnelligkeit lande ich vor dem Fremden, der langsam auf die Beine kommt, ohne ein Geräusch zu verursachen.
    Er senkt nicht seine Hände, ich nicht meine Waffe.
    „Was willst du hier?“
    Das ist schon die zweite Frage, die ich dem Menschen vor mir stelle. Sollte ich auch diesmal keine Antwort erhalten, würde es keine dritte mehr geben.
    „Athene schickt mich“, erklärt man mir jedoch, wohl des Selbstschutzes wegen, und eine helle Männerstimme weckt mein Interesse… Solange zumindest, bis seine Worte von meinem Verstand bearbeitet worden sind.
    Ich würde wirklich gerne sagen, dass der Kopfschuss eine Kurzschlussreaktion gewesen ist, aber bei all dem schlechten Karma meiner Familie will ich Lügen der ohnehin schon viel zu langen Liste an Sünden nicht auch noch hinzufügen. Den Boten einer Göttin zu töten zeugt zwar nicht von einem aktiven Verstand, aber von der Präsenz eines Teils meines Wesens, den ich fast schon mit Stolz, mehr aber mit Trotz, als menschlich bezeichne. Der Mann knickt in den Kniekehlen ein und sinkt in sich zusammen.
    Sorgsam sehe ich mich anschließend um. Mein Sprint hat mich von der Fährte abgebracht, die heute Abend von unserem Anwesen fort geführt hat. Wenn ich also von Westen gekommen bin, die Spur aber nach Osten geht und meine Schaufel auf halben Weg nach Hause liegt, müsste ich ... jetzt gerade erstarren. Und das tue ich auch, denn mit ungläubigem Blick muss ich verfolgen, wie der Mann, den ich gerade getötet habe, auch meinen zweiten Pfeil umfasst und aus seinem Kopf zieht. Erst jetzt bemerke ich, dass kein Blut aus der ersten Wunde austritt. Das ist nicht möglich, erkenne ich sofort. Nicht ohne das Zutun der Unterwelt.
    Schock lass nach, der sich meinem halbgöttlichen Herzens bemächtigt und mir den Atem hat stocken lassen. Das muss Hades Werk sein. Eine andere Erklärung dafür gibt es nicht, zumindest keine, die mir bekannt ist. Doch wieso sollte der Gott der Unterwelt einen Menschen zu mir schicken, und das ausgerechnet in Athenes Namen?
    Der letzte Pfeil - jenen, dessen Verwendung angesichts meiner absoluten Treffsicherheit noch niemals zuvor notwendig gewesen ist – spannt sich in der Seite meines Bogens. Meine irdischen Waffen können den Schergen der Unterwelt vielleicht nicht töten, aber der letzte Schuss hat mir zehn Sekunden zum Nachdenken gegeben, die nächsten würde ich weiser nützen.
    „Was willst du von mir?“, frage ich diesmal spezifischer. „Was will SIE?“, hätte ich aber eher sagen sollen.
    Der Mann, der sein Gesicht immer noch vor mir verborgen behält, in dem er penibel meine in den Sandalen freiersichtlichen Zehen zu studieren scheint, hebt abermals die Hände. Wenn er mir wegen der beiden Schüsse eben böse sein sollte, kann er es wirklich geschickt verbergen, ganz das typische Verhalten eines Sklaven Hades. Wer sich tagtäglich mit Totenklagen herum schlägt, pflegt schweigsamen Umgang.
    „Ich soll dich trainieren.“ Das ist das einzige, das ich zunächst zu hören bekomme.
    Mich trainieren? Ein Mensch? Ich habe gedacht, die Götter hätten schon vor Jahren eingesehen, dass jenseits des Olymps kein Wesen mehr zu finden ist, das ich nicht in weniger als zwei Tagen von seinem kläglichen Dasein erlösen könnte. Ich werde die Aufgabe erfüllen, die man mir aufgezwungen hat, aber in allem davor lasse ich mir sicher nichts einreden, nicht gestern, nicht heute und schon gar nicht von meiner Mutter.
    „Ach ja?“, spotte ich deshalb schnaubend. „So viel Mut hat eben nur ein Toter. Und mit welcher Armee gedenkst du, mich dazu zwingen?“ Wenn Hades das Gleichgewicht der Welt nicht völlig zerstören will, dann ist sein Gesandter nämlich alleine und dieser hagere Mann würde für viel reichen – als Mitternachtsdummie zum Beispiel - nicht aber dafür, mir einen fremden Willen aufzudrücken.
    Langsam hebt mein Gegenüber den Blick, als hätte er auf mein Zeichen dazu gewartet, und plötzlich blickt mir das schier perfekte Antlitz eines viel jüngeren Mannes entgegen, als ich erwartet habe. Weiche Züge, in einem Gesicht, das von roten, wild geschnittenen Haaren betont wird, werden von dem Hauch eines Lächelns sogar noch unterstrichen, das aber nicht die dunklen Augen zu berühren vermag, die auf mich gerichtet sind.
    Dann spüre ich einen Hauch von Chakra, der mir – ich kann es selbst kaum glauben – bis jetzt vollkommen entgangen ist. Schon jetzt leuchtet das spinnennetzartige Geflecht an Fäden auf, das hinter dem Rücken des Fremden meterweit gespannt ist und sich mit seinem Ursprung in den gestreckten Fingern ihres Erschaffers verliert. Der Mann zieht daran, bevor ich die Seite meines Bogens los lassen kann und eine aus dem Laub aufpeitschende Marionette stellt sich als Schutz zwischen mich und mein Ziel, und zwar als erste von Dutzend weiteren, die sich im Wald wie Leichen hängend an Ästen über uns erheben.
    Ich kann das zu Sehende kaum glauben, starre mit offenem Mund nach oben, den Bogen fest in der Hand, als würde er mir ohne Pfeile noch von Nutzen sein.
    Da habe ich also meine Armee, tadle ich mich selbst.
    Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich so etwas wie eine aufflammende Bewunderung in mir und ich fürchte fast, dass sie einem Menschen gilt.

    2
    Jeder kennt sie, jeder hat mindestens einmal in seinem Leben mit ihnen zu tun und kein Nukenin würde lange zögern, sich ihrer bei zu engem Kontakt zu entledigen: Menschen, die einfach nicht locker lassen. Ich persönlich bin ja die penetrante Aufmerksamkeit meiner Pflegefamilie schon von klein auf gewöhnt und habe erst bei meinem Trainingsjahr in Sunagakure vor drei Jahren einen Hauch von Normalität kennen und seither auch schätzen gelernt, aber immer noch kein besseres Heilmittel gegen diese, bei manchen Menschen in Gegenwart eines göttlichen Gens anscheinend spontan ausbrechende Krankheit gefunden, als den Infizierten zu ignorieren. Der Fremde folgt mir nämlich auf Schritt und Tritt, ohne sich von meiner stoischen Haltung abschrecken zu lassen.
    Ärgerlich versuche ich meine Sinne zu dämpfen. Wenn ich mich nur lange genug auf meinen Puls konzentriere und meine Atmung gleichmäßig halte, brauche ich mittlerweile nicht mehr als sieben Herzschläge, um einen meditativen Zustand zu erreichen.
    Also normalerweise jedenfalls...
    „Kannst du nicht leiser gehen?“, fauche ich, stur geradeaus schauend und stapfe selbst über den Kiesweg, der das Ende des Aokigahara-Waldes mit unserem Anwesen verbindet, als wäre ich ein trächtiger Elefant. Seine Anwesenheit alleine bringt meine innere Ruhe aus dem Gleichgewicht, ich mag mir kaum vorstellen, wie schnell ich ihn umbringen würde, sollte er tatsächlich auf ein Training bestehen. Oh, ach ja, das würde ja überhaupt nicht passieren, nicht mit einem Schergen Hades.
    Ich merke, dass der Fremde wieder sein halb-erheitertes Lächeln aufgesetzt hat. Hat ihn das vielleicht irgendjemand eingemeißelt?
    Ganze ehrlich? Ich hätte ihn einfach im Wald abhängen sollen. Hätte er eben die nächsten Monate damit verbracht, dort drinnen ein Ende und einen Anfang zu suchen, wenn er davor nicht schon längst in die Schlucht gefallen wäre, die mit weißem Nebel getränkt einen feinen Riss in das Waldgebiet reißt. Mir wäre es nur Recht gewesen, denke ich mir und spicke über meine Schulter nach hinten. Seine dunkelbraunen Augen sehen sofort in meine, die ich ärgerlich zusammen kneife.
    Dann tauchen die Tore meines Zuhauses vor uns auf.
    Geschwungene, in sich oder andere Eisenstäbe geschnörkelte Muster erheben sich in den schwindenden Nachthimmel und bilden zwei einander zufliegende Phönixe nach. Das Zeichen des Kunieda-Clans.
    Da ich niemanden – am wenigsten mich selbst – mit dem Öffnen der schon seit Monaten quietschenden Pforte bemühen möchte, klettere ich mühelos auf die andere Seite und warte nicht, wie und ob mein Gefolge es ebenfalls schaffen würde. Ich gehe direkt auf das gigantische, altertümliche Anwesen zu, das wie ein Feudalherrenschloss unter der bereits von heller Morgenröte eingefassten Mondsichel thront. Hier werden mir nun ohne zu zögern die Türen geöffnet und eine junge Bediensteten spricht mich mit „Lady Akasha, willkommen zurück“, an, was ich wiederum mit einem „Spar's dir“, quittiere. Ich bin normalerweise nicht unfreundlich, aber ich habe der seit kurzem für uns arbeitenden Chihiro nun schon zum siebten Mal erklärt, dass ich eine Halbgöttin bin, keine Lady.
    „Akasha, Liebes!“, ertönt plötzlich eine glasklare, liebliche Stimme aus dem oberen Geschoss. Da vor jedem Zimmer - die man nach dem Ende des mittig im Eingangsbereich stehenden Treppenaufgangs erreichen kann - der in einem Quadrat ziehende Flur lediglich mit einem Gitter versehen ist, kann meine Ziehmutter mit ihren stolzen 150 cm gerade so auf Zehenspitzen, aber dennoch mühelos zu mir nach unten blicken.
    „Guten Morgen!“, begrüße ich wenigstens sie angemessen, was sie aber nicht zu interessieren scheint, da mein schweigsamer Begleiter hinter mir eingetreten ist.
    „Chihiro!“, schallt die Frau sofort, sorgsam entrüstet. „Du sollst doch keine Fremden in die Nähe unserer Akasha lassen! Wer sind Sie? Was wollen Sie?“
    Schock tritt ihn Chihiros Gesicht, was ich sehen kann, als ich meinen Bogen und die Pfeile auf einen Haken im Eingangsbereich hänge und meine Schuhe abstreife.
    „Beruhigt euch, Mutter!“ - Lady Kunieda besteht immer noch der Tarnung wegen darauf, dass ich sie so anspreche - „Der Fremde kam mit mir, Chihiro hat nichts falsch gemacht... Und glaub mir“, ich blicke bitter lächelnd zu ihr auf, „du wirst ihn lieben, gleich zwei Götter haben ihn uns gesandt.“
    Ich wende mich ab, seufze in mich hinein und verdrehe nun schon im Vorfeld die Augen.
    Drei, zwei, eins...
    „DIE GÖTTER, SAGST DU?“ Lady Kuniedas kurze Beine hasten förmlich über die Treppe nach unten, schneller wäre es wohl nur gegangen, wäre sie über das Geländer gesprungen. Chichiro ist klug genug, sich schnell in Sicherheit zu bringen, da sich die Frau mittleren Alters förmlich auf den Mann stürzt, den sie noch vor Sekunden für den Feind gehalten hat, und der Anblick – vor allem das schier entsetzte, unschlüssige Gesicht meines unliebsamen Anhängsels – entlockt mir ein Grinsen. „Vorsicht, Mutter!“, warne ich spöttisch, als sie ihm schon beinahe die Hand abreißt und unentwegt über ihr einmaliges Treffen mit Athene und die Ehre, mich großziehen zu dürfen, schwärmt. „Er könnte einen von Ihnen berührt haben, vielleicht stellst du lieber das verbliebene Chakra sicher, bevor unsere menschliche Präsenz die göttliche Aura kontaminiert.“
    Ich grinse weiter, vor allem angesichts des tadelnden Blickes, der nun auf mich geworfen wird, bevor meine Ziehmutter die Hände von dem Fremden ablässt und in die Hüfte stemmt. „Aber Schatz, was tust du denn schon wieder?“, will sie nun wissen, nachdem sie Chihiros Frage, den Tee aufzusetzen, schnell zu gestimmt hat.
    Ich bin gerade dabei, mir meine Lederjacke auszuziehen, aber man hat mich wohl nicht nach dem Offensichtlichen gefragt. Meine Fänge sind nämlich ausgefahren. Zwei rasierklingenscharfe, dünne, nicht allzu lange Eckzähne, die unter meiner Lippe hervor blitzen. Genüsslich stelle ich fest, das Athenes Gesandter von diesen offensichtlich nichts gewusst hat, denn ich kann ihn zum ersten Mal blinzeln sehen.
    „ich werde Nahrung zu mir nehmen“, verkünde ich, abermals ohne Grund und greife nach einem Lederriemen, der neben meinem Bogen baumelt, und eine Schnalle aufweist. Spätestens jetzt ist jedem, der irgendwie mit dir zu tun hat - ohne, dass ich etwas dagegen einzuwenden habe - klar, was gleich passieren würde. „Euch noch viel Spaß!“
    Mit einem nicht gespielten Lächeln und einem feinen Salut, wende ich mich ab und spaziere ohne Gefolge den Seitengang entlang, bis ich das hinterste Zimmer angrenzend an das Korridorfenster erreiche. Ich klopfe nicht an, sondern trete gleich ein.
    Das Zimmer ist verdunkelt, wahrscheinlich, weil die Sonne im Begriff ist, das Firmament vollends zu überfluten, aber eine einzelne Kerze ist angezündet und auf dem Bett, das neben einem antiken Schreibtisch und einer Kommodenzeile das einzige Mobiliar darstellt, liegt bäuchlings ein Junge und liest. Gleich als die Tür aufgeschwungen ist, hat er aufgeschaut und nun betrachten mich seine goldenen Augen keck. Nun, gut, eher meine Fänge.
    Das Schloss rastet hinter mir ein.
    Sofort fühle ich mich in einen Käfig gezwängt, aus dem ein Entkommen unmöglich ist. Ich fühle, wie meine Kehle trocken wird.
    „Hallo Herrin“, empfängt mich der Junge beinahe angemessen und legt den Roman zur Seite. Er sagt mir nicht, dass ich spät bin, dazu hat er kein Recht, immerhin ist er nur ein Kammerdiener, der für Reparaturen am Haus zuständig ist, aber auch in der Küche als Aushilfe dient. Er kennt seinen Platz, und das ist auch der Grund, warum er sich kurz vor Morgengrauen hier einfindet, tagtäglich.
    Ich schlucke, obwohl es in meinem ausgetrocknetem Mund nichts zu schlucken gibt.
    „Setzt dich auf, ja“, bitte ich nun beinahe kläglich. „Streck einfach den Arm aus.“ Kyoya folgt mir aufs Wort. Unter seinen hellblonden Brauen kann ich die angespannte Freude erkennen und die Ungeduld, die mich erwartet haben. Ein Schauer erfasst mich. Es gibt Menschen, die los laufen, wenn sie einem Wesen gegenüber stehen, das sie mühelos vernichten könnte, aber dann sind da auch noch jene, die der Furcht mit Euphorie und dem Schmerz mit Begehren entgegen blicken. Ich weißt nicht, was mich mehr abstößt, der Teil meines Genpools, der mich dazu zwingt, das Blut von Menschen zu trinken, oder all jene, die diesem Akt auch noch etwas sinnliches abgewinnen können.
    Denk an die Sonne Akasha, rufe ich mir ins Gedächtnis. Keine Schwächen.
    Mit einem Mal stoße ich den Atem aus und trete an Kyoya heran. Ich handle mechanisch, als ich meinen Lederriemen um seinen Oberarm schnalle und eine bereits für mich aufgestellte Schüssel mit warmen Wasser und einem frischen Tuch zu mir heran ziehe. Ich beuge mich leicht hinunter, winde den Stoff aus und streiche sanft über die Stelle, die ich mir für meinen Biss ausgesucht habe, obwohl ich weiß, dass Zärtlichkeit nicht das ist, was mein Gegenüber sich von mir ersehnt. Abermals erfasst mich ein Schauer.
    Die schmalen Lippen Kyoyas sind sinnlich gekräuselt, als ich seinen Arm an meine Lippen führe. Da es nicht das erste und sicherlich nicht das letzte Mal ist, dass wir das hier tun, mache ich nicht mehr den Fehler, meinen Blutwirt zuzusehen, wie er mich fast schon einem Orgasmus nahe angafft, während ich trinke. Ich schließe einfach die Augen und grabe meine Fänge in sein Fleisch. Der erste Schluck des warmen Blutes ist für mich immer noch der Schlimmste, anschließend brauche ich sieben Herzschläge, bis ich in meine Trance gefunden habe und kaum zwei Minuten später ist alles vorbei. Immer noch halte ich meinen Blick von Kyoya fern, der sich ein Dankeschön raunend auf sein Bett sinken lässt und eingeschlafen ist, bevor ich überhaupt die Türe erreicht habe. Als ich die Schnalle vorhin gelöst habe, ist mir das zufriedene Feixen auf seinen Lippen nicht entgangen.
    Ich könnte schaudern bis der nächste Morgen anbricht, werde aber von der Sonne, die aus dem Fenster hell in den Gang scheint, davon abgehalten. Zögerlich wie immer trete ich langsam aus dem Schatten. Der erste Moment ist ähnlich schockierend wie der Geschmack von Blut, aber der zweite erfüllt mein Herz mit Wärme. Ich betrachte meine helle Haut, die im Licht silbern erstrahlt und lächle. Irgendwie wird schon alles gut werden. Für heute will ich einfach glücklich sein.

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    Nachdem mich die Sonne an einem weiteren, wolkenfreien Tag nicht verkokelt hat und der Himmel immer noch nicht eingestürzt ist, so wie es Lady Kunieda prophezeit worden ist, kann ich nach meinen vier Stunden Schlaf demnach ohne Brandblasen und aufgezwungenen Tatendrang meine menschlicheren Nahrungsaufnahme frönen. Und kein Witz, das werde ich mit vollem Genuss, denn das kupferne Aroma lässt sich nicht einmal mit schwerster Zungentortur und Schrubben entfernen, zumindest nicht derartig zufriedenstellend wie mit Rührei, Reis und Hühnerfleisch.
    Ich schlüpfe also aus dem Bett, direkt hinein in ein weißes Bandeau-Top, das sich gerade einmal bis unter meine Brust spannt und greife nach meiner kurzen, schwarzen Trainingshose, den schwarzen Armstulpen und meinen kupferroten, fingerfreien Handschuhen, da ich später noch handwerklich zu arbeiten gedenke. Dann haste ich aus dem obersten Stockwerk in die Küche, die sich im Erdgeschoss befindet.
    Dort erwartet mich eine Überraschung
    „Du bist immer noch hier?“, frage ich ungläubig an den Fremden von gestern Nacht gewandt, obwohl ich angesichts seiner Verbindung zu den Göttern eigentlich damit hätte rechnen müssen, dass Lady Kunieda ihn mindestens die nächste Woche hegen und pflegen würde, wie einer ihrer geliebten Topfpflanzen. Wo zum Henker sind Chihiro und Kyoyo? Ich habe gerade beschlossen, auf der Terrasse zu dinieren.
    Der Fremde sieht mich auf dem Küchentisch sitzend an, als wäre er dort fest gefroren. Er sagt nichts dazu, also stapfe ich barfuß an ihm vorbei und bediene mich an dem kleinen Buffet, das man für mich und die Familie Kunieda hergerichtet hat, dann verlasse ich den Raum und nehme den Korridor parallel zu Kyoyas Zimmer, sodass ich an der Treppe vorbei komme. Plötzlich lehnt auch dort der Mann, der eben noch in der Küche gewesen ist. Ich verharre nicht, obwohl ich ihn stirnrunzelnd mustere. Nun achte ich genau darauf, ob die Dielen hinter mir einem leisen Verfolger nachgeben, doch nur mein Fliegengewicht steuert den Gartenbereich an. Um den zweiten Hinterausgang zu erreichen, muss ich durch das Gewächshaus, da ich für den ersten Lady Kuniedas Teezimmer durchqueren müsste, wo sie zu dieser Uhrzeit sicherlich anzutreffen sein wird. In der Länge an tropischen Pflanzen, die niemals ohne den Schutz des Glases und der künstlichen Feuchtigkeit überleben würden, komme ich mir prompt zurück in den Wald versetzt, da meine Haut zu kleben beginnt. Schnellen Schrittes, dabei aber mühelos meinen Frühstücksteller und die Stäbchen balancierend, eile ich vorwärts. Schnell, eigentlich beinahe sofort, nehme ich mit sämtlichen Sinnen deutlich die Präsenz zweier Personen wahr und finde Chihiro schließlich mit beiden Händen in einem Sack voll Erde vergraben. Hinter ihr steht der Fremde, bückt sich hinunter und reicht ihr eine Schaufel.
    Wut schäumt in mir auf.
    Da dieser Mann ja ganz offensichtlich überall zu sein scheint, mache ich auf dem Absatz kehrt. „Lady Akasha“, ruft mir die besorgte Chihiro noch zu, aber ich nutze meine verstärkte Schnelligkeit, um das Gewächshaus zu verlassen.
    Das hätte ich aber besser nicht getan, denn meiner Unvorsichtigkeit ist es zu verdanken, dass ich im Korridor gegen einen Körper pralle. SEINEN Körper. Bei den Göttern, ist dieser Tag bereits im Arsch. Ich kann das Unglück nicht mehr abwenden, zu sehr hab ich mich auf meine übermenschliche Schnelligkeit eingelassen. Mein Teller schießt in die Höhe und ich selbst wäre wohl nach hinten gefallen, wo ich mich mit einer Brücke oder einem Flick-Flack hätte abfangen müssen, wäre ein starker Arm nicht schneller gewesen. Und dieser ruht nun um meine Taille geschlungen.
    Von Schnelligkeit ist nun keine Spur mehr. Stattdessen wirkt es fast, als würde die Zeit einfach still stehen. Ich blicke hoch, bemerke abermals, dass dunkle Augen nicht von mir ablassen und rieche trotz gedämpfter Sinne, die unverkennbare Note dieses Mannes.
    Ich schwöre, diesmal ist mir die Hand einfach ausgekommen.
    Ein lautes „Klatsch“ ist zu hören, das der Ohrfeige folgt, die ich gerade ausgeteilt habe und dann verpufft mein selbsternannter Retter in einer weißen Wolke, die mich zum Husten bringt, da ich gerade einen tiefen Luftzug geholt habe. Nun lande ich übrigens auf dem Boden, direkt auf meinem Hintern.
    „Schattendoppelgänger?“, hauche ich dort ärgerlich.
    „Lady Akasha, Lady Akasha!“ Chihiro kommt auf mich zu gestürmt, um mir aufzuhelfen, aber da bin ich bereits auf den Beinen und klopfe mir den Staub des Teppichs von der spärlich vorhandenen Kleidung. Mir ist gerade eben nicht entgangen, dass der Fremde direkt auf meinen Busen und auf die Konturen meines Oberkörpers gestarrt hat. Wenn ich den Echten erwischen sollte, würde ich gleiche eine zweite Ohrfeige nach setzten.
    „Mir geht es gut!“, wende ich mich an das Dienstmädchen, die immer noch rote Wangen hat, weil unserer werter „Gast“ ihr vorhin zu Hand gegangen ist. Vielleicht bemerkt sie der rosa-roten Brille wegen nicht, dass Erde in ihren kurzen, brauen Haaren klebt, mir soll es aber egal sein. Ihre Finger sind zudem immer noch voller Dreck, als sie nach den Scherben des Tellers und dem Essen greift. „Ich bringe ihnen einen Neuen“, meint sie sofort, aber ich winke nur ab. Mir ist der Appetit vergangen, eher aber ist er mir verdorben worden.
    Ich drehe mich um und greife mir meinen Mantel, der in der Empfangshalle stets für mich bereit hängt. Er ist aus dunklem Stoff, hauptsächlich schwarz, an den Rändern aber Purpur, wenn nicht gar leicht kupfern, auf jeden Fall in der gleichen Farbe wie die hohen Stiefeln, die ich mir nun anziehe. Die Kapuze habe ich mir bereits über den Kopf gezogen, als ich aus dem Haus stapfen will. An der Treppe treffe ich jedoch Lady Kunieda und abermals einen der Doppelgänger des Mannes, den ich nicht beachte.
    „Aber wo willst du den hin, Akasha?“, fragt mich meine Ziehmutter erschrocken. „Es ist helllichter Tag!“
    „ich will heute Abend wieder jagen gehen, dafür brauche ich neue Pfeile“, erkläre ich, mir selbst bereits die Türe öffnend.
    „Jagen? Aber du warst gestern erst jagen. Und überhaupt, was ist mit deinen alten Pfeilen? Du hast Monate lang an ihnen gefeilt, bis sie perfekt gewesen sind.“
    Bitter lächelnd wende ich mich um, während ich mir den Gürtel, an dem mein Geldbeutel baumelt, fester schnalle. „Sie sind nicht gut genug“, stelle ich klar und fixiere nun den Fremden, während ich sage: „Mein letztes Opfer ist wieder aufgestanden.“
    Wieder dieses feine, schier unehrliche Lächeln.
    Ich halte mich gerade noch so und mit aller Kraft zurück, um nicht mit den Zähnen zu knirschen. Dann wende ich mich um und verlasse schneller als je ein Mensch rennen könnte das Anwesen und dessen Grund. Das Dorf der Handwerker ist mein Ziel.

    4
    Ich weiß nicht genau, wie lange ich gelaufen bin, nur dass ich eine Geschwindigkeit an den Tag gelegt habe, die selbst für meine Verhältnisse selten ist. Meine Beine scheinen mir sogar sagen zu wollen, sie könnten eine Ewigkeit so weiter machen und allein das sollte mich stutzig machen. Ich laufe gerne, es ist im Grunde eine Leidenschaft von mir, aber selbst mit menschlichem Blut im Körper sollte ich die am Himmel erhobene Sonne bemerken und definitiv nicht während ihrer Präsenz stärker werden.
    Takumigakure taucht vor mir auf. Das Dorf der Handwerker bildet die ideale Ausrede, um mich nicht mit der gerade aufgetauchten Ungereimtheit auseinander setzten müssen und ich zügle meinen Sprint. Ich bin nicht außer Atem, das habe ich abermals meiner Meditation zu verdanken, die meine Kräfte kontrolliert hat, doch meine Brust kribbelt auf eine Weise, wie sie es noch nie zuvor getan hat.
    Sollte ich etwa krank werden? Nicht, dass ich als Halbgöttin jemals mit Krankheiten am eigenen Leib zu tun gehabt hätte, aber in dieser verrückten Shinobiwelt würde mich mittlerweile selbst eine göttliche Seuche nicht mehr verwundern.
    „Akasha!“
    Mein Name, deutlich mit Inbrunst aus der Kehle eines älteren Kindes gerufen, lässt mich den Blick umwenden. Der kleine Berg, der eine Dorfseite von Takumigakure ausmacht und sich seitlich von mir erstreckt, ist an diesem Tag wohl Trainingsplatz eines Jungen mit struppigen braunem Haar und einer Vorliebe für Schürfwunden gewesen, der mit einem Schwert in der Hand auf mich zu hastet.
    „Hallo Shin!“, begrüße ich das Kind, das sich mit einer Umarmung an meine Taille heftet und mich anschließend mit einem breiten, bewundernden Grinsen anstarrt. „Beschützt du fleißig dein Dorf?“, frage ich lächelnd und der Junge nickt. Nicht barsch, sogar relativ sanft, löse ich seine Hände um meinen Körper und knie mich dann hinunter, um mit ihm auf gleicher Höhe zu sein. Ich beuge mich zu seinem Ohr vor und flüstere: „Denkst du, du kannst für mich eine kleine Pause machen? Ich hätte da eine kleine Einkaufsliste und eine Belohnung für dich….“
    Der Junge ist Feuer und Flamme für diese Idee. Zugegeben, die Belohnung hätte ich gar nicht erst erwähnen müssen, da Shin mich anbetet wie Lady Kunieda meine Mutter und ihres Gleichen, aber der Junge ist einfach so aufgeweckt und hilfsbereit, dass ich ihm stets etwas Gutes tun möchte. Und außerdem habe ich ihn quasi aufwachsen sehen. Er kennt mich, genauso wie jeder andere aus dem Dorf, und der Grund, warum ich ihn überhaupt meine Einkäufe erledigen lasse, ist schlichtweg jener, dass er es als eine Mission ansieht, die ihn doch tatsächlich jedes Mal mit Stolz erfüllt. Demnach schlendere ich gemütlich in die Hauptgeschäftsstraße, wo der kleine Bote mich finden würde. Wo man mich immer findet, wenn ich dieses Dorf betrete.
    Dass man überrascht ist, mich um diese Zeit schon hier zu sehen, merke ich sofort. Normalerweise komme ich eher abends, kurz vor Sonnenuntergang nach Takumigakure, sodass ich meinen Mantel zwar trage, die Kapuze aber nicht ins Gesicht ziehen muss. Man blickt mir hinter her, als ich zielgerichtet eine Schmiede ansteuere und ruft mir das ein oder andere „Hallo“ zu, was aber zumeist eher einem überraschten Aufkeuchen, denn einer Begrüßung gleich kommt.
    „Ich würde gerne eine Bestellung aufgeben“, sage ich schließlich, als ich das offene Geschäft von Yoshihiro betrete und hinter eben diesem stehen bleibe. Meine Stimme habe ich verstellt, was zur Tarnung aber gar nicht notwendig gewesen wäre. Der ältere Mann steht nämlich ruhig und hochkonzentriert vor einem Amboss und bearbeitet ein leicht geschwungenes Katana. Das Metall glüht noch, es muss wohl eben erst in den Feueroffen gehalten worden sein, der einen Meter von Yoshihiro entfernt mit glühenden Kohlen im Schatten des Raumes steht. Die stechende Hitze ist der Grund, warum mein alter Freund kein Hemd anhat und sein bronzener Oberkörper mit Schweiß bedeckt ist. Starke Muskelstränge an Armen und Brust deuten sein Handwerk an, fast schon derartig eindeutig wie die Schwielen, die Yoshihiros Hände bedecken. „Ich bin bis nächsten Monat eingedeckt“, murrt der Schmied nach hinten, ohne sich umzuwenden, und deutet mit dem Hammer, der gerade noch klingend auf das Katana eingeschlagen hat, abwimmelnd zur Türe. „Gehen sie zwei Häuser weiter, dort arbeitet mein Sohn, der hat Zeit.“
    Ich lächle und streife mir die Kapuze vom Kopf. „Wieso sollte ich mich mit dem zweitbesten Schmied der Welt begnügen, wenn mir der Beste noch einen Gefallen schuldig ist?“
    Als ich diesen Satz beendet habe, verharrt Yoshihiro mitten in der Bewegung, als würde ihn der unveränderte Klang meiner Stimme in Kombination mit meinem Chakra erst jetzt ein Bild liefern. Langsam legt er seinen Hammer nieder und greift nach einem Tuch, um sich den Schweiß und ein bisschen Ruß von den Händen zu wischen. Dann dreht er sich zu mir um, ein breites Grinsen auf dem Gesicht. „Akasha Kunieda. Was führt die drittbeste Waffenschmiedin der Welt diesmal in meine Werkstatt?“
    Auch ich kann meine Mundwinkel nicht zügeln und zucke locker mit den Schultern. „Vielleicht will die drittbeste Waffenschmiedin, die gleichzeitig auch die erstbeste Schwertkämpferin ist, ja als Waffenschmiedin um einen Rang aufsteigen.“
    Yoshihiro lacht schallend in seinem gewohnt tiefen Bass. Währenddessen führt er einen weiteren Hammerschlag aus und versenkt das Katana anschließend in einer Tränke, die früher genauso gut Pferde dienlich gewesen sein könnte. Zischend nimmt sich das kühle Wasser dem heißen Kunstwerk an und erzeugt einen Dampf, der sich bis an die hohe Decke der Schmiede erhebt. Nun greift er mit den Fingern ineinander und lässt sie knacksen, in Erwartung, erneut an die Arbeit zu gehen. „Was kann ich wirklich für dich tun, Kleine?“
    Unbemerkt mache ich einen Schritt zurück. „Du könntest mir eine Frage beantworten“, meine ich leicht dahin.
    „Und die da wäre?“ Yoshihiro bückt sich um ein Kästchen und entnimmt diesem einen alten Dolch, dessen Klinge rostig und abgenützt, an einer Stelle sogar brüchig ist und überprüft das Material. Dann geht er an das andere Ende des Raumes, wo er - wie ich weiß - die verschiedenen Metalle für seine Arbeiten in Rohform aufbewahrt. Ich warte noch, bis ich sicher bin, dass er nicht doch nach einem scharfen Gegenstand greifen würde, bevor ich frage: „Mit welcher Waffe kann ich einen Gesandten Hades töten?“
    Wie erwartet zuckt Yoshihiro zusammen und lässt diesmal wirklich alles liegen und stehen, was bis jetzt noch seine Aufmerksamkeit verlangt hat. Langsam dreht er sich nun zu mir um, während ich die bis jetzt offene Türe mit meinem Rücken zu schiebe.
    Für eine gute Minute sieht mich Yoshihiro einfach nur an, stumm und unbewegt, während die Flammen in Raum über die Kohlen züngeln. „Dass die große Athene nicht aufgeben würde, war mir klar“, sagt der Alte schließlich ruhig, „aber dass sie dafür in die Unterwelt hinab steigen würde, um in Hades Gefilden um Hilfe zu bitten… das ist eine ganze neue Stufe.“ Blinzelnd erwacht er wieder zum Leben.
    Ich nicke leicht. „Ja, das ist es bestimmt.“
    Yoshihiro wirkt blass, als er seine Arbeit fort führt und ein Kupferblech aus dem Regal zieht, um es auf einem Tisch abzulegen. „Und du willst ihn töten, so wie alle anderen Trainer, die man zu dir geschickt hat?“, hakt er nach
    Wieder stimme ich zu. Genau das ist der Plan. „Ich wähle meinen Sensei selbst aus, das weißt du.“ So ist es immer schon gewesen.
    „Allerdings.“
    Ein weiterer Moment der Stille tritt ein.
    „Also“, fahre ich nach einiger Zeit fort, da hat sich Yoshihiro bereits wieder der Restaurierung des Dolches zugewandt. „Wirst du mir helfen?“
    Mein Gegenüber seufzt.
    Ich habe mich nicht aus einer Laune heraus an den Schmied und Dorfältesten aus Takumigakure mit dieser Bitte gewandt. Dieser Mann weiß alles über mich. Er kennt meine Abstammung, weiß um den Grund meiner Zeugung und um die Aufgabe, die ich zu erfüllen habe, ebenso wie um meine Stärken und Schwächen. Ihm ist klar, dass in meinen Adern das Blut der Götter fließt, und dass wiederum das Blut von Menschen das Elixier ist, um mich stark und am Leben zu erhalten. Yoshihiro ist zwar nicht der erste, aber beste Lehrmeister gewesen, den ich bis jetzt kennen gelernt habe, und dafür bin ich ihm die Wahrheit schuldig gewesen. Zum Entsetzten meiner Familie versteht sich – sowohl der göttlichen als auch der adoptierten.
    Und bereut habe ich es niemals.
    Bis heute jedenfalls.
    „Ich halte es für eine gute Idee“, meint Yoshihiro plötzlich.
    Wie bitte?
    „Ich hoffe du meinst damit den endgültigen Tod von Hades Schergen.“
    Er schüttelt den Kopf und bereitet einen Topf vor, wo er einen Klumpen Eisen hinein legt und mit einer Zange in den Ofen stellt. „Ich meine damit, dass du jetzt schon lange genug ohne einen Lehrmeister gewesen bist. Ich habe dich das Schmieden deiner Waffen gelehrt und Killer B wie du mit den meisten von ihnen umgehen musst. Als Kind schon bist du von Tsunade zur Heilerin ausgebildet worden und in Sunagakure hat dich Gaara zu einem wahren Shinobi gemacht. Das sind alles ausgezeichnete Leistungen, die ich auch gar nicht schmälern will, aber schon seit zwei Jahren sitzt du nur noch auf deinem Hintern herum, jagst, was sich in deinen verfluchten Wald wagt und tötest jeden Lehrmeister, der deinen Weg kreuzt, nur weil er von deiner Mutter gesandt worden ist.“ Yoshihiro legt den Dolch auf den Amboss.
    „Willst du auf irgendetwas Bestimmtes hinaus oder einfach nur meinen Lebenslauf aufzählen? Sollte das nämlich der Fall sein, dann komm auf den Punkt. Wenn nicht, gehe wenigstens chronologisch korrekt vor. Ich bin immerhin zuerst von Tsunade und dann von dir und Killer B trainiert worden, bevor ich Gaara aus der Wüste getroffen habe.“
    Mein alter Sensei seufzt. „Was ich damit sagen will, ist, dass dir eine Veränderung gut tun würde, weil DU dich nämlich verändert hast, Akasha. Und wenn sich die Götter extra die Mühe machen, um dir jemanden zu kreieren, den du NICHT töten kannst, dann sieh es doch als die ideale Möglichkeit, deine alten Gewohnheiten in eine neue Art des Trainings zu involvieren. Du musst nicht mehr aufpassen, was du tust, nicht, dass du das jemals getan hättest.“ Das Metall ist geschmolzen. Da das Behältnis rot glüht nimmt Yoshihiro abermals die Zange zur Hand und gießt den Inhalt in eine Passform. Er experimentiert an irgendetwas herum, doch noch erkenne ich nicht, was er vorhat.
    „Ich habe die anderen Gesandten Athenes doch nicht zum Spaß getötet“, schnaube ich und verschränke die Arme vor meiner Brust. „Sie wollten den Göttern nahe sein - ich wollte sie nicht in meiner Nähe. Man könnte sagen, ich bin ihnen auf halbem Weg entgegen gekommen, und dass es mir gelungen ist, beweist, dass ich Recht hatte. Ich brauche eben einen Trainier, der mir etwas bei bringen kann, jemand der sein Handwerk besser verstehst als ich. Ich brauche jemanden, der mich fördert und dafür auch stark genug ist, ganz einfach. Bis jetzt hat mich mein Bauchgefühl immer zu dem richtigen Lehrmeistern geführt. Wieso sollte sich das jetzt ändern?“
    Yoshihiro bedenkt mich mit seinem Blick. DIESEM Blick. Das erste Mal als ich ihn gesehen habe, bin ich in das Fettnäpfchen des Jahrhunderts hinein getreten, ohne es selbst bemerkt zu haben, und langsam kommt in mir die Befürchtung auf, ich hätte ich mir erneut selbst einen Strick geknüpft.
    „Und was sagt dir dein Bauch bei Hades Schergen?“, hakt Yoshihiro nach.
    „Dass er sich am liebsten übergeben würde“, hätte ich fast geantwortete. „Er hat seine Differenzen mit ihm“, sage ich aber stattdessen.
    Yoshihiro hebt seine buschigen, weißen Brauen. „Differenzen, ja?“, schnaubt er. „Also hat er dich beeindruckt?“
    „Mich beeindruckt?“, wiederhole ich ungläubig. „Nicht im Geringsten!“ Kurz denke ich an den Wald und meine erste Begegnung mit dem Fremden zurück. „Okay, vielleicht ein bisschen“, korrigiere ich meine Lüge.
    Mein Gegenüber beginnt zu grinsen. „Ich mache dir einen Vorschlag“, sagt er plötzlich. „Du gibst deinem Bauch und diesem Hades Anhänger eine faire Chance und ich sehe zu was ich tun kann, um dir eine Waffe anzufertigen, die sogar einen Gott töten könnte. Du kannst sie benützen, wenn der Bursche als Lehrer nichts taugt, oder sie an die Wand hängen, wo sich sicherlich auch etwas hermachen wird. Einverstanden?“
    Nun kehrt auch meine gute Laune wieder zurück. „Wie könnte ich dieses Angebot abschlagen?“, meine ich und besiegle unseren Deal mit einem Handschlag.
    Als ich Shin draußen vorm Laden meinen Namen rufen höre, gehe ich ihm bereits entgegen, nur um an der Türe nachdenklich zu verharren. „Woher weißt du eigentlich, dass Athenes Gesandter ein Bursche ist? Ich habe nie erwähnt, dass es ein Mann ist, noch nicht einmal ein Mensch“, wundere ich mich laut. Mit leicht gerunzelter Stirn sehe ich über die Schulter zurück, die Türe ist bereits einen Spalt geöffnet. Yoshihiro hat den Dolch zur Seite gelegt und sich an sein Zeichenbrett gesetzt. Eine Kerze ist vor ihm entzündet. „Ich weiß es eben, Akasha“, murmelt er in seinen halblangen Bart hinein. „Mancher Dinge bedarf einfach kein Wort. Nicht ein einziges.“

    5
    Als ich die Schmiede schließlich verlasse - vom Verhalten meines alten Senseis etwas irritiert -, brauche ich gerade einmal drei Sekunden, um zu merken, dass etwas nicht in Ordnung ist. Zum einen, weil sich eine stumme, als Einheit in eine Richtung blickende Menschenmenge auf der Hauptgeschäftsstraße versammelt hat, zum anderen weil ich den jungen Mann, der in einiger Entfernung vor Shin steht und Mittelpunkt jeder Aufmerksamkeit ist, noch nie gesehen habe. Und ich kenne jeden im Dorf der Handwerker, inklusive der Boten, die angeforderte Waffen aus dem Dorf hinaus transportieren.
    „Reg dich doch nicht so auf, Kleiner“, sagt der Mann an Shin gerichtet. „Ich hab doch nur gesagt, dass dein Schwert nichts taugt. Und überhaupt, solltest du einem Erwachsenen nicht mit Respekt entgegen kommen, na?“
    Langsam gehe ich auf die beiden zu.
    Shin plustert sich gerade auf, sein Schwert zum Glück noch zu Boden gerichtet. „Das ist das beste Schwert der Welt, hast du verstanden, Fischkopf!“, faucht er trotzig. „Akasha hat es geschmiedet, extra für mich. Ich lasse nicht zu, dass du es beleidigst!“
    Nun ist auch der Mann in Rage. „Fischkopf?“, wiederholt er und seine für Kirigakure typischen, haifischartigen Zähne werden sichtbar. „Ich kann dir gerne die Haut abziehen, du kleine…“
    Sofort sprinte ich den letzten Meter vorwärts und ziehe Shin hinter mich, während ich gleichzeitig den Arm vorwärts stoße und mit meinem Ellbogen einen Brustbein-Treffer lande, der er es in sich hat. Der Haimann, der gerade eben noch sein wirklich extrem großes Schwert gezogen hat, was seine Armmuskulatur buchstäblich verdreifacht hat, schlittert über den Kiesboden zurück und wirbelt diesmal weniger heiße Luft, dafür aber mehr Staub auf.
    Da ich den Schlag aus der Hüfte und im Ausfallschritt ausgeführt habe, richte ich mich nun nicht gerade hastig zu meiner vollen Größe auf – okay, ich fasse nur 160 Zentimeter, aber immerhin ist das Yoshihiros Brusthöhe– dann nehme ich mir einen Augenblick Zeit, um mein Gegenüber zu mustern. Der Kerl wirkt recht mager, er hat glattes, schulterlanges weißes Haar und lila Augen, die vielleicht nicht ganz zufällig zu dem ärmellosen Shirt gleicher Farbe passen, das er am Leib trägt. Außerdem hat er eine graue Hose an und einen dicken braunen Gürtel umgeschnallt, an dem mehrere Wasserflaschen befestigt sind. Der andere Gürtel um seine Brust ist für das Schwert tauglich, das er mir nun genervt entgegen streckt. Ihn kenne ich zwar nicht, das Schwert auf den zweiten Blick aber sofort.
    „Kubikiri Bouchou“, sage ich und blicke dem selbsternannten Shinobi-Schwertkämpfer aus dem Kreis der Sieben tief in die Augen. „Das Schwert ist gestohlen.“
    Meine Aussage, wohl eher aber mein geschultes Auge, dürfte den Fremden überraschen. „Ist es nicht, …also in gewisser Weise nicht. Die sieben Schwerter gehören zum Erbe meines Bruders Mangetsu Hoozuki, sie stehen rechtmäßig mir zu.“
    Mangetsu Hoozuki? Ich lächle. „Dann bist du wohl Suigetsu, nicht wahr?“, unauffällig drücke ich Shin an die uns nahestehende Hauswand, von wo aus er im Ernstfall in einer Seitengasse ausweichen kann, sollte es notwendig werden.
    „Genau“, antwortet man mir skeptisch. „Und wer bist du?“
    Ich recke das Kin. „Akasha“, gebe ich ruhig zurück, woraufhin Suigetsu auflacht. „Ah, die Schwertschmiedin“, erinnert er sich unbeeindruckt.
    Nun nicke ich. Shins Schwert gehört zu meinen ersten Arbeiten und ob es mir gefällt oder nicht, der Haimann hat Recht: das Schwert taugt nichts. Shin aber bedeutet es die halbe Welt, Fehler hin oder her.
    Wenn der Junge bloß nicht so vorlaut wäre.
    „Akasha ist die drittbeste Waffenschmiedin“ verkündet der Junge stolz, und bevor ich ihn davon abhalten kann fügt er diesem Titel noch einen weiteren hinzu: „Und sie ist die beste Schwertkämpferin überhaupt.“
    „Shin“, fauche ich gedämpft, was den Kleinen zusammen zucken lässt. Wieso denken Kinder niemals über ihren Stolz hinaus? Und wieso habe ich das Gefühl, dass es mich irgendwann noch einmal meinen Hals kosten wird, von diesem Jungen hier vergöttert zu werden? Ich denke, es ist wohl ziemlich klar gewesen, dass sich der Hoozuki dazu genötigt sehen würde, auch diese Information mit einem kurzen Lachen zu quittieren. „Ist dem so, ja?“
    Ich seufze innerlich. Inoffiziell gesehen, ja, da ich den hantierenden Meister in einem Kampf klar besiegt habe – etwas, dass ich ohne Killer Bs Hilfe niemals geschafft hätte – aber offiziell eher nicht, da die Welt, abgesehen von kleineren Kreisen, noch nicht einmal von meiner Existenz weiß. Und bevorzugt wird das auch so bleiben.
    „Vielleicht, vielleicht auch nicht“, kommt deshalb meine schwammige Antwort und endlich schnappe ich einen einzelnen Namen im Raunen der Bewohner Takumigakures auf, der mich verstehen lässt, warum man Suigetsu Hoozuki derartig misstrauisch gegenüber steht: Orochimaru. Dieser verdammte Ninja vor mir gehört zu Tsunades verhassten, ehemaligen Teamkameraden. Kein Wunder also, dass ich Mordlust in seinen Zügen lesen kann.
    Nicht gerade unauffällig deute ich Shin sich in in Yoshihiros Schmiede zurück zu ziehen.
    „Wenn du so gut bist, wie der Kleine da behauptet, wie wäre es dann mit einem kleinen Kampf?“, fordert mich Suigetsu auf und deutet dem Jungen nach.
    Ich folge dem Wink, aber nur, um mich zu vergewissern, dass sämtliche andere Dorfbewohner den meinen auch verstehen würden – was sie nicht tun. Zu meinem Glück aber taucht jetzt bereits Yoshihiro in der Straße auf und weist seine Leute an, in die Werkstätten und Läden zu weichen und sich aus dem Geschehen heraus zu halten.
    „Und mit einem kleinen Kampf meinst du ein Schneise der Zerstörung durch das ganze Dorf?“, sage ich nun und entspanne mich ein wenig. „Danke, aber nein danke. Da passe ich lieber.“ Wenn ich mich in einem Punkt nämlich deutlich von meiner leiblichen Mutter unterscheide, dann ist es der Stolz. Ich muss niemanden etwas beweisen, es ist mir egal, ob ich als ein Nichts bezeichnet werde und ob man meine Künste anerkennt, mir liegen andere Dinge am Herzen. Dieses Dorf zum Beispiel.
    Yoshihiro überprüft meine Mimik. Er vertraut meinem Instinkt, darauf, dass ich den unerwünschten Kunden hinter mir abwimmeln würde.
    „Bist wohl nicht von der mutigen Sorte, was?“, beginnt eben dieser plötzlich zu provozieren.
    „Eher von der Klugen“, korrigiere ich ihn und ziehe mir die Kapuze über den Kopf. Die Sonne sticht auch mit ihr noch auf mich herab, als würde sie mich verbrennen wollen, doch nehme ich ihre Hitze und verwandle sie in eine Flamme, die meinen Willen anfeuert.
    Ich hätte dem Fremden gerne gesagt, dass er nicht finden würde, was er in Takumigakure vermutet, dass es keines der sieben mächtigen Shinobi-Schwerter aus dem Reich des Blut-Nebels hier her verschlagen hat, und schon gar nicht in Yoshihiros Besitz, aber wie ich bereits einmalt erwähnt habe, halte ich Lügen für eine Sünde, die ich nicht mein Eigen nennen möchte.
    Deshalb setzte ich nach vorne, direkt in Yoshihiros Richtung. Unauffällig übergibt dieser mir eine Schriftrolle, als ich ihn passiere, und ich gehe weiter, als hätte ich niemals meine Finger bewegt, die sich gerade um feines Pergament legen.
    „Du kneifst also wirklich?“, lässt Suigetsu nicht locker und ich erahne, wie dieses Gespräch hier enden würde, noch bevor er auf meinen ehemaligen Lehrmeister zu marschiert. Unauffällig sehe ich zurück, auch wenn ich weiß, dass ich es nicht tun sollte. Ob rechtmäßig im Besitz von Kubikiri Bouchou oder nicht, dieses Schwert allein ist ein Killer, soll ich Yoshihiro wirklich zurück lassen, nur um einen Haufen Stahl zu beschützen?
    „Macht nichts, ich bin ohnehin für etwas anderes hier“, Suigetsu grinst, als er vor der Schmiede und seinem Eigentümer stehen bleibt. Vielleicht ist er nicht in der Absicht zu töten hier her gekommen, aber nun hat er sichtlich Blut geleckt.
    Nur, dass Blut zu seinem Leidwesen mein Spezialgebiet ist.
    „Er hat deine Schwerter nicht“, lege ich unserer Trumpfkarte offen hin, als ich schließlich verharre. Zunächst ungläubig, dann ärgerlich bäumt sich Yoshihiro hinter mir auf, vor allem als ich die Schriftrolle, die kaum größer ist als meine geballte Faust, auch noch in die Höhe halte. Ich drehe mich nicht um, sehe aber über die erhobene Schulter hinweg, dem Haimann direkt in die Augen. Das Papier steckt zwischen meinem Zeige- und Mittelfinger, doch plötzlich rutscht es scheinbar nach unten und ich drehe meine leere Hand provokant um die eigene Achse. Das würde er sicherlich nicht so einfach bekommen.
    „Du willst einen Kampf und einen Kampf sollst du haben“, raune ich mit einem feinen Lächeln. „Triff mich am Fuße des Berges und bring ein Schwert mit. Mir ist es ganz gleich, mit welcher Klinge ich kämpfe, aber sobald ich gewinne, drehst du diesem Dorf den Rücken zu und kehrst nie wieder.“
    Suigetsu beginnt zu grinsen. Sein Arm, der das Schwert einhändig führt, ist immer noch ungefähr dreimal so breit wie der andere. Er kann seine Kraft konzentrieren, erkenne ich, andernfalls dürfte er diese gewaltige Waffe wohl nicht führen können. Außerdem hat er eine unangenehme Gabe, die seinen Clan auszeichnet. Wäre da nicht seine Unvernunft in der Wahl seiner Gegner, würde ich ihn beinahe als gefährlich einstufen. Aber Dummheit ist nun einmal etwas, mit dem ich nicht umgehen kann, eher aber möchte.
    „Und wenn du verlierst?“, hätte die Frage des Haimanns an mich noch sein können. Entweder ist ihm also klar, dass die Schriftrolle als sein Preis von mir fixiert worden ist oder er hat wenigstens so viel Verstand, schon jetzt zu begreifen, dass ein Sieg für ihn ganz einfach außer Frage steht. Müsste ich raten, würde ich aber auf Ersteres tippen.
    Unbeabsichtigt beginne ich, meinen Schatten zu beobachten. Für mich ist er immer wieder ein Anblick, der mir verdeutlicht, welches Glück ich mit meinem menschlichen Genpool eigentlich habe, sodass die Sonne meiner meistens wohlgesonnen ist, doch jetzt gerade bestärkt er zusätzlich auch noch ein gewisses Selbstbild, das ich von mir habe. Und zwar Bild, das nicht die Götter in ihrem Eigennutz kreiert haben, denen die Menschheit schon seit Jahrzehnten egal geworden ist, sondern einfach nur ich, durch die Entscheidungen und Beziehungen, die ich geknüpft habe. Was, wenn ich von jetzt auf morgen beschließen würde, Athene nicht mehr zu dienen? Könnte ich jemand sein, der gebraucht wird – wirklich gebraucht -, und zwar von Personen, die mir etwas bedeuten? Wie würde es sich wohl anfühlen, frei zu sein? Ich denke ständig darüber nach, sogar kurz vor einem Kampf.
    Diese Überlegung ist es, die mich beschäftigt, bis sich mein Ziel endlich vor mir erstreckt. Ich habe den Berg Takumigakures als erstes erreicht, und abermals ist ein Anhängsel an meine Fersen geheftet, das es loszuwerden gilt.
    Ein motiviertes Anhängsel.
    Suigetsu positioniert sich mir gegenüber. Ich habe darauf geachtet, dass die Sonne in meinem Rücken thront, obwohl ich mir sicher bin, dass der gleich beginnende Schlagabtausch meine Position bald schon verändern würde.
    Meinem vorhin ausgesprochenen Wunsch wird endlich Folge geleistet und man wirft mir ein Schwert zu, das eindeutig zu Yoshihiros Arsenal gehört. Ich wiege es einen Moment in meiner Hand und führe eine Acht in der Luft aus. „Für unsere Zwecke, dürfte es genügen“, merke ich an und Suigetsu grunzt auf. „Sicher, dass du nicht doch lieber Shibuki oder Kabutowari einsetzen möchtest?“
    Ich lächle. Er versucht doch tatsächlich herauszufinden, welche Schwerter in der Schriftrolle stecken, aber da soll er nur schön brav weiter raten, ich mache es mir zu Nutze, dass die meisten dieser berühmten Waffen als verschollen gelten.
    „Ganz sicher“, sage ich und stärke meine Konzentration. Ich atme ein und wieder aus, sieben Mal, so wie ich es gewohnt bin, und das Katana in meiner Hand beginnt von meinem Chakra erfüllt in rotem Licht zu glühen. Ich werfe es von links nach rechts und vollführe abermals eine Acht.
    Der erste Anflug von Skepsis legt sich auf Suigetsus Gesicht. Er fragt sich wohl, was genau ich damit bezwecke und ich will ihn nicht lange im Dunkeln stehen lassen. Mein Schwert, das kaum drei Finger breit ist, zischt durch die Luft und trifft auf Kubikiri Bouchou, als wäre es seiner ebenbürtig. Feine Schwaden an meinem Chakra sprühen von meiner Klinge ab und ziehen sich wie die Funken eines verglühenden Feuerwerks gen Boden. Suigetsu springt sicherheitshalber zurück. Mit einer derartigen Angriffskraft meiner schmächtigen Klinge hat er sichtlich nicht gerechnet, doch die Gefahr, derer er sich zwar noch nicht vollends bewusst ist, aber seinem Instinkt dennoch nicht gänzlich entgeht, spornt ihn sogar noch an.
    Er hebt seine Waffe abermals, sprintet auf mich zu und lässt sie zunächst horizontal und gleich danach diagonal auf mich zu kommen. Jedes Mal weiche ich problemlos aus, indem ich kaum nach hinten oder zur Seite steige. Sein Stil ist eigen, aber diesem Schwert wird nach Zabuza Momochi wohl kaum noch jemand gerecht werden.
    Wieder holt Suigetsu aus, doch ich pariere mit meiner verstärkten Klinge, halte einen Moment dagegen, nur um mich dann blitzschnell nach hinten abzusetzen und meinem Gegner um sein Gleichgewicht zu bringen. Ich verschwimme wohl vor seinen Augen, da er sich verwirrt links und rechts nach mir umschaut, obwohl ich doch schon längst hinter ihm stehe und ihm mein Schwert an den Rücken halte – rein zur Provokation versteht sich, denn der Hoozuki kann die Form seines Körpers in Wasser auflösen, was mir durchaus klar ist. Ich habe auch nicht vor, ihn auf diese Weise im Sinne einer Enthauptung oder Verstümmelung – also quasi mit seiner eigenen Methodik - zu vernichten. Nein, ganz im Gegenteil sogar.
    Suigetsu beißt sich wütend auf die Unterlippe. In der nächsten Sekunde schnellt sein Arm zur Seite und in einer Drehung versucht er erneut meinen Rumpf zu durchtrennen, aber diesmal lasse ich Kubikiri Bouchou spielerisch an meiner Waffe entlang gleiten und schenke meinem Gegenüber das erste Lächeln in unserem Kampf. „Wenn du mich treffen willst“, sage ich dann, hebe den Arm, sodass sein Schwer nach oben geführt wird und umfasse dessen Schneide so fest es notwendig ist, bis schließlich Blut sickert. „Probiere es lieber so“, scherze ich augenscheinlich weiter und stoße mir die Klinge ins Fleisch an meiner Schulter. Der Schmerz ist zwar da, besonders als sich das Sonnenlicht zischend in die Wunde frisst, aber der unbezahlbare Blick Suigetsus ist das definitiv wert. Zunächst erschrocken, dann ärgerlich und mit gerunzelter Stirn, weicht er erneut vor mir zurück und positioniert sich misstrauisch in einigen Metern Entfernung. Und misstrauisch sollte er auch sein.
    „Gehörst du zu irgendwelchen selbstmörderischen Masochisten?“, will er mich aufziehen und überspielt sein Unwissen mit einer lockeren Haltung.
    Ich lache auf. „Nicht im Geringsten“, versichere ihm und ziehe mir den Mantel so um mein Schlüsselbein, dass er die Wunde verdeckt. Mein Blut versickert unterdessen in der Erde zu meinen Füßen, da wenigstens der Blutfluss an meiner Hand schon versiegt ist. Meine schnelleren Selbstheilungskräfte sind mir wirklich das Liebste an meinen göttlichen Genen.
    Suigetsu betrachtet mich unschlüssig, fast schon genervt, wahrscheinlich, weil es ihm immer noch nicht gelungen ist, mich zu töten, aber schließlich ist es ihm egal und er bereitet sich auf einen neuen Schlag vor, bis er plötzlich bemerkt, dass die Waffe in seiner Hand zu bröckeln beginnt.
    Ein Lächeln schleicht sich auf meine Lippen.
    Schach und Matt.
    „Schei*!“, flucht der Haimann und versucht verzweifelt abfallende Bruchstücke aufzusammeln, die sich von der Klinge lösen, als würde sie in mehrfacher Geschwindigkeit altern. Der Grund dafür ist mir natürlich bekannt. Was mein Verdauungstrakt dem menschlichen Blut, das ich zum Überleben brauche, an Nährstoffen abzapft, macht mein Blut mit jeglichen Stoffen, die Eisen enthalten. Es saugt diesen Mineralstoff auf, als würden zwei unterschiedliche Pole eines Magneten aufeinander treffen. Kubikiri Bouchou hat bekanntlich die Eigenschaft, das Eisen im Blut seiner Opfer, sobald es mit diesem in Berührung kommt, aufzusaugen wie ein Schwamm, schade nur, dass das in diesem Fall genau den umgekehrten Effekt erzielt. Statt Eisen zu bekommen, ist es dabei, das meiste seiner eigenen Stabilität einzubüßen und bereits jetzt lösen sich einzelne Blutklumpen und fallen mit dem Gewicht kleiner Eisenkugeln zu Boden.
    „Mir tut es in der Seele weh, eine derartige Schmiedekunst verfallen zu sehen“, bemerke ich nun und Suigetsu funkelt mich wütend an. Natürlich, das würde ich auch tun, wenn jemand das Erbe meines Bruders zerstören würde, deshalb unterbreite ich ihm einen Vorschlag. „Yoshihiro weiß, wie er den Verfall dieses Schwertes aufheben kann“ – okay, eigentlich weiß er eher, um die Wirkung, Nutzung und Vernichtung meines Blutes Bescheid, aber wer will schon kleinlich sein –, „wenn du diesen Kampf also zu meinen Gunsten aussprichst und mir einen Gefallen tust, wird er dir helfen, es zu reparieren. Bist du bereit für einen Deal?“
    Suigetsu betrachtet immer noch ärgerlich, nun auch mit angekratztem Ego, das weiter verfallene Schwert, welches er sorgsam auf den Boden gelegt hat und es ist ein sichtliches hin und her in seinen Gedanken. Doch schließlich nickt er. „Welcher Gefallen?“, will er wissen und ich ziehe mir die Kapuze weiter ins Gesicht. „Einer, der dir gefallen wird“, versichere ich ihm für den Moment nur noch und strecke ihm meine Hand entgegen, um ihm aufzuhelfen und die Abmachung – meine zweite an diesem Tag – zu besiegeln. In meinem Kopf spinnt sich ein verstrickter Plan zusammen, langsam, aber stetig, und das Schicksal dürfte heute endlich auf meiner Seite stehen.

    6
    Ich bin schon immer der Meinung gewesen, dass es von enormer Wichtigkeit ist - egal wo man sich aufhält und welche Situationen es auch immer zu bewältigen gilt - unter allen Umständen dafür zu sorgen, die Klügste in der Masse zu sein oder es andernfalls so schnell wie möglich zu werden. Wenn man sein Kopf nämlich zuhause lässt, dann kann man dasselbe auch gleich mit seinen Waffen und sämtlichen Kenntnissen an Jutsus tun.
    Aus genau diesem Grund kehre ich auch nicht planlos zum Anwesen zurück. Schon seit gut zehn Minuten hocke ich in den Ästen einer der letzten Pinien am Ende des Aokigahara-Waldes und überlege, während ich die Beeren esse, die ich auf meinem Heimweg aus Takumigakure gepflückt habe.
    Yoshihiro würde mir also eine Waffe schmieden, mit der ich einen Gott töten könnte. Alleine diese Ansage des Mannes würden bestimmte Leute – Menschen aus meinem Familienkreis zum Beispiel – entweder als überheblich oder idiotisch abstempeln, von der damit verbundenen Ketzerei gar nicht erst angefangen, doch diese unterschätzen eben einfach das Wissen des Waffenschmiedes. Und seine Freunde.
    Unter mir vernehme ich plötzlich ein Geräusch, das klingt, als würden kleine Pfoten ein Loch in die Erde graben. Als ich halb interessiert, halb genervt ein Kaninchen unter mir entdecke, lasse ich die letzten beiden Erdbeeren schließlich fein lächelnd nach unten fallen. Das Tier interessiert sich aber nicht für die Gaben und dabei weiß es gar nicht, wie glücklich es sich eigentlich schätzen sollte, weil ich meinen Köcher nicht mit mir führe - von meinen Pfeilen gar nicht erst angefangen.
    Während ich die Finger meiner Hand - die ich in der letzten halben Stunde als Behälter zweckentfremdet habe - etwas dehne und strecke, grüble ich weiter. Die Bedingung von Yoshihiro will mir nicht aus dem Kopf gehen und ich frage mich, wie genau er sich diese Chance vorstellt, die ich Hades Schergen geben sollte. Ich kenne diesen einfach zu wenig, das ist mir sofort klar, aber ich weiß immerhin, dass er noch mit Puppen spielt. Das ist nicht viel, aber besser als gar nichts. Oder?
    Ein Marionettenspieler.
    Ich habe schon lange keine Exemplar von ihnen mehr gesehen, das letzte und auch einzige Mal ist in Sunagakure gewesen, und zwar Kankuro, den Bruder des Kazekagen. Ein Feuerversteck dürfte in manchen Fällen der Sache schon Genüge tun, aber ich schätze diesen Fremden eigentlich eher für vorsichtig ein, sprich, er hat bestimmt Maßnahmen getroffen, wie man gegen 08/15-Angriffe vorzugehen hat. Aber habe ich wirklich Lust, mich mit Marionetten zu beschäftigen? Eigentlich nicht, merke ich sofort und seufze.
    Athene muss wirklich verzweifelt sein. Ich frage mich, warum sie mir nicht einfach die Details zu meiner Aufgabe zukommen lässt, damit ich diese endlich erfüllen kann. Umso schneller die Götter haben, was sie von mir wollen, umso besser, denn dann könnte ich endlich ein entspanntes Leben nach meinen Bedingungen führen.
    Ha! Ja, wer’s glaubt…
    Elegant und geräuschlos springe nach unten und lande direkt neben dem Kaninchen, welches nun panisch das Weite sucht.
    Ob ich glaube, dass mich Athene in Ruhe lassen würde, wenn ich meine „Pflicht“ in ihren Augen erfüllt habe? Nein, nicht im Geringsten. Die Götter sind verwöhnte, auf sich selbst fixierte, egozentrische Geschöpfe, auf die unsere Welt auch gut hätte verzichten können und ich bezweifle aus gutem Grund, dass sie auch nur einen einzelnen ihrer Schergen – als den sie mich ja offensichtlich schon seit meiner Geburt betrachten – Freiheit schenken würden. Das wäre einfach zu gönnerhaft, nicht göttlich und erhaben genug.
    Ich schätze, wenn Machtgeilheit vererbbar ist, besteht vielleicht doch noch die wage Hoffnung, ich sei bei der Geburt vertauscht worden, denn ehrlich: Entweder stimmt mit mir etwas ganz und gar nicht oder das göttliche Gen hat hinsichtlich Charakter und Weltverständnis einfach nicht bei mir durchgeschlagen.
    Wie wohl die anderen Halbgötter so drauf sind?
    Es ist nicht das erste und sicherlich nicht das letzte Mal, dass ich mir diese Frage stelle, und irgendwann, hinter dem Rücken der Götter, die ein Treffen mit meinesgleichen verboten habe, würde ich eine Antwort bekommen. Darauf kann ich mich freuen.
    Endlich. Nun habe ich einen Entschluss gefasst. Es hat seine Zeit gedauert, aber eine Entscheidung hat nicht ewig auf sich warten lassen. Ich weiß, wie ich handeln und reagieren werde, was gesagt werden sollte und auch, was es herauszufinden gilt. Mit ein bisschen Glück wird alles zu meiner Zufriedenheit verlaufen, und das bringt mich zum lächeln, während ich das Kunieda-Anwesen erreiche.
    Yoshihiro würde seinen Beweis bekommen, den Beweis meines Bauchgefühls.
    Mir wird die Türe geöffnet.
    „Willkommen zurück, Lady Akasha“, begrüßt mich Chihiro und verzieht erschrocken das Gesicht, als sie ihren Fehler bemerkt. „Hallo, Chihiro“, sage jedoch wieder ihren Erwartens lächelnd und verwirre das arme Ding nur noch mehr, als ich fast freudig an ihr vorbei schlängle und meinen Mantel auf einen Haken in der Garderobenzeile hänge. Die gesamte Innenvertäfelung des Hauses ist aus dunklem Ebenholz, aber alle paar Meter gibt es ein kleines Karo mit smaragdgrünen Samtbezügen, wo entweder Bilder, Waffen oder Urkunden aufgehängt worden sind, nur hier im Eingangsbereich trifft das auch auf die Garderobe zu und obwohl die Sonne nur noch spärlich durch die massigen Fenster neben der Türe fällt, scheint das Grün förmlich zu strahlen, als würde es mit meinem Gesichtsausdruck konkurrieren wollen.
    „Wo ist Lady Kunieda?“
    „Ähm… ähm, im Garten schätze ich“, antwortet mir Chihiro und fügt vorsichtig hinzu: „Ist alles in Ordnung, Lay… ich meine Akasha?“
    Ich nicke freundlich. „Ja, natürlich, es ist sogar alles bestens.“ Auch mein Blick fällt auf die verkrustete Wunde auf meiner Schulter. „Oh“, hauche ich nun und nehme den Mantel wieder in die Hand, um ihn dem Mädchen zu übergeben. „Einmal nähen, bitte. Ich muss gehen. Sag mir doch, ist der Fremde noch hier?“ Noch bevor Chihiro errötend nickt, wird mir klar, dass ich mir diese Frage hätte sparen können. „Danke schön!“, sage ich und verschwinde schließlich mit noch übergezogenen Stiefeln durch das Teezimmer in den Garten.
    Was ich dort vorfinde, neben einer Vielzahl an Pflanzen, deren Namen ich alle samt aufzählen könnte und die in Farbenpracht und mit Duftstoffen meine Sinne quälen, ist unter anderem ein weißer, eleganter Pavillon, der nach einem gepflasterten Kachelweg auf einer Marmorerhebung thront, ein heller, runder Tisch, dessen Beine jeweils einen Phönix nachbilden und eine goldene Harfe, die zu spielen offensichtlich Kyoya versteht, was ich nicht gewusst habe. Um den Tisch, der mit Teeservice und verschiedensten Köstlichkeiten gedeckt ist, von welchen ich original einige Mochi-Sorten benennen könnte, sitzen meine Ziehmutter und Athenes Gesandter, die mich beide einträchtig mustern, als ich vor ihnen auftauche.
    Mein erster Gedanke, neben der erneuten Verwundung über die Bauweise der Architekten meiner Pflegefamilie, ist offensichtlich ziemlich menschlicher Natur fürchte ich, da ich sofort feststelle, dass Lady Kunieda lediglich einen leichten Kimono angelegt hat und verdächtig so aussieht, als hätten sie erst kürzlich die an das Grundstück angrenzenden heißen Quellen genutzt.
    Weshalb genau mir deshalb die Röte ins Gesicht schießt, ist mir nicht klar, aber müsste ich raten, ich würde denken, es hat etwas mit ihrer definitiv männlichen Gesellschaft zu tun.
    Ich schaue kurz zur Seite, während ich mich räuspere und betrachte im Anschluss an diesen Schreckmoment direkt meinen unliebsamen Gast, der – sehr zu meiner Zufriedenheit – immer noch seinen schwarz-roten Kapuzenpulli und die schwarze Drillichhose am Leib trägt, trotz der gewaltigen Hitze.
    „Triff mich in zwei Stunden am Waldrand“, sage ich ihm herrisch.
    Nun betrachtet man mich von allen Seiten mit Unglauben – nun gut, mein Gegenüber lächelt einfach nur fein – aber Lady Kunieda und die eben eingetroffene Chihiro sehen aus, als hätte ich dem Fremden gerade einen Antrag gemacht. Selbst Kyoya hat in seinem Harfespiel inne gehalten und spitzt förmlich die Ohren, so interessiert ist er an unserem Gespräch
    Ich zucke ihres Benehmens Willen zwar nur mit den Schultern und runzle die Stirn, als mir Chihiro einen Verband um die Schulter anlegen will, bevor ich sie verscheuche und seufze innerlich. „Es ist nur ein Kratzer, nicht der Rede wert“, sage ich sofort an meine Ziehmutter gerichtet, deren Mund gerade schockiert aufgeklappt ist und zeige dann direkt mit ausgestrecktem Finger auf Hades Schergen. „Gratulation, du bist sozusagen mein neuer Sensei. Viel Glück, du wirst es auf jeden Fall brauchen.“ Diese kleine Warnung ist das einzige, das er hinsichtlich meines tatsächlichen Plans von mir erfahren würde, weshalb es gerade eben für mich nichts weiter zu besprechen gibt und ich mich in einer schnellen Bewegung umwende. Die Stimme von Lady Kunieda hält mich aber zurück.
    „Den Göttern sei Dank!“, ruft diese nämlich aus, obwohl sie eigentlich Yoshihiros Namen verwenden sollte, und mit einem „Chihiro, der Fotoapparat“ ihre Bediensteten in Haus scheucht und selbst ebenfalls verschwindet. Unterdessen wirft mir Kyoya einen vielsagenden Blick zu, der viel zu lüstern wirkt bei einem derartigen Jüngling, und er meint, dass er nun das Abendessen vorbereiten würde.
    Demnach bin ich also allein mit dem Mann, der gelassen in seinem Sessel verweilt.
    Diesmal mustere ich ihn genau. Immerhin steht jetzt fest, dass ich über kurz oder lang, bevorzugt aber kurz, mit ihm zu tun haben würde. Sofort bemerke ich seine schier makellose Haut, die so wirkt als hätte sie selten bis nie die Sonne gespürt oder sich von dieser beeinflussen lassen. Seine Statur ist beinahe athletisch, wenn auch ein bisschen hager, so viel kann ich erahnen, aber die leichten Wangenknochen deuten daraufhin, dass er nicht viel von Nahrungsaufnahme hält, was wir gemeinsam haben. Sonst würde ich ihn beinahe als eitel bezeichnen, so perfekt wie der Schnitt seiner roten Haare liegt, als hätte er Wildheit und Wellengang miteinander vereint und sich selbst mit ihrer Hilfe zu einem Kunstwerk gemacht.
    „Wie alt bist du?“, frage ich aus einem Impuls heraus, für den ich mich nur nicht selbst tadle, weil es mir und meinem Vorhaben keinen Schaden bringen würde.
    „Älter als mein Körper vermuten lässt“, ist seine knappe, gelassene Antwort.
    „Ich würde deinen Körper auf 19 schätzen“, behaupte ich prompt. „Bist du neunzehn Jahre alt?“
    Wenn, dann hätte ich es hier nicht einmal mit meinem bisher jüngsten Lehrmeister überhaupt zu tun.
    „Ja und nein“, spricht mein Gegenüber ausweichend in Rätseln, als könnte ich gleichzeitig richtig und falsch liegen. Ob er damit meint, dass sein Körper auf die zwanzig zu geht, aber sein geistiges Alter weit über dieses hinaus schießt? Sollte das der Fall sein, dann habe ich wohl erneut das Vergnügen mit einem von sich eingenommenen Egomanen. Großartig. Ich entscheide mich dazu, es dabei zu belassen.
    „Und wie heißt du?“, will ich als nächstes wissen, diesmal ganz bewusst.
    Der Fremde lächelt. „Das darf ich dir nicht sagen.“
    Ich hebe meine Augenbrauen an. Ernsthaft? Denkt Athene vielleicht ich würde zum Voodoo konvertieren und ihm böse Geister auf den Hals hetzten, weil ich ihn nicht umbringen kann oder zumindest noch nicht.
    Ich verdrehe die Augen. „Schön, aber ich will dich nicht ständig mit Hades Schergen oder Athenes Spielpuppe anreden, also brauche ich einen Namen für dich.“ Kurz überlege ich dafür. Zugegeben, sein Gesicht gefällt mir ein wenig, jetzt sollte ich mir nur noch einen Namen wählen, der mir keinen Brechreiz verursacht oder meine Zunge vergewaltigt. In Gedanken gehe ich sämtliche Namen durch, die ich gehört habe und schließlich bleibe ich instinktiv bei einem einzigen stehen. „Sasori. Ich werde dich Sasori nennen.“
    Sicher bin ich mir nicht, ob meinem Gegenüber dieser Name gefällt oder nicht, er zeigt mir kaum eine Reaktion darauf, wobei ich meine, seine Mundwinkel zucken gesehen zu haben. Seltsamer Typ, und das kommt von einem achtzehnjährigen Mädchen, das menschliches Blut trinkt.
    „Akasha!“, trillert es nun durchs Teezimmer in den Garten und Lady Kunieda gleitet trotz ihrer etwas fülligen Form wie eine Feder über die Terrasse zum Pavillon und hat das prähistorische Erbstück ihrer eigenen Mutter in Händen, das tatsächlich noch Schwarz-Weiß-Bilder zu drucken vermag. „Liebes, stellt euch doch für mich einmal kurz zusammen, ja?“
    Ganz nach den Traditionen eines Ninjadorfs, besteht Lady Kunieda schon seit meiner Kindheit darauf, mich mit jedem meiner Lehrmeister abzulichten und die Fotos eingerahmt in den Salon zu hängen. Ich will ihr den Spaß nicht verderben, wobei ich finde, dass sich „Sasori“ schon ein bisschen ZU abgeneigt erhebt und sich neben mir platziert. Allein schon, weil es ihm anscheinend so viel auszumachen schein, fasse ich um die Taille des Fremden und ziehe seinen doch recht muskulösen Körper näher an mich heran und während ich mit einem fetten Grinsen in die Kamera lächle, merke ich, dass er fein stirnrunzelnd zu mir hinunter schaut und hinter meinem Rücken nichts mit seiner eigenen Hand anzufangen weiß. Der Blitz schießt uns als Licht entgegen und kaum hat die Apparatur ein Bild durch den Schlitz am unteren Teil seines Gehäuses ausgespuckt, löse ich mich aus der Beinahe-Umarmung und gebe Sasori einen kleinen Schups von mir weg.
    „Entschuldigung“, meine ich leicht theatralisch, da ist meine Ziehmutter bereits vor Freude quickend erneut im Haus verschwunden und schreit nach Chihiro, sie möge doch bitte einen Rahmen vorbereiten. „War bloß Absicht.“
    Sasoris Miene ist wie immer ungerührt, jedoch mit diesem feinen Lächeln besetzt, das seine Augen nicht berührt. Währe das der Fall, ich würde glauben, er würde stets die Welt verspotten, als ob er ihrer erhaben sei.
    Eine weitere Minute sehen wir uns einfach wortlos an und ich versuche, den Hauch seines Geruches nach Zedernholz und Walnuss aus meinen Sinnen zu vertreiben, der mir gerade eben, als er mir im Grunde viel zu nah gestanden hat, in die Nase geschossen ist. Kein unangenehmer Duft, gebe ich zu, aber kontaminiert durch die Präsenz des Todes und der Götter.
    „Zwei Stunden also“, sage ich schließlich, fast schon der aufgekommenen Stille wegen perplex und wende mich um. Ich wage es nicht, mich nach Sasori umzusehen, doch spüre ich seinen Blick auf mir ruhen, bis ich selbst durch die Türe des Teezimmers, genau parallel zur Terrassentüre, verschwunden bin.
    Ja, dieser junge Mann hat etwas Seltsames an sich, und wenn er meine Herausforderung richtig verstanden hat, dann würde ich wohl schon bald heraus finden, was genau sich hinter ihm und seiner schier unmenschlichen Haltung verbirgt. Ist er Feind, Opfer oder mein Untergang?
    Letzteres schließe ich aus, doch die Haare in meinem Nacken, die sich gerade aufstellen, raten mir zur Vorsicht. Vielleicht würde man mich überraschen, der Fremde, der nun keiner mehr ist, scheint immerhin gut darin zu sein.

    7
    Ich bin skeptisch, als ich zur Trainingszeit das Anwesen verlasse und die Richtung in den Wald einschlage. Sasori – entweder er oder irgendeiner seiner Doppelgänger – hat mir in unserer Werkstatt zuvor nämlich Gesellschaft geleistet und an einer Puppe gearbeitet, die ich nicht sehen habe können, da ich ihm verboten hatte, meinem Arbeitsbereich auch nur zu nahe zu kommen. Schade, denn bevor er gegangen ist, hat er sein Werk wieder in einer Schriftrolle verschwinden lassen und ist selbst losgezogen, um unseren Treffpunkt zu erreichen.
    Und wenn ich schon zu früh dran bin, dann nennt man Sasori wohl überpünktlich.
    Unbewegt wie eine Statue wartet er am südlichen Eingang des Waldes und sofort bemerke ich, dass es heute abermals Nebel aus der Schlucht im Inneren von Aokigahara zwischen die Bäume getrieben hat. Ein nicht unbedingt seltenes Phänomen um die Abenddämmerung herum und auch nicht weiter schlimm, man kann ja immer noch sehen wohin man tritt und feuchte Luft ist ja sowieso Gang und Gebe in diesem Teil des Landes.
    Da ich mich nicht erkundigt habe, in was genau mich Sasori trainieren will – oder besser gesagt, in welchen Künsten ich meiner Mutter nach nicht gut genug bin –habe ich ein Schwert, Pfeil und Bogen, eine Rolle mit verschiedensten, anderen versiegelten Waffen und eine Augenbinde mitgebracht. Letztere für den Fall, dass ich mich langweilen sollte.
    „Du kannst das alles irgendwo in der Nähe ablegen“, meint Sasori jedoch ohne Umschweife oder einer vorangegangenen Begrüßung. „Für unser Training brauchst du es nicht.“
    Ich verziehe nicht einmal mehr eine Miene. „Okay, wieso auch nicht“, denke ich mir an Stelle dessen und lade mein Arsenal an einer Baumwurzel ab, die ein verformtes Körbchen bildet. Dann eben Tai-, Nin- und Genjutsu, damit kann ich auch leben. Die Augenbinde verbleibt aber um meinen Hals geschlungen, auch wenn sie mir später vielleicht nur als Schweißband dienlich sein würde.
    „Na, gut“, sage ich, als ich erneut vor Sasori stehe, und rolle von meinen Fußballen auf meine Fersen ab. „Was nun?“
    „Ausziehen.“
    Wieder entgleitet mir meine Hand.
    „Ich meinte die Stiefel“, grollt Sasori, sein Kiefer richtend, und betrachtet mich nun, da er den Kopf wieder in meine Richtung dreht, mit noch nüchterner Miene. Soll mir recht sein, kommt es mir, denn ich erwidere seine stoische Haltung, während ich mir die beiden roten Stiefel abstreife, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben, was es mit dieser Forderung auf sich hat. Ich lasse jeden Schuh einzeln und provokativ zu Boden fallen und zucke dann mit den Schultern. Das Lächeln, das ich ihm schenke, ist bitter. „Und jetzt?“
    „Jetzt werden wir beginnen.“
    Nachdem Sasori das gesagt hat, tritt er einen Schritt aus den Schatten des Waldes hinaus und die Chakrafäden, die seine Finger umspielen – und mir diesmal sogar sofort aufgefallen sind – werden vollends sichtbar. Es benötigt kaum eine Bewegung seiner Finger, um die Silhouetten von unzähligen Puppen hinter ihm auferstehen zu lassen.
    „Nett“, kommentiere ich diesmal ohne mit der Wimper zu zucken, „Kenn ich schon“, hätte ich aber lieber gesagt.
    „Ein Netzwerk, hundert Puppen, und das verteilt über den ganzen Wald“, sagt Sasori von Neuem. „In einer einzigen davon befindet sich ein Siegel. Finde es, aber finde es ohne auch nur ein Jutsu anzuwenden, meine Kunstwerke zu zerstören oder mein Netzwerk auf dich aufmerksam zu machen.“
    Ist das sein Ernst?
    „Warte“, wende ich sofort ein. „Ich soll also durch den Wald tänzeln und etwas suchen, das ich gar nicht von außen sehen kann, darf aber nichts unternehmen, um mir einen Erfolg zu ermöglichen?“ Hat Hades das logische Denken von Sasori vielleicht in der Unterwelt behalten? Mir kommt es jedenfalls so vor, aber bevor ich noch weitere Annahmen aufstelle, warte ich noch auf eine gesonderte Erklärung. Ich bin mir fast sicher, dass wenn er glaubt, er müsse mir alles bis ins kleinste Detail vorkauen, er möglicherweise Dinge sagt, die ich sonst nicht erfahren würde.
    Doch tatsächlich, ab und an kommt es vor und ich irre mich.
    „Los“, befielt Sasori nämlich nur noch und tritt einfach stumm zur Seite, um mich vorbei und in seine ziemlich ausgedehnte Falle hinein tappen zu lassen.
    Ich bewege mich aber kein Stück, schaue einfach nur in das Dickicht vor mir und in den wabernden Nebel, mir vollends bewusst, dass mich bereits jetzt die Lust, viel mehr aber der Tatendrang von vorhin, vollends verlassen hat.
    Und bist heute habe ich gedacht, die Götter hätten einen Sprung in der Schüssel, bei Sasori ist es wohl ein ganzer Keramik-Bruch.
    „Schön“, seufze ich und fädle den linken Zeigefinger in den Knoten meiner Augenbinde, um ihn zu lösen. Ich kenne diesen Wald besser, als sonst jemand im gesamten Feuerreich, ich muss mich nicht auf meine Augen konzentrieren. In meiner Werkstadt vorhin habe ich den Geruch von Farbe aufgeschnappt, bevor ich es geschafft hatte, Sasoris Anwesenheit von meinem Radar zu streichen. Die Farbe muss zwar schon getrocknet sein, aber ich wette, dass ich die Witterung noch aufnehmen würde können, zumindest, wenn ich mich konzentriere. Wenn ich diese Spielplatzübung beendet habe, würde vielleicht das richtige Training los gehen, sofern dieser Ninja tatsächlich mehr drauf hat, als lausiges Puppentheater.
    Während ich mir die schwarze Leinen umbinde und schon einige Schritte vorwärts getreten bin, merke ich deutlich, dass Rotschopf mich über die Schulter hinweg betrachtet. Ich weiß nicht, wohin er starrt, besonders da meine Brüste außerhalb dieses Sichtfelds liegen, doch angesichts dessen, dass er ein Mann ist und ich eine Frau bin, würde ich auf meinen Hintern tippen. Ich drehe mich um, augenscheinlich um zu provozieren, aber spicke in selber Sekunde unter dem Tuch hervor, das ich erst jetzt zu recht zupfe, und erkenne, dass er mich auf Augenhöhe angesehen hat. Er hat meinen Nacken betrachtet.
    „Hoffentlich kein Fetischist“, denke ich bei mir und befinde mich nun in völliger Dunkelheit. Es fällt mir immer noch schwer, mich mit meiner gewohnten Methodik in Meditation zu bringen, wenn Sasori – mein neuer „Sensei“ – in meiner Nähe ist, aber nach zwei Anläufen ist er dann doch noch aus meinem Bewusstsein verdrängt worden. Ich atme ein - tief und völlig entspannt. Vor mir, rechts und links, kann ich Sasoris ausgetretenes Chakra flirren hören. Ich spüre die Präsenz der Waldbewohner, die wenigen Rehe, die als kleine Truppe in einem Kilometer entfernt grasen, die beiden mit sich rangelnden Wildschweineber beinahe direkt daneben, die Käfer, die sich im Laub vor Räubern verstecken…
    Es ist als würde ich meine Augen gar nicht brauchen, um als diese Wesen, Tier und Pflanze, vor mir zu haben, denn ihr Chakra verrät sie, noch mehr als ihr Geruch oder die Geräusche, die ihre Bewegungen und auch ihr Verharren, alleine durch eine Brise oder durch ihren eigenen Herzschlag verraten.
    Die Puppen, Fremdkörper in der sonstigen Schönheit der Natur, fallen deshalb sofort auf.
    Und dennoch bewege ich mich vorsichtig. Die Fäden des Marionettenspielers sind überall, wie ein Spinnennetz, das jemand über Aokigahara gestülpt hat.
    Meine blanken Füße schmatzen bei jedem meiner Schritte. Liegt es an der eigetretenen Still, an dem feuchten Laub oder an der Konzentration auf mein Gehör, dass ich mir wie der Elefant im Porzellanladen vorkomme? Ich versuche, nur noch auf den Fußballen dahin zu schleichen, gerade als ich unter mir Holz spüren kann. Keine abgefallene Rinde aber, welche die Hörner eines Ebers vom Stamm einer Pinie abgewetzt hätten, sondern ganz eindeutig eine feingeschliffene Oberfläche. Eine Puppe.
    Gut möglich, dass ich doch mehr die Tochter einer Göttin bin, als ich mir eingestehen möchte, denn meine nächste Reaktion – eher die selbst für Halbgötter recht surreale Geschwindigkeit – rettet mich vor einem Wurfgeschoss im Kiefer. Das Kunai streift jedoch meine Augenbinde, zerreißt sie, sodass sie in zwei Fetzten meine Gesichtshälften hinab gleitet, und schießt dann weiter in die Höhe.
    Für den nächsten Moment spielt mein Wahrnehmungsvermögen verrückt und ist vom Einfall des Mondlichts irritiert, bis ich mich darauf besinne, einfach die Augen zu schließen. Ich habe einen Mechanismus ausgelöst, das erkenne ich einerseits durch das mechanische Knacksen einiger Schalter, andererseits durch die Formation an Puppen, die sich um mich bildet. Ich kann sie hören, beinahe schon spüren, wie sich ihre Holzleiber in den Blättern rekeln, als wären es Leichen, die zu neuem Leben erwachen.
    Ein Shurikenhagel – fast schon einzigartig im Klang ihrer Flugbahn – setzt von allen Seiten auf mich zu. Vorbereitet öffne ich die Lider und springe in die Höhe. Ich habe die Metallplatten an meinen Armstulpen mit meinem Chakra getränkt und drehe mich wie ein beginnender Tornado um die eigene Achse. Klirrend stoßen sich die Waffen an meiner Vorrichtung ab und schlagen kaum eine Sekunde später in die Äste, Rinden und Wurzeln umstehender Bäume ein, da bin ich noch nicht einmal am Boden aufgekommen.
    Nun herrscht wieder Stille, doch ich kann das feine Flüstern des Waldes hören, kaum nachdem ich den Geschmack von Blut auf der Zunge wahrnehme. Ich habe mir auf die Lippe gebissen, und das nicht einmal unfreiwillig. Zunächst zögerlich, aber schließlich doch noch in den Bann der Schwerkraft geraten, perlt der erste Tropfen nach unten und dringt von dort in die Erde ein.
    Meine erste Markierung. Mein erster Fehler.
    Wieder schließe ich die Augen. Das für mich unverkennbare Aroma meines eigenen Blutes reizt meine Nerven im positiven Sinn und ich kann sämtliche Marionetten an ihrem Geruch ausschließen, Objekt meiner aufgezwungenen Begierde zu sein.
    Mein Ziel befindet sich tiefer im Wald, ganz bestimmt sogar.
    Abermals vorsichtig schreite ich unter einer Vielzahl an Chakrafäden hindurch und verdränge Sasoris Stimme in meinem Kopf, dir mir sagt, wie ich diese Aufgabe zu erfüllen habe. Würde Tsunade mich erneut trainieren, würde diese Übung viel mehr Spaß machen. Ich würde mein Chakra in meiner Faust konzentrieren, ausholen, wo auch immer mir ein Puppengesicht ins Auge springt und zuschlagen. Innerhalb weniger Minuten wäre mein Umfeld ein Marionettenfriedhof und die Markierung leicht gefunden.
    Aber es soll nicht leicht gehen, der Sinn hinter dieser Übung bleibt jedoch im Ungewissen, sofern es ihn überhaupt gibt.
    Nun rieche ich etwas.
    Ich recke das Kinn, als wäre ich ein witterndes Tier und konzentriere mich auf die Spur halbfrischer Farbe, die eine weitere Brise zu mir getragen hat. Zur gleichen Zeit stoße ich weiter vorwärts, nur um mich einem ziemlich gewaltigen Problem gegenüber zu sehen – oder eher zu spüren.
    Ein schier gewebtes Gebilde aus Chakra türmt sich vor mir in ungewisser Weite auf. Ich sehe Puppen in den Bäumen hängen, einige am Boden liegen – beides nur zur Zierde, wie mir bewusst ist – und erkenne die wirkliche Gefahr an Stellen, die ich selbst als Falle niemals in Betracht gezogen hätte. Nur ein einziges Streifen an der falschen Stelle, würde einen ähnlichen, bestimmt aber noch fataleren Dominoeffekt auslösen, wie ich ihn eben gerade erlebt habe.
    Wieder spiele ich mit Tsunades Methodik. Ich habe bestimmt schon Punkteabzug, weil ich eine der Hinterhalte aktiviert habe, aber die hier – jetzt, wo ich die Marionette, mit dem Lackhauch in der Innenvertäfelung ausgemacht habe – würde mir wohl den Sieg kosten.
    Ich überprüfe das Gerüst auf Schwachstellen. Schnell erkenne ich, dass ich es von dieser Seite ganz bestimmt nicht würde durchdringen können.
    Zumindest nicht vom Boden aus.
    Da sich einige der bestimmt weniger wichtigen Chakrafäden irgendwo in den Ästen verlieren, brauche ich einen Moment, um das Ziel meines Sprungs zu finden. Von dort gehe ich gedanklich weiter, rechne den Winkel aus, von dem aus ich mich abstoßen müsste, um durch den Quader an Freifläche schräg oberhalb der Puppe zu springen und schätze schließlich meine Reaktionszeit ab, die ich benötigen würde, um meine Hand nach dem Kopf des menschenähnlichen Gebildes auszustrecken und diesen an mich zu ziehen, bevor ich durch einen Kreis auf der anderen Seite des Geflecht erneut ins Geäst eintauchen würde.
    Was für ein Schwachsinn. Sind wir hier beim Cheerleading? Ich kann nur noch meinen Kopf schütteln, einen halben Meter zurück setzten, meine Konzentration maximieren, mich vom Boden abstoßen und … den Chakrafaden übersehen, der im Mondlicht zu glänzen beginnt, als sich der von mir aufgestobene Nebel wieder nach unten absetzt.
    Scheiße.
    Der Faden reißt zwar durch die Wucht meiner Stirn ab, da er eindeutig als Auslöser gedacht gewesen ist, doch der Schmerz, der im Anflug meinen Rücken bearbeitet und eindeutig von einem Holzkörper ausgeht, ist unangenehmer und ich werde direkt gegen die Pinie geschlagen, die ich gerade noch anvisiert habe. Die angeknacksten Wirbel meines Rückgrats beginnen mit der Blutergussbildung, da hab ich gerade mal den Schwindel überwunden und den Blick gehoben, um der wirklichen Schweinerei ins Auge zu sehen.
    Gerade noch rechtzeitig rolle ich mich nun im Blätterwerk zu Seite, um einem auf mich geschossenem Katana zu entgehen, fasse an den nächstbesten Ast, um mich mit Schwung nach unten zu werfen und haste die beiden Meter über den Stamm nach unten, wo das halbe Geflecht mit schnalzenden Geräuschen auseinander reißt.
    Zunächst füllt sich die Luft mit dunklem Gas, eindeutig giftiger Natur, und ich hole das letzte Mal Atem, die Augen in meiner Unvernunft weit aufgerissen, bevor sich das Tränengas meiner Drüsen annimmt und das grün-weiße Gemisch aus Nebel und Sasoris Überraschung sich als Bild in mein Gedächtnis brennt. Ich bin genug Herrin über mein Gehör, um die zischende Ankündigung mehrerer Geschosse direkt in meine Richtung wahrnehmen zu können, erkenne aber noch in gleicher Sekunde, dass auszuweichen nirgendswo zu Erfolg führen würde. Ich werfe mich demnach auf den Boden, sodass die Kunai und Shuriken über meinen Kleidung und Haut rasieren, bevor auch diese Position ungünstig wird und sich die Erde unter mir zu bewegen beginnt. Das Maul eines Krokodils, oder zumindest eines Holzkörpers, der dessen Form zu tragen weiß, öffnet sich unter mir, was ich leicht blinzelnd verfolge. Die Zähne, augenscheinlich detailgenau aus echtem Knochen nachgebildet, streifen auch diesmal meine Haut und hinterlassen eine weitere Blutspur auf meinem Körper. Ich spüre den Schmerz nicht, dafür umso besser den Puls jeder Ader und Vene in meinem Nervensystem, hole aus, konzentriere Chakra in meine Ferse und zerschlage die drohende Gefahr, bevor das Ding auf die Idee kommt, mich in seinem Leib einzuschließen. Doch kaum ertastet mein Fußballen wieder festen Grund, erhebt sich aus dem Staub des gebersteten Holzes eine Silhouette, bricht zu mir hindurch und will mich mit sechs Armen, bestehend aus winzigen Klingen, in eine Umarmung ziehen. Schade nur, dass ich für körperliche Nähe nichts übrig habe. Ich reiße die Arme hoch und blocke mit meinen Armstulpen ab, die ich explosionsartig zur Seite führe und die Puppenglieder damit von mir weg schlage. Ein halber Schritt zurück, ein Tritt aus der Hüfte, gefolgt von einem, den aufgebauten Schwung ausnützenden Dreh-um-Kick und auch dieses Problem ist in splitternder Materie gelöst worden. Ich atme aus, als ich herumwirble, um mich vor den neuem Geschossansturm zu wappnen und sprinte nach vorne, ohne darauf zu achten, dass ich nun das verbliebene Geflecht an Chakrafäden zerreiße und sämtliche, anderen Fallen damit aktiviere. Während sich für mich schier in Zeitlupe ein selbst gebauter Söldnertruppe aus dem Genjtusu, das es als Strauchgeflecht getarnt hat, im Sprung in die Höhe erhebt, um auf mich einzubrechen wie eine Flutwelle am Meer, greife ich nach der Puppe und dem eigentlichen Ziel dieser Aufgabe. Das Katana, das ich in einer Schriftrolle immer in meinem BH versteckt halte, erscheint auf meinem Geheiß und zerschlägt wo es Holz nur treffen kann und wehrt einen Klingenansturm direkt vor mir ab, als ich mich abermals um die eigene Achse drehen muss, um die Verletzungen gering zu halten.
    Nun ist die Welt um mich herum einfach nicht mehr vorhanden, kein Geräusch, kein Geruch und auch kein Lichtblitzen im Mondlicht. Da gibt es nur noch mich und mein Ziel, das ich erreichen möchte. Ich strecke die Hand aus, während die andere das Schwert führt und eine Marionette durchbohrt. Ich fühle den kalten Hauch an Chakra, das dem toten Material immer noch inne wohnt und blicke in hinab gesackte Puppenaugen, die mich dennoch zu betrachten scheinen. Ich hole keinen Atem, nicht in der Giftwolke, in der ich habe eintauchen müssen, selbst wenn ich die toxische Wirkung jetzt bereits spüre, einzig über den Hautkontakt.
    In meinem letzten Satz, den letzen Zentimetern, lege ich all den Hass auf die Götter in meine Glieder und all den Wiederstand, es mit ihren Methoden zu versuchen.
    Die Ohnmacht bahnt sich an, doch ich bin immer noch siegessicher, als meine Fingerkuppe die Stirn des Gebildes berührt und die Kälte eines toten Körpers erfasst. Ich bin überrascht, als ich einen Menschen erkenne – die Hülle eines Verstorbenen – doch bringt mich diese Erkenntnis nicht zum Stocken. Ich wäre bereit gewesen, dein Leichnam noch weiter zu schänden, den Kopf vom Rumpf zu trennen und ihm seinem Grabräuber zu präsentieren wie eine Trophäe und hätte es auch getan, … würde das Chakranetz im Laub zum einen Füßen sich nicht in diesem Moment erheben und mich umschlingen. Eine weitere Giftwolke bricht sich aus einer Granate, die ebenfalls mit mir gefangen ist und das nun herausströmende Gas trifft mich wie ein Blitzschlag von Zeus höchst selbst. Ich merke nichts mehr - rein gar nichts - nach der Schwärze, die mich Willkommen heißt.

    8
    Irgendwann lichtet sich die Dunkelheit. Mein Bewusstsein erwacht träge und ich kann nicht sagen, wo, wann, aber definitiv dass ich bin, obwohl sämtliche meiner Muskeln sich steif und taub anfühlen, vielleicht aber gerade deshalb.
    Es dauert kaum mehr als zwei Sekunden, um das Geschehene zu memorieren und drei weitere, um an den Geräuschen meiner Umgebung erkennen zu können, dass ich bei Nacht alleine in meinem Zimmer bin und am Ende des Ganges außerhalb des Schlafzimmers gerade eine Vase zerbrochen ist.
    Erst jetzt öffne ich die Augen.
    Meine Laune schwirrt irgendwo in den Gefilden der Unterwelt herum und hat unsere Kellergemächer schon längst hinter sich gelassen. Die Gründe dafür beginnen bei meinen schmerzfreien Körperstellen, die einfach nicht vorhanden sind und hören bei meinem Wissen auf, in diesem Zustand unmöglich einen Mord begehen zu können.
    „Dieser verfluchte Hu*…“
    Ich verstumme mitten in meiner Verwünschung und horche auf, als ich Sasoris Stimme neben jener von Chihiro hören kann. Jemand nähert sich meinem Zimmer. Kurz überlege ich, wie hoch meine Chancen stehen würden, meine Körper zu einem Angriff zu bewegen, da ich wirklich in der Stimmung dazu wäre, Hades Schergen mit roher Gewalt zu ihm zurück zu schicken, doch schließlich entscheide ich mich, still und unbewegt darauf zu warten, diese Überlegung auch eigenhändig in die Tat umsetzten zu können.
    Demnach stelle ich mich schlafend, etwas, das ich ungelogen noch nie zuvor getan habe.
    Ich weiß, dass zwei Personen mein Zimmer betreten. Einer davon ist Sasori. Woher ich das weiß? Zedernduft.
    „Sie ist immer noch nicht aufgewacht“, flüstert Chihiro nach einigen meiner gespielt flachen Atemzüge schließlich bemitleidend und stellt gleichzeitig irgendetwas auf meinem Nachtisch ab - ein beschwertes Tablett, so viel ist sicher. „Bei Athene, wir hätten vor dem Training herausfinden sollen, welche Wirkung einzelne Gifte auf eine Halbgöttin haben.“
    Ich bin versucht, die Stirn zu runzeln. Lastet sie sich da etwa eine Schuld auf, die einzig und alleine Sasori betrifft? Am liebsten würde ich sie für diese Torheit rügen, aber dann würde ich mich verraten und könnte wohl kaum ein Gespräch verfolgen, das nicht für meine Ohren bestimmt ist.
    „Es sind bereits drei Tage vergangen“, vernehme ich da plötzlich eindeutig Kyoyas Stimme. Ihn – und das beunruhigt mich zutiefst – habe ich überhaupt nicht kommen hören. Sind meine Sinne immer noch in der Dunkelheit verschwunden oder liegt es an Kyoyas allgemein unscheinbarer Präsenz? Ein Frösteln überkommt mich und ich hoffe, dass es niemandem aufgefallen ist.
    „Lasst mich alleine.“ Die Unruhe, die in mir aufgekommen ist und mich durch ein Kribbeln in den Fußsohlen beinahe verraten hätte, hört auf, als Sasoris Worte den Raum durchtrennen. Während Chihiro höchstwahrscheinlich knallrot die Beine in die Hand nimmt und aus dem Zimmer eilt, kann ich Kyoya nicht hören, ja noch nicht einmal mehr sein Chakra spüren, weiß aber mit Sicherheit, dass er noch da ist, als er gelassen sagt: „Sie nährt sich gerne schnell. Langsam ist nicht ihr Ding.“
    Sein Grinsen ist unverkennbar und da ist eindeutig Erregung in diesem Satz mitgeschwungen, was mich aus unerkenntlichem Grund röcheln lassen will.
    Diesmal konzentriere ich mich angestrengt und höre genau hin, um die Schritte wahrzunehmen, die sich von uns entfernen.
    Kyoya ist ohne weiteres verschwunden und nun wird eine Türe mit einem leisen Ruck geschlossen.
    Meine Zimmertüre.
    Der Drang, aufzuspringen und mein Herz, das vor Sekunden seinen Dienst quittiert hat, zum Schlagen anzuregen, wird immer stärker. Wo hat man meine Waffen hingelegt? Ich kann das Kunai unter meinem Polster nicht spüren und das Katana, das normalerweise in meiner Matratze steckt und mich beruhigt schlafen lässt, drückt sich nicht mehr wie gewohnt in meine Wirbelsäule. All diese Umstände – besonders jener, mit einem Halbfremden alleine zu sein, der Menschen bevorzugt zu Puppen umfunktioniert – lassen mich den Atem anhalten und ich frage mich, ob man es bemerken könnte. Jetzt nur die Ruhe bewahren. Schlimmer, als im Schlaf heimlich und zu Trainingszwecken von Gaaras Sand angegriffen zu werden, kann es nicht werden.
    Sasori bewegt sich. Er kommt direkt auf mich zu und weist dabei lange nicht die fast schon katzengleiche Eleganz wie Kyoya auf, eher schlürft er sogar an manchen Stellen, was mich definitiv nicht an einen Ninja denken lässt.
    Als nächstes rieche ich Desinfektionsmittel, spüre einen Tupfer an meinem Arm und denke, den Hauch von Blut in der Luft wahrnehmen zu können. Noch bevor Sasori eine Nadel in meine Ader steckt, weiß ich, dass er mir ein abgewandeltes Präparat von Kyoyas Blut spritzt. Normalerweise ist ja mein Magen für die Nahrungsaufnahme – jegliche Art davon – zuständig, doch auf diese Weise ist es ebenfalls möglich, meine recht speziellen Bedürfnisse zu befriedigen. Im Grunde ist es mir so sogar lieber, auch wenn ich weiß, dass ich durch das Blutpräparat lange nicht so stark bin, wie ich durch eine offene Vene sein könnte.
    Ob Sasori davon weiß? Hat Lady Kunieda ihm von meinen Schwächen berichtet? Sollte es mich beunruhigen, dass sie ausgerechnet Athenes Schergen nach mir geschickt hat oder eher beruhigen, da es dem Charakter der Frau entspricht?
    Und warum genau komme ich mir gerade richtig erniedrigt und entblößt vor?
    Die Transfusion ist fertig.
    Sasori beginnt damit, meinen Arm zu verbinden und zu meiner Überraschung ist er alles andere als barsch. Da er bevorzugt mit toten Dingen hantiert, habe ich ihm die Zärtlichkeit, mit der mich nun berührt gar nicht zugetraut. Sogar vor unserem Training hätte ich geschworen, dass er jener Sorte von Mann angehört, die zum Vernichten geboren worden ist. Nun aber spüre ich die Hände eines geschickten Handwerkers, vielleicht sogar eines Künstlers auf meiner Haut.
    Ein Schauer erfasst mich und ein weiterer, als ein rauer Daumen meine Armbeuge entlang streicht. Es ist nur eine flüchtige, unnötige Berührung gewesen, die nichts bedeuten muss, aber ich glaube fast, dass Sasori es mit Absicht getan hat, dass er mit Absicht meine Haut, vielleicht sogar mich hat spüren wollen.
    Meine Gedanken verwirren mich, viel mehr noch, als das sanfte Streichen über die nackte Haut meines Halses, das plötzlich beginnt. Würde er jetzt noch weiter gehen und sich den, wie ich weiß wohlgeformten Rundungen meiner Brüste annehmen, bei den Göttern, die mich am Ar* lecken können, ich würde diesem Lüstling mit meinem Knie einen zweiten After legen.
    Doch es passiert nicht – nichts von meinen Vermutungen. Stattdessen spüre ich den sanften Druck eines Lackens über meiner erfrorenen Haut und Sasoris Hand, diesmal aber an meiner Stirn.
    Das ist nicht möglich… Er umsorgt mich?
    Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie ich DAMIT umgehen soll, bin mir aber durchaus bewusst, dass ich gerade zu einer Tomate mutiere. Hoffentlich kann man es in diesem Licht nicht sehen, denke ich mir, gefolgt von einem: Verdammte Sch*, wieso riskiere ich diese Blöße in der Gegenwart von Athenes Spielpuppe?
    Nach außen hin kann man nicht erkennen, dass ich mir gerade auf die Zunge beiße, es muss lediglich so aussehen, als wäre mein Kiefer verspannt, was gar nicht so falsch wäre. Es dauert eine Ewigkeit – zumindest kommt es mir so vor – bis Sasori endlich von mir ablässt und gemächlich langsam zur Türe schlendert. Er muss sich dort noch einmal nach mir umwenden, zumindest, wenn ich den Hauch von Wind richtig deute, was ich nur bemerke, weil meine Sinne gerade Höhenflüge erreichen. Irgendwann, nachdem ich mir zu hundert Prozent sicher bin, dass das leise „Klack“ vorhin die Zimmertüre gewesen ist, wage ich es zu atmen und schlage die Augen auf.
    Es ist seltsam, befremdend und definitiv unangebracht gewesen, wie er mit mir umgegangen ist. Für was hält sich dieser Typ eigentlich? Wäre ich vollends bei Bewusstsein – nun gut - eher bei Kräften gewesen, hätte ich ihm eine Freifahrt in den Olymp mit Backstage-Pass in den Tartaros beschert, so viel steht jedenfalls fest.
    Und dennoch…
    Ich weiß nicht, woran es liegt, aber die Stelle unter dem Einstich der Nadel, die von Sasori ähnlich zärtlich wie mein Hals berührt worden ist, kribbelt, als würden Ameisen darüber laufen. Etwas stimmt nicht und da ich nicht blind, viel weniger aber dumm bin, muss ich wohl erkennen, dass es meine Hormone sind. Alles in allem bin ich zur Hälfte immer noch ein Mensch und zudem noch eine geschlechtsreife Frau, daran lässt sich nicht rütteln.
    Meine Finger krampfen sich in das Laken und ich schlage es zurück, um vom Bett aufspringen zu können.
    Unfassbar! Ich will verflucht sein, wenn sich diese dummen, weiblichen Bedürfnisse in Sasoris Gegenwart nicht abstellen lassen können. Das wäre doch zu schön, wenn ich urplötzlich die Kontrolle über gewisse Stellen meines Körpers verlieren würde, und ich rede nicht von meinen Beinen, die gerade eben unter mir einknicken und mich zurück aufs Bett zwingen.
    Meine Kiefer reiben aneinander. Gezwungen, und deshalb alles andere als glücklich, warte ich noch eine ganze Stunde, bis ich wieder vollends funktionstüchtig oder zumindest annehmbar standhaft bin, dann eile ich nach draußen.
    Das Ziel ist nach dem Gang zunächst die Empfangshalle, wo ich niemanden vorfinde. Oben im ersten Stock sind sämtliche Lichter erloschen und ich höre Geräusche einzig aus dem Teezimmer. Auf meinem Weg dorthin sehe ich eine Notiz am Tischchen neben der Treppe, wo für Chihiro und Kyoya Nachrichten hinterlegt werden können. Ich erfahre somit, dass Lady Kunieda meiner Ziehschwester Hitomi entgegen reisen würde und sich dafür einige Ninja aus Konohagakure zur Seite stellen hat lassen. Sie würde erst morgen Abend zurück sein, was mich nicht unbedingt stört.
    Schon von Weitem kann ich Kyoya Harfe spielen hören, während Chihiro eindeutig und sogar recht notengerecht zu singen begonnen hat. Sie beide lassen aber vom Musizieren ab, als ich die Doppeltür ins Teezimmer aufstoße.
    „Lady Akasha“, keucht Chihiro erschrocken und hält sich zitternd an einer Kommode fest, wobei sie den Staubwedel wie eine Waffe umklammert. Sie ist bleich geworden, wahrscheinlich, weil durch den Schwung und den darauf folgendem Lufthauch die einzigen beiden Kerzen im Raum ausgeblasen worden sind, eher aber weil ich mit meinen schwarzen, gelockten und alles andere als kurzen Haaren in Kombination mit dem Nachthemd, das meine Konturen umschmiegt wie ein Leichentuch, alles andere als lebendig aussehe. Zugegeben, die ausgefahren Fänge tragen ihren Teil dazu bei, ebenso die vornehme Blässe.
    „Sie sind wohl auf!“
    Das kommt auf die Definierung an.
    Tatsächlich habe ich Chihiro an ihrem Chakra noch vorm Betreten des Raumes ausgemacht, Kyoya durch sein Harfespiel in der rechten Zimmerecke vermutet und meine Nase auf einen ganz gewissen Duft eingestellt, der mir jetzt entgegen strömt, als hätte Lady Kunieda in diesem Raum seit neusten Zedern angepflanzt und die Wände mit Walnuss eingerieben.
    In meiner Kehle bahnt sich ein Knurren an und mein greifbarer Grimm, der ohne viel Zutun in einen Wutausbruch ausarten könnte, lässt meine Bediensteten den Raum verlassen, ohne dass ich es laut von ihnen verlangt hätte. Einzig Sasori bewegt sich keinen Millimeter. Weiterhin ungerührt sitzt er auf einem der Sitzpolster, die um den Teetisch aufgelegt worden sind und hält eine Tasse mit bereits kaltem Inhalt in Händen, als hätte er diese nur dem Anschein nach des Durstes wegen entgegen genommen.
    Er sieht mich mit einem feinen Lächeln an und prompt kehrt die Röte in meine Wangen zurück. Meine Hände ballen sich zu Fäusten und ich blecke die Fänge, ohne mich dafür zu genieren. Es gibt selten Momente, in welchen ich das Abbild einer Halbgöttin mit Stolz trage. Dieser hier ist einer davon.
    Schnellen Schrittes und definitiv mit gefährlicher Haltung, halte ich auf Sasori zu. Dieser springt in letzter Sekunde auf, sodass die Teetasse klirrend über den Boden hüpft und seinen Inhalt im Raum verteilt. Meine Faust, die das Kissen am Boden buchstäblich durchbohrt hat, ist Indiz genug, dass Sasori gut daran getan hat.
    Wieder blecke ich die Zähne, doch merke ich, dass im Mondlicht der Raum von dünnen Chakrafäden durchzogen ist. Schwer atmend und definitiv noch nicht vollends bei Kräften, verharre ich im Spinnennetzt meines Gegners.
    „Du wirst mich so nicht schlagen“, höhnt Sasori und lässt die Arme sinken. Seine Finger verbleiben aber kampfbereit. „Du denkst, du kennst deinen Gegner, weil du dich für schlau hältst“, eine kleine Bewegung und ich bin gezwungen, zwei Schritte auf ihn zuzumachen. Keuchend bewahre ich mich davor, gegen ihn zu prallen und versuche mit feinen Chakraklingen, die ich als Verlängerung meiner Nägel verwende, die Fäden um mich herum zu durchtrennen. Es funktioniert nicht. Mit herkömmlichen und gewohnten Methoden komme ich bei Sasori nicht weiter, und das macht mich rasend.
    „Unser Training hat das bewiesen“, kann es der Rothaarige nicht lassen und sein Tonfall ist spöttisch. „Du hast in allen Punkten versagt. Wenn du nicht auf das hörst, was ich dir sage, wirst du nicht weiter kommen und ich kann mit dir umspringen, wie auch immer ich möchte.“ Provokativ zieht er an zwei Fäden, von denen ich nicht gemerkt habe, dass sie sich um mein Handgelenk gewickelt haben und zieht mich zu sich heran, sodass ich direkt an seiner Brust lande. Er ist nicht viel größer als ich, weshalb sein Mund nun an meinem Ohr liegt. „Jetzt hätte ich dir schon längst ein Messer in den Rücken gerammt, weil du nicht daran geglaubt hast, dass ich dich so nahe an mich heran lassen würde“, raunt er, während er mir die Handkante veranschaulichend an die Wirbelsäule presst. Ich keuche auf, nicht sicher, ob wegen dem Schock, derartig leicht überwältigt werden zu können oder doch eher, weil ich seine männlichen Konturen an Stellen spüre, die deutlich auf diese reagieren.
    Ich will Sasori instinktiv von mir wegschieben, doch plötzlich komme ich mir wie eine seiner Marionetten vor: eingeschränkt in meiner Bewegungsfreiheit und angesichts des Fädenziehers schier ohnmächtig. Tatsächlich gelingt es mir kaum, meinen Oberkörper von ihm wegzuschieben und selbst dass kostet mir alles an Anstrengung. Ich spüre sie überall – die Chakrafäden – fast so, als hätte man mich in einem Kokon davon eingewickelt.
    Tränen, die im Mondlicht glitzern, schießen mir in die Augen, meiner Schwäche und meines Wiederwillens wegen und alles was ich dafür bekomme, ist dieses feine überhebliche Lächeln, das die Überlegenheit meines Gegners unterstreicht.
    Ich erstarre.
    In diesem Moment setzt mein Denken schließlich aus oder aber es beginnt zum ersten Mal richtig zu funktionieren. Mit einem Schlag blende ich alles aus, was ich über den Ninja vor mir zu wissen glaube und sehe das Antlitz eines jungen Mannes, der alles und jeden stets im Griff hat. Ich merke, wie er leicht an den Fäden zupft, obwohl gar kein Grund dafür besteht. Er rechnet mit Wiederstand, stetig und besonders, wenn dieser im Käfig eingesperrt vor ihm ruht. Gerade dann hält er die Schlüssel fester und will die Kontrolle nicht verlieren.
    Mir kommt eine Idee, die ich mehr als nur lächerlich finde, auch wenn ein Teil von mir alleine der Vorstellung wegen zu brennen beginnt. Ich lehne mich erneut gegen Sasori auf, versuche nach hinten auszuweichen, nur um wie erwartet festzustellen, dass er den Druck auf meinen Körper festigt. Einen Moment lang halte ich diese Spannung, nicht ohne mich dabei kurz in den dunkeln Augen meines Gegenübers verloren zu und es genossen zu haben.
    Dann lasse ich locker, hebe die Arme in meiner gewohnten, übermenschlichen Geschwindigkeit an und werfe mich Sasori buchstäblich um den Hals. Meine Lippen treffen seine und mit dem Schwung, dann getrieben von der Schwerkraft, ziehe ich Sasori leicht zu mir hinunter und tauche mit meiner Zunge zwischen seinen Zähnen hindurch. Mein Körper beginnt zu kribbeln. Jede einzelne meiner Zellen steht in Flammen, was ich sogar bei den Göttern schwören würde. Ohne ersichtlichen Grund vergrabe ich meine Hände in rotem Nackenhaar und spüre einzelne Strähnen wie puren Samt zwischen meinen Fingern.
    Sasori ist völlig überrumpelt, das merke ich in einem flüchtigen Anflug von Geistesgegenwart, da er zu einer Statue mutiert ist und zudem auch noch die Kontrolle sämtlicher Chakrafäden verliert. Kaum ist meine Gefangennahme beendet, löse ich meinen Mund von seinem, wobei ich ihm provokant mit meinen Fängen die Unterlippe aufreiße, steige mit einem Fuß zurück, um den Schwung für meinen Überwurf zu erreichen und geleite ihn anschliedend unsanft zu Boden.
    Mit einem mehr als zufriedenen Grinsen und einem kleinen, stolzen Auflachen, schaue ich auf Sasori hinab und puste mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Das soll mir mal einer nachmachen, denke ich mir, während man mich mit weit aufgerissen Augen von unten anstarrt. Voller Unglaube und ein Anflug von Furcht stechen mir dabei entgegen, die ich mit Genugtuung in Empfang nehme. „Ich mag es gerne schnell“, spotte diesmal ich und stemme beide Hände in meine Taille, womit ich meine Kampfhaltung aufgebe. „Das gilt auch für meine Fortschritte, merk dir das.“
    Es genügt nur ein kleiner Blick auf Sasoris von mir wild zerzaustes Haar und das fast schon wütende Funkeln in seinen Iriden, um die Erinnerung seiner Lippen auf meinen wachzurütteln. Deshalb ziehe ich die Mundwinkel noch weiter an, presse Ober- und Unterlippe dabei leicht aneinander, um seinen Geschmack und dessen Wirkung auf mich zu unterdrücken und steige dann einfach über den Puppenspieler hinweg.
    Ich mache mich auf die Suche nach Kyoya.
    Interessanterweise habe ich mich noch niemals derartig nach den Geschmack von Blut verzehrt, auch wenn ich befürchte, dass der Lebenssaft meines Dieners meinen heutigen Hunger nicht stillen können würde.
    Ich schätze, mein Körper lechzt nach dem meines neuen Senseis und mein Verstand nach dessen Tod. Dieses neue Training könnte weitaus reizvoller werden, als ich zu Anfang angenommen habe, das kann ich nicht mehr bestreiten, was mich zugleich schnauben und lächeln lässt. Meine Sinne verschärfen sich unaufhaltsam – eine übliche Reaktion auf meine Laune und Unkonzentriertheit - und irgendwo in weiter Ferne meine ich den Hammerschlag eines Schmiedes hören zu können, der auf glühendes Eisen trifft.

    9
    Ein Zwischenfall.
    Ich bin versucht, das kürzlich Geschehene als solchen einzustufen und ihn unter „lästig“ in der Kategorie „Vergangenheit“ in einem Gedächtnisordner meines Hirns vermodern zu lassen. Schade nur, dass es mir einfach nicht gelingt.
    Die Erinnerungen – Sasori in meinem Schlafzimmer, dann der Kuss, den zu erwidern der Puppenspieler nicht gewagt hat – lassen mich einfach nicht mehr los.
    Ich kann nicht schlafen, soweit ist es mittlerweile schon mit mir, wobei hierbei die Ohnmacht der letzten Tage bestimmt ihren Teil dazu beiträgt.
    Seufzend gebe ich den Schlafversuch schließlich voll und ganz auf und schwinge mich wieder vollends bei Kräften aus dem Bett, strecke mich dann gen Decke, als wäre ich nicht nur stundenlang wach da gelegen, sondern hätte tatsächlich etwas meinen Geist geschont und geschlafen, bevor ich mich nachdenkend umsehe.
    Mein Zimmer ist das Größte im gesamten Haus. Göttliche Privilegien, so hat Lady Kunieda diesen Umstand einmal gerechtfertigt, obwohl sie und ihr immer auf Reisen verschollener Gatte ein paar Quadratmeter mehr an Privatfläche durchaus gebrauchen würden. Da ich grundsätzlich kein Freund von übermäßiger Einrichtung bin und meine Schmiede im Nebengebäude eingerichtet habe, durchquere ich deshalb ungehindert in sieben Schritten drei Viertel des Raumes. Dort, direkt an die Wand geschoben, befindet sich ein prunkvolles Schminktischen mit einem Spiegel, dessen Umfang bis an die Zierzeile des Anstriches reicht. Das Tischchen ist von mir zweckentfremdet worden, denn statt Dosen mit Puder und einer Wimpernzange findet man auf der Pinienfläche getrocknete Kräuter und einen Mörser und statt Bürsten und Haarklammern kleine Säckchen mit oder ohne Inhalt vor.
    Genutzt wird von mir aber heute nichts davon. Als ich mich auf den kleinen Rundsessel gegenüber des Fensters niederlasse, interessiert mich einzig mein Spiegelbild. Ich hätte damit gerechnet fürchterlich auszusehen: eingefallene Wangen, gräuliche Haut, Augenringe, die Itachi Uchiha stolz machen würden und spröde, trockene Lippen. Doch zu meiner großen Überraschung sehe ich tatsächlich gut aus, selbst mit leicht strähnigem Haar und der an mir gewohnten Blässe. Und meine Augen strahlen sogar, was nicht nur am hereinfallenden Vollmondlicht liegen kann.
    Ich bin tatsächlich hübsch oder etwa nicht?
    Nachdenklich runzle ich die Stirn, als ich mich weiterhin betrachte. Bin ich eitel geworden oder warum genau interessiere ich mich plötzlich für mein Äußeres?
    Unschlüssig öffne ich eine der Schubladen und krame in dessen Inhalt, bestehend aus unzähligen weiteren Säcken mit Kräutern und kleinen Glasbehältern, nach einem Kamm, den ich irgendwann vor Jahren mal da hinein geworfen habe. Ich finde ihn nicht – kein Wunder, wahrscheinlich habe ich ihn längst entsorgt, schließlich mache ich mich täglich im Badezimmer für Ausgänge fertig – aber völlig leer gehe ich dennoch nicht aus.
    Als ich kühles Metall ertaste, löse ich mich von meinem Ebenbild im Spiegel und lehne mich etwas zurück, um in die Lade hinein sehen zu können. Dort drinnen liegt ein Senbon, das ich dort definitiv nicht hinein gelegt habe.
    Verwirrung macht sich in mir breit und verstärkt sich, als ich die Wurfnadel herausnehme und genauer betrachte. Auf dem ersten Blick wirkt die Waffe völlig normal, auf den Zweiten erkenne ich sofort, dass ich das Material noch nie gesehen habe und bei der weiteren, eher misstrauische Inspektion des befremdenden etwas springt mir schlussendlich die Gravur ins Auge: Y.
    Yoshihiro.
    „Wie hat er…?“
    Wie zum Tartaros ist es dem Schmied gelungen, diese Waffe hier zu platzieren?
    Nachdenklich suche ich nach einer dazugehörigen Nachricht und leere beinahe den gesamten Inhalt des Tischchens, doch mir ist schnell klar, dass Yoshihiro das Senbon wohl nicht mit dem Beizettel: „Hallo Akasha! Hier ist die Götter-vernichtende-Waffe, die ich dir versprochen habe. Fröhliches Töten!“ an der Türe abgegeben hat und dennoch fällt es mir schwer zu glauben, dass eine Wurfnadel alleine ausreichen würde, mein „göttliches Problem“ zu lösen.
    Und überhaupt, wieso hat mir niemand etwas von der Lieferung gesagt? Ich glaube kaum dass Chihiro das Senbon während meiner Ohnmacht einfach in die nächstbeste Schublade geworfen hat, aber wie sonst sollte es dort gelandet sein? Sollte ich danach fragen? Was, wenn genau in diesem Moment Sasori dazu stoßen würde? Und was, wenn ich ihm das Senbon im Anschluss in die Halsschlagader bohre?
    Der Gedanke lässt mich zuerst schaudern, dann seufzen. Wunderbar, ich hege ganz offensichtlich romantische Gefühle für mein potentielles Mordopfer, was bin ich nur für eine übermenschliche Waffe.
    Im Augenwinkel, eingefangen vom Spiegel, kann ich einen Schatten huschen sehen. Ich umfasse das Senbon in meiner Hand fester und fahre vom Sessel aufspringend herum, nur um einen komplett leeren Raum vorzufinden. Ich warte noch einen atemlosen Moment und durchleuchte jeden Zentimeter meines Umfelds misstrauisch, ohne dass sich etwas bewegt, bevor ich das Gesehene dem Schattenspielen vorm Fenster zuschreibe.
    Vorsichtig lege ich das Senbon auf den Tisch und fahre mir ausatmend zuerst durchs Haar, dann übers Gesicht. Dann schiebe ich mir den Sessel wieder zurecht und setzte mich mit meinen Gedanken wieder bei Sasori verloren und definitiv nicht bei der Sache, was ich besser nicht getan hätte, da ich geradewegs hinten hinunter falle, als ich in blutroter Schrift plötzlich eine Nachricht am Spiegel sehen kann, dessen Buchstaben nach untenhin verrinnen und definitiv nicht getrocknet sind: Akasha.
    Da steht eindeutig Akasha!
    Im Spinnenschritt krieche ich am Boden einen Meter zurück, komme auf die Beine, um zum Bett zu hasten und mein Schwert aus der Matratze zu ziehe, das aber – wie ich mich eigentlich erinnern sollte – nicht mehr dort ist und sehe, als ich erneut umgekehrt und das Senbon geschnappt habe, wie sich mein eigener Schatten urplötzlich vom Fußboden erhebt. Erst jetzt fällt mir auf, was ich viel früher schon hätte bemerken müssen, nämlich dass er sich bereits die gesamte Zeit über zum Mond hingezogen hat, obwohl er eigentlich von ihm Weg an die Wand geworfen werden hätte müssen.
    „Akasha, Tochter der Athene“, raunt eine erhaben klingende Stimme leise durch mein Zimmer, da hat sich der Schatten zu einer dreidimensionalen Gestalt ausgeweitet, die zwar meine Silhouette, ansonsten aber keine menschlichen Konturen aufweist, noch nicht einmal ein Gesicht.
    Ich stoße mit dem Rücken gegen die Zimmertüre.
    Ein Wesen aus Dunkelheit, das meinen Namen samt „Titel“ kennt und mit Blut die Einrichtung beschmiert? Nichts schreit mehr nach dem Schatten und obersten Feind der Götter, ich würde mit Hades hierbei um meine Seele wetten.
    Mein Mund wird trocken, als die Erkenntnis sickert.
    Man hat mich gefunden. ER hat mich gefunden. Ich weiß nicht wie und vor allem ob ich etwas dagegen tun hätte können, aber die Angst, die in mir aufkommt, als mir vollends klar wird, dass der oberste Feind der Götter nach Beendigung meines Lebens geschickt hat, ist echt und begründet.
    Unauffällig und zu meinem eigenen Glück bei Sinnen ertaste ich die Klinge der Türe und drücke diese hinunter, doch nichts bewegt sich im Anschluss, noch nicht einmal für einen Spalt.
    Ich bin offensichtlich eingesperrt. Eingesperrt und alleine.
    Die Gestalt kommt mit langsamen Schritten auf mich zu. In meiner Hand ist immer noch das Senbon, dieser Umstand ist das Einzige, das meinen Pulsschlag vom Kollaps bewahrt und den Weg für die Strategie ebnet, die ich gerade wirklich gebrauchen kann. Ich will nicht sterben; ich würde nicht sterben. Nicht heute, nicht morgen. Bitte, bitte, lass das nicht das Ende sein… Ach zum Tartarus, reiß dich zusammen, Akasha!
    Noch einen weiteren Schritt gönne ich dem Gesandten des Schattens, bevor meine Hand vorschnellt und eine scharfe Linie über den Hals des Wesens zieht. Währe dieses nicht rechtzeitig einen Schritt zurück gewichen, ich hätte ihm die Kehle zerfetzt, das schwöre ich. Der Schreckmoment dauert nur eine Sekunde und mein dunkles Ebenbild will mich an der Schulter krallen, doch in einer schnellen Drehung weiche ich ungeschickt aus, pralle gegen die Wand, wo ich mich abstoße und mit einer Vorwärtsrolle aus der Gefahrenzone komme. Nun aber haste ich rasend schnell zum Fenster, ohne mich umzusehen und springe direkt hindurch. Ich habe Chakra in meine Schulter gelenkt, ganz wie Tsunade es mir beigebracht hat, obwohl mein Körpergewicht wohl ohnehin ausgereicht hätte, um das Gebilde aus der Verankerung zu reißen und nun lande ich, für einen Moment in einem Kristallhagel aus Glassplittern gefangen, im Blätterwerk der Pinie im Garten, von wo aus ich schließlich aufs Dach springe und mein bisheriger Plan sein Ende findet.
    Das Wesen wartet bereits auf mich.
    Plan B und C werden von mir verworfen.
    Es gibt kein Entkommen. Ich kann nicht weglaufen, mich nicht verstecken.
    Ich schaue mich unauffällig um, überlege, welche Optionen mir noch bleiben und zwinge meine Furcht schließlich nieder.
    Ich will immer noch nicht sterben, das ist mir klar, aber wenn es schon keinen Weg gibt, meinem Tod Sinn zu verleihen oder ihn vom Schicksal der Götter zu trennen, dann kann ich ihn wenigstens mit so viel Stärke und roher Gewalt hinter mich bringen, damit man später wenigstens sagen kann, ich wäre mir treu geblieben.
    Mein Kampfesgeist erwacht wie eine lodernde Flamme, obwohl sich nach drei Fingerzeichen und einer Umleitung meines Ckaraflusses schließlich kleine Wirbelstürme meine Armstulpen hinauf ziehen.
    „Komm schon!“, rufe ich meinem Gegner in Gedanken zu, gleichzeitig stoße ich das erste und wenn es nach mir geht in jedem Fall letzte Gebet an die Götter aus, gefolgt von einem „Und trotzdem könnt ihr mich mal!“
    Dann laufe ich los.
    Der Weg über die Dachziegel kommt mir wie eine Ewigkeit vor.
    Ich reiße eine Faust nach vorne und mein Chakra explodiert förmlich darin, verbindet sich mit dem Wind, der mittlerweile meinen gesamten Arm einfängt und ein Blitzgewitter zieht sich über meinen Körper, das sich sofort an manchen Stellen in mein Fleisch gräbt. Ich spüre den Schmerz kaum, höre nur den Lärm, der dabei entsteht, als würde er Tote erwecken wollen, was aber vielleicht auch nur in meinen Ohren so klingt, wo die Blitze flirrend über die Haut tanzen.
    „Tochter der Athene“, höre ich wieder meine Anrede und diesmal klingt die Stimme in meinen Gedanken wieder, beinahe wie ein ungeduldiger Tadel.
    Mein Angriff – mein gesamter Körper, wenn man es genau nimmt – erfasst in einem Volltreffer sein Ziel, bricht sich durch dieses hindurch, im Sieg bereit das Jutsu beenden, nur um im Anschluss vom schwarzen Schattengewebe verschlungen zu werden. Ich reiße schockiert und abermals ängstlich die Augen auf, als sich die nun formlose Masse über meine Hand und von dort aus in unsagbarer Geschwindigkeit bis zu meinem Rumpf vorschlängelt. Dann sehe ich nichts mehr, merke nur, wie ein Gefühl der Taubheit schließlich jeden Zentimeter von mir vollends gefangen nimmt und der Schmerz verklingt.
    Die Welt ist dunkel. Dunkel und still, außer dieser fremden Stimme, die meinen Namen raunt.
    Es geht wirklich schlimmer als tot, ganz eindeutig.
    „Verdammte, sch*“
    Jemand stößt grimmig ein Seufzen aus.
    „Jetzt hör aber mal endlich mit den Flüchen auf, bevor sie dich noch einholen und lass mich ausreden, Tochter der Athene!“
    Ich meine, dass sich mein Rückgrat tatsächlich versteift hat, als ich merke, dass man genervt von mir ist. In meinen Gedanken herrscht viel, nur keine Ruhe, aber Schimpfwörter benutze ich nicht mehr. Sollte ich in den Elysischen Gefilden nicht fluchen dürfen, dann wäre es besser, sie würden mich gleich in den Tartarus werfen, denn das bekomme ich für die Ewigkeit mit Sicherheit nicht hin, das garantiere ich.
    „Mich schickt nicht der Schatten, Götterkind und ich bin auch nicht hier, um dich zu töten.“
    Die Schwärze verschwindet genauso plötzlich, wie sie gekommen ist, der Mond thront wieder leuchtend über meinem Kopf und ich verliere dank diesem abermals abrupten Wechsel an Umgebung beinahe das Gleichgewicht auf den Dachziegeln.
    Laufen oder stehen bleiben? Meine Instinkte können sich gerade nicht entscheiden ob es besser wäre, wie das Reh oder das Kaninchen zu reagieren. „Bist du nicht?“, frage ich schließlich hölzern und weiche ein wenig zurück.
    „Ja“, garantiert man mir diesmal sofort. „Ich gehöre zu Athene, zu den Göttern im Allgemeinen.“
    Dieser Satz braucht ein wenig, um bei meinem laut dröhnenden Herzschlag von einer Gehirnwindung beachtet zu werden und beinahe hätte ich reflexmäßig das Senbon geworfen, hätte der Gedanke, meinen einzigen Trumpf gegen die Götter besser nicht gleich an den erstbesten Sklaven zu verschwenden, mich nicht einfach nur säuerlich das Gesicht verziehen lassen. „Mutter, ja?“, fauche ich nun und lockere doch etwas erleichtert meine Haltung. Ich betrachte das Wesen nun zum ersten Mal nicht voller Furcht, sondern mit allem Abscheu, den ich zusammen kratzen kann und stelle etwas fest, dass man als blanke Ironie bezeichnen kann.
    „Was für ein kranker Humor“, gebe ich giftend zum Besten. „Die Gestalt ihrer Tochter und die Dunkelheit ihres Feindes – entweder will mir Athene unterschwellig erklären, dass ich meinen Arsch hochkriegen und ihre Arbeit erledigen soll oder sie sollte sich wirklich einen guten Psychiater suchen… Warte, letzteres sollte sie auf jeden Fall tun.“
    Ich verschränke die Arme vor der Brust.
    Keine äußerliche Reaktion offenbart eine Gefühlsregung in meinem Gegenüber und ich muss zugeben, dass es mich fertig macht, nicht erkennen zu können, ob ich ihn verärgert oder erheitert habe, aber nach der Antwort „Man hat mir schon gesagt, dass du recht kratzbürstig bist“ und dem nichtssagenden Tonfall dabei, schließlich ich darauf, dass dem Wesen meine Haltung gegenüber seinen Arbeitsgebern nicht weniger egal sein könnte.
    Wenigstens etwas Positives.
    Nun lächle ich gekünstelt. „Und das ist noch einer meiner besten Eigenschaften.“
    „Das wollen wir nicht hoffen.“ Das Wesen macht einen Schritt auf mich zu und ich lasse es gewähren. Es ist ganz klar, dass ich mit herkömmlichen Methoden ebenso wenig ausrichten werde, wie im Kampf gegen Sasori, auch klar ist aber, dass ich nicht in Gefahr bin. Erst jetzt spüre ich die deutliche Essenz von Athene, die die Luft schwängert und ich frage mich, wie mir das bis jetzt nur hat entgehen können.
    Eine Blamage hoch zehn, wenn man mich fragt, aber was soll man tun.
    Als der Abstand zwischen uns beiden am Dach nur noch einen halben Meter beträgt, bemühe ich mich, so unbeeindruckt wie nur irgendwie möglich zu wirken. „Wollen mir die Götter endlich sagen, was meine Aufgabe ist?“, frage ich nüchtern, obwohl ich tatsächlich interessiert an der Antwort bin. Bringen wir’s endlich hinter uns, denke ich mir, doch Athenes Gesandter schüttel den Kopf, was die Konturen meiner Locken mitschwingen lässt. „Dafür ist es zu früh“, wird mir erklärt.
    Soll ich mich wundern, wütend sein oder es einfach dabei belassen, dass man mich anscheinend nur halb zu Tode erschreckt hat, um wahrscheinlich meine Geschicklichkeit oder sonst etwas zu testen?
    Ich nicke schnaubend. Jetzt reicht es mir wirklich.
    Stumm wende ich mich ab und springe zurück in die Baumkrone und von dort aus in mein Zimmer, wo wenigstens keine Scherben herum liegen.
    Das Wesen sitzt bereits auf meinem Bett.
    Ärgerlich greife ich in die Decke und ziehe sie von der Matratze, sodass mein unliebsamer Besucher aufspringen und geschmeidige einige Schritte über den Teppich machen muss.
    „Haustiere gehören nicht ins Bett“, grummle ich und schmeiße Daune und Überzug einfach zur Seite.
    War das ein feines Lachen?
    „Schon gut, Götterkind“, beschwichtigt das Wesen. „Ich gehe, aber hör dir wenigstens an, was ich dir zu sagen habe? Ich riskiere viel, da ich nicht im Auftrag von Athene hier bin. Niemand weiß, dass ich mit dir spreche. Warnen will ich dich, mehr nicht, da dir großes Leid vorher bestimmt ist und dein Vertrauen bestraft werden wird.“
    Kryptisch und absolut typisch.
    Mein Kissen fliegt durch den Raum. „Verstanden“, grummle ich genervt, obwohl es mir wohl nicht weniger klar sein könnte, was damit gemeint ist, zumindest noch nicht. „Ich werde dir nicht vertrauen, versprochen, aber danke für den Ratschlag.“
    Das Geschoss wird auch ohne Hilfe der Arme abgefangen und von unsichtbarer Hand vorsichtig auf das Spiegeltischchen gelegt.
    „Mein Begehren ist erfüllt“, raunt es nach einem stillen Moment von allen Seite, doch von Zufriedenheit, die mit solch einer Aussage einhergehen sollte, ist keine Spur zu hören, stattdessen klingt der Tonfall ein bisschen traurig. „Pass auf dich auf, Tochter der Athene. Mehr kann ich dir nicht sagen, nur versprechen, dass wir uns wieder sehen.“
    Bei diesem letzten Satz verblasst die gefestigte Silhouette vor mir und gleichermaßen bildet sich mein Schatten, diesmal in richtiger Richtung, endlich wieder am Boden nach.
    Ich wage es, meine stoische Haltung aufzugeben und leicht die Schultern sacken zu lassen, kralle dabei meine Finger in die Decke, die ich abermals an mich genommen habe, halb als Schutz, halb, weil mich eine Kälte erfasst hat, die es um diese Jahreszeit nicht geben sollte.
    Als ich nun einen Blick in den Spiegel wage, meine ich fast, ein kleines, tief in sich drinnen verängstigtes Kind erkennen zu können, doch viel mehr irritierend als dieser Anblick ist die fehlende Schrift in blutiger Farbe, die vorhin noch auf der Fläche geprangt hat.
    Mein Vertrauen wird bestraft werden, gut also, dass ich in Wirklichkeit nur mir selbst vertraue.

    10
    Yoshihiros Senbon glänzt als Haarnadel in meinem hohen Zopf. Ich habe mir gedacht, dass es dort wohl am wenigsten verdächtig wirken würde, mehr wie eine Zierde als eine Waffe, doch es ist zu befürchten, dass es Sasori auch dann nicht aufgefallen wäre, wenn sie direkt aus meinem BH hervorstehen würde. Beim Training in den letzten Tagen - das sich übrigens immer und immer wieder zu einer absoluten Katastrophe entwickelt hat, sobald ich die Geduld verloren habe oder meine Strategien nicht aufgegangen ist - hat der Puppenspieler sich an manchen Stellen sogar mehr mit Fauna und Flora beschäftigt, als überhaupt auf mich zu achten. Er ignoriert, was zwischen uns passiert ist – alles davon – und auch das, was immer noch zwischen uns im Allgemeinen besteht und nichts mit göttlichen Pflichten zu tun hat. Anscheinend ist nur mir absolut klar, dass es am besten für meine Lernfortschritte wäre, wenn ich gewisse Dinge zwischen uns endlich hinter mich bringe und meine Konzentration anschließend wieder vollständig aufs Training lenke.
    Ich beobachte den Rothaarigen noch einen weiteren Moment, wie er nach unserem Training im Wald auch seine letzte Puppe versiegelt und stütze mich dabei mit beiden Händen an meinem Schwert ab, wobei ich mich leicht nach vorne lehne. In meinem Kopf bildet sich eine Frage und ich muss die Stirn gerunzelt und nachdenklich gewirkt haben, denn nach einiger Zeit fragt mich Sasori: „Über was denkst du so angestrengt nach?“, während das Licht der Abendsonne sich in seinem Haar bricht.
    Oh ja, ich will ihn, und zwar eindeutig.
    „Schlaf mit mir.“
    Nun ist es still im Wald.
    „Was?“, fragt Sasori tonlos.
    Ich lächle nicht.
    Mit einem Ruck stoße ich mich vom Knauf der Waffe ab und verstaue das Schwert an einer Halterung an der Seite, bevor ich langsam auf den Puppenspieler zugehe. Dieser runzelt nur die Stirn, verändert aber seinen Stand, sodass er mit dem Rücken an einem Baum steht. An eben dieser Pinie platziere ich meine rechte Hand, als ich nahe - mehr als nur in seinem privaten Bereich - stehen bleibe.
    „Du hast mich gehört“, sage ich glasklar heraus. „Ich will, dass du mit mir schläfst. Ich bin eine geschlechtsreife Frau, halte nichts von langem Warten und Herumgerede und reagiere ganz eindeutig auf deinen Körper.“
    Sasori wirkt immer noch perplex, wenn auch nicht mehr für lange. Er lächelt leicht, ich würde sogar meinen, dass er es diesmal auch so meint. „Bist du immer so direkt?“
    Was soll die blöde Frage?
    „Möglich“ Ich zucke mit den Schultern und wirke unbekümmert. Kann er mir nicht einfach eine direkte Antwort geben? Meine Geduld ist nicht gerade strapazierfähig und ehrlich gesagt will ich sogar behaupten, die stille Sorge um eine Zurückweisung würde mich beunruhigen. Es ist mir zuwider, wenn etwas, das ich will, von einer anderen Person abhängig ist, das gibt immer nur Komplikationen.
    Doch Sasoris Hand fasst in diesem Moment in meinem Nacken und löst eine elektrische Welle aus, die meine Atmung abrupt stoppen lässt. Sein Daumen beginnt über meinen untersten Haaransatz zu streichen, vorsichtig und zärtlich, beinahe so, wie ein Künstler wohl ein äußerst wertvolles und zerbrechliches Material bearbeiten würde, welches es zu umsorgen gilt. Ich weiß nicht, ob mir dieser Vergleich gefällt, umsorgen ist mit Schwäche mindestens einer Partei vereinbar und wenn ich trotz Hormonen dem Schergen Athenes einen Triumpf nicht gönnen möchte, dann den, über mir stehen zu dürfen.
    Sasoris Augen verengen sich, was man in seiner Endform durchaus als Schlafzimmerblick bezeichnen könnte und gleichzeitig spüre ich, wie er sich von meinem Nacken aus tiefer in mein Haar gräbt. Zeige- und Mittelfinger verfangen sich in einer der langen Strähnen und wickeln sie auf. Noch vor wenigen Tagen hätte ich Sasori das nicht einmal im Traum gestattet, doch jetzt löst seine Berührung in mir lediglich dieses Kribbeln aus und meine Gedanken kreisen sich einzig um eine Wiederholung unseres ersten Kusses sowie die Genugtuung, die ich empfinden werde, wenn ich dieses Kapitel endlich hinter mich gebracht habe. Niemals würden die Götter billigen, was ich zu tun gedenke, viel schlimmer ist es sogar, da ich es mit einem Auferstandenen plane.
    Mit Euphorie ergreife ich die Initiative, als ich zu meiner Schande den Druck von Sasoris zweiter Hand an meiner Taille nicht mehr ertrage und beuge mich nach vorne, um meine Lippen an seine zu legen, . Doch geschickte Finger sind mit einer Schnelligkeit am Werk, die ich nicht erfasst habe und plötzlich kann ich nicht anders, als knapp vor seinem Gesicht zu verharren. Chakrafäden.
    Schnaubend rolle ich mit den Augen. Das ist definitiv abgedroschen.
    „Woher der Sinneswandel? Ich dachte du hasst mich“, meint Sasori lächelnd und hebt die fädenlenkende Hand von meiner Taille an meine Wange. Fast schon fasziniert, scheint der Puppenspieler über meine glatte Haut zu fahren und anschließend mein Kinn zu umfassen.
    Er will eine Antwort, schön! „Ich hasse dich immer noch“, raune ich. „Du bist ein Diener meiner Mutter, aber das heißt nicht, dass du nicht attraktiv bist. Wenn ich etwas will, ob vernünftig oder nicht, dann muss ich es haben. Ich habe lange über das hier nachgedacht, und wenn ich mich wieder auf etwas anderes konzentrieren soll, dann muss ich hier durch.“
    Sasoris Mimik verrutscht um keinen Deut. „Das klingt fast so, als würde es hier nur um dich gehen“, kommentiert er erheitert.
    „Das tut es auch.“ Stirnrunzelnd sehe ich ihn an. „Du bist mein Lehrmeister, mein Fortschritt sollte dir wichtig sein.“
    Wieder streift sein Daumen die Konturen meines Kin entlang, dann leicht meine Wange hinauf. „Du hast keine Ahnung, was mir wichtig ist, Akasha.“ Diese Aussage ist fast schon düster, mit Sicherheit aber bitter aus seinem Mund gekommen und plötzlich spüre ich, wie ich ihm automatisch näher komme und er mich in einen Kuss verwickelt. Ich müsste lügen, würde ich lobend behaupten, der Auftakt sei der beste, den ich je erlebt habe, denn bei aller Mühe stellt sich Sasori zwar fordernd, aber nicht wirklich geschickt an. Die Übung fehlt ihm und dennoch will er mir den Vortritt nicht gönnen, zwingt mich in seinen Rhythmus mit einzusteigen, was mir schwer fällt. Nicht nur, wegen fehlender Konzentration, die Flöten gegangen ist, als mich herum gewirbelt und vorsichtig gegen den Baum gedrückt hat, sondern auch, weil folgend nicht unbedingt meine gewohnte Methode ist. Ich habe die Augen schon lange geschlossen, alle verbliebenen Sinne sind voll und ganz auf den gefährlichen Mann vor mir gerichtet. Mittlerweile habe ich seine Art durchschaut und sein Spiel - seine Handschrift - endlich verstanden, sodass der nächste Kuss mich unaufhaltsam an den ersten Hammerschlag auf glühendem Eisen erinnert. Der Puls, der mir durch die Adern schießt, ist Feuer und Flamme für diesen Vergleich und pumpt mit Härte und Gewalt, wie besessen dahin und die Hitze, die ich sonst eher nahe am Brennofen gewohnt bin, engt meine Haut, sodass der Wunsch, mich und vor allem Sasori aus unsere Gewänder zu schälen, immer größer wird. Ich bekomme tatsächlich, was ich gewollt habe, denke ich mir aufgeregt, und doch wandern meine Gedanken zurück an all die Männer, die vor diesem hier gekommen sind. Das ist hier anders, stelle ich fest. Das hier stelle ich mir tatsächlich schön vor, auch wenn es wie all die anderen Male als Experiment beginnen wird.
    An Sasoris Lippen hole ich für einen Moment Atem und taste nach seiner Hand, um die vorhin kennengelernte Zärtlichkeit wieder zu finden und sie an Stellen zu führen, wo sie benötigt wird. Doch man wiedersetzt sich mir. Man nimmt mein Handgelenk gefangen und behält es in einem harten Griff. Auch der nächste Kuss wird schroff beendet und während ich noch überrascht aufkeuche, verdreht mir Sasori den Arm und stößt mich zu Boden. Ich lande auf meinem Bauch und unsanft auf meinen Brüsten, merke wie sich ein Knie in mein Rückgrat bohrt und spüre warmen Atem an meinem Ohr.
    „Es gibt nur eine Art, wie dein Körper für mich interessant werden könnte, Akasha“, flüstert Sasori überheblich, tut mir aber nicht mehr weh, als in der Fixierung nötig. „Und dass ist sicher nicht die Art, die du dir vorgestellt hast. Ohne weitere Gewalt, eher desinteressiert, lässt er mich los und entfernt sich von mir.
    Warum glaub ich ihm das nur nicht?
    Leise lache ich, obwohl es da nun zwei Hämatome gibt, die sich pochend an den Heilprozess machen. Meine schmerzenden Handgelenke reibende, schaue ich zu ihm auf. Er hat meinen eigenenTrick angewendet. Ich bin mehr verwundert über den Mumm, seine Rache so zu gestalten, als verärgert, weil er mich so schändlich behandelt hat.
    „Willst du mir etwa erzählen, du hättest DAS gerade alles geschauspielert?“ Bei der Lust, die er mir bereitet hat und der Hartnäckigkeit, mit der er versucht hat, es richtig zu machen, kann ich mir das nicht vorstellen.
    Sasori ist stehen geblieben und blickt über die Schulter zurück. Auf seinen Lippen, die nebenbei bemerkt leicht gerötet sind, stellt er seine übliche, überlegene Gelassenheit aus. „Du musst aufhören, dich in Sicherheit zu wiegen, wenn du glaubst, eine Situation unter Kontrolle zu haben“, belehrt er mich statt die Antwort zu geben, die eigentlich ausständig ist.
    Heute mach ich mir nichts aus seinem Tadel, nicht, wenn mein Körper immer noch nach ihm giert und ich vor innerem Tatendrang kaum ein Lachen unterdrücken kann. „Ich bin wenigstens nicht so feige, meine Begierde verstecken zu wollen. Wenn wir es hinter uns gebracht haben, werde ich dich wieder umbringen wollen, fest versprochen.“
    Instinktiv überprüfe ich, ob das Senbon von Yoshihiro noch an Ort und Stelle ist und zupfe mir der Täuschung wegen auch mein Bandeautop zurecht. Außerdem stehe ich auf.
    Ich will nicht aufgeben, aber bitten, werde ich ihn auch nicht.
    Gemächlich schreite ich an ihm vorbei, merke, wie sein Kopf dreht und er mich nicht mehr aus den Augen lässt, solange, bis ich zurück schauen muss, um ihn ansehen zu können. „Hast du etwa Angst, wenn eine Frau sich noch gegen dich wehren kann?“, necke ich ihn und streife mir den ersten meiner Handschuhe hab. „Dir gefällt mein Körper und meine Gene, nicht wahr? Wenn du die Möglichkeit hättest, mich ohne die Strafe der Götter zu einer Puppe zu machen, du würdest es tun oder etwa nicht?“ Beide Handschuhe fallen zu Boden, die erste Armstulpe folgt. Sasoris Gesicht ist versteinert.
    „Du hast Recht, wenn du sagst, ich sollte mich nicht zu schnell in Sicherheit wiegen, aber was ist mit dir? Verlässt du den Bereich, von dem du glaubst, er sei sicher überhaupt jemals?“ Die Schnalle meines Gürtels ist offen, aber um ihn vollkommen abzulegen, ohne die Halterungen zu beschädigen, bedarf es einen größeren Teil meiner Aufmerksamkeit. Kaum habe ich den Blick gewendet, höre ich wie Sasori auf mich zukommt und lächle leicht in mich hinein. Seine Hand braucht diesmal länger, aber schließlich ist sie wieder an meiner Taille und rutsch hinunter an meine Hüfte. Sollte es mich beunruhigen, dass dieser Mann mich am liebsten tot sehen würde. Dass es für ihn wohl nichts schöneres und befriedigendes geben würde, als eine Puppe, eine Waffe, vielleicht sogar ein Kunstwerk aus mir zu machen? Wahrscheinlich würde es das, wäre ich nicht die diejenige von uns beiden, die mit ausgefahrenen Fängen mühelos Kehlen zerfetzen könnte. Ich brauche menschliches Blut, um zu überleben, in welche Position müsste ich mich durch Lügen also erheben, um über den Ninja urteilen zu können?
    „Es ist nicht klug, für einen Killer wie mich Gefühle zu hegen“, droht Sasori mir grollend und trotz all seinen Bemühen kann er das Begehren in seiner Stimme nicht verstecken.
    „Wer hat dann etwas von Gefühlen gesagt?“, erwidere ich schaudern, da er am Rücken ein Stück in meine Hose eingedrungen ist und die linke Mulde meiner Darmbeinschaufeln nachgezogen hat. „Das hier, hat rein gar nichts mit Zuneigung zu tun.“ Mein Versprechen ist ernst gemeint und ein Blick über die Schultern in seine dunklen Augen soll das verdeutlichen.
    „Was ich dir anbiete, ist alles was du von mir jemals bekommen wirst“, locke ich ihn weiter. „Was hast du zu verlieren?“
    Ich denke, damit habe ich ihn für mein Vorhaben gewonnen. Ein Funke, zieht auf jeden Fall durch sein Gesicht und da er mir gedankenversunken eine Haarsträhne hinters Ohr streift und ganz offensichtlich nicht die Finger von mir lassen kann, fühle ich mich in meiner Annahme bestätigt.
    „Jetzt küss mich endlich, verdammt noch Mal, ich hasse es zu warten.“
    Sasori lacht auf, als ich hätte ich etwas Lustiges gesagt, aber bevor ich ihn danach fragen kann, kommt er meinem Gesicht näher und die Aufregung verschlägt mir abermals den Atem.
    Dennoch habe ich den Rauch in der Luft wahrgenommen. Als ich stirnrunzelnd wieder die Augen öffne, merke ich, dass Sasori die Baumkronen hinter mir fixiert. „Der Wald brennt“, sagt er ruhig.
    Diesmal hat mein Herz einen echten Grund, um auszusetzten.
    Ich muss Sasori nicht erst bitten, mich loszulassen und wirble dann herum, sodass ich augenblicklich den Brand ausmachen kann der in einem Kilometer Entfernung eine gigantische Feuerwand gen Himmel bildet.
    „Das ist nahe am Haus“, stelle ich geschockt fest und laufe bereits los. „Wenn die Flammen das Anwesen erfassen, brennt das ganze Gebäude lichterloh.“ Ich werde schneller. Binnen weniger Sekunden habe ich Sasori weit hinter mir gelassen und die Hitze wird mehr und mehr präsent. Die letzten zwanzig Meter schlage ich mich bereits durch ein rot-oranges Meer und brechendes Holz hindurch. Ich bin vom Weg abgekommen, dass weiß ich, als ich die Tore weit rechts von mir ausmachen kann, doch auch die Gitter des restliches Zaunes können mich nicht aussperren. „Mutter, Chihiro!“, schreie ich, da setzte gerade auf der anderen Seite am Boden auf. „Ihr müsst raus da, sofort. Der Wald steht lichterloh, seid ihr blind!“
    Schnaufend, aber schier zugedröhnt mit Adrenalin, schieße ich um die Ecke und auf die Eingangstüre zu, die sperrangelweit offen steht. Die kleine Treppe scheint gar nicht da zu sein, zumindest kann ich mich nicht daran erinnern, sie erklommen zu haben, als ich in den Eingangsbereich schlittere. „Feuer!“, schreie ich dort erneut, da erreichen meinen Verstand zum ersten Mal die Unstimmigkeiten, die meinen Instinkt nun zur Vorsicht treiben. Alles ist dunkel. Sämtliche Fensterläden sind geschlossen und der Duft von Kerzen und Blut schwängert den Raum.
    Ein Streichen ist zu vernehmen, dann ein Zünden, der den Funken einleitet, der für eine Sekunde die Dunkelheit erhellt.
    Dann kommt der Schlag.
    Mit einem Satz, der die Wucht und auch den Schmerz von tausenden an Klingen gehabt hat, werde ich nach hinten geschleudert. Ich lande draußen im Vorgarten. Es hat mich mehrmals überschlagen und ich weiß, dass ich mir nicht nur den Oberschenkel, sonder ganz sicher auch den rechten Arm gebrochen habe. Vor Schmerz sauge ich zischend die Luft ein. Schnitte bedecken meine Haut und machen Blut den Weg frei. Ich bin benommen, ob von dem Sturz, den Wunden oder der schlechten Luft kann ich nicht sagen, nur dass es Verwirrung und Unverständnis ist, die mich den Kopf ohne Kampfhaltung heben lassen.
    Das Feuer hat sämtliche Bäume nahe dem Anwesen verschlungen und die Hitze ist unerträglich. Der Anblick ist so fremd, so beängstigend und dennoch stellt es die perfekte Kulisse für die Gestalt da, die langsam aus der Türschwelle, hinaus auf die Veranda tritt. Es ist ein Mann, zumindest glaube ich das, da die Statur hinsichtlich Größe und Breite nichts anderes vermuten lässt. Ein weißer Mantel verdeckt beinahe den gesamten Körper und an den freien Stellen kann man vermoderndes Gewebe erkennen. Ein Arm ist eindeutig skelettiert, denn die fleischlosen Finger ziehen die spitzzulaufende Kapuze tiefer in das vor mir verborgene Gesicht. Schwarze Haut umspannt die Glieder der anderen Hand, die sich fest in die Haare dreier Menschen graben. Die abgetrennten Köpfe, dreier Menschen.
    Meine Familie. Die Kuniedas.
    Ich komme auf die Beine, auch wenn ich nicht weiß, wie mir das gelungen ist, da der Femur meines rechten Oberschenkels gute zwei Zentimeter aus meinem Fleisch ragt. Auch die anderen Frakturen sind schlimm, doch wirklich merken, kann ich nichts mehr davon.
    Das ist ein Alptraum. Es gibt keine andere Erklärung für das Bild des Grauens, das sich gerade vor mir zeigt.
    „Nein.“ Ich schüttle den Kopf. „Nein“, wiederhole ich voll Abscheu und Furcht und setzte einen Schritt zurück, nur um dort aufgrund meiner Verletzung wie kaputtes Geäst beinahe einzuknicken. Ich schreie auf, als ich den nervenden Knochen zurück an seinen Platz schiebe und eine Hand auf die Wunde presse, dann schaue ich wieder auf, um zu bemerken, dass das Monster meins Traumes mich anstarrt. Ein einzelnes gelbes Auge – mehr kann ich der flirrenden, hitzegeschwängerten Luft wegen nicht erkennen – ist direkt auf mich gerichtet. Gleichzeitig aber, zieht das Geschöpf einen braunen Leinensack hervor, um die Köpfe hinein zu werfen und sich den Beutel um die Schulter zu wuchten. Bis dahin bin ich noch beschäftigt damit gewesen, langsam zu realisieren, was genau den Mantel, der seinem Träger an Armen, Beinen und an der Hüfte eher als Fetzen denn Stoff vom Leib fällt, tatsächlich rot färbt. Nun aber ist die Furcht blanker Wut gewichen.
    „Wie kannst du nur“, setzte ich leise und immer noch fassungslos an. „Was hast du mit ihnen gemacht!“, schreie ich dann, als die Erkenntnis – die Wahrheit – mich endlich vollends getroffen hat. Ich habe keine Waffen, das merke ich, als ich der Hysterie nahe danach taste. Erst dann erinnere ich mich an das Senbon, ziehes es aus meinem Zopf, der ohne die Stütze zusammen fällt, und umklammere die Waffe, als wäre es das mächtigste Schwert der Welt.
    „Lass. Sie. Runter.“ Ich weiß nicht, ob ich abgehakt spreche, weil ich fast keine Luft bekomme oder weil einer unterschwelligen Drohung Gewichtung verleihen möchte. „Ich sagte, du sollst sie runter lassen!“ Ich kann meine Beine nicht stoppen. Meine Selbstheilung ist schnell, aber der Bruch ist längst nicht verheilt, dennoch überwinde ich die Distanz zu dem Monster, das ungerührt auf mich wartet, als wäre würde ich von Flügeln getragen.
    Es wendet sich von mir ab. Kaum, das ich eine Armlänge entfernt von ihm bin, dreht es sich um, als wolle es verschwinden. Abermals schreie ich und verleihe meiner blanken Wut Ausdruck, da hat sich mein Herz vollends zu einem kleinen Klumpen gezogen.
    Die Flammen der nahen Bäume schlagen aus. Als würde ich plötzlich im Kern einer Explosion stehen schwillt die Hitze bis zu einem unerträglichen Punkt an und grelles Licht hüllt mich vollkommen ein, so schnell, dass die bereits jetzt schon schwach erkennbare Silhouette des Monsters vollends verblasst.
    Ich weiche nicht zurück. Selbst blind und im Tode, wenn es sein muss, würde ich meinen Stahl in das Fleisch des Mörders meiner Familie graben, allein der Gedanke ist den Schmerz wert, den die Flammen an meiner Haut anrichten.
    Ein Schrei ertönt. Ich bin fast sicher, dass er aus meiner Kehle gekommen ist.
    Dann wird es plötzlich kühler. Ich muss wohl am Boden gelandet sein, denn etwas schlägt hart gegen meinen Körper, vielleicht aber auch umgekehrt. Habe ich gesiegt? Ich kann kein Blut mehr riechen, schon gar kein Frisches und mein Senbon wirkt ziellos in meiner tauben Hand.
    „Du hast versagt.“ Lady Kunieda? Nein, nur ihre Stimme und ein Satz, den sie noch nie zuvor zu mir gesagt hat.
    Sämtliche meiner Muskeln geben nach. Nun spüre ich ganz deutlich, wie mein Hinterkopf auf etwas aufschlägt.
    „Du bist eine Schande für die Götter.“ Das ist Vater. Wann hast du den Glauben in mich verloren?
    „Du bist nicht meine Schwester.“ Aber geliebt hast du mich doch immer wie eine, nicht wahr, Hitomi?
    Ich bin der Ohnmacht nahe. Kaum dringen noch Geräusche an meine Ohren, doch das Klicken von Scharnieren vernehme ich deutlich. Es wird wieder hell. Tore werden geöffnet – ist das die Pforte ins Elysium?... Nein, ich irre mich, es sind nur schlichte Holzplatten, die auseinander schieben und vor mir taucht abermals Feuer auf. Feuer und Sasori.
    „Akasha!“ Er wirkt entsetzt, so viel Gefühlsregung hätte ich ihm gar nicht zugetraut, auch die Erleichterung, als ich ihn ansehe, scheint schier ungewohnt und befremdend an ihm. „Akasha“, sagt er wieder und die letzte Silbe schwingt von dumpf auf glasklar. Die Sonne ist untergegangen. Meine Stärke verdoppelt sich, was in meiner jetzigen Lage menschliche Verhältnisse für mich schafft. Keuchend sehe ich mich um. Ich liege in dem Bauch einer Holzpuppe, was mir schnell bewusst macht, dass ich eigentlich klaustrophobisch bin. Wie gebissen springe ich auf und hinaus auf festen Grund. Ich knicke wieder ein, spüre erneut meinen schlimmsten Knochenbruch, interessiere mich aber kaum bis gar nicht dafür, als ich sehe, wie abgebrannt mein kurzzeitiges Gefängnis in der Erde liegt.
    Mein Verstand arbeitet.
    „Du“, hauche ich in Sasoris Richtung und deute auf die Puppe, nur um jetzt bereits herumzufahren und eine völlig leere, komplett abgebrannte Lichtung zu entdecken. „Du hast mich gerettet“, beende ich den Satz, der Vollständigkeit wegen, doch ist mein Herz bereits bei dem brennenden Gerippe eines Hauses, das noch vor Stunden mächtig und stolz in den Himmel geragt hat.
    „Akasha.“ Ich höre nicht auf meinen Namen, der mich wohl daran hindern soll, nach vorne zu gehen. Sasori könnte mich nicht aufhalten, nichts könnte das, und so erreiche ich die kleine Treppe und dann den Eingang oder eher das, was von ihm übrig ist. Die Hitze spüre ich kaum. Ich erinnere mich daran, wie ich in meinem Zimmer gestanden und mich im Spiegel betrachtet habe. Auch jetzt blicke ich mir selbst entgegen, gespiegelt in einer Fensterscheibe. Brandwunden bedecken meine Arme und meine Brust. Wie durch ein Wunder ist mein Gesicht heil geblieben, was ich von meinem Bauch nicht behaupten kann. Ich hätte sterben können, stelle ich fest und könnte mich nicht weniger dafür interessieren. Als würde alles gerade erneut vor mir geschehen, sehe ich das Monster in dem blutgetränkten Mantel mit den geschändeten Überresten meiner Familie nach draußen treten. Diesen Anblick würde ich nie vergessen, schwöre ich gleichermaßen, wie ich den Göttern meine Rache verspreche, ungeachtet dessen, ob sie mich auf meiner Reise begleiten würden oder nicht.
    Bei diesem Gedanken kommt mir die erste Träne.
    „Sie sind tot“, flüstere ich und wische mir mit einer verkrusteten Hand über den Mund, nur um angewidert vor dem Geruch und einer Schmerzwelle zurück zu setzten. Beinahe wäre ich über die Treppe gestürzt, doch stattdessen spüre ich eine Hand im Rücken. Sasori steht hinter mir.
    „Wir müssen dich verarzten“, bestimmt er, doch ich schiebe ihn vor mir weg. „Nichts müssen wir.“
    Er runzelt die Stirn. „Du hast Verbrennungen dritten Grades. Wenn in deinen Adern nicht Gottesblut fließen würde, wärst du jetzt tot.“
    Ich nicke. „Ja“, hauche ich dann, als hätte ich keine Kraft in den Stimmbändern mehr. Wortlos gehe ich an ihm vorbei. Er macht Anstalt, mich zu packen, besinnt sich dann aber auf meine Wunden.
    Das Monster ist entkommen. Einzig dieser Gedanke beherrscht mich gerade.
    „Wo willst du hin?“, ruft mir Sasori hinter her und ich höre seine Schritte hinter mir.
    Ich werde es ihm nicht erklären, meine Konzentration beschränkt sich auf die Richtung, die der Killer eingeschlagen hat, bevor er die Flammen um sich gerufen hat.
    „Er ist lange fort, Akasha.“ Sasori versucht es erneut und diesmal läuft er, um sich mir von vorne in den Weg zu stellen. „Du musst dich von mir verarzten lassen.“
    „Muss ich nicht.“ Ich habe ihn nicht anschreien wollen, aber dafür ist es jetzt zu spät. Ebenso für die Tränen, die sich in meinen Augenwinkeln gebildet haben. „Das hier“, ich strecke ihm meine geschundenen Hände direkt vors Gesicht, „wird mich daran erinnern, was ich tun muss. Hilf mir, ihren Mörder zu richten.“ Ich habe angefangen zu weinen. Meine Lippen, die ihn noch vor so kurzer Zeit geküsst haben, beben diesmal vor Schmerz und Wut.
    Bitte, bitte, hilf mir!
    Sasori hat die Stirn gerunzelt. Er scheint endlich zu begreifen, all mein Leid und meine Situation zu verstehen. In seinen Augen spiegelt sich das Inferno, das immer noch um uns herum tobt, überall dort, wo die Flammen Nahrung für sich finden. Der Rauch muss sich auch in seine Lungen fressen, denke ich nun und zum ersten Mal sehe ich in Sasori nicht den Schergen meiner Mutter, sondern einen Freund, der an meiner Seite steht.
    Doch der Augenblick wehrt nicht lange.
    „Du musst den Olymp retten“, sagt Sasori nun, und zwar mit vollem Ernst. „Das ist es, was du tun musst.“
    Er drückt meine Hände, die bereits bis zu seiner Brust hinab gesunken sind, vollends nach unten. Zittrig, abermals den Tränen nahe, entweicht die Luft meinen Lippen. Ich bin so töricht. Für einen Moment habe ich wirklich geglaubt, ich würde einen Menschen vor mir haben, doch viel weiter könnte ein Lakai der Götter von Mitgefühl und Verständnis nicht sein. Da ist nur Pflicht, nichts anderes würde daneben noch Platz finden.
    „Damit stehst du alleine“, sage ich, diesmal in gefasstem Tonfall. „Nichts werde ich für dich oder für Athene tun.“
    Im Bauch der Puppe habe ich das Senbon zum Glück liegen gesehen. Ich schwöre mir – darin bin ich heute schon geübt – dass ich ihn töten würde, wenn er versuchen würde, mich aufzuhalten. Doch das tut er nicht. Sasori lässt mich ziehen. Er sagt nichts, als ich an ihm vorbei schreite, geknickt, zerschunden und innerlich leer.
    Lady Kunieda hat mir immer gesagt, dass es eine große Aufgabe sein würde, die mich einmal in die Weiten des Reiches hinaus treiben würde. Heute weiß ich, dass die Moiren Recht behalten haben.

    11
    Tausend Dinge schießen mir durch den Kopf und nichts davon folgt einer geordneten Bahn oder gar einer sinnvollen Reihenfolge. Soll ich meinem Herzen noch weiterhin zu muten, all dem zu lauschen? Wie lange wird es wohl noch dauern, bis es in meiner Brust zerspringt und nicht mehr schlagen kann?
    Mein nächster Schritt ist der Letze auf dem Schotterpfad, bevor meine Beine endgültig unter mir nachgeben. Schmerz, Müdigkeit oder Verzweiflung? Irgendetwas von den drein wird schon der Auslöser dafür gewesen sein.
    Bis jetzt bin ich immer einem bestimmten Weg in meinem Leben gefolgt, zugegeben nicht immer in einer geraden Spur, aber doch mit Hingabe und eisernem Willen. Ich hatte ein Ziel, noch nie ist etwas für mich wirklich verloren gewesen und mir hat auch nie etwas gefällt. Jetzt ist das anders. Jetzt ist alles anders. Ich kann mich nicht mehr entscheiden. Was ist richtig? Was ist falsch? Ich habe hochtrabend verkündet, ich würde den Pfad der Götter verlassen und den Weg der Rache betreten, doch schon jetzt nach wenigen Stunden Fußmarsch durch die Nacht in Richtung Takumigakure, rät mein Verstand mir, vor Wut und Trauer nicht zu erblinden. Und ich bin klug genug, wenigstens darauf zu hören.
    Mein tränengeränderter Blick wandert gen Himmel, wo mir die Sterne und der Mond mit schier unerträglicher Helligkeit entgegen strahlen. Die wunden Fingern, auf denen sich mittlerweile ein hässliches Narbengebilde entwickelt hat, grabe ich dabei in die Erde und lausche atemlos den zahlreichen Stimmen der Natur um mich herum. Ich weine wieder, als meine Gedanken bei den elysischen Gefilden hängen bleiben.
    „Ihr Tod war nicht fair“, murmle ich schluchzend und wische mir die Tränen aus den Augenwinkeln. Kraftlos falle ich dann auf den Knien zurück, bette meine Hände in meinen Schoß und sehe mich leise weiter weinend um. Was will ich eigentlich in Takumigakure? Mir von Yoshihiro anhören, was ich ohnehin schon weiß? Dass Rache meine Probleme nicht lösen und mein Gewissen nicht beruhigen würde? Ich bin im Wald gewesen, als es passiert ist, und zwar mit einem verdammten Schergen der Götter, den ich ins Bett zu kriegen versucht habe. Diese Tatsachen ändern sich ebenso wenig wie jene, dass ich keine Erfahrung und noch viel weniger Talent dafür besitze, den Mörder meiner Familie zu finden, jetzt wo alle Spuren kalt und die Fährte längst verflogen ist. Wenn es denn überhaupt jemals eins von beiden gegeben hat. Das ist kein einfacher Mann gewesen, dessen bin ich mir sicher, und ich bin viel zu viel Mensch, um es bei seinem Versteckspiel mit ihm aufzunehmen.
    Die Bitterkeit, lässt meinen Tränenfluss versiegen, vielleicht auch mit Unterstützung von Müdigkeit und Frust. Und da ist es wieder soweit, ich sehe Sasoris Gesicht vor mir, kurz bevor er meine Bitte um Hilfe abweist. Neben deutlicher Pein, die mir die Kehle und gleichermaßen die Brust zuschnürt, taucht Verwirrung in mir auf. Ich erkenne plötzlich die Angst, die Sasori zu verbergen versucht hat, als würde man ein hauchdünnes Tuch vom Gemälde meiner Erinnerung ziehen und seine Details freilegen. Vor was hat er sich gefürchtet, frage ich mich, obwohl das wohl zu den kleinsten, unbedeutendsten Dingen gehört, um dich mich gerade sorgen sollte.
    Wenn ich klug bin – und das behaupte ich trotzallem immer noch von mir – dann sollte ich jetzt gerade eher auf die Präsenz achten, die sich um mich herum zusammen braut.
    Oder eher über mir.
    Binnen weniger Momente, in denen ich mit zugekniffenen Augen dem Firmament entgegen gestarrt habe, hat sich über mir ein Wolkengeflecht gebildet, dass so düster und unheilschwanger den Himmel einnimmt, als hätte es die Schwärze des Universums in sich vereint. Doch da, ganz schwach im Zentrum, sammelt sich langsam ein helleres blaues Licht, wie ein täuschender Hoffnungsschimmer. Täuschend deshalb, weil der erste von Zeus Blitzen kaum einen Wimpernschlag später mit einer derartigen Gewalt neben mir einschlägt, dass es neben einem ohrenbetäubenden Donner nur noch ein gewaltiges Loch im Boden gibt, das noch mehr auf blanke Wut und einen Kampf auf Leben und Tod schließen lässt.
    Trotz fehlender Kraft und mit Sicherheit getrieben von einem uralten Überlebensinstinkt, rapple ich mich auf die Beine und beginne zu laufen. Der Wald ist schon vor gut einem halben Kilometer flachen Reisfeldern gewichen und es bedarf keiner genaueren Inspektion, um festzustellen, dass ich weit und breit der höchste Punkt überhaupt bin.
    „Komm schon, Akasha“, keuche ich laufend. Es ist jetzt nicht unbedingt ein guter Zeitpunkt, um den Menschen in sich raushängen zu lassen. Doch ich werde nicht schneller, so sehr ich mich auch bemühe.
    Der Blitzhagel beginnt. Neben einem Wolkenbruch an Regen ist das mehr als nur ein ausreichendes Zeichen, um mir klar zu machen, dass der Göttervater Zeus gerade eben im Olymp sein Ende gefunden hat, und dass seine geballte Kraft aus vielen Jahrtausenden nun zurück in die Atmosphäre fließt. Die Erde würde beben und brennen angesichts dieses Verlustes, ich kann die Erfüllung dieser Voraussagung vor mir sehen, als hätte man mir die Zeilen eingraviert. Diese verdammten Götter, selbst im Tod machen sie einem nichts als Ärger!
    Endlich habe ich einen Lichtblick. Vor mir, wenn auch unscheinbar, taucht eine Brücke über einem trockenen Flussbett auf. Ich rase darauf zu, ohne wirklich über einen Plan nachgedacht zu haben, sichtlich in der Gewissheit, dass mein Leben davon abhängt. Man müsste meinen, dass einem diese Aussicht genug motivieren würde, um das beste aus sich heraus zu holen und tatsächlich hätte ich es auch fast geschafft. Es hätten nur noch zwei Meter gefehlt und die Energieladung wäre hinter mir in die Wiese eingeschlagen. Ich habe es gespürt, kurz bevor es so weit gewesen ist und mich zum zweiten Mal in dieser Nacht auf meinen Tod vorbereitet. Und dieser läutet seine Tributforderung mit einer grauenhaften Schmerzwelle ein, die in meinem Rücken beginnt. Ist mein Körper zuerst taub geworden, bevor mein Herz ausgesetzt hat oder ist es doch anders herum gewesen? Ich kann es nicht sagen, doch die Wucht des Blitzes schleudert mich hochgradig in das angrenzende Flussbecken, wo ich reglos liegen bleibe. Meine Welt wird schwarz, wenn auch nicht für lange und ich der Ausspruch „Nicht sicher zu sein, wo einem der Kopf steht“, dürfte momentan mehr als nur zutreffend für mich sein. Wenigstens ist der Schmerz fort, einzig die Taubheit ist noch da und dazu kommt ein Hauch von Verwirrung, die schon bald von blankem Entsetzen abgelöst wird. Ich habe die Augen aufgerissen, tue es damit meinem Ebenbild gleich, das neben mir im Graben liegt. An mir hinabzuschauen ist nicht notwendig, um zu begreifen, dass ich außerhalb meines Körpers liege und meinen Herzschlag vermisse, der jetzt gerade wie die Flügel einer Libelle mein Blut zu einem Höhenflug treiben sollte.
    Noch habe ich das Geschehene nur rege realisiert und starre wie gebannt auf die blauen Funken, die auf meinem Rumpf einen Freudentanz aufführen. Ich will atmen, irgendetwas tun und spüren, das mir vertraut vorkommt, doch bevor sich der deftige Fluch in meinen Gedanken gebildet hat, schnappt mein totes Ich neben mir plötzlich rasselnd nach Luft. Meine Umgebung verschwimmt, ein Stich, der sich wie ein elektrischer Schlag anfühlt, krampft mein Herz zusammen, als würde ich erneut zum Sterben ansetzten, nur dass ich mich diesmal krümmen und winden kann, definitiv als Herrin meiner Muskulatur. Absolut schockiert, und das deutlich mit Recht, starre ich auf meine Hände, die blau zu leuchten beginnen. Ein Zwitschern, wie ich es zuletzt in Kakashi Hatakes Gegenwart bei seinem Chidori vernommen habe, ertönt im Graben und um das Epizentrum der Blitzkugeln, die früher einmal meine Arme gewesen sind, sammelt sich sämtliches Chakra, das in meiner Umgebung zu finden ist.
    Angst hat seinen Weg zurück zu mir gefunden und lässt mich wimmern. Bis heute Abend habe ich nicht einmal gewusst, dass ich dazu überhaupt im Stande bin und nun kann ich gar nicht mehr damit aufhören, als ich mich mechanisch aufrichte und schüttelnd versuche, die Energie von mir abzulenken. Es wird heller um mich herum. Jeder einzige Fleck in meinem Umfeld ist in grelles Blau getaucht und irgendwann bin ich dazu gezwungen, die Augen der Intensität Willen zu schließen.
    Kurz danach ist alles vorbei. Das Zwitschern hört auf, jenseits meiner Lider scheint Dunkelheit zurück gekehrt zu sein und das Kribbeln auf meiner Haut legt sich. Vorsichtig spicke ich zwischen meinen Wimpernreihen hindurch, nicht bereit noch einen weiteren Schock zu ertragen. Doch die Nacht ist absolut still, der Regen – den ich nebenbei bemerkt nicht einmal gespürt habe – ist nur noch an den feuchten Stellen der Erde und am Glitzern der Wiesen zu sehen und das Wolkenmeer über mich hat sich gelichtet. Außerdem sind meine Hände wieder normal. Ich kann nicht anders, als erleichtert, wenn auch etwas hysterisch, aufzulachen. Erleichterung ist das Letzte, das ich in meiner Lage verspüren sollte, doch ich lasse mich mit Freude im Sinne der Anklage für schuldig sprechen, denn ich lebe und Gott verdammt, ich bin froh darüber.
    „Hey, du da! Geht es dir gut?“
    Erschrocken und abermals der Atemnot nahe, erkenne ich, dass jemand auf der Brücke aufgetaucht ist und mich entdeckt hat. Es sind zwei junge Männer, der linke ist blond und trägt Kleidung in Orange und Schwarz, der andere hat kurzes, schwarzes Haar und steckt beinahe von Kopf bis Fuß in einem moosgrünen Trainingsanzug. Ich kenne keinen von beiden, das weiß ich, weil ich mir die markanten, momentan zusammengezogenen Augenbrauen des rechten Fremden bestimmt gemerkt hätte.
    „Du da im Graben, geht es dir gut, habe ich gefragt? Bist du taub? Hast du dich am Kopf verletzt“, wiederholt sich der Blonde zum Teil und setzt über die Brücke hinweg.
    „Ach, Naruto. Von Taktgefühl mal wieder keine Ahnung“, seufzt unterdessen der Andere, ohne dass ich bemerkt hätte, wie seine Lippen sich bewegt haben, und stemmt die Hände in die Hüfte.
    „Naruto?“, wiederhole ich leise. „Naruto Uzumaki?“
    Der junge Mann, der bis jetzt zielstrebig auf mich zugehalten hat, bleibt abrupt stehen. Er wirkt genauso verwirrt wie ich und ich kann es ihm nicht einmal übel nehmen. „Ja“, stimmt er mir zu und beginnt sich den Hinterkopf zu kratzen. „Kennen wir uns?“
    „Tsunade hat dich mal erwähnt“, murmle ich gedankenversunken und schaue zu Boden. Wenn ich mich recht erinnere, hat sie gesagt, dass das der Junge wäre, der später einmal Hokage werden würde. Ist das also der Kage von Konohagakure? Ich schaue zu ihm auf und weiß noch in gleicher Sekunde, dass ich mir das schwer vorstellen kann.
    Naruto betrachtet mich nachdenklich. „So ein Mist aber auch, kann es sein, dass ich das Mädchen kenne? Schnell, Naruto, denk nach oder lass dir zumindest einen Namen für sie einfallen, bevor sie merkt, dass du keine Ahnung hast…“
    Meine Stirn legt sich in Falten. Ich bin mir zu hundert Prozent sicher, dass keine einzige dieser Silben seinen Mund verlassen hat. Zur Sicherheit behalte ich ihn jedoch im Auge, als er mehrere Namen durchgeht und stehe langsam dabei auf. In meinen Adern kribbelt es, als würden sich Ameisen durch meinen Kreislauf bewegen. Als ich den Blondschopf schließlich an den Schultern packe und dabei immer noch nicht sehen kann, wie sich seine Lippen bewegen, während er mich – anscheinend nur für mich deutlich zu hören – für verrückt erklärt, bin ich mir meiner Vermutung absolut sicher.
    „Verdammte, Schei*“, keuche ich erschrocken und weiche wie gebissen zurück. Ich starre Naruto an, als hätte er das Problem und nicht unmissverständlich ich selbst, doch das hält ihn leider nicht davon ab, leicht irritiert von mir in Kampfstellung zu gehen. Lee – den Namen habe ich gerade in den Gedanken seines Missionspartners aufgeschnappt – steht schon an seiner Seite.
    Wäre mein Herz im Durchdrehen nicht bereits geübt, ich bin mir sicher, mein Blutdruck würde irgendwann erschöpft in den Keller sacken. Wieder schießen mir tausende an Gedanken gleichzeitig in den Kopf, doch nur eine scheint momentan von Bedeutung zu sein. „Ihr seid Ninja aus Konohagkure“, erkenne ich etwas verspätet und recke meiner Idee Willen verbissen das Kinn, als würde ich nicht kurz vor einem Kollaps stehen. „Ihr müsst mich zu Tsunade bringen, jetzt sofort.“ Und am besten, bevor ich noch in weitere Schwierigkeiten komme.

    12
    Ich weiß nicht, was erniedrigender ist: mich von Rock Lee nach Konohagakure tragen lassen zu müssen oder dort im Hokageturm nach einem erfolgreichen Durchsetzten meiner Privatsphäre doch noch um Hilfe bitten zu müssen, weil mir die Stiegen der Treppe wortwörtlich immer näher gekommen sind. Würde nicht eine Zweitagesreise und Strecken von purem Sonnenlicht ohne Blutzufuhr hinter mir liegen, hätte ich vielleicht noch Kraft, mich darüber zu ärgern.
    „Danke“, sage ich leise, als Lee mich erfolgreich zur Türe vom Hokagebüro geleitet hat.
    „Soll ich mit…“, fragt er, doch mit einem eindeutigen „Nein!“, weise ich ihn zurück. Er und Naruto haben mich mitgenommen, weil ich fürchterlich und hilfebedürftig ausgesehen habe, nach Konoha habe ich es aber schlussendlich nur geschafft, weil die Familie Kunieda Lee nicht unbekannt gewesen ist. Man hat von mir gehört, nur wie viel, beginne ich mich zu fragen.
    Ich atme schwerfällig. Schweiß steht auf meiner Stirn. Ohne zu klopfen betrete ich den Raum, in dem ich wirkliche Hilfe erwarten kann. Tsunade ist zwar da, aber wie Lee mir bereits anvertraut hat, ist der grauhaarige Mann mit der Gesichtsmaske im Hokagesessel mittlerweile an ihre Stelle zum Oberhaupt des Dorfes geworden und dieser ist kein Fremder für mich.
    „Kakashi Hatake.“ Meine Begrüßung klingt fast nach einem Fluch, obwohl er das nicht hätte werden sollen.
    Beide Hokage fahren zu mir herum.
    „Akasha“, erkennt mich Tsunade sofort wieder und an ihrem Blick kann ich Schock und sogar einen Anflug von Entsetzten erkennen. Ein trockenes Lachen entweicht meiner Kehle, dann schlage ich die Türe hinter mir zu.
    Mein Bericht, der detailgenauer nicht hätte sein können, dauert eine halbe Stunde. Einzig das Hirngespinst, die Gedanken von Naruto gelesen zu haben, nachdem ich mir eingebildet habe, gestorben zu sein, bleibt mein Geheimnis. Ich muss mir nicht auch noch ein Trauma nachreden lassen.
    „Ich muss dieses Monster finden“, sage ich nach einer langen Schweigepause geradewegs heraus. „An deiner Miene, Kakashi, erkenne ich, dass das Wesen dir nicht unbekannt ist.“
    Kakashi wirkt verbissen, doch er nickt schließlich. „Er ist ein Killer, der kurz nach dem Krieg im Feuerreich aufgetaucht ist. Seine Methode ist immer die gleiche, ebenso das Fehlen von Motiven. Keiner hat ihn bis jetzt gefunden.“
    Ich schnaube vielsagend. „Das wird sich jetzt ändern.“ Mit neuer Kraft stelle ich mich auf ein Bein und streife mir einen meiner Stiefel ab. Ich drehe ihn über Kakashis Schreibtisch um und es fallen mehrere Goldmünzen heraus. „Ich bin ein zahlender Kunde. Findet ihn für mich“ Auch die letzte Münze kommt klappernd am Holz auf und Kakashi hindert sie gelassen daran, neben ihn über die Tischplatte zu rollen. Aus dem Augenwinkel bemerke ich, dass Tsunade sich mittlerweile einen Ärmel hochgekrempelt hat und sich mit einer Binde den Oberarm umwickelt. Ich muss nicht erst fragen, was sie als nächstes zu tun gedenkt und ich würde das Angebot sicher nicht abschlagen.
    Der neue Hokage betrachtet mich lange, für das Gold interessiert er sich augenscheinlich wenig. „Okay“, willigt er schließlich ein und bis dahin hab ich gar nicht gemerkt, dass ich die Luft angehalten habe. Endlich, jemand der mir mit Vernunft begegnet!
    Wir führen das Gespräch noch eine Weile weiter, unterbrechen nur kurz, um meine etwas unsittlichere Nahrungsaufnahme über die Bühne zu bringen und halten uns zu meiner Erleichterung fasst schon auffällig gut vom Thema „Götter“ fern. Ich würde bei Tsunade unterkommen, bis man meinen Auftrag erledigt hat, wobei ich nicht weiß, wen man darauf ansetzt. Generell muss ich sagen, dass ich es ein wenig zu leicht gefunden habe, Kakashi, eher aber Tsunade zu einer Hilfe zu überreden. Angesichts dessen, was wir über den Killer wissen, hätte ich vor allem bei meiner ehemaligen Lehrmeisterin angenommen, dass sie Tartarus und elysische Gefilde in Bewegung setzten würde, um mich – einen wichtigen Trumpf im Kampf gegen den Schatten – in Sicherheit zu wissen. Ich bin demnach skeptisch und auch misstrauisch, was unausweichlich die Erinnerung an eine Warnung in mir aufkeimen lässt: Mein Vertrauen würde bestraft werden. Aber ist es das nicht schon?
    Alleine mit dieser Frage dürfte ich das Schicksal wohl herausgefordert haben, denn als ich in der nächsten Nacht nach einer langen Schlafperiode auf dem Dach eines Hochhauses liege und nachdenklich meine Narben betrachte, sehe ich im Augenwinkel, wie mein Schatten sich erhebt.
    „Es ist Zeit, Akasha“, raunt das Wesen, das meine Mutter geschickt hat, auffordernd, aber ich reagiere nicht. „Ich bin hier, um dir deine Aufgabe zu verkünden. Unser Göttervater Zeus hat sein Leben gelassen, nun ist es an der dir, der nächste Generation, den Schatten zu besiegen.“
    Meine Mundwinkel heben sich, aber Freude treibt sie nicht dazu. „Wie ist dein Name?“
    Ich muss mich nicht umdrehen oder nach einer fehlenden Mimik suchen, um zu merken, dass meine Frage die Schattengestallt nach seiner Ankündigung überrascht. „Nenne mich, wie du willst“, antwortet man mir, zugegeben auch nicht das, was ich erwartet habe.
    „Namen haben Macht“, erkläre ich ruhig. „Du solltest sie nicht so einfach in andere Hände legen, wenn du die Wahl hast, aber gut: Chie, das bedeutet Weisheit und könnte dir gut tun.“
    Chie setzt sich neben mich auf das Dach. Sofort erinnere ich mich daran, wie ich neben mir in diesem Graben gelegen habe und kann nicht anders, als das Wesen zu betrachten. „Ihr seid nicht die ersten Götterkinder, Akasha“, beichtet man mir plötzlich. Erst, als ich nach langem Warten zu nicken beginne, wagt es Chie wieder zu sprechen. Sie hat etwas erkannt, was mir die Schärfe ihres Verstandes deutlich vor Augen führt. „Du hast davon gewusst?“ Sie ist abermals überrascht.
    Wieso sollte ich es bestreiten? „Ich bitte dich“, lache ich freudlos. „Wir sind Meerschweinchen in einem Versuchslabor, keine Auserwählten. Es wäre ziemlich dumm und naiv zu glauben, dass wir wirklich etwas besonders für die Götter sind und außerdem währt die Herrschaft des Schattens über den Olymp schon lange. Niemand kann mir glaubhaft machen, dass Athene und die anderen Götter erst vor zwei Jahrzehnten auf die Idee gekommen sind, Nachkommen für ihre Zwecke zu züchten… Was ist mit ihnen passiert? Mit der ersten Generation meine ich?“
    Auch ich dürfte meinen Scharfsinn bewiesen haben und so erzählt mir Chie von einem einsam gelegen Dorf, in dem einst viele Halbgötter zusammen mit einer Handvoll verbliebener Götter gelebt haben und auch davon, wie der Schatten sie gefunden und sie alle samt vernichtet hat. Alle bis auf drei. Der älteste Sohn des Zeus, der Sohn des Poseidon und ein Sohn des Hades.
    „Ihre Väter haben sie mit aller Kraft vorm Schatten versteckt gehalten. Die Macht, die dazu nötig war, schützt die Söhne jedoch nicht nur vor unserem Feind, sondern auch vor den Göttern selbst. Du bist dazu auserwählt, den Sohn des Poseidon zu retten und deinen Tribut für die Rettung des Olymps zu leisten.“
    Ha! Ja, ganz bestimmt.
    „Danke, aber nein danke“, murmle ich und erhebe mich. Ich eile nicht, als ich vom Dach springe, da ich weiß, dass Chie mir ohnehin nachkommen würde. Tatsächlich steht sie auch schon an der nächsten Hausecke. „Du kannst deinem Schicksal nicht ewig entfliehen, Akasha. Tu es für dich und die Götter“, drängt sie.
    „Das du um diese Uhrzeit noch so geschwollen quatschen kannst“, spotte ich vielsagend und gehe ungehindert an ihr vorbei, während ich an meinen neuen Handschuhen herum zupfe. Sie sind wieder dunkelrot, doch ich habe darauf geachtet, dass sie im Licht blutrot schimmern. Armstulpen werde ich mir auch noch zulegen, nicht aber, um die Narben zu verdecken.
    „Warte!“, Chies Befehl klingt wie der Auftakt einer Verhandlung und tatsächlich macht sie mir ein Angebot: „Wenn du dich deiner Aufgabe stellst, werde ich dich zum Mörder deiner Familie führen und ich werde dir helfen, ihn zu töten. Du weißt, dass ich zu beidem in der Lage bin.“
    Nein, woher denn auch? Aber irgendetwas an ihrer Entschlossenheit bringt mich dazu, ihr zu glauben. Mein Hinterkopf warnt mich jedoch sofort, „Akasha, der Grad von Glaube zu Vertrauen ist schmal“, schreit er mir förmlich zu.
    Ich überlege lange, wiege alles ab, was es an Pro und Kontra zu überdenken gibt. Schließlich wende ich mich um und versuche Chie auf Augenhöhe zu begegnen. „Glückwunsch“, gratuliere ich, „damit hast du dir deine Halbgöttin gesichert… Also, wo finde ich diesen Poseidon-Junior?“ Mein Tatendrang hält sich immer noch in Grenzen.
    „Das weiß ich nicht“, sagt das Wesen unerwartet. Ist das sein Ernst? „Die Moiren haben prophezeit, dass du, die Tochter der Athene, dieses Wissen durch die Verbundenheit mit dem Universum erlangen würdest. Athene denkt, dass du mit der verstorbenen Seele Poseidons Kontakt aufnehmen würdest.“
    Zum ersten Mal in meinem Leben knirsche ich mit den Zähnen, was genauso schmerzlich ist, wie ich es mir vorgestellt habe. „Sehe ich etwa so aus, als wäre ich besonders spirituell?“
    Diesmal sehe ich es deutlich, Chie lächelt. „Ich glaube an dich, Tochter der Athene! Du wirst den Weg schon finden. Wir sehen uns wieder!“
    „Warte!“ Ich schaffe es nicht, das Wesen davon abzuhalten, wieder zu meinem leblosen Schatten zu werden. Unnötigerweise blicke ich nach links und rechts und stoße dabei einen Fluch nach dem anderen aus. Eine Gruppe Fremder - eindeutig müde und gerade erst heimkehrende Shinobi - kommt mir plötzlich entgegen und mustert mich, am allermeisten aber meine Narben, tuschelnd. Schnell wende ich mich ab und marschiere zurück zu Tsunades Wohnung. Im Gehen betrachte ich meinen Bauch und fahre über die zerstörte Haut. „Ich war nie eitel“, murmle ich, abermals in einer Erinnerung gefangen, die mich schlussendlich zurück zu Sasori führt. Wo er wohl gerade steckt? Sollte ich es mir verbieten an ihn zu denken, wenn die Gefühle dabei doch gleichzeitig so schön bitter und süß zugleich sind. Ich wünsche mich zurück an seine Seite, zurück in das Anwesen der Kuniedas und zurück in all die Momente, wo ich mit dem Puppenspieler gezankt habe. Ich schätze, dass ich noch ein Kind gewesen bin, zumindest, wenn ich jetzt mein Verhalten überdenke. Nun bin ich erwachsen, fühle mich um Jahrzehnte gealtert und vermisse alles, was ich noch vor wenigen Tagen gehabt habe. Wie undankbar ich doch gewesen bin.
    Der nächste Tag kommt schneller, als ich erwartet habe. Ich will zu Kakashi und ihm sagen, dass er das Geld behalten, aber seine Ninja zurück pfeifen kann. Doch statt dem Hokagen finde ich jemand ganz anderes vor: Kankuro, den Bruder von Gaara.
    Fast schon aus Gewohnheit schließe ich die Türe des Kagebüros mit einem Ruck, obwohl es zuvor noch offen gestanden hat. Jetzt erst bemerkt mich der Puppenspieler. „Akasha?“, man reagiert anscheinend gerne überrascht angesichts meiner Anwesenheit. „Was tust du hier? Und wie siehst du aus? Sind das Brandnarben?“
    Seufzend Rolle ich mit den Augen. Auch ihm erzähle ich schließlich, was vorgefallen ist. An der Stelle mit den abgetrennten Köpfen meiner Familie wird er blass, eine kalkweiße Farbe nimmt er aber erst an, als ich zu meiner Rettung durch Sasori komme. „Ein Puppenspieler?“, fragt Kankuro stirnrunzelnd.
    Ich nicke. In meiner Redelaune hätte ich ihm beinahe auch noch gesagt, dass dieser von meiner Mutter, der Göttin Athene, gesandt wurde, aber zum Glück besinne ich mich schnell darauf, dass nur eine Handvoll an Menschen dieses Geheimnis kennen, und dass das vorzugshalber auch noch etwas länger so bleiben kann. „Ja. Er hat eine Zeit lang bei uns gewohnt. Er wollte mir seinen Namen nicht sagen, also habe ich ihn Sasori genannt, du weißt schon, wie der Puppenspieler, von dem du mir mal erzählt hast. Der, der euren Kazekagen umgebracht hat.“
    Kankuro erinnert sich nur zu gut daran, doch warum er gerade aussieht, als hätte er einen Geist gesehen, weiß ich nicht. „Was ist los?“, will ich deshalb wissen. „Was geht dir durch den Kopf?“
    Gaaras Bruder überlegt und will abwinken, bevor ihm offensichtlich klar wird, dass er eigentlich gerne darüber reden würde. „Ich habe doch erwähnt, dass ich die Leiche des Akatsukis damals mitgenommen habe oder? Und auch, dass sie mir nach dem Krieg gestohlen worden ist?“
    Ich nicke. „Ja, und weiter?“
    „Sie ist angeblich wieder aufgetaucht – lebendig. Zumindest behauptet man das gerade in Sunagakure. Einer unserer Truppen ist vor zwei Wochen aufgeregt aus dem Feuerreich zurück gekommen und hat lautstark verkündet, dass sich der Schlund zur Hölle geöffnet und Sasori ausgespukt hat. Ich halte das Ganze für lächerlich, aber da gleichzeitig Dutzende versiegelte Puppen aus dem Archiv von Sunagakure verschwunden sind, bin ich hier um der Sache nachzugehen.“
    Ein ungutes Gefühl kommt in mir hoch. Ich stoße ein kurzes Lachen aus und verschränke die Arme vor der Brust, als könnte mich das in irgendeiner Weise beruhigen. „Du hast Recht, das Ganze ist lächerlich, es sei denn du glaubst daran, dass die Unterwelt einen ihrer Toten einfach so wieder hergeben würde.“ Nur in meinen Ohren klingt der Sarkasmus deutlich hervor, Kankuro denkt offensichtlich, ich würde es ernst meinen.
    „Meine Rede“, stimmt er mir zu, „aber Befehl ist Befehl und ich muss der Sache nachgehen. Ich habe vorhin schon mit Kakashi darüber gesprochen, aber der ist ja jetzt weg. Irgendein Notfall nahe bei Konoha.“
    Das Wort „Notfall“ passt an dieser Stelle wie angegossen. Hinter Kankuro am Fenster taucht nämlich gerade absolut unerwartet ein mir bekannter Ninja auf, der mir zuwinkt, als wäre er nicht gerade in feindliches Gebiet eingedrungen und könnte jederzeit entdeckt und exekutiert werden.
    „Ja“, sage ich mit weit geöffneten und Augen und packe Kankuro an der Schulter, als er meinem schockierten Blick folgen will. „Und weißt du, das ist ein großes Problem für mich. Wie wäre es, wenn du mir helfen würdest, ihn zu suchen?“ Ich schiebe den Puppenspieler zur Türe hinaus und rede unentwegt auf ihn ein, bis wir das Ende der Treppe erreicht haben. Dort tue ich dann so, als hätte er mich davon überzeugt, dass mein Anliegen keine Eile hat und Kakashi schon noch rechtzeitig zurück kommen würde, damit ich die Mission ohne Verluste für Konoha abbrechen könnte. Meine Schauspielerei ist miserabel, aber ich glaube daran, dass Kankuro es auf das Chaos der letzten Tage schieben und nicht genauer nachfragen würde. Als ich ihn schließlich endgültig losgeworden bin, eile ich in die nächstbeste Seitengasse und hoffe, nein, bete, dass der unerwünschte „Gast“ Konohas, so klug sein würde, mich im Auge zu behalten.
    „Was zum Teufel tust du hier?“, fahre ich Suigetsu im Anschluss an und drück ihn gegen die nächstgelegene Wand, wo er die Hände hebt und neben meinem Kopf kooperativ präsentiert. „Hey, hey, hey! Wie wäre es mit ein wenig Dankbarkeit, ich habe drei Tage gebraucht, um dich zu finden, was verschlägt dich nach Konoha?“ Seine Gelassenheit macht mich fertig. Während ich provokant die Luft ausstoße, lasse ich ihn los und schwöre mir in dieser Sekunde, die Geschehnisse der letzten Tage kein weiteres Mal zu wiederholen. „Hast du sie?“, frage ich stattdessen und komme direkt zur Sache.
    „Wäre ich sonst zu dir gekommen?“, erwidert der Haimann lächelnd. Ich rolle bloß mit den Augen. Was jetzt kommt, bereitet mir eine Flaue im Magen. Ich greife nach dem Senbon, das wieder in meinen Haaren steckt und übergebe es ihm, nachdem ich mich eindeutig vergewissert habe, dass uns niemand, noch nicht einmal die Götter, belauschen könnte. Sicherheitshalber ziehe ich aber einen Zettel hervor und schreibe die nächste Anweisung auf: „Bringe das hier zusammen mit der Schriftrolle zu Yoshihiro. Er wird tun, was ich dir versprochen habe. Er wird die sieben Schwerter aus Kirigakure mit dem Senbon verbinden und eine ultimative Waffe daraus schmieden. Sei vorsichtig.“ Die Warnung gilt auch für mich selbst. Ich habe das Senbon mit meinem Blut verbunden, eine alte Technik, die ich von Yoshihiro gelernt habe. Wenn mich der Schwerkämpfer hintergeht, würde ich die Waffe zerstören, das steht in meiner Macht.
    Als Suigetsu nickt, forme ich Fingerzeichen und die Nachricht geht in Flammen auf.
    „Und wenn du damit alles getan hast, was du tun willst, bekomme ich es, nicht wahr?“, hakt Suigetsu nach.
    Ich nicke zaghaft. „Ich habe dir versprochen, dass du bekommen wirst, was du dir mit Mühen verdienst hast und ich halte mein Wort. Immer.“
    Wieder ein Lächeln. Wieso zum Teufel fällt das den meisten Shinobis nur so unglaublich leicht?
    Suigetsu salutiert noch kurz mit zwei Fingern an seiner Stirn, bevor er sich sein lila T-Shirt glatt streicht und verschwindet. Ich hoffe für ihn, dass er es heil aus Konoha raus schafft, andernfalls würde ich ihn der natürlichen Selektion zu Liebe an Ort und Stelle erwürgen.
    Immer noch kämpft mein Magen mit leichtem Übel. Wieso denke ich, dass alles, was ich mir vorgenommen habe, leichter einstürzen könnte, als ein Kartenhaus im Wind? Vielleicht, weil die Erfahrung mir bewiesen hat, dass nur Narren darauf vertrauen, dass alles nach Plan verläuft? Gut möglich!
    Kopfschüttelnd verlasse ich die Seitengasse. Meine Nerven haben sich kaum beruhigt, als hätten sie geahnt, dass sie heute auf Hochtouren arbeiten müssten. Jede Faser meines Körpers beginnt zu kribbeln, als würde die Energie von Zeus Blitz mich erneut gefangen nehmen. Ich wende mich um und gehe ohne Grund in die andere Richtung. Etwas scheint mich schier magisch anzuziehen und nach zwei weiteren Gassen erfahre ich schließlich warum, nicht aber wie: Ich höre Sasoris Stimme. Wie angewurzelt bleibe ich stehen, als ich ihn sehe, hier mitten in Konohagakure. Das Bedürfnis, meinen Beinen die Annährung zu erlauben, zwinge ich nieder. Wut und Schmerz verdrängen die leichte Freude, die ich kurz empfunden habe und weichen wiederum einer gewissen Neugierde, als ich bemerke, wie ein junger Mann schnurstracks auf den Puppenspieler zu hält und dieser ihn betrachtet, als hätte er ihn erwartet. Der Mann hat langes, sehr dunkles Haar und weiße Augen ohne Pupillen. Ich weiß sofort, dass er ein Hyuga und damit mit mir verwandt ist und allein das hätte mich schon weiter an die Mauer getrieben, dir mir jetzt Sichtschutz bietet. Ich bin froh, dass die Sonne schon tief steht und mich nicht blenden kann, ich würde ungerne auch nur einen Moment von dem verpassen, was da passieren könnte.
    „Ihr habt hier nichts verloren!“, grollt der Hyuga und scheint verleitet, sich das Haar zu raufen.
    „Wir werden hier aber Rast machen“, antwortet Sasori und sofort frage ich mich, wer mit „Wir“ gemeint ist. Wenn ich es nicht besser wissen würde, könnte ich fast meinen, der Rothaarige würde versuchen, sein Gegenüber zu provozieren oder missverstehe ich seinen Tonfall?
    „Du weißt genauso gut wie ich, dass das viel zu gefährlich ist“, brummt wieder der andere. Seine Stimme ist nur eine Spur tiefer als die von Sasori, doch beide vermitteln denselben, unverkennbaren Respekt. Gruselig, wenn man mich fragt.
    Sasori zuckt mit den Schultern und ich finde es schade, dass er mir den Rücken zugewandt hat, da ich sein Lächeln vermisse … Momentmal, was?
    „Es wäre nur gefährlich, wenn die beiden sich begegnen würden. Also sorgen wir einfach dafür, dass das nicht passiert.“ Sasori wirkt sich seiner sicher, was den Hyuga schier zu Weißglut treibt.
    Plötzlich kann ich leise Schritt hören. „Um welche ‚beiden‘ geht es?“, fragt eine eben aufgetauchte junge Frau, ich würde sogar meinen, sie ist in meinem Alter. Ich kann nicht anders, als sie kurz mit offenem Mund anzustarren. Sie ist unglaublich schön. Ohne es wirklich zu wollen, finde ich mich hinter Sasori direkt auf der Straße wieder. Meine Deckung habe ich aufgegeben, jetzt steige ich in das Gespräch mit ein. „Das würde ich allerdings auch gerne wissen“, verkünde ich laut und Sasori fährt herum, als er meine Stimme wiedererkennt. Er wirkt sichtlich überrascht, meine Aufmerksamkeit bekommt er jedoch nicht, diese gehört einzig und alleine der Fremden mit den kurzen, schwarzen Haaren. Ich blicke sie an – ich sehe ihr direkt in die Augen und kurz verschwimmt meine Sicht, als wäre ich der Ohnmacht nahe. Bilder und Gedanken tauchen vor mir auf und ich reiße entsetzt die Augen auf.
    Töricht ist noch gar kein Wort, um mich zu beschreiben, da ich das mächtige Chakra meines Gegenübers erst jetzt wahrnehme. Nun fällt es mir wie Schuppen von den Augen und ich weiß, dass es der Frau – Akantha ist ihr Name – genauso geht. Sie ist eine Halbgöttin, die erste andere meiner Art, die ich je getroffen habe.

    13
    Hätte ich in den letzten Tagen nicht mehrmals den Schreck meines Lebens bekommen, mir wäre jetzt gerade wohl die Unterpartie meines Kiefers entglitten. So aber trete ich nur perplex einen Schritt zurück und schnappe unhörbar nach Luft. Eine andere Halbgöttin – ich kann es gar nicht fassen! Aber wieso jetzt? Wieso nicht früher oder doch besser später? Ich habe so viele Fragen; generell gibt es so viel zu bereden und für nichts davon scheint gerade der richtige Zeitpunkt zu sein.
    „Neji, wir müssen hier weg!“ Unerwartet straft Akantha mich kurz und knapp mit einem düsteren Blick, der ihrem Tonfall und ihren Worten nach zu urteilen aber eher dem Hyuga gelten soll, welcher in diesen Vorschlag nickend mit einstimmt.
    Mein erster zielgerichteter Gedanke ist aber ein ganz anderer. „Nein, warte!“, rufe ich überrascht und setzte auf Akantha zu, die diese Handlung mit gerunzelter Stirn entgegensieht, als würde eine widerliche Spinne auf sie zu halten. „Du bist auch eine Halbgöttin!“, was sie natürlich weiß, Akasha, darauf hätte man sie nicht hinweisen müssen, aber im Grunde ist das ja auch erst der Anfang meiner Erklärung, dem ein Fluch folgt, welcher diesmal aber nicht von mir kommt. In einem Anflug von Déjà-vu horche ich konzentriert in mich hinein und merke, dass ich Akanthas Gedanken hören kann. Nur kurz frage ich mich schluckend, ob meine Halluzination von Neuem beginnt, doch ich erkenne schnell, dass sich dieses Hirngespinst diesmal nur auf eine einzelne Person beschränkt und es eben dieser wie mir geht – auch Akantha dringt in meinen Kopf ein. Während ich jedoch aufgeregt mehrere Fragen gleichzeitig bilde, hat sie einen klaren Standpunkt, wie unsere weitere Interaktion verlaufen würde: Nämlich gar nicht mehr. Sie hat nur ein einziges Ziel, und das ist, so schnell wie möglich von mir wegzukommen. Es hat mich selten jemand von Anfang an nicht leiden können, was mich nicht wirklich kränkt, mir aber auch nicht wirklich gefällt, selbst dann nicht, wenn ich erkennen kann, dass diese spontane Antisympathie auf meine Mutter zurück zu führen ist. Akantha fürchtet den Schatten und seine Macht, uns zu finden. Sie denkt, er würde auf unsere Spur kommen, vielleicht sogar durch die spontane Verbindung, die wir gedanklich gerade aufgebaut haben. Mir soll das nur Recht sein, denke ich mir - eine Überlegung, die ich vor der Halbgöttin verberge, die sich gerade abwendet und gehen möchte. Schon zu oft habe ich in den letzten Tagen jemanden ziehen lassen, diesmal wird es anders sein.
    Als ich nach vorschnelle und den Arm der Frau packe, schwillt ihr Chakra bedrohlich an, obwohl der Schreck in ihrem Gesicht neben Überraschung und Wachsamkeit auch noch einen Hauch von tiefverborgener Furcht ziert. Ob diese tatsächlich mit mir zu tun hat? Ich bezweifle es, nicht aber, dass Akanthas tödliche Ausstrahlung nicht im geringsten trügerisch ist. „Lass mich los“, zischt sie kalt und prompt erweckt sie damit eine Seite an mir, von der ich angenommen habe, sie wäre mit meiner Familie gestorben: kindliche Sturheit. „Ich will doch nur mit dir sprechen! Wann bekommen wir schon die Gelegenheit, mit anderen Halbgöttern zu plaudern?“ Ich kann ihre Wut nicht verstehen, noch weniger aber die Überzeugung in ihren Worten und die barsche Art, wie sie sich von mir loszureißen versucht. „Wir dürfen aber nicht miteinander sprechen, falls du das vergessen hast!“
    Ich runzle die Stirn und mein Griff wird fester, viel stärker sogar und ich merke, wie Tsunades Blut, das ich heute abermals gen meinen Willen bekomme habe, in meinen Adern pulsiert. „Das sagt wer?“, will ich wissen, obwohl ich die Antwort schon kenne. „Die Götter? Dass ich nicht lache.“ Schnell wird mir nun klar, dass Akantha wohl kein besseres Gegenteil zu mir sein könnte – sie ehrt die Götter; sie ehrt Hera, ihre Mutter, die sie vor Jahren schon in eine Pflegefamilie gegen hat und respektiert ihre Gesetzte, augenscheinlich vor allem jenes, das es uns Halbgöttern verbietet, miteinander in Kontakt zu treten. Was für ein Blödsinn. Mein Spott ist hörbar und meine Haltung verdeutlicht wohl die Geringschätzung, die ich für unsere gemeinsamen Verwandten übrig habe.
    „Was willst du damit sagen?“, fragt Akantha nun scharf und ihr Körper verspannt sich angriffsbereit. Sie soll es ruhig versuchen, denke ich mir und lächle nur bitter. „Folgsam? Ehrlich? Was bitte ist so toll an diesen Göttern?“ Meine Erheiterung verbirgt die Verbitterung, die hinter der Maske ruht. Ich weigere mich, bewusst an meinen eigenen Handel mit den Göttern – eher mit Chie - nachzudenken. Nur einmal möchte ich auf jemanden treffen, der die Götter ähnlich verabscheut wie ich. Einmal würde mir schon genügen.
    „Rede nicht so über die Götter!“ Wenn ich es nicht besser wissen würde, ich könnte meinen, Akanthas Zähne hätten im schwindenden Sonnenlicht aufgeblitzt. „Sie sind der Grund, warum du überhaupt existierst!“ Ihr erhabener Tonfall klingt nach Drohung und Maßreglung zugleich und während ich lerne, mein Gegenüber zu lesen wie ein offenes Buch, wirkt sich eine Erkenntnis nach der anderen dabei fast wie Galle auf meinem Magen aus. Diese Halbgöttin hält sich für etwas besseres, sie hat nur Ehrfurcht vor den Göttern, nicht aber vor dem Leben selbst oder gar den Menschen.
    Das nächste Lachen, das aus meiner Kehle dringt, ist verächtlich. „Oh ja“, spotte ich grollend, „sie haben uns gezüchtet um ihren Ars* zu retten.“ Ich kann einfach nicht glauben, dass nur mich das zur Weißglut treibt.
    „Wie kannst du es wagen?“, kommt nun aber doch auch Akantha in Fahrt, und die Schuld dafür, nehme ich auf meine Kappe. „Du solltest Ehrfurcht zeigen und dich ihrem Willen beugen!“
    Ehrfurcht? Meine Kiefer reiben aufeinander – mittlerweile kann ich das echt gut – bevor ich schnaube. Entweder hat Akantha, Tochter der Hera, nicht mehr alle beisammen oder ihre Fähigkeit zur Fremdeinschätzung ist mehr als nur schlecht. „Nie im Leben“, versichere ich ihr und ziehe sie etwas an mich heran, als ich meine Position stabilisiere. Ich befürchte, dass es bald einen Kampf geben wird, doch davor bringt Sasori meine Aufmerksamkeit ins Wanken, als er kaum einen Deut – aber dennoch für mich unübersehbar – an mich heran rückt. Es ist nur ein kleiner Moment gewesen, in welchem ich Akantha aus den Augen gelassen habe und nun scheint mir der Auslöser ihres erneuten Schocks entgangen zu sein. „Du MAGST diesen Menschen?“, fragt sie plötzlich perplex, was ungefähr mein momentanes Selbst wiederspiegelt. „Er ist nicht mehr wie ein Hund, der dir zur Verfügung gestellt wurde“, erklärt sie mir dann schier entsetzt.
    Nun hat sie definitiv etwas in mir ausgelöst, zu ihrer baldigen Bedauern meinen ausgesprochen ausgeprägten Beschützerinstinkt. „Ach ja? Nur ein Hund?“ Altbekannte Wut lodert in mir auf, gemischt mit der feinen Genugtuung, als mir ein sehr hilfreiches Bild in den Kopf schießt, das meinem Gegenüber entschlüpft ist. „Dann frage ich mich, was du für Probleme hast, wenn du Sexträume mit deinem Haustier hast.“ Ich habe genau ins Schwarze getroffen, das weiß ich, noch bevor Akantha scharf die Luft einsaugt und sich aufplustert wie ein hormongeplagtes Rotkehlchen.
    Ich kann nicht fassen, was Hera und wer weiß welche anderer Gott dieser armen Frau als junges Mädchen ins Gehirn eingepflanzt haben, um sie so blauäugig und naiv zu machen, der Cocktail hat ihr aber definitiv nicht gut getan.
    „Was heißt hier leichtgläubig und naiv?“, wiederholt Akantha laut einen keinen Teil meiner weiteren Gedanken und hängt ihren eigenen Senf gleich mit dran. „Ich erfülle nur meine Pflicht!“
    „Pflicht?“ Diese Sache hier wird immer besser. „Wem haben wir denn diese Pflicht zu verdanken?“, frage ich sie nun. „Wem haben wir es denn zu verdanken, dass wir kein eigenes Leben führen dürfen und nur das Werkzeug der Götter sind? Denkst du wirklich, du würdest Hera etwas bedeuten? Du bist nicht anderes als ein Wesen, welches sie zu dem Zweck erschaffen hat, dass es für ihre Bedürfnisse stirbt, wenn es sein muss.“ Ich explodiere förmlich in meiner Rage und habe jetzt bereits Dinge gesagt, die ich so hart und barsch eigentlich nicht hätte äußern wollen. Ärgerlich – nicht wirklich mhr über mich selbst, mehr aber dafür über Akantha – löse ich schließlich meinen Griff um ihr Handgelenk. Womit ich nicht gerechnet habe, ist, dass mir die Halbgöttin gleich darauf mit der flachen Hand eine kleben würde, eindeutig im Interesse, mir die Torheit aus dem Kopf zu schlagen. Dieser Idee schließe ich mich reflexartig an, was Akantha für eine Sekunde sprachlos zu machen scheint und den Abdruck meiner Finger in roten Striemen an ihrer Wange hinterlässt. „Verräterin!“, faucht sie schließlich mit vor Wut weit aufgerissenen Augen und zieht erneut eine Feuerspur über mein Gesicht, was mich nicht minder interessieren könnte. Das Spiel wiederholt sich. „Närrin“, bezeichne ich sie in einer weiteren Runde und lese dann in ihren Gedanken, dass sie vorhat, einen richtigen Ninjakampf mit mir zu beginnen. Ich mache mich bereit, sehe aber, wie der Fremde – Neji ist sein Name – die Furie zuvor an der Hüfte packt. „Hört sofort auf!“, mahnt er Akantha und nun scheint sich auch Sasori dazu genötigt, mich vor einer weiteren Dummheit zu bewahren – zumindest würde er es als solche bezeichnen, ich dagegen würde „Notwendigkeit“ oder „Hilfegesuch“ treffender finden.
    „Lass mich los, verdammt!“, sage ich und stemme mich gegen die Kraft des Puppenspielers.“Ich muss ihr die Augen öffnen!“ Ich weiß, dass Akantha daraufhin noch etwas sagt, aber verstehen kann ich es nicht, da mich Sasori erfolgreich wegzerrt und bei der nächsten Ecke schließlich wie einen Sack Mehl über die Schulter wuchtet. Ich trommle wie wild auf seinem Rücken herum – unmöglich aber wahr, trotz seiner schmächtigen Statur, scheint Sasori wie aus Eisen gebaut zu sein – und all mein Bemühen ist umsonst. Erst am Ende einer schmalen, weiteren Gasse, lässt er mich schließlich runter und drückt mich barsch gegen die Hausmauer eines nach Osten gerichteten Wohngebäudes, das einen langen Schatten über das Gässchen, vor allem aber über dessen gerade alles andere als erfreuten Besucher wirft: mich und Sasori.
    „Idiot!“, fahre ich ihn nun an, kehlig wohlgemerkt, da ich die zurückgelegte Strecke auch verbal versucht habe, ihn anzugreifen, und das nicht gerade leise. „Sag mal, was ist eigentlich dein Problem?“ Oder der Grund für diese Stimmungsschwankungen.
    Ein feines Lächeln, leicht zugekniffene Augen, die einem unausweichlich klar machen, dass man nicht beeindruckt oder erheitert ist, ja vielleicht sogar ein spöttischer Kommentar – ich hätte mit vielem gerechnet, hätte mir viel ausgemalt, was mir Sasori typgerecht entgegen bringen könnte, doch nichts liegt der Realität ferner. Zugegeben: die leicht hochgezogenen Mundwinkel über schmalen Lippen sind schon da, kurz bevor ich in einen stürmischen Kuss verwickelt werde.
    Ich erstarre, wenn auch nicht lange, denn einem detailreichen Bild vor Augen folgend, finden sich meine Hände prompt in einem von rotem Haar bedeckten Nacken wieder. Es muss Jahre her sein, dass ich diesen verdammten Liebesroman gelesen habe – den ersten und einzigen in meiner Laufbahn als Leseratte – und doch scheine ich mich instinktiv an die einzelnen Abläufe gewisser Szenen erinnern zu können. Der stürmische Kuss, der ein heftiges Streitgespräch verhindert, ist dabei nur der Anfang vom Ende und ich bin verleitet, zu glauben, Sasori hätte den Wälzer ebenfalls gelesen, denn ganz nach dem Drehbuch umfasst er nun meine Hüfte und drückt seinen Körper weiter an den meinen. Ich hoffe für ihn, dass er einzig aus purem Talent in den letzten Tagen besser im Küssen geworden ist, andernfalls müsste ich ihn, irgendeine dahergelaufene Schl* oder wahlweise beide im Anschluss an das hier wohl umbringen und warum auch immer entlockt mir auch dieser Gedanke ein Lächeln. Eine Geschichte. Wäre es nicht schön, wenn mein Leben eine Geschichte wäre, die irgendjemand zu einem guten Ende bringen würde? Innerlich zerreißt es mir gerade mein Herz.
    Sanft aber entschieden schiebe ich Sasori von mir weg und winde mich aus seinen Griff. Es dauert zwei Atemzüge, bevor ich mich auf eine in sich stimmig Handlungsweise eingestellt habe und mich die Lippen abwischend zu Sasori umwende. „Das ist entweder die beste Entschuldigung meines Lebens gewesen oder Ausdruck von deinem Wunsch, von mir getötet zu werden. Die Entscheidung liegt ganz bei dir.“
    „Es tut mir Leid.“
    Wow, es geschehen also doch noch Wunder. Jemand denkt nach, bevor er spricht.
    „Was tut dir Leid? Dass du mir ins Gesicht gesagt hast, dass meine Gefühle nichts wert sind und ich nur ein Werkzeug für die Götter zu sein habe, oder dass du …“
    „Dass du verletzt bist. Innerlich und äußerlich.“ Sasori hat mich knapp aber eindrucksvoll unterbrochen und ist unterdessen mit einer Selbstsicherheit zur mir getreten, die niemals zuvor ein Mensch in meiner Gegenwart an den Tag gelegt hat. Wieder spüre ich seine Hand an meiner Taille und abermals sind seine Lippen an meinen. Er hat den Verstand verloren. Es muss einfach so sein, niemals ist das der gleiche Mann, den ich damals im Wald kennen gelernt habe.
    Ich stoße ihn von mir weg. Diesmal barsch und betrachte ihn misstrauisch.
    „Warum tust du das?“, will ich wissen, obwohl mir ganz andere Gedankengänge durch den Kopf gehen. Ich bin immer noch durch den Wind wegen der Begegnung mit Akantha, doch Sasori gibt meiner instabilen Fokussierung den Rest.
    „Du wolltest es, das hast du mir im Wald doch gesagt? Und du willst den Mörder deiner Familie finden. Ich kann dir helfen. In beiden Fällen.“ Bei dem letzten Satz fährt er zärtlich über meine Wange. Allein diese Berührung genügt, um einen Hurrikan in meinem Gesäß zu entfachen und meinen Puls zu beschleunigen.
    „Von Manieren hast du noch nie was gehört, oder? Meine Familie ist gestorben und du fragst mich, ob ich dich ins Bett kriegen will?“ Ich hätte schroff und unfreundlich klingen wollen, doch stattdessen sind mir die Wörter nur geflüstert ja, gar gehaucht entkommen, direkt bevor der Puppenspieler meinen Wiederwillen durch ein Streichen über meine Unterlippe zum Verblassen gebracht hat. Ich befürchte, dass ich mich in seiner Zärtlichkeit verloren habe oder doch eher in seinen dunklen Augen, die jeden Zentimeter meines Körpers aufzunehmen scheinen. Ich bin nie gut in „Vergeben und Vergessen“ gewesen, doch heute, will ich mich darin üben. „Danke“, sage ich schließlich mit einem ehrlichen Lächeln. „Dafür, dass du mir helfen willst.“ Er hat mich gesucht und gefunden. Er hat all den weiten Weg auf sich genommen, nur um mir zu helfen. Das hätte ich nicht erwartet und plötzlich merke ich, dass ich mich danach gesehnt habe, ihn wieder an meiner Seite zu wissen und jemanden zu haben, mit dem ich meine Gedanken – alle davon – teilen kann. „Chie, eine Gesandte von Athene, wird den Killer für mich finden“, sprudelt es nun aus mir heraus. „Im Austausch habe ich ihr versprochen, Poseindons Sohn zu finden und ihn, damit wohl auch den Olymp, endlich zu retten. Danach werde ich alles tun, um dieses Monster aufzuhalten und ihn daran zu hindern, weitere Leben zu zerstören.“ Ich meine, dass es Aufregung ist, die ich bei diesem Versprechen verspüre. Es scheint fast so, als wäre all der Unmut und die Niedergeschlagenheit von mir genommen.
    Nun verharrt Sasoris Daumen an meinem Kinn. „Also wirst du den Göttern Folge leisten?“, fragt er interessiert und ich nicke.
    Seine Hand verschwindet. Generell zieht er sich von mir zurück und wirkt plötzlich mehr als nur resigniert. „Das ist großartig“, meint er trocken und verharrt ungerührt vor mir.
    Was zum Tartarus…?
    Endlich zähle ich eins und eins zusammen.
    „Du verdammtes Ar*loch!“, presse ich hervor, nachdem ich verstanden habe. „Du hättest mir deinen Körper und deinen Dienst verkauft, nur damit ich für die Götter den Knecht mime?“ Ich weiß nicht, ob ich überrascht oder beeindruckt von so einer geballten Dosis an Verschlagenheit sein soll, aber eins ist gewiss, und zwar dass das Brennen in meiner Brust diesmal einzig seine Schuld ist. Ich bin verletzt, gekränkt, Gott verdammt ich habe gerade eben mein Glück von diesem Diener Hades abhängig gemacht! Einfach unglaublich. Das ist die Spitze auf dem Eisberg, den ich mit einer kleinen Nussschale am offenen Meer gerade gerammt habe. „Geh mir aus den Augen! Verschwinde zurück in den Tartarus!“, zische ich bedrohlich.
    Doch Sasori rührt sich nicht.
    „Ich sagte: Verschwinde!“ Auch diesmal bleibt mein Brüllen unerhört und ich kämpfe echte Tränen nieder, die sich in meinen Augenwinkeln zu bilden versuchen. „Wie kannst du nur so grausam sein?“, frage ich schließlich und starre ihn fassungslos an. Ich könnte einfach gehen, doch ich will sie wissen, die Antwort auf meine Frage.
    Seine Mimik ist nicht vorhanden, nun gut, eher ist sie wie eingemeißelt auf seinem Gesicht. Eine perfekte Maske, die sich nicht bewegt, nicht verrutscht oder sich verändert. „Ich bin nicht grausam“, versichert er mir nach einiger Zeit. „Ich bin nur gefühllos.“
    Gefühllos? Ich lache freundlos. „Niemand ist gefühllos und jeder der sich das einredet oder danach strebt ist zu dumm die Wahrheit zu erkennen oder zu feige sich unserer Welt zu stellen.“ Keine Ahnung, woher diese Worte gerade gekommen sind. Es klingt verdammt nach Yoshihiro, aber ich kann seine Stimme in Verbindung mit dieser Weisheit nicht memorieren, auch nicht Tsunade oder Gaara, Killerbee wird’s wohl nicht gewesen sein, da man es nicht gut rappen kann. Dennoch weiß ich, ob von einem Lehrmeister geprüft oder nicht, dass ich Recht habe. Niemand hat keine Gefühle und man sollte auch nicht so tun als ob, vor allem nicht, um eine Ausrede zu haben, andere zu verletzten.
    In Sasoris Iriden erlischt der Glanz der Gleichgültigkeit. „Ich werde gefühllos sein. Schon bald.“ Wieder ein Versprechen.
    Diesmal brauche ich eine gute Minute, um zu begreifen, aber als es mir endlich klar ist, ergibt zum ersten Mal seit langem wenigstens der Großteil von allem einen Sinn. „Athene hat dir versprochen, dir deine Gefühle zu nehmen.“ Bis heute hab ich nicht gewusst, dass das überhaupt im Bereich des Möglichen liegt, doch genau genommen, habe ich auch niemals darüber nachgedacht. Wenn Aphrodite als Göttin der Liebe Wunder bewirken kann, dann ist davon auszugehen, dass Athene ein verbliebenes Wesen aufzutreiben weiß, das Sasori seinen Wunsch erfüllt.
    Das ist zu viel für mich. Wenn ich bis jetzt wütend, enttäuscht und todtraurig gewesen bin – nun ist all das der Furcht und dem Bedauern gewichen. Was wäre das für eine Existenz, wenn man einer Seele all seine Emotionen nehmen würde? Ich kann nur schaudern bei diesem Gedanken.
    „Hör zu“, beginne ich, doch in diesem Moment zerreißt das Aufkommen eines tosenden Windes – zumindest in meinen Ohren – die Luft. Wie in Zeitlupe bemerke ich, dass Naruto hinter Sasori aufgetaucht ist und einen konzentrierten Chakraball, eindeutig ein Elementar-Jutsu, in seiner Hand entfacht hat. Als die Sonne schließlich vollkommen untergeht und auch der letzte violett-blaue Streifen der tiefschwarzen Nacht weicht, bohrt sich die Hand des blonden Mannes durch die Brust von Sasori. Der Anblick lässt mein Herz zerspringen, viel mehr aber wird es nun aber bereits von Schrecken gefangen genommen, als die altbekannte Silhouette von Kankuro vor mir auftaucht. „Bist du in Ordnung, Akasha?“, fragt er mich, da ich wohl alles andere als okay aussehe, und das muss der Auslöser dafür gewesen sein, das Erbe meiner Mutter in mir hervorzukramen. Es gibt kaum ein Wesen auf dieser Welt, das rationaler denken und handeln könnte, als Athene selbst. Dass Sasori sich mit seiner Bitte an eben sie gewandt hat, ist also kein Wunder. Ohne ein Anzeichen meines vorherigen Gefühlsausbruches, beginne ich zu lächeln, ja, ich grinse Kankuro sogar förmlich an. „Ja, mir ging es nie besser“, lüge ich absolut überzeugend, während die Leiche meines Geliebten auf dem Gassenboden aufkommt. Jetzt darf ich keinen Fehler machen. Keinen einzigen.

    14
    Als Kunoichi kennt man viele Arten zu töten, noch mehr Wege generell aus dem Leben zu scheiden und bei viel Erfahrung und mehr Stärke, als einem gut tut, auch die ein oder andere Möglichkeit, Tote zurück ins Leben zu holen. Wie viele aber vertragen die Wahrheit, die jenseits einer Lebensspanne liegt? Ist es Zufall, dass keiner, noch nicht einmal Hades selbst, uns wirklich sagen kann, was einem im Tartarus oder im Elysium erwartet, obwohl er doch der Wächter der Toten ist? Gibt es eine übermächtige Kraft, die Seelen jeglicher Art ihre Erinnerungen nimmt, wenn sie die Grenze zurück auf die Erde überschreiten? Und was passiert eigentlich mit den Göttern selbst, wenn ihr Glanz sie verlässt?
    Ich bin im Begriff es herauszufinden, doch zuvor muss ich mich einer Dunkelheit stellen, die in ihrem Sein so rein ist, dass ich ‚Licht‘ noch nicht einmal zu wispern vermag.
    Tief in den äußeren Wäldern Amegakures, dort, wo selbst Pains Regenschwall damals keine Macht über die Gezeiten gehabt hat, bin ich zum ersten und hoffentlich letzten Mal vor dem Andenken eines Gottes niedergekniet, am See des Poseidon, in dessen Wasser ich vorhin gestiegen bin.
    Kein Ton erreicht mich hier unten. Keiner der letzten, im Abendlicht schwindenden Lichtfunken kann nach wenigen Metern noch die Kraft aufbringen, mir in den Abgrund zu folgen, kein weiterer Atemzug verschafft mir den Genuss, lebensspendenden Sauerstoffs. Ich bin alleine, alleine mit meiner Furcht, die aus einem nicht ganz ausgereiften Plan erwachsen ist. Wenn ich mich hierbei in meinem Vorhaben irren sollte, bin ich tot, das ist mir klar.
    Und dennoch…
    Ich bewege mich nicht mehr – nichts bewegt sich hier unten, und ich sinke weiter hinab wie ein schwerer Stein.
    Eins.
    Ich zähle von Eins bis Sieben, ziehe mich schützend in meine Meditation zurück und warte, warte darauf, dass das Erbe meines Großvaters in mir erwachen würde. Zeus Erbe. Es ist kein Zufall gewesen, dass sein Blitz mich getroffen hat, falls es so etwas wie Zufälle überhaupt wirklich gibt.
    <Sprich, Tochter der Athene.> Eine markante Männerstimme, den Tonfall nach wohl gerade aus einem tiefen Schlaf gerissen, schickt eine Welle blauer Funken durchs Wasser, die nach wenigen Metern eine Spirale um mich zieht.
    „Poseidon“, hauche ich tonlos, wobei der letzte Rest an angehaltenem Atem in Luftblasen über meine Lippen entweicht. Die verbliebene Energie des Gottes erkennt meine Not und die nächste Spirale an Licht füllt meine Lungen. Es ist eine eindeutig übermächtige Kraft, die sich meiner annimmt, das wissen und spüren meine Zellen auch ohne eine Erklärung, warum ich in tiefstem Gewässer nicht ertrinke. Hier hin - in die Fluten, die Meere, die Seen – dorthin hat es Poseidon nach seinem Tod getrieben. Nur durch Chie habe ich ihn gefunden. Trotz meiner stürmischen Gedanken besinne ich mich darauf, dass ich Zeus Gabe nicht auszuschöpfen weiß, ich kann nicht sagen, wie lange ich die Telepathie noch aufrecht erhalten kann.
    Abermals schließe ich meine Augen der Meditation wegen. Ein weiteres Mal darf ich Poseidons Stimme nicht verlieren, sonst könnte es mich um mein Ziel bringen.
    „Poseidon – Gott der Meere“, rufe ich meinen Verwandten an und verliere keine Zeit. „Der Olymp ist im Begriff zu fallen und mit ihm die Welt. Zeig mir den Weg zu deinem Sohn, damit dieser uns retten kann.“ Auf meine Bitte folgt Schweigen. Vorsichtig spicke ich zwischen meinen Wimpernreihen hervor und sehe die blauen Funken, die verbliebene Macht eines verstorbenen Herrschers. „Ich weiß, dass du hier bist, Poseidon!“ Auch wenn ich nichtsicher bin, wie viel von dir und deinem Verstand noch da ist.
    <Du suchst meinen Sohn.> Die vorhin noch annähernd imposante, zart ehrfurchterweckende Stimme wird heiser und flüsternd. <Dein Weg zu ihm ist eine Prüfung, gehst du ihn als Ninja, wird er dich verzehren, gehst du ihn mit Furcht, wird er dich verschlingen und gehst du ihn mit Wut, wird er dich brechen. Wie also gehst du ihn?>
    Ein Rätsel? Ich würde ja fragen, ob das sein Ernst ist, doch ich kenne die Götter mittlerweile besser. Jedes Wort gebe ich in Gedanken wieder, doch nichts wird mir offenbart. Nicht als Ninja, nicht mit Furcht und nicht mit Wut – aber welchen Weg? Welche Richtung?
    Überraschend verlässt mich Poseidons Schutz. Meine Lungen beginnen im gleichen Moment zu brennen, als sich in den Tiefen unter mir ein gewaltiger Strudel bildet. Ich will im Auge der Gefahr Schutz suchen, doch mein Paddeln ist umsonst, binnen weniger Sekunden habe ich den Überblick über Oben und Unten verloren und werde um meine eigene Achse gedreht und nach oben geschleudert. Mit dem Kopf voran breche ich durch die Oberfläche, luftschnappend wohlgemerkt. Als der Schreck verklungen ist und ich mir fast sicher bin, dem Wassertod vollends entgangen zu sein, schaue ich mich fluchend um, auf der Suche nach blauen Funken. Den gesamten Weg nach Amegakure für ein sinnfreies Rätsel? Diese verdammten Götter!
    Halb erfroren, da ich mich nackt in die Fluten gestürzt habe, schwimme ich zum Ufer des Sees, der meiner Familie – nun nur noch mir – gehört. Es ist kalt, doch meine Kleidung, selbst wenn sie knapp wie üblich ausfällt – wärmt mich etwas, einzig meine Lippen weigern sich, auch nach einiger Zeit, das Zittern einzustellen. Wie von selbst bringen mich meine Gedanken zurück, als nun die Hütte in mein Blickfeld rückt. „Sei vorsichtig.“ Das sind die letzten Worte Tsunades an mich gewesen, als ich Konoha vor sieben Tagen verlassen habe. Nicht alleine wohlgemerkt. Der wissende Blick der Hokage hat mich seither nicht mehr losgelassen. Er ist so eindringlich gewesen, so wissend. Hat sie gewusst, was ich geplant habe in jener Nacht? Hat sie das Ende meiner Mission schon gekannt, obwohl ich selbst den schlussendlichen Verlauf meines Vorhabens erst gestern erdacht habe?
    <Sei vorsichtig!>
    Ein müdes Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht. Eigentlich ist mir noch niemals mehr der Sinn danach gestanden, die Grenzen zwischen Genie und Wahnsinn sowie Möglich und Unmöglich zu brechen, besser noch neu zu ordnen. Amegakure scheint mir dafür der richtige Ort zu sein. Von Konoha bin ich beinahe direkt hier her gelaufen.
    Endlich bricht die Nacht herein. Während es in den letzten Tagen blanken Sonnenschein und klaren Himmel gegeben hat, haben sich in den letzten Stunden dichte Regenwolken über der kleinen Blockhütte gesammelt, die ich als Unterschlupf gewählt habe und auf die ich jetzt wieder zuhalte. Das Schwinden des verbliebenen Sonnenlichts zeigt sich noch kurz als blau-violetter, feuerdurchfluteter Himmelbrand und verschwindet schließlich vollständig.
    Erst jetzt blicke ich auf die Terrasse vor mir, wo Sasoris lebloser Körper liegt.
    „Wird es funktionieren?“, höre ich mich wieder im Krankenhaus zu Tsunade flüstern.
    „Kankuro und damit Sunagakure, denkt, er hätte Sasori getötet“, hat mir die Hokage zurück gegeben, „Wir müssen nur dafür sorgen, dass das noch so bleibt bis ihr Konoha verlassen habt.“ Und so ist es gekommen. Vorsichtig taste ich mich an Sasoris Hinterkopf zum Griff eines Kunais vor. Der Körper eines von Hades entsahnten Wesens heilt sich von selbst, und das schnell, doch ohne entsprechende Gehirnfunktion ist auch dieser Trick zwecklos. Unglaublich, dass mir das nicht früher eingefallen ist.
    Ein letztes Mal betrachte ich Sasori, wie er friedlich vor mir liegt, dann entferne ich die Klinge säuberlich und lege sie neben mir nieder.
    Es ist viel Zeit für mich vergangen, seit Sasoris grausamen Geständnis, doch die wenigen Momente, die der Puppenspieler benötigt, um aufzuwachen, scheinen der Ewigkeit ebenbürtig.
    Ich merke, dass Sasori sich aufrichtet. Ziemlich sicher ist er zunächst verwundert über den fremden Ort, an dem ich ihn gebracht habe, doch noch wahrscheinlicher ist es ihm bereits völlig egal.
    Ich spare mir den Seufzer, der in meiner Brust kribbelt, dann greife ich nach einem Handtuch am Treppenaufgang der Terrasse und trockne mir die Haare. Eigentlich hätte ich vorgehabt, Dornröschen erst zu erwecken, wenn ich Poseidons Sohn gerettet habe, aber da Chies Tipps mich vorgreifen haben lassen, bin ich jetzt schon beinahe bei der Vollendung der Aufgabe, die mir aufgetragen worden ist. Demnach gilt es jetzt, unnötigen Reiseballast loszuwerden. … Im Grunde aber hoffe ich, dass mir Sasori von selbst folgen würde.
    „Du bist klatschnass“, bemerkt er nun. Er kommt nicht einmal auf die Idee zu fragen, was zwischen Jetzt und dem Rasengan Narutos alles passiert ist, aber wer nicht will, der hat bekanntlich schon.
    „Ich habe mit Poseidon im See gesprochen“, erkläre ich mich und fahre mit den Fingern durch mein Haar, bevor ich es zu einem seitlichen Zopf flechte.
    „Das heißt, du weißt, wo sein Sohn ist?“
    Ein feines Kopfschütteln. „Nein. Ich weiß nur, dass ich meine Ratschläge zur Selbstfindung auch weiterhin aus chinesischen Glückskeksen beziehen werde.“
    Sasori versteht sich sehr gut darauf, sich zu erinnern, dass er mir seinen Charme nicht mehr vorzuspielen braucht. Er verbleibt resigniert. „Was genau hat er gesagt?“, will er wissen und ich wiederhole es für ihn. Nachdenklich nickt er.
    „Die Prüfung ist ein Rätsel“, erkennt auch er. „Als die Großen Drei ihre Söhne versteckt haben, prophezeiten die Moiren, wem es bestimmt sein würde, den Schutzwall der Verstecke zu brechen. Nur du, nur die Tochter von Athene, kann es lösen.“ Sasori wirkt sich seiner Worte absolut sicher und ich ertappe mich dabei, mir vorzustellen, wie schön es sein könnte, von ihm ein wirkliches Kompliment zu bekommen, nicht um mich zu motivieren, nicht damit ich Athene gehorche, sondern einfach damit ich mich besser fühle.
    Zuerst landet das Handtuch neben ihm auf der Terrasse, dann ich.
    „Ich habe mich immer gefühlt wie ein kleines Kind“, gestehe ich plötzlich und für ihn bestimmt völlig zusammenhangslos. „Ein Kind, das andere braucht und nicht alleine leben kann. Ich dachte, dass dieses Gefühl nach dem Training mit Gaara aufhören würde, dass ich dann endlich ‚fertig‘ mit mir wäre. Ich wollte endlich respektiert werden und Anerkennung für das bekommen, was ich leiste. Ich wollte in den Augen anderer kein ungeschliffener Diamant mit Kanten und Bruchstellen mehr sein, wertvoll zwar, aber noch nicht gut genug. Ich habe alles versucht, habe mich gegen die besten der besten behauptet und bin über mich hinausgewachsen… Und dennoch, ich wollte diesen Funken von Ehrfurcht.“ Ich zögere, als ich an die Stelle komme, die mir Bauchschmerzen bereitet. „Bei dir hab ich ihn auch nicht gefunden“, raune ich, „schlimmer sogar, ich habe gelernt, dass ich ihn gar nicht mehr will. Du kümmerst dich nicht um andere, das weiß ich nun, schmerzlich aber mit Gewissheit, und zum ersten Mal habe ich das Gefühl, wirklich gebraucht zu werden. Ich denke, dass ich das Werkzeug sein könnte, dass dich vervollständigen wird, nicht Athene.“ Ich ende mit einem tiefen Atemzug und einem Seufzen. In gleicher Weise spreche ich mir Mut zu, seine Hand zu nehmen. Sasori lässt mich gewähren, ein unergründliches Lächeln liegt auf seinen feinen, dünngeschwungenen Lippen. Unsere Berührung vertreibt die Kälte in mir.
    „Hör auf, Akasha.“ Seine Stimme, die jenseits von jung und alt liegt, gleichzeitig die Feder eines Vogels und die Klinge eines Mörder sein könnte, durchbricht die entstandene Stille so plötzlich, dass ich fast zusammen gezuckt wäre. „Du weißt, was geschehen wird“, sagt er. „Du bekommst deine Freiheit und ich meinen Seelenfrieden. Dir wird deine Rache geschenkt, mir wird ein Versprechen erfüllt. Es ist gut so, der Plan dulden keine Aufschiebung mehr.“ Während er redet, streicht sein Daumen zärtlich über meine Hand, ich denke nicht, dass es ihm wirklich bewusst ist.
    Langsam senke ich den Blick. Ich muss es tun, das weiß ich. „Ich habe Chie aus meinem Pakt entlassen. Ich fordere keine Gegenleistung mehr für die Rettung dieses Halbgottes.“
    Nun hält Sasoris Daumen inne. Der Puppenspieler lauscht mir nun interessiert und ich kämpfe meine Bedenken nieder. Es verlangt mir viel ab, ihn direkt anzusehen.
    „Ich habe mich dazu entschlossen, Athene zu töten“, kommt es klar aus mir heraus und ich fühle, dass meine Entscheidung richtig ist.
    Doch Sasori erstarrt geschockt. „Du scherzt?“
    Ich schüttle den Kopf. „Nicht im Geringsten“, versichere ich ihm. „Bei unserer nächsten Begegnung heißt es sie oder ich. Einer von uns wird fallen, deshalb gedenke ich den Olymp davor zu retten.“ Oder eher Poseidons Spross.
    „Das kannst du nicht tun!“ Ich habe Sasori noch niemals voller Entsetzten aufspringen sehen. „Bist du verrückt? Wieso willst du das tun? Man würde dich jagen! Selbst Hera würde angesichts dieses Vergehens ihren Disput mit deiner Mutter vergessen und eine Hetzjagd veranstalten.“
    Sein Blick wird durchdringend, sein Mund steht bereits offen, die Augen schließen sich der Furcht wegen an und reißen auf. Aus ihm spricht der Mann, nein, das Kind, nach dem man jahrelang voller Hass gesucht hat. Ob er das vielleicht am ehesten vergessen will?
    Auch ich stehe auf.
    „Warum ich das tun will?“, frage ich ihn und trete nahe an ihn heran. Er stört sich nicht daran, dass ich seine Fäuste umfasse und an meine Brust drücke. Er bemüht sich um Gleichgültigkeit, doch seine Maske hat Risse bekommen.
    „Ich will es tun, weil ich den Schmerz und die Freude in meinen Erinnerungen ehre“, sage ich zärtlich. „Wie ich auf die Vergangenheit zurück blicke und was ich dabei fühle, ist wichtig für mich, wichtig für mein Handeln in der Gegenwart. Sie machen mich aus. Ohne sie habe ich mich verloren, nein, ohne sie bin ich verloren, einfach leer und nur noch ein Schatten. Niemals würde ich zulassen, dass man dir das antut. Niemals würde ich zulassen, dass man dich auslöscht. Ich bin für dich da. Du brauchst mich, um das zu erkennen, das weiß ich, aber ich tue es gerne. Ich tue es aus Liebe. … Ich liebe dich, Sasori.“
    Nun kennt der Schock auf seinem Gesicht kein Anfang und kein Ende mehr.
    „Aber ich liebe dich nicht“, haucht er, lediglich aufgesetzt wehmütig. „Ich habe dich nie geliebt und ich werde dich niemals lieben.“ Sein Tonfall wird leiser. „Kannst du nicht einmal einsehen, dass nicht immer alles nach deinem Willen gehen kann? Nimm deine Freiheit und gönn mir meine. Oder steckt mehr Arroganz der Götter in dir, als ich dir zugetraut habe?“
    Seine plötzliche Wut trifft mich härter als der giftige Gehalt seiner Worte. Ich habe ja geahnt, dass sein Weg für ihn endgültig und wohlklingend sein würde, aber wie weit an den Abgrund ihn seine Blindheit schon getrieben hat, das habe ich übersehen wollen.
    Ich lasse ihn los und es krampft mein Herz zusammen. „So sei es“, hätte ich ihm noch sagen wollen, ein letzter Versuch, ihn zum Denken zu bringen, obwohl auch mein Entschluss ihn vor sich selbst zu retten, bereits lange feststeht. Ich drehe ihm den Rücken zu. Im Inneren der Blockhütte nehme ich mein neustes Schwert an mich, jenes, das Yoshihiro durch Suigetsus Hilfe geschmiedet hat und versiegle es in einer Schriftrolle. Die ultimative Waffe, um eine Gottheit zu töten und ich trage sie nun nahe an meinem Herzen. Pure Ironie.
    Als ich nun direkt an Sasori vorbei die Treppe der Terrasse hinunter und zielgerichtet den Weg um den See und noch Amegakure ansteuere, heftet sich der Puppenspieler an meine Fersen. „Willst du mir helfen, den Olymp zu retten?“ frage ich, da habe ich gerade den Steg erreicht.
    „Von einer großen Dummheit will ich dich abhalten“, antwortet er mir. Er kann nicht sehen, dass ich den Tränen nah bin.
    Er liebt mich nicht, wieso also kümmert ihn mein Leben. Ist alles nur Selbstsucht?
    „Akasha!“ Er packt mich am Arm und es ist, als würde er selbst mein Herz zerdrücken, es mir aus der Brust reißen und auf den Boden werfen, obwohl ich selbst, trotz der Schmerzen den Wunsch verspüre, er würde mich nie wieder gehen lassen. Aus purer Gewohnheit aber leite ich eine Grifftechnik ein, die mich aus der Umklammerung befreit, ich kann selbst nicht sagen, wieso, habe ich an eine mögliche Gefahr geglaubt oder besitze ich doch noch etwas wie Selbstschutz? Ich kann es nicht sagen, weiß nur, dass ich gleichzeitig den Halt unter meinen Füßen verliere, als das Holz leicht unter mir nachgibt und teilweise in den See kippt, ich direkt hinter her. Das Wasser nimmt das Chakra nicht an, dass ich in einem schnellen Rettungsversuch in meine Hände leite und ich tauche erneut in das Nass von Poseidons Reich ein. Alles versuche ich, um einem plötzlich auftauchendem Strudel zu entgehen, sogar nach Sasoris Hand greife ich, als dieser mir ins Wasser nachfolgt. Dann verschluckt uns die Dunkelheit, woher auch immer sie kommen sein mag.

    Das Licht kehrt erst wieder zurück, als mein Körper längst taub und mein Verstand sich sicher ist, Poseidon in den Tod nachzufolgen.
    Als sich die Schatten aber urplötzlich zurück ziehen wie blickdichte Tücher, die man über verhangene Augen führt, bin ich demnach angespannt und furchtsam, besonders als ich mich hüfthoch im Sand wiederfinde, auf einer Insel mitten im nirgendwo, umgeben von einem blutrotem Meer.
    Der Anblick des Wasser, deren dunkle Oberfläche an vielen Stellen Blasen wirft und wabernde, rote Wellen ans Ufer schwappt, die Striemen im Sand ziehen, als versuchen sie einem großen Massaker ein Denkmal zu setzten, wären an sich schon Grund genug, mich aus dem staubtrockenem Gefängnis zu graben, hinzu kommt aber noch, dass ich weiter einzusinken drohe. Ich trotze dem Treibsand - etwas, dass ohne meine übernatürliche Stärke nicht möglich wäre - und starre in gebührenden Abstand zur Flut und Sanddünen in den Himmel hinauf. Pechschwarz ist dieser, eine Schwärze, von der ich behaupten würde, die Dunkelheit selbst geboren zu haben. Unter mir erstreckt sich Wüstenboden neben dem Meer aus Blut, wenn auch nur für höchstens einen Kilometer oder zwei, bevor er auf der anderen Seite der Insel ohne Strand, beinahe übergangslos in weiten Wassermengen untertaucht. Keinen bestimmten Grund habe ich, aber dennoch fröstelt es mir und umso öfter ich mich umsehe, umso öfter sich mein Blick in sanften Wellen des Blutmeeres verfängt, Nuancen von Karmesinrot bis Purpur und Weinrot aufnimmt, desto mehr Grade an Wärme driften aus meinen Poren, hinaus in eine Ebene ohne Anfang und Ende, ohne Gefühl von Zeit und ohne Hoffnung.
    <Ein Sandkorn für einen vergessen Traum. Ein Blutstropfen für eine vergossene Träne> Diese Worte streifen um meine Glieder, als wäre ein flüsternder Wind aufgekommen.
    Und tatsächlich stobt das Wispern goldene Spiralen zu meinen Füßen auf, was mich tänzelnd ausweichen lässt. Mehrmals drehe ich mich um die eigene Achse, ohne im Dunklen, im Blut oder in den Dünen etwas ausmachen zu können.
    <Gehst du ihn als Ninja, wird er dich verzehren…>
    Ein Stoß im Rücken lässt mich nach vorne taumeln.
    <Gehst du ihn mit Furcht, wird er dich verschlingen…>
    Diesmal bewahrt mich eine unsichtbare Hand vor einem Sturz hinein in die Fluten des Meeres.
    <Und gehst du ihn mit Wut, wird er dich brechen…>
    Zärtlich streift eine Spirale aus Sand meine Wangen, fährt durch mein welliges Haar und verliert sich über meine Finger, die ich dem Wispern nachgestreckt habe. Sehnsucht überkommt mich. Ein vertrautes und grausames Gefühl, einem freien Falken beim Fliegen hinterher zu starren, wohlwissend, dass man diese Flüge der Freiheit niemals würde erlangen können. Doch so brennend die Schwerkraft in mir auch alte, neue und nie verheilte Wunden aufreißen möchte, der kühle Balsamstreich meiner Vernunft vermag sie nicht zu verzehren. Nachdenklich betrachte ich das Meer, mit gerunzelter Stirn gehe ich vor ihm auf die Knie, lasse die zählflüssige Masse kurz durch meine Finger gleiten und Poseidons Rätsel in mir wiederhallen. Chakra strömt dabei in meine nun geballte Faust, ausgezerrt wird meine Kraft, kaum dass ich mit ihr ins Wasser eingetaucht bin und Bilder schießen mir in den Kopf von Lachen und Freude, von Trauer und Pein. Ich sehe Kinder in einem Dorf miteinander trainieren und spielen, sehe sie mit der Göttin Aphrodite Körbe flechten, mit Artemis Beeren pflücken und jagen, sie auf den aufstobenden Wellen Poseidons den Flussmächten trotzen und stärker werden, kurz bevor der Himmel sich verdunkelt. Dann sehe ich sie nur noch fallen. Sterbend sacken sie in den Wiesen und auf den Äckern zusammen, krallen sich mit letzter verbliebener Kraft an die Mauern ihrer kleinen Häuser, ohne auch nur einen Schrei über die Lippen zu bringen.
    Mit erstarrten, stocksteifen Gliedern ziehe ich mich zurück. Ein Meer aus Blut, eine Bucht voller Erinnerungen, gesammelt in den Stunden vor ihrem Tod. Poseidon bewahrt sie in der Ewigkeit, all die Stunden ihrer Kinder aus erster Generation. Fest verschließe ich meine Augen, da sich Furcht und Trauer meiner Nerven bedienen und mich zittern lassen wollen. Blanke Konzentration, das ist alles, was ich mir momentan erlaube.
    An der Vergangenheit kann ich nichts ändern, einzig die Zukunft kann ich schmieden wie eine Waffe unter heißer Glut.
    <Im Meer…>, wieder Poseidons geisterhaftes Raunen und um ehrlich zu sein, hätte ich seine weitere Hilfe gar nicht gebraucht. Ich habe das Rätsel bereits gelöst.
    Vorsichtig trete ich ein paar Schritte zurück. Ich darf nicht wie ein Ninja über das Wasser laufen, da mein Chakra die Ewigkeit nähren würde, ich darf nicht zu langsam laufen, weil ich sonst untergehen würde, in dieser Brühe, die zugleich flüssig wie auch fest sein kann, und sollte ich es mit Wut und schweren Schritten versuchen, würde der Aufprall meiner Füße auf dem verfluchten Blut mir die Knochen brechen wie trockenes Geäst. „Kein allzu einfacher, aber dennoch nicht wirklicher schwieriger Weg zu deinem Sohn, Poseidon“, murmle ich und starre ein letztes Mal hinauf in die ewige Dunkelheit – dann laufe ich los.
    Die ersten Meter fliegen an mir vorbei, als hätte ich sie im einzelnen Blinzeln meiner Lider, begleitet vom Paukenschlag meines Herzen überwunden. Erst als die Sohle meines Stiefels dem Wasser auf gleicher Höhe begegnet, weicht die grausame Klaue, die das Rad der Zeit mit Eifer voran getrieben hat einem staunenden Kind, das nach tausend trüben Tagen endlich wieder die Sonne sieht und staunend den Atem anhält. Zeitlos, fast schon feststeckend zwischen Real und Unwirklich ist der Moment, als ich den ersten Schritt über die Wellen mache. Schnell wie ein Pferd im Galopp, aber schwebend leicht und losgelöst wie ein Wasserläufer bringe ich Distanz zwischen mich und die kleine Insel in meinem Rücken. Ich weiß nicht nach was und vor allem wo ich Ausschau halten soll, bin ich mir doch sicher gewesen, nach bestandener Prüfung einen Halbgott aus den Wellenmaßen brechen zu sehen, doch nichts der gleichen geschieht. Ich sehe gar nichts, außer meinem eigenen Schatten, der auf dem brodelnden Blutteppich meine Flanke bewacht.
    Ich beginne zu zweifeln, male mir Szenarien aus, die passieren könnten, wenn ich mich geirrt habe, und alle samt enden sie ertrinken im Meer. Gerade als meine Arme und Beine schwer und träge ihren Dienst verweigern wollen, als wäre ich Tage unter schwarzem Himmel gelaufen, bringt ein Tropfen Blut, der aufgespritzt durch meinen Lauf auf meine Wange fällt, Sasoris Worte zurück, kurz nachdem unser erste Kuss die Kluft zwischen uns in einen Strom aus Begehren verwandelt hat: „Nur weil du denkst, etwas mit den Augen und deinem Verstand erfasst zu haben, heißt das noch lange nicht, dass du der Wahrheit wirklich näher gekommen bist. Sieh von allen Seiten, auch wenn es sich befremdend und falsch anfühlt. Du musst nicht verstehen, Akasha, auch nicht akzeptieren, aber einkalkulieren, das musst du.“
    Und das tue ich nun, auch wenn meine brennenden Lungen meine Aufmerksamkeit für sich alleine haben wollen.
    Wenn ich nicht wie ein Ninja, nicht mit Furcht und nicht mit Wut handeln soll, mein Dauerlauf über das Meer aber nicht des Rätsels Lösung ist, was dann?
    „Lerne aus anderen Blickwinkeln zu sehen!“
    Sasori scheint mich in jeder Ecke meines Denkens zu erreichen, auch wenn er mich zu meiner Prüfung nicht hat begleiten können, die genauso plötzlich begonnen hat, wie ich gedenke, sie ab jetzt zu Ende zu bringen. Sehnlichst wünsche ich mir, seine Worte würden mich führen, mir die Richtung zeigen und nicht vor einen weiteren Lernprozess stellen.
    Von einem anderen Blickwinkel…?
    Vorsichtig schaue ich zurück. Von der Insel ist nichts mehr zu sehen, noch nicht einmal ein Punkt in weiter Ferne zeugt von ihrer Existenz.
    Diese Prüfung ist auf mich zugeschnitten, soll ich wirklich durch die Augen eines anderen blicken, um sie zu beistehen oder reicht es vielleicht, wenn ich etwas tiefer in mich hinein höre, meine Ausbildung für kurze Zeit begrabe und wieder denke, wie ein … wie ein Kind? Ein Kind ist nicht ängstlich oder wütend, wenn es etwas Neues betrachtet, sondern interessiert, Pflichten kennt es auch keine in solchen Augenblicken. Zum ersten Mal schaue ich hinunter in das Blutmeer und frage mich, was wohl auf seinem Grund zu finden ist, welche Geheimnisse es vor mir verbirgt und was es tatsächlich ausmacht. Ich rangle mit mir selbst, kämpfe die schleichende Angst nieder, die mir einreden will, dass die Lösung nicht so banal sein kann und dann – dann bleibe ich einfach stehen. Kaum einen Atemzug später spüre und sehe ich, wie die Fluten mich willkommen heißen. Bilder und Klänge, eine Sammlung an Schreien und Lachen, Rufe und dann Stille und Dunkelheit explodieren in meinem Kopf. Vom Grund des Meeres ist keine Rede mehr. Schwerelos, als hätte jemand ein mächtiges Gravitationsjutsu gewirkt, drückt mich eine Kraft wieder in die Höhe. Ich will Atem schöpfen, befürchte schon in meiner Not den metallisch kupfernen Geschmack von Blut, nicht aber Luft in meine Lungen zu pumpen, doch kommt es zu nichts von alldem, als sich der Raum, die Atmosphäre, vielleicht sogar Poseidons gesamte Zwischenwelt zu drehen beginnt und ich urplötzlich mit dem Oberkörper voran auf hartem Schnee aufkomme. Der erste Luftzug, der mich nun erfasst, bildet das Frostpiel eines Blizzards, der auf einem Plateau unter abermals tiefschwarzem Himmel wütet und alles und jeden mit sich reißen möchte, dass nicht wie der eisige Boden bereits in fester Verankerung mit der Ebenen steht.
    Bereits jetzt, kaum, dass ich mich überhaupt aufgerichtet und auf die Beine gestellt habe, hat mir die Kälte sämtliche freie Stellen am Körper erfroren – oder zumindest fühlt es sich so an. Die Temperaturen sind arktisch, unerträglich will ich sogar meinen und graben wie die Klauen bestialischer Tiere in frisches Fleisch. Mein Fleisch. Doch ich komme nicht dazu, Poseidon zu verfluchen. Der tosende Blizzard packt mich wie eine Geisterhand im Nacken und zieht mich vorwärts, so schnell, dass ich glaube, fliegen gelernt zu haben. Ein Schloss taucht vor mir auf. Prunkvoll ist es, mit hohen Türmen, die sich weit nach oben im nichts verlieren, einer Fassade, die mit hellem Schnee zu einem Kunstwerk aus Schnörkeln, Kristallen und Wellen geworden worden ist und einer Farbe, die zusammen mit dem kalten Chakra des Palastes auf pures Eis hindeutet. Schwere Flügeltore öffnen sich wie von selbst für mich und zum Vorschein kommt ein Saal, der in Länge und Breite wohl mein gesamtes, zerstörtes Anwesen hätte fassen können, alleine die spitz nach oben zulaufende Decke fasst schließlich nur noch einen Bruchteil der Breite und trifft sich direkt über meinem Kopf.
    Ich habe genug von den Zauberkünsten meiner Familie. Zähneknirschend, alleine schon um dem Zittern Einhalt zugebieten, stehe ich da und bin das einzig Sichtbare im Saal neben sechs hohen Türen aus blickdichtem Eis und einem Sarg aus gleichem Material. Ich muss nicht erst die Stufen zur Aufbahrung erklimmen und einen Blick in den Kasten werfen, um zu wissen, wer dort seinen Dornröschenschlaf hält. Poseidon hat seinen Sohn eindrucksvoll versteckt, hat ihm in der Stunde seines Todes im Dorf der Halbgötter durch das freigesetzte Chkara der Sterbenden eine eigene Dimension geschaffen, was man nur mit kühlem Scharfsinn erklären kann, zumindest unter solchem Druck, und das finde ich bemerkenswert. Nicht umsonst liegen er und Athene wohl schon seit Jahrtausenden in Zwietracht, ihre Intelligenz ist wohl ebenbürtig und nicht nur einmal haben sie selbiges, ob Land oder Macht, in meiner Welt begehrt. Jetzt habe ich eigentlich nur noch eine einzige Frage: Was soll ich noch hier, wenn ich die Prophezeiung erfüllt habe?
    Kein Flüstern, kein lauter Ruf drängt mich weiter und selbst der Blizzard schweigt jenseits der Mauern, die diesen Raum umfassen.
    „Na schön“, grummle ich und reibe über meine kalten Oberarme. Zielstrebig halte ich auf den Sarg zu. Ich mache keine halben Sachen, aber wenn dieser Götterprinz einen Wachkuss von mir erwartet, dann nur auf Wikingerart mit einem Beil.
    Noch im Gehen lasse ich meine Fingerknöchel knacken und bin dankbar für die Handschuhe, die wenigstens etwas Wärme spenden und meine Haut davor bewahren werden, am Frost des Grabdeckels kleben zu bleiben. Angepackt habe ich diesen bereits, absolut willig, es endlich zu Ende zu bringen und diesen Teil meines Leben, der mich wie ein Fluch auf Schritt und Tritt verfolgt hat, endlich hinter mir zu lassen, doch dann – mit der Gewalt eines Blitzschlags – erkenne ich, dass der Sarg bereits aufgebrochen und sein Inhalt verschwunden ist. Fast zur gleichen Zeit - gut möglich, dass dazwischen ein paar Sekunden blanker Schrecken gelegen hat – höre ich ihn meinen Namen rufen. Sasori.
    Einzig einem Instinkt folgend, steuere ich ungehalten einer der Türen in die Nebenzimmer an, getrieben von dem brennenden Wunsch den Puppenspieler wieder zu sehen und ihn in Sicherheit zu wissen. Was ich aber tatsächlich vorfinde, hat wenig mit meiner Vorstellung zu tun: Und zwar ist es ein langer Gang aus Eis, der sich nach ein paar Metern in völliger Finsternis verliert und zwei Männer. Einer davon lässt mich erstarren und wider Erwarten ist es nicht Sasori, nein, dieser kniet nicht gerade erfreut mit am Rücken verdrehten Armen am Boden und derjenige, der ihn fest im Griff behält sieht nun zu mir auf. Binnen eines Wimpernschlags meine ich, die Wüste mitten im Blutmeer würde sich mit dem tobenden Eissturm der Ebene verbinden und der Gewalt eines Schwerhiebes gleich in meine Brust stoßen. Vergeblich bemüht sich mein Körper, seine verbliebene Wärme zu erhalten, kniet jedoch nieder vor einer unüberwindbaren Kraft, dem Erbe eines der stärksten Götter überhaupt. Augen in der Farbe der ersten Meere, durchdrungen mit den Splittern der Eisgletscher vergangener Zeit, Haaren so weiß, dass sich selbst feinster Schnee darin verlieren würde und einer Statur, die in einer Skulptur nachzubilden selbst ich nicht wagen würde – das ist er, der Sohne des Poseidon, er muss es einfach sein.
    Zu meiner Schande, vergesse ich zu atmen unter dem Blick, den man auf mich gerichtet hat, bis ich die Verbindung spüre, die mich sowohl mit Poseidon, als auch mit Akantha zuvor verbunden hat. Ein Wort schießt in meine Gedanken, das nicht meinem eigenen Kopf entsprungen ist, während der junge Mann von Sasori ablässt und kaum einen Meter auf mich zu macht: „Göttin“, das ist das Wort.
    Und damit hat er mich zu mir selbst zurück geführt. Ich bin vieles, aber nicht göttlich, zumindest nicht, wenn ich mich mit Haut und Haaren noch dagegen sträuben kann. Provokant und eindeutig bedrohlich hebe ich in Kampfstellung die Fäuste, was den Jüngling nicht im Geringsten beeindruckt, zumindest aber irritiert. Er hält inne und mustert mich eindringlich. Ich spüre, dass er sich durch mein Bewusstsein und meine Erinnerungen wühlt, als würde er eine Karte vor sich haben und verschiedene Richtungen studieren, ohne ein gewünschtes Ziel zu entdecken, während er sich selbst vor mir verbirgt, besser noch, als es ein Unterschied von mehreren Räumen getan hätte. Dieser Halbgott hat gelernt unter seines gleichen zu leben und selten habe ich eine derartige Faszination gespürt. All die Fragen, die ich Akantha hätte stellen wollen, kommen in mir auf und als sie gemeinsam zu einem Sturm anschwellen, der mir Kopfschmerzen bereiten will, beginnt mein Gegenüber zu lächeln. „Geduld, Akasha“, raunt seine klare, frische Stimme in meinem Kopf, die mich unausweichlich an einen lichtgefluteten Gletschergipfel denken lässt. Lächelnd - was zwei spitze, leicht ausgefahrene Fänge entblößt - fügt er hinzu: „Ich werde dir alles erklären, alles was du dir nie hast erklären können“. Diesmal verbirgt er seine Gedanken – ziemlich eindeutige Bilder, die uns beide in inniger Zweisamkeit zeigen - nicht vor mir.
    Ich erschaudere. Gedanklich mache ich deutlich, was meine Hand tun würde, sollte die seine mir auch nur zu nahe kommen und meine anfängliche Faszination weicht blanker Empörung. Unterdessen bemerke ich, dass Sasori auf die Beine gekommen ist und außerdem auch noch, dass neben ihm nur noch ich bekleidet bin. Poseidons Sohn – Nepta, wie ich seinem Geist entnehmen kann -ist nämlich nackt, ein Zustand, den ich bemüht ignoriere. Ebenso seine befremdendes Verhalten. Ich fokussiere mich kurz auf Sasori. Er wirkt ebenso unterkühlt wie ich, doch seine übliche Haltung an körperlicher Unempfindlichkeit ist ihm in dieses Reich wohl nachgefolgt, den sein Blick ist starr und unergründlich, nein, ich meine sogar, er ist leer.
    Trockenheit quält meinen Gaumen und Schlucken hilft dagegen nicht. „Mein Begleiter und ich wollen gehen“, verkünde ich laut, „ich habe meine Aufgabe erfüllt, nun fordere ich die Götter auf, mich in Frieden zu lassen“. Solange zumindest, bis sie mich für Athenes Tod jagen werden – diesen Gedanken verberge ich erfolgreich vor dem Halbgott, der mich stirnrunzelnd betrachtet. „Gehen? Du kannst nicht gehen!“, gibt er zurück. „Unser Kind ist auserwählt, den Olymp zu retten.“
    Wie bitte?
    Mich bringt selten etwas zum Schwanken, doch diese Ankündigung, die habe ich einfach nicht erwartet. Wie denn auch? Niemals, und das weiß ich mit Sicherheit, ist die Rede von einem Kind gewesen!
    „Davon war niemals die Rede!“ Sogar ich selbst spüre, wie mein Chakra bedrohlich zu einem zweiten Herzschlag mutiert und sich feine Wogen Energie zwischen meinen Fingern sammeln.
    „Ist das wirklich notwendig?“, bringt nun auch Sasori sich mit ein und kommt mir unmerklich näher. Wieder bin ich mir nicht sicher, ob er es überhaupt bemerkt. „Athene sagte, Poseidons Sohn würde mit Zeus und Hades Nachkommen den Olymp retten, nicht dass…“
    „Götter weihen ihre Diener selten vollständig in ihre Pläne ein“, unterbricht Poseidons Spross Sasori bestimmend, wenn auch ohne Grolle, doch diesmal kann ich ein wütendes Blitzen in Sasori braunen Augen ausmachen, auch wenn er seine sonstige Fassade aufrecht behält.
    Ich befürchte, dass diese Unterhaltung bald in einem Streit ausarten wird, den ich beginnen werde.
    „Akasha“, mein Name scheint Nepta gut zu gefallen, aber er kann ihn noch so sinnlich raunen, wenn ihm der Sinn danach steht, ich habe nicht vor zu bleiben.
    „Ich kann dich nicht gehen lassen.“ Es klingt nicht, als bedauere er es, das ist ein weiterer Fehler von ihm.
    „Raus aus meinem Kopf“, gebiete ich ihm düster und konzentriere mich auf mein Chakra, errichte Barrieren, die man nicht überwinden können wird und sammle weitere Energie in meiner Hand, bis es so aussieht, als hätte ich einen flammenden Handschuh aus dunklem Licht übergestreift.
    „Wir haben zwei Möglichkeiten: Entweder du sagst mir freiwillig, wie ich in die Menschenwelt zurück komme oder du lernst schneller als dir lieb ist, wie es sich anfühlt, wenn einem Informationen aus dem Hirn gepresst werden.“
    Es ist eine leere Drohung, das weiß ich, da ich Chie vor wenigen Nächsten nach dem Dorf der Halbgötter gefragt habe, insbesondere über die Stärke ihrer toten Bewohner, und erfahren habe, dass jeder von ihnen mir damals schon körperlich und mental überlegen gewesen wäre.
    Und dennoch! Ich bin mehr als nur willig, über meine Grenzen zu gehen, um mein Leben selbst bestimmen zu können, der Weg meines Todes gehört dabei dazu.
    „Akasha, genug!“
    Ich bin gerade dabei gewesen, mich lautstark auf Poseidons Spross zu stürzen, als eine Frau ihre Stimme erhebt. „Tochter!“, schallt sie zu gleichen Teilen bestimmen wie sanft und ich erstarren mitten im Schlag.
    Nepta, Sasori, ja sogar mein innerster Wunsch nach Rache und Selbstbestimmung verblassen, als wären es unwirkliche Genjutsus gewesen, deren Gewalt ich mich endlich entzogen habe. Meinem Zögern folgt ein Zittern, mein Herz klopft schneller und meine Augenlider weigern sich, auch nur einen Deut zuzufallen, an Blinzeln kaum zu denken. Ich weiß genau, wer hinter mir erschienen ist. Es gibt überhaupt kein Zweifel daran und doch ängstigt es mich, meiner Vermutung absolute Gewissheit zu verschaffen. Weiterhin starre ich gerade aus, hebe dann den Blick, um Sasoris Gesicht zu suchen, was mir diesmal einfach nicht helfen kann. „Dreh dich um“, rufe ich mir selbst zu. „Gib ihm keine Gelegenheit, dich von deinem Weg abzubringen, nicht erneut!“ Doch es hilft nichts. Ich bin zu Eis erstarrt, denn ich weiß, dass es Athene ist, die hinter mir steht. Meine Mutter ist gekommen, um einen weiteren Tribut von mir einzufordern und ich würde vorher ihr Leben nehmen – oder bei dem Versuch sterben.

    15
    „Willst du mich nicht ansehen, Tochter?“, fragt Athene sanft, da sie wohl nicht bemerkt, dass sich ihre Gestalt in den Mauer des Eispalastes spiegelt. „Lass uns reden“, schlägt sie desweiteren vor, während sie die Arme hinterm Rücken verschränkt. Eine helle, eng anliegende Toga schmiegt sich um ihren Körper. Knochig und hart wirkt die Frau, doch ruht in diesen Zügen auch eine Anmut, die ich selten erlebt habe. Jede Bewegung wirkt wie ein Wellengang, welcher sich von der schmalen Taille über die leicht sichtbaren Beckenknochen ihre langen Beine hinab bis zu den Knöchel bricht. Ihre Haut ist absolut markellos, statuengleich will ich behaupten und es ist klar ersichtlich, von wem ich mein dichtes, schwarzes Haar geerbt habe. Vorsichtig, fast als würde sich eine Kreatur der Schatten an mich heranschleichen und mir schrecklichstes antun wollen, sehe ich über die Schulter zurück. Auch Athenes Augen gleichen meinen, es ist als würde ich direkt in mein Spiegelbild sehen und mich doch nicht wieder erkennen. Ich kann es nicht verhindern und denke an die Schriftrolle, die ich an der Halterung unter meiner Brust trage und an die Waffe, die dort versiegelt ist. Sofort weiß ich, dass Nepta meinen Plan gehört hat, da meine Barrieren schon vorhin wie Kartenhäuser zusammen gefallen sind. Der Halbgott weiß, was ich zu tun gedenke und auch warum. Stirnrunzelnd und völlig überrascht mustert er Sasori, als würde er ihn nun erst als existent erachten. Er ist der Mann, in den sich seine Auserwählte verliebt hat, für ihn ein schlichter, wertloser Sterblicher.
    Und seine Überraschung ist mein Vorteil. So schnell ich kann, vielleicht sogar in Rekordgeschwindigkeit, forme ich einige Fingerzeichen, die meinen Wind entfachen. Ich wende Ninjutsu nicht gerne an, das gebe ich zu, da die Elemente etwas sind, das man nie wirklich kontrollieren kann, der Glaube daran ist nur die Selbsttäuschung von uns Ninja, so wie wir fester Überzeugung sind, mit ihrer Kraft fertig zu werden, doch heute ist mein Fuuton gnädig mit mir und erschafft eine Barriere, ganz nach meinem Willen, die die beiden Männer vor mir von mir und Athene trennt. Meine Mutter kommt gar nicht erst dazu, sich über diese Maßnahme zu wundern, denn ich habe nicht vor, meine einzige Chance sie zu töten verfliegen zu lassen. Deshalb rufe ich mein zweites Element an und blaue Blitze brechen in der Form meiner Silhouette von mir ab. Sie dienen als Ablenkung, ebenso der Doppelgänger der hinter Athene erscheint und auf Höhe ihres Kopfes einen Fußtritt ansetzt. Beides bringt Athene nicht aus der Ruhe: Die Blitze leitet sie mit bloßen Händen in die seitlichen Wände und vor dem Schlag duckt sie sich mühelos. Sie fängt meine Faust vor ihrem Gesicht ab, schlittert aber durch die Wucht meines Hiebes ein wenig zurück. Sagen will sie etwas, doch muss sie erneut ausweichen, als ich ihr mein Knie in den Magen rammen will. Ich lasse ihr keine Atempause. Schon jetzt erscheinen zwei neue Doppelgänger neben ihr und formen unentwegt Fingerzeichen. Kleine, kindsgroße Tornados, die den Donner der Götter erklingen lassen wollen und in hellem Blitzgewitter um uns zu kreisen beginnen, erscheinen aus dem Nichts und sind genauso gefährlich, wie sie aussehen, doch auch sie können die Augen der Göttin nur für ein paar Sekunden bannen. Spielerisch durchschaut sie die heimtückische Attacke von oben – ein Abbild meiner, das mit einem Schlag auf ihren Kopf zielt. Ihr Blick gleitet hinauf, starr und ruhig sind ihre Züge, doch ihre Augen scheinen meine Blitze aufzufangen und in gleicher Sekunde erscheint ein goldener Schild über ihr, gerade rechtzeitig, um seine Kriegerin zu schützen. Athene fasst an den Griff, wirbelt herum, um den Schild donnernd auf den Boden zu schlagen und ein gleisendes Licht zu entfachen, so hell, dass ich die Augen zukneifen muss, wenn auch nur für einen Moment, der ausreicht, um einen in Feuer getauchten Sperr zum Vorschein zu bringen. Langsam richtet sich die Göttin auf, ein goldener Helm mit einer Verzierung aus rotem Pferdehaar schützt nun ihren Kopf und um Teile ihres Torsos hat sich eine Rüstung gelegt. Ich kann nicht sagen, dass die Transformation Athenes zu meinem Plan gehört hat, doch da sie sich ganz im Kampfe zusehends auf meine Ablenkungen konzentriert, wird ihr gerade diese Schutzmaßnahme zum Verhängnis: Ich selbst peitsche vor, täusche an, ihr den Boden unter den Füßen wegzuschlagen und forme das verbliebene Fingerzeichen, um das Siegel der Schriftrolle zu lösen. Einer meiner Doppelgänger entfacht zeitgleich Raiton, tosende Blitze erhellen den Raum, sodass ich nur noch spüren, nicht aber sehen kann, wie meine rechte Hand den Saum einer Toga zu fassen bekommt. So fest ich kann, ziehe ich die Hand zurück, sehr wohl im Wissen, dass es die Präsenz von kühlem Stahl ist, die ich an meiner Schulter spüre. Mit mir zusammen reiße ich Athene nun zu Boden. „Du hast nur diese eine Chance“, erinnere ich mich dabei und umklammere den Griff meines Schwertes fester, bevor ich ihn mit einem einzelnen Schrei in die Höhe reiße. Ich kann es genau sehen, den Ablauf meines gesamten Plans, all die Gründe dafür und all meine Ziele. Ich weiß, warum ich das hier tue, ich verstehe, dass es nur diesen einen Weg gibt, um sicher zu gehen, dass nichts mehr schief gehen würde, dass ich nicht mehr enttäuscht werden könnte.
    Alles um mich herum ist in Blitze und Wind getaucht. Unmöglich kann es Athene klar sein, in welcher Gefahr sie schwebt, doch als der Lichtwall sich etwas legt und ich unerwartet direkt in ihr Gesicht sehen kann, da sehe ich neben kühler Kalkulation, neben Strategie und Vorausschauen auch noch etwas anderes in ihren Augen – Sanftheit. Schließlich ist es aber ihr feines Lächeln, das mich innehalten lässt, kaum zwei Zentimeter, bevor die Klinge meines Schwertes ihr die Kehle durchbohrt hätte.
    Ich kann es nicht tun.
    Ich will es nicht tun.
    Im Grunde weiß ich überhaupt nicht, was ich eigentlich will.
    Ist es Sasori? Ist es seine Liebe? Die Rettung seiner Seele? Bis hierher habe ich nicht daran gezweifelt, doch nun, kaum dass die Geschichte an ihr Ende tritt, schwanke ich. Er hat gesagt, er liebt mich nicht und er würde es niemals tun, aber kann ich mit seinem Hass leben? Mit dem Hass der Götter? Will ich in Angst vor ihnen leben bis zu meinem Tod? Verdammt, will ich überhaupt sterben? Ich weiß es nicht mehr.
    <Du willst du selbst sein, Akasha> Ich bin überrascht, als Athene ihre Stimme erhebt und sie mir ein weiteres Lächeln schenkt, so sanft, das ich es als feines Streifen an meiner Wange zu fühlen glaube. <Aber noch hast du nicht entschieden, wie du sein möchtest.>
    Könnte sie Recht haben?
    Ich kann sie nicht länger ansehen. Zitternd stehe ich auf, fast haste ich von ihr weg, umklammere meine Waffe, als würde sie alleine mir Halt geben und raufe mir einhändig die Haare, unfähig die Angst in mir zu unterdrücken. Töten sollte Athene mich für den Versuch, ihr das Leben zu nehmen, doch stattdessen straft sie meine Schwäche mit Mitleid und Spott.
    <Es ist kein Mitleid, Tochter>, raunt Athene wieder in meine Gedanken, um uns herum kehrt Friede ein. <Und ich verspotte dich auch nicht!> Ihr Blick gleitet zu der Türe in den Gang, wo Nepta und Sasori warten, leise schließt sich dort die Pforte. Wir sind alleine. „Ich kann dich verstehen, Akasha.“ Langsam und aufgestützt auf ihren Sperr, der sich samt ihrer Kampfesmontur schließlich in gleisendem Licht auflöst, kommt sie auf die Beine.
    Zu meiner größten Schande will ich ihr sogar glauben. Ich weiß nicht, wie das sein kann, aber so sehr ich es auch versuche, ich schaffe es einfach nicht an meiner grausamen Vorstellung dieser Göttin festzuhalten. Könnte das mein Untergang sein? Ist es ein abgekartetes Spiel, das meine Mutter spielt? Würde sie ihre Maske bald fallen lassen und mich zerfetzten wie ihre Feinde aus alter Zeit oder die Menschen und Kreaturen, die sich der Macht ihres Willens wiedersetzt haben?
    Nein, das würde sie nicht. Athene ist nur noch der Schatten der Göttin, die sie einmal gewesen ist, das kann ich sehen und gleichzeitig denke ich, mich zum ersten Mal mit ihr verbunden zu fühlen. <Auch ich stand einmal am Abgrund und habe mich gefragt, wer ich bin und für was ich sein soll>, gesteht sie mir. <Es ist nicht fair von mir, von dir zu verlangen, dass du diese Entscheidung jetzt triffst. Im Grunde ist vieles, das ich dir abverlangt habe nicht fair gewesen, und das tut mir Leid, aber ich habe nie daran gezweifelt, dass du alles, was das Schicksal für dich bereit gehalten hat, meistern würdest. Zu sehen, dass du heute und hier alles was du bist und sein könntest für ein Menschenleben riskiert hast, beweist für mich, dass du zu einer großartigen Seele herangewachsen bist, und selbst zu erfahren, dass du dich und dein Handeln rechtzeitig, noch bevor du anderen Schaden zufügst, hinterfragst, beweist mir, dass du die Stärke der Götter lange schon hinter dir gelassen und uns alle übertroffen hast.> Mit diesem Satz breitet Athene die Arme aus und sinkt vor mir auf die Knie, was nicht minder befremdend wie elegant aussieht.
    Ich träume! Ha, ich wette, ich bin in Poseidons See ohnmächtig geworden und liege nun fantasierend neben Sasori am Steg.
    Verliere ich deshalb den Halt über die Waffe? Über das Schwert, dass die Götter zu töten vermag? Oder liegt es am Durchzug, auf den mein Gehirn gerade geschaltet hat?
    „Verdammt noch mal, steh auf, Athene“, flüstere ich fast schon scharf und sehe mich um, als befürchte ich, Zeus würde das absolut seltsame Verhalten seiner Tochter noch im Tode bestrafen, doch diese nimmt es lächelnd, richtet sich zu ihrer vollen Größe auf und betrachtet mein Schwert. Telekinetisch hebt sie es in die Höhe und platziert es abermals in meinen Händen. Überrascht runzle ich die Stirn.
    „Du weißt, was es kann, nicht wahr?“, frage ich sie und ein Nicken ist meine Antwort.
    „Ich hätte dich töten können.“
    <Das hättest du und nein, ich habe nicht gewusst, dass du zögern würdest.>
    „Aber wieso…?“, setzte ich an, doch verstumme ich, als ich die Antwort selbst erkenne. „Du wolltest mir beweisen, dass du an mich glaubst?“ Es ist mehr eine Frage, vielleicht ein Wunsch oder doch eine Bekundung blanken Unglaubens, als eine Antwort und Athene lächelt abermals fein. <Und du hast meine Erwartungen weit übertroffen. Du bist ein Geschenk an diese Welt und kannst stolz auf dich sein.>
    Langsam wird es mir zu viel.
    „Das meinst du nicht so“, will ich sagen. „Du willst mich nur manipulieren“, sollte ich ihr vorwerfen, stattdessen frage ich, und ich weiß nicht, woher es kommt: „Bin ich wirklich die einzige Chance die der Olymp hat?“
    Diesmal muss Athene überlegen. <Keiner weiß, ob der Schatten sich mit der Ausrottung von uns Göttern begnügen wird. Ich will es nicht schön reden, gut möglich, dass es nicht einmal euch gelingen wird, dir und Nepta und eurem Kind.> Bei <Kind> meine ich, ihre Stimme brechen zu hören. Der Themenwechsel, den sie mit feinen Tränen in den Augen nun aufbringt, kann ihre Gedanken, besonders ihre Furcht nicht verbergen. >Doch du liebst Sasori>, sagt sie und es klingt wie eine Erleichterung. <Ich bin froh, dass du zu Liebe fähig bist, ich dachte schon, das Leben einer Halbgöttin hätte es für dich zerstört.>
    „Und dennoch willst du ihn mir nehmen“, gebe ich zurück, ohne darüber nachgedacht zu haben.
    Athene strafft leicht die Schultern. Ihr Blick ist wehmütig, als würde sie mir gerne ersparen, was gesagt werden muss. <Du kennst seine Vergangenheit. Du weißt, welches Leid ihm wiederfahren ist und wie viel er davon zurück gezahlt hat. Seit kurzem kennst du den Schmerz am eigenen Leib, doch dieser Sterbliche hat nicht deine Stärke. Sein Leben, seine Erinnerungen, sie zerreißen ihn.>
    Bei ihren Worten muss ich die Augen zusammen kneifen. Meine Finger sind so verkrampft, dass sie in meinen Fäusten die Nägel in mein Fleisch bohren. Der Schmerz ist kein Vergleich zu jenem, der mit unnachgiebigem Gewicht auf meine Brust drückt. „Du meinst also auch, dass ich ihn gehen lassen sollte? Du denkst wirklich, es wäre das Beste für ihn, wenn er sich selbst verliert, alle seine Gefühle und alles, was ihn ausmacht?“
    Athene verneint. <Ich denke, dass du es ihm selbst überlassen solltest, zu erfahren was und wie er sein will. Genauso wie auch du es entscheiden solltest.>
    Ich soll entscheiden? Zum ersten Mal in meinem Leben wäre mir ein Befehl lieber, denn dann hätte ich wenigstens meinen Hass auf den ich bauen könnte. Lange überlege ich, so lange, dass ich beinahe denke, die Kälte des Palastes hätte mich vollends erfüllt und würde den Schmerz dämpfen, denn meine Erkenntnis und meine Entscheidung in mir aufflammen lässt.
    „Okay“, hauche ich und sehe zu meiner Mutter auf. Ich schau zur Türe, die von selbst aufschwingt. Mein Jutsu ist verflogen und Nepta und Sasori stehen direkt davor. Beide sind erleichtert, als sie Athene und mich unverletzt vorfinden.
    „Was ist passiert?“, will Nepta wissen und alleine seine Anwesenheit, treibt einen Keil in mein Herz, der es zu Eis erstarren will. Sasori kann ich nicht ansehen, noch mehr Pein ertrage ich einfach nicht.
    „Eine Entscheidung ist getroffen worden, diesmal von mir“, verkünde ich und trete auf den Halbgott zu. Ich fühle mich, als wäre ich mir gleichzeitig fremd geworden und vertrauter denn je. Ich denke, dass ich langsam verstehe, was für eine Art Mensch ich sein möchte, doch davor muss ich endlich lernen, wie man eine Halbgöttin sein kann und die Verantwortung begreifen, die auf meinen Schultern lastet – die ich selbst mit vollem Willen geschultert habe. „Ich werde dein Kind austragen“, sage ich und meine Stimme ist fest. „Gemeinsam – als eine Familie – werden wir den Olymp retten und die Welt der Menschen, meine Welt.“
    Ich weiß nicht, wieso ich gerade in diesem Moment zu Sasori gesehen habe, aber sicher ist, dass ich dort neben Überraschung noch etwas anderes erkannt habe, und gerade jetzt ist es wie kaltes Wasser auf einer brennend Wunde. Was ich sehe ist Schmerz und Schmerz verkündet, dass ich ihm etwas bedeute. Ich kann es kaum fassen und doch halte ich mich und meine Haltung aufrecht. Bei den Göttern, irgendjemand muss mir dabei helfen, all das hier zu überstehen. Alleine werde ich untergehen, das fühle ich.
    Für mich selbst klingen meine Worte bereits befremdend, ich kann mir kaum vorstellen, wie sie auf Sasori gewirkt haben müssen, da er viele Seiten von mir kennen gelernt hat, aber niemals eine, die man als wirklich vernünftig bezeichnen könnte.
    „Akasha“, setzt er an, verstummt aber, als Nepta plötzlich meine Hand nimmt.
    „Ich weiß dein Opfer zu schätzen“, sagt er, definitiv in Anerkennung meiner plötzlichen Weisheit und selbst er ist diesmal taktvoll genug seine andere Hand von meiner Hüfte zu nehmen als sich Sasori auffällig abwendet.
    „Es wird schon nicht so schlimm werden“, rede ich mir ein. „Du hast schlimmeres erlebt. Es kann einfach nur besser werden!“
    Hierbei sollte ich mich aber täuschen.
    Nepta zieht mich derartig schnell schützend hinter sich, dass ich gerade Mal einen ärgerlichen Schrei ausstoßen kann, bevor, der „Der Schatten!“ schreien kann und erst jetzt erkenne ich, dass er irgendwo angemessene Ninja-Kleidung aufgetrieben hat. Ein weiteres Indiz für einen Traum? Langsam beginnen Realität, Wunschvorstellung und Alptraum miteinander zu verschwimmen.
    „Warte!“ Meine Gedanken überschlagen sich mit meinem Schrecken, doch eindeutig ist es Chie die sich von einem runden Teerkreis am Boden zu meinem Silhouetten-Abbild erhebt.
    „Sie gehört zu mir!“ Ich tausche einen Blick mit Athene. „Uns“, verbessere ich mich und zwinge meinen Puls zur Ruhe.
    „Akasha!“, raunt Chie unterdessen, nun vollständig manifestiert. Mein Name scheint sich langsam zu einer gängigen Satzeinleitung zu entwickeln. „Der Sohn des Zeus ist tot. Akantha, Tochter der Hera, hat ihn getötet.“
    „Was?“ Es ist das erste Mal, dass Athene in meiner Gegenwart die Beherrschung verliert und ihre Gefühlslage lässt das Gebäude erzittern. Ängstlich fällt Chies Gestalt in sich zusammen, kriecht am Boden davon und verschwimmt mit dem Schatten des Ganges. Meine Mutter schreit ihr etwas entgegen, führt dann sichtlich aufgeregt eine gedankliche Konversation, die ich nicht mitverfolgend kann und stütz sich dann an der Wand in ihrem Rücken ab. Sie wiederholt, was Chie gesagt hat.
    Nun lässt Nepta meine Hand los und wird seltsam blass. Er hat ihn gekannt, das weiß ich sofort, doch ist da noch etwas anderes, das ihm das Blut aus dem Gesicht schießen lässt.
    „Wir sind verloren“, sagt er leise. „Die Tochter der Hera hätte ihm ein Kind gebären sollen. So ist es prophezeit. Drei Halbgöttinen verbunden mit uns, den Söhnen der Großen Drei. Wenn mein Freund tot ist, dann…“
    „Hat sich eure Verbindung erledigt“, endet Sasori für ihn und sucht meinen Blick, unter dem sich seine Züge verhärten. „Ihr könnt den Olymp nicht mehr retten.“ Dessen scheint er sich sicher.
    Erleichtert stoße ich den Atem aus, Panik ergreift mich aber fast im selben Moment.
    „Aber was sollen wir jetzt tun?“, will ich wissen und niemand hat eine Antwort darauf, jeder weicht mir auf. Unglaublich!. „Gebt ihr etwa auf?“, frage ich ärgerlich. „Wie lange habt ihr das alles hier geplant? Jahrelang! Und bei dem ersten kleinen Rückschlag wollt ihr einfach aufgeben?“
    „Klein?“, wiederholt Nepta unverständig, aber ich ignoriere ihn.
    „Athene“, wende ich mich an meine Mutter. „Es muss doch irgendetwas geben, dass wir tun können!“
    Ich appelliere an die Göttin von Krieg und Frieden, doch sie schüttelt den Kopf. „Wir Götter können den Olymp nicht einmal mehr betreten, du weißt, was mit Zeus passiert ist, als er es versucht hat. Nicht umsonst haben wir unser Blut mit Menschen vermischt, es ist unsere einzige Chance gewesen. Selbst Neptas Chakra ist noch zu verwachsen mit göttlicher Kraft, als dass es …“
    „Warte!“, unterbreche ich sie nachdenklich. „Es geht hier um Chakra? Ich bin mein Leben lang als Mensch durchgegangen, niemand hat je von vorhinein gedacht, ich wäre besonders!“
    Ein Schnauben entweicht Athenes Kehle„Wir haben keine Ahnung, um was es geht, Akasha“, sie verschränkt die Arme vor der Brust, „das sind alles nur Vermutungen.“
    „Eine Vermutung reicht mir“, ich spüre, dass meine Entschlossenheit zunimmt. „Zeig mir einen Weg in den Olymp und ich bin bereit, mich dem Schatten zu stellen.“
    Ich kann ein Blitzen in Athenes Augen erkennen, ein ärgerliches, will ich meinen. „Das ist Wahnsinn. Ich bin nicht gewillt das Leben meiner Tochter - dein Leben – aufs Spiel zu setzten!“
    Das bringt mich zum Lächeln, unglaublich dass ich es ihretwegen tue. „Wir alle wissen, dass wir keine Zeit mehr haben und wieso auch warten? In diesem Raum sind wahrscheinlich die klügsten Köpfe vereint, die wir auf die Schnelle finden werden. Gemeinsam, diesmal ohne Moiren und komischen Prophezeiungen, werden wir es schaffen!“
    Immer noch kann ich sehen, wie Athene zögert. Sie ringt mit sich und meinen Worten, doch schließlich habe ich sie überzeugt. Nepta und Sasori machen kein Geheimnis daraus, dass ihnen meine Idee nicht gefällt, doch was sollen sie schon tun gegen eine Göttin und ihre sture Tochter? Genau – gar nichts!

    Ich muss zugeben, dass ich mit vielem gerechnet habe: mit den Federn des Pegasus, Schlangenhaar der Medusa, dem Blut einer Schicksalsgöttin – die Liste wäre endlos, aber auf jeden Fall mit etwas, das mich die Augen verdrehen und angewidert die Miene verziehen lassen würde. Doch stattdessen muss ich abermals in einen See steigen, an den Athene uns gebracht hat, und meditieren. Nur mein Geist würde nämlich in den Olymp ziehen, so haben wir es als Gruppe vereinbart, und damit ich meiner Vernichtung entgehe auch nur für die Dauer einer Informationssuche. Sobald es gefährlich wird, werde ich verschwinden.
    „Der Plan ist gut“, meine ich in Gedanken, aber ich kann es mir noch so oft einreden, dadurch wird es nicht unbedingt wahr.
    Eins.
    Mein Puls wird langsamer.
    Zwei.
    Meine Gedanken beruhigen sich etwas.
    Drei… Vier… Fünf…Sechs und Sieben.
    Das Rauschen von Wasser dringt an meine Ohren. In diesem Moment weiß ich, dass ich den Schutz des Sees verlassen habe und als ich mich umdrehe, sehe ich den vereinzelten Strahl eines sterbenden Wasserfalls. Vorsichtig trete ich einen Schritt zurück, merke aber rechtzeitig, dass ich auf dem felsigen Teil eines kleinen Plateaus stehe, das kaum wenige Zentimeter hinter mir endet und in dunkle Wolken übergeht. Über mir ragen Felsen in die Höhe, so dunkle, dass sie wohl mit dem aufbrausenden Gewitter um mich herum konkurrieren wollen. Ich folge dem gefunden Wasser mit meinem Blick nach oben. Seine eigentlich unerschöpfliche Quelle entspringt der Hand des Poseidons – seiner gewaltigen und einst prächtigen Statue, die nun den ersten Zeugen des Verfalls mimt und auf seinen Schultern eine der Hauptsäulen des Olymps trägt. Ich weiß, wie viele Statuen dieser Art es gibt und auch, dass Athene mich zu meinem Schutz gerade so weit entfernt von den Haupthallen des Göttersitzes gebracht hat, dass ich mich von Schwierigkeiten würde fern halten können – denke ich zumindest.
    Ich bin froh, dass meine erste Vermutung sich nicht bestätigt hat: Hier über den Wolken, jedoch unter dem Einfluss des Schattens, verweigert sich die Sonne der Welt und mein Umfeld ist düster, an einigen Stellen lediglich in ein mattes Rot getaucht. Das Rot erinnert mich sofort an das Blut, das Nepta mir gegeben hat – sein Blut, von dem er behauptet hat, es würde mich stärker den je machen. Zugegeben fühle ich es in meinen Adern, wie einen Energierausch, der meine Sinne schärft, sie aber nicht überempfindlich werden lässt, fast so, als hätte ich meine zweite, vampirische Seite endlich unter Kontrolle und hätte meine Schwächen ausgemerzt. Einzig sein Chakra, das er ebenso mit mir hätte teilen wollen, habe ich abgelehnt, und das nicht nur, weil es vielleicht genau das sein könnte, was den Schatten auf mich aufmerksam machen würde.
    Ein letztes Mal schaue ich nach oben. Ich kann nicht viel erkennen, außer von Rissen bedeckte Säulen, abgetragene und in sich fallende Fassaden und dutzende Plateaus, die wohl die ehemaligen Sitze verschiedenster Götter tragen. Eine Treppe sehe ich aber nicht, doch ich hätte mich sowieso hinter dem Wasserfall an dem Felsenzug in die Höhe gezogen. Sicher ist eben sicher.
    Jenseits von Poseidons Abbild und balancierend auf seinem Dreizack, hieve ich mich schließlich auf eine Ebene, die mit einer Säulenreihe vom Abgrund getrennt ist. Marmorboden, Großteils zerstört, aber immer noch im prächtigen graublau wirkend, lässt neben zahlreichen Goldverzierungen nun mehr und mehr den Glanz der Götter erahnen, selbst, wenn das Viertel, das kaum zehn Meter vor mir beginnt, kaum nach mehr aussieht, als eine Geisterstadt in der Menschenwelt, die nach Jahren des Verschleiß von jedem x-beliebigen Wind in die Knie gezwungen werde könnte.
    Ein Frösteln überkommt mich. Nach Neptas Blutgabe habe ich eigentlich gedacht, ich hätte mir die Wärme endlich wieder Untertan gemacht, doch diese feine Briese, die wie ein Atem um den Olymp streicht und selbst die kleinsten Ritzen der Gebäuden zum Singen bringt, ist wie der Vorbote des Tartarus. Totenklagen, so könnte ich sie nennen, hätte ich die Zeit dafür, was nicht der Fall ist. Ich bin hier, um Chakra zu sammeln, das Chakra des Schattens. Wenn wir erst wissen, welches Wesen sich in unsere Welt verirrt hat, dann können wir entscheiden, wie wir es besiegen, vorher ist es beinahe aussichtslos.
    Nur, dass ich rein gar nichts fühlen kann, zumindest nichts, mit was nicht zu rechnen gewesen ist. Hier ist nur die verblassende Präsenz der Götter und der Stempel der Macht, den sie diesem Ort und nach ihm der gesamten Welt aufgedrückt haben.
    Und ein Flötenspiel.
    Schaudern spüre ich, wie mir die Klänge eiskalt den Rücken hinab laufen. Ich weiß instinktiv, dass ich mich umdrehen und verstecken sollte. Klar ersichtlich ist es, dass es nur noch ein einziges Wesen in diesen Hallen und jenseits davon gibt, und dass gerade dieses jenes Lied anspielt. Als sich meine Beine vorwärts bewegen, rede ich mir ein, ich würde mich hinter den Säulen, die den Olymp pflastern wie Blumen einen schicken Palastgarten, bedeckt halten können. Wie sonst, könnte ich das Chakra sammeln, das ich brauche, wenn der Schatten es anscheinend eng bei sich behält, als würde er außerhalb der Welt stehen und sich nicht um den Tribut kümmern, den wir Lebewesen zahlen, um auf der Erde wandeln zu können?
    Eigentlich aber, und das sollte mir zu denken geben, berührt mich etwas in dieser Symphonie.
    Langsam durchquere ich die Straßen des Olymps, komme vom Hauptplatz über eine Treppe auf die andere Seite einer Klippenformation und von dort schließlich auf den höchsten Punkt, den es weit und breit zu finden gibt: Zeus Andacht mit seiner Statue. Ein Platz, der von einer Kuppel eingefasst ist und dessen Säulen immer noch leichte Blitze abgeben, wenn man genau hinsieht. Auch ein Blitz ist es, den Zeus Abbild in die Höhe streckt, direkt unter der Öffnung im Palais und hinauf zu den Sternen. Auf dem Sockel zu seinen Füßen sitzt ein junges Mädchen, sechzehn vielleicht, so schätze ich, und sie spielt auf einer Querflöte die schönste Melodie, die ich je gehört habe. Ihre langen, dunklen Haare ruhen sanft um ihren schmächtigen Körper und verdecken die einzigen freien Stellen um Schulter und Dekolleté, die von der sandfarbenen Toga nicht eingefasst werden. Selbst die Arme sind in feine Tücher gewickelt, als hätte sie sich Nebel wie zwei Schlangen umgebunden.
    Ihr Lied geht weiter, unaufhaltsam und ohne Luft zu schnappen, entlockt sie dem Instrument seine Klänge, behält die Augen dabei geschlossen und rührt sich kaum. Ich tue es ihr gleich, verstecke mich in sicherem Abstand und halte mein Chakra bedeckt, während ich versuche, den Hauch von einem anderen aufzuschnappen. Schließich, ich denke es muss eine Ewigkeit gedauert haben, senkt das Mädchen ihr Instrument. Ich bin nicht überrascht, als ich pure Schwärze in ihren Augen erkenne, nachdem die Lider sich zurück gezogen haben, doch mit dem seit kurzem erst vertrautem Klang ihre Stimme hätte ich nicht gerechnet und ich zucke zusammen.
    „Bist du hier, um mich zu töten?“, fragt der Schatten und es ist Athenes Stimme, die über den Platz hallt, jünger zwar, aber so kalt, dass es selbst meine frühesten Vorstellungen von ihr übertroffen hat.
    Unzählige Gedanken, die meisten davon, wüste Beschimpfungen für meine Dummheit, halten mich für einen Moment beschäftigt. Erst als ich meine wenigen Chancen abgewogen habe, trete ich vor.
    Diesmal erschreckt mich die Ähnlichkeit, die ich zu dem jungen Abbild meiner Mutter habe wie ein Peitschenschlag im Genick, dennoch zucke ich nicht zusammen. „Ja“, antworte ich gefasst und baue Barrieren in meinem Kopf auf, die wohl selbst das Universum zurück halten würden. Wie auf Stichwort ist da ein Schmerz in meinem Kopf, ähnlich einem Bohren, das meine Schläfen bearbeitet. Es können Minuten oder Stunden gewesen sein, in denen mein Gegenüber versucht hat, mich zu unterwerfen und es fühlt sich an, als hätte ich stundenlang die Luft angehalten, bevor das Pochen endlich verschwindet und ich Erleichterung spüre.
    Der Schatten grinst lediglich. „Du bist stark“, raunt er anerkennend. „Nicht jeder kann dich töten und klug bist auch noch.“ Langsam beginnt er mich zu umkreisen und geht dabei an den Säulen vorbei, von dessen Schutz ich noch immer in einem Kampf zu profitieren gedenke. Ich verfolge jede Bewegung, sogar das Streifen der Toga über den gebrochenen Marmor.
    „Du kannst gerne aufgeben, wenn ich zu viel für dich bin“, murmle ich, während ich fieberhaft nachdenke und eine Strategie forme. Ich muss an sein Chakra heran kommen und dann verschwinden, irgendwie muss ich es schaffen, solange er noch keine Gelegenheit gefunden hat, meine Gedanken zu lesen. Entweder das oder einen Lauf um mein Leben, ich weiß selbst nicht, was klüger wäre, jetzt wo unser gesamter schöner Plan ruiniert worden ist, durch einen einzelne, fehlerhafte Handlung.
    „Ich denke da eher an eine Wette“, gibt man mir plötzlich zurück.
    Der Wirrwarr meiner Gedanken hält inne, ich bin überrascht, das kann ich nicht leugnen. „Du willst keinen Kampf?“
    Wieder ein Lächeln. Nichts vermag mehr auf ein fremdartiges Wesen hinzudeuten, als die Fratze, die der Schatten mit dem Gesicht meiner Mutter zu ziehen vermag. Mein Schaudern lasse ich mir nicht anmerken. „Das habe ich nicht gesagt“, meint er spöttisch. „Ich sprach von einer Wette, mehr nicht.“
    Interessiert recke ich das Kinn. Ich sollte nicht fragen und dennoch sage ich: „Und wie sieht diese aus?“
    „Ich wette, dass dich Athene keinen Deut besser gemacht hat, als sich selbst und ich verwette den Olymp darauf.“
    Ich habe das Lachen nicht unterdrücken können. „Das heißt du verschwindest, wenn ich gewinne?“
    Der Schatten nickt.
    „Und wenn ich verliere?“
    „Dann wirst du sterben und mit dir Athene.“
    Ich schlucke schwer.
    Ich soll das Leben meiner Mutter aufs Spiel setzten? Sicher ist zwar, dass die Göttin eher ihren eigenen Tod in Kauf nehmen würde, als diese Chance – eine wirklich echte Chance – auf einen Sieg verfliegen zu lassen und wohlmöglich auch noch mein Leben zu gefährden, sollte der Schatten keinen anderen Nutzen in mir mehr erkennen, aber dennoch…
    Bis ich blute, beiße ich mir auf die Unterlippe. „Einverstanden!“, hauche ich schließlich und spare mir den Schulterblick, um das Grinsen des Wesens intensivieren sehen zu müssen.
    Wie als hätte ich einen Packt mit dem Tartarus und den dunkelsten Kreaturen der Existenz geschlossen, kommt ein tosender Wind auf. Sämtliche lose Bruchstücke, von abgefallenen Mauerstücken bis hin zum Staub der Säulenverputze stoben auf und bilden einen Tornado, der Zeus Statue umschließt.
    Mein erster Instinkt will mich schützend die Hände heben lassen, doch damit würde ich mir die Sicht auf die Gefahr nehmen und ich behalte Recht damit, denn als der Sturm sich legt kommt ein Mann neben Zeus zum Vorschein. Ein hageres Wesen mit weißem Mantel, einem halb vermoderten Körper auf der einen, schwarzer, pergamentartigen Haut auf der anderen Seite. Eine spitz zulaufende Kapuze verdeckt sein Gesicht, dennoch kann ich sehen, dass er mit angespannten Gliedern seine Umgebung durchleuchtet. Eines seiner Augen sticht mir gelb-leuchtend entgegen. Ich rieche den Gestank von Blut, kann es dunkel am weißen Stoff kleben sehen und will die aufkeimende Wut in mir in Zaum halten.
    Dann überkommt mich Schock. Wenn der Schatten über diese Kreatur Bescheid weiß – und damit rechne ich, da das hier unmöglich ein Zufall sein kann – dann hat er mich beobachtet, und das schon sehr lange.
    Doch die Wette ist schon am Laufen. Egal welchen Vorteil, vielleicht sogar mehrere davon, der Schatten gegen mich in der Hand hat, ich muss dagegen bestehen. Oder Fliehen. Sollte ich fliehen? Ich spüre dieses dünne Band, das mich mit meinem Körper verbindet. Sollte ich mich stark genug konzentrieren, würde ich zurück in die Menschenwelt fließen. Doch wofür? Jetzt wo ich weiß, dass der höchste Feind meiner Welt meine Schritte verfolgt, welchen Sinn hätte eine Flucht? Nein, ich muss das hier zu Ende bringen. Ich muss diese Wette gewinnen.
    „Ich muss gegen ihn kämpfen?“, frage ich und hebe kampfbereit die Fäuste, ein Bein stell ich etwas zurück und verlagere mein Gewicht.
    „Ich sagte bereits, was du zu tun hast.“ Damit springt der Schatten in die Höhe und landet federleicht auf einer der Säulen. Als hätte der Killer mich erst jetzt gesehen, weicht er einen Schritt zurück und spannt die Finger, lockert dabei seine Haltung, als würde er jederzeit zum Sprung ansetzten und wartet. Unterdessen sehe ich mich nach einem Gegenstand um, den ich als Waffe zweckentfremden könnte. Meine Barrieren sind immer noch in Takt, dennoch dürfte der Schatten meine Gedanken erraten haben, denn wie aus dem nichts und wieder zuvor in einen kleinen Wirbelsturm gehüllt taucht ein Schwert direkt in der Mitte zwischen mir und meinem Gegner auf. Aber nur ein Einzelnes.
    Ich halte den Atem an, als das gelbe Auge funkelt, … dann sprinte ich los. Meine Beine pochen bei der Explosion an Kraft, die ich ihnen abverlange, doch es zahlt sich aus, denn ich bin die erste, die Hand um den Griff der Waffe legt und rolle mich damit zur Seite, um der Faust meines Kontrahenten auszuweichen. Das Schwert liegt leicht in der Hand und ich schwinge es in der Hocke, um mich gegen einen weiteren Angriff zu wappnen. Urplötzlich spüre ich jedoch etwas an meinem Knöchel und sehe, wie sich der Killer, eher aber sein Doppelgänger, aus dem Boden schiebt ähnlich einem zum Leben erwachtem Unkraut. Deutlich blicke ich in sein Gesicht, noch deutlicher erkenne ich, dass er nur eine einzelne Gesichtshälfte hat, an der die weiße Haut sich nur noch mager um faulige Knochen spannt und ihm grüne Haare ins Gesicht hängen, die andere Seite seines Körpers fehlt und ist mit einer seltsamen Masse notdürftig nachgebildet worden. Ich schaudere, dieser Anblick ist nicht gut für meinen Magen, lässt meinen Verstand aber nicht zögern. Mit gierigem Ausdruck will das Wesen mein Bein an sich heran ziehen, Schmerz zieht jedoch über seine Züge, als ich ihm die Hand abtrenne. Er oder es jault auf und noch bevor ich mich schützend mit einem Sprung in Sicherheit gebracht habe, bildet diese graue, fleischartige Substanz das verlorene Glied nach. Kopf oder Herz, denke ich mir demnach, eines von beiden vielleicht sogar beides, muss die Schwachstelle sein. Nur nicht verzagen, Akasha!
    Ich beobachte das wimmernde Geschöpf, das halb aus dem Boden herausragt, aus dem Augenwinkel, während ich das meiste meiner Aufmerksamkeit der zweiten Hälfte widme, die sich auf mich stürzt. Unsere Hände treffen sich, wobei ich bei seinen nicht unbedingt davon sprechen würde, und versuche mich von ihm nicht zurück und zwischen die Säulen drängen zu lassen. Ein übles Grinsen hat der Killer aufgesetzt und jetzt, wo ich sein Gesicht vollständig sehen kann, blickt mir ein dunkler Abgrund mit einem gelben Leuchten entgegen – zumindest auf einer Seite.
    „Was bist du?“, presse ich meine Frage zwischen zusammengebissen Zähnen hervor, stemme mich so fest ich kann gegen den Druck und werfe mich schließlich nach hinten, um im Flick-Flack Abstand zu gewinnen. Ich merke sofort, dass die schwarze Hälfte geschickter ist, als die Vermodernde, da sie nicht einmal ins Schwanken kommt. Ob er das auch noch in vier Teilen schafft?
    <Denk niemals, dass du die Situation immer richtig erfasst hast> Ich höre Sasoris Worte, als wäre er direkt neben mir. Wieder einmal glaube ich, dass mein erster Instinkt der Richtige sein muss, aber ich habe zu wenige Fakten, um wirklich… Abermals spüre ich, wie sich unter mir etwas aus der Erde schiebt. Verdammt, ich hab den anderen aus den Augen verloren!
    Kaum, dass ich es gedacht habe, brechen Finger gefolgt von ganzen Armen unter mir hervor. Ich schwinge das Schwert und will mich ihrer entledigen, doch ein weiterer Satz Gliedmaßen hält mich davon ab: Mitten im Schlag fangen zwei Handflächen meine Klinge ab, dann sehe ich Sternchen und taumle vorwärts. Jemand hat mir seine Stirn direkt ins Gesicht geschlagen und als meine Sicht klar wird, merke ich, dass es mittlerweile drei Gegner sind, denen ich mich stellen muss - der Killer hat einen Doppelgänger erschaffen und dessen Körper scheint nur aus dieser seltsamen Masse zu bestehen. Außerdem hat er mein Schwert, das er beinahe gleichgültig dem Maulwurf zuwirft, bevor er die Arme ausbreitet. Stirnrunzelnd beobachte ich, wie sich auf seinen Handflächen Lippen bilden und sich zwei Zungen herausstrecken, auf jeder von ihnen balanciert ein Täubchen. Diese erheben sich in die Luft … und kommen auf mich zu.
    „Was zum…?“
    Weiter komme ich nicht.
    Ob ich damit gerechnet habe, dass die Vögel explodieren würden? Nein! Aber im Nachhinein ist man bekanntlich immer klüger. Wie ein Shuriken fliege ich durch die Luft und krache gegen eine der Säulen, die in verräterischem Knacksen meterlange Risse bekommt. Die Sterne sind verschwunden, dafür hat sich ein gesamtes Universum vor meinen Augen gebildet und statt weiß ist meine Milchstraße eindeutig rot, zumindest hat das mein Blut beschlossen, das mir von der Schläfe ins Gesicht rinnt. Eine Maße an Staub hat sich erhoben und die Reste der Statue – das, was von Zeus Abbild noch übrig ist – kracht mit einem lauten Donnern schließlich in sich zusammen.
    Zweimal sehe ich es in der Wolke, die mich umgibt, gelb blitzen, dann tauchen die ersten Silhouetten des Killers auf. Zuerst sind es zwei, wobei ich mit drei gerechnet habe, tatsächlich werden es jedoch mehr und mehr, bis ich mir schließlich sicher bin, einer gesamten Fraktion gegenüber zu stehen.
    Langsam kommen sie auf mich zu, die meisten bauen sich in meiner näheren Umgebung auf, doch ein einzelner unterscheidet sich von den anderen, denn er hält direkt auf mich zu. Auch dieser besteht aus grauem Etwas; auch er hat keine wirklichen Gesichtszüge oder Haare. Die Klone des Killers sind seltsam, fast fremd, als würden sie gar nicht zu ihm gehören. Wie ein Computersystem gehe ich meine Möglichkeiten durch. Hinter mir ist der Abgrund, nur schwer, vielleicht sogar überhaupt nicht, könnte ich mich durch diese Truppe hindurch schlagen, doch selbst wenn, bezweifle ich, dass mich der Schatten lebend von diesem Platz weg lassen würde. Was also tue ich?
    Der Klon hat mich erreicht. Ich presse mich mit dem Rücken fest gegen den Sockel der Säule und taste an meinem Oberschenkel entlang. Keine Sekunde vergeht dabei, in welcher ich den Blick nicht fest auf mein Gegenüber richte, keinen Moment zweifle ich daran, dass das Lächeln, das er aufsetzt sich nicht jeden Augenblick in eine groteske Fratze mit scharfen Zähnen verwandeln würde – doch es passiert nicht.
    Als ich das kleine Mal an der Unterseite meiner Wade erreicht habe, erstarre ich zu Eis.
    Ich kenne dieses Lächeln!
    Nichts, noch nicht einmal mein eigenes Spiegelbild kommt mir mittlerweile so vertraut vor, wie diese feingeschwungene Linie, die alles und nichts bedeuten könnte.
    Tausend Stimmen, noch viel mehr Worte, schießen aus meiner Erinnerung in den Vordergrund und alle samt wollen sie mich auf einen einzigen Gedanken bringen, noch komme ich jedoch noch nicht auf das letzte Teil des Puzzels, noch ist hektisches Atmen das Einzige, das ich zu Stande bringe.
    Wie ein feines Skalpell bohrt sich mein Nagel in das Mal auf meiner Haut. Ein gleisendes Licht bricht sich aus meinem Fleisch, das die Kreaturen vor mich wie wimmernde Schatten zurück weichen lässt. Mit einem Satz springe ich auf die Beine, fange das Götterschwert Yoshihiros aus der Luft und stürme vor. „Du hast nur diese eine Chance“, höre ich meine eigenen Worte in mir wiederhallen und dabei schlage ich mich durch die Reihen, die der Killer aufgebaut hat, um jeden Teil von ihm im Licht des ersten, reinsten Chakras der Welt zu ertränken. Die Klinge – ein Schwert, das aussieht, als wäre es pures, flüssiges Silber – hiebt, als würde es sich von selbst führen, bis nur noch ein einziges der Wesen übrig ist. Auch ihn, auch dieses eine, unverkennbare Lächeln vernichte ich, ein einzelner Stoß direkt ins Herz. Es ist ein Seufzen, das den Olymp erfüllt, ein tiefes, erleichtertes Raunen im Wind, das sich selbst hinaus in die Weiten des Himmels trägt.
    Schwer atmend starre ich dem Klang hinter her, ich spüre wie meine Knie nachgeben wollen, und auch wie ich mich gerade noch auf dem Schwert abstützen kann, um nicht zu fallen. Niemals werde ich diesen Ausdruck vergessen, dieses Flehen in den Augen jedes einzelnen von ihnen, das Funkeln, das ich für Mordlust und Wahnsinn gehalten habe, im Grunde aber etwas ganz anderes gewesen ist. Noch habe ich es nicht ganz verstanden, doch dafür bleibt auch keine Zeit.
    Kühl und bedrohlich legt sich eine Klinge an meinen Hals – es ist das Schwert des Schatten, der hinter mir aufgetaucht ist. „Du hast verloren“, raunt er und die Waffe bohrt sich leicht in meine Haut, bis Blut hervorquillt. Schock erfüllt mich.
    „Aber ich habe…“, setzte ich an.
    „Gehandelt wie es deine Mutter getan hätte“, beendet man meinen Satz. „Du bist genauso wie sie.“
    Etwas in mir zwingt mich zum Nachdenken, es zwingt mich an Yoshihiro zu denken und an eine Wahrheit, die ich erst jetzt wirklich begreife: „Es ist ein Unterschied, ob man das Richtige aus den falschen Gründen tut oder umgekehrt“, höre ich ihn sagen und denke an meine Rache sowie an die Menschen, die ich gerade eben gerettet haben könnte – an den Menschen, den ich retten wollte. „Du hast Recht“, sage ich schließlich und meine Stimme ziert ein Lachen. „Sünden“, hauche ich weiter. „Du sammelst die Sünden der Menschen nicht wahr? Und das vorhin, der eine, der dieses eine Lächeln besessen hat, das waren seine oder? Es waren die Sünden von Sasori!“ Ich zwinge mich nicht mehr, meine Freude zu verbergen. „Du kannst mich jetzt töten, weil ich eigennützig, genauso wie die Götter vor mir, gehandelt habe. Tu es und ich werde glücklich sterben, denn ich habe ihn befreit, ich habe den Mann, den ich liebe vor dem Tartarus bewahrt.“
    Instinktiv schließe ich die Augen. Sehnlichst hoffe ich, dass meine letzte Kraft, mein Chakra und die Verbindung über das Siegel von Athene ausreichen würde, um Nepta nach unserem Tod eine Chance zu geben, den Kampf gegen den Schatten doch noch gewinnen zu können. Ich habe mein bestes versucht und jetzt, jetzt ist es an der Zeit den Tribut meiner Wette zu zahlen.
    Doch es passiert nichts. Minuten vergehen und der Schatten rührt sich nicht.
    Ärgerlich – ja, ich hasse es zu warten – sehe ich mich nach ihm um. Er steht einfach nur hinter mir, das junge Gesicht meiner Mutter mir zugewandt.
    „Du kannst jetzt anfangen“, meine ich und man kann meinen Tonfall durchaus als nervös beschreiben. Schließlich löst sich der Druck des Schwertes an meiner Kehle.
    „Verloren“, raunt der Schatten düster. „Du hast dein Wort gehalten, du hast Fairness über dich gestellt.“ Überraschend fasst er mit zwei Fingern an mein Herz. Sofort spüre ich die Verbindung zu Athene, beinahe so, als würde ihr Herzschlag meinen ersetzten wollen. Fein, aber klar ersichtlich, beginnt der Schatten zu zerfallen. „Sie hat sich geändert“, der Schatten, oberster Feind der Götter, scheint verwirrt zu sein und erst jetzt finde ich den letzten Teil meines Unverständnisses. „Du bist…“, setzte ich an, doch da gleitet ein Lächeln auf das Gesicht des Wesens und es bricht in sich zusammen, „…ihre Sünden“, ende ich verspätet und schaue der Asche nach, die sich in die Höhe erhebt. Unglaublich! Träume ich? Bin ich bereits tot? … Nein! Umso mehr ich darüber nachdenke, umso stärker fühle ich die Wahrheit. Es ist nie um Sieg oder Niederlage gegangen, nur um Sühne und Veränderung.
    Das ist schon eine komische Ninjawelt, in der wir leben.

    16
    Kurz darauf habe ich den Olymp verlassen.
    Starke Arme ziehen mich nun aus dem Wasser. Ich habe den Druck deutlich gespürt und ich spüre ihn immer noch, als ich am Ufer im Gras niedergebettet werde. Mein Geist braucht noch einen Moment, um sich vollends mit meinem Körper zu verbinden, vielleicht liegt mein Zögern, die Augen zu öffnen, aber auch an dem vergangenen Kampf.
    „Akasha!“
    Er ist es, Sasori.
    Mein Oberkörper richtet sich derartig hastig auf, als würde es um Leben und Tod gehen. Und geht es nicht eigentlich immer darum?
    „Es ist“, beginne ich, doch Sasori unterbricht mich – das macht er ständig. „Athene hat uns alles gesagt“, klärt er mich auf und seine Hände krallen sich in das Gras unter uns.
    „Ist alles in Ordnung?“, will ich besorgt wissen, fast als wäre alles andere vergessen.
    „Sag du es mir“, weicht er mir aus, plötzlich ärgerlich. „Du hast dich nicht an den Plan gehalten, du hast…“
    „Den Olymp gerettet“ … Dich gerettet.
    Ich halte seinem Blick stand. So vieles würde ich gerne sagen, doch das Blitzen in seinen Augen lässt mich stattdessen den Atem anhalten. Schnaubend betrachtet er mich, dann steht er auf und entfernt sich von mir. Nach drei Schritten verharrt er und starrt auf den See, wo sich der Sonnenuntergang auf der Wasseroberfläche bricht. Keiner sagt mehr etwas, und das für gefühlte Stunden.
    „Athene ist mir einen Gefallen schuldig gewesen“, sagt Sasori schließlich, erfasst von einem Wind, der sich in seinem Haar und der bekannten Kleidung verfängt. „Das hast du gewusst, aber ich wollte nicht warten, bist du wieder da bist.“
    Nun bin ich ebenfalls aufgesprungen. Beinahe in Panik packe ich ihn an der Schulter und drehe ihn zu mir um, in Furcht über das, was ich sehen würde: Und das sind unterdrückte Gefühle, jede Menge davon. Ich bin erleichtert und verwirrt, was nicht besser wird, als Sasori meine Hand von seiner Schulter nimmt und eine Frucht hinein legt, die aussieht wie eine Feige. „Ich habe mir Unsterblichkeit gewünscht, Unvergänglichkeit und die Chance etwas aus meinem Leben als Mensch zu machen.“
    Das verstehe ich nicht. Wie denn auch? Unmöglich kann er das ernst meinen und wenn doch, wieso sollte er es mir erzählen? Ist er nicht eigentlich fertig mit mir? Will er mir einfach nur weh tun, als Rache, dass ich Nepta gewählt hatte?
    Nun deutet Sasori auf die Frucht in meiner Hand. „Weißt du, was das ist?“
    Ich verneine, obwohl ich noch nicht darüber nachgedacht habe. Er ist jetzt unsterblich? Wann hat er beschlossen, dass eine Ewigkeit als Mensch mit Gefühlen besser ist, als eine Existenz ohne Emotionen in der Unterwelt?
    „Das ist Ambrosia“, klärt er mich auf und einzig dieses Wort schafft es, meine Aufmerksamkeit zu erlangen.
    „Aber das Ambrosia macht einen Gott unsterblich, wenn du es hast dann…?“ Ich wage es nicht, diesen Gedanken zu Ende zu spinnen, doch als Sasoris Züge etwas Weiches annehmen, kenne ich die Wahrheit.
    „Athene war dem Tod geweiht, nach ihrem letzten Kampf gegen den Schatten, und sie hat beschlossen, uns das zu geben, was noch möglich war für sie. Du musst es nicht nehmen, du musst nicht unsterblich werden. Du musst nie wieder etwas tun, das du nicht willst.“
    Unerwartet zieht er einen Brief hervor und übergibt ihn mir. Das Schriftstück ist alt und wirkt als wäre es tausendfach aufgefaltet worden. Nur zu gut kann ich mir Athene vorstellen, Tag für Tag nach Worten suchend, die mich erreichen sollten, irgendwann, wenn die Zeit dafür gekommen ist.
    Stumm, aber den Tränen nahe, nehme ich den Brief an mich, presse ihn an mich, ganz nah an meinem Herzen und halte mich daran fest.
    „Du könntest mit mir unsterblich sein.“ Sasori hat lange gewartet, bis er das sagt. Er hat mir die Möglichkeit geben wollen, mich zu sammeln, doch tatsächlich fühle ich wie sich mehr und mehr Unruhe in mir aufbricht, ähnlich heißem Magma aus einem erwachten Vulkan. Zittrig strömt mein Atem zwischen meinen Lippen hindurch, während ich mich abwende und Sasori meine Hand sanft entziehe.
    „Was ist los?“, will er wissen und ich kann nur mit den Schultern zucken. Gott, ich bin so dumm! „Ich habe Angst“, gestehe ich leise und will mir gleich darauf die Zunge abbeißen, um es ungeschehen zu machen. „Für dich zu sterben oder getötet zu werden, klang weniger erschreckend, als eine Beziehung mit dir einzugehen… Wow, das hört laut noch lächerlicher an als in meinen Gedanken!“ Was ist nur los mit mir? „Es … es tut mir leid! Du musst mich für dumm und selbstsüchtig halten…“
    Unverhofft, deshalb aber nicht unerwünscht, legt Sasori mir seine Hand an die Taille. Er braucht einen Moment, um sich zu mehr durchzuringen, aber dann schlingt er seine Arme gänzlich um meinen Körper und sein Kinn bettet sich auf meine Schulter.
    „Keine Versprechen“, erinnert er mich an unseren Deal. „Keine unsterbliche Liebe“, fügt er raunend hinzu, „und keine Verpflichtungen.“ Sein Atem streift meinen Nacken und ich merke, dass er ihn zu küssen beginnt. Meine Finger umfassen das Ambrosia fester. Athene hat mir eine Chance gegeben – sie hat uns eine Chance geben, um unser Glück zu finden, eines, das wir selbst ergründen können.
    „Keine Versprechen“, hauche ich und sehe über die Schulter zu Sasori auf. Er küsst mich, als wäre es eine Antwort auf alle nicht gestellten Fragen der Welt.
    Mir steht also die Ewigkeit bevor. Ich muss lachen, als ich daran denke, was ich alles tun könnte, was ich alles tun werde. Ich habe keine Ahnung, was davon wirklich passieren wird, aber solls? Was kann schon passieren? Also mir, einer Göttin an der Seite des Mannes, den sie liebt?

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2017-02-05
407D
Naruto

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