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Divergent - Wenn Wahrheit Lüge ist

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9 Kapitel - 7.727 Wörter - Erstellt von: Murialana - Aktualisiert am: 2017-09-29 - Entwickelt am: - 972 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Eine Ff über die Geschwister Mike und Lena, die in Chicago bei den Candor leben. Jedenfalls jetzt noch...
Ich hoffe, euch gefällt's.

    1
    ((cur))((bold))Mikes Sicht:((ebold)) Ich hocke im Sand. Höre meinem Atem zu und warte. Darauf dass der Sand aufwirbelt und ich keine frische Luft, so
    Mikes Sicht:

    Ich hocke im Sand. Höre meinem Atem zu und warte. Darauf dass der Sand aufwirbelt und ich keine frische Luft, sondern rötlichen Staub einatme. Siebzehn andere Jugendliche hocken genauso wie ich im Sand, aber sie werden keinen Staub schlucken müssen. Vor allem nicht die Ferox, die das Rennen jeden Tag bei ihrem albernen Auf-den-Zug-Gehopse trainieren. Ich schaue auf die Amite neben mich. Daisy heißt sie, glaube ich. Sie hat schöne Haare. Schwarze ungebändigte Locken, die sie in ihrem gelben Turntrikot wie eine Sonnenblume aussehen lassen. Da ertönt die Klappe. Alle rennen los. Der aufgewirbelte Staub umhüllt mich wie immer, während mich die anderen mühelos überholen. Einige unter ihnen, natürlich vor allem Ferox, haben schon mehr als die Hälfte der Strecke bewältigt. Plötzlich schießt zwischen ihnen ein Mädchen hervor. Ihre kurzen blonden Haare flattern im Wind und der Schweiß läuft ihr Gesicht herunter bis auf ihr weißes T-Shirt. Kurz vor dem Ziel wischt sie sich über die Stirn. Sie hat sich ihre Nägel schwarz lackiert, für den morgigen Eignungstest und die Zeremonie der Bestimmung, wie es in unserer Familie Tradition ist. Im Ziel angekommen ringt sie nach Luft und greift sich eine Wasserflasche. Danach kommen jede Menge schwarze Blitze ins Ziel, ein roter, ein blauer, wieder ein schwarzer und so weiter. Wie immer bin ich der Letzte.
    》Gute Arbeit Ferox, wie immer《, ruft der Coach zu uns herüber.》Ich überlasse euch, wie ihr es auslegt, von einer Candor überholt zu werden. Spitze gemacht, Lena!《
    Er hält seinen erhobenen Daumen in Lenas Richtung. Diese hat gerade das eiskalte Wasser in der Flasche in ein paar Zügen geleert. Der Coach erntet für sein Kompliment nicht mehr als einen gelangweilten Blick und ein genuscheltes 》Ich weiß selbst wie schnell ich bin und wie lahmarschig die Ferox sein können.《
    Wenn die Ferox also lahmarschig sind, dann bin ich vermutlich schneckenbabylahmarschig.

    Der Bus ist wie immer schon gesteckt voll, als wir einsteigen. Der Fraktionslose hinter dem Lenkrad brüllt, die Passagiere auf den Stehplätzen sollten nach hinten rücken. Lena hält an der dritten Sitzreihe an und zeigt auf zwei Stiff, die dort sitzen. Sie sind jünger als wir, die eine vielleicht zehn und die andere ein bisschen älter. 》Können wir hier sitzen?《, fragt Lena spitz.
    Die ältere Stiff sieht Lena erst ungläubig an, dann nickt sie und zieht das jüngere Mädchen, wahrscheinlich ihre Schwester, mit sich, sodass Lena und ich Platz nehmen können. Sollte ich ihr sagen, dass ich nichts dagegen hätte, ein paar kleine Altruan hier sitzen zu lassen, zumal wir bestimmt nicht hinfallen, wenn der Fahrer eine scharfe Kurve nimmmt, was ich bei den beiden Mädchen nicht wirklich glaube. Ach was, die Stiff wollen doch, dass es uns besser geht als ihnen. 》Feiern wir die letzte mehr oder weniger gelungene Sportstunde unseres ganzen Lebens!《, schlägt Lena vor und drückt mir ein paar Bonbons in die Hand.
    》Gelungen?《, frage ich, während ich mir eines in den Mund schiebe. 》Für dich vielleicht. Ich bin nur froh, dass es vorbei ist.《
    》Ich doch auch《, pflichtet mir Lena bei. 》Es mag zwar nicht so aussehen, aber ich hasse Sport. Es ist das Ferox-Fach und ich fühle mich immer wie eine Ferox, wenn ich einen Sportwettkampf gewinne.《
    Sie schüttelt sich. 》Ferox sind absolut nicht wie wir. Sie sind so roh und brutal und dämlich. Ich wette sie rülpsen und essen mit den Fingern, wenn sie unter sich sind.《
    Ich muss an den Ken Burton denken, der in der dritten Grundschule zum Rülpsweltmeister erklärt wurde. Mittlerweile macht er es aber nicht mehr.
    》Ich beneide dich, ich habe es dir schon oft gesagt. Du bist kein guter Schüler, vor allem nicht in Sport.《, murmelt Lena und sieht aus dem Fenster.
    Sie käme nie auf die Idee, während Sport nicht alles zu geben, genau wie ich. Wir sind Candor. Wir müssen das nicht.

    2
    Lenas Sicht:

    》Hab das Abschlussrennen gewonnen《, begrüße ich unseren Vater, der gerade am Esstisch sitzt und die Zeitung liest. Gerade als ich meine Schultasche gekonnt an ihm vorbei auf das Sofa schleudern will, wo schon Mikes Rucksack liegt, faltet Dad die Zeitung zusammen, rückt seinen Stuhl zurecht und sagt in seinem seriösen Candor-Vater-Ton:》Setzt euch. Wir haben etwas zu bereden.《
    Ich habe es schon erwartet. Schließlich ist morgen unser Test. Ich hoffe, er verrät uns, welche Tricks die Erfinder auf Lager hatten, dass der Test undurchschaubar, genau und zuverlässig sein kann. Vielleicht können die Altruan ja Gedanken lesen oder so. Ach quatsch! Die wären doch die Letzten, die das lernen würden.
    》Worum geht's?《, fragt Mike.》Na logisch um den Eignungstest und so weiter, aber warum genau hast du uns zusammengerufen?《
    Dad räuspert sich und beginnt: 》Noch ist nicht ganz klar, in welchen Fraktionen sich eure Gehirne, oder was auch immer die Fraktionen ausmacht, am wohlsten fühlen, aber ich habe mir Gedanken gemacht, welchen Fraktionen ihr beitreten sollt, wenn es nach eurem Verhalten geht.《
    Ich dachte, damit würde er erst auspacken, nachdem wir ihm gesagt haben, was bei unserem Test herausgekommen ist. Bei den Candor ist das so was von normal, dass die Eltern dir sagen, wo du hingehen musst. Ist doch logisch: man kennt sich selbst am Schlechtesten und deine Eltern kennen dich am besten.
    》Mike《, fährt Dad mit seiner Rede fort, 》du bist zuverlässig, realistisch und treu, so wie es jeder Candor sein sollte. Aber du bist introvertiert, einer der introvertiertesten Menschen, die ich näher kenne. Das ist nicht gerade eine gute Eigenschaft für einen Candor. Deshalb gehst du übermorgen zu den Altruan.《
    Ich breche in schallendes Gelächter aus. 》Mike, du wirst ein Stiff!《, bringe ich zwischen zwei Glucksern hervor.
    》Und du kommst zu den Ferox.《 Dad schaut mir tief in die Augen.
    》Das - Das - meinst du doch nicht ernst?《, frage ich, doch natürlich meint er es ernst. Candor lügen nicht. Warte, habe nicht ich gerade gelogen? Ich habe etwas Falsches gesagt und ich wusste, dass es falsch war. Vielleicht stimmt es wirklich besser zusammen, wenn ich zu den Ferox gehe.
    》Ferox-Schulfach《, sagt Mike in meine Richtung und Dad stimmt zu: 》Ganz genau.《

    3
    Mikes Sicht:
    Warum soll ich denn zu den Stiff gehen? Sie sind Nicht so wie wir, sie sind ... viel braver als wir, hilfsbereit und höflich. Mir wurde von klein auf eingetrichtert, einen großen Bogen um alles, was höflich ist, zu machen.
    》Philipp hat dich etwas gefragt, Mike!《, reißt mich Lena aus den Gedanken. Ich drehe mich zu Philipp und er wiederholt ungeduldig: 》Glaubst du, dass beim Eignungstest ein falsches Ergebnis herauskommen kann?《
    》Wie kommst du darauf? Hätte man es dann nicht schon längst abgeschafft, wenn es so wäre?《, quatscht Lena dazwischen.
    》Ich finde es gar nicht einmal so abwegig《, antworte ich. 》Jedes Jahr macht sich doch die Hälfte der Wechsler wegen unseres Serums in die Hosen. Warum haben die wohl unsere Fraktion ...《 Ich breche ab. Die Candor sind doch nicht mehr meine Fraktion. Jedenfalls nicht mehr richtig. Morgen gehe ich zu den Stiff und langsam bin ich immer mehr davon überzeugt, dass Dad recht damit hat.
    》Ach ja genau《, wirft Lena ein, bevor ich weiterreden kann. 》Wisst ihr noch wie letztes Jahr diese Wechslerin von den Ken schreiend aus dem Mart gerannt ist, als sie vom Serum erfahren hat?《
    Sie und ein paar andere fangen an zu lachen. Ja, das war wirklich was. Ich habe den Anfang verpasst, weil ich auf dem Klo war, aber dafür ist sie danach beinahe mit mir zusammengestoßen, als ich die Toilette wieder verlassen hatte. Ein paar Mädchen drängen sich zu uns durch. 》Wessen Eltern haben wem vorgeschlagen, die Fraktion zu wechseln?《, will ein groß gewachsenes Mädchen von uns wissen.
    》Lena geht zu den Ferox. Wer hätt's gedacht《, sage ich, 》und ich bin ab morgen ein Stiff.《
    Philipp dreht sein Gesicht scheinbar mit Lichtgeschwindigkeit zu mir herum. 》Das sollst du?《, brüllt er mich an. 》Verdammt, was mach ich denn dann ohne dich?《
    》Geh doch mit. Ich bin neugierig, wie du dich bei denen schlagen würdest《, schlägt Lena vor und bricht anschließend in Gelächter aus. 》Du in grau, das sähe so aus wie ein Kristall im Straßendreck!《
    Lena war eine Zeit lang mit Philipp zusammen, davon kommt wohl der Kristall. So wie er sie ansieht, glaube ich, dass ich nicht der Einzige bin, der sich an diese Zeit zurückerinnert. Soweit ich weiß, hat Philipp Schluss gemacht, aber ich denke in diesem Moment hätte er wohl doch noch Lust auf meine Schwester. Ich war zwar schon oft verliebt, hatte aber noch nie eine Freundin. Nicht, dass ich zu schüchtern gewesen wäre, meine Angebeteten zu fragen, im Gegenteil. Die Mädchen hatten einfach kein Interesse an mir. Die Altruan sind punkto Liebschaften total schüchtern, ob das ein Vorteil oder doch eher ein Nachteil ist, wird sich noch zeigen.
    Gerade als das lange Mädchen ihren Beitrag zum Gespräch leisten will, werden Lena und ich aufgerufen. In Kürze wird sich zeigen, ob für mich laut dem Test die Stiff vorgesehen sind oder ich doch bei den Candor bleiben sollte. Uns kommt ein schweißgebadeter Amite entgegen, der einen Bogen um Lena und mich macht. Auch die anderen, die gerade getestet wurden, sehen mehr oder weniger erschrocken aus. Ich empfinde keine Angst. Noch nicht. Noch ist niemand wegen dieses Tests gestorben und ich werde sicher nicht der Erste sein.

    4
    Lenas Sicht:

    Ich betrete den Prüfungsraum, ausnahmsweise ohne mir überlegt zu haben, wie ich mich dem Prüfer gegenüber verhalten soll. Von oben herab, wie ich es mit meinen Stiff-Mitschülern mache, kommt mir nicht richtig vor. Schließlich bin ich während des Tests wahrscheinlich auf den Prüfer angewiesen. Nachdem ich die Tür hinter mir wieder geschlossen habe, sehe ich den Prüfer, äh, die Prüferin. Sie ist nicht älter als Mitte zwanzig und deutlich kleiner als ich. Ihre langen blonden Haare sind wie bei allen Stiff streng zurückgebunden, sodass mir die strahlend hellgrünen Augen der Frau auffallen. Das merkwürdigste an ihr ist aber ihr beachtlicher Taillenumfang, wenn man das so nennen kann. Ich kenne keinen Stiff, der auch nur ansatzweise übergewichtig ist.
    》Sie sind ja schwanger!《, rufe ich aus.
    Die Prüferin lächelt. 》Ja. Achter Monat. Du bist Lena, oder? Mein Name ist Natalie.《
    Achter Monat? Bei dem Bauch alles andere als schwer zu glauben. Meine Mutter ist laut Dad schon ins Krankenhaus eingezogen, als sie im sechsten Monat war. Aber sie hat ja auch Zwillinge bekommen. Trotzdem, ich würde sicher nicht arbeiten, wenn ich ein fast geborenes Baby immer mit mir herumtragen müsste.
    Natalie führt mich zu einem Stuhl und sagt mir, ich solle mich setzten.
    》Da wäre ich auch allein draufgekommen《, gebe ich zurück und lasse mich auf den Stuhl plumpsen. 》Was passiert jetzt? Eine Simulation, nehme ich an. Da kann man aber keine bleibenden Schäden davontragen, denn so wie die anderen aussehen, liegt das eigentlich ziemlich nahe.《
    》Keine Sorge《, antwortet Natalie seelenruhig. 》Das ist mit gesunden Menschen noch nie passiert. Außerdem überwinden die Candor den Schock von der Simulation ziemlich schnell.《
    Ich mustere Natalie ganz genau. Wahrscheinlich sagt sie das zu jedem Prüfling, auch wenn es bei den Amite ganz sicher nicht der Wahrheit entspricht. Aber ich kann weder in ihrem Gesicht noch in ihrer Aussprache etwas finden, das auf eine Lüge hinweisen könnte.
    》Sitzt du bequem?《, fragt Natalie und bevor ich ein genervtes 》Ja-haa《 hervorbringen kann, verabreicht sie mir das Simulationsserum und ich dämmere weg.

    5
    Mikes Sicht:

    Das erste, das mir im Prüfungsraum auffällt, ist die Prüferin. Sie ist recht groß für eine Frau, wahrscheinlich größer als Lena, und noch sehr jung, bestimmt keine Zwanzig. Ihre Haare sind von einem verdammt strahlenden Rotblond. Ich stelle sie mir auf den Obstwiesen der Amite vor, mit offenen, im Wind flatternden Haaren und einem bauschigen langen Kleid anstatt des grauen Fetzens, den sie trägt.
    》Michael Featherlane, wenn ich mich nicht irre?《, ruft mich ihre sanfte Stimme in die Gegenwart zurück. Die Prüferin nennt mich bei meinem vollen Namen, was ziemlich ungewohnt für mich ist. Seitdem die Schüler von den Lehrern mit hrem Nachnamen angesprochen werden, gibt es niemanden mehr, der mich nicht einfach Mike nennt.
    》Schön, dass du hier bist. Mein Name ist Trudi.《
    Sogar ihr Name klingt nach Amite! Ich wette, sie ist eine Wechslerin.
    》Komm, setz dich auf den Stuhl. Die Simulation ist ganz harmlos, solltest du dir darüber Sorgen machen.《
    Trudi streckt eine Hand aus und bewegt die Finger in ihre Richtung. Gerne. Sehr gerne sogar. Beinahe hypnotisiert setze ich einen Fuß vor den anderen. Als ich nahe genug dran bin, bewegt sich meine Hand zu der von Trudi, die mich immer noch mit den Fingern zu sich zu ziehen scheint. Bald werden sich unsere Hände berühren, bald werde ich ihre samtweiche Haut streicheln dürfen. Nur noch fünf Zentimeter, noch vier, drei, zwei, ....
    Trudi lässt ihre Hand sinken. Sie sieht mich ernsthaft an.
    Nein, so hat sie davor doch auch schon geschaut, wirft die vernünftige Seite meines Denkapparats ein, außerdem schauen viele andere Leute auch so und noch ernsthafter. Also nehme auch ich meine Hand zurück und setze mich auf den Stuhl. Ich stütze meinen Ellbogen an der Armlehne des Stuhles ab und lege meinen Kopf in die Handfläche. Dabei fällt mir ein, dass Körperkontakt bei den Stiff ein absolutes No-Go ist, auch wenn sie es wahrscheinlich nicht so nennen würden. Trudi hält mittlerweile das Simulationsserum in der Hand - der Hand, die ich um ein Haar berührt hätte. Langsam bekomme ich schon ein bisschen Schiss vor dem Test. Weshalb ist dieser Test eigentlich so schockierend? Ist das beabsichtigt? Will uns jemand damit einschüchtern?
    Trudi hat meine Angst bemerkt und sagt etwas von 》ganz normal《 und 》mach dir keine Sorgen《.
    》Mach dir nicht in die Hosen《 wäre passender. Ich bin nämlich seit dem Frühstück nicht mehr auf dem Klo gewesen und jetzt macht sich meine volle Blase wieder bemerkbar. Meine aufsteigende Panik ist dabei auch alles andere als hilfreich. Jetzt weiß ich schon, warum man Feiglinge auch Hosenscheißer nennt und ich bin im Begriff, ein weiterer Beweis für die Richtigkeit dieses Synonyms zu werden.
    Wieder kämpft sich meine Vernunft nach vorne. Als ich noch nicht in diesem Raum war, war ich doch ganz gelassen und hatte keine Angst. Was habe ich da gleich noch gedacht?
    Noch ist niemand wegen dieses Tests gestorben und ich werde sicher nicht der Erste sein.
    Noch ist niemand wegen dieses Tests gestorben und ich werde sicher nicht der Erste sein.
    Noch ist niemand wegen dieses Tests gestorben und .... ich werde .... nicht .... der .... Erste ....

    6
    Ich stehe in der Kantine und außer mir ist kein Schwein da. Selbst nachdem ich mich noch einmal etwas gründlicher umgesehen habe, ist niemand zu sehen und kein Geräusch zu hören - bis auf meinen Atem, der langsam immer schneller wird. Das gefällt mir gar nicht. Habe ich etwas verpasst? Etwas vergessen oder übersehen? Ich will die Stille gerade mit einem lauten 》Ist da jemand?《 durchbrechen, da ertönt aus dem Nirgendwo eine Stimme: 》Wähle.《
    Mein Blick fällt auf den Tisch vor mir, auf dem sich ein Messer und ein Stück Käse befinden. Diese Dinge sind mir schon aufgefallen, nichts Besonderes für eine Kantine.
    》Wähle.《
    Die Stimme kann mich. Sie klingt eiskalt und sehr entschlossen, als würde sie keinen Widerspruch dulden. Ich werde mich für etwas entscheiden müssen, wenn mich dieses 》Wähle《 nicht bis in alle Ewigkeit verflogen soll. Und ich nehme....

    .... das Messer. Was soll ich mit dem Käse? Gegessen habe ich heute schon genug. Hinter mir ertönt ein Knurren. Ich fahre herum und sehe einen Hund auf mich zukommen, von der Sorte, für die der Name Rex beinahe noch zu harmlos ist. Die Angst lähmt mich für einen Moment. Nicht gut, denke ich mir im nächsten. Jetzt kommt der zähnefletschende Nicht-Rex zu mir her und fixiert mich wie ein Stück Beute. Das bin ich aber nicht, du mordsgefährliches Tier!, ruft mein Überlebenswille. Das will ich nicht sein und das werde ich auch nicht sein.
    Ach, nicht? flüstert mir mein Pessimismus ins Ohr. Und wenn doch? Was machst du dann?
    Meine Hände drücken krampfhaft auf die Klinge des Messers, das ich die ganze Zeit festgehalten habe. Nicht-Rex ist nur noch zwei, drei Meter von mir entfernt. Also mache ich das wie mir scheint vernünftigste....

    .... und nehme meine Beine in die Hand. Ich hätte das schon früher tun sollen, da wäre ich sicher an der Tür gewesen, bevor mich der Hund hätte erwischen können. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher. Der Hund wird meinen Vorsprung sicher jeden Moment wettmachen. Ich muss mich einfach noch mehr ins Zeug legen. Wenn jemand dieses Vieh abhängen kann, dann bin das wohl ohne Zweifel ich. Nur noch wenige Meter bis zur Tür, da stellt sich mir ein kleines Mädchen in den Weg. Aus dem Augenwinkel erkenne ich, dass sie ein weißes Kleid trägt. Als ich bei ihr ankomme, stoße ich sie zur Seite und angle mir kurz darauf den Türgriff. Ich drücke ihn im Laufen herunter, schiebe mich durch den Spalt....
    ....und lande in einem Bus. Es gibt keinen freien Sitzplatz mehr und auch die Stehplätze sind schon vielfach besetzt. Ich werde gegen einen Zeitung lesenden Mann gedrückt, der dadurch auf mich aufmerksam wurde und mich deshalb ansieht. Was will dieser Mensch?, frage ich mich genervt. Der soll in seine Zeitung schauen und nicht zu mir.
    》Kennst du diesen Jungen da?《, fragt er mich plötzlich und deutet auf ein Foto in der Zeitung. Das Gesicht kommt mir tatsächlich bekannt vor, obwohl ich es nirgendwo einordnen kann. Also erwidere ich den Blick des Mannes und sage:》Ich habe ihn sicher schon mal irgendwo gesehen. Jedenfalls kommt er mir bekannt vor, aber ich weiß nicht, woher ich ihn kenne....

    ....Warum wollen Sie das überhaupt wissen und wer ist dieser Typ auf dem Foto?《

    Bevor der Mann mir antworten kann, verschwindet das Bild und ich finde mich im Prüfungsraum wieder. Ich setze mich auf und bevor ich etwas sagen kann, fragt mich Natalie, ob es mir gut geht und erklärt überflüssigerweise, dass die Simulation beendet ist.
    》Ja, das habe ich auch schon kapiert. Jetzt her mit meinem Ergebnis!《

    Ich sehe meiner Prüferin erwartungsvoll in die Augen.
    》Candor《


    7
    Die Tür fällt ins Schloss. Eigenartig, dass ich es höre. Normalerweise hätte Dad schon beim Geräusch des heruntergedrückten Türgriffs lautstark durch die Wohnung gefragt, wer komme, was ich gemacht hätte oder sonst irgendetwas. Aber heute bleibt es aus. Alles, was ich höre, ist Stille. Stille. Wo sind verdammt noch mal die Geräusche hin? Stille. Mein Herzschlag. Stille. Ein Etwas, das an die Fensterwand klatscht, wahrscheinlich ein kurzsichtiger Spatz oder irgendein anderer Vogel, der den Unterschied zwischen Luft und einer Glasscheibe nicht erkennen kann. Mein Herzschlag. Stille. Mein Herzschlag. Das monotone Brummen des Heizkessels im Keller. Herzschlag. Brummen, das nicht imstande ist, die Stille zu übertönen, weil es erst durch die Stille hörbar wird. Herzschlag. Brummen. Viel zu leise, viel zu nichtssagend. Herzschlag. Herzschlag. Herzschlag Herzschlag Herzschlagherzschlagherzschlag.... Mein Atem, der stoßweise aus meinem Mund entweicht. Einauseinauseinaus.... Ich muss mich beruhigen. Mein Atem muss sich verlangsamen, mein Herzschlag muss sich verlangsamen. Ich sauge ganz tief Luft in mich hinein, bis meine Lungen zu platzen scheinen und dann....
    》AAAAAAAAAAAAAAAHHHHHH!《
    Ein Schrei durchbricht die Stille. Ein Rettungsanker, gemacht aus Lärm, mithilfe von Stimmbändern und Luft, der mich aus dem finsteren Reich der Stille zieht. Mein Schrei. Ich atme noch ein paar Mal ein und aus, bis mein Herz wieder den normalen Rhythmus gefunden hat.
    Ich dachte, ich hätte diese kleinen Panikattacken endlich im Griff. Das letzte Mal ist mir das vor fast fünf Monaten passiert, als ich in der Schule zum Naturwissenschaftskurs in den falschen Raum gegangen bin. Dort war niemand und auch auf dem Flur, der zu diesem Raum führt, hatte ich kein einziges Lebenszeichen vernommen. Als ich dann im Raum niemanden sah und - noch schlimmer - niemanden hörte, setzte die Panik ein. Es endete damit, dass ich schreiend aus dem Raum stürzte, auch noch vorbei an einer Gruppe Teenies, die nichts Besseres zu tun hatten, als mich die nächsten zwei Wochen die Brüllbestie zu nennen. Wie hobbylos manche Leute doch sind, selbst wenn sie aus meiner Fraktion kommen! Sie müssten doch Verständnis haben. In unserem Fraktionssystem sind wir immer in einer Gemeinschaft. Und das ist auch gut so, denn ohne andere Leute ist man verloren. Deshalb habe ich soweit ich weiß vor nichts größere Angst als vor Stille. Stille bedeutet Einsamkeit. Einsamkeit bedeutet ausgeschlossen zu sein. Ausgeschlossen zu sein bedeutet, fraktionslos zu sein. Fraktionslos zu sein bedeutet, keinen Grund mehr zum Leben zu haben, weil es niemanden mehr gibt, der mit dir eine Gesellschaft bildet.
    Nachdem ich wieder zur Ruhe gekommen bin und eingesehen habe, dass ich seltsamerweise die Einzige im ganzen Haus bin, mache ich mich auf den Weg in die Küche. An der Wand neben der Tür hängt dort nämlich der "Informationsblock", wie wir ihn nennen. Immer, wenn jemand das Haus verlässt und es die anderen Familienmitglieder wissen sollten, schreiben wir es auf den Block. Heute gleich nach der Schule habe ich beispielsweise geschrieben: 》Unterhalte mich mit ein paar Mädels über den Test. Wir sind voraussichtlich in der Nähe von Justines Wohnung. Bleibe in etwa bis sechs aus. L.《
    Unter meiner Nachricht steht eine weitere Nachricht, und zwar in Dads winzig kleiner und kritzliger Handschrift: 》Männerabend. Kommen erst spät. Koch dir was, mach was, egal was.《
    Deshalb sind Dad und Mike also außer Haus. Die Männerabende, an denen Dad und Mike ohne mich auswärts Essen gehen und nur mal zu zweit sein können, sind alles, was von unseren alten Männertagen und Frauentagen übriggeblieben ist. Früher, als Mom noch bei uns war, hatten wir jeden ersten Sonntag im Monat einen Männertag, an dem sich Dad und Mike von uns Frauen haben verwöhnen lassen können. Umgekehrt war an den dritten Sonntagen des Monats Frauentag. Mom.... Ich kann mich noch sehr gut an sie erinnern. Ist eigentlich zu erwarten, das letzte Mal habe ich sie doch erst vor etwa dreieinhalb Jahren gesehen. Damals bei ihrer Gerichtsverhandlung im Mart. Ihr Beruf war Richterin, für Fälle, in die vor allem junge Menschen verwickelt worden waren. Aber auf dieser ganz speziellen Verhandlung war sie zur Abwechslung die Angeklagte. Und das zu Recht. Sie war damals beobachtet worden, wie sie abends zusammen mit einem Kollegen, zu dem sie ein engeres - zumindest glaubte man das - freundschaftliches Verhältnis hatte, dessen Haus betreten hatte und erst spät wieder herausgekommen war. Eine Injektion Wahrheitsserum später war dann klar, dass die beiden etwas miteinander hatten und so wurden sie wegen Unehrlichkeit, Treulosigkeit und Ehebruch aus der Fraktion geworfen. Auch Mike und mir wurde damals das Serum verabreicht, um sicherzugehen, dass wir Dad oder der Fraktion wohl nichts verheimlichen würden. Ich wurde richtig nervös und hielt mich an der Hand meines Bruders fest, der sich im Gegensatz zu mir schon damals so verhalten konnte, als würde er Mom nicht persönlich kennen. Ich hatte das Serum vorher bestimmt schon fünfmal verabreicht bekommen, aber darum ging es nicht. Ich wollte nicht glauben, dass Mom gelogen hatte, obwohl ich wusste, dass sie es getan hatte. Ich wollte nicht, dass Mom zu den Fraktionslosen ging. Sie sollte hierbleiben. Bei ihrer Familie. Bei mir. Aber sie blieb nicht. Sie durfte nicht.
    An diesem Tag habe ich geweint wie in meinem ganzen Leben nicht. Aber nicht, weil ich keine Mutter mehr hatte. Erst, als wir wieder zuhause waren, wurde mir bewusst, dass sie die Unehrlichkeit in sich, absichtlich oder nicht, vielleicht in mich hineingepflanzt hat, als ich noch nicht geboren war. Ich habe Angst, dass ich wegen der Gene, die meine Mutter mir vererbt hat, imstande bin zu lügen. Erst gestern wollte ich doch nicht wahrhaben, dass ich zu den Ferox gehen soll. Wie lange wird es wohl dauern, bis ich keine Hemmungen mehr haben werde, anderen Leuten bei jeder Gelegenheit ins Gesicht zu lügen?
    Sei doch nicht so pessimistisch!, fährt mich mein inneres Stimmchen an. Na gut, die große Optimistin war ich noch nie, weil es einfach nicht viel Sinn macht, oftmals sogar gelogen ist, sich einzureden, alles werde gut, wenn das Leben den Bach runter geht, aber trotzdem, beim Pessimismus ist es doch auch das Gleiche, nur umgekehrt.
    Laut Dad eigne ich mich für die Ferox am besten, oder wie er heute Morgen gesagt hat: 》Allgemein betrachtet hilft es unserer Gesellschaft wohl am meisten, wenn du unsere Fraktion morgen verlässt.《
    Dann werde ich das mal machen. Wie könnte ich auch nicht, verraten würde ich meine Familie sowieso: Wenn ich die Fraktion verlasse, verrate ich die Fraktion an sich und wenn ich bleibe, stelle ich Dads Vertrauenswürdigkeit in Frage und habe ihm gleichzeitig in einer wichtigen Angelegenheit nicht gehorcht, was mir wahrscheinlich auch noch seinen monatelangen Hass einbringen würde.
    Während ich mich in die Küche begebe, um wohl zum letzten Mal in meinem Leben mit sicheren Bewegungen den Herd anzuschmeißen, mir zum letzten Mal unser gemütliches Mobiliar anzusehen, zum letzten Mal die Stille während des letzten Männerabends zu ertragen, weiß ich, dass ich bereit bin, mich von meinem bisherigen bekannten und geliebten Leben zwischen den perfektionistischen, aber unperfekten Männern, die ich meine Familie nenne und den selbstbewussten Teenagern meiner jetzigen Fraktion, von denen ich so einige zu meinen Freunden zähle, zu verabschieden und zu den Ferox zu gehen. Soll es nun die wohl abgewogene Entscheidung meines Vaters sein, die bewundernden Blicke des Coaches, als ich mit acht Jahren bei meinem ersten Wettrennen die Ziellinie vor allen anderen überquert habe, oder mein eigenes Bedürfnis, meinen Platz in der Welt zu finden. Morgen um diese Zeit werde ich zu den Ferox gehören.

    8
    Vorsichtig gieße ich dunkelbraunen Kaffee in meine schwarz-weiß karierte Lieblingstasse. Zwei Teelöffel Zucker (einer gestrichen, einer gehäuft), etwas Milch (kalt, sonst würde ich mir die Zunge verbrennen) und ein Klecks Sprühsahne werden nacheinander zum Kaffee beigefügt. Der Sahnesprüher ist fast leer, weil sich Lena gestern Abend, als sie alleine im Haus war, beinahe den ganzen Inhalt in den Mund gesprüht hat. Wie kann man nur? Sahne gehört in den Kaffee oder auf das Eis. Sie ist dazu gemacht, etwas zu ergänzen, nicht um ohne Zwischenstationen einfach so verschlungen zu werden. Normalerweise ist Lena eher eine Freundin von Tischmanieren, aber bei Schlagsahne kann sie sich einfach nicht bremsen. Früher habe ich ihr in solchen Situationen immer gerne gesagt, dass ich einen Mord aufzeigen werde: Jugendliche ist Serienkillerin! Sie hat schon Dutzende Portionen Sprühsahne skrupellos aufgefressen.
    Glücklicherweise ist noch ziemlich genau genug Sahne für meinen Kaffee übrig. Ich werfe gerade den leeren Sprühsahnebehälter in den Müll, als Dad wieder mit einer seiner allmorgendlichen Schimpftriaden über die Richtigkeit der Zeitungsberichte loslegt:《Hör dir das mal an, Mike! 'Neueste von der Fraktion der Ken entwickelte Statistiken über den voraussichtlichen Ausgang der Zeremonie der Bestimmung'. Dieses Jahr sollten also mehr Ferox zu den Ken wechseln als Amite, weil die meistenTechniker der Ferox vor 16 Jahren Kinder bekommen haben? Als ob alle Kinder von Technikern automatisch Kandidaten für diese Intelligenzbestien wären! Und jetzt kommt noch das Schärfste: laut dieser Diagramme sollten heute alle gebürtigen Ken bei ihrer Fraktion bleiben. Das stinkt ja nur so nach Eigenwerbung! 》
    《Als ob DIE wüssten, was Treue bedeutet》, pflichte ich ihm bei. Allgemein werden die Altruan als loyalste Fraktion angesehen. Die meisten von ihnen bleiben ihr ganzes Leben lang dort. Anders als bei den Candor. Dort trifft man die Entscheidung über seine Zukunft nicht alleine und deshalb haben wir meistens ziemlich viele Wechsler. Wechsler, die ihrer Geburtsfraktion nicht mehr treu sind. Nicht mehr treu, obwohl die Treue auch ein Ideal der Candor ist. Aber wenn dem so ist, warum verlassen dann jedes Jahr so viele Leute die Fraktion?
    Der Schlüssel in der Badezimmertür wird ruckartig gedreht und die Tür einen kleinen Spalt aufgemacht, durch den Lena ihren Kopf heraussteckt. Wahrscheinlich ist sie gerade nackt, sonst hätte sie die Tür ganz aufgemacht. Meine Schwester ist schon den ganzen Morgen da drin, um sich für die Zeremonie hübsch zu machen. Einige ihrer Freundinnen sitzen soviel ich weiß sogar stundenlang beim Friseur, um mit einer kunstvollen Frisur angeben zu können. Höchstwahrscheinlich wird schon vor der Zeremonie erkennbar sein, wer von den Candor in eine andere Fraktion wechseln könnte. Auch Lena hat vor, nicht zu leugnen, dass sie zu den Ferox gehen wird: Heute Morgen hat sie sich für die Zeremonie ein kurzes, komplett schwarzes Kleid mit einem Rock aus Seide und jede Menge Pailletten zurechtgelegt, von dessen Existenz ich soweit ich mich erinnern kann vorher nichts wusste.
    《Männer, ich hab gestern meinen Bademantel oben in meinem Zimmer vergessen, bringt ihn mir mal!》, fordert Lena.
    《Kannst du denn nicht einen von unseren nehmen?》, fragt Dad halbherzig, bevor er sich wieder der Zeitung zuwendet.
    《Nein》, antwortet Lena ungeduldig.《 Eure sind nicht flauschig! Hoffentlich haben die Ferox auch so einen für mich.》
    《Dann geh hält nackt zur Zeremonie der Bestimmung!》, schlage ich scherzhaft vor, doch dann wird mir bewusst, dass genau das das falscheste Verhalten ist, wenn man noch vor dem nächsten Sonnenaufgang der Fraktion der höflichen und hilfsbereiten Altruan angehören wird und so stehe ich auf, um meiner Schwester ihren heißgeliebten Bademantel zu bringen.
    Solche sarkastischen Antworten muss ich mir schnellstens abgewöhnen, sonst habe ich bei den Stiff keine Zukunft. Oben in Lenas Zimmer angekommen hebe ich ihren flauschigen weißen Bademantel (als ich klein war und er noch Mom gehörte, habe ich ihn immer den Wolkenbademantel genannt) vom Bett auf. an der Schranktür hängt Lenas Kleid, daneben liegen Nylonstrumpfhosen und ein Paar High Heels, selbstverständlich auch schwarze. Ich habe noch immer das rhythmische Tock-Tock-Tock in den Ohren, das im ganzen Haus zu hören war, als Lena vorletzte Woche das Laufen in den Dingern probiert hat. Als sie damit die Treppe heruntergegangen ist, wäre sie beinahe gestürzt, aber abgsehen davon hat sie sich recht gut gehalten.
    Wieder unten gebe ich Lena, die die Tür nun doch etwas weiter öffnet, den Wolkenbademantel, sie wickelt sich blitzschnell darin ein und setzt sich zu Dad an den Frühstückstisch.
    《Aufgeregt auf die Zeremonie, Kinder?》, fragt Dad, während er die Zeitung ordentlich zusammenfaltet.
    《Nein》, antworte ich. 》Ich habe mich an den Gedanken, die Fraktion verlassen zu müssen, gewöhnt und das mit dem Blut ist sowieso kein Problem für uns. 》
    Dad nickt und sein Blick wandert zu Lena, die schon beginnt zu reden:《Ich denke, bei mir fehlt auch nichts. Aber eine Frage noch: Mike und ich, wir sollen beide die Fraktion wechseln. Hat das eventuell etwas damit zu tun, dass unsere Mutter nicht für die Candor geschaffen war?》
    Gegen Ende ist Lenas Stimme immer leiser geworden, etwas das sonst nie passiert. Ich blicke zu ihr hinüber und in ihrem weißen Wolkenbademantel sieht sie wirklich fast genau so aus wie Mom.
    《Wie kommst du darauf?》, fragt Dad entrüstet. 《Wie ich schon gesagt habe, meine Entscheidung berücksichtigt das Allgemeinwohl, also kann sie nicht falsch sein, oder?》
    《Ich wollte nur sichergehen, dass deine Entscheidung durch einige unglückliche Erlebnisse nicht irgendwie .... verfälscht wurde》, antwortet Lena selbstsicher.《Vielleicht dachtest du ja, wir könnten genauso schwach werden wie Mom damals, wenn wir hierbleiben. 》Jetzt sitzt Lena kerzengerade und ihr Blick scheint Dad förmlich zu durchbohren. Ich mag diesen Blick irgendwie. Dieser Blick will die Wahrheit ans Licht bringen, egal wie versteckt oder wie offensichtlich sie ist. Ich werde diesem Blick heute wahrscheinlich zum letzten Mal begegnet sein, denn die Altruan durchbohren niemanden. Eher helfen sie, das gebohrte Loch wieder zuzustopfen. Noch eine Eigenschaft, die ich mir unbedingt angewöhnen muss.
    Schließlich ist die Tasse mit dem Kaffee, den zwei Löffeln Zucker, der Milch und dem letzten Rest Sprühsahne leer, im Gegensatz zu meinem Bauch. Lena huscht gerade mit wehendem Bademantel die Treppe hinauf. Bald wird sie anstattdessen ihr scharfes Kleid tragen und mit den High Heels wie ei Specht auf dem Boden herumklopfen. Bald werden wir uns auf den Weg zur Zentrale machen, bald wird mein Blut in die Schale mit den Steinen tropfen. Bald wird sich mein Leben von Grund auf ändern. 'Zum Wohl der Allgemeinheit.'

    9
    Alle Sechzehnjährigen der Stadt haben sich im Raum eingefunden und stellen sich nun in alphabetischer Reihenfolge an den Wänden auf. Mir wird gerade klar, dass ich wahrscheinlich zum letzten Mal in meinem Leben mit so vielen Gleichaltrigen zusammen bin. Wir alle schauen wie gebannt in die Mitte des Raumes, wo sich die fünf großen Schalen, die für die fünf Fraktionen stehen, befinden. Dort steht auch Johanna Reyes, die uns dieses Jahr durch die Zeremonie führen wird. Letztes Jahr mussten Mike und ich auch schon der Zeremonie beiwohnen und es war grauenvoll: Damals waren die Ferox für die Eroffnungsrede und das ganze Drum und Dran zuständig. Ihr Anführer Max hat die ganze Zeit so laut gebrüllt, dass er gar kein Mikrofon gebraucht hätte (aber natürlich hat er es trotzdem benutzt) und als er die Ferox genannt hat, sind seine Fraktionsmitglieder in derartiges Gejubel ausgebrochen, dass ich beinahe einen Gehörschaden bekommen hätte, und ich bin an Lärm gewöhnt.
    《Ich heiße euch alle herzlichst willkommen, meine Lieben》, ruft Johanna emotional wie alle Amite ins Mikrofon.《Aber ganz besonders will ich unsere wunderbaren Sechzehnjährigen begrüßen, die heute vor der wichtigsten Entscheidung ihres Lebens stehen. 》
    Meine Lieben? Wunderbare Sechzehnjährige? Dass ich nicht lache! Aber da man während der Zeremonie der Bestimmung leise sein und das Reden einer kopflosen Idealistin überlassen soll, bin ich ausnahmsweise mal still.
    《Die Gesellschaft, die vor der unseren auf der Welt war, hat sich selbst zerstört.》
    Johanna hört sich echt so an, als würde ihr das leidtun. Dabei hatten diese Vollidioten es gar nicht anders verdient. Außerdem würde es uns mit Sicherheit gar nicht geben, wenn die Gesellschaft früher nicht in Gewalt, Manipulation und so weiter erstickt wäre.
    《Deshalb haben unsere Vorfahren das Fraktionssystem geschaffen, denn dadurch sind wir in der Lage, dem Bösen gegenüberzutreten, und zwar jeder auf seine Weise.》
    Komm mal zum Ende, für mich musst du keine Zeit schinden, damit ich mir überlege, über welcher Schale ich mir die Hand aufritzen soll. Das hat glücklicherweise schon jemand anderes für mich erledigt.
    Johanna streckt ihren Arm in Richtung der Ken aus, die in ihrer blauen Kleidung wie eine große Welle aussehen, wie es sie früher gegeben haben muss, als der See neben unserer Stadt noch größer war.
    《Wer der Unwissenheit die Schuld am Scheitern der früheren Gesellschaft gab, gründete die wunderschöne Fraktion der klugen und gelehrten Ken. Ihr seid unsere Lehrer und Wissenschaftler!》
    Die Ken verziehen großteils keine Miene. Nur einige wenige setzen ein stolzes Grinsen auf. Die Ken waren für mich schon immer sowas wie eine außerirdische Spezies, die nicht in der Lage ist, Gefühle zu empfinden und die über den normalen Menschen stehen will.
    Johanna dreht sich elegant in die Richtung der Ferox. 《Die Leute, die die Feigheit beschuldigten, das größte aller Übel zu sein, gründeten die wunderbare Fraktion der starken und mutigen Ferox. Ihr seid unsere Beschützer!》
    Vereinzelt werden die Ferox laut. Einige parodieren Johannas Rede. 《 Die Beschützer!》, höre ich einen hochgewachsenen dunkelhäutigen Ferox in den letzten Reihen brüllen. Im selben Moment hebt er eine kleine, dicke Ferox-Frau auf, die daraufhin in schallendes Gelächter ausbricht. Andere johlen, als wären sie betrunken. Vielleicht sind sie das ja sogar. Bei den Ferox kann man nie wissen. Eigentlich kann man das bei keiner Fraktion, außer bei den Candor, denn wir sind die Einzigen, die geradeheraus sagen, was wir denken, wollen, fühlen, tun. Wir? Nein, ab heute gehöre ich doch selbst zu den Ferox. Vielleicht werde ich sie durchschauen können, wenn ich selbst Teil von ihnen bin.
    《Einige Menschen waren der Meinung, der Egoismus wäre der Ursprung des Bösen. Diese gründeten die netten, bescheidenen und hilfsbereiten Altruan. Ihr seid unsere Anführer!》
    Bei den Stiff gibt es noch weniger Reaktion als bei den Ken. Ich frage mich, warum Ken und Stiff so schlecht miteinander können, wo sie sich doch so ähnlich sind. Ich drehe meinen Kopf zur Seite und schaue Mike an. Er bemerkt mich gar nicht, sondern schaut in die Mitte des straßendreckfarbenen Stiff-Haufens. Ich folge seinem Blick, kann aber nichts Besonderes darin entdecken.
    Inzwischen hat sich Johanna schon der nächsten Fraktion zugewandt. 《Andere vertraten wiederum die Ansicht, Unehrlichkeit wäre für alles Böse auf der Welt verantwortlich und gründeten die großartige Fraktion der ehrlichen und verantwortungsbewussten Candor. Ihr seid unsere Richter! 》
    Großartig schön und gut, aber meint Johanna das auch wirklich so? Einige meiner früheren? Jetzigen? In wenigen Minuten ehemaligen? Fraktionsmitglieder nehmen mir das Wort aus dem Mund. Als sie sich beruhigt haben, wendet sich Johanna, die ihr nerviges Lächeln keine einzige Millisekunde abgesetzt hat, ihrer eigenen Fraktion zu. Sie habt ihre Hände, um den Amite dirigentengleich einen Einsatz zu geben.
    《Und wir, die wir in der Aggression den Grund allen Übels sehen, sind die fröhlichen und friedfertigen Amite. Landwirte und Berater!》Jeder und jede Amite im Saal hat diese Sätze mit enthusiastischer, aber trotzdem ruhiger Stimme mitgesprochen, und zwar so, dass man trotz der vielen Stimmen jede Silbe deutlich verstanden hat. Ich muss sagen, Respekt. Auch wenn ich noch nie zuvor einen Amite respektiert habe. Die Candor könnten das nicht. Dafür besitzen wir, nein, sie besitzen nicht das nötige Einfühlungsvermögen. Fast schade, aber nur fast. Wer braucht das schon?
    Johanna beginnt nun, die Sechzehnjährigen aufzurufen:《Zeno, Stanley.》
    Einer der blauen Außerirdischen geht mit erhobenem Haupt zu den fünf Schalen hin, nimmt das Messer, das Johanna ihm reicht, mit einem abwertenden Blick, positioniert sich vor der Schale mit dem Wasser drin, zögert kurz und ritzt sich schließlich quer durch die Hand. Ich habe gehört, dass sich die Ken bei ihrer Zeremonie gerne entlang einer ihrer Handlinien ritzen, der Kopflinie. Die Amite hingegen ritzen sich mit Vorliebe entlang ihrer Herzlinie. Ich weiß zwar nicht, welche Linie welche ist, aber das ist mir egal. Bei den Candor gibt es diese Rituale nicht, wozu auch?
    Die erste Wechslerin ist zugleich auch eine gebürtige Candor, genau wie ich. Ihr Name ist Esbeth Winterville. Ich zähle sie nicht zu meinen Freundinnen, aber ein paar Mal habe ich mit ihr geredet. Sie hat den Ruf, selbst für eine Candor ungemein asozial und eigensinnig zu sein. Dass sie wechselt, erkenne ich schon an ihrem Aussehen: sie trägt ein kurzes kariertes Kleid über schwarzen Leggins, dazu eine schwarze Jacke. Doch im Gegensatz zur normalerweise ordentlichen, beinahe makellosen Kleidung der Candor ist jedes ihrer Kleidungsstücke zerrissen und durchlöchert. Vor allem das Kleid sieht mitgenommen aus. Ich glaube sogar, ihren Bauchnabel sehen zu können, der hinter einem fast handtellergroßen Loch herausschaut . Der Höhepunkt ihres Aufzugs ist aber ihre Frisur. Sie muss sie sich gerade erst heute oder gestern machen lassen haben. Ihre dunklen Haare sind zu Dreadlocks verfilzt, einer Frisur, wie sie vor allem die Ferox tragen. Ich verspüre geringfügige Erleichterung, dass ich nicht die einzige Wechslerin sein werde. Allerdings war das logisch, denn die Candor sind schon mehr als fünf Jahre die Fraktion, von der die meisten zu den Ferox wechseln. Esbeth nimmt das Messer aus Johannas Hand, schlitzt sich im Gehen die rechte Hand auf, hält sie mit der Handfläche nach unten über die heißen Kohlen, lässt ein paar Tropfen Blut drauf fallen und geht schnurstracks zu ihrer jetzigen Fraktion, wo sie mit einigen High-Fives begrüßt wird.
    Die nächste Candor, die Fraktion wechselt, ein dunkelhäutiges Mädchen namens Glenda, eine meiner Freundinnen, mit denen ich mich gestern unterhalten habe, wählt ebenfalls die Ferox. Das wird ja leicht. Alles Mitinitianten, die ich schon kenne. Die werden mir schon sagen, wo es langgeht.

    《Rome, Geoffrey!》
    Langsam wird es langweilig. Ich habe zwar versucht, zu beobachten, wer meine künftigen Fraktionsgenossen sein werden, bisher außer Esbeth und Glenn nur ein Ken namens Johanna-hat-zu-undeutlich-gesprochen, aber die meisten Leute hier im Raum interessieren mich herzlichst wenig. Als wäre nicht schon schlimm genug, dass mein Name erst zum Schluss hin aufgerufen wird, muss ich auch noch still stehen und darf nichts sagen, bis ich bei meiner Fraktion bin. Das ist unmenschlich.

    《Flick, Sonya!》
    Gleich ist Mike dran. Und danach ich. Endlich! Rückblickend kann ich fast nicht glauben, dass ich so lange überlebt habe, ohne etwas zu sagen. Egal. Das Jetzt zählt. Ich darf es nicht versauen. Ich muss es gut machen. Darf mir keinen Fehler erlauben. Noch zwei Leute, dann bin ich an der Reihe. Ich muss es genauso machen wie sie. Diese Sonya, die in ihrem gelben Amite-Kleid tatsächlich wie die Sonne aussieht, bemüht sich augenscheinlich, nicht zu stolpern, während sie schleppend langsam die Mitte des Raums erreicht. Als sie sich mit dem Messer entlang der Herzlinie die Hand aufritzt, lenkt ihre zitternde Hand das Messer alles andere als zuverlässig. Einmal quietscht sie sogar leise vor Schmerz oder Überraschung, aber im Vergleich zu anderen Mädchen ihrer Fraktion kann sie wenigstens Blut sehen, ohne gleich noch mehr zu zittern. Wie erwartet fallen die roten Tropfen schließlich in die Schüssel mit der weichen Erde. Sonya nimmt sich ein Pflaster, geht mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht zu ihrer Fraktion und wird sogleich von einem Jungen in ihrem Alter überschwänglich umarmt. Ihr Freund, würde ich sagen, aber die Amite sehen solches Geknuddle soviel ich mitbekommen habe als normal an, deshalb kann es auch ein ganz normaler Fraktionsgenosse sein.
    《Featherlane, Michael!》
    Mike stand schon in Startposition, als Zitter-Sonya aufgerufen wurde und nun geht er erhobenen Hauptes auf die fünf Schalen zu. Mein Bruder setzt das Messer unterhalb des kleinen Fingers an, bewegt es langsam in die Richtung seines Handgelenks und als der erste Blutstropfen aus dem Schnitt fließt, befindet sich die Hand schon oberhalb der grauen Altruan-Steine. Der Tropfen fällt. Er fällt auf einen abgerundeten Stein in der Mitte, der nicht mehr grau ist, sondern rot vom vielen Blut, das heute schon auf ihn gefallen ist.
    Mike dreht sich zu den Stiff, zu denen er ab jetzt selbst gehört. Entschlossen geht er in ihre Richtung und stellt sich hinter dem straßendreckfarbenen Haufen auf. Ich werde es hinkriegen. So schwer ist das doch nicht. Hundert Leute vor mir haben es auch geschafft, und wenn sie durch eigenartiges Aussehen oder mangelnde Selbstsicherheit negativ aufgefallen sind. Ich kann von mir behaupten, dass ich keines von beidem habe, also werde ich jetzt gehen. Sowohl zu den fünf Schalen, als auch zu den Ferox.

    10
    《Featherlane, Lena!》
    Ich bin hier. Hier zwischen den ruhigen, braven Altruan. Ein Teil von mir rebelliert, will diese Fraktion sofort wieder verlassen und zu den lauten, frechen Candor gehen, meiner Geburtsfraktion. Aber ein anderer Teil meines Geistes sagt, dass genau das meine Bestimmung ist. Ich werde zwischen diesen hilfsbereiten Menschen ein ungestörtes, geregeltes Leben führen können, etwas, das bei den Candor unverwirklichbar wäre, obwohl ich einige Leute kenne, die das sehr gerne hätten. Mein Blick wandert kurz in die Mitte der sitzenden Altruan, wo Trudis feuerfarbenes Haar hervorleuchtet.
    Schau hinauf, wollen meine Gedanken zu ihr sagen, schau zu mir.
    Ich verscheuche diese emotionalen Regungen aus meinem Kopf, ich bin schließlich keines dieser Amite-Sensibelchen, die sich von einer total nebensächlichen Person, die man nur durch Zufall kennengelernt hat, abbringen lassen. Stattdessen konzentriere ich mich wieder auf meine Schwester. Lena geht langsam, fast andächtig auf Johanna zu, sie schlägt die Hacken ihrer High Heels bei jedem Schritt sehr heftig, fast gewalttätig auf den Boden. Mehrmals sieht es fast so aus, als würde sie damit ein Loch in den Stein bohren wollen. Als Lena in der Mitte des Raums angekommen ist, nimmt sie das Messer mit einer schnellen Bewegung aus Johannas Hand, doch sie führt es noch nicht zu ihrer Hand, sondern sieht noch einmal zu den Candor hinauf. Ich erkenne schnell, wen ihr Blick sucht: Dad. Er sitzt inmitten der anderen schwarz-weiß gekleideten Candor. Sie alle schauen ohne Ausnahme zum blonden, langbeinigen Mädchen mit dem glitzernden schwarzen Kleid und den gefährlichen High Heels, das in der Mitte des Raumes steht und erwarten ihren nächsten Schritt. Die meisten von ihnen wissen nicht, dass es streng genommen nicht ihr Schritt ist, den sie machen wird, sondern Dads Schritt, den er für sie ausgewählt hat. Dad mag es ganz und gar nicht, wenn man nicht das tut, was er für richtig hält, er mochte es noch nie. Da sollte man sich eigentlich vorstellen, dass seine Kinder kein recht gutes Verhältnis zu ihm haben, was ihren jugendlichen Freiheitsdrang angeht, der durch die Unterdrückung nur noch größer werden sollte. Aber dem ist nicht so. Ich für meinen Teil hatte gegen Dads Entscheidungen meistens nichts einzuwenden und wenn doch, ließ er immer noch mit sich reden, sofern man aussagekräftige Argumente hervorbrachte. Lena gehorcht Dad aber noch aus einem weiteren Grund: Zwar kann sie sich von unserer Familie im Alltag am schnellsten entscheiden (eigentlich fallen uns allen dreien Entscheidungen nicht schwer, aber bei Lena ist es eben noch einen Tick schneller als bei Dad und mir), aber sie kann keine Entscheidungen treffen, wenn sie darin keine Bestätigung bekommt, ihr niemand dabei hilft oder ihr die Entscheidung komplett abnimmt. Also vertraut sie Dad und anderen Leuten immer bei ihren Entscheidungen, einfach, weil sie das Denken nicht selbst übernehmen will.
    Lena nickt Dad kaum sichtbar zu und wendet den Blick von ihm ab. Jetzt ist er nur noch einer von vielen Leuten, die auf das blonde, langbeinige Mädchen mit dem glitzernden schwarzen Kleid und den gefährlichen High Heels in der Mitte des Raumes schauen. Früher war ich der Meinung, die Stiff, äh, Altruan wären am meisten gegen Individualismus, weil ihre Kleidung, ihre Häuser, ihre Lebensweise, selbst ihre Bewegungen total gleichförmig sind. Aber jetzt, wo ich sehe, dass selbst die Candor mit ihren vielen verschiedenen Meinungen und Einstellungen letztendlich alle schwarz-weiß sind, egal ob sie nun ein Hemd, einen Hoodie oder ein Paillettenkleid tragen, glaube ich, dass im Endeffekt alle Fraktionen ziemlich eintönig sind.
    Lena setzt das Messer an. Der erste Blutstropfen quillt aus ihrer rosigen, gepflegten Haut hervor. Es folgen weitere, die sich alle in ihrer Handfläche sammeln, wie ein See in einer Senke, der schließlich zum Wasserfall wird und in ein Meer aus Kohle tropft, die an manchen Stellen genauso rot aufglüht wie das Blut. Lena ist eine Ferox.

    《Bentley, Philipp!》
    Nachdem Lena tief in das schwarze Meer der Ferox eingetauscht ist, habe ich ihr keinen Blick mehr zugewandt. Warum auch? Wir leben nun in unterschiedlichen Fraktionen und wenn ich bis zum Rest meiner Tage bei ihr hätte sein wollen, dann hätte ich mich den Ferox angeschlossen. In diesem Fall wäre das Ende meiner Tage wohl nicht mehr so weit weg gewesen.
    Philipp geht auf Johanna zu. Genau wie Lena und ich hat er die Angewohnheit, bei jedem Schritt mit seinen Hacken fest und laut aufzutreten. Diese Gangart ist bei den Candor und Ken stark verbreitet, während es in den anderen Fraktionen kaum jemanden gibt, der so geht. Philipp setzt das Messer schon an, bevor er aufgehört hat zu gehen. Er schneidet sich nicht viel, nur einen kleinen Riss unterhalb des Mittelfingers, soweit ich von meinem Platz aus sehen kann. Der Blutstropfen, der seine Hand verlässt, fällt auf die Glasscherben der Candor.
    Schwarz und weiß, Böse und Gut, Dunkelheit und Licht, Lüge und Wahrheit. Wenn man die beiden Farben vermischt, kommt Grau heraus. Altruan-Grau.
    Während Philipp von einem Altruan ein Pflaster entgegennimmt, kreuzen sich unsere Blicke für einen Wimpernschlag. Er war der einzige, den ich, außer meiner Familie natürlich, als richtigen Freund bezeichnet habe. Aber genau wie alles andere, das mit meiner Vergangenheit zu tun hat, wurde das heute annulliert. Ich wollte es selbst nicht anders, aber Philipp hat meinen Blick bestimmt nicht umsonst gestreift. Ich weiß, wie gern er mich immer noch als seinen besten Freund hätte, aber das geht nun einmal nicht. Candor und Altruan gehen sich gegenseitig so gut es geht aus dem Weg. Also werde ich meinen ehemaligen Fraktionsgenossen in Zukunft auch aus dem Weg gehen. Philipp dreht sich von mir weg in die Richtung der Candor, zu der schwarz-weißen Menge, von der wir beide kommen, zu der aber nur einer von uns zurückkehrt.

    Es erfolgt eine Pause, nachdem sich der letzte Initiant, ein Altruan, der wie die meisten bei seiner Geburtsfraktion bleibt, hinter seine Fraktionsgenossen gestellt hat. Die Pause dauert etwa fünf Sekunden, danach haben alle Leute kapiert, dass die Zeremonie der Bestimmung zu Ende ist, außer ich. Ich dachte zuerst, Johanna bräuchte eine Verschnaufpause oder so, aber als Max, der durchtrainierte Anführer der Ferox, seine Fraktion durch ein lautes 《Auf geht's!》und einige Handbewegungen zum Gehen auffordert und gleichzeitig die meisten anderen Leute im Raum aufstehen, verstehe ich auch endlich. Ich will mich auch zum Gehen wenden, als mich jemand sanft am Arm zurückhält. Ich drehe mich um und sehe in ein Paar großer grauer Augen. Sie gehören einem relativ zierlichen Mädchen, deren Haut beinahe die gleiche Farbe hat wie ihre Altruan-Bluse, so blass ist sie. Ihre Augen liegen in tiefen Höhlen, was ihr Gesicht noch grauer aussehen lässt. Ihr Dutt ist für eine Altruan ziemlich unordentlich gemacht, hier und da stehen nämlich einige aschblonde Strähnen heraus. Sie scheint mir das Paradebeispiel einer Altruan zu sein: alles an ihr ist grau und unscheinbar, genau wie die Steine in einer der Schalen, die in der Mitte des Raumes stehen.
    《Wir bleiben hier und räumen auf》, sagt sie mit einer leisen, etwas rauen Stimme, die ebenfalls perfekt zu ihrer Fraktion passt.《Bitte weitersagen.》
    Das Mädchen zeigt an mir vorbei auf einige andere Initianten. Einer davon, ein Wechsler von den Ken, will sich auch schon auf den Weg durch die Tür machen. Also mache ich ein paar Schritte und halte ihn am Arm fest. Wahrscheinlich habe ich ihn nicht so sanft angefasst, wie das Mädchen es vorhin mit mir gemacht hat, denn er dreht sich ruckartig und mit aufgerissenen Augen nach mir um.
    《Wir räumen jetzt noch hier auf》, sage ich, bestimmt nicht so Altruan-mäßig wie das Mädchen. Ich habe noch nie daran gedacht, wer die Stuhlreihen aufstellt oder die fünf Schalen füllt. Jetzt weiß ich es: selbstverständlich die Altruan, die doch immer alle derartigen Aufgaben freiwillig übernehmen.
    Als alle anderen gegangen sind, machen sich die Altruan sofort an die Arbeit: es beginnt eine regelrechte Invasion von grau gekleideten Personen, die sich im ganzen Raum breitmachen, um die Stühle aufzustapeln. Wieder andere verlassen den Raum durch Seitentüren und kehren kurze Zeit später mit Besen und Eimern zurück. Ich mache mich mit einigen anderen auf den Weg zu den fünf Schalen. Im Gehen versuche ich, Trudis flammendes Haar auszumachen, verwerfe den Gedanken aber gleich wieder. Es gibt so viele Altruan und sie alle sind in Bewegung. Trudi könnte vom einen Moment auf den anderen wieder in der Menge verschwinden.
    Bei den Schalen angekommen finde ich mich vor neben dem grauen Mädchen wieder, das gerade einen Eimer Wasser aus der Schale der Ken schöpft. Sie dreht sich vorsichtig um, um bloß kein Wasser zu verschütten und drückt mir den randvoll gefüllten Eimer behutsam in die Hand.
    《Schütt es zu den Kohlen》, sagt sie und zeigt in die Richtung der entsprechenden Schüssel, wo schon ein anderer Altruan einen Eimer Wasser hineinschüttet. 《Und wenn dort keins mehr gebraucht wird》, schlägt sie vor,《schütt es in den Abfluss oder gib es den Blumen. Trinken würd ich's nicht, da ist Ken-Blut drin.》
    Ich mache mich auf den Weg zur Ferox-Schale, mit mindestens genauso vorsichtigen Bewegungen wie das Mädchen, als sie mir den Eimer gegeben hat. Als ich am Ziel bin und den schweren Eimer gerade ganz langsam hebe, taucht neben mir ein dunkelhaariger Altruan auf, der mir sofort mit dem Eimer hilft.
    《Warum ist der Eimer denn so randvoll?》, fragt der Mann. 《Es ginge viel einfacher, wenn man ihn nicht so voll auffüllen würde. Da müsste man sich auch nicht darauf konzentrieren, nichts zu verschütten.》
    Da hat er recht. Wie doof kann man nur sein, dass mir das nicht eingefallen ist! Schließlich gelingt es uns, das Wasser mehr oder weniger gleichmäßig auf die Kohlen zu schütten, die darauf zu zischen und zu rauchen beginnen. Das rote Glühen erstirbt und ich mache mich wieder auf den Weg zum grauen Mädchen. Ich rate ihr, die Eimer nicht mehr so randvoll zu füllen, worauf sie antwortet, es wäre sowieso nicht mehr so viel Wasser in der Schale, und mir einen neuen, nur noch zu etwa drei Vierteln gefüllten Eimer in die Hand drückt. Diesmal gehe ich damit zur Toilette im Flur und schütte das Wasser dort hinein. Langsam, damit nichts auf den Boden tropft. Anschließend befülle ich noch selbst einige Eimer mit der feuchten Kohle, die jetzt mit Zischen und Rauchen aufgehört hat. Auf die Dauer wird es anstrengend, mit Kohle gefüllte Eimer aus der Schale zu hieven, aber wenn mein zukünftiges Leben aus Tätigkeiten wie dieser bestehen soll, habe ich wohl kein Problem damit. Jedenfalls bis jetzt noch nicht.

article
1485756469
Divergent - Wenn Wahrheit Lüge ist
Divergent - Wenn Wahrheit Lüge ist
Eine Ff über die Geschwister Mike und Lena, die in Chicago bei den Candor leben. Jedenfalls jetzt noch... Ich hoffe, euch gefällt's.
http://www.testedich.de/quiz46/quiz/1485756469/Divergent-Wenn-Wahrheit-Luege-ist
http://www.testedich.de/quiz46/picture/pic_1485756469_1.png
2017-01-30
406M
Die Bestimmung - Divergent

Kommentare (23)

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Lilian* ( von: Lilian*)
vor 6 Tagen
Wie zu erwarten sind dir auch diese Kapitel wieder sehr gut gelungen. Das neunte gefällt mir bisher am besten.
Muria ( von: Murialana)
vor 24 Tagen
Das wären mal ein paar Kapis. Noch kriege ich es hin, jeden Sonntag eins zu veröffentlichen, aber wer weiß für wie lange...
Lilian* ( von: Lilian*)
vor 91 Tagen
Der Wechsel zwischen kursiv oder unterstrichen ist eine tolle Idee. Das Kapitel ist wieder sehr schön geschrieben.
Muria ( von: Murialana)
vor 92 Tagen
Ich hoffe, dieses Kapitel (v.a. cur, unli) ist euch allen verständlich, was ich aber schon glaube.
Lilian* ( von: Lilian*)
vor 95 Tagen
Auch dieses Kapitel ist super geworden und ich kann mich Torden nur anschließen, in Bezug auf das Beschreiben der Gefühle.
Muria ( von: Murialana)
vor 95 Tagen
Was tut dir bitteschön leid? Ich habe diese Frage nur gestellt, weil mich deine Antwort interessiert hätte (die ich bekommen habe), und nicht etwa, weil mich dein Lob stört (was es nicht tut).
Tut mir leid, dass dir das Leid getan hat, wenn es dir Leid getan hat.
torden ( von: torden!)
vor 95 Tagen
Tut mir leid. Ich wollte damit nur ausdrücken, dass ich es diesmal besonders gut umgesetzt fand.
Muria ( von: Murialana)
vor 96 Tagen
Warum sagst du das? Du kannst das doch auch und extrem schwierig ist es für Leute wie uns nicht. Gut, das war ein sehr emotionales Kapitel (was auch der Grund ist, warum ich so lange dafür gebraucht habe) und man kann es gut beobachten.
torden ( von: torden!)
vor 96 Tagen
Wie immer ein sehr tolles Kapitel. Vor allem das Ende gefällt mir, wie er langsam wegdämmert. Du schaffst es sehr schön die Gefühle der Charaktere zu beschreiben.
Muria ( von: Murialana)
vor 100 Tagen
Das Kapitel kommt später als erwartet, sorry, aber jetzt ist es da.
torden ( von: torden!)
vor 132 Tagen
Tolles neues Kapitel. Was wohl herauskommen wird?
Muria ( von: Murialana)
vor 134 Tagen
Upgrade! Ich hoffe, das nächste folgt in Kürze, ich streng mich an.
Muria ( von: Murialana)
vor 142 Tagen
@Shadowhunterin: Dankeschön, mir kommt dein Kommi sehr enthusiastisch vor.
Shadowhunterin ( von: Shadowhunteri)
vor 143 Tagen
Die Geschichte ist klasse bitte weiter schreiben
Muria ( von: Murialana)
vor 154 Tagen
Das mit unterstrichen und kursiv dachte ich mir schon. Ich habe das extra so verteilt, weil Mike ja zu den Altruan gehen soll, die sind gern unauffällig und Lena soll zu den Ferox, da passt die Verteilung doch gut.
Mann, ich müsste eigentlich das ganze Zeug von mittelalterlicher Philosophie lernen und was mache ich? Schreibe Kommis, vergleiche Adharas neueste Ff mit dem Buch "Rat der Neun" und muss mich selbst zwingen, nicht an dieser Ff weiterzuschreiben.
Paradise (13943)
vor 154 Tagen
Ich mag die Geschichte auch sehr gern, meine Lieblingsfraktion sind Candor und Ken ^^
Ich finde es gut, dass du Mike kursiv und Lena unterstrichen schreibst, letzteres wirkt auf mich allerdings etwas ... Hmm, "aufdringlich", da es mehr in Auge springt, als "Kursivität"(?).
Freue mich schon auf die Fortsetzung und viel Glück bei Tests und so :)
Muria ( von: Murialana)
vor 155 Tagen
Dir bei deinen auch!
Lilian* ( von: Lilian*)
vor 156 Tagen
Kann ich nachvollziehen. Viel Erfolg bei den ganzen Tests. ^^
Muria ( von: Murialana)
vor 158 Tagen
Ich schreibe ganz sicher weiter, nur habe ich momentan durchschnittlich jeden 2. Tag einen Test (Wochenenden mitgezählt ). Spätestens in den Sommerferien wird es weitergehen.
Lilian* ( von: Lilian*)
vor 160 Tagen
Kommt vielleicht etwas spät, aber mir gefällt es auch sehr gut. :)
Die Altruan sind meine Lieblingsfraktion, aber die Candor sind eigentlich auch ganz cool. ^^ Bin gespannt, wie es weitergeht. Du schreibst doch weiter?