Das größere Wohl (Teil 1-8)

star goldstar goldstar goldstar goldstar greyFemaleMale
11 Kapitel - 18.541 Wörter - Erstellt von: Svenja Granger ; ) - Aktualisiert am: 2016-09-02 - Entwickelt am: - 464 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Hejjjj: D
An alle, die meine Reihe schon kennen: Ja, ich lebe noch!^^
An die, die relativ neu sind: Schön, dass ihr euch entschieden habt, mal reinzuschauen:)

Ich habe mich dazu entschlossen, noch einmal die ganze Geschichte bis zum neuen achten Kapitel hochzuladen - denn die meisten werden sich wahrscheinlich entweder nicht mehr an alles erinnern oder sie kennen den Anfang überhaupt nicht.

Deswegen hier zum Plot:
Es geht um die deutsche Schule für junge Hexen und Zauberer, die Maleficium-Schule, im Jahre 2017.
Voldemort ist bereits 9 Jahren tot und die Zauberergesellschaft wiegt sich in Sicherheit - besonders in Deutschland, ein Land, welches in der magischen Welt eine nicht wirklich hohe Stellung inne hat.
Doch es braut sich was zusammen - eine gewisse Zoe Blake scheint mit ihrer Organisation "Für das große Wohl" immer mehr an Macht zu gewinnen und Schrecken in der magischen Welt zu verbreiten. Sie scheint sich dabei an einem Vorbild zu orientieren - den Legenden Albus Dumbledore und Gellert Grindewald.
Und in der Maleficium-Schule, wo Ruby Meyer mit ihren Freunden Leyla, Noah, Liv, Megan, Vincent und Kilian bisher einen vollkommen normaler Alltag geführt hat, verändert sich einiges. Ein gewisser Luke Clark, der die Schule gewechselt hat, tritt in ihr Leben. Doch hinter seinem tollen Körper scheint sich ein dunkles Geheimnis zu verbergen...

    1
    „Ist er das?“
    „Und der kommt wirklich aus England?“
    „Und war in Hogwarts?“
    „Jetzt haltet mal die Klappe und seid ruhig, verdammt noch mal! Mein Gott, dieser Neuling ist doch auch nur ein Mensch!“
    Der Krach aus dem Gemeinschaftsraum der Achtklässler ließ Ruby Meyer entnervt hochfahren. Bis in ihr Zimmer konnte man die Stimmen – und vor allem das Brüllen ihres Bruders – hören.
    „Warum die alle so ein Aufstand nur wegen einem Neuen machen müssen... Auch wenn ich das sonst nicht oft mache, in dieser Sache muss ich Hannes wirklich Recht geben. Der Typ kann wirklich kein Gott sein.“ Verärgert sah Ruby ihre Zimmergenossin an, die auf ihrem Bett auf dem Bauch lag und ihr Gesicht in das Kissen bohrte.
    „Mhm“, nuschelte Leyla. „Da will man einmal seine Ruhe haben und sich von dem Flug hierher ausruhen...“
    Von draußen war das Krachen einer Holztür zuhören – ein unmissverständliches Zeichen dafür, dass Rubys Klassenlehrer, Herr Miller, im Gemeinschaftsraum eingetreten war.
    „Achtklässler, alle angetreten! Raus aus den Zimmern, aber zackig!“
    Von Leylas Bett aus war ein Murren und Stöhnen zu hören und auch Ruby stieß einen Seufzer aus. Entgeistert und nur sehr schleppend standen die beiden Mädchen auf, öffneten die Tür und traten in den angrenzenden Gemeinschaftsraum.
    „Was´n jetzt schon wieder?“, fragte Alina Krüger, der es anscheinend ähnlich ging wie Ruby und Leyla.
    „Also, Sportfreunde!“, rief Herr Miller und überging die Bemerkung Alinas. „Alle mal hergehört! Wie ihr wisst, bekommt ihr einen neuen Mitschüler.“
    „Ach was“, murmelte Leyla neben Ruby augenrollend.
    Herr Miller schob mit einer Handbewegung einen mittelgroßen Jungen mit lockigen braunen Haaren und braunen Augen in die Mitte des Raumes. Er schien sich nicht unwohl zu fühlen, aber doch sah Ruby ihm an, dass er auf diese Situation auch hätte verzichten können.
    Herr Miller sah den Neuen abwartend an, doch der schien nicht zu wissen, was Miller von ihm wollte.
    „Du kannst dich jetzt vorstellen, Bursche“, sagte Miller schließlich.
    Der Neue räusperte sich. „Ähm ja. Also mein Name ist Luke Clark, ich komme aus England und gehe ab diesem Jahr in eure Klasse.“
    „Nein wirklich?“, war aus der Menge der Achtklässler schließlich zu hören. Ruby ordnete die Stimme eindeutig Liv Weber zu, ein Mädchen aus ihrem engeren Freundeskreis. Sie stand an der Wand gegen über gelehnt, die Arme skeptisch vor der Brust verschränkt. Anscheinend war auch sie nicht ganz damit einverstanden, aus den Betten geholt zu werden.
    Während der alte Miller Liv einen tödlichen Blick zuwarf, lächelte Luke Clark gelassen.
    „Stell dir vor“, sagte er grinsend, doch bevor Liv darauf wieder etwas entgegnete, griff Miller in die Situation ein: „Schön, ihr beide habt also schon mal euren ersten Dialog abgehalten. Clark, du wirst dir ein Zimmer mit dem Problemfall dort hinten teilen.“ Rubys Klassen- und Sportlehrer deutete auf einen braunhaarigen Jungen in einer der Ecken des Gemeinschaftsecke, der schief lächelte.
    „Danke, Herr Miller. Ich freue mich auch immer wieder, Sie zu sehen.“ Dann wandte er sich an den neuen. „Ich bin Vincent – für dich nur Vinc – und einer der coolsten und heißesten Jungs an dieser Schule. Freut mich.“
    Ruby musste schnauben. Cool und heiß? Geschmackssache, dachte sie. Aber Vincent Schneider hatte schon immer dieses (zu) große Selbstbewusstsein.
    „Schön, dann hätten wir das geklärt. Deine Sachen sind schon in deinem Zimmer, Clark.
    Und die anderen: Ihr könnt jetzt wieder verschwinden.“
    Das ließen sich Leyla und Ruby nicht zwei Mal sagen, Sekunden später lagen beide wieder auf ihren Betten.


    „Willkommen in meinem Heim“, grinste Vincent und öffnete die Tür zum Doppelzimmer.
    Er schmiss sich in sein Bett, während Luke sich in dem Raum umsah.
    „Nicht schlecht“, meinte er schließlich und setzte sich dann auf das freie Bett. „Auch wenn meine Mum ein Schlaganfall bei dieser Ordnung gekriegt hätte.“
    Vinc zuckte mit grinsend mit den Schultern und blickte dann auf den zugemüllten Boden.
    Drei Pullover, eine Jogginghose und ein paar Kopfhörer waren quer im Zimmer verteilt.
    „Ich find´s auch ordentlich. Aber, jetzt erzähl mal. Ich will der erste sein, der alles über dich und England und Hogwarts weiß!“
    Luke lachte kurz und begann dann damit, über Hogwarts zu berichten. Über den Verbotenen Wald, den er mit seinen alten Freunden schon hundert Mal erkundet hatte; das imposante Gebäude mit den vielen Gängen, sich bewegenden Treppen und den Geistern; über die Quidditch-Turniere und den Hauspokal (und folglich auch über die vier Häuser).
    Vincent hörte aufmerksam zu und war begeistert. Er sah sich selber, wie er mit seinem Haus den Hauspokal in die Luft streckte.
    „Wieso hast du überhaupt die Schule gewechselt?“, fragte Vinc schließlich.
    Luke schaute kurz zum Boden. „Wegen meinen Eltern. Also vor allem meiner Mutter. Sie war Quidditch-Spielerin bei den Holyhead-Harpies, doch ab der kommenden Saison spielt sie hier in Deutschland, bei den QQHs.“
    „QQH?“, wiederholte Vincent ungläubig. „Quedlinburger Quidditch Hexen?“
    Luke nickte. „Inoffiziell stand es schon seit einem dreiviertel Jahr fest. Seit dem Moment hatte ich Zeit, Deutsch zu lernen.“
    Vinc starrte Luke ungläubig an, denn erst jetzt war ihm aufgefallen, wie gut Deutsch der Engländer konnte.
    Dieser zuckte mit den Schultern. „Jetzt sind wir jedenfalls hier. Mein Dad hat ein Geschäft in einem Zauberer-Dorf an der Elbe aufgemacht. Clarks Scherz- und Unterhaltungsartikel.“
    Vinc klappte auf einmal sein Mund auf, denn er war mit seinen Gedanken noch bei der Mutter Lukes.
    „Moment“, meinte Vincent gedehnt. „Wenn deine Mum bei den Holyhead Harpies spielt – dann muss die doch mit Ginevra Potter in einer Mannschaft gewesen sein!“
    Luke nickte grinsend. „Oh ja.“ Er strahlte sogar förmlich stolz. „Meine Mum war mit den Potters befreundet.“

    „Hau ab, du blöde Zicke!“
    „Warum ist denn die Livilein so traurig? Hat Mama dir heute nicht geschrieben?“
    Liv-Thalia Weber erhob sich ruckartig aus ihrem Bett, nahm sich ein Kissen und warf es ihrer Schwester, Annabeth Weber, ins Gesicht.
    „Jetzt geh oder ich hole den alten Miller!“, fauchte Liv. „Und dann kannst du dich auf ein paar tolle Stunden bei Hausmeister freuen!“
    Annabeth verzog ihr Gesicht und äffte Liv erstaunlich gut nach. „Dann kannst du dich auf ein paar tolle Stunden bei Hausmeister freuen – Und ich bin hier die Zicke!“ Sie schnaubte, stolzierte aus dem Zimmer und warf die Tür mit ungeheurer Wucht ins Schloss.
    „Ich hasse sie einfach...“, murmelte Liv und ballte ihre Hände zu Fäusten. „Warum kann sie es einfach nicht lassen?“
    „Ignorier sie einfach“, meinte ihre Zimmergenossin, Megan Vogel, und richtete sich dann auf. „Wollen wir zu Kilian und Noah?“
    Liv zuckte mit den Schultern. „Von mir aus. Da kommt Annabeth bestimmt nicht hin.“
    Die beiden Mädchen verließen ihr Doppelzimmer und liefen über den Gemeinschaftsraum zum Zimmer von Kilian Horn und Noah Schulz.
    „Hi“, sagte Liv als sie eintraten und schmiss sich prompt auf das Bett Noahs.
    „Hey!“, protestierte dieser. „Du kannst dich doch auf Kilians Bett setzten!“
    Dann grinste er plötzlich hämisch.
    „Was soll denn dieser Blick?“ Liv sah ihn warnend an und fuhr dann jedoch freimütig fort: „Außerdem ist deins sowieso gemütlicher. Du wirst es dir mit mir teilen müssen.“
    Noah seufzte und hob die Arme. „Okay, ich gebe auf. Du hast gewonnen.“
    Liv lächelte zufrieden.
    „Wo sind eigentlich die anderen?“, fragte Megan schließlich, die sich zu Kilian aufs Bett gesellt hatte.
    Noah zuckte mit den Schultern. „Wahrscheinlich noch ein bisschen brechen. Ihr kennt Leyla und Ruby ja, die vertragen den Flug immer nicht so. Aber Vinc – der unterhält sich bestimmt mit seinem neuen Zimmergenossen! Wer kommt mit, sie besuchen?“


    Die vier Mädchen und Jungen hielten auf dem Weg zu Vincent und Luke Clark bei dem Doppelzimmer von Leyla und Ruby an und holten diese ab.
    „Bin mal gespannt, ob der Neue den Trubel eben wert war“, murrte Ruby auf halben Weg durch den Gemeinschaftsraum.
    Als sie das Zimmer der beiden Jungen erreichten, klopfte Megan an der Tür und Vincent öffnete.
    „Herein in die gute Stube“, sagte er breit grinsend und alle ließen sich auf Betten oder dem Boden nieder.
    Luke Clark war der erste, der sprach. „Ähm ja – hi.“
    „Tag, Bro“, sagte Noah und hielt ihm seine Hand hin. „Denke, wir werden noch viel Spaß zusammen haben. Noah Schulz mein Name. Die Dödels neben mir sind Kilian, Ruby, Leyla, Liv und Megan. Mit dir sind wir Jungs endlich nicht mehr machtlos den Frauen unterlegen. Danke, Mann.“
    „Kein Problem“, grinste Luke. „Ich glaube, die Namen kann ich mir merken. Aber jetzt weist mich mal bitte in das Schulleben hier ein – euer Lehrer hat mir nämlich nicht allzu viel verraten.“
    Vincent winkte mit der Hand. „Das dürfte kein Akt sein. Kleine Führung gefällig?“

    Ruby und ihre Freunde zeigten Luke Clark das ganze Schulgelände. Als erstes liefen Sie den Wohntrakt mit den ganzen Gemeinschaftsräumen, der Bibliothek, Krankenstation und Essenshalle ab, dann gingen sie zum verbundenen Schultrakt mit den Unterrichtsräumen, Klassenzimmern und der Turnhalle. Anschließend schlenderten sie über das Außengelände. Während Lukes Begeisterung bei der Leichtathletik-Anlage und den Handball-, Basketball- und Fußballfeldern in Grenzen blieb, weiteten sich seine Augen bei dem Quidditchstadion.
    „Klasse!“, rief er. „Macht ihr auch irgendwie Turniere oder Spiele oder so was?“
    „Noch viel besser“, sagte Kilian und lächelte. „Jedes Jahr stellt die Maleficium eine Schulauswahl. Dann spielen wir gegen andere kleinere Zaubererschulen, wie aus Österreich, der Schweiz und Tschechien.“
    Lukes Augen funkelten.
    Noch so ein Quidditchverrückter, dachte Ruby. Als ob es mit Kilian und Leyla nicht schon reichen würde.
    „Cool, oder?“ Leyla schien den Neuen jetzt anscheinend auch toll zu finden. Typisch.
    Die Mädchen und Jungen gingen weiter über die Felder zum kleinen See und dem angrenzenden Beach-Volleyballfeld.
    „Sagt mal, ihr seit eine ganz schön sportliche Schule, was?“, meinte Luke Clark nach einer Weile. „In Hogwarts hatten wir nur das Quidditch.“
    „Tja“, erwiderte Ruby nur trotzig und verschränkte ihre Arme. „Wärst du ein bisschen früher hierher gewechselt, hättest du mehr vom Sport gehabt.“ Sie wusste selbst nicht, warum sie so unfreundlich zu dem Engländer war. Doch wohl nicht nur, weil sie einmal wegen ihm aus ihrem Bett steigen musste? Das wäre ja wohl kaum angemessen.
    Luke warf ihr einen verdutzten Blick zu. „Wieso? Ich glaube, ich bleibe sowieso beim Quidditch.“
    „Ach ja“, meinte Ruby gedehnt. „Ich vergaß; in England legt man ja keinen großen Wert auf Muggelsport.“ Sie merkte, wie Leyla sie in die Rippen stieß und verständnislos den Kopf schüttelte.
    „Was hat das denn jetzt damit zu tun?“ Luke sah sie verwirrt und mit ansteigender Ungeduld an. „Entschuldige bitte mal, dass mir ein Sport mehr gefällt als der andere!“
    „Schön.“ Rubys Stimme war ungewöhnlich hoch. „Dann gehe ich noch mal eben auf Toilette und mich für´s Abendbrot zurecht machen. Ihr braucht mich ja nicht weiter.“ Sie drehte sich um und lief in Richtung Wohntrakt.
    „Was ist denn mit der los?“ Vincent sah verdutzt in die Richtung, in der Ruby verschwunden war und nur noch schemenhafte Umrisse zu erkennen waren. „Sie macht sich doch sonst auch nicht für das Abendbrot zurecht...“
    Leyla zuckte mit den Schultern. „Ich geh ihr mal hinterher. Bis nachher.“


    Zum Abendessen erschien Ruby wieder und Liv machte sich keine Gedanken um sie. Schließlich steckten sie alle mitten in der Pubertät und hatten so ihre Macken.
    Es verlor auch keiner ein Wort über die Geschehnisse am See, was wahrscheinlich das Beste war.
    Da es im Essensaal nur Sechser-Tische gab, setzten sich die vier Mädchen zusammen mit Julia Fischer, der Klassensprecherin der Achtklässler, und Alina Krüger aus ihrem Jahrgang an einen Tisch und die Jungs mit Marvin Klein und Patrick Köhler.
    „Morgen geht´s also wieder los“, sagte Liv seufzend, nachdem sie eine Gabel Spaghetti mit Tomatensoße aufgekaut hatte.
    „Mhm. Ich hab gar keine Lust. Vor allem auf Zaubertränke und Mathe wird der Horror...“, sagte Alina, die mit beiden Fächern auf dem Kriegsfuß stand. „Habt ihr eigentlich gehört, dass die Wuttke schwanger geworden ist und wir jetzt eine gewisse Frau Schröder in VgddK haben?“
    Julia griff nach der Butter, um ihre Schnitte zu schmieren. „Hab das Gerücht schon gehört... Mal sehen, wie die ist.“
    „Ich freue mich jedenfalls schon auf Zauberkunst und Latein. Und Alte Runen ist auch immer interessant“, meinte Megan, die schon fertig war.
    „Ach, Meg“, seufzte Ruby. „Was soll aus dir jemals werden? Wer sich noch in der Achten auf Fächer außer Sport – wobei ich das nicht mal wirklich nachvollziehen kann – freut, muss irgendwie eine andere Schule kennen gelernt haben als ich.“
    Meg lächelte. „Ich weiß ja, dass ihr das etwas anders seht – aber wenn ihr euch wirklich mal ein wenig mehr mit manchen Themen beschäftigt, werdet ihr schon sehen...“
    „Oh schaut mal!“, rief Leyla plötzlich. „Die Abendpost ist da.“
    Herr Rode, der Hausmeister der Maleficium-Schule, lief mit seinem alten Wagen durch die Reihen und verteilte die darauf liegenden Zeitungen.
    Als er bei dem Mädchen-Tisch ankam und ich jeder ein „Spiegel der Zauberer“ geschnappt hatte, begann Liv mit dem durchblättern.
    Ein Kapitel auf den Seiten 11 bis 12 sprang sie besonders an. „Für das Größere Wohl gewinnt immer mehr Macht – wird diese Gruppe von Zauberern und Hexen zu einer echten Bedrohung?“
    Livs Miene verdunkelte sich und sie schlug benannte Seiten auf.

    „Während die Beamten aus dem Ministerium sich mit kleinen Zusammenstößen von Muggeln und Zauberern beschäftigen, wird die selbst ernannte Organisation „Für das Größere Wohl“ immer mehr an Stärke. Spezialisten vermuten sogar, dass bereits hohe Tiere im Ministerium im Auftrag dieser Gruppe handeln.
    Erschreckend, dass der Zaubereiminister, Achatius Schmidt, unseren Reportern nur folgende Worte entgegenbringen konnte: „Wir versuchen, die Verdächtigen zu erkennen und angemessen zu bestrafen, aber versprechen können wir nichts.“
    Wenigstens wurde die Mitgliedschaft dieser wahnwitzigen Gruppe als illegal anerkannt und mit einer Haftstrafe versehen.
    Noch mal im Rückblick: Anfang letzten Jahres trat die Organisation „Für das Größere Wohl“ erstmals in die Öffentlichkeit – damals noch in Form einer Aktivistengruppe, die gegen „Halbmenschen“ protestierte und die Unterwerfung dieser und der Muggel forderte. Die offizielle Gründer- und Anführerin Zoe Blake sagte zu dieser Zeit, dass alles, was sie tue, dem Größeren Wohl diene und angeblich die korrupte Regierung säubern würde.
    Außerdem prahlte sie damit zu wissen, wie sie den Tod besiegen und Unsterblichkeit zu erreichen könne.
    An wen uns das erinnert? Richtig – der legendäre Albus Dumbledore soll mit Gellert Grindewald an diesem Projekt schon vor mehreren Jahrzehnten gearbeitet und sich dieses ausgedacht haben. Blake scheint die wahnwitzige Jugendidee der beiden mächtigen Zauberer wieder ins Leben gerufen zu haben und mit aller Macht durchsetzen zu wollen.
    Nun wieder zur Gegenwart: Die Macht Blakes und ihren Anhängern weitet sich immer weiter aus, Tag für Tag folgen ihr mehr Menschen.
    Eine Bedrohung für uns? Das können wir nicht sagen. Nur eins ist sicher: Unbeachtet dürfen wir das Größere Wohl nicht lassen.“

    Liv schlug die Zeitung zu und knallte sie auf den Tisch.
    Die anderen fuhren hoch. „Hast wohl auch gerade Seite 11 und 12 gelesen?“, fragte Ruby matt.
    Liv nickte grimmig. „Ich frage mich, welche Leute denn so etwas gutheißen können. Die haben doch nicht mehr alle Tassen im Schrank!“
    Megan schob ihre Tasse auf dem Tisch hin und her und seufzte. „Wenn ihr mich fragt, dann klingt das alles sehr nach einem bevorstehenden Krieg – oder zumindest so etwas in der Art. Der Minister sollte sich da wirklich mal beweisen.“

    2
    Als am nächsten Tag der Wecker klingelte, wurde Noah wieder auf der harten Art und Weise klargemacht, dass der Schulalltag wieder mit allen Mächten zurück war. Er stöhnte und schubste beim Versuch, die Snooze-Taste zu treffen, den Wecker vom Nachttisch.
    Kilian half ihm auch nicht dolle, denn der war kein Morgenmuffel. Putzmunter, als ob er schon vor Stunden wachgeworden wäre, stand er auf, zog die Vorhänge auf und warf mit einem Kissen nach Noah.
    „Arrrggghh“, brummelte dieser und erhob sich letztendlich doch.
    Nachdem die beiden sich fertig gemacht hatten, gingen sie zusammen mit den anderen zum Frühstück.
    Herr Miller, ein Mann mittleren Alters und allzeit (zu) Guter Laune, war vom Tisch der Lehrer aufgestanden und verkündete: „So ihr Krabben, wer ein Stundenplan will, sollte jetzt zu seinem Klassenlehrer gehen.“
    Vincent rollte mit den Augen und stöhnte: „Der Miller macht mich fertig!“
    Die Jungen und Mädchen der gesamten Schule verteilten sich jetzt um die große Tafel der Lehrer und stellten sich in einer Reihe hinter ihren jeweiligen Klassenlehrer auf.
    Als Noah vor Miller stand, beäugte dieser ihn kritisch.
    „Ähm – ist irgendwas? Hab ich was auf der Stirn zu stehen?“, fragte Noah ungeduldig.
    „Laber nicht, Bursche. Hier ist dein Stundenplan. Und jetzt, der Nächste.“
    Noah verdrehte die Augen und trottete wieder zu seinem Platz, wo die anderen schon saßen.
    „Habt ihr gesehen, wir haben jetzt vier Mal in der Woche Latein!“, meinte Kilian entsetzt und fügte ein „Och nöö“ hinzu.
    „Was?“ Vincents Augen weiteten sich. „Die Schmitt kann mich eh nicht leiden. Heiliger Strohsack, das kann was werden.“
    Nach dem Noah sich den Stundenplan weiter angesehen hatte, drehte er sein Blatt um – denn auf der Rückseite standen alle wichtigen Informationen für das kommende Schuljahr.
    20.9. Auswahlspiele Quidditch
    11.10. Quidditch: Maleficium – Schweiz
    31.10. Halloween
    15.11. Quidditch: Österreich – Maleficium
    20.12. Quidditch: Maleficium – Tschechien
    24.12. Weihnachten; Sportfest in der Turnhalle; Weihnachtsball
    31.12. Silvester
    03.04. Quidditch: Schweiz – Maleficium
    30.04. Walpurgisnacht
    08.05. Quidditch: Maleficium – Österreich
    15.05. Turniere Fußball, Handball, Basketball, Volleyball
    12.06. Quidditch: Tschechien – Maleficium
    01.07. Beginn der schriftlichen Prüfungen
    12.07. Beginn der mündlichen Prüfungen
    20.07. Letzter Schultag; Abschlussfeier

    „Ist ja wieder volles Programm, dieses Jahr“, sagte Leyla und drehte ihr Blatt wieder um. „Worauf freut ihr euch am meisten?“
    Während aus Kilians und Lukes Mündern „Quidditch“ geschossen kam, rief Vincent „Fußball“ und Megan, Liv, Ruby und Noah „Die Walpurgisnacht natürlich!“
    „Und du?“, fragte Megan.
    Leyla zuckte mit den Schultern. „Fußball und Quidditch vielleicht. Aber die Walpurgisnacht wird sicher geil!“
    „War ja klar, unser Sportass...“, murmelte Ruby.
    Noah erhob sich vom Frühstückstisch. „Seid ihr auch fertig? Dann sehen wir uns nachher zu Zaubertränke.“

    Während der Schulalltag sich wieder verbreitete wie die Nachricht, Lea Hartmann sei mit Felix Keller zusammen, musste Ruby mit ihren Problemen der Pubertät zurechtkommen.
    Sie hatte etwas gegen Luke Clark, nur wusste nicht, weshalb. Immer wieder hätte sie ihm zu gerne irgendeine giftige Antwort zugezischt, doch sie wusste, er hatte ihr nichts getan. Und doch, sie misstraute ihm. Es war als ob sie wüsste, dass hinter Luke Clark mehr steckte, als der Junge den anderen mitteilte.
    Außerdem hatte sie mitbekommen, dass ihr Vater offensichtlich eine neue Frau am Angel hatte. Auch wenn Ruby sich daran gewöhnt hatte, dass ihre Eltern sich vor fünf Jahren getrennt hatten und ihr Vater in Berlin als Manager der dort spielenden Quidditchmannschaft lebte und ihre Mutter in Haldensleben zusammen mit den Eltern von Kilian ein Geschäft für Zauberer- und Hexenkleidung führte, konnte sie den Gedanken an eine Stiefmutter nicht ertragen.
    Als Ruby mit den Jungs und Mädchen zum Sportunterricht lief, sprach sie kurzerhand Luke an (der jetzt ganz zum Leidwesen Rubys immer mit ihnen abhing): „Du, Engländer, deine Eltern und du, ihr seid doch solche Quidditchfanatiker – geht da zufällig ein Gerücht rum, dass der Manager von den QCBs ein Verhältnis mit einer der Spielerinnen hat?“
    Sie merkte, wie Luke ihr einen überraschten Blick zuwarf, doch er fing sich wieder und zuckte mit den Schultern. „Kann sein – wobei, warte mal. Jaah, da war was. Evelyn Große und Stefan Müller, ja genau, die beiden sind irgendwie zusammen.“
    Ruby trat verbittert gegen eine Holzbank im Korridor, die sofort einknickte.
    „Scheiße“, murmelte sie. „Scheiße, Scheiße, Scheiße!“ Plötzlich wandte sie sich abrupt um und stürmte in Richtung Außengelände.


    Leyla sah ihrer Freundin irritiert hinterher.
    „Was ist denn mit der los?“, fragte Luke Clark. „Ist sie immer so?“
    Vincent zuckte mit den Schultern. „Ruby mochte Sport noch nie so wirklich – vielleicht liegt´s daran.“
    Megan seufzte laut auf und trat Vincent gegen sein Schienbein. „Du weißt doch, wie´s um ihre Familie steht, du Dumpfbacke!“
    „Ähm – stimmt, hast Recht. Also was jetzt? Die Bank ist hin, glaube ich.“
    „Bist du ein Zauberer oder nicht? Also echt Vinc, heute ist deine Leitung wirklich lang.“ Liv gab ihm einen Klaps. „Mach schon.“
    Vinc tat wie geheißen und holte seinen Zauberstab hervor. „Tut mir Leid, Cheffin. Reparo!“
    Nachdem die Bank wie neu aussah, seufzte Leyla: „Ich geh Rubs mal hinterher und komme nach – oder auch nicht, je nachdem, wie lange ich brauche. Sagt ihr Miller Bescheid? Danke.“

    Leyla fand ihre beste Freundin verheult am See sitzen.
    Sie sah, wie ihre Ruby hastig versuchte, die Tränen wegzuwischen.
    „Hör mal, ich hab dich schon so oft weinen sehen, da kommt es auf dieses eine Mal auch nicht an“, tadelte sie ihre beste Freundin.
    Ruby rang sich ein Lächeln ab. „So oft war´s doch gar nicht.“
    Leyla hustete vernehmlich. „Also, wie wäre es mit der fünften Klasse, gleich beim Flug hierher? Ich will ja nichts sagen, aber du hingst damals an Kilians Schulter und hast ihn angeschrien, du kannst nicht fliegen... Und dann noch in der sechsten, wo wir Fußball gespielt haben und Vincent dir den Ball direkt ins Face geschossen hat; oder in der siebten ...“
    Ruby boxte Leyla gegen die Schulter. „Ja, okay, reicht.“
    Leyla grinste. „Naja, aber um zum Thema zu kommen... Komm, lass dein Vater doch eine Neue haben. Du kannst es eh nicht ändern – und wer weiß, vielleicht ist sie ja ganz nett und bringt dir sogar Quidditch bei – wo das schon weder Miller noch Kilian oder ich konnten.“
    Ruby schaute auf das Wasser. „Aber ich hab Angst, dass er mich und Hannes dann abschiebt, wenn wir bei ihm sind“, flüsterte sie. „Und dass meine Mutter sich auch noch einen sucht, nur um Papa zu zeigen, dass sie auch viele andere haben kann.“
    Leyla legte ihren Arm auf die Schulter ihrer Freundin. „Vergiss das mal. Außerdem bist du doch eh nur für insgesamt vielleicht anderthalb Monate bei einem von ihnen.
    So, und jetzt hast du echt Glück, dass du eine gute Ausrede hattest, um nicht bei Sport mitmachen zu müssen“, stellte sie fest und bedeutete Ruby, aufzustehen.

    Während Vincent und seine Freunde wie bei jeder ersten Sportstunde im neuen Schuljahr selbst entscheiden durften, was sie machen wollten (es musste allerdings etwas im Außengelände sein; sonst hätte Miller sie nicht alle im Auge behalten können), verkündete er den anderen die Bekanntschaft von Lukes Familie mit den Potters.
    Sie machten große Augen.
    „Noch ein Grund dich zu mögen, Kumpel“, sagte Noah, trat zu Luke und legte sein Arm und seine Schulter. Doch nachdem ihm Megan jedoch einen tödlichen Blick zuwarf, fügte er hinzu: „Auch wenn es natürlich keiner mehr benötigte.“
    „Und wie sind die Potters so?“, fragte Liv aufgeregt.
    Luke zuckte mit den Schultern. „Eigentlich wie jede andere Zaubererfamilie auch. Ich bin mit James Potter, dem ältesten Sohn, gut befreundet und so wie er mir bisher alles erzählt hat, hat er auch dieselben Probleme mit seinen Eltern wie wir mit unseren.“
    Noah ließ enttäuscht die Schultern hängen. „Achso.“
    Vincent musste grinsen; das spannendste hatte Luke noch für sich behalten.
    „Ey ihr Lappen dahinten! Das hier ist keine Tratschstunde, ihr sollte euch bewegen!“, rief Herr Miller vom Quidditchfeld aus.
    „Ja ja, Her Miller, wir sind schon dabei“, stöhnte Liv.
    Die Gruppe trennte sich allmählich; Kilian und Luke gingen Quidditchspielen, Vincent lief zum Fußball und Noah kam widerwillig mit (er war zwar Stadionsprecher beim Quidditch, aber als wirklich sportlich konnte man ihn nicht bezeichnen), weil er sonst nichts zu tun hatte.
    Die Mädchen standen unschlüssig rum; Leyla war die einzige, die sich beim Sport wirklich engagierte – sie spielte Fußball und Quidditch und auch im Volleyball war die blondhaarige besser als die meisten Mädchen.
    Liv meinte schließlich: „Lass uns doch einfach zu Volleyball gehen und uns auf die Position stellen, an der man am wenigsten zu tun hat.“
    Das taten sie auch und so ging die Sportstunde recht rasch vorbei.


    Ruby erschien zusammen mit Leyla wieder zum nächsten Unterricht – und zum Glück sprach sie keiner auf die Sache vor Sport an. Nachdem sie in Latein die Vokabeln der letzten Lektion wiederholten und in Geschichte der Zauberei mit der Hexenverbrennung begannen, konnte Ruby sich in Verteidigung gegen die dunklen Künste und Zauberkunst entspannen, denn diese praktischen Fächer lagen ihr eindeutig mehr als Geschwafel in der Theorie.
    In Verwandlung kippelte Liv, die mit Megan eine Bank weiter vorne saß, mit der Lehne an den Tisch von Ruby und Leyla. „Kriegt ihr das hin? Mein verwandelter Igel sieht nicht aus wie eine Playmobilfigur, sondern ein Bauklotz in Menschenform mit Stacheln!“, beschwerte sie sich und begutachtete dann Rubys und Leylas Werke – die jedoch auch nicht viel besser aussahen.
    Leyla stöhnte leise. „Seit wann ziehen wir eigentlich so krass durch? Letztes Jahr war das doch noch nicht so schlimm –“
    In dem Moment wurde sie von der Stimme ihrer Verwandlungslehrerin, Frau Habicht, unterbrochen, die versuchte das allgemeine Gemurmel zu übertönen: „So, wer hat es denn bisher so geschafft? Ah, Megan, Sie können ja gleich ihrer Nachbarin helfen...“ Frau Habicht warf einen Blick auf den Bauklotz von Liv und ihr Gesicht verfinsterte sich. „Und, hat es noch jemand geschafft? Julia, sehr schön, sie setzten sich zu Simon Walter“, aus der hintersten Reihe kam von Vincent ein verheißungsvoller Pfiff, der sich einen bösen Blick von Frau Habicht einhandelte, „und – ach, Luke, sie haben es auch geschafft – setzten Sie sich bitte zu Ruby und Leyla.“
    Ruby merkte, wie sie rot anlief – doch warum eigentlich? Was war schon dabei, sollte er ihr doch ruhig helfen. Sie sah aus dem Augenwinkel, wie Noah grinste und kommentierte: „Ob das eine gute Idee war?“
    Eine Minute später war Luke an ihrem Tisch, dem das ganze offensichtlich auch etwas peinlich war. „Ja also... Wo liegt denn das Problem?“
    Ruby deutete auf ihr Ergebnis der Verwandlung. „Dort“, sagte sie schroff und Luke begann zu Lächeln – ein wunderschönes Lächeln, ein Lächeln, das Rubys Herz ungewollt ein Satz machen ließ. Es passte irgendwie zu seinem dunkelroten, enganliegenden Shirt, das seinen muskulösen Körper zur Geltung brachte –
    „Ruby?“ Die Stimme von Luke unterbrach Rubys unsinnigen Gedankengang.
    „Hm?“
    Luke lachte wieder leise. „Ich hatte gefragt, ob ihr nicht einfach mal zeigen wollt, wie ihr das mit dem Verwandeln gemacht habt, damit ich euch Ratschläge geben kann.“
    „Und nicht, damit du ihn die ganze Zeit gedankenverloren anstarrst“, fügte Leyla belustig hinzu, woraufhin sowohl Ruby als auch Luke die Röte ins Gesicht stieg.
    „Ähm, ja, gute Idee. Also...“
    Den Rest der Stunde riss Ruby sich einigermaßen zusammen war mehr als erleichtert, als es zur Pause klingelte.

    Nachdem die ersten Schultage verstrichen, wusste Ruby, dass es nicht mal lange dauern würde, bis Leyla sie auf ihr Verhalten gegenüber Luke ansprechen würde.
    Uns sie sollte Recht behalten: Am Wochenende, an dem alle Schüler ab der siebenten Klasse nach Thale, ein kleiner Ort in der Nähe der Maleficium-Schule, durften, zog Leyla Ruby in ein kleines italienisches Restaurant und kam zur Sache.
    „Jetzt erzähl, Rubs“, sagte sie nur grinsend.
    Ruby schluckte und seufzte dann. „Ich weiß doch auch nicht! Irgendwie mag ich den neuen nicht. Er kreuzt hier einfach so auf, schleimt sich bei allen ein und ist auf Anhieb beliebt. Ich trau dem nicht. Ich weiß, dass das nicht reicht. Wirklich, ich hab keinen Plan wieso, aber ich kann ihn halt nicht leiden.“
    Die Bedienung kam und nahm die Bestellung auf. „Pizza Prosciutto, bitte“, sagte Leyla, und nachdem Ruby sich Nudeln mit Bolognese-Soße gewünscht hatte, meinte sie: „Also das sah neulich ja ganz anderes aus. Wenn ich mich beim Deuten deiner Augen nicht getäuscht habe, hast du ihn praktisch schmachtend angeschaut.“ Ruby machte den protestierend den Mund auf, doch Leyla brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen. „Vielleicht täusche ich mich auch – aber du solltest mit ihm reden. Ich meine im einen Moment guckst du ihn ganz verliebt an und im anderen bist du unausstehlich zu ihm. Wenn du mit ihm sprichst, vielleicht legt sich ja eines von beiden.“

    Ruby wusste, dass ihre Freundin Recht hatte. Doch sie hatte keine Ahnung, wie sie das machen sollte. „Hi, ähm, ich will mal mit dir reden.“ „Na, alles klar? Komm mal mit.“ „Kuckuck, ich will dir was sagen.“
    Doch in der zweiten Schulwoche nahm sie sich schließlich ein Herz und ging zum Volleyballfeld, bei dem Luke Clark zusammen mit Kilian, Vincent und Marvin Klein oberkörperfrei spielte.
    Schlecht sieht er ja nicht aus, dachte Ruby beim Anblick des leicht gebräunten, muskulösen Körper und den dazu so gut passenden haselnussbraunen lockigen Haaren unwillkürlich und verwarf den Gedanken gleich wieder.
    „Was macht denn unsere kleine Ruby hier?“, rief Noah, nachdem er den Ball über das Netz gehauen hatte.
    „Ich – ähm – du, Engländer. Komm mal bitte mit.“ Innerlich stöhnte Ruby. Gerne hätte sie sich für ihren grauenvollen Ausdruck selbst eine geklatscht. Luke hob die Hände und ging dann auf sie zu.
    „Uhhh Luke, nimm dich in Acht!“, rief Vincent schelmisch.
    „Halt einfach die Klappe, Vinc“, murrte Ruby und zog dann den verwirrten Luke mit sich.
    Sie gingen zu ihrem Lieblingsplatz im Gelände, eine kleine „Lichtung“ zwischen einem großen Feld.
    Ruby seufzte. „Ich – also – es tut mir Leid, wie ich bin.“
    Luke verzog sein Gesicht. „Was?“
    „Ähhh, ich meine, wie ich zu dir bin.“
    „Achso... Ach, halb so wild.“ Er winkte mit der Hand ab.
    „Nein, ist es nicht“, beteuerte Ruby. „Ich weiß auch nicht, aber... Irgendwie hab ich was gegen dich. Ich trau dir nicht.“
    Für einen Moment dachte Ruby in Lukes Augen ein Gewirr aus Verblüffung, Anerkennung und Schmerz zu sehen, doch als er sprach, war dieser Ausdruck gewichen: „Das hab ich schon bemerkt. Aber glaub mir, ich hab nicht vor ein Massaker oder so was zu verüben.“
    Ruby rang sich ein gezwungenes Lächeln ab. „Dein Glück. Wenn du einem meiner Freunde auch nur ein Haar krümmst, bekommst du es mit mir zu tun.“
    Wie schon beim Volleyball hob Luke abwehrend die Arme. „Wenn das so ist, dann sage ich es ab.“ Er hielt sein Unterarm gegen seinen Mund und tat, als würde er mit jemandem reden. „Mission Maleficium-Schule zerstören abbrechen. Ein Mädchen stellt sich uns in den Weg.“
    „Haha, wirklich witzig.“
    „Also, wenn das jetzt geklärt ist, kann ich ja jetzt geh-“ Luke wollte sich gerade umdrehen und gehen, als Ruby plötzlich sein Handgelenk packte. Sie zog in wieder zu sich.
    „Warum traue ich dir nicht?“, flüsterte sie.
    „Das“, erwiderte Luke ebenso leise und irgendwie fand Ruby das wirklich gruselig, „musst du selbst herausfinden.“

    3
    „Und? Habt ihr euch geküsst?“, fragte Liv, als ihre beste Freundin in ihr Zimmer kam.
    Megan nahm sich ein Kissen und warf es nach Liv. „Nein, natürlich nicht!“
    „Och man... Was ist das denn für eine Beziehung? Ihr seid jetzt seit einem halben Jahr zusammen und habt noch kein einziges Mal geknutscht?“
    Megan verdrehte die Augen. „Das zwischen Pat und mir – Das ist was anderes. Bei uns kommt´s nicht nur auf das körperliche an.“
    Liv stöhnte. Megan konnte wirklich kompliziert sein – Vor allem, wenn es um ihren Freund Patrick Köhler ging. Seit einem halben Jahr waren die beiden ein Paar und passten zusammen wie die Faust auf´s Auge. Megan, verträumt und – wie Liv sie gerne nannte, um sie zu ärgern – eine Strebertante; und Patrick, der so still war und doch ab und zu einen witzigen Spruch abließ.
    „Aber was ist jetzt eigentlich zwischen dir und Simon Walter?“, fragte Megan plötzlich.
    Liv winkte ab. „Ach, der ist mir eigentlich relativ egal. Stand nicht auch sogar Julia auf den? Soll die ihn haben, ehrlich gesagt hab ich glaube ich gar keine Lust auf eine Beziehung.“
    Megan seufzte. „Wie vielen Jungs du schon das Herz gebrochen hast... Wann willst du es ihm sagen?“
    „Morgen in der Freistunde vielleicht.“ Liv zuckte mit den Schultern. „Mal schauen.“

    Während Liv mit Simon Schluss machte und Megan mit Patrick glücklich war, sah das ganze bei Leyla und Ruby ganz entspannt aus. Sie waren beide Singles und zufrieden damit.
    Leyla hatte Ruby beobachtetet, als sie nach dem Gespräch mit Luke Clark in ihr Doppelzimmer kam, und ihr war sofort aufgefallen, dass etwas mit ihrer Freundin anders war. Doch sie sprach Rubs nicht darauf an, denn sie wusste, dass Ruby sofort zu ihr kommen würde, wenn sie reden wollte.
    Und doch war das zwischen Ruby und Luke irgendwie seltsam. Leyla kannte Ruby und ihr war klar, dass sie nicht so einfach jemanden abstoßen könnte. Ruby war, auch wenn sie selbst das nie zugeben würde, eine äußerst gute Menschenkennerin und konnte die Leute nach nur wenigen Momenten mit ihnen gut einschätzen. Warum hatte sie dann so eine Abneigung gegenüber Luke?
    Leyla kannte nur zwei Antworten: Entweder war ihre beste Freundin wirklich das erste mal auf eine etwas merkwürdige Weise über beide Ohren verknallt – oder der Engländer war tatsächlich nicht ganz sauber.
    Unwillkürlich musste Leyla an den Zeitungsbericht vom ersten Abend denken.
    „Spezialisten vermuten sogar, dass bereits hohe Tiere im Ministerium im Auftrag dieser Gruppe handeln.“ Warum sollte Zoe Blake dann nicht auch Spione in der Maleficium-Schule haben?
    Allgemein war alles, was mit „dem Größeren Wohl“ zu tun hatte, ziemlich kompliziert. Blake stammt aus Deutschland, war sogar auch in der Maleficium-Schule, doch ist angeblich acht Jahre nach ihrem Abschluss nach England ausgewandert. Und jetzt versucht sie, dort an Macht zu gewinnen – und laut den Gerüchten hat sie bereits einige ehemalige Todesser um sich geschart. Aber was wollte sie dann mit einem minderjährigen Spion in der Maleficium-Schule? Deutschland war nicht wirklich bedeutend in der magischen Welt – zumindest lange nicht so wie Großbritannien.
    Plötzlich schoss Leyla eine Idee durch den Kopf. Sie ging zur Bibliothek und begann, über Büchern nach der Maleficium und ihren derzeitigen Schulleiter, Frowin Sapiens, zu suchen.
    Mindestens eine dreiviertel Stunde brauchte sie, bis sie endlich auf etwas stieß, dass sie weiterbrachte. Es war ein altes, staubiges Jahrbuch. In der Mitte prangte in einer ordentlichen, schrägen Schrift das Jahr 1986. Leyla blätterte ein paar Seiten weiter und dann fand sie es:
    Ein Klassenfoto der damaligen 8. Klasse. Doch das allein war nicht das, was sie stutzig machte. Frowin Sapiens, ihr Schulleiter, hatte lächelnd sein Arm um ein hübsches Mädchen mit hohen Wangenknochen und einem freundlichen, genauso grinsenden Gesicht gelegt. Leyla erkannte sofort ihre Ähnlichkeit mit den Bildern von Zoe Blake aus der Zeitung.
    So unauffällig wie möglich steckte sie das Jahrbuch in ihre Tasche und rannte dann aus der Bibliothek.

    Sie wusste nicht, wohin sie ihre Füße trugen, aber als sie stehen blieb, stand sie vor dem Büro des Schulleiters. Vorsichtig klopfte sie an.
    „Herein“, kam es freundlich von innen und die Tür öffnete sich automatisch.
    Leyla trat in den Raum, an dem Regale voll mit Büchern standen.
    „Leyla“, sagte Professor Sapiens überrascht, der hinter seinem Schreibtisch saß und seine Hände gefaltet hatte. „Was führt dich denn zu mir?“
    „Ich – ähm – das hier.“ Leyla holte das Jahrbuch aus ihrer Tasche, schlug die Seite mit dem Klassenfoto auf und legte sie dann wortlos auf den Schreibtisch.
    Sapiens Miene verdüsterte sich und er seufzte. „Wie bist du denn darauf gestoßen?“, fragte er ohne auf das Bild zu sehen.
    „Ich, na ja, das ist kompliziert.“
    Sapiens nickte. „Setz dich doch.“
    Leyla tat wie geheißen und ließ sich auf den Stuhl gegenüber von ihm nieder.
    „Du wirst jetzt sicherlich viele Fragen haben – und ich denke, ich werde sie dir beantworten müssen. Schon allein für deine Engagement.“ Er sah sie an und Leyla hatte das Gefühl, geröntgt zu werden.
    Leyla nickte, kam sich dabei vor, als ob sie Sapiens verhören würde. „Ähm – waren Sie mit Blake irgendwie zusammen oder so?“
    Sapiens Blick schweifte an die Decke, doch dann sah er Leyla in die Augen. „Das ist eine schwierige Frage. Nein, nicht direkt. Wir waren so etwas wie beste Freunde. Jaah, ich denke, so kann man das bezeichnen. Wir waren damals schon deutlich weiter als die meisten anderen aus unserem Jahrgang und verstanden und teilweise wortlos. Du musst wissen, damals als wir jung waren, war Lord Voldemort für uns seit fünf Jahren tot. Wir lebten in einer sicheren Gesellschaft, vor allem, weil Deutschland sowieso keine große Bedeutung in der Zaubererwelt besaß. Das zumindest wurde uns erzählt.
    Nun, Zoe Blake und ich waren wie gesagt nicht ungebildet. Wir hielten uns für besser als die anderen Klassenkameraden und suchten nach etwas anderem als Schulnoten, das das beweisen würde. Was für Narren wir waren.
    Nach unseren Nachforschungen stießen wir bald auf etwas, dass uns begeisterte und das wir als würdig empfanden. Versteh mich nicht falsch, Leyla, aber ich kann dir nicht sagen, was es war. Ich könnte einfache keine Verantwortung dafür tragen.“
    Leyla überlegte kurz, dann nickte sie. Wahrscheinlich wollte sie es auch gar nicht wissen.
    „Nun, wir arbeiteten an dieser Sache. Und dann kam unser letzter Tag an der Maleficium. Sie hatte mich schon seit längerer Zeit mit ihrer Idee bedrängt, nach England auszuwandern. Doch bis zu dem Zeitpunkt hatte ich sie immer wieder von dem Gedanken abbringen und das Thema wechseln können.
    Am letzten Tag unserer Schulzeit eröffnete sie mir also, sie würde Ernst machen und nach England gehen. Zoe Blake stellte mir die Wahl: Entweder sie und die Weiterführung unseres „Projektes“ oder eine nichtsbedeutende Zukunft ohne Aufreger. Du musst wissen, hätte sie mir die Frage drei Jahre früher gestellt, hätte ich ohne große Umschweife meine Sachen gepackt und wäre mitgekommen. Doch in den Jahren, in den ich noch mehr Zeit mit ihr verbrachte, veränderte sie sich. Wobei – vielleicht war sie auch nie anders, ich sah sie nur das erste Mal richtig. Immer öfter wurde sie ohne Grund aggressiv, fing an über Reinblütigkeit zu sprechen und vertiefte sich in die dunklen Künste.
    Als sie mich also fragte, ob ich mit nach England kommen würde, verneinte ich. Ich versuchte, sie zum Hierbleiben zu bewegen, doch wirklich Hoffnungen hatte ich mir nicht gemacht. Zoe hatte ihr Ziel gefunden und würde es erreichen. Sie sah mich einen Moment traurig an, doch dann verwandelte sich ihre Miene in eine Mischung aus Abschätzigkeit und Enttäuschung. Sie nickte, setzte sich auf ihren Besen und flog ohne ein Wort zu sagen los.“
    Leyla klappte der Mund auf. „Und dann?“
    Sapiens musterte sie einen Moment lächelnd und fuhr dann fort: „Ich hörte nichts mehr von ihr. Als Voldemort wieder auferstand, hatte ich als erste Angst, sie würde sich ihm anschließen. Doch Zoe Blake ist nicht eine, die sich herumführen lässt. Sie musste all die Jahre im Exil gelebt haben und sich schon heimlich Pläne für eine Zukunft ohne Voldemort gemacht haben.
    Als sie dann Anfang letzten Jahres erstmals Schlagzeilen mit ihrer Aktivistengruppe machte, wusste ich, dass mehr folgen würde. Ich versuchte, mit dem Minister zu reden, doch er schien Blake nicht als Bedrohung anzusehen.“
    Leyla sah ihren Schulleiter lange an, dann fielen ihr ein, warum sie ihre Nachforschungen überhaupt begonnen hat. „Professor?“, fragte sie.
    „Ja, Leyla?“
    „Hat – Hat Luke Clark mit der ganzen Sache etwas zu tun?“
    Sapiens sah sie überrascht an. „Wie kommst du denn darauf?“
    „Na, ich weiß auch nicht... Ruby...“
    „Was ist mit ihr?“
    „Sie ist so komisch zu ihm und – hach, ich weiß auch nicht.“
    Der Schulleiter stand auf und wartete kurz. „Ich denke nicht, dass er in irgendeine Weise gefährlich sein sollte.“
    Leyla verstand nicht mehr viel. Die Ausdrucksweise von Sapiens war mehr als skurril, doch sie hatte das gehört, was sie hören wollte. Luke Clark hatte den Segen vom Schulleiter und das musste Ruby genügen.

    Die Auswahlspiele für die Quidditchmanschaft rückten näher und Kilian wurde zunehmend nervös. Schon letztes Jahr hatte er sich als Sucher beworben, doch Thomas Richter aus der damaligen neunten Klasse wurde letztendlich auserkoren. Kilian war bewusst, dass Thomas auch dieses Jahr wieder vorspielen würde und bei Miller, der für allen Sport an der Schule verantwortlich war, schon den Erfahrungspluspunkt haben. Außerdem war er wirklich nicht schlecht.
    Am 20.09. dann waren die Umkleiden der Jungen und Mädchen rammelvoll, auch wenn die Mädchen lange nicht so zahlreich waren wie die Jungen. Kilian atmete tief durch, packte seinen Besen und trat heraus. Die gesamte Schule war da, denn eigentlich war jeder mit jemanden befreundet, der heute vorspielen würde. Kilian warf Leyla und Luke neben ihm ein Seitenblick zu, die beiden würden auch ihr Können unter Beweis stellen. Der Unterschied zu Kilian war allerdings, dass beide eigentlich schon sicher im Team waren. Luke hatte es eindeutig im Blut, Kilian hatte ihn schon ein paar Mal fliegen sehen. Da hatten nicht viele eine geringste Chance gegen, dessen war sich Kilian sicher. Und Leyla – die war auch schon letztes Jahr als Jägerin im Team und hatte damals schon überzeugt.
    Kilian sah jetzt in die Zuschauerränge und meinte, irgendwo Livs Kopf auszumachen. Er lächelte kurz und trat dann in die Mitte des Feldes, wo schon seine anderen Mitstreiter standen.
    „So, alle hergehört!“, rief Herr Miller und blies in seine Trillerpfeife. „Willkommen zu den diesjährigen Quidditchauswahlspielen! Stellt euch bitte je nach Position hintereinander auf.“
    Kilian ging zu der kleinen Schlange der Sucher und erkannte Thomas Richter ganz vorne. Hinter ihm standen noch vier andere, die Kilian nicht namentlich kannte. Er lugte zu Leyla und Luke herüber, die sich in den Reihen von Jäger und Treiber anstellten. Leyla hielt die Daumen hoch und lächelte ihm aufmunternd zu.
    „So“, rief Miller. „Schön. Dann teile ich euch jetzt in Teams auf...“
    Letztendlich war Kilian mit sechs anderen Leuten in einer Mannschaft, die er allesamt nicht persönlich kannte. Er meinte nur zu wissen, dass das einzige Mädchen seiner Gruppe – er schätze sie als Siebtklässlerin ein – ihn schon einmal im Flur umgerannt hatte und bei ihrer Entschuldigung puterrot geworden ist.
    „Ihr werdet jetzt jeder gegen jeden spielen, allerdings beträgt die höchste Dauer eines Spieles eine dreiviertel Stunde, sonst dauert das bis morgen. Als erstes spielt Team 1 gegen Team 2.“
    Kilian war in Team 6 und ging deshalb erst zu den Zuschauerrängen.

    4
    Noah hatte Mühe, seine Aufgabe als Stadionsprecher zu meistern. Die Auswahlspiele für die Quidditchmannschaft waren gleichzeitig auch ein Test für die Bewerber als Stadionsprecher. Dieses Jahr hatte Noah Glück und es gab nur einen Konkurrenten – und der war gerade mal in der sechsten Klasse.
    „Leyla Hoffmann am Ball – schaut euch mal die Haare im Wind an, das Mädel hätte Model werden können –“ Noah wusste, dass Leyla alles anderes als ein Model sein wollte und er sie damit gut ärgern könnte. Er fing sich ein spitzes „Noah Schulz!“ von Frau Habicht, die Stellvertretende Schulleiterin und Verwandlungslehrerin, und ein verärgertes Lächeln von Leyla in Richtung Stadionsprecherkabine ein.
    „Sie rauscht weiter, passt zu Rüders. Rüders fliegt auf den Hüter, Manuel Klunke, zu – und verliert den Ball an Thielmann.“
    Die ersten Spiele verliefen relativ zäh, nur wenige Spieler fielen Noah ins Auge. Dann kam der erste Auftritt von Thomas Richter, den allerdings Noahs Mitbewerber kommentierte. Der Sucher legte ein paar Saltos hin, die Menge tobte, doch Noah stöhnte nur. So ein kleiner Aufschneider sollte seinem Kumpel nicht die Show stehlen. Schließlich war Kilian einer der begehrtesten und heißesten Jungs der Schule. Jedes zweite Mädchen stand auf sein flachsblondes Haar, sein perfektes Gesicht und seine braunen Augen – da hatten wenig Jungs was dagegen zu halten. Doch Kilian machte sich überhaupt nichts aus seinem Ruf, er war eher ruhig, überhaupt nicht aufmerksamsgeil und war tatsächlich noch Single, obwohl ihm eigentlich die Mädchen der gesamten Schule zur Wahl standen.
    Das einzige Mädchen, von dem Noah wusste, dass Kilian sie sehr mochte, war Liv. Die beiden waren komplett unterschiedlich – Kilian der ruhige und Liv, die immer aufgedreht war. Aber wie hieß es so schön, Gegensätze ziehen sich an.

    Ruby beobachtete die Spiele etwas gelangweilt, Sport war noch nie etwas für sie. Sie sah nur wirklich hin, wenn Leyla oder Kilian spielten. Oder Luke Clark.
    Nach ihrem Gespräch mit dem Engländer hatte Ruby mit niemandem mehr über das Thema Luke gesprochen, nicht einmal mit Leyla.
    Was hatte das zu bedeuten, „Das musst du selber herausfinden“? Hätte er nicht einfach sagen können, er wäre rein und hätte keine Ahnung, warum Ruby so eine Abneigung gegen ihn hatte?
    Als Luke nach seinem zweiten Spiel zu den Zuschauerrängen kam – bei dem selbst Ruby erkannte, dass er wirklich von den anderen Treibern herausstach –, fasste Ruby urplötzlich einen Entschluss.
    „Luke?“ Es war das erste Mal, dass Ruby ihn mit seinem richtigen Vornamen ansprach.
    Der stämmige Junge drehte sich um und auf seinem Gesicht war die Überraschung deutlich zu sehen. „Wie komme ich denn zu dieser Ehre?“, fragte er bemüht lässig.
    „Kommst du mal mit?“
    „Ich muss bald wieder spielen –“
    „Bitte.“ Ruby spürte die verwirrten Blicke der anderen auf ihr ruhen. Eigentlich flehte sie niemanden an, sondern nahm es einfach hin, wenn jemand nicht mit ihr reden wollte, doch Luke schien ihren drängenden Blick zu sehen und nickte schließlich. „Von mir aus.“

    Sie liefen ein wenig vom Stadion weg und blieben unter einer großen Fichte stehen. Die Mittagssonne stand hoch am Himmel und Ruby wurde plötzlich warm.
    „Ich möchte wissen, was deine Aussage in unserem letzten Gespräch zu bedeuten hat“, begann sie ohne großem Federlesen.
    Luke musterte sie einen Moment eingehend, dann lächelte er. „Ich habe mir gedacht, dass du das irgendwann fragen wirst.“
    „Dann hast du doch auch sicherlich eine Antwort parat, nehme ich an?“
    Auf einmal wurde Lukes Gesicht traurig und er wirkte müde. Plötzlich kam er Ruby gar nicht mehr vor wie ein arroganter Klassenkamerad mit einem großem, dunklem Geheimnis, sondern wie ein Junge, der lange nicht mehr geschlafen hatte und sich nach einer Auszeit sehnte.
    „Ich wünschte, das könnte ich behaupten. Aber ich kann dir nichts sagen, sonst würde ich euch alle in Gefahr bringen.“ In seiner Stimme schwang aufrichtiges Bedauern mit und seine etwas helleren braunen Augen streiften die dunklen von Ruby.
    „Ahja, na klar.“ Ruby verschränkte die Arme. „Du bist ein unschuldiger, heldenhafter Junge, dem es schrecklich geht, der sich aber nichts anmerken lässt, weil er damit andere in Gefahr bringen würde.“
    Sie erschrak, als sie bemerkte, wie eisig ihre Stimme geklungen haben musste. „Entschuldige“, sagte sie betroffen. „Ich wollte dich nicht so anprangern. Aber ich glaube nicht, dass du uns etwas nicht sagen kannst, weil es uns gefährlich werden könnte.“
    Luke schlug die Augen nieder. „Du verstehst das nicht, Ruby. Das, was ich mache und tue hat alles einen Hintergrund, gehört zu einem Plan. Wenn auch nur einer meiner Freunde etwas davon erfahren würde, dann ... Es ist kompliziert.“
    „Also ist auch dieses Gespräch von vornherein geplant wurden? Hast du uns als Freunde ausgewählt, weil es am besten zu deinem Vorhaben passt – was auch immer das sein mag?“ Jetzt war Rubys Stimme gewollt kalt.
    Luke sah sie verzweifelt an. „Nein! Vincent, Kilian, Noah, Leyla, Liv und Megan sind meine Freunde, weil ich mich bei noch keinem so aufgehoben gefühlt habe, wie bei ihnen.“
    Ruby hatte das Gefühl, geohrfeigt geworden zu sein. Natürlich konnte sie von Luke nicht erwarten, dass er sich bei ihr aufgehoben fühlt, schließlich hatte sie ihn bisher nicht sonderlich höflich behandelt. Sie schluckte leer und flüsterte leise: „Und was ist mit mir?“
    Luke kam Ruby näher, bis sie nur noch einen Schritt voneinander auseinander entfernt standen. „Früher als kleiner Junge habe ich mich gefragt, woran man denn Liebe erkennen sollte. Ich bezweifelte, dass man einfach so bei irgendeiner Person plötzlich ein flaues Gefühl im Magen bekommen und sich zu ihr hingezogen fühlen sollte. Doch du hast mir gezeigt, dass das geht. Du bist... anders als die anderen Mädchen.“ Luke strich Ruby eine ihrer Haarsträhnen hinters Ohr. „Ich habe mich in dich verliebt, Ruby“, flüsterte er.
    Ein Moment herrschte Stille, dann presste Ruby ihre Lippen auf die von Luke.

    „Kilian Horn fängt den Schnatz und rettet seinem Team den Sieg!“
    Die magisch verstärkte Stimme von Noah drang wie durch einen Schleier zu Kilian, der glücklich auf seine geballte Hand blickte, in der ein kleines Etwas wie ein gefangener Schmetterling gegen seine Finger schlug und versuchte, seinem Griff zu entkommen.
    Seine Teamkollegen flogen auf ihn zu und klatschten mit ihm ab, dann landeten alle.
    Kilian war mit seinem ersten Spiel sehr zufrieden, den Schnatz innerhalb von dreißig Minuten zu fangen war nicht schlecht. Vor allem, weil er damit Leylas Mannschaft geschlagen hatte. Grinsend ging Kilian zu der Dunkelblondhaarigen. „Gut gespielt.“
    „Haha“, sagte Leyla matt und warf kurz einen Blick hinter ihre Schulter. „Unser Sucher ist wirklich unfähig, aber du warst echt klasse.“
    Kilian spürte, wie er rot wurde. „Danke. Gehen wir zu den anderen?“
    Leyla nickte und die beiden trotteten zu den Zuschauerrängen.
    „Na, ihr Quidditchasse?“, begrüßte Vincent die beiden.
    „Ihr wart nicht schlecht. Ich glaube, der Miller hat ein Auge auf dich geworfen, Kilian.“ Liv strahlte ihn an und Kilian musste sofort auch lächeln. „Mal schauen“, sagte er allerdings nur.
    „Gratulation“, sagte Megan, die ihr Buch zugeschlagen und ihre Brille abgelegt hatte.
    Kilian sah in die Runde, bis ihm auffiel, dass hier wer fehlte. Leyla hatte das anscheinend auch bemerkt, denn sie sah sich verwirrt um. „Wo sind Ruby und Luke?“
    „Die beiden schienen irgendwas besprechen zu wollen... Ruby ist mit ihm weggegangen“, antwortete Megan.
    „Wie bitte?“
    „Doch, es stimmt“, erwiderte Vincent leichtfüßig. „Luke wollte erst nicht, weil er ja als übernächstes spielt, aber Ruby hat ihn praktisch angefleht – da konnte er nicht nein sagen.“ Er sah Leyla musternd an, was bei ihm auf irgendeine Weise wirklich lustig aussah (Ernsthaftigkeit war noch Vincents Stärke). „Läuft da irgendetwas zwischen den beiden?“
    „Das“, murmelte Leyla, „würde ich euch gerne wissen. Entschuldigt mich.“

    Leyla hatte eine ungefähre Vorstellung, wo Ruby mit Luke hingegangen sein könnte. Sie beide waren einmal in der fünften Klasse zusammen an den Ort gekommen und haben versucht, auf den Baum zu klettern, damit sie das ganze Schulgebäude sehen konnten. Dabei ist Ruby vom Baum gefallen und hat sich ihr Bein gebrochen – seitdem ist das ein Ort für sie (auch wenn Leyla in all den Jahren nicht begriffen hatte, was das für eine Verbindung sein sollte), an den Ruby kam, wenn sie mit irgendjemandem etwas Ernstes besprechen wollte dessen Ausgang ungewiss ist.
    Doch irgendetwas sagte Leyla, dass das eine Sache zwischen Ruby und Luke war und sie die beiden nicht stören sollte. Auf halbem Weg blieb sie deshalb stehen und fragte sich, was sie machen sollte, als sie das Knacken eines Zweigs herumfahren ließ. Leyla hörte Schritte und hechtete hinter ein Gebüsch, im nächsten Moment erkannte sie Luke, der mit geröteten Wangen langsam in ihre Richtung kam. Kurz bevor er sie erreichte, blieb er abrupt stehen und trat gegen den Stamm eines Eichenbaums. Dann fuhr er sich mit seinen Händen durch die Haare und kniete sich zur Verwunderung Leylas hin. Einen Moment fragte sie sich, ob sie sich ihm vielleicht zeigen und fragen sollte, was los sei, doch dann besann sie sich eines Besseren und blieb still hinter dem Gebüsch hockend. Luke murmelte etwas, wovon Leyla nur Wortfetzen wie „Scheiße“, „Es geht nicht“ und „Was habe ich getan“ verstand.
    Dann machte Luke kehrt und verschwand in der Richtung, aus der er gekommen war.

    Ruby stand noch immer an derselben Stelle, an der Luke sie verlassen hatte, und biss sich auf die Lippe, sodass sie nach einer Weile Blut im Mund schmeckte.
    Eben noch hatten die beiden eng umschlungen unter der Fichte gestanden und sich geküsst, doch dann hatte Luke sich abrupt von ihr abgelassen, ihr ein „Tut mir Leid“ zu gemurmelt und war hinter anderen großen Bäumen verschwunden.
    Ich habe mich in dich verliebt, Ruby. Diese Worte hallten in ihren Ohren wieder, bohrten sich in ihren Verstand. Als Luke ihr das gesagt hatte, war Ruby eins bewusst geworden: Auch sie hatte sich in Luke verliebt, so wie es Leyla ihr in dem Italiener klarmachen wollte. Diese seltsame Verschlossenheit ihm gegen
    Plötzlich wurde Ruby von einem Gefühl der Übelkeit erfasst und sie muss einfach weg von diesem Ort. Als sie sich umdrehte und die ersten Schritte gerannt war, ließ sie eine Stimme anhalten.
    „Ruby!“, keuchte er. „Ruby, warte!“
    Luke stand ein paar Meter von ihr entfernt und sah sie eindringlich an. „Warte bitte.“
    Ruby starrte ihn ausdruckslos an und wartete, bis er sie eingeholt hatte.
    „Ruby.“
    Wie oft will er meinen Namen denn noch sagen?, dachte sie kurz, verwarf den bösen Gedanken dann aber wieder und sah Luke abwartend an.
    „Hör mal, das vorhin war falsch von mir...“
    „Das stimmt“, erwiderte Ruby kalt. „Du bist also der Meinung, du kannst einfach mal einem x-beliebigen Mädchen deine Liebe gestehen, sie küssen, hinterher einfach so abhauen und ihr danach sagen, dass es dir Leid tut!“
    „So war das doch gar nicht gemeint!“ Luke sah sie bestürzt an. „Ich wollte mich nur entschuldigen, dass ich vorhin weggegangen bin. Außerdem bist du kein x-beliebiges Mädchen“, fügte er hinzu.
    Rubys Gesicht wurde weicher. „Luke...“
    „Nichtsdestotrotz kann ich das nicht. Ich ... Wenn wir zusammen wären ... Wenn man erfahren würde, dass du meine Freundin bist ...“
    „Ich bin dir also peinlich?“, flüsterte Ruby entsetzt.
    „Nein, natürlich nicht! Im Gegenteil... Du würdest sie nur auf sich aufmerksam machen... Deshalb habe ich das hier mit.“ Luke hielt ein Gegenstand hoch, der so ähnlich aussah wie eine Spritze. Es war ein Gefäß, in dem eine schwarze Flüssigkeit schwappte und an dem vorne eine lange spitze Nadel befestigt war. Alles in allem sah es aus wie ein ziemlich übles Foltergerät, musste Ruby entsetzt feststellen.
    „Was ist das?“, flüsterte sie bestürzt.
    Luke sah traurig erst die Spritze an, dann sie. „Hier drin ist eine Flüssigkeit, die dich kurze Zeit bewusstlos machen und dich alles, was in den letzten fünf Stunden geschehen ist, vergessen lassen wird.“
    „Wie bitte?“, stieß Ruby hervor. „Das – Das kann nicht dein Ernst sein!“
    „Glaub mir, es ist besser so.“ Luke schlug die Augen nieder. „Ich verabreiche dir die Flüssigkeit, du wirst bewusstlos und spürst nichts mehr. Deshalb kann ich dir gefahrlos mit einem Ast oder so was auf den Kopf schlagen, dich zur Krankenstation bringen und sagen, durch den Wind hätte sich ein Ast gelöst und wäre auf dich gefallen, du wirst behandelt und wachst morgen wieder auf, ohne jegliche Erinnerung an unsere Gespräche.“
    „Und an unsern Kuss“, fügte Ruby murmelnd hinzu. Sie stieß sich von Luke ab. „Wenn es das ist, was du willst, dann bitteschön. Aber tu nicht so, als würdest du mich lieben, wenn du es nicht ertragen könntest, mit mir zusammen zu sein. Ich bereue den Kuss im Gegensatz zu dir nämlich nicht.“
    Luke sah sie traurig an und das Funkeln in seinen Augen war erloschen. „Du sollst nur wissen, dass ich das nicht gerne tue. Ich mache es für dich. Tut mir Leid.“
    Luke hob die Spritze, als ein Schrei ertönte. Überrascht stellte Ruby fest, dass er aber nicht von ihr stammte. Luke und sie fuhren herum und sahen Leyla, die hinter einem Baum hervorgesprungen war. „Krümm ihr kein Haar, du Jämmerlicher –“
    Doch Lukes Reaktionen waren ausgezeichnet. Er hatte die Nadel bereits in Rubys Arm gedrückt.
    Das Letzte, was sie mitbekam, waren die entsetzten Blicke von Leyla und Luke, dann sank sie zusammen, dachte an den Kuss und verlor das Bewusstsein.

    5
    Leyla starrte Luke sprachlos an und musste mit ansehen, wie er Ruby auffing, als sie stürzte.
    „Was hast du getan?“, schrie Leyla hysterisch und zückte ihren Zauberstab. „Was hast du mit ihr gemacht? “
    Luke legte Ruby mit einer Behutsamkeit auf den Boden, die irgendwie unangebracht schien, wenn man bedachte, dass er ihr ein paar Sekunden zuvor noch das Gedächtnis an die letzten fünf Stunden genommen hatte. Er wandte sich Leyla mit einer Mischung aus Entsetzten, Traurigkeit und – vielleicht bildete sie sich das auch ein – Furcht in den Augen zu. Dann fuhr er sich durch die Haare. „Wie hast du uns gefunden?“, fragte Luke schließlich, als er sich gesammelt hatte.
    „Das ist doch nebensächlich! Sag jetzt, was du mit Rubs gemacht hast!“ Leyla richtete ihren Zauberstab auf ihn.
    Dieser schloss die Augen. „Ich glaube, ich muss dir alles erzählen“, murmelte er mehr sich zu selbst. „Und ich habe es nicht mal einen Monat ausgehalten. Ich bin ein Versager.“
    „Das stimmt“, erwiderte Leyla kalt. „Wenn ich das richtig mitbekommen habe, dann behandelst du Ruby wie ein Spielzeug. Was denkst du dir dabei? Ist dir einmal in den Sinn gekommen, was du ihr antust?“
    „Ja, das weiß ich. Aber ich weiß auch, dass das, was sonst auf sie gewartet hätte, tausend Mal schlimmer gewesen wäre.“
    „Dann bin ich mal gespannt, was das sein soll.“
    Luke sah einen Moment verzweifelt gen Himmel, dann setzte er sich neben Ruby auf den Boden und begann, Leyla alles zu erzählen.

    Liv kaute nervös auf ihren Fingernägeln rum. Kilian war gerade nach unten gegangen, um sein letztes Spiel gegen Thomas Richter und dessen Mannschaft zu bestreiten. Bisher war er nicht schlecht gewesen, doch Thomas Richter natürlich auch nicht.
    Liv wünschte Kilian von ganzem Herzen, dass er es in die Quidditchauswahl der Schule schaffte. Auch wenn er nicht der Typ war, der die ganze Zeit reden musste um Mittelpunkt zu stehen, hatte er in den letzten Tagen und Wochen kaum von etwas anderem gesprochen.
    In dem Moment flogen die Spieler in die Lüfte und Liv, Megan und Vincent begannen zu klatschen.
    „Zeig´s ihm Kili!“, rief Vincent und hielt seinem Kumpel einen nach oben zeigenden Daumen hin.
    „Ich hoffe, er fängt den Schnatz, bevor es Thomas tut“, meinte Megan und lehnte sich in ihren Sitz zurück. „Dann wird Miller sicher ihn in die Auswahl stellen.“
    „Hoffentlich. Wo stecken eigentlich Leyla, Ruby und Luke?“ Liv sah sich in der Menge des Stadions um. „Es ist irgendwie unheimlich, was die so abziehen.“
    „Ich wüsste auch gerne, warum die drei nicht hier sind um sich das wichtigste Spiel ihres Freundes anzusehen“, knurrte Vinc.
    Megan sah kurz auf den Boden. „Ich weiß auch nicht... Ich hab das Gefühl, dass da mehr hinter steckt... Seht mal, Kilian scheint irgendwas gesehen zu haben!“
    Liv suchte nach dem Kopf von Kilian und es stimmte: Er war plötzlich in den Sturzflug gegangen und raste auf den Boden zu. Auch Thomas Richter war dies nicht entgangen, er war wenige Meter über Kilian.
    „Ich sehe aber nirgends den Schnatz! Was macht er da?“
    „Wronski-Bluff“, antwortete Vincent nur und starrte gebannt auf die beiden Sucher. „Das kann er nicht machen ... Der alte Fuchs, so kommt er bestimmt gut bei Miller an!“ Er klatschte gefällig in die Hände und sah sehr zufrieden aus, als Kilian kurz vor dem Boden sein Besen nach oben zog und dem Aufprall entkam, während Thomas Richter keine richtige Zeit zum Ausweichen hatte und die Arme schützend vor den Kopf haltend in den staubigen Boden krachte.
    Die schrille Pfeife von Miller ertönte und das Spiel wurde unterbrochen.

    Leyla musterte Luke mit einer Mischung aus Ratlosigkeit, Mitleid und nicht ganz verschwundener Wut.
    „Wenn das stimmt...“, setzte sie an, unterbrach sich aber wieder. „Hör mal, das klingt wirklich schrecklich, aber trotzdem kannst du doch Ruby nicht einfach wie ein Spielzeug behandeln und ihr das Gedächtnis an die letzten fünf Stunden nehmen! Das ist einfach...“ Luke zog eine Augenbraun hoch und Leyla suchte nach den richtigen Worten. „Das ist wie Diebstahl, nur tausend Mal schlimmer. Außerdem – wenn du mir das alles erzählst, warum verdammt noch mal kannst du das dann nicht auch mit Ruby machen?“
    Luke zeichnete mit einem kleinen Zweig gedankenverloren im Dreck. Dann wandte er sich Leyla zu und seufzte. „Das habe ich doch versucht, dir zu erklären. Eigentlich dürfte niemand hier die ganze Geschichte kennen. Und Ruby...“ An der Art, wie Luke ihren Namen aussprach, der aufrichtige Schmerz in der Stimme, merkte man wie sehr ihn die Sache mit Ruby ausmerzte.
    „... wenn ich ihr davon erzählen würde, dann würden wir uns weiter lieben.“ In seiner Stimme schwang keine Arroganz mit, lediglich tief traurige Überzeugung. „Und du hast ja keine Ahnung, wozu Zoe Blake fähig ist, Leyla. Es würde nicht lange dauern, dann hätte sie von Ruby und mir mitbekommen und ich weiß nicht, was Blake ihr alles antun könnte.“
    Leyla machte den Mund auf um etwas zu sagen, schloss ihn dann aber wieder.
    Sie blickte auf das, was Luke während des Gesprächs abwesend gezeichnet hatte. Eine weibliche Gestalt schien mit irgendwas – Leyla schwankte zwischen Messer und Zauberstab, in dem Dreck ließ sich das nicht genau erkennen – auf ein gekrümmtes Mädchen loszugehen.
    „Ich träume das schon seit den Sommerferien“, erklärte Luke, der Leylas Blick gefolgt war. „Immer wieder dasselbe. Und seit ich Ruby getroffen habe, war mir klar, dass sie die ist, die gefoltert wird.“
    „Du kannst gut malen“, bemerkte Leyla und überging die Sache mit Ruby. „Aber um wieder zum Thema zu kommen: Was machen wir jetzt?“
    „Ich werde einen Ast vom Baum holen, ihn auf ihren Kopf hauen und sie zum Krankenflügel bringen.“
    Leyla starrte ihn entgeistert an. „Das kannst du nicht machen. Du wirst ihr jetzt irgendein Gegenzeugs geben und ihr alles erklären. Ansonsten werde ich das nämlich tun.“
    „Ich fass es nicht“, stieß Luke leise hervor und sah sie wütend an. „Nach allem, was ich dir erklärt habe, willst du Ruby und mir das wirklich antun!“
    „Ja. Hast du nun ein Gegenmittel da?“ Leyla verschränkte die Arme.
    „Ich...“ Luke sah sie immer noch säuerlich an, doch nun machte sich ein anderer Ausdruck in seinen Augen breit: Gequältheit.
    „Ja. Hier.“ Er nahm dieselbe Spritze, die er schon vorhin in Rubys Arm gerammt hatte, doch diesmal schimmerte die Flüssigkeit da drin gelb.
    Leyla nahm sie entgegen und drückte die Spitze in Rubys Schulter.

    Rubys Träume ergaben keinen Sinn.
    Als Erstes stand sie auf einer großen runden Steinplattform. Es war dunkel und nur ein paar Fackeln um den Platz herum erleuchteten die Umgebung. Vor Ruby stand eine alte Frau mit hüftlangen grauen Haaren und eingesunkenen Gesicht und musterte sie mit zugekniffenen Augen und um den Platz herum waren lauter Blicke auf die beiden gerichtet.
    „Trete vor, Ruby Meyer“, sagte die alte Frau mit tiefer Stimme.
    Zitternd setzte Ruby einen Fuß vor den anderen, bis sie schließlich nur noch knapp ein Meter vor der Dame entfernt stand. Diese streckte ihre Arme aus. „Gebe mir deine Hände.“
    Ruby tat wie geheißen und legte ihre Hände in die der Grauhaarigen.
    Sobald ihr Unterarm die Haut der Frau berührte, verschwamm der Platz um sie herum und Ruby sah kurze Zeit nur eine graue Wolke, dann klärte sich ihre Sicht. Sie war in einem dunklen Raum mit nur einem kleinen Fenster, alles in allem kam sie sich vor wie in einer Gefängniszelle. Dann bot sich ihr eine Szene, die sie am liebsten hatte wieder vergessen wollen.
    In der hintersten Ecke der Zelle lag sie selbst; zusammengekrümmt und stark zitternd. Vor ihr lief eine Frau hin und her und Ruby erkannte sie von den Fotos der Zeitungen: Zoe Blake.
    Sie spielte mit ihrem Zauberstab und sah die wimmernde Ruby an. „Was mach ich nun mit dir?“
    „Freilassen?“, presste Ruby mit schwacher Stimme hoffnungsvoll nach.
    Blake lächelte, doch es war kein liebevolles Grinsen, sondern ein kaltes Mundwinkelnachobenziehenn, ohne jegliche Gefühlsregung. „Ich muss sagen, ich kann verstehen, weshalb der junge Clark so vernarrt in dich ist“, erwiderte sie und musterte die Gestalt auf dem Boden. „Selbst nach so vielen Einheiten besitzt du immer noch die Frechheit, mir dumm zu kommen. Ich würde dich wirklich gerne für unsere Sache gewinnen. Aber ich denke, du hast deine Meinung immer noch nicht geändert?“
    Die zusammengekauerte Ruby schüttelte den Kopf, zu mehr war sie anscheinend nicht in der Lage.
    Zoe Blake seufzte. „Dann tut es mir Leid. Ich denke, wir versuchen es mal anders.“ Blake drehte sich zur anderen Seite um, zu der Seite, an der eine Gittertür sperrangelweitoffen stand. Offenbar hatte Blake kein befürchten, dass Ruby fliehen könnte. „Marcus, Hektor, holt ihn rein!“, rief sie.
    Zwei großgewachsene Männer, wahrscheinlich Marcus und Hektor, schoben einen Jungen mit lockigen braunen Haaren in den Raum: Luke.
    Dann wechselte die Szene und Ruby war mit ebendiesen Luke in einem Wald. Sie standen eng umschlungen und küssten sich. (innerlich verfluchte Ruby ihr Unterbewusstsein) Luke löste sich von ihr und flüsterte: „Ich mache das für dich. Es tut mir Leid.“ Dann rammt er ihr eine Spritze in die Haut und Ruby kam wieder zu sich.

    6
    Totale Verwirrung – das war das, was Ruby empfand, als sie auf dem dreckigen Boden wieder zu sich kam und in das besorgte Gesicht von Leyla starrte.
    „W-Wo bin ich? Was ist passiert? Hä?“, stotterte sie und versuchte sich aufzusetzen.
    Leyla wich etwas von ihrer Seite und Rubys Blick glitt zu dem Jungen, der sie mit einer Mischung aus Wut und Verzweiflung ansah – Luke.
    „Wie geht´s dir?“, fragte Leyla.
    Jetzt erst merkte Ruby, dass ihr der Schweiß über den Kopf lief, ihr extrem heiß war und sie zitterte. „Wie soll´s mir denn gehen?“, erwiderte sie schwach.
    Jetzt kniete sich auch Luke zu ihr runter. „Durch die Verabreichung des Gegenmittels kann es zu Nebenwirkungen wie Fieber, Schüttelfrost, Schwindel und sogar Halluzinationen kommen.“ Er sah Leyla angespannt an. „Wir sollten sie umgehend zur Krankenstation bringen. Und Ruby morgen alles erklären.“
    Leyla schien zu überlegen. „Wann hast du dein nächstes Spiel? Ich bin ja durch, aber ich krieg sie da nicht alleine rauf, wenn sie nicht gehen kann.“
    „Das ist nebensächlich, ich kann sie schnell hochbringen.“
    Leyla nickte. „Gut, aber ich komme mit.“
    Waage bemerkte Ruby, wie Luke sich zu ihr hinunterbeugte, doch plötzlich hatte er wieder eine Spritze in der Hand. Sein Gesicht war zornig und entstellt, er sah aus wie ein Monster.
    Ruby schrie auf und krabbelte panisch zwei Schritte zurück. „Geh weg von mir!“
    „Rubs“, flüsterte Leyla, die kreidebleich geworden war. „Das sind nur die Halluzinationen... Wir bringen dich zum Krankenflügel, bitte Ruby...“ Der Rest war für Ruby nur ein hohes Quietschen.
    „Was passiert mit euch?“, rief sie verzweifelt und spürte, wie ihr eine Träne über die Wange lief. „Geht weg!“ Sie strampelte wild um sich, doch Luke packte Ruby und hielt sie eisern fest. Er nickte Leyla zu und ging mit Ruby auf dem Arm los.
    Doch sie selbst sah auf dem Weg zur Krankenstation nur verschwommene Kreaturen, die auf sie zu rannten und zwei Zentimeter vor ihnen abrupt anhielten und kehrt machten. Wimmernd schmiegte sie sich an Lukes Brust und schluchzte leise. Endlich, es kam Ruby vor wie eine Ewigkeit, kamen sie im Schulgebäude an. Luke und Leyla rannten mit ihr die verlassenen Korridore entlang, bis sie an der Krankenstation ankamen.
    Frau Tadel empfing sie mit einem kritischen, dann mitleidigen Blick. „Was ist denn mit ihr passiert?“, fragte sie bestürzt. „Legt sie sofort auf das Bett dort.“
    Ruby merkte wie sie jemand auf etwas Weichem ablegte und die Erde drehte sich.
    Verschwommen sah sie, wie Luke Leyla einen Blick zuwarf.
    „Äh, wir wissen es auch nicht. Sie hat starkes Fieber, Schüttelfrost und Hallu-“
    Der Rest ging in Rubys Ohren unter. Plötzlich sah sie lauter Leichen um sich herum. Leyla mit aufgeschlitzter Kehle, Liv lag mit weit aufgerissenen Augen auf dem Boden, Kilian und Noah standen versteinert nebeneinander, Vincent hatte ein Dolch im Bauch stecken und Luke... Luke stand über ihnen und lachte gehässig.
    Ruby wimmerte auf und wünschte sich nichts sehnlicher, als dass diese Träume aufhörten, dass sie das nicht mehr ertragen musste.
    Sie merkte, wie jemand ihren Kopf stütze. „Ruby? Ruby, du musst das hier trinken.“ Lukes Stimme war ungewöhnlich sanft und Ruby gehorchte sofort. Er flößte ihr eine geschmacklose Flüssigkeit ein und murmelte: „Gut so, gleich geht´s dir besser.“
    Rubys Sicht klärte sich, sie sah noch einmal in die besorgten Gesichter von Leyla, Luke und der Krankenschwester Frau Tadel, dann fiel sie in einen traumlosen Schlaf.

    Für Kilian lief es im letzten Spiel gut, sehr gut sogar – bis der Schnatz auftauchte.
    Während des ganzen Spiels wich er immer wieder Klatschern aus, machte zwei spektakuläre Rollen und tatsächlich hatte er einen Wronski-Bluff geschafft!
    Doch dann sah Kilian das goldene Blitzen des Schnatzes auf der anderen Seite des Spielfelds. Thomas Richter war viel näher ran, doch noch schien er das Funkeln zehn Meter von ihm entfernt nicht zu sehen.
    Langsam flog Kilian in die Richtung des Schnatzes, darauf bedacht so zu fliegen, dass Thomas möglichst nichts mitbekam.
    Jetzt war er nur noch ca. 15 Meter entfernt und beschleunigte so schnell er konnte gegen den pfeifenden Wind. Thomas schien den Schnatz dadurch auch gesehen zu haben und steuerte mit seinem Besen auf das goldene Blitzen zu, Kilian brauchte nur noch fünf Meter, dann würde er den Schnatz haben – und mit einem dumpfen Wuuusch knallte der Klatscher gegen seine rechte Gesichtshälfte.
    Vor Schmerz und von der Wucht des Schlags rutschte Kilian von seinem Besen und konnte sich nur noch mit den beiden Beinen am Besen festhalten. Verschwommen sah er, wie Thomas Richter nach dem Schnatz griff und Miller in Kilians Richtung geflogen kam.
    „Alles klar, Junge?“, fragte Miller, als er ankam. „Setz dich mal ordentlich auf dein Besen.“
    Unter normalen Umständen hätte Kilian jetzt geschnaubt, aber er fühlte sich ganz einfach nicht in der Lage. Sein Kiefer schmerzte, als wäre er gebrochen und Kilian spürte seine rechte Gesichtshälfte nicht mehr. Trotzdem klammerte er sich an seinen Besen und versuchte, sich hochzuziehen. Dann landete er mit Miller auf dem Boden, der ihm auf die Schulter klopfte (wobei ihn Kilian hätte umbringen können, denn sofort schoss wieder ein höllischer Schmerz durch sein Kiefer). „Gehst am besten mal zur Krankenstation“, stellte Miller schließlich fest und Kilian lief missmutig los – bis er auf Liv stieß, die puterrot im Gesicht war, angerannt kam – und ihn wortlos küsste.
    Als erstes war er überrascht. Dann verwirrt. Dann glücklich. Und dann spürte er den zurückkommenden Schmerz und er stöhnte auf.
    „Oh tut mir leid, ich, du warst wirklich super, wie geht´s dir?“, stammelte sie mit einer Geschwindigkeit, die Schnatterinchen Konkurrenz gemacht hätte.
    „Kein Problem“, flüsterte Kilian, fuhr durch ihr dichtes Haar und lächelte. „Ich liebe dich, Liv-Thalia Weber.“ Dann küsste er sie noch mal und ignorierte den aufkommenden Schmerz.


    Als Liv, Kilian, Megan und Vincent die Krankenstation betraten und die schlafende Ruby mit einem Lappen auf der Stirn entdeckten, klappten ihre Münder auf.
    Leyla stand von ihrem Stuhl neben dem Krankenbett auf. Luke war vor ein paar Minuten zu seinem nächsten Spiel gestürmt – aber erst nach dem er sich von Frau Tadel mindestens hundert Mal versichern lassen hat, dass sie Ruby wieder hinkriegen würde.
    „Bevor ihr fragt, es ist eine lange Geschichte“, sagte Leyla mit einem kurzen Blick auf Ruby. „Luke und Rubs haben, ähm, miteinander geredet – ihr wisst schon, die beiden verstehen sich nicht so gut und wollten sich vertragen – und auf einmal ist sie zusammengebrochen.“
    Megan schlug sich die Hand vor den Mund. „Mein Gott... Und jetzt? Was hat sie?“
    „Frau Tadel hat gesagt...“, setzte Leyla an, doch in dem Moment kam ebendiese Frau Tadel in den Raum.
    „Frau Tadel hat gesagt, dass ihre Patientin Ruhe braucht.“ Sie sah die Neuankömmlinge passend zu ihrem Namen tadelnd an. „Seid ihr allesamt verletzt oder wollt ihr einen Besuch abstatten?“
    „Äh, also ich hab eben ein Klatscher ins Gesicht bekommen, es ist auch nicht ganz so schlimm...“ Kilian unterbrach sich, als Frau Tadel verärgert aufstöhnte.
    „Dieses ganze Quidditchgetue sollte abgeschafft werden! Ihr kleinen Kinder denkt nur an den Ruhm, den man dabei einfahren kann, aber einen Gedanken an eure Gesundheit habt nicht verschwendet! Sport ist Mord, sagt man ja so schön.“ Sie seufzte abermals. „Zeig mal her.“
    Leyla beobachtete, wie Frau Tadel Kilians Kopf untersuchte, sie tastete da rum und fragte ab und zu, ob es ihm wehtun würde,
    „Nun“, sagte sie schlussendlich. „Das ist ein Kieferbruch und eine Prellung, nicht weiter dramatisch. Das haben wir gleich.“ Sie hob ihren Zauberstab, murmelte irgendetwas Unverständliches und Kilians angespanntes Gesicht lockerte sich etwas.
    „Wegen der Prellung – nimm die Salbe und schmiere sie dir morgens und abends auf die Stelle, dann dürfte es nächste Woche nicht mehr wehtun.“
    Kilian bedankte sich und alle drehten sich wieder zu Leyla und Ruby um.
    „Wacht sie auch noch irgendwann wieder auf?“, fragte Vincent.
    Megan warf ihm ein tödlichen Blick zu und Frau Tadel meldete sich wieder zu Wort: „Natürlich wird sie das, sie schläft nur gerade. Ich schätze, irgendwann in der Nacht lässt die Wirkung des Mittels nach. Ihr könnt also wieder gehen, hier gibt´s nichts Spannendes.“
    Die Nachricht war deutlich und Leyla ging mit einem letzten besorgten Blick zu der schlafenden Ruby aus der Krankenstation.

    Als Ruby wieder aufwachte, fühlte sie sich zwar schwach, jedoch deutlich besser.
    Sie sah sich im Raum um. Es war noch tief in der Nacht, einzig eine kleine, schwach scheinende Lampe erhellte den Raum etwas. Ihr Blick schweifte weiter – und blieb an einer schlafenden Person auf einem Stuhl neben ihrem Bett hängen. Dort saß Luke und schnarchte leise.
    Einen Moment war Ruby gerührt und fand das echt süß – doch dann wurde ihr das Ausmaß des Tages klar. Als sie aufgewacht war, nachdem sie das Gegenmittel erhalten hatte, konnte sie kaum einen klaren Gedanken fassen, es war wirklich schrecklich. Doch nun erinnerte sich Ruby an alles.
    Luke. Luke war an allem Schuld. Er hatte gesagt, er würde sie lieben, nur um ein wenig später zurückzukommen und ihr ein zu Gedächtnisverlust führendes Etwas zu verabreichen.
    Dann war Leyla aufgetaucht und musste Luke dazu gebracht haben, ihr das Gegenmittel zu verabreichen.
    Ruby stützte ihr Gesicht in die Arme. Auch wenn sie das nie zugeben würde, aber das nahm sie alles echt mit.
    Wie konnte sie sich auch nur in Luke Clark verlieben? Ausgerechnet in Luke Clark? Und wie konnte er ihr nur so wehtun? Jetzt erst merkte Ruby, dass ihr eine Träne über die Wange lief.
    Plötzlich regte sich Luke. Erst dachte Ruby, er würde aufwachen, und sie blinzelte schon hastig die Tränen weg, doch dann begann er in seinem Stuhl zusammenzuzucken und zu flüstern: „Lasst sie in Ruhe!“
    Ruby wusste nicht, woher ihre Sicherheit kam, aber instinktiv begriff ihr Unterbewusstsein, dass Luke gerade von ihr träumte. Anscheinend war sie nicht die einzige, die tolle Folterungen von ihr Ansehen durfte.
    Plötzlich zuckte Luke noch einmal heftig zusammen, dann schien er langsam aufzuwachen. Ruby ließ sich blitzschnell in ihr Bett zurück sinken und tat so, als würde sie schlafen. Sie musste daran denken, wie sie das früher immer gemacht hatte, wenn ihre Mutter in ihr Zimmer gekommen ist, um zu schauen ob sie schläft. Das waren damals noch Rubys größte Sorgen. Beinahe hätte sie wieder angefangen zu weinen, doch sie schluckte die Tränen weg. Ruby wollte nicht mit Luke reden. Das war einfach genug Kompliziertes für einen Tag, jetzt wollte sie einfach nur schlafen. Sie hörte, wie Luke sich mit der Hand über die Stirn strich, vom Stuhl aufstand und das Krankenzimmer verließ.
    Danach schlief Ruby ein.

    Luke rieb sich die Stirn. Er hatte schlecht geschlafen – schon wieder. Und schon wieder war es die Szene, in der Ruby von Zoe Blake gefoltert wurde.
    Luke war sich sicher, dass diese Träumer realer waren als normale und dass das eine Art Vision war. Und deswegen wollte er alles tun, um zu verhindern, dass es zu so was kam.
    Nie und nimmer würde Luke riskieren, dass Ruby etwas passierte.
    Er stand von seinem Stuhl auf und legte sich auf eines der Krankenbetten; der Stuhl, auf dem er eingeschlafen war, wurde ziemlich ungemütlich.
    Seine Gedanken schweiften zu seinen Eltern – und sofort wurde Luke wütend.
    Nur weil sie zu feige waren, musste er das alles durchstehen. Während seine Mum jetzt gemütlich Quidditch spielte und sein Dad Scherzartikel verkaufte, wussten sie nicht, was sie ihrem Sohn für eine Last aufgedrückt hatten. Doch er durfte nicht versagen, nein, es wurde von ihm erwartet, dass er das alles ohne Fehltritt meisterte.
    Luke hatte akzeptiert, dass er nie ein normales unbeschwertes Leben führen würde, doch er sehnte sich danach auch nur einmal die Sorgen, die er hatte, vergessen zu können.
    Am Anfang, als er in die Maleficium kam, schien es wirklich gut zu laufen – doch dann kam Ruby. Warum konnte sie denn nicht einfach eines von diesen normalen Mädchen sein, deren größtes Problem der kleine Pickel auf der Nase ist? Warum erinnerte sie ihn jeden Tag daran, dass er sich es nicht erlauben konnte, so wie ein normaler Jugendlicher zu leben und zu lieben?
    Vielleicht sollte er sie einfach hassen. Vielleicht sollte er Ruby einfach aus dem Weg gehen und von der Wahrheit davon rennen.
    Doch Luke wusste, dass er das nie durchhalten konnte, denn dafür liebte er dieses Mädchen einfach zu sehr.

    7
    Liv konnte dieses Gefühl nicht beschreiben. Sie lief hüpfend durch die Korridore, pfiff ab und vor sich hin und grinste andauernd ohne Grund. Megan sah sie kopfschüttelnd an, als die beiden am Abend nach dem Spiel zu zweit auf ihrem Zimmer waren: „Ich hätte nie gedacht, dass du so schnell...“
    „So schnell was?“, fragte Liv fröhlich.
    „Naja, so richtig verliebt sein könntest halt. Man, du starrst Kilian an als wäre er ein Engel – oder zumindest so was in der Art.“
    Liv verzog ihr Gesicht. „Stimmt doch gar nicht...!“, protestierte sie, wurde jedoch von Megans Lachen unterbrochen. „Du bist ihm richtig verfallen. Aber ihr seid wirklich süß, zu zweit.“
    Liv lief rot an, zuckte dann aber mit den Schultern. „Er ist süß. Findest du sein Lächeln denn nicht so unglaublich...? Okay, ich höre auf, ist ja gut – und vielleicht starre ich ihn auch wirklich an als wäre er ein Engel, aber ich meine er sieht doch auch so aus.“
    Megan lächelte, doch dann wurde sie plötzlich ernst. „Hast du gelesen, was im Spiegel der Zauberer gestanden hat? Ein Werwolf wurde tot aufgefunden, mit Silbermünzen in den Augen und anscheinend mit dem Todesfluch ermordet.“
    Liv nickte. „Ich hab´s gelesen. Meinst du, das hat was mit dem Größeren Wohl zu tun? Ich versteh nicht, warum Blake hier in Deutschland anfängt... Ich meine, England ist doch viel bedeutender in der Zaubererwelt.“
    „Ich glaube, dass das etwas Persönliches ist“, erwiderte Megan gedehnt. „Schließlich ging Blake hier zur Schule.“
    Plötzlich fiel Liv etwas auf, etwas, das ihr ein Schauer über den Rücken jagte. „Wenn sie also in Deutschland Zeichen setzen will – wie lange dauert es noch, bis sie auch zeigen will, dass ihr die Maleficium auch gehört?“

    „Ich kann es nicht fassen!“ Ungläubig betrachtete Kilian den Zettel von Herrn Miller.
    Was kannst du nicht fassen? Hast du noch einen Liebesbrief von einer Fünftklässlerin bekommen?“, fragte Noah grinsend und beugte sich über Kilian, um zu sehen um was es sich handelte.
    Er kniff seine Augen zusammen, dann hellte sich seine Miene auf. „Da steht, dass du in der Qudditchauswahl der Schule bist!“
    „Ich weiß! Aber warum? Thomas Richter hat doch den Schnatz gefangen...“
    „Hat der denn einen Wronski-Bluff hingelegt? Nein. Hat er den Schnatz als erstes entdeckt? Nein. Miller hat dich einfach für besser befunden.“ Noah sah Kilian zufrieden an, als wäre er derjenige, der es in die Auswahl geschafft hätte. Kilian lächelte. „Hab wohl ziemlich Glück in letzter Zeit.“

    Die Maleficium Schule wurde von dem milden Licht der untergehenden Sonne bestrahlt und wirkte einmal mehr wie ein kleines märchenhaftes Schloss. Vögel zwitscherten und am See genossen ein paar Schüler vor dem Herbst noch ein letztes Mal das klare Wasser. Es war wirklich ein wunderschöner Anblick, doch wurde er von Rubys Laune zerstört.
    Sie lag im hohen Gras mit Blick auf dem See und wusste nicht, woran sie glauben sollte. Vor ein paar Stunden war sie auf der Krankenstation aufgewacht, doch da hätte Ruby es nicht mehr ausgehalten. Deswegen hatte sie sich schnell in einen weißen Hoodie und eine blaue Jeans geworfen und war ohne ein weiteres Wort aus dem Raum gestürmt – nur um auf halben Weg auf Leyla zu stoßen, die sie packte und ohne Erklärung in ein altes Verwandlungszimmer, das zurzeit aber nicht benutzt wurde, steckte. Dort stand Luke.
    „Ich weiß, ich habe Scheiße gebaut“, begann er ohne sie anzusehen. „Aber ich möchte, dass du weißt, warum ich das alles getan habe.“ Dann trat er einen Schritt zurück und gab den Blick auf ein goldenes Gefäß, in dem eine seltsame Flüssigkeit zu schwimmen schien.
    „Was ist das?“, hatte Ruby mit rauer tonloser Stimme gefragt.
    Leyla sah ihr in die Augen. „Ein Denkarium. Wir durften es uns von Sapiens ausleihen... Er weiß von allem.“ Ihr Blick ging über Rubys ganzen Körper. „Du musst das nicht machen, Rubs“, fügte Leyla mit besorgten Gesicht hinzu. „Ich glaube nur, dass du dann ein paar Sachen verstehen wirst...“
    Ruby unterbrach sie kurz angebunden: „Ich mach´s“ und nachdem Leyla und Luke ihr erklärt hatten, was sie tun sollte, steckte Ruby ihren Kopf in die Flüssigkeit.

    Sie befand sich in einem lichtdurchfluteten Kinderzimmer. Auf dem Boden lag überall Spielzeug verteilt – und mittendrin saß der siebenjährige Luke. Ruby starrte ihn gerührt an; schon mit sieben sah er unglaublich süß aus mit seinen klaren grünen Augen und den hohen Wangenknochen.
    Er stand plötzlich auf, als hätte er die Unordnung satt, und schlich durch seine Tür. Ruby folgte ihm und befand sich vor einem Treppengeländer. Aus der unteren Etage konnte sie Stimmen hören und auch die kleine Luke blieb plötzlich stehen und spitzte die Ohren.
    „Was sollen wir machen, wenn sie vor der Tür steht?“, fragte eine Männerstimme.
    Jemand seufzte. „Nun, Oliver“, Ruby schnappte überrascht nach Luft, als sie bemerkte, dass es sich bei der Stimme um der von ihrem Schulleiter Frowin Sapiens handelte, „natürlich denkt man daran, einfach ins Ausland zu fliehen. Doch ich kenne Zoe Blake wie niemand anders – sie würde euch finden. Deswegen schlage ich euch folgendes vor: Sollte sie hier stehen und nach eurer Loyalität fragen, dann werdet ihr ihr zusagen müssen. Macht Blake das Angebot, euren Sohn – Luke? – auf die Maleficium gehen zu lassen. Er wird so tun, als würde er die Schule ausspionieren und Blake von mir ausgesuchte Informationen zukommen lassen.“
    „Und warum sollte es Blake etwas bringen, die Maleficium auszuspionieren?“, fragte eine Frau scharf.
    Sapiens zögerte. „Sagen wir so, Zoe Blake hat eine besondere Vergangenheit mit dieser Schule.“
    „Ich bin trotzdem nicht sehr begeistert“, sagte der Mann mit hartem Ton. „Unser Junge wird es nicht einfach haben. Woher soll er denn wissen, wie er sich wann zu verhalten hat? Er kann keine richtigen Freunde finden und lebt in einer Welt, die nur von Lügen aufrechterhalten werden wird. Außerdem klingt der Plan doch sehr lückenhaft.“
    Sapiens schüttelte traurig den Kopf und mit einem „Es wird wohl leider die einzige Möglichkeit sein“ wechselte die Szene.
    Luke war jetzt deutlich älter; Ruby schätzte ihn auf 11 bis 12, und saß auf einem Stuhl in einer riesigen Halle, die anscheinend gar keine Decke besaß.
    Von vier langen Tischen starrten ihn überall Schüler an. Dann sah Ruby, wie ihm eine ältere Frau einen Hut auf den Kopf setzte. Nach einiger Zeit öffnete sich plötzlich etwas, was wie ein Mund aussah, und schrie: „GRYFFINDOR!“
    Einer der äußeren Tische sprang auf und jubelte, doch als Ruby auf Lukes Gesicht blickte, sah sie, dass er kreidebleich war – anscheinend muss ihm der Hut etwas sehr Unangenehmes zugeflüstert haben – und die Szene wechselte wieder.
    Diesmal hielt Luke ein Blatt Pergament in der Hand. Ruby konnte (den vielen Englischstunden sei Dank) den Text lesen.
    Hallo Luke,
    Es ist so weit. Gestern ist es geschehen und du weißt, was nun passiert. Stelle dich bitte darauf ein, nächstes Jahr nicht mehr nach Hogwarts, sondern zur Maleficium-Schule zu gehen. Wir wissen, dass wir viel verlangen, doch es geht nicht anders und du wirst das schaffen.
    Deine dich liebenden Eltern

    Luke zerknüllte den Brief und war ihn wütend in die Ecke und Ruby konnte sehen, dass sich in seinen Augen tränen gebildet hatten. Vom plötzlichen Mitleid überrumpelt, merkte sie gar nicht, dass die Szene sich auflöste und sie sich plötzlich zusammen mit Luke gegenüber von zwei älteren Menschen, wahrscheinlich seine Eltern, befand. Die Frau drückte ihm etwas in die Hand, an das sich Ruby nur allzu gut erinnern konnte – die Spritze, die Luke ihr in die Haut gerammt hatte.
    „Wir wissen, dass wir dir eine schwere Last aufgedrückt haben“, sagte sie sanft. „Falls dir irgendetwas rausrutscht – diese Flüssigkeit nimmt einem die Erinnerung an die letzten fünf Stunden. Nutze sie aber nur im äußersten Notfall.“
    Dann schaute sie ihren Mann an. „Gib ihm das Gegenmittel.“
    Doch dieser starrte sie grimmig an. „Wozu eigentlich? Er wird doch wohl kaum jemanden die Spritze geben und es sich danach noch mal anders überlegen.“
    „Oliver... Du weißt nie. Gib sie ihm doch einfach.“ Nach einem Seufzen drückte Oliver seinem Sohn, der bisher kein einziges Wort gesagt hatte, die zweite Spritze in die Hand.
    „Du schaffst das, Junge. Treff dich einmal im Monat mit Sapiens und erzähle im alles. Du kannst dem Mann vertrauen.“
    Seine Mutter bückte sich und drückte ihm ein Kuss auf die Stirn. „Viel Spaß in der Maleficium, Luke.“
    Und die Szene wechselte wieder. Diesmal befand sich Ruby in einem behaglichen Büro – das von Sapiens.
    Dieser saß vor seinem Schreibtisch und musterte Luke, der auf der anderen Seite Platz genommen hatte. „Hallo Luke“, sagte er sanft. „Unser zweites Treffen, nicht wahr? Gibt es irgendwas, von dem ich wissen sollte?“
    Luke zögerte, doch dann platze es aus ihm heraus: „Ich habe ein Problem. Und zwar ein großes.“ Sapiens musterte ihn. „Na dann, schieß mal los.“
    „Es ist so... Ruby Meyer aus meiner Klasse...“ Ruby horchte auf. „Ich glaube, ich habe mich in sie verliebt. Aber ich kann es ihr ja nicht sagen, schließlich werde ich ja wohl nicht Blakes einziger Informant hier sein. Das bedeutet, sie würde es erfahren und somit würde Ruby in hoher Gefahr schweben – oder nicht?“
    Sapiens wirkte angesichts der Neuigkeiten überhaupt nicht überrascht. „Doch, da hast du Recht. Aber glaubst du wirklich, du könntest immer schweigen?“
    „Nein. Aber ich könnte es versuchen – ich muss es versuchen...“ Luke sah Sapiens tief in die Augen. „Es gibt da noch was. Seit geraumer Zeit habe ich fast jede Nacht denselben Traum. In diesem Traum wird Ruby von Blake gefoltert, doch das wirkt alles so real. Wie eine Vision... Und ich werde alles tun müssen, damit das nicht wirklich geschieht.“
    Ruby schluckte und auf ihr lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. Genau das hatte sie in ihrem seltsamen Traum gesehen, nachdem sie die Haut der alten Frau berührt hatte. Und ihr wurde noch was klar: Diese Frau und das Ritual, was sie vollzogen hatte, war ein Ereignis, über das sie und ihre Freunde schon viel gelesen hatten – die Walpurgisnacht, in der man einen Ausschnitt aus der Zukunft gezeigt bekommt. Zwar hatte sie das ja nur geträumt, doch Ruby bezweifelte, dass das ein normaler Traum war und ihr Verdacht wurde ja durch Lukes Visionen irgendwie bestätigt.
    Völlig erstarrt beobachtete sie, wie Sapiens besorgt den Kopf schüttelte. „Solche Visionen können natürlich durch dunkle Magie verfälscht werden, aber ich denke nicht, dass das bei dir passiert ist, Luke. Deshalb glaube ich auch nicht, dass es einen Weg gibt, Ruby vor dem zu retten, was du in deinem Träumen siehst.“

    Entsetzt riss Ruby ihren Kopf aus dem Denkarium.
    Leyla sah sie besorgt an und Luke starrte auf den Boden.
    „Ist das alles wirklich passiert?“, fragte Ruby schließlich und Luke nickte. „Wenn etwas gefälscht wäre, hätte das Spuren hinterlassen und du hättest es sofort gemerkt.“
    „Rubs?“ Leyla ging auf sie zu. „Unabhängig davon, was du mit Luke machst, möchte ich, dass du eins weißt: Wir werden nicht zulassen, dass es zu dem kommt, was Luke in seinen Träumen sieht.“
    Doch Ruby hörte sie nicht wirklich. In ihr war alles wie versteinert, als ob ihr Verstand eine Mauer um die Gefühle, die in ihr tobten, errichtet hätte, um sie nicht rausbrechen zu lassen. Doch die Barriere bröckelte und bevor sie gänzlich zusammenbrach, musste Ruby aus dem Raum raus, zur allgemeinen Sicherheit. „Ich muss kurz alleine sein“, flüsterte sie noch und rannte dann nach draußen zu dem Platz, an dem sie nun saß.
    Wie konnte sich ihr Leben eigentlich innerhalb von so kurzer Zeit so verändern? Warum musste sie das ganze treffen? Ruby steckte sich die Faust in den Mund, um nicht laut loszuschreien und eine einzelne Träne lief an ihrer Wange hinunter. Als sie ihre Hand wieder aus dem Mund nahm, war sie blutgetränkt, doch es interessierte sie nicht.

    8
    Ruby wusste nicht, wie lange sie schon an dem See hockte und ins Leere starrte, doch mittlerweile war die Sonne schon so gut wie untergegangen und der Mond zeichnete sich leicht vom dunkelblauen Himmel ab.
    „Manchmal kann die Wahrheit ganz schön wehtun, nicht wahr?“ Die Stimme von Frowin Sapiens ließ Ruby zusammenzucken und herumfahren. Ihr Schulleiter hatte sich ihr beinah lautlos genährt und setzte sich nun neben sie.
    Ruby schnaubte verbittert auf – zumindest sollte es ein Schnauben sein, doch eigentlich klang es ehr nach einem hilflosen Schluchzen.
    „Einen wirklich tollen Platz hast du dir hier ausgesucht. Als ich noch zur Schule ging, gab es den See nicht. Damals war dort ein Wald, in denen alle möglichen Arten von Wesen hausten.“ Sapiens sah Ruby in die Augen. „Du wirst einen schweren Weg vor dir haben, Ruby.“
    Einen Moment sah sie nur stumm gerade aus, dann fragte Ruby unvermittelt: „Was ist passiert, dass es den Wald nicht mehr gibt?“
    Einen Moment war Verwunderung in den Augen von Sapiens zu sehen, dann antworte er zögernd: „Du musst wissen, dass die Maleficium von den magischen Einrichtungen her, also Unterrichtsräume, Außengelände und Quidditchfeld, einst nach dem Vorbild der englischen Schule für Hexerei und Zauberei Hogwarts ausgestattet werden sollte. Doch hier in Deutschland gibt es bedeutend weniger Zauberer und Hexen, geschweige denn Wesen wie Zentauren, Einhörnern, Vampiren oder ähnliches. Die, die es gab, lebten in diesem Wald und natürlich war es verboten, den Wald ohne Genehmigung oder Aufsicht zu betreten, aber Regeln sind ja bekanntlich da, um gebrochen zu werden.“ Sapiens zwinkerte, doch Ruby erkannte, dass einer seiner Gesichtsmuskeln zuckte und sich in seinem Gesicht Ausdruck von Reue und Trauer zeichnete.
    „Nun, ein Mädchen aus dem Abschlussjahrgang mit einer einzigartigen Begabung und einem unglaublichen Auffassungsvermögen verabschiedete sich aus der Schule mit einer grauenvollen Tat: Sie ging in den Wald, den sie all die Jahre zuvor fast jede Nacht studierte, und richtete jedes einzelne Geschöpf auf grausame Art und Weise hin und hinterließ auf dem Fell eines Einhorns einen mit blut verfassten Schriftzug: Ich komme wieder.“
    Ruby starrte ihren Schulleiter sprachlos an. „Und – Und dann?“
    „Nichts. Niemandem konnte die Schuld zugewiesen werden und sowohl die damalige Schulleitung der Maleficium als auch das Zaubereiministerium sorgten dafür, dass über dieses Ereignis Stillschweigen bewahrt wurde. Der Wald wurde vollkommen abgeholzt und stattdessen der See hergerichtet.“ Sapiens schob seine Halbmondbrille etwas hoch und spielte danach mit seinen Fingern an dem langen grauen Bart.
    „Diese Frau, die das getan hat...“, fragte Ruby zögernd und sah Sapiens fragend an. „Das war Zoe Blake, nicht wahr? Aber woher wissen Sie das denn alles? Was sie getan hat und überhaupt?“
    Sapiens lächelte gequält. „Was das anging, war deine Freundin Leyla wohl etwas schneller.“
    „In letzter Zeit sind anscheinend eh alle etwas schneller als ich“, murmelte Ruby leise, doch sie glaubte nicht, dass Sapiens sie gehört hatte.
    Er erzählte ihr rasch alles, was er zuvor auch schon Leyla erklärt hatte.
    „War die Sache mit dem Wald der Grund, weshalb sie Blake nicht nach England gefolgt sind?“, fragte Ruby letztendlich.
    Sapiens zögerte. „Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn sie nicht so weit gegangen wäre. Durch die Tat sah ich Zoe Blake das erste Mal richtig: Ihre rassistischen Gedanken, ihre Wutausbrüche, ihre Gefühllosigkeit, ihre ganze Kälte – und wie sie mordet ohne mit der Wimper zu zucken.“
    Einen Moment schloss Sapiens die Augen, dann seufzte er. „Ich bin aber eigentlich nicht hergekommen, um über meine Vergangenheit zu reden.“
    „Ich schätze mal, sie wollen mir sagen, wie mich zu verhalten habe, nicht wahr?“, fauchte Ruby plötzlich und spürte wie sie ohne Grund wütend wurde. „Dass ich mich auf keinen Fall unterkriegen lassen soll und ich Freunde habe, die ja auf mich aufpassen! Aber genau das haben sie doch schon abgeschmettert, als sie Luke gesagt haben, dass es keine Chance gibt, mich vor der Folter zu retten, oder nicht? Ich habe es in seinen Erinnerungen gesehen, und jetzt verlangen wahrscheinlich alle, dass ich so tue, als ob nichts gewesen wäre!“ Ruby war immer lauter geworden, doch am Ende wurde ihr Wutausbruch zum Schluchzen. Als Sapiens sie nur ruhig ansah, fügte Ruby mit leiser bebender Stimme noch hinzu: „Bis vor kurzem war doch alles noch so normal.“
    „Genau deswegen bin ich hier. Ich wollte dir einen Rat geben. Natürlich hast du deine Freunde, von denen ich sicher bin, dass sie genauso viel für dich tun würden wie du für sie, und ich glaube auch, dass du dich ihnen anvertrauen kannst.
    Aber lass mich dir ein sehr treffenden Spruch nahe legen: Verzeih anderen nicht, weil sie deine Vergebung verdienen, sondern weil du den Frieden verdienst.“ Sapiens legte plötzlich Rubys Hand, an der jetzt das vieles getrocknetes Blut zu einer dunkelroten Kruste geworden ist, in seine alten, rauen Hände und sah sie ernst an. „Wenigstens in deinem Herzen.“

    Vincent ärgerte sich allmählich über seinen Zimmergenossen. Klar, er war nett, lustig und ganz cool drauf und er räumte sogar gelegentlich das Zimmer auf.
    Aber andererseits war er kaum da. Vincent hockte jetzt schon den ganzen Vormittag alleine auf dem Zimmer, nur um auf Luke zu warten, damit er ihm wie versprochen den Geheimgang zur Küche zeigen konnte. Als er Vinc sich gerade auf den Weg zu den Zimmern der anderen Jungs machen wollte (er hielt es einfach nicht länger alleine in seinem Zimmer aus), schlitterte Luke um die Ecke.
    „Hey Vinc, die Verspätung tut mir Leid... Wir Engländer haben es nicht so mit der Pünktlichkeit.“ Luke versuchte zu lächeln und atmete schnell, er war wohl gerannt, und Vinc zuckte mit den Schultern. „Jetzt bist du ja da. Wollen wir?“

    Ruby trottete langsam die Stufen zum Gemeinschaftsraum hinauf. Was ihr Schulleiter ihr eben alles anvertraut hatte, war ziemlich viel und vor allem sehr intim. Wie sehr ihr vertrauen musste – schließlich könnte es auch sein, dass Ruby das Ganze an die große Glocke hängt und die Geschichten mit Blake würde dem Ministerium wahrscheinlich für eine Verhaftung Sapiens´ reichen.
    Doch andererseits war Ruby zurzeit wirklich nicht nach Aufmerksamkeit und das letzte, was sie wollte, war, dass Sapiens nicht mehr ihr Schulleiter wäre. Sie wusste nicht warum, aber Ruby vertraute ihm. Irgendwie wirkte er so weise und alt... Als ob er alles wissen würde.
    Ruby kam im Gemeinschaftsraum an und lief dann zu ihrem Zimmer – wo Leyla auf sie wartete.
    „Hey“, sagte Ruby, weil ihr nichts anderes einfiel.
    Leyla musterte sie kurz besorgt. „Wie geht´s dir?“
    „Keine Ahnung, ehrlich gesagt.“ Ruby setzte sich auf ihr Bett und seufzte. „Jedenfalls besser als vorhin... Weißt du was? Sapiens war vorhin bei mir.“
    „Und was hat er gesagt?“
    „Er hat mir erzählt, was er auch schon dir gesagt hat – das mit Zoe Blake“, erklärte Ruby. „Und noch was. Nämlich, dass Blake früher in dem Wald, wo alle möglichen Wesen wie Vampire, Einhörner und so lebten, ein Massaker veranstaltete und jedes Geschöpf dort getötet hat.“
    Leyla klappte der Mund runter. „Das ist nicht dein Ernst“, rief sie bestürzt. „Ich meine – wie alt war sie da? Siebzehn? Achtzehn?“
    „Tja... das zeigt, dass die Frau auch alles durchzieht, was sie will und dabei keine Rücksicht nimmt. Was für mich wohl ein bisschen unpraktisch wird, wenn ich bei ihr im Keller liege“, fügte Ruby bitter hinzu.
    „Ruby...“ Leyla sah sie ernst an. „Du weißt doch gar nicht, ob das überhaupt eine echte Vision war oder ob Luke einfach nur ein blutrünstiges Unterbewusstsein hat...“
    „Das hat er nicht“, unterbrach Ruby sie mit einer so harten Gewissheit in der Stimme, dass Leyla überrascht und erschrocken inne hielt. „Als er mir diese komische Spritze gegeben hat, hatte ich auch einen Traum – oder Vision, keine Ahnung – die sich mit dem, was er träumt, ziemlich deckt. Es war in der Walpurgisnacht, ich hab die Hand dieser Frau berührt und dann diesen Ausschnitt aus meiner Zukunft gesehen. Und jetzt kannst du dreimal raten, wie der ausgesehen hat.“
    Leyla schüttelte vehement den Kopf. „Du machst dir das zu leicht. Vielleicht ist das alles nur ein großer Zufall. Bitte tu dir den Gefallen, und denk nicht das Schlechteste – wenigstens bis zur Walpurgisnacht, denn da werden wir schließlich erfahren, wie viel Wahrheit an dem ganzen dran ist, oder nicht?“ Sie sah Ruby mit einem Blick an, den man fast schon als flehend bezeichnen konnte.
    Und Ruby stieg aus ihrem Bett, ging zu Leylas und kuschelte sich an sich. Sie sagte nichts, aber sie war sich sicher, dass Leyla wusste, wie sehr Ruby ihr dankte. Es gab eigentlich nichts besseres, was ihre beste Freundin ihr hätte sagen und für tun können, als dieses „denk bis zur Walpurgisnacht nicht das Schlechteste“ und sie jetzt in den Arm zu nehmen.

    „Ruby Meyer!“ Die schneidende Stimme von Rubys Lehrer in Geschichte der Zauberei riss sie aus ihren Gedanken.
    „Ja, Herr Bruns?“, fragte Ruby verwirrt, sie hatte keine Ahnung was eben besprochen wurde.
    „Es ging gerade um den Grund, warum Albus Dumbledore, der berühmte, mächtige und eigentlich als so weise geltende Zauberer aus dem 20. Jahrhundert, sich nicht von den eindeutigen dunklen Machenschaften Grindewalds losreißen konnte und Herr Clark hat eben einen interessanten Vorschlag gemacht. Was halten sie von seiner Idee?“ Er zog eine Augenbraue hoch und sah sie abwartend an.
    „Ich gebe ihm vollkommen Recht“, sagte Ruby so selbstbewusst, wie sie nur konnte, schließlich wusste sie überhaupt nicht, was Luke gesagt hatte.
    Doch Herr Bruns war leider nicht der Dümmste. „Was hat er denn gesagt?“, fragte er süffisant.
    „Ich – ähm – ich weiß es nicht, Herr Bruns.“ Ruby sah in entschuldigend an. „Tut mir Leid.“
    „Nun, Herr Clark ist der Meinung, dass Albus Dumbledore vielleicht aus Liebe nicht gegangen ist.“ Er sah sie grimmig an und fügte dann verärgert zu: „Also ehrlich, da mache ich einmal etwas, dass nicht strikt im Lehrplan steht und ein bisschen kreativ ist, und da hört ihr nicht mal zu!“
    Ruby räusperte sich. „Ich denke, dass das gut möglich ist. Aus Liebe tun die Menschen viele Dinge, die dumm und normalerweise unverzeihlich sind.“ Ruby wartete kurz, so poetisch hat sie noch nie gesprochen – und sie wollte wissen, wie Luke reagierte. Doch andererseits sollte er den ersten Schritt machen, und da er drei Bänke hinter ihr saß, wollte Ruby sich nicht umdrehen. „Doch ich denke, dass Liebe etwas ist, bei dem man ohne Vergeben nicht weit kommt.“
    Irgendetwas sagte Ruby, dass sie sich vor fast der gesamten Klasse lächerlich gemacht hatte, aber es war ihr egal. Denn Vinc, Noah, Kilian, Liv und Megan wussten seit einem Tag auch von fast allem – und natürlich haben sie im ersten Moment nicht gewusst, was sie sagen sollen, aber es hat gut getan, die Last nicht mehr alleine tragen zu müssen.
    Doch Ruby und Leyla konnten ihnen nicht von Luke und Blake erzählen, denn sie hatten gedacht, es wäre das Beste, wenn so wenige Leute wie möglich von seinem Doppelleben wussten.
    Während Herr Bruns Ruby nun erstaunt ansah, hörte sie, wie jemand seinen Stuhl nach hinten schob und aufstand. Die gesamte Klasse drehte sich um und Ruby sah, dass es Luke war.
    Er hatte ein seltsames Funkeln in den Augen und es schien ihm überhaupt nicht peinlich zu sein, dass er von allen Personen im Raum angestarrt wurde.
    „Herr Bruns, ich muss kurz an die frische Luft. Es ist so stickig hier drin.“ Dann ruhten Lukes Augen auf Ruby – die in dem Moment wusste, was sie wollte, sich auch erhob und sagte: „Und ich muss auf die Toilette, bitte.“
    Herr Bruns sah die beiden einen Moment an und schien zu überlegen, dann seufzte er. „Na los, haut ab – aber denkt ja nicht, dass ich den Zusammenhang nicht erkennen würde!“
    Es waren vereinzelte Lacher zu hören, aber Ruby und Luke hatten dafür keine Ohren.

    Rubys zweiter Kuss mit Luke war genauso schön wie der erste, aber dennoch anders. Unter der Fichte hatte eine Mischung aus Verwirrung, Hoffnung und Überraschung mitgespielt, doch jetzt wussten sowohl Ruby als auch Luke, was passierte. Ruby schlang die Arme um Luke, dessen linke Hand behutsam ihren Nacken umfasste, während die andere sanft ihren Wangenknochen streichelte. Seine Lippen schmeckten nach etwas nach Honig und fühlten sich weich, aber drängend an. Ruby wusste, dass sie Fragen hätte stellen müssen, dass das alles nicht so einfach funktionierte, doch in dem Moment konnte sie sich nicht von Luke losreißen.
    „Ich liebe dich, Ruby“, hauchte Luke mit rauer Stimme zwischen ihren Küssen. „Kannst du mir verzeihen?“
    Ruby sah in lächelnd an. „Haben sie meinen poetischen Worten eben etwa nicht gelauscht, Herr Clark?“, erkundigte sie sich gespielt empört.
    „Ich war mir nicht sicher, ob ich richtig verstanden habe“, erwiderte Luke entschuldigend. „Ich bitte um Verzeihung.“
    Ruby lachte – das erste echte Lachen der vergangenen Tage und es tat unglaublich gut. „Idiot“, schnaubte sie.

    9
    Gratulation, du hast es echt bis hier hin geschafft zu lesen (oder du hast einfach alle Kapitel übersprungen, auch dafür meinen Glückwunsch xd)!

    10
    Irgendwie bin ich zu doof, diese Kapitel zu löschen:3

    11
    Ich freue mich über jede Art von konstruktiver Kritik, Lob, Anregungen etc.:)

Kommentare Seite 0 von 0
Klicke hier um ein Kommentar zu schreiben - Wenn du Mitglied bei testedich bist logge dich bitte hier ein
Noch keine Kommentare.

Sie haben die Möglichkeit den Text zu gestalten.
((bold))Fett((ebold)) ((cur))Kursiv((ecur)) ((unli))Unterstrichen((eunli))
((big))groß((ebig)) ((small))klein((esmall))
((green))grün((egreen)) ((maroon))dunkelrot((emaroon)) ((olive))graugrün((eolive)) ((navy))marineblau((enavy)) ((purple))violett((epurple)) ((teal))teal((eteal)) ((gray))grau((egray)) ((red))rot((ered)) ((blue))blau((eblue)) ((fuchsia))fuchsia((efuchsia))
Bitte beachten Sie, dass Sie immer beide Codes, z.B. ((bold)) hier der Text der fett sein soll ((ebold)), gebrauchen, mit dazwischen den Text.