Halt durch, mein Bruder

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1 Kapitel - 1.040 Wörter - Erstellt von: Nebelwald - Aktualisiert am: 2016-04-06 - Entwickelt am: - 592 mal aufgerufen- Die Geschichte ist fertiggestellt

Angst. Qualen. Und nur ein Gedanke: mein Bruder.

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    Es ist dunkel im Zimmer, aber ich liege wach. Du hast dich neben mir zusammengerollt, regst dich nicht mehr. Nur dein Herzschlag verrät, dass du noch lebst. Ich hebe langsam die Hand und streiche durch dein struppiges, stumpfes Haar. Dein Gesicht ist eingefallen, du bist mager geworden. Deine Mundwinkel sind nach unten gezogen. Wenn ich daran denke, wie es früher war. Deine Haare waren glänzend und seidig, du hast gelacht und mit mir gescherzt. Das ist vorbei. Du bist ernst geworden. Schon seit zwei Jahren habe ich dich nicht mehr lachen hören. Tränen perlen über meine Wangen. Was hat er dir nur angetan. Wut und Hass lodern in mir hoch. Doch ich weiß, dass es nichts bringt. Er ist viel zu stark für mich. Aber ich kann nicht mehr zusehen, wie du innerlich kaputtgehst an den Schmerzen, die du empfindest. Ich weiß, dass du es hasst. Egal wie gut du lügst. Ich weiß, dass du heimlich weinst. Dass du Alpträume hast. Erzähl mir nichts anders; du zerbrichst an den Schuldgefühlen. Aber du kannst doch gar nichts dafür! ER ist das Monster. Du machst das doch nicht freiwillig. Er zwingt uns. Du bewegst dich unruhig im Schlaf. Ich streichele deine Schulter. Keine Angst. Ich werde dafür sorgen, dass er dich nie wieder quält. Ich werde dich rächen. Halt durch, mein Bruder.

    Wir haben Pause, er hat eingesehen, dass ihr beide nicht mehr weiter könnt. Es ist nebelig und kalt, leichter Nieselregen fällt. Ihr zittert wie Espenlaub, aber er nimmt keine Notiz davon. Wütend starrte ich ihn an. Dann reiße ich mir meine Jacke vom Körper und lege sie euch um die Schultern. Er herrscht mich an, ich soll sie sofort wieder anziehen. Er kann es sich nicht leisten, wenn ich krank werde. Ich balle meine Hände zu Fäusten und hebe trotzig das Kinn. Er kocht vor Wut, aber kann nichts tun. Auch wenn es nur ein kleiner Erfolg ist, ich fühle mich besser. Irgendwann bin ich stark genug, um euch zu befreien. Glaubt mir. Ich werde euch nicht aufgeben. Schon treibt er uns zur Eile an. Du überlässt meine Jacke Toby und stolperst langsam neben mir her. Ich halte dich besorgt fest, als du einknickst. Lange schaffst du es nicht mehr. Du gibst keinen Laut von dir. Du öffnest mühsam die Augen und deine Mundwinkel zucken. Es soll wohl ein beruhigendes Lächeln sein, aber ich mache mir solche Sorgen um dich. Halt durch, mein Bruder.

    Wir sind fast zu Hause. Toby ist eingeschlafen, ich trage ihn. Er ist der jüngste und muss genauso hart arbeiten wie wir. Das ist nicht fair. Dennoch nimmt niemand Rücksicht auf ihn. Ich bringe ihn in sein Zimmer und decke ihn zu. Gemeinsam gehen wir in die Küche, wo er wartet. Er weißt auf den Tisch. Unser Abendessen. Hungrig stürzen wir uns darauf. Wie immer gibt es nur Brot und Käse, dazu für jeden einen Apfel. Egal. Wir achten darauf, dass genug für Toby übrig bleibt. Er kann später essen. Später sitzen wir in unserem Zimmer. Du bist müde, sagst du, und willst dich hinlegen. Ich nicke nur. Du drehst dich zur Wand und rollst dich zusammen. Ich schalte das Licht aus und lege mich in mein Bett. Selbst im Dunkeln kann ich erkennen, dass dein gesamter Körper von Krämpfen geschüttelt wird. Halt durch, mein Bruder.

    Es ist eiskalt. Ich wache von deinen Schreien auf. Ängstlich sehe ich zu dir hinüber. Du sitzt kerzengerade im Bett, deine Augen sind weit aufgerissen vor Angst. Dein Atem rast und du zitterst. Ich stehe auf und knie mich neben dir auf das Bett. Du weinst. Wenn ich dir doch helfen könnte! Ich würde sterben, damit du dieser Hölle entkommen kannst. Aber auch wenn ich sterbe, dir bringt es nichts. Im Gegenteil, dann bist du ganz alleine. Aber ich will nicht mehr zusehen, wie du leidest. Ich hasse es, wenn du so bist. Du sagst gar nichts, sitzt nur da. Ich umarme dich. Du entspannst dich ein wenig. Ach mein Bruder. Ich wünschte, ich könnte dir deine Last abnehmen. Lass mich dir doch wenigstens helfen! Aber du bist stur. Und du bist stark. Aber nicht mehr lange. Du legst dich wieder hin, immer noch schlotternd. Dir ist sicher auch kalt. Ich breite meine Decke über dich und lege mich wieder hin. Egal, ob ich friere. Hauptsache, dir geht es besser. Du schläfst wieder ein. Ich höre, wie dein Atem ruhiger wird. Halt durch, mein Bruder.

    Nun sind wieder einige Tage vergangen. Oh mein Bruder. Es tut mir so leid. Ich sitze auf meinem Bett und schreibe dir einen Brief. Einen Abschiedsbrief. Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht mehr stark sein. Ich will sterben. Mach es gut, mein Bruder. Irgendwann entkommst du dieser Hölle. Ich schwöre es. Ich erkläre dir nicht, warum ich gehe. Du wirst es wissen. Ich starre lange auf die Tabletten in meiner Hand. Soll ich es tun? Ich will dich nicht im Stich lassen. Aber ich will auch nicht mehr hierbleiben. Der Schmerz ist unerträglich geworden. Wenn ich deine leeren, kalten Augen sehe, werde ich unendlich traurig. Nun bist du auf dich allein gestellt. Kümmere dich gut um Toby. Er ist noch so jung. Er kann es schaffen. Schnell schütte ich mir die Tabletten in den Mund und trinke das Wasserglas aus, dass ich mir geholt habe. Kaum habe ich die Überdosis Schlafmittel geschluckt, wird mir schwummerig. Das letzte, was ich sehe, ist ein Umriss, der zur Tür hereinkommt. Du schaffst das. Sei stark. Halt durch, mein Bruder.

Kommentare Seite 1 von 1
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Me ( 4.143 )
Abgeschickt vor 222 Tagen
Alter! Ich musste mich erst mal beruhigen, nachdem ich die Geschichte gelesen hab O.o! Mach bitte weiter so dein Schreibstil is einfach nur der Hammer! :)
Estelle ( 2.203 )
Abgeschickt vor 236 Tagen
Gehe ich recht der Annahme, dass diese Geschichte von Slenderman und seinen drei Proxys handelt? Ich vermute, entweder Hoodie oder Masky erzählen die Geschichte. Denken andere das auch oder kommt es mir nur ao vor?
Louisiana &Lily ( .2.60 )
Abgeschickt vor 256 Tagen
Omg Gänsehaut! !!
Majouri Schattenwandler ( 84.26 )
Abgeschickt vor 280 Tagen
Ich mag die Geschichte sehr ^^ Du hast einen echt packenden Schreibstil, mach weiter so!