Schätze aus dem Bücherregal meiner Kindheit

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3 Kapitel - 1.607 Wörter - Erstellt von: Jörg - Aktualisiert am: 2016-03-31 - Entwickelt am: - 351 mal aufgerufen- Die Geschichte ist fertiggestellt

Bei den ersten Zügen des Frühjahrputzes bin ich auf dem Dachboden gleich mal über mehrere (nicht mehr nur leicht) angestaubte Kisten gestolpert. Den Inhalt der lange vergessenen Kartons musste ich, das gebietet schließlich die menschliche Neugier, unbedingt und sofort einmal genauer unter die Lupe nehmen und siehe da – stapelweise kamen längst vergessene Bücher aus Kindertagen zum Vorschein, die ich zum Teil schon seit mehreren Jahren (um nicht zu sagen: Jahrzehnten) nicht mehr in der Hand hatte. Dabei ist mir erst wieder richtig bewusst geworden, wie wichtig damals nicht nur die Bücher gewesen waren, sondern auch das Vorlesen.

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    Keine Ahnung, ob ihr die Erfahrung mit mir teilt, aber in dieser unsagbar lange zurückliegenden Zeit, die sich meine Kindheit nannte, gehörte das Vo
    Keine Ahnung, ob ihr die Erfahrung mit mir teilt, aber in dieser unsagbar lange zurückliegenden Zeit, die sich meine Kindheit nannte, gehörte das Vorlesen immer zu den wichtigsten und regelmäßigsten Ritualen meines Alltags. Eigentlich, wenn ich mich so zurück entsinne, war das eine Angelegenheit, die sogar täglich wiederholt wurde. Meistens von meiner Mutter und meistens schon morgens beim Frühstück. Während mein Bruder und ich uns also die Brote schmecken ließen, konnten wir uns jeden Tag, bevor wir aus dem Haus zum Kindergarten oder in die Grundschule mussten, alles anhören, was unsere Bücherregale zu Hause – oder, als die eben nicht mehr ausreichten, die der öffentlichen Bibliothek – hergaben.

    Wenn wir bei unseren Großeltern übernachtet haben, wurde die wichtige (und stets von uns eingeforderte) Aufgabe halt von denen übernommen. Da wurden vor dem Schlafengehen jedes Mal aufs Neue die Lurchi-Bücher bemüht – die hatten meine Großeltern nämlich in einer sonst ungekannten Vollständigkeit. Die Nostalgiker erinnern sich möglicherweise noch an die gereimten Geschichten, die den Salamander und seine Freunde um die ganze Welt schickten. Unangefochtene Lieblingsepisode bleibt aber auch nach Jahrzehnten immer noch die um die fußballspielenden Drachen. Die – natürlich, denn Lurchi blieb auch als Kinderbuchfigur immer ein Werbeträger – erst das richtige Schuhwerk brauchten, damit ihnen nach dem Kicken – mit kugelförmigen Felsen, wohlgemerkt – nicht die Füße schmerzten.

    Ich glaube, die Klassiker haben wir dabei in der Gesamtrückschau so ziemlich alle gehört: Mit am besten kann ich mich zum Beispiel an die Geschichten von Ottfried Preußler erinnern, die wir samt und sonders gehört haben. Die waren schon damals auf faszinierende Weise unterhaltsam und gruselig zugleich. Das hat allerdings dafür gesorgt, dass sich so manche Episode nachhaltig ins Gedächtnis gebrannt hat: Die Rutschpartie des Kleinen Wassermanns auf dem Mühlenrad beispielsweise kam mir schon damals mehr als aufregend vor, was nicht zuletzt an der expliziten Erwähnung möglicher Knochenbrüche (was für eine schmerzhafte Vorstellung!) lag. Da gab es noch nicht einmal eine eigenständige Bezeichnung für solche „Adrenalinjunkies“!

    Und irgendwie hatten auch die Geschichten vom Räuber Hotzenplotz immer etwas Schauerliches, wozu die Illustrationen nicht selten ihren Beitrag leisteten. Für uns Kinder waren da viele der märchenhafteren Elemente schon etwas befremdlich und für Grundschüler klingen dann eben auch Ortsnamen wie Buxtehude überaus exotisch – vielleicht auch, weil Schreibanfänger selbst nur selten den Buchstaben „X“ verwenden.

    Highlights waren in jedem Fall immer die Bücher vom Urmel aus dem Eis. Die kannten wir tatsächlich schon, bevor wir die ersten Folgen der Augsburger Puppenkiste gesehen haben. Die Geschichten waren dabei nicht so sehr wegen der Handlung interessant oder lustig – eine nachhaltige Wirkung hatten sie auf meinen Bruder und mich (und wahrscheinlich so ziemlich jeden, der sie einmal gehört hat) wegen der Sprachfehler der Tiere, mit denen das Urmel auf der Insel Titiwu zusammenlebt. Die besonderen Höhepunkte waren, zumindest meiner Meinung nach, der Pinguin Ping, der aus jedem gesprochenen „sch“ ein „pf“ machte – wer einmal mit dem Wort „Mupfel“ konfrontiert worden ist, wird das jedenfalls nicht so leicht los. Der andere Höhepunkt war das immer wiederkehrende „öff öff“ von Hausschwein Wutz.

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    Zu der Zeit, als die Bücher von Ottfried Preußler, Max Kruse und oft genug Astrid Lindgren (komischerweise standen da die Streiche von Michel aus L
    Zu der Zeit, als die Bücher von Ottfried Preußler, Max Kruse und oft genug Astrid Lindgren (komischerweise standen da die Streiche von Michel aus Lönneberga und die Geschichten der Kinder von Bullerbü wesentlich höher im Kurs als die vermutlich noch populärere Pippi Langstrumpf) aktuell waren, hatten wir das zarte Kleinkindalter natürlich schon längst hinter uns gelassen und waren gestandene Grundschüler. Das heißt selbstverständlich keineswegs, dass Bücher bei uns erst in dieser Zeit eine Rolle gespielt hätten.

    Eigentlich war es immer eine gute Idee, uns mit einem Buch zu versorgen (Tierbücher standen zum Beispiel lange sehr hoch im Kurs bei uns). Und der Blick in die Bücherkisten von früher hat das auch noch einmal gezeigt. Die Geschichten mussten nicht mal besonders umfangreich oder inhaltlich furchtbar spannend sein. Der eine oder andere erinnert sich möglicherweise noch an klassisches ‚Kulturgut‘ wie „Ich bin die kleine Katze“, eines der ersten Bücher, an das ich noch eine bewusste Erinnerung habe.

    Mittlerweile ist das Buch genauso alt wie ich und doch keineswegs weniger aktuell. Erfreulicherweise und völlig zu Recht gehört es daher immer noch zu den Empfehlungen der Stiftung Lesen, wie ich bei einer kurzen Recherche herausfinden dürfte. Schließlich gibt es vielleicht keine bessere – zumindest für Kinder ab einem Jahr aufbereitete – Schilderung des Alltagsgeschehens einer kleinen Katze. Abgesehen davon ist das Buch, wie im Übrigen die ganze Reihe, in vielerlei Hinsicht eine Entdeckungsreise durch die Welt der Tiere. Dabei sind die Texte, die ohnehin nur in sehr reduziertem Umfang eingesetzt werden, fast schon zweitrangig: Die dargestellten Szenen erklären sich im Grunde von selbst und bieten dazu noch eine Detailfülle, die weit über die Erklärungen hinausgehen.

    Dass Texte in Kinderbüchern, zumindest bis zu einem gewissen Alter, vielfach überschätzt werden, konnte ich bei der gemeinsamen ‚Lektüre‘ mit meinem Neffen feststellen (der inzwischen schon ein ganzes Stück anspruchsvoller geworden ist und nicht davor zurückschreckt, bestimmte Bücher solange vorgelesen zu bekommen, bis er sie komplett auswendig mitsprechen kann). Der hat anfangs vor allem Wimmelbildbücher aller Art geliebt, die zwar kein Vorlesen im eigentlichen Sinne erlauben, aber im Prinzip eine gute Hinführung darstellen. Das Deuten auf die einzelnen Figuren, Gegenstände oder Geschehnisse, das immer verbunden war mit der Erwartung einer Erklärung von uns Erwachsenen, konnte der Kleine bis zur totalen Erschöpfung wiederholen – und zu meiner Schande muss ich gestehen, dass er dabei ausdauernder war als wir Älteren.

    Sein Lieblingsbuch war übrigens lange Zeit „Gute Nacht, Gorilla“ von Peggy Rathmann, das man mit Sicherheit auch als Erwachsener noch witzig finden darf! Die Geschichte vom vorwitzigen Gorilla, der dem Zoowärter auf seiner abendlichen Runde folgt und die Tiere mit dessen Schlüssel freilässt, kommt übrigens auch fast ohne Text aus – von einem wiederholten „Gute Nacht“ einmal abgesehen. Mehr braucht es auch gar nicht, denn zum einen ist die Handlung nicht übermäßig komplex, zum anderen sind die Illustrationen detailreich genug, um für ausreichenden Gesprächsstoff zu sorgen. Das funktioniert offenbar nicht nur bei meinem Neffen so gut – und zwar nicht nur als Gute-Nacht-Geschichte! –, dass sogar Die Zeit das Buch mit einer Erwähnung ehrte. Andererseits ist das Urteil der Kinder in dieser Hinsicht natürlich ungleich wichtiger!

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    Das Tolle an der offensichtlichen Bücherfreude meines kleinen Neffen ist vor allem, dass ich mich und meinen Bruder darin wiedererkennen kann. Uns wu
    Das Tolle an der offensichtlichen Bücherfreude meines kleinen Neffen ist vor allem, dass ich mich und meinen Bruder darin wiedererkennen kann. Uns wurde beiden schon sehr früh nicht nur der Spaß an den Büchern, sondern auch an der Verbindung von Wort und Sprache mit auf den Weg gegeben. Den haben wir uns, soweit das der Berufsalltag letzten Endes noch zulässt, erhalten. Dazu kommen all die Erinnerungen, die uns Zeit unseres Lebens begleiten werden, selbst wenn sie zwischenzeitlich mal unter dem ganzen alltäglichen Kram begraben werden.

    Rückblickend ist das für mich persönlich vielleicht sogar die wichtigste Erfahrung, die ich aus den vielen Vorlesestunden mitgenommen habe. Klar, die haben, wie ich jetzt einfach mal zu behaupten wage, auch meinem Wortschatz und Sprachverständnis nicht geschadet. Tatsächlich wird gerade der Aspekt der Förderung von unterschiedlichsten Kompetenzen durch das gemeinsame Lesen heutzutage vielfach betont und das ist ganz sicher richtig. Ebenso richtig ist allerdings, dass dadurch eben sehr viel mehr in einem Kind in Bewegung gesetzt werden kann.

    Ich würde daher niemals widersprechen, wenn die Wichtigkeit des Vorlesens hervorgehoben wird. Aber abgesehen von allen denkbaren förderlichen Effekten, ist es doch vor allem eine emotionale Angelegenheit – das gilt für die enge Bindung zu unseren Vorlesern ebenso wie für die Gefühle, die mit den Büchern und Geschichten selbst zusammenhängen. Das ist zumindest mein Eindruck und der ist Grund genug, von jetzt ab wieder öfter zu den Lieblingen meiner Kindheit – wie konnte ich nur den „Glücklichen Löwen“ vergessen! – zu greifen, auch wenn gerade kein Kind da ist. Nur der Nostalgie willen.

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Schätze aus dem Bücherregal meiner Kindheit
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2016-03-30
40C0
Eigene Geschichten

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