Panem - deine eigene Geschichte

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40 Kapitel - 31.965 Wörter - Erstellt von: Ineriä - Aktualisiert am: 2016-01-18 - Entwickelt am: - 16.000 mal aufgerufen - User-Bewertung: 4.81 von 5.0 - 21 Stimmen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Wolltest du schon immer deine eigene, persönliche Geschichte über dich in Panem erleben? Die bekommst du! Melde dich in den Kommentaren an und ich werde eine Geschichte schreiben - aus der Sicht verschiedener Tribute. Ich schreibe also eine Geschichte mit DIR als Tribut und veröffentliche Kapitel für Kapitel.

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    Hallo und herzlich willkommen zu den ersten Hungerspielen des Kapitols! Wie du sicherlich schon erfahren, ist Distrikt 13 nach den Aufständen zu Schutt und Asche verbrannt worden. Die Hungerspiele sind eine Premiere und sollen dafür stehen, dass niemand das Kapitol besiegen kann - 24 Tribute aus den 12 Distrikten betreten die Arena, aber nur einer verlässt sie wieder lebendig. Wirst du es sein?

    Um in der Geschichte vorzukommen müsst ihr Folgendes tun: Einen Steckbrief von euch in die Kommentare schreiben, so detailliert, dass ich mir euren Charakter und eure Vorgehensweise gut vorstellen kann. Zu knapp gefasste Steckbriefe können leider nicht gewertet werden oder damit enden, dass der Charakter am ersten Tag stirbt ... Ich werde jede Woche ein neues Kapitel bzw. einen neuen Tag in der Arena (be)schreiben (am Anfang kommen noch die Ziehung und das Training hinzu). Wenn ihr clever agiert, werdet ihr den Sieg davontragen! Und, wichtig, ihr müsst jede Woche einen neuen Steckbrief von euch in den Kommentaren hinzufügen - und zwar handelt dieser von eurer Taktik für den nächsten Tag! Wer in einer Woche keinen neuen Steckbrief schreibt, wird vom Kapitol aufgefressen. MUHHAHAHAHA ^^
    Achtung: Dies ist kein gewöhnliches RPG! Ihr selbst seid zwar in der Geschichte, aber ich werde sie schreiben. Bis auf die Steckbriefe und die Sponsoren kommt also nichts in die Kommentare!

    Hier kommt der Steckbrief (bitte keine Punkte auslassen):
    Name (Vor- und Nachname):
    Alter:
    Geschlecht:
    Geburtsdatum:
    Distrikt:
    Aussehen (Statue: groß/klein/stämmig/schlank; /sportlich/..., Haarfarbe, Augenfarbe, Haarlänge):
    Familie (Eltern, Geschwister, deren Alter):
    Übrigens kann KEIN Geschwisterkind in den HG gestorben sein, da es die ersten sind ... bedenkt das bitte ^^
    Beziehung zu Eltern/Geschwistern:
    Wohnort und Besitz (Wellblechhütte/Haus/Straße/...; evtl. Tiere oder spezielle Luxusgüter):
    Freunde (Clique, bester Freund usw., evtl. auch Beziehungsstatus):
    Und NEIN, ihr habt nicht Katniss, Prim, Peeta oder Gale als Freunde ... sie sind zu dieser Zeit noch gar nicht auf der Welt:)
    Angst vor den Hungerspielen? (bitte mit Begründung):
    Wie viele Zettel hast du (aufgrund von Tesserasteinen)?:
    Hobbys (eine Sportart/bei Freunden sein/...):
    Charakter (freundlich/fröhlich/ernst/hinterlistig/aufgeschl ossen/verschlossen/clever/...):
    Den Charakter könnt ihr an eure wirkliche Persönlichkeit anlehnen, denn es geht ja auch um euch in den Hungerspielen. Bitte schreibt nicht alle "klug", beweist ein wenig Kreativität!:)
    Stimmung bei der Ernte (nervös/aufgeregt/ängstlich ...):
    Erntekleidung:
    Reaktion, wenn du gezogen wirst (was nicht unbedingt vorkommen muss):

    Um es ganz fair zu machen, werde ich die Tribute auslosen. Wenn du ein Junge bist und aus einem unbeliebten Distrikt kommst, hast du größere Chancen, gezogen zu werden - denk mal darüber nach ;) Alle Distrikte und Geschlechter haben die gleichen Gewinnchancen. Das erste Kapitel wird aus der Sicht mehrerer Tribute geschrieben, ich versuche, deren Geschichten und den Ablauf der Ernte zu erzählen.

    Falls du nicht gezogen wurdest, kein Problem: Denn die ZUSCHAUER spielen auch eine große Rolle in der Geschichte. Einmal während der Spiele könnt ihr (ihr müsst aber nicht) einem Tribut ein kleines Fallschirmgeschenk machen. Beachtet, dass ihr wirklich nur EINMAL die Möglichkeit dazu habt ^^. Wählt euer Geschenk so, dass es dem Tribut eine wahre Hilfe ist. Ihr könnt NICHT mehrere Geschenke an einen Fallschirm hängen. Am klügsten wäre es, diese Möglichkeit nicht direkt am Anfang zu verschwenden wer weiß, was noch kommt. Ach ja, und ihr müsst natürlich nicht wirklich etwas dafür bezahlen:). Dasselbe gilt für die gefallenen Tribute. Zwei Ausnahmen: 1) der letzte, der stirbt kann dem Sieger natürlich nichts mehr spenden und 2) die Tribute, die bei dem Gemetzel am Füllhorn sterben, dürfen zwei Geschenke machen, damit das ganze wenigstens ein bisschen gerecht ist. Schreibt einfach in die Kommentare:
    Name des Tributs, an den das Geschenk geht:
    Euer Name aus dem Steckbrief:
    Distrikt des Tributs (es spielt keine Rolle, aus welchem Distrikt ihr selbst seid!):
    Art des Geschenks:
    Ich werde dem jeweiligen Tribut das Geschenk "gutschreiben". Achtet darauf, dass nicht zwei Sponsoren dasselbe Problem lösen wollen.

    Falls DU gezogen wirst, schreib diesen Steckbriefzusatz in die Kommentare:
    Wie rechnest du dir deine Chancen aus (Stärken/Schwächen):
    Gebt eure Schwächen wirklich zu und sagt nicht "ich kann nicht töten" - das kommt später.
    Schreibt Dinge wie: Ich kenne mich (nicht) mit essbaren Pflanzen aus, ich bin sehr/nicht kräftig, ich kann gut/nicht mit Waffen umgehen, ich finde wahrscheinlich viele/keine Sponsoren durch meinen Charakter, ...
    Mindestens drei Stärken und drei Schwächen erwünscht!
    Könntest du die anderen Tribute wirklich töten? Wenn ja, wen? Wen nicht? Wenn nein, warum nicht?:
    Verbündete (wenn ja, bitte mögliche Namen angeben. Am besten mehrere, damit es Übereinstimmungen gibt.):
    Bevorzugte Waffen (Pfeil und Bogen, Dolch, Schwert, Wurfaxt, Wurfmesser, Dreizack, Ahle, Blasrohr, Schleuder; möglichst so, dass es zum Distrikt passt, muss aber nicht unbedingt sein):
    Das willst du im Trainingslager lernen (z.B. Knoten machen, Tarnung, essbare Pflanzen lernen, Umgang mit Waffen)?:
    Was führst du im Trainingslager vor?:
    Kannst du schwimmen? Wie gut? (Bedenkt, dass die Tribute aus Distrikt 4 sehr gut schwimmen können, die anderen wenig bis gar nicht. Manche können es, manche nicht - seid realistisch, es ist nicht entscheidend für den Ausgang der Spiele):
    Deine Haltung während des Interviews? (zurückhaltend/kühl/freundlich/wütend/humorvoll /...):
    Welches Terrain erhoffst du dir in der Arena und warum? (Wald, Wüste, zerstörte Stadt, Dschungel, Sumpf, Höhlen, freies Feld, Eislandschaft, Berg oder Meer):
    Was tust du, wenn der Gong ertönt (sofort wegrennen/nach irgendetwas greifen und wegrennen/eine Waffe holen und wegrennen/zum Füllhorn, Waffen und Essen holen und Tribute töten):

    Ab dann jede Woche folgenden Steckbrief in die Kommentare schreiben:
    Jetzige Beziehung zu deinen Verbündeten (Vertrauen?):
    Was denkst du, passiert am nächsten Tag? (Fallen des Kapitols, andere Tribute machen Jagd auf dich, ...):
    Deine Taktik für den nächsten Tag? (verstecken, umherziehen: wenn du gehst, wohin?, nach Essen suchen, ...):
    Dein Umgang mit folgenden Problemen:
    Essen (jagen gehen, nach Pflanzen suchen, Füllhorn, hungern etc.):
    Trinken (umherstreifen, Füllhorn, durstig bleiben etc.):
    Mögliche Wunden (wie versorgen):
    Kälte/Hitze:
    Sonstige Anmerkungen (nicht unbedingt nötig); (möchtest du einen bestimmten Satz sagen? Nicht abgekupfert von Katniss, okay? ^^ Suchst du einen bestimmten Tribut? Sonst irgendetwas?):

    Die Arena ist ein Rätsel (so wie in Catching Fire, allerdings ist es keine Uhr), das ihr lösen müsst. Ich werde euch in der Geschichte versteckte Tipps geben. Falls ihr es wisst, schreibt eure Vermutung in die Kommentare. Der Tribut, der als erster die vollständige Lösung schreibt, bekommt (von mir) zwei großzügige Sponsorengeschenke.

    Denkt daran, ich werde aus verschiedenen Sichten schreiben, und zwar aus der Sicht des Tributes, dessen Situation/Steckbrief mich gerade am meisten interessiert. Es ist also möglich, dass einige Tribute mehrere Male an die Reihe kommen. Mit gewinnen hat das nichts zu tun - das versuche ich, realistisch darzustellen.
    Am Ende des Kapitels wird eine Liste aller noch lebenden Tribute kommen. Dahinter stehen ihr Status (verletzt, müde, hungrig, krank, gesund ...) und ihr Besitz (Waffen/Essen/Schlafsack/...). Das heißt, dass folglich jeder Tribut über den anderen Bescheid weiß, was natürlich ein Nachteil ist. Allerdings weiß nur ich, wo sich die einzelnen Tribute gerade befinden, ich verrate euch nur das Terrain, damit ihr planen könnt. Danach kommt eine Liste der Tribute, die in diesem Kapitel gestorben sind und auch die Art ihres Todes, da ich diesen leider nicht immer ganz ausführen kann.

    Ich denke mal, das war's von meiner Seite. Wenn ihr noch Fragen habt, ab in die Kommentare damit! ^^

    Also: Fröhliche Hungerspiele und möge das Glück stets mit euch sein!

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    Rue (12), Distrikt 5

    Kaum dass die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont scheinen, springe ich auf. Es ist noch früh, vielleicht die beste Zeit, um Essen zu besorgen, bevor alle Menschen wach sind. Mein vierzehnjähriger Bruder Hunter hat einen guten Schlaf – er wird nicht eher aufstehen, als dass ich ihn wecke. Aber Lune liegt auf ihrer kleinen Matratze und sieht mich an, und als ich mich zum Gehen wende, klammert sie sich an mein Bein.
    „Bleib hier, Rue“, jammert sie. „Lass mich nicht allein!“
    „Ich bin gleich zurück“, verspreche ich ihr und befreie mich mit sanfter Gewalt aus ihrem Griff.
    „Dann lass mich mitkommen!“, ruft Lune. Ich sehe ihrem kindlichen Gesicht an, dass sie mich nicht eher gehen lassen wird, als dass ich es ihr erlaube. Seufzend nicke ich. Die Miene der achtjährigen hellt sich augenblicklich auf, sie krabbelt aus ihrem provisorischen Bett und überschlägt sich fast. Erst jetzt merke ich, wie angespannt sie ist.
    „Wo gehen wir denn hin?“, piepst sie fast und greift nach meiner Hand, kaum dass sie es geschafft hat, aufzustehen.
    Ich zögere mit meiner Antwort. Darauf bin ich nicht vorbereitet, und auch wenn ich ihr versprochen habe, dass sie mitkommen darf, ist es mir nicht recht. Hunter weiß, woher ich das Essen nehme, von dem wir uns hauptsächlich ernähren, aber Lune habe ich es verschwiegen. Ich beschließe, ihr eine andere Aufgabe zu geben, während ich erledige, was zu erledigen ist.
    „Pass auf: Du gehst zu dem kleinen Feld um die Ecke und sammelst Beeren für das Frühstück“, erkläre ich ihr. „Aber pflück nur die, die ich dir gezeigt habe. Und iss auf keinen Fall welche, bevor ich sie mir nicht angesehen habe!“
    Ernst nickt Lune. „Und was machst du?“
    „Ich stoße gleich dazu“, weiche ich aus. Ein wenig Sorgen mache ich mir dann doch, als ich den kleinen Lockenkopf hinter unserer Hütte verschwinden sehe. Aber das Grummeln in meinem Magen reißt mich schließlich aus meiner Starre. Viel wird Lune sicher nicht finden, auch wenn sie ein kluges Mädchen ist. Dafür ist das Feld zu spärlich bewachsen. Ich muss dafür sorgen, dass wir frühstücken können.
    Ich falle in einen leichten Trab und peile zunächst die Häuser der reicheren Menschen aus meinem Distrikt an. Ein kurzer Blick in die Mülltonnen, ab und zu habe ich Glück. Heute finde ich ein verkohltes Stück Fleisch in einer, einen Rest Käse in einer anderen Tonne. Eine magere Ausbeute, wenn man bedenkt, dass ich außer mir noch zwei Geschwister zu ernähren habe. Meine Eltern haben uns hier zurückgelassen – meine Mutter lebt jetzt in Distrikt 1, mein Vater im Kapitol. Keiner von beiden wollte uns mitnehmen und die Verantwortung über uns tragen, und die Friedenswächter waren nach dem Aufstand so verbittert über die Distrikte, dass sie uns allein hier wohnen ließen.
    Ich blicke auf das Essen in meinen Händen. Dann wird es heute wohl etwas mehr Tesserabrot geben. Mein Bruder und ich haben beide mit unserem Namen bezahlt, sodass in den Hungerspielen drei Zettel mit meinem Namen in die Glaskugel wandern, bei Hunter sind es sieben. Wir durften uns so oft für Tesserasteine eintragen, wie wir wollten. Entweder, weil wir allein leben, oder weil sie uns unbedingt in der Arena umbringen wollen. Weil sie dann Lune in ein Heim stecken können. Aber das werde ich nicht zulassen.
    Meine Schwester hat eine Handvoll Brombeeren gesammelt und ich beglückwünsche sie betont fröhlich, während ich den Käse und das Fleisch teile und mit meinem Messer etwas Brot schneide. Aber meine Angst vor den Spielen bleibt.

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    Jake (16), Distrikt 10

    Dunkelheit umgibt mich, als ich durch die Straßen husche. Für eine Frühlingsnacht ist es überraschend kalt, mein Atem verpufft in Dampfwolken. Ich blicke mich kurz um, aber niemand ist zu sehen. Seltsam, dass mich nie jemand findet, obwohl ich nicht gerade klein bin. Aber vielleicht ist gerade das der Punkt. Vielleicht haben sie schon Angst vor mir, wenn sie meinen Schatten sehen, und kommen deshalb nicht näher. Ich will es für sie hoffen, denn ich trage immer mein Messer bei mir und scheue nicht davor zurück, es zu benutzen.
    Die Straßen von Distrikt 10 sind uneben und zu großen Teilen von schlammigen Wegen durchkreuzt. Ich achte darauf, nicht in die Pfützen zu treten. Nasse Socken wäre jetzt das letzte, was ich gebrauchen kann, und bis zum Morgen würden sie nicht trocknen.
    Als der Parcours endlich im Dämmerlicht vor mir liegt, seufze ich erleichtert. Im Grunde besteht er aus ein paar verrosteten Metallstangen und lauter Kisten und Dingen aus dem Müll, die ich mühevoll aufgeschichtet habe. Aber für mich ist er genau richtig.
    Ich nehme Anlauf und überspringe die erste Hürde, eine umgestoßene Tonne. Dann abrollen, auf ein Geländer springen, balancieren und mit einem Salto zurück auf den Boden, in der Hocke landen, ein Rad auf einer Hand, mit Grätschsprung über einen Müllkanister. Ich bleibe stehen und wische mir mit einer Hand über die verschwitzte Stirn. Von der Kälte spüre ich nun nichts mehr.
    Vorsichtig sehe ich mich um, aber niemand hat zugesehen. Niemand weiß, woher ich diese Muskeln nehme, wie schnell ich bin. Das ist gut so. Wenn irgendwann die Zeit kommen sollte, dass ich beweisen soll, was ich kann, werden sie überrascht sein. Bis dahin werde ich trainieren, jeden Tag. Lächelnd blicke ich auf die große Turmuhr am Rathaus. Und jede Nacht.
    Jetzt habe ich Hunger. Durst ist nicht weiter schlimm, in mehreren Lederbeuteln sammele ich ständig Regenwasser, aber gegen Hunger gibt es nicht viel, was ich tun kann. Meine scharfen Augen suchen die Schatten in der Dunkelheit. Da, ich sehe die Gestalt, ein kleiner Junge oder ein Mädchen, völlig gleich. Langsam ziehe ich mir die schwarze Kapuze über das Gesicht, dann laufe ich los.
    Aus etwa zehn Metern Entfernung erkennt mich der Junge und versucht, wegzulaufen, aber ich bin zu schnell. Nach kurzer Zeit hole ich ihn ein und bin nicht einmal außer Atem. Ich halte mein Gesicht ganz nah an sein Ohr.
    „Und, was haben wir denn heute bei uns?“, flüstere ich.
    Der Junge erschrickt. „Nur … einen kleinen Laib Brot, mehr nicht.“
    „Möchtest du es vielleicht mit mir teilen?“, frage ich.
    „Das Brot … ist für meine kranke Mutter“, antwortet er zögerlich.
    Ich muss schlucken. „Dann muss ich es mir wohl einfach nehmen …“
    Der Junge reißt sich los und klammert das Brot an sich. „Nein! Bitte nicht! Sie braucht es! Bitte!“
    Und ich brauche es genauso, denke ich, doch etwas hält mich zurück. Ich bringe es nicht über mich, dem Jungen dieses Brot zu entreißen, auch wenn ich es sicher könnte. Stattdessen setze ich ein trauriges Gesicht auf.
    „Gib mir doch bitte nur eine Ecke“, murmele ich. „Einen verkohlten Rest, was deine kranke Mutter nicht essen kann.“
    Überrascht nickt der Junge und bricht ein Stück vom Brot ab. Dann verschwindet er. Was bin ich nur für ein Feigling, denke ich noch, während ich die Ecke langsam zu meinem Mund führe.

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    Miyu (16), Distrikt 7

    Yui schläft noch. Ich streiche ihr liebevoll die schwarzen Haare aus dem Gesicht und sehe sie an, als wäre sie meine Tochter, dabei ist sie nur drei Jahre jünger als ich. Aber ihre Züge sind so entspannt, wenn sie schläft, ganz anders als sonst. Gerne hätte ich mich noch für ein paar Minuten zu ihr ins Bett gelegt, doch der Alltag ruft. Ich muss das Frühstück aus Tesseragetreide zubereiten wie jeden Morgen. Seit einigen Jahren ernähren meine Schwester und ich uns davon. Seit der Krieg vorbei ist und meine Eltern tot, und seit ich keine andere Möglichkeit mehr gesehen habe. Auch Yuis Name ist öfter in der Glaskugel, als mir lieb ist, aber eine zeitlang hatten wir so wenig zu essen, dass sie mich dazu überredet hat, auch Tesserasteine zu nehmen. Sie wollte nicht, dass ich noch länger für uns beide bezahle. Ich verstehe, dass sie sich Sorgen macht – immerhin habe ich bereits 16 Zettel, für ein Mädchen in meinem Alter nicht gerade wenig. Aber auch um sie habe ich Angst. Dieses kleine, verspielte Kind möchte ich nicht aus der Hand geben. Ich will nicht, dass sie zu schnell erwachsen wird, aber nach dem Tod unserer Eltern blieb ihr praktisch nichts anderes übrig.
    Es klopft an der Tür. Ich höre es kaum, weil das Holz so marode ist, dass das Klopfen nur dumpf und undeutlich vernehmbar ist. Doch ich sollte froh sein, dass wir überhaupt eine Tür haben. Und dass wir immer noch in dem kleinen Haus leben, das uns unsere Eltern hinterlassen haben.
    Langsam öffne ich die Tür und spähe hinaus. Es ist Marie, das Mädchen von nebenan, das uns in schwierigen Zeiten oft ausgeholfen hat.
    Lächelnd begrüße ich sie. „Möchtest du mit uns essen?“
    Meine Freundin schüttelt den Kopf und drängt sich an mir vorbei in das Haus. „Wo ist Yui?“
    „Ich glaube, sie schläft noch“, rufe ich, während ich die Tür wieder schließe und Marie folge, die inzwischen in das Schlafzimmer gegangen ist. „Was ist denn mit ihr?“
    „Ich möchte ihr Glück wünschen“, sagt Marie.
    Trotz meiner Anspannung muss ich lachen. „Und was ist mit mir?“
    „Du bist nicht winzig genug, um meine Aufmerksamkeit zu verdienen“, antwortet sie. Ich kann das Grinsen in ihrem Gesicht förmlich heraushören.
    Kopfschüttelnd trete ich in das Schlafzimmer. Marie ist dabei, Yui zu wecken, und ehe ich es verhindern kann, schlägt das kleine Mädchen seine Augen auf. Ihr entfährt ein Schreckenslaut, als sie Marie und mich nur knapp über ihr sieht, sie schlägt sich eine Hand vor den Mund. Marie und ich blicken uns an und wieder lache ich, obwohl mir heute nicht danach sein sollte.
    „Steh auf, kleine Maus“, sagt Marie und zieht Yui die Decke weg. Sie schreit und versucht vergeblich, sie sich wieder überzuziehen, dann springt sie auf und boxt Marie spielerisch in die Seite.
    „He, ihr beiden!“, rufe ich und hebe Yui auf meine Schultern. Sie kichert und trommelt auf meinen Kopf, bis meine schwarzen Haare ganz zerzaust sind. Die Kleine sieht aus, als hätte sie ganz vergessen, was heute für ein Tag ist. Ich erinnere mich, wie sehr sie gestern geweint hat und wie oft sie mir gesagt hat, sie wolle mich nicht verlieren, immer wieder. Du darfst nicht gehen, Miyu. Du darfst mich nicht allein lassen, Miyu. Was soll ich nur ohne dich tun, Miyu?
    Heute ist davon nichts mehr zu spüren. Ich frage mich, ob sie in Wahrheit gar nicht so fröhlich ist, wie sie tut, und ob sie überhaupt nur lacht, um mir die nächsten Stunden leichter zu machen.
    „Alles wird gut“, flüstere ich und wiege Yui in meinen Armen. Gebe ihr einen Kuss auf ihre Stirn und singe für sie, bis sie wieder eingeschlafen ist. Dann drehe ich mich um. Marie ist verschwunden. Erschrocken schaue ich auf die Uhr. Die Ernte beginnt. Gleich schon.

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    Cara (15), Distrikt 11

    Das erste, was ich sehe, als ich aufwache, ist das Gesicht meines großen Bruders, der sich über mich beugt. Müde schlage ich nach seiner Hand, die mir über die Haare streicht, und setze mich auf. Elias lächelt mich an und wendet sich dann den anderen beiden Betten zu, in denen meine jüngeren Geschwister schlafen. Kurz bin ich versucht, mich noch einmal in mein Kissen zurücksinken zu lassen, doch ich weiß, wie erbarmungslos Elias sein kann.
    Luna ist als erste wach, die zehnjährige sitzt sofort senkrecht in ihrem Bett. Aber Tommy will nicht aufstehen, und Elias muss ihm erst damit drohen, ihm ein Glas eiskaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen. Ich helfe meinem kleinen Bruder auf. Schon am frühen Morgen sind seine Augen vor Angst geweitet. Ich ahne, wovor er sich fürchtet, und Elias scheint es im selben Moment zu merken, denn er fasst Tommys Gesicht in beide Hände und sieht ihn an.
    „Hör zu“, sagt er ernst. „Du bist erst zwölf. Du wirst nicht gezogen werden.“
    „Aber –“, setzt Tommy an, doch Elias bringt ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen.
    „Und wenn du doch gezogen wirst, dann melde ich mich an deiner Stelle. Du musst nicht in die Arena. Ich verspreche es dir.“
    Ich muss schlucken. Wie erleichternd es wäre, könnte mein Bruder diesen Satz auch zu mir sagen. Doch ich bin ein Mädchen, und selbst wenn er wollte, er kann sich für mich nicht freiwillig melden.
    „Aber du sollst nicht gehen!“, heult Tommy jetzt.
    Elias seufzt, sucht Hilfe in meinem Blick, dann wendet er sich wieder dem Jungen zu. „Es wird nichts passieren. Okay?“
    Warum, denke ich mir, hätten die Hungerspiele nicht zwei Jahre später beginnen können? Dann wäre Elias 19 und zu alt, um gezogen werden zu können. Wenn wir beide in die Arena müssen, sind Tommy und Luna verloren. Meine Mutter ist nicht oft genug da, um sich sosehr um sie kümmern zu können, wie Kinder es brauchen.
    Ein Schluchzer drängt sich in mir auf, und ich muss alle Kraft aufbieten, die mir zu Verfügung steht, damit mir nicht die Tränen kommen. Weg hier, nur weg aus diesem Zimmer! Ich stürze nach draußen und in den kleinen Schuppen, das zuhause für unsere drei Katzen. Mayas goldenes Fell kann ich sehen, kaum dass ich eingetreten bin. Auch Lea finde ich bald, sie hat sich in eine Ecke gesetzt und schlägt spielerisch mit einer grau-weißen Pfote nach mir. Doch Carlos schwarzen Pelz finde ich nirgendwo. Wahrscheinlich ist er auf die Jagd gegangen.
    Ein Teil von mir möchte, dass er zurückkehrt, dass wir alle als Familie beisammensitzen, uns festhalten und nie wieder loslassen. Doch ich weiß, dass das nicht geht.
    Mit einem traurigen Lächeln im Gesicht verabschiede ich mich von Maya und Lea und stolpere wieder nach draußen ins gleißende Sonnenlicht. Ohne ein wirkliches Ziel anzupeilen, laufe ich durch die Straßen meines Distrikts und bin überrascht, dass es mich zum alten Brunnen zieht. Dort treffe ich mich immer mit meinen Freundinnen, Thalia, Sandra und Emilia. Treffen, um Essen zu besorgen. Wir stehlen. Wenn niemand hinsieht, klauen wir Kräuter von den Feldern und verkaufen sie auf dem Schwarzmarkt. Praktisch jeden Tag könnten wir zum Tode verurteilt werden, aber das ist es uns wert. Solange Tommy und Luna nicht hungern müssen, bin ich glücklich. Natürlich reicht das nicht. Elias und ich haben uns unzählige Male für Tesserasteine eingetragen, sodass ich bereits 18 Zettel habe. Bei Elias ist es noch schlimmer, er hat 34. Ich möchte mir nicht ausmalen, was geschieht, wenn er gezogen wird.
    Als meine Freundinnen nach einer Stunde noch nicht kommen, gehe ich langsam zum Platz.

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    Sky (12), Distrikt 9

    Simons Hand ist nur etwa zwei Meter von meinem Gesicht entfernt. Gebannt sehe ich zu, wie er sie zu einer Faust schließt, und spüre undeutlich, wie ich das gleiche tue. Dann verneigen wir uns voreinander. Ich bin hibbelig, durch meinen ganzen Körper läuft ein Energiestrom, der nicht enden will.
    Der Pfiff dröhnt in meinen Ohren, das Startsignal zum Angriff. Ich stürze vor, schlage ihm meine Faust vor die Brust, und während er noch rückwärts taumelt, setze ich einen zweiten Schlag in den Magen. Simon keucht, aber jetzt ist er gewarnt. Als ich zum Tritt ansetzen will, springt er vor und lässt seinen Fuß gegen meinen Kopfschutz klatschen. Wütend fahre ich herum und schlage erbarmungslos auf ihn ein, bis er zu Boden geht. Ich setze mich auf ihn und halte seine Arme fest, dann spucke ich meinen Mundschutz aus.
    Simon lächelt. „Gibst du mir jetzt den Rest, Sky?“
    Ich starre ihn an, bemerke das Blitzen in seinen Augen zu spät. Bevor ich reagieren kann, hat Simon sich aufgebäumt und mich abgeschüttelt. Jetzt liege ich am Boden und er kommt langsam auf mich zu, wirkt stärker und größer als je zuvor.
    Doch der Pfiff der Trillerpfeife unterbricht seine Handlung. Ich stütze mich auf den Ellbogen auf und schaue zu meinem Trainer. Ein Blick, und ich sehe, wie unzufrieden er ist. Mit uns beiden. Bedrohlich baut er sich vor uns auf.
    „Simon!“ Seine Stimme schallt weit durch die gesamte Trainingshalle. „Miese Reaktion, viel zu langsam. In ein paar Jahren wird sie dich halb tot prügeln, bevor du nur „Abblocken“ sagen kannst.“ Meine Augen wandern zu Simon, der zerknirscht nickt und auf den Boden spuckt.
    „Und jetzt zu dir, Sky.“ Mein Trainer spuckt meinen Namen förmlich aus, während er sich langsam zu mir umdreht. „Du bist schnell, aber viel zu unaufmerksam. Irgendwann wirst du mit einem Messer im Rücken enden, fürchte ich.“ Er seufzt.
    Betreten starre ich auf meine nackten Füße, während ich darauf warte, dass er uns endlich entlässt. Und irgendwann, irgendwann tut er das auch.
    Ich husche durch die Straßen. Unterwegs klingele ich bei meinen Freunden Lyan, Keila und Alinka, aber jedes Mal scheint niemand zuhause zu sein. Simon begleitet mich ein Stück, dann muss auch er fort. Sein Vater ist sehr streng mit ihm.
    Laura erwartet mich schon, als ich unser hübsches Haus trete.
    „Da ist ja unsere kleine Kämpferin!“, ruft sie und hebt mich in die Luft. Ich lache, mache mich los und springe auf den Boden. Meine Schwester wirft sich auf mich und gemeinsam ringen wir, bis wir vor lauter Lachen atemlos sind. Sie ist drei Jahre älter als ich und hat durch ihre Größe einen Vorteil, allerdings hat sie nie wie ich Karate gelernt. Es war Simons Idee, und als ich anfing, war sie schon zu alt.
    Auch mein siebzehnjähriger Bruder Paul kommt die Treppe hinunter und hält irritiert inne, als er Laura und mich am Boden liegen sieht, die Haare hoffnungslos zerzaust.
    „Störe ich?“, fragt er und zieht die Augenbrauen hoch. Wir schütteln den Kopf.
    „Dann ist ja gut“, sagt er, „denn wir müssen jetzt gleich los. In einer Stunde beginnt die Ernte.“
    Die Ernte. Es trifft mich wie ein Schlag. Ich verspüre großen Unwillen, doch natürlich kann ich mich nicht dagegen wehren, was geschieht. Nicht mit allen Kampftechniken, die ich beherrsche. Das einzige, was hilft, ist mein Lachen. Ich versuche, wieder fröhlich zu sein, doch es klingt schrill und unecht.
    Dann gibt es also kein Entkommen. Die Angst hat auch mich eingeholt.

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    Cassedy (15), Distrikt 10

    „Aufstehen.“
    Es ist dieses Flüstern direkt in mein Ohr, das mich aufschrecken lässt. Hektisch blicke ich mich um, aber es ist nur mein Zwillingsbruder Jeff, der neben meiner Matratze steht und sich halb tot lacht. Ärgerlich verpasse ich ihm einen Klaps auf den Hinterkopf, dann rekele ich mich und gähne. Ein Blick nach draußen sagt mir, dass es noch mitten in der Nacht sein muss.
    „Was soll das, Jeff?“, frage ich verwirrt.
    „Komm mit nach draußen“, antwortet er ausweichend. Für einen Moment lang weiß ich nicht, ob er mir nur einen Streich spielen will oder es tatsächlich ernst meint, aber dann folge ich ihm doch.
    Draußen müssen sich meine Augen erst an die Dunkelheit gewöhnen. Wir gehen ein paar Schritte, dann drückt Jeff mir meinen Bogen in die Hand.
    „Ein letztes Mal“, raunt er mir zu.
    Ich verstehe nicht. „Wir können auch morgen noch jagen gehen. Und in den nächsten Tagen.“
    „Wer weiß, was bei der Ernte noch alles geschieht“, murmelt er. Doch er sieht mich nicht dabei an. Ich muss schlucken. Ich kann mir nicht vorstellen, was geschieht, wenn er fort ist. Es ist, als nähme man einem Laib Brot das Innenleben heraus – ohne ihn bin ich nicht mehr als eine leere Hülle, nutzlos, ein Nichts.
    „Okay“, hauche ich. „Gehen wir jagen.“
    In Wahrheit ist es das letzte, was ich jetzt tun möchte, doch weil es sein Wunsch ist, und weil es mich sosehr an alte Zeiten erinnert, will ich es auf eine seltsame Art und Weise doch.
    Gemeinsam streifen wir durch den Wald, beide einen Pfeil in die Sehne eingelegt. Ich horche auf unsere Schritte, aber da ist nichts, was Geräusche verursachen könnte. Wir bewegen uns beinahe lautlos fort.
    Plötzlich lässt mich ein Rascheln im Gebüsch herumfahren. Ein Kaninchen hoppelt durch den Wald, etwa fünfzehn Meter entfernt. Ich reiße den Bogen hoch. Jeffs und mein Pfeil durchbohren das Tier zur selben Zeit, Jeffs geht durch das Herz, meiner durch den Hals. Wir laufen los, Seite an Seite, erreichen das Kaninchen und begutachten es. Jeff kniet sich daneben und zieht die Pfeile aus seinem Körper.
    „Es ist fett“, bemerkt er. Ich nicke, das habe ich gesehen. Aber mir fällt etwas anderes auf, es blutet am Hinterlauf, eine Wunde, die wir ihm nicht zugefügt haben. Sofort sind alle meine Sinne auf Alarm gestellt. Ich lege einen neuen Pfeil ein und blicke suchend umher.
    „Was ist los?“, fragt Jeff noch, als ein riesiger Fuchs aus einem Busch geschossen kommt.
    Das Tier stirbt, bevor es die Zähne fletschen kann. Ein sauberer Schuss in die Kehle, und das obwohl meine Hände gezittert haben. Mein Bruder sieht mich ungläubig an.
    „Du wusstest es“, flüstert er. „Woher?“
    Stumm weise ich ihn auf die Wunde des Kaninchens hin.
    Jeff nickt langsam. „Ich hätte dabei draufgehen können, Cassedy.“
    „Hättest du nicht“, wehre ich ab, denn ich kann den Gedanken nicht zulassen.
    „Cassedy.“ Jeff steht auf und legt mir die Hände auf die Schultern. „Ich weiß, dass du mir nicht glauben wirst, was ich dir jetzt sage, aber es ist wahr. Die Ernte heute Nachmittag. Wenn du gezogen wirst, glaube nicht, es geht eine Welt unter. Lass dir von mir gesagt sein: Du hättest eine Chance. Du wärest vielleicht das einzige Mädchen, das ich kenne, das eine Chance bei den Hungerspielen hat.“

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    Ryan (15), Distrikt 9

    Als der Morgen graut, bin ich gewarnt. Mein Herz fängt an, heftig zu pochen, ich stehe wie im Traum auf und blinzele ins Sonnenlicht. Noch einmal durchlebe ich den gestrigen Tag, vielleicht mein letzter Tag in Freiheit. Zusammen mit meinen Schwestern Hope und Sun bin ich durch die Felder gestreift, wir genossen die leichte Brise des Frühlings, die raue Gerste um unsere Unterschenkel. Wie trostlos wirkt nun dieser Morgen. Die Sonne scheint, aber es wirkt, als würde sie mich auslachen. Heute kann ich alles verlieren.
    Ich will nicht auf den Marktplatz. Ich habe keine Ahnung, was meine Familie ohne mich tun soll, wenn ich gezogen werde. Meine Mutter starb bei den Aufständen vor ein paar Jahren, mein Vater existiert, ohne wirklich zu leben. Manchmal frage ich mich, ob er jemals über ihren Tod hinwegkommen wird. Und wenn ich sterbe, dann gibt es da nur noch Hope und Sun, für die es sich lohnt, weiterzumachen. Ich bin mir nicht sicher, ob er das schaffen wird.
    Voller Bitterkeit starre ich aus dem Fenster und erkenne auf einmal Deans Hinterkopf. Ich trabe nach draußen und begrüße ihn. Er ist schon auf dem Weg zum Platz. Zu Hause hält er es nicht mehr aus, sagt er. Und auch wenn es bei mir genau andersherum ist, beschließe ich, mit ihm zu kommen. Hunger habe ich ohnehin keinen, dann bleibt für meine Familie mehr übrig. Jedenfalls, wenn sie heute etwas bei sich behalten können.
    Mit jedem Schritt, den wir uns dem Platz nähern, werde ich nervöser, dennoch versuche ich, Gelassenheit auszustrahlen.
    „Es ist doch noch Zeit“, sage ich irgendwann zu Dean und werfe einen Blick auf die Rathausuhr. „Zehn Uhr. Noch vier Stunden.“
    „Ich kann jetzt nicht mehr zurück“, murmelt er.
    Ich bleibe stehen. „Willst du vier Stunden auf einem menschenleeren Platz stehen und auf die Ernte warten?“
    Dean nickt, dann schüttelt den Kopf und zuckt schließlich mit den Schultern. Ich seufze resignierend, das hatte ich erwartet. Aber plötzlich will auch ich nicht mehr zurück zu meinem Vater, Hope und Sun, weil ich weiß, dass die Anspannung irgendwann zu viel wird. Ich muss sie nach außen lassen, zerstören.
    „Zum Rathaus“, presse ich heraus, dann sprinte ich los. Lasse die noch leere Straße hinter mir und setze über Mauern, laufe durch Gärten, Wege und das Unterholz. Einige Male blicke ich mich um, doch Dean ist weit hinter mir. Er ist nicht so schnell wie ich und außerdem habe ich ihn überrascht.
    Atemlos erreiche ich schließlich das Rathaus. Erst jetzt bemerke ich, dass ich gar nicht weiß, was ich hier überhaupt tun möchte. Blind bin ich meinen Instinkten gefolgt und jetzt, da ich angekommen bin, verlassen sie mich. Dean braucht etwa eine halbe Minute länger als ich und sieht mich verständnislos an, als er zum Stehen kommt, dann stützt er die Hände auf die Oberschenkel und ringt nach Luft. Was wir jetzt brauchen, ist Wasser, aber ich weiß nicht, wo wir das hernehmen sollen. In der Nähe von unserer kleinen Hütte gibt es einen Brunnen, doch ich habe nicht die Nerven dafür, noch einmal zurückzukehren.
    „Und jetzt?“, fragt Dean, als er wieder Luft bekommt.
    Ich starre ihn an. „Hast du eine Idee?“
    „Ernteplatz?“, schlägt er vor und sieht mich fast hoffnungsvoll an. Als wäre ich derjenige, der etwas zu entscheiden hätte. Als hätte ich die Macht über das, was gerade in Panem geschieht.
    Düster nicke ich. „Ernteplatz.“

    9
    Mortimer (17), Distrikt 6

    Der Morgen beginnt seltsam. Als ich die Augen aufschlage, liegt etwas auf meiner Bettdecke. Ich runzele die Stirn und hebe es auf, es ist ein zerknitterter Briefumschlag. Mortimer, steht in unordentlicher Handschrift darauf. Ich frage mich, wer mir einen Brief schreibt, denn es steht kein Absender darauf. Von meiner Mutter kann er nicht stammen, sie schreibt fast nie Briefe. Und von wem sonst sollte ich einen bekommen? Meine Freunde sehe ich jeden Tag, sie brauchen mir nicht zu schreiben.
    „Nemo!“, rufe ich so laut ich kann, doch es kommt nur ein heiseres Krächzen heraus. „Nemo!“
    Es dauert nur etwa vier Sekunden, bis mein fünfzehnjähriger Bruder in das kleine Schlafzimmer gewuselt kommt. Doch als ich ihm den Brief zeige, ist er genauso ratlos.
    „Vielleicht hat Vater uns geschrieben“, sagt er und seine Miene hellt sich auf. Aber das glaube ich nicht. Mein Vater leidet an Krebs, und inzwischen ist er nicht mehr in dem Zustand, der es ihm erlaubt, Briefe zu schreiben.
    Plötzlich kommt mir ein Gedanke. „Tara!“
    Tara ist unsere ältere Schwester, die vor zwei Jahren mit ihrem Freund zusammengezogen ist. Seitdem haben wir sie nur selten gesehen.
    „Mach mal auf!“, ruft Nemo, und seine Augen leuchten vor Begeisterung. Ich nicke und reiße den Umschlag mit den Händen auf. Ein zusammengefalteter Zettel kommt zum Vorschein. Mit zitternden Fingern öffne ich diesen. Auf dem Blatt stehen nur zwei Worte. „Bye bye“. Das passt nicht zu Tara, und es verwirrt mich. Niemand, den ich kenne, würde mir einen solchen Brief schreiben. Nemo, der sich über meine Schulter gebeugt und mitgelesen hat, richtet sich jetzt auf und schüttelt irritiert den Kopf.
    „Du willst mir doch einen Streich spielen.“ Anklagend blicke ich ihn an, doch Nemo sieht wirklich nicht so aus, als würde das stimmen. Er kichert nicht, er schafft es, mir in die Augen zu schauen. Er wirkt völlig ernst.
    Nachdenklich stehe ich auf und zerreiße den Brief in winzige Stückchen. Irgendetwas stört mich daran, dass ich den Absender nicht kenne. Ich fühle mich so beobachtet, so schutzlos. Jemand spielt mit mir, und das gefällt mir nicht.
    Nemos Blick verfolgt die Papierfetzen, die langsam zum Boden hinuntersegeln. Er hat die Stirn in Falten gelegt und ich weiß, dass er sich Sorgen macht. Zu gerne würde ich ihm sagen, ich wüsste, wer mir geschrieben hat, doch er ist nicht dumm, kein Kind mehr, dem ich etwas vormachen kann. Ich versuche mich zu erinnern, wie ich mit fünfzehn gewesen bin, aber ich bin mir sicher, so wie Nemo war ich nie.
    „Es ist nicht wichtig“, sage ich, als mein Bruder den Blick immer noch nicht von dem zerstörten Brief abwenden kann. Nemo blickt auf und sieht mich zweifelnd an.
    „Aber wer hat denn jetzt diesen Brief …“ Er bricht ab und schüttelt den Kopf. „Da stimmt doch etwas nicht.“
    „Jemand hat sich einen Scherz erlaubt“, versuche ich ihn zu beschwichtigen. „Der Junge, der links von uns wohnt, vielleicht.“
    Doch Nemo sieht nicht überzeugt aus. „Das glaube ich nicht.“
    „Wer soll es denn dann gewesen sein?“, zische ich. „Zieh dich jetzt an, wir müssen gleich los.“
    Eine neue Art von Sorge verzerrt das Gesicht meines Bruders. „Ich will nicht, Mortimer. Verdammt, warum alles heute? Warum können wir nicht hier bleiben?“
    „Weil die Regierung sich erfreut, wenn sie uns quälen können“, sage ich kalt.

    10
    Luna (13), Distrikt 3

    Als ich aufwache, ist es früh am Morgen und Licht scheint durch das kleine Fenster über meiner Matratze. Ich schlage die dünne Decke beiseite und blicke mich schlaftrunken um. Die Sonne blendet mich, ich halte mir eine Hand vor die Stirn und kneife die Augen zusammen. Dann drehe ich mich in eine andere Richtung.
    Clarissa schläft noch, aber Mia ist wach. Ihre Augen sind noch geschlossen, aber ich sehe es an ihrem Brustkorb, der sich zu schnell hebt und senkt, an ihrer Hand, die kaum merklich zittert. Sofort möchte ich sie beruhigen, ihr versichern, dass alles gut werden wird, doch ich selbst bin viel zu angespannt. Mia kann keine Angst haben, dass sie gezogen wird, denn sie ist erst elf. Aber sie fürchtet sich um ihre Schwester.
    Ich werfe Clarissa einen kurzen Blick zu. Wie friedlich sie daliegt, ich möchte sie am liebsten gar nicht wecken. Doch ich weiß, dass es keine Ausflüchte gibt. Wir müssen um zwei am großen Platz erscheinen, sonst holen sie uns. Und ich bin mir nicht sicher, wie schmerzvoll dieses „holen“ ausfallen kann.
    Vielleicht macht Mia sich auch Sorgen um mich, auch wenn ich nicht wirklich zu ihrer Familie gehöre. Ich wohne bei ihnen. Meine Eltern starben bei dem Aufstand gegen das Kapitol, der Hauptgrund, warum ich es hasse. Und dann sind da noch die Hungerspiele.
    Nervös wie ich bin, tigere ich durch den kleinen Raum und falle dabei fast über den schlafenden Körper meiner vierzehnjährigen Freundin. Am liebsten möchte ich jetzt auf dem Platz sein, die Ernte hinter mich bringen und nach Hause, zu meinem richtigen zuhause. Auch wenn ich weiß, dass ich in einer zerbombten Ruine nicht schlafen kann. Aber schlafen will ich nicht. Nur vergessen, alles vergessen. Ich will die Spiele nicht sehen, nicht mitansehen müssen, wie dreiundzwanzig Jugendliche sterben, mindestens einer davon aus meinem Distrikt.
    „Luna“, krächzt Clarissa hinter mir. Ich fahre zu meiner Freundin herum und sehe zu, wie sie sich mühevoll in eine sitzende Position bringt.
    „Bist du krank?“, frage ich fast hoffnungsvoll, denn krank sein kann bedeuten, dass sie nicht zur Ernte muss. Allerdings, rufe ich mir scharf ins Gedächtnis, gilt das nur für Menschen, die kurz vor dem Tod stehen.
    „Nein, nur müde“, antwortet Clarissa und räuspert sich mehrmals, um das heisere aus ihrer Stimme zu verdrängen. Ich werfe ihr einen mitleidigen Blick zu und trabe dann ein paar Schritte weiter in die Küche, um heißen Tee mit Minzblättern aufzusetzen.
    „Danke“, murmelt sie hinter mir. Mia ist inzwischen auf den Beinen und schickt sich an, mir zu helfen. Ich trete einen Schritt zurück und überlasse der elfjährigen die Kontrolle über das kochende Wasser. Als ich sehe, dass sie es im Griff hat, wecke ich die Eltern der beiden Schwestern. Das ganze Leben findet in einem einzigen Raum statt, der nur durch Gardinen in einzelne Bereiche getrennt ist, sie wären ohnehin bald aufgewacht.
    Ich schlüpfe aus der Tür und betrete meine eigene kleine Hütte, der Schuppen, in dem ich meine Experimente aufbewahre. Die Maschinen, an denen ich baue, bestehen hauptsächlich aus Schrott, weggeworfene Metalle und Verpackungen, die die wohlhabenderen Menschen aus meinem Distrikt nicht mehr benötigen. Und Draht. Den brauche ich, um Strom in meine Gerätschaften fließen zu lassen. Fest muss er sein, damit er nicht durchbrennt, das wäre ungünstig. Dennoch liebe ich den Moment, wenn der erste Funken auflodert und die Maschine endlich ihren Zweck erfüllt. Zu gerne hätte ich heute daran gebastelt, aber das kann ich nicht. Nicht vor dem Zeitpunkt, an dem die Ernte vorbei ist. Nicht mit meiner Angst.

    11
    Nico (14), Distrikt 11

    Es ist ein Geräusch, das mich weckt, direkt neben meinem Gesicht. Ich schrecke auf, sofort hellwach, meine rechte Hand greift instinktiv nach dem Messer in meinem Hosenbund. Hektisch blicke ich mich um, doch es ist nur Nina, die ihren Kopf an meine Schulter gelehnt hat. Erleichtert seufze ich auf und streiche ihr über das Haar. Schon ist sie wieder eingeschlafen.
    „Hast du mich erschreckt“, flüstere ich in ihr Ohr. Jetzt regt sie sich, als hätte ich sie aufgeweckt. Ich weiß, dass ich aufstehen muss, auch wenn ich gerne noch ein wenig geschlafen hätte. Aber der Morgen graut schon und ich muss los, Essen besorgen. Ich lege Ninas Kopf vorsichtig auf der kalten Straße ab und springe auf. Leise husche ich durch die menschenleere Straße. Die Felder sind nicht weit von hier entfernt, dennoch bin ich vorsichtig, blicke mich an jeder Abzweigung um. Bald kann ich die ersten Bäume sehen, der Abstand verringert sich, bis ich schließlich direkt davor stehe. Das Wasser läuft mir im Mund zusammen. Die Äpfel sind noch nicht reif, aber besser, ich esse grüne als gar keine.
    Ich sehe mich noch einmal kurz um und ergreife dann mit einer Hand den Ast über mir. Meine Füße stemmen sich gegen die Rinde, ich ziehe mich hoch und klettere weiter, bis ich mich etwa sieben Meter über dem Erdboden befinde. Die Zweige sind ziemlich dünn hier, aber die Äpfel sind oben am größten. Und da ich recht klein bin, tragen sie mein Gewicht.
    In der Ferne kann ich die Umrisse eines Friedenwächters erkennen, der in der Dunkelheit patrouilliert. Ich muss aufpassen, er wird gleich vorbeikommen. Äpfel pflücken und nichts wie weg. Schnell greife ich nach ein paar Früchten, die mir am nächsten sind, dann klettere ich etwa vier Meter nach unten und springe ab, lande unversehrt in der Hocke. Und dann laufe ich, so schnell mich meine Füße tragen.
    Die Haare fallen mir im Rennen vor das Gesicht, sodass ich kaum sehen kann. Ich puste sie zur Seite und haste weiter. Starre auf den Boden und bemerke die Schuhe zu spät, die sich in mein Blickfeld drängen. Mit voller Wucht pralle ich gegen den Jungen, der vor mir steht, und die Äpfel fallen mir aus der Hand. Während ich sie aufsammele, wage ich einen kurzen Blick. Es ist Maurice, der siebzehnjährige Nachbarsjunge, mit einem hässlichen Grinsen auf dem Gesicht. Ich seufze auf.
    „Na, Nico, wieder am Klauen?“, ruft er so laut, dass es die ganze Nachbarschaft aufwecken muss.
    Ich starre ihn gehässig an. „Na, Maurice, wieder am gaffen? Oder warum stehst du hier herum wie bestellt und nicht abgeholt?“
    „Du kleiner Scheißer“, zischt er. „Du glaubst wohl, du kannst dir alles erlauben?“
    „Jedenfalls fresse ich mich nicht den ganzen Tag voll und stelle mich dann mitten auf die Straße, damit alle Welt mein dümmliches Gesicht sehen kann“, entgegne ich kalt und stoße ihm zwei Finger in den übergewichtigen Bauch.
    „Antheb!“, brüllt Maurice und ich spüre, dass ich zu weit gegangen bin. Wenn er mich bei meinem Nachnamen nennt, dann muss ich so schnell wie möglich hier weg.
    „Ich wünsche dir noch einen ausgesprochen angenehmen Erntetag und viel Glück, aber ich muss jetzt leider los, Apfelkuchen backen, vielleicht bringe ich dir ein Stückchen vorbei“, sage ich hastig, dann stürme ich los. Ein Blick nach hinten und ich sehe, dass er mir nicht folgt. Wie auch, denn um mich einzuholen, ist er viel zu schwerfällig. Ich denke an die zehnjährige Nina und an die Freude auf ihrem kindlichen Gesicht, wenn sie die Äpfel sehen wird. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht beschleunige ich, bis ich durch die Straßen fliege.

    12
    Anne (16), Distrikt 8

    Es ist niemand da. Verblüfft sehe ich mich in der kleinen Wellblechhütte um, aber sie ist leer. Ich schaue auf die Uhr. Halb zwei. Sicher, in einer halben Stunde fängt es an, aber warum haben sie nicht auf mich gewartet? Gerade erst bin ich von Luke zurückgekommen. Gestern Abend musste ich einfach bei ihm bleiben, musste seine tröstenden Arme um meinen Körper spüren, damit ich schlafen konnte. Und jetzt, jetzt sind sie fort?
    Ich schüttele verwirrt den Kopf und mache mich meinerseits auf zum Marktplatz. Nach ein paar Abzweigungen treffe ich auf einige Nachzügler, meist sind es Alte, die ich überhole. Ich möchte dieses Ereignis so schnell wie möglich hinter mich bringen.
    Als der Platz vor mir liegt, bleibe ich am Rand stehen und sondiere die Lage. Zuerst sehe ich meinen Vater. Er steht mit ernstem Gesicht da und hält seine zwei jüngsten Kinder an den Händen – Emma und Lilly. Sie sind erst zehn und acht Jahre alt, müssen nicht in die Ernte. Aber sie müssen zusehen, und das ist schlimm genug. Ich blicke in Emmas sorgenumwölktes Gesicht und muss fast weinen. Bei Lilly verweile ich nicht lange. Meine Mutter starb bei ihrer Geburt und das hat die Beziehung zwischen meiner jüngsten Schwester und mir für immer zerstört.
    Ich suche den Block der vierzehnjährigen Mädchen, wo Sarah stehen muss. Mein Blick gleitet über all die anderen Verdammten, ich versetze mich in die Zeit zurück, als ich so alt war wie sie. Fröhlich, vor allem unbeschwert. Die Aufstände waren damals schon seit einigen Jahren vorbei und ich war für kurze Zeit wirklich glücklich. Musste mir keine Sorgen machen, dass ich in der Arena um mein Leben kämpfen muss. Jetzt finde ich Sarah. Sie sieht ernst aus, aber gefasst. Ich weiß, dass sie nicht weinen wird, wenn sie gezogen wird, und dieser Gedanke macht mich trauriger als je zuvor. Wenn sie sterben wird, dann ungeschlagen. Wie ein Held, obwohl sie keiner ist. Obwohl sie gar nichts erreichen wird, gar nichts werden wird, wenn die Ernte ihr Leben zerstört.
    Sie hat zehn Zettel. Ich wollte nicht, dass sie Tesserasteine nimmt, aber sie hat sich mir widersetzt. Vielleicht sollte ich ihr dankbar sein. Dadurch habe ich nur vierzehn Zettel, es könnte schlimmer sein. Dennoch – im Vergleich zu den anderen Mädchen in ihrem Alter stehen Sarahs Chancen nicht gut.
    Ich finde Leo im Block der zwölfjährigen Jungen. Für einen kurzen Moment treffen sich unsere Blicke. Er sieht aus, als könnte er jeden Moment zusammenbrechen, und das kann ich nachvollziehen. Er ist alleine. Der einzige Junge aus der Familie, da ist niemand, der sich für ihn melden könnte, wenn er gezogen wird. Und er ist noch so jung, fast noch ein Kind. Auch wenn er nur einen Zettel hat, mache ich mir fürchterliche Sorgen um ihn.
    „Mädchen!“, brüllt ein Friedenswächter und ich zucke zusammen. Ich muss mich aufstellen. Zehn vor zwei. Zaghaft nicke ich dem Mann zu, dann gehe ich in kleinen Schritten auf die Identitätsprüfung zu. Ich lasse mir in den Finger stechen, stehe viel zu sehr unter Strom, als es zu spüren. Ich will nur noch weg hier.
    Aber das geht nicht. Das kann ich nicht. Es steht nicht in meiner Macht. Ich werde warten müssen, bis die Ernte vorbei ist, nach Hause laufen und mein Gesicht in meinem Kissen vergraben.
    Als ich aufblicke, sehe ich Luke in seinem Block stehen. Sein Gesicht ist verschlossen, und ich weiß, dass er mich nicht ansehen darf, sonst verliert er die Fassung. Schweigend schleiche ich zu meinem Areal, lasse ihn hinter mir, verbanne ihn aus meinen Gedanken. Ab jetzt darf ich nicht mehr schwach wirken. Die Ernte hat begonnen.

    13
    Dexter (13), Distrikt 3

    Wie sehr habe ich mich vor diesem Tag gefürchtet. Jetzt ist er da, und ich kann nichts dagegen tun, dass es über mich kommt. Nervös streiche ich mir die schwarzen Haare aus der Stirn, die mir immer wieder die Sicht verdecken wollen.
    Ich habe nicht gut geschlafen, dennoch war mein Vater früher wach als ich. Ich weiß, wie viele Sorgen er sich um mich macht, schließlich bin ich das einzige, was er noch hat. Was soll er ohne mich mit dem Leben anfangen? Was gibt es dann noch, was ihn hält?
    Nein, nein, sage ich mehrmals, bevor ich mich zurückhalten kann. Ich will nicht, dass mein Vater sein Leben wegwirft. Ein kleiner Teil von mir weiß, dass er es nicht tun wird, aber die Angst ist stärker.
    Ich kann nicht in die Arena. Ich kann einfach nicht. Vielleicht später, wenn ich achtzehn bin, ein wenig kräftiger, schneller, mutiger – aber nicht jetzt. Ich würde untergehen in der Masse der Tribute. Sicher wäre ich der erste, der sterben würde, und das kann ich meinem Vater nicht antun.
    Jetzt steht er in der Tür zu meinem Zimmer und ich gebe mir Mühe, zuversichtlich auszusehen. Ich recke das Kinn in die Höhe und stemme die Arme in die Seite, aber um furchtlos zu wirken, fühle ich mich viel zu schwach und klein. Und genau das bin ich auch. Dünn, unsportlich, feige. Das einzig Besondere an mir sind meine Augen, die im Dämmerlicht fast orange wirken, aber ich glaube nicht, dass je ein Tribut aufgrund der seltsamen Farbe seiner Augen gewinnen wird.
    „Und?“, fragt mein Vater und kommt langsam auf mich zu, als wüsste er nicht, wie er sich verhalten soll. Ich zucke mit den Schultern und starre auf meine nackten Füße.
    „Thomas hat vorhin angerufen“, versucht er es erneut. Meine Augen suchen das Telefon, aber da es in einem anderen Raum steht, kann ich es natürlich nicht sehen. Ich sollte froh sein, dass wir überhaupt eins haben, verglichen mit den anderen Distrikten. Auch in unserem Distrikt gibt es wenige Menschen, die ein Telefon besitzen, doch glücklicherweise gehört Thomas zu dieser Minderheit. Ich frage mich gerade, was er mir sagen wollte, als meine Aufmerksamkeit auf das Gesicht meines Vaters gelenkt wird. Er ist leichenblass geworden, ganz plötzlich, als wäre ihm jetzt erst wirklich klar geworden, welcher Tag heute ist. Oder als könnte er es nicht länger verdrängen.
    „Komm her, Dexter“, flüstert er und ich schließe ihn wortlos in meine Arme. Eine Weile stehen wir so da, und ich fühle mich für einen Moment geborgen, kann die Welt um mich herum vergessen. Doch dann lässt er los und ich bin alleingelassener denn je.
    Meine Lippen sind rau und ich fahre mehrmals mit der Zunge darüber, aber es wird nicht besser. Die ganze Zeit schon fixiere ich eine Staubfluse am Boden, wage es nicht, zu blinzeln, weil ich Angst vor den Tränen habe, die sich in meinen Augenwinkeln sammeln. Aber noch bin ich gefasst. Noch kann ich dem Druck standhalten. Wer weiß, was bei der Ernte alles geschehen wird.
    Unglücklich wische ich mir mit dem Handrücken über die Nase und laufe in die Küche, um Essen zu machen. Doch als ich schließlich fertig bin, habe ich keinen Hunger. Ich muss an Thomas denken und daran, wie es ihm jetzt wohl geht, schließlich ist er so alt wie ich und muss sich ebenfalls vor den Hungerspielen fürchten. Es wäre grauenvoll, wenn er in die Arena müsste. Ich will meinem besten Freund nicht beim Sterben zusehen.
    Doch dann sehe ich meinen sorgenvollen Vater im Türrahmen stehen und treffe eine Entscheidung. Was immer bei der Ernte geschieht, ich darf mich nicht brechen lassen. Niemals.

    14
    Lily (16), Distrikt 6

    Es ist still um mich herum. Die Sonne scheint um mich herum und blendet mich, wenn ich in den Himmel schaue, aber ich weiß, dass sie mir nichts anhaben kann. Ich bin geschützt. Meine Finger fahren über den rauen Stein, auf dem ich sitze, dann führe ich sie zu meinem Mund und spüre einen leicht metallischen Geschmack auf meinen Lippen. Meine Augen fixieren einen undefinierbaren Punkt in der Ferne. Niemand, der es versuchen würde, könnte finden, was ich in diesem Punkt sehe. Niemand könnte diese Freiheit nachvollziehen, die ich in mir spüre, sodass mein Herz zu pochen beginnt. Meine Beine baumeln über dem Abgrund, der nicht tief genug ist, als dass ich Angst vor ihm haben müsste. Und ich sitze da und fühle mich seltsam berührt, wie immer, wenn ich hier bin.
    Ein Schmetterling landet auf meiner Schulter. Ich lächele, so lange habe ich still dagesessen, dass er mich nun für eine Pflanze oder ähnliches hält. Langsam drehe ich meinen Kopf zur Seite und beobachte ihn. Seine Flügel habe eine hübsche, orange Farbe mit schwarzen Flecken. Ein Kleiner Fuchs, ja, so heißt er. Für eine kurze Zeit erfüllt es mich mit Stolz, dass ich seinen Namen weiß, als wäre es das einzig wichtige auf dieser Welt.
    „Geh nicht!“, rufe ich, als er mit seinen Flügeln schlägt und davonfliegt, dann schlage ich mir eine Hand vor den Mund. Ich wollte nicht sprechen, das habe ich mir vorgenommen, wie sonst auch, wenn ich hierher komme.
    Ich drehe meinen Kopf, so weit es geht, und betrachte den Wald um mich herum. Der Frühling hat die Bäume stark gemacht. Die Blätter wirken jung und frisch, alles grünt um mich herum. Nur der Felsen, auf dem ich sitze, bleibt immer grau. Nicht einmal Moos setzt er an, obwohl der See direkt vor ihm liegt und die Luftfeuchtigkeit ihn eigentlich nähren müsste. Aber vielleicht liegt es daran, dass ich so oft hier bin.
    Ich verspüre die plötzliche Lust, zu schwimmen. Lachend springe ich auf und ziehe mich bis auf die Unterwäsche aus, dann renne ich mit nackten Füßen über den federnden Waldboden und zum See. Ich halte kurz inne, springe ins Wasser. Die eisige Kälte umschließt mich wie eine Hülle, während ich mit Händen und Füßen strampele, um nach oben zu kommen. Der See ist so flach hier, dass ich stehen kann. Ich trete nach dem Boden und breche schließlich mit dem Kopf durch die Wasseroberfläche. Während ich meine Augen von dem Wasser befreie, entspanne ich mich langsam und blicke mich um. Ich fühle mich sosehr im Einklang mit der Natur, etwas, das nur sehr wenige Menschen von sich sagen können.
    Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergeht, während ich im See treibe, aber irgendwann reißt mich ein fernes Donnergrollen aus meinen Träumen und warnt mich. Es muss ein Gewitter sein, das jeden Moment über mich kommen kann. Ich sollte sofort vom Wasser weg. Hastig bewege ich mich zum Ufer hin, halb springe, halb schwimme ich. Während meiner Flucht muss ich daran denken, was heute geschehen wird. Die ersten Hungerspiele kommen über Panem. Bald schon. Es scheint, als wäre das Gewitter eine Ankündigung für das Grauen, das uns erwartet.
    Kraftlos schleppe ich mich weiter auf den Felsen zu, wo meine Klamotten liegen. Ich ziehe mich hoch und setze mich auf den Stein, in dieselbe Position wie immer. Und doch könnte es nicht verschiedener sein.
    Ich bin halb nackt, nass und zittere am ganzen Leib. Da ist nichts mehr von der Ruhe, die ich eben noch verspürt habe. Stattdessen laufen die Tränen in Bächen meine Wangen hinunter und vermischen sich mit den Tropfen aus dem See und dem Regenwasser, das auf mein Gesicht prasselt. So unbarmherzig und kalt wie die Ernte.

    15
    Maya (15), Distrikt 4

    Irgendwie habe ich keine Kraft, um aufzustehen. Auf der einen Seite ist da dieser Druck, die Stimme, die mir rät, zu gehorchen und diese Ernte wortlos hinter mich zu bringen. Aber ich spüre auf eine gewisse Rebellion in mir aufwallen, ich will nicht auf diesen Platz und die Tribute von Distrikt 4 feiern. Dafür, dass ich es nicht bin oder dafür, dass sie sterben werden, ich weiß es nicht.
    Vielleicht hat unser Distrikt sogar eine Chance, den Sieger zu stellen. Wir sind reich und ich glaube, dass sich schon viele Jugendliche auf diesen Tag vorbereitet haben, um nach vorne zu springen und sich freiwillig zu melden. So wird es sein. Aber ich muss trotzdem aufpassen.
    Ein Teil von mir will jetzt aufstehen, zum Meer und nach Perlen tauchen, wie ich es jeden Tag tue, aber es ergibt keinen Sinn. Heute nicht. Wieso sollte ich mich schmücken, schmücken für das Kapitol, das nur darauf brennt, uns umzubringen?
    Etwas treibt mich aber an. Ich weiß, dass das Kapitol nicht vorhat, alle Distrikte auszulöschen, uns alle zu töten. Denn auch das Kapitol braucht Menschen, über die es herrschen kann. Es lässt uns hungern, es quält uns, aber es wird uns nicht auslöschen. Das wird es nicht wagen. Ich stelle mir Panem ohne Bewohner vor und denke daran, dass auch das Kapitol nicht ohne uns überleben würde. Es braucht die Güter, die wir liefern, Tag für Tag. Diabolisch lächelnd frage ich mich, wie lange die Menschen aus dem Kapitol überleben würden, steckte man sie alle zusammen in eine riesige Freilichtarena, so wie sie es mit uns tun. Sicher wären diese Spiele schnell vorbei.
    Plötzlich schwingt die Tür zu meinem kleinen Zimmer auf und mein achtjähriger Bruder Florin stürmt hinein. Er setzt sich auf mein Bett und legt den Kopf in meinen Schoß, so wie er sich immer an mich gekuschelt hat, als wir noch klein waren.
    „Warum gehst du nicht zu Linda?“, frage ich müde und starre auf die Zimmertür meiner kleinen Schwester, die nur zwei Jahre jünger ist als ich.
    „Bei Linda war ich schon“, murmelt Florin. Mit sanfter Gewalt schiebe ich ihn von mir.
    „Wir müssen los“, sage ich, obwohl ich weiß, dass noch Zeit ist. Irgendwie kann ich den Gedanken, dass Florin schon bald nicht mehr bei mir sein könnte, nicht ertragen, und da will ich lieber so schnell Abschied nehmen wie möglich.
    Aber anstatt dass mein Bruder geht, taucht Linda im Türrahmen auf. Sie sieht verweint aus, ihre Augen sind gerötet und geschwollen, und mit jeder Sekunde laufen neue Tränen ihre Wangen hinunter.
    „Was ist los?“, flüstere ich entsetzt. Ich habe Angst, dass etwas passiert ist, mit meiner Mutter oder meinem Vater, dass sie deshalb weint. Aber sie schüttelt nur den Kopf.
    „Ich will nicht in die Arena“, schluchzt sie.
    Ich zucke zusammen. „Verdammt, ich dachte schon … Linda, mach dir keine Sorgen, bitte. Du hast nur zwei Zettel.“
    Linda kommt auf mich zu und vergräbt sich in meiner Schulter, und die nächsten Minuten verbringe ich damit, abwechselnd sie und Florin zu trösten, der beim Anblick seiner am Boden zerstörten Schwester ebenfalls zu weinen begonnen hat. Es wird mir zuviel. Ich will fort, weg von hier, und gleichzeitig weiß ich, dass meine eigenen Bedürfnisse zurückstehen müssen. Ich darf nicht weinen, wenn meine Geschwister es tun. Ich muss stark bleiben.
    Als ich endlich wieder allein bin, stehe ich auf und gehe zu meinem großen Wandspiegel. Ich sehe kränklich aus, meine Haut ist blass. Meine Augen sind heute fast schwarz, und das wundert mich nicht. An guten Tagen sind sie hellblau. Heute ist die Ernte.

    16
    Seth (18), Distrikt 5

    „Wach auf, Seth.“ Die Stimme meiner Mutter. Sie klingt liebevoll und verletzlich, und ich weiß, dass sie darauf hofft, ich könnte sie nicht hören. Ein Rätsel ist mir nur, warum sie es dann ausspricht. Es ist die Bitte, dass ich noch einmal klein werde, noch einmal so werde wie früher, bevor ich mich mit meinem Vater zerstritten habe und alles unerträglich wurde. Sie will es, weil sie glaubt, dass es früher anders war, aber das stimmt nicht. Schon immer habe ich meinen Vater gehasst. Nur habe ich es damals nicht zum Ausdruck gebracht, weil ich von ihm abhängig war. Das bin ich nun nicht mehr und entsprechend behandle ich ihn auch.
    Ich spüre eine Berührung an meiner Wange, den Fingerknöchel meiner Mutter, der sanft mein Gesicht hinabstreicht. Ein Teil von mir möchte aufspringen und sie anschreien, doch ich weiß, dass sie immer noch denkt, ich würde schlafen. Und solange sie das tut, werde ich sie gewähren lassen. Nicht sie wie sonst abwehren, damit sie nicht weiß, wie sehr ich mich nach Geborgenheit sehne.
    Nein. Das stimmt nicht ganz. In Wahrheit sehne ich mir nur nach dem Teil in mir, der längst zerbrochen ist, vielleicht weil mein Vater ihn zerschlagen hat oder ganz von selbst. Dieser Teil, der früher einmal heil war, und der mir jetzt schmerzlich fehlt. Und niemand kann ihn wieder zusammensetzen, das spüre ich. Nicht einmal Leigha, von der ich zumindest denke, dass ich sie liebe.
    Etwas Nasses, Kaltes tropft auf mein Gesicht und ich weiß, dass meine Mutter weint. Jetzt entgleiten mir meine Gesichtszüge, ich hasse es, wenn sie das tut. Denn es macht nicht nur sie, sondern auch mich selbst verletzlich. Sie hat Angst um mich. Angst um dem einzigen Sohn, den mein Vater ihr geschenkt hat, als die Welt für sie noch in Ordnung war. Als es noch nicht die Aufstände gab und den Krieg und das Grauen. Als sie Angst haben musste, mich zu verlieren. Jetzt muss sie es schon wieder.
    Aber ich weiß, dass sie mich schon verloren hat, wenn ich endgültig aufwache. Denn für sie bin ich nur ihr wahrer Sohn, wenn ich schlafe, wenn ich wehrlos und stumm daliege wie ein Kind. Nicht wie der Rebelle, der aus mir geworden ist.
    Ich hasse die Spiele. Ich hasse das Kapitol. Ich hasse Panem. Ich hasse meinen Vater. Und ja, ich hasse auch sie, die Frau, die immer nur zusieht, wenn mein Vater mich schlägt, weil ich in diesen Momenten wie auch sonst am Tag nicht ihr Sohn bin. Die jede Nacht in mein kleines Zimmer kommt und mir beim Schlafen zuschaut, die mich jeden Tag mehr loslässt, weil sie zu sehr krampft, nach den alten Zeiten schreit, während die neuen vorüberziehen.
    Nachdem ich mir darüber klar geworden bin, werde ich ruhiger, entspannter. Ich weiß, dass es nichts gibt, was mich hält, nichts, dem ich nachweinen muss. Da bin nur ich. Und mich selbst kann ich überall hintragen, seien es die Spiele, die Arena.
    „Mum“, sage ich und drehe den Kopf zur Seite. Öffne die Augen und blicke sie an, damit sie endlich weiß, dass ich wach bin.
    „Guten Morgen, Seth.“ Das Zarte ist aus ihrer Stimme verschwunden. Ich bin überrascht, wie gnadenlos dieser Übergang verläuft. Tag und Nacht. Wach und nicht wach. Der Seth, der sie verlassen hat und … ihr Seth. Irgendwie.
    „Ach, lass mich allein“, sage ich kalt, obwohl ich weiß, dass ich sie damit nicht mehr treffen kann. Sie ist es gewöhnt, dass ich sie abschiebe, sie akzeptiert das. Nur weiß sie nicht, warum ich es tue, und irgendwie enttäuscht es mich, dass sie es noch nicht herausgefunden hat. Denn mit dem Teil von mir, den ich verloren habe, wäre ich ein anderer Mensch.

    17
    Django (16), Distrikt 4

    „Auf die Plätze …“
    Ich wische mir die blonden Haare aus dem Gesicht und stemme meine Füße in den Sand.
    „Fertig …“
    Ruckartig spanne ich meine Beinmuskeln an, dann blicke ich ein letztes Mal zu meinem Bruder.
    „Los!“, keucht er. Ich stoße mich ab und sprinte über den Strand, werfe mich ins Wasser. Sofort umgibt mich die eisige Kälte des Meeres, die mich lange schon nicht mehr verunsichern kann. Mein rechter Arm schießt nach vorne und ich beginne, in einem gleichmäßigen Rhythmus zu kraulen. Bald schon ist das Wasser so tief, dass ich nicht mehr stehen kann. Ich weiß noch, als ich früher immer Angst hatte, ich könnte ertrinken, aber das muss ich heute nicht mehr fürchten. Unter Wasser bin ich viel zu sicher.
    In regelmäßigen Abständen tauche ich kurz unter und wieder auf, unter Wasser halte ich die Augen offen. Das Salz brennt ein wenig, aber daran habe ich mich inzwischen gewöhnt. Viel schöner ist die wundervolle Natur, die dort unten auf mich wartet: Korallen, Algen, Fische, Seesterne. Zu gerne würde ich wie sonst hinabtauchen, vier, fünf Meter tief, ich kann lange genug die Luft anhalten. Aber heute geht es darum, schnell zu sein.
    Ich tauche auf und spucke Wasser, dann werfe ich einen Blick nach vorne. Mein Bruder schwimmt etwa zehn Meter vor mir, aber er ist auch älter als ich. Er ist stärker, schneller, wahrscheinlich werde ich nie so gut schwimmen wie er. Trotzdem – ich kann mich nicht damit zufrieden geben. Heute werde ich gewinnen. Nur dieses eine Mal.
    Eine plötzliche Energie keimt in mir auf und ich werde wieder schneller. Fast fliege ich durch das Wasser, Gischt schäumt auf und die Wellen schaukeln mit mir, aber ich gebe nicht auf.
    Erst als die kleine Insel vor mir auftaucht, werde ich langsamer. Sie besteht hauptsächlich aus Felsen, dazwischen Sand und kleine Gräser, aber keine Bäume. Ich fixiere eine kleine Stelle am Rand der Insel, die gut zum Klettern ist. Sobald ich oben bin, habe ich gewonnen. Mit letzter Kraft strecke ich einen Arm vor und spüre den zerklüfteten Felsen unter meiner Haut. Doch als ich mich gerade hochziehen will, sehe ich plötzlich eine Hand vor meinem Gesicht, die sich mir von oben entgegenstreckt.
    „Jetzt komm endlich, Bruderherz.“
    Ich seufze auf und ergreife die Hand, lasse mich von ihm nach oben ziehen. Als ich endlich stehe, klopft mir mein Bruder so fest auf den Rücken, dass ich gegen meinen Willen Wasser husten muss.
    „Verschluck dich nicht, Django“, grinst mein Bruder. Ich werfe ihm einen vernichtenden Blick zu. Doch es dauert nicht lange, bis ich wieder gut gelaunt bin. Wir haben uns auf die Sonnenseite der Insel in den Sand gesetzt und lassen uns von einer sanften Brise trocknen.
    „Nächstes Mal gewinne ich“, sage ich entschlossen.
    Doch mein Bruder lacht nur. „Das sagst du jedes Mal.“
    Wir bleiben noch ein wenig sitzen und reden über dies und das, doch ich bin nicht ganz bei der Sache. Die ganze Zeit schon verfolgt mich ein Gedanke, der da ist und den ich doch nicht wirklich greifen kann. Auch mein Bruder ist angespannt, aber ich tue, als wüsste ich nicht, warum.
    „Es ist Zeit“, sagt er irgendwann und steht auf. Ich nicke. Es ist Zeit.
    Zeit, zurückzuschwimmen. Zeit, sich fertigzumachen. Zeit, dem Meer den Rücken zu kehren und zu verschwinden, wer weiß für wie lange.
    Zeit für die Ernte.

    18
    Hope (14), Distrikt 2

    Gleich. Gleich ist es fertig.
    „Hope!“ Die Stimme meiner Mutter. Ich seufze und blicke zur halb geschlossenen Tür, doch mir fehlt die Energie, zu antworten. Kopfschüttelnd wende ich mich wieder dem Papierbogen vor mir zu und verenge die Augen zu winzigen Schlitzen. Lauras Kopf sieht seltsam verdreht aus, dabei sollte sie eigentlich lachen. Und Lunas linker Arm scheint länger als der rechte, obwohl ich es nachgemessen habe. Heute ist nicht mein Tag, denke ich enttäuscht.
    „Hope!“ Mein Vater ist lauter, ich höre das Drängen in seiner Stimme schon fast zu deutlich. Nervös blicke ich zwischen der Zeichnung und der Tür hin und her, fälle schließlich eine Entscheidung, zerreiße das Blatt in winzige Stücke und laufe zu meinen Eltern. Luna steht daneben und lächelt mir zu. Dennoch kann ich sehen, wie angespannt sie ist.
    „Da bist du ja“, bemerkt mein Vater. „Unpünktlich, wie immer. Dank dir kommen wir zu spät, und ich möchte mir nicht ausmalen, was uns dann blüht.“
    Verständnislos starre ich ihn an.
    „Um zwei müssen wir auf dem Marktplatz sein“, erklärt Luna. Mir fällt es wie Schuppen von den Augen. Natürlich. Heute ist der Tag der Ernte.
    Augenblicklich fange ich an zu zittern. Wie habe ich das nur vergessen können? Die Hungerspiele, ich habe sie verdrängt, so wie ich damals auch die Tatsache verdrängt habe, dass Vater im Krieg war. Dass er gekämpft hat, dass er hätte sterben können. Ich verstehe nicht, warum das immer mit mir geschieht.
    Draußen warten Evelin und Regina, und ich bin froh, meine Freundinnen zu sehen. Ich falle ihnen um den Hals. „Wo ist Laura?“
    „Schon auf dem Platz“, antwortet Evelin und plötzlich kommen mir die Tränen. Ich will nicht, dass wir uns alle dort versammeln müssen. Angst steigt in mir hoch, was wäre, wenn einer von ihnen gezogen wird? Oder Luna, meine einzige Schwester?
    Das darf nicht passieren.
    „Hey“, sagt Regina sanft. „Keine Sorge, alles ist gut. Wir leben in Distrikt 2. Distrikt 2 ist stark. Das weißt du doch.“
    Es stimmt, was sie sagt. Im Krieg hat unser Distrikt keine große Rolle gespielt, deshalb mussten wir nie hungern. Und deshalb hat das Kapitol glimpflich mit uns verhandelt. Genau wie mit Distrikt 1 und 4.
    „Ich will nicht gezogen werden“, keuche ich und meine Stimme zittert. Regina reibt mir über den Rücken, während sie einen Blick mit Evelin tauscht.
    „Du wirst nicht gezogen“, beruhigt Luna mich, die dazugetreten ist. „Wie oft ist dein Name in der Glaskugel?“
    Ich denke kurz nach. „Dreimal.“
    „Siehst du“, antwortet sie. „Und meiner ist erst viermal drin.“
    Viermal! Das ist nicht wenig, wenn man bedenkt, dass wahrscheinlich eher wenige Familien aus meinem Distrikt Tesserasteine brauchen. Plötzlich mache ich mir mehr Sorgen um meine Schwester als um mich selbst.
    „Es wird Freiwillige geben“, meint Evelin. „Selbst wenn du gezogen wirst, es gibt genügend achtzehnjährige, die sich darum reißen, in die Arena zu kommen.“
    „Sicher?“, hauche ich.
    Luna ergreift meine Hand und drückt sie. „Sicher.“

    19
    Carliena (15), Distrikt 12

    Einmal, als ich nach Hause kam, sah ich meine jüngste Schwester vor unserem Haus in einer entsetzlichen Blutlache im Gebüsch liegen. Sie war gestolpert und mit dem Kopf auf einen spitzen Stein gefallen, und jetzt lag sie bewusstlos da und ich stand vor ihr und versuchte mich krampfhaft zu erinnern, was ich tun musste, war ihr so nah und fühlte mich gleichzeitig unglaublich hilflos. Die Angst, sie zu verlieren, war übermächtig, auch wenn ich wusste, dass es in Wahrheit nicht so schlimm war, wie es aussah.
    So fühle ich mich heute. Rose ist jetzt zwölf und gerade alt genug, um bei der Ernte für die ersten Hungerspiele gezogen zu werden. Und auch wenn ich weiß, dass sie nur einen Zettel hat, dass die Wahrscheinlichkeit so gering ist, es gibt da eine Blockade in meinem Kopf.
    Doch da ist nicht nur Rose, um die ich mir Sorgen machen muss. Vielleicht ist sie nicht einmal das Problem – für sie könnte ich mich freiwillig melden. Was ich tun würde, weil ich weiß, dass ich zumindest eine Chance hätte, und das ist es wert. Für Rose würde ich es tun, und auch für Blue, die dreizehn ist und noch genauso unschuldig und winzig. Aber Delta ist älter als ich. Wenn sie gezogen wird, das weiß ich, wird sie mir verbieten, ihren Platz einzunehmen. Weil sie mich genauso liebt wie ich Rose und Blue. Weil sie glaubt, ich würde noch eher sterben als sie.
    In Wahrheit mache ich mir keine Sorgen um meine jüngeren Schwestern. Ich habe Angst um Delta, weil ich weiß, dass niemand anderes sich freiwillig für sie melden wird. Nicht für eine siebzehnjährige, wieso sollte man jemanden schützen, der schon so alt ist? Nicht einmal für Rose würden sie es tun, da bin ich mir sicher, und Delta hat absolut keine Chance.
    Wenn sie gehen würde, wären Rose und Blue und ich dennoch nicht allein – da ist Tara, meine älteste Schwester, die gerade zu alt ist, um gezogen werden zu können, die gerade außer Gefahr ist. Keiner wird allein bleiben. Nur Delta. Von dem Kapitol gefangen genommen, um schließlich in der Arena getötet zu werden. Sicher heimtückisch, im offenen Kampf hätte niemand eine Chance gegen sie. Ich stelle mir vor, wie ein anderer Tribut ihr von hinten das Messer in den Rücken sticht, und balle meine Hände zu Fäusten zusammen.
    Aber da sind doch noch tausende andere Zettel, denke ich verzweifelt. Es ist doch nicht gesagt, dass sie gezogen wird. Dass sie sterben wird.
    Trotzdem stehen die Chancen nicht sehr gut für uns. Rose hat einen Zettel, Blue zwei, ich dreizehn und wie viele Delta hat, weiß ich nicht einmal. Wenn auch nur eine von uns in die Arena muss, dann wird sie sich freiwillig melden. Nur nicht, wenn ich ihr zuvorkomme.
    Vielleicht sollte ich das anstreben. Die Szene sosehr in meinen Gedanken verinnerlichen, dass ich richtig handeln werde, wenn der Augenblick kommt. Sicherlich will ich nicht in die Arena – aber was bleibt mir für eine Wahl? Ich kann meiner Schwester nicht beim Sterben zusehen. Lieber sterbe ich selbst.
    Was denke ich da? Ich zucke zusammen. Unsinn, völliger Unsinn. Es wird nichts geschehen. Warum auch sollte es ausgerechnet uns treffen? Das Schicksal hat meinen Schwestern und mir bereits übel genug mitgespielt. Ich weiß es noch, als sie meine Eltern holten, und ich starrte sie aus meinem kindlichen Gesicht an und fragte, wo sie hingingen, und meine Mutter sagte, sie kämen bald zurück. Sie wären eingeladen und könnten es nicht ausschlagen. Jetzt weiß ich, was es für eine Einladung gewesen ist. Eine Einladung zum kämpfen. Ein Kampf, aus dem sie nie zurückkehrten. Tagelang habe ich an sie geglaubt, wochenlang gehofft, jahrelang gewartet. Aber irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem ich merkte, dass es kein gutes Ende gibt.
    So, wie ich es jetzt weiß. Genauso.

    20
    Canyon(18), Distrikt 1

    Wie gebannt starre ich auf die Uhr an meinem Handgelenk. Vier Uhr in der Nacht, keine gute Zeit. Noch zu früh, um aufzustehen, aber zu spät, um noch einmal einschlafen zu können. In zwei Stunden werden wir ohnehin geweckt.
    Ich drehe mich zur Seite und blicke hasserfüllt auf Jasons Hinterkopf im Bett gegenüber. Ich habe ihn nicht leiden können, seit er vor zwei Jahren auf das Internat kam, und da war er, wie ich später merkte, nicht einmal so schlimm wie heute. Jetzt scheint er zu schlafen. Ich erwäge einen Moment, ihm einen Streich zu spielen, wie wir es als sechzehnjährige oft getan haben, aber dafür fühle ich mich doch zu alt. Er würde nur darüber lachen, mich bloßstellen, wie immer.
    Ich balle meine Hand zu einer Faust zusammen. Meine Zeit wird kommen, denke ich fest. Er weiß es nur noch nicht. Er kennt keines meiner Geheimnise. Ich habe darauf geachtet, dass mir niemand zusieht, wenn ich kämpfe – ursprünglich habe ich trainiert, um später Attentate auf die Regierung zu verüben, doch inzwischen habe ich ein neues Ziel. Die Hungerspiele.
    Ich weiß, dass ich es schaffen kann. Präsident Snow hat die Regeln so oft wiederholt, dass ich sie inzwischen im Schlaf singen könnte. Nein, eigentlich gibt es nur eine einzige Regel: Vierundzwanzig Tribute, aus jedem Distrikt einen männlichen und einen weiblichen, betreten die Arena, doch nur einer kann gewinnen. Und gewinnen heißt überleben.
    Ich weiß nicht, wie die Spiele ablaufen werden, und vielleicht ist es genau das, was mich reizt. Was mich davon überzeugt, mich freiwillig zu melden. Der Krieg ist schon seit einigen Jahren vorbei, und ich war damals noch zu jung, um an der Front kämpfen zu können. Und jetzt, jetzt werde ich meinen eigenen Krieg führen. Werde zeigen, dass Distrikt 1 der wahre ist, der, für den es sich lohnt, sein Leben zu geben. Das ist meine Chance.
    Es ist meine einzige, denn nächstes Jahr, wenn die Hungerspiele erneut stattfinden sollen, werde ich zu alt sein. Vielleicht gibt es doch eine zweite Regel: Tribute sind Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren. Ich stelle mir die kleinen zwölfjährigen Jungen und Mädchen vor, stelle mir vor, wie ich mit dem Messer auf sie einsteche, ihre Schreie, ihre Aufgabe. Das Mädchen aus meinem Distrikt wird ebenfalls sterben müssen. Sie alle müssen das, wenn ich überleben soll, und daran gibt es keinen Zweifel. Ich habe geübt, seit ich ein kleines Kind bin. Viele der Waffen sind wie für mich gemacht, geben mir Kraft, Mut, Macht. Ich kenne keine Angst mehr, seit ich hier bin. Auf diesem Internat. Es hat mich stark gemacht.
    Ich verziehe das Gesicht zu einer Grimasse und sehe Jason dabei zu, wie er sich in seinem Bett wälzt und keine Ruhe findet. Ein Alptraum? Er träumt von mir, denke ich und muss fast lachen.
    Jetzt stehe ich doch auf. Es ist inzwischen halb fünf und meine Muskeln jucken, brauchen eine Aufgabe. Ich schleiche mich in Trainingsraum 3 und stelle mich vor einen riesigen Sandsack. Hieb, rechts, links. Haken. Tritt in die Seite, dann über die Schulter abrollen, noch in den Knien ein weiterer Schlag.
    Ich kämpfe weiter, schneller, fester, spüre, wie Hitze in mein Gesicht steigt, den Schweiß, der mein Shirt durchtränkt. Als ich schließlich aufhöre, bin ich völlig außer Atem. Ich muss mindestens fünf Minuten am Stück geschlagen und getreten haben, mitten in der Nacht, mit voller Kraft. Meine Handknöchel sind geschwollen, ich verkrampfe und entspanne sie einige Male, dann kümmere ich mich nicht weiter darum.
    Noch immer schießt Adrenalin durch meinen Körper und lässt meine Wangen erglühen. Wäre der Sandsack ein Gegner, ein Tribut gewesen, so wäre er jetzt tot, da bin ich sicher. Ganz ohne Waffen. Lächelnd schlage ich mir mit der Faust in die offene Hand. Ich bin bereit.

    21
    Kevin (12), Distrikt 7

    „Steh auf, Kevin.“ Die Stimme meines Vaters weckt mich, so kommt es mir vor, kaum dass ich eingeschlafen bin. Ich wälze mich in meinem Bett und klammere mich an der Decke fest, die er mir versucht, wegzuziehen.
    „Hey, du musst jetzt aufstehen“, sagt mein Vater. „Es ist gleich ein Uhr.“
    Sofort sitze ich senkrecht in meinem Bett. Ein Uhr! So lange habe ich geschlafen?
    „Warum habt ihr mich nicht früher geweckt?“, stöhne ich. Es wird keine Zeit zum Essen mehr bleiben, und das lässt den schlechten Geschmack in meinem Mund fast übermächtig werden. So lange habe ich wachgelegen. Die zitternde Angst, die mich umgab, hat mich davon abgehalten, zu ruhen. Heute ist der Tag der Entscheidung. Heute kann so viel passieren. Heute kann das Schicksal meiner Eltern besiegelt werden. Genau wie meins.
    Vor ein paar Tagen habe ich etwas Papier aus dem kleinen Büro meiner Eltern geklaut und Berechnungen angestellt: Die Bewohner von Distrikt 7 minus diejenigen, die zu alt für die Ernte sind, geteilt durch sieben Altersstufen, die zwölfjährigen mal eins, die dreizehnjährigen mal zwei und so weiter. Dazu die Menge an Tesserasteinen, die in unserem Distrikt schätzungsweise verkauft werden. Dann die Wahrscheinlichkeit, dass ich in einem der nächsten sieben Jahre gezogen werde. Die Chancen stehen ziemlich gut für mich.
    Aber all diese Statistiken können mich nicht im Mindesten beruhigen. Ich weiß, dass es irgendeine Familie da draußen gibt, die es treffen wird, und allein das ist schon schrecklich genug.
    Ich blicke in das sorgenvolle Gesicht meines Vaters. Ich bin sein einziger Sohn. Er will mich behalten, mich aufwachsen sehen, mich erwachsen werden lassen. Die zwölf Jahre, die ich jetzt schon bei ihm bin, sind nicht genug. Er wünscht sich für mich, dass ich irgendwann eine gute Arbeit finde, ausziehe, eine eigene Familie gründe. Ich muss schlucken. Für dreiundzwanzig Jugendliche aus den zwölf Distrikten wird dieser Traum bald zerstört werden. Und der eine, der gewinnt, will vielleicht nicht einmal mehr eine Familie gründen, weil er es nicht ertragen kann, wenn eines seiner Kinder in die Arena muss und das erleben wird, was er überlebt hat.
    Diese Hungerspiele sind vielleicht sogar die schrecklichsten. Niemand weiß, was auf uns zukommen wird. Wie gnadenlos die anderen Tribute töten werden, um ihr eigenes Leben zu retten. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das könnte. Aber wie soll ich das auch wissen, wenn ich noch nie in meinem Leben mit einer solchen Entscheidung konfrontiert wurde?
    Ich habe Angst. Sicher. Vielleicht noch mehr als mein Vater, obwohl es eigentlich unmöglich ist, die Angst um seine Kinder zu überbieten. Doch ich bin mir fast sicher, dass es bei mir so ist. Meine Eltern lieben mich, aber sie gehen nicht davon aus, dass ich gezogen werde. Ich jedoch bin mir nicht sicher. Es würde zu meinem Leben passen. Der kleine, dickliche Junge aus Distrikt 7 stirbt als Heulsuse in den ersten Hungerspielen.
    Ich balle meine Hände zu Fäusten. Wer würde mich schon vermissen? Außer meinen Eltern wären da noch ein paar Jungs aus der Schule, aber die würden mich bald vergessen. Bei Albert würde es ein wenig länger dauern als bei den anderen, aber auch er würde darüber hinwegkommen. Und die anderen? Ich bin kein guter Arbeiter, jedenfalls nicht körperlich. In Distrikt 3 wäre ich besser aufgehoben als hier. Hier braucht mich doch niemand.
    Ich muss ehrlich mit mir sein.
    Einmal.
    Vielleicht habe ich es sogar verdient, in die Hungerspiele zu kommen.

    22
    Camelon (15), Distrikt 2

    Noch bevor es hell wird, bin ich wach. Ich habe es mir angewöhnt, früher aufzustehen als die anderen im Schuppen, einfach um ein wenig Zeit für mich zu haben. Sobald Mina aufwacht, ist es ohnehin aus mit der Ruhe. Ich sehe sie vor mir, wie sie fröhlich um mich herumtanzt und mich nicht versteht, meine Gedanken, meine widerstreitenden Gefühle nicht ergreifen kann. Sie ist so jung und unschuldig, ich will sie nicht belasten.
    Aber auch Luke, das spüre ich, kennt mich weniger, als er denkt. Noch nie hat er sich besonders für mich interessiert, und das kann ich ihm nicht einmal übel nehmen. Schon vor zwei Jahren hat er angefangen, arbeiten zu gehen, und damals war ich noch nicht so wie heute. Mit dreizehn war meine Welt noch in Ordnung, jetzt steht sie auf der Kippe. Und jetzt hat Luke keine Zeit mehr für mich. Vielleicht trägt auch er Schuld daran, dass ich mich so verändert habe.
    Noch einmal schließe ich die Augen. Die Welt, in der ich mich befinde, ist schrecklich, ich möchte ihr zumindest für ein paar Minuten entfliehen. Möchte frei sein, frei von dem täglichen Hass, der auf mich zurollt. Nein, so ganz stimmt das nicht. Den Hass strahle ich selbst aus. Aber das, was ihn erschafft, ist die Gleichgültigkeit. Ich bin meinen Eltern vollkommen egal. Niemand braucht mich. Weder, um mir eine Arbeit zu geben, noch um mit mir zu reden. Ich bin wie Luft, Staub, der sich auf die Kleider meiner Eltern legt und sie beschmutzt, Staub, den man so schnell wie möglich loswerden möchte. Wofür lohnt es sich, zu leben?
    Wäre ich doch bloß wie Luke. Ich seufze in meine Matratze hinein. Groß, kräftig, ernst. Absolut verlässlich. Wenn meine Eltern einer Person vertrauen, dann ihm.
    Und Mina muss man lieben, sobald man sie das erste Mal erblickt. Die kleine zehnjährige mit dem süßen Lächeln auf dem Gesicht, das die Dunkelheit in ihr verbirgt. Vielleicht ist sie wirklich glücklich. Aber auch sie muss doch spüren, wie ich mich fühle, wie das Leben an mir vorbeizieht, ohne dass ich es genießen kann.
    Ich weiß nicht, wie viel Zeit mir noch bleibt. Meinetwegen kann sie bald vorbei sein. Was ich mir wünsche, ist nur ein wenig Würde, ein wenig Respekt. Sie sollen mich ehren. Um mich bangen. Für mich weinen. Mich in Erinnerung behalten, als Jungen, der starb, ohne wirklich verloren zu haben. Ja, als Junge möchte ich sterben, nicht als alter Mann, wenn mich niemand mehr kennt. Wenn ich bereits mein gesamtes Leben verpfuscht habe.
    Ich möchte nur weiterleben, wenn sich etwas ändert – auch, wenn ich dafür kämpfen muss. Ich will, dass meine Eltern mich endlich kennenlernen. Den wahren Camelon. Ihren Sohn. Das muss ich schaffen.
    Die Hungerspiele. Ich stelle mir die Arena vor. Die vierundzwanzig Tribute auf den Metallplatten, das Füllhorn. Wenn ich nur dort wäre. Wenn ich gewinnen würde, wäre ich ein Held für meine Familie. Wir sind so arm, dass wir Angestellte bei einer anderen Familie sind und in ihrem Schuppen leben müssen. Wenn ich uns dort hinausbrächte … ich wäre endlich einer von ihnen. Da bin ich mir sicher. Sie würden mich achten. Camelon, der sie ins Haus der Sieger brachte. Ihr Sohn, der sie rettete.
    Ich schlage die Augen auf.
    Blicke auf die Uhr. Gleich halb neun.
    Noch fünfeinhalb Stunden bis zur Ernte.
    Ich sehe in den Spiegel. Sehe einen blassen Jungen, die verstrubbelten braunen Haare, die grauen Augen, die mich an mich selbst erinnern. An Staub. Ich sehe mich an und … treffe eine Entscheidung.

    23
    China (18), Distrikt 1

    Seufzend lasse ich den Degen sinken und schüttele den Kopf. Die Trillerpfeife meines Trainers Andrew schrillt durch den Raum, ich beiße die Zähne zusammen, um nicht aufzuschreien vor dem heftigen Schmerz in meiner Schulter. Charlotte steht unentschlossen vor mir, scheint nicht zu wissen, ob der Kampf endgültig abgebrochen wird oder nicht. Ich werfe Andrew einen vorsichtigen Blick zu und zucke vor seinem zornigen Gesichtsausdruck zusammen.
    „Maske aus!“, befielt er mir barsch. Ich streife die schwarze Maske über meinen Kopf und schüttele die verklebten Haare aus. Ein Glück, dass sie mir nur bis zum Kinn reichen. Nicht wie bei Charlotte, die andauernd mit ihren langen, blonden Locken zu kämpfen hat.
    Der Kampf war schlecht. Ich bin zu unkonzentriert in letzter Zeit, früher habe ich andauernd gewonnen, jetzt nur noch selten. Ich weiß, dass Andrew nicht zufrieden mit mir sein wird, und der selbstgefällige Ausdruck auf Charlottes Gesicht trifft mich hart. Sie ist meine Freundin, aber beim Fechten steht so etwas erst einmal zurück. Beim Fechten kommt es nicht auf deinen Gegner an, unter einer Maske verborgen, dass du ihn nicht siehst. Nein, es kommt nur auf dich selbst an, und deshalb interessiert Charlotte der Schmerz in meiner Schulter nicht, dort wo ihr Degen mich berührt hat, zu fest. Nachher wird sie sich entschuldigen, das weiß ich. So ist es immer. Aber im Moment sind wir Gegnerinnen, keine Freunde.
    Andrew spricht kein Wort mit mir. Das überrascht mich, sonst hält er nach dem Kampf immer eine Rede darüber, was wir hätten besser machen müssen, doch heute scheint er wirklich wütend zu sein. Ich beiße mir auf die Lippe und schlurfe in die Duschkabine. Während das Wasser auf meine Haut prasselt und meine schwarzen Haare entwirrt, denke ich nach. Ich weiß, dass es an dem bevorstehenden Ereignis liegen muss, dass ich so unglaublich schlecht kämpfe – etwas anderes kann ich mir nicht vorstellen. Ich sollte eine Entscheidung treffen, endlich. Bevor es zu spät ist und ich nicht mehr die Zeit dafür habe.
    Die Trainingstasche hängt schwer über meiner Schulter und stößt bei jedem Schritt gegen mein Bein. Der Weg nach Hause ist ermüdend – zwar darf ich genau genommen Auto fahren, alt genug bin ich, aber Großvater erlaubt es mir nicht. Und auch, wenn ich inzwischen meine eigenen Entscheidungen treffen kann, ich will ihn nicht enttäuschen.
    Als ich schließlich um eine Ecke biege und die riesige Villa vor mir erkennen kann, bin ich erleichtert. Meine Kondition ist ausgezeichnet, aber selbst ich bin nach zweistündigem Training und kilometerlangem Lauf erschöpft. Meine Schulter pocht immer noch, wahrscheinlich wird es einen Bluterguss geben. Aber daran bin ich gewöhnt.
    „Guten Abend, China“, begrüßt mich einer der Angestellten am Hof. Ich nicke ihm kurz zu, bin aber zu müde, um meine Zeit für ihn zu verschwenden. Stattdessen trete ich in die Villa, werfe meine Trainingstasche in eine Ecke und sprinte die Treppen hinauf. Im Flur sehe ich, dass die Tür zum Büro meines Großvaters offen steht. Zögernd klopfe ich mit meinen Fingerknöcheln dagegen, dann spähe ich hinein. Megan ist da und unterhält sich angeregt mit meinem Großvater, dessen schütteres Haar sich bei jedem Lacher neu verwirbelt. Und den ich über alles in der Welt liebe.
    Ich schlinge ihm von hinten die Arme um den Hals. „Ich glaube, ich weiß jetzt, was ich machen werde.“
    „Hallo, China“, sagt Megan. Ich lächele meine Freundin an. „Ich werde mich freiwillig melden. Freiwillig für die ersten Hungerspiele.“
    Ihr Lachen erstirbt, als mein Großvater sich zu mir umdreht. „Tu’s nicht, China. Tu’s nicht.“

    24
    Connor (17), Distrikt 8

    Ich stehe vor einem Tor. Der Bogen glänzt vor Gold, aber es ist trügerisch, nur das Licht lässt diese Illusion wirken. In Wahrheit ist er bronzefarben, schon grünlich nach den vielen Gewittern, die über das Land kamen. Es gibt zwei Wege, diese Gewitter zu deuten. Ich sehe nur, dass es weitere geben wird. Noch ist nichts entschieden, auch wenn es so scheint.
    Der linke Weg, der leichte, unbeschwerte, kann mich nicht begeistern. Ich wähle den steinigen Weg. Wieder kommt mir die alte Weisheit in den Sinn, die ich in Kindertagen nie verstanden habe. Manchmal muss man sich entscheiden zwischen dem leichten und dem richtigen Weg. Nie hätte ich gedacht, dass mich eine solche Entscheidung einholen würde, sei sie auch bloß in meinen Gedanken.
    Ich stütze die Hände auf die Knie und marschiere los. Ruhe kommt als dichter Nebel auf mich zugeflossen und ich gebe mir keine Mühe, sie abzuwehren. In der Ruhe liegt die Kraft. Und Kraft ist das, was ich jetzt brauche, um diesen steinigen Weg zu gehen.
    Vielleicht finde ich hier mein Ende. Besser wäre es, auf dem leichten Weg zu sterben, zwischen Blumentälern und süßen Düften, aber ich weiß, dass ich mir diesen Luxus nicht gönnen darf. Ich will kein Verräter sein. Ich will zu meinem Distrikt stehen, zu meinem Vater, meinen Schwestern. Nur das soll mein letzter Wunsch sein, wenn ich sterbe.
    Aber noch ist es nicht so weit, das spüre ich. Der Weg geht steil bergauf und lässt Energie durch meinen Körper fließen. Der Wille hält mich auf den Füßen. Ich keuche kaum, die Luft ist frisch und erzählt vom Frühling. Bald kommt wieder ein wenig Wärme über das Land. Doch auch die ist trügerisch. Sie verbirgt, was nicht versteckt werden darf. Den Tod von dreiundzwanzig Jugendlichen in naher Zukunft. Jugendliche, die nichts dagegen tun können, die von allen noch lebenden Menschen am wenigsten Schuld dafür tragen. Die verletzlich sind, der innere Kern aller Distrikte, der zerstört wird. Der auch die Eltern zerstört, die Familie, die Freunde. Ich könnte schreien vor Ungerechtigkeit.
    Aber nützen wird mir das nichts. Schon gar nicht hier, in der alten Ruine, der einzige Platz, an dem ich für mich sein kann. Hier kommen keine Friedenswächter entlang, weil sie nicht glauben, dass es hier noch Leben gibt. Und genau das ist mein Vorteil. Das ist die Kraft, von der ich mich nähre.
    Ich habe zwei Schwestern. In jetziger Zeit wünschte ich, es wären Brüder, die ich notfalls beschützen könnte, jedenfalls bei der Ernte. Beinahe weiß ich, dass eine von ihnen gezogen wird. Ich kann nicht sagen, wen ich mehr liebe – Lissy oder Luna. Luna ist älter, aber auch sie ist erst dreizehn. Auch sie hat es nicht verdient, natürlich nicht.
    Was habe ich schon für eine Chance, während ich zwischen den Überresten einer Ruine sitze und im Dreck herumstochere, auf der Suche nach einem kleinen Rest von dem, was hier einmal war? Ich will nicht vergessen werden. Diese Ruine lebt durch mich, und wenn ich fort bin, dann ist sie es auch. Ich stelle mir vor, wie hier einmal Menschen gelebt haben, Familien mit Kindern, die im Krieg zerstört wurden. Zerbombt, verachtet, vernichtet. Bis auf wenige Steine. Steine, die eine Geschichte erzählen. Ich will sie verstehen. Manchmal, wenn ich ganz einsam bin, glaube ich, die Mauern wispern zu hören. Und auch wenn ich weiß, dass das alles meiner Fantasie entspringt, niemand hat gesagt, dass es leicht wird. Der steinige Weg ist nicht umsonst steinig.
    Ich blicke auf. Das bronzefarbene Tor liegt weit von mir, ich kann nur seine blassen Konturen erkennen.
    Manchmal ist es nicht leicht, an sich selbst zu glauben. Deshalb schwöre ich es mir.

    25
    Cecil (17), Distrikt 12

    Inzwischen sage ich nicht mehr viel. Zum Teil ist es eine Schutzfunktion, außerdem wäre alles andere zu ermüdend. Wenn jemand mir eine Frage stellt, antworte ich oft einsilbig, so gut es eben geht, und wenn die Antwort doch mehr erfordert, sage ich gar nichts. Stumm erkämpfe ich mir den Weg, schrecke vor nichts zurück, lasse die anderen mich sich selbst erschließen. Das was sie sagen, zieht an mir vorbei. Lange schon interessiere ich mich nicht mehr dafür.
    Der heutige Tag ist wie jeder andere. Was auch immer passiert, ich weiß, dass mich nichts verändern kann. Ich will nicht mehr warten. Es dauert mir zu lang. Es reicht mir, in die besorgten Gesichter meiner Eltern zu schauen. Weshalb haben sie Angst um mich? Es sind bloß sechs Zettel mit meinem Namen in der Glaskugel, sie müssen sich nicht aufregen. Alles halb so wild.
    Ich habe doch nichts zu verlieren. Das Leben in Distrikt 12 ist ermüdend. Meine Mutter ist reich, aber ich habe mir vorgenommen, Kohlearbeiter zu werden, auch wenn ich vielleicht einen besseren Job bekommen könnte. Aus reinem Protest gegen das Leben, das mir aufgezwungen wird. Ich rede nicht mit meiner Mutter. Ich verachte sie. Wie kann sie nur einfach weitermachen, nachdem mein Vater verschwunden ist? Um möglichst wenig abhängig von ihr zu sein, bin ich oft bei meiner Tante. Ich esse bei ihr, meist schlafe ich auch bei ihr. Sie umsorgt mich, als wäre ich ihr eigenes Kind.
    Ich habe keine Lust mehr auf den ganzen Dreck. Der einzige Grund, weiterzuleben, ist für meine Tante. Sie würde um mich trauern, das weiß ich. Bei meiner Mutter bin ich mir nicht so sicher.
    Ich bin taub geworden für ihre Worte. Nichts, was von ihr kommt, kann mich noch erreichen. Vielleicht hoffe ich noch darauf, dass es irgendetwas in ihr auslöst. Aber es kann genauso gut sein, dass schon alles zu spät ist. Und dann? Ich habe keine Freunde, mit denen ich mir die Zeit vertreiben kann, und mein Leben ist so öde, dass ich loskotzen könnte. Bleibt nur noch das Trainieren. Aber trainieren wofür? Der einzige Ort, wo es mir etwas nützen würde, wäre in der Arena. Und wenn ich gewinnen würde, wäre ich wieder hier, in Distrikt 12, im Dorf der Sieger ohne einen einzigen Nachbarn. Meine Mutter würde sicher nicht zu mir ziehen. Vielleicht meine Tante, aber auch sie würde es langweilen ohne ihre Freundinnen.
    Was also soll ich tun? Es ist wie ein Teufelskreis. Trainieren, damit ich nicht vor Langeweile sterbe. Trainieren, um in der Arena eine Chance zu haben. Eine Chance haben, um nicht zu sterben, um zu gewinnen. Gewinnen, um wieder nach Hause zu kommen. Wieder das Leben zu leben, die Person zu sein, die ich nicht länger sein will.
    Und wird es etwas ändern? Nein.
    Das einzige, was in meinem Leben Sinn ergibt, ist Widerstand. Ich muss meine Wut gegen etwas Großes richten. Gegen das Kapitol. Es zu vernichten, ist mein größtes Ziel. Allein kann ich es nicht schaffen, das spüre ich, aber bei dem Versuch zu sterben, wäre großartig. Ich könnte mich in eine hohe Position begeben, meine Mutter macht es mir möglich. Dann illegal ins Kapitol reisen, es von innen heraus zerstören. Der Gedanke gefällt mir.
    Doch zuerst muss ich diesen Tag hinter mich bringen. Dann bin ich frei, zumindest bis zum nächsten Jahr. Ich werde einen Plan ausarbeiten. Einen Plan, der das Kapitol zerstören wird. Ja. So wird es sein.
    Ein Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen. Ich bin bereit, bereit für alles.
    Adieu, denke ich. Bald ist es vorbei mit eurer Macht. Bald komme ich, und ich werde sehen und siegen und alles zerstören, was euch heilig ist.

    26
    Ryan (15), Distrikt 9

    „Fröhliche Hungerspiele! Und möge das Glück stets mit euch sein!“
    Dieser Satz reißt mich aus meinen Gedanken. Wie gebannt starre ich die Moderatorin an, die sich leichtfüßig über das Podest bewegt. Mein Mund ist trocken. Ich glaube nicht, dass ich sprechen könnte, selbst wenn ich wollte.
    Die Zeit der Ziehung ist gekommen. Die Moderatorin geht hinüber zu der Glaskugel mit den Mädchennamen. „Ladies first!“
    Ich schlucke schwer und blicke hinüber zu Sun. Nicht sie, denke ich inbrünstig. Nicht sie, nicht Hope, bitte alles, nur nicht diese beiden Namen!
    Die Moderatorin geht zurück zum Podest, streicht den Zettel glatt und verliest mit klarer Stimme den Namen. „Sky Dwadnir.“
    Erleichtert atme ich aus. Meine Schwestern sind verschont worden. Doch als sich ein kleines, zierliches Mädchen aus dem Block der zwölfjährigen löst, kann ich nicht anders, als mich schlecht zu fühlen. Das Mädchen schleicht auf das Podest zu, ihre Augen sind vor Panik geweitet. Kurz bevor sie es erreicht, bricht sie in Tränen aus.
    „Komm her“, sagt die Moderatorin mitfühlend. „Komm zu mir hoch.“
    Zögerlich steigt das Mädchen die Stufen hoch und blickt mit geröteten Augen in die Menge. Sie scheint nach jemandem zu suchen, und als die Moderatorin nach Freiwilligen fragt und sich niemand meldet, und das Mädchen sein Gesicht in den Händen verbirgt, spüre ich, dass es eine ältere Schwester geben muss. Aber die will nicht.
    „Was für ein aufregender Tag!“, flötet jetzt die Moderatorin. „Aber es wird noch aufregender! Jetzt werden wir unseren Jungentribut auswählen!“
    Atmen, weiter atmen, rede ich mir ein.
    „Ryan Stanley.“
    Nein. Verdammt, nein! Alle Kameras sind auf mich gerichtet. Ich setze eine Maske aus Gleichgültigkeit auf, die mein Inneres so gut wie möglich verbirgt. Ich darf nicht weich wirken, schon gar nicht am Anfang. Mit zitternden Fingern steige ich auf das Podest.
    „Gibt es Freiwillige?“, fragt die Moderatorin. Wer denn?, denke ich verbittert und bin nicht überrascht, als sich niemand meldet.
    „Na, da hat Distrikt 9 ja zwei hervorragende Tribute gewählt!“, kiekst die Moderatorin. Ich fasse Sky ins Auge. Sie weint immer noch. Als wir uns die Hände reichen, nicke ich ihr stumm zu. Es tut mir leid für dich, kleines Mädchen, denke ich. Wirklich.

    Als erstes erscheinen mein Vater und meine beiden Schwestern. Sun weint, und Hope ist so erschrocken, dass sie nicht ansprechbar ist. Ich wende mich an meinen Vater.
    „Ich werde versuchen, zu gewinnen“, sage ich und bin überrascht, wie fest meine Stimme klingt. „Und dann werden wir ein besseres Leben haben. Werden durchkommen.“
    „Ich werde dich nicht vergessen, Ryan“, sagt er und nimmt mich in den Arm. „Du bist ein toller Junge.“ Jetzt rinnt mir doch eine leise Träne die Wange hinunter, aber ich wische sie weg.
    „Bitte versuch einzurichten, dass Hope und Sun sich nicht ansehen müssen, was auf dem Bildschirm geschieht“, flüstere ich.
    „Ach Ryan“, seufzt mein Vater. „Du weißt doch, dass das nicht geht.“ Dann ist unsere Zeit vorbei. Dean, mein bester Freund, kommt und sagt nichts. Sein Blick ist starr auf den Boden gerichtet. Fünf Minuten, dann muss auch er gehen und ich bin allein.

    27
    Cecil (17), Distrikt 12

    „Fröhliche Hungerspiele! Und möge das Glück stets mit euch sein!“
    In Gedanken spucke ich die Moderatorin an. Wie verachtenswert, dass sie den ganzen Mist auch noch schönredet. Ich hebe kühn das Kinn und starre sie an. Was ihr wohl durch den Kopf geht, dieser Kapitolsfrau, die nichts Besseres zu tun hat, als Tribute für den Tod zu wählen.
    Die Zeit der Ziehung ist gekommen. Die Moderatorin geht hinüber zu der Glaskugel mit den Mädchennamen. „Ladies first!“
    Es ist mir vollkommen gleichgültig, wer gezogen wird. Ich kann nur hoffen, dass es keine zwölfjährige ist, denn das wäre unfair. Das ist auch mir nicht egal.
    Die Moderatorin geht zurück zum Podest, streicht den Zettel glatt und verliest mit klarer Stimme den Namen. „Carliena Black.“
    Ein blasses Mädchen mit dunkelbraunen Haaren und auffällig grünen Augen geht langsam auf das Podest zu. Sie strahlt eine unheimliche Kälte aus. Weint nicht, zittert nicht. Das gefällt mir, denke ich und muss beinahe grinsen. Sie sieht stark aus. Zwar erst fünfzehn, aber dennoch – eine Chance hat sie durchaus.
    Als das Mädchen sich mit der Moderatorin unterhält, wirft sie immer wieder wütende Blicke in die Menge. Ich folge ihnen und entdecke ein älteres Mädchen im Block der siebzehnjährigen, das augenscheinlich ihre Schwester ist. Sie sieht am Boden zerstört aus, aber freiwillig melden tut sie sich trotzdem nicht. Ihr feigen Hühner, denke ich. Feige, alle so feige. Da hat man eine ältere Schwester und ist ihr nicht wichtig genug.
    „Was für ein aufregender Tag!“, flötet die Moderatorin. „Aber es wird noch aufregender! Jetzt werden wir unseren Jungentribut auswählen!“
    Na super, denke ich. Geht das hier auch irgendwann einmal vorbei?
    „Cecil Magandis.“
    Oh. Das bin dann wohl ich. Zerstreut spüre ich, wie sich meine Muskeln in Bewegung setzen. Alles zieht an mir vorbei, die Menschen um mich herum sind wie Schatten. Sie machen mir Platz, ohne dass ich etwas dafür tun muss. Ihre Blicke folgen mir. Undeutlich nehme ich wahr, wie die Moderatorin nach Freiwilligen fragt, und muss beinahe auflachen. Sie hat wohl vergessen, in was für einem ärmlichen Distrikt wir uns befinden.
    „Na, da hat Distrikt 12 ja zwei hervorragende Tribute gewählt!“, kiekst die Moderatorin. Sie bedeutet Carliena und mir, dass wir uns die Hände reichen sollen. Carliena starrt mich an, und als ich ihren festen Händedruck spüre, muss ich grinsen. Bis bald, formen meine Lippen.

    Tante Rose tigert im Raum umher, seit sie erschienen ist. Hin und wieder scheint ihr wieder einzufallen, dass ich auch da bin, dann umarmt sie mich und flüstert etwas, das ich nicht verstehe. Wahrscheinlich sind es nicht einmal richtige Worte.
    „Mach dir keine Sorgen“, murmele ich. „Dein Leben geht weiter.“
    „Oh Cecil, was soll ich nur ohne dich tun!“, ruft sie und rauft sich die Haare. Dann marschiert sie weiter, zur Wand, zu mir, wieder zurück. Als ein Friedenswächter sie nach draußen zerrt, könnte ich schwören, dass ihre Schuhabdrücke immer noch deutlich zu sehen sind.
    Meine Mutter kommt nicht. Eigentlich überrascht mich das nicht besonders, aber ich bin sauer, weil ich den Rest der Stunde allein verbringen muss, und außerdem klingt das hier sosehr nach einem endgültigen Abschied. Vor allem aber bin ich wütend, weil mein Plan mit dem Kapitol nicht aufgehen wird. Zumindest nicht, wenn ich sterbe – also muss ich gewinnen. Für Panem.

    28
    Cara (15), Distrikt 11

    „Fröhliche Hungerspiele! Und möge das Glück stets mit euch sein!“
    Nervös reibe ich meine Hände. Die erträglichste Beschäftigung, die ich finde, denn vorhin habe ich mich zweimal beim Nägelkauen ertappt und irgendetwas scheinen meine Finger tun zu wollen. Dennoch entgleitet mir die Kontrolle über meine Gesichtszüge nicht. Immerhin.
    Die Zeit der Ziehung ist gekommen. Die Moderatorin geht hinüber zu der Glaskugel mit den Mädchennamen. „Ladies first!“
    Ich senke meinen Kopf so tief, dass ich jede Einzelheit meines orangefarbenen Kleids erkennen kann. Heute sehe ich wirklich hübsch aus, keine Arbeitskleidung wie sonst.
    Die Moderatorin geht zurück zum Podest, streicht den Zettel glatt und verliest mit klarer Stimme den Namen. „Cara Shines.“
    Was? Was hat sie gesagt? Ich kann ihr nicht folgen. Dass ich gemeint bin, merke ich erst, als die anderen Mädchen um mich herum mich langsam, aber stetig nach vorne schieben. Dort, wo ich nicht hinmöchte. Zum Podest. Ich renne zurück, nehme meine Familie in den Arm und will sie gar nicht mehr loslassen. Zwei Friedenswächter zerren mich zur Bühne. Kurz vor den Stufen versucht eine meiner Katzen, Carlo, die Friedenswächter aufzuhalten. Sie schleudern ihn zu Boden und ich stehe jetzt mit zittrigen Händen auf der Bühne und schaue geschockt zu meiner Familie und zu Carlo, der regungslos am Boden liegt. Alles, was ich höre, ist ein nicht zu enden scheinender Schrei. Verschwommen denke ich, dass er von mir stammen könnte. Als wäre es das einzig wichtige in diesem Moment.
    „Was für ein aufregender Tag!“, flötet die Moderatorin. „Aber es wird noch aufregender! Jetzt werden wir unseren Jungentribut auswählen!“
    Ich denke an Elias und an seine vielen Zettel und muss schlucken. Wenn jetzt auch noch er …
    „Nico Antheb.“
    Ein kleiner, sportlicher Junge geht aufrecht und düster auf das Podest zu. Mit einer fahrigen Handbewegung streicht er sich die dunkelbraunen Haare aus der Stirn und ich erhasche einen Blick in seine blau blitzenden Augen. In der Menge höre ich jemanden aufschluchzen – es ist ein Mädchen, offenbar noch zu jung, um bei der Ernte dabei zu sein. Der Junge zuckt zusammen, bleibt stehen und wirft einen langen, gequälten Blick in die Richtung des Schluchzers.
    „Na, da hat Distrikt 11 ja zwei hervorragende Tribute gewählt!“, kiekst die Moderatorin. Ich muss an Elias denken und zwinge mich seinetwegen dazu, nicht zu zittern. Als Nico und ich uns die Hände reichen, sieht er mir kühl in die Augen. Ich halte mich an ihm fest.

    „Lebt er noch?“ Die erste Frage, die ich stelle, als meine Mutter, Elias, Tommy und Luna den Raum betreten. Ich meine Carlo, aber meine Stimme klingt so heiser, dass sie mich sicher kaum verstanden haben.
    „Es geht ihm gut“, sagt meine Mutter. Ich seufze auf. Klammere mich an dem Gedanken fest, dass wenigstens eine Sache in Ordnung ist, und das hilft mir, nicht die Fassung zu verlieren.
    Wir reden noch ein wenig, aber ich bin so weggetreten, dass ich nur wenig behalte. Luna fleht mich an, zurückzukommen. Ich kann nicht anders, als ihr zu versprechen, dass ich es versuchen werde – aber darauf hoffen kann ich nicht. Natürlich nicht.
    Später kommen Emilia, Thalia und Sandra. Sie bestürzen mich mit Fragen und scheinen gar nicht aufzuhören, mich über jeden Aspekt meines Lebens auszufragen. Als könnten sie mich dadurch bei sich behalten. Vielleicht versuchen sie aber auch bloß, genau wie ich, die Zeit zu überstehen.

    29
    Connor (17), Distrikt 8

    „Fröhliche Hungerspiele! Und möge das Glück stets mit euch sein!“
    Ich blicke auf. Jetzt ist es soweit. Tausende Augen ruhen auf der aufgehübschten Gestalt der Moderatorin. Mein Blick schweift durch die Menge und ich erkenne Luna, die hilflos im Block der dreizehnjährigen Mädchen steht. Viel Glück, flüstere ich.
    Die Zeit der Ziehung ist gekommen. Die Moderatorin geht hinüber zu der Glaskugel mit den Mädchennamen. „Ladies first!“
    Jetzt entdecke ich auch Lissy. Unsere Blicke treffen sich für einen Moment und ich kann nicht anders, als besorgt auszusehen. Dabei wollte ich ihr keine Angst machen.
    Die Moderatorin geht zurück zum Podest, streicht den Zettel glatt und verliest mit klarer Stimme den Namen. „Anne Emera.“
    Meine Blicke folgen denen der anderen Jugendlichen, die sich einer nach dem anderen zu einem ziemlich mageren Mädchen im Block der sechzehnjährigen Mädchen umdrehen. Ihre mahagonifarbenen Haare verdecken ihr Gesicht, aber ich bin mir sicher, dass sie zutiefst erschrocken aussieht. Sie macht keine Anstalten, sich zu bewegen.
    „Anne Emera!“ Die Moderatorin klingt nun ungeduldig. Ich erkenne undeutlich, wie eine Nachbarin des Mädchens sie sanft anstupst. Anne scheint langsam zu erwachen, wie in Trance gleitet sie auf das Podest zu. Als ihr Blick kurz in meine Richtung schweift, sehe ich das Lächeln auf ihren Lippen. Ich verstehe nicht, weshalb sie das tut. Versucht sie, ihre Angst zu verstecken? Ich stelle mir vor, wie sie sich im Kapitol den Kopf darüber zerbrechen werden.
    „Was für ein aufregender Tag!“, flötet die Moderatorin. „Aber es wird noch aufregender! Jetzt werden wir unseren Jungentribut auswählen!“
    Aufregend ist es wohl nur für die, die es sich leisten können, denke ich verbittert.
    „Connor Deeps.“
    Ich zucke zusammen. Ich! Dabei war ich so erleichtert, dass meine Schwestern nicht gezogen wurden. Gemischte Gefühle umschwirren mich und machen mich fast verrückt, während ich mir meinen Weg zum Podest bahne. Ich werde bald sterben. Aber ich werde es den anderen Tributen nicht zu leicht machen, da bin ich mir sicher. Außerdem werde ich kurz vor meinem Tod den wahren Luxus kennenlernen – vielen Menschen geht es im Leben nicht so.
    „Na, da hat Distrikt 8 ja zwei hervorragende Tribute gewählt!“, kiekst die Moderatorin. Hervorragend. Natürlich. Ich blicke Anne in die dunkelbraunen Augen, als wir uns steif die Hände reichen. Wir beide. Tribute für Distrikt 8.

    Noch bevor die eigentliche Zeit zum Abschied beginnt, stürzen Luna und Lissy in den kleinen Raum. Ich schlinge die Arme um sie und halte sie fest, merke undeutlich, dass auch meine Eltern eingetreten sind. Als wir uns voneinander lösen, weinen die beiden bitterlich.
    „Warum du?“, flüstert meine Mutter fassungslos. Ich weiß, dass sie sich Sorgen macht, wie sie ohne mich und meine Arbeit überleben sollen, aber sie liebt mich zu sehr, um das auszusprechen.
    „Hört zu“, sage ich ruhig. „Wenn ihr nichts mehr habt, geht zu Casper und Betty. Sie werden euch helfen. Ich bin mir sicher, dass sie das tun werden.“
    Das Versprechen erhalte ich auch kurz später aus erster Hand. Die beiden sind gekommen und ich umarme Betty, damit sie aufhört, zu weinen.
    „Ohne dich wird es anders sein“, sagt Casper und ich weiß genau, was er meint.

    30
    Mortimer (17), Distrikt 6

    „Fröhliche Hungerspiele! Und möge das Glück stets mit euch sein!“
    Mit kleinen, fahrigen Bewegungen streiche ich mir immer wieder über die abgenutzte Krawatte. Ich blicke zwischen Nemo und der Moderatorin hin und her, kann mich nicht entscheiden. Es müssen beide sein, ich darf nichts verpassen und will gleichzeitig ihn sehen.
    Die Zeit der Ziehung ist gekommen. Die Moderatorin geht hinüber zu der Glaskugel mit den Mädchennamen. „Ladies first!“
    Ich seufze. Es dauert zu lange, viel zu lange! Wenn wenigstens die Jungen zuerst kämen, fiele eine gewisse Spannung von mir ab.
    Die Moderatorin geht zurück zum Podest, streicht den Zettel glatt und verliest mit klarer Stimme den Namen. „Lily Beaurelle.“
    Es ist ein kleines, schlankes Mädchen mit dunkelblonden Haaren, das jetzt aufblickt und mit zitternden Knien auf das Podest zustolpert. Sie sieht aus, als könnte sie jeden Moment zusammenbrechen, und in Gedanken stütze ich sie.
    „Freiwillige?“, fragt die Moderatorin. Lily blickt sich um wie ein gehetztes Tier. Niemand.
    „Was für ein aufregender Tag!“, flötet die Moderatorin jetzt. „Aber es wird noch aufregender! Jetzt werden wir unseren Jungentribut auswählen!“
    Mir bleibt kaum Zeit, an Nemo zu denken, als sie auch schon den Namen vorliest.
    „Mortimer Hazel.“
    Meine Knie beginnen, unkontrollierbar zu zittern. Es fühlt sich an wie ein Traum, Stimmen dringen wie durch Watte zu mir, ich verstehe sie nicht. Ich gehe zum Podest, stolpere die Treppe hinauf. Als ich oben bin, fürchte ich, nicht ohne Hilfe stehen zu können.
    Doch dann geschieht etwas Seltsames. Aus dem Block der vierzehnjährigen Mädchen ertönt ein Schrei. Erschrocken fährt mein Kopf zu einem dreckigen, abgemagerten Mädchen herum, das anklagend mit dem Finger auf mich zeigt, als wäre ich ein missglücktes Versuchsobjekt.
    „Ich will mich freiwillig melden!“, schreit sie. „Für diese Lily, wie sie auch heißt!“
    Die Moderatorin schüttelt bedauernd den Kopf. „Das geht leider nicht mehr. Zu spät.“
    Statt einer Antwort starrt mir das Mädchen direkt in die Augen und lässt mich nicht los.

    Die Zeit mit meinen Eltern, Tara und Nemo ist viel zu schnell vorbei. Niedergeschlagen hocke ich auf meinem Stuhl und warte darauf, dass die Stunde zuende geht. Doch das geschieht nicht. Schließlich schwingt die Tür noch einmal auf und das Mädchen von vorhin stürzt herein. Von Nahem sieht sie noch dreckiger aus als sonst. Sie setzt sich vor mir auf den Boden und wartet.
    „Wer … bist du?“, frage ich verwirrt.
    „Ich wusste doch, dass du mich nicht erkennst“, schnappt sie. „Ich bin Eliza, deine Schwester. Deine Eltern haben mich verstoßen.“ Wieder diese anklagende Stimme. Aber jetzt wird mir alles klar. Es stimmt, ich habe eine zweite Schwester, auch wenn ich bisher dachte, sie sei schon tot. Nach allem, was ich gehört habe, lebte sie erst bei meiner Tante, doch dann lief sie von ihrem zuhause weg und schlug sich auf der Straße durch.
    „Von dir stammt der Brief?“, frage ich. „Bye bye?“
    „Du bist gar nicht so beschränkt, wie du aussiehst, Bruderherz“, sagt Eliza. „Ich wollte mich freiwillig melden, um dir in der Arena zu helfen. Aber diese blöde Tante von Moderatorin …“
    „Eliza“, sage ich ruhig. „Geh zu unseren Eltern zurück. Wenn ich fort bin, werden sie dich aufnehmen. Sie können für dich sorgen.“ Langsam, ganz langsam nickt sie.

    31
    Camelon (15), Distrikt 2

    „Fröhliche Hungerspiele! Und möge das Glück stets mit euch sein!“
    Ich hasse diese Frau. Ich hasse sie dafür, dass ich hier stehen muss, eingepfercht zwischen den anderen Jugendlichen aus Distrikt 2. Wie Tiere. Dieses ganze Ereignis basiert nur darauf, dass die Distrikte verloren haben.
    Die Zeit der Ziehung ist gekommen. Die Moderatorin geht hinüber zu der Glaskugel mit den Mädchennamen. „Ladies first!“
    Ich seufze. Für Mina muss ich nicht einmal hoffen, sie kann erst in zwei Jahren gezogen werden. Also frage ich mich lieber, ob das Mädchen weinen wird oder nicht.
    Die Moderatorin geht zurück zum Podest, streicht den Zettel glatt und verliest mit klarer Stimme den Namen. „Hope Stuarts.“
    Fast muss ich lachen. Die Hoffnung wurde gezogen! Da steht sie, ein mittelgroßes, schlankes Mädchen mit braunen Haaren, und sieht ganz und gar nicht glücklich aus. Ich sehe zu, wie sich in eine Schockstarre verfällt und langsam auf das Podest zugeht. Die freiwilligen Tribute werden sich darum reißen, ihren Platz einzunehmen.
    „Los, Distrikt 2!“, ruft die Moderatorin, als wollte sie uns anfeuern. „Freiwillige!“
    Erst meldet sich niemand. Ich lasse meinen Blick durch die Menge schweifen. Doch als die Kapitolsfrau noch einmal nach Freiwilligen ruft, meldet sich … immer noch niemand. Die Hoffnung starrt uns entsetzt an. Fast tut sie mir leid. Ihr beiges Kleid wirft Falten und sieht immer weniger elegant aus, je länger sie dasteht.
    „Was für ein aufregender Tag!“, flötet die Moderatorin jetzt. „Aber es wird noch aufregender! Jetzt werden wir unseren Jungentribut auswählen!“
    Hauptsache, du beeilst dich, denke ich.
    „Linus Jackson.“
    Ein dürrer Junge kriecht aus dem Block der zwölfjährigen und ich gebe ihm eine Sekunde, zwei. Dann schießt meine Hand nach oben. „Ich melde mich freiwillig!“
    Dankend nimmt die Moderatorin meine Einladung an. „Na bitte, endlich ein mutiger Tribut aus Distrikt 2!“ Lächelnd nimmt sie mich in Empfang. „Wie heißt du denn?“
    „Camelon“, antworte ich kühl.
    „Na, da hat Distrikt 2 ja zwei hervorragende Tribute gewählt!“, kiekst die Moderatorin. „Wolltest dir von Linus nicht die Schau stehlen lassen, was?“
    „Richtig“, sage ich und werfe dem erleichterten Jungen einen Blick zu. Dann sehe ich der Hoffnung in die Augen und gebe ihr einen Händedruck, der ihre Finger einquetscht. Da, bitte. Soll sie doch Angst vor mir haben. Das ist besser für mich.

    Eigentlich hatte ich erwartet, dass niemand kommt. Umso mehr überrascht es mich, als die Tür aufschwingt und Mina eintritt. Sie blickt mich schüchtern an und setzt sich neben mich.
    „Ich will nicht, dass du stirbst, Camelon“, schluchzt sie.
    „Ach Mina“, seufze ich und streiche ihr über das Haar, während ich einen bestimmten Punkt an der Wand fixiere. „Du wirst mich ja doch nicht vermissen.“
    „Doch, werde ich!“, ruft sie und vergräbt das Gesicht in meiner Schulter. „Aber du wirst gewinnen! Ganz bestimmt!“
    „Warum sollte ich?“, frage ich düster.
    „Du bist stark. So stark.“

    32
    Luna (13), Distrikt 3

    „Fröhliche Hungerspiele! Und möge das Glück stets mit euch sein!“
    Ich zittere. Mein Herz klopft so heftig, dass ich Angst habe, das Mädchen rechts neben mir könnte es hören. Aber ihr Blick fixiert die Bühne, so wie es bei mir eigentlich auch sein sollte. Stattdessen starre ich Clarissa an und wünschte, sie wäre jetzt bei mir.
    Die Zeit der Ziehung ist gekommen. Die Moderatorin geht hinüber zu der Glaskugel mit den Mädchennamen. „Ladies first!“
    Hat Clarissa zu viele Zettel? Sind fünf Zettel zu viel?
    Die Moderatorin geht zurück zum Podest, streicht den Zettel glatt und verliest mit klarer Stimme den Namen. „Luna Moonlight.“
    Diese Worte pressen jegliche Luft aus meinen Lungen und machen mich klein, kleiner als ich ohnehin schon bin. Ich ringe nach Atem und versuche panisch, nicht in Ohnmacht zu fallen, während ich Clarissa einen schnellen Blick zuwerfe. Sie hat sich die Hände vor den Mund geschlagen und sieht mich bestürzt an, macht aber keine Anstalten, sich freiwillig zu melden. Natürlich nicht!, denke ich. Sie ist nur ein Jahr älter. Sie würde sterben, genau wie ich. Aber sie hat noch eine Familie. Besonders Mia darf ich nicht vergessen.
    Ich starre verstört in die Menge, als zwei Friedenswächter mich packen und zur Bühne zerren. Glücklicherweise bin ich so erschrocken, dass ich vergesse, zu weinen – niemand soll mich schon jetzt für schwach halten. Ich beiße die Zähne zusammen.
    „Was für ein aufregender Tag!“, flötet die Moderatorin, als ich angekommen bin. „Aber es wird noch aufregender! Jetzt werden wir unseren Jungentribut auswählen!“
    Ich habe das Gefühl, nicht länger stehen zu können.
    „Dexter Graham.“
    Ein etwa gleichaltriger Junge bahnt sich einen Weg durch die Menge. Obwohl ich immer noch bei mir selbst verweile, erkenne ich die Blicke, die er seinem Vater mehrmals zuwirft, bis dieser versucht, ihm hinterherzulaufen. Einige Friedenswächter müssen ihn zurückhalten. Der Junge zuckt zusammen und erklettert mühsam das Podest. Kurz bin ich versucht, ihm zu helfen, aber ich kann mich nicht bewegen.
    „Na, da hat Distrikt 3 ja zwei hervorragende Tribute gewählt!“, kiekst die Moderatorin. Meine Augen wandern zu Dexter, der im gleichen Moment zu weinen anfängt. Die Moderatorin sieht nicht glücklich aus. Angestrengt versuche ich, mich nicht mitreißen zu lassen.

    Die Tür schwingt auf und Clarissa, Mia und ihre Eltern treten ein. Da ich keine Familie mehr habe, müssen die Friedenswächter sie zu meinen Freunden zählen. Ich falle ihnen in die Arme.
    „Wenn der Tod so nah steht, vergisst man fast, kämpfen zu wollen“, sage ich.
    Clarissa legt mir ihre Hände auf die Schultern. „Du wirst kämpfen. Schwörst du es?“
    „Ja“, schluchze ich. „Ja, natürlich. Aber was habe ich schon für eine Chance?“
    „Lauf nicht zum Füllhorn“, rät mir Clarissas Vater. „Renn, so schnell du kannst. Und such dir Verbündete.“
    „Mich wird niemand haben wollen“, seufze ich. „Ich bin klein, schwach, was sollen sie mit mir?“
    „Du hast nicht geweint auf der Bühne“, sagt Clarissa. „Nicht wie dieser Dexter. Das war gut.“
    „Aber Dexter werden sie bemitleiden und schützen!“, rufe ich. „Mich nicht.“
    „Weshalb sollten sie jemanden schützen, der ohnehin sterben wird?“, fragt sie. Ich lasse mir den Satz durch den Kopf gehen, immer wieder, bis ich merke, wie grausam das klingt.

    33
    Rue (12), Distrikt 5

    „Fröhliche Hungerspiele! Und möge das Glück stets mit euch sein!“
    Meine Finger drehen und wenden das blaue Faltenkleid, dann tasten sie über meine Frisur. Zum ersten Mal trage ich diese beiden französisch geflochtenen Zöpfe, die wie zwei Schnecken an den Seiten hochgerollt sind.
    Die Zeit der Ziehung ist gekommen. Die Moderatorin geht hinüber zu der Glaskugel mit den Mädchennamen. „Ladies first!“
    Die Wut in mir wird immer größer. Diese ganze Veranstaltung haben wir doch nur Snow zu verdanken. Ein Mensch ist für unser Unglück verantwortlich.
    Die Moderatorin geht zurück zum Podest, streicht den Zettel glatt und verliest mit klarer Stimme den Namen. „Rue Jabeljay.“
    Erschrocken blicke ich auf. Das war mein Name! Ich muss nach oben, zum Podest, auch wenn genau das der Ort ist, vor dem ich mich am meisten fürchte, abgesehen von der Arena. Eine zwölfjährige. Muss ihnen das nicht leidtun? Ich lasse meinen Blick durch die Menge schweifen. Sie bemitleiden mich, ich sehe es. Aber freiwillig melden wird sich keiner, sie kennen mich nicht gut genug. Und Hunter kann nicht, mein großer Bruder kann mich nicht beschützen.
    „Was für ein aufregender Tag!“, flötet die Moderatorin. „Aber es wird noch aufregender! Jetzt werden wir unseren Jungentribut auswählen!“
    Sei leise, denke ich wütend. Sei einfach leise.
    „Seth Helmsley.“
    Die Jungen aus dem Block der achtzehnjährigen öffnen eine Gasse für den bisher seltsamsten Jungen, den ich je in meinem Leben gesehen habe. Er ist groß und breitschultrig und der leichte Ansatz eines Bartes ziert sein hartes Gesicht. Seine Haare müssen gefärbt sein, die eine Seite ist schwarz, die andere blond. Ich frage mich, wie er das angestellt hat. Doch das unglaublichste ist der Ausdruck auf seinem Gesicht: er grinst. Als wäre er dazu auserwählt worden, ins Kapitol zu ziehen. Der Junge stolziert förmlich durch die Menge und stößt jeden zur Seite, der ihm im Weg steht. Auf der Bühne krallt er sich das Mikrofon und wendet sich direkt den Kameras und somit dem gesamten Kapitol zu. „Mein Sieg wird den Distrikt für immer verändern!“
    Ich starre ihn an. Was gehört wohl alles dazu, um so etwas über die Lippen zu bringen? Mehr als nur Mut, da bin ich mir sicher. Selbstsicherheit. Aggressivität. Kampflust.
    Die Moderatorin wirkt leicht pikiert, fängt sich aber gleich wieder. „Na, da hat Distrikt 5 ja zwei hervorragende Tribute gewählt!“, kiekst sie. Ich wage einen kurzen Blick zu Seth, der neben mir noch größer wirken muss. Ausgerechnet er ist mein Distriktpartner. Verdammt.

    Ich sitze auf dem Boden. Die Friedenswächter haben mir zwar einen Stuhl hingestellt, aber ich bin wütend und sehe das als Protest, obwohl es mich in Wahrheit nur noch kleiner macht als sonst. Lune und Hunter stürzen herein, kaum dass die Stunde angebrochen ist. Sicherlich, was sollen sie nur ohne mich tun? Wer besorgt ihnen Essen? Vielleicht schafft Hunter es allein. Für Lune und ihn könnte es reichen, aber nur, wenn er weiterhin Tesserasteine nimmt. Doch es gibt keinen Zweifel – wenn auch er irgendwann gezogen wird, ist es vorbei mit Lune. Also rede ich Hunter ein, er solle ihr alles beibringen, was er über das Überleben weiß. Sie war immer unser Nesthäkchen, aber jetzt muss auch sie Verantwortung übernehmen, ob sie sich bereit fühlt oder nicht.
    „Ich bin bei dir, Rue“, sagt Hunter am Schluss und ich weiß, dass er das Sterben meint.

    34
    China (18), Distrikt 1

    „Fröhliche Hungerspiele! Und möge das Glück stets mit euch sein!“
    Ich sehe an mir herunter. Das elegante dunkelblaue Kleid wirft keinerlei Falten, nirgendwo kann ich einen Fleck erkennen. Die schwarzen Pumps wirken entspannt und bestärken mich in meinem Glauben, das richtige zu tun.
    Die Zeit der Ziehung ist gekommen. Die Moderatorin geht hinüber zu der Glaskugel mit den Mädchennamen. „Ladies first!“
    Ich fahre mir ein letztes Mal durch die Haare. Ich bin bereit, bereit wie ich es noch nie zuvor gewesen bin.
    Die Moderatorin geht zurück zum Podest, streicht den Zettel glatt und verliest mit klarer Stimme den Namen. „Hazel Mills.“
    Ein etwa siebzehnjähriges Mädchen tritt stolz aus ihrem Block. Ich schaue nicht zu genau hin. Sie sieht nicht gerade schwach aus, aber das ist normal für den Distrikt. Zu schade, denke ich listig, dass du ausgelost wurdest. Das verbietet dir leider, dich freiwillig zu melden.
    Mit einem Lächeln schießt meine Hand nach oben. „Ich gehe als Tribut für Distrikt 1!“
    Die Moderatorin lässt ihren Blick durch die Menge schweifen. Bei den vielen Freiwilligen scheint es ihr schwer zu fallen, sich zu entscheiden. Aber ich weiß, dass sie mich nehmen wird.
    „Ja, du im dunkelblauen Kleid!“, ruft sie nun. Immer noch lächelnd nicke ich und stolziere hoch erhobenen Hauptes auf die Bühne, winke dort mit einem gönnerischen Lächeln der applaudierenden, neidischen Menge zu und bedanke mich.
    „Was für ein aufregender Tag!“, flötet die Moderatorin. „Aber es wird noch aufregender! Jetzt werden wir unseren Jungentribut auswählen!“
    Plötzlich sehe ich etwas. Nein, jemanden. Ganz hinten, in der letzten Reihe.
    „Canyon B-less.“
    Ein großer, muskulöser Junge mit blonden Haaren und kalten blauen Augen wird aufgerufen, der der Menge unmissverständlich klarmacht, dass er sie umbringen wird, sollte sich einer von ihnen freiwillig melden. Aber meine volle Aufmerksamkeit gilt dem Menschen, der sich jetzt aus den Reihen der Zuschauer nach vorne gestürzt hat und mit aller Kraft versucht, mich zu erreichen, während Friedenswächter ihn zurückhalten.
    „China!“, brüllt mein Großvater. Entsetzt starre ich ihn an. Die Moderatorin macht einfach weiter, als wäre er nicht da. „Na, da hat Distrikt 1 ja zwei hervorragende Tribute gewählt!“, kiekst sie. Aber diese eine Träne, die meine Wange hinunterlaufen will, kann ich nicht zurückhalten. Nur eine.

    Ich kauere auf meinem Stuhl und warte darauf, dass die Stunde beginnt. Als mein Großvater eintritt, springe ich auf. Er ist leichenblass und wirkt irgendwie kränklich. Steht vollkommen neben sich. Bevor ich mich zurückhalten kann, umarme ich ihn.
    „Warum nur?“, fragt er immer wieder. „Dir fehlt es doch an nichts, China, du bist doch glücklich.“ Er versteht es nicht. Versteht nicht, dass ich mehr will, die Anerkennung meines Distrikts, eine Legende zu sein. China, Gewinnerin der ersten Hungerspiele.
    „Du läufst in den sicheren Tod“, wimmert mein Großvater. „China, dem bist du nicht gewachsen.“
    Jetzt bin ich wütend. „Ich kann kämpfen! Und ich werde es tun! Ich werde sie alle töten, und du wirst die Früchte dafür tragen! Lass mich allein.“

    35
    Cassedy (15), Distrikt 10

    „Fröhliche Hungerspiele! Und möge das Glück stets mit euch sein!“
    Ununterbrochen starre ich ihn an. Obwohl ich eigentlich zuhören sollte, habe ich nur Augen vor Jeff, der im Block der fünfzehnjährigen Jungen steht und immer wieder besorgt zu mir blickt. Mein Bruder wirkt so klein in der Menge. Nur seine roten Haare stechen heraus.
    Die Zeit der Ziehung ist gekommen. Die Moderatorin geht hinüber zu der Glaskugel mit den Mädchennamen. „Ladies first!“
    Nervös kaue ich auf meiner Unterlippe, bis ich Blut schmecke. Unsere Familie hat kein Geld und wenn Jeff oder ich fehlen würden, wäre das wahrscheinlich unser Ende.
    Die Moderatorin geht zurück zum Podest, streicht den Zettel glatt und verliest mit klarer Stimme den Namen. „Cassedy Blanks.“
    Ich blicke zu Jeff und sehe meine eigene Bestürzung in seinen hellblauen Augen widergespiegelt. Oh nein … Ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll, tun muss, was von mir verlangt wird. Meine Kehle fühlt sich an wie Sandpapier.
    „Cassedy Blanks!“ Die Moderatorin klingt jetzt ungeduldiger. „Wo bist du?“
    Das Mädchen neben mir schiebt mich mit sanfter Gewalt nach vorne. In Gedanken verfluche ich sie. Ich hätte mich davonschleichen können, vielleicht hätte ich es sogar geschafft. Jetzt muss ich nach vorne in die Höhle des Löwen. Ich schlucke schwer.
    Noch einmal suche ich nach Jeffs Blick und weiß, dass er mich innerlich begleitet. Er deutet nach vorne. Recht hat er: Es führt kein Weg daran vorbei.
    „Was für ein aufregender Tag!“, flötet die Moderatorin, als ich angekommen bin. „Aber es wird noch aufregender! Jetzt werden wir unseren Jungentribut auswählen!“
    Ich sehe, wie sich alle Muskeln in Jeffs Körper anspannen.
    „Jake –“
    Den Rest verstehe ich nicht mehr, weil die Erleichterung mich im Ganzen durchflutet und keinen Platz für äußere Eindrücke lässt. Nicht mein Bruder, nicht mein Bruder! Jake ist ein sechzehnjähriger, muskulöser Junge, der ganz in schwarz gekleidet ist. Er wirkt wie ein großer Schatten, der jetzt auf das Podest zugeht, den Blick kühn nach vorn gerichtet. Dennoch glaube ich zu sehen, wie seine Hände zittern.
    „Na, da hat Distrikt 10 ja zwei hervorragende Tribute gewählt!“, kiekst die Moderatorin. Jakes Blick schweift desinteressiert ihr Gesicht, dann wendet er sich der Menge zu. Aber da ist kein Suchen in seinen Augen. Er scheint niemanden mehr zu haben, keinen Jeff wie ich.

    „Cassedy!“ Der Schrei lässt mich aufschrecken. Ich stürze Jeff entgegen, der vor der Tür gewartet hat und lasse mich von ihm umarmen.
    „Oh Gott, Cassedy“, flüstert er. „Wieso du … Wieso nur …“
    „Du musst weitermachen“, sage ich. „Egal, was passiert. Sorge für unsere Eltern. Bitte, ich will, dass ihr überlebt.“
    „Du auch“, entgegnet er. „Gib alles, ja? Du darfst nicht aufgeben. Du bist so clever und so mutig. Das müssen die Sponsoren sehen und die anderen Tribute auch. Ich weiß es.“
    „Als hätte ich gegen die achtzehnjährigen aus Distrikt 1 und 2 auch nur den Hauch einer Chance“, murmele ich so leise, dass er es nicht hören kann. Das schlimmste ist jetzt, mich selbst aufzugeben und gerade bin ich dabei, genau das zu tun.
    „Jeff!“, kreische ich verzweifelt, als die Stunde vorbei ist und er gehen muss. „Jeff!“

    36
    Miyu (16), Distrikt 7

    „Fröhliche Hungerspiele! Und möge das Glück stets mit euch sein!“
    Meine eisblauen Augen starren die Moderatorin an. Ich verstehe nicht, wie sie so fröhlich wirken kann im Anbetracht der Tatsache, dass sie heute zwei Tribute auswählen wird, die in einer riesigen Freilichtarena um ihr Leben kämpfen werden.
    Die Zeit der Ziehung ist gekommen. Die Moderatorin geht hinüber zu der Glaskugel mit den Mädchennamen. „Ladies first!“
    Ich schaue hinüber zu Yui. Sie sieht so winzig aus in der Menge, ihre schwarzen Haare verhüllen das ängstliche Gesicht und dennoch weiß ich, dass sie zittert.
    Die Moderatorin geht zurück zum Podest, streicht den Zettel glatt und verliest mit klarer Stimme den Namen. „Miyu Jigoku.“
    Was? Ich muss mich verhört haben. Aber die Moderatorin ruft wie durch einen Sturm, der ihre Worte fast verschluckt, immer wieder meinen Namen. Ich balle meine Hände zu Fäusten zusammen, beiße mir auf die Lippe und gehe mit gemischten Gefühlen los. Aus der Menge höre ich einen verzweifelten Schrei. Yui.
    Ich drehe mich um. Sie kämpft sich durch die Menge, schiebt die anderen Mädchen zur Seite, als wären es Stoffpuppen. Ich kann nicht anders, ich muss stehen bleiben. Ohne mich zu rühren, warte ich ab, bis sie mich erreicht und die Arme um mich schlingt.
    „Geh nicht!“, heult sie und erst jetzt realisiere ich, wie nahe ich dem Tod plötzlich stehe.
    Ich nehme nicht mehr viel wahr. Als ich Yui abgeschüttelt habe und schließlich auf der Bühne stehe, kann ich den Blick nicht mehr von ihr lösen und höre kaum, was die Moderatorin sagt.
    „Aufregender Tag … Junge … Tribut … noch spannender …“
    Das einzige, was jetzt noch für mich zählt, ist meine Schwester.
    „Kevin Owens.“
    Müde schaue ich dem blassen, pummeligen Jungen zu, der jetzt auf mich zustolpert. Er ist zwölf und sieht verwöhnt aus, und auch wenn ich weiß, dass er keine Chance haben wird, löst dieser Anblick einen seltsamen Beschützerinstinkt in mir aus. Nein, denke ich barsch. Er ist nicht Yui.
    „Na, da hat Distrikt 7 ja zwei hervorragende Tribute gewählt!“, kiekst die Moderatorin. Mein Kopf schwenkt langsam zu ihr hinüber und ich werfe ihr einen Blick voll von abgrundtiefem Hass zu. Wenn Blicke töten könnten.

    „Miyu!“ Der Schrei ertönt immer wieder, bis sie Yui endlich in den Besucherraum lassen. Marie trägt sie auf den Schultern und ich bin unendlich froh darum, dass sie dabei ist. Ich halte mich nicht lange mit Umarmungen auf, sondern versuche zu klären, was nötig ist.
    „Bitte kümmere dich um Yui, Marie“, sage ich, während ich in dem kleinen Raum unablässig meine Kreise ziehe. „Ich kann nicht gehen mit dem Gedanken, dass sie es ohne mich nicht schaffen wird.“
    „Ich werde sie aufziehen wie meine eigene Schwester“, verspricht Marie. „Das weißt du doch. Und wenn du zurückkommst …“
    „Ich werde nicht zurückkommen!“, herrsche ich sie an und bleibe stehen. „Sieh mich an! Ich bin unterernährt und erst sechzehn, gegen die erwachsenen, durchtrainierten Tribute habe ich doch keine Chance!“
    „Dann lass die sich gegenseitig umbringen“, meint sie. „Hey, ich weiß doch, wie stark du bist.“
    „Bitte komm zurück, Miyu!“, schluchzt Yui am Ende und ich will sie für immer festhalten.

    37
    Django (16), Distrikt 4

    „Fröhliche Hungerspiele! Und möge das Glück stets mit euch sein!“
    Da stehe ich, eingepfercht zwischen den anderen sechzehnjährigen meines Distrikts, kann unmöglich fliehen. Und noch brauche ich das auch nicht. Aber diese Enge setzt mir seltsamerweise zu, obwohl ich noch nie Probleme damit hatte.
    Die Zeit der Ziehung ist gekommen. Die Moderatorin geht hinüber zu der Glaskugel mit den Mädchennamen. „Ladies first!“
    Dann weiß ich immerhin gleich, ob eine meiner Schwestern gezogen wird. Muss nicht warten, nicht länger angespannt deswegen sein.
    Die Moderatorin geht zurück zum Podest, streicht den Zettel glatt und verliest mit klarer Stimme den Namen. „Maya Couloir.“
    Es ist ein kleines, schlankes, fünfzehnjähriges Mädchen, das irgendwie kränklich aussieht, obwohl sie es sicher nicht ist. Ich frage mich, woran es liegt: An ihrer zierlichen Gestalt? An dem entsetzten Ausdruck auf ihrem Gesicht? Oder daran, dass sie am ganzen Körper zittert wie Espenlaub? Als sie an mir vorbeigeht, sehe ich zwei, drei Tränen in ihrem Gesicht. Sie hätte sicher niemals damit gerechnet, dass sie gezogen wird.
    „Was für ein aufregender Tag!“, flötet die Moderatorin. „Aber es wird noch aufregender! Jetzt werden wir unseren Jungentribut auswählen!“
    Mach schnell!, denke ich.
    „Django MC Fadden.“
    Es ist wie ein Boxkampf. Ich stehe im Ring und warte auf meinen Gegner, die Hände zu Fäusten geballt, bereit. Aber der Gegner lässt sich Zeit und währenddessen zischen unaufhörlich Bilder durch meinen Kopf. Ich kenne ihn nicht. Er könnte größer, schwerer sein als ich. Breit gebaut, muskulös, oder einfach nur listig und schnell. Ich kenne weder seine Stärken noch seine Schwächen. Das einzige, was ich tun kann, ist, meinerseits so wenig wie möglich über mich selbst zu verraten. Nicht zittern, die Gesichtszüge verschließen. Und aufmerksam sein. Obwohl die Anspannung mich fast umreißt, muss ich dort stehen und darauf warten, dass ich kämpfen kann. Genauso fühle ich mich jetzt. Alles was ich tun darf, ist warten, dafür ist die Liste mit den Dingen, die ich nicht tun darf, viel größer. Nicht weinen. Nicht schreien. Nicht schwach wirken.
    „Na, da hat Distrikt 4 ja zwei hervorragende Tribute gewählt!“, kiekst die Moderatorin. Wenn sie das ernst meint, dann spricht sie über mich. Ich habe eine Chance. Ich muss aufmerksam sein, beobachten, dann werde ich die Schwächen meiner Gegner zu nutzen wissen.

    Lange dauert die Besucherstunde nicht. Ich verabschiede mich von meinen Geschwistern und meinen Eltern, achte dabei darauf, nicht zu berührende Worte zu sagen, damit ich nicht weinen muss. Sie werden es schaffen ohne mich, dessen bin ich mir sicher. Mein älterer Bruder und meine Eltern arbeiten, wir sind wohlhabend. Ich brauche ihnen nicht zu sagen, dass sie weitermachen müssen, denn das werden sie, schließlich haben sie einander. Nur ich bin von jetzt an allein.
    Als sie gehen müssen, sitzt ein Kloß in meinem Hals, den ich nicht herunterschlucken kann. Ich werde in Richtung Zug geführt. Alle Kameras sind auf mich gerichtet und jetzt bin ich froh, dass ich nicht geweint habe. Ich schaffe es, stark auszusehen. Niemand wird etwas aus meinem Gesicht ablesen können, weder Angst, noch Trauer, noch Schrecken.
    Ja. Vielleicht bin ich tatsächlich bereit.

    38
    Cael Choke sitzt im Studio und schlürft leicht nervös seinen Kaffee. In wenigen Minuten wird sein Gesicht in ganz Panem ausgestrahlt. Er ist der Leiter der Interviews der Tribute und heute gekommen, um die Parade zu kommentieren. Neben ihm sitzt Pharell Winston. Mit ihm wird Cael sich über die Parade unterhalten. Beide freuen sich auf den ersten Anblick der Tribute. Sie haben zwar bereits die Ernten gesehen, aber nun sind die Tribute gefasster und werden stark auftreten. Das Kapitol hat einheitliche Kleidung vorgesehen. Jeder Distrikt trägt eine Farbe, die zu den Tätigkeiten des jeweiligen Distrikts passt, als Ganzkörperanzug. Vorne ist das Wappen des Distrikts zu sehen.
    „Gleich geht es los!“, eröffnet Cael freudestrahlend die Parade. „Wir sind alle schon sehr gespannt, wie sich die Distrikte präsentieren werden.“
    „Oh ja“, nickt Pharell. „Dies ist die erste Chance der Tribute, Sponsoren für sich zu gewinnen.“
    In diesem Moment rollt der erste Wagen an den Menschenmassen des Kapitols vorbei.
    „Distrikt 1“, bemerkt Pharell. „Luxuswaren. Ganz in golden. Sehr hübsch, obwohl ich anmerken muss, dass sich Distrikt 1 mit Gold als Farbe einen unfairen Vorteil verschafft.“
    Cael lacht. „Das ist richtig, aber ich finde doch, dass es den Tributen sehr gut steht. Besonders China mit ihren schwarzen Haaren bildet einen wunderbaren Kontrast. Und sieh dir nur ihre Gesichtsausdrücke an! Vollkommen gelassen und kühl. Das erwarte ich mir!“
    „Der Junge macht einen ausgesprochen starken Eindruck“, sagt Pharell. „Wie heißt er noch?“
    „Canyon B-less“, sagt Cael. „Aber wir dürfen nicht zu lange bei Distrikt 1 verweilen – hier kommt auch schon Distrikt 2!“
    „Irgendwie enttäuscht mich das Grau ein wenig“, findet Pharell.
    „Es passt aber zu ihrer Aufgabe – Steinbruch und Friedenswächter“, sagt Cael. „Hm, das Mädchen sieht ziemlich verschreckt aus.“
    „Das macht der Junge wieder wett“, meint Pharell. „Camelon Calon. Den Namen merkt man sich.“
    Cael zeigt aufgeregt mit dem Finger auf den dritten Wagen, der erschienen ist. „Distrikt 3 trägt silberne Kleidung! Elektronik. Leider sehen die Tribute nicht so stark aus wie die Farbe. Und so jung sind sie noch! Höchstens vierzehn.“
    „Tja, schade“, sagt Pharell. „Ich hätte mir von silbernen Tributen mehr erhofft. Aber, kommen wir nun zu Distrikt 4: Fischerei. Die beiden sind passend in blau gekleidet.“
    „Es sieht sehr schön aus“, findet Cael. „Der Junge wirkt sehr entschlossen. Ich glaube, er heißt Django.“
    „Kann gut sein“, nickt Pharell. „Aber das Mädchen sieht krank und schwach aus.“
    „Armes Ding“, seufzt Cael. „Wie unterschiedlich die beiden doch sind.“
    Eine kurze Pause entsteht, bis Wagen fünf auftaucht.
    „Die Tribute aus Distrikt 5 strahlen ja geradezu!“, ruft Cael und lacht.
    „Leuchtend gelb. Aus ihrem Distrikt kommt der Strom. Eine gut gewählte Farbe.“
    „Sieh dir den Jungen an!“, meint Cael. „Der geht mir seit der Ernte nicht mehr aus dem Kopf. Er ist felsenfest davon überzeugt, zu gewinnen.“
    „Ein kleiner Rebelle“, sagt Pharell spöttisch. „Nun ja, das Mädchen scheint auch ziemlich furchtlos zu sein. Aber wenn ich mich recht erinnere, ist er achtzehn und sie erst zwölf.“
    „Oh, ich sehe schon die Nächsten!“, ruft Cael. „Distrikt 6, Transport. Der Morfixerdistrikt. Aber die beiden Tribute scheinen noch nicht abhängig von dem Zeug zu sein.“
    „Gut für sie!“, sagt Pharell. „Oh, ihre Kleidung ist rein weiß. Wie bei einem unserer Züge.“
    „Dem Mädchen steht es wirklich gut“, findet Cael und lächelt. „Der Junge wirkt irgendwie schwächlich. Aber er ist mindestens siebzehn, das weiß ich noch.“
    „Auch siebzehnjährige können verlieren“, erinnert Pharell. „Die Spiele sind eben nicht für jedermann gemacht.“
    „Dort hinten sehe ich schon Distrikt 7: Holz und Papier“, sagt Cael. „Die haben die langweiligste Farbe abbekommen. Braun.“
    „Dennoch scheint das Mädchen bisher eine der stärksten zu sein“, meint Pharell. „Ihr Kinn ist kühn nach oben gerichtet. Und siehst du ihre Hände? Die wollen am liebsten gleich wieder eine Waffe umschließen.“
    „Dagegen wirkt der Junge winzig und schwach.“ Cael schüttelt leicht den Kopf. „Wir haben drei zwölfjährige, oder? Dieser hier ist wohl einer von ihnen.“
    „Nun ja“, seufzt Pharell. „Aber lenken wir unsere Aufmerksamkeit lieber auf Distrikt 8. Sie sind ganz in ein leuchtendes rot gekleidet. Das macht sie auffällig. Dabei finde ich nicht, dass sie das verdient haben. Für mich sehen sie relativ durchschnittlich aus. Und was ist die Aufgabe ihres Distrikts? Textilienherstellung? In Ordnung, im Kapitol wird häufig rot getragen.“
    „Trotzdem finde ich die Farbe bisher am schlechtesten gewählt“, meint Cael abschätzig. „Aber hier kommt auch schon Distrikt 9! Von weitem kann man sie fast für ein Getreidefeld halten in ihrer dunkelgelben Kleidung.“
    „Der Junge wirkt unsicher“, sagt Pharell. „Und das Mädchen scheint wieder eine zwölfjährige zu sein. Wirklich niedlich.“
    „Wir sind gespannt, wir sind gespannt“, grinst Cael. „Ihr Anzug ist ganz hübsch, aber kommen wir nun zu Distrikt 10.“
    „Viehzucht“, sagt Pharell. „Aber was soll die rosafarbene Kleidung darstellen? Schweine?“
    Cael kichert. „Höchst wahrscheinlich, würde ich sagen. Dabei passt diese Farbe nicht wirklich zu den Tributen, finde ich. Der Junge ist groß und muskulös und das Mädchen wirkt alles andere als verspielt. Ich wette, dass beide mindestens fünfzehn sind.“
    Der vorletzte Wagen rollt herein.
    „Distrikt 11!“, ruft Pharell. „Landwirtschaft. Grüne Tribute.“
    „Das Mädchen sieht schüchtern aus“, findet Cael. „Aus dem Jungen werde ich nicht schlau. Warte – lächelt er? Ich werde sehen, was ich im Interview aus ihm herausbekomme.“
    „Mach das!“, sagt Pharell. „Und jetzt – Distrikt 12! Bergbau.“
    Cael seufzt. „Schwarz, logisch. Hätten wir uns denken können. Die beiden wirken wie ein einziger Schatten. Wahrscheinlich sieht niemand aus der Menge hin. Dabei sehen die Tribute nicht gerade schwach aus.“
    „Trotzdem, die beiden werden uns nicht so sehr im Gedächtnis bleiben“, sagt Pharell.
    Cael steht auf. „Das war’s! Jetzt folgt die Rede von Präsident Snow. Bleiben Sie dran, meine Damen und Herren! In wenigen Stunden folgen die Zusammenfassungen des Trainings, die Bewertungen und die Interviews!“

    39
    Das Training verläuft relativ unspektakulär. Die Tribute trainieren das, was sie am wenigsten können: einige den Umgang mit Waffen, andere Überlebenstechniken. Nur der Junge aus 12 scheint sich selbst bereits aufgegeben zu haben und erscheint nicht zum Training.
    Das Einzeltraining ist streng geheim. Niemand darf zuschauen, aber am Ende bewerten die Spielmacher die 24 Tribute mit 1-12 Punkten. Wer viele Punkte erzielt, bekommt wahrscheinlich auch viele Sponsoren.
    Cael Choke rückt seine Krawatte zurecht und räuspert sich. Er wird die Punkte verkünden, während ganz Panem und auch die Tribute ihm zusehen.
    „Beginnen wir mit Distrikt 1“, sagt er. „Canyon mit einer Punktzahl von 11. China mit einer Punktzahl von 9. Aus Distrikt 2: Camelon mit einer Punktzahl von 10. Hope mit einer Punktzahl von 5. Fahren wir fort mit Distrikt 3: Dexter mit einer Punktzahl von 3. Luna mit einer Punktzahl von 4. Distrikt 4: Django mit einer Punktzahl von 9. Maya mit einer Punktzahl von 2. Nun kommen wir zu Distrikt 5: Seth mit einer Punktzahl von … 12. Rue mit einer Punktzahl von 6. Aus Distrikt 6: Mortimer mit einer Punktzahl von 4. Lily mit einer Punktzahl von 2. Und nun folgt Distrikt 7: Kevin mit einer Punktzahl von 2. Miyu mit einer Punktzahl von 10. Distrikt 8: Connor mit einer Punktzahl von 7. Anne mit einer Punktzahl von 4. Aus Distrikt 9: Ryan mit einer Punktzahl von 7. Sky mit einer Punktzahl von 5. Wir erreichen Distrikt 10: Jake mit einer Punktzahl von 8. Cassedy mit einer Punktzahl von 7. Distrikt 11: Nico mit einer Punktzahl von 8. Cara mit einer Punktzahl von 5. Kommen wir nun zu unserem letzten Distrikt. Distrikt 12: Cecil mit einer Punktzahl von 1. Carliena mit einer Punktzahl von 8.

    40
    „Und nun begrüßen Sie den Mann, der die Interviews führen wird – Cael Choke!“
    Grinsend dreht Cael sich zum Publikum um, das wie wild geworden klatscht. „Dankeschön! Nun, heute sind wir zu einem ganz besonderen Anlass hier: Die 24 Tribute, die Sie alle schon ein wenig kennengelernt haben, werden heute ihre geheimsten Seiten zur Schau geben! Viel Spaß mit den Interviews!“
    Eine kurze Pause entsteht, während die Menge immer noch laut klatscht.
    „Kommen wir zu unserem ersten Tribut – die hübsche China aus Distrikt 1!“, ruft Cael und lacht, als China auf die Bühne stolziert. Sie trägt ein wunderschönes, mit Edelsteinen besetztes Kleid.
    „Nimm Platz!“, fordert Cael sie auf.
    „Wenn Sie mich schon so lieb bitten“, lacht China und setzt sich. Sie schlägt die Beine übereinander, lehnt sich entspannt zurück und wartet.
    „Meine erste Frage an dich“, beginnt Cael. „Im Training hast du eine 9 erreicht. Das verspricht großes Potenzial – wie fühlst du dich?“
    „Nun, ich habe versucht, mich schwach zu zeigen, damit jeder denkt, ich wäre keine Gefahr und mich übersieht“, sagt sie und verrät der Menge durch ihr Kichern, dass sie nur scherzt. „Aber leider hat das nicht so gut funktioniert …“
    „Sie waren sicher wie geblendet von deiner Ausstrahlung“, rät Cael.
    China lacht. „Das muss es gewesen sein!“
    „Dann hoffen wir mal, dass es in der Arena genauso läuft“, sagt Cael.
    Doch sie schüttelt den Kopf. „Hoffen Sie lieber, dass die anderen schnell genug rennen können, bevor ich sie töte!“ Sie wendet sich nun ganz dem Publikum zu. „Ich wünsche ihnen allen viel Spaß beim Zuschauen!“
    Cael steht auf und nimmt sie an der Hand. „Einen Riesenapplaus für China aus Distrikt 1!“
    Während China lächelnd und winkend nach hinten geht, kündigt Cael den nächsten Tribut an. „Und nun der starke Canyon aus Distrikt 1!“
    Jubelrufe werden laut. Mit seinen 11 Punkten hat sich Canyon viele Freunde im Kapitol gemacht. Schon kommt der achtzehnjährige auf die Bühne gelaufen und setzt sich tief in den Sessel.
    Nachdem sich der erste Applaus gelegt hat, beugt sich Cael zu ihm hinunter.
    „Was meinst du, Canyon?“, fragt er vertraulich. „Wie stehen deine Chancen?“
    „Ich nenne es nicht Chance“, sagt Canyon kühl. „Ich nenne es Sieg. Meinen Sieg.“
    Das Publikum klebt an seinen Lippen. Kaum hat er geendet, bricht es wieder in Jubel aus.
    „Was macht dich da so sicher?“, fragt Cael und zwinkert ihm zu.
    „Ich habe es nicht umsonst zur 11 gebracht“, bemerkt Canyon. Plötzlich steht er auf, läuft bis an den Rand der Bühne, krempelt seinen Anzugarm hoch und spannt die Muskeln an. Die Menge kann sich nicht halten vor Begeisterung.
    „Beeindruckend, beeindruckend“, nickt Cael, als er sich wieder gesetzt hat. „Aber sei ehrlich – was sind deine Lieblingswaffen?“
    Canyon muss nachdenken. „Schwerter, Dolche, Messer … umgehen kann ich mit allem. Also denke ich, ich werde mir auch alles holen!“ Er bleckt die Zähne. „Am Füllhorn.“
    „Das heißt, die anderen Tribute sollten Angst vor dir haben?“, hakt Cael nach.
    „Besser wäre es für sie“, sagt Canyon. „Aber eigentlich ist es mir gleich. Ich kann sie auch später töten.“
    „Dann viel Erfolg!“, ruft Cael. „Einen unglaublichen Applaus für Canyon aus Distrikt 1!“
    „Und jetzt begrüßen Sie Hope aus Distrikt 2!“ Als die zierliche vierzehnjährige auf die Bühne huscht, wird nur vereinzelt geklatscht. Eine 5 im Training zu erreichen ist fast schon eine Beleidigung für ihren Distrikt.
    Hope lächelt unsicher und nimmt Platz.
    „Fangen wir an.“ Cael lächelt. „Hope, ich habe die Ernte in deinem Distrikt gesehen. Du wurdest gezogen und niemand wollte sich freiwillig für dich melden. Wie hast du dich in diesem Moment gefühlt?“
    „Gefühlt?“, fragt sie langsam. „Was sollte ich in so einem Moment schon fühlen?“
    „Verrat, Angst, Verzweiflung“, hilft er ihr weiter.
    „Nein, nein“, Hope schüttelt den Kopf. „Wissen Sie: In Zeiten der Dunkelheit und Angst gibt es immer eine Hoffnung, an die du dich klammern kannst.“
    „Und was ist das für eine Hoffnung?“, hakt Cael nach, während hinter ihm das Publikum in Tränen ausbricht vor Rührung. Dann ist es wieder still. Niemand will Hopes nächste Worte verpassen.
    „Ich hoffe, meine Schwester Luna wiederzusehen“, sagt sie. „Und diese Hoffnung macht mich stärker, als Sie alle denken.“
    „Das wollen wir hoffen, Hope“, sagt Cael und lacht über seinen gelungenen Witz. „Jetzt aber im ernst. Warum, glaubst du, hat sich niemand freiwillig für dich gemeldet?“
    „Ich weiß nicht“, murmelt sie schüchtern. „Vielleicht, weil es die ersten Hungerspiele sind und sie nicht wissen, was auf sie zukommt.“
    „Na, dann kannst du ihnen sicher ein gutes Vorbild sein!“, meint Cael und zwinkert ihr aufmuntert zu. „Applaus für Hope aus Distrikt 2!“
    Während Hope von der Bühne geht, steht er auf und kündigt den nächsten Tribut an. „Camelon aus Distrikt 2!“
    Ähnlich wie bei Canyon bricht die Menge in Begeisterung aus. Camelon betritt die Bühne, den Kopf erhoben und dennoch lächelt er nicht. Schweigend setzt er sich in den Sessel.
    „Camelon.“ Cael seufzt. „Camelon, Camelon. Bald stehen die Hungerspiele an.“
    „Ich weiß“, sagt Camelon mit einem leicht sarkastischen Unterton.
    „Ja“, nickt Cael. „Und – wie fühlst du dich?“
    „Nun ja, Einstein ist tot, Newton ist tot, und mir ist auch schon ganz schlecht“, antwortet Camelon. Während das Publikum lauthals loslacht, verzieht er nicht einen Mundwinkel.
    Auch Cael kichert etwas. „So unglücklich? Was ist denn deine Lieblingswaffe?“
    „Schwert, Messer, aber vor allem Morgenstern“, sagt Camelon. „Wissen Sie, warum? – Weil ich immer daran glaube, dass es ein Morgen geben wird.“
    „Das hoffe ich für dich“, sagt Cael und schmunzelt.
    „Was willst du denn für Pflanzen in der Arena haben?“, kommt es aus dem Publikum. „Oder kennst du dich mit denen gar nicht aus?“ Es ist eine junge Frau in der ersten Reihe.
    Camelon erhebt sich und schlendert langsam bis zum Bühnenrand. „Kaktusse“, sagt er.
    „Das heißt Kakteen!“, verbessert die Frau ihn leicht pikiert.
    „Nene, ich meine dich.“ Und während Camelon zu Cael zurückkehrt, grinst er zum ersten Mal.
    „Nun gut.“ Cael versucht, die Situation zu retten. „Sehr lustig, unser Camelon. Einen Riesenapplaus für unseren jungen Tribut aus Distrikt 2!“
    Camelon reckt seine Faust in den Himmel und bis auf die empörte Frau klatscht jeder.
    „Wir machen weiter mit Luna aus Distrikt 3!“, ruft Cael. Im Hintergrund huscht Camelon winkend davon. Luna tappt auf die Bühne und setzt sich etwas steif auf die Kante des Sessels.
    „Meine erste Frage an dich“, beginnt Cael. „Du bist erst dreizehn. Stimmt das?“
    „Ja“, antwortet Luna. Ihre Stimme klingt weich, aber nicht zu hoch, als dass es schwach wirken könnte.
    „Oh“, seufzt Cael bedauernd. „Hast du denn keine große Schwester, die sich freiwillig für dich melden könnte?“
    „Meine Familie ist tot“, sagt das Mädchen und wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Ich lebe bei meiner Freundin. Mir wurde alles genommen. Erst meine Familie, dann meine Freundin und nun mein Leben.“
    Eine Welle des Mitleids durchfährt das Publikum. Sie stöhnen und Protestrufe werden laut, einige weinen sogar. Luna scheint sich allerdings wieder gefasst zu haben.
    „Ich sage dir, was du tun musst“, sagt Cael und lächelt. „Du gehst da raus, gewinnst das Ding und holst dir deine Freundin zurück. Na, wie klingt das?“
    „Zu schön um wahr zu sein“, sagt Luna. „Ich werde mein Bestes geben.“ Und nach einer kleinen Pause fügt sie noch hinzu: „Für Clarissa.“
    „Das berührt mich zutiefst“, meint Cael. „Ich wünsche dir viel Glück, Luna aus Distrikt 3.“
    Er erhebt seine Stimme. „Einen Applaus bitte!“
    Die Menge klatscht leise, als müsste sie auf etwas oder jemanden Rücksicht nehmen. Als würden ihre Tränen sie daran hindern, lauter zu sein. Luna geht schweigend ab.
    „Traurig, traurig“, meint Cael, als sie nicht mehr zu sehen ist. „Das bricht mir doch glatt das Herz – wie geht es euch, Leute?“
    Eine Welle der Zustimmung erfüllt das Publikum.
    „Doch, erwarten wir unseren nächsten Tribut!“, ruft Cael und lacht keckernd. „Dexter aus Distrikt 3!“
    Dexter betritt langsam und ruhig die Bühne und setzt sich. Aufmerksam sieht er Cael an.
    Dieser zwinkert ihm zu. „Na, Dexter? Was ist denn deine Strategie bei den Hungerspielen?“
    „Glauben Sie, ich wüsste nicht, dass die anderen Tribute mir zusehen können?“, fragt Dexter. „Lassen Sie sich überraschen. In der Arena wird es sich früh genug zeigen.“
    „Da hast du natürlich recht“, sagt Cael und wendet sich dem Publikum zu. „Der Kleine wird uns auf der Nase herumtanzen“, flüstert er hinter hervorgehaltener Hand und lacht. Dexter schweigt.
    „Nun gut.“ Cael räuspert sich. „Dexter, auf der Eröffnungsfeier durftest du silber tragen. Ich denke, dass hat eine sehr starke Aufmerksamkeit auf dich gelenkt. Kannst du mir sagen, was du in diesem Moment gedacht hast?“
    „Ich war nervös“, sagt Dexter und schluckt. „Nicht nach unten schauen, nicht umkippen, verstehen Sie? Das war schwer.“ Er lächelt kurz. „Aber die Farbe passt zu meinem Distrikt.“
    „Und ich finde, sie passt auch zu dir“, meint Cael. „Silber ist eine sehr edle Farbe, weißt du.“ Darauf sagt der Junge nichts.
    „Die Ernte war sicher schwer für dich“, tippt Cael jetzt. „Du hast dich nicht bemüht, deine Gefühle zu verstecken – warum?“
    Dexter zuckt mit den Schultern. „Warum sollte ich mich verändern lassen?“
    Cael nickt. „Ich verstehe. Tut mir leid, Dexter, aber unsere Zeit ist vorbei. Viel Glück.“
    Dexter geht und das Publikum hinter ihm verfällt in einen höflichen Applaus.
    Cael steht auf und deutet mit einer Hand auf das Mädchen, das gerade die Bühne betritt. „Und hier kommt Maya aus Distrikt 4!“
    Schwaches Klatschen, die Zuschauer wissen nicht, was sie von ihr halten sollen. Auf der einen Seite ist dieses kleine Mädchen, das im Training bloß eine 2 erreicht hat. Auf der anderen Seite sieht Maya ganz und gar nicht verängstigt aus.
    Cael zeigt auf den Sessel und nimmt selbst auf dem anderen Platz. „Setz dich.“
    „Ich bleibe stehen“, sagt Maya. „Euren hässlichen Kapitolssessel werde ich nicht anrühren.“
    Schockiertes Schweigen aus dem Publikum. Cael wiegt unbehaglich mit dem Kopf.
    „Ich glaube, das wollen die Zuschauer nicht hören, Maya“, sagt er und erhält prompt eine Zustimmung.
    „Es ist mir völlig gleich, was ihr von mir denkt.“ Sie spuckt die Worte förmlich aus. „Nein, Halt – ihr sollt eines wissen: Ich bin mit dieser Welt und den Spielen nicht einverstanden!“
    „Entweder du setzt dich jetzt oder du gehst“, sagt Cael leise. Er scheint nicht recht zu wissen, wie er mit ihr umgehen soll. Aufhalten, aber wie? Normale Menschen würde man töten, aber sie ist ein Tribut und in diesem Stadium bereits nicht mehr zu ersetzen.
    Maya stellt sich an den Rand der Bühne, als wollte sie sich hinunterstürzen. „Das Kapitol wird fallen“, sagt sie mit lauter Stimme. „Denn das passierte immer. Niemals hat eine Diktatur lange gehalten, denn das ist es, oder nicht? Alle großen Reiche gehen unter. Rom, Kartago, der IS, sie sind alle gefallen. Die Frage ist nur: Fallt ihr heute oder fallt ihr morgen!“
    Sie schreit jetzt schon fast. Das Publikum ist zum Zerreißen gespannt, empört und entsetzt über die Dreistigkeit dieses Mädchens. Zwei Friedenswächter stürmen auf die Bühne und zerren Maya mit sich, die faucht und wild um sich schlägt. Kein Applaus. Die Menge zeigt kalte Verachtung. Cael steht auf, darum bemüht, die Situation zu retten.
    „Nach diesem kleinen Zwischenfall machen wir schnell weiter!“, ruft er und setzt sein gewinnenstes Lächeln auf. „Django aus Distrikt 4!“
    Um die Menge wieder in Stimmung zu bringen, eignet sich niemand besser als Django. Winkend kommt er auf die Bühne gelaufen, grinst die Zuschauer offen an und setzt sich entspannt in den Sessel.
    „Also, Django“, beginnt Cael. „Von der Küste in Distrikt 4 mitten ins Kapitol, das ist sicher eine ganz schöne Umstellung. Vermisst du das Meer schon?“
    „Erwarten Sie, dass ich ja sage?“, fragt Django und lacht. „Hier muss ich mir zumindest keine Wettkämpfe mehr mit meinem Bruder liefern.“ Er steht auf, huscht nach vorne zum Publikum und flüstert hinter hervorgehaltener Hand: „Er ist ein furchtbar schlechter Verlierer. Ich schwimme immer absichtlich langsam, damit er nicht ausrastet. Aber sagt das nicht weiter, ja?“
    Die Zuschauer beschwichtigen ihn und lachen.
    „Aber was ich am besten hier finde“, sagt Django, als er zu Cael zurückkehrt, „ist das Essen. Es ist, wie soll ich sagen – abwechslungsreich. Ein völlig neues Gefühl.“
    „Oh, esst ihr in Distrikt 4 denn immer Fisch?“, fragt Cael und grinst.
    „Oh, nein, nein!“, ruft Django. „Wir essen auch ständig Muscheln, Krebse, Algen …“
    Das Publikum bricht in Begeisterungsstürme aus. Django winkt gutmütig ab.
    „Ich beglückwünsche dich zu deiner hohen Punktzahl im Training“, sagt Cael.
    „Danke“, lächelt Django. „Ich war einfach ich selbst.“
    „Du selbst und unverbesserlich – einen Riesenapplaus für Django aus Distrikt 4!“
    Die Menge tobt, als der sechzehnjährige grinsend die Bühne verlässt.
    „Machen wir weiter!“, ruft Cael fröhlich in den Applaus hinein. „Und zwar mit Rue aus Distrikt 5!“
    Die kleine zwölfjährige betritt die Bühne. Zielstrebig läuft sie zu Cael und schüttelt ihm die Hand.
    „Oh, welch ein fester Händedruck!“, ruft Cael überrascht. Rue setzt sich.
    „Beginnen wir mit dem Training“, sagt er. „Du hast eine 6 erreicht und das in deinem Alter! Was hast du angestellt?“
    „Schwertkampf“, antwortet Rue.
    „Die Trainer haben sicher deinen Mut geschätzt“, tippt Cael. Sie nickt.
    „Was denkst du, hast du eine Chance zu gewinnen?“
    „Ja“, sagt Rue entschlossen. „Jeder hat eine Chance. Und ich bin schnell und kenne mich gut mit Waffen aus. Auch wenn ich erst zwölf bin, die anderen Tribute sollten mich nicht unterschätzen!“
    „Das glaube ich“, grinst Cael. „Niemand weiß, was in der Arena auf euch zukommen wird, bis auf die Spielmacher natürlich. Was glaubst du denn?“
    Rue denkt nach. „Wahrscheinlich ein Wald oder Ähnliches. Freies Feld wäre zu langweilig, da wären alle Tribute in wenigen Minuten tot. Höhlen sind zu dunkel. Wüsten zu heiß. Eislandschaften zu kalt.“
    „Nun, die Spielmacher werden euch extremen Situationen aussetzen“, entgegnet Cael.
    „Das mag sein, aber vielleicht habe ich gerade genau ins Schwarze getroffen und Sie wollen das nicht zeigen“, lächelt Rue.
    „Vielleicht“, antwortet Cael und grinst nun ebenfalls. „Einen Riesenapplaus für Rue aus Distrikt 5!“ Lautes Klatschen ist zu hören. Keine Jubelrufe wie bei Django, aber wohlwollend.
    „Und nun kommen wir zu einem Jungen, auf den ich schon die ganze Zeit gewartet habe!“, ruft Cael. „Seth aus Distrikt 5!“
    Das Publikum verstärkt den Applaus, den es für Rue angefangen hat, um das doppelte. Seth erklimmt hoch erhobenen Hauptes die Bühne, setzt sich und schlägt die Beine übereinander.
    „Seth, über dich werden sicher die meisten reden“, sagt Cael. „Bei der Ernte sagtest du, dein Sieg würde den Distrikt für immer verändern. Was meintest du damit und warum bist du dir so sicher, dass du gewinnen wirst?“
    „Weil ich stark bin und das nötige Selbstvertrauen habe“, antwortet Seth und grinst. „Und was ihre zweite Frage angeht: Distrikt 5 wird nicht länger nur der langweilige Distrikt für Energie und Strom sein. Nein, Distrikt 5 wird den ersten Sieger der Hungerspiele stellen: Mich.“
    Die Menge bricht in Begeisterungsstürme aus. So etwas brauchen sie, starke Tribute.
    „Das klingt viel versprechend“, meint Cael. „Und das sagen auch die Spielmacher: Im Trainingslager hast du eine 12 erreicht. Wie hast du das nur geschafft? Höchstpunktzahl!“
    „Kampf mit der Axt“, entgegnet Seth lässig. „Es war einfach. Der Trainer ist schwach. Ich musste nur …“ Er springt plötzlich auf und schwingt eine imaginäre Axt vor Caels Gesicht umher. „Und so, und so, und … arrr … so!“ Seth steht nun keuchend über Cael, der tief in seinen Sessel gerutscht ist.
    „Du musst mich ja nicht gleich umbringen“, lacht er.
    Seth steht auf und wendet sich dem Publikum zu. „Ich werde sie alle umbringen! Sie alle!“
    „Applaus für Seth aus Distrikt 5!“, ruft Cael. Seth stößt einen Jubelruf aus.
    Das Publikum ist restlos begeistert.
    „Ahh“, seufzt Cael, als Seth gegangen ist. „Dafür, dass die Axt aus Luft war, hat sie mir ganz schön Angst gemacht …“ Er grinst. „Aber – machen wir weiter mit Lily aus Distrikt 6!“
    Lily erscheint auf der Bühne und setzt sich etwas ungelenk auf den Sessel.
    Cael sieht sie aufmerksam an. „Lily Beaurelle heißt du. Hast du französische Vorfahren?“
    „Ja“, nickt Lily.
    „Hm, wie soll ich dich nennen?“, fragt Cael. „Lily, die Schöne? Bella? Frau Beaurelle?“
    „Wie wäre es einfach mit Lily?“, entgegnet sie schüchtern.
    Cael lacht. „Natürlich – weshalb bin ich nicht gleich darauf gekommen?“ Er wendet sich den Zuschauern zu. „Was findet ihr am besten?“
    Lily, Lily, tönt es einstimmig aus dem Publikum. Cael winkt ab.
    „Sie wollen, was du für richtig hältst“, erklärt er grunzend. „Lily, Waffen?“
    „Sie meinen, was ich mir für Waffen in der Arena wünsche?“, fragt Lily.
    „Nein, ich fragte, ob du mir eine Waffel kaufen kannst, Madame Beaurelle“, sagt Cael sarkastisch und macht eine kleine Verbeugung.
    Lily lacht. „Achso … Also, am besten wäre ein Degen.“
    Cael zieht die Augenbrauchen hoch. „Ein Degen? Sie beherrschen die Fechtkunst, Madame?“
    „Lily, einfach nur Lily“, sagt das Mädchen.
    „Das beantwortet nicht meine Frage, Lily“, stellt Cael fest.
    „Wie gut ich sie beherrsche, werden Sie in der Arena sehen“, sagt Lily und mit einem schüchternen Lächeln fügt sie noch hinzu: „Falls ich dann noch lebe.“
    „Na, das hoffe ich doch“, sagt Cael aufmunternd. „Applaus für Lily aus Distrikt 6!“
    Das Publikum klatscht. Nicht so laut wie bei Seth, aber sie scheinen Lily und ihre Art zu mögen.
    „Und jetzt kommt der gute … Mortimer aus Distrikt 6!“, ruft Cael. Mortimer geht über die Bühne auf Cael zu und reicht ihm die Hand, dann setzt er sich.
    „Mortimer“, beginnt Cael, als der Applaus verstummt ist. „Die Ernte in deinem Distrikt war mehr als seltsam … Ein Mädchen wollte sich freiwillig für Lily melden, aber erst nachdem du gezogen wurdest. Kannst du mir sagen, wer dieses Mädchen war?“
    „Das war meine Schwester.“ Mortimers Stimme klingt dumpf. Er fixiert einen Punkt im Nichts am Ende des Raumes. „Eliza. Aber eigentlich … kenne ich sie nicht.“
    „Du spannst uns auf die Folter“, sagt Cael. „Ein wenig mehr Details, bitte!“
    Mortimer holt tief Luft. „Ich habe einen kleinen Bruder namens Nemo. Er ist fünfzehn. Eliza wurde ein Jahr nach ihm geboren und ist somit die jüngste Tochter meiner Eltern. Aber sie wollten kein drittes Kind. Wir sind sehr arm und sie konnten sich Eliza nicht leisten. Also gaben sie sie zu meiner Tante. Doch Eliza war dort nicht glücklich und sie lief von zuhause weg, lebte fortan auf der Straße. Bei der Ernte habe ich sie das erste Mal in meinem Leben wirklich wahrgenommen.“
    „Eine traurige Geschichte“, meint Cael und nickt bedauernd. „Möchtest du deiner Schwester vielleicht noch etwas sagen?“
    „Ja“, sagt Mortimer. Und plötzlich blickt er auf, sieht den Kameras direkt ins Gesicht. „Eliza, wenn du nicht längst schon bei unseren Eltern bist, dann geh hin. Sie werden dich aufnehmen. Sie werden dir ein neues Leben geben. Bitte behalte mich als deinen Bruder in Erinnerung, der dir dieses Leben geschenkt hat.“
    Einen Moment lang ist es ganz still. Dann ruft Cael: „Applaus für Mortimer aus Distrikt 6!“, und die gerührte Menge beginnt zu klatschen.
    „Und unser nächster Tribut heißt“, verkündet Cael grinsend, „Miyu aus Distrikt 7!“
    Miyu betritt die Bühne. Sie wirft einen Blick zum Publikum, das wie verrückt applaudiert. Sie hat im Einzeltraining sogar China übertroffen, und sie scheint nicht die Art von Mensch zu sein, die aufgibt.
    „Wie geht es dir?“, fragt Cael, kaum dass sie sich gesetzt hat.
    „Gut“, antwortet Miyu knapp.
    „Gut?“ Cael grinst. „Na, dann wollen wir dir das einmal glauben. Bist du nervös?“
    „Nein“, sagt Miyu kühl. „Sollte ich?“
    „Bei der Punktzahl, die du im Training erreicht hast, brauchst du das nicht“, findet Cael. „Die Überraschung aus Distrikt 7.“
    „Überraschung?“, fragt sie und hebt die Augenbrauen. „Mich hat das nicht überrascht. Ich meine, warum sollten nur die Tribute aus 1 und 2 eine hohe Punktzahl erhalten?“
    „Da hast du wohl recht“, stimmt Cael zu.
    „Ähm …“ Miyu schlägt die Augen nieder. „Darf ich noch etwas sagen?“
    „Natürlich.“ Cael nickt ihr zu. „Wir sind sehr gespannt.“
    Miyu richtet ihre Augen auf die Kameras. „Ich möchte Mortimers Beispiel folgen. Da draußen ist meine Schwester, Yui.“ Sie macht eine kleine Pause. „Yui, ich möchte dir sagen, dass du niemals aufgeben darfst. Denke an mich, aber lass dich nicht brechen, was immer geschieht. Du weißt, dass ich dich immer lieb haben werde.“
    Die Menge hält den Atem an. Von einem starken Tribut wie Miyu hatten sie so etwas nicht erwartet. Ein leiser Applaus streicht durch das Publikum.
    „Ich werde kämpfen, Cael.“ Miyu sieht ihn direkt aus ihren eisblauen Augen an.
    „Das glaube ich“, antwortet er. „Einen Riesenapplaus für Miyu aus Distrikt 7!“
    Cael braucht einiges, um die Zuschauer wieder zu beruhigen, nachdem sie gegangen ist.
    „Begrüßen Sie nun Kevin aus Distrikt 7!“, ruft er. Der Applaus flaut schlagartig ab, als der pummelige zwölfjährige auf die Bühne schleicht. Als er sich setzt, verschwindet er fast im Sessel.
    „Also, Kevin“, beginnt Cael. „Du hast im Training eine 2 erreicht. Was hast du gemacht?“
    „Ich habe einen Unterschlupf gebaut, der gut getarnt und einigermaßen wasserfest ist“, sagt Kevin und ein unsicheres Lächeln zuckt über seine Lippen.
    „Einen ganzen Unterschlupf in zehn Minuten?“, fragt Cael gespielt ungläubig. Kevin nickt. „Na, da hättest du mindestens eine 5 verdient! Was meint ihr, Leute?“
    Die Zuschauer pfeifen und klatschen Beifall. Sie sind nicht begeistert von Kevin, aber einen zwölfjährigen so schlecht zu bewerten, das findet keiner gerecht.
    „Ich habe gehört, du hast dich mit Dexter angefreundet?“, fragt Cael.
    „Ja …?“ Kevins Antwort klingt wie eine Frage. „Er ist nett.“
    „Was würdest du ihm raten, am Anfang der Spiele zu tun?“
    „Weglaufen“, sagt Kevin. „Ganz schnell weglaufen.“
    „Würdest du das auch tun?“, will Cael wissen.
    „Ja“, flüstert Kevin.
    „Ich wünsche dir viel Glück.“ Cael drückt ihm die Hand, dann steht er auf. „Applaus für Kevin aus Distrikt 7!“
    Höflich applaudiert das Publikum, als Kevin geht.
    Cael setzt sich. „Machen wir weiter mit Anne aus Distrikt 8!“ Das Mädchen mit den mahagonifarbenen Haaren huscht auf die Bühne.
    „Hallo, Cael“, sagt sie und lächelt.
    „Tag, Anne“, begrüßt Cael sie und rückt ihr den Stuhl zurecht.
    „Oh, ein Gentleman. Danke.“
    Cael zwinkert ihr zu. „Meine Mutter hat mir wohl gute Manieren beigebracht, was?“
    Anne nickt kaum merklich.
    „Kommen wir zu dir.“ Er wird ernst. „Ich habe gehört, du hast Geschwister.“
    „Ja, vier“, antwortet Anne. „Sarah, Leo, Emma und Lily.“
    „Möchtest du uns von ihnen erzählen?“, fragt Cael vertraulich.
    „Sarah ist vierzehn“, sagt sie zaghaft. „Die zweitälteste von uns. Mit ihr kann ich immer reden. Ihr alles anvertrauen. Verstehen Sie?“
    „Ja“, sagt Cael und fordert sie mit einer Handbewegung auf, weiterzusprechen.
    „Um Leo hatte ich bei der Ernte am meisten Angst“, fährt sie fort. „Für Sarah hätte ich mich freiwillig melden können, aber für ihn nicht. Und er ist erst zwölf. Emma ist zehn, sie ist so klein und süß, ich spiele gerne mit ihr.“ Ein wehmütiges Lächeln schleicht sich auf ihre Lippen.
    „Und Lily?“, fragt Cael.
    „Sie ist acht“, sagt Anne. „Meine Mutter …“ Sie erschrickt und schlägt sich eine Hand vor den Mund.
    „Was ist mit deiner Mutter?“, hakt er nach.
    „Sie … sie starb bei ihrer Geburt“, erzählt sie stockend.
    „Oh“, macht Cael. „Das tut mir leid. Ich wünsche dir viel Glück, Anne aus Distrikt 8.“
    Und während Anne geht, beginnen die Zuschauer vor Rührung nach Taschentüchern zu suchen.
    „Und jetzt“, sagt Cael in die Stille hinein, „kommt unser nächster Tribut: Connor aus Distrikt 8!“
    Der großgewachsene, muskulöse Junge geht ruhig auf Cael zu und reicht ihm die Hand.
    „Connor.“ Cael sieht ihn an. „Eine 7 im Training ist eine gute Leistung.“
    „War das jetzt eine Frage?“, will er wissen.
    „Bist du damit zufrieden?“, fragt Cael.
    „Ja.“ Connor nickt langsam. „Und ich denke, dass ich damit ziemlich weit kommen kann.“
    „Das wirst du“, stimmt Cael zu. „Kennst du dich denn mit Waffen aus?“
    „Wurfmesser und Langschwert“, sagt Connor. „Allerdings habe ich eine Schwäche für das Essen im Kapitol.“ Er lächelt. „Das wird mir fehlen.“
    „Oh, wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich es auch als erstes vermissen“, grinst Cael. „Aber vielleicht findest du in der Arena ja einen Süßigkeitenstrauch.“
    „Sorgen Sie dafür, ja?“, fragt Connor und lächelt.
    „Unbedingt. Aber kommen wir zurück zu dir: Du hast zwei kleine Schwestern?“
    „Ja.“ Connors Körper versteift sich kurz, dann entspannt er sich wieder.
    „Wie heißen sie?“, hakt Cael nach.
    „Lissy und Luna.“
    „Gib dein Bestes“, sagt Cael. „Für deine Schwestern.“
    „Das werde ich“, murmelt Connor und es klingt wie ein Versprechen.
    „Einen Riesenapplaus für Connor aus Distrikt 8!“, ruft Cael und Connor geht lächelnd von der Bühne.
    „Wie schnell die Zeit vergeht, jetzt sind wir schon bei Distrikt 9“, stellt Cael fest. Stirnrunzelnd wendet er sich dem Publikum zu, sieht auf seine Uhr und dann wieder verdutzt zurück. Die Zuschauer johlen.
    „Begrüßen Sie Sky!“ Das kleine Mädchen huscht zu Cael und setzt sich auf die Kante des Sessels, legt die Hände in ihren Schoß und lässt die Schultern leicht nach vorne fallen.
    „Mir ist zu Ohren gekommen, du bist nicht das älteste Mädchen aus eurer Familie.“
    „Ich habe eine Schwester namens Laura“, antwortet Sky. „Sie ist fünfzehn. Und ich bin so froh, dass sie sich nicht freiwillig gemeldet hat, falls Sie das meinen. Sie hat einen Freund, ein so schönes Leben, das soll nicht kaputtgehen.“
    „Also bist du nicht wütend auf sie?“, hakt Cael nach.
    „Niemand hat es verdient zu sterben“, sagt Sky und sieht ihn ehrlich an.
    „Da hast du recht, Sky“, murmelt Cael. Dann fängt er wieder an zu grinsen. „Eine 5 im Training, was? Wie hast du das geschafft?“
    „Ich kann Karate“, sagt sie traurig. „Schwarzer Gurt. Ich hatte einen guten Trainer. Und Simon, mein Trainingspartner. Er wird mich vermissen.“
    „Was ist das wichtigste für dich, was deine Familie und deine Freunde für dich jetzt noch tun sollen?“, fragt Cael.
    „Sie sollen daran glauben, dass mein Geist immer bei ihnen sein wird“, sagt Sky und eine Träne rollt ihre Wange hinab. „Ich will nicht, dass sich der Sonnenschein, den ich ausstrahle, in eine Regenwolke wandeln wird. Ich kämpfe für sie und sie sollen nicht zu traurig sein.“
    „Dann wünsche ich dir viel Glück, Sky aus Distrikt 9“, sagt Cael und legt eine Hand auf Skys. „Einen Applaus für das mutige Mädchen hier!“
    Die Menge klatscht, bis Sky verschwunden ist, dann warten sie gespannt auf den nächsten Tribut.
    „Ryan aus Distrikt 9!“, ruft Cael. Winkend kommt Ryan auf die Bühne gelaufen.
    „Guten Tag“, sagt er zum Publikum und macht eine kleine Verbeugung, die etwa die Hälfte der Menschen lachend erwidern. Ryan setzt sich.
    „Ryan“, fängt Cael an. „Die Hungerspiele sind hart. Glaubst du trotzdem, dass du eine Chance hast?“
    „Sehen Sie das hier?“ Ryan hält Cael seinen Arm hin. Die Zuschauer beugen sich vor, um besser sehen zu können.
    „Du meinst die Ader?“, fragt Cael und Ryan nickt. Cael wendet sich der Menge zu. „Ryans Ader pocht wie verrückt“, erklärt er grinsend.
    „Ja, das ist mein Adrenalin“, meint Ryan. „Je mehr Zucker ich esse, desto schlimmer wird es. Und hier kommt das seltsame: Mein Körper ist so blind, dass er alles Mögliche für Zucker hält!“ Ein Lacher, ein echter, aus dem Publikum. „Egal was ich esse, diese Ader will nicht aufhören zu pochen!“, fährt Ryan fort und lacht mit.
    „Dann wünsche ich dir einen guten Appetit!“, ruft Cael.
    „Danke“, sagt Ryan. „Ich glaube, diese Ader hilft mir wirklich. Und wissen Sie, was noch verrückter ist?“
    „Nein“, meint Cael. „Jetzt bin ich aber gespannt.“
    „Meine Schwestern heißen Hope und Sun“, erzählt er. „Hoffnung und Sonne. Wenn ich an sie denke, bin ich stark.“
    „Dann kann ja nichts mehr schief gehen“, ruft Cael. „Applaus für Ryan aus Distrikt 9!“
    Die Zuschauer klatschen begeistert, und als Ryan sich noch einmal verbeugt, stehen sie auf.
    „Nun setzt euch doch“, schimpft Cael gespielt. „Noch sind wir nicht fertig. Jetzt kommt Cassedy aus Distrikt 10!“
    Cassedy, in schwarzem Kleid und mit Hochsteckfrisur, betritt die Bühne und geht ruhig auf Cael zu. Dann setzt sie sich, aber weder schlägt sie die Beine übereinander noch wirkt sie ängstlich.
    „Du siehst hübsch aus in dem Kleid“, stellt Cael fest.
    „Danke.“ Cassedy lächelt.
    „Gehst du oft jagen?“, fragt Cael.
    Cassedy sieht ihn verblüfft an. „Ja, mit meinem Bruder Jeff. Woher wissen Sie das?“
    „Weil ich gehört habe, dass du eine begnadete Bogenschützin bist und außerdem die besten Fallen des Landes herstellst“, sagt er. „Und eine 7 verdient man sich ja nicht ganz von selbst.“
    „Oh, ich möchte das jetzt gar nicht so herauskehren“, murmelt sie und wird leicht rot.
    „Dann lassen wir das“, bestimmt Cael. „Du könntest uns ja stattdessen etwas von deinem Bruder erzählen. Ihr seid Zwillinge, stimmt’s?“
    „Ja“, sagt sie. „Er ist mein Bruder und zugleich für mich das wichtigste auf der Welt. Wir jagen zusammen, um unsere Familie zu ernähren. Ihm kann ich alles anvertrauen.“
    „Das ist schön.“ Cael sieht sie ehrlich an. „Dir muss es wehtun, ihn zu verlassen.“
    „Sehr“, sagt Cassedy. „Aber ich weiß, dass ich für ihn versuchen muss, zu gewinnen. Und dass ich es schaffen kann.“
    „Tu das, Cassedy“, meint Cael. „Und lass dich nicht unterkriegen!“
    „Ich gebe mein Bestes“, verspricht sie.
    „Ich wünsche dir viel Glück dabei“, sagt Cael, dann wendet er sich dem Publikum zu. „Applaus für Cassedy aus Distrikt 10!“
    Während die Zuschauer klatschen, verschwindet sie rasch in der Menge der anderen Tribute.
    „Unser nächster Tribut“, ruft Cael, „heißt Jake und kommt aus Distrikt 10!“
    Vereinzelte Jubelrufe werden laut. Aufgrund seiner hohen Punktzahl beim Einzeltraining ist Jake ziemlich beliebt. Jetzt kommt er auf Cael zugelaufen und setzt sich.
    „Du trägst schwarz“, stellt Cael fest. „Wie Cassedy. War das Absicht?“
    „Eigentlich sollte ich einen blauen Anzug tragen“, sagt Jake.
    „Aber?“, hakt Cael nach.
    „Aber ich trage immer schwarz“, meint Jake und deutet auf seine schwarzen Sneakers. „Und Turnschuhe. Warum sollte ich mich verändern lassen?“
    „Apropos verändern, mir ist zu Ohren gekommen, du lebst auf der Straße“, sagt Cael. „Das Kapitol muss sich für dich wie der reinste Himmel anfühlen, habe ich recht?“
    „Das Kapitol ist die Ruhe vor dem Sturm“, entgegnet Jake kühl. „Also, wie sollte ich es schön finden? Ich gebe aber zu, dass es der reinste Luxus ist.“
    „Nicht?“ Cael zwinkert ihm zu und übergeht seine erste Antwort. „Also Jake, was hast du beim Einzeltraining getan, um so eine hohe Punktzahl zu erhalten?“
    „Messerwurf“, antwortet Jake knapp. „Nichts Spektakuläres.“
    „Du musst aber gut gewesen sein.“ Cael hebt die Augenbrauen.
    „Ich bin ganz passabel“, meint Jake. „Und ich habe nichts zu verlieren. Nur zu gewinnen.“
    „Das klingt viel versprechend“, sagt Cael. „Einen Riesenapplaus für Jake aus Distrikt 10, wenn ich bitten darf!“
    Die Zuschauer klatschen und Jake geht ab.
    „Und nun erscheint Cara aus Distrikt 11!“
    Cara, etwas blass, betritt die Bühne. Cael schüttelt ihr die Hand und bedeutet ihr, sich zu setzen.
    „Fangen wir mit der Ernte an“, sagt er. „Dein Kater hat ja eine ganz schöne Szene gemacht. – Wie heißt er noch gleich?“
    „Carlo“, antwortet Cara und lacht etwas nervös.
    „Kann er etwa unsere Sprache oder woher wusste er, dass du ausgelost wurdest?“
    „Ich glaube, er hat … es einfach gespürt“, überlegt Cara. „Dass ich in Gefahr bin.“
    „Katzen sind schon unglaubliche Tiere“, stellt Cael fest. „Aber jetzt verrate uns doch einmal: Geht es ihm gut nach seinem Auftritt?“
    „Ja, alles Bestens“, beschwichtigt ihn Cara und lächelt.
    „Na, dann bin ich ja beruhigt“, meint Cael. Einige der Zuschauer atmen erleichtert auf.
    „Cara, du kommst aus dem Distrikt der Landwirtschaft“, fährt er fort. „Schmecken die Früchte dort auch so gut wie hier im Kapitol?“
    „Meistens dürfen wir sie nicht essen“, erzählt Cara. „Aber wenn doch, muss ich sagen: Im Kapitol schmecken sie besser. Sind da irgendwelche Zusatzstoffe drin?“
    „Willst du das wirklich wissen?“, fragt Cael leise und lacht, als sie den Kopf schüttelt.
    „Ich habe noch zwei andere Katzen“, sagt Cara. „Lea und Maya.“
    „Sind die auch schwarz?“, fragt Cael und lacht.
    „Da muss ich Sie leider enttäuschen“, lächelt Cara. „Grau-weiß und golden.“
    „Schade“, meint Cael. „Ist aber sicher auch sehr schön. Applaus für Cara aus Distrikt 11!“
    Während die Zuschauer höflich applaudieren, kündigt Cael auch schon den nächsten Tribut an: „Nico aus Distrikt 11!“
    Nico stürmt auf die Bühne. Seine Haare verdecken die obere Hälfte seines Gesichts komplett.
    „Meine erste Frage an dich“, beginnt Cael. „Du hast im Training eine 8 erreicht. Wie?“
    „Das geht Sie nichts an“, blafft Nico. Er streicht sich die Haare aus dem Gesicht.
    „Gut, dann bleibt das dein Geheimnis“, grinst Cael. „Reden wir stattdessen über die Parade. Du durftest grün tragen. Wie fandest du den Anzug?“
    „Scheußlich.“ Nicos Augen sprühen Funken.
    „Ich fand, es stand dir sehr gut“, versucht Cael es erneut.
    „Ja?“ Nico fährt zu ihm herum. „Dann tragen Sie doch mal diesen Dreck. Sah aus wie Kotze.“ Er wendet sich wieder dem Publikum zu. „Dieser Anzug sieht genauso schrecklich aus. Kein Geschmack. Da fand ich die Straßenkleidung in Distrikt 11 ja besser.“
    „Wo wir schon bei Distrikt 11 sind“, nimmt Cael ungerührt den Faden wieder auf, „wer war das Mädchen, das bei der Ernte geschrieen hat, als du gezogen wurdest?“
    Plötzlich wird Nico ganz blass. „Das war Nina.“ Seine Stimme zittert. Die Frage scheint das Eis gebrochen zu haben. „Sie ist erst zehn und sie … lebt auf der Straße. Wie ich.“ Jetzt schaut er direkt in die Kameras. „Nina, es tut mir leid. Ich wollte das alles nicht sagen. Ich weiß, ich habe dir versprochen, freundlich zu sein und es zu versuchen. Ich habe alles falsch gemacht. Bitte pass auf dich auf. Lass dich nicht unterkriegen. Ich weiß, dass du es schaffen kannst. Du kennst dich so gut mit Pflanzen aus. Und wenn du es schaffst, schaffe ich es auch.“
    „Das war … sehr berührend“, sagt Cael leise. Ein paar Minuten lang geschieht nichts, dann muss Nico gehen und das Publikum bricht entweder in Tränen oder in Beifall aus. Nico sieht noch einmal in die Kameras, dann ist er weg.
    „Kommen wir zu unserem letzten Distrikt“, sagt Cael. „Schade, wie schnell die Zeit vorbeigeht … Freuen Sie sich auf Carliena aus Distrikt 12!“
    Während die Zuschauer klatschen, betritt Carliena die Bühne und setzt sich.
    „Carliena“, beginnt Cael. „Es stimmt doch, dass du vier Schwestern hast?“
    „Ja.“
    „Sind sie älter oder jünger als du?“, fragt Cael.
    „Unterschiedlich.“
    „Möchtest du uns von ihnen erzählen?“, hakt er nach.
    „Nein.“
    „Schade. Wie hast du es denn im Trainingslager zu einer 8 gebracht?“
    „Kurzschwert“, antwortet sie knapp.
    „Interessant“, findet Cael. „Und wie, denkst du, stehen deine Chancen?“
    „Gut.“
    „Dann sag uns doch einmal, warum“, lächelt Cael.
    „Kurzschwert.“ Die Zuschauer lachen.
    „Wie findest du das Essen im Kapitol?“, fragt Cael nun.
    „Gut.“
    „Was ist dein Lieblingsgericht?“, will er wissen.
    „Eintopf.“
    „Warum?“, beharrt er.
    „Was ist das für eine Frage?“
    „Mir gehen langsam die Fragen aus“, lacht Cael. „Verzeih mir. Applaus für Carliena aus Distrikt 12!“
    Es wird verhalten geklatscht, während Carliena so rasch wie möglich wieder verschwindet.
    „Und nun unser letzter Tribut: Cecil aus Distrikt 12!“, ruft Cael. Cecil tappt müde auf die Bühne.
    „Cecil, du hast im Einzeltraining bloß eine 1 erreicht“, sagt Cael. „Wie kam es dazu?“
    Cecil schweigt.
    „Ah, du möchtest darüber nicht sprechen“, lächelt Cael. „Gut, dann etwas anderes: Wie hast du dich bei der Ernte gefühlt?“
    Cecil schweigt.
    „Die Tribute aus Distrikt 12 sind ja nicht sehr gesprächig“, versucht Cael es mit einem Witz.
    Cecil schweigt.
    „Bist du da?“, fragt Cael langsam und das Publikum lacht.
    Cecil schweigt.
    „Gut, unsere Zeit ist vorbei. Applaus.“ Cecil geht und die Zuschauer klatschen für Cael.
    „Soooo …“ Cael erhebt sich von seinem Sessel. „Die Interviews sind gelaufen, die Tribute haben trainiert. Jetzt geht es in die Arena! Und ich kann Ihnen verraten, dass es eine besondere Arena wird. Wir werden Ihnen überraschende Details zeigen, die die Tribute in Angst und Schrecken versetzen werden! Tribute, seid gewarnt: 23 von euch werden in wenigen Wochen tot sein. Aber es gibt einen Gewinner und der wird mit Ruhm und Reichtum überschüttet!“
    Die Zuschauer applaudieren, was das Zeug hält.
    „Morgen geht es in die Arena!“, ruft Cael und jubelt. „Ich wünsche allen Tributen fröhliche Hungerspiele und möge das Glück stets mit euch sein!“
    Die Hymne ertönt und nach wenigen Minuten gehen alle Tribute zurück ins Foyer.

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Adhara ( 2.122 )
Abgeschickt vor 360 Tagen
Ryan geht sich verbuddeln^^ aber die Idee ist eigentlich gar nicht übel
Ryan ( 7.135 )
Abgeschickt vor 360 Tagen
Kälte: Ich versuche Erfrierungen zu vermeiden indem ich mich klein mache und mich vergrabe ^^, Feuer erst in der Gruppe;
Hitze:Ich vergrabe mich genau wie oben, (Erde isoliert, why not?)
Ineriä ( 15.92 )
Abgeschickt vor 360 Tagen
Okay :)
Erläuterung zu der Frage: Was tust du, wenn es in der Arena kalt bzw. heiß wird, also wenn es zum Beispiel eine Wüste oder eine Eislandschaft ist. Wie wärmst du dich, wie sorgst du dafür, dass dein Körper nicht zu viel Wasser verliert?
Und danke für die sonstigen Anmerkungen ^^
Ryan ( 7.135 )
Abgeschickt vor 360 Tagen
Okay. Ja. hab die Frage nicht ganz verstanden.Meine Schwestern sind 12(Sun) und 13(Hope).
Sonstige Anmerkungen: Hat mit den Jahren einen Beschützerinstinkt entwickelt da er zwei Schwestern hat die er sehr liebt, Sky ist im selben Alter wie Hope und Sun, ist daher auch so was wie seine Schwester XD,(daraus könntest du auch was machen, zum Beispiel das ich mich für Sky opfere), versucht aber lästige Gefühle auszuknipsen außer vor der Kamera um Sponsoren zu gewinnen;
Ineriä ( 15.92 )
Abgeschickt vor 360 Tagen
Okay Django, das füge ich dann noch bei deinem Steckbrief hinzu :)
Ineriä ( 15.92 )
Abgeschickt vor 360 Tagen
Ach ja Ryan, noch was: Deine Verbündete heißen Nico, Cara und Sky. Dann gibt es noch Django, Lily, Mortimer, Maya (eine Gruppe) und China, Seth, Camelon, Canyon (andere Gruppe). Folgende Zweierteams: Cassedy und Rue, Connor und Hope, Dexter und Kevin. Die restlichen sind Einzelgänger.
Außerdem kannst du noch einen kleinen Text über deinen Charakter schreiben, damit ich dich besser kennenlerne und über dich in der Arena schreiben kann.
Beispiel Sky (so hat sie es gemacht): Sky sieht in Ryan so eine Art großen Bruder, weil er ihrem Bruder Paul sehr ähnlich ist. Sie versucht, den anderen in der Arena Mut und Hoffnung zu geben und die Sonne wieder anzuknipsen, wenn sie für die anderen ausgegangen ist. Trotzdem hat sie Heimweh und weint, wenn sie sich unbeobachtet fühlt.
Django ( 83.42 )
Abgeschickt vor 360 Tagen
Mein Bruder heißt John und ist 19. Meine 1.Schwester heißt Katrina und ist 12 und meine 2.Schwester Alina ist 7 Jahre alt.
Ineriä ( 15.92 )
Abgeschickt vor 360 Tagen
Hope: Als Tribut leider nicht mehr, aber als Sponsor. Das heißt, dass du eine bestimmte Menge an Geld bekommst und das für deine Favoritentribute in Form von Sponsorengeschenken ausgeben kannst. So kannst du ihnen vielleicht das Leben retten!

Und jetzt zu Ryan: Ist nicht so schlimm, wir haben ja gewartet. Das mit dem Schild ist eine gute Idee. Heißt das Fragezeichen bei Kälte/Hitze, dass du nicht weißt, was du machen sollst, sollte es kalt oder heiß werden, oder dass du die Frage nicht verstehst? Noch eine Frage hab ich an dich: Wie alt sind deine Schwestern Hope und Sun?
Django: Dich wollte ich das auch fragen. Wie heißen deine drei Geschwister und wie alt sind sie genau?
Hope Aquin Roses ( 8.174 )
Abgeschickt vor 360 Tagen
Könnte ich noch mit machen würde mich sehr freuen wenn ich noch könnte da das rpg ziemlich vielversprechend ist
Ryan ( )
Abgeschickt vor 360 Tagen
Danke Information! Sorry, aber wie Info gesagt hat war ich auf Klassenfahrt und hab vergessen mich abzumelden.
Jetzige Beziehung zu deinen Verbündeten (Vertrauen?): eigentlich niemand, ist sich nicht sicher ob das dann in der Arena auch so sein wird, zbs. wenn ich jemanden töten muss;
Was denkst du, passiert am nächsten Tag? (Fallen des Kapitols, andere Tribute machen Jagd auf dich, ...): ich denke eher nicht das ich gejagt werde da ich w[BEEP]einlich mit einer eher größeren Gruppe zusammen bin, vermute das die Spielemacher am ersten Tag noch keine aufwendigen Fallen machen da es am Füllhorn eh schon so ein großes Morden geben wird;
Deine Taktik für den nächsten Tag? (verstecken, umherziehen: wenn du gehst, wohin?, nach Essen suchen, ...): verstecken, Gruppe suchen, Essen auf dem Weg besorgen, Schild bauen um Angriffe abzuwehren, Giftbeeren suchen um mich in großer Not umzubringen;
Dein Umgang mit folgenden Problemen: wenn ich gejagt werde das Schild auf
Adhara ( 149.5 )
Abgeschickt vor 361 Tagen
@Nico
http://www.testedich.de/quiz39/quiz/1453318647/Panem-deine-eigene-Geschichte-Die-Arena
Nico & Sky ( 4.234 )
Abgeschickt vor 361 Tagen
Wie heißt die neue Seite?
Ineriä ( 15.92 )
Abgeschickt vor 361 Tagen
Passiert bei mir auch manchmal ;)
Und zu Lilly und China: Ich mag es einfach nicht so gerne, wenn Leute genau dieselbe Sache machen wie ich. Ich weiß nicht, ob ihr das verstehen könnt. Aber ich werde nie wieder so beleidigt reagieren wie bei Lilly, sorry nochmal. Sie hat ja letztenendes doch was anderes gemacht.
Also China: Kannst du nicht bitte alles als RPG machen oder eine Fanfiction ohne Zuschauer schreiben? Fände ich wirklich nett von dir, und danke dass du gefragt hast, bevor du es machst.
Lilly ( 87.46 )
Abgeschickt vor 361 Tagen
Ja.... das passiert bei mir auch manchmal jake
Jake ( .24.3 )
Abgeschickt vor 361 Tagen
Vergesst das was ich gerade geschrieben hab bitte, irgendwie ist die Schrift jetzt wieder wie sonst...
Jake ( .24.3 )
Abgeschickt vor 361 Tagen
Ist alles plötzlich in einer anderen Schrift geschrieben oder ist das nur bei mir so?
Adhara ( 149.5 )
Abgeschickt vor 361 Tagen
Na aber du hast auch vorher nicht gefragt :P
camelon&maya&canyon ( 87.46 )
Abgeschickt vor 361 Tagen
Dann wird ineriä Gaaaaanz böse sein....
Also habe was ähnliches gemacht, und da war sie wirklich mies. Sie hat mit schließung gedroht.....
China ( 41.75 )
Abgeschickt vor 361 Tagen
Und was ist wenn ich alles schreibe?
Lilly ( 87.46 )
Abgeschickt vor 362 Tagen
Das wäre aber wie bei mir. Da muss sie mich dann aber fragen *beleidigt gucken*