Balto - Ohne Grenzen

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3 Kapitel - 14.187 Wörter - Erstellt von: Rosie Mayer - Aktualisiert am: 2015-09-25 - Entwickelt am: - 517 mal aufgerufen- Die Geschichte ist fertiggestellt

Baltos Sohn Kodi ist sein ganzer Stolz. Nicht nur, dass er fleißig für ein Schlittenrennen trainiert, auch sonst gibt er sich alle Mühe, seinem Vater zu imponieren. Lediglich im Punkt Liebe und Beziehung herrscht ziemlich oft Streit zwischen den beiden. Balto versucht vergeblich, Kodi mit verschiedenen Mädchen zusammenzubringen. Er arrangiert diverse Verabredungen, die sich allesamt als Reinfall erweisen. Kodi sieht nicht ein, warum sein Vater so besessen davon ist, ihm umbedingt eine Freundin zu verschaffen. Als Kodi nach einem Streit mit Balto wegläuft, trifft er zufällig auf Star und verliebt sich Hals über Kopf in ihn. Nachdem Balto jedoch eine abfällige Bemerkung gegen Homosexuelle geäußert hat, hat Kodi Angst davor, ihm die Wahrheit zu sagen. Star rät ihm allerdings, mit offenen Karten zu spielen und so entschließt er sich, Balto von seiner Liebe zu erzählen. Während seine Mutter Jenna vollstes Verständnis für Kodis neues Glück aufbringt, ist Balto zutiefst entsetzt...

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„Kodi, was wäre denn bitte so schlimm daran?“. Mein Vater redete nun schon eine gefühlte Ewigkeit auf mich ein. Er hatte mal wieder eine Verabredung für mich arrangiert, da er der festen Überzeugung war, dass es an der Zeit wäre, mir endlich eine Freundin zu suchen. Bereits seit einigen Wochen lag er mir damit in den Ohren, dass alle meine Freunde bereits in einer festen Beziehung waren und ich mich auch langsam nach einer Lebensgefährtin umsehen müsste. Natürlich stimmte es zum Teil, was er sagte: Alle meine Freunde hatten mittlerweile eine feste Freundin und prahlten damit zu jeder sich bietenden Gelegenheit herum. Aber bedeutete das denn, dass ich mir nun auch unbedingt eine Freundin suchen musste? Aus meiner Sicht gab es auf diese Frage eine relativ eindeutige Antwort: Nein. Aber mein Vater war da natürlich komplett anderer Meinung. Er meinte, ich müsse mich sputen, da sonst alle attraktiven Mädchen bereits anderweitig vergeben sein würden. Aber ganz ehrlich: Was interessierte mich das? Ich hatte momentan weder die Zeit, noch die Lust dazu, mir eine Partnerin zu suchen. Denn zum einen wollte ich mein Leben in Freiheit so lange wie möglich genießen und zum anderen gab es in ganz Nome keine einzige Frau, bei der ich behaupten konnte, in sie verliebt zu sein. Sicherlich gab es ein paar hübsche Mädchen im Dorf, daran bestand kein Zweifel. Aber es gab nicht ein einziges, mit dem ich mir eine feste Beziehung vorstellen konnte, was zum Großteil daran lag, dass alle Mädchen hier im Dorf in die Kategorie „Magermilchpüppchen“ gehörten. Solche, die morgens allerhöchstens ein Glas Wasser und eine hauchdünne Scheibe Weißbrot zu sich nehmen und beim Mittagessen sagen: „Danke, nicht für mich, ich habe schon ausreichend gefrühstückt“. Mein Vater konnte doch wohl nicht allen Ernstes von mir erwarten, dass ich mich mit so einem spindeldürren Streichholz auf eine Beziehung einlassen würde. Aber es ging ja nicht nur um den Schlankheitswahn, von dem alle Mädchen hier besessen waren. Es gab auch noch einen anderen Grund, weshalb ich es ablehnte, mich auf eine Beziehung mit einem Mädchen einzulassen. Und zwar, dass ausnahmslos alle Mädchen hier in Nome so dermaßen bescheuert waren, dass man es schon als eine Art Gendefekt ansehen konnte. Selbst bei den einfachsten Fragen oder Aussagen verloren sie relativ schnell den Durchblick. Wenn ich ihnen zum Beispiel erkläre, dass ich sehr sensibel bin, folgen darauf meistens Aussagen wie „Das lässt sich doch sicher mit Tabletten behandeln“ oder „Du solltest dich ärztlich untersuchen lassen“. Wie ich sagte, besonders überragende Intelligenz zeichnet die Mädchen von Nome bei weitem nicht aus. Deshalb hatte ich auch absolut keine Lust dazu, mich auf ein weiteres Date mit einem von ihnen einzulassen. „Komm schon, Kodi“. Mein Vater ließ nicht locker. „Ich bin sicher, dass es dir gefallen wird“. „Aber Dad, das hast du bei den anderen doch auch schon gesagt“, entgegnete ich genervt. „Na gut, okay, vielleicht waren die anderen Mädchen nicht unbedingt meine beste Idee. Aber Dixie ist anders, glaub mir“. Oh nein. Hatte er etwa gerade Dixie gesagt? Diese aufgedonnerte Giftspritze? Erwartete er jetzt ernsthaft, dass ich mich mit ihr verabredete? „Dixie?“, fragte ich überrumpelt. „Ja, ich habe sie gefragt, was sie von dir hält und stell dir vor: Sie findet dich ziemlich attraktiv“, antwortete er und grinste. „Dad, Dixie ist eine Hexe“, entgegnete ich angewidert. „Sie ist die schlimmste Quasseltüte, die es in Nome gibt und darüber hinaus ist sie überempfindlich und sehr schnell eingeschnappt“. „Ach komm, jetzt übertreibst du aber, Kodi“, antwortete Dad und schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Sie ist doch wirklich ein nettes Mädchen. Gut, vielleicht ist sie etwas sensibel, was ihr Aussehen anbelangt, aber du musst doch zugeben, dass das auch berechtigt ist. Schau sie dir doch an. Sie ist bei weitem das hübscheste Mädchen, das ich je gesehen habe“. Als er das sagte, drehte sich mir der Magen um. Dad fand Dixie hübsch? Was bitte war hübsch daran, zwanzig Kilo Make-Up im Gesicht und eine Frisur wie ein abgenutzter Besen zu haben? „Meinst du das ernst?“, fragte ich ihn und ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. „Natürlich“, antwortete er. „Du findest sie doch auch hübsch, hab ich Recht?“. „Igitt“, rief ich aus und würgte. „Nie und nimmer“. „Ach Kodi, wenn du so weitermachst, wirst du nie eine Freundin finden“, setzte Dad hinzu und kam zu mir herüber. „Vielleicht will ich das ja auch gar nicht“, antwortete ich genervt. „Mir gefällt es, als Single zu leben“. „Kodi, jetzt hör aber auf“, erwiderte er nun ebenfalls etwas genervt. „Du musst dir früher oder später eine Freundin suchen. Oder willst du etwa eine von diesen Tunten werden, die zu faul sind, sich eine richtige Partnerin zu suchen?“. Ja, natürlich. Das war klar. Dad steuerte wie immer geschickt auf das Reizthema schlechthin zu. Homosexuelle Liebe. Ich konnte absolut nicht begreifen, warum er sich so dagegen wehrte und es dermaßen ablehnte. Schließlich waren Homo-Paare doch genau wie alle anderen auch. Was zum Teufel konnte er daran nur nicht verstehen? „Dad, was hast du eigentlich gegen Homosexuelle?“, fragte ich genervt. „Sie sind doch auch nicht anders als wir“. „Kodiak, das will ich nicht gehört haben!“, stieß Dad zornig hervor. Wenn er mich bei meinem vollen Namen nennt, dann ist er meistens kurz davor, zu explodieren. Trotzdem wollte ich die Sache jetzt mit ihm ausdiskutieren. Ich wollte ihm endlich klarmachen, dass gleichgeschlechtliche Liebe nichts schlimmes war. „Dad, ich verstehe dich einfach nicht“, sagte ich. „Was hast du nur gegen Homosexuelle? Sie sind doch genau so wie wir auch“. „Es reicht jetzt!“, schrie Dad mich zornig an. „Du wirst dich mit Dixie treffen und damit basta!“. „Nein!“, rief ich aufgebracht. „Du kannst mich nicht dazu zwingen. Und außerdem weichst du schon wieder vom Thema ab. Ich will jetzt ein für alle Mal von dir wissen, was du gegen Homosexuelle hast“. „Kodiak, Schluss“, zischte Dad. „Du triffst dich gefälligst mit Dixie“. Dann wurde seine Stimme plötzlich überraschend sanft. „Du wirst schon sehen, du liebst sie auch. Das weiß ich“. Er zwinkerte mir zu und nun stand ich kurz davor zu explodieren. „Dad, ich sagte nein!“, zischte ich giftig. „Ich liebe Dixie nicht, ich habe sie nie geliebt und werde sie nie lieben. Sieh das endlich ein. Deine Verkupplungsaktionen führen zu nichts. Ich muss mir meinen Partner selbst aussuchen und wer weiß, vielleicht bin ich ja auch schwul und weiß es nur noch nicht“. Dads Augen funkelten vor Zorn. „Was hast du gerade gesagt?“, fragte er aufgebracht. Ich spürte, wie ich innerlich kochte. Zeitgleich füllten sich meine Augen mit heißen Tränen. „Dad, vielleicht ist das der Weg, den ich gehen muss“, sagte ich ruhig und zugleich traurig. „Vielleicht halte ich die ganze Zeit nach dem falschen Geschlecht Ausschau. Vielleicht wird meine große Liebe ein anderer Mann sein“. Dad knurrte. Seine Augen blitzten vor Wut. „Dad, vielleicht...“. Noch ehe ich den Satz beenden konnte, verpasste er mir einen heftigen Schlag ins Gesicht. „Du bist nicht schwul!“, stieß er dröhnend hervor. „Du wirst nicht eine von diesen Tunten“. Ich sank auf die Knie und fing an zu schluchzen. „Kodi“. Dad wollte mich sanft umarmen, doch ich stieß ihn weg. „Fass mich nicht an!“, brüllte ich unter Tränen. Dann stand ich auf und rannte weg. „Kodi – warte. Es tut mir Leid, Schatz“, rief Dad mir hinterher, doch ich drehte mich nicht mehr um. Ich wollte nur noch von ihm weg. Ich rannte weiter, bis ich die alte Scheune erreichte. Dort war sozusagen mein Geheimversteck. Dorthin zog ich mich immer zurück, wenn ich Ruhe brauchte und allein sein wollte. Ich stieß die Tür auf und zog mich in die hinterste Ecke zurück. Dort ließ ich mich ins Stroh fallen und fing an, laut zu winseln. Dad hatte mich noch nie geschlagen. Wenn wir uns stritten, dann diskutierten wir das immer vernünftig und in Ruhe aus. Noch nie was es vorgekommen, dass Dad mir eine Ohrfeige verpasst hatte. Auch wenn unsere Meinungen noch so weit auseinandergingen. Sicher war er hier und da schonmal etwas lauter geworden und hatte seinen Standpunkt klar und deutlich vertreten. Aber noch niemals war ihm dabei die Hand ausgerutscht. Es schmerzte. Es schmerzte so sehr. Weniger körperlich, vielmehr schmerzte es in meiner Seele. Wie konnte Dad mir das nur antun? Alles nur, weil ich gesagt hatte, dass die Möglichkeit bestand, dass ich vielleicht schwul war. Vielleicht. Das hieß doch noch lange nicht, dass ich es auch werden würde. Aber die Möglichkeit bestand. Eine Möglichkeit besteht schließlich immer. Natürlich konnte ich es mir selbst nicht vorstellen und es war mehr oder weniger nur so dahergesagt. Doch musste er mich deshalb gleich schlagen? Musste er wirklich gleich zur Gewalt greifen? Heiße Tränen flossen mir über die Wangen. Tränen der Wut. Tränen des Zorns. Und zum Teil auch Tränen der Verzweiflung. „Kodi?“. Eine Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Ich hob langsam meinen Kopf und blickte zum Scheunentor hinüber. Dort stand Dad und sah mich reumütig an. Ich schenkte ihm keine große Beachtung und vergrub meinen Kopf wieder im Stroh. Dad kam zu mir herüber und setzte sich neben mich. „Hey Kodi“, sagte er und streichelte mir über den Kopf, was mich nur noch mehr zum Schluchzen brachte. „Hey mein Schatz“, sagte er und streichelte mich sanft. „Kodi, bitte schau mich an“. Ich hob langsam meinen Kopf und sah ihm in die Augen. Darin schimmerten ebenfalls ein paar Tränen. Ich erkannte, dass es ihm wirklich aufrichtig Leid tat, was er getan hatte. „Mein Kleiner“, sagte er. Ich fiel ihm um den Hals und stieß ein Winseln aus. „Ist ja gut, Kleiner“,
flüsterte er mir zu und klopfte mir auf den Rücken. „Ist alles wieder gut“. „Dad“, sagte ich schließlich, nachdem ich mich etwas beruhigt hatte. „Warum?“. „Ich wollte es nicht“, antwortete er. „Ich wollte es wirklich nicht, Kodi“. Er sah sich meine Wange an und biss sich auf die Lippe. „Warum, Dad?“, wiederholte ich meine Frage. „Ich weiß, es war falsch“, erwiderte er un strich mir über den Kopf. „Ich weiß, ich hätte es nicht tun dürfen. Es tut mir so unglaublich Leid, mein Schatz. Bitte, kannst du mir das je verzeihen?“. „Oh Dad“, sagte ich gerührt und lächelte, da ich erkannte, dass er ernsthaft ein schlechtes Gewissen bekam, weil er mich geschlagen hatte. „Ich verzeihe dir“, setzte ich nach kurzer Pause hinzu. „Aber bitte tu das niemals wieder“. „Nein, nie wieder“, versprach er mir. „Niemals wieder“.
Nachdem Dad sich noch einmal bei mir entschuldigt hatte, hatten wir noch einmal über mein arrangiertes Date mit Dixie gesprochen und ich gab schließlich nach. Denn ich wusste ja, dass er im Prinzip nur das Beste für mich wollte, auch wenn er mir der Auswahl der Mädchen meistens auf dem Holzweg war. Schlussendlich stimmte ich zu und ging zu der Verabredung mit Dixie. Jedoch nicht aus Freude über das arrangierte Date, sondern um endlich meine Ruhe vor Dad zu haben. Was soll's, sagte ich mir. Vielleicht wird es ja gar nicht so schlimm. Und ich behielt sogar Recht. Es wurde nicht nur schlimm, es wurde eine einzige Katastrophe.

„Na, bist du schon aufgeregt, Kleiner?“, fragte Dad, während er mich von allen Seiten begutachtete. Heute war es so weit. Heute stand mein Date mit Dixie an. Eigentlich hatte ich so gut wie keine Lust darauf, da ich haargenau wusste, dass es nur in einem Desaster enden konnte, aber zum einen wollte ich Dad glücklich machen und zum anderen wollte ich endlich meine Ruhe vor seinem ewigen Drängeln und Betteln haben. „Dad, bitte nenn mich nicht so“, sagte ich und verdrehte meine Augen. Wenn ich etwas absolut nicht ausstehen konnte, dann, wenn er mir „Kleiner“ nannte. Ich war schließlich erwachsen und wollte, dass er mich auch so behandelte. Aber egal, was ich auch machte, für Mom und Dad blieb ich immer ihr kleiner Junge. Egal wie alt ich war. Einerseits empfand ich es zwar als süß, dass die beiden noch immer das Kind in mir sahen, weil mir das zeigte, wie sehr sie mich liebten. Andererseits war es mir aber ziemlich peinlich, dass Dad noch immer darauf bestand, mich von Treffen mit meinen Freunden persönlich abzuholen und mich nach Hause zu bringen. Er sagt, er habe Angst, ich könnte mich verirren. Aber ganz ehrlich: Ich kannte den Weg in- und auswendig, weshalb seine Ängste vollkommen unbegründet waren. Das Schlimmste und Peinlichste an der ganzen Sache war allerdings, dass Dad mich auch in Gegenwart meiner Freunde seinen „Kleinen“ nannte. Und das empfand ich nicht nur als unangenehm, sondern als demütigend. Trotzdem war ich nie böse auf ihn, da ich ja wusste, dass er es nur gut mit mir meinte. „Entschuldige, Kodi“, sagte Dad und streichelte mir über den Kopf. „Ich weiß ja, dass du inzwischen erwachsen geworden bist. Aber für Mom und mich wirst du immer unser Kleiner bleiben, egal wie alt du bist“. „Ich weiß, Dad“, sagte ich und umarmte ihn. „Ich habe dich lieb“, flüsterte ich ihm ins Ohr und kuschelte mich mit ihm zusammen. „Ich dich auch, mein Schatz“, erwiderte er und löste unsere Umarmung. „Jetzt komm. Mom will dich sicher auch noch sehen“, fügte er nach einer kurzen Pause hinzu. Dann machten wir uns zusammen auf den Weg nach Hause, um Mom von meiner Verabredung mit Dixie zu erzählen. Dad hatte mir eingetrichtert, ihr bloß nichts davon zu erzählen, bevor es nicht so weit war. Und heute war es nun einmal so weit. „Mom?“, rief ich, als wir zu Hause ankamen und trat in unsere Hütte. „Kodi? Bist du es, Schatz?“, kam nach einiger Zeit die Antwort. „Ich bin hier hinten“. Dad und ich gingen zum Hinterzimmer der Scheune, dem Schlafplatz meiner Eltern. „Hey Kodi“, sagte Mom und schloss mich zur Begrüßung fest in die Arme. „Hey Mom“, erwiderte ich und kuschelte mich fest an sie. „Wie geht es dir heute?“, wollte sie wissen und streichelte mir über den Kopf. „Ach, alles okay“, antwortete ich und setzte ein Lächeln auf. „Unser Kodi hat heute eine Verabredung“, stieß Dad schließlich aufgeregt hervor. Mom sah mich überrascht an. „So? Eine Verabredung?“, fragte sie nach. Dabei lächelte sie allerdings nicht, so wie Dad das die ganze Zeit tat. „Mit wem denn?“. „Ich habe für ihn ein Date mit Dixie arrangiert“, antwortete Dad und grinste noch breiter. „So? Mit Dixie?“, fragte Mom nach und zwinkerte mir kurz zu. Ich wusste, was das zu bedeuten hatte. Ein kurzes Augenzwinkern hatten wir als Zeichen vereinbart, wenn wir dringend etwas ohne Dad besprechen wollten. Ich zwinkerte so unauffällig wie möglich zurück, um ihr klarzumachen, dass auch ich dringend mit ihr reden wollte. „Schatz“, wandte sie sich dann an Dad. „Kodi und ich müssen noch einige Dinge besprechen. Damit sein Date auch ein Erfolg wird“, log sie so überzeugend wie möglich. „So? Was gibt es denn wichtiges?“, fragte er neugierig nach. „Das wird ein Mutter-Sohn-Gespräch“, antwortete Mom und forderte mich mit einem kurzen Wink auf, ihr nach draußen zu folgen. „Ich möchte Kodi nur eingehend auf seine Verabredung vorbereiten“. „Ah, okay“, erwiderte Dad mit einem Schulterzucken. „Aber macht schnell. Dixie wartet bestimmt schon auf dich“. Mit diesen Worten legte sich wieder ein breites Grinsen auf sein Gesicht. Ich lächelte, so gut es eben ging, zurück und folgte Mom dann nach draußen. „Was ist los, Mom?“, wollte ich wissen und setzte mich auf die Treppenstufen vor unserer Hütte. „Das weißt du doch genau“, antwortete sie mit einem Lächeln. „Du weißt doch genauso gut wie ich, dass du nicht die geringste Lust hast, dich mit Dixie zu treffen“. „Woher...?“, setzte ich an. „Ach Kodi, ich kenne dich doch. Eine Mutter weiß, was ihr Kind möchte und was nicht“, antwortete sie und streichelte mich sanft. „Ich weiß genau, dass du Dixie nicht leiden kannst und absolut keine Lust auf eine Verabredung mit ihr hast. Ich weiß, dass du das nur machst, um Dad einen Gefallen zu tun“. „Wenn er nur nicht so verflucht stur wäre“, entgegnete ich unglücklich. „Wenn er nur nicht Tag und Nacht versuchen würde, mich irgendwie mit irgendwem zu verkuppeln“. „Ich weiß, dass dir das auf die Nerven geht“, antwortete sie verständnisvoll. „Ich weiß doch, dass du dir deine Freundin selbst aussuchen möchtest. Deshalb möchte ich dich etwas fragen und ich bitte dich, mir eine ehrliche Antwort zu geben“. „Okay“, sagte ich. „Schieß los“. „Gibt es denn ein Mädchen in Nome, mit dem du dir eine feste Beziehung vorstellen könntest?“, wollte Mom wissen und blickte mich erwartungsvoll an. Ich überlegte kurz und ging gedanklich alle Mädchen durch, die ich kannte. Aber mir fiel absolut niemand ein, bei dem ich mir mehr als eine gewisse Sympathie oder Freundschaft vorstellen konnte. „Nein“, antwortete ich schließlich. „Es gibt niemanden“. Mom atmete tief durch und kam etwas näher zu mir. „Und was ist mit den Jungs?“, flüsterte sie mir ins Ohr. Überrascht und überwältigt von dieser Frage hielt ich kurzzeitig den Atem an. Hatte Mom wirklich gerade gefragt, ob ich Interesse an einem Jungen von Nome hatte? „Mom“, flüsterte ich zurück, noch immer überrascht von ihrer Frage. „Gibt es einen, bei dem du dir mehr vorstellen könntest?“, fragte sie weiter und nahm meine Pfote. „Also...“, setzte ich an, unsicher, ob sie das ernst meinte oder es sich lediglich um eine Fangfrage handelte. „Du darfst ehrlich zu mir sein“, sagte sie, nachdem sie bemerkte, dass ich unsicher wurde. „Ich verrate Dad auch nichts, das verspreche ich dir“. „Du hättest nichts dagegen, wenn ich...“, stotterte ich schließlich nach kurzem Zögern. „Wenn du schwul wärst?“, flüsterte sie, darauf bedacht, dass Dad uns nicht hören konnte. „Warum sollte ich denn? Schließlich musst du wissen, welches Geschlecht dir besser gefällt, ob nun Mann oder Frau“. Diese Aussage trieb mir aus irgendeinem unerfindlichen Grund Tränen ins Gesicht. Mom war bei diesem Thema so offen und verständnisvoll. Das hatte ich so bisher noch nicht erlebt. „Also?“, wollte sie wissen und lächelte. „Sei ruhig ehrlich, Schatz“. „Hättest du mich denn dann noch lieb?“, wollte ich wissen und versuchte vergeblich, nicht zu weinen. „Aber Kodi, natürlich“, antwortete sie mit einem Lächeln. „Ich werde dich immer lieben, egal, welchen Weg du auch gehst“. „Mom“, winselte ich und brach in Tränen aus. „Na, na“, flüsterte sie beruhigend und umarmte mich. „Ist ja schon gut, Schatz“. „Heißt das denn, dass es da einen Jungen gibt?“, fragte sie neugierig. Wieder musste ich überlegen. Sicher gab es den ein oder anderen Mann, der als Mädchenschwarm galt. Aber gab es auch einen, der mir ernsthaft gefiel und mit dem ich mir etwas festes vorstellen konnte? Nein, entschied ich. Nein, da gab es niemanden. Nein, ich fand Männer nicht auf diese Weise attraktiv. Nein, ich war nicht schwul. „Es gibt keinen“, antwortete ich schließlich. „Ich kenne zwar einige Jungs, mit denen man sich gut amüsieren kann, aber mehr auch nicht“. „Okay, Kodi“, sagte sie mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. „Aber wenn du dich wirklich mal verliebst, dann steh dazu. Egal ob es ein Mann ist oder eine Frau. Egal, in wen du dich auch verliebst, ich werde immer zu dir stehen, mein Schatz“. Dabei grinste sie nur noch breiter. So als hätte sie damals schon gewusst, was mir passieren würde. Als hätte sie alles schon im Voraus geahnt.

Am Nachmittag dieses Tages war es dann so weit: Mein Treffen mit Dixie stand bevor. Mom hatte mich schließlich dazu überreden können, dieses Date durchzuziehen. Sie meinte, es wäre die ideale Gelegenheit für mich, herauszufinden, wie ich eingestellt war. Also ob ich mich mehr von Frauen oder doch von Männern angezogen fühlte. Ich empfand das als ziemlich unsinnig, da ich, nur weil mir ein Mädchen nicht gefiel, nicht automatisch homosexuell war. Jedenfalls dachte ich das damals. Ich prüfte noch einmal mein Aussehen und nachdem Mom und Dad mir alles Gute gewünscht hatten, machte ich mich auf den Weg zu meinem Date. Ich wusste jetzt schon, dass es eine Pleite werden würde, aber ich wollte auch, dass Dad stolz auf mich war. Bevor ich losgegangen war, hatte er mir noch eine Rose in die Pfote gedrückt und zu mir gesagt, dass ich sie Dixie überreichen sollte, damit sie möglichst schnell von mir beeindruckt war. Aber ehrlich: So naiv und gutgläubig konnte auch nur Dad sein. Aber was soll's, sagte ich mir. Auf die ein oder andere Peinlichkeit mehr oder weniger kam es dann auch nicht mehr an. Dixie erwartete mich bereits am vereinbarten Treffpunkt. Wie üblich hatte sie gefühlte zwei Tonnen Make-Up im Gesicht. Und ihre Haare sahen wie immer aus, als hätte man sie durch den Reißwolf gejagt. Um den Hals trug sie ein Collier, welches sie von ihrem Ex-Freund als Geschenk erhalten hatte. Ich empfand es zwar als ziemlich unpassend, bei einer Verabredung Geschenke vom Ex zu tragen, aber ich sagte kein Wort, da ich unter allen Umständen Streit mit ihr vermeiden wollte. „Hallo Dixie“, sagte ich zögernd und setzte mich zu ihr. „Hey Kodi, Süßer. Da bist du ja endlich. Ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr“, antwortete sie und gab mir sowohl links als auch rechts einen Kuss. Das war ihr typisches Begrüßungsritual und ich persönlich fand es mehr als übertrieben. Aber natürlich hielt ich meine Klappe, um sie nicht unnötig zu verärgern. Denn wenn Dixie eines ziemlich schnell war, dann eingeschnappt. „Du siehst toll aus“, schwindelte ich und bemühte mich, dabei so überzeugend wie möglich zu wirken. „Danke, du auch“, erwiderte sie. Ich überreichte ihr die Rose, die ich in der Pfote hielt. „Für dich“, sagte ich mit einem aufgesetzten Lächeln. „Oh, vielen Dank“, erwiderte sie und umarmte mich sanft. Dabei stieg mir ein Schwall ihres Parfums in die Nase, von dem sie – wie immer – viel zu viel trug und ich musste mich bemühen, nicht zu würgen. „Also, dann erzähl mal, Kodi“, sagte sie und setzte sich. „Dein Dad hat mir erzählt, du machst gerne Sport. Welche Sportarten genau?“. „Das ist unterschiedlich“, antwortete ich. „Meistens laufe ich einfach nur, um mich fit zu halten“. „So, interessant“, sagte sie und lächelte. „Wohin läufst du denn?“. Habe ich es nicht gesagt? Dixie ist blöd wie ein Meter Feldweg. „Auf der Rennstrecke“, antwortete ich und atmete tief durch. „Ah. Aber ist das nicht gefährlich? Wirst du da nicht von den anderen überrannt?“. Oh Gott, dachte ich im Stillen, bemühte mich aber, mein Lächeln zu halten. „Selbstverständlich nur dann, wenn keine Rennen veranstaltet werden“, antwortete ich und versuchte, freundlich zu bleiben, auch wenn ich ziemlich genervt war. „Und hast du schon an einem Rennen teilgenommen?“, wollte sie wissen. „Ja“, antwortete ich. „Aber ich habe nur den dritten Platz belegt“. „Oh, das macht doch nichts“, antwortete sie. „Aber jetzt mach es nicht so spannend: Hast du gewonnen oder nicht?“. Das darf doch wohl nicht wahr sein, dachte ich. War sie denn wirklich so bescheuert oder tat sie nur so? „Nein, du verstehst das falsch, ich wurde nur Dritter“, entgegnete ich. „Ja, das ist schon klar“, antwortete sie. „Aber ich will wissen, ob du gewonnen hast“. Ich verdrehte die Augen. Ja, sie war so bescheuert. Definitiv. „Dixie, ich habe den dritten Platz belegt. Ich habe nicht gewonnen“, sagte ich und versuchte, ruhig zu bleiben. „Ja, aber was hat deine Startnummer mit deinem Sieg zu tun?“. Ich vergrub meinen Kopf in den Pfoten. So strohdumm konnte man doch gar nicht sein, oder? „Dixie, bitte“, sagte ich. „Was ist daran so schwer zu verstehen? Ich wurde nur Dritter, folglich habe ich also nicht gewonnen“. „Wurde das Rennen etwa aufgezeichnet?“, fragte sie weiter. Jetzt verstand ich überhaupt nichts mehr. „Aufgezeichnet? Wie meinst du das?“, wollte ich wissen. „Na, wird das Rennen im Fernsehen übertragen?“, wollte sie wissen. „Weil du von Folgen gesprochen hast. Wie viele Folgen gibt es denn?“. Ich war kurz davor, durchzudrehen. „Dixie, nicht Folge. Folglich. Das bedeutet so viel wie im Endeffekt“. „Ah, du interessierst dich für Kosmetik? Ich persönlich bevorzuge ja den Verjüngungseffekt“, entgegnete sie. Das konnte und wollte ich mir nicht länger antun. Hastig sprang ich auf und rannte weg. „Kodi, warte“, rief sie mir nach. „Habe ich was falsches gesagt?“. Ich drehte mich nicht um, sondern rannte weiter. Ich wollte auf schnellstem Wege nach Hause. Weit weg von Dixie. Ich wusste von vorneherein, dass das Date nur schiefgehen konnte und wie immer behielt ich Recht. Was ich allerdings nicht ahnte, war, dass mein Vater uns die ganze Zeit über beobachtet hatte. Dementsprechend wutgeladen war er, als ich zu Hause ankam.

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