Ambar en írima - Verhängnis der Schönheit - Kapitel 1

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1 Kapitel - 4.845 Wörter - Erstellt von: Lossiel Niquesse - Aktualisiert am: 2015-09-23 - Entwickelt am: - 1.099 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

1
Neuigkeiten – ich soll was?
Ich schlage die Augen auf.
Stille.
Um mich herum ist es pechschwarze Nacht, nur über mir am Himmel funkeln die Sterne. Ohne mich zu bewegen schaue ich zu ihnen hinauf und fühle, wie die altbekannte Trauer wieder in mein Herz steigt. Mit den Sternen hat alles begonnen.
Immer noch bewege ich mich nicht, sondern bleibe still liegen. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, wie ich vor sechs Jahren floh, von Zuhause fortritt, um dem Wahnsinn zu entgehen, den ich selbst ausgelöst hatte. Ich kann es einfach nicht vergessen... und das soll ich anscheinend auch nicht, denn ich träume fortwährend beinahe jede Nacht von diesem Ereignis. Als ob das jemals vergessen würde! Ich kneife die Augen zusammen, als mir die Tränen hinein steigen. Weinen hilft auch nicht. Weinen hilft gar nichts!
Ich atme tief ein, dann richte ich mich leise wie eine Schlange auf. Ich verharre einen Moment und lausche, als ich nichts höre, wende ich mich langsam zur Seite und hole aus einer Ledertasche, die mir als Kissen gedient hat, etwas hervor. Es ist ein langes Kleid aus Samt, dessen violette Farbe im Sternenlicht tiefschwarz glänzt. Die Silberborte am Ausschnitt und an den Armen schimmert. Ich streiche über den weichen Stoff, dann nehme ich ein kleines Bündel aus der Tasche und binde es auf. Im inneren liegt ein silbernes Blattdiadem, ein silberner Gürtel, eine Kette, Ohrringe und weiße Perlenketten für die Füße. Der Schmuck funkelt und glitzert, als bestünde er aus Sternen, ebenso wie die Träne, die aus meinem Auge rinnt und in der Blüte auf der Gürtelschnalle landet, ein schillernder Diamant. Einen Moment starre ich auf den Schmuck, dann wische ich mir energisch die Tränen vom Gesicht, packe Schmuck und Kleid wieder zusammen und verstaue beides so leise, wie ich es herausgenommen habe, wieder in der Tasche. Dann lege ich mich wieder hin und starre in den Himmel, bis mir die Augen zufallen und ich erneut in dem endlos währenden Traum von meiner Flucht versinke.

Ich stapfe mit der Tasche über der Schulter durch den Bergwald. Auf dem Rücken trage ich meine Zwillingsschwerter und den Bogen mit dem Köcher, am Gürtel meine beiden Dolche. Meine langen, nach hinten geflochtenen Locken hängen mir über den Rücken auf die Kapuze, die griffbereit an meinem Nacken liegt. Beim kleinsten Anzeichen von Menschen, Elben, Zwergen, Hobbits oder Orks muss ich sie überziehen und verschwinden können. Ich schlüpfe durch ein Gebüsch, bleibe auf einer kleinen Lichtung stehen und lausche, bis ich absolut sicher bin, allein zu sein, dann hebe ich den Kopf und stoße einen schrillen Pfiff aus, der weit in den Bergen widerhallt. Einen Moment ist es still, dann ertönt Hufgetrappel, ein lautes Wiehern, und durch die Büsche vor mir bricht eine dunkelsilberne Stute mit langer schwarzer Mähne. Sie trabt vor und schmiegt die Stirn gegen meine. Ich schließe die Augen und für einen Moment tritt der Hauch eines Lächelns auf mein Gesicht, was sonst so gut wie nie geschieht. „Celebdair, meine Kleine. Na, hast du dich ausgetobt?“ Celebdair schnaubt, dann steigt sie leicht mit den Vorderbeinen. „Also nein!“ murmele ich, stelle mich neben ihren Kopf, hole die Trense aus der Tasche und streife sie ihr über. Dann packe ich die tänzelnde Stute an der Mähne und schwinge mich mit einem Satz auf ihren Rücken. Celebdair dreht den Kopf und schaut mich mit ihren klugen Augen an, wie sie es so oft tut. Geht´s los? Fragen ihre Augen, und ich grinse ganz leicht. Ja! Gebe ich das stumme Kommando, und schon schießt Celebdair mit einem wilden Wiehern durch den Wald davon. Sie springt so leicht über Baumstämme und schlängelt sich durchs Gestrüpp, dass man zu fliegen meint. Wir reiten aufwärts, bis wir auf dem freien Berghang sind - ein Risiko, dass ich hin und wieder eingehe, denn der Ausblick vom obersten Ende der Wetterberge ist einfach fantastisch. Ich schaue meilenweit übers Land, über die letzten Ausläufer der waldbedeckten Berge und über das karge Steppenland dahinter. Celebdair springt auf ein paar Felsbrocken, die am Berghang aufgetürmt liegen, und ich kann mich nur über mein Pferd wundern, sie klettert wie eine Bergziege. Ein frischer Windzug fegt über unseren Ausguck, meine Haare flattern, und für diesen einen Moment fühle ich mich fast frei. So stehen wir da und genießen den frischen Morgenwind, dann entdecke ich einen dunklen Punkt am Himmel. Er kommt näher, bis ich ihn erkennen kann: einer meiner Falken, Gwaew (ausgesprochen Gwaur), der auf mich zuschießt. Ich strecke die Hand aus und er klammert die Krallen in meine Armschiene. Seine Federn sind zerzaust, und er scheint ziemlich außer Atem. Ich streiche ihm beruhigend über den Kopf, bis er sich ein wenig beruhigt, dann hebe ich ihn auf Augenhöhe. „Was ist los, Gwaew? Wieso bist du so schnell geflogen?“ Gwaew krächzt, und ich hebe erfreut die Augenbrauen. „Gandalf? Schön, dass er sich auch mal wieder blicken lässt!“ Gandalf ist (zusammen mit den anderen Istari), der einzige Mann in Mittelerde, vor dem ich mich nicht verstecken muss. Ein Jahr nach meiner Flucht traf ich ihn, und er erkannte mich natürlich sofort. Nachdem er mir klargemacht hatte, dass der Fluch bei ihm und den anderen Zauberern nicht wirkt, wurde er mein bester Freund... neben Celebdair natürlich. Ich habe ihn seit einem Jahr nicht mehr gesehen, und dass er jetzt kommt, lockt mir schon zum dritten Mal an diesem Tag ein winziges Lächeln aufs Gesicht. Gandalf ist meine Verbindung zu der Welt, an der ich nun nicht mehr teilhaben kann. Immer, wenn er mich besuchen kommt, erzählt er mir Geschichten von dem, was außerhalb der Wetterberge vorgeht, und ich höre gespannt zu. Meistens bleibt er ein paar Tage, dann zieht er wieder davon. Der graue Pilger...
„Wir sollten ihn nicht warten lassen“ meine ich und will Celebdair gerade den Hang hinunter lenken, da schlägt Gwaew wild mit den Flügeln und kreischt. Ich erstarre. Nein, das ist unmöglich. Das kann Gandalf nicht tun. Er weiß doch von meinem Fluch! Ich reiße den Kopf zu Gwaew herum. „Das kann nicht sein! Das kann er nicht machen!“ meine Stimme klingt verzweifelt, denn wenn es stimmt, was Gwaew mir erzählt, dann wird es heute Abend wohl kein gemütliches Lagerfeuer mit spannenden Geschichten geben. Stattdessen werde ich fliehen müssen, wegrennen, mich verstecken, vor dem, was Gandalf laut Gwaew mitbringt.
Zwerge.
Männliche Zwerge!
Mein Bauch zieht sich vor Entsetzen zusammen, als mich die Erinnerung überwältigt: Ein Mann mit verzerrtem Gesicht und hungrigen Augen rennt mit ausgestreckten Armen hinter mir her. Ich schlage instinktiv die Hände vors Gesicht und kauere mich auf Celebdairs Rücken zusammen. Nein! Warum hat Gandalf das getan? Wie konnte er das tun!
Wütend und angstvoll zugleich reiße ich mein Pferd herum und will gerade auf und davon galoppieren, als ich heftiges Flügelschlagen höre und Alagos, mein anderer Falke, sich auf Celebdairs Nacken niederlässt. Er ist genauso außer Atem wie Gwaew, und als er erschöpft seine Nachricht hervorkrächzt, bleibt für einen Moment die Welt stehen.

Gandalf hat den Verstand verloren.
Er war ja schon immer ein bisschen verrückt, aber das geht zu weit.
Das ist doch vollständig lächerlich.

Ich starre Alagos an, als sei ihm ein zusätzlicher Flügel gewachsen. „Ich soll... bitte WAS?“ Alagos wiederholt seine Botschaft, doch ich kann es immer noch nicht glauben. Ausgerechnet Gandalf, er, der mich doch am besten kennt und am besten verstehen sollte, macht so einen Vorschlag? Nicht nur, dass er die Zwerge mit bringt, nein, ich soll auch noch vor ihnen erscheinen? Das ist doch der komplette Wahnsinn! Wenn mir die Kapuze herunterrutscht, habe ich einen riesigen Haufen durchgeknallter Zwerge am Hals, die mir hinterherrennen. Ich schüttle den Kopf. „Sagt Gandalf, dass er sich diese Idee sonstwohin stecken kann. Und dass ich das echt nicht von ihm erwartet hätte.“ Gwaew, der auf Celebdairs Kruppe gelandet ist, krächzt leise. Ich schieße zu ihm herum. „Was soll das heißen, er sagt, er wüsste, dass ich das sagen würde!“ fauche ich ihn an. Alagos krächzt, und ich drehe mich wieder um. „Ich soll trotzdem kommen? Hat er sie noch alle beieinander?“ Gwaew hüstelt leise. Ich stöhne auf und vergrabe das Gesicht in Celebdairs Mähne. „Das kann er doch unmöglich ernst meinen!“ Ich spüre, wie Alagos neben meinen Kopf hüpft und sich dagegen schmiegt. Er gurrt leise wie eine Taube, und ich spüre, wie ich ein wenig ruhiger werde. Auch Gwaew flattert neben seinen Bruder und zupft leicht an meinen Haaren. Plötzlich dreht Celebdair den Kopf und schaut mich an. Was ich in ihren Augen lese, gibt mir den Rest. „Du... du bist dafür, hinzugehen?“ frage ich sie fassungslos. Celebdair schnaubt leise, aber ich schüttle den Kopf. „Das sind Männer, Celebdair. Männer!“ Meine Stute wiehert leise. Ich schaue sie stumm an. „Das ist doch unmöglich!“ murmele ich leise. Gwaew krächzt, doch ich beachte ihn nicht, bleibe auf Celebdairs Mähne liegen und schaue in die Ferne. Meine Gedanken fangen an zu schweifen, wandern durch die Welt, landen schließlich bei den Zwergen und kreisen um das, was ich bisher über sie weiß. Stur sollen sie sein, dickköpfig, ziemlich rau, alles in allem das genaue Gegenteil von Elben. Und treu.
Ich denke an das Gerücht, dass die Erben Durins sogar größer sein sollen als ich, in den letzten sechs Jahren bin ich nicht im geringsten gewachsen. Es wäre doch interessant, das herauszufinden... halt, halt, halt, halt, halt. Was denke ich da bitte schön? Ich kann mich nicht zeigen! Es ist unmöglich, dort... aber ich müsste mich ja gar nicht zeigen.

Der Gedanke ist mir unbewusst gekommen, ganz plötzlich ist er einfach in meinem Kopf.

Ich müsste mich ja gar nicht zeigen.

Ich richte mich langsam auf. Obwohl ich es soviel besser weiß, siegt meine Neugier langsam, aber sicher über die Vorsicht. Zwerge habe ich noch nie gesehen, aber viele Geschichten über sie gehört - genug, um ihnen begegnen zu wollen. In den letzten sechs Jahren bin ich eine wahre Meisterin des Versteckens geworden (war ja auch nötig). Auch mit meinen Waffen kann ich mittlerweile perfekt umgehen, auch wenn ich nicht oft kämpfe. Die Gefahr der Offenbarung ist einfach zu groß. Aber ich werde nicht kämpfen. Ich werde mich anschleichen und sie aus den Bäumen beobachten. Wenn Gandalf mit mir reden will, soll er das alleine tun, ich zeige mich nicht.
Ich wende Celebdair und lenke sie den Hang hinunter. Sie schnaubt zufrieden und fällt in Trab, doch ich zügele sie wieder. „Nicht so schnell, meine Hübsche. Ich werde sie anschauen, sie aber nicht mich.“ Celebdair prustet genervt durch die Nase, doch ich halte sie im Schritt. So schnell muss es ja nun auch wieder nicht gehen. Gwaew und Alagos flattern auf meine Schultern und klammern sich fest. Während Celebdair den Hang hinunter klettert, denke ich an den Tag zurück, an dem ich meine Falken gefunden habe.

Es ist ein dunkler, stürmischer Tag. Wolken wirbeln wild über den Himmel und Blitze zucken aus ihnen hinab, schlagen in die Berggipfel ein und lassen Lawinen ins Tal hinuntergehen. Ich ducke mich tief hinter einer jahrtausendealten Eiche. Wenn die Steinbrocken hier herabfallen, sollten sie von dem dicken Stamm abgewehrt werden. Ich bin schon seit Stunden hier, seit das Unwetter mich überrascht hat. Ich kann froh sein, so einen guten Unterschlupf gefunden zu haben. Das dichte Blätterdach hält den Regen ab und der Stamm schützt vor dem heftigen Wind. Kalt ist es trotzdem. Ich wickele meinen Mantel fest um mich und ziehe mir die Kapuze tief ins Gesicht. So sitze ich zusammengekauert zwischen den Wurzeln, als ich plötzlich einen Schrei höre. Sofort bin ich in Angriffsstellung, einen Dolch in der Hand, den Kopf unter der Kapuze geduckt, sodass mein Gesicht von Schwärze verhüllt wird. Aufmerksam spähe ich umher, kann jedoch keine Person entdecken. Erneut ertönt der Schrei, und dann sehe ich den Urheber: eine Falkenmutter, die verzweifelt versucht, ihr Nest, das in der Astgabel einer Pappel gebaut ist, festzuhalten. Der Sturm zerrt an den verflochtenen Zweigen, reißt sie auseinander, doch sie weigert sich, aufzugeben, stemmt sich mit wild schlagenden Flügeln gegen Wind und kämpft darum, das Nest zusammenzuhalten. Von meinem Platz kann ich zwei kleine Köpfe ausmachen, die über den Rand des Nestes schauen und schreien. Auch die Falkenmutter schreit erneut, versucht verbissen, ihre Jungen zu retten. Ich bewundere ihren Mut, ihre Kraft, ihre Ausdauer. Für ein paar Momente sieht es aus, als würde sie den Sieg davontragen - doch plötzlich wird sie von einer heftigen Böe gepackt, der Wind fährt ihr unter die Flügel und reißt sie herum. Sie kreischt auf, dann wird sie von dem grausamen Sturm gegen den Stamm einer nahen Tanne geschleudert. Sie fällt zu Boden, zuckt noch ein paar mal, dann regt sie sich nicht mehr. Ich starre sie erschrocken an, dann zieht das erbärmliche Gekreisch der beiden nun ungeschützten Küken meine Aufmerksamkeit auf sich. Der Wind hat jetzt freie Bahn, das Nest wird auseinander gezerrt und beginnt sich aufzulösen. Doch bevor der gierige Sturm die Jungen dem gleichen Schicksal entgegenschleudern kann wie ihre Mutter, springe ich auf, stecke den Dolch in den Gürtel und renne auf die Pappel zu. Mit einem Satz bin ich am Stamm und klettere so schnell wie möglich nach oben. Gerade als das Nest in seine Einzelteile zerfällt, komme ich bei ihm an, strecke die Hände hinein, packe die beiden Falkenküken und stecke sie in meine Tasche. Dann gleite ich wieder nach unten und hetze zurück in mein Versteck zwischen den Wurzeln. Dort kauere ich mich zusammen, bilde mit dem Rücken einen Schutzwall vor dem Wind und hole die Küken aus der Tasche. Die beiden zittern und piepsen vor Angst, doch ich streiche ihnen beruhigend über die Federn und flüstere elbische Worte, bis sie die Köpfchen unter die winzigen Flügel stecken und einschlafen. Ich bette die beiden sorgfältig in meiner Tasche, dann lege ich mich selbst daneben und schließe die Augen. Am nächsten Morgen hat sich das Unwetter gelegt. Ich begrabe die Falkenmutter unter der Pappel, in der sie ihr Nest hatte, und flüstere ihr zum Abschied zu: „Du warst tapfer. Du hast dein Leben riskiert, um das deiner Jungen zu retten, egal, was kommen möge. So will ich auch sein. Ich werde mich um sie kümmern, versprochen.“

Und das habe ich getan. Gwaew und Alagos sind zu wunderbaren Vögeln herangewachsen. Ich benannte sie nach dem Unwetter, das ihre Mutter tötete und sie zu mir brachte: Gwaew, Wind, und Alagos, Sturm. Sie sind treue Freunde geworden, die mich oft aufmuntern, wenn die Trauer mich mal wieder zu überwältigen droht. Zusammen mit Celebdair natürlich, die jetzt plötzlich stehen bleibt. Ich lausche. Ich höre Stimmen, laute, männliche Stimmen. Mein Magen verkrampft sich vor Angst. Was mache ich hier? Ich bin doch vollkommen wahnsinnig! Doch dann kämpfe ich die Furcht nieder. Ich will sie nur beobachten, sie werden mich nicht mal sehen. Ich hebe die Hände zu meinem Nacken und streife mir die Kapuze über. Sie bedeckt mein Gesicht vollständig, es verschwindet im Schatten. Langsam, ganz langsam treibe ich Celebdair näher an die Stimmen heran, bis ich noch ungefähr ein dutzend Meter entfernt bin, unmöglich zu entdecken, ich sehe sie auch noch nicht. Aber ich höre sie, und zwar deutlich.

„Vollkommener Unsinn.“
„Allerdings.“
„Was soll das überhaupt?“
„Was fragst du mich das? Thorin hat zugestimmt, nicht ich!“
„Gandalf hat gesagt, wir müssten hierher.“
„Aber warum! Es ist ein riesiger Umweg!“
„Keine Ahnung, aber ich bin froh, wenn wir wieder weg sind.“
„Du sagst es. Ich fühle mich irgendwie beobachtet.“

Vielleicht, weil sie gleich beobachtet sein werden... Gwaew und Alagos flattern von meinen Schultern in die Bäume. Ich rutsche leise von Celebdairs Rücken, streiche ihr über den Hals und klettere den Stamm einer knorrigen Linde empor. In den untersten Ästen halte ich an, dann balanciere ich auf einem Ast weiter in Richtung den nächsten Baumes. Als der Ast anfängt, sich zu biegen, schaukele ich kurz in den Knien, dann springe ich, fliege durch die Luft und lande elegant und lautlos wie eine Raubkatze mit den Zehenspitzen auf einem Ast. Von dort aus klettere am Stamm vorbei, springe erneut, klammere mich an den Stamm einer großen Birke und spähe durch die Blätter, sorgsam darauf achtend, dass mein Gesicht im Schatten der Kapuze bleibt. Und da sind sie, die Zwerge.
Sie befinden sich auf einer kleinen Lichtung, sitzen auf Ponies, von denen das größte Celebdair gerade mal bis zur Schulter reichen würde, und starren in den Wald. Ich zähle, doch bei sieben stocke ich. Was ist denn das? Da ist ja ein Hobbit bei ihnen! Tatsächlich, ein Hobbit in einem roten Mantel sitzt auf seinem Pony und scheint sich nicht sonderlich wohl in seiner Haut zu fühlen. Obwohl, das scheinen sie alle nicht. Was macht denn bitte ein Hobbit bei den Zwergen? Dieses harmonieverliebte Völkchen würde doch niemals mit ihnen zurecht kommen. Ich zähle weiter. Dreizehn Zwerge, ein Hobbit und... „Gandalf!“ ruft eine ziemlich wütend klingende Stimme. Sie gehört zu einem äußerst grimmig und königlich aussehenden Zwerg mit langem schwarzem Haar, der an der Spitze der Truppe sitzt. Sein langer blauer Mantel ist mit Pelz besetzt und er trägt einen reich verzierten Gürtel, auf den ich aber nur einen verschwommenen Blick erhaschen kann, weil sich sein Träger nach vorn beugt, wo ein alter Mann in einem langen grauen Mantel mit grauem Bart auf einem Pferd sitzt (Na gut, dieses Pferd ist so groß wie Celebdair). Gandalf! Mein Herz macht einen freudigen Satz, obwohl ich immer noch sauer auf ihn bin. Der graue Zauberer schaut mit prüfendem Blick in den Wald. Der königliche Zwerg spricht zornig auf ihn ein. Ich spitze die Ohren und lausche ihrem Gespräch.
„Kannst du mir jetzt bitte verraten, was wir hier machen?“ zischt der Zwerg Gandalf an. Der antwortet mit ruhiger Stimme.
„Wir warten.“
„Worauf?“
„Auf diejenige, nach der ich geschickt habe.“
Auf mich also. Na, da kann er lange warten.
Diejenige? Es ist eine Frau?“
Gandalf nickt, und der Zwerg schnaubt abfällig.
„Wir brauchen keine Weiber in dieser Gemeinschaft! Der Hobbit ist schon schlimm genug!“
Also wirklich, Hobbits nerven doch nicht. Gandalf bleibt weiterhin gelassen. „Ich kenne sie und wir brauchen sie.“
Was?
Der Zwerg knurrt wütend.
„Und du hast sie gerufen, als du mit diesem Falken gesprochen hast?“
„Ja.“
Der Zwerg stöhnt genervt, dann richtet er sich auf und starrt finster geradeaus. Ich mache es mir auf meinem Ast gemütlich und schaue mir die anderen näher an. Das ist interessant - sie sehen alle unterschiedlich aus und ähneln sich doch. Fast alle haben lange Haare und Bärte mit Zöpfen, tragen Metallschmuck und Schwerter oder Äxte auf dem Rücken, bis auf einen. Ich lehne mich lautlos vor und konzentriere mich auf den besagten Zwerg. Er sieht jung aus, hat lange dunkle Haare ohne Zöpfe, nur ein paar Strähnen sind nach hinten gebunden, und er trägt anders als seine Gefährten keinen langen, sondern einen Dreitagebart. Seine Augen sind dunkelbraun und auf seinen Rücken ist ein Bogen geschnallt. Ich habe noch nie gehört, dass Zwerge mit Bögen kämpfen, und frage mich unwillkürlich, ob er besser schießt als ich. Wie alt er wohl ist...? Ein weise aussehender Zwerg mit weißem Bart unterbricht meine Gedankengänge. „Gandalf? Warum sagst du uns nicht, worauf wir warten?“ Bevor Gandalf antworten kann, übernimmt der Königszwerg das Wort. Er klingt wütend und resigniert zugleich. „Wir warten auf eine Frau, von der Gandalf meint, wir würden sie brauchen.“
Was? Die sagen es schon wieder! Was meinen sie bitteschön mit brauchen? Mich?
Sofort fangen die Zwerge an, durcheinander zu reden.
„Was?“
„Eine Frau?“
„Was sollen wir denn mit einer Frau auf der Reise anfangen? Sie ist schon schwer genug!“
Reise?
„Wer ist diese Frau überhaupt?“
„Ist sie hübsch?“ Diese Frage stellt der junge dunkelhaarige Zwerg mit dem Bogen und sie erwischt mich ziemlich kalt, obwohl sie gar nicht an mich gerichtet war. Hübsch... ja, das bin ich. Immer noch, obwohl ich mir in den letzten sechs Jahren immer verzweifelter wünschte, es nicht zu sein, es nie gewesen zu sein. Ich bin nicht nur hübsch, ich bin schön, schöner als die meisten Elben, die je in Mittelerde wandelten. Nur Luthien Tinuviel, die schönste Sternentochter, und Arwen Undomiel, ihr Ebenbild, übertreffen mich. Und das ist mein Fluch. Diese Schönheit, die mich selbst blendete und verdarb. Die mich zu einem Wesen machte, so hässlich im inneren wie im äußeren schön. Die zu meinem Fluch wurde, meinem Verhängnis. Ambar en írima, Verhängnis der Schönheit. Ich schließe die Augen und kauere mich auf meinem Ast zusammen, als ein quälender Schmerz mein innerstes erfasst und sich brennend über den ganzen Körper ausbreitet. Ich vergrabe den Kopf in den Armen und unterdrücke ein Wimmern. Sie dürfen mich nicht entdecken! Dann höre ich Gandalfs Stimme. „Das klingt wie eine harmlose Frage, Kíli, aber tatsächlich ist es die, die ihr Schicksal am meisten betrifft.“ er holt tief Luft und will gerade weitersprechen, da raschelt es hinter ihm im Gebüsch. Er dreht sich um und keucht erstaunt. Ich hebe den Kopf von den Armen und erblicke Celebdair, die zwischen den Bäumen hervortritt. Anscheinend ist sie losmarschiert, um mich zu suchen. Oder sie wollte Gandalf begrüßen, er bringt ihr immer ein winziges Stück Zucker mit... und tatsächlich geht meine graue Stute sofort zu Gandalf, stupst ihn leicht an und versucht, mit der Nase in seine Tasche zu gelangen. Der lacht, steckt die Hand hinein und fördert ein Zuckerstückchen zutage, das von meiner Pferdefreundin sofort genüsslich verspeist wird. „Von wem ist dieses Pferd?“ Die Stimme des Königszwerges klingt noch misstrauischer als vorher. „Gehört sie deiner mysteriösen Hilfsdame?“ Gandalf nickt und streicht Celebdair über die Stirn. „Das ist Celebdair.“ Er beugt sich zu der Stute. „Wo ist deine Herrin, Cale?“ Jetzt ist es genug. Hat er etwa immer noch nicht zwei und zwei zusammengezählt und begriffen, dass ich in der Nähe bin? Wahrscheinlich dachte er, ich würde eh nicht kommen. Was ich ja auch durchaus nicht vorgehabt hatte. Aber warum wartet er dann hier? Wie auch immer, es ist mir jetzt egal. Meine Kapuze sitzt fest und verbirgt mein verfluchtes Gesicht in tiefer Dunkelheit. Ich schiebe die Blätter beiseite und springe geräuschlos auf einen tiefer gelegenen Ast, der immer noch hoch über dem Erdboden, aber nicht mehr von Zweigen bedeckt ist.
„Hier.“
Meine Stimme ist leise, aber deutlich, und auf der ganzen Lichtung vernehmbar, eine Fähigkeit, die ich in meiner alten Heimat erwarb, wenn ich zum Volk sprach. Die Zwerge wirbeln herum, ihre Hände schießen zu ihren Waffen. Kíli, der junge Zwerg, hat einen Pfeil an die Sehne gelegt und zielt genau auf den Raum unter der Kapuze, wo sich mein verstecktes Gesicht befindet. Ich sehe, wie er sich anspannt, wie er instinktiv die Pfeilspitze genau zwischen meine Augen richtet. Er ist ein guter Schütze, das sehe ich ihm an seiner Haltung an. Für einen Moment ist es ganz still, dann bricht Gandalf das Schweigen. „Minuial...“ mit einem scharfen Zischen bringe ich ihn zum Schweigen. Sie müssen meinen Namen nicht wissen. Aber jetzt ist es zu spät. „Gandalf seufzt, dann spricht er weiter: „Schön, dich mal wieder zu sehen. Du bist nicht sonderlich gewachsen in der letzten Zeit...“ Nicht sonderlich? Ich bin gar nicht gewachsen. Nicht das allerkleinste Stück! Ich schweige. Gandalf seufzt noch einmal, dann sagt er: „Ich freue mich, dich zu sehen.“ Jetzt spreche auch ich wieder: „Ich wäre ebenfalls erfreut, dich zu sehen, Gandalf...“ meine Stimme wechselt von kühl zu eiskalt, „ ...aber dann habe ich erfahren, dass du Besuch mitgebracht hast. Du musst also verstehen, dass ich mich nicht ganz so sehr über deinen Anblick freuen kann, wie ich es sonst tue.“
Einen Moment ist es still, dann meldet sich eine zaghafte Stimme zu Wort. „Warum? Mögt ihr keinen Besuch?“ meine Augen huschen zu dem Sprecher herum. Es ist der Hobbit. Er sieht ziemlich eingeschüchtert aus... kein Wunder, wie ich so mit den Waffen auf dem Rücken und einem dunklen Kapuzenloch anstelle eines Gesichts wie ein Nachtdämon auf dem Ast kauere, angespannt wie eine Kobra, mache ich wohl keinen vertrauenerweckenden Eindruck. Ich schüttele langsam den Kopf. „Eigentlich schätze ich Besuch, doch ich kann ihn nie richtig genießen“ murmele ich leise. „Wieso?“ das ist Kíli, der Bogenschütze. Er hat die Waffe nicht einen Zoll sinken lassen. Ich mustere ihn ein paar Sekunden, dann sage ich mit höflicher Stimme: „Ich könnte eure Frage beantworten, doch vorher möchte ich euch bitten, den Pfeil aus meinem Gesicht zu nehmen“ Kílis Augenbrauen verengen sich, dann lässt er langsam den Bogen sinken, bis die Pfeilspitze auf den Boden gerichtet ist. Ich atme innerlich auf. So gelassen und selbstbewusst ich auch erscheinen mag, es ist äußerst unangenehm, einen Pfeil auf sich gerichtet zu sehen. „Ich kann Besuch aus dem Grund nicht genießen, da ich ihn niemals richtig anschauen kann.“ sage ich leise. Kíli legt den Kopf schräg. „Ihr müsstet doch nur die Kapuze abnehmen.“ innerlich lache ich bitter auf. Ja, und dann hätte ich, wie schon erwähnt, einen Riesenhaufen wahnsinniger Zwerge am Hals. Und einen wahnsinnigen Hobbit. Und einen wütenden Gandalf. „Tut mir sehr leid, mein Herr Zwerg, aber das geht nicht!“ sage ich in höflich-spöttischem Tonfall. „Und warum nicht?“ Das hat jemand anderes gesagt. Ich drehe den Kopf. Ein ziemlich stark aussehender Zwerg mit Halbglatze und Muskelpaketen. Stahl an den Händen. Wildes Gesicht. Insgesamt ein Typ, mit dem ich mich nicht sonderlich gerne anlegen würde. „Es geht nicht!“ wiederhole ich trotzdem in etwas schärferem Tonfall. Soll doch Gandalf erklären. Er hat mir das ganze schließlich eingebrockt. Aber ich hätte ja nicht kommen müssen... oh, Klappe, Gewissen! Das ist so etwas schreckliches! Nach sechs Jahren Seelenklempnerei schaffe ich es immer noch nicht. Aber Gandalf sollte wirklich erklären. Er kann das besser. Ich schaue zu ihm. Er erwidert meinen Blick und macht den Mund auf, sagt jedoch etwas anderes als erwartet: „Minuial, könnte ich kurz mit dir sprechen? Unter vier Augen?“ ich knurre. „Wenn du dich entschuldigen willst, schon.“ Ich gleite vom Ast und lande lautlos auf dem Boden. Sofort laufe ich los, schlängele mich so schnell wie möglich zwischen den Ponies hindurch, damit kein Zwerg die Idee oder Gelegenheit bekommt, mir die Kapuze vom Kopf zu ziehen. Erleichtert schiebe ich mich zwischen Gandalfs Pferd und Celebdair, die liebevoll an meinem Kapuzenrand knabbert. „Lass das!“ murmele ich leise und schiebe ihre Schnauze zur Seite, dann schaue ich zu Gandalf auf. „Kommst du?“ Der graue Zauberer nickt, gleitet vom Pferd und wendet sich an die Zwerge. „Wartet hier. Wir sind gleich zurück.“

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