Springe zu den Kommentaren

Wie Tiny die Welt sah - Geißels Rache

star goldstar goldstar goldstar goldstar greyFemaleMale
3 Kapitel - 4.318 Wörter - Erstellt von: Freerunner - Aktualisiert am: 2015-10-19 - Entwickelt am: - 1.218 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Eines Nachts wird ein Junges geboren, auf dessen Schultern eine blutige Verheißung liegt. Der kleine und schwächliche Tiny wird schnell zum Gespött seiner beiden Geschwister und auch seine Mutter verteidigt ihn nur Halbherzig. Und dann ist da noch Sammy, sein scheinbar Perfekter Halbbruder...

    1
    (pic painted by Selina Sakura) ((unli))Auflistung der Katzen:((eunli)) (Die Namen können sich im Laufe der Geschichte Verändern, genauso wie einige
    (pic painted by Selina Sakura)

    Auflistung der Katzen: (Die Namen können sich im Laufe der Geschichte Verändern, genauso wie einige Katzen erst später geboren werden)

    Quince: graue Kätzin mit großen, runden Beinsternfarbenden Augen
    Jake: dicker, oranger Kater mit hellgrünen Augen, einer Kerbe im Ohr und seidigem Fell
    Tiny: kleiner, schwarzer Kater mit einer weißen Pfote, blaue Augen
    Ruby: graue Kätzin mit weißen Pfoten und einem schwarzen Fleck auf der Nase, blaue Augen
    Socks: schwarzer Kater mit weißem Maul, einer weißen Pfote und weißer Schwanzspitze, grüne Augen
    Muskat: braun-weiß gescheckte Kätzin mit grünen Augen
    Sammy: hübscher roter Kater mit grünen Augen
    Prinzessin: hellbraun getigerte Kätzin mit auffällig weißer Brust und weißen Pfoten
    Wulle: pummeliger, schwarz-weißer Kater
    Benni: weißer Kater mit braunen Augen
    Wolke: langhaariger, weißer Kater
    Knochen: massiger, schwarz-weißer Kater
    Lilly: hellbraune Kätzin mit weißer Brust, hellgrüne Augen
    Casper: langhaariger brauner Kater mit weißen Flecken
    Frida: langhaarige weiße Kätzin mit einer braunen Pfote
    Mary: rot-weiß getigerte Kätzin mit dunkelgrünen Augen

    2
    „Hey Kurzer!“ Ich schlage missmutig die Augen auf und sehe zu meiner Schwester Ruby hinüber, die unsicher auf dem Rand des Korbes balanciert. „Du solltest nicht so lange schlafen. Da verpasst du doch alles.“ Sie wirft sich zurück auf das herrlich weiche, violette Kissen und versinkt mit ihren kurzen Beinchen bis zum Bauch. „Aber vielleicht brauchst du auch so viel Schlaf, so klein wie du bist.“ Sie lacht und springt auf den Rücken unserer Mutter. Quince lächelt und rollt sich auf den Rücken. Ruby kreischt und rennt so schnell sie kann davon, um nicht unter ihr begraben zu werden. Ich beschließe sie zu ignorieren und strecke mich ausgiebig, bevor ich über den Korbrand hinweg auf den kühlen Marmorboden springe. Sofort durchfährt mich das gewohnte Schaudern. Ich bemühe mich, auf dem glatten Boden nicht auszurutschen, während ich zielstrebig in die Küche schleiche. Der Futternapf aus silbrigen Aluminium ist – leer. „Mama, Ruby und Socks haben wieder nichts für mich übrig gelassen!“ brülle ich, nur um die üblichen Antworten zu erhalten. „Sei nicht so laut, Tiny. Du weißt, dass unser Zweibeiner das nicht mag.“ „Genau. Wir sind stärker, also brauchen wir auch mehr Futter.“ jault Socks und schlendert mit verächtlicher Miene an mir vorbei. Eines Tages mach ich dich fertig. Ich verschwende keinen Kommentar an ihn und setze stattdessen zum Sprung an. Der Stuhl ist noch zu hoch für mich, ich muss meine Krallen in die Sitzfläche rammen, um mich halten zu können. Ich sammle meine wenige Kraft in den Vorderbeinen und ziehe mich vollständig hoch. Ha, das hätte Socks nicht geschafft. Der wäre nur wieder auf seinem fetten Hintern gelandet. Ich fixiere die Tischkante schräg über mir. So schwer kann das nicht sein, auf den Stuhl hab ich es schließlich auch geschafft. Ich warte, bis ich jeden Muskel in meinem Körper spüre, dann springe ich. Das Holz ist hart und gewachst, meine Krallen gleiten ab. Da, die Tischdecke. Ich strecke mich, soweit ich kann, während ich merke, wie ich immer mehr abrutsche. Nicht Aufgeben, jetzt nur nicht den Halt verlieren. Nur noch ein kleines Stück, dann … Geschafft! Meine Krallen verheddern sich in den weißen Maschen, ich versuche mich hochzuziehen. Der Stoff spannt sich bedenklich und auch die Blumenvase beginnt zu schwanken. Mit äußerster Anstrengung schaffe ich es, mein linkes Hinterbein auf den Tisch zu hieven. Jetzt ist es alles Kinderleicht. Schnell habe ich das rechte nachgezogen und stehe keuchend aber glücklich neben der ausgeleierten Decke. Instabil, das Ding. Bei manchen Sachen frage ich mich echt, was Zweibeiner damit bezwecken wollen. Die abgerissenen Blumen zum Beispiel. Ich habe nie gesehen, dass sie die fressen, obwohl sie sämtliches Grünzeug in sich hinein schlingen. Tot stehen die Blümchen in der Vase und duften noch schwach, aber bald werden sie verdorrt sein. Dann holt das Zweibeinerweibchen neue. Warum auch immer. Ich erinnere mich an meinen eigentlichen Plan und sehe mich um. Die Teller vom ersten gemeinsamen Fressen wurden schon abgeräumt, aber manchmal bleiben Krümel oder sogar ein paar Fetzen Fleisch liegen. Heute habe ich kein Glück. Alles ist blitzend sauber. „Was machst du da oben, Tiny?“ Quince Stimme klingt schrill und nervtötend, wie immer. Wie immer, wenn sie mit MIR spricht. „Wenn ich kein Futter bekomme, muss ich mir eben selbst welches Suchen.“ rufe ich im genervten Tonfall zurück und hoffe, dass sie Ruhe gibt. Fehlanzeige. „Komm da sofort runter. Wenn die Zweibeiner dich erwischen, dann kannst du was erleben.“ „Na und? Das ist doch nicht euer Problem.“ Ich setze mich in die Mitte des Tisches, damit ich sie nicht mehr sehen muss. „Kurzer, du kommst da jetzt sofort runter!“ Sie weiß genau, dass ich es hasse so genannt zu werden. Ich reagiere nicht, sondern sehe auf die breite Arbeitsfläche hinüber. Wenn dort etwas zu finden wäre, müsste ich nur über eine kleine Lücke springen, aber auch dort ist alles blank. Das ist ungewöhnlich. „Hörst du mir überhaupt zu? Ich sagte, du sollst runter kommen!“ Blablabla. Von hier aus kann ich perfekt aus dem Fenster gucken. Vielleicht schaffe ich es aufs Fensterbrett. Der Abstand ist groß, aber auf den Tisch habe ich es auch geschafft. Ohne weiter darüber nachzudenken nehme ich Anlauf und springe. Ich lande unsicher und die Pfoten rutschen unter mir weg, sodass ich mit einem dumpfen Wumms gegen die Fensterscheibe stoße. Das sah bestimmt zum totlachen aus. Aber ich habe es geschafft. Ruby wäre sicher nicht mutig genug gewesen. „Was hast du denn jetzt gemacht? Du hättest dir den Hals brechen können!“ Ich sehe nach draußen und lasse sie reden. So viel Erfolg wie heute hatte ich noch nie. Hatte ich überhaupt je Erfolg? Ich kann unseren eigenen und den Garten von Muskat sehen. Ihre Jungen spielen gerade draußen. Quince hasst Muskat. Der Grund ist mein Vater Jake, der sich wohl nicht zwischen den beiden entscheiden konnte. Obwohl er Muskat mit meiner Mutter betrogen hat und nicht anders herum, bildet Quince sich ein, es wäre Muskat gewesen, die ihn ihr ausgespannt hätte. Seit dem herrscht Kriegsstimmung zwischen den beiden. Und mein werter Vater? Der kommt nur alle paar Tage und sieht nach seinen Prachtjungen. Und das sind nicht etwa wir, sondern meine beiden Halbgeschwister. Ich sehe dem kleinen roten Kater, der einem Blatt hinterherjagt spöttisch zu. Sammy heißt er. Und er ist größer als ich. Sogar seine Schwester Prinzessin ist größer als ich. Muskat macht einen auf heile Welt und wenn Jake da ist auf glückliche Familie. Einmal hat sie Quince sogar ernsthaft gefragt, ob wir nicht vielleicht Lust hätten, einmal zu Besuch rüber zu kommen. Ich glaube meine Mutter hatte mehr Lust ihr das Fell vom Körper zu ziehen. Ich beobachte die beiden weiter. Sammy hat das Blatt gefangen und bearbeitet es mit den Zähnen, während Prinzessin lachend um ihn herumtollt. Muskat beobachtet die beiden mit mütterlich liebevollen Blick. Jetzt fehlt nur noch – ach, da ist er ja. Jake watschelt um die Ecke, sein Bauch schwabbelt bei jeder Bewegung. Ich verziehe das Gesicht. Hoffentlich werde ich nie wie er. Er lacht seinen beiden zu und trampelt über den Rasen zu seiner Liebsten hinüber.
    Wildes Zweibeinergeschrei reißt mich aus meinen Beobachtungen. „Huaaaaaaaaaa, bldhwiahadohw hdhe eaoje, Tiny!“ (So hört sich die Menschensprache für ihn an. Er versteht nur seinen Namen und ein paar Befehle) Eine fleischige Pranke packt mich. Es ist das Weibchen. Sie drückt mich an ihren beißend riechenden Körper und wackelt mit riesigen Schritten durch das Haus, bis mir übel wird. Dann setzt sie sich in den Weißen Ledersessel und fährt mir mit ihren Klauen immer wieder durchs Fell. Das macht sie gerne, wieder eine Sache die ich nicht verstehe. Was haben sie davon, uns so zu quälen? Obwohl, Quince gefällt es. Und Socks auch. Ruby und ich scheinen die einzigen Vernünftigen zu sein. Hey, das ist unsere erste Gemeinsamkeit. Ich zappele herum, bis es mir gelingt, mich aus ihren Armen zu winden. Ich kralle mich in das weiche Leder der Rückenlehne und starre auf den weißen Boden unter mir. Das ist viel zu weit weg. Ich traue mich nicht. „Hey Kurzer, hast du Angst?“ brüllt Ruby. Ich hasse sie.Ich wirble herum und springe. Der Boden rast unglaublich schnell auf mich zu. Ich strecke meine viel zu kurzen Beine von mir, so weit ich kann, trotzdem lande ich eher krachend, als federnd. Mein Kinn schlägt hart auf den Fliesen auf und sowohl Schmerz, als auch die gewohnte Kälte durchzucken mich. Ich schiebe meinen Unterkiefer probeweise hin und her. Es funktioniert glücklicherweise noch alles. Ich verdecke den Schmerz mit Triumph und werfe Ruby einen vernichtenden Blick zu. Das soll sie mir erst mal nachmachen.

    3
    Ich sitze hinter einem kleinen Schränkchen, eng an die Wand gepresst. Es wird Zeit, dass ich dieses Nest endlich verlasse. Gegen der Willen von Quince und gegen den Willen unserer Zweibeiner. Ich habe Ruby oft dabei beobachtet, wenn sie es versucht, aber sie ist dumm und hat es nie geschafft. Sie rennt jedes Mal frontal auf die Öffnung zu, sobald sie die Zweibeinerjungen hört, da ist es klar, dass sie erwischt wird. Ich möchte mich klüger verhalten. Niemand wird mich bemerken, wenn ich nach draußen husche, es muss nur schnell genug gehen. Das Ticken der schwarzen Scheibe an der Wand klingt viel zu laut in meinen Ohren. Quince sagt, sie zeigt den Zweibeinern den Stand der Sonne, was wieder mal beweist, wie merkwürdig die sind. Sie müssten ja nur aus dem Fenster schauen, um die Sonne zu sehen. Meine Muskeln verkrampfen sich langsam. Ich hätte mir wirklich keine unangenehmere Position suchen können. Doch dann fühle ich sie endlich kommen, ihre Schritte werden mir durch die Vibrationen im Boden angekündigt. Als ich sie schnattern hören kann, lasse ich mich vollständig auf die Fliesen sinken. Jetzt ist vollste Konzentration gefordert. Da, die Türklinke bewegt sich. Als eines der Jungen die Pforte aufreißt, schwingt das massive Holz nur ganz knapp an meiner Nase vorbei. Jetzt nicht zurück weichen, dass könnte dich verraten Für einen Moment blendet mich das Sonnenlicht, doch mein Körper reagiert wie von selbst. Bevor ich auch nur Jetzt! denken kann, bin ich schon los gesprungen. Mit einem gewaltigen Rumms schlägt die Tür hinter mir zu. Ich kann es kaum fassen, doch es ist wahr. Das Gras unter meinen Pfoten fühlt sich herrlich an, herzzerreißend weich und warm. Ich habe es geschafft! Und niemand hat mich gesehen. Als mein erstes Hochgefühl langsam abgeflaut ist, sehe ich mich genau um. Der Baum sieht von hier aus sehr viel größer aus, als von drinnen. Ich muss meinen Kopf in den Nacken legen, um die Blätter zu erkennen, hinter denen sich der Himmel strahlend blau abzeichnet. Mein Blick wandert bedächtig den Stamm hinunter, jedes Detail sauge ich in mich ein. Die Rinde pellt sich an manchen Stellen und setzt ein duftendes Harz frei, das golden die Sonnenstrahlen reflektiert. Lange verweile ich auf den kräftigen Wurzeln, die direkt vor mir in das Reich der Erde abtauchen, um dem Baum das Wasser zu spenden, dass er zum Leben braucht. Noch nie habe ich etwas eindrucksvolleres gesehen. Ein Käfer landet auf einem Grashalm und krallt sich geschickt an ihm fest. Er sieht viel zu schwer aus, doch der Halm hält seinem Gewicht tapfer stand und neigt sich nur ein bisschen. „Hallo, du musst eines von Quince Jungen sein. Socks, richtig?“ Ich zucke so sehr zusammen, dass der Käfer erschrocken seine Flügel ausbreitet und davon fliegt. Es ist Muskat, die auf dem Zaun sitzt, der unsere Gärten trennt und freundlich von oben auf mich herab lächelt. Ich finde, es sieht etwas gezwungen aus. „Ich bin Tiny.“ sage ich so leise, dass ich es noch einmal wiederholen muss, ehe sie mich versteht. „Oh, ach so. Ich bin Muskat. Komm doch rüber, du solltest deine … Halbgeschwister kennenlernen.“ Sie betont das Halb- unbewusst bitter. Kein Wunder. In ihren Augen bin ich wohl ein Fehler, der nicht hätte passieren dürfen. Aber es ist trotzdem nett von ihr, dass sie versucht mich anzuerkennen. Das rechne ich ihr hoch an. „Ich komme, aber nicht für lange.“ Ich möchte die Einladung, die ihr wahrscheinlich ohnehin schon schwer gefallen ist, nicht gleich ablehnen. Allerdings stehe ich schon drei Schritte später vor einem bescheidenen Problemchen … Der Zaun ist zu hoch. Ich bin einfach noch zu klein, um hinauf zu kommen. Was, wenn ich es nie schaffe? Der Gedanke wirft mich aus der Bahn. Was, wenn ich gar nicht mehr wachse? Da landet Muskat neben mir und macht meinen düsteren Gedanken ein Ende. Bevor ich protestieren kann, hat sie mich im Nackenfell gepackt und springt so leicht auf die obere Zaunlatte, dass mir ganz schwindlig wird. Ich erhasche einen kurzen Blick auf mein Fester und für einen Herzschlag erkenne ich Ruby hinter dem Glas. Ihre Miene ist so dämlich, dass mir tatsächlich ein kleines, belustigtes Schnauben entfährt. „Ischt etwasch?“ nuschelt Muskat mit vollen Mund. Sie ist federnd in ihrem Garten gelandet und setzt mich vorsichtig ab. „Nein, alles in Ordnung.“ Mit großen Augen sehe ich mich um. Es gibt Blumen hier, rote Rosen und weiße, blaue und gelbe Stiefmütterchen und auf der Rasenfläche wächst wilder Löwenzahn. Fast kommt es mir so vor, als wäre die Luft ganz anders hier, viel süßer und ein bisschen aufdringlich. „Hey, du da! Wie heißt du?“ Prinzessin sprintet auf mich zu, nur um kurz vor mir abzubremsen und mich schüchtern zu mustern. Ihr Bruder tritt an ihre Seite und lächelt mich freundlich an. „Tiny.“ antworte ich knapp und mustere Sammy argwöhnisch. Er sieht tatsächlich ziemlich gut aus, mit seinem dichten, feuerrotem Pelz und den strahlend grünen Augen. Die Muskeln zeichnen sich schon jetzt unter seinem Fell ab und natürlich ist er viel größer als ich. „Freut mich wirklich dich kennenlernen, Tiny. Ich bin Sammy und das ist meine Schwester Prinzessin. Möchtest du etwas spielen? Fangen? Oder vielleicht Ball?“ Er strahlt mich so intensiv an, dass es mich förmlich blendet. Mir wird ein kleines bisschen übel. „Ich bin nicht so gut im spielen.“ erkläre ich. Meine Stimme klingt viel schärfer, als ich beabsichtigt hatte, aber irgendwie gefällt mir das. Es bringt ein wenig kühle in diese unerträgliche Hitze. „Wie du willst. Dann zeigen wir dir die Stadt.“ Sammys Lächeln ist unverändert, als hätte er meine Abwehr gar nicht bemerkt. Auch Prinzessin sieht nicht abgeschreckt aus. „Au ja! Wir müssen dich unbedingt den anderen vorstellen. Komm mit!“ Ihre Stimme quietscht ein bisschen in den Ohren und ich frage mich unwillkürlich, ob Muskat unter Migräne leidet. Trotzdem stimme ich mit einem knappen nicken zu. Das war sowieso mein Grundvorhaben gewesen. Prinzessins Augen leuchten auf und sie sprintet los, Sammy dicht auf den Fersen. Als die beiden bemerken, dass ich ihnen nicht folge, drehen sie sich zu mir um. „Nun komm schon!“ jault Sammy. Ich springe auf und sause los, mit gesenkten Kopf und aufmerksam huschenden Augen. Ein Moment lang starren sie verwirrt, sie wissen wohl nicht, wie es ist, von seinen eigenen Geschwistern angegriffen zu werden. Als ich noch jünger war, war ich unaufmerksam genug, um mich von Ruby und Socks erwischen zu lassen. Ich kam nur mit Kratzern und Schrammen davon. Die beiden lieben den Hinterhalt. Doch inzwischen bin ich ihnen einen Schritt voraus. Ich weiß genau wie sie denken und handeln. In ihren Verstecken können sie lange hocken. Prinzessin zieht die Nase kraus, sagt aber nichts. Stattdessen wendet sie sich ab und springt durch das geöffnete Gartentor. Eigentlich müsste das nicht einmal offen sein, denn es besteht aus dunkelgrauen Metallstäben, zwischen denen selbst für eine erwachsene Katze genug Abstand ist. Dem Anstand halber folge ich ihr trotzdem auf die gleiche Weise. Sammy ist nun hinter mir und achtet darauf, dass ich nicht verloren gehe. Nacheinander flitzen wir über die breite Straße aus Kopfsteinpflaster. Zum Glück ist weit und breit kein Auto zu sehen, die Biester sind echt ohrenbetäubend laut. Über ihren Geruch fange ich am besten gar nicht erst an …
    Prinzessin führt mich die Straße hinab, vorbei an mehreren Gärten, die alle ziemlich gleich aussehen. Eine Rasenfläche, ein Blumenbeet, ein Baum. Die Nester sehen sich sogar noch ähnlicher. Alle sind blütenweiß und sie haben exakt dieselbe Form und Größe. Zweibeiner scheinen in diesem Sinne nicht sonderlich kreativ zu sein. Es ist ziemlich langweilig. Plötzlich fängt direkt neben mir ein Hund aus vollster Kehle an zu kläffen. Vor Schreck wäre ich fast aus dem Pelz gefahren, aber es stellt sich heraus, dass das Vieh nur einen halben Kopf größer als ich ist. Dafür scheint es mit einer zehnmal so lauten Stimme gesegnet zu sein. Sammy lacht gutmütig und Prinzessin lächelt scheu. „Es wäre nett, wenn ihr mich nächstes Mal vorwarnen könntet.“ brumme ich schlecht gelaunt. Sammy zuckt immer noch grinsend mit den Schultern und übernimmt diesmal die Führung, während seine Schwester hinter mir bleibt. Ein paar Schritte später bleibt er so plötzlich stehen, dass ich nur sehr knapp einen Zusammenstoß vermeiden kann. „Hier wohnt Wulle.“ Seine Augen glänzen aufgeregt, als er noch einmal laut den Namen der besagten Katze ruft. Erst eine halbe Ewigkeit später erscheint der sehnsüchtig Erwartete dann tatsächlich. Es ist ein schwarz-weißer Kater, der sich durch die Stäbe des Gartenzauns quetscht. Ich hätte nicht gedacht, dass das möglich ist, aber in mir regt sich der leise Verdacht, dass er nicht mehr für lange durch die Lücken passen wird. Schon jetzt sieht er ziemlich … mollig aus. „Hallo Wulle, sieh nur, das ist Tiny.“ Sammy deutet auf mich und lächelt strahlend. Wulle sieht nicht ganz so begeistert aus. „Ja … wirklich nett dich kennenlernen.“ Es ist ihm deutlich auszusehen, dass er nicht wirklich weiß, was er von mir halten soll. „Wir zeigen ihm gerade die Stadt.“ sagt Prinzessin, als wäre das die aufregendste Sache der Welt. Wulle lässt sich tatsächlich von ihrer Motivation anstecken und lächelt sofort viel entspannter. „Dann solltet ihr ihm unbedingt Bennis Kräuterhütte zeigen.“ Er versucht verschwörerisch zu klingen. Ich bin nicht beeindruckt. Prinzessin schon. Ihre Augen leuchten auf wie Scheinwerfer. Auch Sammy sieht begeistert aus. Ich frage mich gerade, ob er auch lächelt, wenn er von einem Monster überfahren wird, als sie plötzlich wie auf ein mir nicht erkenntliches Signal los rennen. Mir bleibt nichts anderes übrig, als ihnen zu folgen, was mir nicht besonders schwer fällt. Entweder sind sie ziemlich langsam oder ich ziemlich schnell. Ich entscheide fürs erste an letzterem Festzuhalten. Sie halten erst wieder an, als wir vor besagter Kräuterhütte stehen. Wulle sieht ziemlich fertig aus. Ich kann mir mein spöttisches Grinsen nur knapp verkneifen und wende mich schnell dem Nest zu. Es ist wirklich ziemlich beeindruckend. Der Garten ist völlig verwildert, doch in meinen Augen ist er atemberaubend schön. Es wachsen Unmengen an Wildblumen und hohen Gräsern, von der gepflegten Rasenfläche ist hier nichts mehr zu sehen. An der Hauswand, die eher grau als weiß aussieht, wuchern Kräuter empor, die einen würzig-herben Duft in die Luft legen. Ich atme tief ein, denn es fühlt sich an, als wäre mir ein Gewicht von der Lunge genommen worden. Der Zaun besteht nicht wie die anderen aus Stahl, sondern aus modrigen Holz. An manchen Stellen sitzen die Latten schief oder sie fehlen vollständig. Der Eingang des Nestes steht offen und ich erkenne verwundert, dass sogar drinnen Pflanzen wachsen. „Hier wohnen keine Zweibeiner. Unheimlich, nicht?“ Prinzessin sieht tatsächlich ängstlich aus. Sogar Sammy ist ein Stück zurück gewichen. Ich sehe nichts, das irgendwie beängstigend wirken könnte, im Gegenteil, es ist das reinste Paradies. In diesem Moment entdecke ich einen weißen Kater in der Krone eines kleinen, krummen Apfelbaums. Auch Prinzessin muss ihn gesehen haben, denn sie brüllt mir mit ihrer schrillen Stimme direkt ins Ohr. „Hallo, Benni! Hier sind wir!“ Als ob er uns nicht schon längst gesehen hätte. Angenervt gehe ich auf Abstand zu ihrer Schnauze, denn ich habe nicht vor, direkt an meinem ersten Tag draußen, taub zu werden. Der Kater springt vom Baum und sprintet auf uns zu. Er ist ein bisschen größer als Sammy und sein grinsen ist so selbstzufrieden, dass ich es ihm am liebsten mit den Krallen vom Gesicht gewischt hätte. Prinzessin jedoch scheint es zu beeindrucken. „Er wohnt hier ganz allein mit seiner Schwester Mary.“ flüstert sie andächtig und sieht respektvoll zu Benni hoch. „Benni, das ist Tiny, Tiny das ist Benni.“ stellt Sammy uns vor, sein übliches Lächeln im Gesicht. Benni lächelt nicht, sondern mustert mich nur hochmütig, aber das ist mir fast lieb. Ich weiß nicht, ob ich noch so ein zuckersüßes Dauerlächeln ertragen hätte. „Tiny? Der Name passt ja überhaupt nicht zu dir.“ Eine Kätzin tritt aus dem Schatten ihres Bruders und ich fühle wie mir die Kinnlade runter klappt. Das Blut steigt mir in den Kopf. Sie ist nicht wirklich schön, aber auch nicht hässlich. Ihr Fell ist weiß, mit roten Tigersprung und steht ihr stachelig und verschmutzt vom Körper ab. In ihrem Gesicht steht das teuflischste Grinsen, dass ich je gesehen habe und in ihren Auge brennt ein grünes Feuer. Sie sieht … lebendig aus. Aber vor allem – sie ist kleiner als ich. „Das ist Mary. Mach dir nichts draus, sie ist immer unausstehlich.“ Prinzessin schnaubt und wirft der Katze einen verächtlichen Blick zu. Mary ignoriert sie. Sie sieht immer noch mich an, wartet auf irgend etwas. Und dann spüre ich es. Es beginnt mit einem Kribbeln in meinen Pfoten, strömt durch mein Blut und lässt mein Herz schneller schlagen. Ich kann es nicht mehr kontrollieren. Ich spüre wie sich meine Mundwinkel zu einem Grinsen heben. Mein gesamter Körper steht in Flammen. Ich fühle mich, als könnte ich die ganze Welt aus den Angeln heben. Marys Blick wird noch intensiver und plötzlich steht sie neben. „Prinzessin, gib mir meine Stoffmaus wieder oder ich bringe ihn um.“ Ich spüre wie sie ihre Krallen ganz leicht in meine Kehle drückt, doch es macht mir überhaupt nichts aus. Es ist das erste Mal, dass ich mich jemanden so verbunden fühle. Ich kann ihren Herzschlag spüren, er ist genauso schnell und stark wie meiner. Prinzessin, Sammy, Wulle und Benni starren sie entsetzt an. Anscheinend trauen sie Mary wirklich einen Mord zu. Innerhalb von Sekunden ist Prinzessin den Tränen nah. „I-ist gut, ich hole sie sofort. A-aber bitte t-töte ihn nicht.“ Sie wimmert und sieht ziemlich erbärmlich aus. Sie dreht sich um und rennt davon, wahrscheinlich um die Maus zu holen, Sammy folgt ihr kommentarlos. „Na los, worauf wartet ihr noch? Verschwindet!“ faucht Mary. Ihre Stimme klingt dunkel und kratzig, nicht so schrill und hell wie Prinzessins. Es gefällt mir. Wulle fiept leise und prescht dann schnell davon. Benni schnaubt und wirft seiner Schwester einen genervten Blick zu. Er ist der einzige, der nicht aussieht, als würde er sich gleich vor Angst ins Fell machen. Trotzdem dreht er sich um und verschwindet gemächlich im Nachbargarten. Als er verschwunden ist, lässt Mary mich los und sieht mir in die Augen. Eine Weile sehen wir uns einfach nur an, die Hitze ihres Blicks lässt meine Seele glühen. „Folge mir!“ sagt sie schließlich und ist schon drei Schritte voraus, doch ich bleibe reglos stehen. „Wieso sollte ich?“ rufe ich ihr nach und bin überrascht, wie voll meine Stimme klingt. Sie dreht sich um und grinst ihr Teufels-Lächeln. „Du bist meine Geißel, vergessen?“

Kommentare (23)

autorenew

Sel (38027)
vor 576 Tagen
Hm, ich weiß nicht ob er noch weiter schreiben wird. Ist jetzt ziemlich stressig für ihn, aber vielleicht kann ich ihn überreden ^^
*Silberherz* (52341)
vor 578 Tagen
Es ist geil gezeichnet.Ich hab es seit Hl.Abend durch,obwohl ich es erst am 24. geschenkt bekommen hab;)
Drachenschuppe (87449)
vor 579 Tagen
Echt?! Voll cool. Ich muss es sofort kaufen 😊
*Silberherz* (37282)
vor 580 Tagen
Ach übrigens für alle Geißel-Fans:
"Geißels Rache" ist draußen.(Comic)Ich hab es schon durch,Quince heißt eigentlich Quitte und Socks tatsächlich Strumpf;)Der Comic ist der Hammer!
Traumblick (89246)
vor 586 Tagen
Ein Kleines logikproblem ist da...
Geißel ist viel älter als Feuerchen. Als Geißel ein junges war, war Tigerstern Schüler!
*Silberherz* (33440)
vor 587 Tagen
Wow,wie toll!Du kannst echt gut schreiben!
Honigreh (24325)
vor 593 Tagen
Schreibe bitte bitte weiter es ist toll genau so schön wie die echten WaCa

Aber Sammys Mutter heißt Nutmeg
Silver (96629)
vor 601 Tagen
Cool, schreib bitte weiter!!!!
34 (85168)
vor 640 Tagen
Ach daher hat der seinen Namen den er im Blutclan hat
Whatever (56967)
vor 649 Tagen
Thx, ich hab schon was geschrieben, hab nur nicht oft die Gelegenheit es hochzuladen.
Seelenträne (43281)
vor 649 Tagen
Bitte Schreib weiter
Rari (88706)
vor 654 Tagen
Ich mag es ^^ Mary ist irgendwie... cool!
Selina (07373)
vor 656 Tagen
Sehr gut :D Ich mag Mary :D
Selina (63250)
vor 667 Tagen
Ja, überwinde deine Faulheit und schreib weiter :D
??????????? (82523)
vor 672 Tagen
WEITER SCHREIBEN^^ BITTE
Selina (50386)
vor 674 Tagen
Hey, schreib doch auch mal was !!!!!!!!
Selina (50386)
vor 674 Tagen
Er ist ja nicht wirklich mein Bruder ^^
Rari (54450)
vor 675 Tagen
Das ist wirklich echt gut... liegt das in der Familie?
Tannenkralle (07460)
vor 675 Tagen
Echt gut mach weiter so
Selina (19738)
vor 676 Tagen
Schönes Kapitel, Großer :)