Ambar en írima - Verhängnis der Schönheit - Prolog

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3 Kapitel - 4.912 Wörter - Erstellt von: Lossiel Niquesse - Aktualisiert am: 2015-08-28 - Entwickelt am: - 1.628 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Minuial Ithilwen... eine besondere Elbin mit besonderer Vergangenheit. Wird ihre Zukunft besser sein?

1
Prolog

Der Hahn kräht. Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Ich strecke mich, räkele mich noch ein wenig in den Kissen und strecke mich noch einmal ausgiebig. Dann mache ich die Augen auf und blinzele in die hellen Sonnenstrahlen, die, durch die zartseidenen Vorhänge meines Bettes gedämpft, auf mein Gesicht fallen. Durch das offene Fenster meines Zimmers dringen Frühlingsdüfte, Vogelgezwitscher und glockenhelles Lachen herein. Ich bleibe noch einen Moment lang liegen und schaue zu der mit Blütenornamenten bemalten Decke hinauf. Dann strecke ich die Beine aus dem Bett und stehe auf. Mein langes Nachthemd flattert leicht in der sanften Frühlingsbrise, als ich zum Fenster gehe und mich hinauslehne. Sonnenschein und Wärme kommen mir entgegen. Von den Palastmauern aus erstreckt sich die Stadt ins Tal und weit in der Ferne funkelt das Wasser im Golf von Lhûn. Ich schließe die Augen und atme tief ein. Ein perfekter Tag.
Ich wende mich vom Fenster ab und trete vor den gewaltigen Spiegel neben der Tür. Ich schaue auf mein Spiegelbild und wie immer tritt dabei ein kleines Lächeln in mein Gesicht. Das ist auch kein Wunder, bei dem Anblick, der sich mir bietet: lange, schlanke Beine, jetzt gerade nicht zu sehen unter dem langen, spitzenbesetzen Nachthemd, das die geschwungene Kurve der Hüfte und die schmale Taille betont. Auch die Schultern sind schmal, aber gerade, ebenso wie die Arme, die Hände und Finger zart und fragil. Das Gesicht ist ebenso elegant mit den vollen Lippen, dem sanften Kinn, den geschwungenen Augenbrauen und der geraden Nase. Auf den Wangenknochen liegt ein zarter rosiger Hauch, der Rest der Haut ist elfenbeinfarben und schimmert geheimnisvoll. Die Augen sind leicht mandelförmig, von langen dunklen Wimpern umrahmt. Sie haben eine eindrucksvolle Farbe, ein merkwürdiges leuchtendes Violett. Ich grinse. Mein Spiegelbild ist genau, wie es sein sollte. Perfekt.
Ich nehme meine langen, dunkelbraunen Locken und hebe sie gerade probehalber an den Hinterkopf, als es an der Tür klopft. „Herein!“ sage ich, ohne den Blick vom Spiegel abzuwenden. Ich weiß eh, wer es ist: Nareena, meine Zofe. „Prinzessin?“ Ich schaue sie nicht an, als sie an mir vorbei ins Zimmer tritt, sondern lege mir nur das Haar über die Schulter, wo ich es zu einem Zopf drehe. „Was ist los, Nareena? Gab es Probleme beim Nähen der neuen Kleider?“ Ich sehe im Spiegel, wie sie den Kopf schüttelt. „Nein, sie sind fertig. Hoffentlich zu eurer Zufriedenheit.“ Ich schaue im Spiegel zu, wie sie drei Kleider auf meinem Bett ausbreitet, erst dann drehe ich mich um und trete neben sie.
Ich bin schwer zu beeindrucken, doch der Anblick der Kleider lässt mich dennoch die Augenbrauen heben. Die Schneiderinnen des Palastes müssen sich wirklich angestrengt haben, um meine Ansprüche zu erfüllen - aber das ist nur recht, schließlich bin ich die Prinzessin. Das erste Kleid ist schneeweiß, rückenfrei mit einem Nackenträger. Die Taille ist eng, wie bei jedem meiner Kleider, und der Rock von der Hüfte ab hauchzart, leicht durchscheinend und locker schwingend. Er reicht bis kurz über meine Knöchel. Stickereien, zart wie Schneekristalle, ziehen sich über das Kleid, durchsetzt mit winzigen Perlen, die im Sonnenlicht glitzern. Perfekt für warme Tage.
Das zweite Kleid ist aus tief dunkelblauem Samt, mit v-förmigem Rücken- und Halsausschnitt, die Ärmel sind enganliegend und führen am Ende mit einer Fingerschlaufe über den Handrücken. Der Rock ist ebenfalls weit und fällt in schweren Falten bis auf den Boden herab. Die Säume des Kleides sind mit Silber und kleinen Diamanten bestickt. Wenn ich das beim nächsten Ball trage, wird es keinen Mann geben, der sich nicht nach mir umdrehen wird. Ich grinse bei der Vorstellung zufrieden und wende mich dem dritten Kleid zu.
Das ist wohl das schönste.
Es ist aus violettem Samt. Der lange, fließende Rock hat die gleiche Farbe wie meine Augen. Bis zur Hälfte der Oberarme sind die Ärmel auch dunkel und enganliegend, dann werden sie jedoch weit und fallen fast bis zum Boden herab, die Farbe ändert sich zu hellem flieder. An der Nahtstelle zwischen den beiden Stoffen ist silberne Borte aufgestickt. Der Ausschnitt ist rund und so breit, dass das Kleid beinahe schulterfrei ist. Auch an diesem Saum ist die silberne Borte angebracht. Rock- und Ärmelsäume sind unverziert. Um die enge Taille liegt ein silberner Gürtel, aus Ranken geflochten und mit Blättern besetzt. Auf der Schnalle sitzt eine sternförmige Blüte mit silbernen Blättern und einem mit Diamanten, Amethysten und Perlen besetzten Kelch. Als ich mich weiter hinunterbeuge, um mit den Fingern über den wasserweichen Stoff zu fahren, sehe ich, dass das gesamte Kleid von hauchzarten Rankenstickereien bedeckt ist, die man erst auf den zweiten Blick bemerkt. Mir fehlen die Worte.
Wie gesagt, ich bin schwer zu beeindrucken, doch dieses Kleid räumt alle Zweifel, die ich an der Fingerfertigkeit unserer Schneiderinnen gehabt habe, aus. Sogar meine Überheblichkeit fällt für einen Moment von mir ab. „Es ist wunderschön!“ hauche ich und berühre die Silberborte. Nareena bewegt sich und legt etwas auf das Kleid. Als ich den Blick hebe, sehe ich, dass es sich um Schmuck handelt. Ein silbernes Diadem aus Ranken und stilisierten Blättern wie am Gürtel und einem funkelnden Amethyst in der Mitte. Dann eine Silberkette mit einem Anhänger, der ebenfalls aus Amethyst und Silber besteht und ein Paar Ohrringe passend zur Kette. Die Schuhe sind Barfußsandalen. Eine weiße Perlenschnur, zweimal um den Knöchel gewickelt und dann am zweiten Zeh befestigt. Um den vierten kommt ein Extraring aus Perlen. Ich fasse es nicht.
Nareena erlaubt sich ein klitzekleines Lächeln, denn sie weiß, wie viel es bedarf, um mich der Sprache zu berauben. „Wollt ihr es heute tragen, Herrin?“ fragt sie mich. Ich erwache aus meiner Starre. „Was ist denn das für eine Frage? Natürlich trage ich es!“ schon schlüpfe ich aus meinem Nachthemd. Nareena reicht mir die Unterwäsche, dann hilft sie mir dabei, das Kleid über den Kopf zu ziehen. Es ist leicht dehnbar, sodass ich gut hineinkomme und es bequem, aber trotzdem perfekt sitzt. Nareena legt die Ketten um meine Füße, bindet mir den Gürtel um die Taille, dann stellt sie sich hinter mich und frisiert meine Haare. Sie bürstet sie, setzt mir dann das Diadem auf und flicht meine Haare so geschickt darum, dass es nicht herunterfallen kann, aber trotzdem zu sehen ist. Die restlichen, ungeflochtenen Locken fallen mir offen über den Rücken. Meine spitzen Ohren sind zu sehen, an denen Nareena jetzt die Ohrringe befestigt. Zum Schluss legt sie mir die Kette um den Hals. Das alles tut sie mit ruhigen, geschickten, aber dennoch schnellen Handgriffen. Schließlich tritt sie einen Schritt zurück und lächelt mich an. „Bereit, Prinzessin!“ flüstert sie und ich lächele zurück. Ja, ich bin wahrlich bereit für den Tag.
Als ich in den Innenhof des Palastes trete, verstummen sämtliche Gespräche, und alle Augen folgen mir, als ich aufs Burgtor zugehe. Ich lächele in mich hinein. Eigentlich ist es nichts neues, dass ich alle Aufmerksamkeit auf mich ziehe, selbst, wenn ich ein unscheinbares Leinenkleid mit einem Minimum an Verzierungen (das natürlich trotzdem jedes ärmere Elbenmädchen vor Neid erblassen lässt) trage. Aber diesmal spüre ich, dass die Palastbewohner wirklich beeindruckt sind. Gut! So soll es sein.
Ich trete durch das Tor in den strahlenden Sonnenschein und gehe die Straße hinunter, die in die Stadt führt. Zu gefährlich für eine Prinzessin? Für eine ANDERE Prinzessin vielleicht, eine, die nicht über meine gebieterische Stimme, meine königliche Haltung und meine stechenden Augen verfügt. Vor allem meine Augenfarbe. Das unheimliche, mystische Violett bringt jeden dazu, ganz schnell den Blick abzuwenden. Überhaupt, mein gesamtes Aussehen wirkt wie eine Truppe Leibwächter. Und, mal so ganz am Rande, kein Elb würde jemals so tief sinken, sich an der Kronprinzessin zu vergreifen.
Wie ich so die Straße in Richtung Zentrum entlang schlendere, biegt vor mir ein junger Bursche um eine Ecke und wird völlig unvorbereitet mit meinem Anblick konfrontiert. Ich grinse innerlich, als sich die Augen des jungen Mannes weiten und er beinahe stolpert. Während er sich fängt und errötend weiterläuft, schenke ich ihm den Hauch eines Lächelns und bewege leicht den Kopf, wodurch ihm der Duft meiner Haare in die Nase steigt. Kaum bin ich an ihm vorbei, drehe ich mich um, um zu beobachten, wie der junge Mann die Straße hinaufgeht, bzw. taumelt. Ich wende mich wieder ab und grinse belustigt. Niemand kann diesem Duft widerstehen, das ist eine meiner Eigenschaften. Flieder, Rosen, Lilien, Jasmin... dazu ein Hauch von Honig und der typische Wohlgeruch der Elben. Unwiderstehlich wie der Rest von mir.
Den Rest des Tages verbringe ich mit ähnlichen Begegnungen. Ich tauche einfach irgendwo auf und genieße die ungeteilte Aufmerksamkeit. Jeder schaut mir nach. Einfach jeder.
Als es Abend wird, komme ich am Tempel vorbei. Mein Volk gehört zu denjenigen, die die Valar besonders ehren, deshalb wurde dieser Tempel errichtet. Dort drinnen sitzen die ältesten meines Volkes und betrachten die Sterne - nun, vielleicht nicht gerade jetzt. Sie sind nicht gerade oft unter Leuten. Meistens verlassen sie den Tempel nur einmal im Jahr, um auf Mereth-en-Gilith, dem Sternenlichtfest, das Lied zum Lobe der Valar anzustimmen. Den Rest des Jahres hocken sie im Tempel, der zwar, zugegebenermaßen, fast so groß wie der Palast, aber sicher nicht spannend genug ist, um so lange Unterhaltung zu bieten. Und wie ich so an den mächtigen Säulen empor schaue, kommt mir eine Idee.
Ich war noch nie im Tempel, das ist verboten (nur meine Eltern dürfen hinein. Dann sprechen sie mit den Ältesten über die Sterne und so was. Ich liebe die Sterne, aber diese Verehrung geht mir irgendwie auf den Geist. Ich ziehe es vor, sie von meinem Fensterbrett aus zu betrachten, an den Rahmen gelehnt. Aber ernsthaft, schöner als ich sind sie nicht). In den Tempel wollte ich schon immer mal. Meine Mutter sagt immer, ich müsste erst noch älter werden, aber es vergingen bereits Jahre, ohne dass sie darauf zurückkam. Also pfeife ich ganz einfach drauf! Ich bin die Prinzessin, ich bin die Schönste, auf mich muss Rücksicht genommen werden. Also gehe ich einfach zwischen den Flügeln des Eingangstores hindurch (es ist nie verschlossen, anscheinend glauben die Ältesten, dass niemand es wagen würde, uneingeladen den Tempel zu betreten. Tja, reingefallen). Im Inneren des Tempels herrscht Stille. Staunend schaue ich mich um. Ich stehe in einem Garten. Er ist von hohen Mauern umgeben, sodass das Licht der sterbenden Sonne nicht hineinfällt und er im Schatten liegt. Der Weg unter meinen Füßen läuft vom Tor aus in einen Wald aus Mallornbäumen und verschwindet zwischen den Stämmen. Aha, der führt bestimmt zu den Ältesten! Wo ich schon mal da bin, kann ich ihnen ja gleich guten Tag sagen. Sie freuen sich bestimmt, mich zu sehen (wer würde das nicht tun). Also wandere ich los. Schon nach den ersten paar Schritten unter den Bäumen erblicke ich einen Elben, vermutlich einer der Tempeldiener. Er starrt mich fassungslos an. Ich lächle ihm zu und gehe weiter. Der Weg ist lang, ich treffe noch mehr Tempeldiener. Und dann einen Ältesten, ich erkenne ihn an seiner langen Silberrobe mit den funkelnden Sternen auf der Brust. Als er mich erblickt, erstarrt er. Na kein Wunder, so selten, wie die draußen sind, können sie sich bestimmt nicht mehr sooo detailliert an mich erinnern. Ich lächle ihn an, doch da der Weg noch weiterführt, gehe ich an ihm vorbei. Er glotzt mir hinterher als sei ich Elbereth persönlich. Ha, der sieht mich wahrscheinlich zum ersten mal in Lebensgröße! Je weiter ich den Weg entlanggehe, desto mehr Elben erscheinen zwischen den Bäumen, Tempeldiener und Älteste. Ich schaue sie nicht mehr einzeln an, sondern nur noch geradeaus, während ich immer weiter gehe.
Plötzlich tritt ein Ältester vor mir auf den Weg. Ich erkenne ihn sofort. Es ist... also, ich nenne ihn immer „den Ältesten“. Er ist der... nun ja... der Älteste unter den Ältesten. Ja, so könnte man es ausdrücken. Der Boss. Als ich ihm ins Gesicht blicke, sehe ich die gleich Fassungslosigkeit wie bei den anderen, doch seine Augen sind anders. Silbern wie die Sterne schauen sie mich an, und ihr Blick ist kühl. Ich lasse mich jedoch nicht irre machen, sonder lächele ihn bezaubernd an. „Seid gegrüßt, Hüter der Sterne!“ sage ich mit lieblicher Stimme. Ilúvatar sei Dank, ich habe mich rechtzeitig an seinen richtigen Titel erinnert. Der Hüter (oder Älteste) sagt nichts. Nicht mal sein Blick verändert sich, was schon komisch ist. Normalerweise wird jeder weich, der diese Stimme hört. Als der Elb nach ein paar Sekunden immer noch nichts sagt, spreche ich weiter. „Ich habe mich immer gefragt, wie es im Inneren eures Tempels aussieht. Ich muss sagen, ich bin beeindruckt. Und das kommt nicht sehr häufig vor, wie ihr vielleicht wisst.“ Immer noch kein Laut. Der Hüter steht vor mir wie eine Statur. Eine Statue mit verdammt kalten Augen. Als die Statue weiterhin stumm bleibt, beschließe ich, dass es genug ist. Ich habe den Tempel gesehen, ich habe die Ältesten gesehen, ich habe mich ihnen gezeigt (wofür sie dankbar sein müssten) und mehr gibt es hier nicht. Also knickse ich leicht (nicht zu tief, ich bin immer noch die Prinzessin) und lasse noch einmal meine Augen aufleuchten (ein ziemlich toller Trick, ich habe auch ziemlich lange gebraucht, bis ich ihn drauf hatte). „Bis zum nächsten Sternenlichtfest!“ sage ich, dann drehe ich mich um und gehe den selben Weg zurück, den ich gerade gekommen bin. Doch ich habe gerade mal drei Schritte gemacht, als die Stimme des Hüters mich innehalten lässt. „Sagt mir, Minuial...“ ich drehe als er meinen Namen ausspricht. Der Hüter schaut mich immer noch an, seine Haltung ist unverändert. „ ...hast du jemals das Licht der Sterne gesehen?“ Was? Also, vom Ältesten der Ältesten, dem Hüter der Sterne, hätte ich eine etwas geistreichere Frage erwartet! Wer aus diesem sternenbesessenen Volk hat, bitte schön, noch nicht das Licht der Sterne gesehen? Ich lege den Kopf schief. „Natürlich, Herr“ antworte ich (das „Herr“ kommt mir verdammt schwer über die Lippen). „Jedes Jahr an Mereth-en-Gilith.“ Dass ich die Sterne auch so ziemlich jede Nacht von meinem Fenster aus beobachte, muss er ja nicht wissen. Der Hüter bewegt sich immer noch nicht, doch sein silberner Blick wird noch kühler. „Und was seht ihr?“ seine Stimme ist weiterhin neutral. Ähm... Sterne? Aber das sage ich nicht, denn ich finde, es ist ein guter Zeitpunkt, mal die Wahrheit auszusprechen. So sehr ich die Sterne auch liebe, diese ganze Riesenfanatik geht mir auf den Keks. Also antworte ich: „Ich sehe die Schönheit der Sterne und die Ewigkeit, die in ihren Mustern steht... aber eines muss ich sagen - sie sind nicht schöner als ich.“
Stille.
Absolute Stille.
Standpunkt geklärt.
Ich lächele, drehe mich um und gehe. Ich spüre, wie mir sämtliche Blicke folgen. Sonst genieße ich das immer, aber diesmal ist es irgendwie anders. Die Blicke, die sich in meinen Nacken brennen, scheinen nicht wohlwollend oder bewundernd zu sein, sondern eher zornig, abfällig. Das Gefühl ist schrecklich, ich gehe unwillkürlich schneller und bin schon kurz vor dem Tor, als die Stimme des Hüters erneut ertönt: „Minuial Ithilwen!“ Seine Stimme hat sich verändert, sie klingt eiskalt und schneidend. Ich wirbele herum. Der Hüter ist mir nachgekommen, er eilt über den Weg auf mich zu, dicht gefolgt von den anderen Ältesten und den Dienern. Er sieht so wütend aus, dass ich zusammenfahre. Ich will durch dass Tor rennen, doch die Flügel schlagen zu, und ich höre, wie das Schloss einschnappt. Ich bin gefangen. Eiskalte Angst breitet sich in meinem Bauch aus. Ich kämpfe sei nieder, doch als ich mich umdrehe und in die kalten Augen des Hüters schaue, kommt sie wieder hoch. Bleib ruhig, ermahne ich mich. Sie werden es nicht wagen, dir etwas zu tun. Aber die Angst lässt sich nicht überzeugen. Der Hüter kommt bis auf einen Schritt an mich heran, sodass ich zu ihm aufschauen muss. Verdammt! Warum muss ich bloß so klein sein? Tatsächlich bin ich gerade mal so groß wie ein Zwerg, und ich habe gehört, dass mich die aus der Durinslinie sogar überragen würden. Verflucht seien meine Gene! Der Hüter schaut mich mit seinen eiskalten Augen an, das Gesicht eine Maske der Wut. So habe ich ihn noch nie gesehen. „So, Prinzessin.“ Auch seine Stimme klingt ganz anders, als ich sie kenne. Die Angst in meinem Bauch wird immer größer. „Du hältst dich also für schöner als die Sterne?“ Ich kann nicht antworten, die Furcht schnürt mir die Kehle zu. Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Noch nie habe ich mich in einer so unangenehmen Situation befunden. „Du warst schon immer so!“ knurrt der Hüter mit zusammengebissenen Zähnen. „Nie war dir irgendetwas wichtiger als dein Aussehen. Nie hattest du ein Auge für die Schönheit anderer Personen, nie hieltest du sie für gleichgestellt. Selbst die Sterne sollen sich vor dir beugen!“ seine Stimme wird immer lauter. Ich will zurückweichen, doch der Hüter packt mich an der Schulter. Ich zucke zusammen, seine Hand ist wie eine Klaue aus Eis. „Ich habe das zu lange mit angesehen!“ Der Griff wird immer fester, ich winde mich vor Schmerz. Der Hüter erhebt die Stimme. „Minuial Ithilwen, ich verfluche dich! Es ist Zeit, deiner maßlosen Arroganz ein Ende zu setzen! Ich werde dir nicht deine Schönheit nehmen, ich werde sie zu deinem Fluch machen, zu deinem Verhängnis!“ Ein eiskalter Blitz fahrt durch seine Hand in meine Schulter und ich schreie auf. Eisige Flammen scheinen jeden Millimeter meines Körpers zu verbrennen, ich schreie wieder, so laut, wie ich noch nie geschrien habe. Der Hüter lässt mich los, ich breche zusammen. Durch einen verschwommenen Nebel sehe ich den Hüter, wie er verächtlich auf mich herunterblickt. Seine Stimme dringt durch den Schmerzschleier. „Von nun an wird kein Mann, ob Mensch, Elb, Zwerg, Hobbit oder Ork mehr in dein Gesicht blicken können, ohne dir zu verfallen. Und es wird keine wahre Liebe sein, nein, es wird ein Wahnsinn sein, ein unstillbares Verlangen, das keine Ruhe mehr gibt, bis es dich bekommt.“ Ich wimmere. „Erst wenn du jemanden triffst, der dich liebt, dich selbst, ohne dir ins Angesicht geblickt zu haben, also wenn dein wahres Wesen hervortritt und du dich im innersten gewandelt hast, erst dann wirst du dich wieder offen zeigen können.“ Der Hüter packt mich an den Handgelenken und reißt mich hoch. Ich höre, wie sich das Schloss hinter mir entriegelt und die Torflügel aufknallen. Der Hüter stößt mich in Richtung Ausgang. „Geh! Finde dein Glück in einer anderen Welt als dieser! Und ich rate, dir, mach es besser als hier.“ Blind stolpere ich aus dem Tor, welches hinter mir donnernd ins Schloss fällt. Ich stehe allein vor dem Tempel.
„Prinzessin?“ höre ich eine besorgte Stimme neben mir. Ich drehe den Kopf und erblicke einen Elben, der mich befangen anschaut. In dem Augenblick, als er mich ansieht, geschieht etwas. Das Gesicht des Mannes wird schlaff und ausdruckslos, seine Augen glasig. Er stiert mich einen Moment an, dann hebt er eine Hand und kommt auf mich zu. Erschrocken weiche ich zurück, doch er kommt immer näher und hebt jetzt auch die andere Hand, wie ein Schlafwandler. Ich wirbele herum und renne los, doch hinter mir werden Schritte laut, und als ich zurückblicke, sehe ich den Mann hinter mir her rennen, die Arme ausgestreckt. Seine glasigen Augen haben einen seltsam hungrigen Ausdruck an genommen. Als ich das sehe, kommt in mir eine Angst hoch, wie ich sie noch nie verspürt habe, nicht einmal gerade im Tempel. Es ist nicht nur Angst, es ist Panik, Entsetzen. Ich schreie auf, schlage die Arme über den Kopf und richte den Blick auf den Boden, während ich weiterrenne, schneller, als ich jemals gerannt bin.
„Prinzessin!“
„Wartet!“
„Prinzessin!“
Ich ignoriere die Rufe, die mir folgen, als ich durch die Stadt renne, weiterhin die Arme über den Kopf. Als ich den Hauptplatz erreiche, höre ich Schreie, doch ich schaue nicht auf, als ich zwischen den Elben hindurchjage und in die große Straße einbiege, die zum Palast hinaufführt. Das Pflaster schießt unter mir dahin, die Fugen verschwimmen durch die Geschwindigkeit und durch den Tränenschleier, der meine Augen bedeckt. Ich erreiche das Palasttor und werfe mich gegen die Flügel. „Macht auf!“ schreie ich mit tränenerstickter Stimme zu den Wachtürmen hinauf. Ich höre Rufe, dann wird das Tor von innen geöffnet, und ich taumele hinein, direkt in die Arme eines Wachsoldaten. Er fängt mich auf und fragt: „Prinzessin, was...?“, dann sieht er mich an - und sofort nimmt sein Gesicht den gleichen Ausdruck an wie das des Elben vor dem Tempel. Ich schreie auf und winde mich aus seinen Armen, dann renne ich davon. Ich höre, dass er mich verfolgt, doch ich schlüpfe durch eine Tür, knalle sie zu und schiebe den Riegel vor. Im nächsten Moment wird von der anderen Seite heftig dagegen geschlagen. Ich drehe mich um und renne weiter durch den Palast, in Richtung der Gemächer meines Vaters. Doch dann schießt mir ein Gedanke durch den Kopf, ein so furchtbarer Gedanke, dass ich stolpernd zum stehen komme.
Mein Vater.
Der Hüter hat gesagt, es würde bei allen männlichen Wesen wirken.
Mein Vater ist ein Mann.
Ich darf nicht zu ihm.
Ich darf meinen Vater nie wiedersehen.

Trauer.

Entsetzen.

Verzweiflung.

Ich sinke auf den Boden und beginne zu weinen. Heftige Schluchzer erschüttern meinen Körper, ich presse das Gesicht auf den kalten Stein und zittere vor Schmerz. Vater! Er hat mich doch immer beschützt! Und jetzt darf ich mich nicht bei ihm verstecken, um seiner selbst willen. Erst ein lauter Ruf ganz in meiner Nähe bringt mich zur Vernunft. Ich rappele mich auf und schleppe mich, immer noch weinend, in Richtung meines Zimmers, doch dann halte ich inne.
Ich muss fort von hier.
Wenn ich nicht die gesamte Stadt in Chaos und Wahnsinn stürzen will, muss ich von hier verschwinden.
Erneut steigt die Verzweiflung in mir auf, ich will mich hinlegen und darin versinken, doch ich reiße mich zusammen, wechsle die Richtung und laufe zur Waffenkammer. Kurz bevor ich dort ankomme, höre ich Schritte. Ich springe in eine Nische und drücke mich in den Schatten. Keinen Moment zu früh, denn schon rennt ein Palastdiener an mir vorbei. Ich warte, bis er verschwunden ist, dann renne ich zur Tür der Waffenkammer, öffne sie und husche hinein. Erst dort traue ich mich, aufzuschauen, um diese Uhrzeit ist niemand hier. Ich blicke mich um. Die Wände hängen voll mit Lanzen, Bögen, Armbrüsten, Schwertern und Messern, doch ich laufe durch den Raum und öffne die Tür zu einer kleinen Kammer. Dort sind die Wände voll mit Regalen voller Kleidungsstücke. Ich laufe zu dem Regal, dass die Ausrüstung für meine Brüder enthält; nirgendwo sonst gibt es meine Größe. Hastig reiße ich eine lederne Hose; ein ledernes Hemd; ein Wams; einen Gürtel; Lederstiefel; ein Mieder aus besonders hartem Leder und lederne Armschienen heraus, doch zuallererst nehme ich mir einen dunklen Mantel mit gewaltiger Kapuze und binde ihn mir um.
Den werde ich brauchen.
Die restlichen Sachen falte ich hastig zusammen und wickle den Gürtel drum, ich werde sie später anziehen. Dann laufe ich wieder in die Waffenkammer. Dort betrachte ich die Waffen und überlege fieberhaft. Meine Brüder haben mir mal ein wenig kämpfen beigebracht, sie hielten es für nötig. Am besten war ich im Umgang mit dem Doppelschwert, und auch beim Bogenschießen und Messerwerfen habe ich mich nicht allzu dumm angestellt. Ich gehe zur Wand und nehme zwei identische Schwerter aus ihren Halterungen. Sie hängen an einem Gürtel, mit dem man sie sich auf den Rücken schnallen kann. Ich ziehe eins. Es liegt gut in der Hand, also stecke ich es zurück in die Scheide und werfe mir beide über den Rücken. Ich ergreife noch zwei Dolche und einen Bogen mit dazugehörigem Köcher, dann ziehe ich mir die Kapuze tief ins Gesicht und husche aus der Kammer. Geduckt eile ich durch die Gänge, öffne eine Tür und befinde mich im Pferdestall. Hastig renne ich an den Boxen vorbei, bis ich zu meinem Pferd gelange. Celebdair, Silberschatten, eine dunkelsilberne Stute mit pechschwarzer Mähne wiehert leise, als ich in ihre Box husche, aber ich lege ihr die Hand übers Maul. „Pscht!“ flüstere ich, dann nehme ich die Trense, die neben der Tür hängt, und streife sie ihr über. Zum satteln bleibt keine Zeit, ich höre bereits Rufe in der Nähe. Hastig schnalle ich Schwerter, Bogen und Köcher auf meinem Rücken fest, die Dolche stecke ich in meinen Gürtel. Dann fasse ich Celebdair am Zügel und führe sie leise aus der Box an die hintere Wand des Stalls, wo sich eine kleine Tür befindet. Ich öffne sie, ziehe meine Stute hindurch und schließe sie wieder. Dann schwinge ich mich auf Celebdairs ungesattelten Rücken und reite einen schmalen Pfad an der Palastmauer entlang. Dieser Pfad führt geradewegs ins Gebirge, an dessen Fuß meine Stadt liegt. Celebdair läuft stetig bergan, ich ziehe mir die Kapuze ins Gesicht, und so gelangen wir unbemerkt höher und höher. Auf einem Berggrat halte ich die Stute an und schaue hinab ins Tal. Die ganze Stadt ist hell erleuchtet, ich kann erkennen, wie die Elben in den Straßen umherrennen.
Sie suchen mich.
Aber sie werden mich nicht finden.
Die Sonne ist untergegangen, die ersten Sterne erscheinen am Himmel. Ich schaue zu ihnen hinauf und spüre, wie mir eine Träne die Wange hinabläuft.

Stille.

Ganz still sitze ich da und spüre die Trauer in mir, so heftig, als würde ich einen eiskalten Granitklumpen in der Brust tragen. Celebdair wiehert, ich schaue zu ihr. Ihre klugen dunklen Augen blicken mich an, sie scheinen mich aufzufordern, mich zu bewegen. Ich streiche ihr über den Hals und wische mir die Tränen von der Wange. Dann wende ich mich ab von dem Tal, in dem ich geboren wurde und das siebzig Jahre lang meine Heimat war, und reite davon in die Dunkelheit auf der anderen Seite des Berges.

„Minuial Ithilwen“ bedeutet „Morgendämmerung Mondfrau“

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Lossiel Niquesse ( 52.54 )
Abgeschickt vor 126 Tagen
@legolas 03 Danke! Ich bin schon dabei^^
legolas 03 ( 0.242 )
Abgeschickt vor 148 Tagen
Bitte schreib weiter,die Geschichte ist mal was anderes!!;)
Lossiel Niquesse ( 2.175 )
Abgeschickt vor 481 Tagen
Hey Leute, das neue Kapitel ist online. Ihr müsst nur zu meinen Tests gehen...
LG, Lossiel
Lossiel Niquesse ( 8.251 )
Abgeschickt vor 486 Tagen
Hey, Dark Dragon, schön, dass du auch was schreibst. ich bin gerade am weiterarbeiten;-)
Das nächste Kapi müsste in den nächsten Tagen kommen.
LG, Lossiel
Dark Dragon ( 9.102 )
Abgeschickt vor 490 Tagen
Nah, lass dir Zeit, bis du wieder gesund bist (:
Dark Dragon ( 9.102 )
Abgeschickt vor 490 Tagen
Omg, bitte schreib weiter...
Lossiel Niquesse ( 2.156 )
Abgeschickt vor 492 Tagen
Muss mal gucken, ich bin gerade leider krank. Aber ich werde trotzdem schreiben!
Elentari ( 60.47 )
Abgeschickt vor 495 Tagen
Wann kommt das nächste Kapitel ???
Filuna ( 3.204 )
Abgeschickt vor 504 Tagen
Kann es sein, dass es einfach die falschen Zahlen sind?
Lossiel Niquesse ( 9.174 )
Abgeschickt vor 504 Tagen
Super, viel Glück...
Irgendwie muss es gehen!
Filuna ( 3.204 )
Abgeschickt vor 504 Tagen
Ich versuch's mal.
Lossiel Niquesse ( 9.174 )
Abgeschickt vor 504 Tagen
#Kililas oder Kimber vielleicht?
Filuna ( 3.204 )
Abgeschickt vor 504 Tagen
Bei mir ist's genauso wie bei dir. Ich Krieg dich einfach nicht rein!
Lossiel Niquesse ( 9.174 )
Abgeschickt vor 504 Tagen
So, ich habe dir zurückgeschrieben. Freue mich schon!
LG, Lossiel
Filuna ( 2.121 )
Abgeschickt vor 505 Tagen
Und übrigens, ich hatte auch eine Fangirl-Atacke! (Tut mir leid, aber du bist mein Schreibvorbild. Nur dass ich's nie so hinkriege wie du. WÄH!!!)
Filuna ( 2.121 )
Abgeschickt vor 505 Tagen
Hey, habs bekommen, alles wesentliche schreibe ich dann morgen. Tut mir leid, todmüde...
Lossiel Niquesse ( 24.72 )
Abgeschickt vor 505 Tagen
Oh. Na, ich hab sie gestern über Testedich.de abgeschickt...
Filuna ( 2.121 )
Abgeschickt vor 505 Tagen
Bis jetzt ist bei mir noch nix angekommen... ich guck nochmal!
Lossiel Niquesse ( 24.72 )
Abgeschickt vor 505 Tagen
OMG, ich fühl mich wie 'ne YouTuberin oder so...

Aber echt: FANGIRL-ATTACKE?!?!?!
Echt jetzt?!

Und ja, ich würde Euch auch sehr gerne kennenlernen!
Filuna, ich habe Dir eine E- mail geschickt. Hast Du die bekommen?
Wenn ja, würde ich mich freuen, wenn Du antworten würdest.
LLLLLLLLLLLLG, Lossiel

PS.: @#Kililas: Ich persönlich glaube ja nicht, dass meine (superstrenge) Deutschlehrerin mir sowas geben würde, nicht mal für diese Geschichte... trotzdem vielen Dank!
Filuna ( 2.121 )
Abgeschickt vor 505 Tagen
#Kililas, das hört sich an, als würdest du mich Kneckebrot nennen...😑 Jedenfalls, auf eventim.de gibt's die Tickets. Ich kreuze jetzt schon jeden Tag bis zum 11. Dezember ab. Eindeutig zu viele unangekreuzte Felder!