Das Geheimnis der ersten Auroren

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16 Kapitel - 149.335 Wörter - Erstellt von: Johannah - Aktualisiert am: 2017-04-18 - Entwickelt am: - 12.891 mal aufgerufen - User-Bewertung: 4.8 von 5.0 - 20 Stimmen- Die Geschichte ist noch in Arbeit - 8 Personen gefällt es

Das hier ist die Vorgeschichte von Harry Potter, geschrieben aus der Sicht eines Mädchens Namens Lillyan. Insgesamt ist sie ungefähr so lang wie Harry Potter Band 1, also schon ein richtiges Buch. Schaut doch einfach mal rein!

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    1. Begegnung im Gang Lillyan Whiteley rannte den Gang entlang, der von der großen Treppe aus in den vierten Stock führte, und blieb ratlos vor einer
    1. Begegnung im Gang

    Lillyan Whiteley rannte den Gang entlang, der von der großen Treppe aus in den vierten Stock führte, und blieb ratlos vor einer Abzweigung stehen. Gerade hatte ihr viertes Jahr in Hogwarts begonnen und wie immer brauchte sie so kurz nach den Ferien wieder etwas Zeit, um sich zurecht zu finden. Diese Zeit hatte sie aber momentan nun mal nicht, denn sie war gerade im Begriff, zu spät zu ihrer ersten Verwandlungsstunde in diesem Schuljahr zu kommen. Ging es jetzt nach links oder nach rechts zu den Verwandlungsräumen? Ah nein! Rechts ging es doch zur Bibliothek! Lillyan wandte sich nach links und rannte weiter. Sie wollte um jeden Preis vermeiden, sich gleich am ersten Tag nach den Ferien bei allen unbeliebt zu machen, indem sie sich 10 Punkte Abzug für Gryffindor einhandelte. Wohin jetzt? Ach, stimmte ja. Um diese Ecke, nach rechts und dann war sie da. Lillyan beschleunigte ihre Schritte, schlitterte um die nächste Ecke - und knallte mit voller Wucht in jemanden hinein. „Hey, kannst du nicht aufpassen!“ schimpfte der Junge, den sie umgerannt hatte. Er hatte kurze, schwarze Haare, die in alle Richtungen vom Kopf abstanden, ein schmales Gesicht und haselnussbraune Augen, die sie wütend anblitzten. Au weia! Sie war ¬¬¬ausgerechnet in James Potter hineingerannt. Natürlich standen wie immer seine drei Freunde hinter ihm. Die vier waren eine richtige Gang. Niemanden ließen sie in Ruhe. Sie ließen Stinkbomben in Räumen, Büros und Taschen hochgehen, verhexten alle Schüler, die sie nervten oder die sie nicht mochten, handelten sich andauernd Nachsitzen ein, indem sie irgendwas Verbotenes taten, und machten auch sonst andauernd Ärger. Lillyan war ihnen bisher aus dem Weg gegangen so gut es ging und zum Glück hatte sie deshalb noch nie Ärger mit ihnen gehabt. Dass sie jetzt aber ausgerechnet in Potter hineingerannt war, war wirklich Pech, denn erstens war Potter der Anführer seiner Gang und zweitens hasste er es, wenn ihn jemand schubste, selbst, wenn es unabsichtlich war. Das kannte Lillyan vom Quidditchtraining. Genauso wie James Potter spielte nämlich auch Lillyan in der Quidditchmannschaft von Gryffindor, jedoch als Jägerin. James Potter war der Sucher. Er war unglaublich gut und wurde deshalb von allen bewundert, aber angeberisch und hochmütig, wie er war, hatte er niemals auch nur ein Wort mit Lillyan gewechselt. „Entschuldigung!“ murmelte Lillyan schnell und wollte sich an ihnen vorbei drängen, aber James hielt sie am Arm fest. „Warum rennst du denn so, Kleine? Hast du dich verlaufen?“ fragte er spöttisch. Lillyan wurde rot vor Zorn: Nur weil er eine Stufe über ihr war, meinte er wohl, er könne sich alles erlauben! Sie wollte zu einer nicht sehr freundlichen Antwort ansetzen, aber einer von James Freunden war schneller. „Lass sie in Ruhe, James.“ sagte er müde und fuhr sich durch sein kurzes braunes Haar „Du siehst doch, dass sie es nicht mit Absicht gemacht hat.“ „Ach komm schon, Moony! Gönn mir doch mal ein bisschen Spaß!“ sagte James und stieß den Jungen, den sie anscheinend Moony nannten, freundschaftlich in die Seite. Der kleinste der Jungen, der neben dem Jungen namens Moony stand, kicherte albern. Mit seiner langen Nase und den wässrigen blauen Augen erinnerte er Lillyan an eine Wasserratte. Moony warf ihm einen entnervten Blick zu, woraufhin der Kleine beleidigt eine Schnute zog. „Würdest du Idiot mich jetzt endlich mal durchlassen?“ Wütend schaute Lillyan James an. „Ich komme gerade zu spät zu Verwandlung und kriege jetzt wahrscheinlich schon 15 Punkte Abzug für Gryffindor wegen dir!“ Der Junge, der rechts neben James stand, pfiff bewundernd durch die Zähne. Als Lillyan ihn ansah, grinste er lässig zurück. Lillyan verschlug es für einen Moment die Sprache. Er sah unglaublich gut aus. Das lange, dunkle Haar fiel ihm elegant in die Augen, sein schmales, blasses Gesicht war nahezu fehlerlos. Aber am allerschönsten an seinem Gesicht waren seine schwarzen Augen, die dunkel waren wie eine Winternacht und doch eine unglaubliche Wärme ausstrahlten. „Wow, Krone! Es scheint, als wärst du gerade dem einzigen Menschen auf der Schule über den Weg gelaufen, der dich nicht für lustig hält.“ bemerkte er zu James und sein Grinsen wurde noch breiter. Krone? Moony? Anscheinend waren das irgendwelche seltsamen Spitznamen. „Es sieht danach aus.“ James schaute zu dem gut aussehenden Jungen, dessen Lächeln, sobald sein Blick den von James traf, deutlich abkühlte. „Trotzdem, Moony hat recht, lass sie in Ruhe. Du solltest deine schlechte Laune wegen Professor Jenkins nicht an ihr auslassen. Heb dir das lieber für die Slytherins auf! Und außerdem: je länger wir hier diskutieren, desto mehr Punkte verlieren wir und desto mehr Ärger bekommt dieses hübsche Mädchen hier.“ „Eben!“ sagte Lillyan energisch, bevor sie bemerkte, was er zum Schluss gesagt hatte. Sie versuchte krampfhaft, das Rotwerden zu unterdrücken. Hatte er ihr da gerade ernsthaft ein Kompliment gemacht? Der Freund von James Potter? Der kleine Junge mit den wässrigen Augen sah genauso verwirrt drein, wie Lillyan sich fühlte. „Bist du nicht sogar im Gryffindorteam?“ fragte jetzt der Junge, der Moony hieß, und musterte sie neugierig. Lillyan nickte stolz. „Ach stimmt ja! Jägerin, oder?“ fragte der hübsche Junge, und schaute sie mit einem Blick an, unter dem sie um ein Haar doch noch rot geworden wäre. Schnell nickte sie noch einmal. „Ich habe dich in den Spielen gesehen. Du fliegst gut!“ sagte er zu ihr. Lillyan grinste verlegen. Der gutaussehende Junge grinste lässig zurück. Dann tauschte er einen langen Blick mit James, der sich daraufhin wieder zu ihr umdrehte. „Okay.“ meinte er wiederwillig. „Jungs, lasst sie durch.“ „Na endlich!“ seufzte Moony erleichtert und trat sofort zur Seite, um sie vorbei zu lassen. James und der Kleine machten ihr deutlich weniger begeistert Platz. „Ein Glück, dass wir dich haben! Du bist der Einzige, auf den Krone hört.“ sagte Moony zu dem hübschen Jungen, der nur grinsend die Achseln zuckte und zum Fenster hinüber schlenderte. Schnell schob Lillyan sich an den Jungs vorbei und ging zur Türe des Verwandlungsraumes. Dort schaute sie sich unauffällig noch einmal um. James, Moony und der Kleine standen mit dem Rücken zu ihr und beugten sich über etwas, das Lillyan leider nicht sehen konnte. Der große, gutaussehende Junge hatte sich auf die Fensterbank gesetzt und schaute zu seinen Freunden herüber. Als Lillyan merkte, wie sehr er ihren Blick anzog, wandte sie sich rasch ab und schlüpfte durch die Türe. Bevor sie die Türe schloss, hörte sie noch, wie James Stimme hinter ihr sagte: „Sag mal, warum hast du diese Kleine da eigentlich gerade so in Schutz genommen? Von Moony sind wir das ja gewöhnt, aber du?“ „Sie… ist glaube ich das erste Mädchen, das ich kennenlerne, das mich nicht ununterbrochen anstarrt.“ antwortete die Stimme des gutaussehenden Jungen zögernd. „Werden wir jetzt schon überheblich, Tatze?“ hörte sie James noch belustigt fragen, ehe die Türe hinter ihr zufiel. Schnell drehte Lillyan sich um. „Guten Morgen, Miss Whiteley.“ sagte Professor Dumbledore und sah sie durch seine halbmondförmige Brille durchdringend an. Lillyan schluckte und erwiderte seinen Blick schuldbewusst. Das war ein weiterer Grund gewesen, aus dem sie nicht hatte zu spät kommen wollen: Professor Dumbledore war der Schulleiter von Hogwarts und unterrichtete normalerweise nicht. Als jedoch zu Anfang des Schuljahres die eigentliche Verwandlungslehrerin Professor McGonagall überraschend erkrankt war, hatte Professor Dumbledore, der früher selbst Verwandlung unterrichtet hatte, sich dazu entschlossen, für sie einzuspringen. Und vor dem Schulleiter wollte Lillyan sich ganz bestimmt nicht blamieren. Naja, jetzt war das Kind sowieso schon in den Kessel gefallen. „Es tut mir leid, dass ich zu spät komme, Professor!“ stotterte Lillyan verlegen. Sie konnte sämtliche Blicke der anderen Schüler auf sich spüren, aber sie schaute sich nicht um. „Nun, ich nehme an, dass es einen triftigen Grund für ihre Verspätung gibt, nicht wahr?“ erkundigte sich Professor Dumbledore ruhig und musterte ihr Gesicht so aufmerksam, als könne er ihre gesamte Lebensgeschichte daraus lesen. Wenn er sie so anschaute, hatte sie immer das Gefühl, er könne Gedanken lesen. „Ja, Sir.“ sagte sie und wartete halb gespannt, halb ängstlich auf seine Antwort. „Gut, dann will ich am ersten Schultag mal nicht so streng sein.“ meinte er schließlich und lächelte ihr beinahe unmerklich zu. „Setzen sie sich, Miss Whiteley.“ Erleichtert ging Lillyan zu ihrem Platz und setzte sich neben Stella, eine Freundin von ihr aus Ravenclaw, während Professor Dumbledore mit dem Unterricht fortfuhr. „Nun, wie ich bereits sagte, bevor Miss Whiteley mich unterbrach, ist die Verwandlung eines Gegenstandes in einen anderen Gegenstand nicht halb so schwer wie die Verwandlung in ein Tier oder gar die Verwandlung eines Tieres in ein anderes Tier. Da Sie Verwandlungen von Gegenständen in Gegenstände und Verwandlungen von Tieren in Gegenstände bereits in den letzten Jahren erlernt haben, werden wir uns dieses Jahr mit einfachen und später auch mit schwereren Verwandlungen von Gegenständen in Tiere beschäftigen. Das…“ Lillyan merkte, dass sie immer weniger zuhörte. Normalerweise liebte sie alles, was mit Zauberei zu tun hatte, und somit auch den Unterricht, aber heute hatte sie einfach zu viel im Kopf, über das sie nachdenken musste. Sie dachte an die vier Freunde, denen sie eben auf dem Flur begegnet war. An James Potter alias Krone und seine wütenden und spöttischen Blicke, an diesen Moony, der eigentlich ganz nett gewesen war, und an den Kleinen mit den wässrig blauen Augen, der irgendwie so gar nicht in den Freundeskreis hineinzupassen schien. Und besonders an den großen, schlaksigen, gutaussehenden Jungen. Wie hatte Potter ihn genannt? Tatze. Ob das sein Spitzname war? Seltsame Spitznamen waren das! Naja, wenn es ihnen gefiel… Unwillkürlich sah Lillyan den hübschen Jungen wieder vor sich, wie er sie anschaute, sein lässiges Grinsen, seine warmen, glänzenden Augen, seine dunkle, freundliche Stimme. In ihrem Kopf hallten seine Worte nach: „Sie ist, glaube ich, das erste Mädchen, das ich kennenlerne, das mich nicht ununterbrochen anstarrt.“ und „Außerdem: je länger wir hier diskutieren, desto mehr Punkte verlieren wir und desto mehr Ärger bekommt dieses hübsche Mädchen hier.“ Bei dem Gedanken daran stieg in Lillyan ein warmes Gefühl hoch. Anscheinend hatte er sie außerdem beim Quidditch beobachtet. „Du fliegst gut!“ hatte er gesagt. Ob er das ernst gemeint hatte? Natürlich fand sie auch, dass sie recht gut fliegen konnte, aber so sehr es sie auch ärgerte, dies zugeben zu müssen, kam sie noch lange nicht an Potter heran. Er flog am besten von allen. Erin, der Mannschaftskapitän, brach immer noch jedes Mal in Begeisterungsstürme aus, wenn Potter den Schnatz mal wieder mit einem sagenhaften Manöver und trotzdem unglaublich lässig mit der Hand einfing. Schnell versuchte Lillyan, sich wieder auf den Unterricht zu konzentrieren, weil sie merkte, dass sie, sobald sie an James Potter dachte, sofort wieder an seinen hübschen Freund denken musste. Glücklicher Weise hatte Professor Dumbledore seinen Vortrag über den diesjährigen Lernstoff inzwischen beendet und holte nun eine große Kiste aus dem oberen Schreibtischfach. „In dieser Kiste sind kleine Taschenuhren, für jeden eine.“ erklärte er ruhig. „Sie haben jetzt eine halbe Stunde lang Zeit, zu versuchen, ihre Taschenuhr in eine Maus zu verwandeln. Genug dafür müssten sie inzwischen gelernt haben. Wenn die Zeit um ist, besprechen wir gemeinsam, wie man diese Verwandlung korrekt ausführt und schreiben unsere Ergebnisse auf. Miss Silver, wären sie wohl so freundlich und würden sie jedem eine Taschenuhr geben?“ „Ja, Professor!“ Während Stella mit verträumtem Blick aufstand und nach vorne ging, um die Taschenuhren auszuteilen, packte Lillyan ihr Schreibzeug wieder in ihre Tasche um zum Zaubern den Tisch freizuhaben (Das hatte Professor McGonagall ihnen eingeschärft, nachdem Roger Lake, ein Hufflepuff, aus Versehen in einer Verwandlungsstunde anstatt seine Kröte in ein Kissen zu verwandeln seine Feder in Brand gesetzt hatte) und zog ihren Zauberstab aus dem Ärmel. Er war aus dunklem, geschliffenem Eschenholz mit Phönixfeder, zehndreiviertel Zoll lang, geschmeidig und kraftvoll. Er war Lillyans größter Stolz und sie polierte ihn stets vor dem Schlafengehen, weshalb er immer sanft glänzte. Mit diesem Zauberstab hatte sie bereits die schwierigsten Zauber ohne Probleme ausgeführt. Lillyan wusste selbst nicht genau warum, aber seit sie nach Hogwarts gekommen war, war sie in allem stets Klassenbeste. Zauber, die sie noch nie zuvor ausgeführt hatte, gelangen ihr auf Anhieb perfekt, während andere wochenlang dafür üben mussten. Niemals war ihr auch nur ein kleiner Fehler beim Zaubern unterlaufen. Die Lehrer hielten sie für ein Naturtalent, aber Lillyan hatte irgendwie das Gefühl, dass doch noch etwas mehr dahinter steckte. Sie hatte einige Versuche durchgeführt, um das herauszufinden, und dabei war ihr schließlich klar geworden, dass sie sich im Zaubern nur in ein paar Dingen von den Anderen unterschied: Sie hatte mehr Vorstellungskraft und konnte sich deshalb die Wirkung des Zaubers besser vorstellen und sie konnte noch etwas, dass für sie von Anfang an völlig selbstverständlich gewesen war: sie konnte die Magie spüren. Das war zwar, laut der Bücher, die Lillyan in der Bibliothek durchstöbert hatte, eigentlich unmöglich, aber das war es ja ganz offensichtlich doch nicht. Nur- was war der Grund dafür? Manchmal hatte sie das Gefühl, dass die Magie ihr einfach im Blut lag, aber das war nicht möglich, denn sie war muggelstämmig und weder ihre Mutter noch ihr Vater hatten jemals einen Zauberer in der Familie gehabt. Nein, da steckte noch irgendetwas Anderes dahinter, da war sie sich sicher. Stella kam bei ihr vorbei und gab ihr eine Taschenuhr. „Danke.“ sagte Lillyan und besah sich die Uhr genauer. Sie war klein, rund und golden lackiert. In ihrem Inneren tickten zwei kleine Zeiger um einen großen eingravierten Stern. Lillyan hatte zwar noch nie einen solchen Zauber ausgeführt, war sich jedoch sicher, dass es klappen würde. Es klappte immer. Sie legte die kleine Uhr vor sich auf den Tisch, rollte die langen Ärmel ihres Umhangs hoch und schloss die Augen. Sie konzentrierte sich auf die Magie, die sie in ihrem Zauberstab spürte. Im selben Moment, als sie ihre eigene Magie mit der des Zauberstabs verband, begann ihre Hand zu kribbeln. Jetzt konzentrierte sie sich auf die Maus, in die sie die Uhr verwandeln wollte. Sie ließ sich eine Sekunde lang Zeit, sich diese genau vorzustellen, und spürte, wie sich ihre Gedanken mit der Magie des Zauberstabs verbanden. Sie öffnete die Augen, schwang den Zauberstab und richtete ihn auf die kleine Taschenuhr. Im nächsten Moment erscholl ein lautes Quieken im Klassenraum. Alle fuhren herum. Vor Lillyan auf dem Tisch saß eine kleine, graue, quicklebendige Maus. Sie schaute Lillyan mit großen schwarzen Knopfaugen an und quiekte noch einmal. „Oooh, ist die süß!“ rief Emily, ein Mädchen aus Lillyans Schlafsaal, und ein Junge aus Ravenclaw fragte Lillyan: „Warum bist du eigentlich nicht in Ravenclaw?“ „Ich weiß es nicht.“ antwortete Lillyan wahrheitsgemäß. Manchmal wunderte sie sich selbst ein wenig darüber, aber an dem Tag, an dem sie zum ersten Mal nach Hogwarts gekommen war, hatte der sprechende Hut sie, kaum dass er ihren Kopf berührt hatte, dem Haus Gryffindor zugeteilt. Lillyan hatte nie den Grund dafür erfahren, denn sie war zwar mutig, aber es gab jede Menge Ravenclaws, die genauso viel Mut besaßen und trotzdem nicht so gut im Zaubern waren wie sie. „Sehr gut, Miss Whiteley!“ hörte sie Professor Dumbledores Stimme und als sie aufschaute, lächelte er ihr wieder kaum merklich zu. „Wenn jemand ein Anschauungsobjekt braucht, dann kann er oder sie Miss Whiteleys nehmen.“ wandte er sich wieder an die Klasse. Erneut wanderten alle Blicke zu Lillyan. „Wie machst du das?“ flüsterte Stella ihr milde überrascht zu. „Das ist doch inzwischen nicht mehr normal!“ „Ich weiß nicht!“ sagte Lillyan wieder. Sie hatte ihren Freundinnen schon oft erklärt, dass sie in Gedanken Verbindung zu ihrem Zauberstab aufnahm, aber die hatten es bereits ebenso oft versucht und es hatte nicht geklappt. Mittlerweile hatte Lillyan es aufgegeben, es den anderen erklären zu wollen. Lillyans Maus quiekte schon wieder, diesmal noch lauter. „Lillyan, könntest du bitte deine Maus zum Schweigen bringen? Ich muss mich konzentrieren!“ bat Mary McDonald, die, genau wie Emily, ein Mädchen aus Lillyans Schlafsaal war. „Oh, sicher, entschuldige!“ Hastig richtete Lillyan ihren Zauberstab wieder auf das kleine Tier. „Silencio!“ Die Maus öffnete überrascht das Mäulchen, aber es kam kein Ton mehr heraus. Neidisch guckte Mary Lillyan an. „Beneidenswert!“ sagte sie. Lillyan konnte nicht anders: Sie musste grinsen. Während sich die Anderen nun wieder ihren eigenen Taschenuhren zuwandten, fiel Lillyan ihre Begegnung mit Potters Gang wieder ein. Sie seufzte. Hätte sie sich vorhin beim Verwandeln doch bloß etwas mehr Zeit gelassen. Bisher waren erst fünf Minuten der halben Stunde vergangen, die Dumbledore ihnen gegeben hatte, und Lillyan war jetzt schon langweilig. Der Maus schien auch nicht anders zu gehen. Sie krabbelte auf Lillyan zu und knabberte an ihrem Daumennagel. Lillyan lächelte und nahm die Maus in die Hand. Die schien sich überhaupt nicht zu fürchten und kuschelte sich in die kleine Kuhle, die Lillyan mit ihrer Handfläche bildete. Vorsichtig streichelte Lillyan ihr mit ihrem Zeigefinger über das flauschige Köpfchen. Mit einer plötzlichen Eingebung richtete sie ihren Zauberstab wieder auf die Maus, deren Fell plötzlich lilafarben wurde. Lillyan grinste und richtete ihren Stab erneut auf die Maus. Pling- rosa, pling- blau, pling- orange mit weißen Tupfen, … sie musste kichern. So machte das Leben Spaß! Pling- hellgrün, pling- lila- blassblau kariert, pling- schwarz mit roten Herzchen, ... Die Maus schien das Ganze ebenfalls ziemlich lustig zu finden. Sie versuchte, noch einmal zu quieken, was ihr kläglich misslang, dann schaute sich unternehmungslustig um, hüpfte von Lillyans Hand und erkundete den Tisch. Mit einer raschen Bewegung ihres Zauberstabs ließ Lillyan ein paar Sonnenblumenkerne aus dem Nichts erscheinen, die die Maus sich schnappte und zu fressen begann. Plötzlich quiekte es ganz laut neben Lillyan. Erschrocken fuhr sie herum, genauso wie alle anderen. Stella saß verwirrt auf ihrem Platz und starrte perplex auf ihre Taschenuhr, die im nächsten Moment ein weiteres lautes Quieken ausstieß. Stellas erstauntes Gesicht gab schließlich den Ausschlag: Die ganze Klasse begann lauthals zu lachen. Selbst Professor Dumbledore konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Schnell richtete Stella ihren Zauberstab erneut auf die Uhr, aber nun wuchs plötzlich graues Fell darauf und wurde rasch länger. Emily und Mary klammerten sich aneinander fest vor Lachen. Stella runzelte die Stirn und versuchte, den Fellwuchs zu stoppen. Lillyan kam ihr zur Hilfe. Ein Wink mit dem Zauberstab und das Fell auf der Uhr verschwand. Stella schaute sie dankbar an und versuchte, sich erneut zu konzentrieren. Einige Mädchen kicherten immer noch, aber Dumbledore machte der Vorstellung mit einem Blick ein Ende. „Ich möchte sie daran erinnern, dass Miss Silver eben einen deutlichen Fortschritt gezeigt hat, während Ihre Uhren immer noch unverändert sind.“ sagte er ruhig. Das wirkte. Einen Augenblick später starrten alle wieder wie gebannt ihre Uhren an. Stella konzentrierte sich noch einmal mit aller Kraft, kniff die Augen zusammen, schwang ihren Zauberstab und im nächsten Moment saß eine kleine braune Maus vor ihr auf dem Tisch. Sie strahlte glücklich und flüsterte schnell „Silencio!“ damit ihre Maus nicht ebenfalls wie verrückt zu quieken begann. „Super, Stella!“ wisperte Lillyan Stella zu, die ihre Maus hochnahm und streichelte. „Sag mal: Hörst du das?“ flüsterte sie plötzlich und hielt Lillyan ihre Maus ans Ohr. Lillyan lauschte. Zuerst hörte sie nichts, aber dann… „Tickt da drinnen etwa etwas?“ fragte Lillyan erstaunt. Stella nickte. Sie biss sich auf die Lippe, um das Lachen zu unterdrücken und fuchtelte erneut mit ihrem Zauberstab herum, woraufhin die Maus ein Geräusch von sich gab, wie wenn man die Luft aus einem Luftballon ließ, und anfing zu schrumpfen. Die Beiden schüttelten sich vor unterdrücktem Lachen. „Stella, bitte, konzentrier dich, sonst platze ich vor Lachen!“ brachte Lillyan schließlich heraus. Stella kicherte noch einmal, kniff ein letztes Mal die Augen zusammen und schwang ihren Zauberstab. Einen Augenblick später hockte die Maus wieder in voller Größe auf dem Tisch. Erleichtert seufzte Lillyan auf. Inzwischen war es ziemlich laut in der Klasse geworden. Andauernd quiekte es irgendwo und irgendwer lachte. „Die Zeit ist um!“ rief Professor Dumbledore schließlich. Die Klasse verstummte. „Dann wollen wir doch mal sehen, wo tatsächlich auch Mäuse herausgekommen sind!“ Dumbledore zwinkerte, stand auf und begann durch die Reihen zu gehen. Es waren jede Menge quiekende Uhren entstanden und zum Teil wuchs diesen auch Fell, aber fast keiner hatte es geschafft, seine Uhr in eine echte Maus zu verwandeln. Ein Junge aus Ravenclaw hatte seine Uhr aus Versehen in eine quiekende Plüschmaus verwandelt. Dumbledore begutachtete die Maus eingehend, dann begann er zu lachen. „Sehr gut, Stebbins, nehmen Sie zehn Punkte für diese außergewöhnliche Maus!“ Der Junge wurde rot und grinste verlegen. Als Dumbledore weiterging hörte Lillyan ihn seinem Freund zuflüstern: „Die schenk ich meiner kleinen Schwester!“ „Ah, wunderbar!“ Dumbledore war zu Stella und Lillyan an den Tisch getreten und schaute sich begeistert ihre beiden Mäuse an (Lillyan hatte gerade noch rechtzeitig daran gedacht, ihre Maus wieder grau zu färben). „Wunderbar, zwei wirklich glänzende Leistungen! Nehmen Sie jeweils fünfzehn Punkte für ihr Haus.“ Stella und Lillyan strahlten sich an. „Und nun…“ Dumbledore schritt wieder nach vorne zum Pult: „Wer von ihnen kann mir jetzt die korrekte Verwandlung eines Gegenstandes in ein Tier nennen?“ Stella und Lillyan hoben gleichzeitig die Hand. „Ja, Miss Whiteley.“ „Die korrekte Verwandlung eines Gegenstandes in ein Tier besteht aus Konzentration, der exakten Zauberstabbewegung und der richtigen Dosierung der Magie.“ sagte Lillyan. „Ganz genau. Weitere zehn Punkte.“ Dumbledore lächelte Lillyan zu und setzte sich wieder ans Lehrerpult. „Holen Sie bitte alle ihr Schreibzeug heraus und schreiben Sie das auf.“ Es folgte Geraschel und Gemurmel und schließlich eifriges Federgekratze. Auch Lillyan zog ihre Feder und ein Blatt Pergament aus ihrer Tasche und begann zu schreiben. „Sie dürfen zusammenpacken.“ sagte Dumbledore schließlich, als alle fertig waren. „Bis zur nächsten Verwandlungsstunde üben sie bitte alle noch einmal die Verwandlung einer Taschenuhr in eine Maus und lernen den Satz, den sie aufgeschrieben haben, auswendig. Thompson, wären Sie bitte so nett und würden sie die restlichen Uhren wieder einsammeln?“ Stella und Lillyan packten ihre Federn und Pergamente wieder ein und standen auf. Plötzlich stand Olivia, ein Mädchen aus Lillyans Schlafsaal, mit einer Kiste vor ihnen. „Eure Mäuse.“ sagte sie. „Ich würde meine gerne behalten.“ Lillyan nahm ihre Maus vom Tisch und kraulte ihr das Fell. Olivia zuckte nur die Achseln und wandte sich Stella zu. „Ich auch.“ schloss diese sich Lillyan an. Olivia verdrehte genervt die Augen und ging weiter. „Aber wehe, ihr nehmt die mit in unseren Schlafsaal!“ rief sie noch über die Schulter. „Ich hab Angst vor Mäusen!“ Stella und Lillyan schauten sich an und schüttelten gleichzeitig die Köpfe. „So ein Unsinn! Wie kann man bloß vor so was Niedlichem Angst haben?“ Stella streichelte ihrer Maus über die Pfote. „Ich weiß auch nicht. Das ist eben typisch Olivia.“ meinte Lillyan. „Wo du Recht hast…“ Stella grinste. „Weißt du noch, wie sie einmal im Unterricht gekreischt hat wie verrückt, bloß weil eine Wiesenschnake am Fenster saß?“ „Oh ja, stimmt!“ Lillyan verdrehte die Augen, aber kichern musste sie trotzdem. „Komm, wir müssen uns beeilen, sonst kommen wir zu spät zu Arithmantik!“ Stella ging zur Tür. „Was habt ihr heute sonst noch?“ Lillyan lief neben sie. „Zauberkunst, Astronomie, Doppelstunde Kräuterkunde, Verteidigung gegen die dunklen Künste.“ leierte Stella den Stundenplan herunter. „Cool, den ganzen Nachmittag draußen!“ freute sich Lillyan für ihre Freundin. „Ja, cool. Was habt ihr?“ wollte Stella wissen. „Wahrsagen, Astronomie, Zaubertränke, Geschichte und dann mit euch Verteidigung gegen die dunklen Künste. Hey, hiergeblieben!“ Lillyans Maus, die sich zunächst nur neugierig umgesehen hatte, hatte versucht, auf den Boden zu hüpfen. Lillyan hatte beschlossen, sie Paula zu nennen. „Lillyan?“ Stella sah sie an. „Ich glaube, wir sollten unsere Mäuse nicht mit in Arithmantik nehmen.“ „Stimmt.“ Lillyan blieb stehen, nahm Paula in die linke Hand, zog mit der rechten ihren Zauberstab aus dem Ärmel, schwang ihn und im nächsten Moment waren beide Mäuse verschwunden. „Wo hast du sie hingezaubert?“ erkundigte sich Stella. „Hoch in meinen Schlafsaal. In einen Käfig.“ antwortete Lillyan. „Olivia wird sich aufregen aber was soll’s. Den Zauber hab ich in einem Buch gelesen.“ erklärte sie, als Stella sie erstaunt ansah. „Du liest zu viel!“ stellte diese fest. Lillyan zuckte nur die Achseln. „In dem Fall war es durchaus hilfreich, dass ich das wusste.“ Stella seufzte und zog Lillyan weiter. „Komm schon, wir wollen doch nicht in der letzten Reihe sitzen!“ drängelte sie. „Ja, ja.“ Lillyan setzte sich wieder in Bewegung. Sie liefen durch die langen Flure von Hogwarts und schließlich eine lange Treppe hinauf, die in den fünften Stock führte. Auf halbem Weg flogen ihnen plötzlich ein paar Orangen entgegen. „Was…?“ fragte Stella und sah sich verwirrt um, aber weit und breit war niemand zu sehen. Lillyan stöhnte ergeben. „Peeves“, sagte sie. „du hast uns gerade noch gefehlt!“ Ein hässliches Kichern war zu hören und zwei weitere Orangen flogen aus dem Nichts auf sie zu. „Peeves, ich warne dich! Ich hole den blutigen Baron, wenn du nicht augenblicklich aufhörst!“ drohte Lillyan. Einen Moment lang war es still, dann erklang ein leises „Plopp!“ und vor ihnen in der Luft schwebte auf einmal ein kleiner Mann mit einem gehässigen Lächeln auf den dünnen Lippen. „Ah, ah, ah! Was sehe ich denn da? Die Silver und die Whiteley, die liefen hoch die Treppe, Peeves warf sie mit Orangen ab, womit er sie erschreckte…“ sang er vor sich hin und hüpfte dazu in der Luft herum. „Du warst schon immer ein schlechter Dichter.“ bemerkte Lillyan und zückte unauffällig ihren Zauberstab. Peeves lachte und schleuderte ihnen die restlichen Orangen entgegen, die er in den Händen hielt. Schnell hob Lillyan den Zauberstab. Die Orangen änderten plötzlich mitten in der Luft den Kurs und schossen mit der Wucht einer Gewehrkugel auf Peeves zu. Dieser riss erschrocken die Augen auf und schwebte dann schimpfend davon, die Orangen dicht auf den Fersen. Lillyan und Stella schauten sich an und brachen in Gelächter aus. „Check!“ sagte Lillyan und Stella schlug ein. Und dann mussten sie doch noch rennen, um rechtzeitig zur Arithmantikstunde zu kommen.
    *

    Gedankenverloren lief Lillyan zur Bibliothek. Als ob die Quidditch- Teambesprechung heute Morgen nicht schon genug gewesen wäre, musste sie jetzt auch noch ihren Zaubertrankaufsatz fertig schreiben. Normalerweise liebte Lillyan Quidditch, aber seit zwei Wochen war irgendwie alles anders. Sie wusste selbst nicht so genau, wieso, denn eigentlich hatte sich nichts verändert, aber doch spürte sie, dass irgendetwas seltsam war. Und das war sie selbst. SIE war seltsam. Sie konnte sich auf nichts mehr konzentrieren und war gar nicht mehr richtig bei der Sache. Ständig ging ihr ihr Zusammentreffen mit Potter und seinen Freunden durch den Kopf. Diese hatte sie in den letzten zwei Wochen nur ein paar Mal gesehen, und das meistens beim Frühstück. Keiner von ihnen hatte auch nur annähernd in ihre Richtung geschaut. Natürlich auch der Gutaussehende nicht, der gesagt hatte, sie wäre hübsch. Warum sollte er auch? Sie war ja nur ein ganz gewöhnliches Mädchen, wie jedes andere auch. Allmählich glaubte sie, sie hätte sich das nur eingebildet. Warum sollte jemand, der selbst so blendend aussah, ein normal aussehendes Mädchen hübsch finden? Noch während sie so vor sich hin grübelte, löste sich mit einem Mal die Schlaufe ihrer Tasche aus ihrer Hand und im nächsten Moment schlug Lillyan der Länge nach hin. Verwirrt setzte sie sich auf und strich sich das lange Haar aus der Stirn. Einen Augenblick lang blieb sie noch still, aber dann begann sie zu lachen. Das hatte sie nun davon, dass sie nicht besser aufgepasst hatte! Sie lachte so laut, dass sie das leise Kichern hinter sich beinahe überhört hätte. Lillyan verstummte und fuhr herum. Um ein Haar hätte sie vor Überraschung laut aufgeschrien. Vor ihr stand der Junge von neulich. Der Schöne. Tatze. Potters bester Freund. Er grinste über das ganze Gesicht, die Arme lässig vor der Brust verschränkt, und schaute sie geradewegs an. Und da waren sie wieder: seine wunderschönen dunklen Augen. Sie schienen Lillyans Blicke anzuziehen: Sie konnte kaum den Blick davon wenden. Himmel, sah er gut aus! „Hey, Kleine.“ begrüßte er sie fröhlich. „Hi“, erwiderte Lillyan. Sie spürte, wie sich auch auf ihrem Gesicht ein fröhliches Grinsen ausbreitete. All ihre Trübseligkeit war wie weggeblasen. „Lass mich raten: Du bist wieder zu spät für Verwandlung und deshalb beim Rennen hingefallen oder du hast dich mit deiner Tasche gestritten, so dass sie dir ein Bein gestellt hat?“ feixte er und schaute zu Lillyan nach unten, die immer noch auf dem Boden saß. „Nein, stell dir vor, die Fensterbank hat mich mit einem Stolperfluch belegt!“ gab sie schlagfertig zurück. Einen Moment lang sahen die beiden sich an, dann brachen sie lauthals in Gelächter aus, sodass die Eule, die auf dem Sims des Flurfensters gesessen hatte, erschrocken das Weite suchte. Es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder beruhigt hatten. Schließlich trat er, immer noch grinsend, einen Schritt auf sie zu und streckte ihr seine Hand entgegen. „Sirius.“ sagte er und seine Augen funkelten. „Black.“ „Lillyan.“ sagte sie, nahm seine Hand und ließ sich von ihm hochziehen. „Whiteley.“ Er lächelte sie an und es war das süßeste Lächeln, das sie je in ihrem Leben gesehen hatte. Automatisch lächelte sie zurück. Sie hätte nie gedacht, dass sie heute noch so glücklich sein würde. „Und? Wohin bist du unterwegs?“ erkundigte Sirius sich. „Ich wollte eigentlich gerade in die Bibliothek gehen, um meinen Zaubertrankaufsatz fertigzuschreiben.“ erklärte sie. „Wie spannend!“ Sirius grinste. Überhaupt grinste er fast immer, fiel Lillyan auf. Und sein Grinsen war so ansteckend, dass es sich unwillkürlich auf sie übertrug. „Ja, nicht?“ Lillyan lächelte gequält. „Weißt du was? Ich begleite dich ein Stück. Ich muss sowieso zu Jenkins Büro.“ schlug Sirius vor. Lillyan fiel aus allen Wolken. Der beste Freund von James Potter, der eigentlich genauso hochmütig und angeberisch war wie er selbst, war nett zu ihr? „Okay.“ brachte sie schließlich überrascht heraus. Damit hatte sie mit Sicherheit nicht gerechnet. Er lächelte sie wieder mit diesem süßen Lächeln an und sie lächelte zurück. In ihrem Bauch schien plötzlich ein Ameisenhaufen zu explodieren: es fühlte sich an, als würden hunderttausend Ameisen wütend durcheinanderkrabbeln. Nur, dass sie gerade so gar nicht wütend war. Im Gegenteil: sie war überglücklich. Gemeinsam machten Lillyan und Sirius sich auf den Weg und schlenderten nebeneinander her den Flur hinunter. „Warum musst du eigentlich in Jenkins Büro?“ fragte Lillyan Sirius neugierig. Irrte sie sich, oder war das etwa ein Hauch von Röte auf seinen Wangen? „Na los, raus damit! Was hast du angestellt?“ hakte sie mit einem breitem Grinsen nach. Sirius kicherte. „James und ich haben eine Stinkbombe in Jenkins Büro hochgehen lassen. Nur dämlicher Weise hat uns Derrick dabei erwischt und uns verpetzt.“ „Ihr habt eine Stinkbombe in Jenkins Büro hochgehen lassen?“ wiederholte Lillyan ungläubig. Sirius nickte. Lillyan konnte nicht mehr an sich halten: sie begann fürchterlich zu kichern. „Und? Was ist die Strafe?“ wollte sie, immer noch kichernd, wissen. „James und ich müssen jetzt jeden Mittag um halb zwei bei ihm im Büro aufkreuzen und unnütze Aufgaben machen.“ gestand Sirius und zog eine komisch- verzweifelte Grimasse. „Zum Beispiel?“ Lillyan betrachtete ihn unauffällig von der Seite. Er war schlank und sehr sportlich gebaut. Der lange schwarze Schulumhang, den er trug, tat dem keinerlei Abbruch. „Zum Beispiel irgendwelche todlangweiligen Texte abschreiben.“ Sirius seufzte. „Na, das habt ihr euch ja aber irgendwie selbst eingebrockt, oder?“ bemerkte Lillyan belustigt. Sirius zuckte nur die Achseln. „Das war die Rache für die 10 Punkte Abzug, die Jenkins James dafür gegeben hat, dass er Jacob Miller geschockt hat, weil der ihm ein Bein gestellt hat.“ erzählte er. „Wenn Derrick uns das nicht versaut hätte…“ er ließ den Satz unvollendet. „Derrick? Du meinst Sean Derrick? Diesen Vertrauensschüler der Slytherins?“ fragte Lillyan. „Ja, genau.“ Sirius strich sich eine verirrte Haarsträhne hinters Ohr. „Ich wette, Jenkins war begeistert.“ mutmaßte Lillyan ironisch. „‘Nen ellenlangen Vortrag hat er uns gehalten!“ stöhnte Sirius. „Von wegen verantwortungslos und nicht nachdenken… und dabei hat er nicht mal gemerkt, dass James ihm noch eine Stinkbombe in seine Tasche geschmuggelt hat.“ Sie schauten sich an und begannen gleichzeitig, wieder zu kichern. „Wie war’s eigentlich bei der Quidditch- Teambesprechung heute Morgen?“ wollte Sirius plötzlich wissen. „Naja, ziemlich langweilig ehrlich gesagt.“ antwortete Lillyan verwirrt. „Hat James dir nicht davon erzählt?“ „Er kam noch nicht dazu.“ Und da war es wieder, sein verschmitztes Grinsen. „Also, Erin hat uns einfach nur zusammengerufen und uns erklärt, dass Lynn, Emelie und Alec jetzt nicht mehr da sind und dass wir heute Mittag alle zu den Testspielen kommen müssen, weil wir nicht automatisch in der Mannschaft bleiben, sondern erst wieder reinkommen müssen.“ erzählte Lillyan. „Ansonsten hat er noch einiges wiederholt, was er letztes Jahr schon zu uns gesagt hat.“ Neugierig schaute sie ihn an: Warum interessierte ihn das? „Ich glaube du wirst nachher ordentlich Konkurrenz haben!“ meinte er und grinste sie vielsagend an. „Was…?“ fragte Lillyan verwirrt, aber dann fiel der Groschen. „Willst du etwa…“ stieß sie erstaunt hervor, aber Sirius grinste nur. „Viel Glück!“ sagte er mit einem schelmischen Glitzern in den Augen, bevor er sich umdrehte und in Richtung Jenkins Büro davonrannte. „Wir seh’n uns bei den Testspielen!“ rief er noch über die Schulter, dann war er verschwunden.
    *
    Als Lillyan am Nachmittag in den Gryffindor -Gemeinschaftsraum kam, um ihren Besen zu holen, war dieser überraschend leer. Wahrscheinlich saß halb Gryffindor schon im Stadion und wartete darauf, dass die Testspiele begannen. Lillyan wusste, dass es nicht gut war, aber sie war ziemlich nervös. Als was Sirius sich wohl bewarb? Für einen Treiber hatte er nicht die richtige Statur, für einen Hüter war er ebenfalls zu schmal und sie glaubte nicht, dass er versuchen würde, seinem besten Freund als Sucher Konkurrenz zu machen. Da blieb eigentlich nur noch Jäger übrig. Das würde auch am ehesten dazu passen, was er zu ihr über Konkurrenz gesagt hatte. Ob sie gegen ihn antreten musste? Gewiss nicht. Erin ließ die Jäger meist erst einzeln und dann in Teams gegen die Hüter antreten. So fand er nicht nur auf einen Schlag alle drei Jäger, sondern auch gleich den Hüter. Suchend sag Lillyan sich nach Lily um. Lily war eine Stufe über ihr und ihre beste Freundin. Zusammen mit Emily, Mary und Olivia, den Mädchen aus Lillyans Schlafsaal, waren sie ein richtiges Fünferkleeblatt, aber leider konnten sie sich nur außerhalb des Unterrichts sehen. Als Lillyan merkte, dass Lily nicht da war, zuckte sie nur die Achseln. Bestimmt war sie schon unten auf dem Spielfeld und wartete auf sie. Hoffentlich war dieser Snape nicht wieder dabei! Seit Lillyan Lily kannte, war diese mit Severus Snape befreundet, einem blassen Jungen aus Slytherin, den Lillyan nicht besonders mochte. Er war mit vielen anderen Slytherins befreundet, die sicher irgendwann mal Todesser werden würden. Lily wusste das, aber trotzdem war er ihr bester Freund geblieben. Lillyan hatte Lily nichts von ihren Begegnungen mit Potter und seinen Freunden erzählt, und dazu hatte sie auch allen Grund, denn es war nicht nur so, dass Lily die vier nicht ausstehen konnte: Sie hasste sie. Das lag vor allem daran, dass ihr hauptsächliches Mobbingopfer Snape war. Da Lillyan bisher weder Snape noch Potter und seine Freunde besonders gemocht hatte, war ihr das relativ egal gewesen, aber Lily war deswegen schon mehrere Male wutentbrannt in den Schlafsaal hinaufgestürmt. Wenn sich Lillyan jetzt mit Sirius anfreunden würde… Sie wollte sich gar nicht erst ausmalen, wie viel Ärger da entstehen würde. Bei diesem Gedanken schauderte sie und lief schnell hinauf in den Schlafsaal. Auf der Treppe kamen ihr Emily und Olivia entgegen. „Hey, viel Glück Lillyan!“ wünschte Olivia ihr. „So gut wie du letztes Jahr geflogen bist, kommst du auf jeden Fall wieder ins Team!“ ergänzte Emily. „Danke ihr zwei! Wir seh‘n uns gleich!“ rief Lillyan über die Schulter und öffnete die Tür zum Schlafsaal. Er war leer. Hastig schlüpfte Lillyan in ihren Quidditchumhang und holte ihren Besen aus dem Schrank. Sie hatte ihn vor ungefähr zwei Monaten von ihren Eltern geschenkt bekommen und er war ihr größter Stolz. Es war das neuste Modell weltweit, von einer ganz neuen Marke: der Nimbus 1000. Er flog viel schneller und präziser als die alten Kometen oder Sauberwisschs und war aus hellem Eschenholz gefertigt. In den Stiel war eine goldglänzende Seriennummer eingraviert und der Besen war so robust, dass er selbst nach einem Spiel im Gewitter immer noch brandneu aussehen würde, zumindest hatte das der Verkäufer gesagt. Schnell band Lillyan sich die Haare zusammen, schulterte ihren Besen und machte sich auf den Weg zum Spielfeld.
    *
    In der Eingangshalle wartete Lily auf sie. Natürlich war sie- Lillyan hätte es sich eigentlich schon denken können- in Begleitung von Snape. „Hallo ihr zwei.“ begrüßte Lillyan die beiden. „Hey“, sagte Lily, Snape nickte nur. Zu dritt gingen sie durch die Eingangshalle nach draußen auf die Ländereien von Hogwarts. Es war ein schöner, goldener Herbsttag. Der Himmel war von einem makellosen, tiefen Blau und die Sonne wärmte ihre Gesichter, als sie zum Quidditchstadion hinunterliefen. Das Licht fiel durch die Zweige der Bäume und warf seltsame Muster auf den Boden und der See glänzte wie flüssiges Gold. „Und? Aufgeregt?“ fragte Lily Lillyan. „Etwas.“ erwiderte Lillyan zögernd und wurde ein wenig blass um die Nase, als sie sah, dass die Tribünen fast voll besetzt waren. „Ach komm schon!“ Lily lächelte sie aufmunternd an. „Das wird halb so schlimm! Denk doch nur mal daran, wie gut du im letzten Spiel geflogen bist! Den zweiten Platz im Quidditchcup haben wir fast nur dir zu verdanken.“ „Und Potter.“ berichtigte Lillyan sie, ohne nachzudenken. Lilys Gesicht wurde hart und Snape stieß ein wütendes Zischen aus. Lillyan seufzte und bereute ihre Gedankenlosigkeit. „Potter ist nicht mehr als ein Angeber und ein Quälgeist!“ schnaubte Lily verächtlich. „Genauso wie seine Freunde!“ „Du kennst sie doch nicht mal!“ platzte es aus Lillyan heraus. „Du ja auch nicht.“ Stellte Lily fest. Lillyan schwieg und blieb stehen. Lily und Snape taten es ihr gleich. Sie waren am Stadion angelangt. „Viel Glück, Lill! Du schaffst das!“ ermutigte Lily sie und umarmte sie. „Sev und ich schauen zu.“ Lillyan verkniff sich den Kommentar, dass es ihr lieber wäre, wenn „Sev“ nicht zuschauen würde, winkte den beiden noch einmal zu und machte sich dann auf den Weg aufs Spielfeld. Das Stadion war brechend voll. Anscheinend hatte die dreiviertel Schule das Mittagessen ausfallen lassen, um bei den Auswahlspielen von Gryffindor dabei zu sein. Wahrscheinlich wollten sie sich einfach schon mal ein Bild von der Konkurrenz machen. Lillyan sah sich nach Erin um und entdeckte ihn auf der anderen Seite des Feldes. Er diskutierte gerade mit Arthur McDougal und schien ziemlich genervt zu sein. Um ihn herum standen ungefähr dreißig Gryffindors, die alle einen Besen in der Hand hatten. Lillyan gesellte sich zu ihnen und ließ ihren Blick möglichst unauffällig über sie gleiten. Der da hinten hatte eine typische Treiberstatur, so breite Schultern, wie der hatte… Die vier Mädchen da drüben wollten anscheinend Jägerinnen werden… Dort hinten stand James Potter lässig in der Gegend herum und verwuschelte sein Haar… Aber wo war-… „Suchst du jemanden?“ fragte plötzlich eine verschmitzte Stimme hinter ihr. „Sirius!“ Lillyan wirbelte herum. Und tatsächlich, da stand er, die dunklen Locken lässig ins Gesicht fallend, in der Hand einen Besen. Ein feines Lächeln umspielte seine Mundwinkel. „Mir war, als hätte ich dich gerade mit Lily Evans und Schniefelus zum Stadion laufen sehen.“ sagte er und grinste sie an. „Sind das deine Freunde?“ „Ja. Nein. Doch. Also…“ Sirius zog eine Augenbraue hoch und Lillyan errötete. „Lily schon, sie ist meine beste Freundin.“ erklärte sie schnell. „Was Snape angeht, naja…“ „Er ist mit Lily befreundet, aber du kannst ihn nicht leiden.“ beendete er den Satz für sie. „So ähnlich.“ Lillyan musste kichern. Sie hätte schwören können, dass über Sirius Gesicht ein schadenfrohes Grinsen huschte, aber bevor sie darauf eingehen konnte, bat Erin um Aufmerksamkeit und Sirius und Lillyan wandten sich ihm zu. „Also…“ rief Erin mit lauter Stimme, die trotz des Lärms auf den Tribünen gut zu verstehen war. „Ich möchte, dass ihr mir genau zuhört, denn ich werde das alles genau einmal erklären!“ Auf den Tribünen wurde es allmählich ruhig und Lillyan spürte, wie ihre Ohren die Ruhe dankbar aufnahmen. „Wir beginnen mit allen, die sich als Jäger oder Hüter beworben haben. Die Kandidaten für Treiber und Sucher begeben sich deshalb bitte vorläufig vom Feld!“ Es gab Geraschel und Gemurmel, dann lösten sich etwa zehn Schüler aus der Gruppe und gingen hinüber zum Tribünenaufgang. „Gut.“ Lillyan konnte hören, dass Erin erleichtert war. Bisher klappte alles ganz gut. „Wenn ich zu Ende gesprochen habe, besteigt ihr alle die Besen und fliegt nach oben zu den Torringen, aber die Jäger zu den linken und die Hüter zu den rechten, ist das klar?“ Alle murmelten irgendetwas Zustimmendes. „Also! Die Jäger bekommen zwei Quaffel. Das Ziel der Jäger ist es, die Quaffel so oft wie möglich hin und her zu passen und dabei darauf zu achten, dass ihr abwechselt! Wer hier nicht in der Lage ist, im Team zu spielen, der fliegt raus! Bedenkt das. Bei den Hütern gilt das Gleiche, nur sie haben einen Quaffel. Ich komme mit hoch und schaue mir das Ganze an. Und wem ich sage, dass er gehen soll, der geht bitte auch! Also, rauf auf die Besen!“ Lillyan schaute zu Sirius. Er erwiderte ihren Blick und lächelte. „Na dann mal los!“ sagte er und schwang sich auf seinen Besen. Lillyan schwang ebenfalls ein Bein über ihren neuen Besenstiel. Sobald sie so dastand, fiel die Anspannung von ihr ab. Sie konnte das und das wusste sie. Mit einer kräftigen Bewegung stieß sie sich vom Boden ab und sauste nach oben. Der Wind fuhr ihr in die Haare und sie lachte übermütig: es gab doch nichts Schöneres als Fliegen! Aber das Beste war der Nimbus 1000. Es war das erste Mal, dass sie ihn flog und er war wundervoll. Sie legte sich flach auf den Besen und zischte über die Tribüne hinweg zu den Torringen auf der linken Seite. Als sie Lilys dunkelrotes Haar in der Menge entdeckte, winkte sie zu ihr hinunter. Snapes fettigem, schwarzem Haarschopf neben ihrem schnitt sie eine Grimasse, was er da unten ja praktischerweise nicht sehen konnte, und flog dann zu den anderen, die sich ebenfalls als Jäger beworben hatten. Insgesamt waren es sechzehn, elf Mädchen und fünf Jungen. Einige davon kannte Lillyan persönlich, andere nur vom Sehen, und zwei davon kannte sie überhaupt nicht. Aus ihrem Jahrgang hatte sich nur noch Michael Thornton gemeldet, er winkte Lillyan zu, als er sie erkannte. Ansonsten waren da noch die vier Mädchen von vorhin, die sich bereits jetzt kichernd aneinander festhielten, um nicht von den Besen zu fallen, drei Mädchen aus der sechsten und zwei aus der siebten Klasse, ein stämmiger Drittklässler, bei dem Lillyan sich ziemlich sicher war, dass er Jason Bright hieß, ein kleines Mädchen aus der zweiten Klasse, das sich ängstlich an seinen Besen klammerte und sich offensichtlich wünschte, auf der Stelle verschwinden zu können, und dann noch ein paar Jungen aus der sechsten und siebten Klasse. Und Sirius natürlich. Er schwebte gerade neben den Torstangen und kommunizierte per Zeichensprache mit jemandem auf der Tribüne. Lillyan ließ ihren Blick über die Reihen wandern und entdeckte schließlich seinen Freund Moony und den Kleinen mit den wässrigen Augen, die beide zu Sirius nach oben schauten. Sie lächelte, wendete und flog zu Erin herüber, der gerade mit zwei Quaffel in den Händen zu ihnen nach oben geflogen kam. „Alle herkommen!“ brüllte er so laut er konnte gegen den Wind. Sirius schoss herum und jagte zu Erin und Lillyan hinüber, die anderen kamen etwas langsamer nach. Als sie schließlich alle in einem großen Kreis schwebten, warf Erin den einen Quaffel einem Sechstklässler zu, den anderen Lillyan, die reflexartig danach griff. Sie sah, wie die kleine Zweitklässlerin sie bewundernd anschaute und lächelte sie warm an. Das Mädchen lächelte schüchtern zurück, fiel dann aber wegen eines kleinen Konzentrationsfehlers beinahe vom Besen. Unglücklich schaute es den Quaffel an. Lillyan war sich inzwischen sicher, dass das Mädchen die Tochter von irgendwelchen begeisterten Quidditchspielern war, die sich nichts sehnlicher wünschten, als dass ihr Kind in der Hausmannschaft spielte. Sie hatte Mühe, nicht die Augen zu verdrehen. „Ihr werft jetzt die Quaffel hin und her!“ rief Erin. „Erst in der Schwebe, dann im Flug. Los geht’s!“ Lillyan wartete keine Sekunde sondern warf den Quaffel ohne weiteres zu einer hübschen Siebtklässlerin, die ihn um ein Haar verfehlte und ihn dann, reichlich lahm, zu ihrer Freundin hinüberspielte. „Nicht besonders gut.“ kommentierte Lillyan in ihrem Kopf. Im nächsten Moment raste der andere Quaffel auf sie zu. Blitzschnell packte sie ihn und schleuderte ihn zu Sirius, der ihn zu Michael warf. Als sie sich nach dem umschaute, der ihn geworfen hatte, sah sie, wie Erin ihr zulächelte. „Ausgezeichnete Reflexe, wie immer.“ sagte er. Lillyan grinste und stürzte sich im nächsten Moment auf einen besonders fies geworfenen Quaffel, den sie in die Arme eines Siebtklässlers warf, der daraufhin den Halt verlor und sich gerade noch an seinem Freund festhalten konnte. „Newton!“ rief Erin. Der Siebtklässler schaute zu ihm. „Geh bitte! Das gilt auch für dich, Christina.“ wandte er sich etwas sanfter an die kleine Zweitklässlerin. Der Siebtklässler schaute Erin wütend an, setzte dann jedoch gehorsam zum Landeanflug an. Das kleine Mädchen schien einfach nur ungeheuer erleichtert. Sie warf Erin einen dankbaren Blick zu und flog ebenfalls auf die Erde zu. Innerhalb der nächsten Viertelstunde zeigte sich dann, wie wirksam Erins Methode war. Inzwischen waren nur noch drei Hüter (Eliias Reaser, Mandy Kingston und Steven Howard) und sieben Jäger übrig; Michael Thornton, Jason Bright, zwei Sechstklässlerinnen, die Dorothe Finch und Lea Kettering hießen, eine Siebtklässlerin namens Evanna Rancher, Sirius und Lillyan. Die vier kichernden Mädchen waren bereits in den ersten fünf Minuten rausgeflogen, ebenso wie der vierte Bewerber als Hüter, der es doch tatsächlich geschafft hatte, Mandy Kingston den Quaffel an den Kopf zu werfen und gleichzeitig gegen den Torring zu fliegen. Schließlich rief Erin: „Gut. Alle Jäger, die jetzt noch übrig sind, bitte zu den Torringen auf der rechten Seite!“ Lillyan zog ihren Besen herum und wollte gerade hinüberfliegen, als Sirius plötzlich neben sie flog. „Du fliegst nicht nur gut, du spielst auch gut.“ stellte er fest. „Danke. Du aber auch!“ gab Lillyan zurück. Sirius grinste. „Quidditchblut liegt bei uns in der Familie.“ erzählte er. „Mein kleiner Bruder spielt in der Mannschaft von Slytherin als Sucher.“ „Dein Bruder ist in Slytherin?“ fragte Lillyan erstaunt. „Meine ganze Familie war in Slytherin.“ antwortete Sirius mit plötzlicher Bitterkeit in der Stimme. „Oh.“ Lillyan wusste nicht, was sie sonst sagen sollte. Glücklicherweise waren sie inzwischen bei den Torringen auf der rechten Seite angelangt und Erin erklärte die nächste Aufgabe. „Die Jäger bilden Dreiergruppen und fliegen auf die Torstangen zu. Sie passen den Quaffel hin und her und versuchen, mit möglichst gutem Teamspiel ein Tor zu werfen. Die Hüter wechseln sich ab. Die Jäger wechseln die Gruppen durch. Los geht‘s!“ Lillyan schaute Sirius fragend an. „Bilden wir ein Team?“ „Gern!“ er grinste sein lässiges Grinsen und Lillyan atmete erleichtert aus: Die Anspannung von vorhin war wieder verschwunden. „Wir brauchen noch jemand dritten.“ sagte Sirius und schaute sich um. „Warte mal- Michael! Michael, kommst du zu uns?“ rief Lillyan zu Michael hinüber, der dankbar lächelte und nickte. Die beiden Sechstklässlerinnen und die Siebtklässlerin bildeten ebenfalls ein Team und Jason Bright blieb übrig. Vor den Torringen schwebte inzwischen Eliias Reaser und wartete darauf, dass die drei Mädchen starteten. Michael, Sirius und Lillyan warteten schwebend, bis sie an der Reihe waren. Die eine Sechstklässlerin begann, indem sie den Quaffel zur anderen warf, die ihn wieder zurückspielte, als Eliias auf sie zuflog. Die Sechstklässlerin warf den Quaffel zur Siebtklässlerin, die nun ohne irgendwelche Hindernisse auf die Torringe zuflog, und die ließ ihn fallen. Unten auf der Tribüne begannen ein paar Gryffindors zu buhen, die Slytherins johlten. Die Siebtklässlerin wurde rot und flog betreten zurück nach hinten. „Es ist okay, Evanna- das kann jedem mal passieren!“ rief Erin. „Gut, weiter im Text!“ Diesmal hatte Sirius den Quaffel zu Beginn. Er flog los und warf den Quaffel zu Lillyan, die ihn mit einem sagenhaften Pass über Sirius Kopf hinweg zu Michael spielte. Von der Tribüne waren bewundernde Laute zu hören. „Klasse, Lillyan!“ hörte sie Lily rufen. Eliias machte den gleichen Fehler wie zuvor und flog gradewegs auf Michael zu. Michael wartete, bis Eliias weit genug von den Torringen entfernt war, bevor er den Quaffel schnell zu Sirius warf, der eine elegante Schleife flog, um Eliias abzulenken, und dann den Quaffel blitzartig zu Lillyan schleuderte, die eine Millisekunde lang zielte und dann warf. Zielsicher flog der Quaffel durch den linken Torring. Auf den Rängen unter ihnen brach die Hölle los: alle klatschten, lachten und brüllten durcheinander. „Schönes Tor! Großartig gespielt, ihr alle!“ schrie Erin glücklich. Lillyan strahlte. „Okay, die Nächsten!“ rief Erin und Michael, Sirius und Lillyan flogen wieder zurück nach hinten. „Du kommst wieder rein, Lillyan!“ sagte Michael zu ihr. „Hast du Erins Gesicht gesehen?“ „Meinst du?“ fragte Lillyan gespielt besorgt. „Nein, ich meine es nicht, ich weiß es!“ grinste Michael und Lillyan lachte. Sirius hatte den Schlagabtausch der beiden mit gerunzelter Stirn verfolgt. Lillyan jedoch merkte davon nichts und wandte sich Jason Bright, Evanna Rancher und Lea Kettering zu, die jetzt zu dritt antraten. Jason flog los und warf den Quaffel zu Lea, die ihn zu Evanna spielte. Eliias, der wieder vor den Torringen schwebte, flog auf sie zu. „Spiel rüber, Evanna!“ schrie Lea, aber anscheinend hatte Evanna sich in den Kopf gesetzt, ihren Fehler von vorhin wieder auszumerzen und ein Tor zu schießen. Sie sah sich hastig um und flog dann weiter auf den mittleren Torring zu. Lillyan sah, wie Erin die Stirn runzelte. „Evanna, gib ab!“ brüllte inzwischen auch Jason, aber Evanna tat so, als hätte sie ihn nicht gehört. Kurz bevor Eliias sie erreichte, flog sie einen Schlenker, der ihn vermutlich austricksen sollte, und warf den Quaffel verzweifelt in Richtung des linken Torrings. Der Quaffel flog viel zu weit nach links und verfehlte den Torring um Meter. „Evanna!“ rief Erin und schaute sie kopfschüttelnd an. Evanna brach in Tränen aus, wendete ihren Besen und flog schluchzend in Richtung Boden davon. „Gut, damit wäre das geklärt.“ Erin seufzte leise. „Die nächsten drei!“ Die folgende halbe Stunde wurde sehr anstrengend. Immer wieder mussten sie gegeneinander antreten, irgendwelche Taktiken anwenden, die Erin ihnen erklärte und dann einzeln gegen die Hüter antreten. Endlich rief Erin: „Gut, ich habe mich entschieden!“ Sofort setzten alle zum Landeanflug an und versammelten sich am Boden um Erin, der sie der Reihe nach ansah. „Ihr seid alle glänzend geflogen.“ lobte er sie. „Aber schließlich musste ich eine Entscheidung treffen. Unsere Jäger werden…“ Lillyan hielt die Luft an. „Lillyan Whiteley, Sirius Black und Lea Kettering.“ „Ja!“ schrie Lillyan und fiel Sirius, der neben ihr stand, vor Freude um den Hals. Sie erschrak, als sie merkte, wie stürmisch sie gewesen war, aber Sirius lachte nur und erwiderte ihre Umarmung. Lea jubelte ebenfalls und umarmte Lillyan, sobald diese sich wieder von Sirius gelöst hatte. Erin lächelte und beobachtete, wie glücklich die drei waren. Als sich alle wieder halbwegs beruhigt hatten, fuhr er fort: „Michael, Dorothee, Jason, nehmt es nicht so tragisch. Ihr seid die Ersatzjäger. Und ich habe mich für Mandy Kingston als Hüterin entschieden.“ Das große, blonde Mädchen, das sich als einziges Mädchen als Hüterin beworben hatte, schrie vor Freude auf. Auch Lillyan strahlte. Erin hatte wirklich ein gutes Auge bei der Auswahl seines Teams: Mandy war von allen Hütern mit Abstand am besten geflogen. „Steven, du bist der Ersatz für Mandy.“ sagte Erin zu dem breiten Jungen mit dem kurzen, mausbraunen Haar, der sich ganz offensichtlich darüber freute. „Schön, dann könnt ihr jetzt alle auf die Tribüne gehen und ich kümmere mich um den neuen Treiber. Der Sucher steht ja, glaube ich, sowieso schon fest.“ fügte er etwas leiser hinzu. Also machten sich Lillyan und die Anderen auf den Weg zum Tribünenaufgang. Auf halbem Weg kamen ihnen die Bewerber für Treiber und Sucher entgegen. „Gut gemacht, Tatze.“ sagte Potter zu Sirius und schlug ihm auf die Schulter. „Sie werden keine Chance gegen dich haben, Krone!“ erwiderte Sirius grinsend. Potter zuckte nur lässig mit den Schultern und ging weiter. Angeber!, dachte Lillyan. Als sie am Tribünenaufgang ankam, wartete Lily dort bereits auf sie und das zum Glück ohne Snape, wie Lillyan erleichtert feststellte. Hinter ihr erkannte Lillyan die Gesichter von Emily, Mary und Olivia, die alle drei von einem Ohr zum anderen grinsten. „Herzlichen Glückwunsch, Lillyan! Ich wusste, dass du es schaffst! Du warst die Beste von allen!“ rief Lily und umarmte Lillyan, sobald diese in ihre Reichweite kam. „Danke.“ sagte Lillyan grinsend. „Im Ernst, das war voll hart!“ bestätigte Emily und umarmte sie ebenfalls. „Wer ist eigentlich noch im Team?“ fragte Lily neugierig. „Wir konnten nichts hören, was Erin zu euch gesagt hat. Wir haben nur gesehen, dass du dich megamäßig gefreut hast.“ „Die beiden anderen Jäger sind Sirius… -Black…“ setzte sie schnell noch hinzu (Lily sollte bloß nicht merken, dass sie ihn bereits kannte!) „… und Lea Kettering. Hüterin ist Mandy Kingston geworden. Sie ist wirklich großartig!“ Lillyan redete schnell weiter, da ihr aufgefallen war, dass Lily bei Sirius Namen die Stirn gerunzelt hatte. „Kommt, wollen wir nicht hinaufgehen und bei der Auswahl für Treiber und Sucher zuschauen?“ „Klar, gerne!“ sagte Olivia. „Auch wenn ich mir bereits für die von den Jägern und für den Hüter den Hintern plattgesessen habe!“ Sie kicherte und dann liefen die sechs gemeinsam die Treppe zur Tribüne hinauf.
    Eine weitere Stunde später war es schließlich geschafft. Der zweite Treiber wurde John Robinson, der erstaunlicher Weise ein recht schmaler Drittklässler war, jedoch die Klatscher so gut unter Kontrolle hatte, dass er es mit einem gezielten Schlag geschafft hatte, einen Sechstklässler auf der anderen Seite den Feldes zu treffen. Der Sucher blieb natürlich James Potter, der die anderen Bewerber mit solch einer Lässigkeit in den Schatten geflogen hatte, dass selbst Lily sich ein bewunderndes „Wow!“ nicht hatte verkneifen können. Zum Schluss hatte Erin das ganze neue Team noch einmal auf dem Spielfeld versammelt, ihnen gesagt, dass er glücklich sei, so gute Spieler gefunden zu haben und sie schließlich gebeten, am Dienstagabend alle zur ersten Teambesprechung zu kommen. Damit waren die Testspiele offiziell beendet und Lillyan ihre Freundinnen beeilten sich, ins Schloss zu kommen um vielleicht doch noch etwas zu Essen zu bekommen. Glücklicherweise hatte Professor Dumbledore bereits vorgesorgt. Als die Sechs atemlos in die Große Halle gestürmt kamen, waren die Tische immer noch für das Mittagessen gedeckt und überall standen große Schüsseln mit Fleisch- und Gemüseeintopf und Krüge voll eiskaltem Kürbissaft. Blitzschnell saßen die Mädchen am Tisch und häuften Unmengen von Essen auf ihre Teller. Lillyan schenkte sich gerade einen Becher Kürbissaft ein, als James Potter zusammen mit seinen Freunden die Große Halle betrat. Er und Sirius gingen voraus und lachten über irgendetwas, Moony und der Kleine kamen hinterher. Schnell senkte Lillyan den Blick auf ihren Teller und schob sich eine Gabel Eintopf in den Mund. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie die vier zum Gryffindortisch hinüberkamen und sich, ein paar Meter entfernt von Lillyan und ihren Freundinnen, niederließen. Lillyans Freundinnen hatten davon keinerlei Notiz genommen und unterhielten sich weiter, Lillyan jedoch behielt die Jungs unauffällig weiter im Auge. Moony redete jetzt mit Sirius, der Kleine starrte missmutig in seinen Teller und James Potter verwuschelte schon wieder sein Haar, sodass es noch wirrer von Kopf abstand als es sowieso bereits der Fall war. Er warf einen verstohlenen Seitenblick zu Lily hinüber, aber die war viel zu sehr damit beschäftigt, sich von Emily erklären zu lassen, wer Pamela und Paula waren, da diese gerade eine hitzige Diskussion mit Olivia begonnen hatte. „Nein, Olivia! Ich diskutiere das nicht mit dir! Die beiden Mäuse bleiben bei uns im Schlafsaal und es ist mir egal, ob du Angst vor ihnen hast oder nicht!“ hörte Lillyan sie wütend sagen. Olivia schnaubte beleidigt und wandte sich ab. „Apropos: Hast du die beiden heute Morgen gefüttert, Lillyan?“ wandte sich Emily an Lillyan. „Ja, ich hab ihnen ein Paar Körner in den Käfig gestreut.“ antwortete diese abwesend. James Potter guckte immer noch zu Lily herüber, allmählich ziemlich frustriert. Plötzlich schoss Lillyan ein Gedanke durch den Kopf. Ein verrückter Gedanke. Das war doch unmöglich! Oder vielleicht doch nicht? Konnte es sein, dass James Potter in Lily verliebt war? Theoretisch würde das alles erklären. Andauernd schaute er zu ihr herüber, war besonders angeberisch in ihrer Nähe und - war das vielleicht sogar die Erklärung dafür, dass er am liebsten auf Snape losging? War er etwa eifersüchtig? Fassungslos schaute Lillyan von James zu Lily und wieder zurück. Das war es! Die Lösung lag auf der Hand! Dass sie das erst jetzt gemerkt hatte… Sie schaute wieder zu James hinüber. Der hatte seinen Versuch, Lily auf sich aufmerksam zu machen, inzwischen aufgegeben und stocherte in seinem Auflauf herum. Lillyans Blick wanderte zu Sirius herüber. Im selben Moment drehte Sirius plötzlich den Kopf in ihre Richtung. Als er sah, dass sie ihn anschaute, grinste er ihr fröhlich zu. In Lillyans Magen startete ein kleines Feuerwerk. Zögernd grinste sie zurück. Im nächsten Moment sagte der Kleine jedoch irgendetwas zu Sirius und der wandte sich ab, um ihm zu antworten. Schnell trank Lillyan ein paar Schlucke Kürbissaft, um ihr Lächeln zu verbergen, dann konzentrierte sie sich wieder auf das Gespräch ihrer Freundinnen. „Wann ist eigentlich das nächste Hogsmeade Wochenende?“ fragte Mary gerade. „Meine kleine Schwester wird bald neun und will zum Geburtstag unbedingt diese Zahnweiß- Pfefferminzlakritze aus dem Honigtopf haben.“ „Ich glaub in zwei Wochen schon.“ Lily seufzte zufrieden und schob ihren Teller weg. „Wird aber auch höchste Zeit! Ich brauch dringend eine neue Feder.“ „Gehen wir wieder alle zusammen?“ fragte Olivia. „Na klar, oder?“ Lillyan leerte ihren Becher und sah die anderen an. Zu ihrem Erstaunen war Emily rot wie Klatschmohn geworden. „Na komm schon, Em! Sag es ihnen!“ drängte Mary Emily kichernd. „Also…“ begann Emily zögernd und wurde noch röter, als sie ohnehin schon war. „Als ich vorhin mit Mary im Gemeinschaftsraum war, kam Michael zu uns und hat mich gefragt, ob-“ verlegen verstummte sie. „Ob du mit ihm nach Hogsmeade gehen willst.“ beendete Lily den Satz für sie. Emily wusste nicht, wo sie hingucken sollte. „Echt jetzt?“ Lillyan grinste. „Das ist ja voll cool!“ „Und? Wie findest du ihn?“ gespannt schaute Olivia Emily an. „Sie konnte kaum die Augen von ihm lassen!“ verriet Mary und beide kicherten los wie zwei Erstklässlerinnen. „Natürlich kann Emily mit Michael nach Hogsmeade gehen!“ unterbrach Lily die beiden ungeduldig. „Dann gehen wir eben zu fünft, oder?“ Diesmal widersprach niemand und damit war das Thema beendet.

    2
    2. Hogsmeade
    In den nächsten zwei Wochen hatte Lillyan mit Hausaufgaben und Quidditchtraining so viel zu tun, dass sie kaum mehr Zeit dazu hatte, sich über James Potter und seine Freunde Gedanken zu machen. Erin hatte so viele Trainingsstunden wie noch nie zuvor angesetzt, denn bald schon sollte das erste Spiel der Saison stattfinden: Gryffindor gegen Slytherin. Der Druck auf das Gryffindorteam war jetzt enorm, denn wenn sie gewinnen würden, würden sie zum ersten Mal seit zwanzig Jahren Slytherin schlagen und davon träumten nicht nur die Gryffindors, sondern auch die Hufflepuffs und die Ravenclaws. Lillyan hatte nur noch einmal ein paar Worte mit Sirius gewechselt, und das war nach einer besonders harten Trainingsstunde im strömenden Regen gewesen. Sie waren zusammen zum Schloss gelaufen und hatten über ihre Chancen diskutiert, Slytherin beim Spiel zu schlagen. Lillyan konnte es sich nicht erklären, aber immer wenn sie an Sirius dachte, war ihr seltsam traurig zumute und auch die Tatsache, dass sie sich außerhalb vom Quidditchtraining nichts miteinander zu tun hatten, bedrückte sie. Selbst im Training hatten sie nicht viel miteinander zu tun, da er meistens mit Potter zusammenhing. Irgendwie hatte Lillyan das Gefühl, dass er ihr absichtlich aus dem Weg ging, aber was sollte er für einen Grund dazu haben? Nur eines spürte sie immer deutlicher: Sie vermisste ihn. Sie vermisste seine gute Laune, sein fröhliches Grinsen, seine glänzenden Augen. Auch wenn sie das niemals zugegeben hätte. „Lillyan, alles okay?“ fragte Lily sie eines Morgens besorgt, als sie gemeinsam zum Frühstück herunterliefen. „Du bist so still in letzter Zeit.“ „Ja, mir geht’s gut.“ antwortete Lillyan. Als Lily sie misstrauisch ansah, fügte sie schnell hinzu: „Ich muss nur mal raus aus diesem ganzen Stress. Ein Glück, dass wir heute nach Hogsmeade gehen!“ Lily schien immer noch nicht ganz überzeugt zu sein, aber sie gab sich mit der Antwort zufrieden. Zusammen betraten sie die Große Halle. Ohrenbetäubender Lärm schlug ihnen entgegen. Irgendwer hatte anscheinend in einem Anflug von Vorfreude auf den heutigen Hogsmeadebesuch einen Haufen Zauberknallfrösche in die Große Halle geworfen, die jetzt knallend und zischend durch den ganzen Raum hüpften. Viele Schüler fanden die Frösche sehr unterhaltsam und schauten ihnen zu, die Lehrer schienen das Ganze allerdings weniger spaßig zu finden. Professor Jenkins saß mit missbilligendem Gesicht auf seinem Stuhl und Professor Binns zuckte bei jedem Knall heftig zusammen. „He, guck mal Lill! McGonagall ist wieder da!“ flüsterte Lily ihr plötzlich ins Ohr. Und tatsächlich, da saß sie, mitten unter den anderen Lehrern. Sie war etwas blass um die Nase aber ansonsten sah sie aus wie immer. Das schwarze Haar war zu einem strengen Knoten aufgesteckt und sie trug einen langen, smaragdgrünen Umhang. Gerade redete sie mit Professor Dumbledore. „Stimmt! Dann haben wir jetzt wohl wieder bei ihr Verwandlung.“ flüsterte Lillyan zurück. „Bestimmt. Eigentlich schade. Dumbledore ist nicht so sparsam mit Lob!“ seufzte Lily. „Ja, aber ich freue mich trotzdem, dass sie wieder da ist.“ meinte Lillyan. „Ich kann sie gut leiden, obwohl sie manchmal ein bisschen zu streng ist.“ „Ich ja auch.“ Lily setzte sich an ihren Platz und nahm sich Rührei. Lillyan hatte sich gerade neben sie gesetzt, als es über ihnen plötzlich rauschte. Hunderte von Eulen flogen durch einige geöffnete Luken an der Wand und ließen Briefe und kleine Päckchen auf die Schüler hinabregnen. „Schau, die Post kommt!“ rief Lillyan lachend, als ihre Waldohreule Pixie und die Schleiereule ihrer Mutter vor ihr landeten, Pixie mit einem Brief im Schnabel, die Schleiereule, die Lillyan Minerva genannt hatte, weil sie stets genauso streng dreinschaute wie Professor McGonagall, hatte ein kleines Päckchen um die Füße gebunden. „Danke, Pix! Danke, Minerva!“ Lillyan nahm den beiden ihre Last ab und streichelte ihnen das Gefieder. Lily musste kichern. „Ich find’s immer noch lustig, dass du sie Minerva genannt hast.“ Lillyan grinste nur und öffnete den Brief.

    Liebe Lillyan,
    wir hoffen, dir geht es gut. Hier Zuhause gibt es nicht viel Neues, nur wollte deine Mutter gestern mal wieder versuchen, Minerva mit Salat zu füttern. Glücklicherweise konnte ich sie gerade noch davon abhalten! Toby vermisst dich immer noch sehr. Er wird wieder eine Weile brauchen um zu verstehen, dass du bis nächsten Sommer nicht mehr nach Hause kommst, aber mach dir keine Sorgen, wir kümmern uns um ihn. Das mit Weihnachten tut mir übrigens leid, aber wenn ich auf Geschäftsreise in Frankreich bin und deine Mutter bei Tante Zoe zu Besuch ist, ist es vielleicht wirklich besser, wenn du über die Weihnachtsferien in Hogwarts bleibst. Du hast ja gesagt, das wäre für dich in Ordnung. Übrigens: Herzlichen Glückwunsch, auch von deiner Mutter! Wir wussten ja gleich, dass du es wieder ins Quidditchteam schaffst! Wir wünschen dir auch viel Spaß in Hogsmeade und ich hoffe, dass dieser Brief noch rechtzeitig ankommt, weil ich dich gerne Fragen wollte, ob du mir vielleicht auch ein paar Süßigkeiten aus dem Honigtopf mitbringst? Alles Liebe, melde dich bald wieder,
    Dad
    P.S.: In dem Päckchen, das wir mitschicken, ist ein neues Fässchen mit dieser Farbwechseltinte die du so magst. Wir dachten uns, dass dein Fässchen bestimmt inzwischen leer ist.

    Lillyan musste lächeln. Das klang ganz nach Zuhause! Ihre Mutter war stets ein wenig experimentierfreudig und ihr Vater ein richtiger Kindskopf. Das einzige, das ihr Leid tat, war, dass Toby traurig war. Toby war Lillyans Hund, ein niedlicher kleiner Cockerspaniel mit lustigen dunklen Augen. Lillyan hatte ihn zu ihrem zehnten Geburtstag bekommen, aber zu diesem Zeitpunkt hatten ja weder sie noch ihre Eltern ahnen können, dass Lillyan bald nach Hogwarts gehen würde, wo Hunde nicht erlaubt waren. Jetzt sah Lillyan Toby eben nur noch in den Ferien. Aber das mit der Farbwechseltinte war wirklich lieb, denn ihr Fässchen war tatsächlich schon ziemlich leer. Ursprünglich hatte sie vorgehabt, heute in Hogsmeade ein neues zu kaufen, aber das hatte sich ja damit erledigt. Lillyan verstaute das Päckchen ohne es zu öffnen in ihrem Umhang und kraulte Minerva unter dem Schnabel. Die kniff Lillyan zärtlich in den Finger und schwang sich wieder in die Luft. Auch Pixie machte sich wieder auf den Weg, jedoch nicht ohne den Schnabel vorher in Lillyans Kürbissaft zu stecken. Lillyan lächelte und sah ihnen nach, dann wandte sie sich Lily zu, vor der ihre große Schneeeule gelandet war. „Und? Gibt’s was Neues?“ fragte sie. „Nee.“ Lily schüttelte den Kopf. „Petunia hat eine Erkältung aber sonst geht es allen gut.“ „Ist sie eigentlich immer noch eifersüchtig auf dich?“ Lillyan nahm sich ein Brötchen. „Klar.“ Lily zuckte gleichgültig die Schultern. „Ist mir aber auch egal.“ Lillyan nickte erleichtert. Petunia war Lilys große Schwester, die Eltern der beiden waren Muggel. Aber nur Lily hatte den Hogwartsbrief bekommen und nicht Petunia. Diese war anfangs schrecklich eifersüchtig auf Lily gewesen und Lillyan erinnerte sich noch gut daran, wie oft Lily nach den Ferien heulend auf ihrem Bett gesessen hatte, weil Petunia sie zu Hause beschimpft hatte. Zum Glück hatte sie sich inzwischen daran gewöhnt und ließ sich nicht mehr so leicht aus der Fassung bringen. Lillyans Gedanken schweiften ab. Ihr fiel das letzte Quidditchtraining wieder ein. Sie, Lea und Sirius waren inzwischen wirklich ein gutes Team geworden. Beim letzten Training hatten sie zusammen elf Tore erzielt, und bei Mandy als Hüterin auch nur ein Tor zu werfen, war so gut wie unmöglich. Erin hatte beinahe geweint vor Freude. „Dieses Jahr bekommen wir den Quidditchpokal!“ hatte er gesagt. Seit mehr als zwanzig Jahren schon hatte Gryffindor den Quidditchpokal nicht mehr gewonnen. Seit Lillyan dabei war, waren sie zwar schon oft nah dran gewesen, aber jedes Mal hatte es aus anderen Gründen nicht geklappt. Letztes Jahr zum Beispiel war Lillyan zu Anfang des letzten Spiels ein Klatscher in den Rücken geflogen und sie hatte keine Luft mehr bekommen. Sie hatte in den Krankenflügel gemusst und noch nicht einmal James Potters spektakulärer Schnatzfang hatte das Gryffindorteam noch vor der Niederlage bewahren können. Aber Erin hatte recht: Dieses Jahr hatten sie wirklich gute Chancen. Sie hatten eine geniale Hüterin, zwei unglaublich talentierte Treiber (Erin und John waren wirklich klasse aufeinander eingespielt), drei fabelhafte Jäger und den besten Sucher der Schule und mit Sicherheit halb Europas. Lily riss Lillyan aus ihren Gedanken. „Lillyan, können wir nachher zu Schreiberlings gehen? Ich brauch eine neue Feder!“ „Klar, solange wir in den Honigtopf gehen…“ Lillyan schob sich den Rest ihres Brötchens in den Mund. „Und zu Zonkos. Ich muss meinem Vater unbedingt so ein schäumendes Scherzglas zu Weihnachten schenken.“ „Hey, keine schlechte Idee!“ Lily grinste und stand auf. „Gehen wir nach oben?“ Lillyan nickte und zusammen machten sie sich auf den Weg hinauf in den Schlafsaal.
    *
    Zwei Stunden später stand Lillyan zusammen mit Lily und allen anderen Schülern, die nach Hogsmeade gehen wollten, vor dem Schlosstor und wartete auf Professor McGonagall. Der Himmel war bewölkt, aber ab und zu kam die Sonne zum Vorschein und tauchte die Ländereien in gleißendes Licht. Vergnügt blinzelte Lillyan in die vereinzelten Sonnenstrahlen. Der Wind wehte ihr das lange, dunkle Haar aus dem Gesicht. Heute war es noch einmal so richtig schön warm, deshalb trug Lillyan ein leichtes buntes Sommerkleid, das sehr gut zu ihrer gebräunten Haut und ihren hübschen dunklen Augen passte. Auch Lily hatte sich für den Hogsmeadebesuch etwas Besonderes ausgesucht: Sie trug ein weites, dunkelrotes Trägerkleid, das exakt den gleichen Farbton hatte wie ihr Haar, das heute in langen, offenen Wellen über ihre Schultern fiel. „Ach, ist das herrlich hier draußen!“ seufzte sie glücklich. „Heute drinnen zu sitzen und zu lernen wäre wirklich Verschwendung gewesen!“ Lillyan lächelte nur. Gerade kam die Sonne wieder hinter einer Wolke hervor. Sie schloss die Augen und genoss die Wärme, die sich auf ihrer Haut ausbreitete. Plötzlich hörte sie eine wohlbekannte Stimme. Professor McGonagall war zurückgekehrt. Sie hatte eine lange Pergamentrolle in der Hand und diskutierte lautstark mit einem Drittklässler, der anscheinend sein Hogsmeade Formular verloren hatte. „Nein, Finchley, da können sie noch so lange mit mir diskutieren, ich werde meine Meinung nicht ändern! Kein Formular, kein Hogsmeadebesuch, das gilt auch für Sie!“ Verärgert drehte sie ihm den Rücken zu und hastete nach vorne zum Schlosstor, das der Hausmeister Mr. Filch gerade öffnete. Der Drittklässler schaute ihr todunglücklich hinterher. Plötzlich kam hinter ihm Jemand aus der Eingangshalle geschossen, so schnell, dass er den Drittklässler über den Haufen rannte. Beide stürzten zu Boden. Im nächsten Moment jedoch war ein glücklicher Aufschrei zu hören: Der Junge, der in den Drittklässler hineingerannt war, hatte dessen Formular gefunden. „Was ist denn nun wieder los?“ rief Professor McGonagall vollkommen entnervt und eilte zu den Beiden hinüber. „Richard hat mein Formular gefunden, Professor!“ rief der Drittklässler überglücklich und umarmte den anderen Jungen. Professor McGonagall seufzte kopfschüttelnd. „Da hätten wir uns den ganzen Ärger ja sparen können, was? Seien Sie froh, dass Smith ihnen geholfen hat, Finchley! Gut, dann kann es ja jetzt endlich losgehen!“ Geschäftig lief sie zurück zum Eingangstor. „Diejenigen, deren Nachnamen ich vorlese, dürfen gehen. Mr. Filch wird kontrollieren, dass niemand ohne Erlaubnis losgeht.“ Sie zückte die Pergamentrolle und rollte sie auseinander. „Aus der dritten Klasse Bright, Finchley, Naughton, Robinson, Smith, …“ Stück für Stück verließen die Drittklässler das Schulgelände. Als alle Drittklässler fort waren, kamen die Viertklässler. „Day, Graham, Major, Thornton, McDonald, North, Thompson, Whiteley, …“ Zusammen mit ihren Freundinnen ging Lillyan zum Schlosstor hinüber und schloss sich den anderen Schülern an, die einzeln durch das Tor traten. Mr. Filch stand missgelaunt davor und hakte jeden auf einer Liste ab. Als Lillyan und ihre Freundinnen schließlich alle draußen waren, hakten sie sich beieinander ein und machten sich auf den Weg nach Hogsmeade.
    *
    Hogsmeade war ein kleines Dorf am anderen Ende des großen Sees, an dem Hogwarts lag. Trotzdem war es sehr bekannt, da es der einzige Ort in ganz Großbritannien war, an dem nur Hexen und Zauberer lebten. Lillyan war im letzten Schuljahr schon viele Male dort gewesen und jedes Mal war sie aufs Neue begeistert gewesen. Die große Einkaufsstraße in Hogsmeade war einfach wunderbar! Alles konnte man dort kaufen; Geschenke, Süßigkeiten, Schreibwaren, Scherzartikel, … Kein Wunder, dass Hogsmeade als Einkaufsmöglichkeit fast genauso berühmt war wie die Winkelgasse! Als Lillyan und ihre Freundinnen endlich in Hogsmeade eintrafen, ging es in den Straßen bereits hoch her. Scharen von Hexen und Zauberern streiften durch die Einkaufsstraße oder saßen vor den Drei Besen in der Sonne. „Und? Wohin gehen wir als erstes?“ fragte Lily. In ihren grünen Augen blitzte die Abenteuerlust auf. Auch Lillyan spürte, wie sie immer ausgelassener wurde: Die Freiheit, ab und zu mal außerhalb von Hogwarts zu sein, war ein seltenes Vergnügen und obwohl Lillyan das Schloss liebte, war sie doch froh, mal ein paar Stunden Abwechslung zu haben. „Können wir zuerst zu Zonkos gehen?“ fragte Mary. „Nein, in den Honigtopf!“ rief Olivia dazwischen. „Sagt mal, wie wär’s, wenn wir als erstes in den Drei Besen etwas trinken?“ schlug Lillyan vor und da nach dem langen Weg von Hogwarts hierher alle durstig waren, nahmen sie ihren Vorschlag an. Zehn Minuten später saßen alle vier unter einem überdimensionalen Sonnenschirm vor den drei Besen und tranken Butterbier. Lillyan hätte es eigentlich nicht erwartet, aber es schmeckte auch im Sommer gut. Glücklich saß sie auf ihrem Stuhl und beobachtete die Menschen, die vorbeiliefen. Inzwischen bestanden diese hauptsächlich aus Hogwartsschülern, aber ab und zu schoben sich auch andere, sehr interessante Gestalten an ihrem Tisch vorbei. Lillyan entdeckte an der Ecke von Besenknechts Sonntagsstaat sogar eine Hexe, die verdächtig nach einer Vettel aussah und weiter hinten standen drei Zauberer mit großen Turbanen im Kreis und flüsterten miteinander. „Ist schon immer wieder erstaunlich, was man hier alles für Menschen begegnet, was?“ Lily war Lillyans Blick gefolgt und beobachtete nun ebenfalls die Vettel, die gerade mit ihrem langen dreckigen Fingernagel an dem Buch herumkratzte, dass sie in der Hand hielt, und dann in Derwish&Banges verschwand. „Stimmt.“ Lillyan wandte sich Lily zu und nahm einen Schluck Butterbier. „Gehen wir danach zu Zonkos?“ fragte Mary, aber Lillyan hörte noch mit halbem Ohr, wie Lily ihr zustimmte. Sie war gerade mit etwas ganz anderem beschäftigt. Da vorne vor dem Honigtopf stand nämlich der Kleine mit den wässrigen Augen und wo er war, waren seine Freunde nicht weit. Tatsächlich kam einen Moment später Moony aus dem Honigtopf und gesellte sich zu ihm. Lillyan kniff die Augen zusammen, um ihn besser sehen zu können. Er sah abgemagert aus und war ein wenig blass um die Nase, schien jedoch ansonsten relativ guter Dinge zu sein. Fröhlich grinsend sagte er etwas zu dem Kleinen, der erst erstaunt aussah, aber dann aufgedreht anfing zu lachen. Plötzlich spürte Lillyan, wie sie sich auf ihrem Stuhl versteifte. James Potter trat aus dem Honigtopf und neben ihm- Sirius. Die beiden lachten ebenfalls, nur im Gegensatz zu dem Kleinen sah das bei ihnen cool und lässig aus. Schnell wandte Lillyan den Blick ab und schaute zu ihren Freundinnen. Lily diskutierte schon wieder mit Olivia, wahrscheinlich ging es wieder um die beiden Mäuse, die in ihrem Schlafsaal wohnten. Mary jedoch starrte verträumt zu den vier Jungs am Honigtopf hinüber. „Ach, er ist so süß!“ hörte Lillyan sie flüstern. Ihre Hände verkrampften sich plötzlich in ihrem Schoß und unbändige Wut stieg langsam in ihr auf. „Wen meinst du, Mary?“ brachte sie zwischen den Zähnen heraus, obwohl sie sich plötzlich sicher war, dass sie die Antwort nicht hören wollte. Mary errötete und flüsterte: „Der große mit den dunklen Locken. Er hat so ein süßes Lächeln!“ Lillyan drehte sich der Magen um. In ihr schien irgendetwas zu reißen und plötzlich wollte sie nichts lieber tun als sich auf Mary zu stürzen, sie anzuschreien und ihr diese Gedanken aus dem Kopf zu schlagen. Im nächsten Moment erschrak sie vor sich selbst. Was war nur los mit ihr? Es konnte ihr doch egal sein, dass Mary sich in Sirius verknallt hatte. Aber sobald sie auch nur daran dachte, flammte dieses reißende, schmerzhafte Feuer wieder in ihr auf. Es war ein Gefühl, das Lillyan noch nie zuvor verspürt hatte, und das stürzte sie in abgrundtiefe Verwirrung. Was empfand sie für Sirius, wenn allein der Gedanke, dass Mary sich in ihn verliebt hatte, sie so wütend machte? Wie ein Schlag traf sie die Lösung mitten ins Gesicht. Liebe. Aber… das konnte doch nicht sein! Nein! Sie war noch nie verliebt gewesen, das Gefühl war ihr fremd. Aber gab es überhaupt eine andere Möglichkeit? Sirius war ihr wichtig, sehr wichtig sogar. Sie kannte ihn ja noch nicht einmal richtig, aber wenn sie so darüber nachdachte, war es die einzige Erklärung für das, was sie für ihn empfand. Dann musste das reißende Feuer wohl Eifersucht sein. Lillyan merkte, wie ihr Gehirn eine Verbindung zwischen dem Wort und dem Gefühl herstellte und wunderte sich darüber. Überhaupt, sie war gerade mehr als verwirrt und plötzlich wünschte sie sich nichts mehr, als ein wenig Ruhe und Zeit zum Nachdenken. „Lillyan?“ Lillyan schaute auf. Die anderen waren aufgestanden. „Kommst du?“ „Klar!“ Schnell sprang auch Lillyan auf. Alle Gedanken jedoch, die ihr gerade durch den Kopf gegangen waren, sperrte sie in ihrem Hinterkopf in eine Schublade. Sie würde später noch genug Zeit haben, in Ruhe über alles nachzudenken.
    *
    Zuerst gingen sie zu Zonkos und Lillyan vergaß automatsch alles andere. Alle möglichen und unmöglichen Arten von Scherzartikeln häuften sich an den Wänden, in den Regalen und auf dem Boden, verpackt in verschiedensten Schachteln mit den unterschiedlichsten Farben. Darauf standen die erstaunlichsten Namen. Lillyan ließ ihren Blick durch den Laden schweifen. ‚Flitzende Fußfallen! ‘ hieß es auf einer kleinen, gelben Packung. ‚Kreischende Kegel‘ auf einer großen hellblauen. Es gab einfach die wundersamsten Dinge, deshalb war es auch nicht verwunderlich, dass der Laden brechend voll war. „Wow, ist das voll hier!“ Lily schob sich hinter Lillyan durch die Türe. „Allerdings!“ Lillyan kämpfte sich zu einem großen Stapel blauer Päckchen durch, über denen auf einem großen Plakat zu lesen war: ‚Wirbelnde Wasserwerfer- verwässern Sie alles, was Ihnen zu trocken vorkommt! ‘ „Die würde ich ganz besonders empfehlen!“ sagte ein Verkäufer zu ihr, als sie eine der Packungen in die Hand nahm. „Man hat sie in einem Glas, tragbar, ganz einfach- und wenn jemand kommt, dann schraubt man den Deckel ab und wirft das Glas in dessen Richtung, das Glas löst sich auf, das Wasser fliegt weiter, der Wirbel wird immer größer und durchnässt die Zielperson bis auf die Haut!“ Lillyan grinste. Das hörte sich schon mal gar nicht schlecht an! „Wie viel kostet einer?“ fragte sie den Verkäufer. „Fünf Knuts!“ antwortete dieser. Dann nehm ich vier Stück!“ sagte Lillyan. „Bitte sehr!“ der Verkäufer rechte ihr vier kleine Schachteln. „Danke!“ Lillyan nahm die Schachteln entgegen. Sie schaute sich um. Die flitzenden Fußfallen klangen auch nicht schlecht, aber zuerst wollte sie das Schäumende Scherzglas für ihren Vater besorgen. Der Witz dabei war, dass die Flüssigkeit, sobald sie in das Glas gegeben wurde, hochschäumte und überlief und immer weiter überlief, solange, bis man das Glas ausleerte. Lillyan wandte sich wieder dem Verkäufer zu. „Entschuldigung, könnten sie mit vielleicht sagen, wo es hier drinnen Schäumende Scherzgläser gibt?“ „Oh, die sind gerade ausverkauft! Aber wie wäre es stattdessen mit einem Kippenden Kelch?“ fragte der Verkäufer beflissen. „Sobald man etwas in den Kelch gibt, kippt er um, aber die Flüssigkeit bleibt drinnen!“ „Hört sich gut an!“ Lillyan grinste. „Die gibt’s dort vorne!“ sagte der Verkäufer, zwinkerte ihr zu und begann wieder, die Regale zu ordnen. Innerhalb der nächsten halben Stunde kämpfte Lillyan sich kreuz und quer durch den Laden, aber mit Erfolg. Sie erwarb vier Taschen voller Scherzartikel und ihr Geldbeutel büßte die Hälfte seines Inhalts ein. Erschöpft, aber glücklich und beladen mit Päckchen, Tüten und Taschen, verließen Lillyan und ihre Freundinnen Zonkos schließlich wieder. „Und jetzt? In den Honigtopf?“ wollte Olivia wissen. „Natürlich! Denkst du, dass wir uns den entgehen lassen?“ Lily machte ein paar übermütige Sprünge und drehte sich schwungvoll um die eigene Achse. Es war gerade mal drei Uhr und sie hatten noch volle zweieinhalb Stunden, bis sie sich wieder auf den Heimweg machen mussten. Trotzdem beeilten sie sich, in den Honigtopf zu kommen. Der war sogar noch voller als Zonkos und die vier mussten richtig drängeln, um überhaupt hineinzukommen. Sobald sie drinnen waren, fühlten sie sich jedoch wie im Paradies. Es gab die tollsten Süßigkeiten: Dicke, sahnige Schokoladenriegel, Himbeerlakritze, Schokofrösche, Bertie Botts Bohnen jeder Geschmacksrichtung, Gesangschildkröten (Das waren Schildkröten aus Zuckerglas, bei denen man, wenn man sie gegessen hatte, eine Minute lang „Murx, der große Riese“ sang), Lakritzzauberstäbe, Butterbiercreme, essbare Zitronenfalter, Zischende Wissbies, … Lillyan konnte es jedes Mal wieder kaum fassen, was es alles für Süßigkeiten gab. „Irre!“ Olivia blieb verzückt vor einer Schachtel farbwechselnder Bonbons stehen. „Wusstet ihr, dass während man die isst, die Haare auch die Farbe wechseln?“ Lillyan musste kichern. „Schaut mal, ein Lippenstift mit Kirschgeschmack, hält eine Stunde!“ las Mary von einem Schild ab. „Wie cool- da kann man eine ganze Unterrichtsstunde lang auf der Unterlippe herumkauen und es schmeckt nach Kirsche!“ Lillyan jedoch hatte etwas ganz anderes entdeckt. ‚Bäumchen- wechsel- dich Schokolade‘ stand auf einem anderen Schild. Das hörte sich doch ganz nach etwas für ihren Vater an! Lillyan zwängte sich durch die Menschenmenge und beäugte die Schokolade im Schaufenster. Es waren viele kleine Bäume aus weißer, brauner und dunkler Schokolade, die, wenn man sie im Kreis aufstellte, wild durcheinander hüpften und schließlich die Plätze wechselten. Lily war hinter Lillyan getreten und lachte. „Willst du die deinem Vater schenken?“ fragte sie. „Ich glaub schon!“ Lillyan musste auch lachen. Die hüpfenden Bäumchen sahen wirklich zu komisch aus! „Schau mal was ich gefunden hab!“ grinsend hielt Lily ihr eine Schachtel mit Pilzen aus Kuchenteig unter die Nase. Die Pilze standen bewegungslos da, dann niesten sie plötzlich alle auf einmal. „Niesende Pilze!“ sagte Lily. Lillyan begann zu kichern. „Cool! Wo hast du die her?“ „Na von da hinten!“ Lily zog Lillyan mit sich. „Komm, ich zeig‘s dir!“ In den nächsten zehn Minuten rannte Lillyan von Süßigkeit zu Süßigkeit und kaufte so viel, dass sie es kaum tragen konnte. Als sie schließlich nach draußen traten, ächzten die Mädchen unter der Last der vielen Taschen und Tüten. „Mir graut es schon davor, das hier alles den Berg rauf nach Hogwarts zu schleppen!“ stöhnte Olivia und stellte ihre drei Taschen ab. „Moment mal!“ sagte Lillyan plötzlich. Ihr war eben eine Idee gekommen. „Das musst du gar nicht!“ „Ach ja? Und warum nicht?“ fragte Olivia erstaunt. „Deshalb!“ sagte Lillyan lässig und zog ihren Zauberstab aus der Tasche. Sie richtete ihn auf Olivias Einkaufstaschen und im nächsten Moment waren diese so klein, dass sie sie ohne Probleme in die Hosentasche stecken konnte. „Cool!“ Lily strahlte. Schnell ließ Lillyan auch die Taschen von sich, Mary und Lily schrumpfen. „Wohin gehen wir jetzt?“ wollte sie schließlich wissen. „Also ich muss definitiv zu Schreiberlings!“ stellte Lily fest. „Na dann nichts wie hin!“ Mary hüpfte voraus, während die Anderen etwas würdevoller hinterherkamen. Immer noch war Hogsmeade voller Hogwartsschüler, immer wieder mussten sie anhalten und mit irgendwem reden und schließlich fiel Mary in einer Seitenstraße auch noch hin und schlug sich das Knie auf. „Ganz ruhig, Mary, das kriegt Madam Pomfrey mit einem Schlenker ihres Zauberstabs wieder hin!“ beruhigte Lily ihre aufgeregte Freundin. „Ich weiß. Aua!“ besorgt betrachtete Mary ihr blutendes Knie. „Lillyan?“ fragend sah Lily die Freundin an. „Hast du nicht irgendeinen Spruch parat?“ Lillyan nickte, holte ihren Zauberstab wieder hervor und hockte sich vor Mary auf den Boden. „Jetzt nicht bewegen, Mary!“ warnte Lillyan sie, dann richtete sie ihren Zauberstab auf Marys Wunde. Zum Glück hatte sie erst neulich ein Buch gelesen, das von Heilzaubern handelte. Es gab nur ein Problem: Es war ein Zauber ohne Formel, und so einen hatte Lillyan noch nie ausprobiert. Egal! Es würde schon klappen, wie immer. In Sekundenschnelle nahm Lillyan in Gedanken Verbindung zu ihrem Zauberstab auf, dann konzentrierte sie sich auf Marys Wunde und ließ die Magie los. Ein heller Strahl aus blendendem Licht schoss aus ihrem Zauberstab und traf genau in die Mitte der Verletzung. Im nächsten Moment war die Wunde sauber. „Ferula!“ murmelte Lillyan und schlug vorsichtig gegen Marys Knie. Ein Verband erschien aus der Luft und wickelte sich von allein um die Wunde. „Das ist alles, was ich für dich tun kann.“ sagte Lillyan und stand auf. „Einen Wundenheilzauber kann ich noch nicht. Du wirst nachher in den Krankenflügel gehen müssen.“ „Wow!“ sagte Mary und starrte Lillyan bewundernd an. „Du zauberst so gut, woran in aller Welt liegt das?“ Lillyan grinste nur, aber auch Olivia schaute sie komisch an. „Das ist doch nicht natürlich!“ meinte sie langsam. „Wollten wir nicht zu Schreiberlings?“ Energisch zog Lily Mary und Olivia weiter. Lillyan warf ihr einen dankbaren Blick zu. Sie mochte es nicht, wenn ihre Freundinnen sie so komisch behandelten. Zum Glück waren sie inzwischen bei Schreiberlings Federladen angelangt und während Lily sich eine neue Feder aussuchte, betrachteten Mary, Olivia und Lillyan die Auslageware. Eigentlich hatte Lillyan nicht vorgehabt, sich eine neue Feder zu kaufen, aber als sie die schöne gelbe Fwuuperfeder im Schaufenster sah, konnte sie einfach nicht anders. Jede mit einer neuen Feder in der Tasche verließen die vier den Laden schließlich wieder. „Und jetzt?“ Lillyan sah sich um. Es war Nachmittag geworden, die Sonne stand bereits weit im Westen. Lily schaute auf die Uhr. „Wir haben nur noch eine Stunde.“ stellte sie fest. „Gut, dann würde ich sagen, wir gehen noch ein Eis essen und dann machen wir uns auf den Heimweg, oder?“ schlug Lillyan vor. Damit waren alle waren einverstanden, also liefen sie gemächlich zurück zum Honigtopf, kauften sich jede ein Kürbiseis und machten sich dann fröhlich plaudernd auf den Weg zurück nach Hogwarts.
    *
    Gerade rechtzeitig zum Abendessen kehrten Lillyan und ihre Freundinnen nach Hogwarts zurück. Schnell brachten sie ihre Einkäufe in den Schlafsaal, wo Lillyan die Tüten rasch wieder groß werden ließ, dann liefen Olivia und Mary in den Krankenflügel hinauf um Marys Knie verarzten zu lassen. „Gehen wir noch ein bisschen raus auf die Ländereien?“ fragte Lillyan Lily. Die lief rosa an. „Tut mir leid, Lill, aber ich bin mit Sev verabredet.“ „Oh. Ach so. Okay!“ meinte Lillyan wenig begeistert. „Ist wirklich alles in Ordnung mit dir?“ besorgt sah Lily sie an. „Jaja, nun geh schon, sonst muss „Sev“ am Ende noch auf dich warten!“ Lily schnitt ihr eine Grimasse und ging aus dem Schlafsaal. In der Türe drehte sie sich noch mal um. „Ist das wirklich okay?“ fragte sie zögernd. „Klar! Na geh schon!“ Lillyan drehte sich um und nahm ihr Buch aus dem Regal. Die Schlafsaaltüre fiel hinter Lily ins Schloss und Lillyan atmete erleichtert aus. Sie legte sich auf ihr Bett und begann zu lesen, aber jedes Mal wenn sie sich zu konzentrieren versuchte, schien die Gedankenschublade hinten in ihrem Kopf zu rumoren. Gedanken, denen sie sich momentan lieber nicht stellen wollte. Schließlich gab sie es auf und schaute noch einmal ihre Scherzartikeltüte durch. Es juckte sie gewaltig in den Fingern, das Haarsträubepulver bei jemandem auszuprobieren und auch die Wirbelnden Wasserwerfer, aber nein. Das würde sie sich für den passenden Moment aufheben. Also lächelte sie, stand auf und machte sich auf den Weg in die große Halle.
    *
    Das Abendessen war gut, Reiseintopf mit verschiedenen Salaten, aber Lillyan konnte es gar nicht richtig genießen. Ständig spukte die Gedankenschublade in ihrem Hinterkopf herum und jedes Mal kostete es sie mehr Mühe, diese beiseite zu schieben. Als sie schließlich hoch in den Gemeinschaftsraum gingen, forderte Lillyan Olivia zu einem Spiel Zauberkegeln auf, um sich abzulenken. Gemeinsam holten sie ihre neuen Kegel aus dem Schlafsaal. Sie hatten sie heute bei Zonkos gekauft. Wenn man einen davon umkegelte, begann dieser, laut zu kreischen. Kaum hatte Olivia den ersten Kegel zum Schreien gebracht, versammelte sich auch schon halb Gryffindor um sie herum und feuerte beide Mädchen an. Nun standen die zwei erst recht unter Druck. Schließlich gewann Lillyan mit einem knappen Vorsprung. Kaum hatten sie das Spiel beendet, mischten sich andere Gryffindors mit ein und wollten auch mitspielen. Viele brachten ebenfalls ihre eigenen neuen kreischenden Kegel mit und schon bald war es im Gemeinschaftsraum so laut wie auf einem Rummelplatz. Lillyan war das ganz recht. So kam sie jedenfalls nicht zum Nachdenken. Den ganzen restlichen Abend lang schaute sie, dass sie beschäftigt war. Sie spielte Zauberschnippschnapp, Zauberkegeln und Zaubererschach gegen alle, die sie kannte und stellte, zu jedermanns erstaunen, einen neuen Schulrekord im Knallpoker auf. Der Spaß hatte erst ein Ende als Jack Winters, einer der Vertrauensschüler der Gryffindors, um halb elf um Stille bat und erklärte, dass es bereits einige Leute gäbe, die gerne schlafen wollten. Also räumten alle die Zauberkegel weg. Lillyan und ihre Freundinnen entschlossen sich, ebenfalls schlafen zu gehen. Den ganzen Abend lang hatte Lillyan die Gedanken an Sirius aus ihrem Kopf verdrängt, aber jetzt, wo sie im dunklen Schlafsaal lag, hielt sie es nicht mehr länger aus. Sie wusste, dass sie sich diesen Gedanken stellen musste, und zwar jetzt. Sie lauschte in die Dunkelheit. Vier regelmäßige Atemzüge drangen an ihre Ohren. Leise schlug Lillyan ihre Decke zurück und stand auf. Ja, sie musste nachdenken. Aber nicht hier. So schnell sie konnte schlüpfte sie in Jeans, T-Shirt und Stiefel, steckte ihren Zauberstab in die Jackentasche und verließ lautlos den Schlafsaal. Der Gemeinschaftsraum war leer. Durch die großen Fenster fiel das Mondlicht in den Raum und malte bleiche Muster auf den Boden. Wie ein Schatten huschte Lillyan durch den Gemeinschaftsraum zum Portraitloch, stieß es auf und kletterte hinaus. Die Flure von Hogwarts waren dunkel und verlassen. Kein Mensch war zu sehen. So vorsichtig und leise sie konnte schlich Lillyan sich zum Schlosstor. Sie wusste genau, wohin sie wollte, aber das war ein riskantes Unterfangen. Zu ihrer großen Erleichterung schaffte sie es ungesehen bis in die Eingangshalle. Wachsam schaute sie sich noch einmal um, dann richtete sie ihren Zauberstab auf das Schlosstor und flüsterte: „Alohomora!“ Das Portal schwang lautlos auf und Lillyan trat hinaus auf die Ländereien von Hogwarts. Die Geräusche der Nacht empfingen sie. Kühle Nachtluft wehte über ihr Gesicht und ließ ihre Haare im Wind flattern. Sie atmete tief ein. Die frische Luft tat ihr gut und die Dunkelheit und die Natur um sie herum beruhigte sie. Langsam ging sie durch das raschelnde Gras. Immer wieder schaute sie sich um, doch nichts rührte sich. Der verbotene Wald und der schwarze See lagen ruhig und friedlich da und in Hagrids Hütte brannte kein Licht. Gut so. Am Fuße des Astronomieturms blieb Lillyan stehen. Vor dem hohen, türlosen Turm waren zwei verwitterte Steinstufen in die Mauer eingebaut. Lillyan setzte sich auf die unterste Stufe und seufzte leise. Sie konnte die Gedanken nicht mehr länger zurückhalten. Die Zeit war gekommen, sie frei zu lassen. Sie musste herausfinden, was sie für Sirius empfand. Sobald sie an ihn dachte, wurde ihr seltsam warm ums Herz und ihr Magen kribbelte, als ob tausend Schmetterlinge darin herumflatterten. Seine Stimme, sein Gesicht, seine Augen, … alles an ihm ließ ihr Herz höher schlagen. Aber ob sie wirklich verliebt war? Tief in ihrem Inneren kannte sie die Antwort bereits. Ja. Sie war verliebt. Zum ersten Mal in ihrem Leben. Und das ausgerechnet in Sirius Black, den besten Freund von Angeber James Potter, den hübschesten und begehrtesten Jungen der Schule. Sie stöhnte laut und vergrub das Gesicht in den Händen. Mary stand auf ihn. Klar tat sie das. Alle Mädchen standen auf ihn, aber bei Lillyan war das etwas anderes. Sie stand nicht auf ihn weil er gut aussah, sie war in ihn verliebt und zwar in ihn selbst und nicht in sein Aussehen. Und gerade das war dumm. Sehr dumm. Sirius war klug, witzig, cool und beliebt. Warum sollte er sich ausgerechnet sie aussuchen? Es war einfach albern, zu denken, er könnte sie mögen, aber hatte er das nicht sogar gesagt? „Sie ist, glaube ich, das erste Mädchen das ich kennenlerne, das mich nicht ununterbrochen anstarrt.“ Das war zwar im Endeffekt genauso nichtssagend, wie wenn man sagte, dass Wasser nass war, aber die Art wie er es gesagt hatte, gab ihr eine gewisse Hoffnung. Und eben dies war Beweis genug. Oh je, was sollte sie jetzt nur machen? Ob sie es irgendjemand erzählen sollte? Lily schied aus, die verachtete Sirius und außerdem verachtete sie alle Mädchen, die ihn anschmachteten. Nein, Lily kam nicht infrage, Stella würde ihr mit Sicherheit nur unnütze Tipps geben und sonst gab es niemanden, dem sie es erzählen könnte. Mary stand selber auf ihn, Olivia erzählte alles weiter, was man ihr erzählte, und Emily hatte wahrscheinlich mit ihren eigenen Gefühlen genug zu tun. Sie wusste, dass sie es für sich behalten musste, aber gerade jetzt sehnte sie sich nach jemandem, mit dem sie darüber reden konnte. Sie stöhnte leise und stand auf. Morgen früh war das erste Quidditchspiel der Saison, Gryffindor gegen Slytherin, und wenn sie nicht vor lauter Müdigkeit vom Besen fallen wollte, sollte sie langsam mal schlafen gehen. Lillyan ging am schwarzen See entlang zurück zum Eingangstor. Sie hatte keine Lust, schon in den Schlafsaal zurückzukehren, aber sie wollte sich morgen ja nicht blamieren. Das Eingangstor stand nach wie vor offen. Schnell schlüpfte Lillyan hindurch und verriegelte es wieder mit ihrem Zauberstab, dann ging sie nach oben und legte sich schlafen.

    3
    3. Gryffindor gegen Slytherin
    Lillyan wachte auf, weil es neben ihr laut krachte. Erschrocken fuhr sie hoch. Vor ihrem Bett stand Olivia und kringelte sich vor Lachen. „Ich dachte, ich wecke dich, damit du das Quidditchspiel nicht verpasst!“ sagte sie. In der Hand hielt sie einen Zauberknallfrosch. Einen anderen hatte sie wahrscheinlich gerade vor Lillyans Bett hochgehen lassen. Lillyan stöhnte. „Hättest du mich nicht anders wecken können?“ fragte sie genervt und stand auf. „So bist du wenigstens richtig wach!“ meinte Olivia ungerührt. „Fürs Erste.“ Lillyan gähnte, fuhr in ihren Quidditchumhang und begann, sich die Haare zu bürsten. „Wie spät ist es?“ fragte sie Olivia. „Halb acht.“ antwortete diese. „Um halb neun beginnt das Spiel, du hast also noch Zeit!“ Erleichtert nickte Lillyan und legte die Bürste weg. „Wo sind eigentlich die anderen?“ wollte sie wissen. Ihr war aufgefallen, dass der Schlafsaal bis auf sie, Olivia und die beiden Mäuse Pamela und Paula in ihrem Käfig leer war. „Die sind schon frühstücken gegangen.“ Olivia ging zur Türe. „Können wir?“ Lillyan nickte und gemeinsam machten sie sich auf den Weg in die Große Halle. Auf dem Flur begegneten sie Lea Kettering, die ebenfalls bereits ihren Quidditchumhang trug, und fröhlich plaudernd liefen die Mädchen zusammen nach unten. Als sie die große Halle betraten, schlug ihnen die Vorfreude wie eine Welle entgegen. An allen Tischen herrschte große Aufregung: Alle freuten sich auf ein gutes, spannendes Quidditchspiel. Lillyan warf einen Blick hinüber zum Lehrertisch. Professor Dumbledore las über den Rand seiner Halbmondbrille hinweg den Tagespropheten, Professor Sprout redete mit Madam Pomfrey, der Schulkrankenschwester, und Professor Kesselbrand, der Unterricht im Fach Pflege magischer Wesen gab, rührte vergnügt in seinem Tee. Nur Professor McGonagall, die Hauslehrerin von Gryffindor, und Professor Slughorn, der Hauslehrer von Slytherin, wirkten angespannt. Lillyan setzte sich neben Lily und zog einen Teller mit Rührei zu sich heran. „Morgen!“ murmelte sie ihr zu. Lily lächelte sie an. „Und? Aufgeregt?“ fragte sie. „Hält sich in Grenzen!“ meinte Lillyan. „Hab unser Team noch nie besser fliegen sehen!“ „Dass du dich da nur mal nicht täuscht, Whiteley!“ Lillyan und ihre Freundinnen fuhren herum. Drei Jungen in smaragdgrünen Quidditchumhängen standen vor ihnen. Der vorderste war der Quidditchkapitän der Slytherins, Brad Jefferson, breit, muskulös und über das ganze Gesicht feixend. Lillyan hasste ihn. Er war es auch gewesen, der ihr letztes Jahr im Abschlussspiel einen Klatscher in den Rücken geschlagen hatte. Die beiden Jungen hinter ihm waren so verschieden, wie es nur ging. Der eine war klein, hatte braunes Haar und feixte genauso wie Jefferson. Der andere war groß, blond, muskulös und sah tödlich gelangweilt aus. „Oh nein! Nicht der!“ angeekelt musterte Olivia Jefferson. „Was willst du hier? Ist es dir am Spießertisch zu langweilig geworden?“ Jefferson grinste ungerührt weiter. „Wollte nur mal sehen, was am Loosertisch so abgeht. Ihr nehmt doch allen Ernstes schon wieder dieses kleine Schlammblut ins Team auf! Da braucht ihr euch ja nicht wundern, wenn ihr haushoch verliert!“ Lily sprang auf. Ihre Augen blitzten vor Zorn. „Was willst du damit sagen?“ fauchte sie. „Lily!“ Lillyan zog sie zurück. „Lass ihn! Er ist es nicht wert!“ „Ich meine damit, dass es kein Wunder ist, dass euer Haus den Bach runter geht, wenn ihr eure Hoffnungen in Schlammblüter wie dich setzt!“ höhnte er weiter. „Was willst du tun, Evans? Mich verhexen? Vor allen Lehrern?“ „Nein, aber wir holen gleich Professor McGonagall, wenn du jetzt nicht augenblicklich verschwindest!“ mischte sich Emily ein. Jefferson warf ihr einen wütenden Blick zu. „Na wartet, euch werd ich‘s schon noch zeigen!“ knurrte er und ging davon. „Spätestens auf dem Quidditchfeld!“ rief er noch über die Schulter. „Oh Mist!“ geknickt setzte Lily sich wieder. „Jetzt wird er all seine Wut nachher an dir auslassen, Lillyan!“ „Ist schon okay! Mit dem werd ich schon fertig!“ meinte Lillyan ungerührt und häufte sich Schinken auf ihren Teller. „Nein, echt, „Lillyan!“ warf Emily ein. „Wir können uns nicht noch mal ein Spiel ohne dich leisten! Das letzte Mal war das unser Niedergang!“ „Pass einfach auf dich auf, ja?“ sagte Lily und schaute sie besorgt an. „Ist ja gut, ich pass auf, okay?“ Lillyan schob sich eine Gabel voll Rührei in den Mund. „Ist echt bewundernswert!“ sagte Michael kopfschüttelnd. „Was?“ fragte Lillyan. „Ich würde vor einem Quidditchspiel sterben vor Aufregung, und du isst, als wäre nichts!“ Lily warf ihm einen bösen Blick zu. Letztes Jahr hatte sie Lillyan immer dazu überredet, vor dem Spiel etwas zu frühstücken, und sie war froh, dass Lillyan das jetzt von selber tat. „Naja. Ich werd nachher sowieso gleich gut sein, ob ich jetzt was esse oder nicht, und außerdem hab ich Hunger!“ erklärte Lillyan. „Hmm.“ machte Michael und wandte sich ungläubig wieder ab. „Wie war jetzt eigentlich euer Date, Em?“ flüsterte Olivia kichernd, als Michael sich wieder weggedreht hatte. „Ernsthaft, hör auf Olivia, okay? Ich werde darüber nicht reden, und wenn, dann nicht mit dir!“ entnervt drehte Emily ihr den Rücken zu und widmete sich wieder ihrem Astronomiebuch, das sie gegen ihren Kelch gelehnt hatte. Beleidigt kniff Olivia die Lippen zusammen. Lillyan seufzte. Für Streit hatte sie heute wirklich keinen Nerv übrig. Sie brauchte all ihre Kräfte für das Quidditchspiel nachher. „Wir sehen uns später!“ sagte sie zu den anderen und stand auf. Lily nickte und warf ihr einen verständnisvollen Blick zu. Schnell lief Lillyan aus der Großen Halle und die Treppe hinauf. So cool sie vorhin vor Michael auch getan hatte, so war sie doch ziemlich nervös. Vielleicht half es ihr ja, wenn sie ihren Besen holte und schon mal ein paar Runden ums Spielfeld flog. Gedankenversunken lief Lillyan durch die Gänge, die zum Gryffindor Gemeinschaftsraum führten. Gerade ging sie im Kopf die Angriffsstrategien noch mal durch, als plötzlich etwas glühend Heißes an ihrem Gesicht vorbei sauste und an der nächsten Wand explodierte. Sie fuhr herum. „Nein, das tust du nicht!“ schrie eine wutverzerrte Stimme und im nächsten Moment gab es einen lauten Knall. Jefferson, der Kapitän der Slytherins, flog drei Meter durch den Gang und landete mit einem hässlichen Krachen auf dem Boden. Als Lillyan sich erstaunt umschaute, sah sie Sirius auf sich zu rennen, den Zauberstab gezückt und das Gesicht bleich vor Wut. Lillyans Herz machte einen Sprung, als sie ihn erkannte. „Lillyan! Hat er dich erwischt?“ rief er. „Nein! Mir geht’s gut!“ rief sie zurück. Sirius schaute über die Schulter zu Jefferson, der fluchend das Weite suchte. „Wir sind noch nicht fertig!“ brüllte Sirius ihm hinterher, dann lief er schnell zu Lillyan. „Ist wirklich alles okay mit dir?“ fragte er besorgt. „Ja, alles okay.“ Verwirrt schaute sie ihn an. „Was war das denn gerade?“ „Jefferson hat sich von hinten an dich angeschlichen und hat einen Fluch auf dich abgefeuert.“ knurrte er. „Ich hab ihn mit einem Schleuderfluch erwischt, bevor er dich treffen konnte.“ „Was hast du eigentlich hier gemacht?“ fragte Lillyan neugierig. „Ich- ich war gerade dabei, meinen Besen zu holen.“ sagte er schnell, aber irgendwie hatte Lillyan das Gefühl, dass das nicht ganz die Wahrheit war. „Ich auch! Wollen wir gemeinsam hochgehen?“ schlug sie vor. „Gerne!“ Sirius steckte seinen Zauberstab weg und nebeneinander gingen sie zum Gryffindorturm hinauf. „Warum kann Jefferson dich eigentlich nicht leiden?“ wollte Sirius schließlich wissen. „Ich hab euch vorhin streiten sehen.“ „Ach, Jefferson hat es uns Gryffindors nie verziehen, dass wir letztes Jahr um ein Haar den Quidditchpokal gewonnen hätten!“ erzählte Lillyan. „Im letzten Spiel des Jahres hat er mir gleich am Anfang einen Klatscher in den Rücken geschleudert und ich musste in den Krankenflügel. Wir haben haushoch verloren und jetzt denkt er, dass er, wenn er mich rechtzeitig ausschaltet, Slytherin den Weg zum Quidditchpokal freimacht.“ Sirius schüttelte den Kopf. „So denken auch bloß Slytherins, oder? Na warte! Die machen wir nachher auf dem Quidditchfeld fertig!“ Lillyan lachte und nickte. „Ich glaube, wir haben gute Chancen!“ sagte sie. „Ich habe unser Team noch nie besser fliegen sehen!“ „Allerdings!“ Sirius lachte auch und blieb stehen. Sie waren am Portraitloch angelangt. „Suppe!“ sagte Lillyan, bevor die fette Dame nach dem Passwort fragen konnte, das Portrait klappte zur Seite und Lillyan und Sirius kletterten in den Gemeinschaftsraum. Von draußen schien die goldene Oktobersonne durch die Fenster und tauchte den Raum in helles Licht. Heute war es sonnig und windstill. Ideale Bedingungen für Quidditch. Lillyan lächelte unwillkürlich und öffnete die Türe, die zu den Mädchenschlafsälen führte. „Wir sehen uns gleich!“ grinste Sirius und verschwand durch die Tür der Jungenschlafsäle. Kaum war Lillyan in ihrem Schlafsaal angekommen, ließ sie ihrer Freude freien Lauf. Sie hätte jubeln können, tanzen, platzen vor Freude. Sirius hatte sie vor Jefferson beschützt. Er hatte mit ihr geredet und er wartete auf sie! Blitzschnell hatte Lillyan ihren Besen gepackt und schaute noch einmal kurz in den Spiegel. Aus ihrem Pferdeschwanz hatten sich ein paar Strähnen gelöst, die ihr frech ins Gesicht fielen und auf ihren Lippen lag ein breites Lächeln, aber ansonsten sah sie aus wie immer. Sie strich sich die Haarsträhnen hinters Ohr, versuchte ihr Lächeln unter Kontrolle zu kriegen und rannte dann fast zur Tür hinaus. Sirius wartete schon, als sie kam. Er lächelte sie mit einem Lächeln an, das Lillyan fast die Sprache verschlug, dann jedoch entdeckte er ihren Besen und riss die Augen auf. „Aber Hallo! Ist das etwa ein Nimbus eintausend?“ Lillyan nickte stolz. „Praktisch nagelneu. Hab ihn erst seit zwei Monaten.“ „Fliegt genial, oder?“ bewundernd musterte Sirius den Besen von oben bis unten. „Ja. Unglaublich!“ Lillyan lächelte und betrachtete seinen Besen. Diese Form des Stiels… der Glanz… das konnte doch nur… „Du hast einen Sauberwisch fünf, oder?“ fragte sie. „Ja. Fliegt auch echt gut!“ Sirius strich mit der Hand über das glänzende Holz. „Ich weiß. Ich hatte vorher auch einen.“ Lillyan schaute auf ihre Armbanduhr. „Sollen wir runter gehen?“ „Klar!“ meinte Sirius lässig und gemeinsam stiegen sie die Treppen hinunter in die Eingangshalle. Auf dem Weg nach unten kamen ihnen immer wieder Schüler entgegen und alle starrten sie verblüfft an. Sirius sah man normalerweise nur in Begleitung seiner Freunde, aber in Begleitung eines Mädchens… Die Mädchen, denen sie begegneten, warfen Lillyan neidische Blicke zu, aber die beachtete das gar nicht. Sie war viel zu sehr in ihr Gespräch mit Sirius über Quidditch und Rennbesen vertieft. Als sie in die Eingangshalle kamen, kamen Lily, Olivia, Mary und Emily gerade aus der Großen Halle gelaufen. Lillyan versuchte, sich nicht entdecken zu lassen, aber Olivia entging nichts. Ihre Augen weiteten sich kurz, als sie Lillyan zusammen mit Sirius sah, dann begann sie zu grinsen und stieß die Lily und Emily an. Lillyan wandte schnell den Blick ab. Sie wollte die Mienen der Anderen gar nicht sehen. Sie konnte sich denken, wie sie jetzt schauten: Lily entsetzt, Mary wütend und enttäuscht, Emily erstaunt und Olivia einfach nur belustigt. Schnell brachte sie das Gespräch auf die letzten Trainingsstunden und zusammen gingen sie und Sirius zum Eingangstor hinaus. Lillyan staunte nicht schlecht, wie gut sie sich mit ihm unterhalten konnte. Er hatte wirklich Ahnung von Quidditch und fröhlich plaudernd schlenderten sie zum Quidditchfeld hinüber. Auf dem Feld warteten bereits Erin, Lea und John auf den Rest der Mannschaft. Die Tribünen füllten sich langsam, waren aber noch relativ leer. Als sie Sirius und Lillyan lachend auf sich zukommen sahen, hätte Lillyan am liebsten ihre Gesichter fotografiert. Erin schaute ihnen angespannt entgegen, John sah so verwirrt aus, als hätte ihm gerade jemand erzählt, dass Nashörner fliegen können und Lea schaute erst entgeistert und begann dann so wissend zu lächeln, dass Lillyan krampfhaft das Rot werden unterdrücken musste. „Da seid ihr ja!“ begrüßte Erin sie nervös. „Jetzt fehlen nur noch James und Mandy.“ „Keine Sorge Erin, da sind die beiden doch schon!“ beruhigte Lea ihn. Erleichtert atmete Erin aus. „Gut! Endlich!“ „Erin, mach dir mal keinen Kopf, es ist noch eine volle viertel Stunde bis zum Spielanfang!“ sagte Lillyan, aber Erin ließ sich nicht beruhigen. Sobald James Potter und Mandy dazu gestoßen waren, lotste er die gesamte Mannschaft in die Umkleidekabine, um sich noch mal kurz zu besprechen. Lillyan hatte gedacht, sobald James da wäre, würde Sirius zu ihm gehen, aber er war immer noch neben ihr und das freute sie. Eigentlich hätte sie sich zwar lieber schon mal ein bisschen eingeflogen, aber sie konnte Erin verstehen. In der Umkleidekabine stellte sich Erin vor seine Mannschaft und schaute jeden einzeln an, bevor er zu sprechen begann. „Also, Leute. Ihr seid in den letzten Trainingsstunden bestens geflogen. So gut, wie ich mein Team noch nie habe fliegen sehen. Es gibt fast keine Probleme, vor allem bei den Jägern. Letztes Jahr haben wir zwar verloren, aber da hatten wir auch keine so gute Mannschaft. Und mit nur drei guten Spielern kann man nicht gewinnen, nein, dazu braucht man ein richtig gutes Team! Und das haben wir! Wir haben die drei stärksten Jäger, die Hogwarts seit langer Zeit gesehen hat, wir haben zwei Treiber, die echt was drauf haben, wir haben eine Hüterin, die bisher noch fast keinen Quaffel durchgelassen hat, und wir haben einen Sucher, der jeden Schnatz mit Leichtigkeit fängt!“ Erin trat mit vor stolz geschwellter Brust zu James Potter und sagte etwas leiser: „Tu mir den Gefallen und hol mir den Schnatz, sobald du kannst, James. Wenn wir je ein Spiel gewinnen mussten, dann das hier!“ James nickte. „Du kannst dich auf mich verlassen, Erin!“ sagte er und Lillyan staunte über die Aufrichtigkeit, die in James Stimme lag. Kein bisschen angeberisch hatte das geklungen! Sie spürte, dass sie ihm das hoch anrechnete. „Gut! Dann kommt, Leute! Ich weiß, dass wir das schaffen können! Aber dafür muss heute jeder von euch in Höchstform spielen, verstanden?“ Alle nickten. „Okay. Na dann los!“ sagte er und unter tosendem Beifall gingen sie nach draußen auf das Quidditchfeld. In der Mitte des Feldes wartete bereits Madam Hooch, die Fliegen unterrichtete und bei Quidditchspielen stets Schiedsrichterin war und von der anderen Seite des Feldes kamen ihnen die Slytherins entgegen, angeführt von Jefferson. Allesamt waren sie groß, muskulös und männlich. „Jaja, der altbekannte Fehler.“ sinnierte Sirius vor sich hin. „Was?“ verständnislos schaute Lillyan ihn an. „Sie machen den altbekannten Fehler!“ wiederholte Sirius. „Sie holen keine Mädchen in die Mannschaft und dann wundern sie sich, dass wir besser sind als sie!“ „Stimmt!“ bemerkte Lillyan. Unbewusst hatten sie die Spielerreihenfolge gebildet: Erin ging als Kapitän voraus, die Jäger hinterher und zum Schluss die Treiber, Hüter und Sucher. Lillyan merkte, dass die Slytherins die gleiche Reihenfolge gebildet hatten und ließ ihren Blick über die Jungen schweifen. Plötzlich stutzte sie. An der Position, auf der bei den Gryffindors James ging, ging bei den Slytherins ein Junge, der Sirius unglaublich ähnelte! Er war zwar kleiner als Sirius, aber er hatte das gleiche dunkle Haar und auch ihre Gesichtsausdrücke waren sehr ähnlich, allerdings war Sirius um vieles hübscher. Erstaunt realisierte Lillyan, dass er ihr bekannt vorkam. Soweit sie sich erinnern konnte, war er einen Jahrgang unter ihr in Slytherin. Und da begriff sie. „Das da drüben ist dein Bruder, oder Sirius?“ flüsterte sie ihm zu. „Ja. Regulus.“ Sirius verzog keine Miene. „Ist das nicht blöd für dich, wenn du gegen ihn spielen musst?“ fragte Lillyan erstaunt. „Naja, wenn er Jäger wäre vielleicht. Oder Hüter. Aber so…“ er zuckte die Achseln. „Ist es mir eigentlich relativ egal!“ Lillyan fiel auf, dass Sirius Stimme stets ein wenig hart wurde, wenn von seiner Familie die Rede war. Wahrscheinlich mochte er seinen Bruder nicht mal besonders. Das würde auch erklären, warum er so tat, als würde er Regulus gar nicht bemerken. Lillyan richtete ihre Aufmerksamkeit wieder nach vorne. Gerade traten Erin und Jefferson aufeinander zu und gaben sich die Hände, besser gesagt versuchte Jefferson, Erin die Hand zu zerquetschen, der mit aller Kraft dagegen hielt. „Besteigt die Besen!“ rief Madam Hooch und bückte sich, um die Bälle freizulassen. Lillyan schwang sich auf ihren Nimbus 1000 und auf Madam Hoochs Pfiff stieß sie sich kraftvoll vom Boden ab. Im ganzen Stadion waren bewundernde Rufe zu hören, als alle vierzehn Spieler auf ihren Besen gen Himmel sausten. „Und los geht’s!“ hörte Lillyan eine wohlbekannte Stimme rufen. Aaron Jordan, ein lustiger Sechstklässler aus Gryffindor, machte, wie bereits in den Jahren zuvor, den Spielkommentator. Neben ihm stand Professor McGonagall und achtete darauf, dass er nicht vom Thema abschweifte. Lillyan lachte, als sie an seine Kommentare der letzten Jahre dachte, wich einem Klatscher aus und flog hinüber zu Madam Hooch, die gerade mit dem Quaffel nach oben geschossen kam. „Und da sind unsere Teams wieder in der Luft, und zwar dieses Jahr mit einigen Veränderungen: Das Team der Gryffindors bestehend aus Kettering, Whiteley, Black, Potter, Robinson, Baker und Kingston und das Team der Slytherins bestehend aus Jefferson, Aubrey, Nott, Black, Livsey, Jones und Brooklyn. Ja, in diesem Spiel gibt es doch tatsächlich zwei Blacks und zwar Sirius Black, der neue Jäger von Gryffindor und Regulus Black, der Sucher von Slytherin. So wie es aussieht, darf Regulus Black heute gegen den besten Freund seines Bruders antreten…“ Laute Buhrufe schallten von den Tribünen und Aaron konnte für einen Moment nicht weitersprechen. Inzwischen hatten sich alle Quidditchspieler in der Luft um Madam Hooch herum versammelt und warteten auf den Beginn des Spiels. Madam Hooch warf den Quaffel hoch in die Luft, dann stieß sie einen schrillen Pfiff aus. Ohne zu zögern stürzte sich Lillyan auf den Quaffel und schleuderte ihn zu Lea hinüber. Mit halbem Ohr lauschte sie nebenbei den Kommentaren von Aaron. „Ein schöner Spielbeginn von Lillyan Whiteley, bekannt auch als die beste Jägerin, die Hogwarts seit vielen Jahren gesehen hat, …“ Jubel von den Gryffindors und Buhrufe von den Slytherins tönten zu ihnen nach oben. „… Whiteley schnappt sich den Quaffel und wirft ihn zu Lea Kettering hinüber- eine vielversprechende Neuentdeckung von Kapitän Erin Baker- und jetzt, Kettering mit dem Quaffel auf dem Weg zum Tor, Slytherinkapitän Brad Jefferson versucht sie zu stoppen, Kettering passt zu Black- schön gemacht, Lea! Und Sirius Black saust mit dem Quaffel auf die Torstangen zu-“ Lillyan legte sich flach auf ihren Besen und zischte quer übers Spielfeld zu den Slytherintorstangen hinüber. „Ein Klatscher kommt von Carter Jones, Black weicht ihm aus, gute Reflexe hat der Junge!“ „Sirius!“ schrie Lillyan und flog an ihm vorbei auf die Torringe zu. „Pass zu mir!“ Keine Sekunde zu spät spielte Sirius den Quaffel zu Lillyan hinüber. Im nächsten Moment schoss Jefferson auch schon knapp an ihm vorbei auf Lillyan zu, die nun wieder Kurs auf die Torstangen nahm. „Schönes Zusammenspiel der Gryffindorjäger, es scheint, als hätte Mannschaftskapitän Baker diesmal wirklich ganze Arbeit geleistet… und jetzt wieder Lillyan Whiteley mit dem Quaffel, gleich hat sie die Torstangen erreicht…“ Lillyan sah sich um. Von vorne kam der Slytherinhüter Brooklyn auf sie zu und aus dem Augenwinkel sah sie Bertram Aubrey, einen Jäger der Slytherins, auf sich zu fliegen… „Lillyan! Hier rüber!“ hörte sie Lea von links schreien. Blitzschnell gab sie den Quaffel an Lea ab, die in einem geschickten Bogen um den Hüter der Slytherins herumkurvte und ihn dann wieder zu Lillyan hinüberspielte, die nun ungehindert auf die Torringe zuflog. Die Stimmung auf den Tribünen wurde immer spannungsvoller. Auch Aaron Jordan schien das Spiel mitzureißen. „Und Whiteley zu Kettering, sie trickst den Hüter aus- eine wahre Glanzparade! Jetzt wieder Whiteley im Quaffelbesitz…“ Lillyan zielte eine halbe Sekunde lang und warf. „Lillyan Whiteley alleine vor den Torstangen- SIE MACHT IHN REIN! Zehn zu null für Gryffindor!“ „JA!“ schrie Lillyan und stieß die Faust in die Luft. Auf den Tribünen brach lauter Jubel aus und auch Aaron konnte sich vor Begeisterung kaum halten. „Wunderschönes Tor von Lillyan Whiteley! Ist ja auch kein Wunder bei dem Besen, das Mädchen fliegt einen Nimbus 1000, der neuste Rennbesen der Welt und auf ganz andere Art und Weise gefertigt als…“ „Jordan! Sie sollen das Spiel kommentieren, nicht über Besen fachsimpeln!“ unterbrach ihn Professor McGonagall. Lillyan kicherte und schlug bei Lea ein. „Klasse, Lillyan! Schönes Zusammenspiel!“ brüllte Erin zu ihnen herüber und schlug Aubrey einen Klatscher entgegen, der ansonsten Lea getroffen hätte. „Super, Lillyan!“ rief Sirius und grinste ihr zu. Lillyan strahlte glücklich zurück. Madam Hoochs schriller Pfiff ertönte und das Spiel ging weiter. „Jetzt ist Slytherinkapitän Brad Jefferson im Quaffelbesitz und fliegt auf die Torstangen der Gryffindors zu… So haltet ihn doch auf, sonst schießt er am Ende noch ein- ah, schönes Täuschungsmanöver von Sirius Black und jetzt hat er ihn wieder, Gryffindor im Quaffelbesitz und Sirius Black macht sich auf um- das war ein Foul!“ Regulus Black war von hinten an James Potter herangeflogen und hatte ihn so sehr gerammt, dass James beinahe vom Besen gefallen wäre. Die Menge unten begann wütend zu buhen. Auch Aaron hatte Mühe sich zu zügeln. „Das war ein Foulspiel, das bedeutet Freiwurf für Gryffindor wo- ah, da kommt endlich der Pfiff! Das ist der Vorteil von Fußball- im Fußball wird man bei so einem Foul vom Platz gestellt…“ „Jordan!“ schrie Professor McGonagall wütend. „Die Hälfte der hier Anwesenden weiß noch nicht einmal, was Fußball ist! Bleiben sie beim Spiel!“ Lillyan flog zusammen mit allen anderen zum Mittelkreis hinüber. „Wer führt den Freiwurf aus?“ fragte sie Lea und Sirius. „Lea, machst du?“ schlug Sirius vor, also flog Lea nach vorne, um den Strafstoß auszuführen. Die Spannung im Publikum stieg und es wurde stiller. „Lea Kettering wird den Strafstoß ausführen, sie fliegt auf den Slytherinhüter Brooklyn zu, bestimmt schafft sie es, sie hat wirklich Talent… oh, das sieht gut aus- sehr gut sogar- und- TOR FÜR GRYFFINDOR!“ Ohrenbetäubender Lärm brach auf der Tribüne aus, Lillyan schrie vor Freude. „Jaaa! Da sieht man es mal wieder, wie viel besser wir Gryffindors sind: Zwanzig zu Null für Gryffindor! Zwanzig zu Null!“ tobte Aaron. „Die Mädels haben echt was drauf, da haben eure hohlköpfigen, hässlichen, …“ „Jordan! Es reicht!“ bellte Professor McGonagall. „Jaja, ist ja gut, Professor! Also weiter im Text, es steht zwanzig zu null für Gryffindor und Whiteley hat den Quaffel… Whiteley zu Black, Sirius Black fliegt mit dem Quaffel auf die Torstangen zu- Nanu, was war das?“ Der Torhüter der Slytherins hatte Sirius auf sich zufliegen sehen und war bei seiner scharfen Richtungsänderung beinahe vom Besen gefallen. Mit einer gekonnten Bewegung schlug Erin ihm einen Klatscher in den Weg, der mit einem hässlichen Krachen in ihn hineinschleuderte. Sirius nutzte diese Chance, um ein weiteres Tor zu schießen. Zielsicher flog der Quaffel durch den mittleren Torring. „Dreißig zu Null! Dreißig zu null für Gryffindor! Na seht ihr, gegen die Mannschaft habt ihr nun wirklich keine blasse Chance ihr aufgeblasenen, unfairen…“ aber diesmal konnte Professor McGonagall Aaron nicht dafür ausschimpfen, was er sagte. Sie war mit etwas ganz anderem beschäftigt. „Oh, der Slytherinhüter scheint gerade ein Problem zu haben!“ verkündete Aaron hämisch, und wirklich: Brooklyn war mit der Hand auf den Magen gepresst schlingernd zurück auf den Boden geflogen, wo er zusammenbrach. „Den Klatscher in den Magen zu kriegen hat ihm offensichtlich gar nicht gut getan!“ bemerkte Aaron schadenfroh, während Professor McGonagall auf das Spielfeld rannte um sich um Brooklyn zu kümmern. „So und nun eine kleine Spielpause, bis der Slytherinhüter Marvin Brooklyn wieder auf den Beinen ist. Schauen wir uns in dieser Zeit das Slytherinteam etwas genauer an.“ Lillyan wandte den Blick von Brooklyn ab und ließ sich auf ihrem Besen rückwärts gleiten. „Hartes Spiel, was?“ Lea war zu ihr geflogen. „Allerdings!“ Lillyan lächelte. „Vorsicht!“ schrie Lea plötzlich und Lillyan konnte gerade noch mit der Faultierrolle ausweichen, als ein Klatscher mit Karacho auf sie zuflog. Auf der Tribüne waren wütende Schreie zu hören. Lillyan schaute sich erschrocken um. Keine zwei Meter hinter ihr flog Jones. Er hielt sein Treiberholz schlagbereit in der Hand und schaute zu ihr herüber. „Es ist Auszeit, du falsches Schwein!“ hörte Lillyan Sirius wütend brüllen. Auch Aaron konnte sich vor Wut kaum halten. „Regelverletzung! Was glaubst du, wer du bist, du dreckiges, verschlagenes, betrügerisches A…“ Aber auch Madam Hooch hatte das Geschehen beobachtet. Ihr schriller Pfiff schallte zwei Mal durch das Stadion, während sie nach oben flog, um sich Jones vorzuknöpfen. „Zwei Freiwürfe für Gryffindor! Na das geschieht euch ganz recht wenn ihr mit solchen entwürdigenden-“„Jordan!“ Professor McGonagall war wieder zurückgekehrt. „Aber es stimmt doch!“ verteidigte sich Aaron. Erst jetzt merkte Lillyan, dass Brooklyn wieder auf den Beinen war, zwar reichlich blass um die Nase, aber wieder flugfähig. Madam Hooch hatte ihre Rüge an Jones inzwischen beendet und war wieder zum Mittelkreis geflogen. Lillyan und alle anderen Gryffindorjäger folgten ihr. „Wer von euch führt die beiden Strafstöße aus?“ fragte sie, während Brooklyn wieder zu den Torringen flog. Die drei sahen sich an. „Ich mach einen.“ sagte Sirius. „Ich auch!“ schloss Lillyan sich ihm an. Madam Hooch nickte kurz und gab Sirius den Quaffel. Den Quaffel an Brooklyn vorbei zu bekommen war nicht besonders schwierig und ein paar Minuten später hatten Sirius und Lillyan weitere zwanzig Punkte für Gryffindor geholt. Auf den Tribünen tobte ein wahrer Orkan an Jubel und Aaron musste ganz schön ins magische Megafon brüllen, damit man ihn über den Lärm hinweg hören konnte. „Fünfzig zu null! Gryffindor führt mit fünfzig zu null! Tja, man sollte sich eben nicht mit uns Gryffindors anlegen!“ „Jordan, noch ein solcher Kommentar…“ „Jaja, Professor!“ Ab da nahm das Spiel seinen Lauf. Die Slytherins versuchten wütend, die Gryffindors aufzuhalten, aber das Team war nicht mehr zu stoppen. Schon bald begann das Slytherinteam zu foulen, wo es nur ging. Jefferson, Aubrey und Nott flogen mit dem Quaffel zu den Gryffindortorstangen, Aubrey und Nott stürzten sich auf Mandy und warfen sie fast vom Besen während Jefferson zu den Torstangen flog und den Quaffel mitsamt seiner Hand durch den Torring steckte. Die Gryffindors, Hufflepuffs und Ravenclaws auf der Tribüne heulten vor Wut, aber Madam Hooch hatte das leider gar nicht bemerkt. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, Aubrey und Nott zur Ordnung zu rufen. Schließlich, nach einer langen Diskussion, entschied Madam Hooch sich, das Tor zwar gelten zu lassen, aber Gryffindor erneut zwei Strafwürfe zuzusprechen. Erin schrie vor Wut auf, aber Madam Hooch hatte ihre Entscheidung getroffen. Kurz darauf hatten Lea und Lillyan die beiden Strafwürfe verwandelt. Schließlich stand es siebzig zu zehn für Gryffindor. Erin und John schlugen ihre Treiberschläger wie Bumerangs gegen jeden Slytherin, der es wagte, auch nur in die Nähe eines Gryffindorspielers zu kommen und so hatten Sirius, Lea und Lillyan jede Menge weitere Torchancen. Der Schnatz war bisher noch überhaupt nicht aufgetaucht, also zogen James und Regulus über ihnen immer noch untätig ihre Kreise. Gerade als Sirius unglaublich lässig das zehnte Tor warf, blitzte plötzlich etwas Goldenes auf. Im nächsten Moment riss James seinen Besen in die Höhe und jagte gen Himmel so schnell er konnte. Regulus sauste hinterher. Augenblicklich war das restliche Spiel vergessen, alle schauten wie gebannt zu den beiden immer kleiner werdenden Suchern empor. Zuerst rasten die beiden immer höher, dann rissen sie gleichzeitig ihre Besen herum und stürzten sich wieder in die Tiefe. Absolute Stille breitete sich im Stadion aus, kein Laut war mehr zu hören. Mit weit aufgerissenen Augen beobachtete Lillyan, wie James und Regulus ungebremst in Richtung Boden rasten, James mit einem deutlichen Vorsprung. Im letzten Moment riss er sich aus dem Sturzflug, flog schwungvoll eine Kurve und Lillyan sah gerade noch, wie sich seine Finger um den kleinen, goldenen Ball schlossen. Ohrenbetäubender Lärm brach los. Schüler, Lehrer und Quidditchspieler brüllten durcheinander, lachten glücklich und fielen sich um den Hals. Lillyan schrie, so laut sie konnte. Sie konnte es kaum glauben: Sie hatten tatsächlich gewonnen! „James Potter hat den Schnatz gefangen!“ rief Aaron glücklich durch das Stadion. „Gryffindor gewinnt mit zweihundertfünfzig zu zehn!“ Lillyan sah Erin tränenblind auf James zurasen, sah Lea lachend Mandy umarmen und unten auf der Tribüne entdeckte sie Lily, die vor Freude auf und ab hüpfte. Sie lächelte vor Glück. Mit einem Mal verdeckte etwas Grünes ihr die Sicht und im nächsten Moment ertönte ein scheußliches Krachen. Blut spritzte auf und Lillyan spürte einen schrecklichen Schmerz in ihrem Gesicht. Sie wollte schreien, aber sie fand ihre Stimme nicht. Alles um sie herum wurde langsam dunkel und sie merkte gerade noch, wie sich ihre Finger vom Besenstiel lösten. Das Letzte, was sie hörte, war Sirius‘ wütenden Aufschrei, dann sank die Nacht über sie.
    *
    „Oh mein Gott, das war schrecklich!“ „Ein Glück, dass nichts Schlimmeres passiert ist!“ „Überall war Blut…“ Leise drangen die Worte an Lillyans Ohren, so leise, dass sie es fast nicht gehörte hätte. Ihr Kopf schmerzte, als hätte ihn jemand mit einem Hammer bearbeitet und ihr ganzes Gesicht brannte wie Feuer. „Das wäre ein Sturz aus zwanzig Metern gewesen! Dann wäre sie jetzt…“ Die Stimme verstummte. Lillyan brauchte einen Moment um zu verstehen, dass sie Lea gehörte. Sturz. Etwas regte sich in ihrem Kopf bei diesem Wort. Etwas Grünes vor ihrem Gesicht. Ein Krachen. Schmerz. Lillyans Augenlieder flatterten. Alles um sie herum war weiß. Sie lag im Krankenflügel. „Oh Gott sei Dank, sie wird wach!“ hörte sie eine Stimme erleichtert sagen. Lily. Lillyan öffnete die Augen ganz. Um ihr Bett herum standen das ganze Gryffindorteam, Lily, Olivia, Stella, Emily, Michael und Mary. Alle waren reichlich blass um die Nase und schauten sie besorgt an, aber Lillyans Blick glitt von einem Gesicht zum nächsten, bis sie Sirius fand. Er stand neben James am Fußende ihres Bettes und sah genauso schlecht aus, wie Lillyan sich fühlte. Sie hustete und setzte sich auf. Ihr Kopf brummte, aber sie kümmerte sich nicht darum. „Was ist passiert?“ fragte sie. „Jefferson hat dir seinen Ellenbogen ins Gesicht gerammt.“ Lilys Stimme zitterte leicht. „Dein Gesicht wurde plötzlich ausdruckslos und du bist vom Besen gefallen- überall war Blut…“ Lea nickte. In ihren Augen glitzerten Tränen. „Wie schlimm hat’s mich denn erwischt?“ erkundigte sich Lillyan und ließ sich zurück in die Kissen sinken. „Sie sind mit einem angebrochenen Kiefer, einer gebrochenen Nase und einer leichten Gehirnerschütterung davongekommen.“ sagte Madam Pomfrey, die gerade zu ihr hinübergewuselt kam, in der Hand einen Becher mit einer seltsam leuchtenden Flüssigkeit. „Hier, trinken Sie das, das hilft gegen die Kopfschmerzen.“ Lillyan nahm den Becher und trank ein paar Schlucke. Es schmeckte nicht schlecht, ein wenig nach Orange und Minze. Augenblicklich ließen die Schmerzen nach. Erleichtert betastete sie ihr Gesicht. „Die gebrochene Nase und den angebrochenen Kiefer habe ich Ihnen bereits geheilt.“ informierte Madam Pomfrey sie. „Aber gegen die Gehirnerschütterung hilft bloß Bettruhe!“ Lillyan nickte, hörte aber schnell wieder damit auf als sie merkte, dass ihr davon schwindelig wurde. Sie schaute die Anderen an. Allmählich wich das Entsetzen aus ihren Gesichtern aber die Sorge blieb. „Macht euch keine Sorgen, mir geht es gut!“ beruhigte Lillyan sie und trank den Becher aus. Erin trat zu ihr nach vorne. „Jefferson hat ein Jahr Spielverbot bekommen wegen mutwilliger Verletzung anderer Schüler oder sowas.“ erzählte er und konnte sich das Grinsen nicht mehr verkneifen. „Tolles Spiel, Lillyan! Du hast fünfzig Punkte geholt!“ Lillyan strahlte. „Wieso hab ich eigentlich keine Prellungen?“ fragte sie plötzlich. „Ich muss doch mindestens zwanzig Meter gefallen sein!“ „Er hat dich aufgefangen.“ sagte Lea mit deutlicher Bewunderung in der Stimme. „Sirius. Als er gesehen hat, was passiert ist, hat er sich mit seinem Besen in die Tiefe gestürzt und dich aufgefangen. Du warst ohnmächtig und leichenblass. Professor Dumbledore hat dich auf eine Trage gezaubert und in den Krankenflügel gebracht…“ Sie verstummte. „Wirklich?“ ungläubig schaute Lillyan Sirius an. Niemand sagte etwas, aber Lillyan las in Sirius‘ Gesicht die stumme Bestätigung. Erst jetzt bemerkte sie, dass sein roter Quidditchumhang voller Blut war. In seinen Augen saß immer noch der Schock und er war ein wenig blasser als die Anderen. Tiefe Dankbarkeit stieg in Lillyan auf. Sie wollte nichts lieber tun, als Sirius zu danken, ihn zu umarmen, den Schock aus seinem Gesicht zu wischen, aber die Anderen waren ja noch da. Gerade als Lillyan überlegte, was sie am besten sagen sollte, kam Madam Pomfrey wieder zu ihr herüber. Lillyan merkte, dass ein Paar Betten weiter noch jemand lag und erkannte sofort, wer es war: Es war Brooklyn, der Slytherinhüter. Es schien ihm wieder relativ gut zu gehen, denn er setzte sich auf und fragte: „Madam Pomfrey, darf ich bitte gehen? Mir geht es gut!“ Madam Pomfrey seufzte. „Gut, gehen Sie, Brooklyn. Aber wenn Sie sich wieder schlechter fühlen sollten, kommen Sie umgehend zu mir, verstanden?“ Brooklyn nickte genervt und ging aus dem Krankenflügel. „Und Sie alle gehen nun ebenfalls!“ sagte Madam Pomfrey energisch zu denen, die sich immer noch um Lillyans Bett drängten. „Was Whiteley jetzt braucht, ist Ruhe!“ „Gute Besserung, Lill!“ sagte Lily und richtete sich auf. „Ich komm bald wieder, ja?“ Lillyan nickte und lächelte. „Gute Besserung, Lillyan!“ ertönte es von vielen anderen, einige klopften ihr auf die Schulter oder winkten ihr einfach nur zu, dann wandten sie sich zum Gehen. Nur Sirius blieb an Lillyans Bett stehen. ‚Bitte bleib hier! ‘ dachte Lillyan. Es gab noch so viel, was sie ihn fragen wollte und sie außerdem wollte nicht, dass er ging. „Black?“ unterbrach Madam Pomfrey ihre Gedanken. „Vielleicht sollten Sie auch hier bleiben. Sie sehen gar nicht gut aus!“ „Nein, vielen Dank, Madam, aber könnte ich vielleicht noch ein wenig bei Lillyan bleiben?“ Sirius strich sich das lange Haar aus dem Gesicht und schaute Madam Pomfrey bittend an. Ungläubig drehten sich die anderen, die bereits an der Türe standen, noch einmal um. Lillyan war so verwirrt, dass sie keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Madam Pomfrey spitzte missbilligend die Lippen. „Nun gut, wenn es Ihnen hilft…“ sagte sie schließlich. „Aber nur zehn Minuten!“ Sirius nickte dankbar und Madam Pomfrey wandte sich wieder den anderen zu, die immer noch in der Türe standen. Lily schaute mit gerunzelter Stirn von Lillyan zu Sirius und wieder zurück, Mary spießte Lillyan mit mörderischen Blicken auf, Stella betrachtete Lillyan verträumt und Emily und Olivia grinsten unverhohlen. „Raus hier jetzt, ihr alle!“ sagte Madam Pomfrey und scheuchte sie hinaus, dann schloss sie die Türe und eilte leise vor sich hin murmelnd in ihr Büro. „Zehn Minuten, Black!“ rief sie noch über die Schulter, dann schlug die Türe hinter ihr zu. Sirius und Lillyan waren alleine. Einen Moment lang sahen sie sich einfach nur in die Augen, dann kam Sirius um das Bett herum und setzte sich zögernd auf den Bettrand. „Wie geht es dir?“ fragte er leise. „Gut. Wirklich!“ erwiderte Lillyan. Fragend schaute sie ihn an. „Was ist denn nun eigentlich genau passiert?“ „Als James den Schnatz gefangen hat, habe ich Jefferson gesehen.“ begann Sirius. „In dem Moment, als Jefferson sich sicher war, dass James den Schnatz wirklich hatte, ist er blitzschnell auf dich zugerast und hat dir von hinten den Ellenbogen ins Gesicht gerammt. Das Knacken war durch das ganze Stadion zu hören.“ Er schauderte. „Ich hab gesehen, wie sich deine Hände vom Besen gelöst haben und bin losgesaust, um dich aufzufangen. Du wärst dreißig Meter ungebremst gefallen.“ Ein Schatten glitt über sein Gesicht. „Blut ist nach allen Seiten gespritzt und als ich dich aufgefangen hatte, warst du voller Blut, blass wie ein Laken und sahst aus wie dreiviertel tot…“ Sirius schluckte und fuhr fort. „Dumbledore hat dich hinauf in den Krankenflügel gebracht, während Professor McGonagall Jefferson zusammengebrüllt hat. Er bekommt ein Jahr Quidditchverbot und außerdem jeden Donnerstag Nachsitzen, weil er sich nicht entschuldigen wollte.“ Sirius‘ Gesicht wurde hart und Wut stieg in seine Augen. „Wenn ich den erwische…“ Lillyan seufzte. „Nein, nein, lass mich das mal machen. Schließlich hat er ein Problem mit mir, nicht mit dir.“ Sirius musste wider Willen grinsen. „Aber ich hab ein Problem mit ihm!“ wandte er ein. Einen Moment lang schauten sie sich an, dann brachen sie lauthals in Gelächter aus. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich wieder beruhigt hatten. Schließlich sagte Lillyan, immer noch lachend: „Nein, im Ernst, das ist meine Sache. Aber vielleicht können wir uns ja gemeinsam was überlegen…“ „Hey, keine schlechte Idee!“ Sirius grinste. „Aber darüber sollten wir nicht hier nachdenken!“ „Du hast Recht!“ Lillyan setzte sich auf und lehnte sich gegen ihr Kissen. Sirius Grinsen wurde noch breiter. Er sah jetzt wieder ganz normal aus. Der Schock war aus seinem Gesicht gewichen, seine Wangen hatten wieder Farbe angenommen und seine Augen funkelten vergnügt. Lillyan spürte, wie glücklich es sie machte dass es ihm gut ging und langsam fiel die Anspannung, die seit ihrem Erwachen auf ihr gelegen hatte, von ihr ab. „Spannendes Spiel vorhin, was?“ feixte Sirius. „Allerdings!“ Lillyan musste kichern. „Wir waren wirklich ein tolles Team!“ „Stimmt. Wir haben sie fertig gemacht!“ Sirius boxte begeistert in die Luft und brachte Lillyan damit erneut zum Lachen. „Aber das Beste waren Aarons Kommentare!“ meinte sie kichernd. „Es ist echt immer wieder zum Totlachen, wie er sich systematisch Ärger von McGonagall einhandelt!“ Sirius nickte. „Am besten gefällt es mir immer, wenn er anfängt, über die Slytherins herzuziehen!“ „Na, das kannst du aber auch nicht schlecht!“ bemerkte Lillyan grinsend. „Meinst du das mit dem falschen Schwein vorhin?“ erkundigte er sich. Lillyan nickte. „Er hat es nicht anders verdient!“ verteidigte er sich lachend. „Wo du recht hast…“ Lillyan strich sich das Haar aus der Stirn. Im nächsten Moment wurden sie von Madam Pomfrey unterbrochen, die aus ihrem Büro gestürmt kam. „Das war jetzt schon fast eine viertel Stunde, Black, raus hier! Oh!“ Sie hielt überrascht inne, als sie sah, wie gut Lillyan und Sirius wieder aussahen. „Na, offensichtlich hat Ihr Besuch wahre Wunder gewirkt, Black, auch bei Ihnen! Sie sollten Whiteley bald wieder besuchen kommen!“ Gespannt sah Lillyan Sirius an. Allein der Gedanke, er könnte sie wieder besuchen, löste ein Kribbeln in ihrem Magen aus. Sirius lächelte sie an. „Gute Besserung, Lilly- An!“ sagte er und stand auf. „Ich komme wieder. Versprochen!“ Lillyan lächelte zurück. „Danke.“ sagte sie leise. Sirius sah ihr tief in die Augen, dann ging er mit einem leichten Lächeln auf den Lippen hinaus. Madam Pomfrey sah Lillyan mit hochgezogenen Augenbrauen an. Die grinste verlegen und legte sich wieder hin. Sie spürte, wie ein Hauch von Röte sich auf ihren Wangen ausbreitete und verbarg schnell ihr Gesicht im Kissen. Madam Pomfrey schloss kopfschüttelnd die Tür hinter Sirius und eilte zurück zu ihrem Büro. Lillyan spürte, wie sich angenehme Müdigkeit in ihr ausbreitete. Anscheinend war der Trank von Madam Pomfrey doch nicht nur ein Mittel gegen Kopfschmerzen gewesen. Mit einem Seufzer kuschelte sie sich unter die Decke. Sirius würde wiederkommen. Er hatte es ihr versprochen. Er würde sein Wort halten. Und das Seltsamste war: Er hatte sie Lilly- An genannt. Er hatte ihr einen Spitznamen gegeben, so als wäre er mit ihr befreundet. Vielleicht waren sie ja jetzt wirklich Freunde. Sie drehte sich auf die andere Seite und mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen schlief sie schließlich ein.
    *
    Lillyan erwachte davon, dass ihr die Sonne ins Gesicht schien. Sie blinzelte. Der gesamte Krankenflügel war in rotes Abendlicht getaucht, das durch die großen Fenster in den Raum fiel. Anscheinend hatte sie den ganzen Tag verschlafen. Sie setzte sich auf und blickte um sich. Alles war genau wie heute Morgen, bis auf eines: Auf ihrem Nachttisch häuften sich die tollsten Süßigkeiten mit kleinen Kärtchen dran. „Wow!“ hauchte Lillyan und öffnete eine Karte, die an einer Packung Bertie Botts Bohnen mit Fruchtgeschmack hing. Gute Besserung, Lillyan! Von Lea stand darauf. Lillyan lächelte glücklich und begann, die Karten alle zu lesen. Olivia, Emily, Stella, Michael, Mandy, John, Erin und sogar Mary hatten ihr Süßigkeiten geschickt, aber auf einigen Päckchen standen auch Namen von Leuten, die Lillyan nicht kannte. Anscheinend hatten viele Gryffindors sie im Spiel gesehen und ihr etwas geschickt. Wie nett! Gerührt griff sie nach einem Schokoriegel aus dem Honigtopf und schenkte sich aus dem Krug, der ebenfalls auf ihrem Nachttisch stand, Wasser ein. Wenn sie schonmal hier war, konnte sie es sich wenigstens richtig gut gehen lassen. Gerade als sie in den Schokoriegel biss, ging die Tür zum Büro auf und Madam Pomfrey kam herausgewuselt. „Ah, Sie sind wach!“ stellte sie mit einem Blick auf Lillyan fest. „Wie Sie sehen, haben einige Leute Ihnen Süßigkeiten gebracht. Ein paar wollten Sie sogar schon besuchen, aber da haben Sie noch geschlafen. Evans wartet immer noch draußen.“ „Lily ist hier?“ rief Lillyan erstaunt. „Ja, das sagte ich doch eben!“ Madam Pomfrey schüttelte seufzend den Kopf. „Soll ich sie herein lassen? Wie geht es Ihnen?“ „Mir geht es gut! Bitte lassen Sie sie herein!“ bettelte Lillyan. Madam Pomfrey murmelte etwas von übereifrigen Schülern und lief geschäftig zur Türe. „Sie können herein kommen, Evans!“ hörte Lillyan sie sagen. Sie öffnete die Türe ganz und Lily kam herein. Sie war immer noch ein bisschen blass um die Nase, lächelte aber als sie Lillyan entdeckte. „Hey!“ sagte sie und kam zu ihr hinüber. „Hi!“ Lillyan setzte sich auf und lächelte zurück. „Wie geht es dir?“ wollte Lily wissen und zog sich einen Stuhl zu Lillyan ans Bett. Gerade wollte Lillyan ‚Gut‘ sagen, da spürte sie den stechenden Schmerz in ihrem Kopf wieder. Sie stöhnte und griff sich an die Stirn. „Lill?“ fragte Lily erschrocken. „Ja, ja, Sie müssen ihren Trank vorerst regelmäßig trinken, Whiteley!“ erklärte Madam Pomfrey ruhig, während sie einen weiteren Becher der leuchtenden Flüssigkeit zu Lillyans Bett herübertrug. „In Ordnung!“ murmelte Lillyan und trank den Becher mit ein paar Schlucken aus. Sofort trat Linderung ein und sie ließ sich erleichtert gegen den Bettrand sinken. Mit gerunzelter Stirn sah Lily sie an. „Mir geht es gut, wirklich!“ sagte Lillyan schnell, obwohl sie langsam das Gefühl hatte, wenn sie das noch einmal sagen müsste, würde sie einen Schreikrampf bekommen. Madam Pomfrey nahm ihr den Becher ab und verschwand wieder in ihrem Büro. Lily betrachtete inzwischen den Süßigkeitenberg auf Lillyans Nachttisch. „Wow, na da hast du ja einiges bekommen, was?“ fragte sie beeindruckt. Lillyan nickte fröhlich. „Bediene dich!“ sagte sie und wedelte lässig mit der Hand in der Luft herum. „Alleine schaffe ich das in hundert Jahren nicht!“ Lily grinste und nahm sich eine Hand voll Schokofrösche. „Und? Was hast du heute so gemacht?“ erkundigte sich Lillyan. „Ich hab mit Mary den Zaubertrankaufsatz fertig geschrieben und danach war ich mit Sev unten am See.“ erzählte Lily. „Apropos Mary, “ ihr Gesicht verdüsterte sich, „Was läuft eigentlich zwischen dir und Black?“ Die Frage hatte Lillyan befürchtet. „Was soll denn da sein?“ wich sie ihr aus. „Wir sind Freunde.“ „Was?“ Lily starrte sie entsetzt an. „Lillyan, das kann doch nicht dein Ernst sein! Dieser angeberische Schönling, der immer mit Potter zusammenhängt-“ „Hör auf!“ Langsam wurde Lillyan wütend. „Erstens: Sirius ist kein angeberischer Schönling! Zweitens: Ich kann befreundet sein, mit wem ich will, und Drittens: Ich sage auch nichts zu deiner Freundschaft mit Snape, also krieg dich mal ein!“ Vollkommen perplex schaute Lily sie an. „Ich hätte nie gedacht, dass du dich mit diesen Volldeppen anfreunden würdest!“ sagte sie. „Ja aber Snape ist kein Volldepp?“ schleuderte Lillyan ihr entgegen. „Ich konnte ihn noch nie leiden, aber es ist für mich okay, dass ihr befreundet seid! Ich habe dir nie die Freundschaft gekündigt, obwohl du ständig weggerannt bist, um etwas mit ihm zu machen! Jetzt sei du genauso fair!“ Mit offenem Mund sah Lily sie an. Eine ganze Weile lang herrschte Schweigen. Dann sagte Lily leise: „Es tut mir leid, Lillyan. Das war gemein von mir. Natürlich könnt ihr befreundet sein. Du weißt ja, ich kann ihn nicht ausstehen, aber solange du ihn magst…“ plötzlich hielt sie inne. „Du hast dich doch nicht etwa in ihn verknallt, oder?“ „Lily! Nein!“ rief Lillyan erschrocken. Sie bekam ein schlechtes Gewissen, weil sie gerade ihre beste Freundin angelogen hatte, aber es ging leider nicht anders. „Gut!“ erleichtert grinste Lily sie an. „Ich hatte schon Angst, du hast vor, dich genauso lächerlich zu machen wie Mary und Lacey, die ihm in aller Öffentlichkeit hinterherschmachten!“ „Ach was!“ Verächtlich schüttelte Lillyan den Kopf. „Zum Glück! Sag mal, seit wann seid ihr eigentlich befreundet? Und warum wollte er vorhin noch mit dir reden?“ „Wir, äh, wir sind eigentlich erst seit ein paar Wochen befreundet und er wollte wissen, wie es mir geht und hat mir alles noch einmal genau erzählt.“ fasste Lillyan kurz zusammen. Da plötzlich fiel ihr wieder ein, wie sie auf das Thema gekommen waren. „Sag mal Lily: Wie bist du eigentlich vorhin von Mary auf Sirius gekommen?“ fragte sie misstrauisch. Lily verzog das Gesicht. „Mary ist eifersüchtig auf dich. Den ganzen Tag heute hat sie mich damit vollgelabert, wie süß er doch ist und dass sie das niemals von dir gedacht hätte.“ Verächtlich rümpfte sie die Nase. „Auch das noch!“ seufzte Lillyan. „Das hat mir gerade noch gefehlt!“ Lily warf ihr einen mitfühlenden Blick zu und schaute aus dem Fenster. „Wie lange musst du eigentlich noch hier bleiben?“ erkundigte sie sich. „Noch ungefähr zwei Tage, sagt Madam Pomfrey.“ antwortete Lillyan. „Sag mal: kannst du Emily sagen, sie soll im Unterricht für mich mitschreiben, bitte?“ „Klar, ist doch Ehrensache!“ meinte Lily und beugte sich vor, um sich noch eine Bertie Botts Bohne mit Fruchtgeschmack zu holen. Lillyan tat es ihr nach. Sie erwischte eine hellgelbe und schob sie sich in den Mund. „Birne!“ sagte sie im selben Moment, in dem Lily „Erdbeere!“ sagte. Beide begannen zu kichern und griffen schnell nach den nächsten Bohnen. Schließlich veranstalteten die beiden einen Wettbewerb im Schmecken, bei dem sie immer zwei gleiche Bohnen gleichzeitig aßen und wer als erstes die richtige Geschmacksrichtung sagte, hatte gewonnen. Sie hörten erst wieder auf, als ihnen schlecht wurde. Lily gewann mit Abstand, weil Lillyan aus irgendeinem unerfindlichen Grund andauernd so kichern musste, dass sie nicht sprechen konnte. „Oh je, ist mir schlecht!“ japste Lillyan schließlich und ließ sich zurück ins Bett fallen. „Ob Madam Pomfrey wohl ein Mittel gegen Übelkeit hat?“ „Bestimmt nicht gegen diese Art von Übelkeit!“ vermutete Lily. „Allerdings nicht!“ erklang da die Stimme von Madam Pomfrey. Die beiden schauten sich um. Sie stand hinter ihnen und hatte ihre Hand auf die Schulter eines kleinen Zweitklässlers gelegt, der leicht grün im Gesicht war. „Ich habe nur Mittel gegen Übelkeit für Schüler, die es wirklich brauchen!“ fügte sie hinzu, schob den Zweitklässler zu einem der anderen Betten und schob einen Sichtschutz an das Bett heran, damit er sich umziehen konnte. „Legen Sie sich hin, Ich bringe Ihnen gleich etwas!“ wies sie den Zweitklässler an und eilte davon. „Ich glaube, ich sollte jetzt langsam mal gehen.“ sagte Lily und stand auf. „Madam Pomfrey wird mich sowieso gleich rausschmeißen.“ „Okay.“ Lillyan seufzte leise. „Aber bitte komm wieder, ja? Sonst wird mir so langweilig hier oben.“ „Klar!“ Lily schob den Stuhl zurück an seinen Platz. „Gute Besserung, Lill!“ wünschte sie ihr noch und ging dann aus dem Krankenflügel. Lillyan rollte sich unter der Decke zu einer Kugel zusammen und hörte eine Weile zu, wie Madam Pomfrey mit dem Zweitklässler diskutierte. Langsam spürte sie, wie sich sanft die Müdigkeit auf sie legte. Schon bald fielen ihr die Augen zu. ‚Eines Tages werde ich Lily die ganze Geschichte mit Sirius erzählen! ‘, dachte sie noch und dann schlief sie endlich ein.
    *
    Der nächste Tag wurde fürchterlich langweilig. Den ganzen Morgen lang während die Anderen Schule hatten lag Lillyan alleine im Krankenflügel, nur gelegentlich in Gesellschaft von Madam Pomfrey. Ab neun Uhr fing es dann an. Nach und nach stürzte ein Schüler nach dem anderen mit grünlichem Gesicht in den Krankenflügel und nicht wenige davon brachten den Geruch nach Erbrochenem mit. Madam Pomfrey war schon bald total überfordert damit, den vielen Schülern gleichzeitig zu helfen. Vermutlich ging eine Magen- Darm Grippe herum. Lillyan jedoch war bald von dem Geruch und der Hektik im Krankenflügel so schlecht gelaunt, dass sie es zur Mittagessenszeit schließlich schaffte, Madam Pomfrey zu überreden, dass sie ein bisschen nach draußen durfte. Vollkommen erleichtert zog sie sich um und eilte aus dem Krankenflügel. „Aber in einer Stunde sind Sie wieder hier!“ rief Madam Pomfrey ihr hinter her, Lillyan jedoch hörte ihr schon gar nicht mehr zu. Fröhlich hüpfte sie durch die Korridore, die zur Eingangshalle führten. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als draußen am See gemütlich in der Sonne zu sitzen. Gerade als sie in den nächsten Gang einbog, sah sie plötzlich Sirius auf sich zu laufen. Er hatte den Kopf gesenkt und bemerkte sie nicht. „Ähm- Sirius?“ fragte Lillyan zögernd. Erstaunt hob er den Blick. „Lillyan! Ich wollte dich gerade besuchen!“ „Echt?“ Lillyan strahlte. „Klar!“ Sirius grinste sie an. „Wurdest du schon entlassen?“ „Nee, nur für ein paar Stunden.“ antwortete Lillyan bedauernd. „Dann muss ich wieder hoch kommen.“ „Ist es sehr schlimm oben?“ Mitfühlend schaute Sirius sie an. „Woher weißt du davon?“ fragte Lillyan misstrauisch. „Zwei aus meiner Klasse sind heute schon mit dunkelgrünen Gesichtern in den Krankenflügel geflüchtet!“ erzählte Sirius mit einem breiten Grinsen. „Ach so!“ Lillyan lachte. „Ja, es ist schon echt übel. Oben geht es zu wie in einem Taubenschlag. Die arme Madam Pomfrey kommt gar nicht mehr hinterher.“ „O je, da bist du sicher froh, dass du für eine Weile entkommen konntest, was? Apropos: Wohin warst du eigentlich unterwegs?“ „Ich wollte nach draußen an den See.“ Lillyan sah ihn fragend an. „Sollen wir zusammen runter gehen?“ Anstatt einer Antwort schloss sich Sirius Lillyan einfach an und gemeinsam stiegen sie die Treppen zur Eingangshalle hinunter. Keiner sagte etwas, aber es war kein unangenehmes Schweigen. „Wo sind eigentlich deine Freunde?“ fragte Lillyan schließlich neugierig. „Die sind beim Mittagessen.“ Sirius übersprang gekonnt die letzte Stufe und drehte sich zu ihr um. Mit einem Sprung war sie neben ihm und grinste ihn übermütig an. Das Schlosstor stand offen und ein leichter Windhauch strich ihnen über die Gesichter. Lillyan atmete tief ein. Nach der stickigen Luft im Krankenflügel war die frische Luft wie eine Erlösung. „Komm!“ Sirius trat nach draußen und ging in Richtung See. Lillyan lief zu ihn. Nebeneinander schlenderten sie über die Ländereien auf den schwarzen See zu, der friedlich in der Sonne lag. Auch Lillyan genoss die wärmenden Sonnenstrahlen auf ihrer Haut und seufzte zufrieden. Sirius schaute sie seltsam von der Seite an. „Was ist?“ wollte sie wissen. „Nichts!“ sagte er schnell und schaute weg, aber Lillyan war sich sicher, ein leichtes Lächeln auf seinen Lippen gesehen zu haben. Sie gelangten am Seeufer an und setzten sich nebeneinander unter den großen Baum, dessen Äste weit auf den See hinausragten. Lillyan lehnte sich gegen den Baumstamm und schlang die Arme um die Knie, Sirius ließ sich lässig neben sie fallen. „Und? Was hast du den ganzen Morgen gemacht?“ erkundigte er sich. „Mich halb zu Tode gelangweilt!“ Alleine bei dem Gedanken musste Lillyan gähnen. „Und du?“ „Wir hatten Zauberkunst, Kräuterkunde und Alte Runen.“ erzählte er. „Was macht ihr da gerade so?“ Lillyan war neugierig. „In Zauberkunst haben wir elementare Bewegungszauber geübt, in Kräuterkunde haben wir Bella Donna Pflanzen entwurzelt und Alte Runen war viel zu langweilig um aufzupassen.“ „Bella Donna Pflanzen entwurzelt?“ wiederholte Lillyan beeindruckt. „Ist das nicht gefährlich?“ „Klar!“ Sirius zuckte die Schultern. „Aber in der Fünften haben wir ja ZAGs und dafür ist sowas Voraussetzung.“ „Cool! Das war sicher besser, als sich im Krankenflügel zu langweilen!“ meinte Lillyan. „Das sagst du jetzt!“ Sirius verzog das Gesicht. „Diese blöden Pflanzen zappeln die ganze Zeit und sondern dieses dämliche Gift an den Wurzeln ab, das man ohne Handschuhe nicht berühren darf. Und dann muss man versuchen, die Wurzeln vorsichtig abzuschneiden, ohne vergiftet zu werden.“ „Hm!“ machte Lillyan und sah sehnsüchtig auf den See hinaus. „Ich freue mich schon, wenn ich wieder in den Unterricht darf. Ich liebe es, neue Zauber zu lernen!“ „Wann wirst du eigentlich entlassen?“ Lässig strich sich Sirius das lange dunkle Haar zurück. „Am Dienstagmittag.“ sagte sie und schaute sich um. Alles war ruhig, die Ländereien waren verlassen. Nur weit hinten am Schloss war ein kleiner schwarzer Punkt zu sehen, der rasch größer wurde. Lillyan kniff die Augen zusammen. Ein Junge kam auf sie zu gelaufen. Er hatte kurzes, hellbraunes Haar, braune Augen und ein blasses Gesicht. Das war doch dieser Moony! „Hey, Sirius, ist das nicht einer von deinen Freunden?“ fragte sie und deutete auf den Jungen. Sirius blickte auf. Der Junge war inzwischen nahe bei ihnen. „Ja!“ sagte Sirius überrascht und stand auf. Lillyan tat es ihm nach. „Hey, Moony! Was machst du denn hier?“ fragte Sirius und begrüßte den Jungen mit Handschlag. „Ich hab dich gesucht.“ antwortete Moony. „Krone wollte etwas mit uns allen besprechen.“ „Das hat noch später Zeit.“ Sirius drehte sich zu Lillyan um. „Remus, das ist Lillyan Whiteley, eine Freundin von mir. Lillyan, das ist Remus Lupin, einer von meinen besten Freunden.“ „Hi!“ Lillyan streckte zögernd die Hand aus. Remus lächelte und ergriff sie. „Hi. Du bist doch das Mädchen, das neulich James über den Haufen gerannt hat, richtig?“ „Richtig!“ Lillyan lächelte zurück. „Und? Hast du Abzug für Gryffindor bekommen?“ wollte er wissen. „Nein, ich hatte Glück!“ Grinsend ließ Lillyan sich wieder auf dem Boden nieder. Sirius und Remus taten es ihr nach. „Und? Worüber habt ihr gerade gesprochen?“ erkundigte sich Remus. „Über Schule und sowas.“ Sirius fläzte sich ins Gras und betrachtete zwei Vögel, die über den strahlend blauen Himmel flogen. Remus lachte. „Du redest über Schule? Schade dass ich da nicht dabei war!“ Lillyan zog die Augenbrauen hoch und schaute Remus verwirrt an. Sirius lachte bellend und setzte sich auf. „Ich rede normalerweise nicht über Schule, weil ich den Unterrichtsstoff meistens ziemlich langweilig finde.“ erklärte er ihr. „Verständlich!“ pflichtete Lillyan ihm bei. „Geht mir oft genauso.“ „Echt?“ Remus sah sie erstaunt an. „In welcher Klasse bist du?“ „In der Vierten, wieso?“ Ungläubig schaute Remus sie an. „Ich verstehe einfach nicht, wie man sich bei all dem Stoff langweilen kann.“ Lillyan zuckte nur grinsend die Schultern. „Ist halt so!“ Sirius grinste ebenfalls. „Genau das sage ich auch immer, wenn Moony das zu mir sagt!“ „Krone, Moony- Woher kommen eigentlich eure Spitznamen?“ fragte Lillyan neugierig. „Naja..“ „Die haben wir uns einfach so ausgedacht!“ sagte Sirius schnell und Remus nickte eifrig. Misstrauisch runzelte Lillyan die Stirn, fragte aber nicht weiter. „Geben du und deine Freundinnen sich nicht auch Spitznamen?“ erkundigte sich Remus. „Naja, meine beste Freundin nennt mich Lill, aber die meisten nennen mich einfach Lillyan. Wenn man mich Lilly nennen würde, würde man mich ja andauernd mit Lily verwechseln!“ „Du bist mit Lily befreundet? Mit Lily Evans?“ fragte Remus. „Ja, sie ist meine beste Freundin.“ sagte Lillyan und blinzelte in die Sonne. „Wirklich? Naja, sie war ja schon immer sehr nett.“ stellte er fest und damit begann ein Gespräch über Lehrer und Mitschüler, Freunde und Familien. Sirius machte mit und schon bald saßen sie alle fröhlich plaudernd am Seeufer. Lillyan konnte es kaum fassen, dass sie sich so gut verstanden. Schließlich begannen Sirius und Remus von Streichen zu erzählen, die sie Lehrern und gelegentlich auch Schülern gespielt hatten. Obwohl Lillyan versuchte, sich davon abzuhalten, konnte sie das Lachen bald nicht mehr unterdrücken. Es dauerte nicht lange und alle drei lagen japsend vor Lachen im Gras. Gerade als Sirius eine besonders lustige Geschichte zu Ende erzählt hatte, in der James den Hut von Professor Barry heimlich mitten im Unterricht pink gefärbt hatte, schaute Lillyan unter Lachsalven auf die Uhr- und stieß einen unterdrückten Schreckenslaut aus. „Schon fünf vor eins?“ rief sie entsetzt. Sirius fluchte und sprang auf. „Verdammt, wir kommen zu spät in den Unterricht! Lillyan-“ sein Blick blieb eine Sekunde lang an ihrem hängen. „Wir sehen uns morgen, ja?“ „Okay! Los, beeilt euch, ihr könnt es noch schaffen!“ drängte sie. „Bis Morgen, Lillyan!“ sagte Remus und lächelte ihr noch einmal zu, dann rannte er hinter Sirius her zum Schloss. Lillyan schaute ihnen lächelnd nach. Sie mochte die beiden, sehr sogar. Auch wenn ihr Herz bei Sirius immer noch ein bisschen höher schlug. Remus war für sie eben wirklich nur ein Freund. Langsam schlenderte sie am See entlang zurück zum Schloss. Sie hatte es nicht gerade eilig, wieder zurück in den stickigen Krankenflügel zu kommen. Gedankenverloren zog sie ihren Zauberstab aus der Tasche und ließ ein paar Seifenblasen daraus hervorblubbern. In allen Regenbogenfarben glitzernd stiegen sie in den Himmel hinauf und zerplatzten schließlich nacheinander mit einem leisen Puffen. Mit einem leichten Lächeln auf dem Gesicht ließ sie einen Strauß Lilien aus dem Nichts entstehen und nahm ihn vorsichtig in die Hände. Die Blumen rochen wundervoll. Mit einer schnellen Bewegung trennte Lillyan einen Stiel in der Mitte durch und steckte sich die Lilienblüte ins Haar, dann ließ sie den restlichen Strauß wieder verschwinden. Es half nichts, sie musste zurück ins Schloss, sonst würde sie großen Ärger mit Madam Pomfrey bekommen, also drehte sie der Sonne seufzend den Rücken zu und machte sich auf den Weg zum Krankenflügel.

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    4. Die Herausforderung
    Der Winter kam und mit ihm eisige Kälte. In den Fluren hing der Atem weiß in der Luft und draußen auf den Ländereien war man selbst mit der wärmsten Kleidung in null Komma nichts durchgefroren. Dichter Nebel lag über dem verbotenen Wald und die Berggipfel rund um Hogwarts waren verschneit. Alle hielten sich so gut es ging in den warmen Räumen im Schloss auf. Dort brach allmählich weihnachtliche Stimmung an. Die vielen Rüstungen in den Korridoren glänzten auf einmal frisch poliert, alle Gemälde wurden, sehr zum Missfallen der darauf abgebildeten Personen, säuberlich geputzt, überall hingen plötzlich Stechpalmen- und Mistelzweige, Weihnachtskugeln und Eiszapfen von der Decke und in der Luft lag ein geheimnisvoller Duft nach Zimtsternen und Tannenzweigen. Dann, pünktlich zum ersten Dezember, begann es zu schneien. Lillyan saß gerade im Unterricht in Geschichte der Zauberei und versuchte, sich einen komplizierten Text über den ersten Zentaurenaufstand im Jahre 1862 einzuprägen, als Stella neben ihr plötzlich sagte: „Oh, seht doch- es schneit!“ Sofort hoben alle die Köpfe und wandten sich zum Fenster. „Hurra!“ Olivia sprang auf und führte einen kleinen Freudentanz auf, was ihr einen bösen Blick von Professor Binns einbrachte. „Endlich, Schnee! Wie sieht’s aus Leute- Schneeballschlacht nach Schulschluss?“ „Miss Trappers, setzen sie sich!“ sagte Professor Binns entrüstet. Verblüfft schaute Olivia ihn an, setzte sich dann jedoch gehorsam. Lillyan verkniff sich ein Kichern: Professor Binns war noch nie ein Talent darin gewesen, anderer Leute Nachnamen zu behalten. Sie selbst nannte er meistens Miss Whitty. Lillyan wandte sich wieder ihrem Text zu, aber sie konnte sich einfach nicht mehr konzentrieren. Ständig wanderte ihr Blick verträumt zu den großen Schneeflocken, die an den Fenstern vorbeischwebten. Nach der Schule könnte sie mit Sirius und Remus nach draußen gehen. Sie könnten eine Schneeballschlacht machen, Schneeriesen bauen und Wettschlittern auf dem Schwarzen See machen, sofern er bereits gefroren war. Allein bei dem Gedanken wurde Lillyan überglücklich. Seit dem Tag am See waren sie, Sirius und Remus Freunde. Sie machten häufig zusammen Hausaufgaben in der Bibliothek oder erkundeten Hogwarts vom tiefsten Kerker bis zur höchsten Turmspitze. Natürlich waren Sirius und Remus die meiste Zeit bei ihren beiden anderen Freunden. Die hatte Sirius ihr auch schon vorgestellt und dabei hatte sich Lillyans Vermutung bestätigt: James Potter konnte sie nicht leiden. Er war ihr gegenüber hochmütig und gelangweilt gewesen und hatte sie überhaupt nicht beachtet. Lillyan hatte das sehr enttäuscht: Sie hatte gehofft, sich mit Sirius‘ bestem Freund gut zu verstehen. Der kleine Junge mit den wässrigen Augen hieß Peter Pettigrew. Sein Spitzname war, aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen, Wurmschwanz, was aber umso besser zu Lillyans Bild von ihm als Wasserratte passte. Sie wusste nicht genau warum, aber irgendwie mochte sie ihn nicht. Vielleicht lag es daran, dass er Sirius und James stets hinterherrannte und sich ständig bei ihnen einschmeichelte. Auf jeden Fall hielten sowohl James als auch Peter sich von Lillyan fern, was ihre Freundschaft zu Remus und Sirius nicht gerade vereinfachte. Inzwischen wusste, sehr zu Lillyans Ärger, sowieso die ganze Schule darüber Bescheid. Dieses Schuljahr hatten die Lehrer nämlich beschlossen, das Experiment einer Schülerzeitung durchzuführen. Diese bekam den Namen „Klecksblatt“ und wurde von einem Sechstklässler namens Xenophilius Lovegood geleitet. Als freiwillige Reporterin hatte sich nur eine gemeldet: Rita Kimmkorn, eine freche, vorlaute, sehr neugierige Zweitklässlerin aus Slytherin. Die Lehrer bereuten diese Wahl inzwischen bitter, denn am ersten Herausgabetermin des Klecksblattes, dem Dienstag, an dem Lillyan aus dem Krankenflügel entlassen worden war, hatte auf der Titelseite in riesiger Schrift folgender Text gestanden:
    Klecksblatt, den 23. Oktober
    Viertklässlerin in geheimer Mission- schafft sie es, unser Viererkleeblatt zu zerstören?
    Seit Jahren kennen wir es- unser Viererkleeblatt aus der Fünften Klasse. Bisher hat es noch niemand geschafft, James Potter, Sirius Black, Remus Lupin und Peter Pettigrew auseinanderzubringen. SOLL SICH DAS ÄNDERN? In letzter Zeit wurden sowohl Sirius Back als auch Remus Lupin häufig in Gesellschaft von Lillyan Whiteley gesehen, einer komplett durchschnittlichen Viertklässlerin aus Gryffindor. James und Peter waren wohlgemerkt nicht dabei. Die drei schienen sich ausgezeichnet zu verstehen- besonders unser Mädchenschwarm Sirius Black ist von ihr begeistert. Was hat sie, dass sie es schafft, Blacks Steinherz zu erweichen? Und warum ist auch Remus Lupin dabei? Rivalisieren die beiden etwa um sie? Wird die Freundschaft unseres Vierergespanns darüber auseinanderbrechen? Das ist nur ein Teil der Fragen, die sich sämtliche Hogwartsschüler und Schülerinnen stellen. Diese sehr fragwürdige Freundschaft erstaunt uns alle, besonders da momentan das Gerücht umgeht, dass Whiteley bereits vergeben ist. Nutzt sie die Jungen aus? Genießt sie es, begehrt zu sein? Ist ihr Herz noch härter als das von Sirius Black? Fest steht jedenfalls, dass die Freundschaft unserer vier beliebten Chaosschüler in Gefahr schwebt.
    Rita Kimmkorn, Slytherin

    Als Lillyan diesen Text beim Frühstück gelesen hatte, hatte sie sich so heftig verschluckt, dass Lily sich Sorgen gemacht hatte, sie könne ersticken. „Was bitte?“ hatte Lillyan schließlich herausgebracht. „Wer ist diese kleine Rotznase?“ Fragend hatte Lily sie angeschaut, aber als Lillyan ihr das Klecksblatt gegeben hatte, war sie innerhalb von einer Sekunde erbleicht vor Wut. „Was bildet die sich eigentlich ein? Du- ein hartes Herz? Du bist einer der freundlichsten und offenherzigsten Menschen, denen ich je begegnet bin!“ „Das ist echt die Höhe! Das Gerücht geht um, ich sei schon vergeben? Natürlich wird das jetzt ein Gerücht sein, nachdem sie es geschrieben hat! Und warum in aller Welt sollte ich bitte Sirius und Remus ausnutzen?“ hatte Lillyan sich aufgeregt. Den ganzen Morgen über war sie unglaublich schlecht gelaunt gewesen. Lily hatte schließlich die Idee gehabt, mit Olivia zu reden, da alles, was man Olivia erzählte, innerhalb kürzester Zeit die ganze Schule wusste. Lillyan hatte Olivia die Wahrheit erzählt und es hatte funktioniert: Bis zum Mittagessen wussten alle, dass der Artikel von vorne bis hinten eine Lüge war. Trotzdem waren gelegentliche Fragen an Lillyan über den Artikel nicht ausgeblieben und diese war schließlich so wütend geworden, dass sie der elften Schülerin, die sie gefragt hatte, ob sie Sirius und Remus wirklich nur ausnutzte, einen Wabbelbeinfluch auf den Hals gejagt hatte. Zu Lillyans riesengroßer Erleichterung glaubten sowohl Sirius als auch Remus kein Wort des Artikels und so waren sie noch immer befreundet. Inzwischen war der Artikel schon fast in Vergessenheit geraten und Lillyan konnte wieder mit Remus und Sirius zusammen sein, ohne dabei von allen angestarrt zu werden. „Miss Wilsby!“ unterbrach Professor Binns ihre Gedanken. Lillyan blickte auf. Vorwurfsvoll schaute er sie an. „Ich habe sie jetzt schon dreimal gebeten, den Text zusammenzufassen!“ „Verzeihung, Professor!“ Blitzschnell versuchte Lillyan sich an den Text zu erinnern. „Im Jahre 1862 hat das Ministerium den Zentauren so wenig rechtlichen Freiraum gegeben, dass es schließlich einen Aufstand gab. Der war in der Nähe von London. Der damalige Zaubereiminister willigte schließlich ein, ihnen mehr Rechte zu geben und gründete außerdem das Zentaurenverbindungsbüro.“ Professor Binns runzelte missbilligend die Stirn. „Richtig, Wallenby. Auch wenn ich mir wünschen würde, dass Sie im Unterricht besser aufpassen.“ Lillyan nickte entnervt und Professor Binns suchte sich ein neues Opfer. Nach scheinbar einer halben Ewigkeit klingelte endlich die lang ersehnte Schulglocke. „Als Hausaufgaben machen Sie…“ rief Professor Binns ihnen noch hinterher, aber da waren sie auch schon zur Türe hinaus gestürmt. „Freiheit!“ Olivia lachte glücklich und drehte sich ein paarmal übermütig im Kreis. „Und? Machen wir eine Schneeballschlacht?“ „Klar, denkst du, das lassen wir uns entgehen?“ fragte eine wohlbekannte Stimme hinter ihnen. „Lily!“ Lillyan wirbelte herum. „Wer sonst?“ Lily grinste und beschleunigte kurz, sodass sie neben Lillyan herlief. „Professor Sprout hat uns fünf Minuten früher rausgelassen.“ erklärte sie und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Es konnte sich sowieso keiner mehr konzentrieren.“ „Da sprichst du ein wahres Wort Evans!“ James Potter war zu ihnen gestoßen, seltsamer Weise alleine. Angeekelt schaute Lily ihn an. „Was willst du denn hier?“ „Ist es verboten, einen Gang entlangzulaufen?“ erkundigte er sich mit Unschuldsmiene. Mary begann zu kichern. Lily warf ihr einen vernichtenden Blick zu und wandte sich von James ab. „Wir sehen uns draußen, nehme ich an!“ sagte James grinsend, wuschelte noch einmal durch sein Haar und rannte davon. Mit unbewegtem Gesicht schaute Lily ihm nach. Olivia schüttelte sich vor Lachen. „Er steht auf dich, Lily!“ stellte sie fest und kicherte gleich wieder los. Lily schnaubte nur abfällig. „Als ob ich jemals was mit dem anfangen würde! So ein arroganter Angeber wie der ist…“ „Aber er ist unglaublich süß!“ bemerkte Mary verträumt. „Du findest jeden Jungen süß.“ Lillyan übersprang in Siriusmanier die letzten Treppenstufen und drehte sich herausfordernd zu den anderen um. „Wer als erster im Schlafsaal ist!“ schlug sie vor und rannte ohne eine Antwort abzuwarten davon. Mit einem Blick über die Schulter vergewisserte sie sich, dass die anderen ihr folgten. Kurz vor dem Portraitloch trafen sie auf Mandy Kingston und zwei ihrer Freundinnen und liefen gemeinsam weiter. „Passwort?“ quäkte die fette Dame. „Vieles.“ sagte Mary. „Blödsinn, das war letzte Woche!“ verbesserte Lillyan sie. „Alea jacta est.“ „Genau!“ sagte die fette Dame mit Nachdruck und das Portrait schwang zur Seite. „Schnell, holt eure Jacken und dann nichts wie raus!“ rief Olivia und stürmte an den Anderen vorbei zu den Schlafsälen. Innerhalb kürzester Zeit standen die Freundinnen wieder im Gemeinschaftsraum, dick angezogen mit Schals, Handschuhen, Mützen und Jacken. Lachend stürmten sie aus dem Gemeinschaftsraum, durch die vielen Flure und schließlich atemlos durch die Eingangshalle hinaus auf die inzwischen dunklen Ländereien. Lillyan blieb kurz stehen und legte den Kopf in den Nacken. Es schneite immer noch und die dicken Flocken landeten auf ihrem Gesicht. Der dunkle Himmel war voller Schneewolken. Glücklich lächelnd lief Lillyan zu den Anderen hinüber, die bereits eifrig dabei waren, Teams für die Schneeballschlacht zu bilden. Noch waren die Ländereien verlassen, aber das würde sich sicher bald ändern. „Lily, Lillyan und ich in ein Team und Mandy, Amy und Jessica ins andere Team.“ bestimmte Olivia. Erst da merkte Lillyan, dass Mary fehlte. „Wo ist Mary?“ fragte sie. „Die wollte oben bleiben. Sie mag keinen Schnee!“ verächtlich rümpfte Olivia die Nase und hob eine Hand voll Schnee vom Boden auf. „Los geht’s!“ Im nächsten Moment begann eine wilde Schneeballschlacht, die allen solchen Spaß machte, dass die Teams bald vergessen waren. Jeder warf Schneebälle auf jeden, sie kreischten und lachten und vergaßen alles um sich herum. Lillyan duckte sich gerade vor zwei Schneebällen und hob gleichzeitig eine Hand voll Schnee vom Boden auf, als das Schlosstor aufging und sich eine riesige Flutwelle von Schülern auf die Ländereien ergoss. Es dauerte nicht lange und halb Hogwarts machte gemeinsam eine Schneeballschlacht. Lillyan warf gerade einen Schneeball auf Stella und tauchte schnell zur Seite weg, als plötzlich jemand hinter ihr „Hi Lillyan.“ sagte. Sie drehte sich um- und bekam einen Schneeball mitten ins Gesicht. Sirius wollte sich ausschütten vor Lachen. „Na warte!“ schrie sie lachend, formte einen Schneeball und rannte hinter ihm her, so schnell sie konnte. Ihr Schneeball flog über seinen Kopf hinweg und schlug ihm die Mütze herunter. Er lachte ebenfalls, hob einen neuen Schneeball auf und warf diesen zu Lillyans Überraschung auf Snape, der gerade vorbeilief. Er traf ihn am Ohr und Snape fuhr herum. „Hey, Schniefelus!“ rief Sirius. Blitzschnell zog Snape seinen Zauberstab aus der Tasche aber Sirius war schneller. Ein Lichtblitz und ein Schneeball flog aus dem Nichts herbei und schlug Snape den Zauberstab aus der Hand. Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete Lillyan das Ganze. Sie hatte früher schon oft mitbekommen, wie Sirius und James Snape geärgert hatten, aber da hatte sie alle drei noch nicht sonderlich gemocht. Nun aber war Sirius ihr Freund und wenn er anfing, zu fies zu werden, musste sie einschreiten. James war inzwischen dazugekommen und stellte sich neben Sirius. „Na Schniefelus, wie geht’s? Was machst du eigentlich hier draußen? Sonst kriegst du doch deine lange Nase nicht aus deinen Büchern raus.“ „Ach ja? Und ihr?“ verteidigte sich Snape. „Was wir? Wir wissen wenigstens, was ein Shampoo ist!“ sagte Sirius. Peter, der zusammen mit Remus hinzugekommen war, kicherte mal wieder. Lillyan warf ihm einen wutgeladenen Blick zu, dann schaute sie hilfesuchend zu Remus hinüber. Zu ihrem Erstaunen stand der mit gesenktem Blick da und sagte nichts. Sonst half er doch immer, wenn es Streit gab! Aber da verstand sie plötzlich. Klar, er half normalerweise bei sowas, aber hier ging es um seine Freunde. Schritt er ein, so waren seine Freunde wütend auf ihn. Natürlich, er hatte Angst, seine Freunde zu verlieren. Aber trotzdem, das konnte er doch nicht zulassen. Er, als Vertrauensschüler! Snape stürzte sich auf seinen Zauberstab, aber James entwaffnete ihn so schnell wieder, dass ihn die Wucht des Zaubers nach hinten schlug. „Glaubst du wirklich, du hättest gegen uns eine Chance?“ fragte James abfällig. „Wenn wir uns duellieren würden würde ich haushoch gewinnen und das weißt du!“ Snape stieß eine grobe Verwünschung aus und hechtete erneut nach seinem Zauberstab. Ein weiterer Lichtblitz und Snape flog durch die Luft und landete unsanft in einer Schneewehe. Da reichte es Lillyan. „Lasst es.“ Ihre Stimme war ruhig, aber dennoch so laut, dass sich alle, die gerade noch den Streitenden zugesehen hatten, überrascht zu ihr herumdrehten. „Ah, Whiteley!“ James spöttischer Blick blieb an Lillyan hängen. Sirius schaute sie nicht an. „Was willst du? Willst du Schniefelus helfen?“ „Nein.“ Lillyan blieb immer noch ruhig. „Ich will, dass ihr euch gegenseitig in Ruhe lasst.“ Für einen Moment herrschte Schweigen. James verzog das Gesicht. „Warum sollte ich das tun?“ „Warum solltest du das nicht tun?“ konterte Lillyan. Für einen Moment hatte sie James damit aus dem Konzept gebracht, aber er fasste sich schnell wieder. „Ich wüsste nicht, warum ich mich vor dir rechtfertigen sollte.“ meinte er kalt. „Das kann ich dir sagen!“ Lily war hinter Lillyan getreten. Sie blitzte James wütend an. „Du verspottest ihn, obwohl du keinen Grund dazu hast! Du greifst ihn an, ohne dass er dir etwas getan hat! Was soll das?“ Irrte Lillyan sich oder wurde James Blick etwas weicher? „Naja…“ sagte er und fuhr sich durch das strubbelige Haar. Seine Stimme war irgendwie anders als vorhin. Freundlicher. „Siehst du, du weißt es ja selbst nicht! Lasst euch doch einfach gegenseitig in Ruhe!“ fauchte Lily weiter. James schaute sie nur an. „Gehst du mit mir aus, Evans?“ fragte er schließlich. „Beim nächsten Hogsmeadebesuch?“ „Hast du sie noch alle?“ Lily schnappte nach Luft. „Als ob ich jemals auch nur ansatzweise Irgendetwas mit dir machen würde, Potter! Du bist so ein blöder, arroganter, eingebildeter Angeber! Ich verstehe einfach nicht, dass du überhaupt Freunde hast!“ wütend drehte sie sich um und rannte zum Schloss zurück. Etwas geknickt schaute James hinter ihr her, dann zuckte er scheinbar gleichgültig die Schultern. Snape hatte sich inzwischen aufgerichtet und seinen Zauberstab aufgehoben. Einen Augenblick schaute er Lily ebenfalls hinterher, dann ging er, mit einem letzten wütenden Blick auf James, weiter. Die Zuschauer hatten sich inzwischen abgewandt und die Schneeballschlacht fortgesetzt. Lillyan bemerkte, dass Snape ein beliebtes Ziel der Schneebälle war, kein Wunder: Snape war allgemein unbeliebt. Er und seine Freunde experimentierten gerne mit schwarzer Magie und das vor allem bei Zweitklässlern. Lillyan war klar, dass Lily wusste, dass es Snape nur recht geschah, wenn James und Sirius ihn ab und zu mal auf dem Kieker hatten, aber ihr ging es anscheinend genau wie Lillyan: Sie hielt Snape oft davon ab Zweitklässler zu verhexen, also hielt sie auch James und Sirius davon ab, Snape zu verhexen. Für Lillyan war das Fairness, für Lily war es Kummer und Ärger. Sie spürte Sirius‘ Blicke im Rücken aber sie drehte sich nicht um. Jemand trat neben sie. Remus. „Danke.“ sagte er leise. „Ich wage nie, etwas zu sagen. Ich weiß ja, dass Snape es verdient, aber James übertreibt es oft und dann weiß ich nicht…“ er verstummte. „Ist gut, ich kann dich verstehen.“ Lillyan seufzte leise. „Ich weiß, dass es nicht Sirius ist, der das Ganze immer auf die Spitze treibt. Wie auch immer, ich sollte Lily nachgehen. Sag Sirius, wenn James nicht dabei ist, dass ich nicht sauer auf ihn bin, ja?“ „Okay.“ erleichtert lächelte Remus sie an. Lillyan nickte ihm noch einmal zu, dann rannte sie Lily hinterher zum Schloss. Auf dem Weg traf sie ein Schneeball ins Gesicht, aber sie verspürte keinen Drang, sich zu rächen. Die Lust auf Schneeballschlacht war ihr vergangen. Die Kälte drang durch ihren Umhang und sie fluchte leise. Na toll, die Jungs hatten es geschafft, ihr den ganzen Abend zu versauen. Endlich war sie in der Eingangshalle angelangt und rannte keuchend die Treppen hinauf. Schneller und immer schneller wurde sie, obwohl sie das Gefühl hatte, ihre Lunge würde gleich bersten. Vollkommen atemlos schlitterte sie in den Korridor mit dem Portrait der fetten Dame. „Gütiger Himmel, was ist denn hier los?“ besorgt musterte die fette Dame Lillyan von Kopf bis Fuß. Die schüttelte nur den Kopf. „Al- alea jacta est!“ stieß sie keuchend hervor. Das Portrait klappte zur Seite und Lillyan stürzte sich wagemutig durch das Portraitloch. In Sekundenschnelle registrierte ihr Blick eine rote Haarsträhne, die in den Mädchenschlafsälen verschwand. „Lily!“ brüllte sie und hastete quer durch den Gemeinschaftsraum ihrer Freundin hinterher. Zwei kleine Zweitklässlerinnen lachten laut aber sie kümmerte sich nicht darum. In Rekordzeit erreichte sie die Mädchenschlafsäle und rannte zu der Türe, hinter dem Lilys lag. Nach Atem ringend blieb sie vor der Türe stehen und wartete kurz, bis sich ihre Atmung wieder soweit beruhigt hatte, dass sie etwas hören konnte. Leise legte sie ein Ohr an die Türe. Kein Mucks war zu hören. „Lily?“ zaghaft öffnete Lillyan die Türe und trat ein. Lily lag mit dem Rücken zu ihr auf ihrem Bett und hatte das Gesicht in ihrem Kissen vergraben. „Lily.“ flüsterte Lillyan vorsichtig, ging langsam zu ihrer Freundin hinüber und setzte sich auf den Bettrand. „Hey. Alles ist gut!“ Lily blieb still. „Lily, es ist okay. Du hast dich für Snape eingesetzt. Du hast deine Meinung zum Ausdruck gebracht und James davon abgehalten, ihn weiter zu ärgern. Du hast getan, was in deinen Kräften stand!“ Lily schluchzte wütend auf. „Ich verstehe einfach nicht, warum sie das tun!“ brach es da plötzlich aus ihr heraus. „Zum einen macht es mich rasend wenn dieser blöde Potter Severus so fertig macht und manchmal bin ich kurz davor, ihm mal einen Fluch auf den Hals zu jagen aber zum anderen weiß ich, dass Sev es auch verdient! So wie er neulich diese Zweitklässlerin verhext hat… Aber trotzdem ist er immer noch mein bester Freund! Ich kann ihn doch nicht im Stich lassen!“ Sanft streichelte Lillyan ihr die Schulter. „Ich weiß, wie du dich fühlst und ich kann dich verstehen. Aber was ich nicht verstehe ist, warum du Snape noch nie die Freundschaft gekündigt hast! Wie oft schon hat er sich schon schlecht benommen und hinterher beteuert, es tue ihm leid. Du hast ihm immer zu verziehen. Gibt es einen besonderen Grund dafür?“ Lily reagierte nicht, sie lag nur stumm auf ihrem Bett. „Du liebst ihn.“ stellte Lillyan leise fest. Lily zuckte so heftig zusammen, dass Lillyan beinahe von der Bettkannte gerutscht wäre. Im nächsten Moment saß sie aufrecht im Bett und starrte Lillyan mit entsetztem Gesicht an. „Was- Nein! Niemals! Er ist doch nur- er war doch immer mein bester Freund! Es wäre bescheuert, sich in ihn zu verlieben, besonders weil…“ Lily verstummte und begann endgültig zu weinen. Lillyan nahm sie wortlos in den Arm und drückte sie leicht. „Ich will nicht, dass ich das für ihn empfinde!“ brachte Lily schließlich unter Schluchzen heraus. „Du hättest Chancen.“ flüsterte Lillyan mit einem Kloß im Hals. Sie spürte deutlich, wie traurig es sie machte, ihre beste Freundin so verzweifelt zu sehen. „Aber ich will keine Chancen!“ stieß Lily hervor. „Ich weiß doch selber, wie er ist! Jeden Tag sehe ich die Abscheu in seinem Gesicht, wenn er andere Gryffindors sieht. Er hasst meine Freunde. Ich hasse seine Freunde! Wir haben überhaupt nichts gemeinsam! Und es gibt Tage, an denen hasse ich ihn! Aber trotzdem kann und kann ich ihn nicht vergessen!“ erschöpft von diesem Ausbruch ließ sie sich gegen Lillyans Schulter sinken. „Warum hast du mir denn nie davon erzählt?“ fragte Lillyan leise. „Erzählst du mir etwa alles?“ Lily schaute zu Lillyan auf. „Ähm…“ begann diese, ohne den leisesten Schimmer zu haben, was sie eigentlich sagen wollte. „Ich hab es doch gewusst!“ sagte Lily und musste unter Tränen lächeln. „Denkst du wirklich, ich habe nicht gemerkt, wie du Black anschaust?“ Erschrocken blickte Lillyan Lily an. „Woher…“ stammelte sie, aber Lily grinste nur. „Keine Sorge, dein Geheimnis ist bei mir sicher. Und ansonsten hat es auch noch keiner kapiert, am allerwenigsten er selber.“ Lillyan war einen Moment lang sprachlos. „Und- und du bist nicht sauer? Du findest es nicht- naja- affig?“ Lachend schüttelte Lily den Kopf. „Es ist ja nicht wie bei Mary und Lacey. Sie schmachten ihm nur sinnlos hinterher, weil er gut aussieht. Du hingegen-“ sie hielt kurz inne. „Naja, ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll, aber jeder Blinde von hinten sollte sehen können, wie verschossen du in ihn bist! Die Betonung liegt auf ‚sollte sehen‘ weil es eben bisher noch niemand außer mir bemerkt hat. Seltsamer Weise!“ Lillyan konnte es kaum fassen, dass Lily sie die ganze Zeit über vollkommen durchschaut hatte. Wenn sie sich es recht überlegte, war das aber eigentlich nicht weiter verwunderlich. Lily war die Person, die sie am besten kannte. Kein Wunder, dass sie es bemerkt hatte. Lily grinste ihr verschwörerisch zu. „Momentan sind wir einfach nur Freunde!“ sagte Lillyan und wurde rot. Lilys Grinsen wurde noch breiter. „Was ist eigentlich mit dieser Rita Kimmkorn?“ fragte Lillyan schnell, um ein wenig von sich abzulenken. „Meinst du, sie hat es gemerkt?“ Lily runzelte die Stirn, dann schüttelte sie den Kopf. „Nein, das glaube ich nicht. Sie hat rein aus Zufall ins Schwarze getroffen. Dass du angeblich schon vergeben bist, war ja auch völliger Blödsinn.“ „Gut!“ erleichtert fuhr Lillyan sich mit der Hand übers Gesicht. „Das hätte mir nämlich gerade noch gefehlt.“ Ihre Miene verdüsterte sich wieder. „Wie soll es denn jetzt eigentlich weitergehen?“ Sofort traten Lily wieder die Tränen in die Augen. „Du musst ihn vergessen, Lily!“ sagte Lillyan eindringlich. „Ich weiß, das kannst du. Er verdient dich nicht. Such dir jemand anderen, jemand netten! Am besten einen aus Gryffindor!“ Lily begann, wieder zu schluchzen. Lillyan nahm all ihren Mut zusammen und stellte die Frage, die ihr schon den ganzen Abend lang auf der Zunge lag. „Wie wär‘s, wenn du wirklich mal mit Potter ausgehen würdest?“ Die verschiedensten Gefühle huschten blitzschnell hintereinander über Lilys Gesicht: Verständnislosigkeit, Überraschung, Schmerz und schließlich Wut. „Bitte, bitte!“ rief Lillyan schnell und wich vor Lily zurück. „Es ist ja nur ein Vorschlag!“ „Ist das dein Ernst? Du denkst, ich sollte mit James Potter nach Hogsmeade gehen?“ Lily schüttelte nur perplex den Kopf. „Niemals!“ Lillyan seufzte leise. „Hör zu- ich weiß selbst, dass James ein arroganter Angeber ist, aber in deiner Gegenwart ist er anders! Er wird ernster, ruhiger- erwachsener. Vielleicht- nein, lass mich ausreden! Vielleicht könntest du ja einen guten Einfluss auf ihn haben! Normalerweise hört er auf niemanden außer auf Sirius, aber ich bin mir sicher, dass er auch auf dich hören würde!“ „Ach ja? Und warum hört er dann nicht auf, Sev zu ärgern?“ rief Lily aufgebracht. „Pssst!“ Lillyan legte beschwichtigend einen Finger an die Lippen. „Verstehst du denn nicht? Er ist eifersüchtig! Er versucht, vor dir cooler dazustehen als Snape, er versucht, seinen Konkurrenten auszuschalten, indem er Snape bloßstellt!“ Mit weit aufgerissenen Augen saß Lily auf ihrem Bett und schlug sich entsetzt die Hand vor den Mund. „Ach so!“ hauchte sie. „Na siehst du!“ sagte Lillyan, jetzt in geschäftsmäßigem Tonfall. „Dann wäre das ja geklärt. Komm, wasch dir noch schnell das Gesicht und dann gehen wir Abendessen. Ich sterbe vor Hunger!“ Lily schniefte noch einmal, nickte dann aber und stand auf. „Und Lily, “ Lillyan seufzte und stand ebenfalls auf. „ein Tipp: Mach dir keinen Stress. Das klärt sich schon noch!“ Lily lächelte schief und hakte sich bei Lillyan ein. Und dann gingen die beiden, nach einem kleinen Abstecher zur Toilette, hinunter in die große Halle.
    *
    Bereits auf der Treppe schlug ihnen Lärm entgegen. Der Schnee machte die Schüler fröhlich und übermütig. Genervt kämpften Lily und Lillyan sich durch die Menge von nassen und schneebedeckten Schülern, die von draußen in die Eingangshalle strömten, und gelangten schließlich atemlos in die Große Halle. An allen Tischen herrschte großer Trubel. Die Stimmung war bestens, was man vom Lehrertisch allerdings nicht behaupten konnte. Mit blassen Gesichtern und todernst saßen die Lehrer auf ihren Plätzen, selbst Professor Dumbledores Augen leuchteten nicht wie sonst. „Nanu? Was ist denn mit den Lehrern los?“ flüsterte Lillyan Lily verblüfft zu. Lilys Miene wurde beklommen. „Im Tagespropheten stand heute, dass in der Nähe von Kensington Gardens eine Muggelfamilie ermordet aufgefunden wurde.“ Entsetzt starrte Lillyan sie an. „Wer war das?“ fragte sie. „Kannst du dir das nicht denken?“ Mit verängstigtem Gesicht setzte Lily sich an den Gryffindortisch und nahm sich Steak und Nierenpudding. Lillyan blieb still und setzte sich neben sie. Klar wusste sie, wer die Muggel auf dem Gewissen hatte. Naja, wahrscheinlich nicht er selbst, aber seine Anhänger. Vor einigen Jahren hatte sich nämlich ein Zauberer das Ziel gesetzt, die Weltherrschaft an sich zu reißen, die Zauberer aus dem Untergrund zu führen und alle Muggel und Muggelstämmigen zu vernichten. Selbstverständlich war er überall auf Wiederstand getroffen, aber er hatte nicht aufgegeben, sich Anhänger gesucht, Pläne ausgeheckt und war schließlich sehr mächtig geworden. Bis zum heutigen Zeitpunkt hatte er bereits so viel Macht und Bosheit erreicht, dass nur noch wenige Zauberer es wagten, seinen Namen auszusprechen: Lord Voldemort. Alle anderen nannten ihn einfach nur Du- weißt- schon- wen, vermieden es aber wenn irgend möglich, überhaupt über ihn zu sprechen. Noch niemandem war es bisher gelungen, ihn aufzuhalten. Lillyan fröstelte. Plötzlich kamen ihr die anderen Schüler, die lachend und redend auf ihren Plätzen saßen, reichlich unsensibel und albern vor. Lustlos wandte sie sich ihrem Steak und Nierenpudding zu. „Hey, Lillyan! Warum so trübselig?“ fragte da eine verschmitzte Stimme hinter ihr und jemand ließ sich neben sie auf die Bank fallen. Sirius. Remus hatte sich ihnen gegenüber gesetzt, zu Lillyans Überraschung zusammen mit James und Peter. „In Kensington Gardens wurde eine Muggelfamilie ermordet.“ antwortete Lillyan bedrückt. James und Sirius schnappten gleichzeitig erschrocken nach Luft, Remus riss den Kopf hoch und selbst Peter sah milde überrascht aus. „Was?“ sagte Sirius scharf. Lillyan nickte nur. Sirius fluchte laut. „Das war er, oder?“ James schaute natürlich Sirius an, nicht Lillyan. An sie verschwendete er nie einen Blick. „Klar. Wer sonst käme auf so eine Idee?“ verbittert häufte Sirius sich den Teller voll. „Aber irgendwen muss es doch geben, der es schafft, ihn aufzuhalten!“ Remus fuhr sich durch das nasse Haar. „Kannste vergessen. Die sind alle entweder zu feige oder zu dumm!“ verächtlich schnaubte James auf. „Dumbledore ist weder feige noch dumm und er hat es auch noch nicht geschafft, ihn zu stoppen.“ wandte Lillyan ein. James warf ihr einen verärgerten Blick zu, aber von sowas ließ sie sich nicht einschüchtern. „Glaubst du etwa, du würdest es schaffen, ihn aufzuhalten?“ Lillyan lachte spöttisch. James kniff wütend die Augen zusammen. „Natürlich nicht.“ sagte Remus ruhig, bevor die beiden anfangen konnten, sich richtig zu streiten. „Und außerdem sind sämtliche Auroren auf der Suche nach ihm, Krone, also komm mal ein bisschen runter, ja?“ James wechselte einen langen Blick mit Sirius und wandte sich dann wieder seinem vollen Teller zu. Eine Weile lang aßen sie schweigend, jeder hing seinen Gedanken nach. Schließlich stand James auf und seufzte als er sah, dass Sirius und Remus sitzen blieben. „Wir sehen uns später, denke ich.“ sagte er resigniert. Sirius nickte nur. „Komm, Wurmschwanz!“ Peter sprang sofort auf und die beiden verließen die Große Halle. Kopfschüttelnd schaute Remus ihnen nach. „Ich verstehe einfach nicht, was James zurzeit hat!“ „Lass ihn. Er kriegt sich schon wieder ein.“ meinte Sirius, aber Lillyan kannte ihn inzwischen gut genug, um die Sorge aus seiner Stimme herauszuhören. Am liebsten hätte sie ihn umarmt um ihn zu trösten aber sie hatte Angst, er würde es nicht wollen. Stattdessen schaute sie ihn nur mitleidig an. „Er kann mich nicht leiden.“ bemerkte sie leise. „Ach, Unsinn! Er kennt dich doch gar nicht!“ Sirius fischte missgelaunt einen Halm Petersilie aus seinem Essen. „Aber vielleicht ist das ja der springende Punkt!“ wandte Remus zögernd ein. „Willst du damit sagen, dass er Vorurteile gegenüber Lillyan hat?“ Wie elektrisiert fuhr Sirius hoch. „Reg dich ab, Tatze!“ sagte Remus scharf. „Das können wir noch wann anders mit ihm klären!“ „Mir wäre es lieber, ihr würdet es überhaupt nicht mit ihm klären!“ murmelte Lillyan vor sich hin. „Warum das?“ Sirius ließ sich wieder auf seinen Stuhl sinken und schaute sie ungläubig an. „Ist dir das nicht klar?“ fragte Lillyan genervt. Als Sirius den Kopf schüttelte, fuhr sie fort: „Je mehr ihr versucht, ihn dazu zu bringen, mit mir befreundet zu sein, desto mehr stellt ihr mich zwischen euch und ihn! Das ist es doch, warum er mich nicht leiden kann! Er denkt, ich will ihm seine beiden besten Freunde wegschnappen!“ Mit offenem Mund saßen Sirius und Remus auf ihren Plätzen und starrten Lillyan an, als hätte sie ihnen gerade erklärt, dass Vögel nicht fliegen könnten. „Nein, das denkt er bestimmt nicht!“ Sirius‘ Stimme klang erschrocken. „Warum sollte er? Wir machen doch meistens was mit ihm und Wurmschwanz!“ „Natürlich denkt er das!“ ungeduldig legte Lillyan die Gabel auf ihren leeren Teller. Remus wollte gerade etwas erwidern, da sagte Sirius plötzlich: „Was ist denn da hinten los?“ Lillyan und Remus folgten seinem Blick und sahen eine Gruppe von Schülern am Halleneingang, die sich um einen großen, blonden Jungen geschart hatten. „Ach du je, ich glaube das neue Klecksblatt ist herausgekommen!“ sagte Remus erschrocken. „Meinst du?“ neugierig beobachtete Lillyan, wie noch ein paar Schüler zu der Gruppe hinzustießen. Der große, blonde Junge rief irgendetwas, das sie nicht verstand, woraufhin sich noch mehr Schüler neugierig näherten. „Klar, der blonde ist Xenophilius Lovegood aus Ravenclaw und das neben ihm ist doch Rita Kimmkorn.“ Remus stand auf. „Ich hol uns mal eins, ja?“ Ohne eine Antwort abzuwarten ging er nach hinten und wechselte ein paar Worte mit Xenophilius, woraufhin er mit einem kleinen Heft zurück zu Sirius und Lillyan kam. „Und? Irgendwas Interessantes?“ fragte Sirius und gähnte. Lillyan wunderte sich immer wieder, wie schnell seine Stimmung umschlagen konnte. Remus antwortete nicht, sondern starrte nur entsetzt auf die Zeitschrift. „Remus?“ fragte Lillyan besorgt. „Seht euch das an! Seht- euch- das- an!“ Wütend klatschte Remus die Zeitung auf den Tisch, so heftig, dass Lillyans Glas umfiel. „Das ist doch unglaublich!“ rauchend vor Zorn beugte er sich über die Zeitung und las laut vor: „ ‚Liebeskummer in Hogwarts- Was in den Herzen unserer Quidditchstars vor sich geht‘ Beim ersten Quidditchspiel dieser Saison Gryffindor gegen Slytherin, das mit einem spektakulären Sieg für Gryffindor endete, war unserem Team aus Gryffindor keinerlei Schwäche anzumerken. Täuscht das? In den Herzen unserer Mitspieler geht offenbar mehr vor, als so mancher gedacht hätte. Beginnen wir doch mal mit unserem Mädchenschwarm Sirius Black. Als nach dem Quidditchspiel Lillyan Whiteley vom Besen fiel, fing er sie mit einem lebensgefährlichen Sturzflug auf. Offenbar hat sie ihn mehr beeindruckt, als er sich anmerken lässt. In den letzten Wochen hatte Black sehr viel mit Whiteley zu tun, aber bisher ist die Beziehung zwischen den beiden nur freundschaftlich. Stört Black das? Hatte er sich nach seiner grandiosen Rettungsaktion mehr erhofft? Trägt unser Schönling aus der fünften ein gebrochenes Herz mit sich herum? Und was ist mit Whiteley? Sie scheint mit der Freundschaft zufrieden zu sein, ja, sie interessiert sich scheinbar nicht einmal für andere Möglichkeiten! Hat sie wirklich ein Herz aus Stein oder trauert sie einem Anderem hinterher? Sind die Gefühle der beiden füreinander so verschieden wie ihre Nachnamen? Auch James Potter scheint seine Probleme zu haben. Seit Wochen versucht er sich an Lily Evans heranzumachen, ein großes Mädchen aus der fünften. Bisher hat er jedoch nur Absagen erteilt bekommen. Stimmt das, dass sie ihn bloß nicht leiden kann, oder ist sie in Wirklichkeit an jemanden vergeben? Als wahrscheinlichster Kandidat käme da Potters Erzfeind Severus Snape in Frage. Hat Potter zurzeit einfach nur Pech oder ist das alles Schicksal? Ist unser Glückspilz vom Unglück verfolgt? Wie auch immer, es scheint, dass unsere beiden besten Freunde sich in die einzigen Mädchen verliebt haben, die ihrem Charme nicht erlegen sind.“ Wütend klappte Remus die Zeitung zu. „Danach kommt noch jede Menge Blödsinn über Erin und Mandy. Und jetzt ratet mal, wer das geschrieben hat!“ „Rita Kimmkorn.“ resigniert vergrub Lillyan das Gesicht in den Händen. „Eines Tages bringe ich sie eigenhändig um!“ stellte Sirius trocken fest. „Zum Glück wissen ja alle, dass das was Rita Kimmkorn schreibt völliger Blödsinn ist, also brauchst du dich überhaupt nicht so aufzuregen Remus.“ Remus schnaubte verächtlich. „Zum Glück hast du Recht!“ Er stand auf. „Wie sieht’s aus, kommt ihr mit in die Bücherei? Ich muss noch diesen Aufsatz über Graphhörner fertig schreiben und dabei könnte ich eure Hilfe gut gebrauchen!“ Sirius tat es ihm nach. „Klar, ich muss sowieso noch für Zaubertränke den Aufsatz über den Verblassungstrank schreiben.“ Lillyan erhob sich ebenfalls. „Na dann los!“ Remus ließ das Klecksblatt einfach auf seinem Platz liegen und gemeinsam machten die drei auf den Weg in die Eingangshalle. Als sie an der Gruppe vorbeikamen, die um Xenophilius Lovegood herumstand, drehten sich alle zu ihnen um. Ein kleines Mädchen, mit schmutzig- rotblonden Haaren begann schrill zu lachen. „Und, Whiteley, wie sieht’s aus? Trauerst du jemandem hinterher oder hast du wirklich ein Herz aus Stein?“ höhnte sie und einige andere Schüler stimmten in ihr Lachen ein. Sirius fuhr herum, aber Lillyan packte ihn am Arm und zerrte ihn an den Mädchen vorbei aus der Halle. Dabei realisierte sie die Schlangenembleme auf den Umhängen derjenigen, die gelacht hatten. „Lass mich! Ich werde dieser Kimmkorn ein für alle Mal das Maul stopfen!“ fauchte er. „Das sind Slytherins, was erwartest du da anderes?“ zischte Lillyan ihm zu und ließ ihn los. Sirius stöhnte, aber er machte keine Anstalten, zurück in die Halle zu gehen. „Dann war also dieses Mädchen mit der Haarfarbe wie verfaulte Karotten Rita Kimmkorn?“ fragte Lillyan. Sirius blinzelte kurz, dann brüllte er vor Lachen. „So kann man es auch nennen.“ Bemerkte Remus trocken und schlug den Weg zur großen Treppe ein. Sirius‘ Lachen war so ansteckend, dass Lillyan und Remus sich ebenfalls nicht mehr lange beherrschen konnten, und so kamen alle drei schließlich völlig außer Atem in dem Korridor an, der zur Bibliothek führte. Kein Schüler war zu sehen, alle saßen in der Großen Halle beim Abendessen. „Hast du den Aufsatz eigentlich schon fertig?“ wandte sich Remus an Sirius, als sie sich wieder beruhigt hatten. Die Antwort blieb Sirius jedoch erspart, weil im selben Moment jemand aus einem der Gänge zu den Seiten des Korridors heraustrat. Lillyan sog scharf die Luft ein: es war Jefferson. Bei ihrem Anblick verzog sich sein Gesicht zu einem zufriedenen Lächeln, so als habe er sie erwartet. „Ah, hier bist du also, Whiteley. Ich habe ein paar Worte mit dir zu reden!“ sagte er und kam ein paar Schritte auf sie zu. Sirius und Remus stellten sich instinktiv mit gezückten Zauberstäben vor Lillyan. „Hau ab, Jefferson!“ sagte Sirius mit gefährlich leiser Stimme. „Lass sie in Ruhe!“ „Ganz ruhig Black, ich will nur mit ihr reden.“ Spöttisch zog Jefferson die Augenbrauen hoch. „Oder ist das verboten?“ „Einen feuchten Doxymist machst du!“ fauchte Sirius. „Sirius, es ist okay!“ ging Lillyan dazwischen. Jetzt wo sie den ersten Schreck überwunden hatte, war sie neugierig, was Jefferson ihr zu sagen hatte. Beschwichtigend legte sie Sirius eine Hand auf den Arm, mit dem er den Zauberstab auf Jefferson richtete. „Lass mich mit ihm reden.“ „Lillyan- nein. Er wird dir wieder einen Fluch auf den Hals jagen!“ knurrte Sirius. „Ach was, komm schon!“ sprang Remus Lillyan bei. „Lass ihn mit ihr reden. Er wird es nicht wagen sie anzugreifen wenn wir dabei sind.“ Sirius schaute Lillyan fragend an. Als sie seinen Blick beruhigend erwiderte, trat er widerwillig zur Seite. Lillyan machte einen mutigen Schritt auf Jefferson zu. In ihrem Ärmel fühlte sie das beruhigende Holz ihres Zauberstabes und hinter sich die schützende Anwesenheit von Remus und Sirius. „Was willst du?“ fragte sie ruhig und schaute Jefferson fest in die Augen. Der räusperte sich und begann. „Du weißt, Whiteley, dass ich dich nicht leiden kann. Du stehst uns im Weg den Quidditchpokal zu gewinnen und außerdem bist du ein Schlammblut.“ „Nenn sie nicht Schlammblut du mieser, feiger…“ „Sirius, reg dich ab! Er nennt jeden Schlammblut und es ist mir egal!“ sagte Lillyan schnell, bevor Sirius richtig ausrasten konnte. „Also…“, fuhr Jefferson fort, als ob nichts gewesen wäre, „habe ich beschlossen, dass das so keinen Zweck hat. Du hast mich um mein Quidditchspielrecht für ein Jahr gebracht, aber wenn ich mich dafür räche, wird dieser Versuch mit Sicherheit wieder von deinen Freunden vereitelt.“ „Allerdings!“ sagte Remus argwöhnisch. „Worauf willst du hinaus?“ „Nun, das was ich tun werde, ist eine einfache Möglichkeit, das Ganze ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen. Ich fordere dich hiermit zum Duell.“ Hochmütig verschränkte Jefferson die Arme vor der Brust. Sirius und Remus schnappten gleichzeitig erschrocken nach Luft. Lillyan stand da wie erstarrt und schaute Jefferson an. „Morgen um Mitternacht. Unten in den Kerkern. Wenn du gewinnst, verspreche ich, dass ich dich für immer in Ruhe lassen werde. Wenn ich gewinne…“, auf Jeffersons Gesicht breitete sich ein Unheil verkündendes Feixen aus, „Dann darf ich dich für ein Jahr als Testperson für Zaubersprüche benutzen. Wie sieht’s aus, faire Abmachung?“ „Nein!“ knurrte Sirius. „Tu das nicht, Lillyan!“ stieß Remus entsetzt hervor. „Ich kämpfe gegen ihn!“ sagte Sirius und musterte Jefferson mit größter Abscheu. „Tut mir leid, Black, aber ich duelliere mich ausschließlich mit Whiteley. Schließlich geht es hier um sie.“ Gab Jefferson trocken zurück. „Lillyan, nein!“ bat Remus. „Überlass ihn uns!“ „Sag ab.“ Sirius‘ Stimme klang wie splitterndes Eis. Lillyan schaute sich zu den beiden um. Sirius schaute Jefferson an, in seinem Blick lag blanker Hass. Remus‘ Blick wanderte besorgt zwischen den drei anderen hin- und her. In Lillyans Kopf ratterte es. Sie hatte sich noch nie mit jemandem duelliert, aber andererseits- Sirius und Remus hatten Erfahrung, sie könnten es ihr beibringen. Und wegen Jefferson brauchte sie sich keine Sorgen zu machen- sie war ihm mit ihren Zauberkünsten haushoch überlegen. Wenn sie das Duell annahm, hätte sie für immer ihre Ruhe vor ihm, wenn er sein Wort hielt, aber wenn sie verlor würden die Folgen fürchterlich sein. Sie wusste, was geschehen würde, wenn er sie als Testperson für seine Zauber nahm: Er würde den Cruciatusfluch an ihr üben und diese Vorstellung war zu schrecklich, um sie sich auszumalen. Andererseits- sie konnte nicht verlieren. Auch wenn Sirius und Remus nichts von ihren Fähigkeiten wussten, so war sie sich doch sicher, dass sie Jefferson locker besiegen konnte. „Lillyan, sag ab. Nun mach schon!“ drängte Sirius. Lillyan drehte sich wieder zu Jefferson um und auf einmal war ihr Kopf vollkommen klar. „Nun?“ fragte er. „In Ordnung.“ Sagte Lillyan ruhig. „Ich nehme das Duell an und akzeptiere alle Bedingungen.“ Eine Schrecksekunde lang herrschte Schweigen, dann begannen alle gleichzeitig zu reden. „Lillyan, hast du den Verstand verloren?“ herrschte Sirius sie an. „Das ist nicht dein Ernst!“ rief Remus entsetzt. „Abgemacht.“ Sagte Jefferson mit einem triumphierenden Lächeln und streckte die Hand aus. Lillyan schlug ein. „Abgemacht.“ Widerholte sie. Remus vergrub stöhnend das Gesicht in den Händen. „Lillyan, du weißt nicht, was du da tust!“ sagte er resigniert. Sirius sagte überhaupt nichts mehr, er schaute Lillyan nur mit einer Mischung aus Wut und Entsetzen an. „Gut, dann treffen wir uns morgen um Mitternacht in dem großen Kerkerkorridor hinter dem Zaubertrankraum.“ Bestimmte Jefferson und drehte sich um. „Aber nur ein Sekundant!“ rief er noch über die Schulter, dann war er verschwunden. Remus lehnte sich gegen die Wand und schloss die Augen. „Lillyan, bitte sag mir, dass du das nicht ernst meinst!“ ungläubig trat Sirius auf sie zu. In seinen Augen blitzte der blanke Zorn. „Sirius“, beschwichtigend legte Lillyan ihm eine Hand auf die Schulter, „Jefferson wird sonst niemals aufhören. Es ist die einzige Möglichkeit dass er mich auf Dauer in Ruhe lässt und das weißt du. Mach dir keine Sorgen, ich weiß, was ich tue.“ „Ach ja?“ fauchte Sirius so wütend, dass Lillyan unwillkürlich vor ihm zurückwich. Sie wusste, dass es besser war, sich nicht mit ihm zu streiten, denn hinter all dieser Wut verbarg sich am Ende nur Sorge, große Sorge um sie. „Sirius, bitte. Vertrau mir!“ bat sie leise. „Aber was hilft das?“ gab er zurück. Alle Wut war auf einmal aus ihm herausgewichen, in seinen dunklen Augen spiegelte sich die blanke Angst um sie wieder. „Du kannst es nicht mit ihm aufnehmen. Du bist zwar eine recht gute Hexe Lillyan, aber dafür reicht es mit Sicherheit nicht!“ Lillyan sah ihm ernst in die Augen. Erst jetzt, da er so nah vor ihr stand, merkte sie, wie groß er war. „Wann hast du mich jemals zaubern sehen?“ Sirius runzelte die Stirn. „Das ist nicht von Bedeutung.“ „Nicht? Ich beweise es euch, wenn ihr mich lasst.“ Mit einer schnellen Bewegung warf sie ihr langes Haar über die Schultern und schaute ihre beiden Freunde an. Irrte sie sich, oder war das ein Funke der Hoffnung in Sirius‘ Augen? Remus hatte die ganze Diskussion über schweigend zwischen Sirius und Lillyan hin und hergeschaut, aber jetzt meldete er sich wieder zu Wort. „Ich finde sie hat recht, Tatze. Ich meine, wir kennen sie jetzt schon lang genug um zu wissen, dass sie niemals leichtfertig dieses Duell angenommen hätte. Wenn sie sich zutraut, gegen diesen Deppen zu kämpfen, dann muss sie schon ziemlich gut sein.“ Sirius zögerte, dann nickte er zustimmend. „Okay.“ Sagte er. „Aber ich lasse dich nur zu dem Duell gehen, wenn du wirklich einiges drauf hast!“ Lillyan und Remus grinsten erleichtert. „Abgemacht.“ Sagten sie gleichzeitig. Das entlockte Sirius dann doch noch ein Grinsen. „Aber nur unter einer Bedingung.“ Kam es von Lillyan. Die beiden Jungen zogen überrascht die Augenbrauen hoch. „Dass ihr mir zeigt, wie man sich duelliert. Ich habe nämlich keine Ahnung.“ Sirius und Remus wechselten einen kurzen Blick und nickten. „Aber wo wollen wir dann üben?“ erkundigte Remus sich. Ratlos zuckte Lillyan die Achseln. „Also ich wüsste da etwas.“ Sagte Sirius mit einem schelmischen Funkeln in den Augen. „Einen Raum, der genauso ist, wie wir ihn brauchen. Weißt du was ich meine, Moony?“ Einen Moment lang schaute Remus verwirrt drein, aber dann begriff er. „Keine schlechte Idee, Tatze!“ lobte er. Ahnungslos schaute Lillyan von einem zum anderen. „Was hab ich verpasst?“ erkundigte sie sich. Sirius grinste. „Wir zeigen es dir, okay? Wir treffen uns morgen nach dem Mittagessen im siebten Stock vor dem Wandbehang von Barnabas dem Bekloppten, du weißt schon, der Typ, der versucht, den Trollen Ballett beizubringen, einverstanden?“ „Okay…“ meinte Lillyan zögernd. Remus lachte. „Glaub mir, es wird dir gefallen!“ „Ihr wollt mir nichts verraten?“ fragte Lillyan gespielt beleidigt. „Wart’s ab.“ Lautete Sirius’ Antwort geheimnisvoll. „Aber jetzt sollten wir uns beeilen, sonst vertrödeln wir noch den gesamten Abend mit Hausaufgaben.“ „Gut, bringen wir es hinter uns!“ Lillyan setzte sich wieder in Bewegung und gemeinsam liefen die drei zur Bibliothek hinüber.

    5
    5. Das Duell
    Am nächsten Morgen wachte Lillyan um Punkt sechs Uhr so plötzlich auf, als hätte Olivia wieder einen Zauberknallfrosch gezündet. Diese jedoch lag immer noch selig schlafend in ihrem Bett, genauso wie alle anderen aus dem Schlafsaal. Lillyan schaute auf ihren Wecker und stöhnte. Wie lange hätte sie noch schlafen können! Naja, wenn sie erst einmal wach war, konnte sie das vergessen. So leise sie konnte stand sie auf und wankte zum Fenster hinüber. Es hatte aufgehört zu schneien, aber es lag immer noch eine dicke Schneeschicht auf den Ländereien von Hogwarts. Der Himmel bestand aus großen grauen Schneewolken. Lillyan drehte sich wieder um und zog sich schnell an. Auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollte, so war sie doch sehr aufgeregt wegen des Duells nachher. Sie steckte ihren Zauberstab in ihren Ärmel, schnappte sich ihre Schultasche und schlich sich lautlos aus dem Gryffindorturm. Vor dem Portraitloch empfing sie die winterliche Kälte von Hogwarts. Fröstelnd eilte Lillyan durch die Gänge hinunter in die Große Halle. Eigentlich hatte sie erwartet, zu dieser Zeit noch niemanden anzutreffen, und war deshalb ziemlich überrascht, als sie Sirius am Gryffindortisch entdeckte. Am Rawenclawtisch saß noch ein mürrisch guckender Siebtklässler, ansonsten war die Halle wie leergefegt. Lillyan ging zu Sirius hinüber und setzte sich ihm gegenüber. Sirius blickte auf und lächelte schief, als er Lillyan erkannte. „Na, konntest du auch nicht mehr schlafen?“ Lillyan schüttelte nur den Kopf. „Seit wann bist du wach?“ fragte sie leise. Ihre Stimme klang seltsam laut in der Großen Halle. „Seit halb sechs.“ Sirius gähnte. „Ach du meine Güte, wie willst du denn in dem Zustand den ganzen Morgen überstehen?“ besorgt schaute Lillyan ihn an. „Das wird schon.“ Sirius machte eine wegwerfende Handbewegung. Lillyan runzelte die Stirn. „Was ist los?“ erkundigte sich Sirius. „Du bist doch sonst nicht so still.“ „Sirius - kannst du mir vielleicht die Grundregeln von einem Zaubererduell erklären?“ bat Lillyan. Auf Sirius‘ Gesicht breitete sich ein breites Grinsen aus. „Also bist du doch nervös? Noch kannst du es dir anders überlegen!“ Lillyan schüttelte nur müde den Kopf. „Also, ein Zaubererduell läuft folgendermaßen ab:“, begann Sirius, ohne sich weiter bitten zu lassen, „Jeder Zauberer, der im Duell kämpft, hat einen Sekundanten; das ist jemand, der die Angelegenheiten des kämpfenden Zauberers regelt, wenn dieser stirbt, aber bei dir und Jefferson ist das eigentlich unnötig.“ Das hoffte Lillyan allerdings auch. „Zu Beginn des Duells lauft ihr aufeinander zu und verbeugt euch, das ist ein alter Brauch. Anschließend hebt ihr die Zauberstäbe, zählt bis drei und dann dürft ihr euch gegenseitig verhexen so gut ihr könnt.“ „Scheint ja nicht besonders schwer zu sein!“ stellte Lillyan erleichtert fest. „Und es gibt keine Regel, dass man sich mit dem Verzaubern abwechseln muss?“ „Sei nicht albern, wie willst du dich denn da ordentlich duellieren?“ Sirius lachte. „Nein, Spaß beiseite, du musst versuchen, von Anfang an alles zu geben.“ Warnte er sie. „Jefferson ist gut. Er wird wahrscheinlich versuchen, dich mit einem rechtswidrigen Fluch zu belegen. Du musst von vorn herein gewappnet sein und ihn so schnell wie möglich ausschalten.“ „Und wie wehre ich Zauber ab?“ fragte Lillyan. „Es gibt dafür zwei Möglichkeiten: Entweder, du triffst den Zauber bevor er dich trifft mit einem ebenso starken oder stärkeren Fluch oder du benutzt den Abwehrzauber. Den können Remus und ich dir nachher zeigen, aber ich weiß noch nicht, ob du ihn bis zum Duell lernen kannst.“ Sorgenvoll schaute Sirius sie an. „Mach dir keine Sorgen, ich habe durchaus Talent!“ versicherte Lillyan ihm fröhlich. Ihre Laune stieg von Minute zu Minute an. „Das ist kein ungefährliches Duelltraining, das ist ein richtiges Duell! Nimm das Ganze mal ein bisschen ernster, ja?“ Verärgert starrte Sirius zur Decke hinauf, durch die man den Himmel draußen sehen konnte. In diesem Moment erschien plötzlich Professor Dumbledore am Lehrertisch und sah sich mit einem strahlenden Lächeln um. „Ah, Guten Morgen, Mr. Jackson, guten Morgen Miss Whiteley, guten Morgen Mr. Black!“ rief er gut gelaunt und zog seinen Zauberstab aus seinem Umhang. „Guten Morgen, Professor!“ sagten Sirius und Lillyan, der Siebtklässler aus Ravenclaw murmelte irgendwas. „Ist das nicht ein herrlicher Tag?“ Mit einer geübten Bewegung schwang Dumbledore seinen Zauberstab und im nächsten Moment ächzten die langen Tische unter der Last der Platten, Schüsseln und Teller, die alle mit den herrlichsten Dingen gefüllt waren, die man sich zum Frühstück vorstellen konnte. „Voll krass!“ staunte Lillyan. Professor Dumbledore gluckste und setzte sich an den Lehrertisch. „So krass dann auch wieder nicht, Whiteley. Schließlich muss ich das Essen nur aus der Küche nach hier oben befördern!“ Lillyan und Sirius grinsten. Dumbledore zwinkerte ihnen zu und widmete sich dann einem Stapel Pfannkuchen. „Den Rest erklären wir dir später, “ kam Sirius wieder zum Thema und nahm sich ein Brötchen. „Okay.“ Lillyan schaufelte sich Schinken auf den Teller und schenkte sich ein Glas Kürbissaft ein. In diesem Moment nahm sie eine Bewegung am Eingang der Großen Halle wahr und drehte den Kopf. Snape kam hereingeschlurft, den Blick zu Boden gerichtet, in der Hand seine Schultasche. „Ah, guten Morgen, Mr. Snape!“ sagte Dumbledore freundlich. Sirius’ Kopf fuhr herum. Augenblicklich wurde sein Gesichtsausdruck angeekelt, aber dank Dumbledores Anwesenheit verkniff er sich einen Kommentar. Erleichtert wandte Lillyan sich wieder ihrem Teller zu. Eine Weile lang aßen sie schweigend, während die Halle um sie herum allmählich immer voller wurde. Nach und nach kamen Remus, James, Peter, Lily, Olivia, Emily und, sehr zu Lillyans Ärger, auch Mary dazu. Alles war wie immer: James redete mit Sirius, Remus las konzentriert in seinem Verwandlungsbuch, Peter starrte missgelaunt umher, Emily stritt sich mit Olivia, Mary himmelte abwechselnd James und Sirius an und Lily rührte gedankenverloren in ihrer Tasse. „Emily? Hast du diese Planetenkarte in Wahrsagen verstanden?“ fragte Lillyan. Emily hörte auf mit Olivia zu streiten und wandte sich Lillyan zu. „Naja, geht so. Ich habe in einem Buch nachgeschaut, weil bei mir Jupiter zu nah an Saturn dran war, aber irgendwie war das alles ziemlich kompliziert.“ Lillyan wollte gerade etwas darauf erwidern, wurde jedoch von hunderten Eulen unterbrochen, die von allen Seiten in die Große Halle geflogen kamen und Briefe und Päckchen auf die Schüler hinabregnen ließen. Die Schleiereule Minerva landete vor Lillyan auf dem Tisch und ließ einen Umschlag in ihren Kürbissaft fallen. Seufzend zog Lillyan den Umschlag aus dem Kelch und öffnete ihn. Er enthielt eine Grußkarte ihrer Eltern aus Brasilien, wo die beiden gerade Bekannte besuchten. Auf der Vorderseite waren ihre Eltern in Mitten bunter Papageien zu sehen. Sie hatten die Arme umeinander gelegt und winkten strahlend in die Kamera. Erst jetzt realisierte Lillyan, dass das Foto sich bewegte. Sie drehte die Karte um und las: Liebe Lillyan, wir mussten alles auf den Kopf stellen, um einen Fotografen aufzutreiben, der uns das Foto so ausdruckt, dass es sich bewegt. Der erste Fotograf hat uns doch tatsächlich ausgelacht! Glücklicher Weise haben wir kurze Zeit später einen Zauberer getroffen, der uns weitergeholfen hat. Wir hoffen, es geht dir gut und wünschen dir noch ein zauberhaftes Wochenende! Mum und Dad.
    Lillyan musste lächeln und beobachtete die Papageien auf dem Foto. „Hey, zeig mal!“ neugierig lehnte sich Lily zu ihr hinüber und betrachtete das Foto. „Sind das deine Eltern?“ Lillyan nickte. „Cool!“ Plötzlich verspürte Lillyan einen stechenden Schmerz in ihrem Finger. Minerva hatte sie vor lauter Ungeduld in die Hand gezwickt. „Au!“ beschwerte Lillyan sich und gab Minerva ihren Eulenkeks, den sie stets als Belohnung erhielt. Diese klackerte missbilligend mit dem Schnabel und schwang sich dann wieder in die Luft, wobei sie schmelzenden Schnee auf alle Umsitzenden spritzte. „Iiiih!“ quietschte Mary und wischte sich den Schneematsch aus dem Gesicht. Olivia warf ihr einen genervten Blick zu, ansonsten nahm niemand Notiz davon. Lillyan steckte die Karte ihrer Eltern in ihren Umhang und stand auf. Als ihr Blick auf den Slytherintisch fiel, bemerkte sie, dass Jefferson sich gerade ebenfalls erhob. „Lily, kommst du mit noch eine halbe Stunde raus?“ fragte sie schnell. „Klar!“ Lily sprang auf. Sirius und Remus blickten gleichzeitig auf. „Wir sehen uns später!“ sagte Lillyan und schaute die beiden bedeutungsvoll an. Sirius nickte, Remus runzelte sorgenvoll die Stirn. Lillyan verdrehte die Augen und folgte Lily aus der Großen Halle. In der Eingangshalle war es schneidend kalt. „Vielleicht bleiben wir doch lieber drinnen!“ stellte Lily zitternd fest. „Hört sich vernünftig an!“ Lillyan drehte sich um und lief auf die Treppe zu. „Gehen wir noch einmal in den Gemeinschaftsraum hoch.“ Lily stimmte zu und so machten sie sich auf den Weg zum Portraitloch.
    Den ganzen Morgen hindurch war Lillyan, als würde sie auf glühenden Kohlen sitzen. Andauernd ertappte sie sich dabei, wie sie unauffällig auf die Uhr schaute und die Zeit ausrechnete, die ihr noch bis zum Duell blieb. Als es endlich zur Mittagspause gongte, schien es wie eine Erlösung. Beim Mittagessen bekam sie fast keinen Bissen herunter und Lily erkundigte sich mehrmals besorgt nach ihrer Appetitlosigkeit. Sirius und Remus bekamen davon nichts mit, denn Hagrid hatte sie mitsamt James und Peter zum Mittagessen zu sich eingeladen. Sie konnten einem wirklich leidtun, denn Hagrids Kochversuche stellten sich meist als nicht essbar heraus. Als das Mittagessen endlich vorbei war, sauste Lillyan blitzartig nach oben in den Schlafsaal um ihr Schulzeug wegzubringen und eilte dann, so schnell sie konnte, in den Korridor im siebten Stock. Unglücklicherweise schaute sie dabei nur auf ihre Füße und stieß auf der Treppe prompt mit Professor McGonagall zusammen. „Ups! Verzeihung, Professor!“ stieß Lillyan erschrocken hervor. „Was fällt ihnen ein, die Treppe so hinunterzustürmen, Whiteley?“ herrschte Professor McGonagall sie an. „Tut mir leid Professor, ich wollte nicht zu spät zu-“ „Du liebe Güte Whiteley, “, unterbrach Professor McGonagall sie entnervt, „wenn es um etwas Wichtiges geht, dann können sie hier von mir aus hier herumrennen, aber keinen Augenblick früher! Haben sie mich verstanden?“ „Ja, Professor.“ Lillyan senkte schuldbewusst den Kopf. „Gut! Und jetzt machen sie gefälligst langsam!“ energisch drehte Professor McGonagall sich um und rauschte davon. Erleichtert atmete Lillyan aus: Da war sie ganz knapp an einer Strafarbeit vorbeigeschrammt. Wenn McGonagall gerade schlechte Laune hatte, kam man ihr besser nicht in die Quere, das wusste Lillyan aus Erfahrung. Etwas vorsichtiger setzte sie ihren Weg fort und nur wenige Augenblicke später erreichte sie ihr Ziel: Den Wandbehang von Barnabas dem Bekloppten. Suchend sah sie sich um, doch von Remus und Sirius war noch nichts zu sehen. Sie drehte sich um und betrachtete kopfschüttelnd die erfolglosen Versuche von Barnabas, den Trollen Ballett beizubringen. Der musste ja wirklich ziemlich doof gewesen sein! Erneut sah sie sich um und trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Wo blieben die bloß? Da hörte sie plötzlich raue Stimmen. Zwei paar. Erschrocken schaute Lillyan sich nach einem Ausweg um: Wenn jemand sie hier herumlungern sähe, gäbe das mit Sicherheit Ärger. Da erkannte sie plötzlich eine der Stimmen: Es war Jefferson. Entsetzt schaute sie sich nach einem Versteck um. „Ich brauche einen Ort, wo ich mich schnell vor Jefferson verstecken kann!“ dachte sie fieberhaft. Immer wieder widerholte sie diesen Satz panisch im Kopf. Inzwischen war es zum weglaufen sowieso zu spät. Da erschien plötzlich wie aus dem Nichts neben ihr eine Türe in der Wand. Verblüfft und erleichtert zugleich stürzte sie darauf zu, riss sie auf, stürzte in den Raum und schloss die Türe leise hinter sich. Keine Sekunde zu früh, denn die rauen Stimmen bogen gerade in den Gang ein. Schnell drückte Lillyan ein Ohr gegen die Türe, um sie besser verstehen zu können. „Und du weißt schon genau, wie du es machen willst?“ hörte Lillyan die Stimme von einem von Jeffersons Freunden. „Klar!“ Das war Jefferson, keine Frage. „Dieses Schlammblut mach ich fertig, du wirst schon sehen!“ „Du wirst noch dein blaues Wunder erleben!“ dachte Lillyan wütend und konzentrierte sich wieder auf das Gespräch. Anscheinend waren die beiden genau vor Lillyans Versteck stehengeblieben. „Erst Entwaffnung, dann Ganzkörperklammer und zu guter Letzt den Cruciatusfluch bis sie aufgibt. Das wird wohl nicht lange dauern!“ Hämisches Gelächter folgte. Lillyan ballte wütend die Hände zu Fäusten. Dem würde sie es zeigen! „Warum denn nicht gleich den Cruciatusfluch? Das ginge doch viel schneller!“ meinte sein Freund verdutzt. „Ja, schon, aber ich will dieses dumme Gesicht von dieser Schlammblüterin sehen, wenn ich sie mit diesen einfachen Zaubern blitzschnell unschädlich mache!“ antwortete Jefferson und die beiden brachen erneut in Gelächter aus. „Hast du’s dann bald?“ herrschte Jefferson plötzlich. „Jaja, mein Schuhband hatte sich verknotet!“ beschwerte sich sein Freund. Aha, deshalb waren sie also hier stehengeblieben. Es schien, als habe Lillyan Glück gehabt. „Komm jetzt!“ befahl Jefferson und Lillyan hörte, wie sich die Schritte der beiden entfernten. Lillyan stand auf, strich ihren Umhang glatt und sah sich zum ersten Mal richtig in dem Raum um, in dem sie gelandet war. Er war sehr groß, mit hohen bogenförmigen Fenstern an den Wänden und dicken roten Teppichen auf dem weißen Fliesenboden. An den Wänden standen hohe Regale voller Bücher und in der Mitte des Raumes standen einige Sessel und Sofas gemütlich beisammen. Sprachlos stand Lillyan da und konnte nur mit offenem Mund den Raum anstarren. So einen Raum gab es in Hogwarts nicht, da war sie sich sicher. Zusammen mit Remus und Sirius hatte sie das gesamte Schloss von oben bis unten erkundet, aber hier war noch nie ein Raum gewesen, und so einer schon gar nicht. Langsam ging Lillyan zu den Sesseln hinüber und strich mit den Fingerspitzen über den weichen Stoff. Alles in diesem Raum kam ihr seltsam unwirklich vor. „Lilly-An!“ rief da plötzlich eine wohlbekannte Stimme, hinter ihr flog die Türe auf und Sirius stürmte herein, dicht gefolgt von Remus. „Ha, hab ich dir’s nicht gesagt?“ herausfordernd wandte sich Sirius zu Remus um. „Ich wusste, dass sie den Raum allein findet! Sie ist schließlich nicht blöd!“ „Ja, ja!“ Remus rang nach Luft und schloss die Tür hinter sich. „Verdammt, warum mussten wir denn so rennen? Kommt es denn wirklich auf die fünf Minuten an?“ Sirius ignorierte ihn und kam neben Lillyan zum Stehen. „Na, was sagst du?“ fragte er lässig und grinste sie überlegen an. „Wo- wo sind wir hier?“ brachte Lillyan schließlich verblüfft heraus. Sirius‘ Grinsen wurde noch breiter. „Das, Lilly-An, “ sagte er und machte eine ausladende Armbewegung, die den ganzen Raum einschloss, „ist der Raum der Wünsche!“ „Der was?“ Lillyan runzelte ratlos die Stirn. „Der Raum der Wünsche!“ wiederholte Remus und trat zu Lillyan. Diese drehte sich mit hochgezogenen Augenbrauen zu ihm um. „Und das heißt?“ hakte sie nach. „Das heißt, dass dieser Raum hier sich in genau das verwandelt, was du gerade brauchst.“ Sagte Remus. „Moment mal, ich glaube, über so einen Raum steht etwas in der Geschichte von Hogwarts!“ fiel Lillyan plötzlich ein. „ ‚Man nennt ihn auch den da-und-fort Raum. Dieser Raum taucht nur dann auf, wenn jemand ihn wirklich braucht und passt sich dann immer den Wünschen desjenigen an. ‘ Im Kapitel über Hogwarts und seine Geheimnisse.“ „Ja, genau. Allerdings wissen nur sehr wenige Menschen wirklich, wo dieser Raum ist.“ Sagte Sirius und ging zu Remus hinüber. „Ich glaube, nicht einmal Dumbledore weiß davon. Die Einzigen, von denen ich sicher weiß, dass sie es wissen, sind wir, James und Peter.“ „Und woher wisst ihr davon?“ erkundigte sich Lillyan. „Ich nehme mal nicht an, dass ihr die Geschichte von Hogwarts gelesen habt und dann wochenlang durch die Schule gerannt seid, um diesen Raum zu finden?“ Sirius grinste und schüttelte den Kopf. „Es war mehr Zufall. Peter-“ auf einmal wurde Sirius Gesichtsausdruck merkwürdig und er sagte schnell: „Peter fand das Bild von Barnabas dem Bekloppten so schrecklich, dass er es heimlich abhängen und irgendwo verstecken wollte. Dabei stieß er auf den Raum der Wünsche.“ „Hmm.“ Lillyan war nicht überzeugt. Das klang eher nach einer faulen Ausrede, aber warum sollte Sirius ihr nicht die Wahrheit sagen? „Wollen wir anfangen?“ unterbrach Remus ihre Gedanken. Lillyan nickte und im nächsten Moment wurde der Raum größer. Im anderen Teil des Raumes erhob sich eine große Bühne. „Wow!“ machte Lillyan. „Komm, Remus!“ Sirius zog seinen Zauberstab und sprang mit einem Satz auf die Bühne. „Dann wollen wir unserer Lillyan doch mal zeigen, was wir bereits so alles gelernt haben!“ Remus folgte ihm weniger begeistert. „Also, wir laufen aufeinander zu und verbeugen uns.“ Erklärte Sirius und er und Remus liefen tatsächlich aufeinander zu und verbeugten sich leicht. „So. Jetzt könnten wir uns auf drei gegenseitig verzaubern.“ Remus schaute zu Lillyan nach unten und meinte: „Weißt du was, komm einfach hoch, Lillyan. Sirius und ich werden dir die Zauber erklären und vormachen.“ Lillyan nickte und schwang sich auf die Bühne. „Zunächst einmal brauchen wir die Kampfhaltung.“ Begann Sirius und kam ohne Umschweife zu Remus und Lillyan hinüber. „Halte den Zauberstab mich leicht angewinkelten Arm stets auf deinen Gegner gerichtet und sorge für einen stabilen Stand.“ Sirius machte es ihr vor und Lillyan ahmte seine Haltung nach. Es fühlte sich merkwürdig an, so als würde man ein Schwert in der Hand halten und keinen Zauberstab. „Ja, sehr gut!“ lobte Remus. „Geh mit dem rechten Fuß einen Schritt vor, sodass du mit der rechten Seite halb nach vorne stehst.“ Lillyan gehorchte. „Hey, das ist es!“ stellte Sirius fest und senkte seinen Zauberstab wieder. „Gut gemacht, fangen wir mit den Zaubern an. Remus, willst du es erklären?“
    Eine dreiviertel Stunde später, in der sich zu Lillyans Überraschung Remus als talentierter Lehrer und Lillyan zu Remus‘ und Sirius‘ Überraschung als sehr talentierte Schülerin herausgestellt hatte, beherrschte Lillyan nicht nur sämtliche Entwaffnungs- und Abwehrzauber, sondern auch Schleuder-, Schock- und Körperklammerflüche, den Furunkulus- und den Wabbelbeinfluch. Remus und Sirius waren fast ausgeflippt vor Begeisterung, als Lillyan in Sekundenschnelle Zauber ausführte, die die beiden innerhalb von vielen Jahren mühsam erlernt hatten. „Wow, ich hätte niemals geglaubt, dass so etwas möglich ist!“ rief Remus schließlich begeistert, als Lillyan Sirius‘ Schildzauber mit einem schnellen Lähmzauber bersten ließ. „Was hat das zu bedeuten?“ „Wenn ich das wüsste!“ Lillyan richtete den Zauberstab erneut auf Sirius. „Finite!“ Sirius seufzte erleichtert, als er sich wieder bewegen konnte, und schaute Lillyan mit einer Mischung aus Bewunderung und Hoffnung an. „Alle Achtung, Lillyan! Eine reife Leistung. Und ich dachte schon, wir würden es höchstens schaffen, dir einen einfachen Entwaffnungszauber beizubringen! Du hast wirklich keine Ahnung, weshalb du so gut zaubern kannst?“ „Nein, hab ich dir doch schon erklärt!“ mit einem Lächeln schob Lillyan ihren Zauberstab zurück in ihren Umhang und sprang leichtfüßig von der Bühne. Remus ließ sich neben ihr hinabgleiten, während Sirius elegant von der Bühne flankte und sich mit einem verschmitzten Glanz in den Augen im Raum umsah. „Pass mal auf, du wirst ihn gerade zu vernichten! Weißt du, was er vorhat?“ Lillyan ließ sich auf eines der gemütlichen Sofas sinken und schaute ihre beiden Freunde unschlüssig an. Wenn sie erfahren würden, was Jefferson mit ihr vorhatte, würden sie wahrscheinlich aus lauter Wut loslaufen und sich Jefferson selbst vorknöpfen. Auf jeden Fall würde Sirius das tun, er hatte irgendwie einen besonders starken Beschützerinstinkt für sie entwickelt. Remus sah das etwas anders, er traute Lillyan durch aus zu, sich wirkungsvoll zu verteidigen und half nur dann, wenn es wirklich nötig war. Und genau das war der Grund, weshalb Lillyan unbedingt noch mit den beiden reden musste. „Was ist los, Lillyan?“ fragte Remus und setzte sich zusammen mit Sirius auf das Sofa ihr gegenüber. „Weißt du, was er vorhat?“ „Nein.“ Log Lillyan und zwang sich dazu, den beiden fest in die Augen zu blicken. „Hört mal“, sagte sie leise, „Ich brauche noch einen Sekundanten für das Duell, der mich begleitet und sich nicht ins Duell einmischt. Allerdings wisst ihr genauso gut wie ich, dass ich euch nicht beide mitnehmen kann.“ Eindringlich schaute sie die beiden an. „Du nimmst mich mit, nicht?“ fragte Sirius und lehnte sich lässig zurück. Das war ja mal wieder zu erwarten gewesen. Lillyan fing Remus Blick auf und wusste, dass er das gleiche dachte wie sie. Jetzt mussten sie das nur noch Sirius beibringen. „Sirius…“ begann Lillyan und spürte, wie die Angst davor in ihr aufstieg, dass er wütend auf sie wurde, „…das halte ich für keine gute Idee.“ Für ein paar Sekunden war es still, dann… „Was?“ sagte Sirius laut. „Sirius, bitte, hör mir zu!“ fuhr Lillyan hastig fort. „Wir alle drei wissen, dass du nicht mitgehen kannst. Du-“ Weiter kam sie nicht, denn Sirius schnitt ihr das Wort ab. „Nenn mir einen vernünftigen Grund, warum ich nicht mitgehen sollte! Du brauchst jemanden, der dich beschützen kann, Lillyan! Das ist einfach…“ „Jetzt lass sie doch mal ausreden!“ fuhr Remus dazwischen. „Reg dich ab, Tatze. Genau das ist der Grund, weshalb sie dich nicht mitnehmen kann!“ Wäre die Situation nicht so ernst gewesen, hätte Lillyan sicher über Sirius‘ dummes Gesicht gelacht, aber so war ihr überhaupt nicht nach Lachen zumute. „Sirius, hör mal.“ Sagte sie leise. „Du würdest alles tun, um mich zu beschützen, aber genau da liegt das Problem. Dein Temperament ist es, was dir im Weg steht, denn ich weiß ganz genau, wenn Jefferson mich angreift, bist du der erste, der sich ins Duell einmischt und versucht, mich außen vor zu lassen. Damit wäre allerdings meine Abmachung mit Jefferson ungültig und spätestens beim nächsten Quidditchspiel würde er mich wahrscheinlich endgültig umbringen. Es ist verdammt noch mal wichtig, dass ich gegen ihn antrete, allein. Nimm es nicht persönlich, Sirius, aber du weißt sehr wohl, dass ich Recht habe. Du lässt dich zu schnell reizen und das bewirkt dass Gegenteil dessen, was du versuchst zu erreichen.“ Sirius biss heftig die Zähne zusammen. Besorgt musterte Lillyan sein Gesicht. Eigentlich hatte sie erwartet, dass er wütend war, aber er wirkte nur angespannt und ruhig. „Remus wird mich begleiten.“ Sagte Lillyan schließlich, als Sirius schwieg. „Ich kann auf sie aufpassen, Tatze, wirklich!“ versprach Remus und schaute seinen Freund eindringlich an. „Mir wird nichts geschehen Sirius, ich werde das schaffen.“ Sagte Lillyan und sah Sirius bittend in die Augen. Sirius stöhnte leise, stand auf und ging zum Fenster hinüber. Ein paar Sekunden lang schaute er hinaus, dann drehte er sich wieder zu ihnen um und schaute Remus an. „Du wirst auf sie aufpassen.“ Sagte er tonlos. „Du wirst sie heil wieder zurückbringen und ich warte so lange im Gemeinschaftsraum. Wenn irgendetwas schief läuft, knöpfe ich mir Jefferson selbst vor.“ Remus nickte erleichtert. „Versprochen, ich passe auf sie auf.“ Erwiderte er. Allmählich reichte es Lillyan. „Na hört mal Jungs, ich kann gut auf mich selbst aufpassen!“ sagte sie energisch. „Mach dir keinen Kopf, Sirius. Du hast selbst gesehen, was ich draufhabe.“ Ungehalten schaute Sirius sie an. „Ich zweifle nicht an deinen Fähigkeiten, Lillyan. Ich bezweifle nur, dass Jefferson fair kämpfen wird. Er hat so seine eigenen Methoden, ein Duell zu gewinnen.“ Lillyan konnte sich nicht helfen; es rieselte ihr eiskalt den Rücken hinab. „Dafür bin ich doch da, Sirius.“ Mischte sich Remus jetzt wieder ein. „Er wird es nicht wagen.“ „Gut.“ Sirius ging zur Türe. „Kommt, es wird Zeit, der Unterricht geht gleich weiter.“ „Wann treffen wir uns heute Abend?“ wollte Lillyan wissen. „Um elf würde ich sagen. Im Gemeinschaftsraum.“ Schlug Remus vor. „Einverstanden.“ Lillyan stand auf und lief hinter Sirius her zur Türe. Remus tat es ihr nach. Als sie wieder auf dem Gang standen, schauten die drei sich unschlüssig an. „Na dann bis später.“ Sagte Remus schließlich. Sirius nickte. „Bis später, Lilly-An.“ „Bis später!“ Lillyan lächelte den beiden noch einmal zu und rannte dann los, hinauf in den Gryffindorturm um ihre Tasche zu holen. „Warum hast du‘s ihnen nicht gesagt?“ flüsterte ein Stimmchen tief in ihr drinnen. „Warum hast du Sirius nicht gesagt dass du weißt, was er vorhat?“ „Weil es besser ist, wenn er es nicht weiß!“ versuchte Lillyan ihre Gewissensbisse zu rechtfertigen. „Feigling.“ Antwortete das Stimmchen in ihr, doch Lillyan missachtete es. Sie hatte jetzt erst Mal ganz andere Probleme.
    *
    Gegen Abend wurde es brechend voll im Gemeinschaftsraum. Lillyan verzog sich schon bald mit einem Buch in ihr Bett, weil sie die Nase voll von den sorgenvollen Blicken von Sirius und Remus und den Blicken von James und Mary hatte. Seit Lillyan mit Sirius befreundet war, benahm Mary sich ihr gegenüber sehr merkwürdig und spießte sie andauernd mit hasserfüllten Blicken auf, wenn sie sie nicht gerade missachtete. Lily hatte Lillyan erzählt, dass Mary auf eine Entschuldigung von ihr wartete, aber wofür um alles in der Welt sollte Lillyan sich bei Mary entschuldigen? Schließlich war Sirius nicht mit Mary zusammen und er konnte sich seine Freunde gut selbst aussuchen. Mary konnte ihr nicht verbieten, mit Sirius befreundet zu sein und hatte kein Recht auf eine Entschuldigung. Trotzdem, ihr ewiges beleidigtes Getue zerrte an Lillyans Nerven. Lily hatte nur verständnisvoll genickt, als Lillyan in den Schlafsaal geflüchtet war. Wenigstens eine. Eigentlich versuchte Lillyan, sich auf ihr Buch zu konzentrieren, aber immer wieder wanderten ihre Gedanken zu dem Duell heute Nacht. Ob sie wirklich so gut sein würde, wie sie geglaubt hatte? Jefferson war gerissen, nur seine Leichtgläubigkeit über Lillyans mangelnde Duellkünste machte ihn harmloser. Sie musste diese Chance nutzen, bevor er eine Möglichkeit hatte, sie fertig zu machen. Ach Mist, sie konnte sich einfach nicht konzentrieren! Wütend klappte sie ihr Buch zu und ging zum Fenster hinüber. Draußen schien der Halbmond auf die Ländereien von Hogwarts und tauchte alles in silbriges Licht. Der Schnee glitzerte und auf dem schwarzen See tanzten bereits ein paar kleine Eisschollen. Selbst die Bäume vom verbotenen Wald trugen weiße weiche Mützen und in Hagrids Hütte brannte Licht und reflektierte sich im Schnee. Sehnsüchtig starrte Lillyan durch die beschlagene Fensterscheibe hinüber zu den hohen, schneebedeckten Bergen, die hinter dem schwarzen See in den Himmel ragten. Wie gerne wäre sie jetzt dort, fort von Jefferson und seinem Duell, fort vom blöden Angeber James Potter und fort von Mary. Lillyan vergrub das Gesicht in den Händen und ließ sich am Fensterrahmen entlang zu Boden gleiten. Tief in sich drinnen hasste sie sich dafür dass sie jetzt Schwäche zeigte, jetzt, so kurz vor dem Duell. Sie wollte, dass Sirius mitkam und nicht Remus. Er würde sie beschützen, komme was da wolle. So wie er es bereits die letzten Male getan hatte. Ein warmes Prickeln schoss durch Lillyans Körper und erwärmte sie bis in die Knochen. Mit einem Mal hatte sie wieder Mut. An Fähigkeiten mangelte es ihr nicht, sie hatte alles was sie brauchte, um zu gewinnen. Und das würde sie. Wenn sie sich so leicht Angst machen ließ, dann brauchte sie sich ja nicht wundern, wenn er gewann. Sie konnte nicht zulassen, dass er gewann. Niemals. Entschlossen stand sie auf und begann im Zimmer hin und her zu laufen. Da öffnete sich plötzlich hinter ihr die Schlafsaaltüre und Emily, Olivia und Mary kamen herein. „Wir wollen schlafen gehen! Entweder du gehst auch schlafen oder du verziehst dich!“ teilte Mary hochnäsig der völlig überraschten Lillyan mit und stolzierte an ihr vorbei zu ihrem Bett. „Sag mal spinnst du? Was ist denn seit neustem in dich gefahren?“ fuhr Lillyan sie fassungslos an. „Als ob du das nicht längst wüsstest!“ aufgebracht starrte Mary sie an. „Ach ja?“ wütend blitzte Lillyan sie an. „Ob du es glaubst oder nicht, ich habe keine Ahnung, was mit dir los ist.“ „Lügnerin!“ schleuderte Mary ihr entgegen. „Ich gebe dir einen guten Rat, lass Black einfach in Ruhe!“ „Ach darum geht’s dir!“ schrie Lillyan sie an. „Tut mir leid, dass ich dir das so sagen muss, aber Sirius ist nicht an dir interessiert, er kennt dich ja nicht mal! Im Übrigen bin ich mit ihm befreundet, nicht du, und du kannst es mir auch nicht verbieten! Außerdem kenne ich ihn besser als sonst wer und zufällig weiß ich, dass er Mädchen wie dich total nervig findet, also reiß dich Mal zusammen!“ rauchend vor Zorn warf Lillyan sich auf ihr Bett und drehte Mary den Rücken zu. Für ein paar Momente war es unerträglich still, dann sagte Olivia zu Mary: „Sie hat Recht. Ich verstehe einfach nicht, was diese Eifersuchtsnummer soll. Du schmachtest doch sowieso jeden Tag hinter einem anderen her!“ Mary blieb still, Lillyan vermutete, dass sie Olivia mit Giftblicken durchbohrte. „Find ich auch.“ Schaltete sich jetzt auch Emily ein. „Lass Lillyan einfach in Ruhe. Such dir doch einen anderen, dem du hinterherrennen kannst. Wie wäre es zum Beispiel mit Potter? Oder ist der jetzt doch mit Lily zusammen?“ „Ach was.“ Aus Olivias Stimme wurde klar, dass sie grinste. „Lily ist viel zu schlau, um sich von so einem Deppen beeindrucken zu lassen. Gerade deshalb passt er viel besser zu Mary.“ Lillyan konnte es nicht länger unterdrücken; sie musste grinsen. „Ihr seid gemein!“ rief Mary und warf sich auf ihr Bett, dass die Federn nur so knarrten. „Nein. Nur realistisch.“ Entfuhr es Lillyan. Emily und Olivia lachten laut auf. Mary schluchzte wütend und zog sich ihr Kissen über die Ohren. Lillyan verdrehte entnervt die Augen und zog sich die Decke bis unters Kinn. Zum Glück hatten die anderen gar nicht bemerkt, dass sie noch ihre Hogwartssachen trug. Sie hatte lediglich ihr Schlafzeug drübergezogen. Obwohl sie wusste, dass sie nicht einschlafen durfte, musste sie gähnen. Das konnte ja noch heiter werden.
    Die nächsten Stunden waren fürchterlich. Zwei Mal nickte Lillyan ein und zwei Mal fuhr sie erschreckt wieder hoch in dem Glauben, das Duell verschlafen zu haben. Die Uhrzeiger schienen nur so über das Ziffernblatt zu schleichen und Lillyan wurde immer müder. Als es schließlich zehn vor elf war, war Lillyan so erleichtert, dass sie nicht verschlafen hatte, dass sie voller Tatendrang aus dem Bett sprang. Jede Zelle ihres Körpers kribbelte vor Aufregung wegen des bevorstehenden Duells und ihre Hände zitterten nervös, als sie blitzschnell ihre Schlafkleidung aus- und den Hogwartsumhang anzog. Selbst ihr Zauberstab schien ihre Aufregung zu spüren, denn als sie ihn in die Hand nahm, sprühte er einen Regen aus violetten Funken auf ihr Bett. Schnell stopfte Lillyan ihr Schlafzeug unter ihre Decke, fuhr sich zweimal mit der Bürste durchs Haar, band es zu einem Zopf zusammen und schlich sich dann aus dem Schlafsaal. In letzter Sekunde dachte sie daran, dass die Türe leicht zuknallte, und huschte dann wie ein Geist die Treppe nach unten. Der Gemeinschaftsraum war leer bis auf eine Ratte, die zwischen den Sesseln umherhuschte und nach Essensresten suchte. Abwartend blieb Lillyan stehen und schaute sich um. Da hörte sie auch schon das vertraute leise Knarzen der Türe, die zu den Schlafsälen der Jungen führte, und gleich darauf leise Schritte auf der Treppe. Zwei Gestalten kamen die Treppe hinunter. Das Mondlicht, das zum Fenster hineinfiel, beleuchtete die beiden nur spärlich, aber Lillyan erkannte sie sofort. Erst auf der letzten Treppenstufe fiel Remus‘ Blick auf Lillyan und er fuhr mit einem unterdrückten Aufschrei zurück. Sirius stolperte und wäre um ein Haar die Treppe heruntergefallen. „Lillyan! Spinnst du, da so vor dem Fenster zu stehen wie eine verdammte Statue?“ zischte Remus. „Herrgott, Moony! Wegen dir wäre ich fast die Treppe runtergeflogen!“ Genervt schob Sirius sich an seinem Freund vorbei. „Pssst!“ unterbrach Lillyan sie, „Wenn ihr hier weiterhin so rumbrüllt, wacht das ganze Haus auf und aus dem Duell wird nichts.“ Erschrocken zogen die beiden die Köpfe ein. Sirius trat zu Lillyan und ließ seinen Zauberstab aufleuchten. Das Licht warf unheimliche Schatten an die Wände und ließ sein Haar glänzen wie flüssiges Silber. ‚Verdammt, beherrsch dich! Du hast jetzt wirklich andere Probleme als Sirius! ‘ flüsterte eine Stimme in Lillyans Inneren. Im Stillen gab sie sich eine kräftige Ohrfeige und schaute dann Remus an. „Bist du so weit?“ fragte sie leise. Remus nickte. „Wir treffen uns dann später wieder hier.“ sagte er zu Sirius und ging zum Portraitloch hinüber. Lillyan wandte sich ebenfalls zum Gehen. „Lillyan, warte!“ flüsterte Sirius und hielt sie am Arm fest. Überrascht drehte sie sich um. „Ich teste schon Mal, ob die Luft rein ist!“ sagte Remus von hinten und verschwand durch das Portraitloch. Sirius schaute Lillyan an, in seinem Blick lag eine Mischung aus Sorge und Verzweiflung. „Soll ich nicht doch lieber mitkommen?“ fragte er leise. Sie zögerte kurz, dann schüttelte sie heftig den Kopf. Es war ein verlockendes Angebot, aber es wäre nicht das Richtige. Es würde nicht funktionieren. Sirius verzog schmerzlich das Gesicht und musterte sie, als sähe er sie zum letzten Mal. „Lillyan, bitte pass auf dich auf.“ flüsterte er gepresst. „Ich hätte das Gefühl, es wäre meine Schuld, wenn du…“ er verstummte und hielt ihren Blick fest. Lillyans Herz begann wild zu klopfen, als sie in seine dunklen Augen sah. „Das wird nicht passieren, Sirius.“ Sagte sie so überzeugend sie konnte. „Und wenn, dann wäre es bestimmt nicht deine Schuld. Außerdem wird Jefferson mich schon nicht umbringen.“ Sirius runzelte die Stirn, er war sich da anscheinend nicht so sicher. „Was? Das glaubst du ernsthaft?“ Lillyan lachte auf. „Sei nicht albern.“ Ungeduldig schüttelte Sirius den Kopf. „Er hat schon einmal versucht, dich zu töten, Lillyan.“ Erinnerte er sie. „Wenn du bei deinem Sturz auf den Boden geknallt wärst, wäre die Sache nicht so glimpflich ausgegangen. Und dieses Mal bin ich nicht da, um dir zu helfen.“ Unwillkürlich fröstelte Lillyan. Sirius‘ Blick schien sie zu durchbohren, festzuhalten. „Mach dir keine Sorgen.“ Sagte sie schließlich leise. „Ich schaffe das schon.“ Und dann umarmte sie ihn, ganz kurz, ganz schnell. Sein T-Shirt roch nach Kaminfeuer und Lavendel und als seine weichen Locken für eine Millisekunde ihre Wange streiften, blieb Lillyan die Luft weg. Erneut schauten sie sich an und es war, als würde die Luft zwischen ihnen vibrieren. So gut sie konnte versuchte Lillyan, ihre Atmung wieder in Gang zu setzen und trat einen Schritt zurück. „Wir sehen uns später.“ Sagte sie schließlich leise. „Ich warte hier.“ versprach Sirius und schaute sie mit einem unergründlichen Blick an. Lillyan erwiderte seinen Blick ernst, dann drehte sie sich um und kletterte ungeschickt durch das Portraitloch. Sie konnte Sirius‘ besorgte Blicke noch im Rücken spüren, aber sie drehte sich nicht mehr um. „Da bist du ja endlich!“ flüsterte Remus, kaum dass das Portrait hinter Lillyan zu schwang. „Warum hast du denn so lange gebraucht?“ „Das ist jetzt unwichtig.“ Nervös spähte Lillyan den Flur hinunter. „Ist die Luft rein?“ Remus nickte. „Kein Zeichen des Gegenteils.“ „Gut.“ Antwortete Lillyan entschlossen. „Los geht’s?“ fragte Remus und schaute sie ernst von der Seite an. „Los geht’s.“ widerholte Lillyan und gemeinsam schlichen sie den Flur entlang.
    Die Korridore von Hogwarts lagen verlassen im schummerigen Licht, das vereinzelt durch die Fenster hineinfiel, keine Menschenseele war zu entdecken. „Ich komme mir gerade vor wie im Schloss von Dornröschen als alle in dem tiefen Schlaf liegen.“ Flüsterte Lillyan Remus kichernd zu, als sie sich die Treppen nach unten schlichen. „Was für ein Schloss?“ flüsterte Remus verwirrt zurück. „Egal.“ Sagte Lillyan schnell. Wie dumm von ihr, Remus war unter Zauberern aufgewachsen und kannte keine solchen Märchen. „Na dann komm weiter!“ drängte er und zusammen liefen sie durch den Gobelinkorridor. Lillyan spürte, wie sich in ihr alles vor Aufregung zusammenkrampfte und ging im Geiste noch einmal die Zauber durch, die Remus und Sirius ihr am Mittag beigebracht hatten. Da fiel ihr plötzlich etwas ein und sie erstarrte. Was, wenn Jefferson sie mit einem unverzeihlichen Fluch treffen wollte? Entsetzen durchflutete sie; Jefferson hatte den Cruciatusfluch erwähnt. Zwar hatte sie keine Ahnung, was dieser Fluch verursachte, aber es konnte nichts Gutes sein. Heftig atmete sie ein und aus, alles verschwamm ihr vor den Augen. Sirius hatte Recht gehabt; dieses Mal war er nicht da um sie zu beschützen. Dieses dieses Mal könnte nur Remus sie retten, und der konnte gegen Jefferson nichts ausrichten: Sirius war Remus im Punkto Zauberkraft ums dreifache überlegen. „Lillyan? Lillyan!“ Remus stand vor ihr und fuchtelte mit der Hand vor ihrem Gesicht herum. „Lillyan, was ist mit dir?“ Sie zögerte kurz, dann nickte sie bekräftigend; sie musste es ihm sagen. „Remus“, sagte sie und schaute ihn eindringlich an, „Jefferson. Ich weiß, was er mit mir vorhat.“ Einen Augenblick lang starrte Remus sie entgeistert an, dann drehte er sich wortlos um und zog Lillyan hinter sich her. In einem der nächstgelegenen Seitengänge blieb er stehen, zog einen Wandbehang zur Seite und schob Lillyan in einen versteckten Gang, der dahinter lag. Nachdem er den Gang wieder verborgen hatte drehte er sich zu ihr um und flüsterte „Lumos!“. Ein Licht flammte an seinem Zauberstab auf und erhellte den Gang, in dem sie sich jetzt befanden. „Lillyan? Ist das wirklich wahr?“ wollte er wissen und trat mit ungläubigem Gesicht einen Schritt auf sie zu. Lillyan schluckte und nickte. „Aber warum hast du es uns denn nicht gleich gesagt?“ entfuhr es ihm. „Wir hätten uns eine Strategie zurecht legen können, wir hätten das vorher üben können!“ Mit einem Seufzer senkte Lillyan den Blick. „Ich konnte es euch nicht sagen. Sirius wäre ausgerastet und dann wäre Jefferson wahrscheinlich tot gewesen, bevor das Duell überhaupt hätte beginnen können.“ „Wieso?“ erkundigte sich Remus alarmiert. „Was hat er vor?“ Lillyan holte tief Luft. „Er will mich erst versuchen mit einfachen Zaubern wie dem Entwaffnungszauber außer Gefecht zu setzten und danach den Cruciatusfluch anwenden. Allerding weiß ich nicht, was der bewirkt.“ Fügte sie zögernd hinzu. „Nein!“ Remus schrie es fast. „Er hat nicht Cruciatusfluch gesagt, das darf einfach nicht sein!“ „Doch, hat er. Wieso, was bewirkt dieser Fluch?“ Remus stöhnte und vergrub das Gesicht in den Händen. „Wo ist James wenn man ihn Mal braucht?“ stieß er zwischen den Fingern hervor. „Ich habe keine Ahnung, was ich jetzt machen soll.“ „Meine Frage beantworten.“ Sagte Lillyan ungeduldig und zog seine Hände vom Gesicht. „Na los, wir haben nicht mehr viel Zeit!“ Remus mied ihren Blick und betrachtete stattdessen sehr interessiert seine Füße. „Remus!“ „Also gut.“ Erneut wich er ihrem Blick aus und fuhr sich zerstreut durch das kurze Haar. „Der Cruciatusfluch ist einer der schlimmsten Flüche überhaupt und lässt dich die schlimmsten Schmerzen erleiden, die du dir vorstellen kannst. Du leidest sozusagen Todesqualen. Es gibt nur wenige Leute, die wissen, wie man ihn anwendet.“ Fassungslos starrte Lillyan ihn an. „Und du weißt nicht, wie man ihn abwehrt?“ „Unverzeihliche Flüche kann man nicht abwehren.“ Remus lehnte sich resigniert gegen die Wand und sah mit einem Mal unglaublich müde aus. Also wirklich ein Unverzeihlicher Fluch. Lillyan hatte das Gefühl, sie hätte es vorher wissen sollen. „Heißt das, ich werde zwangsläufig verlieren?“ fragte sie ruhig. „Naja, nicht unbedingt.“ Remus trat nervös von einem Fuß auf den anderen. „Du müsstest versuchen ihn zu erledigen, bevor er überhaupt dazu kommen kann, dich mit einem Unverzeihlichen Fluch zu belegen. Außerdem kannst du immer noch versuchen, den Flüchen auszuweichen.“ Lillyan dachte kurz nach, dann nickte sie entschlossen. „Ich versuche es.“ Sagte sie und mit einem Mal war ihr Kopf vollkommen klar. „Das ist zu riskant, Lillyan.“ Erwiderte Remus ärgerlich. „Du solltest das sein lassen oder wir holen Sirius noch dazu.“ „Dazu ist es bereits zu spät. Ich werde es versuchen. Ich weiß, dass ich es schaffen kann und du weißt es auch.“ Energisch packte sie seinen Ärmel und zerrte ihn hinter sich her aus dem versteckten Gang. „Na komm schon, wir haben nur noch fünf Minuten!“ zischte sie und eilte voraus die Treppe hinunter in Richtung Kerkerkorridor. „Du bist nicht mehr ganz bei Trost, Lillyan!“ hörte sie Remus hinter sich keuchen. „Das ist verdammt gefährlich.“ „Ich weiß.“ Sagte Lillyan nur und zog im Laufen ihren Zauberstab. „Beeil dich, sonst kommen wir zu spät!“ „Das ist alles, um das du dich kümmerst?“ schnaubte Remus, aber er wurde schneller. Lillyan wusste genau, wohin sie mussten; in den großen Gewölbekeller hinter den Zaubertrankklassenzimmern. Zum Glück hatte kein Lehrer seine Wohnung in den Kerkern, also würden sie wenigstens nicht erwischt werden. Eigentlich war die Situation ziemlich beängstigend und jeder normale Mensch hätte Angst gehabt, aber Lillyan verspürte keine Furcht. Sie fühlte sich merkwürdig; halb aufgeregt, halb ruhig. Da, endlich; die Zaubertrankklassenzimmer. Wie der Blitz sauste Lillyan an ihnen vorbei und bremste schlitternd vor dem Eingang des Gewölbekellers. Remus kam keuchend hinterher, die Hände an die Seite gepresst. „Wollen wir?“ fragte Lillyan entschlossen und trat durch den Eingang. „Lillyan, das ist Wahnsinn!“ japste Remus und folgte ihr. Der große, staubige Raum mit der hohen Decke wurde durch brennende Fackeln erleuchtet, die in eisernen Halterungen an den Wänden angebracht waren, ansonsten war er vollkommen leer bis auf einen kleinen Säulenwald am anderen Ende des Raumes. Und dorthin richtete Lillyan ihren Blick. Remus‘ geflüstertes „Er ist schon hier! Die Fackeln brennen!“ wäre gar nicht mehr nötig gewesen. Lillyan wusste, dass er hier war. Sie räusperte sich leise und hob die Stimme. „Zeige dich.“ Rief sie, ihre Stimme hallte von den Wänden und der Decke wieder. Für einen Augenblick geschah nichts, dann regte sich etwas zwischen den Säulen und jemand trat aus dem Schatten heraus. Das blonde, gegelte Haar, die lange Nase und die schmalen grünen Augen verrieten sofort, wer es war. Jefferson. Als er Lillyan erblickte, bildete sich ein selbstgefälliges Lächeln auf seinem Gesicht. Alle kleinen Härchen auf ihrer Haut stellten sich auf und in ihrer Magengegend kribbelte es unangenehm; dieses Lächeln wollte ihr gar nicht gefallen. „Na sieh mal einer an, Whiteley!“ spöttisch zog Jefferson die Augenbrauen hoch und musterte sie abschätzend. „Und ich dachte schon, du bist zu feige um zu kommen.“ Die Wut, die bei seinem Auftreten noch in Lillyan gebrodelt hatte, wurde immer kleiner. Lillyan merkte, wie sie stattdessen immer nervöser wurde. ‚Jetzt nur nicht schwach werden.‘ sagte sie sich. ‚Lass dich bloß nicht einschüchtern, sonst kannst du gleich einpacken. ‘ Das war allerdings leichter gesagt als getan. Wenigstens hatte ihre Schlagfertigkeit sie noch nicht verlassen. „Mein Haus ist im Gegensatz zu deinem nicht gerade für seine Feigheit bekannt.“ Erwiderte sie laut. „Oh, hübsche Antwort. Jetzt hast du’s mir aber gegeben.“ Spottete Jefferson. „Du wirst ja sehen, wohin dich dein irrationaler Mut führen wird.“ Lillyan biss fest die Zähne zusammen. Jetzt bloß keine Schwäche zeigen. In diesem Moment fiel Jeffersons Blick auf Remus. Seine Augen weiteten sich, dann begann er zu lachen. „So so, deshalb hat dich also noch niemand verteidigt, Schlammblut. Du hast deinen Lover nicht dabei. Na ja, eigentlich ziemlich dumm von dir, aber gut für mich. Mit Wolfsgesicht bin ich schneller fertig.“ Lillyan sah aus dem Augenwinkel, wie Remus bei dem Wort Wolfsgesicht zusammenzuckte und wunderte sich darüber, aber das war jetzt nebensächlich. Brennende Wut stieg in ihr hoch, züngelte durch ihren ganzen Körper und ließ die Angst verglühen. Lillyan ballte die Fäuste. „Er ist nicht mein Lover!“ rief sie wütend. „Außerdem; wage es ja nicht, meine Freunde zu beleidigen! Und wenn du mich noch einmal Schlammblut nennst, dann kannst du was erleben!“ „Ach ja? Und was, wenn man fragen darf?“ Mit einem aufreizenden Grinsen kam Jefferson ein paar Schritte auf sie zu. Dadurch wurde sein Gesicht von einer Lampe erleuchtet und mit einem Mal war es Lillyan, als erlebe sie das alles noch einmal; den Klatscher im Quidditchspiel letztes Jahr, den brennenden Schmerz, als er ihr die Nase gebrochen hatte, die quälenden Kopfschmerzen, die spöttischen Kommentare, die hasserfüllten Blicke, den Fluch im Korridor, Sirius‘ sorgenvolles Gesicht, … Glühender Hass überflutete sie, leckte an ihren Eingeweiden und ließ ihre Knochen erbeben. Mit einem Mal wollte sie nicht lieber tun, als Jefferson die größten Schmerzen zuzufügen, den sie ihm zufügen konnte. Da bewegte sich etwas hinter Jefferson und einer von seinen Mitläufern erschien, klein, braunhaarig und wie immer bösartig feixend. „Mein Sekundant.“ Sagte Jefferson und wedelte lässig mit der Hand herum, als wolle er eine Fliege verscheuchen. Desinteressiert wandte Lillyan den Blick von seinem abstoßenden Sekundanten ab und wandte sich wieder Jefferson zu. „Sollen wir mal anfangen?“ fragte sie genervt. „Ich habe wirklich besseres zu tun, als hier rumzustehen und mich mit dir zu unterhalten.“ Hinter ihr sog Remus hörbar die Luft ein, aber Lillyan hatte keine Angst mehr. Sie wollte Rache. „Gut. Wenn du deine Niederlage beschleunigen willst…“ Jefferson trat noch ein paar Schritte vor und Lillyan tat es ihm nach, sodass sie sich gegenüber standen. Gleichzeitig zogen sie die Zauberstäbe und richteten sie auf ihren Gegner. Lillyan konnte in Jeffersons Augen erkennen, dass er sie möglichst lange Zappeln lassen wollte. Sirius hatte Recht gehabt. Am Besten, sie sorgte dafür, dass sie ihn so schnell wie möglich ausschaltete. „Gib du das Startsignal.“ Sagte Jefferson zu seinem Sekundanten und verbeugte sich vor Lillyan, zumindest tat er so und krümmte nur leicht den Rücken. „Jefferson!“ hörte Lillyan Remus‘ ärgerliche Stimme scharf von hinten. „Das war keine richtige Verbeugung. Halte dich an die Regeln.“ Jeffersons Mund verzog sich spöttisch. „Ich fürchte, es ist gegen die Regeln meiner Familie, mich vor einem Schlammblut zu verbeugen. Nichts für ungut.“ In Lillyan brodelte es, sie biss sich auf die Lippe und umklammerte ihren Zauberstab fester, um nicht zu explodieren. Abwartend schaute Jefferson sie an. „Worauf wartest du?“ fauchte Lillyan ihn an. „Ich werde mich ganz bestimmt nicht vor dir verbeugen.“ Ein paar Sekunden lang starrten sie sich hasserfüllt an, dann sagte Jefferson mit erhobener Stimme; „Gut, du wirst sowieso schon bald nicht mehr in der Lage sein, dich zu verbeugen.“ „Ja, im Alter werden die Knochen instabil.“ Rutschte es Lillyan heraus. Hinter sich hörte sie einen merkwürdigen Laut, der sich anhörte, als müsse jemand krampfhaft das Lachen unterdrücken. Sie musste sich nicht umdrehen um zu wissen, dass es Remus war. „Und deine frechen Witze kannst du bald auch nicht mehr machen!“ herrschte Jefferson sie an. „Du wirst überhaupt nichts mehr machen können, wenn ich mit dir fertig bin! Und jetzt los!“ Sein Sekundant trat noch einen Schritt vor und lächelte ein öliges Lächeln. „Eins, zwei und-“ „Lillyan, Vorsicht!“ unterbrach ihn Remus‘ Schrei. Blitzartig warf Lillyan sich nach links und ein Fluch flog haarscharf an ihr vorbei. Jefferson hatte schon bei zwei angefangen. Augenblicklich kam sie wieder auf die Füße, zum Glück war sie auf so etwas vorbereitet gewesen. Ihr Beckenknochen brannte wie Feuer, weil darauf gefallen war, aber sie beachtete es kaum. Alles was jetzt zählte war Jefferson. Der nächste Fluch zielte auf ihre Füße, Lillyan sprang hoch um ihm auszuweichen und duckte sich anschließend um dem dritten Fluch auszuweichen. Sie hörte Jefferson lachen, laut und freudlos. „Willst du mit mir Katz und Maus spielen, Schlammblut?“ rief er, aber genau das war die Chance, auf die Lillyan gewartet hatte. Ihr Schleuderfluch zischte so knapp an Jefferson vorbei, dass seine Haare sich aufstellten. Er sah aus, als hätte er in eine Steckdose gefasst. Blitzschnell schwang Lillyan ihren Zauberstab erneut und rief „Impedimenta!“ Diesmal entkam Jefferson dem Fluch nur, weil er sich gerade noch rechtzeitig wegduckte. Ein Stück der Säule hinter ihm zersplitterte. „Na warte, du bist besser als ich dachte, aber ich kriege dich trotzdem!“ brüllte Jefferson und richtete erneut seinen Zauberstab auf sie. „Crucio!“ mit einem entsetzten Aufschrei auf den Lippen warf Lillyan sich zur Seite und der Fluch riss ein Loch in die Wand hinter ihr. Sie hatte ihre Chance verpasst, jetzt benutzte Jefferson bereits den Cruciatusfluch. Sie hörte Remus‘ wutentbrannten Schrei hinter sich und hasste sich dafür, dass sie sich jetzt nicht versichern konnte, ob er verletzt war. Jefferson war wichtiger. So schnell sie konnte kam sie wieder auf die Füße, aber bereits im nächsten Moment musste sie drei weiteren Flüchen ausweichen und keine Sekunde später kamen noch mehr von der anderen Seite geflogen. Sie wirbelte herum und versuchte, einen Schockzauber auf Jefferson abzufeuern, aber das hätte sie lieber nicht tun sollen, denn einer von Jeffersons Flüchen traf sie am Knie und schleuderte sie gegen die Wand. Lillyan schrie auf, als sie mit der Schulter gegen die harten Felsen knallte, und konnte gerade noch dafür sorgen, dass ihr Zauberstab ihr nicht aus der Hand flog. Sie keuchte und hustete und setzte sich auf. Ihre Schulter brannte wie Feuer aber etwas in Lillyan sagte ihr, dass nichts gebrochen war. Sie hatte Glück gehabt. „Lillyan!“ hörte sie Remus‘ Stimme neben sich. „Lillyan, ist alles in Ordnung?“ Da stand plötzlich Jefferson vor ihr und schaute verächtlich auf sie herab. „Nein, du bist nicht gut.“ Sagte er, seine Augen glänzten mitleidlos. „Du bist genauso schwach wie ich mir dachte. Wie dumm.“ Verwirrung breitete sich in Lillyan aus; merkte der Trottel denn wirklich nicht, dass sie ihren Zauberstab noch in der Hand hatte? „Dann wird dir das hier sicher nicht gefallen.“ Mit einem irren Grinsen richtete Jefferson den Zauberstab auf Remus. „Cruc-“ „Stupor!“ schrie Lillyan und warf sich instinktiv zur Seite, zurecht. Jeffersons Fluch explodierte genau da, wo Sekunden zuvor noch Lillyans Kopf gelegen hatte. Erneut wurde sie von der Kraftwelle des fehlgeschlagenen Zaubers nach hinten geschleudert und landete ein paar Meter weiter auf dem Boden. Diesmal war sie gewappnet und sprang blitzartig wieder auf die Füße. Sie hörte Jefferson einen Sprengfluch brüllen und sah den Zauber wie in Zeitlupe auf sich zufliegen, er war noch drei Meter entfernt, noch zwei Metern, noch einen- „Protego!“ schrie Lillyan und richtete ihren Zauberstab auf den Zauber, der ihr entgegen kam. Mit einem Mal gab es einen Knall und direkt vor Lillyan entstand aus dem nichts ein riesengroßer unsichtbarer Schild. Jeffersons Fluch prallte daran ab, sprühte Funken und wurde zurück auf seinen Angreifer geworfen. Diesmal war es Jefferson, der sich zur Seite werfen musste. Der Fluch schlug genau an der Stelle ein, an der Lillyan noch Sekunden zuvor gelegen hatte. Im nächsten Moment gab es eine riesige Explosion. Jefferson wurde zur Seite hin weggeschleudert, von Remus war nichts mehr zu sehen. „Remus!“ brüllte Lillyan verzweifelt, doch gerade, als sie ihren Schildzauber entfernen wollte, traf plötzlich etwas senkend Heißes ihr Handgelenk und sie schrie auf. Blut tropfte auf den Boden und lief aus der großen Schnittwunde, die sich quer über ihr Handgelenk zog. Lillyan wirbelte herum. Hinter ihr stand Jeffersons Sekundant und hatte den Zauberstab auf sie gerichtet. „Sterb!“ brüllte er und schaute sie mit einem wirren Blick an. Ach je, der hatte nun wirklich zu viele Krimis gesehen. „Es heißt stirb.“ Verbesserte Lillyan ihn lehrmeisterhaft. Bei solchen Leuten war das Beste immer Ablenkung, zumindest hoffte sie das. „Hä?“ beunruhigt kratzte sich Jeffersons Sekundant am Kinn. Lillyan hätte um ein Haar die Augen verdreht; herrje, was war dieser Typ doch doof. „Es heißt stirb.“ Wiederholte sie geduldig. „Imperativ bildet man mit i“ „Ah ja?“ Jeffersons Freund schaute sie verwirrt an. Das war der perfekte Moment. „Impedimenta!“ rief Lillyan abermals und richtete ihren Zauberstab auf ihn. Es kam vollkommen unerwartet; der Fluch traf Jeffersons Freund genau in die Brust. Verwirrt schaute er Lillyan an, dann fiel er hintüber. „Gut, eine Sorge weniger.“ Murmelte sie vor sich hin und wandte sich wieder Jefferson zu, gerade im rechten Augenblick. Jefferson schoss einen Zauber auf Lillyans Schild ab und sie wusste instinktiv, dass dieser Zauber stärker war als der Schild. Gerade noch rechtzeitig machte sie einen Sprung zur Seite, bevor der Zauber auf den Schild traf. Eine Millisekunde lang sah es so aus, als würde der Zauber einfach durch den Schild hindurchfliegen, dann leuchtete der Schild blendend hell auf und zersprang in tausend Funken. Wie Lillyan bereits gehofft hatte, hatte Jefferson genau im hellsten Moment auf den Schild geschaut. Als sie selbst wieder etwas erkennen konnte, sah sie Jefferson fluchend durch den Kerker taumeln, die Hände auf die Augen gepresst. Von Remus war immer noch keine Spur zu sehen. „Remus!“ schrie Lillyan, sie konnte nicht verhindern, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen. Wenn ihm etwas passiert war… „Remus! Wo bist du?“ In diesem Moment drehte sich Jefferson wieder zu ihr um, seine Augen schossen kleine Giftpfeile auf Lillyan. Mist, sie hätte ihn fertigmachen sollen, als die Zeit dazu war. Augenblicklich hob sie den Zauberstab, aber erneut war Jefferson schneller. Sein Fluch flog auf Lillyan zu und es war zu spät, um auszuweichen. Jetzt half nur noch eines; Lillyan hob den Zauberstab und versuchte zum ersten Mal in diesem Duell, einen Zauber abzuwehren. Einen Augenblick hing der Zauber vor Lillyans Zauberstab in der Luft, dann wurde er von diesem eingesaugt. Der Schwung des Zaubers warf Lillyan ein bisschen zurück, aber sie richtete ihren Zauberstab trotzdem so schnell wie möglich auf Jefferson und wählte den erst besten Zauber, der ihr einfiel; „Expelliarmus!“ Erneut sah sie Zeitlupe, dieses Mal jedoch, wie der Zauber auf Jefferson zuflog. Sie konnte sehen, wie sich seine Augen erschrocken weiteten, aber da war es schon zu spät. Lillyans Zauber traf ihn an der Schulter und im nächsten Moment flog sein Zauberstab durch die Luft, weit fort an die Wand. Wie in Trance beobachtete Lillyan, wie der Zauberstab durch die Luft flog. Gleich würde er auf dem Boden landen… Da sprang plötzlich hinter einem abgesprengten Felsen an der Wand jemand hervor und fing den Zauberstab aus der Luft, bevor er auf dem Boden aufschlagen konnte. Die Person drehte sich um und grinste Lillyan verschmitzt zu. „Remus!“ schrie sie erleichtert auf. Am liebsten hätte sie ihn umarmt, aber das war ein schlechter Zeitpunkt, denn Jefferson wollte sich gerade mit einem „Nicht mein Zauberstab, du…“ auf Remus stürzen. Lillyan kam ihm zuvor und als sie die Wunde auf Remus‘ Wange entdeckte, stieg wieder der blanke Hass in ihr auf und löschte sämtliche Schuldgefühle aus. „Incendio!“ rief sie und richtete den Zauberstab genau auf Jeffersons Gesicht. Im nächsten Moment fuhr Jefferson mit einem Heulen zurück. Heiße, weiße Flammen leckten an seinem Gesicht, versenkten ihm die Haare und zogen sich seinen Hals entlang. Eine gewisse Genugtuung erfüllte Lillyan als sie sah, wie Jefferson lichterloh brannte, aber sie war nicht sadistisch. „Aguamenti!“ rief sie schnell und ein Schwall Wasser ergoss sich über Jefferson und löschte die Flammen. Jefferson sank auf die Knie, die Hände ans Gesicht gepresst, und wimmerte leise vor sich hin. Langsam ließ Lillyan den Zauberstab sinken und atmete tief aus. Das Wasser vermischte sich mit dem Ruß der Brandflecken auf dem Boden und sickerte in kleinen Rinnsalen durch den Raum. Vorsichtig trat sie einen Schritt auf ihren Gegner zu. Remus trat neben sie, Jeffersons Zauberstab in der einen und seinen eigenen Zauberstab in der anderen Hand. Lillyan wandte sich ihm zu und betrachtete ihn eingehen von Kopf bis Fuß. Er war von oben bis unten verstaubt, aber bis auf die Wunde an der Wange schien er relativ unversehrt zu sein. „Alles in Ordnung mit dir?“ fragte sie leise. „Jaja, schon okay. Ist nur n Kratzer.“ Remus schaute sie an, in seinem Blick lag ein Ausdruck, den Lillyan bei ihm noch niemals gesehen hatte. War es Bewunderung? „Wow, ich glaub es nicht.“ Sagte er und trat noch einen Schritt auf Jefferson zu. „Du hast ihn echt angezündet.“ Er sagte es, als wäre es etwas Gutes, aber Lillyan fühlte sich gar nicht, als ob sie gerade eine Heldentat vollbracht hätte. Jefferson, der vor ihr wie ein Häufchen Elend auf dem Boden hockte, tat ihr mit einem Mal ziemlich leid. Remus musste es an ihrem Gesichtsausdruck gemerkt haben, denn er legte ihr eine Hand auf die Schulter und sagte sanft; „Lillyan, dieser Junge hat vorhin schon wieder versucht, dich zu töten. Mach dir keine Gedanken. Du hast das Richtige getan.“ Lillyan warf ihm einen dankbaren Blick zu, dann sagte sie; „Ich möchte das hier trotzdem noch Mal klären. Nur zur Sicherheit.“ Remus schaute sie ernst an, dann nickte er und nahm seine Hand von ihrer Schulter. Vorsichtig kniete Lillyan sich vor Jefferson auf den Boden und musterte ihn scharf. Er hatte die Hände immer noch vor dem Gesicht und Lillyan krampfte sich der Magen zusammen als sie sich vorstellte, wie er wohl aussah. „Bitte. Nimm die Hände vom Gesicht.“ Sagte sie leise. Einen Augenblick lang bewegte Jefferson sich nicht, dann ließ er langsam seine Hände sinken. Erleichtert atmete Lillyan aus: auf sie war doch Verlass. Ihr Wasserzauber war gerade rechtzeitig gekommen, um schlimmere Verbrennungen zu verhindern und der Bereich um die Augen herum zeigte keine Spur der Verbrennungen, die sich über seine Wangen und seinen Hals zogen. Auf der Nase war die schlimmste Verbrennung, der Zauber musste hier aufgetroffen sein. Seine Haare waren angesengt und er war von oben bis unten klatschnass, aber ansonsten hätte es ihn deutlich schlimmer erwischen können. Ein Tonnengewicht fiel von ihren Schultern, wenigstens hatte sie ihn nicht zu sehr verletzt. Da fiel ihr plötzlich ihre Abmachung wieder ein und sie packte ihn an den Haaren. „Ich habe gewonnen.“ Sagte sie laut. Jefferson japste nach Luft vor Schmerz und starrte sie mit tränenden Augen an. „Ja.“ Stieß er schließlich hervor. „Dann musst du dein Wort halten. Schwöre es.“ Jefferson presste die Hand an die Stirn und zuckte augenblicklich wieder zurück. „Ich- ich schwöre es!“ brachte er heraus. „Sehr schön.“ Lillyan ließ seine Haare los und richtete sich wieder auf. Sie konnte es kaum erwarten, zurück zu Sirius zu kommen. „Dann wäre das ja geklärt.“ „Was ist mit seinem Zauberstab? Sollen wir den auch noch verbrennen?“ erkundigte sich Remus. Lillyan runzelte die Stirn. „Ich denke, er hat seine Lektion gelernt.“ Sagte sie schließlich. „Wir legen ihn auf dem Rückweg hinter die Statue von Brunhild der Brünetten im zweiten Stock. Da kann er ihn dann irgendwann mal abholen. Hast du verstanden?“ wandte sie sich an Jefferson. Jefferson nickte. „Sehr gut.“ Stimmte auch Remus erleichtert zu. „Komm, Lillyan.“ „Einen Moment noch.“ Lillyan drehte sich noch einmal um und betrachtete den Kellerraum. „Was passiert mit Jeffersons Freund?“ wollte Remus wissen. „Um den kümmere ich mich gerade.“ Stellte Lillyan fest und ging zu dem Jungen hinüber, der immer noch gelähmt auf dem Boden lag. Sie hob seinen Zauberstab auf, dann richtete sie ihren Zauberstab auf ihn. Unsichtbare Seile schossen aus ihrem Zauberstab hervor und zogen Jeffersons Freund an den Fußgelenken in die Höhe. „So.“ sagte Lillyan zufrieden. „Jetzt hängt er da kopfüber, bis ihn jemand befreit.“ Mit einer weiteren Zauberstabbewegung nahm sie den Lähmzauber von ihm und belegte ihn im selben Moment mit einem Schweigezauber. „Das war’s. Seinen Zauberstab legen wir an dieselbe Stelle wie Jeffersons.“ Bestimmte Lillyan und Remus nickte zustimmend. „Eins noch…“ Lillyan ließ ihren Blick durch den Raum wandern und hob erneut den Zauberstab. „Finite incantatem. Reparo maxima.“ Sagte sie ruhig und machte dann eine Zauberstabbewegung, die den ganzen Raum einschloss. Im nächsten Moment flog alles wieder dahin, wo es vorher gewesen war; die Felsbrocken hüpften zurück an die Wände und verschmolzen wieder zur Wand, der Boden setzte sich selbst wieder zusammen und die Risse in den Säulen schlossen sich. „Wow!“ machte Remus. „Ach, und“ Lillyan hob den Zauberstab noch einmal, „Tergeo.“ Diesmal saugte ihr Zauberstab das Wasser, den Ruß und das Blut vom Boden auf. Jetzt sah der Raum wieder aus, wie er normalerweise aussah, bis auf Jefferson, der immer noch auf dem Boden saß, und seinen Freund, der weiter hinten von der Decke hing wie eine übergroße Fledermaus. „Gut, das war’s jetzt aber endgültig.“ Lillyan warf Jefferson noch einen letzten Blick zu, dann drehte sie dem Raum den Rücken zu und lief hinaus. Remus kam ihr nach und dann rannten sie, vorbei an Rüstungen und an Bildern bis sie im zweiten Stock ankamen. Wie auf Kommando wurden die beiden langsamer und blieben schließlich stehen. Lillyan drehte sich zu Remus um und im nächsten Augenblick war er schon bei ihr und schlang wortlos die Arme um sie. Ein Lächeln bildete sich in Lillyans Mundwinkeln und sie erwiderte seine Umarmung. Es hatte etwas Tröstliches, es war so fremd und doch wieder so vertraut und es tat gut, sich in seine Arme zu schmiegen. Sie lehnte den Kopf an seine Schulter und schloss die Augen. Seine Kleidung war staubig und an manchen Stellen etwas ramponiert aber Lillyan wusste, dass sie genauso aussah. Es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder voneinander lösten. Remus schaute sie an und sie schaute zurück. Sein Gesicht spiegelte genau das wider, was sie für ihn empfand; Freundschaft und Vertrauen. Nicht mehr und nicht weniger. Erleichtert atmete sie aus, dann erst wurde ihr klar, was vorhin geschehen war. „Ich habe gewonnen!“ jauchzte sie leise und machte vor Freude einen Luftsprung. „Ja, du hast gewonnen. Du warst großartig.“ Remus lächelte. Am liebsten hätte Lillyan vor Freude laut gekreischt, aber sie beherrschte sich. „Danke.“ Sagte sie stattdessen und schaute ihn an. „Danke, dass du mir geholfen hast.“ Remus‘ Lächeln wurde noch breiter. „Jederzeit.“ Gab er zurück und seine Augen blitzten. „Komm, Sirius wird sich große Sorgen machen. Erzählen wir ihm von deinem grandiosen Sieg!“ „Warte.“ Besorgt musterte Lillyan sein Gesicht. „So kannst du nicht gehen. Du blutest ja.“ „Ist schon in Ordnung, Lillyan. Ich gehe Morgen früh zu Madam Pomfrey.“ Beruhigte Remus sie. „Und was willst du ihr erzählen? Dass du dir aus Versehen ein Messer in die Wange gerammt hast?“ Remus zuckte beklommen die Achseln. Lillyan seufzte. Sie zog ihren Zauberstab und richtete ihn auf Remus. „Darf ich?“ fragte sie leise. Seine Augen weiteten sich überrascht, dann nickte er. Bedacht führte Lillyan die inzwischen wohlerprobte Zauberstabbewegung aus und eine Sekunde später war die Wunde sauber. „Okay und jetzt…“, konzentriert kniff sie die Augen zusammen, „Vulnera sanento.“ Im nächsten Moment veränderte sich die Wunde, die Haut wuchs wieder zusammen und dann war nichts mehr davon zu erkennen bis auf eine kleine, weiße Narbe. „Unglaublich.“ Wisperte Remus und betastete ungläubig seine Wange. Lillyan lächelte, schob ihren Ärmel zurück und säuberte ihre Schnittwunde im Handgelenk, bevor sie den Zauberstab noch einmal hob, um die Wunde heilen zu lassen. „Gut, gehen wir.“ Sagte sie abschließend und die beiden liefen die Treppen hinauf, so schnell sie konnten. Im vierten Stock wären sie beinahe Peeves über den Weg gelaufen, der gerade versuchte, einer Rüstung den Helm abzuschrauben, aber glücklicher Weise bemerkte Remus ihn rechtzeitig und führte Lillyan durch eine Geheimtreppe hinauf in den fünften Stock. Die Türe am anderen Ende war zwar verschlossen, aber für Lillyan war das ein Klacks. Sie trat vor und hob noch einmal ihren Zauberstab. Zum letzten Mal in dieser Nacht.

    6
    6. Gryffindor gegen Hufflepuff
    Sirius saß auf einem Sessel im Gemeinschaftsraum und starrte gegen die Wand, den Blick voll Sorge. Als Lillyan das Portraitloch aufstieß, fuhr er auf und stieß einen unterdrückten Schrei aus, als er sie erkannte. Auf seinem Gesicht lag Erleichterung, grenzenlose Erleichterung. „Lillyan!“ rief er, rannte auf sie zu und umarmte sie, noch bevor sie richtig durch das Portraitloch geklettert war. „He, nicht so laut, sonst wacht noch das ganze Schloss auf!“ mahnte Remus mit einem müden Grinsen und kletterte hinter Lillyan in den Gemeinschaftsraum. Sirius beachtete ihn überhaupt nicht, sondern löste sich wieder von Lillyan und musterte ihr Gesicht, als könne er nicht fassen, dass sie wirklich vor ihm stand. „Lillyan, du lebst! Remus! Was ist geschehen?“ „Ich hab dir doch gleich gesagt, dass mir nichts passieren wird.“ Neckte Lillyan ihren besten Freund und versuchte, der Versuchung zu widerstehen, noch länger in seine dunkelbraunen Augen zu schauen. Das Glück, wieder bei ihm zu sein, warf sie fast um. Sirius lachte und schaute Lillyan an. „Du hast ihn besiegt?“ fragte er. Lillyan nickte und lachte ebenfalls. „Aber es war verdammt knapp.“ „Na los, nun erzählt schon!“ drängte Sirius sie und ließ sich rücklings in einen Sessel fallen. Remus und Lillyan setzten sich auf zwei andere Sessel ihm gegenüber und schauten sich an. „Erzähl du.“ Sagte Remus schließlich grinsend und lehnte sich behaglich zurück.

    Sirius war ein guter Zuhörer. Er hörte die ganze Geschichte gespannt an und unterbrach Lillyan nur einmal, nämlich als sie auf die Sache mit dem Cruciatusfluch kamen. An dieser Stelle sprang er entsetzt auf und rief so laut „Nein! Das hat er nicht versucht!“ dass Remus die Türe, die zu den Schlafsälen führte, spontan mit einem Mufliato-Zauber belegte. „Doch, hat er, aber reg dich ab. Er hat dafür bezahlt.“ Besänftigte Lillyan ihn und erzählte weiter. Auch, als sie von ihrem verletzten Handgelenk berichtete, erschrak er kurz, aber er beruhigte sich schnell wieder, als sie ihm zeigte, dass es bereits verheilt war. Kurz bevor sie zu der Stelle kamen, wo Remus den Zauberstab aus der Luft gefangen hatte, erzählte Remus weiter. Sirius saß mit offenem Mund dabei und starrte Lillyan die ganze Zeit mit einer Mischung aus Bewunderung und Ehrfurcht an. Als Remus schließlich erzählte, wie Lillyan Jefferson in Brand gesetzt hatte, schaute Sirius für einen Moment fassungslos in Lillyans Gesicht, dann begann er, so laut zu lachen, dass Remus vor Schreck um ein Haar aus dem Sessel rutschte. „Ich fass es nicht. Ich fass es einfach nicht!“ Er japste und konnte sich nur mit Mühe aufrecht halten. „Du- du hast Jefferson angezündet… Das hätte ich nie erwartet, Lillyan, ausgerechnet du…“ er brach erneut in Gelächter aus und Lillyan spürte, wie sich in ihrer Kehle ebenfalls ein belustigtes Glucksten bildete. Als dann auch noch Remus mit einfiel, war es vollends um sie geschehen und die drei wälzten sich auf dem Boden vor Lachen. „Du hättest sein Gesicht sehen sollen, Tatze!“ stieß Remus zwischen zwei Lachsalven hervor. „Als dieser Trottel gemerkt hat, dass Lillyan ihn besiegt hat.“ Sirius nickte und sammelte sich allmählich wieder. „Ich kann’s immer noch nicht glauben.“ Sagte er leise und schaute Lillyan an. Bewunderung lag noch immer in seinem Blick, und noch etwas. Erleichterung. „Ich wusste immer, dass du stark bist, Lillyan, aber so stark…“ Seine Augen blieben an ihren hängen und Lillyan spürte, wie ihr die Luft wegblieb. Sie versank förmlich in seinen dunkelbraunen Augen, so warm und tief und so wunderschön… Remus räusperte sich vernehmlich. Lillyan zuckte zusammen und wandte verlegen den Blick ab, während sich Sirius schnell in seinem Sessel zurücklehnte und Remus‘ Blick betont lässig erwiderte. Kroch da etwa ein Hauch Röte über sein Gesicht? Eine kleine Falte bildete sich auf Lillyans Stirn. Hieß das etwa, dass er… Nein, unmöglich. Sie sollte besser aufhören, sich von ihm so aus dem Konzept bringen zu lassen. „Ein Jammer, dass ich nicht dabei war.“ sagte Sirius und lachte erneut. „Ich hätte zu gerne gesehen, wie du ihn fertig gemacht hast!“ „Remus war aber auch nicht schlecht!“ warf Lillyan ein. Remus musste grinsen und stand auf. „Wenn wir drei morgen nicht im Unterricht einschlafen wollen, dann sollten wir jetzt mal schlafen gehen!“ sagte er und ging in Richtung Treppe. Sirius knurrte ungehalten. „Ihr geht nirgendwohin, bevor ihr mir nicht jedes noch so kleine Detail der Geschichte haargenau berichtet habt.“ „Vergiss es, Tatze, heute nicht mehr.“ Gähnend stieg Remus die Treppe hinauf. „Gute Nacht, Lillyan.“ Sagte er noch, bevor er in seinem Schlafsaal verschwand. „Du hast dich super geschlagen, du kannst stolz auf dich sein!“ Lillyan lächelte ihm glücklich zu und dann fiel die Türe hinter Remus ins Schloss. Lillyan gähnte ebenfalls und stand auch auf. Es fiel ihr schwer, sich auf den Beinen zu halten. Mit einem Mal hatte sie das Gefühl, noch niemals zuvor so müde gewesen zu sein. „Tut mir Leid, Sirius.“ Sagte sie bedauernd, „Aber wenn ich jetzt noch länger wach bleibe, dann überlebe ich den morgigen Tag nicht.“ „Na gut!“ Widerwillig stand Sirius auf und schaute sie an. „Aber wenn du mir morgen nicht alles noch einmal detailreich erzählst, dann garantiere ich für nichts!“ Lillyan rang sich ein müdes Lächeln ab, dann stieg sie ebenfalls die Treppe nach oben in ihren Schlafsaal. „Gute Nacht, Sirius.“ Murmelte sie noch, schon fast im Halbschlaf. „Schlaf gut, Lilly-An.“ Antwortete Sirius und im nächsten Moment schloss sich die Türe hinter ihr. Wie in Trance wankte Lillyan zu ihrem Bett, zog sich um und kroch dann todmüde in ihr Bett. Eigentlich wollte sie noch ihre Kleidung säubern, aber bevor sie überlegen konnte, ob sie dafür wirklich noch einmal aufstehen sollte, war sie auch schon tief und fest eingeschlafen.
    *
    Am nächsten Morgen war Lillyan so müde, dass sie sich am liebsten gleich wieder ins Bett gelegt hätte. Gähnend quälte sie sich unter die Dusche und suchte dann eine geschlagene viertel Stunde lang nach ihrem Zauberstab. Als sie ihn schließlich fand, war sie bereits so entnervt, dass ihre Laune tief unter dem Nullpunkt lag. Klar, sie hatte das Duell gestern gewonnen, aber richtig freuen konnte sie sich inzwischen nicht mehr darüber. Sie war einfach viel zu müde. „Was ist denn heute mit dir los?“ wollte Emily wissen, als Lillyan neben ihr und Olivia die Treppe zum Frühstück hinunterstolperte. „Zu wenig geschlafen.“ Gab Lillyan zurück und stolperte dabei fast über eine Stufe. Kopfschüttelnd betrachtete Olivia sie von der Seite. „Du bist doch sonst morgens immer so wach.“ Lillyan zuckte nur die Schultern und hielt sich gerade noch rechtzeitig am Geländer fest, um nicht die letzten zwei Stufen hinunterzufallen. Mit hochgezogenen Augenbrauen wandte Olivia den Blick ab und wechselte einen bedeutungsvollen Blick mit Emily. Lillyan ignorierte die beiden und betrat die Große Halle. Heute war der Himmel noch immer wolkenverhangen und vereinzelte Schneeflocken schwebten hinab zur Erde. Unwillkürlich fröstelte Lillyan und zog sich ihren Umhang enger um die Schultern. Ein Blick zum Gryffindortisch zeigte ihr, dass sie nicht die Einzige war, die sich heute mies fühlte; auch Sirius und Remus saßen mit hängenden Köpfen auf ihren Plätzen und schauten mit halb geschlossenen Augen auf ihre Teller. Anscheinend litten die beiden heute ebenfalls unter heftigen Kopfschmerzen. Verschlafen schlurfte Lillyan zu ihren Freunden hinüber und setzte sich neben Lily, die Sirius und Remus schräg gegenüber saß und im Gegensatz zu Lillyan putzmunter zu sein schien. „Hi“, murmelte Lillyan den dreien zu und nahm sich eine Schüssel mit Porridge. Sirius blickte auf, als er ihre Stimme hörte, aber Remus schien selbst dazu zu müde zu sein. Er sah aus, als würde er im nächsten Moment am Tisch einschlafen. „Oh, hi Lilly-An.“ Begrüßte Sirius sie und verbarg ein Gähnen hinter seiner Hand. „Na, auch so müde?“ Lillyan nickte nur und stützte ihren Kopf auf die Hände. „Sieht ganz danach aus.“ Sirius grinste und zwinkerte Lillyan verschwörerisch zu. „Aussehen ist für Jefferson heute kein gutes Wort. Schau ihn dir nur mal an!“ Oh, stimmte ja! Jefferson hatte sie bereits wieder völlig vergessen! Als sie den Kopf zum Slytherintisch hinüberwandte, konnte sie sich das Lachen einfach nicht verbeißen. Jefferson saß mürrisch auf seinem Platz und starrte in seinen Teller. Sein ganzes Gesicht war über und über mit großen Verbrennungen bedeckt und seine Haare waren immer noch angekokelt. ‚Ha! Er hat es noch nicht gewagt, zu Madam Pomfrey zu gehen! ‘ triumphierte Lillyan innerlich und grinste breit. Sirius schien zu wissen, was ihr durch den Kopf ging, und erwiderte ihr Grinsen. „Madam Pomfrey wird eine Menge unangenehmer Fragen stellen.“ Stellte er befriedigt fest und feixte. Lillyan lachte und gähnte gleichzeitig. Oh je, so wie es aussah, würden sie heute Morgen alle drei ziemlich zu kämpfen haben.
    Wie Recht sie mit dieser Vermutung hatte, zeigte sich bereits in der ersten Schulstunde. Sie hatten Zauberkunst und Lillyan wollte es einfach nicht gelingen, ihr Blatt Papier auf magische Weise mit Wörtern zu füllen. Zwar bildeten sich die Buchstaben auf ihrem Pergament, aber sie verschoben und drehten sich genau falsch. Als Lillyan schließlich entnervt versuchen wollte, das Wort „Pergament“ zu bilden, und die Buchstaben sich daraufhin miteinander vereinten und anschließend das Wort „Paravent“ bildeten, gab sie es auf. Es hatte keinen Zweck. Professor Flitwick war mehr als erstaunt und rief in einem fort aus; „Nanu, Whiteley, was ist denn heute nur mit ihnen los?“ Aber am aller miesesten erging es ihr in Zaubertränke. Das hatten sie erst am Nachmittag als allerletztes Fach und normalerweise war Lillyan die reinste Perfektion im Zaubertränke brauen, aber an diesem Tag war einfach alles zu spät. Hilflos musste sie dabei zusehen, wie das Entfärbungselexier, das sie eigentlich hätten brauen sollen, bei ihr zu einer klebrigen, dunkelbrauen Masse wurde, die schließlich, als Lillyan sie mit etwas Belladonna-Essenz zu retten versuchte, laut zu zischen begann und um ein Haar den Kessel zum Schmelzen gebracht hätte. Gerade noch rechtzeitig brachte Lillyan sie mit einem Zauber zum verschwinden, aber damit war das Ergebnis gleich Null. Professor Slughorn war hochgradig erschüttert und er ließ mehrmals verlauten, dass er sich das nicht erklären könne. „Lillyan, meine Freundin, was ist heute nur mit Ihnen los?“ erkundigte auch er sich ein ums andere Mal. Schließlich kam er auf den Gedanken, Lillyan hätte Liebeskummer und wäre deshalb die ganze Nacht aufgeblieben, was die Slytherins natürlich mit begeistertem Gejohle besiegelten. Lillyan hätte sie am liebsten allesamt gegen die Wand geklatscht, aber das half auch nichts. Ihr Kopf dröhnte und sie wollte nur noch ins Bett. Sehr zu ihrem Leidwesen rief Professor Slughorn sie nach der Stunde noch zu sich. „Lillyan, mein Kind, was ist denn heute mit ihnen los?“ fragte er erneut und betrachtete sorgenvoll ihr Gesicht. „Sie sehen ja ganz müde aus! Waren sie etwa die ganze Nacht lang auf?“ „Die halbe.“ Antwortete Lillyan und unterdrückte ein Gähnen. „Die halbe?“ Professor Slughorn musterte sie beunruhigt. „Kein Wunder, dass sie kaum die Augen offen halten können. Ich nehme mal an, Sie, Black und Lupin haben gestern noch lange im Gemeinschaftsraum gesessen und Hausaufgaben gemacht?“ Als er Lillyans verwirrten Blick bemerkte, musste er lächeln. „Ich hatte die beiden heute in der dritten Stunde.“ Erklärte er. „Es war genau wie mit Ihnen, Lillyan. Obwohl zumindest Lupin auch sonst nicht der große Zaubertrankbraumeister ist, im Gegensatz zu Ihnen, meine Liebe. Ich schlage vor, Sie legen sich zunächst Mal ins Bett und schlafen durch bis morgen früh. Ich werde mit den anderen Lehrern sprechen, dass sie es Morgen sowohl bei ihnen als auch bei ihren Freunden mit den Hausaufgaben nicht so genau nehmen.“ Er zwinkerte ihr verschwörerisch zu. „Schließlich arbeiten die Besten von uns ab und an mal die Nacht durch!“ Lillyan wurde ganz warm ums Herz; Professor Slughorn war einfach genial. Sie konnte sich glücklich schätzen, dass sie dank ihrer herausragenden Zaubertrankkünste ein besonderer Liebling von ihm war, ebenso wie Sirius und auch ihre beste Freundin Lily. „Vielen Dank, Sir.“ Sagte sie inbrünstig und lächelte ihn voller Dankbarkeit an. Zu ihrem Glück wusste er nicht, warum sie wirklich bis so spät aufgeblieben waren, sonst wäre er wahrscheinlich nicht ganz so verständnisvoll gewesen. „Immer wieder gern, Lillyan!“ gab Slughorn immer noch lächelnd zurück. „Jetzt aber husch, husch! Bevor noch jemand auf die Idee kommt, ich hätte Ihnen das erlaubt!“ Lillyan verkniff sich ein Kichern und beeilte sich, so schnell wie möglich zu Sirius und Remus zu kommen, um ihnen die gute Nachricht zu übermitteln. Nachdem sie eine halbe Ewigkeit nach den beiden gesucht hatte, fand sie sie schließlich - wider ihrer sonstigen Gewohnheiten - im Gemeinschaftsraum, nur leider in Begleitung von James. Wenigstens fehlte Peter, ein schwacher Trost. Eigentlich hatte Lillyan keine Lust, sich von Potter blöd anmotzen zu lassen, aber ein Blick auf Sirius‘ übermüdetes Gesicht reichte aus, um sie zu ihrem ursprünglichen Plan zurück zu bringen. Vorsichtig näherte sie sich den Dreien. Sie hatten die Köpfe zusammengesteckt und tuschelten aufgeregt miteinander. Selbst als Lillyan schließlich direkt hinter Sirius stand, bemerkten die Drei sie nicht, so sehr waren sie auf ihr Gespräch konzentriert. Eigentlich wollte Lillyan nicht lauschen, aber die Worte waren laut genug, dass sie sie verstehen musste. „-wenn alles gut läuft.“ Sagte Remus gerade. „Natürlich wird es das. Wir schaffen das schon.“ Das war James. „Und Peter?“ wieder Remus. „Meinst du, wir sollten ihn…“ Verständnislos runzelte Lillyan die Stirn. Sie verstand nicht, um was es hier ging, aber wahrscheinlich waren das sowieso Jungsgespräche. Sie räusperte sich vernehmlich. Die drei fuhren so heftig auseinander, dass es fast schon verdächtig war. Was auch immer sie da besprachen, es sollte auf jeden Fall geheim bleiben. Naja, sie würde sich da ganz sicher nicht einmischen, es interessierte sie auch überhaupt nicht. Das Einzige, was sie momentan interessierte, war ein weiches, warmes Bett. „Sirius, Remus, ich soll euch von Slughorn ausrichten, dass ihr euch ruhig hinlegen könnt.“ Sagte sie und versuchte so zu tun, als wäre James gar nicht da. „Er meint, er redet mit den anderen Lehrern wegen den Hausaufgaben. Sie werden es morgen bei uns nicht so genau nehmen.“ Remus stieß einen Seufzer der Erleichterung aus und stand auf. „Na wenn das so ist, dann lass ich mir das nicht entgehen!“ stellte er fest. „Womit haben wir das denn verdient?“ erkundigte sich Sirius beiläufig, während er sich ebenfalls erhob. „Slughorn hat mitbekommen, dass wir Drei so müde waren. Er denkt, wir haben die halbe Nacht durch zusammen Hausaufgaben gemacht.“ Mit einem Lächeln strich Lillyan sich das widerspenstige braune Haar aus der Stirn. „Wow!“ Sirius grinste begeistert. „Wie cool ist das denn?“ „Was habt ihr denn die ganze Nacht lang gemacht?“ mischte sich da James misstrauisch ins Gespräch. Erschrocken hielt Lillyan die Luft an; verdammt, James wusste ja nichts von dem Duell! Sie warf Sirius einen hilfesuchenden Blick zu, aber der hatte schon verstanden. „Ach Krone, wir sind nur noch ein bisschen durch das Schloss gestreift.“ Sagte er so lässig, dass selbst Lillyan den Schwindel nicht durchschaut hätte. „Wir wollten Lillyan den Raum der Wünsche zeigen.“ Seltsamer Weise schien das James richtig zu verärgern, er stand auf und blitzte Sirius und Remus wütend an. „Ihr habt was? Ihr habt ihr vom Raum der Wünsche erzählt?“ „Reg dich ab, Krone.“ Mit einem plötzlichen Anflug von Ärger fuhr Sirius sich mit der Hand durchs Haar. Lillyan hätte sich am liebsten selbst eine runtergehauen, weil sie das süß fand. „Sie erzählt schon niemandem davon. Außerdem ist es doch nicht schlimm, dass sie es weiß, oder?“ Das glaubte Lillyan eigentlich auch, aber als sie James‘ Gesicht sah, sah sie darin das Gegenteil. „Sag mal, spinnst du eigentlich total?“ fauchte James Sirius in diesem Moment an. „Ist dir eigentlich klar, dass sie damit alles rauskriegen kann?“ Sirius stöhnte entnervt und schaute seinen besten Freund erschöpft an. „Red doch keinen solchen Blödsinn, Krone. Ich werde da jetzt nicht weiter drüber diskutieren, ich gehe jetzt nämlich schlafen.“ Wutentbrannt blitzte James Lillyan an, aber die sah überhaupt nicht ein, wieso sie sich schuldig fühlen sollte. „Na dann, gute Nacht!“ wünschte sie Sirius und Remus und machte, dass sie in ihren Schlafsaal kam. Sirus und Remus folgten ihr in einigem Abstand. Eigentlich war Lillyan viel zu müde, um noch aufzubleiben, aber irgendwie hatte sie das dumpfe Gefühl, dass die Jungs ihr etwas sehr Wichtiges verheimlichten. Ach was, bestimmt nur irgendwelche Stinkbombenstreiche. Aber warum hatte James dann so überreagiert, als Sirius den Raum der Wünsche erwähnt hatte? War darin irgendetwas, das sie nicht sehen durfte? So wie sie die Jungs kannte, konnte das ja nur etwas sein, das gegen die Schulregeln verstieß. Eiskaltes Entsetzen durchflutete sie plötzlich: Was, wenn es so war? Was, wenn es gefährlich war? Ohne es eigentlich zu wollen, lehnte Lillyan die Türe, die zu den Mädchenschlafsälen führte, nur an, und drückte ein Ohr gegen die Türe. Remus und Sirius gingen vorbei und blieben an der Türe zu den Jungenschlafsälen stehen. Für einen Moment lang blieb es still, dann fragte Remus leise: „Meinst du, sie hat etwas gemerkt?“ „Klar. Lilly-An ist nicht dumm.“ Gab Sirius trocken zurück. „Und bei der Show, die Krone da gerade abgezogen hat, hätte jeder Trottel verdacht geschöpft.“ Remus stöhnte leise. „Toll. Und jetzt?“ „Abwarten.“ Riet Sirius ihm. „Wenn sie uns fragt, dann sagen wir einfach, James wäre mal wieder eifersüchtig.“ „Immerhin die halbe Wahrheit.“ Remus seufzte. „Komm, gehen wir schlafen. Krone können wir uns morgen noch vornehmen.“ Für eine Sekunde lang blieb es still, dann knallte die Türe zu. Verwirrt nahm Lillyan das Ohr von der Türe und wankte hinüber in ihren Schlafsaal. Was immer das da gerade gewesen war, jetzt verstand sie überhaupt nichts mehr. Was hielten die drei, oder wahrscheinlich sogar die vier, immerhin war Peter ja offensichtlich Teil dieser Geschichte, vor ihr geheim? Was war im Raum der Wünsche? Und vor allem: Warum sagten sie ihr nicht einfach die Wahrheit? Sirius wusste doch, dass sie sowieso schon gemerkt hatte, dass etwas faul war. Es sah ihm so gar nicht ähnlich, sie mit Absicht belügen zu wollen. Was war da los? Aber Lillyan war einfach zu müde, um sich einen Reim darauf machen zu können. In ihrem Schlafsaal angekommen warf sie sich auf ihr Bett und machte sich noch nicht einmal mehr die Mühe, ihre Schuhe auszuziehen. Noch bevor ihr Kopf ihr Kissen berührte, war sie bereits tief und fest eingeschlafen.

    *
    Der Weihnachtsabend kam näher und es wurde immer kälter und kälter. Die Schüler trugen jetzt sogar im Unterricht Wollmützen, Schals und Handschuhe, denn selbst in den Klassenzimmern war es unerbittlich kalt. Trotz der Kälte genoss Lillyan die Zeit, die sie an der frischen Luft verbrachte, aus ganzem Herzen. Zusammen mit Sirius und Remus machte sie Schneeballschlachten, schlitterte über die Eisflächen auf dem schwarzen See und half Hagrid dabei, den Schulgarten zu enteisen. Zwischenzeitlich schneite es so heftig, dass sogar das Quidditchtraining ausfallen musste, sehr zu Erins Empörung. Immerhin würde nach den Weihnachtsferien das nächste Quidditchspiel stattfinden, Gryffindor gegen Hufflepuff, und darauf wollten sie alle vorbereitet sein. Als schließlich die Ferien begannen, die sowohl Lillyan als auch Sirius und Remus in Hogwarts verbrachten, zu Lillyans Freude ohne James und Peter und zu jedermanns Freude ohne Snape, war bei den Schülern, die in Hogwarts blieben, die Stimmung so ausgelassen, dass praktisch stündlich irgendwo irgendwelche Scherzartikel ausprobiert wurden und man schließlich einen Schüler, der einen Wirbelnden Wasserwerfer abbekommen hatte, als vereiste Statue in den Krankenflügel einliefern musste. Der ganze Spaß hatte erst ein Ende, als beim Frühstück am elften Dezember ein Zauberknallfrosch zum Lehrertisch hinaufsauste und mit einem lauten „Platsch“ in Professor Dumbledores Porridgeschüssel landete. Über und über mit feinen weißen Spritzern bedeckt holte Professor Dumbledore den Knallfrosch aus seiner Schüssel und ließ ihn als Papierflieger zur Decke emporschweben. Verschmitzt lächelnd schaute er die Schüler an, die alle mit angehaltenem Atem zu ihm hinaufsahen, und verkündete zum allgemeinen Erstaunen: „Ich bitte euch in Zukunft, eure Knallfrösche nicht mehr beim Essen zu zünden, sonst sind wir bald umgeben von Papierfliegern!“ Die Schüler lachten und Dumbledore zwinkerte ihnen fröhlich zu, aber nach diesem Zwischenfall hüteten sich alle davor, einen weiteren Scherz anzustiften. Nach und nach wurde die Stimmung in Hogwarts ruhig und weihnachtlich. Als Lillyan am Morgen des zwanzigsten Dezembers gut gelaunt in die Große Halle kam, blieb ihr vor Staunen der Mund offen stehen. An den Wänden und in den Fackelhalterungen hingen glänzende Weihnachtskugeln und magische Eiskristalle, die Tische waren über und über bedeckt mit Lametta in den Farben des jeweiligen Hauses und silbernen Kerzenleuchtern und entlang der Wände standen zwölf funkelnde und glitzernde Weihnachtsbäume, behängt mit tausenden von Christbaumkugeln, auf deren Zweigen echte, verzauberte Feen saßen. Weiche, weiße Schneeflocken schwebten von der verzauberten Decke hinab, die heute wieder voller Schneewolken war, und verdampften kurz bevor sie etwas berührten. „Wow!“ entfuhr es Lillyan begeistert. Hagrid und die Lehrer hatten wirklich ganze Arbeit geleistet; die Große Halle erstrahlte in voller Pracht. „Alle Achtung!“ kam es von Lily, die hinter ihr hereingekommen war. „Wenn das mal keine Dekoration ist!“ Lillyan nickte, noch immer staunte sie in vollen Zügen. „Komm!“ sagte Lily und zog sie hinüber zum Gryffindortisch. „Bevor die anderen uns alles weggegessen haben!“ Lillyan nickte abwesend und folgte ihrer besten Freundin zu ihrem Stammplatz gegenüber Sirius und Remus. Lily blieb ebenfalls über die Ferien in Hogwarts. Zwar hatte sie keine Erklärung dazu abgegeben, aber Lillyan wusste auch so, dass sie nur ihrer Schwester aus dem Weg gehen wollte. Schwungvoll fegte Lily rotes und goldenes Lametta von der Bank und setzte sich neben Lillyan. Auch beim Essen war heute eine kleine Besonderheit dabei: Anstatt der Pfannkuchen standen große Teller mit frischen Weihnachtsplätzchen auf den Tischen. „Hmm, ich sterbe vor Hunger!“ freudig schnappte Lily sich eine Hand voll Plätzchen und schob sie sich genießerisch in den Mund. Lillyan gähnte und nahm sich ebenfalls eine Hand voll Plätzchen. „Morgen, Jungs.“ sagte sie an Sirius und Remus gewandt, aber die nahmen fast keine Notiz davon. Remus nickte ihr kurz zu und Sirius murmelte „Morgen.“, dann waren sie auch schon wieder in heftiges Flüstern versunken. Irritiert runzelte Lillyan die Stirn. Seit dem Tag, an dem James sich wegen dem Raum der Wünsche so aufgeregt hatte, benahmen die beiden sich irgendwie seltsam. Andauernd verschwand einer von ihnen unauffindbar und tauchte später mit einer faulen Ausrede wieder auf, ständig flüsterten sie hinter Lillyans Rücken miteinander und seit Neuestem waren sie stets mit den Gedanken woanders und hörten gar nicht mehr zu. Lillyan wusste, dass sie ihr etwas verheimlichten und dass das irgendwie mit dem Raum der Wünsche zu tun hatte, aber sie hatte keinen blassen Schimmer, was so wichtig sein konnte, dass noch nicht einmal sie davon erfahren durfte. Und um ehrlich zu sein ging ihr die ganze Geheimniskrämerei allmählich auf die Nerven. „Was ist denn nur mit euch los?“ fragte sie kopfschüttelnd und begann, sich den Teller mit Essen voll zu häufen. „Irgendwie benehmt ihr euch komisch in letzter Zeit.“ Erschrocken unterbrachen die beiden ihr Geflüster und schauten sie an. „Ähm- das stimmt doch gar nicht!“ versuchte Remus schnell die Situation zu retten, aber Lillyan glaubte ihm kein Wort. Was auch immer die beiden vorhatten, es beunruhigte nicht nur sie, sondern es schien sie auch selbst zu beunruhigen. „Doch, natürlich!“ ärgerlich knallte Lillyan ihre Gabel auf den Tisch. „Ihr flüstert die ganze Zeit miteinander und tut, als wäre ich gar nicht da. Und das jetzt schon seit Ewigkeiten. Denkt ihr echt, ich merke nicht, dass ihr etwas vor mir geheim haltet?“ schuldbewusst zogen die beiden die Köpfe ein. Bei Sirius‘ Gesichtsausdruck tat es Lillyan auf einmal leid, dass sie die beiden so angefahren hatte. Wenn sie zusammen mit ihren Freunden irgendwas ausheckten, dann war das nicht ihre Sache. „Hört mal“, sagte sie leise, „Es ist mir egal, was ihr mir verheimlicht, und ich will es auch gar nicht wissen. Ich will nur, dass ihr, wenn wir schon mal Zeit zusammen verbringen, nicht andauernd hinter meinem Rücken tuschelt, okay?“ „Jaja, du hast ja Recht, entschuldige.“ Zerknirscht fuhr Remus sich durch das zerzauste braune Haar. „Es tut mir leid, Lillyan.“ Sagte Sirius und schaute sie schon wieder mit seinen unglaublichen brauen Augen an. „Das kommt nicht wieder vor, versprochen!“ „Passt schon, ist okay.“ Gab sie zurück und lächelte, allerdings entging ihr der beunruhigte Blick, den Remus Sirius unauffällig zuwarf, keinesfalls. „Weiß eigentlich jemand, wann das nächste Klecksblatt herauskommt?“ wechselte sie das Thema und tauchte unauffällig nach einem Plätzchen, das ihr heruntergefallen war. „Nee.“ Mischte Lily sich von der Seite ins Gespräch. „Kein Schimmer.“ „Erst Ende Januar wieder.“ Informierte Remus die beiden. „Ich habe mich mal ganz unauffällig bei der Redaktion umgehört. Es heißt, der Chefredakteur Lovegood läge mit einem grässlichen Heuschnupfen im Sankt Mungo, weil er irgendeine seltsame Beere gegessen hat, gegen die er allergisch war.“ Alle, die zugehört hatten, mussten lachen. „Das ist mal wieder typisch.“ Mit einem hochmütigen Grinsen fuhr Sirius sich durch das lange, dunkle Haar und schaute von einem zum anderen. „Erst neulich hat er sich mit einem selbst erfundenen Zaubertrank beinahe in die Luft gejagt!“ Erneut folgte fröhliches Gelächter. „Und das war bei weitem nicht das erste Mal.“ bemerkte Jason Bright, der nur wenige Plätze von Sirius, Remus und Lillyan entfernt saß. „Ach, Lovegood hatte schon immer einen am Helm.“ mischte sich jetzt auch Helena Davenport ein, eine große, schlanke Siebtklässlerin. „Ich glaube, es war keine gute Idee von den Lehrern, ihn zum Chefredakteur der Schülerzeitung zu machen.“ „Wo du Recht hast…“ Grinsend rührte Lillyan in ihrem Butterbier. Jetzt in der Adventszeit gab es das Zeug überall in Massen, sogar schon zum Frühstück. Ach, die Weihnachtszeit war einfach herrlich!
    Es dauerte nicht lange und der Weihnachtsabend stand vor der Türe. In Hogwarts herrschte eine heitere, glückliche Stimmung. Überall duftete es nun so stark nach Plätzchen und Tannenzweigen, dass die Schüler, die gerade gegessen hatten, sich einen Spaß daraus machten, mit einem Kopfblasenzauber durch die Gegend zu laufen. Hinter verschlossenen Türen übte täglich der Chor, oder besser gesagt die Chormitglieder, die über Weihnachten in Hogwarts blieben, unter der Leitung von Professor Flitwick. Die vier Hausgeister blieben jeden Tag von Mittags bis Abends spurlos verschwunden und sogar Peeves gab ausnahmsweise einmal Ruhe und entschloss sich dazu, statt die Spiegel im Pokalzimmer mit roter Farbe zu bemalen, die Rüstungen im vierten Stock mit dicken Wollmützen und Schals auszustatten. Allerdings grölte er dabei lauthals falsche Versionen von Jingle Bells und zog ab und zu im Vorbeifliegen an einem Schal, so dass die betroffene Rüstung mit einem ohrenbetäubenden Scheppern zu Boden ging und alle Schlossbewohner zu Tode erschreckte. Kurz vor dem dreiundzwanzigsten Dezember gab es, auf die dringliche Bitte mehrerer Schüler, noch einen kurzfristigen Hogsmeadebesuch, um noch letzte Besorgungen zu machen. Lillyan ging zusammen mit Sirius, Remus und Lily, in der Hoffnung, dass Lily die beiden vielleicht nicht mehr so sehr verabscheuen würde, wenn sie sie einmal besser kennenlernte, aber im Nachhinein hatte Lillyan das Gefühl, dass es eher das Gegenteil bewirkt hatte. Lily hielt Sirius jetzt vielleicht sogar noch mehr für einen unerträglichen Angeber und über Remus sagte sie nicht viel, aber Lillyan las aus ihrem Verhalten, dass sie ihn allein schon deshalb nicht leiden konnte, weil er so gut mit James und Sirius befreundet war. Echt klasse. Inzwischen dachte Lillyan, sie hätte es von vorn herein wissen müssen. Dazu kam zu allem Übel, dass Sirius und Remus nicht aufhörten, sich seltsam zu verhalten. In den letzten Wochen war es schon sehr auffällig gewesen, wie oft einer der Beiden für eine Weile unauffindbar gewesen war und dann völlig außer Atem wieder bei den anderen auftauchte. Obwohl Lillyan Sirius und Remus gesagt hatte, dass sie gar nicht wissen wollte, was mit den beiden los war, so wünschte sie sich doch insgeheim, es zu wissen. Die ganze Geheimniskrämerei ging ihr furchtbar auf die Nerven. Dazu kam, dass Remus in den letzten Tagen vor Weihnachten spurlos verschwand, laut den Lehrern und Sirius war er krank. Merkwürdig war nur, dass es sich irgendwie zu wiederholen schien. Zu Anfang ihrer Freundschaft war Lillyan das noch gar nicht so aufgefallen, aber in letzter Zeit war ihr klargeworden, dass Remus fast jeden Monat ein paar Tage fehlte. Und dann fehlte er wirklich: Er war weder in der Krankenstation noch im Schlafsaal und äußerte sich nicht dazu, wenn Lillyan ihn fragte. Es war zum verzweifeln. Doch obwohl Lillyan deshalb ein schlechtes Gewissen hatte, so genoss sie doch die Tage, die sie allein mit Sirius verbringen konnte von ganzem Herzen. So ganz ohne James, Peter und Snape war es im Schloss so viel friedlicher und sie konnte mit Sirius überall hingehen, ohne Mister Ich-bin-so-viel-besser-als-du Potters Eisblicken stand halten zu müssen und ohne dass Sirius plötzlich fortsprang, um Snape ein Bein zu stellen. Sie konnten ungestört reden, lachen und fliegen und Lillyan wünschte sich insgeheim, dass diese Zeit niemals enden würde. Sirius hatte es irgendwie geschafft, den Raum der Wünsche so zu manipulieren, dass er zu einem überdimensionalen Quidditchfeld wurde und Lillyan konnte nicht genug davon bekommen, stundenlang mit ihm zusammen irgendwelche Flugtricks zu üben. Viel zu schnell brach der Morgen des 24. Dezembers an. Als Lillyan erwachte, war es noch dunkel draußen, aber schon acht Uhr vorbei. Sie setzte sich auf, gähnte ausgiebig und entdeckte dann die Geschenke an ihrem Fußende. Augenblicklich war sämtliche Müdigkeit vergessen und Lillyan konnte es gar nicht mehr abwarten, ihre Päckchen alle zu öffnen. „Hey Lily, aufwachen!“ rief sie laut und warf ihrer besten Freundin ein Kissen an den Kopf. „Es ist Weihnachten!“ „Hm?“ verschlafen richtete Lily sich auf, das lange rote Haar wirr verstrubbelt. „Wasisnlos?“ „Geschenke!“ Ausgelassen griff Lillyan nach einem der Päckchen. „Im Ernst?“ vorwurfsvoll schaute Lily sie an. „Kann man denn noch nicht einmal in den Ferien ausschlafen?“ „Nicht an Weihnachten.“ Fand Lillyan und riss das Papier auf. Es war eine kleine, geschnitzte Eule aus Holz von ihrer Patentante. „Oh!“ verzückt betrachtete sie das hölzerne Tier. „Du bist ja noch schlimmer als Olivia.“ Grummelte Lily vor sich hin und griff ebenfalls nach einem Päckchen. Olivia, Emily und Mary waren über die Ferien nach Hause gefahren und weil Lily und Lillyan sonst beide allein in ihrem jeweiligen Schlafsaal gewesen wären, hatte Lily sich kurzerhand zu Lillyan umquartiert. „Ach Unsinn!“ vergnügt stellte Lillyan die kleine Eule auf ihrem Nachttisch ab und griff nach dem nächsten Päckchen. „Du hast ja keine Ahnung, wie sehr sie morgens nervt! Sei froh, dass sie nicht bei dir im Schlafsaal ist. Was ist denn das?“ verwirrt betastete Lillyan das Päckchen das sie in der Hand hielt. „Das fühlt sich ganz merkwürdig an.“ „Mach es auf, dann weißt du es.“ bemerkte Lily kategorisch und riss das Geschenkpapier von einem äußerst hässlichen grünen Kugelschreiber. „Der ist von Petunia.“ Stellte sie mit einem Seufzer fest und ließ den Kugelschreiber kurzerhand auf Lillyans Kleiderschrank fliegen. „Auf dass ihn da oben niemand mehr findet.“ Sagte sie befriedigt und wandte sich dem nächsten Päckchen zu. „Hey, das ist mein Kleiderschrank!“ protestierte Lillyan und betrachtete beglückt die flauschige Decke, die in dem Päckchen gewesen war, das sich so seltsam angefühlt hatte. „Wow, weißt du was?“ Beim Anblick von Lillyans Decke sprang Lily begeistert auf und ignorierte Lillyans Protest einfach. „Das ist eine ganz besondere Decke, auf ihr liegt ein Temperaturangleichzauber. Das muss deine Eltern ein Vermögen gekostet haben!“ „Wirklich?“ verzückt strich Lillyan über den weichen Stoff. „Das ist toll! Jetzt muss ich nie wieder frieren und nie wieder schwitzen!“ „Zumindest, wenn du die Decke um hast.“ Bremste Lily ihre Begeisterung. „Jaja.“ Lillyan hörte ihr gar nicht mehr zu. Glücklich wickelte sie sich in die kuschelig warme Decke und riss das Papier von einer Packung Kürbispasteten. „Ach, Weihnachten ist doch einfach herrlich!“ seufzte sie. „Naja, nicht ganz. Du vergisst den Kugelschreiber!“ feixte Lily und deutete zum Schrank hinüber. „Na, von sowas lassen wir uns jetzt aber nicht die Laune verderben. Komm, packen wir schnell fertig aus und gehen dann frühstücken.“ drängte Lillyan und zerriss das nächste Geschenkpapier. „Einverstanden.“ Lily grinste. So schnell sie konnten packten sie ihre restlichen Geschenke aus, zogen sich an und stürmten dann zusammen in die Große Halle hinunter. Der Raum war nicht wiederzuerkennen. Die großen Haustische waren verschwunden, stattdessen stand nun eine große, runde Tafel in der Mitte des Raumes, an der alle Schüler die noch dageblieben waren, Platz hatten. Und es gab noch eine Überraschung für Lillyan. Kaum hatte sie die Halle betreten, hielt sie auch schon Ausschau nach Sirius und entdeckte ihn weiter hinten am Tisch, und neben ihm… „Remus!“ schrie Lillyan, rannte auf ihn zu und schlang die Arme um ihn. „Du bist wieder da!“ Remus lächelte nur und nickte. Er sah müde aus und war abgemagert, aber ansonsten schien es ihm ziemlich gut zu gehen. „Hey, Lilly-An.“ Sagte er und grinste, als sie sie sich wieder voneinander lösten. „Was war mit dir?“ fragte Lillyan besorgt und betrachtete sein Gesicht. „Und was ist denn überhaupt los mit dir in letzter Zeit? Andauernd bist du krank!“ „Tut mir leid. Ich kann auch nichts dafür.“ Remus lächelte gequält. „Ach, ist ja auch egal. Die Hauptsache ist, dass du wieder bei uns bist!“ fand Lillyan und ließ sich zwischen Lily und Sirius auf einen Stuhl fallen. Erst jetzt merkte sie, dass sie mal wieder die Einzigen in der Großen Halle waren. Alle anderen Schüler hatten anscheinend schon vor ihnen gefrühstückt, doch es war noch reichlich zu Essen übriggeblieben. Auf den großen Platten und Tellern häuften sich Köstlichkeiten, die Lillyan sich in ihren kühnsten Träumen nicht an einem Tisch vorgestellt hätte. „Wow, da weiß man ja gar nicht, mit was man anfangen soll!“ begeisterte sie sich und warf einen Blick zur Decke empor, von der sanft echte Schneekristalle schwebten und verschwanden, kurz, bevor sie etwas berührten. „Ebenfalls einen guten Morgen, Lillyan.“ Sagte Sirius neben ihr in einem leicht angesäuerten Tonfall und stach mit der Gabel in ein Stück Siruptorte. „Oh Sirius, entschuldige!“ beschwingt griff Lillyan nach einem Zauberknallbonbon. „Ich habe mich nur so gefreut, dass Remus wieder da ist, das ich alles andere vergessen habe.“ Sirius brummelte irgendetwas Unverständliches und widmete sich erneut seinem übervollen Teller. „Ach übrigens, danke für die Schokolade und für die Kürbispralinen, ihr beiden!“ fiel Lillyan plötzlich ein. „Das war wirklich lieb von euch!“ „Danke dir für die unsichtbare Tinte.“ gab Remus lächelnd zurück. „Eine gute Idee von dir!“ Lillyan musste grinsen und zwinkerte ihm übermütig zu. Auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für Sirius und Remus war sie in Zonkos Scherzartikelladen förmlich darüber gestolpert. Diese ganz besondere Tinte konnte nur von Personen gesehen werden, die wussten, an welchem Datum das Tintenglas zum ersten Mal geöffnet worden war, und da das nur diejenigen genau wussten, die die Tinte verwendeten, konnten andere Leute geheime Botschaften nicht lesen. „Ich hab mir schon gedacht, dass es euch gefallen könnte.“ Fröhlich hielt Lillyan Sirius ein Zauberknallbonbon unter die Nase. „Hier, wollen wir das zusammen aufmachen?“ „Klar!“ Sirius grinste, mit einem Mal wieder ganz der Alte, packte das andere Ende und zog daran. Es tat einen lauten Knall und eine orangerote Rauchwolke umhüllte sie, während eine seidenbestickte Gardine und ein kleines, dunkelrotes Fläschchen daraus hervorschossen. Lily konnte es gerade noch auffangen, bevor es am Tischrand zerbarst, während die Gardine elegant zu Boden segelte und Professor Flitwick, der just in diesem Moment die Halle betrat, beinahe zu Fall brachte. „Huch!“ quiekte er erschrocken und schaffte es gerade noch rechtzeitig, sich am Türrahmen festzuhalten. „Was ist denn hier los?“ „Sehen sie das nicht, Professor?“ Lillyan konnte sich das Lachen kaum noch verbeißen. „Wir probieren unseren neuen fliegenden Teppich aus!“ Das war zu viel. Lily musste so lachen, dass sie seitwärts von ihrem Stuhl zu Boden rutschte. Auch Sirius lachte schallend und ließ die Gardine mit einem leichten Schlenker seines Zauberstabes verschwinden. „Aber keine Sorge. Er hat sich als unbrauchbar herausgestellt.“ Das entlockte sogar Remus ein Grinsen. „Was ist nun eigentlich in dem Fläschchen, Lily?“ erkundigte sich Lillyan neugierig und nahm es ihrer Freundin ab, die noch immer auf dem Boden saß. „Besenenteisungsmittel.“ Las sie vor und betrachtete das kleine Behältnis eingehend. „Hört, hört. Na, das kann uns bei dem Spiel gegen Hufflepuff in zwei Wochen noch gute Dienste leisten, was?“ „Allerdings.“ Neugierig lugte Sirius über ihre Schulter. „Bis auf die Möglichkeit, dass unsere Besen festfrieren könnten, sehe ich nämlich nichts, das uns noch aufhalten könnte!“ Lillyan nickte lebhaft. „Das denke ich auch. Ich kann es kaum mehr abwarten, endlich wieder im Team zu trainieren! An der Ecke hat es auch sein Gutes, dass die Ferien nicht ewig dauern.“ Sirius stimmte ihr zu. „Kommt.“ Sagte er zu ihr und Remus, als sie mit dem Essen fertig waren. „Wollen wir noch ein Wettschlittern auf dem großen See machen, bevor wir wieder hier sein müssen?“ „Klar gerne!“ erfreut sprang Remus auf. „Wenn Lily auch mit kann…“ Lillyan zuckte die Achseln. „Nee, nee, lass mal!“ winkte Lily ab. „Ich habe ein Buch von meinen Eltern zu Weihnachten bekommen, das ich unbedingt lesen will. Wir treffen uns einfach nachher bei Dumbledores Weihnachtsrede wieder hier, okay?“ Lillyan nickte und stand ebenfalls auf. „Nun, dann nichts wie los!“ sagte sie.

    Der restliche Weihnachtstag wurde unvergesslich. Lillyan, Sirius und Remus trieben sich den ganzen Morgen lang auf den schneebedeckten Ländereien von Hogwarts herum, machten Wettschlittern, Schneeballschlachten und liefen einfach um den schwarzen See herum. Erst am frühen Mittag kehrten sie durchgefroren, mit glänzenden Augen und völlig außer Atem in die Große Halle zurück, wo Professor Dumbledore eine kleine Rede hielt und ihnen allen frohe Weihnachten wünschte. Der Schulchor überraschte alle Anwesenden mit einer neu aufgelegten Version des bekanntesten Schlagers der Hexenband „Schwestern des Schicksals“, und auch die Geister von Hogwarts ernteten stürmischen Beifall für ein Theaterstück über das Leben des Godric Gryffindor, das sie in wochenlanger Arbeit zusammen einstudiert hatten. Das einzige, was die Sache ein wenig unglaubwürdig machte, war, dass Godric Gryffindor vom fetten Mönch, dem Hausgespenst von Hufflepuff, gespielt wurde, und deshalb bei den nachgestellten Zaubererduellen vor Anstrengung laut keuchte. Selbst, als dem fast kopflosen Nick, in seiner Rolle als Helga Hufflepuff, ausgerechnet an der ergreifendsten Stelle des Stücks aus Versehen der Kopf vom Hals kippte, wollte der Jubel kein Ende nehmen. Den restlichen Tag verbrachte Lillyan zusammen mit Lily in ihrem Schlafsaal und die beiden probierten all ihre Geschenke aus. Abends nach dem Festessen krochen sie schließlich todmüde in ihre Betten und schliefen augenblicklich tief und fest ein.

    *
    Die Ferien gingen zu Ende und die Schulzeit begann wieder. Zwar war Lillyan ein wenig traurig darüber, aber gleichzeitig war sie auch froh, denn die Quidditchsaison hatte wieder begonnen und Erin trainierte seine Leute jetzt heftiger den je. Es kam nicht selten vor, dass die gesamte Mannschaft von Gryffindor verbissen trainierte, obwohl es schneite, stürmte oder regnete. Immer öfter mussten sie sich nach dem Training die Eiskristalle aus dem Haar föhnen, die sich darin gebildet hatten, und James Potter schaffte es doch tatsächlich, bei einem atemberaubenden Sturzflug mit den Händen am Besenstiel festzufrieren. Allerdings konnte man nicht sagen, dass sich das Training nicht lohnte: Das Team war jetzt so perfekt aufeinander eingespielt, dass niemand sie mehr stoppen konnte. „Hoffentlich wird jetzt niemand noch kurzfristig krank!“ meinte Erin nach dem letzten Training vor dem Spiel nervös, aber diese Sorge blieb unbegründet. Kristallklar dämmerte der Morgen des Quidditchspiels herauf, ohne irgendwelche Komplikationen. Schon um sieben Uhr herrschte in den Korridoren aufgeregtes Geplapper und Gerenne, sehr zur Freude von Peeves, der über die wuselnde Menge hinwegsauste, hier und dort jemanden an den Haaren zog und laut es jedes Mal laut herumposaunte, wenn jemand in dem Durcheinander das Gleichgewicht verlor oder etwas fallen ließ. Als Lillyan nach dem Frühstück zusammen mit Lily, Olivia, Emily und Snape zum Quidditchstadion herunterging, war sie trotz Snapes Anwesenheit so aufgekratzt, dass sie am liebsten augenblicklich losgeflogen wäre, aber sie beherrschte sich. „Viel Glück, Lillyan!“ wünschten ihr ihre Freundinnen, als sie sich am Eingang zu den Umkleidekabinen trennten, Snape warf ihr noch nicht einmal einen Blick zu. Seit sie sich mit Sirius und Remus angefreundet hatte, verabscheute er sie noch mehr als früher. „Danke. Bis später!“ gab sie als Antwort und ging zu den anderen Spielern in die Umkleide. Hier drinnen war die Stimmung angespannt; Erin rannte herum und nervte alle mit letzten Mahnungen und Tipps, John suchte überall nach seinem Treiberschlagholz und Mandy versuchte erfolglos, ihr widerspenstiges Haar mit einem Zopfgummi zu bändigen. Lillyan kam ihr zu Hilfe und fischte schließlich, zu Johns grenzenloser Erleichterung, das vermisste Schlagholz unter der Bank hervor. Lea versuchte indessen, Erin zu beruhigen, und Lillyan realisierte erleichtert, dass sie Erfolg zu haben schien. Allmählich kehrte wieder etwas Ruhe im Raum ein und alle atmeten im Stillen auf. Als sie alle fertig waren, versammelten sie sich um Erin und warteten auf ein paar aufmunternde Worte seinerseits. Diesmal fasste er sich allerdings kurz. Er schaute sie alle eindringlich an und sagte dann: „Ihr könnt das. Ich weiß das. Ihr wisst das. Ihr alle habt euer Können in den letzten Trainingsstunden hundertfach bewiesen. Jetzt geht da raus und spielt sie in Grund und Boden!“ John nickte anerkennend und James und Sirius sagten gleichzeitig: „Hört, hört!“ „Na dann: auf geht’s!“ Kommandierte Erin und das Gryffindorteam marschierte in Reih und Glied hinaus auf das Quidditchfeld. Rasender Beifall klang von den Tribünen zu ihnen nach unten und von der Seite der Slytherins kamen vereinzelte Buhrufe. „Und hier kommen die Mannschaften!“ dröhnte Aaron Jordans Stimme durch das Stadion, der auch dieses Mal wieder das Spiel kommentierte, bewacht von den strengen Ohren von Professor McGonagall. „Bei den Gryffindors wieder Kettering, Whiteley, Black, Potter, Robinson, Baker und Kingston und bei den Hufflepuffs Dowson, Harlow, Edmondson, Shaw, Dale, Wray und Allen. Nun, sieht nach einem starken Team aus, das muss ich zugeben, aber alles in allem: dem Team von Gryffindorkapitän Erin Baker ist wirklich kein Team gewachsen! Vor dem Spiel wurde sogar schon gemunkelt, dass das Gryffindorteam sich noch nicht einmal durch einen Meteoriteneinschlag vom Sieg abhalten lassen würde, aber-“ Aus dem Bereich, wo die Slytherins ganz in Grün auf der Tribüne saßen, drangen wütende Buhrufe durch das Stadion und übertönten Aarons restliche Worte. Lillyan ließ ihren Blick über das Team der Hufflepuffs schweifen, die ihnen ganz in Gelb entgegenkamen. Auch in ihrem Team waren drei Mädchen, eines davon war sogar Treiberin, was Lillyan ziemlich überraschte. Normalerweise waren die Treiber Jungen, da diese von Natur aus breiter gebaut waren. Die anderen beiden Mädchen spielten als Jägerin und Sucherin, was Lillyan in ihren Positionen in der Spielerreihenfolge erkennen konnte. Beide Teams blieben bei Madam Hooch stehen, die als Schiedsrichterin bereits in der Mitte des Feldes wartete. „Kapitäne, schüttelt euch die Hand!“ sagte Madam Hooch und bückte sich, um die Bälle freizulassen. Die Jägerin der Hufflepuffs trat auf Erin zu, erst jetzt bemerkte Lillyan das Kapitänsemblem auf ihrem Umhang. Sie lächelte Erin an und gab ihm die Hand, er nickte ihr freundlich zu. „Auf meinen Pfiff.“ Befahl Madam Hooch und Lillyan schwang sich auf ihren Besen. „Eins, zwei, “ als der Pfiff ertönte, stieß sie sich kräftig vom Boden ab und stieg in den Himmel. Die kalte Winterluft rauschte in ihren Ohren und sie lachte beglückt; es gab doch nichts Besseres als ein ordentliches Quidditchspiel. „Die Teams sind in der Luft und es kann losgehen!“ rief Aaron Jordan ins magische Megafon. „Madam Hooch fliegt mit dem Quaffel nach oben, um das Spiel beginnen zu lassen!“ Lillyan wendete ihren Besen und versammelte sich zusammen mit den anderen Spielern um Madam Hooch. Als alle da waren, warf Madam Hooch den Quaffel hoch in die Luft und pfiff das Spiel an. Kaum dass der Quaffel in der Luft war, schnellte Sirius auch schon nach vorne, packte ihn und gab ihn in einem so rasanten Pass an Lea weiter, dass aus dem Publikum bewundernde Laute zu hören waren. Auch Aaron Jordan war begeistert. „Wow, Sirius Black beginnt das Spiel und legt gleich ein hartes Tempo vor, einen so schnellen und gezielten Pass sieht man selten, offenbar hat das Team sich nach dem letzten Spiel noch einmal extrem gesteigert, er spielt den Quaffel zu Lea Kettering, Kettering mit dem Quaffel auf dem Weg zu den Torstangen…“ Lillyan riss ihren Besen herum, tauchte mit einer geübten Bewegung unter einem Treiber der Hufflepuffs hindurch und jagte hinter Lea her auf die Torstangen zu. Sie wusste genau, was sie zu tun hatte, in den letzten Trainingsstunden hatten sie mit Erin nur zu viele verschiedene Angriffsstrategien geübt. „Und Lea Kettering weicht- nanu, was war das denn für ein Manöver von Lillyan Whiteley, sie taucht einfach mal locker unter dem Treiber der Hufflepuffs hindurch, da hat sie ihn aber ausgetrickst! Und jetzt saust Whiteley unaufhaltsam nach vorne, um den Quaffel endgültig in einem Torring zu versenken-“ „Jordan!“ bellte Professor McGonagall gereizt. „Sie können überhaupt nicht wissen, ob das der Fall sein wird! Sie sind kein staatlich geprüfter Wahrsager! Unterlassen sie solche Kommentare gefälligst!“ Unbeirrt umkurvte Lillyan einen Hufflepuffjäger, der sie abblocken wollte, und flog auf den linken Torring zu. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass auch Sirius die Situation erfasst hatte und geradewegs auf den rechten Torring zuflog. Vollkommen verwirrt über den Angriff von beiden Seiten schaute der Hufflepuffhüter von Lillyan zu Sirius und wieder zurück. Schließlich entschied er sich dafür, Sirius aufzuhalten und flog auf ihn zu. In der nächsten Sekunde hatte Lea den Quaffel an Lillyan abgegeben und diese ihn mit einem gezielten Wurf durch den mittleren Torring geschleudert. „Ja!“ schrie Aarons Stimme magisch verstärkt durch das Megafon. „Sie macht ihn rein- hab ich’s nicht gleich gesagt, Professor? Nein, nein, schon gut, war nur ein Witz! Also, zehn zu null für Gryffindor und Hufflepuffjägerin Luisa Dawson hat den Quaffel…“ Ab da war das Schicksal des Spiels unabwendbar. Die Hufflepuffs gaben alles, um das Gryffindorteam aufzuhalten, aber es war absolut unmöglich. Lillyan, Sirius und Lea waren perfekt aufeinander eingespielt und hielten den Quaffel fest in den eigenen Reihen, die gegnerischen Treiber hatten gegen die Kunst von John und Erin keine blasse Chance und Mandy schwebte die meiste Zeit über nur unbeschäftigt vor den Torringen hin und her, da die Hufflepuffs nur zwei Mal überhaupt in die Nähe der gegnerischen Hälfte kamen. Auch James Potter hatte bisher noch nichts zu tun, er schwebte in großen Kreisen über dem Spielfeld und hielt mit Adleraugen Ausschau nach dem Schnatz. Als dieser schließlich zum ersten Mal in Sicht kam, stand es bereits hundertdreißig zu null für Gryffindor und die Mannschaft der Hufflepuffs war schon fast den Tränen nahe. Lillyan taten sie allmählich richtig leid und sie sehnte aus Mitleid ebenfalls das Ende des Spiels herbei. Da blitzte mit einem Mal ein goldener Schimmer in der Luft auf und sowohl James als auch die Sucherin der Hufflepuffs Mila Shaw flitzten darauf zu. Wie immer war das restliche Spiel sofort vergessen, aller Augen lagen auf den beiden Suchern, die Schulter an Schulter durch die Luft jagten. „Bitte!“ dachte Lillyan, während sie atemlos die Sucher mit den Augen verfolgte. „Setz dem ein Ende James! Hab Erbarmen!“ Mit einem Mal riss James seinen Besen in einen heftigen Rückwärtssalto. Erschrockene Schreie drangen von der Tribüne nach oben und Aaron Jordan keuchte „Ach du Sch…“. Die Sucherin der Hufflepuffs zog ihren Besen herum und schlingerte orientierungslos seitlich aus dem Sichtfeld. Lillyan biss heftig die Zähne aufeinander und sah, wie James schwerelos durch die Luft wirbelte und mit einem Mal zuschnappte wie eine Viper. Im nächsten Moment drang Sirius‘ Siegesgeheul durchs Stadion. „Er hat den Schnatz! James Potter hat den Schnatz gefangen!“ brüllte Aaron glücklich ins Megafon. „Gryffindor gewinnt mit zweihundertachtzig zu null! Lillyan strahlte und ließ sich lachend von Sirius und Erin umarmen. Zu dritt sanken sie zu Boden, die Besen ineinander verkeilt. „Ihr wart großartig, ihr alle!“ jubelte Erin, seine Stimme zitterte vor Freude und Triumph. „Das war wenigstens mal ein faires Spiel!“ sagte Sirius leise an Lillyans Ohr und sie musste einen Schauder unterdrücken, als sein warmer Atem ihre Haut streifte. Sie nickte und antwortete gedämpft: „Ja, das muss man ihnen wirklich lassen. Sie haben tadellos gespielt!“ Der Meinung war Erin anscheinend auch, denn er ging hinüber zum Team der Hufflepuffs, die niedergeschlagen nebeneinander standen, und wechselte ein paar Worte mit ihrer Kapitänin, die daraufhin traurig lächelte und sich offenbar bedankte. „Ach komm schon, sie werden es verkraften!“ meinte Sirius, als er Lillyans sorgenvolles Gesicht bemerkte. „Denkst du nicht, dass wir uns eine kleine Feier für unseren Sieg redlich verdient haben?“ Als Lillyan in seine blitzenden Augen schaute, musste sie einfach lachen. Am liebsten wäre sie ihm um den Hals gefallen, aber sie unterdrückte diese Eingebung und ließ sich stattdessen von ihm hochziehen. „Wie wäre es, wenn wir jetzt in den Gemeinschaftsraum gehen und uns feiern lassen?“ schlug Sirius vor und grinste verschmitzt. Ohne zu zögern grinste Lillyan zurück. „Ich bin dabei!“

    7
    7. Eine Nacht voll Schrecken
    Der Frühling kam und es wurde wieder wärmer. Der Schnee auf den Ländereien schmolz und von den Bergen rund um Hogwarts floss das getaute Wasser in Sturzbächen ins Tal, sodass der Wasserspiegel des schwarzen Sees erheblich stieg und die nahe Umgebung unter Wasser setzte. Es begann wieder Spaß zu machen, noch vor dem Frühstück einen Spaziergang auf den Ländereien zu machen und im Unterricht die Fenster zu öffnen und Lillyan freute sich riesig darüber, endlich wieder an ihrem Lieblingsplatz unter dem großen Baum am See Hausaufgaben machen zu können. Im Schulgarten sprießten bereits die ersten Pflänzchen, sehr zur Freude von Hagrid, und auf dem gesamten Schulgelände blühten Blumen in den verschiedensten Farben. Die Einzigen, die sich von der fröhlichen Stimmung nicht anstecken ließen, waren die Lehrer. Langsam aber sicher begann das zweite Halbjahr und sie gaben so viele Hausaufgaben, dass die Schüler oft den ganzen Abend und teilweise bis in die Nacht hinein arbeiten mussten, um danach todmüde ins Bett zu fallen. Lillyan hatte wirklich Glück, dass sie so ein Naturtalent war, denn so gingen ihr Aufgaben leicht von der Hand, bei denen andere beinahe verzweifelten. Nach einer besonders schwierigen Zaubertrankstunde, in der es aus der ganzen Klasse nur Lillyan gelungen war, einen perfekten Trank zur Beschleunigung des Wachstums herzustellen, war Lillyan gerade auf dem Weg hinauf in den Gemeinschaftsraum, als ihr im vierten Stock Lily begegnete. „Hey!“ begrüßte sie sie erfreut. „Hi“ gab Lily zurück und zusammen stiegen die beiden die restlichen Treppen hinauf. „Und, alles okay?“ erkundigte Lillyan sich. „Ja, schon soweit.“ Lily seufzte. „Ich hatte nur gerade Zauberkunst und James Potter hat mich die ganze Zeit über genervt. Dieser Typ ist echt unausstehlich! Ich kann einfach nicht verstehen, wie du freiwillig mit seinen Freunden befreundet bist!“ „Besten Dank auch, Evans!“ erklang da mit einem Mal eine Stimme hinter ihnen. Sirius. Ausgerechnet. Er lief hinter ihnen die Treppe hinauf und hatte ein übermütiges Feixen aufgesetzt. In letzter Zeit war er unglaublich gut gelaunt, um genauer zu sein, seit ein paar Tagen nach Ende der Weihnachtsferien. Lillyan hatte gerade in einer verborgenen Nische neben einem Fenster im fünften Stock gesessen, als mit einem Mal Sirius ohne sie zu bemerken an ihr vorbeigerannt war und Remus, der gerade in diesem Moment aus einem gegenüberliegenden Klassenzimmer gekommen war, voller Elan zugerufen hatte: „Es ist soweit!“ Er war förmlich übergesprudelt vor Begeisterung und zusammen mit Remus so schnell wie möglich davongeeilt. Lillyan hatte nicht das Bedürfnis gehabt, die beiden heimlich zu beschatten, deshalb hatte sie es sich einfach aus dem Kopf geschlagen. Und siehe da, seit diesem Tag benahmen sich Sirius und Remus wieder völlig normal. Keiner von beiden verschwand mehr unauffindbar oder tuschelte hinter ihrem Rücken mit seinen Freunden, bis auf Remus, der noch ein paar Mal für einige Tage fehlte. Ganz plötzlich war alles wieder wie früher, vielleicht mit dem Unterschied, dass sowohl Remus und Sirius als auch James Potter und Peter Pettigrew seit diesem Tag auffällig gut gelaunt und übermütig waren. Ihr vorheriges seltsames Verhalten war bei Lillyan schon bald in Vergessenheit geraten, sie war viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, die riesigen Berge an Hausaufgaben zu bewältigen, die die Lehrer ihnen jeden Tag aufbrummten. „Oh, Sirius! Hi.“ Lillyan wandte sich zu ihm um und lächelte, als sie sein Grinsen sah. Es tat gut, Sirius in bester Stimmung zu sehen, seine strahlenden Augen zu sehen hob ihre Stimmung jedes Mal wieder beträchtlich. „Hey, Lilly-An.“ Sirius‘ Grinsen wurde noch breiter und er beschleunigte sein Tempo, sodass er neben den beiden herlief. „Und, viele Hausaufgaben?“ „Wie immer.“ Lillyan lachte und übersprang eine Stufe. „Aber ich schaffe das in Rekordzeit.“ „Davon bin ich überzeugt.“ Antwortete Sirius ohne den geringsten Zweifel in der Stimme. „Ich wünschte, ich würde das alles auch nur halb so schnell hinkriegen wie du!“ Lily stieß einen theatralischen Seufzer aus. „Gestern saß ich schon wieder bis Mitternacht dran, während du um neune schon fertig warst!“ Lillyan zuckte übermütig die Schultern und bog schwungvoll in den Korridor ein, indem der Eingang zum Gryffindorgemeinschaftsraum lag. „Passwort?“ quäkte die fette Dame. „Non sempere a sunt, quae videntur.“ Sagte Lillyan und das Portrait klappte zur Seite. „Was heißt das eigentlich?“ erkundigte sie sich bei Sirius, als sie durch das Portraitloch kletterte. „Frei übersetzt so etwas wie „Nichts ist so, wie es scheint.““ Antwortete Sirius und folgte ihr. „Woher weißt du das?“ wollte Lily wissen, jedoch sichtlich widerstrebend, weil sie dazu mit Sirius reden musste. „Ach Evans, seit wann sprichst du denn mit mir?“ zog Sirius sie auf, was ihm prompt einen Todesblick von Lily einbrachte. „Meine Mutter hat es mir beigebracht.“ Erklärte er schließlich und verzog das Gesicht, als hätte gerade in etwas sehr Bitteres hineingebissen. Erstaunt blickte Lillyan auf. Normalerweise verlor Sirius äußerst ungern auch nur ein Wort über seine Familie, das Einzige, was Lillyan über sie wusste, hatte Remus ihr einmal erzählt, als Sirius nicht dabei gewesen war. Daher wusste sie, dass Sirius, weil seine ganze Familie in Slytherin gewesen war und er nicht, zu Hause als Verräter gesehen wurde, ansonsten hatte sie jedoch nie etwas von Sirius persönlich über seine Familie erfahren. Als wäre ihm das eben wieder eingefallen, biss er sich auf die Lippe und sagte nichts mehr, bis sie sich an der Türe zu den Schlafsälen trennten. „Und, was machst du heute noch? Oder gehst du gleich schlafen?“ erkundigte Lillyan sich und schaute ihn an. „Ich weiß noch nicht.“ Mit einem leicht überheblich wirkenden Gesichtsausdruck, der für ihn jedoch nichts Ungewöhnliches war, strich Sirius sich das Haar aus der Stirn. „Ich denke, nach all den Hausaufgaben wird nicht mehr viel Zeit übrig bleiben. Wir sehen uns ja morgen wieder, okay, Lilly-An?“ „Okay.“ Lillyan lächelte ihm noch einmal zu und folgte dann Lily die Treppe zu den Mädchenschlafsälen hinauf. In ihrem Schlafsaal angekommen warf sie ihre Tasche neben das Bett und ihren Umhang in ihren Schrank. Aus irgendeinem Grund war ihr heute war ihr ganz und gar nicht nach Ordnung halten zumute. Genervt in Hinsicht auf die viele Arbeit, die da auf sie zukam, öffnete sie ihre Tasche und zog ihre Feder, ein paar Bögen Pergament und einen Stapel Bücher daraus hervor. Der Aufsatz für Zaubertränke über Tränke zur Veränderung der äußerlichen Erscheinung würde ein kompliziertes Unterfangen werden und auch eine Menge Zeit in Anspruch nehmen. Vielleicht war es besser, gleich damit anzufangen. Mit einem tiefen Seufzer schraubte Lillyan ihr Tintenfass auf, tauchte ihre Feder ein und begann zu schreiben. Es dauerte lange, bis sie fertig war. Ungefähr eine Stunde, nachdem sie mit den Hausaufgaben begonnen hatte, kamen auch Emily, Mary und Olivia hoch in den Schlafsaal und begannen mit den Hausaufgaben und eine weitere halbe Stunde später schneite Lily herein und erkundigte sich, ob sie alle gut vorankamen. Schließlich erbarmte sie sich, der völlig ratlosen Olivia zu helfen, die wegen eines Aufsatzes in Muggelkunde bereits am Rande eines Nervenzusammenbruchs stand. Trotz aller Mühe war es nach zehn Uhr, als auch die Letzte allmählich fertig wurde. „Oh Mann, ich kann nicht mehr!“ stöhnte Olivia schließlich, warf ihre Feder in die Ecke, wo sie einen hässlichen Tintenfleck an der Wand hinterließ, und ließ sich übermüdet auf ihr Bett fallen. „Also für mich ist jetzt definitiv Schluss mit lustig Leute, ich geh schlafen.“ „Ich auch.“ Schloss Lily sich ihr an, gähnte und stand auf, um in ihren eigenen Schlafsaal zu gehen. „Gute Nacht, Mädels!“ „Ciao, bis morgen.“ Antwortete Lillyan, während sie ihre Schulsachen in ihre Tasche zurückräumte und den Tintenfleck, den Olivia an die Wand praktiziert hatte, mit einem schnellen Schlenker ihres Zauberstabs verschwinden ließ. Als die Tür hinter Lily ins Schloss gefallen war, breitete sich Stille im Schlafsaal aus. Jede hing ihren eigenen Gedanken nach, während sie ihre Schulsachen zusammenpackten, sich umzogen und dann eine nach der anderen ins warme Bett schlüpften. „Ah, ist das herrlich!“ seufzte Emily glücklich uns streckte sich unter der Bettdecke aus. „Am Liebsten würde ich nie wieder aufstehen! Vielleicht sollte mich mal jemand im Bett festhexen, dann ginge das auch gar nicht mehr!“ „Erinnere mich Morgen daran, vielleicht erfülle ich dir deinen Wunsch ja dann.“ Meinte Olivia schläfrig und warf, wie jeden Abend, einen verärgerten Blick zum Mäusestall hinüber, in dem die beiden Mäuse Pamela und Paula im Stroh herumraschelten. ‚Wenigstens beschwert sie sich jetzt nicht mehr darüber!‘ dachte Lillyan und kuschelte sich in die gemütlichen Kissen. „Könnt ihr Beiden Mal leise sein? Ich will schlafen!“ maulte Mary unter ihrem Kissen hervor und drehte sich auf die andere Seite. Den anderen gefielen ihre Worte zwar nicht sonderlich gut, aber da keine von ihnen einen Streit vom Zaun brechen wollte, blieben sie einfach stumm. Schon bald war nichts mehr zu hören bis auf den gleichmäßigen Atem, der aus den Betten von Emily, Mary und Olivia drang. Nur Lillyan konnte einfach nicht einschlafen. Wütend, weil so müde war und trotzdem nicht schlafen konnte, warf sie sich von einer Seite auf die andere, aber es half alles nichts. Irgendetwas war seltsam heute Nacht, das konnte sie spüren. Ein Gefühl schleichenden Unbehagens machte sich mehr und mehr in ihr breit. Sie wusste selbst nicht so genau warum aber sie war sich sicher, dass es ihr unter diesen Umständen auf keinen Fall möglich sein würde einzuschlafen. Mit einem leisen Stöhnen setzte sie sich auf, schwang ihre Beine aus dem Bett und stand auf. Augenblicklich war sie hellwach. Leicht verwirrt über diesen plötzlichen Gefühlswechsel tapste sie über den Boden zu ihrem Schrank hinüber und zog sich lautlos wieder an. Ihr Kopf war ein wenig benebelt und erschöpft und sie wusste ganz genau, an welchen Ort sie gehen musste, um sich davon ein wenig zu erholen. Viel zu lange schon hatte sie sich nicht mehr bei Nacht aus dem Schloss geschlichen. Im Winter war es einfach zu kalt gewesen und in letzter Zeit war sie jeden Abend todmüde ins Bett gefallen, doch jetzt schoss ihr bei dem bloßen Gedanken daran, endlich Mal wieder ein kleines Risiko einzugehen, das Adrenalin ins Blut. Sie war nicht wie Sirius, der es als Abenteuer empfand die Schulregeln zu missachten und sich dadurch immer wieder selbst in die Zwickmühle brachte, aber trotz allem brauchte sie doch auch manchmal etwas Abwechslung vom Alltag. Wie ein Geist huschte Lillyan aus dem Schlafsaal, die Treppe hinunter in den Gemeinschaftsraum, der zum Glück um diese Zeit menschenleer war, stieß vorsichtig das Portraitloch auf und kletterte durch die Öffnung hinaus in den Gang. Mit angehaltenem Atem schaute sie sich um. Sie war allein. Gut so! Gerade, als sie den ersten Schritt tun wollte, schwang das Portrait mit einem Mal wieder zurück und die Stimme der fetten Dame durchschnitt die Stille wie eine Alarmanlage. „Wohin so eilig, junges Fräulein?“ rief sie mit erhobener Stimme und hob erzürnt den Zeigefinger. Oh nein. Das hatte ihr jetzt gerade noch gefehlt, dass ausgerechnet die fette Dame ihr in die Quere kam. Ergeben drehte Lillyan sich um, in der Hoffnung, ihr Gegenüber friedlich stimmen zu können, das indessen wütend fortfuhr: „Ich warne dich, wenn du…“ „Psssst!“ zischte Lillyan und hob den Finger an die Lippen. Die fette Dame klappte den Mund zu und legte misstrauisch den Kopf schräg. „Was hast du vor?“ wollte sie nun in einem etwas leiseren Tonfall wissen. „Es ist verboten, sich nachts auf den Gängen von Hogwarts herumzutreiben, und deine Aufmachung sieht mir aber gar nicht danach aus, als wärst du auf dem Weg ins Badezimmer!“ „Bin ich auch nicht.“ Gab Lillyan zu und rieb sich nervös die Nase. „So? Was hast du dann vor?“ forschte die fette Dame weiter und runzelte verärgert die Stirn. „Du weißt, dass ich solch einen Verstoß gegen die Regeln eigentlich nicht erlauben darf!“ „Ja ich weiß, aber ich bin einfach so… erschöpft in letzter Zeit, mein Kopf dröhnt vom vielen Arbeiten und ich brauche jetzt einfach ein bisschen frische Luft!“ bittend schaute sie die fette Dame an. „Ich werde nichts anstellen, versprochen. Nur ganz kurz frische Luft schnappen gehen!“ „Es ist kein Wunder, dass dein Kopf dröhnt, wenn du nachts nicht schläfst sondern durch die Gänge geisterst, Kind!“ meinte die fette Dame störrisch, aber unter Lillyans bettelndem Hundeblick wurde sie schließlich weich. „Na gut, geh schon, ich habe dich nicht gesehen.“ Murmelte sie wiederwillig. „Aber allerspätestens in einer halben Stunde bist du wieder hier und wenn du erwischt wirst, geht das auf dein Konto!“ rief sie Lillyan noch hinterher, die mit einem erleichterten „Dankeschön!“ entflohen war, bevor die fette Dame hatte ausreden können. Beschwingt durch ihren Sieg schlich sie sich so leise und schnell sie konnte durch die Gänge und Flure von Hogwarts, bis sie schließlich ungesehen das Schlosstor erreichte. „Ha!“ triumphierte sie leise, zückte ihren Zauberstab und flüsterte: „Alohomora!“ Das Tor schwang mit einem Quietschen auf und Lillyan ging hindurch, hinaus auf die Ländereien von Hogwarts. Die Dunkelheit legte sich um sie wie ein seidiger Umhang und ein leichter Windstoß zerzauste ihre Haare. Die Ländereien waren verlassen, nichts regte sich. Am sternklaren Himmelszelt stand groß und bleich der Mond. Vollmond. Lillyan fröstelte. Obwohl es Frühling war, wurde es nachts noch immer unangenehm kalt und sie ärgerte sich ein wenig darüber, dass sie sich nicht noch eine wärmere Jacke mitgebracht hatte. Naja egal. Die Hauptsache war, dass sie draußen war. Irgendwo der Ferne schrie ein Käuzchen und ein paar Fledermäuse flogen dicht über ihren Kopf hinweg. Ein kleines Lächeln schlich sich in Lillyans Mundwinkel, als sie ihnen hinterherschaute. In Gedanken versunken schlenderte sie vom Schloss fort in Richtung des Waldes, dessen hohe Baumkronen sich schwarz gegen den dunklen Nachthimmel abhoben. In ihrem Inneren herrschte eine seltsame Stimmung, sie war sich nicht sicher, ob sie glücklich oder traurig sein sollte. Um ihre Freundschaft mit Sirius und Remus stand es zurzeit besser den je, und doch tat es ihr weh zu wissen, dass Sirius sie lediglich als beste Freundin zu betrachten schien. Sie hatten viel miteinander zu tun und doch war es Lillyan noch nicht genug. Das heftige Klopfen ihres Herzens, wenn er in der Nähe war, hatte nicht nachgelassen, im Gegenteil. Seine bloße Anwesenheit machte sie kribbelig und ausgelassen, aber sein Verhalten in ihrer Gegenwart war das gleiche, das er bei James Potter an den Tag legte. Er mochte sie, doch offensichtlich nur freundschaftlich. Lillyans Herz zog sich schmerzhaft zusammen und sie seufzte leise. Es half doch alles nichts, allmählich sollte sie sich damit abfinden. Niedergeschlagen hob sie den Kopf und blieb stehen. Sie hatte gar nicht darauf geachtet, wo sie hingegangen war und unabsichtlich in Richtung der Peitschenden Weide gelaufen. Erleichtert darüber, dass sie es noch rechtzeitig bemerkt hatte, bevor sie dem Baum zu nahe gekommen war, schlug Lillyan den Weg ein, der zu Hagrids Hütte führte, doch mit einem Mal hörte sie etwas, das sie vor Schreck erstarren ließ. Ein lautes, durchdringendes Heulen drang an ihre Ohren, hallte schauerlich durch die nächtliche Leere des Geländes. Und es kam nicht aus dem Wald. Es kam ganz aus ihrer Nähe. Oh nein. Lillyan spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. Verdammt. Natürlich hatte sie gewusst, dass im verbotenen Wald Werwölfe lebten, aber sie hatte gedacht, dass diese im Wald blieben und nicht auf das Schulgelände kamen. Konnte das sein? War da etwa wirklich ein Werwolf ganz in ihrer Nähe? Allein bei dem Gedanken begann Lillyan am ganzen Körper zu zittern. Sie umklammerte ihren Zauberstab fester, aber im Stillen wusste sie, dass dieser ihr nichts helfen würde. Zwar kannte sie viele Zaubersprüche, doch hatte sie keinen blassen Schimmer, welche Zauber gegen Werwölfe wirkten. Sie bezweifelte, dass überhaupt einer wirken würde. Werwölfe, sowie auch Riesen und viele andere magische Wesen waren immun gegen die meisten Zaubersprüche und Flüche. Reglos wie eine Statue verharrte Lillyan an der Stelle wo sie stand und lauschte angestrengt. Kein Heulen, kein Schnüffeln, kein Zweigeknacken. Unsicher schaute sie sich um. Nichts. Vielleicht hatte sie sich das Heulen ja auch nur eingebildet. Trotzdem. Zur Sicherheit sollte sie schnellstens auf direktem Wege zum Schloss zurückkehren. Lillyan drehte sich auf dem Absatz um und ging mit schnellen, ruhigen Schritten in Richtung Schloss zurück, ohne sich noch einmal umzuschauen. Es dauerte nicht lange und sie hatte die Peitschende Weide hinter sich gelassen und strebte nun dem Schlosstor entgegen. Gerade, als sie schon erleichtert aufatmen wollte, erklang hinter ihr mit einem Mal ein Geräusch, das ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ein leises, bedrohliches Knurren. Alle kleinen Härchen im Nacken stellten sich bei diesem Geräusch auf. Lillyan schrie auf und wirbelte herum. Ein paar Meter vor ihr auf der taufeuchten Wiese stand eine grauenerregende Kreatur. Sie war von Kopf bis Fuß mit kurzem, hellbraunen Fell bedeckt, hatte lange, knochige Gliedmaßen und kauerte auf zwei Beinen auf der Wiese, den Blick aus den großen, glänzenden Augen fest auf Lillyan gerichtet. Noch nie in ihrem ganzen Leben hatte sie etwas Derartiges leibhaftig gesehen, doch sie erkannte die Kreatur aus ihren Büchern. Oh nein. Oh nein, bitte nicht. Stumm vor Entsetzen wich sie einen Schritt zurück, doch das hätte sie lieber nicht tun sollen. Der Werwolf richtete sich zu seiner vollen Größe auf und riss mit einem lauten Brüllen das lange Maul auf, sodass man seine scharfen Reißzähne sehen konnte, von denen der Speichel tropfte. Aus Lillyans Kehle drang ein ersticktes Geräusch, Panik überflutete sie. Weglaufen half nicht, soviel war sicher, und sie war noch weit genug vom Schloss entfernt, dass niemand sie hören konnte. Außerdem wäre sie, wenn sie anfangen würde zu schreien, wahrscheinlich so schnell tot, dass es ihr überhaupt nichts nützen würde. Benommen stand sie da und starrte den Werwolf an, der ein erneutes Knurren ausstieß und sich dann langsam an sie heranpirschte, während sie nicht im Stande war, auch nur einen Muskel zu bewegen. ‚Sirius‘ dachte Lillyan, während alle anderen Gedanken vor Entsetzen wie gelähmt waren. Ob er je erfahren würde, was mit ihr passiert war? Wie würde er damit zurechtkommen? Und was war mit Remus? Und Lily? Der Werwolf kam näher und Lillyan konnte ein angstvolles Stöhnen nicht unterdrücken. Blitzartig kauerte sich der Werwolf vor ihr zusammen und setzte zum Sprung an. Erneut schrie Lillyan auf vor Entsetzen, riss reflexartig den Arm vor ihr Gesicht und hechtete zur Seite. Der harte Aufschlag auf dem trockenen Erdboden nahm ihr den Atem, stechender Schmerz fuhr ihr in die Seite und ein unterdrückter Schmerzenslaut schabte sich durch ihre Kehle. Als sie wie in Trance aufschaute und ihr Blick den des Werwolfs traf, wusste sie, dass es zu spät war. Todesangst schoss durch ihre Glieder und lähmte sie in diesem furchtbaren Augenblick. In dem Moment jedoch erklang plötzlich noch ein anderes, wütenderes, wildes Knurren und ein riesiger schwarzer Schatten sauste aus dem Gestrüpp neben der Peitschenden Weide. Schneller, als Lillyan auch nur die Möglichkeit hatte, überrascht zu blinzeln, stürzte er sich zwischen sie und den Werwolf. Die Augen vor Schreck geweitet sah Lillyan, wie der Schatten den Werwolf vor die Brust stieß und heftig zurückdrängte, dann machte er einen Satz rückwärts, baute sich vor Lillyan auf und knurrte den Werwolf mit einem tiefen, drohenden Grollen an. Seine Nackenhaare sträubten sich und er fletschte die Zähne. Verwirrt und verängstigt huschte Lillyans Blick von einem zum anderen und plötzlich verstand sie: Der Schatten beschützte sie! Er stand in Angriffshaltung vor ihr, als wäre er jederzeit bereit, den Werwolf davon abzuhalten, ihr etwas anzutun. Völlig durcheinander beobachtete Lillyan, wie der Werwolf einen erneuten Versuch startete und der schwarze Schatten ihn kraftvoll zurückschleuderte. Wahrscheinlich hätte sie die Chance ergreifen und weglaufen sollen, doch sie konnte nicht. Ihre Füße waren wie festgenagelt. Der Werwolf schlug mit der Pfote zu und der Schatten stieß ein schrilles Jaulen aus, das Lillyan im Herzen wehtat. Blut lief aus einer offenen Wunde auf der Stirn des Schattens, der das jedoch gar nicht weiter beachtete sondern aus schmalen Augen den Werwolf fixierte. In dem Moment, in dem dieser erneut zum Angriff ansetzte, erklang plötzlich das laute Wummern von Hufen auf Gras und ein zweiter Schatten schoss aus dem Gebüsch hervor. Es war so dunkel, dass Lillyan nur wenige Einzelheiten erkennen konnte, doch an dem riesigen Geweih und den Hufen erkannte sie, dass es ein Hirsch war. Noch bevor der Werwolf dazu im Stande war, den Hirsch zu bemerken, stürzte dieser sich auf ihn, senkte den gewaltigen Kopf und schob den Werwolf mit seinem beeindruckenden Geweih in Richtung Wald davon. Der Werwolf wehrte sich zwar, aber gegen die Kraft des Hirsches hatte er keine Chance. Es vergingen keine zehn Sekunden, dann verschwanden die beiden im Wald und blieben verschwunden. Die plötzliche Stille dröhnte in Lillyans Ohren und stach auf ihren Kopf ein. Sie stöhnte leise auf und griff sich an die Stirn. Der Schatten drehte sich um. Sein schwarzes Fell schimmerte sanft und das Blut, das aus seiner Stirnwunde lief, tropfte auf das taufeuchte Gras zu seinen Pfoten. Lillyan sah ihn an und begriff mit einem Mal, dass es ein Hund war, ein riesiger, schwarzer Hund. Sie hatte nicht gewusst, dass Hunde so groß sein konnten. Der Hund hob den Kopf und schaute sie an. Im Mondlicht glänzten seine dunklen Augen wie Onyxe. Sein Blick war besorgt und schützend, als er den ihren traf. Langsam kam er einen Schritt auf sie zu und legte leicht den Kopf schief. In seinen Augen stand eine Frage. „Keine Sorge, mir geht es gut.“ Stieß Lillyan entkräftet hervor und stützte sich mit den Händen ab, als sie wieder vom Boden aufstand. Ihr wurde ein wenig schwindelig, aber sie ignorierte das und schaute erneut den Hund an. Dieser erwiderte ihren Blick ernst und trat dann einen Schritt zurück. „Danke.“ Flüsterte Lillyan heiser. Er neigte leicht seinen großen Kopf und sah sie noch einen Moment lang aufmerksam an, dann wandte er sich um und jagte mit großen Sprüngen davon, dem Wald entgegen. Erst, als auch er zwischen den Bäumen verschwunden war, regte Lillyan sich wieder. Auch wenn in ihrem Kopf alles durcheinanderwirbelte, eines wusste sie: Sie musste so schnell wie möglich ins Schloss zurückkehren. Wie von alleine bewegten sich ihre Füße, Lillyan wirbelte herum und rannte in Richtung Schlosstor davon, als sei der Werwolf noch immer hinter ihr her.


    Obwohl Lillyan rannte, wie sie noch nie in ihrem Leben gerannt war, kam es ihr vor wie ein Jahrhundert, bis sie endlich schlitternd in den Gang einbog, indem das Portrait der Fetten Dame hing. „Du lieber Himmel!“ stieß diese entsetzt hervor, als sie die völlig aufgelöste Lillyan erblickte. „Was ist denn mit dir passiert?“ „Ist jetzt egal.“ Keuchend blieb Lillyan stehen und presste ihre Hand an die schmerzenden Rippen. „Du wolltest doch bloß frische Luft schnappen und jetzt siehst du aus, als hättest du einen Geist gesehen…“ Lillyan ließ sie gar nicht ausreden. „Wie war noch einmal dieses dämliche Passwort? Nicht simpel im Sand, Kuh Viktor? Nein, das ist es nicht… „Nichts ist so wie es scheint“ auf Latein…“ in fieberhaftem Nachdenken runzelte sie die Stirn. „Ah, stimmt ja, non sempere a sunt, quae videntur.“ „He, du hast meine Frage nicht beantwortet!“ rief die fette Dame beleidigt, als das Portraitloch sich öffnete und Lillyan mit einem waghalsigen Sprung in den Gemeinschaftsraum flüchtete, doch diese achtete gar nicht auf sie, hastete quer durch den Gemeinschaftsraum und stieg dann zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hinauf. In ihrem Kopf herrschte ein einziger Wirrwarr aus Gedanken, vermischt mit einem ordentlichen Schock und einer Prise nachklingenden Entsetzens, da war die Fette Dame noch ihr kleinstes Problem. Überhaupt war alles andere gerade unwichtig. Immerhin war sie gerade eben fast von einem Werwolf zum Frühstück verspeist worden, verdammt noch mal! Eigentlich wollte sie darüber nachdenken, was genau gerade geschehen war, aber ihr Gehirn schien von dem Schock eingefroren zu sein. Völlig konfus stolperte sie in ihren Schlafsaal, zog sich um und tat dann etwas, das sie bisher noch nie nötig gehabt hatte: Sie belegte sich selbst mit einem Beruhigungszauber. Es war schon spät und sie war völlig überlastet. Zunächst einmal musste sie schlafen, alles andere konnte vorerst warten. Der Zauber wirkte augenblicklich: erschöpft und todmüde sank Lillyan auf ihr Kissen und merkte, wie sich ihre Augen schlossen. Sie spürte, dass sie wegdämmerte, wie sie langsam dem erholsamen, dunklen Reich des Schlafes entgegenglitt. Kurz bevor sie ganz eingeschlafen war, zuckten mit einem Mal die dunklen Augen des schwarzen Hundes in ihr Bewusstsein. Diese Augen… merkwürdig, sie könnte schwören, dass sie sie schon einmal gesehen hatte! Verwirrt runzelte sie die Stirn, doch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, glitt sie endgültig in den Schlaf.

    Als Lillyan am nächsten Morgen erwachte, kam ihr die vergangene Nacht nur noch wie ein böser Traum vor. Es war quasi unmöglich, dass sie auf dem Schulgelände einem Werwolf begegnet war. So ein Blödsinn! Es konnte schlichtweg nur ein Traum gewesen sein, und daran hätte sie auch nicht eine Minute gezweifelt, wenn- wenn da nicht die Erdflecken auf ihrer Kleidung gewesen wären, die sie sich durch ihren gestrigen Fall geholt hatte. Oder ihr höllisch schmerzendes Becken, über dem sich ein riesiger, dunkellila Bluterguss gebildet hatte. Oder die Erinnerung an die dunklen Augen des schwarzen Hundes, die sie vom ersten Moment an begleitet hatte, seit sie erwacht war. Lillyan war jedenfalls so durcheinander, dass sie die Welt um sich herum gar nicht wahrnahm. In ihrem Inneren tobte ein wilder Konflikt, und noch immer lastete der Schock schwer auf ihr. Sollte sie es jemandem erzählen? Nein, unmöglich. Man würde sie für verrückt halten und außerdem würde sie großen Ärger bekommen wenn sich herausstellte, dass sie nachts heimlich auf den Ländereien gewesen war. Selbst Professor Dumbledore würde ihr das nicht ungestraft durchgehen lassen, und außerdem würde wirklich kein Mensch ihr abkaufen, dass ein riesiger schwarzer Hund und ein Hirsch mit überdimensionalem Geweih ihr das Leben gerettet hatten. Wenn sie das jemandem erzählte, war ihr eine Schockzaubertherapie im St. Mungo sicher. Aber Himmel, allein der Gedanke, mit niemandem darüber reden zu können, war schier unerträglich. Vielleicht konnten ja Sirius und Remus- nein. Bei so etwas würde noch nicht einmal Sirius ihr glauben. Missgelaunt, verängstigt und durcheinander stand Lillyan auf. Eigentlich hatte sie überhaupt keinen Hunger, aber ihre Freunde würden sich Sorgen um sie machen, wenn sie nicht in die Große Halle kam. Zum Glück merkten Mary, Olivia und Emily nicht, dass mit ihr etwas nicht stimmte, und gingen auf ihre Bitte schon mal vor in die Große Halle, sodass Lillyan noch etwas Zeit hatte, um die gestrige Nacht ordentlich zu verarbeiten. „Das ist alles halb so schlimm!“ murmelte sie leise vor sich hin, während sie unruhig vor dem Fenster auf und ab tigerte. „Alles ist wie immer, streng genommen ist jetzt nichts anders.“ Ja, klar. Und es war auch nichts Besonderes, von einem Werwolf angegriffen zu werden. Ärgerlich über sich selbst gab Lillyan sich einen Ruck und ging zur Türe. Sie würde ihre trüben Gedanken nicht dadurch loswerden, dass sie stundenlang trödelte. Gähnend schlüpfte sie durch die Türe, zwang sich ein möglichst unbeschwertes Lächeln ins Gesicht und sprang die Treppe hinunter in den Gemeinschaftsraum. Als sie durch das Portraitloch kletterte, befürchtete sie schon eine erneute Standpauke der Fetten Dame, doch zu Lillyans großer Erleichterung war diese überhaupt nicht da. Bestimmt war sie mal wieder das Portrait ihrer Freundin Violet besuchen gegangen. Mit schon etwas leichterem Herzen brachte Lillyan die restlichen Treppen hinter sich, bis sie in die Eingangshalle kam. Gleich war sie bei Sirius und Remus und alles andere konnte getrost warten. Sie schloss sich dem Schülerstrom an, der langsam in die Große Halle vordrang, bis auch sie durch die große Flügeltüre in den weiten Saal trat. Voller Erleichterung hob sie den Blick- und traf den von Sirius. Er saß am Gryffindortisch und schaute sie an, ganz so, als habe er schon ungeduldig auf sie gewartet. Das war vielleicht nichts ungewöhnliches, aber es war der Ausdruck in seinen dunklen Augen, der Lillyans Füße wie von selbst zum Stehen brachte. Vorsichtig, besorgt und auf eine seltsame Art voll Angst, so als fürchtete er, sie könnte sich vor ihm ängstigen. Was…? Noch verwirrter, als sie ohnehin schon war, starrte Lillyan in seine Augen, in seine dunklen, onyxfarbenen Augen… Onyxfarben. Lillyan spürte, wie ihr Herz gefror, als dieser Gedanke in ihr Bewusstsein drang, langsam, als wäre sie in Trance. Diese unglaublichen, wunderbaren, nachtschwarzen Augen… Es waren exakt dieselben Augen, wie die des schwarzen Hundes, dem sie gestern Nacht begegnet war. Nein. Nein, nein, nein! Das war unmöglich. Was auch immer das hier war, es musste ein Zufall sein! Sirius konnte nicht… das war nicht… In Lillyans Kopf wirbelten völlig unzusammenhängende Gedanken durcheinander, während sie noch immer wie hypnotisiert in Sirius‘ Augen starrte und tief in ihrem Inneren an ihrer geistigen Gesundheit zweifelte. Und da wurde sie plötzlich noch auf etwas anderes aufmerksam, das ihr sämtliches Blut in den Adern gefrieren ließ. Über Sirius‘ elegante Stirn zog sich eine lange, hässliche Platzwunde. Verdammt. Mit einem Mal blitzten Erinnerungen vor ihrem geistigen Auge auf. Der Werwolf, wie er mit der Pfote zuschlug. Ein schreckliches Jaulen. Blut, das dem schwarzen Hund über die Stirn lief. Lillyans Augen weiteten sich vor Schreck, als sie begriff. Alles in ihr wehrte sich dagegen, aber in ihrem Herzen spürte sie, dass es die Wahrheit war. Sirius- all ihr Verstand kämpfte mit Macht gegen diesen Gedanken an, doch sie konnte ihn nicht unterdrücken- Sirius war der schwarze Hund. Nur so ergab das Ganze Sinn, seine Wunde, die Augen, wie er sie anschaute. Geschockt von ihrer eigenen Entdeckung wich sie zurück, während ihre Augen unverwandt auf seinen lagen. Es gab keinen Zweifel. Er wusste, dass sie begriffen hatte, das sah sie daran, dass seine Augen sich besorgt verdunkelten und seine Stirn sich unsicher runzelte. Sie sah, wie seine Lippen ihren Namen formten und er sich halb erhob, die Hand zögernd in ihre Richtung ausgestreckt. Wie von selbst ging Lillyan rückwärts, die Glieder steif wie ein Roboter. Das war ihr alles zu viel, sie konnte nicht verstehen, wollte nicht verstehen. Keinen Muskel konnte sie willkürlich rühren, ihr ganzer Körper schien unter einem Stromausfall zu leiden. Jetzt stand Sirius auf, ließ den Blick nicht von ihr, als er auf sie zukam, während sie vor ihm zurückwich. Kaum, dass er den ersten Schritt gemacht hatte, kam Lillyans Körperkontrolle wieder zurück: Lillyan wirbelte herum und rannte in heller Panik davon. „Lillyan!“ hörte sie Sirius hinter sich ihren Namen rufen, aber sie wartete nicht, floh vor ihm und der unglaublichen Wahrheit, die sie eben entdeckt hatte. Sie wusste, dass er ihr folgte, hinter ihr herrannte, hörte, wie er wieder und wieder ihren Namen rief, doch sie konnte nicht stehen bleiben. Sie rannte die Treppen hinauf, immer schneller und schneller. „Lillyan, bitte!“ rief Sirius hinter ihr. „Lass es mich erklären! Lauf nicht weg! Du musst verstehen-“ doch Lillyan achtete gar nicht auf ihn. Wie von selbst führten sie ihre Füße, und sie hätte sich eigentlich denken können, dass sie sich schließlich im Raum der Wünsche wiederfinden würde. Völlig außer Atem wankte sie durch den Raum, der genau gleich aussah wie der, indem Sirius und Remus ihr vor ein paar Wochen das Duellieren beigebracht hatten, und brach auf einem der gemütlichen Sofas zusammen. Sie nahm kaum wahr, wie sich die Türe öffnete und leise wieder schloss. „Lillyan?“ erklang Sirius‘ Stimme vorsichtig. Lillyan gab keine Antwort und schloss erschöpft die Augen. Ihr war hundeelend zumute. „Lillyan, bitte.“ Schritte kamen näher und sie spürte, wie das Sofa neben ihr leicht einsank. Kühle Finger hoben ihr Kinn an, zwangen sie dazu, ihn anzusehen. Ergeben öffnete Lillyan die Augen und begegnete seinem Blick. Er blieb stumm, sagte nichts, während er ihren Blick hielt und seine Augen um Verständnis flehten. So unsicher hatte sie Sirius noch nie erlebt. Als sie sprach, klang ihre Stimme rau und hölzern. „Was hat das zu bedeuten, Sirius?“ Lillyan merkte, dass ihr Körper zitterte. „Was war das letzte Nacht? Was hat es mit dem Hund auf sich? Und wie ist das alles überhaupt möglich?“ Sie wartete auf seine Antwort, doch er blieb stumm, beobachtete sie wachsam. „Du bist mir eine Antwort schuldig, Sirius!“ erinnerte Lillyan ihn leise und entzog sich seinem leichten Griff. Sein Seufzer und der resignierte Ausdruck in seinen sonst so feurigen Augen beunruhigten sie. Er setzte sich auf, schaute sie ernst an. Lillyan fiel auf, dass seine rechte Hand in die Rückenlehne des Sofas gekrallt war. „Du weißt, wovon ich rede, Sirius. Du warst dabei. Du warst der Hund, nicht?“ „Lass es mich erklären, Lillyan. Es ist weit komplizierter, als gut ist.“ Erneut seufzte Sirius und schien seine Gedanken zu ordnen. „Erzähl es mir, Sirius. Alles.“ Bat Lillyan und schlang die Arme um sich selbst. „Ich will es verstehen. Ich will wissen, dass ich nicht verrückt bin, obwohl die Umstände mir glauben machen, dass ich nicht mehr alle Zutaten im Kessel habe.“ In Sirius‘ Mundwinkel zuckte es, als sie diese Formulierung so selbstverständlich benutzte, aber die Situation war zu ernst zum Lachen. „Ja, du hast Recht. Du hast das Recht dazu, die Wahrheit zu erfahren.“ Sagte er schließlich. „Krone wird mich zwar wahrscheinlich umbringen, aber nach dem, was gestern Nacht geschehen ist, gibt es keine andere Möglichkeit.“ Er holte tief Luft und rieb sich angespannt die Stirn. „Also, von Anfang an. Es begann damit, dass wir nach Hogwarts kamen. Schon im Zug saßen Remus, James, Peter und ich im selben Abteil. Wir verstanden uns bestens, wenn auch Remus ein wenig schüchtern war und Peter zum todlangweilen- irgendwie haben wir gewusst, dass wir Freunde werden würden. Dass wir dann auch alle nach Gryffindor kamen, bestärkte dieses Gefühl nur noch.“ Lillyan fragte sich zum hundertsten Mal, wie ein Feigling und Schleimer wie Peter Pettigrew nach Gryffindor gekommen war, aber da sie Sirius weder unterbrechen noch verärgern wollte, blieb sie stumm. „Und so kam es, dass wir unzertrennlich wurden.“ Erzählte Sirius weiter. „James und ich waren wie Geschwister, und Remus und Peter gehörten einfach dazu. Zusammen haben wir in unserem ersten Jahr eine Menge erlebt. Allerdings fiel sowohl James als auch mir nach einer Weile auf, dass Remus andauernd krank war.“ Lillyan fühlte sich, als hinge über ihrem Kopf ein großes Fragezeichen, das bei jedem seiner Worte noch größer wurde. Was bitte hatte Remus‘ merkwürdige Anfälligkeit für Krankheiten mit dem schwarzen Hund von gestern Nacht zu tun? Sirius war ihr irritiertes Stirnrunzeln nicht entgangen, er lächelte sie schuldbewusst an. „Lillyan, was ich dir jetzt erzählen werde, klingt vielleicht verrückt und angsteinflößend, aber denk daran, du kennst Remus. Du weißt, wie er ist und vertraust ihm. Du darfst dich auf keinen Fall von Vorurteilen leiten lassen.“ Allmählich wurde Lillyan ungeduldig. „Du sprichst in Rätseln, Sirius.“ Sagte sie vorwurfsvoll. „Klar vertraue ich Remus, was in aller Welt könnte mich dazu bringen, Vorurteile ihm gegenüber zu haben?“ Sirius dachte kurz nach, dann zuckte er leicht die Achseln. „Wir fragten Remus, was mit ihm los war, aber er wich uns aus, log uns an.“ Fuhr er fort, ohne ihre Frage weiter zu beantworten. „James und mir war klar, er verschwieg uns etwas, aber was? Wir begannen, zu beobachten, wann und wie regelmäßig er krank wurde, und da wurde uns schließlich etwas Merkwürdiges klar.“ Sein Blick wurde dunkel und sorgenvoll, blieb noch immer fest auf ihren gerichtet. „Einmal im Monat wurde Remus krank… und zwar immer bei Vollmond.“ Es dauerte ein paar Schrecksekunden, bis Lillyan begriff. Dumpf dämmerte es ihr. „Der Werwolf gestern…“ murmelte sie tonlos. Flehentlich schaute sie zu Sirius auf, wollte dass er ihren Verdacht zerstreute und ihr erzählte, dass sie völlig falsch lag, aber er tat nichts dergleichen. Stattdessen erwiderte er ihren Blick tief und nickte dann langsam. „Ja.“ Bestätigte er ihre schlimmsten Befürchtungen. „Der Werwolf gestern war Remus.“ Erneut schlug der Schock über Lillyan zusammen wie eine Welle. „Nein!“ stieß sie panisch hervor. „Nein, nein, nein!“ Das war nicht möglich! Das durfte nicht sein! Ihr Remus, ihr bester Freund, ein Werwolf? Nein, das konnte nicht sein! „Lillyan.“ Sirius‘ Hand legte sich auf ihre, erdete sie, wie nichts anderes sie in diesem Moment hätte erden können. „Er hat mich angegriffen!“ flüsterte Lillyan und starrte ihn an, von Grauen erfüllt. „Remus hat mich angegriffen.“ „Nein, Lillyan, das hat er nicht.“ Sirius‘ Stimme klang fest, als er sprach. „Das hast du doch eben selbst gesagt!“ widersprach sie wie taub. „Nein, das habe ich nicht, Lillyan. Ich habe gesagt, dass Remus der Werwolf war. Nicht aber, dass Remus dich angegriffen hat. Wer dich angegriffen hat, war der Werwolf.“ Jetzt völlig verwirrt schüttelte Lillyan den Kopf. „Moment… was? Wo bleibt da bitte der Sinn?“ „Was genau weißt du über Werwölfe, Lillyan?“ Jetzt war es Lillyan, die kurz überlegen musste. „In „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ steht nur, dass man durch den Biss eines Werwolfes ebenfalls zum Werwolf wird und dass Werwölfe sich einmal im Monat, bei Vollmond, in eine tödliche Kreatur verwandeln.“ „Dann fehlt dir eine ganz wichtige Information.“ Stellte Sirius fest, und Lillyan biss ärgerlich die Zähne zusammen. Sie hasste es, wenn er sie so von oben herab behandelte, selbst, wenn es wie jetzt unabsichtlich war. „Wenn sich der Werwolf an Vollmond verwandelt, dann ist er nicht mehr Herr über sich selbst. Er wird zur Bestie und tötet oder beißt jedes menschliche Wesen, das ihm zu nahe kommt. Er hat sich in keinster Weise unter Kontrolle. In diesem Zustand, Lillyan, würde der Werwolf seinen besten Freund töten. Er könnte gar nichts dagegen tun.“ Lillyan holte tief Atem und versuchte, diese Information in ihren hämmernden Kopf aufzunehmen. „Das heißt, Remus wollte mich eigentlich gar nicht angreifen?“ fragte sie schließlich leise. „Er konnte nur nichts dagegen tun?“ „Genau.“ Sirius nickte erleichtert, offenbar froh darüber, dass sie sofort verstand und sich beruhigte. „Er hatte sich nicht unter Kontrolle Lillyan. Es hätte ihn umgebracht, wenn er dich getötet hätte, und doch hätte er es getan, wenn nicht…“ Sirius verstummte und sah sie unbehaglich an. Das brachte Lillyan wieder auf die Spur. „Moment, das war aber doch noch nicht alles, oder?“ erkundigte sie sich misstrauisch und legte leicht den Kopf schief. „Nein.“ Ernüchtert schüttelte Sirius den Kopf. „Nachdem James und mir klar geworden war, was Remus wirklich war, fragten wir ihn danach. Er flippte fast aus, weil er Angst hatte, wir würden ihn verraten, aber eben das taten wir nicht. Wir mochten ihn zu sehr, und außerdem waren wir zu neugierig.“ Irrte sich Lillyan oder sah sie eine Spur Schuldbewusstsein auf seinem Gesicht? „Jedenfalls waren wir dazu entschlossen, ihm zu helfen. Jeden Vollmond wurde er von Madame Pomfrey aufs Gelände zur Peitschenden Weide gebracht. Darunter gibt es einen geheimen Gang, indem er sich problemlos verwandeln kann. Allerdings ist die Verwandlung sehr schmerzhaft für ihn und so allein zu sein in der gefährlichen Werwolfphase tat ihm gar nicht gut. Wie auch immer, James und ich entschlossen uns, dabei zu sein, ihn nicht alleine zu lassen. Es war allerdings ein Problem, dass wir uns als Menschen genauso gut mit verschränkten Armen vor den Hogwartsexpress stellen könnten wie bei einem lebendigen, verwandelten Werwolf zu sein. Unsere Chancen, lebend wieder herauszukommen, lagen ungefähr bei Null.“ Geistesabwesend zwirbelte Sirius sich eine seiner kinnlangen Locken um den Finger. „Remus meinte, er wäre einfach nur froh, dass wir weiter mit ihm befreundet sein wollten, und alles andere wäre unwichtig, aber James und ich ließen nicht locker. Wir suchten überall nach einem Mittel, das es uns erlauben würde, trotz seiner Verwandlung bei Remus zu sein ohne selbst ein Werwolf zu werden oder als Werwolffutter zu enden. Und schließlich, als wir die Hoffnung schon fast aufgegeben hatten, wurden wir fündig.“ Lillyan hielt gespannt die Luft an. Ihr Gefühl sagte ihr, dass sie kurz davor war, das Geheimnis der gestrigen Nacht vollends aufzudecken. „In einem Buch in der Bibliothek stand, dass Werwölfe nur für Menschen gefährlich sind, nicht aber für Tiere. Das brachte uns auf eine Idee. Naja, eigentlich war es James‘ Idee, aber sie war brillant.“ Mit einem Mal stieg in Lillyan eine Ahnung hoch. Ein verrückter Gedanke. Jedoch… „Sirius?“ murmelte sie langsam. „Ihr habt doch nicht etwa…“ Sirius‘ nervöser Blick war die stumme Bestätigung. Lillyan sog scharf die Luft ein, doch Sirius ließ sie gar nicht erst zu Wort kommen und erzählte weiter. „Seine Eltern hatten ihm von Menschen erzählt, die sich durch einen Zauber willentlich in Tiere verwandeln konnten.“ Lillyan konnte kaum glauben, was sie da hörte. „Das ist jetzt nicht euer Ernst, Sirius!“ unterbrach sie ihn ungläubig. „Ihr wolltet Animagi werden?“ Als Sirius den Kopf senkte und sie von unten her bedeutungsvoll ansah, verlor sie für einen Moment den Faden, als sie verstand. „Heißt das etwa- oh Himmel- Sirius, es hat funktioniert! Du bist ein Animagus!“ Sirius konnte sich ein stolzes Grinsen nicht verkneifen und nickte. „Nein!“ Lillyan blieb der Mund offen stehen, ob vor Staunen oder Bewunderung konnte sie nicht sagen. Brennende Neugier stieg in ihr auf und sie wurde aufgeregt wie ein kleines Kind. „Erzähl es mir, jedes noch so kleine Detail! Wie funktioniert es? Wie lange hat es gedauert? Was braucht man dazu? Wie habt ihr es geschafft?“ Sirius lachte sein bellendes Lachen und brachte damit auch Lillyan zum Lächeln. „Zunächst waren wir uns gar nicht sicher, ob uns damit geholfen wäre.“ Erzählte er schließlich. „Waren wir damit wirklich Tier genug, dass er uns nichts tun würde? Und konnten wir ihm in tierischer Gestalt überhaupt helfen? Wir waren uns nicht sicher, aber es war unsere einzige Chance. Wir erzählten alles Peter und entschlossen uns schließlich, den Versuch zu wagen, zu Animagi zu werden. Natürlich wussten wir, dass es illegal war, aber das kümmerte uns nicht. James und ich waren nie von der Sorte, die sich groß um Regeln scherten.“ Ein spitzbübisches Grinsen huschte über sein Gesicht. „Was nun noch fehlte war eine Anleitung, wie man zum Animagus wurde. Es war nicht leicht, diese zu finden, und wir haben ganze drei Jahre gebraucht, aber Frechheit siegt. In einem Buch aus der verbotenen Abteilung-“ er unterbrach sich, weil Lillyan bedeutungsvoll eine Augenbraue hochzog. „Jaja, ich weiß, ich weiß. Es war uns egal, ob es verboten war, solange wir nur einen Weg fanden. Die Anleitung in dem Buch war sehr kompliziert und hatte katastrophale Folgen, wenn etwas scheiterte. Man brauchte einen Zaubertrank, der ein ganzes Jahr brauchte, bis er fertig war, wenn man alles korrekt machte, und dazu kamen noch eine Menge komplizierter Zauber und Formeln. Zwischenzeitlich dachte selbst ich, wir würden es nie schaffen. Aber schließlich, als es darauf ankam, hat es doch noch geklappt.“ Jetzt klang Sirius so stolz und glücklich, dass Lillyan sich ein überdrehtes Lachen verbeißen musste. „Und wann genau war das?“ erkundigte sie sich neugierig. „Anfang dieses Schuljahres.“ Gestand Sirius und sein tiefes, zufriedenes Kichern ließ das ganze Sofa vibrieren. „Und niemand hat es bemerkt oder weiß davon, bis auch euch vier?“ fragte sie fassungslos. Sirius schüttelte heftig den Kopf, sodass seine Haare wild durcheinandergebracht wurden. „Wow, das ist ja der Hammer!“ rief sie aus, jetzt hatte die Begeisterung sie gepackt. „Ihr konntet euch also entscheiden, was für Tiere ihr werden wolltet?“ „Ja.“ Antwortete Sirius. „Ich entschied mich für den schwarzen Hund, in dessen Gestalt du mich gestern gesehen hast. Ich wollte in der Lage sein, andere zu beschützen und in Notfällen auch selbst angreifen zu können. Außerdem wollte ich schnell und lautlos sein. Dafür war ein Hund die perfekte Gestalt.“ Lillyan nickte langsam. Sie konnte kaum glauben, dass der Junge, der ihr gerade gegenübersaß, sich problemlos in einen riesengroßen Hund verwandeln konnte. Da fiel ihr plötzlich noch etwas anderes ein. „Warte mal… Der Hirsch! Der Hirsch gestern mit dem riesigen Geweih! Wer von euch war der Hirsch, Sirius?“ noch im selben Augenblick, indem sie die Frage gestellt hatte, kannte sie die Antwort. Und sie war alles andere als glücklich darüber. „Es war James, nicht?“ fragte sie mit gedämpfter Euphorie. „Ja. Es war Krone.“ Sirius lehnte sich lässig auf dem Sofa zurück und beobachtete ihre Reaktion. „Oh nein.“ Unglücklich vergrub Lillyan das Gesicht in den Händen. „Ausgerechnet. Ich wette, er hasst mich nur noch mehr, weil er dir helfen musste, mir das Leben zu retten, richtig?“ „Naja, er ist nicht gerade angetan davon.“ Gab Sirius zu. „Vor allem, weil es ausgerechnet du warst. Ich kann einfach nicht verstehen, warum er sich so gegen dich sträubt.“ Frustriert biss er sich auf die Unterlippe. „Vergiss das mal ne Runde, okay?“ schlug Lillyan vor und lehnte sich ebenfalls zurück. „Was ich noch nicht verstanden habe: Was für ein Tier ist Peter? Oder sind nur du und James Animagi?“ „Peter?“ Sirius schüttelte unzusammenhängend den Kopf. „Es ist kein Wunder, dass du Peter gestern nicht bemerkt hast. Er ist zu klein, um aufzufallen. Peter ist eine Ratte.“ Lillyan verkniff sich einen Kommentar á la „Warum überrascht mich das nicht?“ und nickte nur. „Das erklärt einiges.“ Sagte sie stattdessen und in der nächsten Sekunde fiel ihr die nächste Lösung geradewegs in die Hände. „Eure Spitznamen! Jetzt verstehe ich! Ihr habt sie nach euren verwandelten Gestalten ausgesucht, richtig? Tatze der Hund, Krone der Hirsch und Wurmschwanz die Ratte- klar, jetzt ergibt das Durcheinander Sinn! Und Moony- das ist doch Remus, stimmt‘s? Wegen dem Werwolf und dem Vollmond!“ „Ganz genau.“ Sirius nickte anerkennend. „Du kombinierst sehr schnell, Lillyan.“ Sie lachte nur und kuschelte sich tiefer in die weichen Sofakissen hinein. „Jetzt weiß ich auch, was in der Zeit los war, als ihr andauernd hinter meinem Rücken getuschelt habt, richtig?“ hakte sie nach. „Es war, weil der Trank bald fertig war und eure Verwandlung kurz bevor stand.“ „Exakt.“ Bestätigte Sirius. „Remus und ich wollten dir die Wahrheit sagen, die ganze Zeit schon, aber James und Peter waren dagegen, und ohne ihre Erlaubnis konnten wir nicht einfach…“ „Schon gut, ich kann euch verstehen.“ Fiel Lillyan ihm ins Wort. „Es ist alles in Ordnung, Sirius.“ „Wirklich?“ Sirius’ Gesicht hellte sich deutlich auf. „Alles?“ „Ja, alles.“ Versprach Lillyan ihm grinsend und lachte, als er triumphierend die Faust in die Luft stieß. „Oh, Sirius? Eins noch.“ „Was ist?“ Augenblicklich waren seine Augen wieder wachsam. „Ich glaube dir, natürlich, aber könntest du… ich meine, könntest du dich vielleicht verwandeln? Nur für mich? Hier und jetzt?“ Sein Lächeln erlosch so schnell, dass Lillyan ihn erstaunt ansah. „Spricht etwas dagegen?“ erkundigte sie sich vorsichtig. „Naja, also eigentlich…“ in Sirius‘ Augen lag Unsicherheit. Fragend sah sie ihn an. „Bist du dir sicher, dass du keine Angst bekommst, wenn ich“ weiter kam er nicht, denn Lillyan begann, schallend zu lachen. Verständnislos schaute Sirius ihr dabei zu. „Wenn es nur das ist…“ Lillyan grinste und strich sich das Haar aus der Stirn. „Sirius, glaubst du wirklich, dass ich vor einem schwarzen Hund Angst haben könnte, von dem ich erstens weiß, dass das du bist und der zweitens gestern mein Leben gerettet hat? Bin ich etwa gestern vor dem schwarzen Hund weggelaufen?“ Sirius schüttelte den Kopf und dann grinste er zurück. „Na gut, wenn du willst… aber sag nicht ich hätte dich nicht gewarnt!“ Lillyan kicherte gut gelaunt und stieß ihn in die Seite. Sirius stand vom Sofa auf, ging ein paar Schritte in den Raum hinein und schaute dich unschlüssig zu ihr um. „Bist du sicher?“ fragte er. Lillyan verdrehte nur die Augen und nickte. Sirius schmunzelte und dann- war er auf einmal weg, einfach verschwunden. Nein, nicht ganz. Am Boden, genau an der Stelle, an der Sirius gerade noch gestanden hatte, saß nun ein riesiger, bärenähnlicher, schwarzer Hund mit dichtem, glänzendem Fell und schaute aus Sirius‘ dunklen Augen zu ihr hinüber. Sein Blick war vorsichtig, so als fürchtete er immer noch, ihr Angst zu machen. Klar, der Hund war beeindruckend, aber nichts desto Trotz war das immer noch Sirius. Der Junge, der ihr gestern Nacht unter unmöglichen Umständen das Leben gerettet hatte. Der Junge, der sie von ihrer ersten Begegnung an fasziniert hatte, und der sie jetzt sogar noch mehr faszinierte als je zuvor. Langsam stand Lillyan auf und ging staunend auf ihn zu. Der Hund legte fragend den Kopf schief und blieb abwartend sitzen. Ganz langsam, um ihn nicht zu verunsichern, streckte Lillyan die Hand aus und streichelte seinen flauschigen Kopf. „Hallo, Tatze.“ Murmelte sie leise. Sirius bellte, es klang wie ein Lachen, und leckte ihr die Hand. Lillyan musste grinsen. „Hey, lass das!“ beschwerte sie sich kichernd. Zur Antwort grinste der Hund die nur an und entblößte dabei all seine Zähne, lang und scharf wie Messer. Ihr war klar, dass er sehen wollte, ob sie wirklich keine Angst vor ihm hatte, und um ihm das zu beweisen, hielt sie ihm vertrauensvoll die Hand vors Maul. „Da hast du’s.“ sagte sie feixend. „Ich habe keine Angst vor dir, Sirius.“ Zur Antwort bleckte er spielerisch die Zähne, öffnete das Maul und packte ihre Hand ganz vorsichtig mit den Zähnen. Lillyan verharrte bewegungslos neben ihm, spürte die scharfen Spitzen gegen ihre Hand drücken und wusste doch tief in ihrem Herzen, dass ihr keinerlei Gefahr drohte. Ruhig stand sie so, bis er ihre Hand wieder freigab. Mit einem Lachen verwuschelte sie sein Nackenfell und trat dann einen Schritt zur Seite. „Na, genug experimentiert?“ hörte sie da wieder Sirius‘ fröhliche Stimme neben sich und als sie sich umschaute stand er wieder als Mensch da, so, als wäre gar nichts gewesen. „Das war mega Hammer!“ brach es aus Lillyan heraus. Sirius lachte und schaute in ihre vor Begeisterung glänzenden Augen. „Ich wusste gar nicht, dass du so eine gute Beziehung zu Hunden hast, Lillyan.“ „Ach, das kommt immer darauf an, wie der Hund erzogen ist.“ Schoss sie zurück und grinste übermütig. „Wenn er so gut erzogen ist, dass er mich sogar vor einem Werwolf verteidigt…“ „Na, dass ich dazu erzogen worden bin, kann ich nicht gerade sagen, Lilly-An.“ Es war, als legte sich ein Schatten über Sirius‘ Gesicht. „Ich dachte, mir bleibt das Herz stehen, als ich dich gesehen habe. Ich wusste nicht, ob ich es noch rechtzeitig zu dir schaffen würde, und das war das Allerschlimmste. Ich bin gerannt wie noch nie, aber ich wusste nicht, ob ich überhaupt noch eine Chance hatte. Wenn du dich nicht so geistesgegenwärtig zur Seite geworfen hättest, dann wäre ich zu spät gekommen- Was zur Hölle hattest du gestern Nacht da draußen zu suchen, Lillyan?“ „Naja, ich... ich bin gerne nachts draußen. Ich liebe es, wenn es draußen so ruhig ist. Das komplette Gegenteil zu drinnen.“ Als sie seinen Gesichtsausdruck sah, fuhr sie fort: „Ich konnte ja nicht wissen, dass ihr bei Vollmond mit einem Werwolf übers Gelände lauft. Warum wart ihr eigentlich nicht direkt bei ihm? Es kann sonst was passieren, wenn ihr nicht dafür sorgt, dass ihr ihn komplett unter Kontrolle habt!“ „Wenn das so einfach wäre.“ Sirius seufzte. „Ein Werwolf ist extrem schnell, Lillyan. Kurz bevor es passiert ist, waren wir noch am Waldrand in der Nähe der Peitschenden Weide, aber dann hat Moony auf einmal den Kopf in den Nacken gelegt und gewittert und dann war er im Bruchteil einer Sekunde verschwunden. Ich wusste sofort, dass etwas nicht stimmte, und bin seinem Geruch gefolgt. Als ich dich dann schreien gehört habe, wurde mir klar, dass du es warst, die in Gefahr war. Ich bin sofort losgerannt, Lillyan, aber es war verdammtes Glück, dass ich noch rechtzeitig zur Stelle war. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn…“ er ließ den Satz unvollendet und schaute ihr tief in die Augen. „Lillyan, ich will, dass du mir etwas versprichst.“ Abwartend schaute sie ihn an. „Geh nicht mehr bei Vollmond nachts nach draußen, okay?“ „Okay.“ Erleichtert lächelte Lillyan ihn an. „Versprochen.“ „Gut!“ mit einem Ausdruck der grimmigen Befriedigung ließ Sirius sich wieder auf das Sofa fallen. Lillyan tat es ihm nach. „Sirius?“ sagte sie leise. „Hm?“ machte er. „Bitte seid vorsichtig. Mit einem Werwolf übers Schulgelände zu laufen, ist nicht ungefährlich. Ihr habt ja gesehen, was dabei passieren kann. Was ich sagen will, ist- bitte passt gut auf. Wenn dabei jemand verletzt wird oder noch Schlimmeres, dann werdet ihr euch das bis an euer Lebensende nicht verzeihen.“ Sirius sah aus, als wollte er etwas erwidern, aber dann nickte er nur. „Ach übrigens, Lillyan, du solltest mit Remus sprechen. Er ist heute Morgen ganz durcheinander, das gestern Nacht hat ihn ziemlich mitgenommen. Er hat Angst, dass du ihn jetzt verabscheust oder dich vor ihm fürchtest, das war auch der Grund, weshalb er mich gebeten hat, zuerst mal allein mit dir zu reden…“ Ach so. Ja klar. Ein bitterer Geschmack stieg Lillyan die Kehle hoch. Sirius hatte also nur deshalb allein mit ihr darüber gesprochen, weil Remus ihn darum gebeten hatte, nicht, weil er es allein mit ihr hatte besprechen wollen. Eigentlich ja verständlich, aber es schmerzte trotzdem ein wenig. „Ja, klar. Ich geh ihn nachher gleich suchen.“ Murmelte sie und kuschelte sich wieder ins Sofa. „Das musst du nicht.“ Drang Sirius‘ Stimme an ihr Ohr. „Er wollte demnächst nachkommen. Wir können hier auf ihn warten. Es ist ja Wochenende.“ Lillyan nickte nur. Himmel, auf einmal war sie unheimlich müde. Sie gähnte leise hinter vorgehaltener Hand und merkte, wie ihr fast die Augen zufielen. „Ach, Sirius?“ murmelte sie da und setzte sich auf. Mist, fast hätte sie es vergessen. „Deine Wunde…“ „Mach dir da mal keine Gedanken, ich geh nachher zu Madame Pomfrey.“ Tat Sirius ihre Sorge mit einer Handbewegung ab. „Und den anderen sage ich einstweilen, ich wäre die Treppe hinuntergefallen.“ „Ja, genauso siehst du aus!“ spottete Lillyan und schaute ihn missbilligend an. „So ein Unfug, von wegen „Treppe hinunter gefallen“. Du siehst eher aus, als hättest du dich mit einem Bergtroll geprügelt. Gib mir mal deinen Zauberstab.“ „Lillyan, du siehst aus, als würdest du vor Müdigkeit jeden Moment tot umfallen, und ich glaube nicht, dass du…“ „Vertraust du mir etwa nicht, Mister Black?“ herausfordernd grinste Lillyan ihn an. Sirius grinste widerwillig zurück und gab ihr seinen Zauberstab. „Na bitte.“ Sagte Lillyan zufrieden und konzentrierte sich auf seine Wunde. „Vulnera sanento.“ In Sekundenschnelle verheilte die hässliche Platzwunde und mit einer geübten Handbewegung ließ Lillyan auch noch das Blut verschwinden. „So, das war‘s.“ meinte sie zufrieden, gab Sirius seinen Zauberstab zurück und wurde augenblicklich erneut von der bleiernen Müdigkeit heimgesucht. Oh, sie war so müde. Verschwommen nahm sie wahr, wie ihr Kopf an Sirius‘ Schulter sank, aber sie war einfach zu müde, um sich darüber groß Gedanken zu machen. Schon spürte sie, wie sie wegdämmerte, auf dem Sofa zusammengerollt wie eine Katze. „Schlaf ruhig, Lilly- An.“ Hörte sie Sirius‘ Stimme wie aus einer anderen Welt. „Meine Güte, du musst nach so einer Nacht ja todmüde sein! Ruh dich ruhig aus.“ Und von seinen sanften Worten begleitet, trieb sie langsam in den Schlaf.

    Lillyan wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte, als sie mit einem Mal ein Geräusch vernahm. Ihr Verstand registrierte dunkel, dass sie noch im Halbschlaf war und ihr Kopf noch immer an Sirius‘ Schulter lehnte, aber trotzdem hörte sie, wie sich eine Türe öffnete und leise wieder ins Schloss fiel. Schritte kamen näher. „Tatze?“ flüsterte eine ihr bekannte Stimme. Remus. „Alles okay?“ „Ja, alles gut. Sie schläft nur.“ Gab Sirius‘ leise Stimme zurück. „Kein Wunder, dass sie müde ist nach so einer Nacht.“ „Wie hat sie das alles aufgenommen?“ erkundigte sich Remus flüsternd und kam noch näher. „Bestens, kein Problem. Sie ist stark, Remus. Stärker, als wir gedacht haben. Sie hat mir zugehört und alles sofort geglaubt. Rate mal, wie sie reagiert hat, als ich ihr erzählt habe, dass wir Animagi sind.“ „Wie denn?“ „Sie war begeistert.“ „Irre! Im Ernst?“ „Ja, sie wollte alles über die Verwandlung wissen und dann hat sie mich sogar gebeten, mich zu verwandeln. Und sie hatte auch dann keine Angst. Himmel, dieses Mädchen!“ „Wow! Was hat sie zu mir gesagt, Tatze?“ „Mach dir keine Sorgen, Moony. Lillyan hat keine Angst vor dir. Ich glaube, die Tatsache, die sie am meisten geschockt hat war, dass du sie hättest töten können, obwohl du es gar nicht wolltest.“ Remus ließ ein ungläubiges Schnauben hören. „Man könnte meinen, sie wäre nicht recht bei Trost, aber das ist das, was ich an ihr fast am meisten schätze. Niemals will sie, dass jemand anderem ein Leid angetan wird. Das war schon beim Zaubererduell mit Jefferson so.“ „Ja, das ist schon eigenartig. Sie schützt andere um jeden Preis. Sie ist eben einfach etwas ganz Besonderes.“ Lillyan wusste nicht recht, wann das Gespräch zu einem Traum wurde, aber irgendwann saß sie plötzlich in einem dunklen, runden Büroraum und sortierte Bilder von Werwölfen und Teddybären auseinander, während ein Pinguin, an dessen weißer Brust ein Schild mit dem Namen „Severus Snape“ befestigt war, ihr missbilligend dabei zuschaute.

    8
    8. Ärger
    Je näher die Prüfungen rückten, desto stiller wurde es in Hogwarts. Die sonst so fröhliche Geschäftigkeit im Schloss und auf den Ländereien war einer angespannten, oftmals gereizten Stimmung gewichen, denn der Unterricht wurde nun immer komplizierter und anspruchsvoller und die Schüler stöhnten, wenn es draußen schön warm war und sie in den eisigen Zaubertränkekerker hinunter mussten. Immer öfter kam es in den Gemeinschaftsräumen auf Grund von Überarbeitung bei den Schülern zu heftigen Streitereien, die meistens damit endeten, dass irgendjemand in den Krankenflügel eingeliefert werden musste, da ihm vor lauter Ärger kräftige Lauchpflänzchen aus den Ohren gewachsen waren. Besonders arm dran waren die Fünftklässler, denn die ZAGs standen bevor und die betroffenen Schüler paukten ununterbrochen. Lillyan und ihre Freundinnen sahen Lily nun nur noch selten, da diese all ihre Freizeit hinter Büchern oder in der Bibliothek verbringen musste, doch es war nicht nur ihre beste Freundin, die Lillyan in den Wochen vor den Prüfungen schmerzlich vermisste. Auch für Sirius und Remus standen die ZAGs kurz bevor und obwohl Sirius Lillyan gegenüber äußerte, er brauche dafür nicht zu lernen und er könne diesen ganzen leichten Kram sowieso schon, so war Remus doch der Meinung, dass sie alle lernen sollten anstatt zusammen etwas zu unternehmen. Zu Lillyan hatte er gesagt, auch sie habe es bitter nötig, für die Prüfungen zu lernen, und sie solle sich einfach nur darauf konzentrieren, aber es verging kein Tag, an dem Lillyan nicht mit grässlichen Kopfschmerzen am Fenster im stickigen Gemeinschaftsraum saß, nach draußen starrte und Sirius schmerzlich vermisste. Sie sahen sich jetzt nur noch beim Essen und ab und an einmal im Vorbeilaufen im Korridor, aber das war nicht einmal annährend genug und selbst dann nahmen James und Peter ihn und Remus so in Beschlag, dass für Lillyan gar keine Zeit mehr blieb. Seit dem Tag im Raum der Wünsche, an dem Sirius ihr die Sache mit den Animagi erzählt hatte, hatten sie nicht einmal mehr richtig miteinander gesprochen und alle taten, als wäre nichts gewesen, aber für Lillyan war die Sache noch längst nicht abgehakt. Noch immer sorgte sie sich, dass jemand verletzt werden könnte, wenn die Jungs Remus in seinem Zustand nicht unter Kontrolle hatten. Die gesamte nächste Vollmondnacht nach ihrer Begegnung mit dem Werwolf hatte sie am Fenster ihres Schlafsaales gesessen und auf die Ländereien hinuntergestarrt, doch nichts hatte sich geregt und am anderen Morgen hatten Sirius, Remus und ihre beiden Freunde zwar müde, aber unversehrt und sichtlich zufrieden ausgesehen. Lillyan war erleichtert gewesen, aber das wollte noch lange nicht heißen, dass die Jungs die Situation dauerhaft im Griff hatten. Wenn ein Mensch in ihre Nähe kam, wenn Remus gerade verwandelt war, dann würde es zwangsläufig gefährlich werden. Und um Lillyans Laune endgültig auf den Tiefpunkt zu bringen, erschien ungefähr zwei Wochen nach ihrem Gespräch mit Sirius das nächste Klecksblatt mit einer Titelseite, die sie vor Zorn halb rasend gemacht hatte:

    Klecksblatt, den 3. Mai
    Liebesdrama in Hogwarts: Eine Wendung des Schicksaals?
    Schon seit dem ersten Tag, von dem an die uns allen wohlbekannte, sehr fragwürdige Freundschaft zwischen unserem Mädchenschwarm Sirius Black und der Viertklässlerin Lillyan Whiteley bestand, schien bereits sicher zu sein, worauf das Ganze hinauslaufen würde. Für die meisten Schüler war es entschiedene Sache, dass Whiteley Black das Herz brechen würde, da er sich offensichtlich auf romantischer Ebene zu ihr hingezogen fühlt, während Whiteley es dagegen regelrecht genießt, ihn auf Abstand zu halten. Kürzlichen Ereignissen zufolge sieht es jedoch so aus, als habe sich das Blatt nun gewendet. Am Morgen des siebzehnten Aprils wurden viele Schüler Zeugen davon, wie Lillyan Whiteley die Große Halle betrat und bei Blacks Anblick geschockt davonstürzte. Schüler, die sie während dieser Flucht sahen, berichteten, Whiteley sei in Tränen aufgelöst gewesen. Was all das uns über Sirius Black verrät, der an diesem Morgen übrigens eine riesigen Platzwunde an der Stirn trug, die angeblich davon stammte, dass er eine Treppe hinuntergefallen sei, kann man nur erahnen. Anscheinend standen sich Whiteley und Black wohl doch näher als so manch einer geahnt hatte, aber Blacks schuldbewusstes Auftreten an diesem Morgen in der Großen Halle wirft eine Menge fragen auf. Wurde sie von ihm zurückgewiesen, als sie ihm ihre Gefühle gestand? Oder war er etwa mit Whiteley zusammen und hat sie mit einem anderen Mädchen hintergangen? Das wäre natürlich eine verlockende Versuchung für einen Bad Boy, der sich ausgerechnet ein Durchschnittsmädchen ausgesucht hat. Vermutlich war Whiteley ihm auf Dauer einfach zu langweilig. Blacks Wunde jedenfalls lässt auf einen heftigen Streit schließen, indem es auch zu Handgreiflichkeiten kam. Mary McDonald, eine von Whiteleys Freundinnen aus Gryffindor, berichtet: „Lillyan ist zwar nicht besonders schlau, aber Zaubern geht ihr locker von der Hand. Ich nehme an, sie hat auf Blacks Verrat hin nach einem geeigneten Zauberspruch gesucht, um sich zu rächen.“ Was jedoch Sirius Black selbst fühlt, ist nicht sicher. Auf jeden Fall lief er der völlig aufgescheuchten Whiteley bei ihrer Flucht hinterher und bat sie, ihm zuzuhören. Kurze Zeit später wurden die beiden erneut zusammen gesehen, nun wieder ein Herz und eine Seele, und Blacks Wunde war auf einmal wie von Geisterhand verschwunden. Man kann nur munkeln, dass Black sich bei Whiteley entschuldigt hat und ihr versprochen hat, dass er ihr in Zukunft treu bleibt. Ob das jedoch auf Dauer funktioniert, bleibt abzuwarten. Schlussendlich stellt sich uns allen jetzt die Frage, wem von beiden denn nun eigentlich das Herz gebrochen wurde.
    Rita Kimmkorn, Slytherin

    An diesem Morgen war Lillyan sowieso schon schlecht gelaunt gewesen und dieser Artikel hatte ihr endgültig den Rest gegeben. Am meisten erzürnte sie, dass Mary dieser dummen kleinen Kimmkornziege auch noch geholfen hatte, die neuesten Gerüchte in die Welt zu setzen. Emily und Olivia hatten sie zwar so weit wie möglich beruhigt, aber ab da wollte kein Tag vergehen, an dem nicht irgendjemand Lillyan im Vorbeigehen mitleidsvolle Blicke zuwarf oder sie hasserfüllt anstarrte. Als die Prüfungen endlich begannen, war Lillyan morgens kurz davor, vollends an die Decke zugehen, da Mary in der Großen Halle am Gryffindortisch herumposaunte, Schüler und Schülerinnen mit Herzschmerz sollten bei den Prüfungen besser ganz aussetzen, da man sonst vor lauter Tränen nichts mehr von dem lesen könne, was sie geschrieben hätten. Die Tatsache, dass Emily und Olivia voll auf ihrer Seite waren und Mary seit dem neuesten Klecksblatt verächtlich missachteten, besänftigte Lillyan ein wenig, dennoch war sie froh, als sie endlich die Große Halle verlassen und sich unter die anderen Viertklässler mischen konnte, die in die hinauf in ihre Gemeinschaftsräume strömten, um sich auf die erste Prüfung vorzubereiten, die bei ihnen bevorstand. Nur wenige Zeit später saß Lillyan dann auch schon zusammen mit den anderen Gryffindorviertklässlern im Zaubertränkekerker und beugte sich über ihr Aufgabenblatt. Am liebsten hätte sie vor Erleichterung laut aufgeschrien: Die Fragen konnte sie leicht beantworten und sie hatte in den letzten Wochen genug gepaukt, um das Wissen nun federleicht wieder hervorrufen zu können. Die erste Aufgabe lautete: „Beschreiben sie den Vorgang der Blaufärbung des Klarsichtelixiers und nennen sie drei Gründe, weshalb eine Daueranwendung dieses Elixiers bei Sehfehlern nicht möglich ist.“ Voller Elan tauchte Lillyan ihre Feder in die Tinte und begann zu schreiben.
    Noch zwei weitere Tage lang fand eine Prüfung nach der nächsten statt, dann brach der letzte Tag an. Ungeduld herrschte inzwischen überall, jedermann sehnte sich das Ende des vielen Lernens herbei. Am Morgen hatte Lillyan die Prüfungen in Zaubereigeschichte und Astronomie, dann ging es eine Stunde nach der Mittagspause weiter mit der letzten Prüfung: Pflege magischer Geschöpfe. Lillyan beeilte sich extra mit dem Mittagessen, um sich ihre Notizen noch einmal durchzulesen, und sauste gleich darauf hoch in den Gryffindorturm. Der Gemeinschaftsraum war leer, alle Schüler verbrachten so einen schönen Nachmittag mit ihren Büchern oder ihren Freunden auf den Ländereien. Unwillkürlich musste Lillyan an Sirius denken. Auch er war gewiss gerade mit seinen Freunden unten am See und lernte für seine letzte ZAG Prüfung. Mit einem tiefen Seufzer zog sie ihre Notizen aus ihrer Tasche, setzte sich in einen der gemütlichen Sessel am Kamin und begann zu lesen. Gerade, als sie den letzten Notizzettel weggelegt hatte, sprang mit einem Mal das Portraitloch auf. Erschrocken wirbelte Lillyan herum und sah gerade noch, wie ein großes Mädchen mit langem, rotem Haar quasi durch den Gemeinschaftsraum flog und hinter der Türe zu den Mädchenschlafsälen verschwand. Oh nein, bitte nicht schon wieder! „Lily!“ rief Lillyan ihr hinterher, warf ihre Notizen kurzerhand in den Kamin und eilte ihrer besten Freundin hinterher in deren Schlafsaal. Lily saß auf ihrem Bett und hatte das Gesicht in den Händen vergraben. Ihre Schultern zuckten, so, als müsse sie krampfhaft das Schluchzen unterdrücken, ihr Haar lag wirr über ihren schmalen Schultern. Verdammt. So leicht ließ Lily sich nicht brechen. Was auch immer passiert war, es musste etwas Schlimmes gewesen sein. „Lily, was ist los?“ Im nu war Lillyan bei ihrer Freundin und legte ihr den Arm um die Schulter. „Rede mit mir, bitte.“ Lillyan schnürte sich die Kehle zu, als Lily langsam den Kopf hob. Auf ihren blassen Wangen schimmerten Tränen, ihre grünen Mandelaugen glänzten feucht. „Warum?“ flüsterte sie tonlos und schaute Lillyan voll Schmerz an. „Warum schon wieder? Und warum hat er…?“ „Was? Lily, was ist passiert? Erzähl es mir von Anfang an.“ Tröstend rieb Lillyan ihr den Rücken und versuchte, ganz ruhig zu bleiben, während sich ihr Magen dabei zusammenkrampfte, Lily weinen zu sehen. Diese schniefte, straffte die Schultern, sank erneut in sich zusammen und begann mit belegter Stimme: „Ich war gerade zusammen mit den Mädchen aus meiner Stufe unten am See, Lillyan. Wir haben uns gegenseitig noch einmal den Stoff für Verwandlung abgefragt, und da habe ich plötzlich gesehen, wie James Potter und seine Freunde-“ sie brach ab, als sie Lillyans Gesichtsausdruck sah. Lillyan war speiübel geworden, sie wusste, dass sie leichenblass sein musste. Was immer auch Lily so fertig machte, es hatte etwas mit Sirius zu tun. Möglicherweise auch mit Remus. Oh… nein. „Was war mit James Potter und seinen Freunden?“ hakte sie mit einer Stimme wie splitterndes Eis nach. Lily unterdrückte erneut ein Schluchzen. „Sie sind zu Severus hinübergegangen, der gerade ebenfalls draußen war.“ Allmählich wurde Lillyan klar, worauf Lily hinauswollte. Wenn Snape daran teilgehabt hatte, dann war James mal wieder zusammen mit seinen Freunden auf Snape losgegangen. Zusammen mit Sirius… Bitte nicht. „Sie haben ihn beleidigt, oh Lillyan, ich weiß nicht genau, was sie gesagt haben, aber sie haben die ganze Zeit Flüche auf ihn abgefeuert und er hat versucht sich zu wehren und alle Umstehenden haben nur gelacht, als sie ihn verspottet haben und dann“ Lily schnappte wütend nach Luft, „dann haben sie ihn, als er noch von einem Lähmfluch außer Gefecht gesetzt war, mit einem Seifenzauber im Mund beinahe erstickt, und da konnte ich es nicht mehr mit ansehen und bin…“ Lillyan war es, als würde eine unsichtbare Hand sie ebenfalls würgen. Himmel. Warum machte Sirius bei so etwas mit? Was hatte er davon, und warum ließ er es nicht einfach bleiben? „Lily, bitte, erzähl mir alles ganz genau. Im genauen Wortlaut bis ins Detail.“ Bat sie ihre Freundin und ihr wurde noch schlechter als ihr klarwurde, dass sie nicht hören wollte, was jetzt kam. „Das Erste, was ich mitbekommen habe, war, dass Black und Potter auf ihn zugegangen sind, und ihn außer Gefecht gesetzt haben, als er seinen Zauberstab gezogen hat. Kurz darauf hat Black ihn mit einem Lähmzauber belegt und Potter kam mit diesem blöden Seifenblasenfluch…“ Lillyans Magen sackte in ihre Knie. Sirius hatte Snape mit einem Lähmzauber belegt, ihn so wehrlos gemacht, nur um ihn weiter ungestört beschimpfen zu können? War das wirklich der Sirius Black, den sie kannte, den sie liebte? „Und dann hatte ich die Nase voll, bin zu ihnen hingegangen und habe ihnen gesagt, sie sollen ihn in Ruhe lassen. Und dieser Vollidiot Potter…“ Lilys sonst so sanfte Stimme überschlug sich vor Empörung, „er hat einfach so getan, als wäre nichts! Ich habe ihn gefragt, was Severus ihnen getan hat, und er hat gesagt, dass es mehr daran liegt, dass er existiert, woraufhin alle gelacht haben. Oh Lillyan, es macht mich so wütend!“ blanker Zorn lag in Lilys hasserfülltem Blick und Lillyan zuckte unwillkürlich davor zurück. Es war berechtigter Zorn, der sich jedoch auch gegen ihre Freunde wandte. Gegen Sirius und auch gegen Remus, da er anscheinend mal wieder überhaupt nichts getan hatte, um Sirius und James zurückzuhalten. Es enttäuschte sie und es machte sie traurig, dass die beiden zusammen mit James Potter zu ganz anderen Menschen zu werden schienen. „Ich habe ihm gesagt, dass er nicht lustig ist und dass er ein arroganter Quälgeist ist und ihn in Ruhe lassen soll, und da hatte er doch tatsächlich die Frechheit mir zu sagen, dass ich mit ihm ausgehen soll und dann tut er ihm nie wieder etwas!“ Lily atmete heftig, ihre unglaublichen Augen sprühten Funken. „In dem Moment war die Wirkung von dem Lähmzauber vorbei und Severus hat Potter eine tiefe Wunde ins Gesicht gehext. Potter wurde wütend und hat ihn kopfüber in der Luft hängen lassen. Sein Umhang ist runtergerutscht.“ Ach je. Lillyan wusste nicht, ob sie kichern oder blass werden sollte. Sie unterdrückte ein hysterisches Lachen und tat so, als wäre nichts. „Ich habe gesagt, er soll ihn runterlassen, und dann hat er ihn runterfallen lassen. Severus wollte sich rächen, aber Black hat ihn rechtzeitig mit einer Ganzkörperklammer belegt. Da ist mir endgültig der Kragen geplatzt und ich habe meinen Zauberstab rausgeholt. Potter hat gesagt, ich soll ihn nicht dazu zwingen, mich zu verhexen, und ich habe gesagt, dann soll er den Fluch wegnehmen, was er auch gemacht hat. Er meinte zu Sev, er habe Glück, dass ich da sei, und da sagte Sev- oh er sagte-“ und jetzt brach Lily endgültig zusammen, fiel auf ihr Bett und schluchzte hemmungslos. So ein Ausbruch der Verzweiflung sah der starken und intelligenten Lily gar nicht ähnlich. Lillyan überkam eine dunkle Ahnung und ihre Stimme wurde gefährlich ruhig. „Was hat er gesagt, Lily?“ hakte sie schneidend nach. Erneut wurde Lily vor Kummer geschüttelt und Lillyan zerriss es beinahe das Herz. „Er ist aufgestanden und hat gesagt, er bräuchte keine Hilfe von dreckigen kleinen Schlammblüterinnen wir mir!“ „Was?“ Lillyan war plötzlich auf den Beinen, obwohl sie sich nicht daran erinnern konnte, aufgestanden zu sein. Glühende Wut und rauchender Hass überschwemmten sie, vor ihren Augen wurde alles rot. „Was genau hat er gesagt, Lily? War das der genaue Wortlaut? Dreckige kleine Schlammblüterinnen?“ Lily schluchzte heftig auf und nickte dann, das Gesicht in ihrem Kissen vergraben. Weiß glühender Zorn leckte an Lillyans Eingeweiden. „Ich bringe ihn um. Ich bringe ihn eigenhändig um. Jetzt sofort!“ sie merkte, dass sie vor Wut laut geschrien hatte, aber es war ihr egal. Gerade wollte sie schon wutentbrannt aus der Türe stürzen, als Lily ihr in den Arm fiel. „Bitte nicht Lillyan!“ flüsterte sie erstickt. „Warum nicht, um Himmels Willen?“ Lillyan knurrte wie ein aggressiver Wolf. „Weil Severus sonst weiß, dass es mich fertig macht. Und das soll er nicht.“ Lillyan zögerte kurz, dann ließ sie sich auf Lilys bettelnden Blick hin wieder auf die Bettkante sinken. „Sag mir, dass du ihn verhext hast, Lily.“ Sie erkannte ihre Stimme kaum wieder vor Verachtung. „Sag mir, dass du ihn hast leiden lassen, dieses undankbare, rotzfreche Miststück!“ „Nein, das habe ich nicht.“ Gab Lily leise zurück. „Ich habe ihm nur gesagt, dass es mir in Zukunft egal ist und dass er sich mal die Unterhose waschen sollte!“ Lilys blasse Wangen färbten sich leicht rötlich und sie konnte ein verlegenes Grinsen nicht unterdrücken. „Na wenigstens etwas!“ knurrte Lillyan. „Sonst noch was?“ „Ja.“ Lily schniefte und sie wurde wieder ernst. „Potter hat Severus angebrüllt, er solle sich bei mir entschuldigen-“ „Das wäre das Mindeste!“ warf Lillyan ein, „Und ich hab gesagt, dass ich nicht will, dass ausgerechnet er ihn zwingt, sich zu entschuldigen, weil er genauso schlimm wäre wie er. Er war ziemlich entgeistert und hat gesagt, er würde so etwas nie zu mir sagen, und daraufhin bin ich ausgerastet und habe ihm klargemacht, was für ein Vollidiot er ist und dass er mich krank macht und bin weggelaufen.“ Stöhnend fiel sie wieder auf ihr Bett. Lillyan verschlug es vor Wut die Sprache und sie biss so fest die Zähne zusammen, dass sie das Gefühl hatte, gleich werde ihr Kiefer zerspringen. „Verdammt, Lily!“ brachte sie schließlich heraus. „Jetzt schlägt es aber dreizehn! Du musst die Freundschaft von dir und Snape unverzüglich beenden- so bald wie möglich und unwiderruflich. Er ist endgültig zu weit gegangen, Lily- alles andere wäre der komplette Hirnriss!“ Eine Sekunde lang blieb Lily nur reglos liegen und erwiderte nichts, dann nickte sie und begann, unkontrolliert zu zittern. „Du stimmst mir zu?“ Lillyan war völlig baff. „Immerhin das. Na los, komm her!“ fürsorglich zog sie ihre völlig fertige Freundin in eine sanfte Umarmung. „Er ist es nicht wert, Lily.“ Flüsterte sie ihr zu. „Er war es auch nie wert. Er bringt dir nur Unglück, Lily- und das weißt du auch.“ „Hm.“ Lily biss sich auf die zitternde Unterlippe, straffte die Schultern und schnappte sich ein Päckchen Taschentücher von ihrem Nachttisch. „Hey, du schaffst das!“ ermunterte Lillyan sie, erleichtert, dass ihre Freundin sich so schnell wieder erholte, und noch immer kochend vor unterdrücktem Zorn. Natürlich, es war nicht in Ordnung, was sie James und Sirius geleistet hatten, überhaupt nicht, aber das war Snape getan hatte, war mehr als nur gehässig- es war unverzeihlich. So etwas konnte man nicht wieder gut machen, vor allem nicht bei so einer tiefen Freundschaft. Lillyan wusste, dass sie Recht hatte. Lily musste ihn in den Wind schießen, augenblicklich. „Gut gemacht!“ lobte sie ihre beste Freundin erst einmal. „Ich würde sagen, Potter hast du’s gegeben und auch Snape ist vorerst gut versorgt. Wenn du die Freundschaft beendest, wird das Strafe genug für ihn sein. Und wegen Sirius mach dir mal keine Sorgen. Den werde ich mir noch vorknöpfen. Darauf freue ich mich schon.“ Das war gelogen. In ihrer Brust zog sich alles unbehaglich und schmerzlich zusammen, wenn sie an den Streit dachte, der ihr noch bevorstand, und der sich wohl nicht vermeiden lassen würde. Besorgt musterte Lily sie von der Seite, sie kannte Lillyan gut genug, um den Schmerz aus ihrem Tonfall herauszuhören. „Es tut mir leid.“ Flüsterte sie leise. Unwillig schüttelte Lillyan die unbehaglichen Gedanken ab und schüttelte nur den Kopf. „Dein bester Freund sagt zu dir Schlammblut und du machst dir Sorgen, weil ich mich mit Sirius streiten werde? Sei nicht albern, Lily.“ Verstimmt verzog Lily das Gesicht. „Erzähl mit nicht, dass es dich nicht verletzt, mit Black streiten zu müssen. Du liebst ihn.“ Lillyan stieß einen heftigen Fluch aus und griff sich mit der Hand an die Stirn. „Mach dir keine Gedanken Lily, okay? Zuerst einmal geht es hier um dich. Was ist eure letzte Prüfung?“ „Verwandlung.“ Antwortete Lily. „Na siehst du, das kannst du doch!“ ermunterte Lillyan sie. „Geh jetzt da runter und feg sie alle weg, schreib die beste Prüfung deines Lebens und merke dir: Sie können dir alle völlig egal sein! Egal, wer. Missachte Snape, egal was er sagt. Wenn Potter oder sonst wer noch was dazu sagt, ignoriere ihn. Sei stark und lass dich nicht runterziehen. Versprichst du mir das?“ Lily zögerte kurz, dann nickte sie. „Sehr schön.“ Abschließend stand Lillyan auf. „Komm, wir sorgen noch eben dafür, dass man dir nicht ansieht, dass irgendetwas war, und dann eilen wir, die letzten Prüfungen beginnen in zehn Minuten.“ „Ach Mist!“ unglücklich schaute Lily sie an. „Jetzt hab ich dich total verrückt gemacht! Was hast du jetzt?“ „Pflege magischer Wesen. Keine Sorge, das packe ich im Schlaf!“ versicherte Lillyan ihr und zog sie hoch. „Na los, Beeilung! Sonst schaffen wir es nicht mehr rechtzeitig!“ so schnell die Mädchen konnten, machten sie sich fertig und sausten dann im Eiltempo hinunter in ihre Prüfungsräume. Und während all dieser Zeit versuchte Lillyan nicht daran zu denken, dass sie nachher dringend noch mit Sirius reden musste.


    Mit Gedanken wie schwarze Gewitterwolken stieg Lillyan die Treppe zur Eingangshalle hinauf und öffnete das Portal. Überall um sie herum rannten ihre Mitschüler ausgelassen herum, planschten übermütig im schwarzen See oder plauderten einfach entspannt auf den Ländereien. Diese Freude konnte Lillyan nur zu gut nachvollziehen, aber sie war zu wütend, um sie selbst zu empfinden. Die Prüfungen waren vorbei und die Sonne schien warm und hell auf Hogwarts und die Umgebung, doch Lillyan konnte nicht guter Laune sein, nicht nach dem, was Sirius und Remus schon wieder ausgefressen hatte. Gut, in der letzten Zeit hatte sie sich an so einiges gewöhnt, so dass es für sie schon nichts besonderes mehr war, wenn Sirius und gelegentlich auch Remus regelmäßig nachsitzen oder Strafarbeiten verrichten mussten, aber manche Dinge gingen einfach zu weit und dazu gehörte auch, andere Menschen außer Gefecht zu setzen und dann auf ihnen herumzuhacken. Das war genauso feige, wie sich mit jemandem zu duellieren, der das noch nicht richtig konnte, und Lillyan hasste es, solche Feigheit bei ihren eigenen Freunden zu sehen. Sie musste mit Sirius reden, denn so etwas konnte sie nicht zulassen. Und eben vor diesem Gespräch hatte sie eine Heidenangst. Sirius reagierte nicht gut auf Kritik, und sie kannte ihn inzwischen gut genug um zu wissen, dass er sehr wütend auf sie sein würde, wenn sie ihm dazwischenfunkte, aber er übersah die wichtigsten Grenzen und sie musste verhindern, dass er noch einmal zu weit ging. Dieses Mal war er jedenfalls endgültig zu weit gegangen. Rauchend vor schwelendem Zorn knallte Lillyan das schwere Portal hinter sich zu, packte ihre Tasche fester und rauschte wie ein Racheengel die große Treppe hinauf. Was sie oben erwartete, verbesserte ihre Laune nicht gerade. Am Ende des langen Korridors, in dem sie nun stand, standen Sirius, Remus und Peter Pettigrew in einer Nische an der Wand, kicherten, scherzten und waren offensichtlich bester Laune. Lilys Gesicht stieg in Lillyans Erinnerung hoch, tränenverschmiert, die Haut aschfahl, die Augen gerötet vom vielen Weinen. Mörderischer Zorn schwemmte alles fort und ließ nur bodenlose Empörung zurück. Mit Schwung knallte Lillyan ihre Tasche auf ein nahegelegenes Fensterbrett und ging mit wilder, kaum gezügelter Wut, die Hände in die Seiten gestemmt, auf die drei Jungen zu. Außer ihnen war niemand hier, bei dem schönen Wetter waren alle draußen. Gut so. Remus bemerkte sie als erster. Bei ihrem Gesichtsausdruck wich er unwillkürlich zurück, bis er mit dem Rücken gegen die Wand stieß und schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund. Peter holte bei ihrem Anblick keuchend Luft und wimmerte verstört. Ein Eisblick von Lillyan reichte und er quiekte ängstlich und floh den Gang hinunter. Sirius stand mit dem Rücken zu ihr, sodass er sie bisher gar nicht bemerkt hatte. Bei Remus‘ Reaktion richtete er sich automatisch größer auf und fuhr alarmiert herum. „Lillyan.“ Begrüßte er sie und riss im nächsten Moment die Augen weit auf, als er ihren Gesichtsausdruck bemerkte. Lillyan wusste, dass ihre sonst so weichen, haselnussbraunen Augen vor Zorn Funken sprühten. „Lillyan? Was ist los?“ fragte Sirius argwöhnisch und erwiderte ihren Blick vorsichtig. „Was ist passiert?“ „Als ob du das nicht genau wüsstest!“ bebend vor Zorn baute Lillyan sich vor ihm auf und blitzte ihn an. „Willst du mir wirklich erzählen, dass du nicht weißt, warum ich so wütend auf dich bin? Ist es etwa eine Überraschung für dich, dass meine beste Freundin vor ein paar Stunden völlig aufgelöst zu mir kam und mir erzählt hat, dass du und Potter schon wieder auf Snape losgegangen seid? Willst du mir tatsächlich erzählen, dass ihr ihn nicht ohne Grund beleidigt, entwaffnet und verflucht habt? Glaubst du wirklich, ich kaufe dir das ab?“ Lillyans Stimme war immer lauter geworden und den letzten Satz schrie sie ihm praktisch ins Gesicht. Sirius wirkte völlig verblüfft und, wie Lillyan bereits gefürchtet hatte, auch verärgert. „Lillyan, wir…“ erklang Remus‘ schuldbewusste Stimme hinter Sirius, aber Lillyan ignorierte ihn einfach. „Wie könnt ihr es wagen, einfach ohne Grund jemanden wehrlos zu machen und ihn dann vor allen Leuten zu demütigen?“ fauchte sie wie eine gereizte Kobra. „Lillyan, beruhige dich!“ entnervt runzelte Sirius die Stirn und hielt sie an den Schultern fest. „Mein Gott, es war doch bloß Snape!“ „Ich will mich aber nicht beruhigen!“ wütend schüttelte Lillyan seine Hände ab. „Ich will von euch einen triftigen Grund hören, warum ihr das getan habt.“ „Jetzt komm aber mal wieder runter!“ herrschte Sirius sie an. Oh-oh. Unwillkürlich wich Lillyan einen Schritt zurück. Jetzt war er wütend, und wenn Sirius wütend war, dann war mit ihm nicht zu spaßen. Dumm nur, dass auch Lillyan ihre Wut kaum mehr zügeln konnte. Sirius‘ Augen blitzten zornig, als er nun seinerseits einen Schritt auf sie zutrat. „Okay, vielleicht bist du sauer, Lilly-An, aber das ist noch lange kein Grund dich hier so aufzuspielen und so laut zu brüllen, dass der Putz von den Wänden bröckelt!“ „Ich rege mich auf, wenn ich will!“ fauchte Lillyan ihn an. „Und du sagst mir nicht, ich solle mich nicht aufspielen, so, wie du dich vorhin zusammen mit Potter Snape gegenüber aufgespielt hast!“ „Mein Gott, was hast du bloß immer mit Snape?“ Jetzt rauchte auch Sirius vor Zorn, seine Stimme wurde immer lauter. „Immer nur Snape hier, Snape da, alles können wir tun, solange wir bloß Snape in Ruhe lassen! Was findest du nur an ihm? Siehst du denn gar nicht, was für ein jämmerlicher Trottel er ist? Was ist los mit dir, ist er dir wichtiger als unsere Freundschaft?“ Lillyan konnte ihn nur fassungslos anstarren. „Sirius, Lillyan, nicht doch!“ flehte Remus und packte Sirius am Ärmel. „Hört auf euch zu streiten, das ist es nicht wert!“ Unwillig machte Sirius sich von ihm los und bedachte ihn mit einem warnenden Blick. Lillyan wurde nur noch wütender. „Was soll das heißen, das ist es nicht wert?“ knurrte sie Remus an. „Genau darum geht es ja, dass es euch eben nichts wert ist, andere einfach in Ruhe zu lassen!“ „Lillyan-“ beschwichtigend hob Remus die Hände, aber sie wich vor ihm zurück. „Nein, nicht Lillyan! Ich will von euch eine ehrliche Antwort!“ „Also doch!“ Sirius war das Ebenbild des Zornes schlechthin. „Er ist dir tatsächlich mehr wert als unsere Freundschaft! Ich fass es nicht, bist du etwa verliebt in ihn oder was…“ „Was? Bist du jetzt völlig verrückt geworden?“ schrie Lillyan, ihre Stimme sprang zwei Oktaven in die Höhe, so aufgebracht war sie. „Warum um alles in der Welt sollte ich in Snape verliebt sein? Und was soll das Theater jetzt? Warum greift ihr ihn erst ohne Grund an und dann tut ihr so, als wäre er selbst schuld?“ „Das ist er doch!“ Ärgerlich raufte Sirius sich die braunen Locken. „Wer hat denn hier Spaß daran, anderen Leuten zu schaden?“ „Na ich jedenfalls nicht!“ fauchte Lillyan zurück. „Schließlich habt ihr jemanden kopfüber aufgehängt!“ „Und er hatte es verdient!“ bellte Sirius. „Ach ja? Und womit speziell?“ Lillyans Stimme steigerte sich zu einem hohen Kreischen. „Damit dass er lebt!“ blaffte Sirius sie an. Von einer Sekunde auf die andere wurde Lillyan ganz ruhig. Gefährlich ruhig. „Aha.“ Sagte sie leise und mit vernichtendem Tonfall. „Damit dass er lebt also. Werden wir jetzt schon genauso arrogant wie Potter? Rühmen wir uns jetzt auch damit, dass wir viel klüger und besser sind als alle anderen?“ „Wage es nicht, meine Freunde zu beleidigen!“ knurrte Sirius drohend. In Lillyans Herz entstand ein tiefer Riss. Fast hätte sie vor Schmerz laut aufgekeucht. „Ich dachte, ich gehöre auch zu deinen Freunden.“ Ihre Stimme zitterte kaum merklich. Sirius erwiderte nichts, sein Blick war tödlich. Weiß glühender Schmerz spaltete Lillyans Kopf, als sie seine stumme Antwort in seinen Augen las. „Ach so.“ flüsterte sie, noch zu benommen, um richtig zu realisieren, was er eigentlich gerade indirekt bestätigt hatte. „Na dann.“ Wie in einer Trance blickte sie hinauf in seine Funken sprühenden Augen, in dieses ganz besondere Gesicht. „War’s das dann, Sirius Black?“ Kaum merklich verengten sich seine Augen, aber Lillyan war das Antwort genug. „Gut.“ Stieß sie noch hervor, dann konnte sie nicht mehr sprechen. Wortlos drehte sie sich um, nahm im Vorbeilaufen ihre Tasche vom Fensterbrett und stürmte davon. „Lillyan! Lillyan, warte!“ hörte sie Remus hinter sich rufen, aber sie drehte sich nicht noch einmal um, lief nur schneller. Schmerz rollte in Wellen über sie herein, überschwemmte sie, drückte sie nieder. Und sie hatte wirklich geglaubt, Sirius etwas zu bedeuten, sie hatte gedacht, sie wäre ihm wichtiger als seine möchtegerncoolen Machenschaften mit James Potter. Aber sie hatte sich getäuscht. Sie war ihm nicht wichtig, und seinem Blick nach zu urteilen, schon lange nicht mehr. Vielleicht war sie es nie gewesen. Als sie an seinen Blick zurückdachte, an die schneidende Kälte, die auf einmal in diesen sonst so warmen, weichen, dunklen Augen gelegen hatte, machte ihr Herz einen seltsamen Ruck- und zerbarst in Abermillionen glitzernde Scherben. Der Schmerz nahm ihr den Atem. Schon oft hatte sie Schmerzen ertragen müssen, bei Quidditchverletzungen am meisten, aber das hier war wider alle Vorstellungskraft. Sirius. Oh Gott, es tat so weh. Wie konnte es sein, dass sie ihm von einer Sekunde auf die andere so gar nichts mehr bedeutete? Wie betäubt setzte Lillyan einen Fuß vor den anderen, bis sie sich schließlich vor dem Portraitloch wiederfand. „Walfang.“ Sagte sie hölzern und das Portrait klappte zur Seite. Zum Glück war der Gemeinschaftsraum leer, so dass sie ohne aufgehalten zu werden in ihren Schlafsaal gelangte. Dort angekommen warf sie sich auf ihr Bett, zog die Decke über den Kopf, rollte sich zu einer Kugel zusammen und ließ ihrem Schmerz freien Lauf.

    *

    Die Nacht, die auf diesen Streit folgte, war die schlimmste Nacht, die Lillyan je erlebt hatte. Scheinbar ewig hatte sie wachgelegen, sich von einer Seite auf die andere geworfen und stumm in ihre Kissen geweint. Entsprechend sah sie am anderen Morgen auch aus, und fixierte bestürzt das fremde, verquollene Wesen, das sie aus dem Spiegel heraus anstarrte. Das Mädchen mit den strähnigen, braunen Haaren war aschfahler als jedes Gespenst und ihre dunkelrot unterlaufenen, verweinten Augen schauten so leer und ausdruckslos, dass Lillyan selbst erschrak. Von einem Tag auf den nächsten war sie von einer gewöhnlichen Hexe zum Marsmenschen mutiert. Wie auch nicht. Nachdem sie sich endlich in den Schlaf geweint hatte, waren die Schmerzen, die sich immer mehr zu Höllenqualen gesteigert hatten, verschwunden und hatten eine seltsame, geisterhafte Leere in ihrem Inneren hinterlassen. Sie fühlte sich wie eine leblose Hülle. Eigentlich wäre es ihr egal gewesen, wenn jeder sofort gesehen hätte, wie sie sich fühlte, aber da sie Sirius keinen Triumph gönnen wollte, holte sie doch ihren Zauberstab hervor und schaffte es, ihr verunstaltetes Gesicht wieder in sein ganz normales Aussehen zu bringen, noch bevor die anderen aufwachten. Den üblichen Morgentrubel erlebte Lillyan wie durch einen Schleier. Sie wunderte sich noch nicht einmal darüber, dass niemand bemerkte, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Es war ihr einfach egal. Alles war egal geworden. Erst, als Mary Olivia und Emily lautstark erzählte, dass Snape gestern um ein Haar vor dem Gryffindorgemeinschaftsraum übernachtet hätte, wurde sie hellhörig. Ihr Schmerz hin oder her, wenn es um die Probleme ihrer Freunde ging, standen ihre eigenen automatisch im Hintergrund. Leider weigerte sich Mary strikt, in Lillyans Anwesenheit weitere Informationen weiterzugeben, und da Lillyan es nicht fertigbrachte, ihr zu erzählen, dass sie gar nicht mehr mit Sirius befreundet war und Mary sich ihre Eifersuchtsnummer daher sonst wohin stecken konnte, rannte sie sobald sie fertig angezogen war nach oben und zerrte Lily aus ihrem Schlafsaal mit nach draußen auf die Ländereien. „Was war gestern mit Snape?“ begann sie sofort, kaum dass sie etwas abseits vom Schloss waren. „Mary hat gesagt, Snape wollte vor unserem Gemeinschaftsraum übernachten. Stimmt das?“ „Ach je.“ Mit einem tiefen Seufzer strich Lily sich ein paar Strähnen ihres leuchtend roten Haares hinter die Ohren und rieb sich die Stirn. „Kann Mary eigentlich wirklich keine fünf Minuten den Mund halten? In letzter Zeit ist sie schlimmer als Olivia es je war!“ „Ich weiß.“ Lillyan seufzte ebenfalls. „Also, was ist nun?“ „Ja, er ist gestern noch einmal vor den Gemeinschaftsraum gekommen. Mary hat mich geholt, weil er ihr gedroht hat, davor zu übernachten, wenn ich nicht rauskomme. Er hat versucht, sich bei mir zu entschuldigen, aber ich habe ihn nicht gelassen. Ich habe ihn vollkommen herunterlaufenlassen Lillyan, ganz so, wie du es gesagt hast. Ich habe ihm die Freundschaft auf ewig gekündigt.“ Besorgt musterte Lillyan die Freundin. Sie sah zwar betrübt aus, aber sie schien sehr gut mit der ganzen Sache klarzukommen. Jedenfalls besser als Lillyan den Streit mit ihren beiden Freunden verkraften konnte. „Hey, gut gemacht!“ sagte sie leise und legte Lily sanft den Arm um die Schultern. Mit einem traurigen, kleinen Lächeln auf den Lippen schaute diese auf und Lillyan war überrascht, dass sie keine Tränen in diesen verblüffend grünen Augen erblickte. Lily war wahrhaft stark. Bei der offensichtlichen Stärke ihrer besten Freundin flammte der weißglühende Schmerz erneut in Lillyan auf. „Wie hat er reagiert?“ fragte sie trotzdem und unterdrückte den Schmerz, zwang ihn zurück in die eisige Leere in ihrem Herzen. „Er wollte mich nicht gehen lassen.“ Lily schüttelte nur den Kopf. „Aber ich habe ihm keine Wahl gelassen. Und in gewisser Weise bin ich auch irgendwie… erleichtert.“ „Erleichtert?“ verblüfft schaute Lillyan sie an. Eigentlich hatte sie mit heftiger Traurigkeit gerechnet, und Lilys offene Ruhe bei diesem Thema brachte sie völlig durcheinander. „Heißt das, du liebst ihn nicht mehr?“ Lily zuckte nur die Schultern. „Ich glaube nicht, zumindest nicht mehr so sehr. Ich habe offen beschlossen, ihn fallen zu lassen, und ich weiß, es war die richtige Entscheidung. Noch ein wenig Zeit, und ich bin völlig darüber hinweg, glaub mir.“ Jäher Stolz keimte in Lillyan auf, als ihre beste Freundin die Schulter straffte und ihr fest entschlossen in die Augen sah. „Es ist das Beste so, Lily. Für alle Beteiligten.“ Lily nickte und lächelte Lillyan an. „Komm, gehen wir lieber in die Große Halle und besorgen wir uns noch was zu Essen, bevor die anderen uns alles weggegessen haben!“ schlug sie vor und zwinkerte Lillyan zu. Unwillkürlich erstarrte Lillyan. Wenn alle jetzt in der Großen Halle waren, war er auch dort. Oh Himmel. Sie konnte ihn jetzt nicht sehen. Sie konnte überhaupt nichts mehr. Verdammt, es tat so weh. Erst, als ihre Fingernägel sich in ihr Top krallten bemerkte Lillyan, dass sie am ganzen Körper zitterte. Übelkeit breitete sich in ihrem Magen aus und ließ ihre Knie unter ihr nachgeben. „Lillyan!“ hörte sie Lilys erschrockene Stimme sagen. „Lillyan, was ist passiert?“ Warme, sichere Hände stützten sie, als sie beinahe das Gleichgewicht verlor. „Lillyan?“ „Ich kann nicht da reingehen.“ Stieß Lillyan abgehackt hervor, und versuchte mit aller Kraft, die Übelkeit und den Schmerz zu überwinden. „Wieso nicht? Lillyan, antworte mir!“ Heftig packte Lily sie an den Schultern und schüttelte sie leicht. „Was ist los?“ Und dann hob Lillyan den Blick und Lily schnappte nach Luft, als sie ihr schmerzverzerrtes Gesicht sah. „Black.“ Es war keine Frage, es war eine Verwünschung. „Ach, verflucht.“ Lieber Gott, seinen Namen zu hören tat noch mehr weh. Es brannte wie Säure in ihrem Herzen. Erbost über ihre eigene Schwäche kämpfte Lillyan den Schmerz nieder und verspürte eine grimmige Befriedigung, als sie es endlich geschafft hatte. „Was ist passiert? Habt ihr euch gestritten und er hat dich beleidigt? Lillyan, erzähl es mir.“ Vorsichtig nahm Lily sie in die Arme, streichelte ihren Rücken und zeigte ihr wortlos ihren Beistand, solange bis Lillyan endlich wieder fähig war, zu sprechen. „Erzähl mir alles.“ Bat sie schließlich, und Lillyan gehorchte. Als sie geendet hatte, war Lily ungefähr genauso blass wie sie selbst. „Ich kann es kaum glauben.“ Sagte sie mit hohler Stimme. „Ich fasse es einfach nicht, dass er das wirklich so meint, Lillyan. Ich hatte immer das Gefühl, Black würde dich wirklich mögen, ich war mir fast sicher, du wärst ihm von allen am wichtigsten!“ „Tja.“ Lillyan verkniff sich ein Aufschluchzen und riss sich zusammen. „Es tut mir so leid, Lill.“ Mitfühlend drückte Lily ihre Hand. „So sehr, wirklich. Ich weiß ja, wie wichtig er dir ist. Ich weiß, wie sehr du ihr liebst. Aber Lillyan…“ ernst schaute sie sie an. „Ich möchte dich an etwas erinnern, das du selbst zu mir gesagt hast. Vielleicht ist Black die Liebe deines Lebens, aber er hat dich jetzt so sehr verletzt. Er hat sich unmöglich benommen und vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen um…“ hilflos verstummte Lily. „Um was?“ resigniert erwiderte Lillyan ihren Blick. „Um ihn zu vergessen?“ Langsam nickte Lily. Lillyan konnte nichts erwidern. Am liebsten wollte sie überhaupt nie wieder etwas sagen oder auch nur etwas denken. Und vor allem nichts fühlen. „Lily, ich…“ kopfschüttelnd brach sie ab. „Es ist okay!“ beruhigte Lily sie sofort. „Ich habe es ja auch nicht so gemeint. Lass dir ruhig Zeit, das alles noch einmal in Ruhe zu durchdenken, bevor du dich entscheidest, wie es weitergehen soll. „Danke.“ Murmelte Lillyan erschöpft. „Alles in Ordnung, Lillyan. Das wird schon!“ Erneut nahm Lily sie in den Arm. „Weißt du was? Jetzt gehen wir in die Große Halle und du zeigst ihm, dass er dich nicht kleingekriegt hat. Zeig ihm, dass du stark bist. Dass du nicht auf ihn angewiesen bist. Beachte ihn gar nicht. Er wird es noch bitter bereuen, dich so behandelt zu haben. Komm schon!“ sagte sie entschieden, als Lillyan kopfschüttelnd zurückwich. „Du schaffst das, ich weiß es! Zeig’s ihm! Du bist stark, du bist doch sonst immer viel stärker als ich! Und wenn ich es Severus zeigen kann, dann kannst du es Black dreimal zeigen!“ Zuerst zögerte Lillyan kurz, aber dann nickte sie. Lily lächelte triumphierend. „Siehst du! Und jetzt komm!“ energisch zog sie Lillyan hinter sich her auf das Schlosstor zu. Unentschlossen trottete Lillyan hinterher und fragte sich insgeheim, ob sie es tatsächlich schaffen würde, ihn zu sehen, ohne zusammenzubrechen. Doch gerade ob sie sich überlegte, ob sie nicht doch lieber weglaufen sollte, blieb Lily plötzlich wie angewurzelt stehen. „Lily?“ fragte Lillyan alarmiert und war mit ein paar Schritten neben ihr. Und dann sah sie es. Weiter hinten auf den Ländereien war jemand und kam mit langen Schritten genau auf die beiden Mädchen zu und dieser jemand war- „Remus!“ keuchte Lillyan erstaunt. Er schien in der Eulerei gewesen zu sein und war jetzt auf dem Rückweg, aber er kam eindeutig zu Lillyan und Lily hinüber. Als er näher kam, entdeckte Lillyan Schuldgefühle auf seinem Gesicht- Schuldgefühle und Traurigkeit. „Ich… ich geh dann wohl besser und lass euch allein.“ Murmelte Lily ihr zu und verschwand in Richtung Schlosstor. Ratlos, was sie jetzt tun sollte, stand Lillyan da und wartete darauf, dass Remus sie erreichte. Als er schließlich vor ihr stehenblieb, war es Lillyan, als stünde sie bereits seit einer halben Million Jahren hier. Verunsichert und verwirrt betrachtete sie ihre Schuhspitzen. „Lillyan?“ hörte sie Remus zögernd fragen. Unwillkürlich schaute sie auf und traf seinen Blick. Seine braunen Augen waren voller Reue. „Es- es tut mir so leid, was gestern passiert ist.“ Nervös verschränkte er die Hände miteinander und löste sie wieder. „Ich habe zwar nicht direkt mitgemacht, aber es war auch meine Schuld, wie du weißt. Ich hätte etwas sagen sollen. Ich hätte sie aufhalten sollen. Es wäre meine Aufgabe gewesen, meine Freunde davon abzuhalten, egal, welchen Streit ich danach mit ihnen gehabt hätte. Das habe ich nicht getan, und das tut mir unendlich leid. Ich verspreche dir, es beim nächsten Mal besser zu machen. Kannst du mir noch einmal verzeihen, dass ich so feige war?“ Für einen Moment lang schaute Lillyan ihn nur an, dann stieg ein leises Schluchzen in ihrer Kehle auf. Ihr war mit einem Mal, als hätte ihr jemand einen Stein vom Herzen genommen. Zwar lag dort noch ein viel größerer Stein und drückte sie nieder, aber doch verspürte sie eine unglaubliche Erleichterung. Am liebsten wäre sie ihm um den Hals gefallen aber sie beherrschte sich. „Ich bin froh, dass du das so siehst, Remus.“ Sagte sie schließlich leise. „Und ich bin sehr froh, dass du dich entschuldigt hast. Ich weiß, Snape würde deine Entschuldigung niemals annehmen, aber ich tue es. Natürlich war das unverantwortlich von dir, aber ich kann spüren, dass es dir ehrlich Leid tut. Natürlich verzeihe ich dir, Remus.“ Kaum hatte sie zu Ende gesprochen, fiel die Traurigkeit von Remus‘ Gesicht ab und machte einer wilden Freude Platz. „Ich danke dir.“ Flüsterte er heiser. Lillyan konnte einfach nicht anders: sie lachte auf und umarmte ihn. Er umarmte sie so heftig zurück, dass sie dachte, sie würde umfallen. „Hoppla!“ rief sie aus und lachte erneut, als er sie festhielt und sie beinahe das Gleichgewicht verlor. Zur Antwort lachte er leise und zog sie näher zu sich, sodass sie wieder stabil stand. Voller Freude vergrub Lillyan das Gesicht in seinem Umhang und schloss die Augen. Zufrieden legte Remus sein Kinn auf ihre Schulter. Sie brauchten einige Sekunden, bis sie sich wieder voneinander lösen konnten. In Remus‘ Augen lag ein unbändiges Glück über ihre Versöhnung, das auch Lillyan in sich verspürte, doch bevor sie noch etwas sagen konnte, fuhr Remus auf einmal herum und schaute erschrocken zum Schloss hinüber. Lillyan wirbelte herum und augenblicklich wurde ihr schlecht. Im Schlosstor, direkt gegenüber von ihnen, stand Sirius und auf seinem Gesicht lag solche Abscheu, dass sowohl Lillyan als auch Remus gleichzeitig vor ihm zurückwichen, obwohl er noch Meter von ihnen entfernt war. „Ach du…“ entfuhr es Remus. Lillyan konnte Sirius nur anglotzen. Der Schmerz, der bei seinem Auftreten in ihr aufgeflammt war, war so grotesk, dass er sie noch nicht einmal mehr zum Zusammenbrechen brachte. Er brannte einfach wie ein wildes Höllenfeuer in der Leere in ihrem Herzen. Wie in einem Traum beobachtete Lillyan erstarrt, wie Sirius auf sie zukam. Seine langen, eleganten Schritte und sein dunkles, volles Haar, das leicht im Wind wehte, machten alles nur noch schlimmer. Obwohl sie ihn für alles, was er gestern getan hatte, hassen sollte, liebte sie ihn doch noch verzweifelt. Innerlich stieß sie einen deftigen Fluch aus. Am allerschlimmsten war, dass er sie nicht eines Blickes würdigte. Die schwelende Wut in seinem Gesicht hatte sich innerhalb von Millisekunden verflüchtigt und einer Gleichgültigkeit platz gemacht, die fast ebenso beängstigend wirkte. Als er nur noch wenige Schritte von den beiden entfernt war, blieb Sirius stehen und schaute Remus an. „Moony, Krone sagt, du sollst kommen.“ Sagte er, ungerührt von Lillyans Anwesenheit. „Wir müssen noch etwas besprechen.“ „Ähm- okay.“ Remus warf Lillyan einen entschuldigenden Blick zu und wandte sich dann zum Gehen. „Wir sehen uns später, Lillyan, okay?“ „Okay.“ Lillyan zwang ihr Gesicht zu einem unbekümmerten Lächeln, während sie Sirius ebenso geflissentlich missachtete wie er sie. „Ich wollte Erin sowieso noch etwas fragen.“ „Mach das“, Remus zwinkerte ihr freundschaftlich zu, „schließlich müsst ihr für das Spiel morgen in Höchstform sein.“ Ach du Scheiße. Lillyan erschrak so heftig, dass sie beinahe einen Hustenanfall bekam. Das hatte sie ganz vergessen. Morgen sollte ja das letzte Quidditchspiel der Saison stattfinden: Gryffindor gegen Ravenclaw. Und sie würde wieder als Jägerin antreten… zusammen mit Sirius. Ihr Magen drehte sich um allein bei dem Gedanken, noch mehr in seiner Nähe zu sein. Auch Sirius verzog das Gesicht, als Remus das Spiel erwähnte, doch anstatt einen Kommentar dazu abzugeben, sagte er nur: „Komm jetzt, Moony.“ Und stolzierte davon. Remus lächelte ihr noch einmal zu und folgte dann seinem Freund über die Wiese zum Schloss hinüber. Und Lillyan stand auf dem taufeuchten Gras, starrte den beiden Jungen hinterher und fragte sich, wie dieser sowieso schon furchtbare Tag es in den letzten zwei Minuten geschafft hatte, noch schlimmer zu werden.

    9
    9. Gryffindor gegen Ravenclaw
    Der restliche Tag wurde zu einer solchen Katastrophe, dass Lillyan sich schließlich in ihrem Schlafsaal verschanzte und sich mit lernen abzulenken versuchte, bis ihr der Schädel brummte. Am Abend ging sie bereits gleich nach dem Abendessen zu Bett und doch dauerte es eine ganz schöne Weile, bis sie endlich einschlafen konnte. Es kam ihr vor, als hätte sie gerade mal ein paar Minuten geschlafen, als jemand sie heftig an der Schulter rüttelte. Unwillig öffnete sie die Augen zur Hälfte- und riss sich augenblicklich die Decke bis ans Kinn. „Erin, das hier ist der Mädchenschlafsaal!“ rief sie entsetzt, doch dann realisierte sie den Anblick ihres Quidditchkapitäns und schnappte nach Luft vor Schreck. Erins sonst so ordentliches, glattes Haar stand wild nach allen Seiten hin vom Kopf ab, seine Augen waren voller Grauen und unnatürlich weit aufgerissen und er war so bleich, dass sie ihn unwillkürlich mit dem fast kopflosen Nick verwechselt hätte, wenn sie es nicht besser gewusst hätte. „Erin- um Himmels Willen, was ist passiert?“ stieß sie hervor. Inzwischen wurden auch die anderen Mädchen im Schlafsaal wach und begriffen, dass etwas nicht stimmte. Mary kreischte wie eine Todesfee und rannte wie von der Tarantel gestochen aus dem Raum, als sie merkte, dass ein Junge an Lillyans Bett stand, der Rest schaute einfach nur verblüfft zu Erin hinüber. „Wir sind verloren, Lillyan.“ Sagte dieser dumpf und sank zu Boden. Schnell warf Lillyan ihre Bettdecke beiseite und zog Erin mit aller Kraft hoch, sodass er auf ihrem Bettrand saß, bevor sie sich besorgt vor ihn kniete. Innerlich dankte sie Gott tausendmal dafür, dass sie am liebsten mit T-Shirt und Sporthose schlafen ging. „Erin!“ voller Angst wegen seines hoffnungslosen Auftretens schüttelte sie ihn heftig. „Erin, was ist los? Sag es mir!“ Endlich hob er den Kopf und schaute sie an, in seinem Blick lag derartige Verzweiflung, dass Lillyan augenblicklich das Herz in die Hosen rutschte. Ihre Eingeweide verkrampften sich zu Eisklumpen. Was immer mit ihm los war, es musste etwas mit dem Quidditchspiel zu tun haben. „James und Sirius müssen nachsitzen.“ Sagte Erin mit leerer Stimme und zerstörte damit Lillyans letzte Hoffnungen. Sie begriff sofort, was das zur Folge hatte. „Was?“ voller Schock starrte sie ihn an. „Das kann nicht sein, Erin sag mir, dass das nicht wahr ist!“ „Doch, es ist wahr.“ Erin konnte offenbar vor Verzweiflung kaum sprechen. „Und dazu kommt noch, dass Lea gestern Abend von einem Slytherin angegriffen wurde und jetzt mit einer unbekannten Krankheit im Krankenflügel liegt.“ Lillyan wurde es für einen Moment schwarz vor Augen. Alles in ihr gefror. Wie um alles in der Welt sollten sie ein Quidditchspiel bestreiten, mit nur einer Jägerin, und, was noch viel schlimmer war, ohne Sucher? Es dauerte ein paar Sekunden, bis sich ihr Entsetzen zu bebender Wut steigerte. „Wo sind sie?“ zischte sie wie ein zorniger Drache und war in Lichtgeschwindigkeit an der Türe. „Wo sind diese erbärmlichen Würmer? Ich drehe ihnen eigenhändig den Hals um!“ „Lillyan, nicht!“ bat Erin so leise, dass es kaum verständlich war. „Ich habe dich nicht geweckt, damit du Sirius und James umbringst, glaub mir, das hat McGonagall schon getan, ich habe sie noch nie so wütend erlebt, sondern ich habe dich geweckt, damit du mir hilfst, die fehlenden Spieler zu ersetzen. Meinst du, wir haben überhaupt noch Chancen, selbst wenn wir die fehlenden Spieler ersetzen?“ Erin schaute sie so hoffnungsvoll an, dass Lillyan es nicht übers Herz brachte ihm zu sagen, dass ihre Chancen zu gewinnen ungefähr auf Null Komma Null geschrumpft waren. Stattdessen versuchte sie, ruhig zu bleiben. „Wer hat noch alles bei den Testspielen gut abgeschnitten?“ erkundigte sie sich. „Michael Thornton, Dorothee Finch und Jason Bright waren die, die als Jäger nach euch am besten abgeschnitten haben, allerdings wart ihr mit Abstand die besten und noch dazu kommt, dass keiner unserer Ersatzspieler auch nur im Mindesten trainiert ist.“ Lillyan biss hart die Zähne aufeinander und nickte. „Und die Ersatz-Sucher?“ fragte sie hoffnungslos. Egal was Erin jetzt sagte, sie beide wussten genau, dass es keinen Sucher gab, der auch nur ein kleines Bisschen an die Kunst von James Potter herankam. „Armin Morningstar und Veronica Webber. Aber keiner von beiden ist besonders talentiert.“ Als Lillyan an die Auswahlspiele des Suchers dachte, konnte sie sich ein Schaudern nicht verkneifen. Die beiden, die Erin gerade genannt hatte, waren zwar nach Potter zweifellos die Besten gewesen, doch selbst Armin, der besser geflogen war als Veronica, hatte es geschafft, mehr als einmal vom Besen zu fallen. Mit einem von beiden als Sucher konnten sie hundertprozentig einpacken. Da schoss ihr mit einem Mal ein Gedanke durch den Kopf. Ein verrückter Gedanke. Aber vielleicht- „Erin-“ Lillyan fuhr hoch und schaute ihn mit neuer Hoffnung an. „Erin, ich hab eine Idee. Vielleicht bist du davon nicht überzeugt, aber ich glaube, es ist die einzige Möglichkeit.“ „Welche?“ jetzt wurde Erin hellhörig. Fest schaute Lillyan ihm in die Augen. „Mach mich zur Sucherin.“ Sagte sie ruhig. Für einen Moment lang schaute Erin sie fassungslos an, dass lachte er freudlos auf. „Oh nein.“ Sagte er resigniert. „Warum nicht?“ Lillyan war Feuer und Flamme. „Ich weiß, du hast mich noch nie als Sucher spielen sehen, aber ich kann mich wenigstens auf dem Besen halten und ich bin schnell und wendig. Ich könnte uns da raushauen Erin- bevor wir auch nur ansatzweise in Gefahr kommen, zu verlieren.“ Doch Erin teilte ihre Euphorie keinesfalls. „Es tut mir leid, Lillyan, aber nein.“ Sagte er. „Ich kann nicht auch noch meine letzte und beste Jägerin aus dem Jägerteam herausnehmen. Das würde unseren Untergang bedeuten. Du schießt uns auch allein genug Tore, so gut, wie du spielst, und selbst wenn unser Sucher den Schnatz nicht fängt, sondern der Ravenclawsucher, dann haben wir trotzdem gewonnen.“ „Überschätze meine Fähigkeiten nicht, Erin.“ Warnte Lillyan ihn. „So gut, wie du mich gerade beschrieben hast, bin ich nicht. Ich kann nicht ganz allein gegen die Ravenclawjäger gewinnen, und die anderen beiden Jäger, egal, welche wir nehmen, werden mit Teamspiel keinerlei Erfahrung haben. Bitte, Erin. Vertrau mir, nur ein einziges Mal. Ich kann uns da raushauen, ich kann uns retten. Niemand wird sagen können, wir hätten diesen Ausfall nicht locker überwunden.“ Ein paar Momente lang schauten sie sich in die Augen und stritten wortlos weiter, dann sagte Erin: „Nein.“ Das war sein letztes Wort, und Lillyan wusste das. Enttäuscht über die wenig weise Reaktion ihres Kapitäns schüttelte sie trübsinnig den Kopf. „Als beste Jägerin bist du für mich unentbehrlich.“ Stellte er klipp und klar fest. „Und obwohl Armin bei den Auswahlspielen nicht besonders gut war, bin ich sicher, er wird uns überraschen.“ „Zweifellos.“ Murmelte Lillyan ernüchtert. „Die Frage ist nur, ob er uns positiv oder negativ überraschen wird.“ Wütend schüttelte Erin den Kopf. „Jetzt fang bitte nicht auch noch an, die Motivation zu verlieren. Hilf mir lieber, wen du mit ins Jägerteam nehmen würdest.“ Immer noch sauer, aber doch bedacht, dachte Lillyan nach. „Michael und Jason sind am besten geflogen, “ Sagte sie schließlich, „aber ins Team würde ich Michael und Dorothee nehmen.“ „Warum das?“ fiel Erin ihr sofort in den Rücken. „Wenn Jason besser war als Dorothee, warum sollten wir dann Dorothee an seiner Stelle ins Team aufnehmen?“ „Erin, wenn du nicht vorhast, mit mitentscheiden zu lassen, warum hast du mich dann überhaupt gefragt?“ entnervt setzte Lillyan sich neben ihn auf ihre Bettkante. Ihre Freundinnen waren jetzt alle wach und lauschten dem Wortwechsel gespannt. „Ja, Jason ist vielleicht besser geflogen, aber bei den Jägern kommt es sehr auf Teamspiel an. Jason ist gut, ohne Zweifel, aber im Teamspiel mit Michael und mir hat es bei ihm nicht halb so gut funktioniert, wie bei Dorothee. Hör wenigstens diesmal auf mich, Erin. Bitte. Nimm Jason ins Team auf und wir haben nicht einmal mehr den leisesten Hauch einer Chance.“ „Das glaube ich nicht.“ Jetzt war Erin beleidigt. „Tu doch nicht so, als hättest du mehr Ahnung davon, wie man ein Team aufstellt, als ich, Lillyan. Immerhin bin ich der Kapitän.“ „Erin, du warst doch sonst immer so vernünftig.“ Versuchte Lillyan ihn zur Vernunft zu bringen. „Was ist heute los mit dir? Natürlich bist du aufgeregt, weil James und Sirius ausfallen, aber ich hätte von dir erwartet, dass du trotzdem die Nerven behältst.“ „Eben das tue ich, und deshalb werde ich auch die besten Ersatzspieler ins Team aufnehmen. Entschuldige bitte, Lillyan, aber ich bin der Meinung, es ist am besten so. Wir sehen uns dann nachher auf dem Spielfeld. Und bitte pass gut auf dich und auf deinen Besen auf, ja?“ „Ja, Erin.“ Murrte Lillyan missgelaunt. Erst fielen James, Sirius und Lea alle gleichzeitig aus und dann ging Erin auf keinen einzigen ihrer Vorschläge ein. Dieser Tag begann ja gut. Erin ging hinaus und Lillyan sauste zu ihrem Schrank hinüber. Es dauerte keine Minute, da hatte sie sich auch schon ihren Quidditchumhang übergestreift und ihren Zauberstab gezückt. „Wohin willst du denn so schnell?“ wollte Olivia wissen und betrachtete misstrauisch Lillyans Zauberstab. „Und was hast du damit vor?“ Schwer atmend blieb Lillyan vor der Türe stehen und drehte sich noch einmal um. „Ich erteile den sehr ehrenwerten Herren Sirius Black und James Potter eine Lektion und hexe sie anschließend in Grund und Boden.“ War die Antwort. Olivia riss erstaunt die Augen auf. „Aber du und Black, ihr seid doch- seid ihr denn nicht…“ Wieder einmal musste Lillyan den Schmerz niederkämpfen und unterbrach Olivias Gestotter hart. „Ja, wir waren befreundet, aber das sind wir inzwischen nicht mehr.“ Fuhr sie sie an. „Und sag das am besten auch gleich Mary, damit sie endlich mit ihrer bescheuerten Eifersuchtsnummer aufhört. Sie kann ihn haben, okay? Es ist mir egal!“ wutentbrannt wirbelte Lillyan herum, riss die Türe auf und stürmte die Treppe hinunter. Für die Schüler im Gemeinschaftsraum war sie nur als roter Blitz zu erkennen, dann kletterte sie auch schon in Windeseile durch das Portraitloch und sauste durch die Korridore von Hogwarts. Heute würde sie in einem völlig unkoordinierten, nicht aufeinander eingespielten Team spielen, und das war allein die Schuld von Sirius und James. ‚Na wartet nur, ihr könnt was erleben!‘ dachte Lillyan hasserfüllt und bog in den Gobelinkorridor ein. Und, endlich, da waren sie. Sirius und James standen an der Ecke und fühlten sich scheinbar ziemlich unwohl in ihrer Haut. Beide waren blasser als sonst und Lillyan bemerkte das mit grimmiger Befriedigung. Recht geschah es ihnen, mit den eigentlichen Konsequenzen ihres Handelns durfte nämlich das Quidditchteam klarkommen. Fast kam es ihr vor wie ein Déjà-vu, als sie wutgeladen durch den Korridor auf die beiden Jungen zustürmte. Genauso war sie vorgestern auf Sirius und Remus zugekommen, und was war der Dank gewesen? Sirius hatte ihr die Freundschaft gekündigt. Naja, jetzt konnte es sowieso nicht mehr schlimmer werden. Beide bemerkten sie gleichzeitig, aber keiner reagierte groß auf ihr Erscheinen. Allerdings stand beiden das Schuldbewusstsein beinahe schon mit roter Farbe über die Stirn geschrieben. Lillyan baute sich vor ihnen auf, dann konnte sie nicht mehr an sich halten und schrie so laut los, dass ein kleiner Erstklässler, der gerade um die Ecke gekommen war, erschrocken das Weite suchte. Weder Sirius noch James verteidigten sich gegen die Vorwürfe, die Lillyan ihnen an den Kopf warf, jedoch ließ auch keiner von beiden sich zu einer Entschuldigung erweichen, was Lillyan nur noch wütender machte, als sie sowieso schon war. Als schließlich, angelockt von Lillyans Geschrei, Professor Slughorn angelaufen kam und Lillyan erklärte, dass die beiden beim Quidditchspiel nachsitzen mussten, weil sie Snape erneut kopfüber hatten hängen lassen, wurde es Lillyan zu bunt. Leider konnte sie sich zwar nicht an ihnen vergreifen, da nun ein Lehrer dabei war, aber die durch sie entstandene Niederlage der Gryffindors würde ihnen genug Ärger einhandeln, das wusste sie. Darum warf sie den beiden noch einen letzten angeekelten Blick zu und rauschte davon. In der Großen Halle traf sie auf den völlig aufgeschreckten Erin und auf Professor McGonagall, die einem Racheengel erstaunlich ähnlich sah und mit wütend gespitzten Lippen in ihrem Tee rührte. Auch Michael war völlig durch den Wind, seit er erfahren hatte, dass er mitspielen würde, und Mandy, die Gryffindorhüterin, drehte ihr Glas mit Kürbissaft immer wieder in den Händen und murmelte panisch vor sich hin. Himmel, wenn das ganze Team bereits jetzt so durchdrehte, wie würde es dann nachher beim Spiel für sie stehen? Gar nicht gut, das wusste Lillyan, und zum Glück wusste Erin es auch, deshalb versammelte er, gleich nachdem alle gegessen hatten, die gesammelte Mannschaft in der Umkleidekabine. „Leute, ich weiß, es ist noch ein wenig zu früh für die Ermutigungsrede vor dem Spiel, aber ich glaube, ihr alle stimmt mir zu, wenn ich sage, wir brauchen heute ein wenig Extrazeit.“ Begann er. Alle nickten. „Gut.“ Erleichtert strich Erin sich das Haar aus der Stirn. Inzwischen sah er schon wieder ein wenig besser aus, wenn auch noch lange nicht gut. Auf seinem Gesicht lag jedoch nun keine hoffnungslose Verzweiflung mehr, sondern energische Zuversicht. „Also, das was wir heute schaffen wollen, ist nicht unmöglich. Schwierig vielleicht, ja, aber nicht unmöglich.“ Lillyan schaute sich zu ihren Teamkameraden um. Keiner sah aus, als würde er Erin das abkaufen, was er sagte. Mandy starrte Erin ungläubig an, Michael rieb sich angestrengt die Nase und murmelte halblaut irgendwelche Quidditchregeln vor sich hin, John betrachtete gedankenversunken eine Fliege, die immer wieder gegen die Scheibe der Umkleidekabine flog, und Jason mühte sich damit ab, seinen Schuh zu binden, während Armin wie gebannt Johns Treiberschlagzeug betrachtete, so als käme es vom Mond. Ärgerlich schlug Lillyan mit der Hand auf die hölzerne Sitzbank. Alle fuhren erschrocken hoch. „Hört endlich zu, was er sagt. Es ist wichtig.“ Befahl Lillyan. Kleinlaut wandten alle sich wieder Erin zu, der mit seinem Vortrag fortfuhr. Erst redete er langatmig über die Chancen, die sie hatten, dann begann er, Tausend verschiedene Angriffsstrategien mit ihnen durchzugehen. Trotz ihrer Nervosität war Lillyan schon nach kurzer Zeit sterbenslangweilig. Ruhelos wischte sie die Seriennummer ihres Nimbus 1000 glänzend, wieder und wieder, bis Erin seinen Vortrag endlich beendet hatte. Selbst ohne auf die Uhr zu sehen wusste Lillyan, dass das Stadion draußen jetzt bereits gerammelt voll war und alle nur noch auf den Spielbeginn warteten. Ein letztes Mal erlaubte sie sich den Gedanken an Sirius, dann sperrte sie alles, war mit ihm zu tun hatte, in eine dunkle Schublade tief in ihrem Inneren und erhob sich, um zusammen mit den Anderen nach draußen zu gehen. „Und denkt daran, nur der nächste Quaffel zählt!“ erinnerte Erin seine Mannschaft noch einmal, und dann schritten sie alle miteinander nach draußen auf das Quidditchfeld. Sonnenschein schlug ihnen entgegen, so hell, dass Lillyan unwillkürlich ihre Augen abschirmen musste. Oh je, das waren heikle Bedingungen. Jeder Sonnenstrahl, jedes Blitzen einer Brille oder eines Fernglases konnte einen Spieler einen wichtigen Moment kosten. Auch Erin war das nicht entgangen, er fluchte halblaut vor sich hin, während sie von Gejubel und Buhrufen begleitet zur Mitte des Spielfeldes schritten, wo Madam Hooch bereits mit den Bällen wartete. Sorgenvoll ließ Lillyan ihren Blick über das Team der Ravenclaws schweifen und wurde keinesfalls ermutigt. Es waren zwei Jägerinnen und ein Jäger, ein Hüter, zwei Treiber und eine Sucherin. Der Hüter, offenbar der Mannschaftskapitän, trat vor, um Erin die Hand zu geben. Erst jetzt bemerkte Lillyan, dass wieder einmal die Stimme von Aaron Jordan durchs Stadion dröhnte. Innerlich schalt sie sich selbst für ihre Unaufmerksamkeit und achtete nun ganz besonders auf Aarons Kommentare. „… den besten Sucher, den Hogwarts je gesehen hat, und ohne zwei der brillantesten Jäger noch immer den Sieg in der Tasche? Natürlich hoffen wir alle das, naja, die Ravenclaws wahrscheinlich eher nicht aber wir Gryffindors eben schon, und jetzt lässt Madame Hooch auch schon die Bälle frei…“ Tatsächlich befreite Madam Hooch soeben die Klatscher und den Schnatz aus der Quidditchkiste und befahl dann: „Besteigt die Besen!“ Lillyan gehorchte und als der Pfiff ertönte, stieß sie sich geübt vom Boden ab, um als Erste in den strahlend blauen Himmel zu fliegen. „Und auch dieses Mal startet das Quidditchspiel mit einem Nimbus 1000 im Gryffindorteam!“ begeisterte sich Aaron lautstark. „Wie gut Gryffindorjägerin Lillyan Whiteley damit umgehen kann hat sie ja bereits in den letzten beiden Spielen diesen Jahres bewiesen, und gleich hinter ihr kommt der neue Ersatzjäger Jason Bright, fliegt nicht übel der Junge, das muss man ihm wirklich lassen, und jetzt fliegt auch Madam Hooch nach oben, um das Spiel anzupfeifen...“ Lillyan riss ihren Besen herum und jagte zu Madam Hooch hinüber, die anderen Spieler mit ihr. „Und gleich geht es los!“ brüllte Aaron ins Megaphon. „Zählt alle mit! Eins, zwei und-“ Madam Hoochs Pfiff ertönte und der Quaffel flog hoch in die Luft. Wie schon beim letztem Mal wollte Lillyan auf einen guten Start setzen und preschte in Schallgeschwindigkeit vor, um den Quaffel zu packen, aber der Jäger der Ravenclaws reagierte genauso schnell und schlug ihr den Quaffel aus den Händen, bevor er damit lossauste. Frustriert und erst recht angeheizt durch ihr fehlgeschlagenes Manöver beugte Lillyan sich über ihren Besen und nahm wie eine Gewehrkugel die Verfolgung auf. „Und Lillyan Whiteley auf Verfolgungskurs, um dem Ravenclawjäger Jonathon Wilson den Quaffel wieder zu entreißen, nachdem er ihren schönen Spielbeginn zerstört hat, meine Güte ist das Mädchen aber in Fahrt heute, der kann wirklich froh sein dass er seine Hand noch- Moment mal, was ist denn jetzt los?“ Erstaunt sah Lillyan, die eben den Quaffel zurückerobert hatte, sich nach der Ursache für Aarons Ausruf um und sah voller Entsetzen, dass ihr neuer Sucher, Armin Morningstar, auf seinem Besen weit unter ihnen herumtorkelte und krampfhaft versuchte, nicht herunterzufallen. Lillyan fluchte ungezügelt und wollte schon anfangen sich aufzuregen, aber da fiel ihr ein, was Erin zu ihr gesagt hatte. „Du schießt uns auch allein genug Tore, so gut, wie du spielst, und selbst wenn unser Sucher den Schnatz nicht fängt, sondern der Ravenclawsucher, dann haben wir trotzdem gewonnen.“ Verdammt, er hatte ja im Grunde genommen Recht gehabt. Wenn sie sich nur genug anstrengte, vielleicht konnten sie dann ja trotzdem gewinnen. Mit neuem Elan stürzte Lillyan sich ins Spiel und sauste in Höchstgeschwindigkeit auf die Torstangen der Ravenclaws zu. Die gegnerischen Jäger nahmen schnell die Verfolgung auf und Lillyan sah sich nach einem Mitspieler um, zu dem sie abspielen konnte. Verärgert und erschrocken merkte sie, dass es niemanden zum Abspielen gab. Jason wurde von einem der gegnerischen Treiber in Schach gehalten und Michael war noch viel zu weit hinten. Verdammt. Alleine würde das hier nichts werden. Fieberhaft dachte Lillyan nach. Was konnte sie tun, was würde ihr helfen? Wie zur Antwort stöhnten die Gryffindors im Publikum auf und Aaron keuchte bestürzt ins magische Megafon: Der Sucher der Gryffindors war endgültig vom Besen gefallen. Zwar war der Fall nicht tief gewesen, immerhin hatte er bereits fünfzig Zentimeter über dem Boden geschlingert, aber es war doch entwürdigend. Inzwischen verfluchte Lillyan ihre eigene Dummheit. Es gab genug Schüler in ihrem Haus, die sehr gut fliegen konnten und die bestimmt nicht nein gesagt hätten, ihren allseits gefeierten Sucher zu vertreten. Die wären immerhin noch besser gewesen als jemand, dem selbst zum beidhändigen Fliegen das Gleichgewicht fehlte. Doch jetzt musste Lillyan sich auf das Spiel und nicht auf ihre oder Erins Fehler konzentrieren. Mit einer gewagten Technik ließ sie sich mitsamt ihrem Besen fallen, um den beiden Ravenclawjägerinnen aus der Schussbahn zu gehen, fing ihren Besen aus der Luft auf, wagte einen steilen Steigflug und sah, dass es trotz allem Geschicks hoffnungslos war. Allein war sie den drei Ravenclawjägern plus Hüter einfach nicht gewachsen. Ihre einzige Chance war, in den linken Torring zu werfen, doch der Hüter sah das bereits voraus. Er würde ihren Wurf auf jeden Fall halten, aber wenn sie nicht sofort warf, würde ihr jemand anders den Quaffel abnehmen. Zwar war Michael jetzt nah genug, aber er flog hinter den gegnerischen Jägern. Sie würden ihn ihm abnehmen, bevor er auch nur blinzeln konnte. Mit einem Laut der Verzweiflung auf den Lippen warf Lillyan den Quaffel. „Und Lillyan Whiteley, nach einem solchen Manöver- Himmel, so etwas habe ich noch nie zuvor gesehen, unfassbar, dass sie nicht abgestürzt ist- und jetzt- nanu, sie wirft blind drauflos, was soll…“ Im nächsten Augenblick brandete in den Reihen der Ravenclaws im Publikum Jubel auf: der Hüter Cole Arthur hatte den Quaffel gehalten. Lillyan fluchte und warf einen wütenden Blick zu ihrem Sucher nach unten, der gerade, von oben bis unten mit Grasflecken beschmiert, wieder auf seinen Besen kletterte. „Naja, das war eben Pech für die Gryffindors jetzt, Whiteley hatte eben einfach keine Chance ganz alleine, aber von den anderen beiden Trotteln hilft ihr ja keiner…“ „Jordan!“ Professor McGonagalls Stimme klang noch gereizter als normalerweise bei Aarons Kommentaren. „Reißen sie sich endlich zusammen! Sie sollen nicht über die Spieler lästern, sondern den Spielverlauf kommentieren!“ Normalerweise hätte Lillyan über diesen Einwurf gelacht, aber heute war ihr der Humor bereits gründlich vergangen. Schnell wie ein Kugelblitz sauste sie hinter der Ravenclawjägerin her, die jetzt mit dem Quaffel auf dem Weg zu den Gryffindortorpfosten war, und sah Jason von der Seite auf sie zurasen. Hoffnungsvoll verlangsamte sie das Tempo, doch als Jason sie gerade erreicht hatte, tauchte sie mit einer eleganten Faultierrolle unter ihm hindurch und flog weiter. Jason blieb verdutzt zurück. Ach, Mist, warum hatten sie die Ersatzspieler eigentlich nicht trainiert? Es war hoffnungslos, solange diese die einfachsten Taktiken nicht beherrschten. Das hieß, sie war auf sich allein gestellt. Voll verzweifeltem Elan nahm Lillyan die Verfolgung auf und versuchte, die Jägerin noch rechtzeitig einzuholen, da weder Michael noch Jason dazu in der Lage waren. „Und die Ravenclawjägerin Regina Fernandes macht sich mit dem Quaffel auf zu den Gryffindortorstangen- halte sie doch auf, Jason- ach verdammt, sie weicht ihm aus, und jetzt wieder Spitzenjägerin Lillyan Whiteley auf Verfolgungskurs- mach sie doch fertig, Lillyan, zeig ihr, was passiert, wenn man uns Gryffindors herausfordert…“ „Jordan, Schluss jetzt!“ bellte Professor McGonagall. „Wenn sie weiterhin so parteiisch kommentieren, dann sehe ich mich dazu gezwungen, sie im nächsten Jahr nicht mehr als Spielkommentator einzusetzen!“ Lillyan hörte auf halbem Ohr zu und versuchte gleichzeitig, der Ravenclawjägerin den Quaffel abzunehmen, doch diese spielte einfach der anderen Jägerin zu und entwickelte dann eine Passabfolge, die Lillyan allein unmöglich auflösen konnte. Ergeben biss sie die Zähne zusammen und musste hilflos mitansehen, wie die beiden Jägerinnen mithilfe des Jägers problemlos an Michael vorbeikamen und dann Mandy entgegentraten. Drei gegen einen war selbst für eine Spitzenhüterin wie Mandy nicht zu bewältigen. Aaron Jordans wütender Aufschrei klang in Lillyans Ohren nach, als Jägerin Regina Fernandes den Quaffel im mittleren Torring versenkte. „Oh nein, wie konnte das nur passieren? Es kann doch nicht wahr sein, dass unser Team nur durch drei fehlende Spieler so angreifbar geworden ist!“ Das Entsetzen in Aaron Jordans Stimme war das gleiche wie das, was in Lillyans hektisch schlagendem Herzen pulsierte. Diese Partie war mehr als nur unausgeglichen: Sie war unfair. „Erin!“ brüllte Lillyan, als ihr Kapitän in ihrer Nähe vorbeiflog. Erin verlangsamte augenblicklich und flog zu Lillyan hinüber. Ihren anklagenden Blick erwiderte er aufrichtig bedauernd. „Verdammt, du hattest Recht!“ brüllte er gegen den Wind an, der so hoch oben extrem stark war. „Ich hätte auf dich hören sollen. Es tut mir leid! Ich war im Unrecht. Du wärst eine bessere Kapitänin für unser Team, als ich es bin.“ Lillyan seufzte. Erin hatte zwar Fehler gemacht, aber er war in Panik gewesen und hatte es für das Beste gehalten. Es würde ihr nichts bringen, sauer zu sein. Das Spiel ging weiter, aber sie kümmerte sich nicht darum. Jason und Michael versuchten jetzt ihr Glück. „Ist jetzt nicht mehr zu ändern.“ Schrie sie zurück. „Mir tut es auch leid, Erin. Sag mal, kann man eigentlich einen Spieler auswechseln lassen?“ Mit zusammengekniffenen Lippen schüttelte Erin den Kopf. „Nur, wenn er nicht mehr spielfähig ist!“ rief er ihr zu. Wütend schlug Lillyan sich mit der Faust in die Hand und fluchte. In diesem Moment stöhnten die Gryffindors erneut auf: Der Schnatz war aufgetaucht und Armin, der vorübergehende Gryffindorsucher, war vor lauter Aufregung schon wieder vom Besen gefallen. Erin raufte sich die Haare und sauste in seine Richtung, um ihn anzuschnauzen. Währenddessen war der Schnatz schon wieder verschwunden. John fegte an Lillyan vorbei und rief ihr im Vorbeifliegen zu: „Können wir unseren Sucher auswechseln?“ Grimmig schüttelte Lillyan den Kopf und hob die Stimme. „Kann bitte mal jemand unseren Sucher umlegen?“ schrie sie quer übers Spielfeld. Gelächter tönte aus den Reihen der Hufflepuffs zu ihnen hinauf. Die Glücklichen. Anstatt mitfiebern zu müssen, konnten sie nur zusehen. Aaron Jordan war nicht im Mindesten weniger empört als sie. „Na nun schaut euch doch nur diesen Sucher an, er kann sich ja noch nicht einmal auf dem Besen halten! Was ist nur in Gryffindorkapitän Erin Baker gefahren, dass er so jemanden ins Team geholt hat? Übrigens; da oben entwickelt sich gerade ein Wortwechsel zwischen ihm und seiner besten Jägerin Lillyan Whiteley, und jetzt bekommt Armin Morningstar gewaltigen Ärger! Vielleicht rafft er sich dann mal wieder- oh nein!“ Aaron unterbrach sich und fluchte. „Tor für Ravenclaw. Verdammt Leute, jetzt strengt euch doch mal ein bisschen an, ihr könnt doch Lillyan und Mandy nicht alles alleine machen lassen! Und los jetzt, ja schön, Gryffindorjäger Michael Thornton erobert den Quaffel zurück, ein guter Pass zu Jäger Bright und- er lässt ihn fallen.“ Ein kollektives Aufstöhnen ging durch das Stadion und Aaron begann so übel zu fluchen, dass Professor McGonagall ihm voller Zorn das magische Megaphon entriss. „Zwanzig zu null für Ravenclaw, Ravenclawjägerin Maja Miller auf dem Weg zum Tor…“ gab sie den aktuellen Spielstand bekannt und ließ unwillig zu, dass Aaron ihr das Megaphon wieder abnahm. „Jordan, ich warne sie, noch ein solcher Vorfall…“ „Jaja, schon gut, tut mir leid, Professor, war nicht so gemeint, also eigentlich schon aber egal, jedenfalls, Gryffindorjägerin Lillyan Whiteley im Quaffelbesitz und auf dem Weg zum Tor…“ doch ab diesem Zeitpunkt war alles zwecklos. Trotz aller Mühe punkteten die Ravenclaws wieder und wieder und Lillyan, die schon völlig durchgeschwitzt war, war noch nie so kurz davon gewesen, in aller Öffentlichkeit in Tränen auszubrechen. Michael war als Jäger zwar noch ganz passabel, aber er war kein bisschen im Training und Jason wollte immer nur sein eigenes Ding durchziehen, womit sie jedes Mal den Quaffel verloren. Die eigentliche Katastrophe war der Sucher Armin Morningstar. Nach etlichen Flugversuchen hatte er es aufgegeben, nach dem Schnatz Ausschau zu halten und torkelte nun einige Zentimeter über dem Boden auf seinem Besen durch die Luft, um das Ende des Spiels abzuwarten. Mandy war völlig mit den Nerven am Ende und hatte offensichtlich das Gefühl, dass sie völlig versagte, da sie nur einen einzigen gegnerischen Wurf hatte halten können. Erin und John taten zwar ihr bestes wie immer, doch selbst die perfekt gezielten Klatscher konnten nicht mehr viel helfen. Es war kaum eine halbe Stunde vergangen, da stand es hundertdreißig zu zwanzig für Ravenclaw und selbst Professor McGonagall sah man jetzt an, dass sie die Tränen zurückhalten musste. Lillyan konnte sich mittlerweile kaum mehr auf ihrem Besen halten. Jeder einzelne Knochen brannte vor Erschöpfung, sich am Besen festzuhalten und gleichzeitig zu versuchen, die Gegner aufzuhalten. Im Moment hätte sie alles getan, um sich auf der Stelle in Luft auflösen zu können. Die Folgen dieser Blamage wollte sie nicht erleben. „Da!“ rief Aaron plötzlich aus. Seine Stimme klang seltsam hohl und verschnupft, aber er hielt sich tapfer. Alarmiert sah Lillyan sich um und da war er: Zum dritten Mal in diesem Spiel war der Schnatz aufgetaucht und sauste golden über den blitzblauen Himmel. Sekunden später war Ravenclawsucherin Mia Kensington ihm auch schon dicht auf den Fersen. Beim letzten Mal hatte sie ihn noch nicht ganz erwischt, doch dieses Mal hatte sie offenbar nicht vor, ihn sich entgehen zu lassen. Alle vergaßen augenblicklich das Spiel und schauten zu der Sucherin nach oben. In letzter Verzweiflung packte Lillyan den Quaffel und schoss ihn durch einen Torring der Ravenclaws. Kaum war er hindurchgeflogen, brach im Stadion die Hölle los. Lillyan wusste auch ohne sich selbst davon zu überzeugen, dass die Ravenclawsucherin den Schnatz gefangen hatte. Gedemütigt und mit brennenden Augen sank sie zu Boden. „Lillyan!“ kaum war sie gelandet, kam Remus von irgendwoher angelaufen. „Oh Lillyan, es tut mir so leid! Es war nicht deine Schuld, glaub mir! Du bist geflogen wie der Teufel, um uns zu retten!“ Lillyan konnte nichts erwidern, sie fühlte sich schrecklich. „Lillyan? Lillyan!“ das war Lilys Stimme. „Lillyan, du kannst nichts dafür! Du warst unheimlich tapfer. Du hast durchgehalten, obwohl du keine Chance hattest!“ Im nächsten Moment fand sie sich in Lilys Umarmung wieder. „Mach dich nicht für Sirius‘ und James‘ Fehler verantwortlich.“ Murmelte Remus ihr von der Seite halblaut zu. „Das ist ihre Sache, nicht deine.“ „Genau!“ Lily ließ wieder von ihr ab und schaute sie energisch an. „Ausnahmsweise hat Lupin Recht. Es ist nicht deine Schuld!“ Mit offenem Mund starrte Lillyan von Lily zu Remus und wieder zurück. Remus wirkte genauso perplex wie sie. „Sag mal, hast du mir gerade wirklich Recht gegeben, Evans?“ hakte er ungläubig nach. „Ja, stell dir vor, das habe ich!“ gab Lily spitz zurück. „Vielleicht würde ich das sogar öfter tun, wenn du nicht andauernd mit solchen Vollidioten rumhängen würdest. Mal abgesehen von deinem blöden Freundeskreis hast du nämlich eigentlich ganz vernünftige Ansichten.“ Jetzt klappte auch Remus die Kinnlade herunter, doch bevor er noch etwas erwidern konnte, packte Lily Lillyan auch schon am Arm und zog sie mitsamt ihrem Besen vom Spielfeld. „Komm mit.“ Sagte sie entschieden. „Was du jetzt brauchst, ist eine schöne kühle Dusche und dann etwas Ordentliches zu Essen.“ Doch Lillyan wusste, warum ihre Freundin sie so schnell wie möglich vom Feld bekommen wollte. Oben auf der Tribüne stand nämlich der Schulleiter Albus Dumbledore mit dem Quidditchpokal und wartete auf das Ravenclawteam, das schon auf dem Weg nach oben war, triumphierend und glücklich. „Oh komm!“ sagte Lily unglücklich, als sie Lillyans Blick bemerkte. „Das musst du dir doch jetzt nicht mit ansehen, oder?“ Lillyan räusperte sich und fühlte sich noch furchtbarer, als Dumbledore den Quidditchpokal an den Kapitän der Ravenclaws weitergab. „Eigentlich nicht, aber meinen Applaus haben sie trotzdem verdient.“ Gab sie tonlos zurück und begann zusammen mit dem ganzen Stadion zu klatschen. Die Ravenclaws jubelten, lachten und umarmten sich glücklich, die Gryffindors schimpften und saßen niedergeschlagen auf ihren Plätzen. Manche waren in Tränen aufgelöst. Ein paar Sekunden lang applaudierte Lillyan noch weiter, dann hielt sie es nicht mehr aus und ließ sich von Lily und Remus aus dem Stadion ziehen. Kaum waren sie etwas abseits des Lärms ließ Remus Lillyan los und schaute sie vorwurfsvoll an. „Musstest du dir das wirklich auch noch antun?“ wollte er mit gerunzelter Stirn wissen. „Wie oft noch, du kannst nichts dafür, also versuch nicht, dich für eure Niederlage zu bestrafen!“ Unzusammenhängend schüttelte Lillyan den Kopf und machte sich daran, den Weg zurück zum Schloss zu bewältigen. „Kommt schon, sonst verpassen wir die Hauspokalübergabe.“ Sagte sie über die Schulter. „Red doch keinen solchen Blödsinn, Lillyan!“ halb ärgerlich, halb besorgt kam Lily ihr hinterher. „Die Hauspokalübergabe ist doch erst heute Abend beim Abendessen.“ „Ach stimmt ja.“ Murmelte Lillyan, wurde aber nur noch schneller. „Lillyan, muss ich mir Sorgen machen? Warum rennst du denn so?“ Jetzt eindeutig misstrauisch überholte Lily sie, stellte sich ihr in den Weg und schaute ihr direkt in die Augen. „Was soll das werden?“ „Nichts.“ Verärgert schob Lillyan sie zur Seite. „Wir haben gerade den Quidditchpokal verloren, ich bin fix und fertig und möchte einfach nur noch ins Bett, okay?“ Lily seufzte leise. „Lillyan, es tut mir leid…“ aber Lillyan lief einfach weiter und ignorierte sie. Sie wollte einfach ihre Ruhe haben und zum Glück hatten sowohl Lily als auch Remus das jetzt anscheinend kapiert, denn beide hielten jetzt ein gutes Stück Abstand von ihr. Wenn Lillyan nicht so fertig gewesen wäre, wäre ihr vielleicht aufgefallen, dass Lily und Remus sich hinter ihr leise zu unterhalten begonnen hatten, aber so war sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Verbittert und wütend sauste sie ins Schloss hinauf, warf ihren Besen auf ihr Bett und ging dann duschen. Danach fühlte sie sich schon wieder ein klein wenig mehr wie ein Mensch, aber jetzt, nachdem sie die Niederlage halbwegs verkraftet hatte, flammte Sirius‘ Verlust schon wieder schmerzhaft in ihr auf und folglich lagen ihre Nerven blank. Die Zeit bis zum Abend vertrieb sie sich damit, auf einer verlassenen Wiese hinter dem Schloss zu sitzen, die umliegenden Berggipfel anzustarren und sich zu fragen, ob ihre Uhr stehen geblieben war. Als es endlich Zeit war, in die Große Halle zu gehen, und Lillyan die Eingangshalle betrat, machte die Ansammlung von Schülern am Eingang der Großen Halle die Sachlage auch nicht gerade besser. Sie brauchte schon gar nicht mehr zu fragen, um zu wissen, was da los war. Das allerletzte Klecksblatt dieses Schuljahres und hoffentlich aller Zeiten war heute erschienen. Ach, verdammt. Mit finsterer Miene ging Lillyan auf die Schüleransammlung zu. Besser, sie wusste sofort, worum es diesmal ging. Ganz sicher hatte es sich diese rotzfreche kleine Kimmkorn nicht nehmen lassen, die Geschichte zwischen ihr und Sirius zu einem dramatischen Abschluss zu bringen. Von düsteren Vorahnungen begleitet bahnte sie sich einen Weg durch einen Pulk kichernder kleiner Fünftklässlerinnen um einen Blick auf die Titelseite zu werfen. Mit einer Mischung aus Wut und Entsetzen entdeckte sie die Schlagzeile über dem Artikel und hätte beinahe aufgeschrien vor Zorn. Sie lautete: „Schwarz und Weiß- wir stehen auf eurer Seite“. „Hey, den Spruch kenne ich!“ rief ein Siebtklässler aus, der eben neben Lillyan getreten war. „Das ist der Fangesang einer deutschen Muggelfußballmannschaft!“ Lillyan konnte gar nichts mehr sagen, sie zitterte förmlich vor ohnmächtigem Hass. Dass die Farben wieder für Sirius‘ und ihre Nachnamen standen, war ihr sofort sonnenklar und eigentlich wusste sie schon, was in dem Artikel stand, noch bevor sie sich eine der Zeitungen vom Tisch schnappte.

    Klecksblatt, am letzten Schultag
    Schwarz und Weiß- wir stehen auf eurer Seite!
    Nach dem letzten großen Streit zwischen der Viertklässlerin Lillyan Whiteley und unserem Mädchenschwarm Sirius Black, der mit einer zweiten Chance für Black endete, sah es für eine Weile so aus, als wäre zwischen den beiden alles geklärt und ihre Beziehung wieder harmonisch. Allerdings gingen bereits damals Gerüchte um, die beiden träfen sich kaum mehr miteinander und gingen sich so gut wie möglich aus dem Weg. Neueste Beobachtungen zeigen, dass es innerhalb der letzten Paar Tage zu einem weiteren heftigen Streit zwischen Black und Whiteley kam, der zur Folge hatte, dass die beiden sich endgültig trennten. Lydia Hills aus Hufflepuff berichtet: „Ich wollte gerade in die Zauberkunsträume hinauf und da sah ich plötzlich Whiteley wie eine wild gewordene Furie auf Black zustürmen. Ich wollte eigentlich bleiben und zusehen, aber dann hat sie ihn so laut angeschrien, dass ich schleunigst abgehauen bin. Wenn sie will, dann kann sie wirklich gruselig sein.“ Was Miss Hills beobachtet hat, ist jedoch nun der endgültige Beweis dafür, dass Black sein Treue-Versprechen wohl doch nicht gehalten hat. Offenbar hält er sich ein Mädchen wie Whiteley gerne nebenher, hält es mit ihr als einzige Freundin auf Dauer aber nicht aus. Immerhin gibt es auf Hogwarts auch viele interessantere Mädchen mit Erfahrung, die sicherlich mehr hermachen als unsere Durchschnittsschülerin aus der Vierten. Selbst Remus Lupin, einer von Blacks besten Freunden, scheint es nicht zu schaffen, Black seine heimlichen Affären auszureden. Amily Jonas, eine sehr hübsche Sechstklässlerin aus Slytherin, meint: „Wenn Black Bedarf an erfahrenen Mädchen hat, dann kann er jederzeit zu mir kommen. Er ist zwar ein Gryffindor, aber sein gutes Aussehen macht das wett.“ Wie Lillyan Whiteley diesen neuen Herzbruch verkraften wird, ist noch unklar. Allerdings steht fest: Was immer auch kommen mag, wir alle stehen zu Whiteley und hoffen, dass sie eines Tages über ihn hinweg kommen wird. Zu Black können wir nur sagen, dass wir uns wünschen, dass er vielleicht eines Tages lernt, seiner Zukünftigen die Treue zu halten. Bis dahin kann er sich jedoch noch genügend an den hübschen Mädchen in Hogwarts austoben.
    Rita Kimmkorn, Slytherin

    „Das ist doch nicht zu fassen!“ brüllte Lillyan wütend los, kaum, dass sie die letzte Zeile gelesen hatte, warf die Zeitung heftig zurück auf den Tisch, wo sie mit einem lauten Klatschen landete, und stürmte rauchend vor Zorn davon. Dass die gesamte Eingangshalle ihren Wutanfall eins zu eins mitbekommen hatte, kümmerte sie nur wenig. Sie kam erst wieder zu sich, als sie auf dem Weg in die Große Halle eine kleine Zweitklässlerin über den Haufen rannte, die gerade herauskam. Mit einem äußerst schmerzhaften Aufprall gingen die beiden zu Boden. Lautes Gelächter erklang in der Eingangshalle, als Lillyan sich so schnell wie möglich aufrichtete und der anderen Schülerin helfen wollte, ebenfalls aufzustehen. Bei deren Anblick hielt sie allerdings alarmiert inne. Auf dem Boden vor ihr saß ein kleines Mädchen mit schmutzig blonden Haaren und rot lackierten Fingernägeln und blickte mit einer Mischung aus Schmerz und höhnischer Genugtuung zu Lillyan auf. „Whiteley, na sowas!“ säuselte sie und stand langsam auf. Ihr schmaler Mund verzog sich zu einem diabolischen Lächeln und sie hielt Lillyans tödlichem Blick locker stand. „Bist du etwa wütend? Hat dir mein Artikel nicht gefallen oder warum rennst du wie eine Verrückte herum? Hast du es nicht ertragen können, selbst zu lesen, dass du Black nichts bedeutest?“ Weiß glühender Zorn war nichts gegen das Feuerinferno heißer Wut, das in Lillyan brodelte. ‚Reiß dich zusammen!‘ befahl sie sich gedanklich selbst und ballte die Fäuste. „Rita Kimmkorn“ knurrte sie durch ihre zusammengebissenen Zähne hindurch. „Allerdings.“ Kimmkorn zog die Augenbrauen hoch und bleckte die Zähne. Lillyan hätte ihr nur zu gerne in ihr dummes Gesicht geschlagen, aber sie beherrschte sich. Stattdessen senkte sie ihre Stimme zu einem gefährlichen Flüstern. „Pass du nur auf, du Miststück. Es ist dein Glück, dass ich mich nicht an mickrigen kleinen Mädchen vergreife, die meinen, sie wüssten alles besser und müssten andere Leute andauernd in den Dreck ziehen. Mit dir nehme ich es locker auf, also zieh Leine, bevor ich es mir anders überlege. Sofort!“ Trotzig verschränkte Kimmkorn die kurzen Arme vor der Brust und blickte herausfordernd zurück. „Du machst mir keine Angst, Whiteley. Na los, trau dich doch! Als ob du es jemals wagen würdest, mir zu…“ Lillyan konnte es nicht verhindern, sie verlor endgültig die Beherrschung. Noch ehe Kimmkorn auch nur zwinkern konnte, hallte ein lauter Schlag durch die Eingangshalle und Kimmkorn heulte voll Schmerz auf, als Lillyans gepfefferte Ohrfeige auf ihrer Wange brannte. In der Eingangshalle war es totenstill geworden, alle starrten Lillyan voller Entsetzen an. Langsam ließ Lillyan ihre Hand sinken. Sie konnte es selbst kaum fassen. Hatte sie sich gerade tatsächlich von solchem Gekröse wie Kimmkorn provozieren lassen, ihr eine runterzuhauen? Oh weia, das würde Konsequenzen haben, das war ihr schon klar, noch bevor sie Professor McGonagall am Treppenaufgang entdeckte. Lillyan verfluchte sich innerlich für ihr aufbrausendes Temperament. Auf McGonagalls Gesicht lag eine solche Wut und Enttäuschung, dass ihr augenblicklich das Herz in die Socken rutschte. Wie in Zeitlupe wanderten die Blicke aller Anwesenden zu Lillyans rauchender Hauslehrerin, die Lillyan mit Giftblicken durchbohrte. „Whiteley.“ Fauchte sie schließlich. „In mein Büro. So-fort!“ Was hätte Lillyan anderes tun sollen, als ihr zu gehorchen? Geknickt und mit hängendem Kopf trottete sie sie McGonagall hinterher, die bebend vor Zorn durch die Gänge rauschte, bis sie an ihrem Büro angelangt waren. Mit fest zusammengepressten Lippen öffnete die Lehrerin die Türe, bedeutete Lillyan, einzutreten, knallte die Türe zu und schob Lillyan auf den Stuhl, der vor ihrem Schreibtisch stand. Sie selbst setzte sich dahinter und musterte Lillyan mit einer Verachtung, die Lillyan in der Seele wehtat. Schuldbewusst hielt sie dem vorwurfsvollen Blick stand und schwieg. Ach Mist, warum musste auch in letzter Zeit alles so furchtbar schiefgehen? Lillyan merkte erst, dass ihr die Tränen in die Augen gestiegen waren, als ihre Nase wie wild zu kribbeln begann. Sie unterdrückte einen Fluch und versuchte sich unauffällig die Augen zu trocknen. In diesem Moment öffnete Professor McGonagall den Mund und Lillyan bereitete sich innerlich schon auf eine ordentliche Strafpredigt vor, doch ihre Hauslehrerin seufzte nur, beugte sich vor, stützte sich mit den Ellenbogen auf ihren Schreibtisch und suchte Lillyans Blick. „Whiteley, “ sagte sie schließlich, ihre Stimme war weicher, als Lillyan es ihr in dieser Situation zugetraut hätte, „würden Sie mir bitte erklären, was da eben los war?“ Als Lillyan weiter schwieg und ihre Schuhspitzen beobachtete, seufzte sie erneut und lehnte sich resigniert in ihren Stuhl zurück. „Hören Sie, Whiteley, ich sehe doch selbst, dass es Ihnen in letzter Zeit nicht gut geht. Das kann ich von mir selbst auch nicht gerade behaupten. Zuerst all dieser Ärger mit Black und Potter und dann dieses schreckliche Quidditchspiel heute morgen…“ beide mussten schaudern, als McGonagall das Spiel erwähnte, doch dann suchte die Lehrerin erneut ihren Blick. Zögernd erwiderte Lillyan ihn und traf zu ihrer Überraschung auf eine Mischung aus Verständnis und Einfühlung. In ihren Augen lag der Schatten einer uralten Traurigkeit, die Lillyan das Herz verkrampfte. „Whiteley- ich weiß, wie Sie sich fühlen.“ Sagte sie leise. „Vielleicht steht es mir nicht zu, mich in Ihre Privatangelegenheiten einzumischen, aber dass Sie und Black sich zerstritten haben, weiß ich selbst ohne Xenophilius Lovegoods Klecksblatt. Es tut mir sehr leid, obwohl ich die wahren Gründe Ihres Streites nicht kenne. Ich nehme an, es waren nicht dieselben wie im Klecksblatt?“ Stumm schüttelte Lillyan den Kopf. McGonagall stöhnte und fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht. „Warum habe ich dieser dämlichen Idee von einer Schülerzeitung überhaupt zugestimmt?“ hörte Lillyan sie murmeln. „Das hier ist alles meine Schuld, jawohl, das ist es.“ „Das stimmt nicht, Professor.“ Rutschte es Lillyan unwillkürlich heraus. „Es ist nicht ihre Schuld. Sie konnten ja schließlich nicht wissen, dass diese blöde kleine Kimmkorn- Verzeihung, Professor.“ Professor McGonagall lächelte nur schwach. „Es ist nett von Ihnen, das zu sagen, Whiteley, allerdings war es tatsächlich teilweise meine Schuld. Im Übrigen muss ich Ihnen mitteilen, dass die Ohrfeige, die sie eben Rita Kimmkorn verpasst haben, meiner persönlichen Meinung nach schon längst überfällig war. Allerdings wissen Sie genauso gut wie ich, dass ich Ihnen das nicht ungestraft durchgehen lassen darf. So sehr Sie auch durcheinander sind in letzter Zeit und so schlecht es Ihnen vielleicht geht, das sind keine Entschuldigungen, um derart die Beherrschung zu verlieren. Sie hätten sich nicht von Kimmkorn provozieren lassen sollen, genau das will sie doch erreichen!“ „Ich weiß Professor.“ Lillyan seufzte leise. „Es tut mir leid. Das war dumm von mir.“ „Allerdings.“ Die Lehrerin musterte sie bedauernd. „Mir tut es auch leid, Whiteley, aber die zehn Punkte Abzug für Gryffindor kann ich ihnen nicht ersparen.“ Lillyan biss fest die Zähne zusammen und nickte. Zehn Punkte waren ein schwerer Verlust, gerade jetzt, da heute Abend die Verleihung des Hauspokals anstand. Noch vor wenigen Tagen hatte Gryffindor mit sechzig Punkten haushoch geführt, doch Sirius und James hatten mit ihren fünfzig Punkten Abzug wegen Snape den Vorsprung gefährlich verringert und Lillyans zehn Punkte Abzug könnten jetzt der entscheidende Auslöser dafür sein, den Hauspokal an ein anderes Haus abtreten zu müssen. Mitleidig schaute McGonagall sie an, als wüsste sie, was Lillyan gerade dachte. „Gehen sie nun ruhig frühstücken.“ Sagte sie sanft. Gehorsam wandte Lillyan sich zum Gehen aber Professor McGonagall rief sie noch einmal zurück. „Whiteley?“ erstaunt drehte Lillyan sich wieder zu ihr um. „Ja, Professor?“ fragte sie zögerlich. Auf dem Gesicht ihrer Lehrerin lag plötzlich ein freundliches Lächeln, das Lillyan bisher nur selten bei ihr gesehen hatte. „Wenn Sie ein Problem haben oder ihnen etwas Sorgen macht, dann möchte ich dass sie wissen… ich hatte selbst kein einfaches Leben. Wenn Sie einen Ansprechpartner brauchen, Lillyan- zögern Sie nicht, zu mir zu kommen.“ Völlig verblüfft starrte Lillyan sie an. Nicht nur, dass McGonagalls Angebot sie restlos durcheinanderbrachte, ihre Lehrerin hatte sie auch noch mit ihrem Vornamen angesprochen. Für einen Moment lang konnte sie nur wie versteinert stehen bleiben und versuchen zu verarbeiten, dass Professor McGonagall das gerade tatsächlich gesagt hatte. „Danke, Professor.“ Brachte Lillyan schließlich hervor. Ihre Hauslehrerin lächelte nur und zwinkerte ihr zu, dann öffnete sie mit ihrem Zauberstab die Türe und scheuchte Lillyan aus ihrem Büro. Vollkommen in Gedanken versunken ging Lillyan durch die Gänge zurück in die Eingangshalle. Sie beachtete die vorwurfsvollen und mitleidigen Blicke der anderen Schüler gar nicht und lief in die Große Halle. Inzwischen war sie zwar schlecht gelaunt, aber auch am Verhungern. Die Große Halle war brechend voll, zur Hauspokalübergabe am letzten Abend wollte schließlich niemand fehlen. Geschickt schlängelte Lillyan sich zwischen den anderen hindurch und fand schließlich Lily, die zusammen mit Emily und Olivia am Gryffindortisch stand und sich unterhielt. Als Lillyan neben sie trat, drehte sie sich zu ihr um und umarmte sie. „Oh Lillyan, es tut mir leid mit Rita Kimmkorn. Diese dämliche Schlange! Was für ein Pech, dass McGonagall es mitgekriegt hat! Was hast du als Strafe bekommen?“ „Zehn Punkte Abzug.“ Murmelte Lillyan schuldbewusst. Olivia fluchte halblaut, die anderen beiden guckten betreten zu Boden. „Naja, das ändert jetzt auch nichts mehr.“ Stellte Lily schließlich niedergeschlagen fest. „Regina Howe und Cole Lynch haben eben im Gewächshaus Professor Sprout geholfen, einige giftige Geranien davon abzuhalten, sich gegenseitig zu zerstören und damit insgesamt gut fünfzig Punkte für Hufflepuff geholt. Damit liegen sie dreißig Punkte vor Slytherin.“ Jetzt fluchte auch Lillyan. „Dann steht es wohl fest, was? Der Hauspokal ist Geschichte.“ Emily seufzte und nickte. „So sieht’s aus.“ „Ach verdammt.“ Wütend mit sich, allen und der ganzen Welt kickte Lillyan mit ihrer Fußspitze in den Boden und ließ sich von Lily auf einen Platz am Gryffindortisch schieben. Noch nicht einmal das phänomenale Festessen des letzten Abends konnte diesen furchtbaren Tag noch verbessern. Sie bekam kaum etwas herunter, weil nur wenige Meter von ihr entfernt Sirius neben James am Tisch saß und obwohl sie ihn nicht ansah, schmerzte sie seine Anwesenheit wie eine züngelnde Flamme. Wenigstens winkte Remus ihr aufmunternd zu und ließ mit dem Zauberstab einige Papierschnipsel zu ihr herüberfliegen. Bei genauerer Betrachtung entpuppten sie sich als kleine Teile eines zerrissenen Klecksblattes und aus Remus‘ zufriedenem Gesicht zu schließen, hatte er es eigenhändig zerlegt. Trotzdem, als Dumbledore schließlich aufstand, um seine Endjahresrede zu halten und den Hauspokal zu verleihen, war es Lillyan, als müsste sie jeden Moment in Tränen ausbrechen. Stille legte sich über die Halle, aller Augen ruhten auf dem großen, dünnen Mann mit dem langen, silbergrauen Bart, als dieser seinen verschmitzten Blick über die Schüler gleiten ließ und dann zu sprechen begann. „Und wieder ist ein Jahr vergangen.“ Rief er und seine Stimme hallte bis in die letzte Ecke des Raumes. „So schnell geht das, und dann sind auch schon wieder Ferien. Jetzt gibt es nur noch eins zu tun, bevor ihr alle eure Habseligkeiten einsammelt und schnellstmöglich in den Zug springt, voller Freude, ein paar Monate lang keinen Schulstress mehr zu haben: Die Hauspokalverleihung. Ihr alle habt dieses Jahr hart dafür gearbeitet, Punkte für euer Haus gesammelt und viele davon wieder verloren, aber heute sieht die Verteilung der Punkte folgendermaßen aus: Auf dem vierten Platz liegt Ravenclaw mit dreihundertzweiundfünfzig Punkten.“ Schwacher Applaus folgte, Lillyan sah, wie einige Ravenclaws mit zusammengebissenen Zähnen den Kopf schüttelten. „Auf dem dritten und auf dem zweiten Platz, “ fuhr Dumbledore fort, „liegen Gryffindor und Slytherin mit einem Punktegleichstand von dreihundertsechsundsiebzig Punkten.“ Auch diesmal erklang halbherziger Applaus, Lillyan stöhnte nur leise und verdrehte die Augen. „Und auf dem ersten Platz, mit sagenhaften vierhundert und drei Punkten, liegt- Hufflepuff!“ dröhnender Applaus erscholl, Lillyan hörte die Hufflepuffs jubeln, sah, wie sie aufsprangen und sich voller Freude gegenseitig um den Hals fielen, lachten, weinten und auf und ab hüpften, aber sie konnte sich nicht recht daran freuen, obwohl die halbe Halle feierte, dass Slytherin den Hauspokal zum ersten Mal seit zwei Jahren nicht gewonnen hatte. „Daraus folgt…“ rief Dumbledore und seine Augen zwinkerten vergnügt, „Hufflepuff gewinnt den Hauspokal!“ Der Lärm war ohrenbetäubend. Die Hufflepuffs schrien, brüllten, grölten und jubelten durcheinander, lagen sich in den Armen. In einer anderen Situation hätte Lillyan sich vielleicht für sie freuen können, aber momentan fühlte sie sich einfach nur schrecklich. Sie sah Lea das Gesicht in den Händen vergraben, sah Lily tapfer Beifall klatschen und Sirius wütend und enttäuscht mit der Faust auf den Tisch schlagen. Wie taub vor Trauer und Wut über alles, was in letzter Zeit schief ging, hätte Lillyan später nicht mehr sagen können, wie sie den Abend überstanden hatte. Als das Festessen endlich zu Ende war, war sie die erste im Schlafsaal und lag in Sekundenschnelle im Bett. Es dauerte nicht lange und alle Mädchen in ihrem Schlafsaal lagen unter ihren Decken und träumten selig, doch Lillyan konnte noch immer nicht schlafen. Seit ihrem Streit mit Sirius verfolgten sie nachts Erinnerungsfetzen, sie drangen bis in ihre Träume vor. Immer wieder sah sie ihn vor sich, erst sein fröhliches, unbeschwertes, leicht arrogantes Lachen in der Zeit, in der sie geglaubt hatte, Sirius tatsächlich etwas zu bedeuten, und dann seinen eisigen, abweisenden, verachtenden Gesichtsausdruck, mit dem er sie in dem Moment angesehen hatte, als ihr klar wurde, dass sie falsch gelegen hatte. Wahrscheinlich hatte diese schreckliche Kimmkorn an der Ecke sogar noch recht: Sie war für Sirius nur eine kurze Unterhaltung gewesen. Eine Belustigung, die man jeder Zeit problemlos fallen lassen konnte, sobald man ihrer überdrüssig war. Von bösen Gedanken verfolgt und in dem Wissen, dass sie auch im Schlaf keine Ruhe davor finden würde, warf sie sich von einer Seite auf die andere und fuhr immer dann, wenn sie gerade fast eingeschlafen war, wieder aus dem Halbschlaf hoch. Irgendwann gegen zwei Uhr kamen ihr schließlich die Tränen. Sie ließ ihnen freien Lauf, vergrub das Gesicht in ihrem Kissen und zog sich die Decke über den Kopf. Erst, als keine Tränen mehr kommen wollten, fiel sie schließlich in einen todesgleichen Schlaf reiner Erschöpfung. Am nächsten Morgen war Lillyan nicht die einzige, die mit der Müdigkeit zu kämpfen hatte. Zu ihrer Überraschung hatte auch Remus dunkle Ringe unter den Augen, als sie ihm auf dem Weg in die Große Halle begegnete. „Hey.“ Murmelte sie verschlafen. „Hi.“ Remus gähnte. „Na, auch so müde? Du siehst aus, als hättest du kein Auge zugetan.“ „Hab ich auch kaum. Was ist mit dir? Bist du…“ doch einen Moment später dämmerte ihr, woher Remus‘ Müdigkeit kommen musste. „Sag bloß, gestern war Vollmond.“ Flüsterte sie erschrocken. „Bingo.“ Remus grinste müde, aber scheinbar zufrieden und rieb sich die schmalen Arme. Als er Lillyans besorgten Blick sah, verdrehte er die Augen gen Himmel und zwinkerte ihr verschmitzt zu. „Ach komm schon, Lilly-An, wir haben das unter Kontrolle. Oder hältst du uns wirklich für so unfähig?“ unwillkürlich zuckte Lillyan zusammen, als er Sirius‘ alten Spitznamen für sie gebrauchte. Zwar versuchte sie es zu überspielen, aber Remus hatte bereits verstanden und runzelte die Stirn. „Lillyan, wegen dieser Sache mit Sirius: Vielleicht solltest du noch mal mit ihm reden. Du weißt doch, wie explosiv er sein kann. Ich weiß sicher, er hat es nicht so gemeint. Du bist ihm wichtig Lillyan, ganz bestimmt- wenn ihr doch nur…“ „Wenn Sirius mir irgendetwas zu sagen hat, dann kann er das gerne tun, aber ich werde ganz sicher nicht auf ihn zugehen.“ Unterbrach Lillyan ihn energisch, bevor er sie mit seinen Worten erneut verletzen konnte. „Lillyan…“ skeptisch wiegte Remus den Kopf. „Nein, nein und noch einmals nein. Ich diskutiere das nicht mit dir. Weder mit dir noch mit Rita Kimmkorn noch mit sonst jemandem. Selbst nicht mit Professor Dumbledore!“ Remus seufzte resigniert. „Es tut mir alles so leid. Es ist so dumm gelaufen. Ich frage mich, warum wir gerade so eine Pechsträhne haben.“ „Schicksal.“ Lillyan verzog angeekelt das Gesicht. „Ich verabscheue das Schicksal. Naja, auch egal. Komm, wir gehen lieber bevor wir nichts mehr zum Frühstück bekommen. Ich will ungern auf der Zugfahrt verhungern.“ „Hm.“ Ergeben trottete Remus neben ihr her. „Sag mal, wollen wir uns in den Ferien vielleicht mal treffen, Lillyan? Du weißt ja, ich kann nur außerhalb von Vollmondnächten, aber da bleiben im Monat noch ziemlich viele Tage übrig.“ Er grinste erwartungsvoll und schaute zu Lillyan. „Und, wie ist es? Bist du dabei?“ Lillyan war so verblüfft, dass sie beinahe stehen geblieben wäre. „Meinst du das ernst?“ wilde Freude durchzuckte sie bei der Vorstellung, Remus in den Ferien zu sehen und nicht nur per Post mit ihm zu kommunizieren. „Na klar.“ Remus lächelte fröhlich. „Wir könnten zum Beispiel fliegen üben. Du weißt ja, ich bin kein so begabter Quidditchspieler.“ Mit einem Mal war Lillyan so glücklich, dass sie auch ohne Besen hätte fliegen können. „Ähm- klar! Super! Ich bin dabei!“ brachte sie schließlich heraus und konnte nicht anders, als ihn vor Freude stürmisch zu umarmen. „Das wird toll! Wir können ja nachher im Zug besprechen, wann wir uns treffen, oder?“ „Natürlich. Aber jetzt komm.“ Und mit einem unbeschwerten Lachen zog Remus Lillyan mit sich die Treppe hinunter in die Große Halle.

    *
    Nach dem Frühstück brach im ganzen Schloss die Hölle aus. In den Gängen und Korridoren rannten Schüler und Lehrer hektisch durcheinander, überall schwebten mit einem Aufrufezauber belegte Dinge durch die Luft und Peeves machte das Tohuwabohu komplett, indem er durch die Räume und Flure jagte, lauthals falsche Versionen von „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“ sang und wirbelnde Wasserwerfer und Stinkbomben auf die Schüler warf, die kreischend Deckung suchten. Zur allgemeinen Freude begegnete er jedoch genau in dem Moment Professor McGonagall, als er gerade eine besonders unanständige Strophe sang, und darauf folgte eine solche Standpauke, dass Peeves sich für den Rest des Tages beleidigt in die Eulerei verzog. Doch selbst ohne ihn war das Chaos unbeschreiblich. In den Schlafsälen standen halb gefüllte Koffer überall auf dem Boden, Schüler stritten sich über verlorene Handtücher oder angekokelte Pokerkarten und Katzen, Ratten und Kröten sausten und hüpften im Weg herum. Alle waren froh, als endlich die Kutschen vor dem Portal hielten und allmählich alle Koffer fertig gepackt waren. Als auch Lillyan schließlich zusammen mit Lily, Olivia, Emily und den Mäusen Pamela und Paula in ihrem Käfig in einer Kutsche saß, beugte sie sich noch einmal aus dem Fenster und warf einen letzten Blick auf Hogwarts, das im sanften Licht der goldenen Sommersonne leuchtete. Bedauern erfasste sie. Wieder war ein Jahr vergangen, nun rückte die Zeit näher, in der sie Hogwarts für immer würde verlassen müssen. Die schönste Schule der Welt- ihr zweites Zuhause. Sie konnte einen leisen Seufzer nicht unterdrücken, als sich die Kutsche langsam in Bewegung setzte und über die Ländereien hinaus auf die Straße rollte. Lily, die sie besser kannte als irgendjemand sonst, warf ihr einen aufmunternden Blick zu und drückte mitfühlend ihre Hand. „Hey. Mach dir keine Gedanken. Bald sind wir wieder hier, okay?“ Lillyan nickte nur. Den Rest der Fahrt hörte sie einfach den Gesprächen ihrer Freundinnen zu und bekam so endlich mit, wie Emilys Date damals in Hogsmeade mit Michael ausgegangen war. Zwar hatten sie sich bestens verstanden, doch irgendein Slytherin hatte das verliebte Paar von einer Seitenstraße aus gesehen und ihnen zum Spaß zwei rote Herzen mit einem Dauerklebefluch auf die Stirn gehext. Das war ihnen beiden extrem peinlich gewesen und noch dazu hatten sie damit zu Professor McGonagall gehen müssen, damit diese den Slytherin dazu bringen konnte, den Fluch aufzuheben. Damit war sowohl der Tag als auch das Date gelaufen und die beiden hatten sich seit diesem Tag gegenseitig gemieden. „Aber das ist doch totaler Hirnriss!“ empörte sich Lily, die die Geschichte auch zum ersten Mal zu Ende hörte. „Da muss man doch etwas tun können!“ „Also wirklich, Em!“ vorwurfsvoll schaute Lillyan ihre Freundin an. „Wie kommst du nur darauf, Michael jetzt aus dem Weg zu gehen? Da müsst ihr drüberstehen! Himmel, jeder Trottel sieht, wie verschossen ihr immer noch ineinander seid! Ihr dürft euch von solchen Kleinigkeiten nicht aus der Ruhe bringen lassen!“ Emily zuckte nur die Schultern und schaute verlegen zu Boden. „Ich habe mich nicht getraut.“ Gestand sie. „Es war mir peinlich.“ „Oh Em.“ Olivia vergrub stöhnend das Gesicht in den Händen. „Meinst du wirklich, dass es ihm peinlich ist, weiter mit dir zu reden?“ Die Antwort blieb Emily erspart, da die Kutsche am Bahnhof von Hogsmeade hielt. „Kommt, schnell!“ Lily sprang auf. „Uns bleibt nicht viel Zeit!“ gemeinsam wuchteten sie ihre viel zu schweren Koffer in den Zug, ergatterten ein leeres Abteil und ließen sich etwas außer Atem aber sehr zufrieden auf die weichen Sitze sinken. Obwohl sie es nicht wollte, stiegen in Lillyan die Erinnerungen an ihre letzte Zugfahrt hoch. Als sie das letzte Mal im Hogwartsexpress gefahren war, hatte sie nur knapp einen Tag später Sirius kennengelernt und jetzt, als sie wieder weg fuhr, war es, als hätten sie sich nie gekannt. Er war ein Fremder geworden. „Und, was machen wir die ganze Fahrt über?“ fragte sie heiter, um die dunklen Gedanken aus ihrem Kopf zu vertreiben. Von draußen erklang ein Pfiff und der Zug fuhr an, Lillyan warf schnell einen letzten Blick durchs Fenster, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder ganz ihren Freundinnen widmete. „Wie wäre es mit einer Runde Knallpoker?“ schlug Emily vor. „Laaaaangweilig.“ Olivia gähnte. „Was haltet ihr stattdessen von Zauberkegeln?“ „Wie denn bitte, wenn die Kegel in den Koffern sind, du Schlaukopf.“ Bemerkte Lily trocken. „Außerdem weißt du doch, dass das mit kreischenden Kegeln viel zu laut ist.“ „Aber was dann?“ wollte Emily wissen. „Hm… wie steht es mit Krötenjagd?“ schlug jetzt Lillyan vor. Damit waren alle einverstanden, denn dieses Spiel machte wirklich am meisten Spaß. Am Anfang hatte jeder sieben grüne, acht graue und vier rote Karten, dann überlegte sich einer ein Wort wie zum Beispiel „Zaubertrank.“ Und der nächste musste eine Wortreihe dazu finden und die Runde fortsetzen, wie in diesem Fall mit Zaubertrankzutaten oder mit einer anderen Art von Zaubermitteln. Dann musste diese Wortreihe fortgesetzt werden. Brauchte jemand länger als drei Sekunden zum Überlegen, musste er eine weiße Karte ablegen. Brauchte er länger als zehn Sekunden, musste er eine rote Karte abwerfen. Und immer, wenn er die Reihe fortgesetzt hatte, musste er eine grüne Karte irgendwo in den Raum werfen. Diese verwandelte sich dann, kaum dass sie gelandet war, in eine Kröte. Fiel einem innerhalb einer halben Minute kein Wort ein oder musste man die letzte Karte einer Sorte ablegen, so musste man so schnell wie möglich aufspringen und sämtliche Kröten im Raum innerhalb von zwei Minute einfangen und in Karten zurückverwandeln. Schaffte man es, bekam man all seine Karten vom Anfang zurück und das Spiel ging weiter. Schaffte man es nicht, schied man aus und die Anderen spielten ohne denjenigen weiter, nachdem sie ihre grünen Karten wieder bekommen hatten. Wer als letztes übrig blieb hatte gewonnen. Lillyan liebte dieses Spiel, und auch heute wurde sie nicht davon enttäuscht. Es dauerte nicht lange und alle vier Mädchen lagen auf dem Abteilboden und hielten sich den Bauch vor Lachen. Insgesamt gewann Lillyan fünfmal, Lily achtmal, Olivia nur dreimal und Emily zehnmal. Erst, als Emily beim Krötenfangen zum dritten Mal mit dem Kopf an die Tischkante schlug, beschlossen sie, dass sie für den Moment genug gespielt hatten. Noch immer atemlos vom vielen Lachen machte Lily sich auf, um den Süßigkeitenwagen zu suchen und für sie alle Kesselkuchen zu kaufen, während Lillyan ebenfalls aus dem Abteil trat und sich auf die Suche nach Remus machte. Sie fand ihn schließlich zusammen mit seinen Freunden in einem Abteil im hintersten Teil des Zuges, wo sie sich gegenseitig Geschichten erzählten. Ihr Lachen war so laut, dass man es auch fünf Abteile weiter noch hören konnte. Mit einem genervten Seufzer stieß Lillyan kurzerhand die Abteiltür auf, ignorierte James Potters erschrockenen Fluch und traf auf der Suche nach Remus mit dem Blick genau Sirius‘ Augen. Hart, dunkel wie schwarzer Turmalin und fesselnd trotz der eisigen Kälte, die darin lag. Schmerz keimte jäh in ihr auf und sie riss ihren Blick los. Nur mit Mühe schaffte sie es, sich auf Remus zu konzentrieren. „Remus, kommst du mal kurz? Wir wollten noch reden.“ Sagte sie kurz entschlossen. „Ähm- klar.“ Umständlich kam Remus auf die Füße. „Ich bin gleich wieder da, Leute.“ Aber James stellte sich ihm in den Weg und funkelte Lillyan an. Erstaunt und ärgerlich merkte sie, dass er fast so groß war wie Sirius und sie richtig zu ihm hinaufschauen musste. „Was soll das, Whiteley?“ fuhr James sie jetzt an, ohne auf Remus‘ Protest zu achten. „Glaubst du wirklich, du kannst hier einfach so hereinplatzen, wenn es dir gefällt?“ Ungerührt und von einer stoischen Ruhe erfüllt, die für sie etwas ganz Neues war, erwiderte Lillyan seinen Blick. „Nein, das glaube ich nicht. Das ist so.“ antwortete sie und hielt seinem Blick stand, selbst, als der Hass darin schneidend wurde. „Hör auf dich hier so aufzuspielen, James Potter. Dein Machogetue geht mir granatenmäßig auf die Nerven.“ Dann packte sie Remus‘ Ärmel und zog ihn einfach hinter sich her aus dem Abteil. „Na endlich.“ Knurrte sie leise und knallte die Tür hinter sich zu. „Komm, gehen wir lieber ein Stück. Ich glaube, sonst bringt mich Potter noch um.“ Und gemeinsam schlenderten sie den Korridor hinunter.

    10
    10. Alles verloren?
    Sie stand in einem dunklen, runden Raum. Spärliches, blaues Licht ging von einigen Kerzenleuchtern aus, die zwischen einem Dutzend schwarzer Türen hingen, die in die runden Wände eingelassen waren. Mehr gab es in diesem Raum nicht, nur schwarze Türen und Kerzenleuchter. Verzweiflung kroch in ihr hoch, als sie sich ratlos umschaute. Woher sollte sie wissen, welche Türe sie nehmen musste? Dabei war sie ihrem Ziel schon so nahe, sie musste zu ihm, und doch war er fort, unerreichbar. Es war vorbei. Tränen liefen ihre Wangen hinunter, sie schrie seinen Namen, rüttelte blind drauf los an verschiedenen Türklinken, bis sich eine öffnete und sie fiel und fiel…

    „Lillyan? Lillyan!“ Eine Hand rüttelte sie an der Schulter. „Lillyan, was ist los?“ Lillyan fuhr hoch und öffnete die Augen. Sie war in ihrem Zimmer und Lily stand mit besorgtem Gesicht neben ihr. Mit einem erleichterten Seufzer setzte sie sich auf und strich sich das verschwitzte Haar aus der Stirn. Nur ein Traum. Gott sei Dank. „Lillyan, alles okay?“ erkundigte Lily sich und setzte sich mit noch immer besorgter Miene auf Lillyans Bettrand. Lillyan nickte und schaute sie an. „Was ist passiert?“ wollte sie wissen. „Du hast im Schlaf geweint.“ Beunruhigt wich Lily ihrem Blick aus. „Es klang ziemlich verzweifelt.“ „Oh.“ Verwirrt lehnte Lillyan ihren Kopf gegen die Wand. „Noch was?“ erkundigte sie sich argwöhnisch, als ihre Freundin sie mit einem merkwürdigen Ausdruck in den Augen anstarrte. Lily wand sich unter ihrem Blick wie ein Aal. „Naja, du hast… seinen Namen gesagt.“ Gab sie schließlich zu. Lillyans Herz zog sich unwillkürlich vor Schmerz zusammen, als ihr klar wurde, wen Lily meinte. „Oft?“ fragte Lillyan verschämt. Lily seufzte tief. „Wenn oft für dich mehr als zehn Mal bedeutet, dann ja.“ Lillyan stöhnte und vergrub das Gesicht in den Händen. „Was war denn los?“ hakte Lily vorsichtig nach. „Hattest du einen Alptraum?“ „Kann man so sagen.“ Murmelte Lillyan erschöpft. „Willst du es mir erzählen?“ Es war keine Bitte, es war eine Frage. „Ich war in einem Raum.“ Begann Lillyan und versuchte, sich an alles zu erinnern. „Es war fast dunkel und überall waren Türen. Und ich wusste, dass… dass eine dieser Türen mich zu ihm führt, aber ich wusste nicht welche und es war…“ Sie konnte einen Schluchzer nicht unterdrücken und Lily drückte mitfühlend ihre Hand. „Und- oh Lily- er war… tot!“ Lillyan konnte sich nicht mehr beherrschen und begann zu weinen. Tröstend streichelte Lily ihr den Rücken. „Es war nur ein Traum!“ flüsterte sie ihr zu. „Es ist nicht wirklich geschehen!“ Lillyan wusste das, aber trotzdem hatte es sich so verdammt real angefühlt. Das Gefühl, zu wissen, dass es bereits zu spät war, dass sie ihn nicht mehr retten konnte. Dass sie ihn niemals wieder sehen würde. Ihn. Sirius. Ihr Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen, als sein Name in ihr Bewusstsein drang. Es tat so weh. Lily nahm sie sanft in den Arm und stieß einen sehr undamenhaften Fluch aus, als sie spürte, wie Lillyan zitterte. Sie flüsterte leise, beruhigende Worte und hielt sie fest, bis Lillyan sich wieder unter Kontrolle hatte. Als sie sie wieder losließ, dachte sie kurz nach und schüttelte dann resigniert den Kopf. „Verdammt noch mal, so kann es nicht weiter gehen, Lillyan.“ Sagte sie und stöhnte leise. „Du versaust dir auf diese Art die ganzen Ferien. Wie gut, dass ich jetzt da bin, um dich abzulenken.“ Lillyan schniefte und nickte. Sie war wirklich froh darüber, dass ihre beste Freundin gestern zu Besuch gekommen war und für zwei Wochen bei ihr bleiben würde. Anschließend würde Lillyan zwei Wochen lang Lily besuchen und schließlich würden die beiden gemeinsam einige Tage bei Olivia im Garten zelten. Alles in allem: eine herrliche Zeit voller Ablenkung, viel besser als die bisherigen Ferien. Die letzte Woche war eine Tortur gewesen. Lillyan hatte die dunklen Gedanken einfach nicht aus ihrem Kopf scheuchen können und solch schlechte Laune verbreitet, dass ihre Eltern sich schon Sorgen gemacht hatten. Jetzt jedoch, wo sie endlich Unterhaltung hatte und nicht mehr alleine war, würde sie diese bestimmt überwinden. In diesem Moment hörte sie mit einem Mal ein leises Klopfen. Irritiert schaute sie sich um, aber sie konnte die Quelle des Geräusches nirgends entdecken. „Da!“ sagte Lily plötzlich und deutete zum Fenster hinüber. Draußen auf dem Fensterbrett saß eine kleine, windzerzauste graue Eule und pickte energisch mit dem Schnabel gegen die Glasscheibe. Lillyan sprang auf und rannte zum Fenster. Von einer Sekunde auf die andere zitterten ihre Finger. Seit Ferienbeginn ging es ihr jedes Mal so, wenn eine Eule mit einem Brief kam, immer in der heimlichen Hoffnung, dass Sirius vielleicht doch nicht… Mit fliegenden Fingern öffnete sie das Fenster und die Eule schwirrte ins Zimmer herein, kreiste zwitschernd ein paar Runden über ihren Köpfen und versuchte dann, sich auf Lillyans Schreibtischlampe niederzulassen. Dafür hatte sie jedoch zu viel Schwung und kippte vornüber. Geschickt fing Lillyan sie auf, setzte sie in ihre Handfläche und knotete mit der anderen Hand vorsichtig das Band auf, mit dem ein Brief an das linke Bein der kleinen Eule gebunden war. Kaum, dass sie ihre Last los war, zwickte diese ihr zum Dank zärtlich in den Finger und flatterte hinüber zu Pixies Wassernapf, um sich am Wasser gütlich zu tun. „Na ein Glück, dass deine Eule gerade auf der Jagd ist.“ Bemerkte Lily belustigt. „Ich glaube, sie fände es nicht so toll, dass sich so ein kleiner Piepmatz einfach so mir nichts dir nichts ihren Wassernapf unter den Nagel reißt.“ „Stimmt.“ Voller Ungeduld riss Lillyan den Briefumschlag auf und entfaltete das Papier. Ernüchterung, Schmerz und Freude durchfuhren sie gleichzeitig: Der Brief war nicht von Sirius, dafür aber von Remus. Neugierig beugte sie sich über das Papier und las:

    Liebe Lillyan,
    ich hoffe dir geht es gut und du hattest bisher schöne Ferien. Ich weiß, es kommt unerwartet, denn wir hatten ja abgemacht, dass wir uns erst gegen Ende der Ferien treffen, aber jetzt haben sich bei mir einige andere Termine verschoben und ich habe in der gesamten nächsten Woche nichts zu tun. Noch dazu sind heute meine Eltern nicht da, das heißt, ich werde mich wahrscheinlich zu Tode langweilen. Hättest du nicht vielleicht Lust, dich schon heute mit mir zu treffen?
    Bitte antworte bald, damit die Zeit noch reicht, falls du kannst. Ich freue mich darauf!
    Dein Remus.
    P.S.: Bitte schicke mit deine Antwort mit der kleinen Eule zurück, die dir den Brief gebracht hat. Ihr Name ist Hilary, ich habe sie von meiner Tante nachträglich zum Geburtstag bekommen und sie ist furchtbar anstrengend. (Mein Dad hat schon gedroht, wenn sie Zuhause so weiterkreischt, dann schenken wir Tante Klara dafür nächstes Weihnachten einen singenden Wandbehang, den er mit einem Dauerklebefluch an ihre Wand hext, aber ich will nicht undankbar sein)
    P.P.S.: Sei vorsichtig, sie beißt gerne mal zum Spaß und hat einen ziemlich scharfen Schnabel.

    Lillyan musste lächeln und ließ den Brief sinken. Allein der Gedanke, Remus heute schon zu sehen, jagte ihr einen warmen Schauder den Rücken hinunter. Zum ersten Mal seit Ferienbeginn rückten die Gedanken an Sirius in weite Ferne und Lillyans ganzer Körper begann freudig zu kribbeln. „Und? Was steht denn da? Na nun sag schon!“ neugierig spähte Lily über ihre Schulter. „Du schaust ja, als wäre Weihnachten vorverlegt worden.“ „Der Brief ist von
    Remus.“ Antwortete Lillyan und zögerte. Würde Lily damit einverstanden sein, sich gemeinsam mit Remus zu treffen? Sie mochte ihn ja noch nicht einmal besonders, und es wäre ihr gegenüber nicht fair, sie zu einem solchen Treffen mitzuschleppen, wenn sie es nicht wollte. Unschlüssig biss sich Lillyan auf die Unterlippe und schwieg. „Und, was schreibt er denn? Mann, Lillyan, muss man dir denn wirklich alles aus der Nase ziehen?“ Wortlos gab Lillyan ihr den Brief. Sie wusste nicht, was sie sonst tun sollte. Jetzt lag es an Lily, was sie Remus antworten würde. Stirnrunzelnd beugte Lily sich über den Brief, während Lillyan Remus‘ kleiner Eule zusah, die jetzt wieder durch das Zimmer sauste, die Deckenlampe umkreiste, um ein Haar gegen den Kleiderschrank knallte und schließlich laut zwitschernd auf Lillyans Schulter landete. Sanft streichelte Lillyan ihr das warme Bauchgefieder, bis die Eule ihr zärtlich ins Ohr biss. „Au, spinnst du?“ reflexartig schubste Lillyan sie unsanft von ihrer Schulter und betastete ihr ramponiertes Ohr. Ungerührt über Lillyans Protest flatterte die kleine Eule zurück zum Schrank und ließ sich darauf nieder. Gerade noch rechtzeitig schaute Lillyan zurück zu Lily, um zu sehen, wie Lily den Brief seelenruhig wieder zusammenfaltete und sie fragend anschaute. „Und, was sagst du?“ fragte Lily ungerührt. „Sollen wir uns heute mit ihm treffen?“ Völlig perplex starrte Lillyan sie an. „Wie, wir?“ stieß sie schließlich verwirrt hervor. „Soll das etwa heißen, du willst wirklich mitkommen?“ „Ja klar, wieso denn nicht?“ Völlig entspannt lehnte Lily sich gegen ein Regal und verschränkte die Arme vor der Brust. „Solange es dir nichts ausmacht…“ „Solange es MIR nichts ausmacht?“ Lillyan verstand die Welt nicht mehr. „Du bist es doch, die Remus nicht leiden kann!“ „Habe ich das jemals gesagt?“ gelangweilt betrachtete Lily ihre Fingernägel. „Nein, das habe ich nicht. Klar gehen mir Potters Freunde auf die Nerven, insbesondere, weil sie alle seine Dummheiten mitmachen, aber das bezieht sich nicht auf Lupin. Weißt du, wenn er nicht mit Potter und seiner Gang zusammen ist, dann mag ich ihn sogar, habe ich festgestellt. Er ist ruhig und sehr klug. Man kann sich gut mit ihm unterhalten. Also ja, ich würde gerne mitkommen.“ Für einen Moment lang verschlug es Lillyan die Sprache vor Verblüffung, dann jedoch breitete sich auf ihrem Gesicht ein Strahlen aus. „Na los, nun antworte schon und richte ihm aus, dass er uns nur im Doppelpack kriegt.“ Grinsend ging Lily zu ihr hinüber und stieß ihr freundschaftlich den Ellenbogen in die Seite. „Ich glaube, ich mache mich mal auf die Suche nach meiner Bürste.“ „Wow, … danke.“ Immer noch ziemlich verwirrt, aber voller Freude ging Lillyan zu ihrem Schreibtisch hinüber, setzte sich, tauchte ihre Feder in die Tinte und kritzelte rasch ihre Antwort darauf, dann fing sie Remus‘ Eule ein, was gar nicht so einfach war, band ihr die Nachricht ans Bein, brachte sie zum Fenster und sah dann zu, wie sie über die glänzenden Dächer der Nachbarhäuser hinweg davonflog, dem Himmel entgegen.
    *
    Der Ort, den Lillyan als Treffpunkt ausgewählt hatte, war der Marktplatz des kleinen Dorfes, in dem Remus lebte. Als Lillyan und Lily dort eintrafen, wimmelte es bereits von Muggeln, die gemeinsam oder alleine über den Platz schlenderten, den großen Brunnen in der Mitte des vielen Betons bewunderten oder das Schaufenster des einzigen Ladens beobachteten, den es in diesem Dorf überhaupt gab. Katzen räkelten sich auf Mauern und in frisch geharkten Blumenbeeten, Mäuse huschten um eine umgekippte Mülltonne am Straßenrand und ein dicker Dackel beschnupperte mäßig interessiert eine halbe Birne, die neben dem Brunnen auf der Straße lag. „Mensch, ist das voll hier.“ Staunte Lily und ließ ihren Blick über die Menge schweifen. „Anscheinend ist hier das ganze Dorf versammelt. Naja, auch kein Wunder bei diesem Wetter.“ Lillyan konnte ihr nur Recht geben. Am blitzblauen Himmel stand grell und klar die Sonne und strahlte mit einer Intensität, bei der man glatt einen Hitzschlag kriegen konnte. Ein Glück, dass Lily für einen solchen Fall zwei Temperaturangleichringe in der Winkelgasse gekauft hatte. Das war der einzige Grund, weshalb Lillyan in ihren Jeans und der Sommerjacke noch nicht geschmolzen war. Unruhig trat sie von einem Fuß auf den anderen und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Ihre Eltern hatten sie ihr geschenkt, nachdem sie zum ersten Mal in der Winkelgasse gewesen waren. Sie war klein, glänzend und schlang sich in hunderten von hauchdünnen Goldsträngen um Lillyans Handgelenk. Auf dem Ziffernblatt war im Hintergrund die momentane Mondphase zu sehen, im Vordergrund tickten vier Zeiger über merkwürdige Symbole, die sich genauso anordneten wie die Zahlen auf einer normalen Uhr. Die Uhr war völlig unverständlich für jemanden, der sich damit nicht auskannte, aber nach jahrelanger Übung war Lillyan eine wahre Meisterin im Umgang mit magischen Geräten geworden und wusste genau, was sie tun musste. „Remus Lupin.“ Flüsterte sie halblaut und berührte kurz einen kleinen Knopf auf der Seite der Uhr. Im nächsten Augenblick begann der kleine Kreis, der anstelle einer drei auf der Uhr stand, rot zu leuchten und einer der vier Zeiger huschte über das Ziffernblatt bis er auf das Symbol zeigte, das anstelle einer Sieben angezeigt wurde. Beruhigt zog Lillyan den Ärmel wieder herunter und trat zu Lily. „Remus verspätet sich.“ Teilte sie der Freundin mit, während sie mit der Fußspitze Muster in die feine Sandschicht auf dem Beton malte. „Anscheinend wurde er aufgehalten, aber in ungefähr fünf Minuten sollte er hier sein.“ „Dass du diese Uhr verstehst…“ Lily schüttelte verständnislos den Kopf. „Naja, was soll’s. Hauptsache, wir wissen, was los ist. Ich hoffe, er beeilt sich, ich bekomme langsam Hunger.“ „Ich auch.“ Erneut sah Lillyan sich um. Die vielen fremden Menschen um sie herum, die ihnen wegen ihrer warmen Kleidung seltsame Blicke zuwarfen, machten sie nervös. Sie wünschte sich ehrlich, dass Remus bald hier auftauchte, sonst würde sie wahrscheinlich noch irgendjemanden sinnlos anschnauzen, was es so zu glotzen gab. Noch dazu musste sie sich zusammenreißen, um nicht jeden dunkelhaarigen Mann auf den ersten Blick für Sirius zu halten. Endlich, nach einigen Minuten, die Lillyan wie Jahre vorkamen, sprang Lily schließlich vom Rand des Brunnens, auf dem sie sich niedergelassen hatte, und grinste Lillyan verschwörerisch zu. „Da kommt er.“ Sagte sie und deutete zu der Kreuzung, an der die Straße in den Dorfplatz mündete. Lillyan hob suchend den Blick und dann entdeckte sie Remus ebenfalls. Breit grinsend kam er auf sie zu, das hellbraune Haar leicht verstrubbelt, die schlichte Jeans und das hellbraune T-Shirt verwaschen und ausgebleicht, und am linken Mittelfinger trug auch er einen Temperaturangleichring. In dem Moment, als er Lillyans Blick auffing, wurde sein Grinsen noch breiter, sodass er aussah, als würden ihm gleich die Ohren abfallen, und er hob übermütig die Hand und winkte. Lillyan und Lily mussten lachen, was ihnen irritierte Blicke der Umstehenden einbrachte, und beeilten sich, Remus entgegenzugehen, um der Menschenmenge zu entkommen. Die Freude, Remus wiederzusehen, warf Lillyan fast um, und sie konnte sich einfach nicht davon abhalten, ihm die letzten Meter entgegenzurennen und sich in seine Arme zu werfen. „Remus!“ jauchzte sie und vergrub glücklich das Gesicht an seiner Schulter. „Hey, Lillyan.“ Remus‘ tiefes, leises Lachen vibrierte an ihrem Ohr, als er ihre Umarmung ungestüm erwiderte und sie so fest drückte, dass sie fast keine Luft mehr bekam. Zum ersten Mal seit einer Woche wieder richtig entspannt legte Lillyan ihre Hände auf seinen Rücken und schloss lächelnd die Augen, obwohl sie gleichzeitig nach Luft ringen musste. „Hey, erwürge gefälligst meine beste Freundin nicht, Lupin, sonst muss ich mir leider einen deftigen Racheplan ausdenken.“ drang da Lilys Stimme von hinten zu ihr durch. Bedauernd lösten Remus und Lillyan sich wieder voneinander und grinsten sich an. „Na, alles klar ihr beiden?“ fragte Remus. Auf seinen Wangen lag eine gesunde Röte, keine Spur war mehr zu entdecken vom letzten Vollmond. „Ja, alles bestens.“ Lillyan strahlte und zog dann Lily am Arm zu sich her. „Hey, Evans!“ Remus zwinkerte belustigt. „Keine Sorge, ich habe keine Angst vor deinen Morddrohungen. Übrigens: danke für die nette Begrüßung.“ Lily lachte nur und gab Remus umständlich die Hand. „Tja, so bin ich eben. Hi Lupin.“ „Ähm, Leute“, mit gerunzelter Stirn schaute Lillyan von einem zum anderen, „ich will ja wirklich nicht unhöflich sein, aber da ich euch alle beim Vornamen nenne und es total komisch finde, wenn ihr euch gegenseitig bei euren Nachnamen nennt, wäre ich euch wirklich dankbar, ihr könntet euren Stolz überwinden und euch gegenseitig einfach Lily und Remus nennen, einverstanden?“ Lilys und Remus‘ Blicke wanderten zu ihr. Lily sah aus, als hätte man ihr gerade ein überdimensionales Glas mit Zitronensaft eingeflößt, während Remus erfreut lächelte. „Na komm schon, Evans.“ Sagte er und grinste ihr verschwörerisch zu. „Was sagst du, legen wir die alten Benimmregeln ab?“ Zögernd biss Lily sich auf die Unterlippe und erwiderte Remus‘ Blick, dann jedoch nickte sie und begann ebenfalls zu lächeln. „Na gut, ich bin dabei. Aber wehe, einer von deinen Freunden fängt an, mich beim Vornamen zu nennen, dann kann er sich auf was gefasst machen.“ „Geht klar, Evans.“ Remus fing Lillyans Blick auf und verbesserte sich schnell. „Ich meine, geht klar Lily.“ Lily lachte schallend los, während Lillyan und Remus erstaunte Blicke austauschten. „Was ist denn?“ wollte Remus schließlich wissen. „Es ist nur lustig, wie betroffen du mich anschaust, nur weil du daran gewöhnt bist, mich Evans statt Lily zu nennen.“ Immer noch glucksend schüttelte Lily ihre langen, roten Haare über ihre Schultern und schaute die beiden anderen an. „Also, was ist jetzt? Wohin wollt ihr gehen?“ „Remus?“ fragend schaute Lillyan ihn an. „Du kennst dich ja hier aus. Was könnten wir zusammen machen?“ „Hm“, Remus legte nachdenklich die Stirn in Falten, „eigentlich gibt es hier nicht gerade viel, was man unternehmen könnte, dieses Dorf ist völlig tote Hose. Das einzige, das man hier machen kann, ist Kaffee trinken und Kuchen essen bei Madam Roswithas Plätzchenparadies. Ansonsten würde ich sagen, wir gehen einfach auf die Felder raus. Da draußen gibt es ein paar wirklich schöne Ecken am Waldrand.“ „Okay, cool!“ freute sich Lily. „Dann nichts wie los, oder?“ „Erst Kaffee trinken oder auf die Felder?“ wollte Lillyan wissen. „Ich bin für Kaffee trinken.“ Stellte Remus fest. „Ich mag keinen Kaffee.“ Warf Lillyan ein. „Ich eigentlich auch nicht, aber es wird ja wohl noch irgendetwas anderes zu Trinken geben, oder?“ sagte Remus rhetorisch. „Na kommt schon, gehen wir.“ „Wo ist das Kaffee?“ erkundigte sich Lily und bedeutete Remus, vorauszugehen. „Na los, geh schon vor.“ „In Ordnung“, Remus strich sich ein paar lose Haarsträhnen aus der Stirn und wandte sich nach links, „dann kommt mit.“ Remus führte Lily und Lillyan am Rand des Dorfplatzes entlang und in eine Straße hinein, die zum Glück nicht ganz so überfüllt war wie der Dorfplatz. Die Häuser hier waren klein und staubig, und in den kleinen, völlig vernachlässigten Vorgärten war sogar das Unkraut vertrocknet. Anscheinend hatte es hier schon lange nicht mehr geregnet. „Traurige Gegend.“ Murmelte Lily leise und musterte eine kaputte Straßenlaterne. Lillyan nickte nur und beeilte sich Remus zu folgen, der ein ganz schönes Tempo vorlegte. Vor einem kleinen, heruntergekommenen Haus am Eingang der Straße, durch dessen Schaufenster man ein winzig kleines Kaffee sehen konnte, machte er schließlich halt. „Darf ich vorstellen: Madam Roswithas Plätzchenparadies. Einer meiner Lieblingsplätze hier in der Gegend. Seit dem Tod ihres Mannes vertreibt Madam Roswitha sich die Zeit mit Plätzchenbacken. Ich komme immer wieder gerne vorbei um Plätzchen zu essen und mich mit ihr zu unterhalten. Sie ist sehr nett und sie freut sich immer so, wenn man mit ihr redet. Außerdem macht sie die beste Eisschokolade innerhalb von fünfzig Meilen.“ „Die Ärmste.“ Mitfühlend musterte Lily die Türe des kleinen Kaffees. „Sie muss sehr einsam sein ohne Mann und ohne Gesellschaft. Eine schöne Idee, sie besuchen zu gehen.“ „Finde ich auch.“ Lillyan lächelte. „Es freut mich, dass ihr das auch so seht. Wie schon gesagt, ich komme gerne hierher.“ Remus lächelte zurück und öffnete die Türe der kleinen Konditorei. „Na dann, nichts wie herein.“ Das Kaffee, das von außen winzig gewirkt hatte, war von innen weitaus geräumiger, als Lillyan gedacht hatte. Drei kleine Tischchen standen an der kleinen Fensterfront auf der Seite und auf der Theke, die mitten im Raum stand, stapelten sich die köstlichsten Kuchen, Torten und Plätzchen, die Lillyan je gesehen hatte. Selbst die Hauselfen in Hogwarts hätten sich davon noch einmal eine Scheibe abschneiden können, und diese zu toppen war schon beinahe unmöglich. „Wow, ist das toll hier!“ staunte Lily neben ihr und betrachtete mit großen Augen die Berge von Gebäck auf der Theke. „Nicht?“ Remus lächelte stolz. „Wartet ab, bis ihr das erst einmal alles probiert habt. Nach diesen Kuchen wird man süchtig. Wenn…“ Er unterbrach sich, denn eine große, elegante Frau mit langem, blauschwarzem Haar, das zu einem perfekten Flechtzopf gebunden war, hatte den Raum betreten. Ihr schmales Gesicht mit den hohen Wangenknochen und ihre glatte, milchkaffeefarbene Haut ließen sie jünger wirken, als sie wahrscheinlich war, aber als sie lächelte, bemerkte Lillyan die Schatten einer alten, nie verheilten Wunde auf ihrem klugen Gesicht. So freundlich das Lächeln auch war, so lag doch Traurigkeit und Schmerz darin, und obwohl ihre Augen leuchteten, war Lillyan klar, dass sie einen Großteil von ihrem früheren Glanz verloren haben mussten. „Remus, was für eine angenehme Überraschung.“ Die Stimme der fremden Frau war freundlich und ruhig und in ihr schwang solche Güte mit, dass Lillyan sie augenblicklich mochte. „Wie schön, dass du mich auch mal wieder besuchen kommst! Wen hast du denn da mitgebracht?“ Neugierig schaute sie die beiden Mädchen an. „Ich freue mich auch, sie wiederzusehen, Madam Roswitha.“ Sagte Remus herzlich und trat auf sie zu, um ihr freundschaftlich die Hand zu geben. „Darf ich vorstellen“, er wies auf Lillyan und Lily, „das sind Lillyan Whiteley und Lily Evans, Schulfreundinnen von mir. Lillyan, Lily, das ist Madam Roswitha, ich habe euch ja schon von ihr erzählt.“ „Hallo.“ Begrüßte Lillyan sie und gab ihr ebenfalls die Hand. „Freut mich sehr.“ „Mich ebenfalls.“ Madam Roswitha lächelte erneut und gab auch Lily die Hand. „Lillyan und Lily? Ein lustiger Zufall, das muss ich schon sagen. Verwechseln die Lehrer im Internat oft eure Namen?“ Im Internat? Lillyan brauchte einen Moment, bis ihr klar wurde, dass Remus ihr wohl Hogwarts als normales Muggelinternat verkauft hatte, da Madam Roswitha schließlich nichts von Zauberei wusste. „Nein, wir sind in unterschiedlichen Klassenstufen.“ Lily schaltete schneller als Lillyan. „Deshalb nicht.“ „Achso.“ Madam Roswitha lachte. „Naja, jedenfalls freue ich mich sehr, dass ihr hier seid. Setzt euch doch, ich bringe euch was zu trinken, ihr seid sicher durstig bei dem Wetter! Was möchtet ihr?“ Lillyan warf Remus einen fragenden Blick zu. „Drei Eisschokoladen, bitte.“ Rettete er schnell die Situation. Man, vier Jahre in Hogwarts und Lillyan wusste nicht mehr, was man in der Muggelwelt zu trinken bestellen konnte. Allmählich wurde es lächerlich. „Warten Sie bitte, ich möchte kein Eis.“ Hielt Lily Madam Roswitha auf, bevor sie in der Küche verschwinden konnte. „Natürlich, kein Problem.“ Madam Roswitha lächelte. „Was hättest du dann gerne?“ „Ähm…“, Lily schien fieberhaft nachzudenken, „ein Apfelsaftschorle.“ „Ist schon unterwegs.“ Madam Roswitha zwinkerte Lily zu und eilte geschäftig in Richtung Küche. „Puh!“ stöhnte Lily, sobald sie außer Hörweite war, und ließ sich auf einen Stuhl am Fenster fallen. „Das war knapp. Um ein Haar hätte ich einen Kürbissaft bestellt. Ich musste erst einmal wieder richtig nachdenken, bis mir einfiel, dass ich als Kind Apfelsaft geliebt habe. Ich hoffe, das ist noch immer so, ich habe seit über fünf Jahren keinen Apfelsaft mehr getrunken.“ „Ich hatte so meine Schwierigkeiten mit dem Internat.“ Warf Lillyan ein und ließ sich ebenfalls auf einem Stuhl nieder. „Ziemlich clever, Remus. Allerdings solltest du uns das nächste Mal vorwarnen.“ „Wieso denn? Hogwarts ist doch ein Internat.“ Gab Remus zurück und fläzte sich mit einer so lässigen Bewegung auf einen Stuhl, dass Lillyan sicher war, dass er sich das von James Potter abgeschaut hatte. „Ja, schon.“ Lillyan verdrehte im Spaß die Augen und gab es auf, da in diesem Moment Madam Roswitha mit den Getränken zu ihrem Tisch kam. „Bitteschön, zweimal Eisschokolade und ein Apfelschorle.“ Lächelnd verteilte sie die Getränke und schaute dann in die Runde. „Und jetzt zum lustigeren Teil. Was möchtet ihr essen? Remus hat euch doch bestimmt erzählt, was es hier alles gibt, oder?“ Als Lillyan und Lily einen unsicheren Blick tauschten, seufzte Madam Roswitha und warf Remus einen strafenden Blick zu. „Etwa nicht? Schäm dich! Du müsstest doch die Kuchenkarte allmählich schon auswendig können!“ „Ich wollte die beiden überraschen.“ Verteidigte Remus sich fröhlich. „Ja klar, natürlich.“ Madam Roswitha schmunzelte amüsiert und deutete zur Kuchentheke hinüber. „Ich denke eine Karte ist eigentlich überflüssig. Bedient euch einfach, ich mache für euch dann einen Gesamtpreis.“ „Wahnsinn, danke!“ begeistert betrachtete Lily die verschiedenen Gebäckstücke von ihrem Stuhl aus. „Na geh schon hin, bevor dir noch die Augen ausfallen!“ lachte Madam Roswitha und scheuchte Lily zur Theke hinüber, dicht gefolgt von Remus. Gerade wollte Lillyan auch aufstehen, als sie mit einem Mal etwas Seltsames bemerkte. Aus Madam Roswithas linker hinterer Hosentasche ragte ein langes, glänzend geschliffenes Stück Holz empor, dessen Form und Größe Lillyan nur allzu bekannt vorkam. „Sie… Sie sind eine Hexe!“ stieß sie verblüfft hervor. Madam Roswitha erstarrte. Remus und Lily drehten sich so schnell um, dass Lily beinahe auf dem glatten Parkettboden ausgerutscht wäre. Lillyan wurde erst bewusst, dass sie aufgestanden war, als sie Madam Roswitha, die sich zu ihr umgedreht hatte, direkt gegenüber stand. Diese war blass geworden und musterte Lillyan beunruhigt. „Was genau- woher…“ begann sie verunsichert, doch Lillyan unterbrach sie, bevor sie es abstreiten konnte. „Na woher wohl, wir sind auch Hexen! Naja, zumindest Lily und ich.“, korrigierte sie sich schnell, als sie Madam Roswithas leichtes Stirnrunzeln bemerkte. „Und Remus ist ein Zauberer. Es stimmt wirklich, wir gehen auch nicht auf irgendein Internat sondern nach Hogwarts! Ich kann es einfach kaum fassen, dass Remus es nicht schon längst bemerkt hat!“ Madam Roswithas Augen weiteten sich, als sie verstand. „Lillyan…“ murmelte Remus von irgendwoher, aber Lillyan ignorierte ihn. „Ist das wirklich wahr?“ fragte Madam Roswitha schließlich, „Ihr geht alle drei nach Hogwarts?“ Lillyan nickte und zog zum Beweis den Ärmel von ihrer magischen Uhr, sodass Madam Roswitha sie sehen konnte. „Wow, tatsächlich! Ich konnte es einfach nicht glauben.“ Völlig überwältigt ließ sich Madam Roswitha auf einen nahegelegenen Stuhl fallen und zog gerade noch rechtzeitig ihren Zauberstab hervor, bevor sie sich darauf niederlassen konnte. Remus und Lily kamen vorsichtig wieder näher, beide offenbar mehr als überrascht. „Sie sind wirklich eine Hexe?“ fragte Remus ungläubig nach. „Ja Remus, das bin ich.“ Madam Roswitha lachte leise. „Himmel, nie dachte ich, dass sich auch nur irgendein Zauberer in dieses gottverlassene Dorf verirren würde, und jetzt sind es gleich drei.“ Kopfschüttelnd schaute sie die drei an. „Warum sind Sie denn hier, so abgeschnitten von der ganzen Zaubererwelt?“ fragte Lily vorsichtig. „Warum sind Sie nicht in London, sondern arbeiten als Muggelbäckerin?“ „Das ist eine lange Geschichte.“ Mit einem tiefen Seufzer lehnte Madam Roswitha sich in ihrem Stuhl zurück und schob ihren Zauberstab in ihre offene Schürzentasche. „Und hängt größtenteils mit meiner Schulzeit zusammen. Keine sehr erfreuliche Sache.“ „Sie waren unglücklich in Hogwarts?“ jetzt war es an Lillyan, die Stirn zu runzeln. „Warum?“ „Oh Lillyan, ich war gar nicht in Hogwarts.“ Resigniert fuhr Madam Roswitha sich mit der Hand durchs Gesicht. „Nicht? Wo dann?“ fragte Remus verwirrt. Madam Roswitha straffte die Schultern, so als wollte sie sich zu etwas überwinden, dann schaute sie Remus eindringlich an. „Ich war in Durmstrang.“ Sagte sie ernst. „Was?“ Lily blieb beinahe der Mund offen stehen. „Aber wieso denn- warum?“ „Weil mein Vater es so wollte.“ Madam Roswitha lachte bitter auf. „Er hörte niemals auf jemanden, oh nein. Nicht auf mich, nicht auf seine Freunde… noch nicht einmal auf meine Mutter.“ Als sie Remus‘, Lilys und Lillyans brennend neugierige Blicke bemerkte, lachte sie resigniert. „Na gut. Holt euch was zu Essen und dann erzähl ich euch in Ruhe die ganze Geschichte, einverstanden? Ich bemühe mich allerdings, sie etwas abzukürzen, schließlich wollt ihr heute auch noch etwas anderes unternehmen, oder etwa nicht? Aber sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt: Meine Geschichte hat kein Happy End.“
    Keine zwei Minuten später saßen Remus, Lily und Lillyan zusammen mit Madam Roswitha am Tisch und schauten die ältere Frau gespannt an. Diese holte tief Luft, stützte sich mit den Unterarmen auf der Tischkante ab und begann zu erzählen. „Als ich klein war, lebte ich mit meiner Familie in Gloucestershire. Mein Vater arbeitete dort in einer damaligen Zweigstelle des Zaubereiministeriums und so war ich mittags meistens mit meiner Mutter und meiner kleinen Schwester Miranda alleine. Meine Eltern waren beide magisch und meine Mutter war eine sehr fröhliche und gutherzige Frau. Den ganzen Tag lang sang sie Lieder von irgendwelchen Hexenbands und kochte die verschiedensten Gerichte. Sie war eine perfekte Köchin. Mein Vater allerdings war das genaue Gegenteil von ihr. Streng, herrschsüchtig, sturer als jeder Esel und sehr explosiv. Seit meinem dritten Geburtstag versuchte er, mir erste magische Anzeichen zu entlocken, denn für ihn war es das Wichtigste, dass seine Kinder schon früh mit dem Zaubern begannen. Gegen Muggel oder Squibs hatte er zwar nicht direkt etwas, äußerte sich jedoch trotzdem recht oft abfällig über sie, obwohl sein Vater muggelstämmig und seine Mutter ein Halbblut war. Schließlich, zwei Tage vor meinem fünften Geburtstag, machten sich zum ersten Mal magische Anzeichen bei mir bemerkbar. Mein Vater hatte, um meine Magie zu testen, eine Treppenstufe mit Seife eingerieben und ich bin darauf ausgerutscht, aber nicht die Treppe heruntergefallen, sondern elegant hinuntergeschwebt. Vater war begeistert, ihr hättet ihn sehen sollen. Jedoch währte seine Freude nicht lange, denn Miranda, meine damals dreijährige Schwester, zeigte, genauso wie ich in ihrem Alter, keine magischen Anzeichen. Meine Mutter meinte, er solle Geduld haben, und es würde sich bei ihr wahrscheinlich erst später entwickeln, doch er hörte nicht auf sie. Als sie gerade dreieinhalb Jahre alt war, schubste er sie auf dem Geburtstag eines Freundes mitten im Winter in dessen Gartenteich. Er dachte wohl, ihre Magie würde sie retten, doch das Wasser war zu kalt. Obwohl ich mich hinterher ins Wasser stürzte und meiner Mutter half, sie herauszuziehen, war es schon zu spät. Sie erfror.“ Madam Roswithas Unterlippe zitterte und in ihren Augen glänzten Tränen. Lillyan hatte noch nie in ihrem ganzen Leben ein Mensch so leidgetan. Oh Gott, so etwas miterleben zu müssen… „Ich wäre fast ebenfalls erfroren.“ Erzählte Madam Roswitha mit belegter Stimme weiter. „Nach drei Wochen im St.Mungos kam ich wieder zu mir und erfuhr dass meine Schwester tot, meine Mutter vor Trauer um sie und Sorge um mich halb wahnsinnig und mein Vater völlig durchgedreht war. Er war der festen Überzeugung, Miranda wäre nur deshalb gestorben, weil sie eine Squib war und warf meiner Mutter vor, Miranda sei gar nicht seine Tochter und meine Mutter habe ihn betrogen. Obwohl meine Mutter das abstritt, bleich wie ein Gespenst war und weder aß noch schlief, verleugnete er, Mirandas Vater gewesen zu sein. Nicht mal auf die Beerdigung ist er gegangen, und meine Mutter hat geweint wie eine Irrsinnige. Nicht einmal ich konnte sie beruhigen.“ Madam Roswitha stöhnte leise und vergrub das Gesicht in den Händen. „Es dauerte Jahre, bis meine Eltern sich wieder beruhigt hatten. Ich grenzte mich in dieser Zeit völlig von allem ab, blieb in meinem Zimmer, brachte mir selbst mithilfe von Muggelbüchern lesen und schreiben bei und lernte die Rezeptbücher meiner Urgroßmutter auswendig. Kuchen- und Tortenrezepte waren in dieser Zeit das Einzige, was mich am Leben hielt und für das ich mich begeistern konnte. Als ich schließlich elf wurde, bekam ich meinen Hogwartsbrief und war glücklich wie noch nie, doch mein Vater setzte all dem ein Ende. Er meinte, diese Schule sei etwas für Kinder, deren Eltern einen Hang zu Gefühlsduselei hätten, und es sei besser für mich, auf eine Eliteschule mit strengem Umgang zu gehen. Ich wollte nicht. Ich hatte schon so viel über Hogwarts gelesen und wollte unbedingt dorthin, aber mein Vater kannte keine Gnade. Er meldete mich „zu meinem eigenen Besten“ in Durmstrang an und so musste ich schließlich ganz alleine weit fort in die Kälte in ein Land, von dessen Sprache ich kein einziges Wort verstand. Zum Glück traf ich gleich an meinem ersten Tag, als ich weinend im Zug nach Durmstrang saß, einen netten Siebtklässler, der sich mit Sprachzaubern auskannte und mich so mit einem Zauber belegen konnte, der bewirkte, dass ich von einem Moment auf den nächsten perfekt Bulgarisch konnte. Das half mir jedoch nur begrenzt weiter. Die Lehrer in Durmstrang waren streng, die Schule kalt und abweisend und die Schüler laut, launisch und einzelgängerisch. In meinen ersten beiden Schuljahren schlug ich mich zwar gut, war jedoch sehr alleine. In meinem dritten Schuljahr freundete ich mich schließlich mit einer Fünftklässlerin an, mit der ich drei Jahre lang in jeder freien Minute zusammenhing, solange, bis ich in die sechste kam und sie mit der Schule fertig war. Ab da war ich wieder allein, und es dauerte kein halbes Jahr, da hatte ich Durmstrang und den Zwang meines Vaters gründlich satt. Ich lief fort, so weit ich nur konnte, nutzte meine eher kläglichen Apparierkenntnisse, um noch weiter weg zu kommen. So kämpfte ich mich durch bis zurück nach England und schließlich nach London. Ich hatte keinen einzigen Knut und stand alleine da. Da traf ich in der Winkelgasse, als ich ziellos umherstreifte, plötzlich einen großen, ziemlich hübschen Jungen, der auf mich zukam und mich fragte, was ich denn so ganz alleine und völlig verwahrlost in der Winkelgasse machte. Ich vertraute ihm irgendwie auf Anhieb, deshalb erzählte ich, ich sei aus Durmstrang abgehauen, und sobald ich das gesagt hatte, fing er an zu lachen und meinte: „Oh je, das kann ich nur zu gut verstehen. Von dort hört man nicht gerade viel Gutes. Na dann komm mal mit, Kleine. Wenn du willst, kannst du bei mir im Laden mitarbeiten.““ An dieser Stelle musste Madam Roswitha lächeln, aber es war ein trauriges Lächeln. „Er arbeitete bei Olivanders Zauberstabladen im Fertigungsbereich und zum Glück suchten sie dort tatsächlich noch eine Arbeitskraft. Ich wurde eingestellt und machte mich zu meiner eigenen Überraschung nicht mal schlecht. Der nette Junge, der mich dorthin gebracht hatte, hieß Jason Hallway und war neunzehn Jahre alt. Ich glaube, wir hatten uns von Anfang an ineinander verliebt, aber wir haben es erst eineinhalb Jahre später gemerkt.“ Madam Roswithas Augen blitzten kurz auf, als sie Jasons Namen erwähnte, und Lillyan bekam Bauchschmerzen, als ihr einfiel, dass die Geschichte nicht gut ausging. Unwillkürlich legte sie ihr Aprikosenplätzchen zurück auf ihren Teller, obwohl es himmlisch schmeckte. „Als wir beide schließlich genug Geld gespart hatten, um uns eine Wohnung in der Winkelgasse zu kaufen, zogen wir zusammen dort ein und heirateten kurz darauf. Ich war glücklich wie noch nie in meinem Leben, obwohl es mich insgeheim schmerzte, dass weder meine Mutter noch mein Vater je nach mir gesucht hatten, nachdem ich weggelaufen war. Zehn Jahre lang waren Jason und ich glücklich verheiratet, ich war gerade neunundzwanzig und wir begannen schon, über Kinder nachzudenken, als Jason eines Tages eine Nachricht von seinem Bruder bekam. Dieser wollte Jason aus geschäftlichen Gründen treffen, in seinem Haus in London.“ Wut stand nun in Madam Roswithas Augen, verzweifelte Wut. „Jason kehrte nie zurück von diesem Treffen.“ Ihre Stimme brach. „Als ich mich schließlich voller Sorge aufmachte, um ihn zu suchen, fand ich das Haus in Trümmern und alles bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Jason war tot.“ Madam Roswithas Schultern bebten, sie unterdrückte ein Schluchzen und klammerte sich an die Tischkante, bis ihre Fingerknöchel weiß wurden. „Aber…“ meldete sich jetzt Lily mit rauer Stimme zu Wort, „Madam Roswitha… woher wussten sie denn so sicher, dass Jason wirklich tot war? Ich meine, könnte es nicht sein, dass er sich noch rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte, bevor das Feuer…?“ Madam Roswitha schüttelte nur den Kopf. „Er hat sich nie wieder bei mir gemeldet, kam über zwei Wochen lang nicht zurück in unsere Wohnung und die Abteilung für magische Unfälle und Katastrophen meinte schließlich, es gäbe Zeugen dafür, dass das Feuer innerhalb weniger Sekunden aufgeflammt sei und dass es sich noch dazu um Dämonenfeuer gehandelt habe. Keine Chance, sich zu retten. Als er nach drei Wochen noch immer nicht zurück war, drehte ich durch vor Wut und Verzweiflung. Ich wollte nicht wahrhaben, dass er tot ist, aber ich musste mich damit abfinden. Ich konnte einfach nicht länger alleine in der leeren Wohnung bleiben, also verkaufte ich kurzerhand alles was ich hatte und zog hierher, in ein kleines, unwichtiges Dorf, weit fort von der Magie, die mir mein Leben lang nur Unglück gebracht hatte. Das Einzige, was ich noch hatte, das nichts mit Magie zu tun hatte, waren die Kuchenrezepte, die ich als Kind auswendig gelernt und nie vergessen hatte, und nachdem ich mein magisches Geld in Muggelgeld umgetauscht hatte, kaufte ich diese kleine Konditorei und begann, alle Rezepte auszuprobieren. Schon bald merkte ich, dass ich ernsthaftes Talent hatte, und daraufhin begann meine Karriere als einsame Bäckersfrau. Ich beliefere Cafés und Restaurants im näheren Umkreis mit meinem Gebäck und halte mich so über Wasser, aber selbst nach den fünf Jahren, die ich jetzt schon hier lebe, habe ich Jasons Tod immer noch nicht verkraftet.“ Betroffenes Schweigen machte sich breit, keiner wagte auch nur ein Wort zu sagen. Schließlich räusperte sich Remus. „Das… tut mir sehr leid.“ Sagte er ruhig. „Ich würde Ihnen so gerne helfen, aber ich weiß wirklich nicht, wie.“ „Schon in Ordnung, Remus.“ Madam Roswitha lachte ihr trauriges Lachen. „Ich komme schon klar, sofern mich ab und zu jemand wie ihr besuchen kommt.“ „Madam Roswitha?“ fragte Lillyan vorsichtig. „Ja?“ „Wenn fünf Jahre vergangen sind, dann sind sie jetzt vierunddreißig, oder?“ „Ja, allerdings.“ Madam Roswitha seufzte leise. „Noch so ein langes Leben… - ach, hört nicht auf mich!“ unterbrach sie sich energisch, als sie Lilys und Lillyans sorgenvolle Gesichter sah. „Ich jammere eben gern, das ist alles. Na los, esst euren Kuchen auf. Heute ist wirklich ein viel zu schöner Tag, um lange drinnen herumzusitzen, und ich muss noch eine ganze Wagenladung Torten ausliefern.“ Stumm beugten sich alle drei wieder über ihre Teller und hingen ihren Gedanken nach, während Madam Roswitha sich ein halbes Glas Elfenwein holte und sich damit erneut zu ihnen setzte. Ab und an stellte sie eine Frage über Hogwarts, die die drei ihr abwechselnd beantworteten, aber ein richtiges Gespräch kam nicht mehr auf. Dafür waren alle Anwesenden viel zu betroffen von Madam Roswithas Geschichte. Lillyan schämte sich dafür, dass sie erleichtert war, als sie sich von Madam Roswitha verabschieden konnte und zusammen mit Lily und Remus wieder auf die staubige, lärmüberflutete Straße trat. Die freundliche Witwe tat ihr so schrecklich leid, und sie überlegte schon die ganze Zeit, wie sie ihr am besten helfen konnte, leider bisher ohne Erfolg. „Kommt.“ Sagte Remus und schüttelte den Kopf, wie um die dunklen Gedanken abzuschütteln. „Lasst uns auf die Felder gehen. Wir können ihr ja doch nicht helfen.“ Lillyan nickte und bemühte sich schnell, ihre eigenen dunklen Gedanken zur Seite zu schieben. Dabei merkte sie, dass sie, als sie bei Madam Roswitha gewesen waren, kein einziges Mal an Sirius hatte denken müssen. Vielleicht sollte sie sich häufiger die Lebensgeschichten von anderen Leuten anhören, es schien, als würde das ihre eigenen Dämonen für eine Weile bannen. „Remus, wie alt ist deine kleine Eule eigentlich?“ hörte sie Lily fragen, und beschloss, für heute wirklich alles Negative zu vergessen. Eilig legte sie einen Zahn zu, bis sie neben den beiden herlief, und bekam so Remus‘ Antwort mit. „Hilary?“ Remus grinste. „Die ist gerade mal zehn Wochen alt und schwerer zu hüten als ein Sack voller weißer Mäuse. Erst gestern hat sie ein Loch in den Wohnzimmervorhang gebissen. Dad ist völlig ausgerastet, als er das entdeckt hat. Daraufhin hat er versucht, sie einzufangen, aber außer zwei zerschrammten Schienbeinen und einer Beule am Kopf hat er nichts erreicht. Inzwischen ist er fest davon überzeugt, Tante Klara wollte ihn mit dieser Eule persönlich in den Wahnsinn treiben. Ihr solltet ihn mal hören, wenn er schimpft. Wobei- vielleicht lieber nicht.“ Remus lachte und die beiden Mädchen stimmten fröhlich mit ein. Nach einer Viertelstunde erreichten sie schließlich den Waldrand und im Schatten war es, trotz der Temperaturangleichringe, augenblicklich viel angenehmer. Inzwischen war die Stimmung wieder beträchtlich gestiegen und Remus hatte es sogar geschafft, dass Lily über einen Streich gelacht hatte, den er und James zusammen ausgeheckt hatten. Gerade, als Lily schließlich von einem sehr amüsanten Weihnachtsfest mit ihrer Familie erzählte, bei dem Petunia einen Wutanfall gehabt und einen silbernen Kerzenleuchter aus dem Fenster geworfen hatte, und Lillyan dabei war sich auszuschütten vor Lachen, geschah es: In dem dichten Gestrüpp des Maisfeldes links von ihnen raschelte es. Verwirrt hob Lillyan den Kopf, schaute stirnrunzelnd zur Seite und erstarrte vor Schreck. Ein riesiger, schwarzer Hund schob sich zwischen den Zweigen hervor, das Fell so dicht, dass man die Augen nicht sehen konnte, die Zähne scharf und glänzend. Lillyan entfuhr ein Aufschrei, noch bevor sie sich die Hand hastig vor den Mund pressen konnte. Angst durchfuhr sie, Trauer, Liebe und Glück. Eine Mischung, die sie beinahe in die Knie gehen ließ. Himmel, wie war das möglich? Nein, das konnte doch nicht, das konnte unmöglich… „Lillyan?“ Lilys erschrockenes Gesicht tauchte in ihrem Sichtfeld auf. „Lillyan, was um Himmels Willen ist los?“ Aber Lillyan hörte sie nicht. Ihre Augen fixierten den schwarzen Hund, der auf sie zukam. Ihr Herz klopfte wild, ihr Gehirn schien sich vorübergehend in den Urlaub verabschiedet zu haben und der Atem schabte sich nur mühsam durch ihre Lungen. War das tatsächlich… „Lillyan.“ Sagte Remus‘ Stimme in einem scharfen, mahnenden Tonfall hinter ihr, und just in diesem Moment hob der Hund den Kopf und schaute Lillyan durch sein Fell hindurch an. Trübe, goldgelbe Augen erwiderten ihren Blick gelangweilt, und da erst bemerkte Lillyan, dass auch das bärenhafte an seiner Erscheinung fehlte. Mit einem Schlag landete sie unsanft wieder in der Realität. Sirius war eine ganz andere Hunderasse und seine Augen waren so dunkelbraun, dass sie fast schwarz waren- schwarz wie Onyx. Das hier war nicht Sirius. Es war nur irgendein fremder Hund. Beinahe wäre sie in sich zusammengesunken, aber sie fing sich gerade noch rechtzeitig. Innerlich gab sie sich selbst eine kräftige Ohrfeige, sich in der Öffentlichkeit so blamiert zu haben, und erwiderte Lilys Blick unschuldig. „Ähm- nichts, entschuldige. Es ist nur…“ fieberhaft arbeitete es in ihrem Kopf. Remus kam ihr zur Hilfe. „Sie hat Angst vor großen Hunden, wusstest du das nicht?“ sagte er zu Lily und warf Lillyan aus dem Augenwinkel einen sehr merkwürdigen Blick zu, den sie zerknirscht erwiderte. Keine Frage, Remus wusste, was los war. Und sein warnender Blick hinter Lilys Rücken bestätigte das noch zusätzlich. „Noch ein solcher Ausrutscher und ich sorge persönlich dafür, dass du mir eines Nachts bei Vollmond im stockdunklen Finstern über den Weg läufst, und dann Gnade dir Gott.“ Hieß dieser Blick. Lillyan nickte unauffällig, zum Zeichen, dass sie verstanden hatte, dann nickte sie, als Lily sie verblüfft anschaute, und tat so, als ginge sie vor dem Hund in Deckung. „Du hast Angst vor Hunden? Seid wann das denn? Und was ist mit deinem eigenen Hund?“ fragte Lily und schaute Lillyan an, als hätte sie nicht mehr alle Nadeln an der Tanne. „Nicht vor Hunden generell. Nur vor großen Hunden.“ Log Lillyan schuldbewusst und tat die Situation mit einer Handbewegung ab. „Ist ja jetzt auch egal, ich habe nur kurz Panik gekriegt. Also, was war, nachdem Petunia diesen Leuchter aus dem Fenster geschmissen hat?“ Mit einem letzten misstrauischen Blick auf Lillyan nahm Lily ihre Geschichte wieder auf, während Lillyan aufmerksam zuhörte, um nicht weiter aufzufallen. Als sie schließlich das Ende des Maisfeldes erreicht hatten, kam ihnen ein älterer Mann entgegen, keuchend, schwitzend und völlig außer Atem. „Alfred!“ rief er und presste sich die Hand gegen die offenbar schmerzende Seite. „Alfred!“ „Entschuldigen Sie, ist Alfred zufällig ein großer, schwarzer Hund mit langem Fell und schleifender Leine?“ erkundigte Remus sich freundlich, als der Mann gerade an ihnen vorbeilaufen wollte. Überrascht blickte dieser ihn an und blieb stehen. „Ja, in der Tat. Sagen Sie, haben Sie ihn gesehen?“ „Ja, allerdings.“ Mischte sich Lily ein. „Er läuft weiter hinten am Maisfeld entlang.“ „Ah, zum Glück. Dieses Biest haut einfach immer wieder ab. Vielen Dank!“ Der Mann lächelte ihnen dankbar zu und stürmte dann wieder los. „Alfred! Komm sofort her!“ hörte Lillyan ihn noch brüllen, dann bogen sie um die Ecke und der Hund und sein Herrchen waren verschwunden. „Alfred.“ Murmelte Lily neben ihr und verdrehte die Augen. „Die Leute geben ihren Haustieren Namen, die ich noch nicht einmal meinem Staubsauger geben würde. Wenn ich…“ „Was ist ein Staubsauger?“ fiel Remus ihr neugierig ins Wort. Während Lily sich abmühte, Remus zu erklären, was ein Staubsauger war und wie er funktionierte, schloss Lillyan kurz die Augen und versuchte, sich wieder zu beruhigen. Alfred, nicht Sirius. Alfred. Ein ganz normaler Name für einen ganz normalen Hund. Mann, was musste Remus nur von ihr gedacht haben? Hysterischer ging es ja auch nicht mehr. Der Hund sah Sirius noch nicht einmal besonders ähnlich. Naja, jetzt konnte sie es auch nicht mehr rückgängig machen, aber für seine Toleranz war sie Remus wirklich etwas schuldig. Schließlich hatte er sie auch noch vor Lilys Fragen gerettet. Lillyan seufzte leise. Ihr war, als habe sie Verfolgungswahn. Immer und überall meinte sie Sirius zu sehen. Toll. Wenn sie schon begann, jeden gewöhnlichen Dackel auf der Straße für Sirius zu halten, war Spaß für die nächsten zwei Monate garantiert.

    11
    11. Wieder in Hogwarts
    „Hast du alles, Lillyan? Deine Umhänge, deine Zaubertrankzutaten, deinen Zauberstab? Und hast du auch an dein Vertrauensschülerabzeichen gedacht?“ Lillyan seufzte und drehte sich zu ihrer Mutter um, die mit besorgtem Gesicht hinter ihr herlief. „Ja, Mum, ich habe alles, glaub mir. Bitte, tu mir den Gefallen und hör auf. Selbst wenn irgendetwas fehlen sollte, könnt ihr es mir ja immer noch schicken.“ „Jaja, ich weiß.“ Ihre Mutter seufzte ebenfalls und lächelte dann. „Ich fürchte, ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen, dass du so schnell so groß geworden bist. Weißt du, jedes Mal, wenn du in den Ferien nach Hause kommst, bist du wieder ein Jahr älter. Das ist nicht so einfach für deinen Vater und mich. Mit jedem Jahr wirst du erwachsener und in drei Jahren bist du sogar schon mit der Schule fertig. Ich habe nicht mehr viel Zeit, um dich zu bemuttern.“ Augenblicklich bekam Lillyan ein schlechtes Gewissen. „Mum, ich…“ ihre Mutter lachte nur leise und schüttelte den Kopf. „Ist schon in Ordnung, ich wollte dir auch kein schlechtes Gewissen machen. Ich wollte nur, dass du verstehst, weshalb wir dich vielleicht manchmal nicht ganz deinem Alter entsprechend behandeln, das ist alles. Mach dir mal keine Sorgen. Der Einzige, der Probleme hat, damit klarzukommen, wenn du weg bist, ist Toby. Der Ärmste, er wird wohl wieder ein paar hundert Gramm abnehmen, bis er sich daran gewöhnt hat.“ „Oh je, mein Armer!“ Lillyans Mutter konnte gerade noch Lillyans Gepäckwagen festhalten, als diese ihn plötzlich losließ und zu ihrem kleinen, weißen Hund nach hinten stürmte, der bei ihrem Vater an der Leine lief und wahllos die Beine von irgendwelchen Passanten ankläffte. Bei Lillyans Anblick stürzte er sich förmlich auf sie. „Na hoppla, nicht so stürmisch!“ lachte ihr Vater und gab Toby mehr Leinenfreiheit, sodass Lillyan ihn hochnehmen und von vorne bis hinten durchknuddeln konnte. „Lillyan!“ rief ihre Mutter ärgerlich von vorne. „Kannst du nicht besser aufpassen und den Wagen anhalten, bevor du davonstürmst?“ „Keine Chance.“ Antwortete Lillyans Vater für sie und beobachtete vergnügt Lillyan und ihren Hund, die den Wortwechsel überhaupt nicht mitbekommen hatten. „Hey, Lillyan!“ rief da auf einmal eine Stimme hinter ihr. „Oder soll ich lieber Whiteley sagen? Immerhin kennen wir uns nur durch die Quidditchspiele.“ „Aaron Jordan!“ Lillyan wirbelte herum und erblickte einen großen Jungen mit fröhlich blitzenden Augen und Rastalocken. „Stets zu Diensten, Mylady.“ Spöttisch verbeugte Aaron sich und zwinkerte ihr verschmitzt zu. „Hey, schön dich zu sehen!“ freudig strahlte Lillyan ihn an und versuchte gleichzeitig, ihren Hund zu bändigen, den sie noch immer auf dem Arm hielt und der die ganze Zeit versuchte, ihr das Gesicht abzuschlecken. „Klar kannst du mich Lillyan nennen, schließlich sind wir doch irgendwie alte Bekannte, oder?“ „Sehe ich auch so.“ Aaron grinste und warf Toby einen Blick zu. „Ist das dein Hund?“ „Ja.“ Lillyan lachte und setzte den strampelnden kleinen Hund wieder auf dem Boden ab. „Das ist Toby. Ich habe ihn bekommen, bevor ich wusste, dass ich nach Hogwarts komme, sonst hätte ich ihn nicht gekauft. Schließlich darf er nicht mit nach Hogwarts und er vermisst mich immer so, wenn ich weg bin.“ Inzwischen waren auch Lillyans Eltern dazugekommen und beäugten Aaron neugierig. „Lillyan, wer ist das?“ erkundigte sich ihre Mutter. „Ein Freund von dir?“ „Achso, entschuldige.“ Lillyan nahm ihrem Vater unauffällig Tobys Leine ab und versuchte erfolglos, diesen davon abzuhalten, die Leine um ihre Beine zu wickeln. „Mum, Dad, das ist Aaron Jordan, ein Junge aus meiner Schule und mit Sicherheit der beste und lustigste Quidditchkommentator der ganzen Welt. Aaron, das sind meine Eltern.“ „Freut mich.“ Aaron lächelte, sodass man alle seine strahlend weißen Zähne sehen konnte, und gab Lillyans Eltern die Hand. „Eine sehr talentierte Tochter haben sie, das muss man schon sagen. Fliegt wie eine Irre, kein Anderer beherrscht solche lebensgefährlichen Tricks so perfekt. Die Siege der letzten Jahre haben wir vor allem Lillyan zu verdanken.“ „Um Gottes Willen, Lillyan!“ entsetzt schaute ihre Mutter sie an. „Fliegst du wirklich lebensgefährlich? Du hast mir doch versprochen, du passt auf dich auf! Besonders nach deinem Sturz neulich!“ „Keine Sorge, Mum.“ Beruhigte Lillyan sie schnell. „Aaron übertreibt maßlos. So gut bin ich nun wirklich lange nicht und die Tricks hatten wir vorher ewig mit Erin geübt, da konnte gar nichts schief gehen.“ „Hm.“ Ihre Mutter wirkte nicht sehr überzeugt, während ihr Vater die Situation eins zu eins zu durchschauen schien und so breit grinste, dass seine Mundwinkel fast in seinem Haar verschwanden. Lillyan warf Aaron aus dem Augenwinkel einen warnenden Blick zu, den er glücklicherweise verstand und nicht länger darauf einging. Stattdessen wanderte sein Blick zur Uhr, die über dem Eingang von Gleis neun und zehn hing. „Kommst du mit, Lillyan? Wir haben nur noch zehn Minuten.“ „In Ordnung, ich komme.“ Schnell umarmte sie ihre Eltern zum Abschied, verwuschelte Toby ein letztes Mal das dichte Fell, übernahm ihren Gepäckwagen von ihrer Mutter und schloss sich dann mit einem letzten „Tschüss, bis bald!“ Aaron an, der bereits auf die Absperrung zwischen Gleis neun und Gleis zehn zusteuerte. „Augen zu und durch.“ Sagte Aaron über die Schulter und grinste ihr übermütig zu. Wie auf Kommando begannen sie zu rennen. Wie immer war Lillyan überrascht, dass sich die Muggel noch nicht einmal nach ihnen umsahen, obwohl sie Käfige mit lebendigen Eulen auf ihren Gepäckwagen hatten und über den Bahnsteig stürmten, als wäre der Teufel hinter ihnen her. „Und ready, steady, go!“ brüllte Aaron von vorne und schoss wie eine Kanonenkugel durch die Absperrung. Lillyan folgte ihm auf dem Fuße und hätte ihn beinahe auf der anderen Seite hochkant über den Haufen gerannt, da er es offenbar für nötig befunden hatte, direkt hinter der Absperrung eine Vollbremsung hinzulegen. „Hey, sag mal spinnst du?“ in letzter Sekunde lenkte Lillyan ihren Gepäckwagen an dem von Aaron vorbei und bremste etwas langsamer als er, nur um sich daraufhin empört umzublicken. „Ich hätte dich fast umgerannt!“ „Ich wollte nur deine Reflexe testen.“ Aaron nahm das Ganze um einiges lockerer. „Hast dich doch bestens geschlagen, Gryffindorjägerin. Ohne Zweifel, deinen Platz im Gryffindorteam hast du auch dieses Jahr wieder schon vor den Auswahlspielen sicher.“ Lillyan konnte einfach nicht anders: Sie musste lächeln. „Und dieses Mal gewinnen wir auch!“ sagte sie energisch und ließ sich wieder von Aarons guter Laune anstecken. „Dieses Mal macht uns keiner einen Strich durch die Rechnung. Noch einmal lasse ich uns nicht ohne vorbereitete Ersatzspieler antreten.“ Aaron schaute sie stirnrunzelnd an, dann lächelte er zurück. „Weißt du was?“ meinte er und begann, seinen Gepäckwagen zum Zug hinüberzuschieben. „Du wärst eine perfekte Kapitänin. Wenn Erin weg ist, meine ich. Schließlich ist es sein letztes Jahr, und wenn er am Ende des Schuljahrs abgeht, brauchen wir einen neuen Kapitän. Und wen um alles in der Welt sollte Dumbledore für diese Aufgabe auswählen, wenn nicht dich?“ Obwohl es in Lillyans Bauch bei seinen Worten wie verrückt zu kribbeln begann, schüttelte sie mit einem bedauernden Lächeln den Kopf. „Schön wär’s, aber das glaube ich nicht. James Potter ist schon viel länger in der Mannschaft als ich, und…“ „James Potter?“ unterbrach Aaron sie kopfschüttelnd. „Potter als Kapitän? Das glaubst du doch selbst nicht, Lillyan. Dumbledore ist zwar nicht mehr der Allerjüngste, aber dumm ist er ganz sicher nicht. Potter wäre der Letzte, den er zum Kapitän machen würde. So überheblich, wie er ist, würde er das Team aufs äußerste demotivieren, da würden sein strategisches Geschick und seine Flugkünste auch nichts mehr nützen. Nein, du wirst es, Lillyan. Das weiß ich ganz sicher.“ „Hm.“ Machte Lillyan wenig überzeugt, und beeilte sich, mit Aaron Schritt zu halten. Aufgrund seiner Körpergröße musste er nur einen Schritt machen, wo Lillyan zwei machte, was dazu führte, dass sie fast rennen musste, um neben ihm herlaufen zu können. Außerdem musste sie ständig anderen Hogwartsschülern ausweichen, die ebenfalls ihre Gepäckwagen über den Bahnsteig schoben oder hinter ausgebüxten Tieren herliefen. „Aaron, warte!“ rief sie ihm hinterher und hätte um ein Haar einen Gepäckwagen übersehen, der mitten im Weg stand. „Oh, entschuldige!“ schuldbewusst schaute Aaron sich zu Lillyan um und riss mit einem Mal die Augen weit auf. „Hey Lillyan, du bist Vertrauensschülerin?“ rief er erstaunt aus und grinste fröhlich. „Dass ich dein Abzeichen erst jetzt bemerkt habe! Klasse gemacht, Glückwunsch!“ „Danke.“ Lillyan lächelte verlegen und konnte sich ein stolzes Grinsen nicht verkneifen. Als in den Ferien der übliche Brief mit den Büchern und Gegenständen, die für das nächste Schuljahr benötigt wurden, angekommen war, hatte Lillyan sich zunächst nichts Besonderes dabei gedacht, bis sie in den Umschlag gegriffen und ein Vertrauensschülerabzeichen in der Hand gehalten hatte. Sie hatte völlig vergessen gehabt, dass in der fünften Klasse die Vertrauensschüler ausgewählt wurden. Natürlich hatte sie sich sehr gefreut, aber gleichzeitig hatte sie sofort gewusst, dass ihr das nur noch mehr Ärger einbringen würde, als sie ohnehin schon hatte. Emily hoffte schon seit Jahren auf so ein Abzeichen, und außerdem war es die perfekte Möglichkeit für Mary, erneut über Lillyan herzuziehen. Das konnte noch spaßig werden in diesem Schuljahr. Mit einem Mal fuhr Aaron neben ihr auf und winkte über die Menge hinweg jemandem zu, den Lillyan nicht sehen konnte. „Sind da deine Freunde?“ erkundigte sie sich und versuchte erneut, seinem Blick zu folgen, allerdings ohne Erfolg. Aaron war über einen Kopf größer als sie und damit sogar noch größer als Sirius. Lillyans Herz setzte einen Schlag aus. Verdammt. Über ihrer unerwarteten Begegnung mit Aaron hatte sie völlig vergessen, dass sie Sirius heute noch wiedersehen würde. Sie zog eine schmerzvolle Grimasse und sah Aaron aus den Augenwinkeln nicken. „Hey Lillyan, wollen wir uns nicht zusammen ein Abteil suchen?“ riss er sie aus ihren düsteren Gedanken und schob seinen Gepäckwagen erneut neben sie. Sein Grinsen war so unbeschwert, dass Lillyan gar nicht anders konnte, als ebenfalls zu lächeln. „Meine Freunde hätten sicher nichts dagegen und ich wette, Erin kann es sowieso kaum erwarten, dir von dem Quidditchspiel zu erzählen, das er in den Ferien gesehen hat.“ „Danke für das Angebot, Aaron, aber ich kann leider nicht.“ Bedauernd wies Lillyan auf das Abzeichen auf ihrem Umhang. „Ich muss ins Vertrauensschülerabteil.“ „Ach so, natürlich! Ich Hornochse!“ Aaron schlug sich in gespielter Verzweiflung die Hand vor die Stirn, dann lachte er. „Ist schon in Ordnung, geh ruhig. Solltest du uns anschließend suchen, wir sind in einem Abteil irgendwo weiter hinten.“ „Danke, ich werde es mir merken.“ Lillyan grinste ihm verschwörerisch zu, dann lenkte sie ihren Gepäckwagen auf die vorderen Abteile zu, in denen das Vertrauensschülerabteil lag. „Wir sehen uns, schätze ich.“ Rief sie noch über die Schulter. „Bis dann, Lillyan.“ Und mit einem letzten Winken verschwand Aaron. Immer noch lächelnd warf Lillyan einen Blick auf die Uhr am Bahnsteig und fuhr erschrocken zusammen- ihr blieben gerade noch drei Minuten, bis der Zug abfuhr. In Höchstgeschwindigkeit hievte sie ihren Koffer in den Zug und brachte den Gepäckwagen weg. Gerade noch rechtzeitig sprang sie wieder in den Zug und machte sich erleichtert auf den Weg ins Vertrauensschülerabteil. Die Abteiltüre war offen, sodass Lillyan auf den ersten Blick die anderen Vertrauensschüler sehen konnte. Die Vertrauensschüler von Gryffindor aus der siebten Klasse, Hanna Jones und Tegan Bright, der, soweit Lillyan wusste, der große Bruder von Jason Bright war, standen gleich neben der Türe und unterhielten sich mit einem Siebtklässler der Ravenclaws, von dem Lillyan sich ziemlich sicher war, dass er Shawn Alfons hieß. Weiter hinten im Abteil stritten sich zwei Sechstklässler und ein Fünftklässler aus Slytherin mit Leilany Rodriguez aus Hufflepuff und ganz links an der Seite stand… „Remus!“ Lillyan flog ihm geradezu in die Arme. „Endlich!“ Einige Schüler, die im Abteil standen, lachten über ihre stürmische Begrüßung, aber Lillyan beachtete sie gar nicht. „Lillyan!“ etwas überrumpelt erwiderte Remus ihre Umarmung und schob sie anschließend genauso schnell wieder von sich, um sie vorwurfsvoll anzusehen. „Was machst du denn hier? Du dürftest doch gar nicht hier sein! Wenn…“ er unterbrach sich, als sein Blick von ihrem strahlenden Gesicht zu dem Abzeichen an ihrem Umhang wanderte, und riss überrascht die Augen auf. „Lillyan! Du bist Vertrauensschülerin? Dass ich da nicht gleich darauf gekommen bin, wen außer dir hätte Dumbledore denn sonst bitte aussuchen sollen! Oh Mann, ich freue mich ja so!“ „Genauso wie ich.“ Sagte eine warme, wohlbekannte Stimme hinter ihnen. „Lily!“ freudig umarmte Lillyan ihre beste Freundin. „Schön, dass du auch kommst!“ „Wie auch nicht?“ mit einem Grinsen tippte Lily sich an ihren Umhang, an dem ihr Vertrauensschülerabzeichen befestigt war, und warf Lillyans Abzeichen einen zufriedenen Blick zu. „Wie du es mir geschrieben hast. Vertrauensschülerin. Ich bin stolz auf dich, Lill.“ „Warum erfährt sie davon und ich nicht?“ vorwurfsvoll schaute Remus Lillyan an. „Du hättest es mir doch auch schreiben können!“ „Ich wollte dich eben überraschten.“ Jetzt war es an Lillyan, zu grinsen. „Alles andere wäre doch viel zu langweilig. Sind wir jetzt der Club der Streber?“ wollte sie wissen und ließ sich lässig auf einen Sitz des großen Abteils fallen. „Lieber nicht.“ Lily lachte und tat es ihr nach. „Immerhin sind wir nicht alle so talentiert wie du. Klar, Zaubertränke geht mir leicht von der Hand, und Verwandlung und Zauberkunst, kein Problem… aber Kräuterkunde?“ mit einer komisch-verzweifelten Grimasse fuhr Lily sich durch die langen, granatroten Locken. „Das ganze Grünzeug geht schon ein, wenn ich auch nur in die Nähe komme, von zurechtschneiden ganz zu schweigen.“ Lillyan musste lachen und zog Remus auf die andere Seite neben sich, als sie spürte, wie der Zug sich in Bewegung setzte. Jetzt war es soweit: Endlich ging es zurück nach Hogwarts. „Ach, jeder von uns hat doch ein Fach, für das er sich überhaut nicht begeistern kann.“ Ging sie auf Lilys Kommentar ein und lehnte sich mit einem zufriedenen Seufzer behaglich im Sitz zurück. „Bei mir ist es zum Beispiel Zaubereigeschichte. Professor Binns brauch nur durch die Türe zu kommen, schon fange ich an zu gähnen.“ „Du bist in den Prüfungen trotzdem Jahrgangsbeste gewesen.“ Bemerkte Remus trocken. „Jaja, aber ich musste mich zum Lernen ganz schön überwinden.“ Verteidigte Lillyan sich und fuhr mit einem Mal überrascht von ihrem Sitz hoch, als sie einen Jungen aus ihrem Jahrgang erblickte, der ebenfalls in Gryffindor war. Remus hatte ihn scheinbar auch bemerkt. „Hey Lillyan, sag mal ist das nicht Lucian Day aus deiner Jahrgangsstufe?“ erkundigte er sich neugierig und beugte sich vor, um ihn besser beobachten zu können. „Doch.“ Sagte Lillyan erstaunt und stand auf. „Ich gehe mal mit ihm reden. Es sieht ganz danach aus, als wäre er auch Vertrauensschüler geworden.“ „Bingo.“ Stellte Lily fest, als Lucian just in diesem Moment in seine Tasche griff und ein Vertrauensschülerabzeichen hervorholte. „Damit hätten wir den Beweis. Ist er eine gute Wahl, Lillyan?“ „Auf jeden Fall.“ Bestätigte Lillyan. „Er ist klug, vernünftig, ruhig und ausgesprochen freundlich. Ich glaube, ich hätte ihn auch ausgesucht.“ „Na das kann ich von Derrick jedenfalls nicht behaupten.“ Murmelte Remus leise vor sich hin und warf aus dem Augenwinkel einen unwilligen Blick in die hintere Abteilecke, in der die Vertrauensschüler der Slytherins alle in einer Gruppe zusammenstanden und offenbar heftig miteinander diskutierten. „Ich kann ihn nicht ausstehen. Immer ist er auf Ärger aus. James und Sirius geraten andauernd mit ihm aneinander.“ „Wie kannst du ihm das verübeln, so, wie sie Snape behandeln?“ warf Lily missmutig ein. „Ach was.“ Remus tat diese Äußerung mit einer Handbewegung ab. „Darum geht es ihm nicht einmal, ihm geht es ausschließlich darum, uns möglichst viele Hauspunkte abzunehmen.“ Lily setzte zu einer gepfefferten Antwort an, aber Lillyan hörte sie leider nicht mehr, da sie bereits das Abteil durchquerte und zu Lucian hinüberging, der seltsam verloren am Eingang des Abteils stand. „Hey.“ Sagte sie und lächelte ihn an, als er sie bemerkte und sich zu ihr umwandte. „Schön, dass du auch Vertrauensschüler geworden bist. Willst du dich nicht zu uns setzten?“ „Gerne.“ Lucians Stimme war leise und ruhig, als er sprach, doch obwohl sein Gesicht ausdrucklos blieb, wusste Lillyan, dass er sich freute. Lucian war einfach nicht der Typ, der seine Emotionen laut herausposaunte. Doch gerade, als Lillyan ihn schon mit sich zu Remus und Lily ziehen wollte, erhob mit einem Mal jemand vorne im Abteil die Stimme und alle Gespräche verstummten augenblicklich. Neugierig drehten Lucian und sie sich zu der Stimme um und erblickten ein großes, schlankes Mädchen aus der siebten Klasse, das auf einen Abteilsitz geklettert war und jetzt die Führung übernahm. Ihre langen, hellbraunen Wellen fielen ihr bis auf den Rücken hinab und ihre Miene strahlte deutlich Vernunft und Verantwortungsbewusstsein aus. Lillyan kam sie zwar vage bekannt vor, aber außer, dass sie ebenfalls eine Vertrauensschülerin aus Gryffindor war, wusste sie nicht viel über sie. Kein Wunder, Lillyan hatte selten Probleme gehabt, mit denen sie sich an die Vertrauensschüler hatte wenden müssen. Bedächtig strich das Mädchen sich das lange Haar über die Schulter zurück und ließ ihre klugen, türkisblauen Augen wachsam von einem Gesicht zum anderen gleiten. Auf manchen Gesichtern verweilte sie einen Augenblick lang, registrierte gründlich jede einzelne Person im Raum, bevor sie mit so ernster und selbstbewusster Stimme zu sprechen begann, dass Lillyan auf der Stelle wusste, warum sie diese Versammlung leitete. „Ich begrüße euch alle herzlich zu unserer ersten Vertrauensschülerversammlung in diesem Schuljahr. Mein Name ist Hanna Jones, und ich bin, wie ihr vielleicht bereits wisst, dieses Jahr zusammen mit Jasper hier zur Schulsprecherin ernannt worden.“ Sie wies auf einen hochgewachsenen Jungen neben ihr, den Lillyan zu ihrer Verblüffung als einen von Jeffersons Mitläufern aus Slytherin erkannte. Allerdings war das nicht der kleine Vorlaute, der Jefferson damals vor fast einem Jahr zum Zaubererduell mit Lillyan begleitet hatte, sondern der stille Gelangweilte, der sich stets im Hintergrund hielt und eigentlich nichts tat, außer hin und wieder wie ein Schatten hinter Jefferson aufzutauchen und wieder zu verschwinden. Bisher hatte sie immer gedacht, er wäre genauso schlimm wie Jefferson und sein anderer kleiner Freund, aber nun, da sie genauer darüber nachdachte, wurde ihr plötzlich bewusst, dass er noch nie etwas getan hatte, was Lillyan negativ aufgefallen wäre. Nachdenklich runzelte sie die Stirn und konzentrierte sich wieder auf ihre Schulsprecherin, die indessen ihren Vortrag fortsetzte. „Ich freue mich sehr, dass ihr alle hier seid und dass wirklich niemand fehlt, so dass wir gleich beginnen können. Zunächst noch einmal ein herzliches Willkommen an alle neuen Vertrauensschüler, und den alten Hasen Willkommen zurück. Auch, wenn die Neuen unter euch es vielleicht noch nicht wissen: Vertrauensschüler sein ist kein Zuckerschlecken, das werdet ihr schon bald merken. Fangen wir am besten mit unseren Aufgaben an. Eine unserer Hauptaufgaben besteht daraus, uns um alle Schüler zu kümmern, die in diesem Jahr neu nach Hogwarts kommen. Das bedeutet, sobald wir in der Schule sind, übernehmen die neuen Vertrauensschüler, also die aus der fünften Klasse, die Verantwortung für die neuen Erstklässler. Ihr tut für sie genau das, was für euch von den damaligen Vertrauensschülern in eurer Anfangszeit getan wurde: Nach dem Festmahl bringt ihr die Erstklässler eures Hauses in ihre Schlafsäle und zeigt ihnen dabei genau den Weg zum Gemeinschaftsraum, ihr beantwortet ihnen all ihre Fragen und helft bei Problemen, ihr zeigt ihnen in ihrer ersten Zeit die Wege zu den Klassenräumen und tut einfach so viel wie ihr könnt, um ihnen ihre Eingewöhnung auf Hogwarts so leicht wie nur möglich zu machen. Wenn ihr euch bei Konflikten unsicher seid, dann fragt Jasper, mich oder einen anderen Vertrauensschüler. Außerdem haben wir, wie ihr alle sicherlich wisst, die Möglichkeit, Schülern, die sich nicht an die Vorschriften halten oder die uns nicht respektieren, bis zu zehn Hauspunkte auf einmal abzuziehen. Allerdings sollte diese Möglichkeit auf keinen Fall missbraucht werden und führt bei Missbrauch dazu, dass man seinen Posten als Vertrauensschüler verliert. Das heißt: Geht sparsam mit solchen Strafen um und wendet euch im Zweifelsfall lieber an die Lehrer.“ Bei diesen Worten wurden Hannas Blicke so eindringlich, dass sie Lillyan beinahe an Dumbledores Röntgenblicke erinnerten. „Um zu unseren Aufgaben zurückzukommen“, fuhr sie fort, „Neben unseren Verpflichtungen gegenüber den Erstklässlern, um die sich, wie schon gesagt, vor allem die Fünftklässler kümmern, tragen wir alle die Verantwortung dafür, dass Regeln eingehalten werden, dass nicht zu viele Hauspunkte verloren gehen, dass kein Streit aus dem Ruder läuft und dass es, zum Beispiel Abends im Gemeinschaftsraum, spätestens ab neun Uhr ruhig ist. Ansonsten sind wir vor allem für die Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern oder Schülern untereinander verantwortlich und sorgen für ein ruhiges, ausgeglichenes Klima in der Schule, das sich gut zum Lernen eignet. Besonders wichtig ist übrigens auch, dass wir in der Prüfungszeit dafür sorgen, dass alle ungestört arbeiten können, insbesondere die Fünftklässler für die ZAGs und die Siebtklässler für die UTZs. Habe ich etwas vergessen, Jasper?“ fragend sah sie sich zu Jeffersons stummem Mitläufer um, der neben ihr auf dem Boden stand. „Fast, nur eines fehlt noch.“ Antwortete dieser mit ruhiger, tiefer Stimme und war mit einem Satz neben ihr auf dem Sitz. Dass der Zug bereits fuhr und dass sie mit dem Rücken zur Fahrtrichtung auf einem schmalen Sitz standen, schien weder ihm noch Hanna etwas auszumachen. „Wofür wir auch sorgen müssen, ist die Ordnung in den Korridoren und Gängen der Schule, sowie die Ordnung in den Hallen, zum Beispiel die der großen Halle oder der Eingangshalle. Zu viele Schüler auf einem Haufen gibt meist ein riesiges Durcheinander. Unsere Aufgabe ist es, solche Durcheinander zu zerstreuen, oder sie am besten von Anfang an zu verhindern. Und noch etwas: Sollte Peeves euch wegen irgendetwas in den Weg geraten, dann droht ihm mit dem blutigen Baron oder mit Professor Dumbledore, das hilft in den meisten Fällen. Ansonsten hoffe ich sehr, dass alles reibungslos über die Bühne geht und dass es in diesem Schuljahr nur wenig Ärger gibt.“ Jaspers hellgraue Augen wanderten nun ebenfalls von einem zum anderen. Falls er Lillyan als Jeffersons Feindin erkannte, ließ er sich nichts anmerken. Dafür stieg er in ihrer Gunst ein ordentliches Stück nach oben. Jasper räusperte sich leise, und hob dann erneut die Stimme. „Unsere erste Aufgabe ist es, in Dreiergruppen durch den Zug zu gehen und dafür zu sorgen, dass alle sich benehmen und dass es nicht zu laut wird. Normalerweise sollte es genügen, die betreffende Person freundlich zu bitten, damit aufzuhören oder leiser zu sein. Sollte das nicht ausreichen, könnt ihr allerdings auch mit Hauspunkteverlust drohen, niemand will sofort mit Minuspunkten ins neue Schuljahr einsteigen und sich von Anfang an unbeliebt machen. Wenn irgendetwas nicht klappt oder es Probleme gibt, dann kommt einfach zu Hanna oder zu mir, wir regeln das dann mit euch. Gibt es noch irgendwelche Fragen?“ Alle blieben still. „Bestens. Dann fangen wir am besten gleich mit der Teameinteilung an. Professor Dumbledore hat die Teams dieses Jahr bereits für uns eingeteilt, weil es mit dem Selbsteinteilen im letzten Jahr ein ziemliches Chaos gab.“ Jasper griff in seinen Schulumhang und zog ein zusammengerolltes Pergament hervor, das er geschickt auseinanderrollte und dann vorzulesen begann. „Aus Gryffindor bilden folgende Dreierteams je eine Gruppe: Lucian Day, Tegan Bright und Hanna Jones“, Jasper deutete auf das große Mädchen, das die andere Schulsprecherin war, „und Lillyan Whiteley, Lily Evans und Remus Lupin.“ Lillyan strahlte und wechselte glückliche Blicke mit Lily und Remus, während Jasper auch die anderen Teams verlas. Keine zwei Minuten später standen alle Vertrauensschüler in Dreiergruppen beieinander und warteten auf die Einteilung der Zugabteile, während Jasper und Hanna sich kurz besprachen. „Also, es sieht folgendermaßen aus“, sagte Hanna schließlich und wandte sich wieder zu den anderen um, „der Zug hat genug Abteile, um uns alle für ungefähr eine halbe Stunde zu beschäftigen. Danach werden Jasper und ich ab und an einen Kontrollgang machen, während ihr für die restliche Zugfahrt frei habt. Für unseren jetzigen Kontrollgang übernehmen die Gryffindors die hintersten Abteile, die Slytherins die vordersten, die Hufflepuffs die neben denen der Slytherins und die Ravenclaws zwischen denen der Hufflepuffs und der Gryffindors. Wenn alle Abteile kontrolliert sind, seid ihr fertig. Gut, dann viel Glück euch allen.“ Einige murmelten einen Dank, dann machten sich alle daran, das Abteil in ihren Gruppen zu verlassen. Auch Lily, Remus und Lillyan machten sich auf den Weg hinaus auf den Gang und wandten sich dann nach rechts, um zum hinteren Teil des Zuges zu gelangen. Dabei achtete Lillyan zum ersten Mal bewusst auf die Geräusche, die aus den Abteilen kamen, und stellte missbilligend fest, dass es gerade mal in einem von zehn Abteilen ruhig war. „Na das kann ja lustig werden.“ Bemerkte Lily, als hätte sie Lillyans Gedanken gelesen, und deutete zu einer Abteiltür hinüber, unter der beißender, metallgrauer Rauch hervorquoll. „Ich wage nicht zu hoffen, dass es in unserem Teil des Zuges besser ist.“ „Vergiss es.“ Remus seufzte leise und zuckte im nächsten Moment heftig zusammen, als in einem Abteil, an dem sie gerade vorbeiliefen, mit einem Mal laute Musik losdröhnte. „Hinten sitzen immer die, die am meisten Lärm machen, und die lassen sich umso schwerer davon abhalten.“ „Ich glaube du hast Recht.“ Lillyan verzog gequält das Gesicht und wies auf eine Abteilnummer an der Wand. „Seht ihr? Wir sind schon in dem Bereich, um den wir uns kümmern müssen.“ Lily stöhnte genervt auf. „Na toll.“ Murrte sie. „Hier ist es ja lauter als vorhin am Bahnsteig. Wo wollen wir da anfangen?“ „Ganz hinten am besten, bei Abteil 1.“ Schlug Remus vor. „Genau, gehen wir es systematisch an.“ Stimmte Lillyan ihm zu und zerrte die missgelaunte Lily am Ärmel mit sich bis zum allerersten Abteil. „Na komm! So schlimm wird’s schon nicht werden!“ ermunterte sie sie und lugte durch die Scheibe des hintersten Abteils, aus dem kein Ton nach draußen drang. „Es ist so verdächtig still da drinnen.“ Bemerkte Remus argwöhnisch. „Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?“ „Ich glaube, ein gutes ist es nicht.“ Gab Lillyan zurück und legte den Kopf schräg, um besser ins Abteil zu sehen. Im nächsten Moment zuckte sie erschrocken zurück. „Himmel noch einmal!“ „Was ist denn los?“ wollte Lily wissen und versuchte, ebenfalls einen Blick durch die Scheibe zu erhaschen. „Was ist da drinnen?“ „Sagt mal, ihr beiden, Tiere, die nicht nach Hogwarts dürfen, haben doch auch im Zug nichts zu suchen, oder?“ fragte Lillyan, immer noch unter Schock, und schaute von Remus zu Lily und wieder zurück. „Ähm- ja, das sind die Regeln.“ Antwortete Remus nervös. Lillyan schluckte. „Und warum hat der Typ im Abteil dann eine Schlange auf dem Arm?“ „Was?“ riefen Remus und Lily wie aus einem Munde. „Er hat eine Schlange?“ Lily glaubte, sich verhört zu haben. „Ja, eine riesige Schlange.“ Bestätigte Lillyan, ihr wurde leicht übel, als sie an das gigantische Reptil dachte, das sich nur eine Abteiltür von ihr entfernt befand. „Eine Boa Konstriktor oder sowas, keine Ahnung, ich bin keine Schlangenexpertin, aber sie ist groß, gefleckt und hat einen Kopf so groß wie ein Kaninchen.“ Lily stieß einen deftigen Fluch aus, während Remus sie mit so weit aufgerissenen Augen anstarrte, dass es aussah, als würden sie ihm gleich aus dem Kopf fallen. „Und was jetzt?“ erkundigte sich Lily. „Holen wir einen Lehrer.“ Drängte Remus, sein Gesicht war weiß wie die Zugwand. „Im Ernst, das ist eine Nummer zu groß für uns. Selbst wenn das Vieh zahm ist, ist es dennoch stark genug, um uns allen gleichzeitig den Garaus zu machen.“ „Hast du im Zug jemals einen Lehrer gesehen?“ warf Lillyan ein, schüttelte den Kopf und zog ihren Zauberstab aus ihrem Umhang. „Ich gehe da rein.“ Sagte sie entschieden. „Lillyan, lass den Quatsch!“ ärgerlich packte Lily sie am Arm. „Das ist viel zu gefährlich.“ „Ach was, den Typen im Abteil hat sie schließlich auch noch nicht umgebracht.“ erwiderte Lillyan ungeduldig, riss sich energisch aus Lilys Griff und legte die freie Hand auf den Griff der Abteiltüre. Sie hatte genug davon, sich von gefährlichen Dingen fernzuhalten. Sie war eine Gryffindor, sie war stark und sie konnte das tun. Und das würde sie auch. Falls sie sich tatsächlich trauen würde, diese Türe zu öffnen. Kaum hatte sie die Hand auf den Griff der Abteiltür gelegt, standen Lily und Remus auf beiden Seiten hinter ihr und flankierten sie. Beide hatten ihre Zauberstäbe gezückt und richteten sie einsatzbereit auf die geschlossene Türe. Lillyan entfuhr ein erleichterter Seufzer: Auf die beiden war doch Verlass. Entschieden packte sie den Türgriff und zog die Türe mit einem Ruck auf. Mit einem Blick erfasste hatte sie die Situation erfasst und schnappte erschrocken nach Luft. Die Schlange, die eben noch um die Schultern eines der Siebtklässler im Abteil geschlungen gewesen war, hatte sich, seit Lillyan durch die Abteilscheibe gelinst hatte, selbstständig gemacht und war auf den Boden gekrochen, wo sie sich gerade zu ihrer vollen Größe aufrichtete und mit einem lauten Zischen die langen, schneeweißen Fangzähne entblößte, um einen der fünf Siebtklässler zu bedrohen, die die Fahrt in diesem Abteil verbrachten. Alle fünf Jungen saßen stocksteif und mit leichenblassen Gesichtern auf ihren Sitzen und starrten grauenerfüllt auf die Schlange. Ganz offensichtlich sprach so mancher von ihnen gerade in Gedanken seine letzten Worte. Remus, der links neben Lillyan stand, entfuhr ein ungläubiger Fluch, während Lily vor Schreck zischend die Luft einsog und einen Schritt zurückwich, doch das hätte sie lieber nicht tun sollen. Das Zischen schien die Schlange augenblicklich zur Weißglut zu treiben. Ihr dreieckiger, schuppiger Kopf schoss herum und ihre grellen, goldgelben Augen bohrten sich direkt in Lilys. „Au weia.“ Hauchte Remus tonlos. „Das gibt Ärger.“ Ärger? Ärger war gar kein Ausdruck für das Donnerwetter, das über sie alle hereinbrechen würde, wenn Professor McGonagall das hier spitzkriegte. Der bloße Gedanke reichte aus, um Lillyan eine Gänsehaut über den Rücken zu jagen. Kurzentschlossen hob sie den Zauberstab und richtete ihn auf die Schlange. „Vipera iva-“ „-Nein!“ brüllte da einer der Siebtklässler panisch los, noch bevor sie ihren Zauberspruch vollenden konnte, und sprang wie von der Tarantel gestochen auf. „Bitte nicht! Es ist nicht so wie du denkst!“ Noch bevor Lillyan mehr tun konnte, als ihn verständnislos anzustarren, stieß der Kopf der Schlange pfeilschnell nach vorne, um die Fangzähne im Schienbein des Siebtklässlers zu versenken. Glücklicherweise nahm Lily die Sache gerade noch rechtzeitig selbst in die Hand. „Impedimenta!“ rief sie und die Schlange erstarrte nur noch Zentimeter vom Bein des Siebtklässlers entfernt zur Salzsäule. Erleichtert atmete Lillyan aus. „Danke, Lily.“ Stöhnte Remus neben ihr und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. „Himmel, das war knapp!“ „Allerdings.“ Bemerkte Lily spitz und verschränkte mit ärgerlich zusammengekniffenen Lippen die Arme vor der Brust. „Ich frage mich zunehmend, warum diese Aktion hier überhaupt nötig war. Allen, könntest du uns bitte mal erklären, was zum Geier hier gerade los war?“ Allen? Mit gerunzelter Stirn musterte Lillyan das Gesicht des Siebtklässlers, der, immer noch blass wie ein Laken, vor ihnen stand und dessen Blick immer wieder zwischen Lily und der Schlange hin- und her huschte. Irgendwie kam er ihr sehr bekannt vor… und keine Sekunde später viel es Lillyan mit einem Mal wie Schuppen von den Augen: Sie kannte ihn vom Quidditchfeld. Er spielte als Hüter, allerdings nicht bei den Gryffindors sondern bei der Mannschaft von Hufflepuff. Warum wohl ausgerechnet er eine Schlange mit in den Hogwartsexpress schmuggelte? Misstrauisch runzelte sie die Stirn und wartete auf seine Erklärung. „Es war so…“ begann Allen zögerlich und warf einen hilfesuchenden Blick über die Schulter zu seinen Freunden, die sich allmählich wieder von ihrem Schock erholten. Erst jetzt erkannte Lillyan, dass es sich bei den anderen vier Siebtklässlern um ihren Quidditchkapitän Erin Baker, Steven Howard, den Ersatzhüter von Gryffindor, einen anderen Gryffindor, den sie nicht kannte, und um Aaron Jordan handelte. Alle vier wirkten, als hätte man sie gerade gründlich durch die Mangel gedreht, was jedoch angesichts der gelähmten Schlange auf dem Abteilboden keine große Überraschung war. Das Vieh musste mindestens zweieinhalb Meter lang sein. Wenigstens gab Allen sich nun endlich einen Ruck und begann zu erzählen. „Ich saß hier zusammen mit meinen Freunden und meiner Katze in unserem Abteil und wir hatten es von Verwandlungen aller Art. Aaron hat behauptet, ich wüsste nicht einmal, wie man ein Stück Schnur in eine Wollmaus verwandelt, und um ihm das Gegenteil zu beweisen, habe ich ihm gesagt, ich könne sogar meine Katze in eine Echse verwandeln. Natürlich wollte er das zum Beweis sehen, aber als ich es ihm zeigen wollte, muss irgendetwas schiefgegangen sein, denn anstatt einer Echse wurde meine Katze zu diesem schrecklichen Biest da drüben.“ Kleinlaut deutete Allen zu der Schlange hinüber, die immer noch reglos mit gebleckten Fängen auf dem Abteilboden lag. Lillyan konnte ihn nur fassungslos anstarren. Remus sprach schließlich die Worte aus, die sie in ihrer Fassungslosigkeit nicht zu sprechen vermochte. „Warum um alles in der Welt gehst du auch so ein Risiko ein?“ wollte er wissen und schaute Allen ärgerlich an. „Weißt du, was da alles hätte schiefgehen können, mal abgesehen davon, dass du beinahe von einer Schlange gefressen worden wärst, die noch Minuten zuvor deine Katze war?“ „Verwandlungen, besonders solche schwierigen Arten der Verwandlung, dürfen auf gar keinen Fall ungeübt angewendet werden, schon gar nicht außerhalb von Hogwarts und ohne die Aufsicht eines Lehrers.“ Mischte sich nun auch Lillyan vorwurfsvoll ein. „Als Siebtklässler solltest du das doch eigentlich gut genug wissen, Professor McGonagall bekommt einen Anfall, wenn sie das hört!“ Unterdrückte Schreckenslaute erklangen aus dem Abteilbereich hinter Allen und Aaron Jordan sprang wie von der Tarantel gestochen von seinem Sitz auf. „Er konnte nichts dafür, Lillyan, glaub mir!“ rief er in heller Panik aus und stand im nächsten Moment der Blitz neben Allen. „Es war ein Unfall, Lillyan, bitte!“ „Bitte, Whiteley, geh nicht zu McGonagall.“ Bat auch Allen jetzt flehentlich und schaute sie an, als wäre sie ein Richter, der jederzeit das Todesurteil über ihm verhängen könne. „Ich bitte dich, tu es nicht! Es war ein Missgeschick, ein Fehler meinerseits, und ich werde dafür sorgen, dass so etwas nie wieder geschieht, aber bitte lass McGonagall aus dem Spiel, ja? Sie wird mich eigenhändig lynchen, wenn sie das erfährt, und schlimmsten Falls bekomme ich einen Schulverweis.“ Lily seufzte genervt auf und trat neben Lillyan. Ihr dunkelrotes Haar fiel ihr wie unheilverkündende Rauchschwaden über die Schultern, die Arme hatte sie vor der Brust verschränkt, ihre hellgrünen Augen blitzten gefährlich. Sie war eindeutig wütend, und das konnte Lillyan ihr nicht verdenken. „Wir werden sehen, was sich machen lässt, Allen“, sagte Lily scharf, „aber glaube ja nicht, dass wir Professor McGonagall nichts davon erfährt, nur weil du uns nett darum bittest. Wir sind dazu verpflichtet, sämtliche Schwierigkeiten im Zug bei den Hauslehrern zu melden, und das können wir leider nicht ändern. Ich werde nicht zulassen, dass wir am Ende unser Vertrauensschüleramt verlieren, nur weil du die Folgen deiner Fehler nicht ausbaden willst.“ Allen sah kreuzunglücklich aus, aber er nickte verständnisvoll und schaute Lily schuldbewusst an. „Es tut mir wirklich leid, Evans.“ Sagte er leise. „Ich hoffe, ihr bekommt keinen Ärger wegen mir.“ „Schon gut, schon gut!“ genervt, aber dennoch besänftigt erwiderte Lily seinen Blick und warf dann der Schlange, die noch immer gelähmt war, einen missbilligenden Blick zu. „Und was jetzt?“ wollte sie wissen. „Wie um alles in der Welt bekommen wir diese Schlange wieder in eine Katze verwandelt?“ Ratloses Schweigen machte sich breit. Schließlich räusperte sich Remus umständlich. „Ich könnte James holen.“ Schlug er zögernd vor. „Er kann sowas.“ Lilys Blick war so kalt und verächtlich, dass diesmal Remus einen Schritt zurückwich. „Sei nicht albern.“ Zischte sie. „Wir brauchen Potter nicht, um das für uns in Ordnung zu bringen. Wir haben schließlich Lillyan.“ Verunsichert blickte Lillyan von der Schlange zu ihrer besten Freundin und wieder zurück. „Naja, vielleicht funktioniert es, aber einen solchen Zauber habe ich noch nie ausprobiert.“ Gestand sie und wechselte einen schnellen Blick mit Allen, der sie plötzlich anschaute, als wäre sie seine persönliche gute Fee. „Ach komm schon, Lillyan, du packst das!“ fiel auch Remus ihr jetzt in den Rücken. „Du hast noch jeden Zauber geschafft, ob beim ersten oder beim tausendsten Mal. Na komm schon, versuch es einfach!“ Hin- und hergerissen biss Lillyan sich auf die Unterlippe und dachte nach. Im Endeffekt hatte Remus ja Recht. Entweder es klappte, oder es klappte nicht, und wenn sie die Schlange mit nach Hogwarts brachten, würden die Schwierigkeiten dadurch sicher nicht weniger werden. „Ist gut.“ Sagte sie schließlich langsam. „Ich versuch es.“ „Dem Himmel sei Dank!“ aufatmend sank Erin, der sich bisher noch gar nicht zu Wort gemeldet hatte, in seinen Sitz zurück. „Ich dachte schon, wir müssen dieses Riesenvieh die gesamte restliche Fahrt über als Maskottchen behalten.“ Lillyan ging gar nicht darauf ein, sie konzentrierte sich bereits voll und ganz auf die Schlange vor ihr. Den Zauberstab hob sie völlig automatisch, als sie die Magie genau abmaß und nach Gefühl dosierte. Das war es. Wenn es denn klappte. Mit zusammengebissenen Zähnen atmete sie tief ein, schwang ihren Zauberstab und- „Heiliger Kessel.“ Stöhnte Aaron Jordan und ließ sich rücklings auf den nächsten Sitz fallen, was Steven Howard, der auf diesem Sitz gesessen hatte, mit einem lauten „Au!“ quittierte, der Gryffindor, den Lillyan nicht kannte, stieß triumphierend die Faust in die Luft und Allen brach in so laute Jubelschreie aus, dass Lily und Remus vor Schreck einen Satz machten. Auf dem Abteilboden, wo gerade noch die Schlange gewesen war, saß nun eine kleine, schwarze Katze mit weißen Pfoten und schaute ziemlich belämmert in Richtung Türe. Mit einer schnellen Zauberstabbewegung hob Remus den Lähmzauber auf, der noch immer auf dem Kätzchen lag, während Lillyan vor Erleichterung beinahe auf die Knie sank. Sie hatte es geschafft, und nicht, wie sie zuvor befürchtet hatte, die Schlange in einen Drachen verwandelt. Das wäre nicht auszudenken gewesen. „Habt ihr dann jetzt alles unter Kontrolle?“ erkundigte Remus sich bei Aaron, während Allen sich mit dem Ruf „Tiffany!“ auf seine Katze stürzte und alle umstehenden völlig zu vergessen schien. „Ja, das haben wir.“ Gab Aaron zurück und lächelte seine drei Retter strahlend an. „Vielen, vielen Dank, ihr drei. Ihr habt uns wahrscheinlich gerade das Leben gerettet.“ „Schon in Ordnung.“ Tat Remus die Sache mit einem Lächeln ab. „Wir sehen uns dann später noch, denke ich.“ „Ja, bestimmt.“ Aaron lächelte und zwinkerte Lillyan kurz zu, so kurz, dass sie nicht sicher war, ob sie es sich nicht bloß eingebildet hatte. „Kommt, Leute.“ Sagte Lily, noch bevor Lillyan weiter darüber nachdenken konnte, und zog sie und Remus rückwärts aus dem Abteil. „Wir haben wirklich noch genug zu tun.“ Die Abteiltür schwang hinter ihnen zu und die drei blieben aufatmend auf dem Flur stehen. Remus brach schließlich das Schweigen. „So, und jetzt?“ wollte er wissen. „Na was wohl?“ Lily zog eine Grimasse und deutete mit der Hand zwei Meter den Gang hinunter, wo hinter einer Türe lautes Gelächter und so laute Musik hervordrang, dass man es bestimmt bis vorne zum Lokführer hörte. „Unseren Pflichten nachgehen. Am besten, wir fangen da drüben an.“ „Oh nein, bitte nicht!“ Mit einem Satz war Remus bei Lily und packte sie am Arm. In seinem Gesicht lag ein furchtsamer Ausdruck, den Lillyan bei ihm so gar nicht kannte. „Remus? Was ist denn los?“ fragte sie verwirrt und strich sich die Haare zurück, die ihr ins Gesicht gefallen waren. „Weißt du, wer in dem Abteil ist?“ gab Remus verstört zurück und fing nervös ihren Blick auf. „Nein, wer denn?“ Allmählich verstand Lillyan die Welt nicht mehr. „James, Peter und Sirius.“ Presste Remus hervor und biss sich auf die Lippe. Lillyan zuckte so heftig zusammen, dass sie beinahe gegen die nächste Abteiltüre geknallt wäre. Die Einzige, die das Ganze offenbar völlig kalt ließ, war Lily. „Na und? Sie sind zu laut, das ist alles, was wir wissen müssen.“ Vollkommen entnervt schaute sie von einem zum anderen. „Also, was ist, gehen wir?“ Als Lillyan und Remus gleichzeitig einen Schritt zurückwichen und sie hilfesuchend anschauten, knurrte Lily leise und schüttelte ärgerlich den Kopf. „Sieht wohl so aus, als müsse ich alleine gehen, was?“ „Lily…“ wollte Lillyan sie beschwichtigen, aber Lily war bereits unterwegs. Mit drei Schritten stand sie vor der Abteiltüre und schob sie ruckartig auf. Lillyan und Remus wechselten einen schnellen Blick miteinander- und standen wie der Blitz mit dem Rücken zur Wand rechts und links neben der Abteiltüre. Lily warf ihnen einen ungläubigen Blick zu und richtete dann ihre volle Aufmerksamkeit auf die Insassen des Abteils, die sie scheinbar erst jetzt bemerkten. „Hey, Evans!“ James Potters Stimme klang dunkel und sanft, gerade so, als freue er sich über Lilys Anwesenheit, obwohl diese sicherlich gerade dreinschaute wie ein feuerspeiender Drache. Lillyan zog fragend die Augenbrauen hoch und fing Remus‘ Blick auf, doch der zuckte nur die Achseln und biss sich stirnrunzelnd auf die Unterlippe. „Na, wie geht’s denn so? Schöne Ferien gehabt?“ Offensichtlich wollte James Schönwetter machen, aber Lillyan kannte Lily gut genug um zu wissen, dass er damit bei ihr gegen eine Wand lief. Bereits die Sache mit der Schlange hatte Lilys Nerven bedenklich strapaziert, und dass sie sich jetzt auch noch mit Potter herumschlagen musste, ließ sie rauchen wie der Kamin im Gryffindorgemeinschaftsraum. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis sie explodierte. „Ich wüsste nicht, warum ich dir das erzählen sollte, James Potter.“ Ihre verächtliche Stimme war schneidend. „Ich bin nur hier, um dafür zu sorgen, dass ihr die Musik leise stellt und auch ansonsten mal ein bisschen leiser seid. Man hört euch im ganzen Zug.“ Entweder, James wollte ihre Kritik nicht bemerken, oder er hörte sie tatsächlich nicht, denn er schien weder beleidigt zu sein, noch ging er auf ihre Worte ein. „Es ist schön, dich meinen Namen sagen zu hören, Evans.“ Drang seine Stimme an Serenitys Ohr. Überrascht bemerkte sie, dass er schon fast schnurrte. „Sagst du ihn noch einmal für mich?“ „Mistkäfer.“ Fauchte Lily zurück. „Das ist dein wahrer Name, wenn du mich fragst. Und mach gefälligst diese Musik aus, oder ich sorge persönlich dafür, dass sie deine Überreste in einem Pappkarton nach Hogwarts bringen müssen!“ Fast augenblicklich verstummte die Musik und Lillyan atmete erleichtert aus, doch Lily war noch nicht fertig. „Hör auf so hässlich zu grinsen, Sirius Black!“ herrschte sie einen der anderen Abteilinsassen an. Lillyan riss die Augen auf und versteifte sich. Ihr ganzer Körper spannte sich an, wappnete sich davor, seine Stimme zu hören, doch glücklicherweise übernahm Potter weiterhin das Kommando. „Schon gut, ganz ruhig Evans.“ Versuchte er Lily mit ruhiger Stimme zu beschwichtigen. „Pass auf, ich habe da eine Idee: Du hörst von uns die gesamte restliche Zeit lang keinen Ton mehr, und dafür gehst du mit mir auf die Party.“ Lillyan fiel die Kinnlade herunter und auch Lily hatte scheinbar Schwierigkeiten, diese Neuigkeit zu verkraften. „Was denn für eine Party?“ fragte sie verdutzt und trat zu Lillyans Erstaunen einen Schritt ins Abteil. „Weißt du das denn noch nicht?“ Potters Stimme klang dieses Mal gar nicht überheblich, eher erstaunt. „Was meinst du denn, warum auf unseren Einkaufslisten in diesem Jahr Festumhänge und Kleider standen? Irgendwann in diesem Schuljahr wird es wohl eine Party geben, und du wirst mit mir zusammen hingehen.“ Lillyan biss sich auf die Lippe, um sich ein erschrockenes Glucksen zu verkneifen, und spitzte die Ohren, um Lilys Antwort nicht zu verpassen. „Pah, träum weiter!“ Jetzt, wo sie den ersten Schreck überwunden hatte, war Lily wieder voll in ihrem Element- und gereizt wie eine Kobra. „Ich werde mit dir nirgendwohin gehen, du arroganter Angeber- selbst nicht, wenn ich die Auswahl hätte zwischen dir und der Maulenden Myrthe. Also tu dir selbst einen Gefallen und lass mich in Ruhe, bevor ich dir einen Flederwichtfluch auf den Hals jage!“ James Potter knirschte so laut mit den Zähnen, dass selbst Lillyan es von ihrem Platz vor der Türe aus hören konnte. „Du wirst sehen, Evans, noch vor Ende dieses Schuljahres wirst du mit mir auf dieser Party gewesen sein.“ „Vergiss es!“ zischte Lily und legte die Hand an den Griff der Abteiltüre. „Und jetzt seid gefälligst leise und haltet euch an die Regeln, ansonsten garantiere ich euch, dass es euch später leidtun wird, dass es euch je gegeben hat!“ wütend knallte Lily die Tür zu und stampfte zornig mit dem Fuß auf. „Dieser Vollidiot bringt mich noch zur Raserei!“ fluchte sie und warf Remus einen anklagenden Blick zu, der immer noch neben der Türe stand und aussah, als wöllte er sich am liebsten auf der Stelle in Luft aufzulösen. „Kannst du mir bitte mal erklären, warum du mit sowas befreundet bist?“ „Ach Lily, lass doch.“ Kam Lillyan ihm zu Hilfe, als Remus nach Worten rang. „Das hat doch jetzt keinen Zweck. Du hast das super gemacht gerade, also brauchen wir doch gar nicht mehr zu diskutieren. Teilen wir uns lieber auf und kümmern uns um den Rest der Abteile.“ Lily seufzte erschöpft, aber sie nickte ergeben. „Na gut, beeilen wir uns. Sagt mal, wusstet ihr von dieser Party?“ Remus und Lillyan schüttelten gleichzeitig den Kopf. „Keine Ahnung, mir gegenüber hat James nichts erwähnt.“ Sagte Remus. „Sicherlich werden wir heute Abend erfahren, was es damit auf sich hat.“ „Meine Meinung.“ Grimmig schaute Lily den Flur hinunter. „Kommt, wir sollten uns beeilen.“ Lillyan nickte und wandte sich nach rechts. „Ich nehme das zweithinterste und ihr die nächsten beiden.“ Schlug sie vor und machte sich, als Lily und Remus zustimmten, auf den Weg dorthin. Gerade, als sie schon einen Blick durch die Scheibe werfen wollte, ging jedoch mit einem Mal die Abteiltüre auf und ein kleines, rotblondes Mädchen mit Slytherinrobe und einem äußerst hässlichen Grinsen auf dem runden Gesicht stand vor ihr. Lillyan musste ihr nicht in die Augen sehen, um sofort zu wissen, wen sie da vor sich hatte, und diese Person machte ihre Laune auch nicht gerade besser. „Ach, du bist es nur, Whiteley.“ Sagte Rita Kimmkorn abfällig und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen der Abteiltüre. „Ich dachte schon, es wäre die Süßigkeitenfrau. Die Ähnlichkeit ist verblüffend, wenn ich das mal so sagen darf. Schade nur, dass du es bist. Eine Kürbispastete wäre mir wesentlich lieber gewesen.“ Gerade, als Lillyan schon zu einer nicht sehr freundlichen Antwort einsetzen wollte, mischte sich mit einem Mal eines der anderen Mädchen ein, die ebenfalls im Abteil saßen. „Ach, halt den Rand, Rita.“ Sagte es und schlug gelangweilt die Beine übereinander. „Deine Witze waren auch schonmal besser. Außerdem ist es nicht gerade ratsam von dir, eine Vertrauensschülerin zu beleidigen.“ Rita Kimmkorn keuchte erschrocken auf und stieß einen Fluch aus, als sie Lillyans Abzeichen entdeckte, aber die hörte ihr schon gar nicht mehr zu. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem Mädchen im Abteil, das gerade gesprochen hatte. Sie trug eine Gryffindorrobe, ihr glattes, hellbraunes Haar fiel ihr bis knapp unters Kinn und ihre Augen glänzten in einem Braun, das Lillyan irgendwie bekannt vorkam. Kein Zweifel, das hier war… das kleine Mädchen, das sich noch vor einem Jahr bei den Quidditchauswahlspielen völlig verängstigt um einen Posten als Jägerin beworben hatte. Hieß sie nicht… „Christina?“ fragte Lillyan vorsichtig. Der Blick des Mädchens wanderte augenblicklich zu Lillyan und ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem lässigen Grinsen. „Höchstpersönlich.“ Gab sie zurück und zwinkerte Lillyan fröhlich zu. „Dass du dich noch an mich erinnerst, hätte ich nicht gedacht, Lillyan Whiteley. Ihr habt mich ja damals bei den Quidditchauswahlspielen förmlich rausgespielt, was?“ „Das trifft es relativ gut. Mir kam es vor, als hättest du damals Angst gehabt.“ Neugierig schaute Lillyan das andere Mädchen an. Kita Kimmkorn war vergessen. „Oh, das hatte ich auch.“ Christina lachte leise und strich sich eine lose Haarsträhne hinters Ohr. „Weißt du, mein Vater ist ein großer Fan der Wimbourner Wespen und wollte schon in seiner eigenen Schulzeit ins Quidditchteam kommen, hat es aber nicht geschafft. Und deshalb…“ sie zuckte die Achseln, „wollte er auch, dass wenigstens ich in die Hausmannschaft komme.“ Also hatte Lillyan doch richtig gelegen mit ihrer Vermutung, dass es sich bei Christina um ein Kind von Quidditchfans handelte. Sie hatte es sich ja gleich gedacht. „Dass ich es nicht geschafft habe, war nicht verwunderlich“, fuhr Christina fort, „ich konnte kaum fliegen und stand extrem unter Druck, aber dieses Jahr…“, sie lächelte, „dieses Jahr kann ich es schaffen. Selbstverständlich habe ich keine Chance gegen dich.“ Lenkte sie schnell ein, als sie Lillyans Stirnrunzeln sah. „Und gegen Black wahrscheinlich auch nicht, aber vielleicht werde ich ja als Ersatzspielerin aufgestellt, wer weiß?“ „Du bewirbst dich noch einmal, nur weil dein Vater das will?“ erkundigte Lillyan sich verständnislos. „Nein, so ist es nicht.“ Christina lachte laut auf. „Im letzten Jahr dachte ich, Dad wollte das unbedingt, aber als ich ihm schrieb, ich hätte es nicht geschafft, schrieb er sofort, es sei nicht so schlimm und ich müsse auch nicht im Quidditchteam spielen, um ihn stolz zu machen. Das hat mich so erleichtert, dass ich mit einem mal Lust hatte, Fliegen zu trainieren und seither habe ich viel geübt und hart trainiert. Inzwischen will ich nämlich in die Hausmannschaft kommen, weil mir das Fliegen solchen Spaß macht, nicht, weil mein Vater es will.“ „Aha.“ Jetzt verstand Lillyan. „Das ist ja super, dann sehen wir uns bei den Auswahlspielen, oder?“ „Ganz genau.“ Christina grinste ihr lässiges Grinsen und lehnte sich gemütlich in ihrem Sitz zurück. „Warum bist du eigentlich hier? Abteilkontrolle?“ Lillyan nickte düster. „Oh je, zum Glück bin ich keine Vertrauensschülerin.“ Sagte Christina und lachte leise. „Wie du siehst, hier ist alles in bester Ordnung. Na ja, bis auf Rita, die andauernd Ärger macht, aber ich habe sie locker im Griff, keine Sorge.“ „He!“ beschwerte Rita Kimmkorn, die immer noch in der Türe stand, und wollte sich auf Christina stürzen, aber ein Junge, der an der Seite des Abteils saß packte gerade noch rechtzeitig ihren Umhang und hielt sie fest. Lillyan seufzte leise und schüttelte erschöpft den Kopf. Bereits jetzt wurde ihr das Vertrauensschülerdasein entschieden zu viel. Himmel, sie konnte es kaum noch erwarten, bis sie endlich mit dem Kontrollrundgang fertig waren.

    *
    Die restliche Zugfahrt verlief zum Glück ziemlich entspannt ab. In den restlichen Abteilen, die Lily, Remus und Lillyan kontrollieren mussten, war es ruhig und friedlich und die drei brauchten keine zehn Minuten, bis sie fertig waren. Nachdem sie ihre Koffer wieder aus dem Vertrauensschülerabteil geholt hatten, machte Remus sich auf den Weg zu seinen Freunden, während Lily und Lillyan sich auf die Suche nach Emily und Olivia begaben. Sie fanden sie schließlich in einem Abteil zusammen mit Jasper Night, dem Schulsprecher, und zwei Ravenclawvertrauensschülern, die, soweit Lillyan wusste, Alice Clean und Patrick Ryan hießen. Sehr zu Lillyans Genugtuung war Mary nicht dabei, anscheinend hatte sie entschieden, dass Lillyan und ihre Freundinnen fortan unter ihrer Würde waren. Stattdessen vertrieb sie sich, zumindest laut Olivia, die Zeit in einem Abteil mit gutaussehenden Siebtklässlern. Dann rückte das Thema Mary jedoch deutlich in den Hintergrund, denn es gab einfach zu viel zu erzählen, zu lachen und zu reden. Die Fahrt schien wie im Fluge zu vergehen, und als gegen Mittag die Süßigkeitenfrau ihren Wagen vor das Abteil schob, konnten sämtliche Abteilinsassen gar nicht genug Kesselkuchen und Kürbispasteten kaufen. Nach dem Essen begann Olivia schließlich, mit dem Schulsprecher Jasper Night ein angeregtes Gespräch über die Erfahrungen mit magischen Wesen, die sie beide bereits gemacht hatten, während Emily, Lily und Lillyan Emilys neues Kartenspiel ausprobierten, das sie zum Geburtstag bekommen hatte. Das war sehr lustig, da die Karten immer wieder völlig unerwartet plötzlich explodierten und jedes Mal eine Massenhysterie im Abteil auslösten. Lillyan hatte solchen Spaß, dass sie erst bemerkte, dass es draußen stockfinster war, als der Zug bereits in den Bahnhof von Hogsmeade einfuhr. „Ein Glück, dass ich mich nicht um die Erstklässler kümmern muss.“ Murmelte Lillyan gedankenverloren vor sich hin, während sie ihren Koffer aus der Gepäckablage hievte, und dachte unwillkürlich daran, wie Hagrid sie bei ihrer ersten Fahrt nach Hogwarts vom Bahnhof abgeholt und zum Schloss gebracht hatte. Mit einem Lächeln prüfte sie ihren Anblick kurz im Fenster, ihren Hogwartsumhang hatte sie während der Fahr bereits angezogen, und folgte dann gemeinsam mit Emily und Lily Jasper und Olivia aus dem Abteil hinaus auf den Bahnsteig. Auf dem Bahnsteig war es bitterkalt, so kalt, dass Lillyan schon die Zähne klapperten, als sie noch nicht einmal richtig ausgestiegen war. Ein schneidend kalter Wind wehte von den Bergen her und blies so heftig, dass einem Erstklässler die Mütze vom Kopf flog. Vereinzelte Regentropfen fielen aus den rabenschwarzen Wolkenbänken herab, die sich über ihnen bedrohlich auftürmten. Weniger als eine Stunde, und ein heftiges Gewitter würde ausbrechen, das war klar wie Veritaserum. Lillyan drängte ihre Freundinnen zur Eile und gemeinsam kämpften sie sich durch die Massen von Schülern, bis sie den Platz erreicht hatten, von dem aus die Kutschen sie nach Hogwarts bringen würden. Als sie dort angekommen waren, waren sie durchgefroren bis auf die Knochen und sehnten sich allesamt nur noch nach etwas zu Essen und einem warmen Bett. Noch dazu war der Schmerz, der Lillyan die gesamten Ferien über gequält hatte, seit sie den Gleis 9 ¾ betreten hatte, wieder schlimmer geworden, und sie hatte andauernd Angst, dass Sirius jeden Moment plötzlich neben ihr auftauchen könnte, doch er blieb verschwunden. Die Erleichterung der Mädchen war grenzenlos, als sie endlich in eine Kutsche einsteigen konnten. Die beiden Ravenclaws von vorhin waren nicht mehr dabei, dafür war Jasper Night allerdings immer noch dabei und stritt sich jetzt scherzhaft mit Olivia über die Haltung von Mäusen in Schlafsälen. Vielleicht hätte jemand anderes es seltsam gefunden, dass Jasper als Siebtklässler, Schulsprecher und Slytherin immer noch bei ihnen dabei war, aber Lillyan hatte ihn und Olivia die ganze Fahrt über unauffällig beobachtet, und bei den Blicken, die die zwei sich heimlich zuwarfen, würde es wohl nicht mehr lange dauern, bis sie einsahen, dass sie ein wunderbares Paar abgaben. Zu Lillyans Überraschung war Jasper nämlich sehr nett, ruhig und vernünftig und glich durch seine Ruhe perfekt Olivias liebenswerte, chaotische Hektik aus. Wenn die zwei Glück hatten, lagen viele schöne gemeinsame Jahre vor ihnen… etwas, das auf Lillyan und Sirius nicht zutraf. Eine Schmerzwelle brach über sie herein, aber sie spürte sie kaum mehr. Ihre Sinne waren für solchen Schmerz völlig abgestumpft. Dass jedoch Olivia und Jasper über Mäuse diskutierten, machte ihr noch einmal schmerzlich bewusst, dass die beiden Mäuse, die Lillyan und Stella in ihrer ersten Verwandlungsstunde gezaubert hatten, dieses Schuljahr nicht mehr in Hogwarts verbringen würden. Emily hatte sie geschenkt bekommen und hielt sie nun bei sich Zuhause in einem Käfig, denn die Regeln waren unumstößlich: Jeder Schüler durfte nur ein Tier mit nach Hogwarts bringen. Als die Kutsche sich in Bewegung setzte und zwischen den anderen Kutschen den Berg hinauf in Richtung Hogwarts rollte, begannen Emily und Olivia schließlich, lauthals die berühmt-berüchtigte Ballade „Herzen sind wie Kürbiseis“ von Celestina Warbeck zu singen, während Lily mit unbewegtem Gesicht dirigierte und Lillyan sich demonstrativ die Ohren zuhielt, obwohl sie ständig lachen musste. Jasper betrachtete das Spektakel nur mit einem verschmitzten Lächeln und sagte nichts, wofür Lillyan ihm sehr dankbar war, denn obwohl es ziemlich grauenvoll klang, und sie das auch genau wussten, hätte es die beiden trotzdem verärgert. Trotz der schiefen Gesangseinlage verließen Jasper und die Mädchen das warme Innere der Kutsche nur ungern wieder. Die kalte Luft belebte Lillyan wieder etwas und ihre Schläfrigkeit wich einer aufgeregten Freude: endlich war sie wieder in Hogwarts! Mächtig und düster ragten die Türme des Schlosses in den schwarzen Gewitterhimmel, so, als wollten sie den kommenden Sturm mit ihrer Stabilität herausfordern. Mit leuchtenden Augen trug Lillyan ihren Koffer die Stufen hinauf zur Eingangshalle und stellte ihn zu den anderen Koffern an die Längsseite der Halle, während sie sich begierig umsah. Hogwarts war schön wie eh und je. Die Steinwände und der Boden glänzten im warmen Licht der Fackeln, die in den blankpolierten eisernen Wandhalterungen steckten, die Bilder an den Wänden bewegten sich und zeigten Menschen und Tiere, die genauso wahllos umherliefen, wie die Schüler in der Eingangshalle, und die Türe zur Großen Halle stand weit offen und gab den Blick auf die mit Gold, Silber und Glas gedeckten Haustische frei. Alles wie immer. Lillyan hatte das Gefühl, vor Glück platzen zu können. Lärmend und lachend strömten die Schüler allmählich von der Eingangshalle in die große Halle, verteilten sich auf ihre Haustische und stritten sich um Sitzplätze. Rufe hallten durch den Raum, Lachen und das Trappeln hunderter Schuhpaare auf dem glatten Steinboden. Gerade, als Lillyan und ihre Freundinnen sich von Jasper verabschiedet und sich gemeinsam an den Gryffindortisch gesetzt hatten, eilte mit einem Mal Professor McGonagall in die Halle, gefolgt von allen anderen Lehrern inclusive dem Schuldirektor Albus Dumbledore. Sie schien sehr aufgebracht und diskutierte offenbar lautstark mit Professor Slughorn, während sie mit etwas in der Luft herumfuchtelte, das auf den ersten Blick aussah wie ein verbrannter Topflappen und sich auf den zweiten Blick als der Sprechende Hut entpuppte. Leider konnte Lillyan die Situation jedoch nicht weiter beobachten, denn gerade, als Professor McGonagall den Sprechenden Hut beinahe fallengelassen hätte, entdeckte sie mit einem Mal James Potter am Eingang zur Großen Halle, und neben ihm… „Ach, gütiger Himmel.“ Stöhnte sie kaum hörbar und ballte ihre Hände so fest zusammen, dass die Knöchel weiß hervortraten. Sirius lief neben James her, schön wie eh und je mit seinen langen, glänzend schwarzen Locken, den dunklen, blitzenden Augen und den attraktiven, leicht überheblich wirkenden Gesichtszügen. Sein Umhang war nur beinahe so dunkel wie sein Haar. Das lässige Lächeln, mit dem er James gerade bedachte, setzte seinem Aussehen die Krone auf. Himmel, wie sehr sie ihn vermisst hatte. Ihn noch immer vermisste. Und, Himmel, wie weh es tat, ihn wieder zu sehen. Nach über zweieinhalb Monaten schaute Lillyan in Sirius‘ schönes Gesicht und fühlte sich… leer. Schnell wandte sie den Blick ab, damit er nicht merkte, dass sie ihn ansah, und hätte vor Erleichterung am liebsten laut aufgeschrien, als Professor McGonagall mit einem dreibeinigen Stuhl ohne Lehne und dem Sprechenden Hut auf dem Kopf wieder in die Halle gestürmt kam, die sie anscheinend kurz zuvor verlassen hatte. Sie stellte den Stuhl vor den Lehrertisch, legte den Hut darauf, zog schwungvoll ihren Zauberstab und ließ einen lauten Knall ertönen, der alle Anwesenden heftig zusammenzucken ließ, sodass sie nun jedermanns ungeteilte Aufmerksamkeit besaß. „Die Auswahl beginnt in Kürze.“ Ließ sie die Schüler wissen. „Bitte setzt euch alle hin und seid während der Auswahl leise. Denkt daran, wie ihr euch bei eurem ersten Mal in Hogwarts gefühlt habt.“ Mit diesen Worten rauschte sie geschäftig wieder aus der Halle, während nun auch die Letzten sich einen Platz suchten und das leise Gemurmel allmählich einer gespannten Stille wich.

    12
    12. Sirius‘ Fehler

    Aller Augen waren gespannt auf das Tor der großen Halle gerichtet, das nun wieder verschlossen war, und warteten darauf, das es sich wieder öffnete. Selbst Professor Dumbledore hatte sich erwartungsvoll auf die Ellenbogen gestützt und beobachtete die Türe so interessiert, als könne er darin einen spannenden Film sehen. Endlich erklangen Schritte vor der Halle, die eindeutig zu Professor McGonagall gehörten, und im nächsten Moment schwang das Tor weit auf und gab den Blick auf circa fünfzig nervös wirkende Erstklässler frei, die hinter Professor McGonagall die Halle betraten und sich sowohl ängstlich als auch neugierig umschauten. „Sagt mal, werden die jedes Jahr kleiner?“ murmelte Olivia links neben Lillyan. „Es kommt mir wirklich so vor.“ „Das ist nur so, weil du mit jedem Jahr größer wirst.“ Bemerkte Dorothee Finch weise, die ihr gegenüber saß, und richtete ihre Aufmerksamkeit dann genau wie alle anderen wieder auf die Erstklässler, die jetzt tuschelnd und mit großen Augen den Mittelgang entlang nach vorne liefen, um sich vor dem sprechenden Hut zu versammeln. Immer wieder sah Lillyan, wie sie sich gegenseitig anstießen und zur Verzauberten Decke nach oben deuteten, die den rabenschwarzen Himmel draußen zeigte. Daran konnte man erkennen, dass es draußen in Strömen regnete und ab und an war ein mächtiges Donnergrollen zu hören, das das ganze Schloss erschütterte. Blitze zuckten über den Himmel und ließen das Innere der Großen Halle immer wieder hell aufleuchten. Als sich endlich alle Erstklässler vor dem Sprechenden Hut versammelt hatten und alle Blicke der Halle gespannt auf diesen gerichtet waren, öffnete sich schließlich der Schlitz im Stoff des Hutes, der den Mund des Hutes bildete, und der Hut begann zu singen. Für Lillyan war das nichts Ungewöhnliches, denn sie war bereits viermal bei der Auswahl dabei gewesen und kannte den Ablauf daher in- und auswendig, aber das Lied des Hutes war in jedem Jahr ein neues und so hob sie den Kopf, um aufmerksam zu lauschen.

    „Ein neuer Tag, ein neues Jahr, ich hoffe, es sind alle da,
    denn einiges wird nun geschehen, und dafür müsst ihr mich alle seh‘n.
    Als Hut bin ich hier wohlbekannt, „der Teiler“ werd‘ ich auch genannt,
    Denn ich teile euch in eure Häuser ein, entscheide, was ihr werdet sein.
    Ein Viertel nur für Gryffindor, denn Mut und Tapferkeit sind gut,
    Ein Viertel bin ich Slytherin, denn List und Tücke sind mit drin.
    Ein Stück verschaff ich Hufflepuff, aus Fleiß und Freundschaft wohl bedacht,
    Den Rest vermach ich Ravenclaw, und wisst ihr auch, wer’s dorthin schafft?
    Mit Witz und Intelligenz zu reden, schafft man es hoch hinaus im Leben.
    Drum seid einfach frohen Mutes und glaubt ihm, dem Lied des Hutes.
    Setzt euch hierher, wie tausend zuvor, ich hab für jeden ein offenes Ohr.
    Ich weiß genau, wohin ihr gehört- meine Wahl hat noch niemanden gestört.
    Vielleicht hab ich euch Angst gemacht, doch Angst, das wäre doch gelacht!
    Kommt zu mir ohne Angst und Wut, und setzt mich auf, den Sprechenden Hut!“

    (Hier einige Reimfails, die mir bei diesem Lied spontan einfielen (xD):
    „Mit Witz und viel Intelligenz geht direkt zu Mercedes Benz“
    „Ein Stück verschaff ich Hufflepuff, da seid ihr baff, was?“)

    Tosender Beifall erklang in der Halle, als der Sprechende Hut sein Lied beendet hatte und den Mund wieder zuklappte. Alle, Lehrer wie Schüler und auch die Hausgeister von Hogwarts, die mit an den Tischen ihres jeweiligen Hauses saßen, klatschten begeistert und würdigten das neue Lied des Sprechenden Hutes mit donnerndem Applaus. Es dauerte eine ganze Weile, bis der Applaus allmählich verebbte, dann trat Professor McGonagall mit einer Schriftrolle in der Hand vor und auch die Letzten wurden wieder still. „Wenn ich euch aufrufe, dann setzt ihr euch hier vorne auf den Stuhl und werdet vom Sprechenden Hut in eure Häuser eingeteilt.“ Teilte sie den Erstklässlern ruhig mit und rollte dann geschickt die Schriftrolle auseinander. Lillyan hatte das Gefühl, dass die Erstklässler alle gleichzeitig die Luft anhielten und sich fragten, wer wohl als Erster an der Reihe war. Insgeheim taten ihr die Kleineren leid: sie konnte sich nur noch zu gut daran erinnern, wie sie bei ihrem ersten Mal in Hogwarts dort vorne gestanden hatte und dank ihres Nachnamens erst als Vorletzte aufgerufen worden war. Sie war vor Nervosität fast gestorben. „Ashcroft, Sophie!“ rief Professor McGonagall und schaute fragend von der Schriftrolle auf. Ein kleines, blondes Mädchen schob sich langsam aus der Menge der Erstklässler hervor und ging zögernd auf den Sprechenden Hut zu. Schließlich gab sie sich einen Ruck, setzte den Hut auf, der ihr sofort über die Ohren rutschte, und ließ sich auf dem Stuhl nieder. Der Hut blieb einen Moment lang still, dann rief er: „Gryffindor!“ Offenbar erleichtert streifte Sophie sich den Hut wieder vom Kopf und ging zum Gryffindortisch hinüber, während die Gryffindors sie mit lautem Jubel begrüßten. Lillyan jubelte begeistert mit und lächelte zu Sophie hinüber, als diese sich am Gryffindortisch niederließ. Kaum hatte sie sich hingesetzt, ging es weiter. „Barker, Tizian.“ Ein kleiner Junge mit strubbeligen, braunen Haaren rannte nach vorne und- „Slytherin!“ rief der Hut. Diesmal jubelte der Slytherintisch und Tizian eilte los, um sich zu ihnen zu gesellen. „Bennet, Steven.“ „Hufflepuff!“ „Brown, Theo.“ „Slytherin!“ „Carter, Oliver.“ „Gryffindor!“ Erneut jubelte Lillyan mit den anderen Gryffindors, als Oliver sich zu ihnen an den Tisch gesellte. „Davies, Natasha.“ „Gryffindor!“ Natasha grinste verlegen, als sie sich neben Oliver setzte. „Edwards, Patrick.“ „Slytherin!“ „Ellis, Stina.“ „Slytherin!“ „Fox, Geoffrey.“ „Gryffindor!“ Gespannt schaute Lillyan zu, wie ein Erstklässler nach dem anderen erst nach vorne stolperte und danach erleichtert zu einem der Haustische hinübereilte. „Green, Leila.“ „Hufflepuff!“ „Grey, Fanny.“ „Hufflepuff!“ Leila und Fanny schrien freudig auf und Fanny fiel Leila und den Hals, anscheinend waren die beiden Freundinnen. „Hall, Kristian.“ „Ravenclaw!“ „Head, Pauline.“ „Ravenclaw!“ „Hennig, Nathalie.“ „Ravenclaw!“ „Sag mal, hast du nicht auch das Gefühl, dieses Jahr sind alle Erstklässler nach Nachnamen sortiert?“ flüsterte Lily Lillyan ins Ohr, während der Sprechende Hut gerade Hill, Candy zu einer Hufflepuff erklärte. „Am Anfang kamen alle nach Slytherin und Gryffindor, und jetzt kommen alle nach Hufflepuff und Ravenclaw. Das ist wirklich…“ sie verstummte, als Professor McGonagall einen strengen Blick in ihre Richtung abschoss, und wandte sich wieder voll und ganz der Auswahl zu. „Kennedy, Cian.“ „Ravenclaw!“ „King, Nina.“ „Hufflepuff!“ „Stimmt, du hast Recht.“ Raunte Lillyan Lily unauffällig zu und warf einen schnellen Blick in Richtung Sirius. Dieser hatte seinen Blick ganz auf die Auswahl gerichtet und seine schönen Augen funkelten im Fackellicht. Da bemerkte Lillyan auf einmal etwas Seltsames und runzelte verwirrt die Stirn. Sirius sah nicht glücklich aus, überhaupt nicht. Sein Gesicht war blasser als sonst und er schien dünner geworden zu sein, unter seinen Augen lagen tiefe Schatten und obwohl seine Augen funkelten, wirkte der Ausdruck darin seltsam abgestumpft. Er schien gar nicht zu hören, wie „Lewis, Sascha“ nach Slytherin geschickt wurde. Stirnrunzelnd wandte Lillyan sich von ihm ab und bemerkte dabei, dass James Potter wieder einmal Lily anstarrte. Genervt seufzte sie auf und drehte sich wieder zur Auswahl um. „Matthews, Steve.“ „Ravenclaw!“ „Mitchell, Phillip.“ „Hufflepuff!“ „Murray, Damian.“ „Gryffindor!“ Allmählich wurden die Erstklässler, die noch vorne standen, weniger, und Lillyan freute sich schon auf den Augenblick, in dem das grandiose Festessen des ersten Abends auf den Tischen auftauchen würde. Sie hatte einen Bärenhunger. Während vorne „Owen, Jasmin“ zu einer Slytherin, „Reid, Magdalena“ zu einer Hufflepuff und „Roberts, Sky“ zu einer Gryffindor erklärt wurde, dachte sie über die Zeit nach, die sie nun wieder erwartete. Schule, Zaubern, Quidditchtraining, Streiche aushecken. Eine wunderbare Zeit. Mit einem Mal erschrak sie jedoch. Wie würde wohl das Quidditchtraining verlaufen, wenn sie wieder mit Sirius in einer Mannschaft trainieren musste? Sie sprachen kein Wort mehr miteinander seit ihrem Streit. Wie um alles in der Welt sollten sie da miteinander Quidditch trainieren? Oder, noch schlimmer: Gemeinsam gegen eine andere Mannschaft spielen? Völlig ratlos beobachtete sie Kilian Robinson, der gerade zum Slytherintisch hinüberging. „Rose, Luke.“ „Slytherin!“ „Ross, Alan.“ „Ravenclaw!“ „Saunders, Rinah.“ „Slytherin!“ Rinah, das kleine Mädchen, das eben vom Sprechenden Hut nach Slytherin geschickt worden war, sah todunglücklich aus, als es den Hut wieder auf den Stuhl legte und zum Slytherintisch hinüberschlich. Lillyan bemerkte es verwirrt. Normalerweise waren alle einverstanden damit, wohin sie der Sprechende Hut schickte. Wieso war Rinah dann so traurig darüber? Während Dorian Scott und Milan Shaw beide dem Haus Hufflepuff zugeteilt wurden, dachte sie angestrengt nach, aber sie verstand es noch immer nicht, als die Zwillinge Catherine und Melissa Smith beide in Gryffindor landeten. Daraufhin folgten Alicia Steen („Ravenclaw!“), Claire Taylor („Ravenclaw!“) und schließlich Georgiana Turner („Slytherin!“). Dann waren nur noch vier Erstklässler übrig, und nachdem Vineyard, Marcus („Ravenclaw!“), Williams, Lila („Gryffindor!“) und Winston, George („Hufflepuff!“) in ihre Häuser eingeteilt worden waren, wurde „Young, Liam.“ als Letzter aufgerufen. Zu jedermanns Überraschung blieb Liam beinahe eine halbe Minute lang auf dem Stuhl sitzen und die Schüler begannen schon unruhig zu werden. Als der Sprechende Hut schließlich den Mund öffnete, war die wachsende Spannung in der Großen Halle förmlich mit den Händen zu greifen. „Gryffindor!“ Der Jubel kannte keine Grenzen. Lehrer wie Schüler jubelten und klatschten, feierten Liam sowie sämtliche anderen Erstklässler für ihre Einteilung, freuten sich über die neuen Mitglieder in den Häusern und jubelten sich gegenseitig zu. Erst, als Professor Dumbledore sich schmunzelnd erhob und einige blaue Rauchwölkchen aus seinem Zauberstab paffen ließ, legte sich der Lärm allmählich wieder. „Pssst!“ machte Mary von irgendwoher wichtigtuerisch und Lillyan musste sich sehr zurückhalten, um sich nicht umzudrehen und sie wütend anzufauchen. Glücklicherweise fehlte ihr jedoch die Zeit dazu, denn kaum, dass alle still waren, begann Professor Dumbledore zu sprechen. „Ein neuer Tag, ein neues Jahr“, rief er, seine tiefe Stimme hallte eindrucksvoll durch die Große Halle und schien sich darin noch zu verstärken. „Welche passenden Worte für den Anfang eines Schuljahres. Aber ehe ihr euch alle an unserem riesigen Festmahl überfuttert, möchte ich noch einige Worte sagen. Zu allererst hat mich unser Hausmeister, Mr. Filch, wie immer darum gebeten, noch einmal zu betonen, dass Zauberei jeglicher Art auf den Gängen außerhalb der Unterrichtsräume strengstens verboten ist, ebenso wie das unbefugte Betreten des Astronomieturms ohne die Begleitung eines Lehrers. Für die neuen Schüler möchte ich hinzufügen, dass das Betreten des Verbotenen Waldes für alle Schüler verboten ist, die kein frühzeitiges, und äußerst blutiges Ende erleben wollen. So, und nun noch zu etwas Neuem, das viele von euch bestimmt überraschen wird.“ Mit fröhlich blitzenden Augen schaute Dumbledore in die gespannten Gesichter und gluckste kaum merklich. „Dieses Jahr ist ein ganz besonderes Schuljahr“, fuhr er schließlich fort und machte eine Kunstpause, bei der manche Schüler bereits unruhig auf ihren Plätzen herum zu zappeln begannen. Endlich straffte er mit einem geheimnisvollen Lächeln die Schultern und ließ die Bombe platzen. „In diesem Jahr wird in unserer Schule nämlich ein ganz besonderes Event stattfinden. Ich bin mir sicher, viele von euch haben schon einmal vom Trimagischen Turnier gehört.“ Einige Schüler sogen hart die Luft ein, schrien überrascht auf oder wurden blass, aber die meisten saßen völlig verwirrt auf ihren Plätzen und schauten zu Dumbledore. Auch Lillyan runzelte die Stirn. „Für die, die es noch nicht wissen“, rief Dumbledore über die Unruhe hinweg, die sich daraufhin sofort zerstreute und wieder leise wurde, „Das Trimagische Turnier ist eine Veranstaltung, die vor langer Zeit alle paar Jahrzehnte stattfand. Die drei berühmtesten Zauberschulen der Welt, Hogwarts, Durmstrang und Beauxbatons, stellten dabei je einen sogenannten Champion, einen Schüler, der mindestens siebzehn Jahre als ist und sich freiwillig zur Verfügung stellt. Die drei Champions mussten daraufhin in drei lebensgefährlichen Prüfungen gegeneinander antreten, und wer die letzte Prüfung als Erster meisterte, gewann das Turnier und somit viel Geld und ewigen Ruhm.“ Aufgeregtes Getuschel folgte. Lillyan riss den Mund auf. Ein Trimagisches Turnier? Konnte Dumbledore das tatsächlich ernst meinen? „Ruhe!“ bellte Professor McGonagall verstimmt und schlug mehrmals mit ihrem Messer energisch gegen einen Trinkpokal, doch trotz ihrer Bemühungen dauerte es noch eine ganze Weile, bis alle wieder still waren. „Nun, dieses Turnier wurde vor vielen Jahren vom Ministerium verboten, da es zu viele Todesfälle gab und man es nicht mehr verantworten konnte.“ Führte Dumbledore weiter aus. „Dennoch hatte ich vor Kurzem eine meiner besseren Ideen“, er zwinkerte verschwörerisch, „und habe mich sogleich mit den anderen Lehrern in Verbindung gesetzt. Sie waren alle einverstanden, und daher kann ich euch heute etwas mitteilen, das für euch alle eine große Bedeutung hat: In diesem Jahr wird es bei uns an der Schule ein magischer Wettbewerb stattfinden. Es wird anders sein wie beim Trimagischen Turnier, denn ihr begebt euch dabei in keiner Weise in Lebensgefahr und noch dazu es wird ein reiner Hogwartswettstreit. Genau gesagt ist es mehr ein magischer Hindernislauf als ein Turnier. Pro Hogwartshaus können sich je drei Viererteams dafür anmelden und die Teams, die von den Hauslehrern und mir dafür ausgewählt werden, treten dann im März gegeneinander an. Die Gewinner…“ Er konnte nicht ausreden. Die große Halle begann zu toben, überall sprangen Schüler auf und jubelten und schrien begeistert die neuesten Neuigkeiten umher. Lillyan war einen Moment lang sprachlos vor Überraschung. Ein magischer Hindernislauf? Das hörte sich wirklich nach Spaß an. Ob sie sich anmelden sollte? Und wenn ja, mit wem? Ihre Begeisterung erhielt einen jähen Dämpfer als ihr mit einem Mal bewusst wurde, dass wohl auch James Potter und Sirius mit Remus und Peter ein Team bilden würden. Die Bedingungen des Hindernislaufs waren ja förmlich auf sie zu geschneidert. Dennoch war Lillyan begeistert und wollte sich gerade Lily zuwenden, als Professor Dumbledore sich die Aufmerksamkeit der Anwesenden wieder ergatterte, indem er seinen Zauberstab an seinen Hals hielt und „Sonorus!“ rief. Augenblicklich dröhnte seine Stimme durch die Halle wie durch ein Megaphon und alle zuckten zusammen. „Hört mir zu!“ rief er. „Ich bin auch gleich fertig!“ es kostete die Schüler gewaltige Mühe, sich wieder zu beruhigen und zu konzentrieren, aber schließlich wurde es leiser. „Der Wettbewerb wird von Gruppen aus jeweils vier Schülerinnen und Schülern bestritten. Aus Sicherheitsgründen dürfen jedoch nur Schüler am Wettbewerb teilnehmen, die mindestens in der fünften Klasse sind, denn…“ wutentbranntes Geschrei brach los. „Das kann doch nicht wahr sein!“ heulte Jason Bright von irgendwoher und schlug mit der Hand auf den Tisch, weiter hinten verschränkte Rita Kimmkorn wütend die Arme vor der Brust und ein Drittklässler aus Ravenclaw sah aus, als wolle er auf der Stelle jemanden erwürgen. „Ich verstehe eure Wut, aber in diesem Fall ist es nicht anders möglich.“ Ertönte Dumbledores Stimme wie aus einem Lautsprecher und ließ den Lärm allmählich wieder abebben. Lillyan konnte sich das Grinsen kaum noch verkneifen: Als Fünftklässlerin war sie durchaus in der Lage, am Wettbewerb teilzunehmen. Ein Glück, dass sie nicht ein Jahr jünger war. „Der Wettbewerb wird die Teams auf verschiedene Eigenschaften testen: Teamgeist, Witz, Intelligenz, Mut, Schnelligkeit und Genauigkeit.“ Fuhr Dumbledore fort. „Er wird an einem Freitagabend hier in Hogwarts stattfinden. Die Formulare zum Eintragen der Viererteams hängen in der Eingangshalle aus. Bitte bedenkt, dass jeder Schüler nur in einem Team antreten kann und achtet darauf, dass niemand zu jung ist. Teams, bei denen etwas falsch eingetragen wird, werden als ungültig gezählt. Eintragen kann man sich als Team bis Anfang Dezember, also habt ihr noch reichlich Zeit. Und jetzt würde ich sagen“, Dumbledore blinzelte verschmitzt, „habe ich genug geredet. Lasst es euch schmecken!“ mit diesen Worten klatschte er in die Hände und im nächsten Moment waren die Tische vor den Schülern bedeckt mit Platten, Schüsseln, Tellern und Terrinen, die so gut wie jede Essenssorte enthielten, die man sich nur vorstellen konnte: Verschiedenste Fleischsorten, komplizierte Soßen, Nudeln, Kartoffeln und Reis jeder Art und alles, was sonst noch dazu gehörte. Lillyan jedoch konnte dieses Mal nicht ganz so viel Begeisterung dafür aufbringen wie normalerweise. Was sie beschäftigte, war der Wettbewerb, und sie war nicht die Einzige, die scheinbar an nichts anderes mehr denken konnte. „Lillyan, sag mal, würdest du gerne mitmachen?“ fragte Olivia sie in diesem Moment neugierig und stieß Emily, die neben ihr saß, den Ellenbogen in die Seite. „Ach komm schon, Em, hör doch endlich auf Löcher in die Luft zu starren und rede lieber mit uns. Wollen wir uns zu viert anmelden? Lily?“ „Naja, ich weiß nicht so recht.“ Meinte Lily zu jedermanns Erstaunen und lehnte sich mit gerunzelter Stirn zurück. „Ich stehe nicht besonders gerne unter Druck und ein Wettbewerb vor der ganzen Schule…“ sie schüttelte den Kopf. „Nein, darauf habe ich wirklich keine Lust.“ Olivia schaute Lily so entsetzt an, als wären ihr gerade zwei riesige, giftgrüne Hörner gewachsen. „Das kann doch unmöglich dein Ernst sein!“ „Doch, das ist es.“ Seelenruhig nahm Lily sich eine Pellkartoffel und griff dann nach einer Pastete. „Aber das wird bestimmt lustig!“ mischte sich auch Lillyan jetzt ein und beugte sich weit über den Tisch, um sich eine gegrillte Tomate zu angeln. „Was sagst du, Emily?“ „Ach, ich weiß auch nicht so genau.“ Murmelte diese und senkte den Blick auf ihren Teller.“ „Was ist denn auf einmal los mit dir? Vorhin war doch noch alles in Ordnung.“ Bemerkte Lillyan stirnrunzelnd und legte ihre Gabel auf den Teller. „Geht es dir gut, Em?“ „Um ehrlich zu sein, ich habe Kopfschmerzen.“ Murmelte Emily und durchlöcherte mit unglücklichem Gesichtsausdruck ihr Steak. „Können wir nicht morgen darüber reden?“ „Von mir aus.“ Lillyan zuckte die Schultern und konzentrierte sich ebenfalls auf ihren vollen Teller. Es gab so viel, worüber sie nachdenken musste, dass ihr Kopf summte wie ein Bienenschwarm, den sie einfach nicht beruhigen konnte. Sie war gespannt, ob sie an dem Wettbewerb teilnehmen würde und wie ihr neuer Stundenplan wohl aussah, und sie war gespannt auf die Quidditchauswahlspiele, die laut Erin bereits am Donnerstagnachmittag stattfinden sollten. Eines war sicher: Egal, wie gut sie im letzten Jahr gespielt hatte, Erin würde sie deswegen nicht bevorzugen. Um erneut in die Mannschaft zu kommen, würde sie kämpfen müssen. Und das würde sie. Mit einem leisen Lächeln auf den Lippen beugte sie sich über ihren Teller und begann zu essen. Nachdem sie zwei volle Teller vom Hauptgericht und noch eine doppelte Portion Nachspeisen verdrückt hatte, war sie so satt, dass sie das Gefühl hatte, bald platzen zu müssen. Glücklicherweise machte Dumbledore nicht viel Federlesen und ließ sie gleich nach dem Essen nach oben in die Schlafsäle gehen. Zu Lillyans Erleichterung übernahm Remus freiwillig die Aufgabe, die neuen Erstklässler zu ihren Schlafsälen zu führen, sodass sie gerade noch rechtzeitig flüchten konnte, bevor Sirius und James sich von ihren Plätzen erhoben. Ihre Schulsprecherin, Hanna Jones, hatte ihr und Remus das neue Passwort bereits mitgeteilt, was dazu führte, dass die Fette Dame die Frage gar nicht erst zu stellen brauchte. „Derwish& Banges.“ Sagte Lillyan und kletterte durchs Portraitloch, kaum dass es aufschwang. Den vertrauten Weg zu ihrem Schlafsaal zu gehen fühlte sich nach all den Wochen seltsam an, doch es war ein gutes Gefühl. Sie war gerne in Hogwarts. Die Müdigkeit übermannte sie, kaum dass sie den Schlafsaal betrat. Es war ein langer, anstrengender Tag gewesen. Rasch zog sie sich um, kuschelte sich in ihr Bett und atmete den vertrauten Geruch nach frisch gewaschenen Laken ein. Kaum, dass sie drei Sekunden lang im Bett lag, war sie auch schon tief und fest eingeschlafen.

    *
    Um sie herum war es still. Beunruhigend still. So still, dass sie ihren eigenen Atem hören konnte. Lillyan öffnete die Augen und schaute sich um. Sie befand sich in einem dunklen, runden Raum. Spärliches, blaues Licht ging von einigen Kerzenleuchtern aus, die zwischen einem Dutzend schwarzer Türen hingen, die in die runden Wände eingelassen waren. Mehr gab es in diesem Raum nicht, nur schwarze Türen und Kerzenleuchter. Dennoch hatte Lillyan das Gefühl, hier schon einmal gewesen zu sein. Erst, als sie an sich herunter schaute, bemerkte sie, dass sie auf dem Boden kniete. Vorsichtig stand sie auf und schaute von einer Tür zur anderen. Alle sahen gleich aus. Nur wo ging es nach draußen? Gerade, als sie schon wahllos auf eine der Türen zugehen wollte, um nachzuschauen, was sich dahinter verbarg, öffnete sich mit einem Mal die Türe ihr gegenüber und heraus trat ein Mann mit kinnlangen, schwarzen Locken und dunklen Augen, die ihr vage bekannt vorkamen. Alles an ihm, sowohl seine Gesichtszüge als auch sein Auftreten, all das erinnerte sie an jemanden, den sie sehr gut kannte. Oder besser gesagt, gekannt hatte. Doch das war nicht möglich. Dieser Mann musste mindestens dreißig sein. Konnte das etwa… „Regulus?“ fragte Lillyan verblüfft. „Regulus Black, bist du das?“ dunkle, tiefe Augen erwiderten ihren Blick ruhig und Lillyan erkannte, was sie sofort gewusst hatte. „Du bist es.“ Sagte sie. „Was machst du hier? Und wieso…?“ sie hielt verwirrt inne, als sie seinen Gesichtsausdruck bemerkte. Sorge spiegelte sich in den arroganten Gesichtszügen, die denen seines Bruders so unglaublich ähnelten. Brennende Sorge. „Ja, ich bin es.“ Antwortete er, seine Stimme klang tief und erwachsen, sodass Lillyan nur perplex den Kopf schütteln konnte. „Ich bin gekommen um dich zu retten. Tu es nicht, Lillyan, ich bitte dich. Du weißt, was du mir versprochen hast.“ „Regulus, was zum…“ Lillyan verstand die Welt nicht mehr. Und da konnte sie mit einem Mal die Worte nicht mehr kontrollieren, die aus ihr herausflossen, all ihre Sinne verschlossen sich gegen sie und gehorchten ihr nicht mehr. Sie war eingesperrt in ihrem eigenen Körper. „Du verstehst das nicht!“ hörte sie sich selbst sagen, Verzweiflung klang in ihrer Stimme mit. Vielleicht war es auch Wahnsinn. „Du hast es nie verstanden, aber ich kann nicht anders! Ich muss es versuchen! Ich muss…“ ihre Stimme brach und ein Schluchzen drang aus ihrer Kehle hervor. „Warum, Regulus, warum tust du das?“ stieß sie schließlich hervor. „Hast du mich denn wirklich nie verlassen?“ Regulus‘ Augen verfinsterten sich und er wollte gerade eine Antwort geben, als Lillyan mit einem Mal lautes Geschrei hörte.
    Erschrocken fuhr sie hoch- und erblickte Olivia, die einen Stepptanz quer durchs Zimmer vollführte, dazu wilde Indianerschreie ausstieß und blendender Laune schien. Lillyan blinzelte. Sie lag in ihrem Bett im Gryffindorschlafsaal. Durch das Fenster konnte man den grauen, wolkenverhangenen Morgenhimmel sehen und auf dem Bett gegenüber saß Emily und beobachtete Olivia mit offensichtlicher Belustigung. Es dauerte einen Moment lang, bis Lillyan begriff, dass sie wohl Wahrheit oder Pflicht spielten- ein Muggelspiel, von dem die beiden ganz begeistert waren- und dass die Begegnung mit Regulus als erwachsenem Mann nur geträumt hatte. Es musste ein Traum gewesen sein, denn Olivias Geschrei hatte sie offensichtlich aufgeweckt. „Morgen.“ Murmelte sie verschlafen und schlug die Bettdecke zurück. „Müsst ihr zwei denn wirklich schon um diese Uhrzeit Wahrheit oder Pflicht spielen?“ Emily warf ihr einen entschuldigenden Blick zu, aber noch bevor sie etwas erwidern konnte, brüllte Olivia auch schon: „Du bist dran!“ und Emily musste sich wieder auf das Spiel konzentrieren. Kopfschüttelnd packte Lillyan ihr Zeug zusammen, machte einen Abstecher ins Badezimmer und begab sich anschließend zum Frühstück nach unten. Auf dem Weg in die große Halle war sie so in Gedanken versunken, dass sie beinahe gegen das Treppengeländer im siebten Stock gelaufen wäre. Ihr Traum spukte durch ihren Kopf und immer wieder blitzten Bilder daraus vor ihrem Inneren Auge auf. Wie hatte ihr Unterbewusstsein es nur geschafft, Regulus so perfekt als erwachsenen Mann darzustellen? Und von was um alles in der Welt hatten sie beide geredet? Sie hatte sich schließlich selbst nicht verstanden. Immer wieder hörte sie sich sagen: „Hast du mich denn wirklich nie verlassen?“ Diese Worte verfolgten sie bereits seit sie erwacht war, denn es war nicht Sirius gewesen, dem diese Worte gebührt hatten. Es war Regulus gewesen, Sirius‘ jüngerer Bruder. Ein Slytherin. Aber wie konnte das sein? Sie kannte Regulus doch noch nicht mal, und Sirius war derjenige der… nun, der ihr Herz in den Händen hielt. So kitschig das auch klingen mochte. Warum sollte Regulus sie also verlassen haben? Sie verstand das alles nicht. Wie auch immer, wahrscheinlich hatte der Traum gar nichts zu bedeuten. Die wenigsten Träume ergaben schließlich einen Sinn. Mit einem energischen Kopfschütteln warf sie die verwirrenden Gedanken ab und konzentrierte sich stattdessen auf die Treppenstufen vor sich. Im Gobelinkorridor begegnete sie Lucian Day und Thomas Graham aus ihrem Jahrgang und gemeinsam traten sie in die Große Halle. Der übliche Lärm brandete ihnen entgegen und brachte Lillyan zum Lächeln. Scheinbar konnten selbst das trübe Wetter und die dichten Wolken, die man durch die verzauberte Decke der Großen Halle hindurch sehen konnte, das allgemeine Triumphgefühl nicht mindern, wieder in Hogwarts zu sein. Als sie ihren Blick über die Haustische schweifen ließ, entdeckte sie nicht wenige Schüler, die ihre Zauberstäbe in den Händen hielten und übermütig kleine Zaubereien vollführten. Wie sollte es auch anders sein: Was einem in den Ferien am meisten fehlte, war die Erlaubnis zu Zaubern. Außergewöhnlich gut gelaunt ging sie zum Gryffindortisch hinüber und lief dabei Erin in die Arme, der sich auf sie stürzte, kaum, dass er sie erblickte. „Lillyan, gut dass ich dich treffe! Die Quidditchauswahlspiele sind von Donnerstagmittag auf heute Nachmittag vorverlegt worden, weil am Donnerstag heftige Gewitter und Sturmböen erwartet werden. Kannst du heute um halb vier auf dem Quidditchfeld sein? Wir haben ja schließlich keinen Mittagsunterricht am ersten Schultag.“ „Oh. Ähm- klar.“ Lillyan brauchte einen Moment, um zu verstehen, was das bedeutete. Mist, sie hatte noch üben wollen. Naja, dann musste sie sich eben auf ihr Talent und auf ihre Übung vom letzten Jahr verlassen. „Hi, Erin.“ „Hi.“ Erin schüttelte zerstreut den Kopf und schaute sie hilfesuchend an. „Entschuldige, ich bin gerade völlig durcheinander. Eigentlich hatte ich die Auswahlspiele noch vorbereiten wollen, und jetzt…“ „Hey, ist schon gut, du schaffst das auch ohne Vorbereitung.“ Beruhigte Lillyan ihn. „Im letzten Jahr war doch alles tadellos. Komm schon, Erin, du weißt doch selbst, dass das für dich ein Klacks ist.“ „Meinst du?“ zweifelnd sah ihr Kapitän sie an. „Ich weiß nicht… ich muss noch… wir sehen uns dann später.“ Und ohne ein weiteres Wort stürmte Erin aus der Halle. Thomas, der neben Lillyan gestanden hatte, schnalzte missbilligend mit der Zunge und blickte Erin mit gerunzelter Stirn nach. „Was ist denn mit dem los? So durch den Wind habe ich ihn ja selten erlebt.“ „Ich glaube, er ist besorgt, weil er sich für die Niederlage gegen Ravenclaw letztes Schuljahr verantwortlich macht.“ Antwortete Lillyan und setzte sich auf ihren Platz. Erin tat ihr leid, doch sie war sicher, dass er sich schnell wieder fangen würde. „Aber das war doch gar nicht seine Schuld.“ Mischte sich jetzt Johnny Major von der Seite ein und lehnte sich zu ihnen hinüber. Johnny war Thomas‘ bester Freund und ebenfalls in ihrem Jahrgang in Gryffindor. „Natürlich nicht.“ Lillyan nahm sich ein paar Gabeln voll Rührei und biss in eine Toastscheibe. „Dennoch fürchtet er seit diesem Spiel um seinen Ruf als guter Kapitän. Er hat ernsthaft überlegt, zurückzutreten, als wir Ende letzten Jahres miteinander gesprochen haben, aber Lea und Ich konnten ihn mit vereinten Kräften davon überzeugen, dass das Team ihn braucht. Erin ist ein guter Kapitän, obwohl er manchmal etwas zu starrköpfig ist.“ Nach und nach mischten sich immer mehr Schüler in das Gespräch ein und so dauerte es eine ganze Weile, bis Lillyan schließlich fertig gefrühstückt hatte. Zum Glück hatte sie ihre Tasche bereits dabei, daher musste sie sich nicht sehr beeilen, um rechtzeitig zu ihrer ersten Stunde Pflege magischer Wesen in diesem Jahr zu kommen. In der Eingangshalle wimmelte es nur so von Schülern und Lillyan musste sich richtiggehend durch das Gewühl kämpfen, um zum Schlosstor zu gelangen. An diesem Tag würde der Unterricht in Pflege magischer Wesen draußen auf den Ländereien stattfinden. Dichter Nebel waberte Lillyan entgegen, als sie das Portal aufstieß und hinaus auf die Ländereien von Hogwarts trat. Obwohl es erst September war, war es bereits ungewöhnlich kalt hier draußen und Lillyan fröstelte. Sie sollte sich besser beeilen. Im Laufschritt lief sie den Weg hinunter, der zu Hagrids Hütte führte, und bog dann nach rechts ab. Ein schmaler Pfad führte hier am Waldrand entlang zu einer kleinen Wiese. Diese war ihr Ziel. Als Lillyan auf der Wiese eintraf, waren Emily, Olivia und Mary bereits da und stritten sich hitzig mit drei Slytherinmädchen aus ihrem Jahrgang, die Nevada Dawn, Amber Fleen und Tina Waterstone hießen. Anscheinend waren Emily und Olivia so wütend, dass sie gar nicht bemerkt hatten, dass sie Seite an Seite mit Mary standen, denn seit Mary sich Lillyan gegenüber so unmöglich verhalten hatte, sprachen sie eigentlich nicht mehr mit ihr. Lillyan lehnte sich mit einigem Abstand zu ihnen gegen einen Baum und entdeckte aus dem Augenwinkel Regulus Black, der weiter hinten ebenfalls an einen Baum gelehnt stand und mit einem unergründlichen Gesichtsausdruck in die Ferne schaute. Unwillkürlich blieb ihr Blick an ihm hängen. Himmel, er war dem Mann aus ihrem Traum tatsächlich wie aus dem Gesicht geschnitten, nur besaß er eben noch nicht ganz die erwachsenen Gesichtszüge. Dennoch- besonders, wenn er so ernst dreinschaute wie momentan, sah er ihm unglaublich ähnlich. Ohne es zu bemerken legte Lillyan den Kopf schief und musterte sein Gesicht, seine Augen, seine Nase, seinen Mund. Alles an ihm erinnerte sie an Sirius, war jedoch nur ein schwacher Abklatsch seiner unschlagbaren Schönheit. Regulus war nicht schön, eher… interessant. Ja, das traf es wohl am ehesten. Doch noch während sie ihn so gedankenversunken beobachtete, musste er ihren Blick gespürt haben und wandte den Kopf zu ihr. Dunkle Augen, genauso kalt wie die seines Bruders, erwiderten ihren Blick und machten ihr in Sekundenschnelle klar, wen sie hier vor sich hatte. Sie hätte sich dafür ohrfeigen können, den Bruder ihres ehemaligen besten Freundes anzustarren, in den sie Herz über Kopf verliebt war und der sie schon seit Monaten hasste. Sie musste verrückt geworden sein. Schnell wandte sie sich ab und entdeckte voller Erleichterung Professor Kesselbrand, der gerade den Weg zu ihnen heruntergestakst kam. Mit seinen langen Storchenbeinen und seiner dünnen Statur erinnerte er Lillyan immer wieder an eine Heuschrecke, doch sie mochte ihn gerne. Er war ein guter Lehrer. „Guten Morgen, meine Lieben!“ rief er, als er auf der Lichtung angekommen war, und begab sich in die Mitte der Wiese, wo ihn alle sehen konnten. „Für den ersten Schultag habe ich mir etwas ganz besonderes ausgedacht: Wir werden uns heute nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis mit einem ganz besonderen Tierwesen beschäftigen!“ neugieriges Gemurmel breitete sich unter den Fünftklässlern aus. „Sehen Sie alle diese Hecke hier?“ Mit einer ausladenden Geste wies er auf eine Hecke, die die Wiese an einer Seite abschloss. Die Schüler nickten. „Sehr gut.“ Professor Kesselbrand strahlte. „Dann heißt es jetzt: Leise sein und abwarten. Es wird nicht lange dauern.“ Spannungsgeladene, teils misstrauische Stille machte sich breit. Alle Blicke richteten sich auf die Hecke. Lillyan runzelte die Stirn, doch spontan viel ihr kein Tierwesen ein, dass sich in dieser Hecke verbergen und sich nur bei Stille bemerkbar machen würde, also blieb ihr nichts anderes übrig, als mit den anderen zu warten. Nachdem ungefähr fünf Minuten vergangen waren, begannen die ersten, unruhig zu werden und sich verständnislose Blicke zuzuwerfen, doch gerade, als Lillyan sich allmählich zu fragen begann, was um alles in der Welt das hier werden sollte, gab die Hecke mit einem Mal einen tiefen, wummernden Schrei von sich, der so laut war, dass er den Boden erzittern ließ. Viele Schüler schrien auf und Mary klammerte sich vor lauter Schreck an Regulus Black, der ihr daraufhin einen so tödlichen Blick zuwarf, dass sie augenblicklich vor ihm flüchtete. „Professor, was ist das?“ brachte Amber Fleen schließlich heraus und ging unwillkürlich vor der Hecke in Deckung, die im selben Moment den nächsten dunklen Klageschrei ausstieß. Und da begriff Lillyan plötzlich. Natürlich. Dass sie da nicht sofort draufgekommen war. „Ich weiß, was das ist.“ Sagte sie laut genug, um sich die allgemeine Aufmerksamkeit zu sichern. „Ach ja?“ Professor Kesselbrand strahlte sie begeistert an. „Sprechen Sie, Miss Whiteley, sprechen Sie.“ „In dieser Hecke befindet sich ein Augurey.“ sagte Lillyan, ohne die Hecke auch nur eine Sekunde lang aus den Augen zu lassen. „Der Augurey, auch Irischer Phönix genannt, nistet in Dorngesträuch und anderem Gestrüpp, ernährt sich von großen Insekten und Feen und ist äußerst scheu. Man erkennt ihn an seinem grünlich-schwarzen Gefieder und an seinem Nest, das die Form einer Träne hat. Der Augurey ist für gewöhnlich still und stößt nur bei aufziehendem Regen tiefe, wummernde Schreie aus, weshalb manche Zauberer ihn als persönlichen Wettervorhersager in ihren Häusern halten.“ „Ausgezeichnet!“ Professor Kesselbrand fiel vor Begeisterung beinahe um. „Zwanzig Punkte für Gryffindor, Miss Whiteley- und das ist noch zu wenig Lohn dafür, dass Sie den Augurey sofort erkannt haben! Bewundernswert, wirklich bewundernswert- einfach fabelhaft. Wie Miss Whiteley richtig erkannt hat“, wandte er sich nun wieder an die anderen Schüler, „befindet sich in dieser Hecke das Nest eines Augureys. Wenn wir Glück haben, werden wir diesen schon in wenigen Minuten zu Gesicht bekommen, wenn er ausfliegt, um mehr Nestpolsterung und Futter zu besorgen. Da wir hier ein Nest haben, in dem der Augurey seine Eier bewacht, handelt es sich um ein Männchen oder um ein Weibchen?“ „Weibchen!“ rief Mary von weiter hinten. „Falsch!“ Professor Kesselbrand strahlte noch breiter und schüttelte den Kopf. „Es ist eben kein Weibchen! Es ist…“ „Ein Männchen.“ Murmelte Regulus Black genervt von hinten. „Sehr richtig, Mr. Black, zehn Punkte für Slytherin.“ Alle Gryffindors sogen empört die Luft ein: Das war ja wohl mehr als logisch gewesen, warum bekam Regulus also zehn Punkte, nur weil er ausgesprochen hatte, was alle dachten? Doch noch bevor jemanden protestieren konnte, befahl ihnen Professor Kesselbrand auch schon, Federn und Pergamente herauszuholen und die wichtigsten Dinge aufzuschreiben. „Der Augurey ist ein äußerst interessantes Tierwesen.“ Erzählte er währenddessen. „Seine Federn stoßen Tinte ab und können somit nicht zum Schreiben verwendet werden. Wenn es um die Brut geht, dann ist die Regelung eine ganz spezielle: Das Männchen baut das Nest, in das das Weibchen die Eier legt. Es bleibt dem Männchen überlassen, die Eier auszubrüten. Erst, wenn auch das letzte Küken geschlüpft ist, kehrt das Weibchen aus seinem Urlaub zurück und hilft dem Männchen, die Küken großzuziehen. Ein Augurey legt zwei bis drei Eier auf einmal und kann bis zu vierundzwanzig Jahre alt werden. Früher dachte man, die Schreie von Augureys würden den Tod ankündigen, doch nach langen Forschungen fand man heraus, dass sie mit dem Wetter zusammenhängen. Leider waren zu diesem Zeitpunkt schon viele Augureys auf Grund ihrer Klageschreie getötet worden. Inzwischen stehen sie unter dem Schutz des Zaubereiministeriums.“ Stille machte sich breit, während alle sich über ihre Pergamente beugten und die Federn über das Papier kratzten. Gerade, als Lillyan mit einem erleichterten Seufzer das letzte Wort schrieb, knackte es mit einem Mal leise in der Hecke und aller Blicke flogen hinüber. Einen Moment lang geschah nichts, dann kroch plötzlich ein kleiner, schmächtiger Vogel aus der Hecke, das Gefieder von grünlich-schwarzer Farbe, die äußere Erscheinung erinnerte ein wenig an einen zu mager geratenen Gänsegeier. „Da!“ flüsterte Professor Kesselbrand und fuhr sich begeistert durch das kurze, silbergraue Haar, bis es in alle Richtungen vom Kopf abstand. „Da ist er! Sehen Sie doch, wie schön er ist!“ Als „schön“ hätte Lillyan den eher unscheinbaren Vogel wohl kaum bezeichnet, aber etwas Besonderes war er, das musste sie zugeben. Als hätte der Augurey die Schüler erst jetzt bemerkt, schreckte er plötzlich auf und schwang sich mit kräftigen Flügelschlägen in die Luft. Vereinzelte Ohs und Ahs waren zu hören, als der Vogel abhob, ein paar Kreise am Himmel drehte und dann in den Wolken verschwand. Keine zwei Minuten später befahl Professor Kesselbrand den Schülern, ihre Sachen wieder zusammenzupacken und zum Schloss hinauf zu gehen. Als Hausaufgabe sollten sie den Eintrag über Augureys im Buch „Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ lesen. Lillyan war froh. Der erste Schultag hatte gleich mit einer sehr guten Unterrichtsstunde begonnen und sie war gespannt auf das, was sie noch erwartete. Sie wurde nicht enttäuscht. In Verwandlung wiederholten sie den Stoff vom letzten Jahr, den sie noch perfekt beherrschte, in Astronomie fertigten sie magische Zeichnungen verschiedener Jupitermonde an und in Kräuterkunde übten sie, magische Steinpilze korrekt zu düngen und zu ernten. Nachdem sie sogar in der letzten Stunde, Geschichte der Zauberei, in Gruppenarbeit die Forderungen von Helmar dem Hellichten diskutieren durften, anstatt sich wie sonst einen ellenlangen Vortrag anzuhören, war Lillyan bester Laune und mehr als bereit für die Quidditchauswahlspiele. Wie ein Taifun wirbelte sie zum Mittagessen und dann hinauf in ihren Schlafsaal, um ihren Besen zu holen. Erst, als sie ihre langen, braunen Haare zusammenband und einen letzten Blick in den Spiegel warf, wurde ihr plötzlich schmerzhaft bewusst, dass sie im letzten Jahr zusammen mit Sirius zu ihrem ersten Quidditchspiel hinuntergegangen war. In diesem Jahr würde das nicht mehr so sein. Traurig, aber nicht zu ändern. Mit einem Seufzer packte Lillyan ihren Nimbus 1000, der trotz der heftigen Spiele im letzten Jahr immer noch wie neu aussah, und machte sich auf den Weg auf die Ländereien hinunter zum Quidditchfeld. In der Eingangshalle begegnete sie Snape mit Mulciber, einem seiner Freunde, doch sie missachtete die beiden und eilte aus der Halle hinaus über die kalten Ländereien. Wenigstens hatte sich der morgendliche Nebel verzogen, doch die Kälte war geblieben, ebenso wie die Wolken. Lillyan fröstelte und stürmte durch den Seiteneingang hinaus auf das Spielfeld. In diesem Jahr waren die Tribünen nicht so voll wie im letzten Jahr, denn nur wenige Schüler begaben sich freiwillig in diese Kälte hinaus, wenn sie stattdessen im warmen Gemeinschaftsraum gemütlich am Feuer sitzen konnten. Auch gab es in diesem Jahr deutlich weniger Bewerber als im letzten. James Potter stand als einziger Kandidat dort, wo sich die Bewerber für den Sucher versammeln sollten, und sah ziemlich selbstzufrieden aus, Mandy Kingston stand neben Steven Howard und Calvin Finchley und reckte selbstbewusst das Kinn und John stand dort, wo sich die Treiber versammeln sollten, neben Simon Price und Ian Naughton. Die meisten Kandidaten standen jedoch bei den Jägern. Als Erstes erblickte sie Sirius und ihr drehte sich der Magen um, doch sie ließ ihren Blick tapfer über die anderen Bewerber schweifen. Michael war wieder dabei, und neben ihm stand Lea Kettering, die genau wie sie selbst bereits im letzten Jahr als Jägerin gespielt hatte. Christina war ebenfalls da, genauso wie Jessica Coach aus Leas Jahrgang, Veronica Webber aus der Vierten und Tegan Bright sowie sein Bruder Jason, der auch im letzten Jahr schon dabei gewesen war. Lillyan ging zu Lea hinüber, wandte Sirius demonstrativ den Rücken zu und begann ein unbeschwertes Gespräch über Besen und ihre Funktionsweisen mit ihr und Michael, die beide in den Ferien auf einer Besenmesse in London gewesen waren und begeistert davon schwärmten. Erst, als Erin um Ruhe bat, unterbrachen die drei ihr Gespräch und wandten sich ihm zu. „Ich freue mich, dass ihr alle hier seid!“ rief Erin in die Runde und schaute von Gesicht zu Gesicht. „Wir beginnen wie üblich mit den Kandidaten für Hüter und Jäger. Die Treiber kommen anschließend an die Reihe, und für den Sucher können wir uns das Auswahlspiel in diesem Jahr sparen.“ Er warf einen vielsagenden Blick zu James Potter hinüber, der lässig mit seinem Besen in der Hand als Einziger an der Stelle der Sucher stand. „James Potter ist hiermit wieder als Sucher in der Mannschaft, und noch bevor sich der Tag dem Ende zuneigt, steht unser Team wieder fest!“ Vereinzelter Jubel schallte von den Tribünen zu ihnen hinab. „Nun gut, dann alle Jäger und Hüter bitte auf die Besen und alle anderen auf die Auswechselbank! Auf geht’s!“ Mit diesen Worten stieg Erin auf seinen Besen und schwang sich elegant in die Luft. Lillyan bestieg ebenfalls ihren Besen, stieß sich kräftig vom Boden ab und sauste himmelwärts. Adrenalin schoss ihr ins Blut und sie konnte sich ein Triumphgeheul nicht verkneifen: Sie saß endlich wieder auf ihrem Besen! Übermütig flog sie ein paar Schleifen und wagte einen schnellen Steigflug. „Lillyan, komm her!“ brüllte Erin von weiter unten, wo sich alle Jägerkandidaten bereits um die Torringe auf der rechten Seite versammelten. Lillyan schoss blitzschnell zu ihnen hinunter und blieb neben Tegan Bright in der Schwebe. „Gleiches Spiel wie immer!“ rief Erin und warf Tegan und Sirius je einen Quaffel zu. „Ihr werft die Quaffel hin und her, denkt an Teamspiel und zeigt, was ihr draufhabt. Alle bereit? Fertig? Los!“ Auf Erins Kommando schleuderte Tegan den einen Quaffel zu Lea, Sirius warf den anderen zu Jason, der ihn an Michael weitergab. Michael warf den Quaffel zu Jessica, Jessica warf ihn zu Veronica und Veronica warf ihn zu Lillyan. Ihr Pass war nicht gut, aber kraftvoll, sodass Lillyan einiges an Mühe aufwenden musste, den Quaffel zu fangen und dabei nicht vom Besen zu fallen. Sie warf ihn zu Christina, die sie übermütig angrinste, und bekam im nächsten Moment den anderen Quaffel von Jessica, den sie in einem schnellen, präzisen Pass zu Lea warf. Zehn Minuten später hatte zwar noch niemand den Platz verlassen müssen, doch das würde sich bei der nächsten Aufgabe sicher schnell ändern, denn genau wie im letzten Jahr mussten sie in Dreierteams gegen die Hüter antreten. Lillyan zweifelte nicht an sich, das Einzige, was ihr Sorgen bereitete, war, dass Sirius ihr nie den Quaffel zuspielte. Er missachtete sie vollständig und da er grundsätzlich nicht zu ihr passte, hatte sie ihm ebenfalls kein einziges Mal zugespielt. Beim Zusammenspiel würde das ein Problem werden. Teufel auch. „Alle zu den Torringen auf der linken Seite!“ rief Erin genau in diesem Moment und gab ihnen Zeit, zu ihm hinüberzufliegen. „Wie ihr alle wisst, werden in diesem Jahr auch die Ersatzspieler an unseren Trainingsstunden teilnehmen, damit uns eine solche Niederlage wie im letzten Jahr nicht mehr so leicht passieren kann.“ Erklärte er, als sie alle in einem großen Halbkreis um ihn herumschwebten. „Noch dazu werde ich die Dreierteams für die Auswahlspiele in diesem Jahr selbst bilden, damit ich jeden von euch richtig beurteilen kann. Das erste Team bilden Jessica, Veronica und Tegan, das zweite Christina, Lillyan und Jason und das dritte Sirius, Lea und Michael. Wir starten mit Team eins. Alle anderen fliegen bitte etwas zur Seite.“ Lillyan flog aus dem Weg und beobachtete in der Schwebe, wie Erin Jessica den Quaffel gab und Calvin Finchley sich an den Torstangen in Position brachte. Auf Erins Kommando flogen die drei Jäger los und Lillyan verfolgte gespannt, wie Jessica den Quaffel zu Tegan warf, Tegan zu Veronica, diese zurück zu Jessica- und da diese gerade sehr weit links flog, war es für sie ein leichtes, Calvin Finchley zuvorzukommen und den Quaffel im linken Torring zu versenken. Applaus und leise Buhrufe drangen von den Tribünen zu ihnen nach oben. „Gutes Tor!“ brüllte Erin. „Calvin, du bist zu langsam! Versuch, ein wenig schneller zu werden! Die Nächsten!“ Lillyan flog zu Christina und Jason hinüber und bekam von Erin den Quaffel. „Du machst das, Lillyan.“ Raunte er ihr zu. „Ich weiß das.“ Lillyan warf ihn einen dankbaren Blick zu und wartete, bis Steven Howard sich vor den Torringen positioniert hatte. „Los!“ gab Erin das Kommando. Lillyan wartete keine Sekunde und gab den Quaffel an Jason ab, der bis vor die Torringe flog und ihn dann an Lillyan zurückpasste, als Steven ihn abblockte. Sie wartete, bis Steven bei ihr war, ehe sie ihn wieder zu Jason warf. Da sauste Christina mit einem Mal in einer eleganten Drehung unter Steven hindurch und Lillyan rief geistesgegenwärtig: „Zu Christina! Spiel zu ihr, Jason!“ Jason hatte verstanden und spielte in einem riskanten Pass zu Christina, die ihn jedoch mit einer bewundernswerten Schnelligkeit auffing, zielte und warf. Zielsicher flog der Quaffel durch den mittleren Torring. „Jawohl, schön!“ rief Erin von irgendwoher. „Wunderbar, Christina! Schönes Teamspiel! Pass aber auf, dass du dich nicht zu sehr von Steven abblocken lässt, Jason, du riskiert damit einen Quaffelverlust. Weiter geht’s!“ Diesmal waren Sirius, Lea und Michael an der Reihe, die ihre Sache ebenfalls gut machten. Nach ein paar schnellen Passabfolgen von Lea und Sirius gelang es Michael um ein Haar, den Quaffel durch einen Torring zu werfen, doch gegen die Kunst von Hüterin Mandy Kingston hatte er keine Chance. Sie fing ihn so schnell ab, dass Michael vor Schreck fast vom Besen fiel. „Super gemacht!“ rief Erin erneut. „Mandy, du warst spitze! Michael, guter Torversuch! Sirius, Lea, schönes Zusammenspiel! Ich sehe schon, in diesem Jahr wird es sehr schwierig, eine Entscheidung zu treffen.“ Lillyan wurde nervös, aber sie unterdrückte das Gefühl. Nervosität würde nur ihrer Konzentration schaden. „Die nächsten Teams“, fuhr Erin jetzt fort, „sind Sirius, Jessica und Lillyan, Michael, Tegan und Lea und Jason, Veronica und Christina.“ Oh nein. Um ein Haar hätte Lillyan laut aufgestöhnt. Nicht Sirius, nicht… nicht ausgerechnet er. Das würde eine Katastrophe geben. Mit zusammengebissenen Zähnen flog sie zu Erin, der eben Jessica den Quaffel gab und ein paar leise Worte mit Sirius wechselte. Vor den Torstangen machte sich indessen Steven Howard erneut bereit. „Fertig? Und los!“ kommandierte Erin. Lillyan schoss vor und bekam von Jessica den Quaffel zugespielt. Schnell gab sie ihn zurück, als Steven in ihre Richtung flog, und Jessica schoss ihn zu Sirius, woraufhin sie einen Bogen fliegen musste, da Steven ihr im Weg war. Lillyan flog währenddessen ganz nach vorne vor die Torstangen. „Sirius“, flehte sie in Gedanken, „Sirius, spiel zu mir. Ich bitte dich. Spiel ab.“ Doch natürlich konnte Sirius ihre Gedanken nicht hören. Seine Augen zuckten kurz in ihre Richtung, dann spielte er zurück zu Jessica, die sich gerade in einer äußert ungünstigen Position befand. „Was soll das denn?“ schrie sie erschrocken und warf den Quaffel zurück. „Spiel doch zu Lillyan, sie ist frei!“ Sirius jedoch beachtete ihren Protest nicht und lenkte Steven ab, um Jessica erneut den Quaffel zuzuspielen. Schnell gab Jessica ihn an Lillyan ab, die jetzt ungehindert auf die Torstangen zu schwebte. Aus dem Augenwinkel sah sie Sirius vor dem rechten Torring und wusste sofort, dass seine Position besser war als ihre eigene, aber sie konnte einfach nicht an ihn abspielen. Wollte es nicht. Würde es nicht. Mit einem Laut der Verzweiflung in der Kehle zielte sie und warf. Knapp flog der Quaffel durch den linken Torring. Lillyan schrie erleichtert auf. Erneut brandete Applaus im Publikum auf. Als sie sich zu Erin umblickte, um seine Reaktion abzuschätzen, sah sie ihn heftig die Stirn runzeln. „Steven, das war zwar nicht schlecht, aber auch nicht gut.“ Rief er schließlich. „Was das gerade ansonsten war, erschließt sich mir nicht recht. Die nächsten!“ Betroffen flog Lillyan zurück nach hinten, ohne sich noch einmal umzuschauen. Erin hatte ihren Schuss mit keinem Wort erwähnt. Kein Wunder. Es war ein schlechtes Tor gewesen, und ein noch schlechteres Teamspiel. Die anderen Teams waren viel zu schnell fertig. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte es bis zum St. Nimmerleinstag dauern können, bis sie wieder an die Reihe kam. Tegan und Jason schossen je ein Tor und Mandy Kingston leistete wieder einmal brillante Arbeit. Dass Tegan den Quaffel zum Schluss doch noch versenken konnte, war definitiv nicht ihre Schuld. „Noch einmal neue Teams!“ ließ Erin schließlich verlauten. „Sirius, Lillyan und Christina, Lea, Jessica und Tegan und Michael, Veronica und Jason!“ Lillyan hätte vor Verzweiflung am liebsten irgendetwas eigenhändig zertrümmert. Warum musste sie schon wieder mit Sirius in ein Team? Hatte Erin denn nicht gesehen, was für ein Desaster das ergab? „Kommt her zu mir.“ Befahl Erin und gab Lillyan den Quaffel. Der Hüter, gegen den sie antreten sollten, war in diesem Fall Calvin. „Zeigt mir, was ihr könnt.“ Lillyan flog los und spielte an Christina ab, die kurz vor Calvin ein so geschicktes Wendemanöver einlegte, dass dieser völlig verwirrt rückwärts abdriftete. Rasch spielte Christina zu Sirius ab. Calvin hatte sich indessen wieder gefangen und flog nun in Richtung Sirius, der kurz vor den Torstangen schwebte. Lillyan flog schräg über ihm, genau vor dem mittleren Torring. „Sirius, spiel ab! Lillyan ist über dir!“ rief Christina von hinten, doch noch im selben Moment wusste Lillyan, dass er das nicht tun würde. Er spielte nicht zu ihr. Verdammt. Sirius warf einen schnellen Blick zu Christina, sah, dass sie viel zu weit hinten war und warf den Quaffel kurzerhand in Richtung des rechten Torrings. Der Quaffel knallte einen Meter unter dem Torring gegen die Torstange und fiel wie ein Stein zur Erde hinab. Offensichtlich hatte sich der Quaffelzauber bei dem starken Aufprall gelöst. Lillyan spürte, wie ihre Nase heftig zu kribbeln begann, ein Zeichen dafür, dass die Tränen in ihr aufstiegen, aber sie beherrschte sich. Heulen würde ihr jetzt auch nicht weiterhelfen. „Lillyan! Sirius!“ Erins Stimme klang ärgerlich und als sie sich zu ihm umwandte sah sie, dass er die Augenbrauen fest zusammengezogen hatte und seine Augen zu schlitzen verengt waren. „Kommt mal kurz her. Ich muss mit euch reden.“ Er flog ein Stück abseits und zog dann seinen Besen herum, um mit finsterer Miene auf die Beiden zu warten. Mit hängendem Kopf flog Lillyan zu ihm und wartete auf die Standpauke, die sie erwartete. Neben sich nahm sie eine Bewegung wahr und wusste, dass Sirius jetzt neben ihr schwebte. „Hört mir mal genau zu, ihr beiden.“ Erins Stimme war leise, doch der Ärger darin war nicht zu überhören. „Ich weiß, dass ihr euch gestritten habt, glaubt ihr wirklich, ich bin zu blöd, um das zu bemerken? Ich will gar nicht wissen, was zwischen euch los ist, aber ich möchte, dass ihr euch über eines im Klaren seid. Ihr seid meine beiden besten Spieler, aber wenn ihr mir hier weiterhin einen solchen Schwachsinn zusammenspielt, dann werfe ich euch aus dem Team, und zwar alle beide.“ Entsetztes Schweigen folgte. Lillyan riss den Mund auf. Das konnte doch unmöglich sein Ernst sein! „Oh ja, das ist mein voller Ernst.“ Bemerkte Erin grimmig, als er die erschrockenen Gesichter der beiden sah. „Hört mal, ich erwarte nicht von euch, dass ihr euch mögt. Ich verlange auch nicht von euch, dass ihr euch wieder versöhnt, aber wenn ihr wieder ins Team kommen wollt, dann erwarte ich, dass ihr es wenigstens schafft, euch zusammenzureißen. Hier geht es um so viel mehr als nur darum, wen man mag und wen nicht. Es geht um unsere Quidditchmannschaft und darum, dass wir uns alle das Ziel gesetzt haben, dieses Jahr den Quidditchpokal zu gewinnen. Auch ihr beide habt das, oder etwa nicht? Also, was ist euch wichtiger: euer Streit oder das Team?“ Einen endlosen Moment lang blieb es still, dann sah Lillyan, wie Sirius den Kopf zu ihr wandte und sie anschaute. Himmel. Reflexartig schaute sie zurück. In seinen dunklen Augen lag keine Emotion für sie, doch sie sah Reue darin, Schuldbewusstsein Erin gegenüber. Er würde mit ihr in einem Team spielen, Erin zuliebe und sich selbst zuliebe. Ihr galt nichts davon. „Was meint ihr? Frieden?“ fragte Erin sanft. „Frieden.“ Sagte Sirius rau. „Frieden.“ echote Lillyan schwach. „Gut. Ich danke euch.“ Erin strahlte die beiden an. „Auf euch ist doch Verlass. Ihr schafft das schon, ihr zwei. Und jetzt will ich euch noch einmal eine Runde zusammenspielen sehen. Christina, komm her!“ Diesmal hatte Sirius den Quaffel zu Beginn. Christina hatte die bessere Position, deshalb spielte er zu ihr und Lillyan sauste nach vorne. Christina spielte zurück zu Sirius, als sie in Gefahr lief, durch Mandy, die Hüterin dieser Runde, den Quaffel zu verlieren, doch Mandy war schnell und blockierte Sirius, der nun nur noch eine Wahl hatte. Lillyan hielt unwillkürlich den Atem an, als sie auf die Torringe zuflog: Würde er… „Whiteley! Fang!“ brüllte Sirius in diesem Moment und schleuderte den Quaffel zu ihr. Reflexartig griff sie danach. Es war wie ein Schlag ins Gesicht für sie, dass er sie bei ihrem Nachnamen nannte, doch sie überwand den Schock schnell, zielte einen Wimpernschlag lang und warf. Mandy Kingston verpasste den Quaffel um Haaresbreite. In einem perfekten Bogen flog er geradewegs durch den linken Torring. „Ja!“ rief Lillyan voller Freude und riss ihren Besen gerade noch rechtzeitig herum um zu sehen, wie Erin einen Jubelschrei ausstieß. „Klasse gemacht, super!“ schrie er. „Tolles Zusammenspiel! Ihr wart alle großartig! Schönes Tor, Lillyan, unhaltbar!“ Lillyan konnte nicht anders: Sie strahlte über das ganze Gesicht, auch, wenn die Sache mit Sirius noch immer wie ein Giftpfeil in ihrem Herzen steckte. Jubel klang von der Tribüne zu ihnen hinauf und als sie Lilys Triumphgeheul hörte, wurde ihr plötzlich klar, dass sie, wenn sie so weitermachten, gute Chancen hatte, wieder ins Team zu kommen. Sie hoffte es so sehr. Irgendwer brachte schließlich den Quaffel zurück und dann folgten so viele Gruppenangriffe, Einzeltests und neue Kombinationen, dass Lillyan völlig den Überblick verlor. Endlich rief Erin sie auf den Boden zurück und alle versammelten sich schwer atmend und zitternd vor Kälte um ihn herum. Der kalte Flugwind hatte sie heftig mitgenommen. „Ihr habt es mir wirklich nicht leicht gemacht.“ Begann Erin schließlich. „Es war sehr schwierig, eine Auswahl zu treffen, denn ihr seid alle sehr gute Flieger. Dennoch gibt es unter uns einige Jäger und einen Hüter, die einfach unschlagbar sind. Die drei Jäger, die mir sowohl im Einzelnen als auch im Teamspiel am besten gefallen haben sind…“, Lillyan biss sich heftig auf die Unterlippe und schlang die Arme um sich selbst, „Sirius, Lillyan und Lea, unser altbewährtes Team vom letzten Jahr. Noch dazu…“ Erin kam nicht weiter. Mit einem erstickten Aufschrei flogen Lillyan und Lea sich in die Arme. Selbst Sirius konnte seine Freude nicht verbergen. „Ihr seid ein gutes Team.“ Sagte Erin und lächelte. „Ihr habt mich im letzten Jahr kein einziges Mal enttäuscht. Beim letzten Spiel war das einzige Problem, dass ihr nicht vollständig wart, was uns zu etwas Weiterem führt, was ich sagen will. Mir ist heute nämlich jemand von euch ganz besonders aufgefallen, und das bist du, Christina.“ Überrascht schnappte Christina nach Luft. „Ich?“ „Ja, du.“ Erin grinste. „Du bist glänzend geflogen, bist wendig, schnell, geschickt und spielst ein äußerst raffiniertes Teamspiel. Dennoch hat mir das Zusammenspiel von Lea mit Lillyan und Sirius ein kleines Bisschen besser gefallen, da Lea routinierter ist und somit eher ruhig spielt, was ihr zu einer höheren Präzisionsfähigkeit verhilft. Du hast mir trotzdem sehr gut gefallen, Christina, und deshalb wirst du die erste Ersatzjägerin von Gryffindor.“ Christina stieß vor Freude einen kleinen Schrei aus und warf sich in die Arme der völlig perplexen Lillyan. „Tegan, du bist Ersatzspieler Nummer zwei, Michael, du Nummer drei. Sollte irgendetwas schief laufen wird Jessica Ersatzspieler Nummer vier, aber ich glaube kaum, dass das notwendig sein wird.“ Erin zwinkerte verschmitzt. „In diesem Jahr erlauben wir uns keine Pannen mehr. Mandy, du wirst wieder unsere Hüterin, du warst mit Abstand die Beste, und Steven, du bleibst weiterhin ihr Ersatz. So, und jetzt alle Teammitglieder auf die Tribüne. Ihr solltet zuschauen, wie unser neuer Treiber fliegt, falls es nicht bei John bleibt. Ich persönlich glaube jedoch nicht, dass irgendeiner von den anderen Bewerbern es auch nur ansatzweise mit ihm aufnehmen kann.“ Er grinste ihnen verschwörerisch zu und scheuchte sie dann alle zusammen vom Feld. Lillyan war so froh, dass sie die ganze Welt hätte umarmen können. Sie war wieder im Team, und alles andere war vorerst unwichtig. „Hey, Lillyan!“ hörte sie jemanden rufen und im nächsten Moment stürmten Emily, Lily und Remus die Treppe hinunter, die zu den Tribünen führte, auf sie zu. „Herzlichen Glückwunsch!“ rief Remus strahlend und umarmte sie als Erster. „Ihr wart mit Abstand die Besten! Hey, Tatze, gut gemacht!“ er löste sich von Lillyan um seine Faust gegen die von Sirius zu stoßen, während Lily und Emily sich auf Lillyan stürzten und sie vor Begeisterung fast zu Boden rissen. „Hey, hey, Vorsicht!“ lachte Lillyan atemlos. „Ihr wollt mich doch nicht schon vor dem ersten Quidditchspiel lahmlegen!“ Lily lachte ebenfalls und ließ sie los. „Du warst grandios.“ Sagte sie, ihre Augen glänzten. „Wie viele Tore hast du geschossen? Fünfzehn?“ „Es waren dreizehn.“ Verbesserte Lillyan sie verlegen. „Na und? In einem Spiel wären das schon hundertdreißig Punkte!“ meinte Emily und hakte sich bei ihr ein. „Komm schon, lass uns bei der Treiberauswahl zuschauen.“ „Gerne. Komm, Lily!“ Lillyan packte ihre Freundin ebenfalls beim Arm und dann liefen sie gemeinsam die Treppe hinauf zur Tribüne, wo Olivia, Johnny, Thomas, Lucian und zu ihrer Überraschung auch der Schulsprecher Jasper Night auf sie warteten, um sie zu beglückwünschen.

    Der September ging vorbei, so schnell, dass es Lillyan vorkam, als wäre sie erst eine Woche lang wieder in Hogwarts, als der Oktober anbrach. Allerdings waren die Geschehnisse in ersten vier Wochen in Hogwarts so beträchtlich gewesen, dass das wohl kein Wunder war. Nachdem John Robinson, der ehemalige Treiber der Gryffindors, es unter großem Hallo ebenfalls wieder zurück ins Team geschafft hatte, setzte Erin so viele Trainingsstunden an wie noch nie. Es gab kaum einen Tag, an dem Lillyan nicht von Kopf bis Fuß durchnässt und völlig erschöpft in den Gemeinschaftsraum geklettert kam und den elenden Dauerregen verfluchte, der über dem Schulgelände hing wie ein übergroßer Baldachin. Erin hatte kein Erbarmen. Das Training war hart und unerbittlich und wenn dazu nicht schon die vielen Stunden im eiskalten Regen reichten, brachte sie das Zusammenspiel mit Sirius endgültig an den Rand der Verzweiflung. Er spielte ihr zwar jetzt immer zu, wenn es irgend möglich war, nannte sie jedoch nach wie vor bei ihrem Nachnamen und ignorierte sie außerhalb des Trainings vollständig. Noch dazu musste sich die fünfte Klasse auf die ZAGs vorbereiten, die Ende des Jahres stattfinden würden, und die Lehrer halsten ihnen bereits in der ersten Woche so viel Arbeit auf, dass Lillyan meinte, sie würde wohl frühestens nächstes Jahr Weihnachten damit fertig werden. Da, endlich, am letzten Septembertag, als Lillyan gerade aus dem Schlosstor trat, um zu den Gewächshäusern hinüberzugehen, riss die drückende Wolkendecke zum ersten Mal seit vier Wochen auf und enthüllte einen makellos blauen Himmel und warme, helle Sonnenstrahlen. Glücklich hielt Lillyan ihr Gesicht in die willkommene Wärme und atmete tief ein. Die feuchte Erde reagierte auf die Sonnenstrahlen beinahe augenblicklich und Dampf stieg unter ihren Füßen auf, als sie über die Wiese lief. Im Laufe des Tages riss der Himmel dann langsam aber sicher immer weiter auf und der erste Oktober dämmerte mit einem wunderbaren, goldenen Herbstmorgen herauf. Als Lillyan in ihrem Bett erwachte, schien ihr die Sonne ins Gesicht. Wie elektrisiert sprang sie auf und rannte zum Fenster. Tatsächlich… ein klarer, blauer Himmel. Kein Wölkchen weit und breit. Erin würde toben vor Begeisterung. Seit Wochen fürchtete er das Wetter dieses Tages, denn heute würde das erste Quidditchspiel dieser Saison stattfinden und wie in jedem Jahr waren ihre Gegner niemand anderes als die Slytherins. Ein Glück, dass Jefferson immer noch Spielverbot hatte. Sie hatte wirklich keinen Bedarf, sich erneut die Nase brechen zu lassen, um momentan hatte kein Slytherin mit ihr ein Hühnchen zu rupfen. Voller Euphorie wegen des schönen Wetters schlüpfte sie in ihre rote Quidditchkleidung und machte sich leise auf den Weg nach unten. Emily und Mary schliefen noch und sie wollte sie nur ungern wecken. Im Gemeinschaftsraum herrschte der reinste Trubel. Offenbar hatten alle Gryffindorfans sich bereits zu einer Einstimmungsparty verabredet. Möglichst unauffällig huschte Lillyan an ihnen vorbei, kletterte durch das Portraitloch und eilte durch die Gänge und die Treppen hinunter in die Große Halle. Es war noch sehr früh, deswegen waren nicht viele Schüler in der Halle, doch Olivia saß bereits auf ihrem Platz am Gryffindortisch und plauderte mit- Jasper Night. Lillyan musste schmunzeln und ging leise zu den beiden hinüber. Sie wollte sie nur ungern auseinanderreißen, aber ihr Platz war genau neben dem von Olivia. Als sie näher kam, schnappte sie ein paar Gesprächsfetzen auf. „…das nicht geht. Wir haben zwei Katzen, aber Katie gibt einfach nicht auf. Ich fürchte, sie hat sich das in den Kopf gesetzt.“ Sagte Olivia gerade. „Und deine Eltern?“ Das war Jasper. „Sie freuen sich zwar nicht besonders darüber, aber sie soll sie bekommen, wenn sie sie so dringend will. Meinst du, ich könnte sie in den Ferien mit zu dir bringen, damit sie- oh, guten Morgen, Lillyan!“ „Hey.“ Lillyan lächelte und setzte sich neben sie. „Guten Morgen Jasper. Darf ich erfahren, worum es gerade geht?“ „Klar.“ Olivia lachte. Sie sah so glücklich aus, als sie Jasper ein Lächeln zuwarf und sich dann an Lillyan wandte. Lillyan konnte sie verstehen. Sie wusste aus eigener Erfahrung, wie schön es sein konnte, in jemanden verliebt zu sein, und man konnte ihr erzählen, was man wollte: Olivia liebte Jasper, das war mehr als eindeutig. „Weißt du, meine kleine Schwester will zum Geburtstag unbedingt Mäuse haben.“ Erzählte Olivia. „Weil wir Katzen haben, haben unsere Eltern es bisher verboten, aber jetzt hat sie ein größeres Zimmer und hätte genug Platz für einen Käfig. Deshalb habe ich gerade mit Jasper gesprochen, ob wir ihm in den Ferien welche abkaufen können. Er züchtet sie nämlich- er hat die verschiedensten Arten von Mäusen.“ Lillyan hatte Mühe, nicht laut los zu prusten. Noch vor einem Jahr hatte Olivia eine Heidenangst vor Mäusen gehabt, was auch der Hauptgrund dafür gewesen war, dass ihre Schwester Katie sich keine als Haustiere halten durfte. Kaum, dass sie erfahren hatte, dass Jasper Mäuse züchtete, fand sie die kleinen Tierchen mit einem Mal hinreißend. Seltsam, wie die Liebe zu einem Menschen jemanden verändern konnte. „Natürlich könnt ihr in den Ferien kommen und euch ein paar aussuchen. Wir haben nun wirklich genug.“ Mischte sich Jasper jetzt wieder ein. „Eigentlich tut es mir bei jeder Maus weh, die ich abgeben muss, aber bei dir und deiner Schwester weiß ich ja, dass sie in guten Händen sind.“ Olivia schmolz bei seinen Worten regelrecht dahin und Lillyan grinste in sich hinein. „Ach übrigens, viel Glück beim Spiel nachher, Lillyan.“ Wandte Jasper sich an sie und lächelte ihr zu. „Ich wette, ihr schlagt unsere Mannschaft förmlich kurz und klein.“ „Was?“ Verwirrt schaute Lillyan zurück. „Bist du nicht für Slytherin?“ „Eigentlich nicht. Unsere Mannschaft spielt nicht gut und sie kämpft mit unfairen Mitteln.“ Antwortete Jasper ernst und legte nachdenklich die Stirn in Falten. „Ich bin ganz ehrlich, wenn ich sage, dass ich ihnen kein Glück wünsche.“ Lillyan hob überrascht die Augenbrauen, lächelte dann aber. „Ich danke dir, Jasper.“ Sagte sie. „Es ist schön, wenigstens einen Slytherin zu kennen, der das zugibt.“ Jasper lächelte traurig. „Einen muss es wohl geben. Ach übrigens, ich wollte dir schon lange sagen, dass es mir leidtut, dass ich früher einer von Brads Mitläufern war. Jefferson.“ Fügte er schnell hinzu, als er Lillyans Verwirrung sah. „Ich stand nie wirklich hinter ihm, glaub mir. Unsere Familien sind gut befreundet und ich musste schön Wetter machen, aber als ich gemerkt habe, wie…“ „Ist schon in Ordnung.“ Lillyan lächelte versöhnlich. „Ich bin froh, dass du das so siehst. Du hast sowieso nie mitgemacht, egal, was Jefferson ausgeheckt hat.“ „Das stimmt allerdings.“ Mit einem Schmunzeln spießte Jasper ein Stück Spiegelei von seinem Teller auf. Olivia begann, ihn über seine Mäuse und deren Rassen auszufragen, während Lillyan sich auf ihr Frühstück konzentrierte. Heute musste alles gut gehen. Sie waren das beste Team von Hogwarts und sie würden das schaffen. Kaum, dass sie das letzte Stück Toast verdrückt hatte, entdeckte sie Erin, der wie ein aufgescheuchtes Huhn in die Große Halle gelaufen kam, plötzlich stehenblieb, als wäre ihm gerade erst bewusst geworden, dass dieses Verhalten unter seiner Würde war, und dann hoheitsvoll die letzten Meter zum Gryffindortisch hinüberschritt. „Morgen, Erin.“ Rief Lillyan ihm zu. „Perfektes Wetter, was? Scheint, als hätten wir Glück gehabt.“ „Hoffen wir, dass es so bleibt.“ Erin setzte sich auf seinen Platz, sprang aber sofort wieder auf, als das restliche Quidditchteam in die Halle gelaufen kam, dicht gefolgt von der Slytherinmannschaft. „Ich gehe dann schon mal.“ Sagte Lillyan schnell und stand auf. „Wir sehen uns auf dem Quidditchfeld, Erin.“ „Halt dich auf jeden Fall von den Slytherins fern!“ rief Erin ihr nach, als sie aus der Halle eilte. „Wir brauchen dich, Lillyan!“ Im Laufschritt nahm Lillyan die Stufen zum Gemeinschaftsraum, stürmte in ihren Schlafsaal und blieb keuchend darin stehen. Besen, Haarband, Quidditchstiefel. Alles lag noch an seinem Platz. Rasch zog sie die Stiefel an, ließ das Haarband in ihre Tasche gleiten und zog ihren Besen vorsichtig unter dem Bett hervor. Kaum, dass sie ihn in der Hand hielt, kam Lily in den Raum geschneit, in der einen Hand eine Besenstiel-Pflegecreme, in der anderen ein Buch über Quidditchfouls. Erfreut blickte Lillyan auf und entdeckte überrascht eine Spur von Ärger auf dem Gesicht ihrer Freundin. „Hey, was ist los?“ fragte sie. „Ach, Potter hat mich mal wieder zur Weißglut getrieben.“ Schwungvoll knallte Lily die Türe hinter sich zu und ließ sich auf Emilys Bett fallen. „Er hat mich gerade auf der Treppe abgefangen und gefragt, ob ich mit ihm nach Hogsmeade gehe, wenn er heute im Spiel den Schnatz fängt. Hier.“ Sie warf Lillyan die Cremedose in den Schoß. „Ein gepflegter Besen fliegt besser als ein ungepflegter Besen, zumindest steht das in diesem Buch. Reib damit den Stiel ein, das sollte dir eine höhere Geschwindigkeit und bessere Lenkfähigkeit verleihen.“ „Danke.“ Vorsichtig schraubte Lillyan die Dose auf und schnupperte misstrauisch daran. „Salbei?“ „Jetzt mach schon, du hast nicht ewig Zeit!“ drängte Lily und schlug das Buch auf, das sie dabei hatte. „Und hör mir bitte währenddessen zu. Ich will auf gar keinen Fall, dass dir wieder irgendetwas passiert, verstanden? Also, besonders in Acht nehmen musst du dich als Jägerin vor Fouls im Strafraum, nahegelegenen Klatschern, unfairen Tricks der Hüter und…“ „Lily“, unterbrach Lillyan ihre beste Freundin energisch, bevor diese in ihrem Vortrag fortfahren konnte, „hör bitte auf. Erin hat das schon über hundert Mal mit uns durchgekaut und so leicht haut mich keiner mehr vom Besen. Mach mich bitte nicht nervös.“ Achtlos schlug Lily das Buch zu, warf es zur Seite und vergrub die langen, eleganten Finger in ihren burgunderroten Haaren. „Mir ist klar, dass du das alles weißt.“ Hörte Lillyan sie murmeln. „Aber ich ertrage so etwas wie im letzten Jahr nicht noch einmal, Lill. Nie mehr. Ich kann das einfach nicht.“ „Das weiß ich doch.“ Lillyan entschloss sich, ihrer besten Freundin zu trauen, entnahm der Dose eine Portion Creme und begann vorsichtig, ihren Besen damit zu polieren. „Du musst dir keine Sorgen machen, Lily. Heute legt mich niemand um. Außerdem fehlt Jefferson noch. Niemand hat es direkt auf mich abgesehen. Mir wird nichts passieren.“ „Möge das die Wahrheit sein.“ Stöhnte Lily und tauchte aus den roten Wellen ihrer Haare auf. „Du weißt, dass ich dir vertraue Lillyan, und ich weiß, wie gut du bist- ich mache mir nur Sorgen um dich.“ „Das ist doch auch in Ordnung.“ Lillyan lächelte ihr beruhigend zu und bewunderte das Ergebnis ihrer Politur. Glänzend, glatt, einfach perfekt. „Danke für die Creme.“ Sagte sie und stand auf, um den Glanz im Licht am Fenster zu prüfen. „Es ist einfach perfekt geworden. Wo hast du sie nur her?“ „Aus „Mister Maxences Mixturen aller Möglichkeiten“ in der Winkelgasse.“ Antwortete Lily und strich sich nervös das Haar aus den Augen. „Du kannst sie behalten, sie ist so etwas wie ein verfrühtes Geburtstagsgeschenk.“ „Oh, danke.“ Lillyan strahlte und ging zu ihr hinüber, um die Freundin zu umarmen. „Das ist wirklich lieb von dir!“ „Du kannst mir besser danken, indem du heute auf dich aufpasst.“ Gab Lily zurück und drückte sie kurz an sich. „Wenn ich dich noch einmal vom Besen fallen sehe dann bekomme ich einen Herzinfarkt.“ „Das wirst du schon nicht.“ Wiederholte Lillyan geduldig. „Ich kann auf mich aufpassen.“ Ein Blick auf die Uhr an der Wand zeigte ihr, dass es allmählich Zeit wurde. „Ich muss los.“ Sagte sie leise. „Gut, dann geh schonmal vor.“ Meinte Lily. Ich bringe noch schnell das Buch zurück in die Bibliothek. Madam Scaletti bringt mich um, wenn ich es nicht rechtzeitig vor dem Abendessen wieder zurückgebe. Viel Glück, Lillyan, und pass um Himmels Willen auf dich auf!“ „Jaja, mach ich. Bis nachher!“ Lily verschwand ebenso schnell, wie sie gekommen war, während Lillyan die Cremedose in ihrem Schrank verstaute und anschließend noch einen letzten Blick in den Spiegel wagte. Kampfbereit sah sie aus, das war das einzige Wort, das ihr bei ihrem Anblick einfiel. Zufrieden nahm sie ihren Besen vom Bett und verließ den Schlafsaal und den Gemeinschaftsraum. Im sechsten Stock verschoben sich gerade die Treppen, als sie vorbeikam, und sie musste eine Weile lang warten, bis sie weitergehen konnte, doch sie hatte noch Zeit bis zum Spielbeginn und somit kein Problem damit, sich zu gedulden. Als die Treppe schließlich wieder in der richtigen Position war, lief sie weiter und achtete dabei gut auf ihren Besen. Eine Schramme im Besenstiel war wahrhaftig das Letzte, was sie brauchte. Gerade, als sie im dritten Stock angelangt war und durch den Korridor lief, der zur großen Freitreppe führte, bemerkte sie mit einem Mal, dass ihr linker Schnürsenkel sich gelöst hatte. Genervt trat sie zur Seite, legte ihren Besen vorsichtig auf ein Fensterbrett und kniete sich in die schattige Nische, um ihren Stiefel neu zuzubinden. Gerade, als ihr das Schuhband zum zweiten Mal durch die Finger glitt und sie schon lauthals fluchen wollte, hörte sie mit einem Mal energische Schritte und gedämpfte Stimmen, die sich ihr langsam näherten und immer deutlicher wurden. In dem Moment, indem sie schon schnell das Weite suchen wollte, um die Schüler, die zu den Stimmen gehörten, nicht versehentlich bei einem privaten Streit zu belauschen, erkannte sie plötzlich eine der Stimmen und zuckte erschrocken zurück. Was machte Sirius denn noch hier? Und der andere, der, mit dem er redete- Lillyan biss sich heftig auf die Lippe, als sie auch diese Stimme erkannte, doch wie konnte das sein? Sirius und Snape redeten doch kein Wort miteinander, es sei denn, es ging darum, sich gegenseitig die schlimmsten Schimpfwörter an den Kopf zu werfen. Sämtliche Alarmglocken begannen in Lillyans Kopf zu läuten und ohne es wirklich zu wollen lehnte sie sich in den Schatten der Nische zurück und spitzte die Ohren. „Das geht dich gar nichts an, Schniefelus.“ Sagte Sirius gerade. „Wenn ich du wäre, würde ich meine übergroße Nase nicht andauernd in Dinge hineinstecken, die mich nichts angehen.“ „Denkt ihr wirklich, ich merke nicht, dass ihr euch Nachts heimlich nach draußen schleicht?“ Das war Snape. „Mit diesem Lupin stimmt doch irgendetwas nicht. Dauernd ist er krank und jedes Mal, wenn er krank ist, schleicht ihr euch bei Nacht und Nebel aus dem Schloss, Potter, Pettigrew und du. Ihr führt doch irgendetwas im Schilde. Etwas ist faul an der Sache.“ „Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe?“ zischte Sirius wütend zurück. „Halt dich da raus, das ist allein unsere Angelegenheit!“ „Achso? Ich glaube, Professor McGonagall fände es sehr interessant, wenn ich ihr berichten würde, dass ihr jeden…“ „Wenn du zu Professor McGonagall gehst und ihr erzählst, dass meine Freunde und ich uns in manchen Nächten aus dem Schloss schleichen, wird sie dich fragen, woher du das weißt, und ich glaube nicht, dass sie begeistert ist, wenn sie erfährt, dass du selbst unerlaubter Weise nachts durch Hogwarts gegeistert bist, um uns zu beschatten.“ Unterbrach Sirius ihn, nun wieder mit völliger Gleichgültigkeit in der Stimme. „Es ist sinnlos, Schniefelus- du kannst mich nicht erpressen.“ „Oh doch, das kann ich.“ Snapes Stimme war gefährlich leise. „Ich weiß, dass Lupin ungefähr einmal im Monat von Madam Pomfrey in einen Geheimgang unter der Peitschenden Weide geführt wird. Ihr steckt also mit Dumbledore unter einer Decke, nun gut. Trotzdem kann ich diese merkwürdigen Handlungen jederzeit öffentlich machen.“ Häme lag in Snapes Stimme, und Lillyan erstarrte unwillkürlich vor Schreck. Himmel, das konnte doch nicht wahr sein. Snape hatte das Geheimnis der vier Jungs beinahe vollständig aufgedeckt. Wenn er jetzt noch bemerkte, dass Remus immer bei Vollmond fehlte, würde er eins und eins zusammenzählen und zwei als Ergebnis erhalten. Immerhin war er nicht dumm. Verdammt. Nervös wartete sie auf Sirius‘ Antwort. „Du willst also wissen, was mit Remus passiert, wenn er in den Tunnel unter der Weide gebracht wird?“ Sirius‘ Stimme wurde jetzt sehr leise und klang gedämpft. „Na schön, du kannst es selbst herausfinden. Geh einfach heute Nacht um Mitternacht zur Peitschenden Weide hinunter. In ihren Wurzeln gibt es einen Knoten, den musst du mit einem Stock oder Ast berühren, damit die Weide bewegungsunfähig wird. Dann kannst du selbst sehen, was geschieht.“ Es war, als habe jemand Lillyans Gehirn in einen Eiswürfel verwandelt. Der plötzliche, unbeschreibliche Schock lähmte sie innerhalb einer Millisekunde am ganzen Körper. Sie konnte nichts mehr denken, nichts mehr fühlen. Wie in Trance hörte sie Snape noch zischen: „Glaub mir, das werde ich. Und wehe, das ist eine Falle. Wenn das eine Falle ist, versichere ich dir, dass bis morgen die ganze Schule weiß, dass mit Lupin etwas nicht stimmt.“ Damit rauschte er davon und Lillyan sah, wie er die große Freitreppe mit hoch erhobenem Kopf hinunterstieg. Ein Gedanke drang in ihren Kopf. Nein. Oh Gott, nein... nein, das konnte nicht sein. Sirius konnte das einfach nicht gesagt haben. Nicht das. Lillyan begann zu rechnen. Immer und immer wieder rechnete sie Tage zusammen, zählte welche dazu und zog welche ab und kam nach fünfmaligem Nachrechnen zu dem Ergebnis, das heute Nacht Vollmond war. Heute. Etwas regte sich in ihr. Sirius. Er musste es gewusst haben. Aber wie konnte er das nur tun? War ihm denn nicht klar, dass Snape dabei sterben konnte, wenn er auf Remus als verwandelten Werwolf traf? Und was war mit Remus selbst? Er würde es nicht überleben, wenn er jemanden umgebracht hätte, selbst, wenn es genau genommen nicht seine Schuld war. Sirius würde die Schuld treffen. Man würde ihn von der Schule werfen, oder ihn wahrscheinlich sogar nach Azkaban bringen, wegen geplanten Mordes. Nein. Nein, nein, nein… Das durfte nicht geschehen. Sirius musste ihn aufhalten. Sie konnte das alles nicht zulassen. Gewaltsam verschaffte sie sich wieder die Kontrolle über ihren Körper, richtete sich auf und trat aus der Nische, genau in dem Moment, indem Sirius den ersten Schritt in Richtung Freitreppe machte. Er kam nicht weit. Lillyans Wut war so groß, dass sie ihn förmlich einen Meter zurückschleuderte. „Sirius Black!“ knurrte sie durch ihre zusammengebissenen Zähne hindurch und durchbohrte ihn mit mörderischen Blicken. So sehr sie ihn auch liebte, sie würde nicht zulassen, dass er jemanden tötete oder die Schuld an jemandes Tod trug. Vielleicht gerade weil sie ihn liebte. „Liefere mir augenblicklich eine Erklärung, was das eben sollte, oder ich garantiere dir, dass du den heutigen Tag nicht überlebst!“ „Whiteley!“ Sirius‘ Blick verdunkelte sich und seine Augen sprühten vor Hass, als er sie erblickte. „Du hast gelauscht?“ „Nicht absichtlich.“ Fuhr Lillyan ihn an. „Hör auf dich so aufzuspielen, Black. Ich frage dich noch einmal: Was sollte das gerade?“ „Das ist nicht deine Angelegenheit!“ Sirius‘ Stimme war so voller Wut, dass sie meinte, er müsse im nächsten Moment platzen. „Und ob es das ist!“ schrie sie ihn an und kümmerte sich nicht darum, ob jemand sie hörte. „Du bringst jemanden in Lebensgefahr und mich soll es nichts angehen? Snape wird sterben, wenn er heute Nacht deinem Ratschlag folgt, und das wissen wir beide ganz genau! Willst du ein Mörder sein, Black? Willst du unbedingt nach Azkaban?“ „Hör auf mir nachzuspionieren!“ zischte Sirius sie an. Der Hass in seiner Stimme und in seinen Augen zerriss ihr sowieso schon ramponiertes Herz in Millionen und Abermillionen glitzernde Blutstropfen. „Es geht dich gar nichts an, was ich tue! Snape hat sich selbst in die Zwickmühle gebracht, und jetzt wird er dafür bezahlen.“ „So siehst du das also? Als Bezahlung für deplatzierte Neugier?“ schrie Lillyan. „Er wird sterben, und das kannst du nicht verantworten! Das willst du doch nicht wirklich! Hast du tatsächlich vor, ihn in den Tod gehen zu lassen?“ „Nein.“ Knurrte Sirius völlig entnervt. „Glaubst du wirklich, dass ich unbedingt nach Azkaban will? Natürlich halte ich ihn rechtzeitig auf, aber er soll gefälligst einen ordentlichen Schreck bekommen, damit er endlich aufhört, uns zu nerven. Und jetzt hau ab und kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten, klar?“ Ein wenig Erleichterung schlich sich ihr bei seinen Worten ins Herz. Natürlich würde er Snape nicht sterben lassen. Dennoch- es gab tausend Dinge, die schiefgehen konnten. „Weißt du, was da alles schief gehen kann?“ zischte sie wütend. „Remus würde sich das niemals verzeihen, und James…“ „Tu doch nicht so als hättest du irgendeine Ahnung von mir und meinen Freunden.“ Bellte Sirius. „Das ist unsere Angelegenheit, und wenn Snape dabei draufgeht, dann ist das seine eigene Schuld.“ Lillyan stand da, als hätte er sie geschlagen. Tränen brannten in ihren Augen, als sie in das Gesicht blickte, das sie von allen am besten kannte, in das so wunderbar vertraute und dennoch so schrecklich fremde Gesicht ihres ehemaligen besten Freundes. Ihr war, als bohrte ihr jemand rostige, glühende Eisennägel in jeden einzelnen Körpernerv. „Ich hasse dich.“ Hörte sie sich stöhnen, ihre Lippen bewegten sich ohne ihr Zutun. „Ich hasse dich mit jeder Faser meines Seins.“ Sirius‘ Antwort darauf war ein zorniges Zähnefletschen. „Noch einmal- halt dich da raus! Das ist meine Sache!“ blaffte er, wandte sich dann abrupt ab und verschwand durch den Gang, der zur Freitreppe führte. Wie in Zeitlupe sank Lillyan auf die Knie. Alles um sie herum versank im Nebel, als ihre Gedanken wie Vögel im Sturzflug auf sie einstürzten und sie von innen heraus zerstörten. Was sollte sie nur tun? Konnte sie überhaupt etwas tun? Oder musste sie Sirius einfach vertrauen, dass er Snape noch rechtzeitig rettete? Haltlos sank sie in sich zusammen. Wie sie in dieser Verfassung Quidditch spielen sollte, war ihr ein heiliges Rätsel. Wie aus weiter Ferne hörte sie, wie jemand ihren Namen rief. Sie kannte diese Stimme. Sie kannte sie, aber sie konnte sich nicht rühren. „Lillyan? Lillyan!“ jemand packte sie bei den Armen und zog sie energisch hoch. Reflexartig hielten ihre Beine ihr Gewicht und ermöglichten ihr, aufrecht stehen zu bleiben. Als sie die Augen öffnete, schaute sie in ein vertrautes Gesicht. Christina. Sie sah besorgt aus. „Lillyan, ist alles in Ordnung mit dir?“ Lillyan nickte lahm. Gar nichts war in Ordnung. Überhaupt nichts. „Dann komm!“ drängte Christina sie und zog sie in Richtung Freitreppe. „Das Spiel beginnt in zehn Minuten und Erin möchte vorher noch eine kurze Ansprache halten! Hier.“ Sie bekam ihren Besen in die Hand gedrückt. „Na los, beeil dich. Was auch immer mit dir ist, wenn es deine Leistung nicht beeinflusst, dann kann es bis nach dem Spiel warten, oder? Na also.“ Fügte sie erleichtert hinzu, als Lillyan die Schultern straffte und ihren Besen fest ergriff. Was genau sie tun musste, um Snape aufzuhalten, wusste sie zwar noch nicht, aber Christina hatte Recht. Zunächst musste sie sich darauf konzentrieren, ihr Team und ihr Haus nicht zu enttäuschen, und anschließend blieb ihr immer noch genug Zeit, um ein paar ernste Worte mit einem gewissen Herrn Sirius Black zu wechseln. Entschlossen hob sie den Kopf und eilte neben Christina her in die Eingangshalle.

    13
    13. Ein Quidditchspiel mit Folgen

    Der Himmel draußen auf den Ländereien war immer noch blau und wolkenlos, als Lillyan und Christina Seite an Seite aus der Eingangshalle nach draußen auf die Ländereien stürmten, doch sie hatten keine Zeit, um sich groß über die unerwartete Wärme zu freuen. (Haha, das war ehrlich Zufall, mir ist erst im Nachhinein aufgefallen, dass das total witzig ist xD. Wer kennt alles „Seite an Seite“ von Christina Stürmer?^^) So schnell sie konnten rannten sie den Weg über die Ländereien hinunter zum Quidditchfeld. Noch im Rennen versuchte Lillyan krampfhaft, ihre Gedanken unter Kontrolle zu bringen. Ihr ganzer Körper stand kurz vor einer Panikattacke und wenn sie es jetzt nicht schaffte, sich zusammenzureißen, würde die gesamte Mannschaft die Folgen tragen müssen. Ihre Quidditchumhänge wehten unheilvoll hinter ihnen her, als sie den Abhang hinabstürmten, an dem das Quidditchstadion lag, und Lillyan musste höllisch aufpassen, dass ihr Besen im Laufen nicht auf dem Boden aufschlug, doch schließlich hatten sie es geschafft und erreichten keuchend und erhitzt den Seiteneingang, der zu den Teamumkleiden führte. Als Lillyan schwer atmend die Türe des Umkleideraums aufstieß, herrschte darin bereits nervöse Betriebsamkeit. Erin rannte hektisch von Spieler zu Spieler und verteilte letzte Ratschläge und Anweisungen, John klopfte nervös mit seinem Treiberschlagholz neben sich auf die Bank, während er offenbar sämtliche Spieltechniken noch einmal im Kopf durchging, Mandy stand vor dem Spiegel in der Ecke und rückte sich nervös den Pferdeschwanz zurecht, während sie fieberhaft vor sich hinmurmelte und Lea zerrte hilflos an ihrem Quidditchumhang herum, der sich auf irgendeine Weise hinter ihrem Rücken verdreht hatte. Die Einzigen, die von der allgemeinen Anspannung nicht betroffen zu sein schienen, waren Sirius und James, die ganz hinten in der Umkleide standen und sich leise miteinander unterhielten. Lillyan fragte sich unwillkürlich, ob es um die Sache mit Snape ging, wurde dann jedoch von Erin abgelenkt, der sich mit einem erleichterten: „Lillyan, da bist du ja endlich!“ auf sie stürzte. „Ich bin dann schon mal auf der Auswechselbank. Viel Glück beim Spiel“, raunte Christina Lillyan von hinten ins Ohr und verschwand in Richtung Quidditchfeld, während Erin Lillyan bereits in die Umkleide zog und augenblicklich begann, sie mit Fragen und Tipps zu überschütten. Mandy befreite indessen die dankbare Lea aus ihrem verknoteten Umhang und half ihr, ihn richtig überzustreifen. Lillyan versuchte, ihren Mannschaftskapitän ein wenig zu beschwichtigen, aber Erin blieb weiterhin nervös. „Dieses Wetter will mir gar nicht gefallen“, murmelte er vor sich hin und warf einen finsteren Blick nach draußen, wo die Sonne goldenes Herbstlicht auf die Wiesen rund um Hogwarts warf. „Wieso?“ Verwirrt sah Lillyan ihn an. „Es ist doch perfekt.“ „Im Moment zwar schon, aber es windet sehr stark“, gab Erin zu bedenken. „Innerhalb von Minuten könnte ein Gewitter über das Stadion getrieben werden, und ein Spiel im Gewitter…“ „…ist für uns das Schlimmste, was es gibt. Ja, ich weiß“, beendete Lillyan seinen Satz und verdrehte unauffällig die Augen. „Hör auf dir Sorgen zu machen, Erin. Es gibt bestimmt kein Gewitter, und wenn, dann erst, wenn das Spiel schon lange vorbei ist. Du wirst sehen.“ „Hm.“ Erin wirkte nicht überzeugt. „Das mit dem Wetter habe ich geregelt, Erin“, mischte sich in diesem Moment Lea von der Seite ein und flocht sich das lange, blonde Haar über die Schultern zurück. „Ich habe Dorothee vorhin losgeschickt, um diesen Augurey aufzutreiben, der seit Neuestem in der Nähe von Hagrids Hütte nistet. Wenn die Gefahr eines Wetterwechsels besteht, dann wird er…“ Sie kam nicht weiter. Die Türe der Umkleide flog mit einem Knall auf und Dorothee Finch, Leas beste Freundin, wurde förmlich in den Raum hineingeweht. „Lea, der Augurey… die Hecke… ich…“, stieß sie hervor und rang nach Atem. Offenbar hatte sie den ganzen Weg von der Augureyhecke zum Quidditchstadion in Rekordgeschwindigkeit zurückgelegt. Erin wurde blass wir ein Laken, während auch die anderen allmählich auf den Aufruhr aufmerksam wurden und zu ihnen hinüberkamen. „Was ist mit dem Augurey?“, hakte John misstrauisch nach, der sich von der Bank erhoben hatte und jetzt zu Dorothee trat. „Ist er still?“ „Nein, das ist es ja.“ Dorothee schnappte nach Luft. „Das Vieh schreit sich die Seele aus dem Leib. Ist kaum mit anzuhören, der Lärm. Ich fürchte, wenn euer Spiel länger als eine Stunde lang dauert, sinken eure Chancen auf Quidditch im Trockenen unter Null.“ „Auch das noch.“ Stöhnend vergrub John das Gesicht in den Händen. „Warum haben wir eigentlich andauernd Pech? Ich möchte wirklich gerne wissen, wann wir zuletzt trainiert haben, ohne danach als wandelnde Wasserfälle hinauf in die Waschräume zu wanken.“ „Vergiss es, das ist ewig her“, seufzte Lea und warf Mandy einen resignierten Blick zu, die inzwischen ebenfalls dazugekommen war. Da reichte es Lillyan. „Jetzt reißt euch aber alle mal zusammen!“, sagte sie energisch und schaute vorwurfsvoll von einem zum andern. „Was soll das denn? Ihr werft doch sonst nicht nur wegen einer möglichen Wetterkomplikation gleich den Zauberstab in die Siruptorte!“ Ärgerlich stemmte sie die Arme in die Seiten. „Wir haben in den letzten Wochen ununterbrochen trainiert, bei Wind und Wetter, bei Regen, Hagel und Frost, und was hat es uns genützt? Wir haben Erfahrungen mit schlechten Wetterlagen gesammelt. Wir haben geübt und gelernt, damit zurecht zu kommen und wissen ganz genau, wie wir damit umgehen müssen. Wir sind stark, wir sind trainiert und jeder Einzelne von uns ist ein brillanter Quidditchspieler- warum macht ihr euch also alle so verrückt?“ Einen Moment lang wurde es totenstill im Raum, dann sagte Erin laut in die Stille hinein: „Sie hat Recht.“ Alle wandten erstaunt den Kopf zu ihm, sogar Sirius und James. Erleichterung durchflutete Lillyan, als sie den entschlossenen Ausdruck auf dem Gesicht ihres Kapitäns sah. Erins Kampfgeist war trotz allem unzerstörbar. Seine blitzenden, honigbraunen Augen ließen keinen Zweifel daran, dass er keinesfalls vorhatte, als Verlierer aus diesem Spiel hervorzugehen, und als er sich zu seiner vollen Größe aufrichtete und einem nach dem anderen fest in die Augen blickte, wurde Lillyan zum ersten Mal klar, dass er selbst Sirius um ein ordentliches Stück überragte. Zu ihr musste er richtiggehend hinunterblicken. „Jede freie Minute haben wir auf dem Quidditchfeld verbracht, haben uns geschunden und gequält, und zu welchem Zweck? Dafür, dass wir heute hier stehen und sagen können: Wir haben genug Übung, genug Erfahrung und genug Kraft, um dieses Spiel mit Leichtigkeit zu gewinnen, selbst, wenn es gewittern, hageln oder sogar schneien sollte. Dennoch…“, er warf James einen bedeutungsvollen Seitenblick zu, „wäre ein schneller Schnatzfang in diesem Spiel ganz besonders hilfreich. Ich weiß, ich sage das jedes Mal, aber in diesem Fall meine ich es wirklich ernst. Verdammt, ich gönne den Slytherins diesen Triumph nicht. Dieses Spiel verlieren wir nur über meine Leiche.“ Mit grimmiger Entschlossenheit schaute er in die Runde. „Heute erlauben wir uns keine Fehler. Nichts kann uns bei diesem Spiel aufhalten. Jeder von euch wird heute sein Bestes geben, verstanden?“ „Ja, Erin“, kam es im Chor zurück. „Wir werden dich nicht enttäuschen“, fügte Mandy aufrichtig hinzu. „Das weiß ich.“ Ein stolzes Leuchten trat in Erins Gesicht. „Ihr habt mich noch nie enttäuscht und ihr fliegt wie die Teufel. Ich habe noch keine Mannschaft gesehen, die so waghalsige Flugmanöver beherrscht. Ich bin stolz, mich euren Kapitän nennen zu dürfen.“ „Du schließt dich nie selbst mit ein, Erin“, bemerkte Lillyan. „Du gehörst doch mit dazu. Du bist es schließlich, der uns die ganzen Flugtricks beibringt!“ „Danke, Lillyan, das ist nett von dir, aber im Endeffekt geht es hier vor allem um euch.“ Erin lächelte ihr zu und wurde dann wieder ernst. „Ich erwarte heute von euch, dass ihr kämpft, wie ihr noch nie zuvor gekämpft habt. Greift sie an, attackiert sie wo immer ihr nur könnt. Wenn sie ein Tor schießen, schießen wir zehn. Wenn sie einen Spieler von uns foulen, schießen wir zwanzig Tore und schnappen ihnen den Schnatz vor der Nase weg. Niemand foult zurück und niemand hört auf Tore zu schießen, egal, wie viel Vorsprung wir haben. Wie sieht es aus?“, herausfordernd schaute er in die Runde. „Seid ihr alle dabei?“ Und als sie alle gleichzeitig einen lauten Kampfschrei ausstießen, konnte Lillyan spüren, wie jeder Einzelne von ihnen sich vornahm, heute das beste Spiel seines Lebens zu spielen. Erin musste es auch gespürt haben, denn auf sein Gesicht trat eine grimmige Befriedigung und er hob das Kinn. „Na dann los. Packen wir es an und machen sie nieder“, sagte er und wartete darauf, dass alle bereit waren und die Spielerreihenfolge bildeten. Erst, als auch der Letzte auf seinem Platz stand und entschlossen nach vorne schaute, stieß er endlich die Türe auf, die das Stadion von den Umkleiden trennte und gemeinsam marschierten sie, von donnerndem Applaus begleitet, hinaus auf das Spielfeld. Der Himmel war noch immer strahlend blau und Ferngläser blitzten im Sonnenlicht. Die Tribünen waren bis auf den letzten Platz besetzt, selbst Hagrid der Wildhüter und Professor Berry, der Quidditch nicht ausstehen konnte, waren gekommen. Oben auf der Lehrertribüne saß der Schulleiter Professor Dumbledore zwischen Professor Slughorn und Professor Flitwick und schaute durch die Gläser seiner Halbmondbrille hindurch auf die Spieler hinunter und weiter unten am Sprecherpult entdeckte Lillyan Aaron Jordan, der auch in diesem Jahr wieder den Stadionsprecher machte. Als sie ihre Aufmerksamkeit auf die gegenüberliegende Seite des Quidditchfeldes richtete, sah sie die Mannschaft von Slytherin auf sich zukommen und straffte die Schultern. „Und es geht wieder los!“, ertönte da auch schon die fröhliche Stimme von Aaron Jordan durch das magische Megaphon. „Das Auftaktspiel der Saison beginnt und wieder einmal spielt Gryffindor gegen Slytherin! Wir alle haben auf diesen Moment hin gefiebert, gewartet, gebangt, und jetzt, meine lieben Freunde und Feinde, ist er endlich gekommen!“ Lauter Jubel und Applaus erschallte von den Tribünen. „Und hier kommt das Team der Gryffindors unter der Leitung von Teamkapitän Erin Baker!“, dröhnte Aaron begeistert. „Es wundert mich nicht, dass in diesem Jahr die Teamzusammensetzung wieder dieselbe ist wie im letzten Jahr, denn wenn ihr mich fragt, ist dieses Team geradezu dazu geboren, zu gewinnen und uns endlich den Quidditchpokal zu holen…“ „Jordan!“, schimpfte Professor McGonagall, die wie jedes Mal mit strengen Ohren über Aarons Kommentare wachte. „Wie oft muss ich ihnen noch sagen, dass sie das Spiel kommentieren sollen, anstatt sich über die Chancen der Mannschaften auszulassen? Beschränken sie sich gefälligst auf Fakten!“ „Ist ja gut, Professor... nein, wirklich, ich weiß doch“, beruhigte Aaron seine aufgebrachte Hauslehrerin und kam wieder zum Thema. „Also, das Team der Gryffindors besteht wieder aus Kettering, Whiteley, Black, Potter, Robinson, Baker und Kingston und das Team der Slytherins, nach einigen Veränderungen des neuen Teamkapitäns, aus Vince, Aubrey, Nott, Black, Trainor, Jones und Serrocold. Wie ihr sicher alle wisst, wurde der ehemalige Slytherinkapitän Brad Jefferson wegen eines mutwilligen und brutalen Fouls im ersten Spiel des letzten Jahres gesperrt und für den Rest des Schuljahres vorübergehend von Jäger Bertram Aubrey vertreten, bis unser geschätzter Schulleiter den Kapitänsposten in diesem Jahr an den Sucher der Slytherins übertrug.“ Erstaunte Laute drangen von den Tribünen hinab und auch Lillyan war so überrascht, dass sie beinahe mitten auf dem Spielfeld stehen geblieben wäre. Regulus Black war zum Kapitän von Slytherin ernannt worden? Davon hatten ihr weder Remus noch Erin etwas erzählt. Kein Wunder, dass Sirius gerade dreinschaute, als würde man ihm mit einem großen Eimer voll Drachendung vor der Nase herumfuchteln. Lillyan entdeckte das Kapitänsabzeichen an Regulus‘ Umhang erst, als sie in der Mitte des Spielfeldes angelangten und sich um Madam Hooch herum versammelten. „Kapitäne, gebt euch die Hand“, befahl Madam Hooch und trat kurzerhand mit dem Fuß gegen die Quidditchkiste, die sich daraufhin öffnete und die Quidditchbälle freigab, die mit Blitzgeschwindigkeit in den Himmel hinaufschossen und im endlosen Blau verschwanden. Währenddessen traten Erin und Regulus Black mit unbewegten Gesichtern aufeinander zu und gaben sich die Hände, wobei sie sie so schnell wieder zurückzogen, als könnten sie sich aneinander vergiften. „Und auch in diesem Spiel gibt es wieder zwei Blacks, die gegeneinander antreten“, schallte Aaron Jordans Stimme magisch verstärkt durch das Stadion, „und zwar den neuen Slytherinkapitän Regulus Black und seinen älteren Bruder Sirius Black, der erneut als Jäger für Gryffindor antritt. Normalerweise könnte man sagen, das wäre eine schwierige Situation für beide Geschwister, aber Regulus Black hat ja bereits im letzten Jahr bewiesen, dass er skrupellos genug ist, den besten Freund seines Bruders zu foulen…“ „Jordan!“ schrie Professor McGonagall wütend und versuchte, Aaron das magische Megaphon zu entreißen, der jedoch eisern dagegen hielt. „Es ist doch wahr, Professor, ich sage nur die Wahrheit! Jeder konnte sehen, was im letzten Spiel- ist ja gut, ich höre schon auf, und jetzt besteigen die Spieler die Besen und machen sich bereit, um auf Madam Hoochs Kommando hin…“ Aaron wurde von Madam Hoochs Ruf unterbrochen und Lillyan schwang sich auf ihren Besen, um sich kräftig abzustoßen und abzuheben. „Alle Spieler steigen zum Spielbeginn in die Höhe und wieder einmal werden sie angeführt von einem Nimbus 1000, dem besten Besenmodell, das derzeit auf dem Markt existiert, geflogen von Gryffindorjägerin Lillyan Whiteley!“, rief Aaron voller Euphorie ins magische Megaphon. „Übrigens wurde in diesem Sommer der Nimbus 1001 entwickelt, doch obwohl er eine höhere Geschwindigkeit erreicht, kann er mit der Wendigkeit des Nimbus 1000 kaum mithalten…“ „Jordan! Es reicht!“, blaffte Professor McGonagall und brachte Aaron damit vorübergehend zum Schweigen. Rasch flog Lillyan zu Madam Hooch hinüber, die sich nun ebenfalls auf ihrem Silberpfeil in der Luft befand, und wartete zusammen mit den anderen Spielern auf den Anpfiff des Spiels. Jeder Muskel ihres Körpers war zum Zerreißen gespannt. Ein guter Spielbeginn war für die Mannschaft sehr wichtig. Und dann erklang der Pfiff. Mit Überschallgeschwindigkeit stürzte Lillyan sich auf den Quaffel und packte ihn fest mit beiden Händen. In diesem Spiel würde sie sich ihren schönen Spielbeginn nicht so leicht versauen lassen. „Der Pfiff ertönt und das Spiel beginnt!“, brüllte Aaron Jordan in diesem Moment durch das Stadion und begeistertes Geschrei dröhnte von den Tribünen zu ihnen nach oben. „Gryffindorjägerin Lillyan Whiteley schnappt den Slytherins den Quaffel vor der Nase weg und stürzt damit Slytherinjäger Fabian Vince in abgrundtiefe Verwirrung- ja, gut gemacht, Lillyan! Und jetzt Gryffindorjägerin Lillyan Whiteley auf dem Weg zum Tor…“ Grenzenlos erleichtert über ihren gelungenen Spielbeginn legte Lillyan sich flach auf ihren Besen und sauste los, um ihre Gegner möglichst schnell abzuhängen. „Ein Klatscher kommt von Joshua Trainor- sie weicht ihm aus, aber sie verliert dabei Zeit… Whiteley zu Kettering… Lea Kettering mit dem Quaffel, und jetzt wird sie bedroht von Slytherinjäger Bertram Aubrey… Kettering zurück zu Whiteley… Whiteley zu- Herrgott noch einmal, wo kommen denn all diese Klatscher auf einmal her?“ Ebenfalls verärgert wich Lillyan dem nun schon dritten Klatscher aus und spielte erneut an Lea ab. „Sorry!“, brüllte John, der gerade über ihr vorbeiflog, und schleuderte im nächsten Moment einen Klatscher auf Jäger Cilian Nott, der rasch ausweichen musste und sich nur mit Mühe auf dem Besen halten konnte. „Und ein Klatscher von Robinson auf Nott, hoffentlich- ach schade, er weicht ihm aus, und jetzt Sirius Black mit dem Quaffel…“ Lillyan machte sich so flach wie sie konnte und sauste auf die Slytherintorstangen zu. Wenn Sirius zu ihr spielte, würde sich mit Sicherheit eine gute Torchance ergeben. Und dann hörte sie es mit einem Mal. Unten auf den Tribünen erscholl ein Lied, erst leise, dann immer lauter. Auch Aaron Jordan hatte das ganz offensichtlich bemerkt. „Oh, hört mal, die Slytherins singen offenbar einen Fangesang. Was singen sie denn? Ich glaube fast…“ Aaron verstummte bestürzt, als der Gesang immer weiter anschwoll und selbst Lillyan, obwohl sie ungefähr dreißig Meter über dem Boden schwebte, verstand nun, was sie sangen. „Black und Whiteley, das wird so furchtbar knapp, denn sie spielen einfach niemals an den anderen ab! Whiteley und Black wir danken euch schon jetzt, bald feiern wir nach dem Spiel als Sieger unser Fest!“ Fassungslos keuchte Lillyan auf und warf aus dem Augenwinkel einen Blick nach unten zu den Tribünen. Rita Kimmkorns rotblonder Haarschopf war selbst von so weit oben äußerst gut zu erkennen. Ganz offensichtlich stand sie vorne am Geländer und dirigierte die Schaar der Slytherins, die jetzt lauthals „Schwarz und Weiß- wir schlagen euch beiseite“ schmetterte. „Das ist doch unfassbar!“, tobte Aaron Jordan wütend ins magische Megaphon, doch Lillyan beachtete das gar nicht mehr. Mit äußerster Anstrengung blendete sie den Gesang der Slytherins aus und wandte den Kopf zu Sirius. Er war knapp vor den Torstangen und Jäger Bertram Aubrey flog geradewegs auf ihn zu. „Black!“, brüllte Lillyan gegen den Lärm an, während die Slytherins auf der Tribüne aufstanden um noch lauter singen zu können, „Schwarz und Weiß…“ „Black, spiel zu mir!“, schrie Lillyan verzweifelt gegen den Lärm an. „WIR SCHLAGEN EUCH BEISEITE, SCHWARZ UND WEISS…“ Und da wandte Sirius den Kopf zu ihr und sah sie an. In seinen Augen lag ein dunkles Feuer, das Lillyan bei ihm noch nie zuvor gesehen hatte. Er ließ sich nicht von den Slytherins aus dem Konzept bringen, im Gegenteil. Sirius war die eiskalte Ruhe schlechthin. Mit einem geschickten Manöver trickste er Aubrey und den Hüter aus, die beide versuchten, ihn abzublocken, rief dann: „Whiteley! Fang!“, und schleuderte den Quaffel zu Lillyan. Der Gesang der Slytherins verstummte auf einen Schlag. Totenstille legte sich über das Stadion, während Lillyan, die sich davon ebenfalls nicht aus dem Konzept bringen ließ, geradewegs auf den linken Torring zuflog, einen Wimpernschlag lang zielte und dann schoss. Zielgenau flog der Quaffel durch den Ring. Ohrenbetäubender Jubel brach im Stadion aus. Die Gryffindors schrien vor Freude, fielen sich um die Hälse, lachten und klatschten. Selbst Professor Dumbledore klatschte in die Hände und schmunzelte. Einzig auf der Tribüne, die den Slytherins gehörte, war von der guten Stimmung nichts zu spüren. Entsetzt und verblüfft sanken die Chorsänger zurück auf ihre Plätze, wütendes und enttäuschtes Heulen erklang und selbst Rita Kimmkorn hatte es vor Schreck anscheinend die Sprach verschlagen. Lillyan stieß einen Jubelschrei aus und stieß die Faust in die Luft. „Ja!“, brüllte Aaron Jordan glücklich ins Megaphon und hätte vor Begeisterung um ein Haar die zufrieden lächelnde Professor McGonagall vom Sprecherpodium geschubst. „Ich wusste, dass sie das schaffen, ich wusste es! Tja, von so etwas lassen wir Gryffindors uns eben nicht unterkriegen, was? Da könnt ihr hinterlistigen Kanarienvögel euch mal eine Scheibe davon abschneiden! Stellt euch vor, man kann auch gewinnen, ohne dabei zu besch…“ Ein Blick von Professor McGonagall reichte und Aaron klappte auf der Stelle den Mund zu. „Lillyan! Sirius!“, hörte Lillyan in diesem Moment jemanden hinter sich rufen und als sie ihren Besen wendete, sah sie Erin auf sich zukommen, der über das ganze Gesicht strahlte. „Ihr wart toll, alle beide! Ich bin so stolz auf euch! Lillyan, dein Tor war einwandfrei, und Sirius, deine Vorlage sah aus wie aus einem Quidditchbuch! Ich bin so froh, dass ich euch im Team habe!“ Lillyan war es, als habe jemand tief in ihrem Inneren einen wahren Wasserfall des Glücks entzündet, doch noch bevor sie etwas erwidern konnte, schrillte Madam Hoochs Pfiff wieder durchs Stadion, als Zeichen, dass es weiterging. Erneut stürzte sie sich in die Schlacht, fest entschlossen, ihren Vorsprung um jeden Preis zu verteidigen, und von diesem Moment an waren die Gryffindors nicht mehr zu halten. Das nächste Tor für sie fiel so schnell, dass Aaron Jordan in Begeisterungsstürme ausbrach und Lea, die das Tor geschossen hatte, vor lauter Überschwang lauthals zum schönsten Mädchen der Schule erklärte. Noch während Lea mit knallrotem Kopf einem Klatscher auswich, versenkte Sirius den Quaffel erneut in einem Torring. Keine zehn Minuten später stand es sechzig zu null für Gryffindor und selbst Rita Kimmkorn hatte die Hoffnung, ihr „Schwarz und Weiß“-Gesang könne etwas bewirken, längst aufgegeben. Inzwischen hockte sie mürrisch irgendwo im hinteren Teil der Tribüne und wartete das Spielende ab. Das einzige Problem, das die Gryffindors nun noch hatten, war der Wind, der sich seit Spielbeginn von einer sanften Brise zu einem heftigen Gegenwind gesteigert hatte. Die Spieler hatten inzwischen Mühe, sich auf ihren Besen zu halten. Gerade, als Lillyan den Quaffel an Sirius abspielte und dabei gleichzeitig Bertram Aubrey abblockte, tauchte auf einmal Regulus Black wie aus dem Nichts auf und stieß Sirius so heftig in den Rücken, dass dieser nach Luft schnappte und der Quaffel ihm aus den Händen glitt. Lillyan riss entsetzt die Augen auf. „Foul!“, kreischte Aaron Jordan da auch schon voller Zorn. „Wie kannst du es wagen, deinen eigenen Bruder anzugreifen, du armseliges, verschlagenes…“ Auch Madam Hooch war außer sich vor Wut. Ihr greller Pfiff schallte durch das Stadion, als sie zu Regulus hinüberflog und laut mit ihm zu schimpfen begann. Regulus grinste nur lässig und schien ihr überhaupt nicht zuzuhören. „Alles klar, Sirius?“, rief Lea Sirius zu und lenkte ihren Besen neben seinen. „Hat er dich stark erwischt?“ „Nein, nein, alles in Ordnung“, gab Sirius zur Antwort und warf seinem Bruder einen mörderischen Blick zu. Inzwischen hatte Madam Hooch ihre Schimpfparade beendet und flog, noch immer rauchend vor Zorn, wieder zu ihnen hinüber. „Zwei Strafwürfe für Gryffindor“, sagte sie knapp und schaute von einem zum anderen. „Wer führt aus?“ „Ich“, knurrte Sirius. „Sehr gut.“ Madam Hooch warf ihm einen beifälligen Blick zu. „Wer noch?“ „Ich“, entschied Lillyan, bevor Lea etwas sagen konnte. In ihr brodelte es noch immer, dass jemand es gewagt hatte, Sirius schaden zu wollen, und sie würde sich dafür rächen, so wahr sie Lillyan Whiteley hieß. „Zwei Strafwürfe für Gryffindor“, gab Aaron Jordan hämisch durch das magische Megaphon bekannt und erntete wütenden Protest von den Slytherins und grimmigen Beifall von den Gryffindors. Indessen flog Sirius nach vorne, um den ersten Strafwurf auszuführen. Er hatte die Zähne fest zusammengebissen und strotzte nur so vor Ärger. Au weiah. Hoffentlich foulte Sirius nicht vor lauter Wut den Slytherinhüter. Besorgt beobachtete Lillyan Kellan Serrocold, der sich eben vor den Torstangen bereit machte. Aaron Jordan schien ihre Bedenken zu teilen, jedoch nicht auf die gleiche Art und Weise. „Und Sirius Black fliegt nach vorne, um den ersten Strafstoß auszuführen, du meine Güte, der Junge schaut drein, als wolle er jemanden töten, hoffen wir mal, dass er sich den Slytherinhüter aussucht…“ „JORDAN!“, keifte Professor McGonagall und wieder einmal musste Aaron sich rasch vor ihr in Sicherheit bringen. „Der Pfiff ertönt und Black fliegt los… oh, oh, das sieht nicht gut aus… mach ihn doch kalt, Sirius, na los! Jawohl, sehr gut, er blockt den Slytherinhüter ab… und noch einmal… und- TOR FÜR GRYFFINDOR!“ Erleichtert stieß Lillyan einen Seufzer aus, als Sirius den Quaffel mit Leichtigkeit durch den Torring warf und dann mit grimmiger Befriedigung unter großem Applaus zu ihnen zurückflog. Lillyan sah, wie ein selbstzufriedenes Lächeln über sein Gesicht huschte, als Regulus verärgert die Augen zusammenkniff, und flog dann ebenfalls zu Erin hinüber, um ihren Strafwurf auszuführen, während der Jubel auf den Tribünen langsam wieder abebbte. „Und jetzt Gryffindors beste Jägerin Lillyan Whiteley am Start, sie hat ihre ganz eigenen Techniken und sie schafft das, da bin ich ganz sicher…“ Lillyan sammelte all ihre Wut in sich und wandelte sie in Konzentration um, als Erin ihr den Quaffel in die Hand drückte. „Du machst das schon“, bestärkte er sie und flog dann zu den anderen nach hinten, während Lillyan sich zum Angriff bereit machte. Auf den Pfiff hin schoss sie so schnell nach rechts, dass der Hüter der Slytherins zusammenfuhr und sich augenblicklich an ihre Fersen heftete. Sie wartete ab, bis er sie beinahe eingeholt hatte, dann drückte sie ihren Besen kurzerhand vorne am Stiel nach unten und tauchte kopfüber unter ihm hindurch. Entsetzte Aufschreie drangen durchs Stadion, doch Lillyan kannte ihren Besen in- und auswendig. Geschickt nutzte sie den heftigen Wind, um sich wieder richtig herumzurollen, packte den Quaffel und warf ihn so ruhig durch den mittleren Torring, als habe sie alle Zeit der Welt dafür. Serrocold verpasste ihn knapp und schlingerte seitlich fort. Erneut brandete Applaus zu ihnen hinauf. „Gut gemacht!“, hörte sie Lea rufen und konnte ein stolzes Lächeln einfach nicht mehr zurückhalten. Gerade, als sie bereits einen triumphierenden Blick zu Erin hinüberwerfen wollte, ertönte mit einem Mal ein lautes, tiefes Donnergrollen und alle, Spieler wie Zuschauer, fuhren heftig zusammen. Über der Spannung der Strafwürfe hatte keiner darauf geachtet, wie sich der Himmel langsam verdunkelt hatte, doch nun entdeckte auch Lillyan die großen, schwarzen Gewitterwolken, die von Norden her herbeizogen und die Sonnenstrahlen hinter sich begruben. Innerhalb weniger Sekunden wurde es im Stadion so kalt wie in einem Kühlschrank. „Verdammter Mist!“, brüllte Erin frustriert und riss seinen Besen herum, um seine ganze Mannschaft im Blickfeld zu haben. „Was immer auch kommt- kämpft mit eurem Leben!“ „Das werden wir, Erin“, rief James Potter von weiter oben und musste sich im nächsten Moment an seinem Besen festklammern, als eine Sturmbö heftig an seinem Quidditchumhang zerrte. „Auf jeden Fall“, bekräftigte Sirius mit grimmiger Entschlossenheit im Blick und sauste im nächsten Moment in Richtung Lea, da Madam Hooch das Spiel wieder angepfiffen hatte. Lillyan raste hinter ihm her und musste dabei mit aller Kraft ihren Besen gerade halten. Das konnte noch gefährlich werden, wenn es so weiterging. „Kettering zu Black, Black nach hinten zu Whiteley, Whiteley zurück zu Black und Black zu Kettering… Wieder einmal Lea Kettering mit dem Quaffel, vorbei an Hüter Serrocold und –SIE MACHT IHN REIN! Neunzig zu Null für Gryffindor!“ Der Jubel der Gryffindors erfüllte das Stadion und Aaron hatte Mühe, sie alle zu übertönen. „Sehr gut gemacht, Lea, wirklich, meine Güte, dieses Mädchen ist nicht nur umwerfend schön, sie hat auch großes Talent. Ich frage mich schon seit geraumer Zeit, ob sie wohl einmal mit mir ausgehen würde…“ „Beherrsch dich, Lea!“, fuhr Erin Lea im Vorbeifliegen an, als diese bei Aarons Worten beinahe vor Schreck vom Besen fiel. „Und weiter geht’s… Slytherinjäger Cilian Nott mit dem auf dem Weg zum Tor… ein Klatscher kommt von Erin Baker, Nott weicht ihm aus- und noch ein Klatscher von Baker, er schlägt ihm den Quaffel aus dem Händen- super, Erin! Und jetzt wieder Lillyan Whiteley auf dem Weg zum Tor…“ Das Spiel ging weiter, jedoch nicht mit derselben Leichtigkeit wie vorher. Die heftigen Sturmböen, die über das Spielfeld peitschten, steigerten sich rasch zu einem wahren Orkan und kurz nachdem der Himmel sich endgültig zugezogen hatte, begann es heftig zu regnen. Schon bald windete und regnete es so stark, dass sie die Kommentare von Aaron Jordan nicht mehr hören konnten und selbst der Jubel und Protest von den Tribünen drang nur noch als schwaches Rauschen an ihre Ohren drang. Lillyan hatte inzwischen völlig den Überblick verloren, was den Spielstand anging, aber wenn sie sich nicht irrte, besaß Gryffindor noch immer einen gewaltigen Vorsprung. Vom Schnatz war bislang nichts zu sehen, also kämpfte auch James Potter noch hoch oben in den Wolken gegen den Sturm an. Zum gefühlt tausendsten Mal wurde Lillyan beinahe von einer Sturmbö vom Besen geweht und musste sich mit aller Kraft am Besen festklammern. Ihre Arme fühlten sich inzwischen an wie Kaugummi und schmerzten vor Anstrengung. Lange würde sie das nicht mehr durchhalten. Wie aus dem Nichts raste mit einem Mal ein Klatscher heran und sie brauchte ihre ganze Kraft, um ihm noch rechtzeitig ausweichen zu können. „Lillyan“, hörte sie in diesem Moment Leas Stimme rufen und noch im selben Moment fuhr sie herum, um den Quaffel aufzufangen, den Lea ihr zugespielt hatte. Der Regen prasselte heftig auf sie ein und um ein Haar wäre ihr der klatschnasse Quaffel aus der Hand gerutscht, doch sie fing ihn rasch ab und sauste in die Richtung, in der sie die Torstangen der Slytherins vermutete. Unvermittelt blitzte es und Lillyan zuckte heftig zusammen. Es wurde wirklich Zeit, dass der Schnatz auftauchte. Allmählich wurde das Spiel zu gefährlich. Slytherinjäger Fabian Vince taumelte wie eine verwirrte Hummel auf seinem Besen in ihr Sichtfeld, offenbar hatte er noch größere Probleme mit dem Wind als sie selbst. Es war ein Leichtes, ihn zu umkurven und den Quaffel erneut an Lea abzuspielen, die nun kurz vor den Torstangen schwebte. Der Hüter Serrocold versuchte, sie aufzuhalten, hatte aber seinen Besen nicht unter Kontrolle und wurde praktisch zur Seite geweht. Lea zielte, warf und traf. Ein dumpfes Rauschen drang an Lillyans Ohren, ein sicheres Zeichen dafür, dass die Gryffindors auf den Tribünen gerade ordentlich feierten. Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen flog sie in Richtung der Mitte des Spielfeldes und sah aus dem Augenwinkel Sirius in der Nähe vorbeifliegen. Als sie zu ihm schaute und wegen des Regens die Augen leicht zusammenkniff, wandte er mit einem Mal ebenfalls den Kopf und blickte sie geradewegs an. Überrascht sog Lillyan die Luft ein: Der übliche, emotionslose Blick wenn er sie anschaute, war verschwunden. Auf seinem Gesicht lag keine Abscheu, lediglich glücklicher Triumph über ihren Vorsprung. Wenn seine Augen so strahlten wie jetzt, sah er wieder viel jünger aus. Er war dem übermütigen und überheblichen Jungen, als den Lillyan ihn vor einem Jahr kennen gelernt hatte, wieder so ähnlich. Wie er sie anschaute… wie er lächelte…. Konnte das etwa… Doch noch bevor Lillyan den Gedanken zu Ende denken konnte, bemerkte sie mit einem Mal einen kreisrunden, schwarzen Schatten, der sich Sirius von der Seite aus näherte. Wie in Trance beobachtete sie verwirrt, wie der Schatten ihm immer näher und näher kam, doch als sie endlich begriff, was es war, war es bereits zu spät. Und dann ging plötzlich alles ganz schnell. Mit einem lauten Krachen knallte der Klatscher Sirius gegen den Kopf. Das Knacken war so laut, dass man es wahrscheinlich noch oben im Schloss hören konnte. Fast zeitgleich gellte Lillyans heller Entsetzensschrei durch das Stadion. Von Sirius‘ schönem Gesicht verschwand jeder Ausdruck, seine Gesichtszüge wurden schlaff und seine Augen verdrehten sich, dann kippte er wie in Zeitlupe zur Seite und stürzte vom Besen. Lillyan erstarrte vor Schreck, sie konnte gar nichts dagegen tun. Völlig bewegungsunfähig saß sie auf ihrem Besen und musste hilflos dabei zusehen, wie die Person, die ihr auf der ganzen Welt am meisten bedeutete, ohnmächtig in die Tiefe stürzte. Ein dumpfer Schlag erklang, als Sirius auf dem Boden aufschlug, und dann hörte Lillyan plötzlich nichts mehr außer ihrem panisch pochenden Herzschlag. Alles um sie herum versank in einem unwichtigen, grauweißen Nebel, mit Ausnahme einer Person: Sirius. Der Aufprall seines Körpers auf dem Boden drang ihr durch Mark und Bein. Sirius musste ungefähr fünfundzwanzig Meter tief gestürzt sein. Plötzliche Angst schoss ihr ins Blut und belebte ihren reglosen Körper innerhalb einer achtel Sekunde wieder zum Leben. Und ohne auch nur einen Wimpernschlag lang darüber nachzudenken, was sie da eigentlich gerade tat, packte sie ihren Besen und stürzte sich damit in die Tiefe. Ihr Sturzflug war beinahe senkrecht, der steilste Sturzflug, den sie je geflogen war, doch obwohl ihr der Flugwind wild ins Gesicht peitschte und der Erdboden mit rasender Geschwindigkeit näher kam, verlangsamte sie ihr Tempo nicht. Alles, woran sie denken konnte, war, dass sie zu ihm musste, so schnell wie möglich. Ungefähr drei Meter über dem Boden bremste sie scharf ab, doch zum Landen ließ sie sich keine Zeit. Das würde viel zu lange dauern, und ihr Gehirn war anscheinend nicht mehr fähig, auch nur einen klaren Gedanken zu bilden und ihren Körper aufzuhalten, der sich nun selbstständig machte. Als hätte sie es bereits tausende Mal getan, schwang Lillyan kurzerhand ein Bein über ihren Besenstiel und ließ mit den Händen los. Die erschrockenen und entsetzten Schreie, die von den Tribünen erklangen, als sie drei Meter haltlos in die Tiefe stürzte, hörte sie kaum. Sie konzentrierte sich einzig auf die reglose Gestalt unter sich auf dem Spielfeld. Keinen Augenblick später landete sie neben Sirius auf den Boden des Stadions und ein erneutes Knacken schallte durchs Stadion. Ein rasender Schmerz schoss durch ihr rechtes Bein und ließ sie würgend auf dem Boden zusammenbrechen. Sternchen tanzten ihr vor den Augen. Mühsam zwang sie ihren Körper dazu, sich aufzurichten und schaute mit Tränen in den Augen auf ihren rechten Fuß hinab, der in einem sehr seltsamen Winkel von ihrem Bein abstand. Sie musste sich den Knöchel gebrochen haben, aber wenigstens fühlte sie keine weiteren größeren Verletzungen, die verhindern könnten, dass sie zu ihm gelang. „Sirius…“, keuchte sie atemlos, krallte ihre Hände in den schlammigen Boden und zog sich mit all ihrer Willenskraft zu seinem leblosen Körper hinüber. „Sirius… nein…“ Vor Schmerzen wurde sie beinahe ohnmächtig und stieß einen leisen Schrei aus. Tränen liefen ihr übers Gesicht, aber sie musste ihn erreichen, sie musste zu ihm. „Sirius, bitte…“ Und dann war sie bei ihm und sank vor ihm auf die Knie. Mit zitternden Händen beugte sie sich über seinen Körper stieß einen leisen Entsetzensschrei aus. Sirius‘ Gesicht war weiß wie Pergament. Das lange, schwarze Haar lag wirr um seinen Kopf herum und vermischte sich mit dem Schlamm, der sich durch den Regen auf dem Spielfeld gebildet hatte. Blut floss in Strömen über sein Gesicht und tropfte aus einer riesigen Platzwunde an seiner Stirn hinab. Seine Augen waren geschlossen und seine Gesichtszüge ausdruckslos. Er rührte sich nicht. Panisch packte Lillyan ihn am Umhang. „Sirius!“ Keine Reaktion. Halb von Sinnen vor Angst bemerkte sie, wie nun auch der letzte Rest Farbe aus seinem Gesicht wich. In einer plötzlichen Eingebung legte sie die Hand auf seine Brust und wartete einen Augenblick lang. Nichts. Grauen vernebelte ihre Sinne und ein hohes Wimmern entfloh ihr: Er atmete nicht. Das durfte nicht geschehen. Sie konnte ihn nicht verlieren, sie konnte es einfach nicht. „Sirius! Nein!“ Zitternd warf sie sich über seine Brust und schüttelte ihn, schluchzte hemmungslos, völlig ungeachtet dessen, dass die ganze Schule ihr dabei zusah. „Sirius! Nein, bitte! Bitte verlass mich nicht, geh nicht fort! Bleib bei mir!“ Tränen stürzten in Sturzbächen aus ihren Augen, während sie zusehen musste, wie der Junge, den sie liebte, direkt vor ihren Augen im Sterben lag. „Sirius…“ flehte sie und suchte mit zittrigen Händen nach seiner Hand, doch obwohl sie eigentlich mit ganz anderen Dingen beschäftigt war, bemerkte sie auf einmal ein seltsames Stechen an ihrem Oberschenkel. Flüchtig warf sie einen Blick nach unten- und hielt mitten in der Bewegung inne. Aus einer Tasche in Sirius‘ Umhang ragte ein dunkler, glänzender Gegenstand hervor und in dem Moment, in dem Lillyan begriff, was es war, packte sie auch schon fest zu und zog ihn hastig aus seinem Umhang. Es grenzte an ein Wunder, dass Sirius‘ Zauberstab bei seinem Sturz heil davongekommen war, doch das dunkle Holz war unversehrt. Sie hatte zwar keinen blassen Schimmer, warum er ihn beim Quidditchspiel dabeigehabt hatte, aber das war ihr jetzt auch egal. Mit einem plötzlichen Anflug von Hoffnung hob Lillyan den Stab und richtete ihn auf Sirius. Durch diese Tat hatte er ihr unwissentlich eine Chance gegeben, ihn zu retten, und diese würde sie nutzen. Von einem plötzlichen Energieschub gepackt hob sie den Zauberstab und sandte dabei ein Stoßgebet zum Himmel, dass es funktionieren würde. „Rennervate!“, donnerte sie. Ein schwacher Lichtstrahl zuckte aus ihrem Zauberstab in Sirius‘ Brust. Nichts geschah. Panik brandete erneut in Lillyan auf. „Rennervate!“ Diesmal war der Lichtblitz kräftiger und mit einem Mal zuckte Sirius, als hätte sie ihm einen Stromschlag verpasst. „Rennervate, Rennervate!“ Verzweifelt schwang Lillyan den Zauberstab. Zwei weitere Lichtblitze zuckten auf Sirius nieder und mit einem Mal bäumte sich dieser heftig vom Boden auf. Er riss den Mund auf und rang nach Atem, einmal, zweimal, während seine Augenlider heftig flatterten, jedoch geschlossen blieben, dann sank er mit einem tiefen Stöhnen zurück in den Schlamm und rührte sich nicht mehr. Voller Angst legte Lillyan die Hand erneut auf seine Brust und stieß einen Schrei der Erleichterung aus: Sirius‘ Herz schlug wieder und unregelmäßige Atemzüge schabten sich durch seine Kehle. Gerade, als sie einen weiteren Versuch machen wollte, ihn aus seiner Ohnmacht zu wecken, wurde sie mit einem Mal von hinten an den Armen gepackt und von Sirius weggezogen. Höllenqualen brandeten durch ihren Körper, als ihr Fußgelenk über den Boden schleifte, aber sie beachtete sie gar nicht. „Nein!“, schrie sie und schlug um sich, tat alles, um wieder in seine Reichweite zu kommen. „Sirius, Sirius!“ „Lillyan, bitte beruhigen Sie sich“, raunte eine ihr wohlbekannte Stimme ihr von hinten ins Ohr und jemand zog sie auf die Füße. Professor McGonagall. „Nein… Sirius… Ich muss, ich will- oh…“ Lillyan wurde schwächer, wehrte sich jedoch immer noch verzweifelt gegen den Griff der Lehrerin. Ein Schluchzen drang aus ihrer Kehle. „Lillyan, bitte, hören Sie auf, gegen mich anzukämpfen“, erklang Professor McGonagalls Stimme erneut. „Black lebt. Sie haben ihm mit ihrer waghalsigen Aktion gerade eben mit Sicherheit das Leben gerettet, aber jetzt lassen Sie bitte zu, dass ich Sie hinauf in den Krankenflügel bringe. Ihr Fußgelenk sieht schlimm aus.“ Gekonnt stützte die Lehrerin Lillyan, als diese allmählich aufhörte, sich gegen ihren Griff zu wehren, und entlastete so Lillyans gebrochenen Fuß. „Sirius…“, flüsterte sie entkräftet und schaute die Lehrerin aus vor Schmerz verschleierten Augen an. „Professor Dumbledore und Madam Pomfrey sind bei ihm und kümmern sich um ihn. Sobald er außer Gefahr ist, werden sie ihn in den Krankenflügel bringen“, beruhigte Professor McGonagall sie. Mit äußerster Willensanstrengung blickte Lillyan auf und sah den Rest der Mannschaft um sich und Sirius versammelt auf dem Rasen stehen. Es regnete noch immer, doch Lillyan erkannte durch die Regenwand hindurch, dass James Potter den Schnatz in der Hand hielt und fassungslos auf seinen ohnmächtigen besten Freund hinunterstarrte. „Wir haben gewonnen“, flüsterte eine Stimme in ihrem Inneren, doch sie hörte sie gar nicht. Direkt neben James Potter stand Regulus Black und sah dem fast kopflosen Nick erstaunlich ähnlich. Das Entsetzen stand ihm praktisch mit roter Farbe auf die Stirn geschrieben und seine Augen waren weit aufgerissen. Als Lillyan ihren Blick weiter nach links wandern ließ, entdeckte sie Professor Dumbledore, der sich neben Sirius in den Schlamm gekniet hatte und über sein Gesicht gebeugt war. Auf der anderen Seite von Sirius kniete Madam Pomfrey und murmelte mit konzentriertem Gesichtsausdruck geheimnisvolle Beschwörungen vor sich hin, während sie ihren Zauberstab auf Sirius gerichtet hielt. „Kommen Sie mit, Lillyan“, sagte Professor McGonagall neben ihr sanft. „Lassen Sie mich ihren Knöchel behandeln. Black ist in den besten Händen, glauben Sie mir.“ Unschlüssig schaute Lillyan zu Sirius hinüber. Sie wollte nicht von ihm weg und es war für sie wie ein körperliches Bedürfnis, an seiner Seite zu bleiben, aber sie konnte hier nichts mehr helfen und verletzt, wie sie war, würde sie wahrscheinlich sowieso nur im Weg herumstehen. Zögernd stützte sie sich schließlich auf ihre Hauslehrerin und ließ sich, nach einem letzten verzweifelten Blick auf Sirius, von ihr vom Quidditchfeld führen. Als sie zum Ausgang des Stadions gelangten, kam ihnen Aaron Jordan entgegengelaufen, das Gesicht weiß wie eine Wand, die Augen voller Sorge. „Professor! Lillyan!“, rief er aus, als er sie erblickte, und eilte zu ihnen. Lillyans schmerzverzerrtes Gesicht ließ ihn zusammenzucken und als Professor McGonagall ihn mit „Jordan“ begrüßte, schaute er der Lehrerin geradewegs ins Gesicht. „Ist sie okay?“ „Ihr Knöchel ist gebrochen“, antwortete Professor McGonagall knapp. „Soll ich sie tragen?“, bot Aaron an. „Es wäre besser, wenn sie nicht laufen müsste.“ „Ich glaube, das ist eine gute Idee, Jordan“, sagte Professor McGonagall und ignorierte Lillyans Protest, als diese durch ihre zusammengebissenen Zähne hindurch knurrte: „Ich brauche niemanden, der mich trägt, ich bin doch kein Reisekoffer! Ich kann gut alleine gehen!“ Aaron warf ihr nur einen finsteren Blick zu und schaute dann wieder ihre Hauslehrerin an. „Können Sie sie alleine halten?“, wollte Professor McGonagall wissen. „Das dürfte kein Problem sein.“ Eilig trat Aaron vor sie und legte einen Arm um ihre Schulter. „Sei endlich vernünftig, Lillyan, und leg deine Arme um meinen Hals“, befahl er streng, als sie sich gegen seinen Griff zu wehren versuchte. „Du kannst so nicht laufen, sieh es doch ein.“ Mit einem erschöpften Seufzer kapitulierte sie und legte die Arme um seinen Hals. „Na bitte“, murmelte Aaron und schob den linken Arm unter ihre Knie, bis sie im Brautstil an seiner Brust lag. Lillyan wimmerte vor Schmerzen, als die Position ihres Knöchels verändert wurde, und Aaron warf ihr einen besorgten Blick zu, aber noch bevor er etwas sagen konnte, schnitt Professor McGonagall ihm kurzerhand das Wort ab. „Kommen Sie, Jordan, wir müssen sie sofort nach oben in den Krankenflügel bringen!“ Ungeduldig lief sie voraus und Aaron folgte ihr mit Lillyan auf den Armen. „Bilde dir jetzt bloß nichts darauf ein, dass du mich herumtragen durftest“, murmelte Lillyan ihm schwach zu, während sie über die Ländereien liefen. „Aber wobei, ich glaube, ich muss mir gar keine Sorgen machen. Dein Herz schlägt doch sowieso nur für Lea, oder?“ Aarons leises Lachen vibrierte an ihrer Seite, als er noch einen Zahn zulegte und damit Professor McGonagall wieder einholte, die jetzt mit langen Schritten auf das Schloss zustürmte und das Portal öffnete. Im Laufschritt durchquerten sie die Eingangshalle und stürmten die Treppen hinauf in den Krankenflügel. Aaron fluchte jedes Mal leise, wenn Lillyan vor Schmerzen zusammenfuhr, aber Professor McGonagall dachte gar nicht daran, das Tempo zu verringern. Als sie endlich in den Krankenflügel stürmten, begann sie sofort, Aaron Anweisungen zu erteilen. „Kommen Sie her, Jordan, und setzen Sie Miss Whiteley hier auf den Tisch, aber schön langsam und vorsichtig, und sobald sie dort sicher sitzt, laufen Sie doch bitte rasch noch einmal hinunter, finden Sie Miss Evans und Mister Lupin und schicken sie die beiden hierher. Sie müssen sich große Sorgen um Miss Whiteley machen.“ „In Ordnung, Professor.“ So schonend wie möglich trug Aaron Lillyan durch den Krankenflügel und stützte sie, als er sie vorsichtig auf dem Tisch absetzte. Kaum saß Lillyan richtig auf der Tischfläche, scheuchte die Lehrerin ihn auch schon aus dem Raum und kniete sich anschließend mit gezücktem Zauberstab vor Lillyan auf den Boden. „Lillyan, ich gebe zu, ich habe so etwas noch nicht oft gemacht, und ich kann nicht garantieren, dass es für Sie schmerzlos sein wird, aber ich kann Ihren Fuß heilen, wenn Sie mich lassen. Ich bin zwar nicht direkt dafür qualifiziert, aber dennoch habe ich während meiner Laufbahn einiges von Madam Pomfrey gelernt.“ Forschend sah sie Lillyan in die Augen. Lillyan seufzte nur entkräftet und stützte sich mit den Händen auf dem Tisch auf. „Dann lassen Sie mal sehen, Professor“, murmelte sie und erwiderte den Blick der Lehrerin so fest wie möglich. Diese nickte knapp zur Antwort und warf ihr einen beruhigenden Blick zu, dann richtete sie ihren Zauberstab auf Lillyans gebrochenes Fußgelenk und murmelte etwas Unverständliches, während sie den Bruch mit scharfem Blick fixierte und konzentriert ihren Zauberstab schwang. Es dauerte nicht lange, und rote und silberne Funken strömten aus dem Zauberstab der Lehrerin, legten sich überall auf Lillyans Fußgelenk und verursachten eine sanfte Wärme darin, die sich langsam steigerte, je mehr Funken hinzukamen. Ganz allmählich wurde ihr Fußgelenk wärmer, immer wärmer. Heiß. Verdammt. Lillyan keuchte unwillkürlich auf, als der zusätzliche Schmerz den Schmerz in ihrem Knöchel nur noch verschlimmerte. „Zähne zusammenbeißen“, befahl Professor McGonagall und schwang ihren Zauberstab in einer abschließenden Bewegung, wobei sie den gebrochenen Fuß kurz damit antippte. Keine Sekunde später schoss ein atemberaubender Schmerz durch ihren Fuß und Lillyan konnte den Aufschrei gerade noch unterdrücken, der beinahe durch ihre zusammengebissenen Zähne hindurchgedrungen wäre. Ihre Fingerknöchel wurden weiß, so fest hielt sie die Tischkante umklammert, und dann war es auf einen Schlag vorbei. Mit zitterndem Atem holte Lillyan tief Luft und wagte dann einen Blick auf ihren Fuß. Ihr Knöchel sah wieder völlig normal aus, keine Spur ihrer Verletzung war mehr zu sehen. Probeweise bewegte sie das Gelenk und ließ ihren Fuß kreisen. Fehlerfrei. Zutiefst dankbar hob Lillyan den Blick und lächelte ihre Hauslehrerin strahlend an. „Tausend Dank, Professor“, sagte sie. „Das haben Sie wirklich toll hingekriegt.“ „Das freut mich.“ Professor McGonagall konnte sich ein Lächeln ebenfalls nicht verkneifen und erhob sich, wobei sie ihren Zauberstab wieder in ihren Umhang gleiten ließ. „Fehlt Ihnen sonst noch etwas?“ „Nicht, dass ich wüsste. Vielleicht noch ein paar blaue Flecken, aber das war’s dann auch schon.“ „Gut, dann gehen Sie nun. Miss Evans und Mister Lupin machen sich mit Sicherheit große Sorgen um Sie.“ Gehorsam rutschte Lillyan vom Tischrand und bemerkte erleichtert, dass ihr Knöchel sie problemlos hielt, doch gerade, als ihre Gedanken von Remus zu Sirius glitten, wurde ihr mit einem Mal schwindelig und sie musste sich an der Tischkante festhalten, um nicht umzufallen. Irgendetwas hatte sie vergessen, irgendetwas ganz Wichtiges mit Sirius und Remus… Vollmond. Snape. Peitschende Weide. Heilige Heuschrecke. Lillyan taumelte wie vor den Kopf geschlagen zur Seite und musste von Professor McGonagall aufgefangen werden, bevor sie auf den Boden aufschlagen konnte. „Huch, Lillyan, ist alles in Ordnung mit Ihnen?“ Besorgt wollte die Lehrerin ihr wieder auf den Schreibtisch helfen, aber Lillyan stand schon weder auf beiden Beinen und starrte ihre Hauslehrerin panisch an. „Wo ist er? Wo ist Sirius?“, stieß sie hervor. In ihrem Kopf drehte sich alles wie in einem Karussell. Verdammt. Sirius hatte Snape von der Peitschenden Weide erzählt. Er hatte ihn aufhalten wollen, aber er war beim Quidditchspiel ausgeknockt worden. Und jetzt war er ohnmächtig und außerhalb ihrer Reichweite und heute Nacht war Vollmond… Oh nein. Bitte nicht. Sirius musste wieder gesund werden, er musste Snape rechtzeitig aufhalten. „Ich muss zu ihm Professor, jetzt sofort!“ Wie von Sinnen packte Lillyan Professor McGonagall am Arm. „Bitte, bringen Sie mich zu ihm! Ich muss mit ihm reden, es ist wichtig! Es ist…“ Sie wurde unterbrochen, als die Türe zum Krankenflügel aufflog und der Schulleiter Professor Dumbledore mit ernstem Gesicht in den Raum schritt. Neben ihm schwebte eine Trage durch die Luft, auf der jemand lag, den Lillyan nicht richtig erkennen konnte, und hinter ihm wuselte Madam Pomfrey geschäftig in den Raum. „Sirius!“ Lillyan stürmte los und rannte, ohne noch jemand anderen zu beachten, zu der Trage hinüber. „Sirius!“ Sein Gesicht war noch immer leichenblass und voller Blut, doch die Platzwunde war verschwunden und sein Brustkorb hob und senkte sich gleichmäßig. Seine Kleider und seine Haare waren klitschnass, voller Schlamm und blutverschmiert, doch sein Gesicht war nicht mehr so ausdruckslos wie vorhin auf dem Quidditchfeld. Jetzt sah er friedlich aus, ganz so, als würde er gerade schlafen und wäre nicht ohnmächtig. „Oh Sirius!“, stieß sie hervor und legte eine Hand auf seine Hand, die auf der Trage lag. Sie war eiskalt. Erneut schoss ihr die Angst ins Blut. Aus dem Augenwinkel nahm sie eine Bewegung wahr und bemerkte, dass Professor McGonagall auf sie zugelaufen kam. „Schulleiter… Miss Whiteley… es tut mir leid, aber ich konnte sie nicht…“ Sie rang nach Worten und verstummte hilflos. „Ist schon in Ordnung, Minerva“, erklang die ruhige, tiefe Stimme von Professor Dumbledore und zu Lillyans endgültigem Erstaunen drehte er sich zu ihr um und lächelte ihr beruhigend zu. „Machen Sie sich keine Sorgen mehr, Miss Whiteley. Mister Black wird wieder vollkommen gesund werden. Was er übrigens Ihnen zu verdanken hat. Ohne Ihre wahnsinnige Rettungsaktion hätte er wohl den morgigen Tag nicht überlebt.“ „Was ist mit ihm?“, wollte Lillyan, noch immer nicht ganz beruhigt, wissen. „Er hat einen Schädelbruch, eine deftige Gehirnerschütterung und einige innere Blutungen“, antwortete Madam Pomfrey ihr und schwang ihren Zauberstab, woraufhin Sirius‘ Trage zu einem der freien Betten hinüberschwebte und Sirius wie von Geisterhand von der Trage auf das Bett verfrachtet wurde. Eine schnelle Handbewegung des Schulleiters reichte aus, um die Trage lautlos verschwinden zu lassen. „Innere Blutungen?“ Entsetzt starrte Lillyan die Schulkrankenschwester an. „Beruhigen Sie sich, Miss Whiteley, meine Fähigkeiten sind beträchtlich, was Quidditchverletzungen angeht.“ Madam Pomfrey warf ihr einen nachsichtigen Blick zu und wuselte dann zu Sirius hinüber, der jetzt reglos auf dem Bett lag und die Bettwäsche mit seinen nassen Kleidern durchnässte. „Durch Ihren Rennervate-Zauber haben Sie ihn wiederbelebt, als seine Atmung durch den Schock des Aufpralls in seinem Gehirn ausgesetzt hat, und glücklicherweise konnte ich mit Hilfe von Professor Dumbledore die inneren Blutungen rasch ausfindig machen und behandeln. Black wird keinen bleibenden Schaden davontragen, sein brillanter Kopf wird noch genauso verrückte Ideen produzieren können wie bisher auch. Wie Sie allerdings sicher noch von Ihrer eigenen Gehirnerschütterung wissen, braucht er jetzt vor allem eines: Bettruhe.“ „Aber Madam Pomfrey…“ „Er muss sich erst einmal ausschlafen und er wird so lange nicht erwachen können, bis sich sein Kopf von seinen Verletzungen erholt hat“, unterbrach die Schulkrankenschwester sie entschieden. „Wenn er vorher aufwacht, kann ihn das seinen Verstand kosten, das verstehen Sie doch, oder?“ „Natürlich, Madam.“ Verzweifelt schaute Lillyan auf Sirius‘ Gesicht herunter und blickte dann fragend auf. „Keine Sorge, ich kümmere mich gut um ihn“, beruhigte Madam Pomfrey sie und warf einen vielsagenden Blick zu Professor McGonagall hinüber. „Minerva, wären Sie wohl so nett und würden Sie Miss Whiteley nach draußen begleiten? Ihre Freunde machen sich bestimmt schon…“ „Nein!“, unterbrach Lillyan sie hastig und schaute Madam Pomfrey flehentlich in die Augen. „Bitte nicht“, bat sie. „Lassen Sie mich bei ihm bleiben. Ich schwöre Ihnen, dass ich Sie nicht stören werde, und ich werde bestimmt nicht versuchen, ihn aufzuwecken, aber ich möchte bei ihm bleiben. Wissen Sie noch, wie er damals allein durch seine Anwesenheit dafür gesorgt hat, dass es mir besser ging, als ich hier im Krankenflügel lag?“ Sie schaute von einem zum anderen. „Bitte. Lassen Sie mich ihm jetzt die gleiche Hilfe erweisen.“ Ungläubig schauten Madam Pomfrey und Professor McGonagall sie an, doch es war Professor Dumbledore, dessen Gesichtsausdruck Lillyan in heillose Verwirrung stürzte. Um seine Mundwinkel zuckte es, ganz so, als müsse er ein verschmitztes Lächeln unterdrücken. „Wie wollen Sie Black denn helfen, wenn er schläft?“, fragte Madam Pomfrey schließlich missbilligend. „Er wird nicht einmal wissen, dass Sie überhaupt bei ihm sind, solange er in diesem Zustand bleibt.“ „Dann lassen Sie mich wenigstens bei ihm sitzen!“, bat Lillyan. „Bitte, Madam Pomfrey! Nur zehn Minuten!“ Unschlüssig schaute Madam Pomfrey erst zu Professor McGonagall und dann zu Professor Dumbledore und nickte schließlich wiederwillig. „Na gut, von mir aus. Aber nur zehn Minuten und keine Minute länger!“ „Geht klar. Vielen Dank.“ Lillyan lächelte erleichtert. „Gut, dann lassen wir Miss Whiteley jetzt mit Mister Black alleine“, meinte Professor Dumbledore und warf Lillyan einen verschwörerischen Blick zu. „Kommen Sie, Minerva. Miss Evans und Mister Lupin warten vor dem Krankenflügel, wie sollten ihnen Bescheid geben, dass Miss Whiteley noch zehn Minuten länger braucht.“ Professor McGonagall warf Lillyan ebenfalls noch einen letzten Blick zu und Lillyan meinte, einen verständnisvollen Ausdruck über ihr Gesicht huschen zu sehen, aber noch bevor sie sich darüber wundern konnte, sagte Professor McGonagall auch schon: „Nach Ihnen, Albus“, und rauschte hinter Professor Dumbledore aus dem Raum. Als die Türe hinter ihnen zufiel, beobachtete Madam Pomfrey Lillyan noch einen Moment lang skeptisch, dann eilte sie kopfschüttelnd zu ihrem Büro hinüber und schloss die Türe hinter sich. Lillyan war alleine. Unschlüssig schaute sie sich um, dann richtete sie ihre ganze Aufmerksamkeit wieder auf Sirius. Langsam ging sie zu seinem Bett hinüber und setzte sich neben ihn auf den Bettrand. Sie spürte einen dicken Kloß im Hals, als sie auf sein regungsloses Gesicht hinunterschaute, und hob zögernd die Hand, um ihm einige feuchte Haarsträhnen aus der Stirn zu streichen. Seine Haut war noch immer so kalt, dass Lillyan unwillkürlich fröstelte. Hilfesuchend sah sie sich um und entdeckte dabei Sirius‘ Zauberstab, der auf seinem Nachttisch lag. Ganz offensichtlich hatte Professor Dumbledore mitgebracht und später auf dem Nachttisch abgelegt. Vorsichtig griff Lillyan nach dem dunklen, glatten Holz und nahm den Zauberstab in die Hand. Seltsam, dass der Zauberstab sich so gar nicht dagegen wehrte, dass sie ihn benutzte, denn schließlich gehörte der Zauberstab Sirius und Sirius hasste Lillyan. Naja, vielleicht lag es ja daran, dass der Zauberstab bemerkte, dass sie ihn liebte und ihm helfen wollte, selbst, wenn er sie nicht mochte. Immerhin hatte sie ihm das Leben gerettet. Konzentriert richtete sie den Stab auf Sirius. „Tergeo!“, flüsterte sie. Augenblicklich verschwanden die Blutreste und das Wasser von Sirius‘ Haut, aus seinem Haar und aus seinen Kleidern und wurden von seinem Zauberstab aufgesaugt. Rasch legte Lillyan ihn wieder neben Sirius auf den Nachttisch, zog die Bettdecke so gut es ging über Sirius‘ Körper und nahm dann eine seiner Hände in ihre. Sie wusste, er hätte das nicht gewollt, und wenn er wach gewesen wäre, hätte er sie weggestoßen, doch sie brauchte das jetzt, sie musste spüren, dass er lebte, nach dem Schock, ihn beinahe verloren zu haben. Voller Zuneigung und Verzweiflung betrachtete sie sein schönes Gesicht, die weichen, vollen Lippen, die gerade Nase und die sanft geschwungenen, dichten dunklen Augenbrauen. „Oh Sirius“, flüsterte sie erstickt. „Was soll ich nur tun?“ Madam Pomfrey hatte gesagt, er dürfe nicht vor dem nächsten morgen erwachen, da er sonst einen bleibenden Schaden davontrüge, doch dann konnte Sirius Snape nicht aufhalten und dieser würde heute Nacht zur Peitschenden Weide hinunterlaufen und dabei Remus als Werwolf in die Arme laufen. Remus würde es nicht überleben, wenn er jemanden tötete, selbst, wenn es unabsichtlich war. Ob sie es ihm sagen sollte, um ihn zu warnen? Um Himmels Willen, nein! Wenn sie das tat, würde Remus durchdrehen und aus lauter Angst, Snape etwas anzutun, noch vor dem Abend weglaufen, um sich im verbotenen Wald zu verwandeln, damit kein anderer Mensch in der Nähe war. Niemand wusste, was ihm dort alles zustoßen konnte, und es gab weit Gefährlicheres im Verbotenen Wald als Werwölfe. Sie konnte einfach nicht riskieren, dass Remus etwas zustieß, aber sie konnte ebenfalls nicht zulassen, dass er unabsichtlich zum Mörder wurde. Es würde ihn umbringen. Den Gedanken, Lily einzuweihen, verwarf sie sofort wieder. Sie empfand nichts für Sirius und aus lauter Furcht um Snapes Leben würde sie sofort zum Schulleiter gehen und Sirius würde von der Schule fliegen. Nein, das durfte nicht geschehen, das musste sie einfach verhindern! Fieberhaft dachte sie nach. „Ich glaube nicht, dass ich in der Lage bin, das alleine zu schaffen“, murmelte sie nachdenklich vor sich hin und streckte erneut eine Hand aus, um ihm sanft damit durch die nachtschwarzen Locken zu streichen. Das hatte sie insgeheim schon immer einmal tun wollen, aber in diesem Fall brauchte sie es wie die Luft zum Atmen. Sein Haar war seidig weich und glitt ihr flüssig wie Wasser durch die Finger. Sie überlegte, ob sie es vielleicht schaffen könnte, noch vor Snape am Schultor zu sein und ihn selbst aufzuhalten, aber sie hatte keinen blassen Schimmer, wie sie das anstellen sollte, ohne dass sie entweder beide dem Werwolf zum Opfer fielen oder von einem Lehrer entdeckt wurden. So oder so wären sie entweder tot oder liefen auf Gefahr, von der Schule geworfen zu werden. „Aber es muss doch einen Ausweg geben!“ Verzweifelt schaute Lillyan in Sirius‘ Gesicht. „Was hättest du wohl an meiner Stelle getan, um ihn aufzuhalten?“ Noch im selben Moment wurde es ihr klar. Sirius hätte Snape als Hund aufgelauert und ihn so verschreckt, dass Snape ins Schloss zurückgeflüchtet und sich nie wieder getraut hätte, sich bei Nacht aus dem Schloss zu schleichen. Sie konnte das nicht tun, und wenn sie Snape verzauberte, um ihn aufzuhalten, würde er sie am nächsten Morgen verpfeifen, egal, mit welchen Mitteln sie ihn zu erpressen versuchte. Einen Lehrer zu Hilfe zu holen, kam schon gar nicht infrage. Sirius würde schneller von der Schule fliegen, als er auch nur piep sagen konnte. „Irgendetwas…“, flüsterte sie und dachte fieberhaft nach, während sie Sirius‘ Hand in ihren Händen hielt und daran selbst Halt fand. Wenn er doch nur bei ihr wäre! Ihm würde bestimmt etwas einfallen, Sirius fiel immer etwas ein. Sie dachte an sein verschmitztes Lächeln, dachte daran, wie er fröhlich den Kopf zurückwarf und sein bellendes Lachen lachte, das sie so liebte. Und dann fiel ihr die Lösung so plötzlich in die Hände, dass sie vor Überraschung laut aufkeuchte. Oh nein, alles nur das nicht. Um ein Haar hätte sie ihren Einfall auf der Stelle wieder verworfen. Er war ihr zuwider, aber sie musste alle Möglichkeiten in Betracht ziehen, um Sirius zu retten. Zu dumm, dass diese Möglichkeit ihre einzige Chance war. „Nein“, sagte sie laut und starrte bestürzt aus dem Fenster hinaus, ohne überhaupt etwas zu sehen. „Nein, das geht nicht. Es muss einen anderen Weg geben!“ „Ach ja?“, schien ihr der Regen, der von Außen gegen die Fensterscheibe prasselte, sagen zu wollen. „Und welchen, wenn man fragen darf?“ „Nein, das kann ich nicht tun!“ Völlig außer sich schüttelte Lillyan den Kopf, doch tief in ihrem Inneren wusste sie bereits, dass sie es doch tun würde. Für Sirius hätte sie alles getan, absolut alles. „Oh nein“, stöhnte sie kraftlos und vergrub kurz das Gesicht in ihren Händen. „Das verzeihe ich dir nie, Sirius“, murmelte sie ihm zu und betrachtete sein schönes, im Schlaf so friedliches Gesicht. „Das verzeihe ich dir nie, dass ich deinetwegen diesen Vollidioten um Hilfe bitten muss.“ Sie brauchte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie es endlich fertig brachte, aufzustehen und sich zum Gehen zu wenden. „Ich liebe dich, Sirius Black“, flüsterte sie noch so leise, dass sie sich selbst kaum verstand, „und ich werde dich retten. Das verspreche ich. Und wenn es das Letzte ist, was ich tue.“ Damit drehte sie sich um und ging aus dem Krankenflügel, noch bevor Madam Pomfrey aus ihrem Büro stürmen und sie hinauswerfen konnte. Kaum, dass sie die Türe geöffnet hatte und nach draußen getreten war, stürzten sich auch schon zwei rot gekleidete Gestalten auf sie und warfen sie fast um. „Liebe Güte, beruhigt euch!“, murmelte Lillyan genervt und schloss die Türe hinter sich, noch bevor Lily und Remus beginnen konnten, sie mit Fragen zu überschütten. „Lillyan, da bist du ja endlich! Wir haben uns solche Sorgen um dich gemacht!“ „Lillyan, wie geht es dir? Bist du okay?“ „Ist alles in Ordnung?“ „Was ist mit deinem Knöchel?“ „Hey, alles ist in Ordnung, mir geht es gut und meinem Knöchel auch.“, gab sie missgelaunt zurück und schob Remus von sich weg, als er sie besorgt an den Armen fassen wollte. Die Ereignisse der letzten Stunden hatten ihr sämtliche Nerven geraubt. Erst Lilys Anblick, deren stechend grüne Augen zornig leuchteten und die die Arme fest in die Seiten gestemmt hatte, ließ sie innehalten. „Du“, fauchte Lily sie jetzt wütend an. „Du hast mir versprochen, dass du bei diesem Spiel nicht vom Besen fällst! Du hast gesagt, du würdest auf dich aufpassen! Was hast du dir nur dabei gedacht? Ich wäre fast gestorben vor Schreck!“ „Naja, genau genommen bin ich ja gesprungen und nicht gefallen“, gab Lillyan zu bedenken. „Das ist mir doch Schnuppe! Du absolute Vollidiotin!“ Lillyans Überraschung hätte nicht größer sein können, als Lily sich plötzlich heftig in ihre Arme stürzte. „Mach das niemals wieder“, flüsterte sie ihr ins Ohr und drückte sie fest an sich. „Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben einen solchen Scheck bekommen.“ Unwillkürlich erwiderte Lillyan ihre Umarmung und atmete den beruhigenden Apfelduft von Lilys Haarshampoo ein. Als sie sich schließlich wieder voneinander lösten, glänzten Lilys verblüffende Augen verdächtig, doch sie schaute Lillyan nur fest in die Augen und sagte: „Ich bin so froh, dass es dir gut geht. Und ich bin so verdammt stolz auf dich.“ „Wie geht es ihm?“, erkundigte sich Remus jetzt und schaute Lillyan besorgt an. „Dumbledore meinte, er schafft es.“ „Das wird er auch. Sirius‘ Schädel ist härter als ein Brecheisen.“ Lillyan konnte nicht anders, sie musste lächeln. „Er wird sich erholen. Momentan ist er allerdings nicht bei Bewusstsein und darf bis morgen nicht geweckt werden, um keinen bleibenden Schaden davonzutragen.“ „Heißt das, wir dürfen nicht zu ihm?“, fragte Remus. „Nein, ich glaube, Madam Pomfrey reißt euch den Kopf ab, wenn ihr es vor morgen Abend versucht“, gab Lillyan bedauernd zurück. „Ja, das dachte ich mir bereits.“ Remus seufzte leise. „James wird sich nicht gerade freuen, wenn er mitkriegt, dass du bei ihm warst und er ihn nicht besuchen darf. Schöner Mist.“ „Dann erzähle es ihm eben nicht!“, konterte Lily sofort und warf ihm einen bösen Blick zu. „Lillyan hat wirklich schon genug Ärger am Hals, selbst ohne Potters dumme Kommentare!“ „Als ob ich das vorhabe.“ Resigniert fuhr Remus sich durch das hellbraune Haar. „James findet es sowieso raus. Irgendwer steckt ihm so etwas immer.“ „Na toll“, schimpfte Lily und verdrehte die Augen. „Was will er schon machen, Lillyan lynchen? Darauf kann er lange warten, vorher hänge ich ihn an den Fußgelenken an der Peitschenden Weide auf!“ Ihre Augen sprühten Funken und Lillyan zweifelte keine Sekunde daran, dass ihre Freundin es tatsächlich ernst meinte. „Los kommt, lasst uns nach oben gehen!“ Rauchend vor Zorn bei dem Gedanken an James Potter stapfte Lily auf die Treppe zu und Lillyan und Remus beeilten sich, ihr zu folgen. „Was habt ihr heute Abend noch vor?“, erkundigte Lillyan sich vorsichtig, als sie nebeneinander die Stufen hinaufliefen. Hoffentlich hatte sie freie Bahn für die Aktion, die sie an diesem Abend noch bewältigen musste. „Also ich muss noch einen ellenlangen Aufsatz über die Verbreitung von Graphörnern in Nordkanada im neunzehnten Jahrhundert schreiben“, stellte Remus fest und zuckte resigniert die Achseln. „Damit bin ich wahrscheinlich den gesamten restlichen Tag lang beschäftigt. Wie steht es mit dir?“ „Ach, ich glaube, ich mache es mir einfach mal ein wenig gemütlich und lese etwas“, flunkerte Lillyan rasch und ärgerte sich sofort über die einfallslose Lüge. „Lily, was hast du vor?“ „Ich? Es sieht ganz so aus, als würde ich mich heute Abend damit beschäftigen, Estephania Reece und Regina Howe aus Hufflepuff bei den Hausaufgaben zu helfen“, antwortete Lily trocken. „Du gibst Nachhilfe?“ Überrascht schaute Lillyan sie an. „Ja, aber nur bei Kleinigkeiten. Für größere Probleme habe ich weder die Nerven noch die Geduld.“ Lily lächelte schuldbewusst, bog neben Lillyan in den Korridor im siebten Stock ein und sagte: „Carpe diem“, als die Fette Dame nach dem Passwort verlangte. Das Portraitloch schwang auf und Lillyan flankte geschickt hinter ihrer besten Freundin in den Gemeinschaftsraum. „Ich muss mich leider mit Peter in die Bibliothek verabschieden“, sagte Remus, kaum, dass sie nebeneinander im Gemeinschaftsraum standen. „Macht’s gut. Bis später.“ „Bis dann.“ Lillyan lächelte ihm noch einmal zu und wandte sich dann zu Lily um, die sich bereits auf den Weg hinauf in ihren Schlafsaal machte. Als sie keine Minute später mit ihrer Tasche über der Schulter wieder auftauchte und sich anschickte, ebenfalls wieder durch das Portraitloch zu klettern, winkte Lillyan ihr noch einmal zu und blieb dann mit einem mulmigen Gefühl im Magen zurück. Die Person, mit der sie reden musste, saß keine drei Meter von ihr entfernt in einem der besten Sessel des Gemeinschaftsraumes, und dennoch wünschte sie, sie wäre meilenweit entfernt von ihr. Alles in ihr sträubte sich dabei, dass sie ausgerechnet ihn um Hilfe bitten musste, doch es gab niemand anderen, der ihr aus ihrer misslichen Lage heraushelfen konnte. Schließlich gab sie sich einen Ruck, ging langsam zu dem Sessel hinüber und kniete sich unauffällig neben ihn. Glücklicherweise war er im Moment alleine, alle Sessel um einen herum waren leer. Kurzentschlossen atmete Lillyan tief ein, beugte sich zu ihm hinüber und flüsterte die Worte, die sie jetzt aussprechen musste, ob sie wollte oder nicht. „James. Du musst mir helfen.“

    14
    14. Ein Schatten und drei Retter

    „Whiteley?“ James Potter fuhr überrascht herum und starrte sie mit einer Mischung aus Verblüffung und Ärger an. „Was in willst du denn hier?“ „Mit dir reden“, gab Lillyan angespannt zurück und betete innerlich, dass er auf ihr Angebot eingehen würde. Genau genommen hatte er allerdings gar keine andere Wahl, denn wenn er es nicht tat, würde sein bester Freund innerhalb kürzester Zeit von der Schule fliegen. „Reden?“ Misstrauisch verzog James das Gesicht. „Warum sollte ich mit dir reden? Es gibt nichts, was ich dir zu sagen hätte. Verzieh dich, Whiteley.“ „Nein, das werde ich nicht tun.“ Lillyans Stimme war leise, aber bestimmt. „Es kümmert mich nicht, ob du mir zuhören willst oder nicht, denn in diesem Fall wirst du mir zuhören müssen. Es ist wichtig. Es… es geht um Sirius. Er ist in Gefahr.“ „In Gefahr?“ James schaute sie an, als sei sie verrückt geworden. „Ja klar, natürlich. Hast du’s nicht auch ne Nummer kleiner?“ „Verdammt, das ist kein Witz!“, fauchte Lillyan ungehalten. In ihrem Inneren tobte noch immer die Angst um Sirius, aber sie wusste, dass sie sich zusammenreißen musste. „Hör mal“, fuhr sie in einem etwas freundlicheren Tonfall fort, „ich weiß, dass du mich nicht leiden kannst. Ob du es glaubst oder nicht, ich mag dich ebenso wenig, und ich würde mich niemals freiwillig an dich wenden, aber in dieser Angelegenheit bist du der Einzige, der mir helfen kann. Oder ihm, genau genommen. Ich verlange nicht von dir, dass du mich magst oder mich akzeptierst, aber du musst erfahren, was geschehen ist. Für ihn, mit mir hat das gar nichts zu tun. Ich bitte dich, glaub mir. Nur dieses eine Mal. Sirius und Remus stecken in einer gewaltigen Zwickmühle, und nur du kannst mir helfen, sie da wieder herauszuholen. Willst du das Leben deiner beiden besten Freunde aus reiner Eitelkeit aufs Spiel setzen, Potter? Das sieht dir eigentlich gar nicht ähnlich.“ Der Blick, den James ihr jetzt zuwarf, bestand aus einer Mischung aus Misstrauen und äußerstem Hass. Einen Moment lang blieb er still und fixierte sie durchdringend mit seinen haselnussbraunen Augen, dann lehnte er sich schließlich mit grimmiger Miene in seinem Sessel zurück. „Na gut, von mir aus. Sag schon“, forderte er sie auf. „Was ist los?“ „Pssst!“, zischte Lillyan. Überrascht zog James die Augenbrauen hoch. „Nicht hier“, raunte sie und stand auf. „Komm mit. Wenn das jemand mitkriegt, dann sind wir die längste Zeit in Hogwarts gewesen.“ James sah aus, als wolle er sie am liebsten auf der Stelle erwürgen. „Kannst du endlich aufhören, so ein Drama zu veranstalten?“, herrschte er sie entnervt an und stand ebenfalls auf, so dass er sie um ein ordentliches Stück überragte. „Es geht ja wohl kaum um Leben und Tod!“ „Doch, leider ja.“ Ernst erwiderte Lillyan seinen ungläubigen Blick. „Anderenfalls hätte ich dich nicht um Hilfe gebeten. Du kennst doch Sirius, du weißt, wie leicht er in Schwierigkeiten gerät. Du musst mir glauben. Es ist seine einzige Chance.“ Einige halbe Ewigkeit schien zu verstreichen, während James sie mit zusammengekniffenen Augen ansah und ganz offensichtlich mit sich selbst rang, aber schließlich holte er tief Atem und nickte knapp. „Na dann mal los“, sagte er und bedeutete Lillyan voranzugehen. Sie seufzte erleichtert auf, ahnte jedoch, dass sie noch längst nicht alle Schwierigkeiten überwunden hatte. James Potter war vielleicht nicht ganz blöd, aber er war ein Hitzkopf und sein Temperament machte ihm immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Sie musste sich beeilen, bevor seine Geduld ein Ende hatte. Allerdings konnte sie ihm sein Misstrauen nicht verdenken. Hätte er ihr erzählt, Lily sei in Lebensgefahr, hätte sie wahrscheinlich auch gedacht, er wolle ihr einen Streich spielen. Eilig kletterte Lillyan durch das Portraitloch und bedeutete James, ihr zu folgen. Als er endlich neben sie trat, schaute sie sich wachsam um, doch niemand war zu sehen. Gut so. Rasch lief sie los und musste keine Sekunde darüber nachdenken, wohin sie gehen sollten. Zwei Minuten später standen sie vor der Wand, die sich gegenüber dem Wandbehang von Barnabas dem Bekloppten befand, und Lillyan öffnete die Türe zum Raum der Wünsche. Mit zusammengezogenen Augenbrauen schaute James auf sie hinunter. „Jaja, ich weiß, dass du sauer bist, weil Sirius und Remus mir den Raum gezeigt haben.“ Ärgerlich trat Lillyan in den Raum und schloss die Türe hinter ihm. „Jetzt kann man es aber nicht mehr ändern, und außerdem ist es praktisch, dass wir hier drinnen reden können. Hier findet uns nämlich niemand.“ Der Raum der Wünsche sah dieses Mal ganz anders aus als an dem Tag, an dem sie mit Sirius und Remus das Duellieren geübt hatte. Der Boden war bedeckt von einem hellen, roten Teppich, auf dem gemütliche, rote Ohrensessel in kleinen Gruppen zusammen standen, in einem Kamin an der Längsseite des Raumes flackerte ein fröhliches Feuer und an den Wänden hingen riesige Wandbehänge, auf denen das Wappen von Gryffindor mit dem Gryffindorlöwen prangte. Durch die großen Fenster fiel das goldene Herbstlicht in den Raum und malte Muster auf den Teppich. James trat zu einer der Sesselgruppen und ließ sich in einen der roten Sessel fallen. Lillyan tat es ihm nach und setzte sich ihm gegenüber. Sein Blick war beherrscht, als er sie abwartend ansah und sich in seinem Sessel zurücklehnte. „Nun?“ Lillyan holte noch einmal tief Luft und gab sich einen Ruck. „Als ich heute morgen zum Quidditchfeld hinuntergegangen bin, wurde ich zufällig Zeuge eines Gesprächs zwischen Sirius und Snape“, begann sie. „Die beiden haben mich nicht bemerkt, weil ich in einer Nische stand. Ich wollte schon gehen, aber da habe ich mitbekommen, worüber sie geredet haben. Es ging um Remus.“ James hatte bereits bei der Erwähnung von Snapes Namen die Stirn gerunzelt, aber als sie Remus‘ Namen erwähnte, veränderte sich sein Gesichtsausdruck endgültig von misstrauisch zu argwöhnisch. Mit einer Hand bedeutete er ihr, dass sie fortfahren sollte. „Snape hat zu Sirius gesagt, er würde wissen, dass mit Remus etwas nicht stimmte, weil er gemerkt hat, dass Remus jeden Monat ein paar Tage fehlt. Außerdem hat er beobachtet, dass ihr euch nachts heimlich nach draußen schleicht.“ James knurrte wütend auf. „Blöder Idiot. Zu dumm, dass er das rausgekriegt hat. Ich wünschte, ich könnte ihn mir auf der Stelle vorknöpfen.“ „Sirius hat ihm gesagt, er solle sich da raushalten“, erzählte Lillyan weiter und ignorierte seinen impulsiven Wutausbruch, „aber Snape hat versucht, ihn zu erpressen. Er wollte zu McGonagall gehen und ihr davon erzählen, aber Sirius meinte, wenn er das machen würde, würde McGonagall ihn fragen, woher er das weiß und dann wüsste sie, dass auch er nachts heimlich draußen war. Daraufhin hat Snape damit gedroht, der ganzen Schule zu erzählen, dass mit Remus etwas faul ist.“ James knirschte mit den Zähnen vor Wut. „Sirius ist daraufhin so wütend geworden, dass er offenbar nicht mehr nachdenken konnte.“ Lillyan schluckte. „Was hat er gesagt?“ James Stimme klang wie splitterndes Eis. „Raus damit. Was hat er zu Snape gesagt?“ „Er meinte, wenn Snape wissen wolle, was mit Remus passiert ist, solle er einfach heute Nacht zur Peitschenden Weide gehen und den Knoten in den…“ „NEIN!“ Lillyan fuhr so heftig zusammen, dass sie von ihrem Stuhl zu Boden rutschte. Im nächsten Moment stand er über ihr, das Gesicht verzerrt vor Wut, die Augen zu Schlitzen zusammengekniffen. „Das kann nicht sein, das kann einfach nicht wahr sein! So blöd würde Tatze doch niemals sein! Das kann er einfach nicht gesagt haben!“ „Das hat er aber“, flüsterte Lillyan mit versagender Stimme. „Genau das hat er gesagt. Das ist es, weshalb ich dich brauche, James. Du musst mir helfen, Snape aufzuhalten.“ James fluchte heftig. „Verdammt und zugehext, das ist doch nicht die Möglichkeit“, fauchte er schließlich wütend. „Dieser Blödmann wird sterben, wenn er auf Moony als Werwolf trifft, und dann steckt Tatze gewaltig in der Klemme.“ „Eben.“ Lillyan zwang ihre Beine dazu, ihr Gewicht wieder zu tragen und kam wieder auf die Füße. Eindringlich hielt sie seinem Blick stand. „Wir müssen ihn aufhalten, sonst kann Sirius von Glück reden, wenn er nicht nach Azkaban kommt. Die Zeit läuft uns davon. Ich habe keine Ahnung, was wir tun sollen.“ Ein Grollen vibrierte in James‘ Brust. „Remus. Wir müssen ihn warnen. Auf der Stelle.“ „Nein!“ Schnell trat Lillyan ihm in den Weg, noch bevor er zur Türe stürzen konnte. „Das würde alles nur noch schlimmer machen! Remus darf nichts davon erfahren! Du kennst ihn doch. Wenn er wüsste, dass er heute Nacht Gefahr läuft, Snape umzubringen, würde er weglaufen und selbst in Gefahr geraten!“ „Mist, du hast Recht.“ Zerstreut fuhr James sich mit den Händen durch das schwarze Haar, das inzwischen in alle Richtungen von seinem Kopf abstand. „Moony würde durchdrehen, wenn er das rauskriegt.“ „Eben. Er darf auf keinen Fall davon erfahren, nicht, bevor die Gefahr vorbei ist. Sirius hat mir vor dem Spiel geschworen, er würde Snape aufhalten, aber ohnmächtig und mit Schädelbruch gestaltet sich das als so gut wie unmöglich und ganz alleine kann ich das nicht schaffen. Aber wenn wir zusammenarbeiten und uns gegenseitig helfen, dann könnten wir das vielleicht gemeinsam schaffen. Es muss einfach eine Möglichkeit geben.“ „Gemeinsam?“, hakte James mit gedehnter Stimme nach. „Was soll das heißen, gemeinsam? Was willst du schon ausrichten? Du hast es mir erzählt und ich werde mich zusammen mit Peter darum kümmern. Das ist alles, was geschehen wird. Es ist zwar sehr, nun, edel von dir, dass du es mir erzählt hast, aber an dieser Stelle ist deine Mitarbeit beendet. Ab hier werden Peter und ich die Sache in die Hand nehmen. Wiedersehen, Whiteley.“ Erneut wollte James zur Türe hinübergehen, aber er kam nicht dazu, auch nur einen Schritt zu machen, denn Lillyan hatte jetzt endgültig genug. „Schluss mit dem Theater“, fauchte sie, versperrte ihm erneut den Weg nach draußen und stemmte die Arme wütend in die Seiten. „Du glaubst wohl, du kannst dir alles erlauben? Ich werde dir mal etwas sagen, James Potter.“ Sie spuckte ihm seinen Namen praktisch vor die Füße. „Es ist mir egal, ob du meine Hilfe willst oder nicht, und es ist mir auch egal, ob du vor Wut darüber rauchst, aber ich werde euch helfen. Daran gibt es nichts zu rütteln. Ich habe dir davon erzählt und deshalb habe ich das Recht dazu, mich an eurer Aktion zu beteiligen. So.“ Mit hoch erhobenem Kopf erwiderte sie seinen Blick. „Sonst noch was?“ James‘ Augen sprühten Funken vor Zorn, doch er hielt sich im Zaum. „Und was, wenn man fragen darf, willst du tun?“, wollte er wissen. „Mit dir zusammen planen. Das gemeinsam in die Hand nehmen. Damit verbessern sich auch unsere Chancen, heil wieder aus der Sache herauszukommen.“ Entschieden sah sie ihn an. „Ohne mich werdet ihr überhaupt nichts tun.“ „Ach ja?“ Schneidende Kälte schien in Wellen von seinem Körper auszugehen. „Und wie willst du uns davon abhalten?“ Lillyan nahm all ihren Mut zusammen und zog ihr letztes Register. „Weil du erpressbar bist“, sagte sie ruhig. „Was?“ James lachte laut. „Ach komm schon, Whiteley, das ist lächerlich. Wie willst du mich denn erpressen?“ „Mit dem Menschen, der dir am meisten bedeutet. Das Mädchen, für das du alles tun würdest. Versuche gar nicht erst, es zu leugnen, James Potter. Ich weiß ganz genau, was du für sie empfindest.“ Sein Zusammenzucken war beinahe unmerklich, doch Lillyan entging nichts. „Siehst du.“ Ein siegessicheres Blitzen trat in ihre Augen. „Es ist zwecklos. Du kannst es nicht leugnen. Jeden Tag siehst du sie wieder, aber jeden Tag lässt sie dich wieder abblitzen. Du willst sie mehr als alles andere, aber du kommst einfach nicht an sie heran.“ „Du gemeines Biest.“ James‘ Stimme war leise und voll unterdrücktem Zorn. „Dass du es wagst, mich auf diese Art in die Enge treiben zu wollen. Glaub ja nicht, dass ich darauf hereinfalle. Es gibt niemanden, den ich liebe.“ „Aha?“ Jetzt war es an Lillyan, die Augenbrauen hochzuziehen. Als sie jedoch die schiere Verzweiflung in James‘ Augen erblickte, beschloss sie, es ihm nicht zu schwer zu machen. „Pass mal auf, James Potter“, fuhr sie in einem versöhnlichen Tonfall fort, „ich will dich weder verletzen noch verärgern. Diesen Hass, den du seit jeher gegen mich hegst, erwidere ich nicht und das habe ich noch nie getan. Deshalb mache ich dir ein Angebot. Du weißt, Lily ist meine beste Freundin und sie vertraut mir. Was immer ich ihr über eine Person erzähle, sie wird auf mich hören. Ich stelle dich jetzt also vor eine Wahl. Entweder, du akzeptierst meine Bedingungen in dieser Angelegenheit nicht und versuchst alleine, Snape aufzuhalten. Allerdings…“, sie zuckte unschuldig die Achseln, „könnte es ja sein, dass ich Lily dann erzähle, was für schlechte Manieren du hast, und ihr raten, sich niemals mit dir abzugeben. Da sie dich sowieso schon nicht leiden kann, kannst du etwas darauf geben, dass sie meinen Rat befolgen wird.“ Blanker Hass breitete sich bei ihren Worten auf James‘ Gesicht aus und seine Hände ballten sich zu Fäusten. „Du wertloses, kleines…“ „Vorsicht“, unterbrach Lillyan ihn mit einem kleinen, gemeinen Lächeln auf den Lippen. „Jedes beleidigende Wort von dir steigert meine Entschlossenheit, Lily endgültig gegen dich aufzuhetzen. An deiner Stelle würde ich aufpassen.“ James biss heftig die Zähne zusammen, aber er riss sich wieder zusammen. „Weiter“, knurrte er frustriert. „Oder aber du akzeptierst meine Bedingungen und lässt mich mithelfen, ihn aufzuhalten. In diesem Fall würde ich versuchen, Lily davon zu überzeugen, dass du ein sehr netter junger Mann bist und ihr außerdem eine viel bessere und schönere Zukunft zu bieten hast als Snape… was wahrscheinlich dazu führen würde, dass sie in nächster Zeit weitaus besser auf dich zu sprechen sein wird als bisher.“ Herausfordernd hielt sie seinen Blick. „Also? Wofür wirst du dich entscheiden, James Potter? Wirst du mein Angebot akzeptieren und deine große Liebe erobern oder wirst du ablehnen und sie für immer verlieren? Du hast die Wahl.“ Ein paar Minuten lang blieb es totenstill im Raum, keiner von ihnen rührte sich. „Du selbstsüchtiges Ding“, sagte James schließlich leise. In seine Stimme klang noch immer Abscheu mit, doch als er die Schultern straffte, wusste sie, dass er eine Entscheidung getroffen hatte. Ein erneutes Schweigen folgte. „Ich akzeptiere deine Bedingungen und nehme dein Angebot an.“ Vor Triumph hätte Lillyan beinahe einen Satz gemacht, aber sie beherrschte sich. „Aber“, er trat so dicht vor sie, dass sich ihre Nasen beinahe berührten, „du musst schwören, dass du dein Versprechen einhältst. Wenn du heute Nacht mitkommen darfst, dann wirst du bei Lily ein gutes Wort für mich einlegen. Du musst es mir schwören, Whiteley- andernfalls kannst du dein dämliches Angebot vergessen.“ „Einverstanden.“ Ohne mit der Wimper zu zucken streckte Lillyan die Hand aus und hielt sie ihm hin. Einen Moment lang betrachtete er ihre Hand abwägend, dann hob er ebenfalls eine Hand und schlug ein. „Abgemacht.“ Lillyan erwiderte seinen Händedruck. Als sie ihre Hände wieder lösten, hatte sie aus irgendeinem Grund das Gefühl, dass sie gerade Frieden miteinander geschlossen hatten- ein irrationaler Gedanke. „Also dann, Whiteley“, meinte James und setzte sich wieder in seinen Sessel, „sollten wir uns einen Plan ausdenken.“ „In Ordnung.“ Sie ließ sich ebenfalls wieder in ihrem Sessel nieder und legte die Arme auf die Stuhllehnen. „Ach, und James, noch etwas.“ „Ja?“ „Würdest du mir einen Gefallen tun und mich nicht mehr Whiteley nennen? Immerhin sind wir jetzt so etwas wie Komplizen.“ James rieb sich nachdenklich das Kinn. „Aber wie soll ich dich denn sonst nennen? Kleine?“ „Untersteh dich. Ich heiße Lillyan. Einfach Lillyan.“ „Also gut, Kleine“, sagte er und grinste sie zu ihrer Überraschung an. Sie warf ihm einen beleidigten Blick zu und er lachte. „Schon gut, schon gut. Also, Lillyan, was glaubst du, sollten wir tun?“ Erfreut, dass er so schnell kooperierte, schüttelte sie den Kopf. „Ich weiß es selbst nicht genau. Wirst du Peter einweihen?“ Sie war zwar nicht besonders begeistert von der Idee, aber sie würde es akzeptieren. „Ja, er kann uns helfen. Wir werden ihn brauchen“, gab James zurück. „Allerdings beziehen wir ihn erst gegen Schluss mit ein. Er ist kein besonders guter Planer und es würde uns nur Zeit kosten. Hör mal…“, seine Stimme bekam auf einmal einen angespannten Tonfall und er räusperte sich leise. „Es gibt da etwas, das du noch nicht weißt. Sirius, Remus und ich waren uns einig, es dir nicht zu erzählen, damit du nicht völlig ausrastest, allerdings ist es jetzt wichtig, dass du es weißt.“ Lillyans Hände ballten sich zu Fäusten und ihre Fingerknöchel traten weiß hervor. „Raus damit“, verlangte sie. „Was ist es?“ „Als wir damals Animagi wurden und immer nachts zu Remus gingen, wenn er sich verwandelte, blieben wir zunächst in der Heulenden Hütte, doch bald schon wurde es uns zu langweilig“, erzählte er. „Wir waren uns unserer Sache so sicher. Wir wollten nach draußen auf die Ländereien. Natürlich konnten wir durch den Gang bei der Peitschenden Weide hinaus auf die Ländereien, aber nach ein paar Monaten wurde uns auch das zu langweilig. Du weißt es wahrscheinlich nicht, aber die Heulende Hütte ist mit unzähligen Schutzzaubern gesichert, so dass niemand sie verlassen kann, es sei denn, er geht durch den Tunnel mit der Peitschenden Weide. Wir wussten, durch das Schlosstor würden wir nicht herauskommen, aber wir wollten auch außerhalb des Schulgeländes herumlaufen. Deshalb…“, er stockte kurz, „haben Tatze und ich uns irgendwann zur Heulenden Hütte geschlichen und die Schutzzauber aufgehoben, damit wir beim nächsten Vollmond auch durch die Hütte nach draußen konnten. Es ist allerdings so: Wenn Remus als Werwolf durchdreht und eine Zerstörungswut kriegt, helfen die Wände nicht mehr und können zerstört werden. Dafür waren die Zauber gut. Wenn wir aber bei ihm waren, und das waren wir ja immer, drehte er nicht durch und somit waren die Schutzzauber unnötig. Aber heute Nacht, wenn wir Snape aufhalten wollen und Sirius noch ausgeknockt ist…“ Lillyan hatte das Gefühl, jemand habe ihr gerade ebenfalls einen Klatscher an den Kopf geschleudert. „Bei Merlins Bart“, hauchte sie bestürzt, bevor sie sich wieder fing. „Wie konntet ihr nur so naiv sein?“, schalt sie. „War euch denn nicht klar, dass das irgendwann passieren könnte? Dass ihr irgendwann vielleicht nicht zu ihm kommen könnt? Dass er dann ausbrechen könnte? Oh nein.“ Voll verzweifelter Frustration vergrub sie das Gesicht in den Händen. „Was machen wir denn jetzt?“ „Es gibt nur eine Möglichkeit.“ James Stimme klang leise, aber fest. „Welche?“ Fragend schaute sie ihn an. „Wie sollen wir so etwas wieder in den Griff kriegen?“ „Du hast gesagt, du willst mir helfen, Sirius zu retten, und Tatze hat gesagt, du kannst verdammt gut zaubern, also müsstest du dich heute Abend zur Heulenden Hütte rausschleichen und die Schutzzauber erneuern.“ „WAS müsste ich?“ Lillyan fiel aus allen Wolken. „Wie soll das denn gehen? Du spinnst doch. Wie sollte ich denn ungesehen das Schulgelände verlassen, vom Weg nach Hogsmeade in der kurzen Zeit ganz zu schweigen! Ich würde erwischt werden, und außerdem weiß ich doch überhaupt nicht, mit welchen Zaubern die Heulende Hütte belegt war! Wie soll ich sie denn dann erneuern?“ „Beruhige dich“, befahl James knapp. „Und mach dir mal keine Sorgen darüber, wie du ungesehen bleibst- das werde ich für dich regeln. Für den Weg zur Heulenden Hütte werden wir dir einen Thestral besorgen, ein Besen ist zu unsicher, und außerdem hast du deinen Besen auch noch nicht wieder.“ „Moment- was zum Geier ist ein Thestral und was ist eigentlich nach meinem Sprung mit meinem Besen passiert?“, wollte Lillyan wissen. „Ich weiß nicht, was nach dem Spiel mit deinem Besen passiert ist, aber ein Thestral ist ein Tierwesen. Es sieht aus wie ein knochiges, schwarzes Pferd mit Flügeln und kann nur von den Menschen gesehen werden, die den Tod gesehen haben. Sie ziehen auch die Kutschen von Hogwarts. Es sind sehr freundliche und hilfsbereite Tiere.“ Mit offenem Mund starrte Lillyan ihn an. „Davon habe ich schon gehört, aber ich wusste nicht, dass wir hier in Hogwarts welche haben! Wie willst du denn an einen herankommen? Leben die Thestrale nicht im Wald?“ „Doch, aber ich habe einige Erfahrungen gesammelt. In meinem dritten Jahr in Hogwarts habe ich mich einmal im Wald verlaufen und da bin ich auf einen Thestral gestoßen, der mich zurück zum Schloss gebracht hat.“ „Was hast du als Drittklässler allein im Verbotenen Wald gemacht?“, fragte Lillyan verblüfft. „Ich war auf der Suche nach Steinkraut für einen ganz speziellen Zaubertrank, aber das ist jetzt nicht von Bedeutung“, antwortete James ernsthaft. „Wie schon gesagt, ich stehe auf gutem Fuß mit den Thestralen von Hogwarts. Allerdings müssen wir daran denken, uns vorher noch einen großen Schinken aus der Küche zu holen, um sie damit anzulocken.“ Lillyan war es, als würde ihr Gehirn gerade mit neuen Informationen überflutet. „Okay“, brachte sie schließlich heraus. „Aber woher weiß ich, welche Zauber ich anwenden muss? Und was, wenn ich einige davon noch nicht beherrsche?“ James schien angestrengt nachzudenken, aber mit einem Mal hellte sich sein Gesicht deutlich auf. „Ich hab’s! Wir sind doch hier im Raum der Wünsche! Das sollte…“ Er konnte nicht ausreden, weil es in ebendiesem Augenblick plötzlich über ihm in der Luft rauschte und ein schmales Buch auf seinem Kopf landete. Reflexartig beugte Lillyan sich vor und fing das Buch auf, während James sich ärgerlich den Kopf rieb. Der Umschlag des Buches war hellbraun mit goldenen Verzierungen und auf dem schweren Einband war eine Inschrift eingeprägt. „Schutz- und Versiegelungszauber für den Hausgebrauch- So sichern sie ihr Domizil“, las sie laut vor. Von einem Ohr zum anderen grinsend schaute sie zu James hinüber. „Brillant. Genau das, was wir gebraucht haben.“ James nickte. „Gut, damit wäre das geklärt. Schaffst du es, bis heute Abend die richtigen Zauber zu finden und zu lernen?“ „Klar.“ Lillyan verzog keine Miene. „Aber das ist nicht unser einziges Problem. Wie wollen wir die Sache mit Snape regeln?“ „Das lass mal meine Sorge sein“, antwortete James. „Wir haben eine Abmachung“, erinnerte sie ihn. „Ja, du hast wohl Recht.“ Er nickte und grinste widerwillig. „Ich werde Peter einweihen und um kurz vor halb zwölf werden wir uns alle drei nach draußen schleichen. Du kümmerst dich um die Heulende Hütte und ich bleibe mit Peter am Waldrand, Peter als Ratte, ich als Mensch. Wenn Snape kommt, werde ich ihn mir schnappen, ihn mit einem Lähmzauber außer Gefecht setzen und ihn wieder zum Schloss zurück schleifen, während Peter darauf achtet, die Peitschende Weide außer Gefecht zu setzen, falls wir ihren Zweigen zu nahe kommen. Anschließend werde ich Snape drohen, ihn den Riesenspinnen im Wald zum Fraß vorzuwerfen, wenn er uns noch einmal ausspioniert oder uns bei Nacht nach draußen folgt. Sobald er weg ist, werde ich als Hirsch zu Moony in die Hütte gehen und ihn beruhigen, während Peter Wache hält, falls Snape dumm genug ist, noch einmal zurückzukommen.“ „Wow.“ Lillyan nickte langsam. „Das hört sich nach dem besten Plan an, der uns zur Verfügung steht. Er ist zwar nicht perfekt und hat viele Schwachstellen, aber wenn wir alle unser Bestes geben, dann können wir es schaffen.“ „Das sehe ich auch so.“ James nickte. „Welche Schwachstellen gibt es denn, die dir Sorgen bereiten?“ „Die Thestrale“, antwortete Lillyan nervös. „Ich kann sie nicht sehen.“ „Aber ich kann das“, beruhigte James sie. „Keine Sorge, ich helfe dir.“ „Du hast den Tod gesehen?“ Überrascht hob sie den Kopf. „Wann?“ „Ich war dabei, als mein Opa gestorben ist. Es war im St. Mungos und ich war damals acht.“ „Oh.“ Erschrocken schaute sie ihn an. „Das… tut mir sehr leid.“ „Ist schon in Ordnung. Es war abzusehen, dass das passieren würde.“ James zuckte die Schultern. „Ich habe es längst verwunden.“ Lillyan war noch immer nicht überzeugt, aber sie nickte. „Gibt es sonst noch ein Problem?“ „Es gibt ungefähr tausend Dinge, die schiefgehen könnten“, bemerkte Lillyan beunruhigt. James seufzte, konnte sich das Grinsen jedoch nicht verkneifen. „Wir werden das schon schaffen, für Tatze und sogar für diesen Vollidioten Snape. Du wirst sehen.“ Moment, versuchte er sie gerade wirklich aufzumuntern? In der Tat… er sah sie schon gar nicht mehr so hasserfüllt an wie zuvor. Wenn sie es nicht besser gewusst hätte, hätte sie gesagt, er fände sie gar nicht mehr so schrecklich. Was für ein Blödsinn. Sie mussten eben zusammenarbeiten, und für Lily würde James im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen gehen. Da war mit ihr zusammenzuarbeiten das kleinere Übel. „Wenn du das sagst…“ Lillyan grinste zurück, als die Hoffnung sie plötzlich durchflutete. Vielleicht würden sie es tatsächlich schaffen. Vielleicht konnten sie Sirius retten. Aber das würde nichts ändern. Das hieß noch lange nicht, dass Sirius sie wieder mögen würde. Seine Gefühle für sie würden sich dadurch nicht verändern. Das plötzliche Glück verschwand so schnell, wie es gekommen war und die wohlbekannte Leere durchflutete sie. Rasch stand sie auf und wandte James den Rücken zu. „Du solltest jetzt gehen und Peter einweihen. Ich werde derweil das Buch durchstöbern. Wir treffen uns um viertel nach elf im Gemeinschaftsraum, damit wir auf jeden Fall genug Zeit haben. Pass gut auf, dass Peter nichts ausplaudert.“ „Ist gut, mach ich. Aber eins noch.“ James‘ Stimme kam näher. „Ich möchte dich etwas fragen.“ „Was denn?“, erkundigte sie sich und drehte sich widerwillig wieder um. Er sollte nicht diesen Schmerz in ihren Augen sehen. Nicht er. Zu ihrer Überraschung blickten seine Augen freundlich zu ihr hinunter und in ihnen lag sowohl Vorsicht als auch Neugier. „Warum tust du das?“, wollte er wissen. „Wie meinst du das?“ „Na, dass du dich so dafür einsetzt, Tatze zu retten, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob er für dich dasselbe tun würde. Warum riskierst du, von der Schule zu fliegen, verbrüderst dich mit mir, obwohl du mich nicht ausstehen kannst, und stimmst sogar zu, mich mit deiner besten Freundin zu verkuppeln? Und erzähl mir jetzt nicht, es ginge dir um Snape oder um Remus, du hättest Tatze nämlich genauso gut verpetzen können. Das wäre sowohl sicherer als auch einfacher für dich gewesen. Sag mir: Was steckt wirklich dahinter? Warum tust du das für ihn?“ Lillyan blieb still, aber sie wusste, dass er nicht fragte, weil er es nicht wusste. Er fragte, weil er die Bestätigung von ihr hören wollte, dass er richtig lag. Unschlüssig schaute sie in seine Augen und war überrascht, dass sie Verständnis darin sah. In diesem Moment entschied sie sich für die Wahrheit. „Das weißt du ganz genau“, sagte sie leise und wich seinem Blick aus. „Aus demselben Grund, aus dem du dasselbe für Lily tun würdest, obwohl du weißt, dass sie nicht gut auf dich zu sprechen ist. Ich würde alles für ihn tun, alles, was in meiner Macht steht, um ihm zu helfen. Ich könnte nicht zulassen, dass er fliegt, und noch weniger könnte ich zulassen, dass sie ihn nach Azkaban schicken. Ich kann es einfach nicht, und ich glaube, du weißt ganz genau, wie sich das anfühlt. Vielleicht bin ich ihm egal, aber ich werde ihn trotzdem retten, selbst wenn er mich danach dafür hasst.“ Einen Moment lang herrschte Stille, dann spürte sie plötzlich, wie sich etwas Warmes, Schweres auf ihre Schulter legte. Verblüfft hob sie den Kopf und sah, dass James ihr eine Hand auf die Schulter gelegt hatte und sie direkt ansah. In seinen Augen lag keinerlei Hohn oder Spott, nur ein so großes Verständnis, dass es Lillyan die Kehle zuschnürte. Heiliger Bimbam, sie und James Potter waren sich so ähnlich. Warum hatte sie das bisher nur noch nicht bemerkt? Sie waren beide temperamentvolle Hitzköpfe und beide in jemanden verliebt, der sie nicht leiden konnte. Zwar hätte sie ihm eine solche Reaktion niemals zugetraut, aber als er sie so mitfühlend anschaute, so offen und ehrlich, da bemerkte sie zum ersten Mal, wie sehr auch er litt. Himmel, er litt fast genauso sehr wie sie, daran, dass Lily ihm nur mit Abscheu begegnete. Sie schluckte und erwiderte seinen Blick wortlos. „Es tut mir leid, dass es so gelaufen ist“, sagte James schließlich mit einer verblüffenden Sanftheit in der Stimme, und ließ unbeantwortet, wovon genau er sprach. „Aber wenn du mich fragst: Ich glaube nicht, dass du ihm jemals egal warst.“ Daraufhin drückte er sanft ihre Schulter, nahm die Hand weg und ging zur Türe. „Wir sehen uns später“, sagte er noch über die Schulter und ließ dann die Türe hinter sich ins Schloss fallen. Wie erstarrt stand Lillyan da und starrte die Stelle an, an der er verschwunden war. „Wovon hatte er gesprochen, als er gemeint hatte, es tue ihm leid? Und wie meinte er das, sie sei Sirius nie egal gewesen?“ Zerstreut schüttelte sie den Kopf, verdrängte dann jedoch alle verwirrenden Gedanken. Sie musste sich jetzt zuerst einmal darauf konzentrieren, Sirius zu retten, alles andere konnte warten. Und mit diesem Gedanken setzte sie sich wieder in einen Sessel, schlug das Buch mit den Schutzzaubern auf und machte sich an die Arbeit.

    *
    Die Stunden bis zum Abend flogen so schnell dahin, dass Lillyan sich nicht sicher war, ob ihr nicht die Zeit einen Streich gespielt hatte, aber als sie um kurz vor halb elf aus dem Raum der Wünsche trat, hatte sie das Gefühl, es wären gerade mal zehn Minuten vergangen seit ihrem Gespräch mit James Potter. Beim Abendessen hatte sie kaum etwas herunterbekommen, solche Sorgen machte sie sich darüber, ihr Plan könne scheitern. Lily, Remus und sogar Olivia hatten sich mehrmals besorgt nach ihrem Befinden erkundigt, doch sie hatte ihnen erzählt, sie müsse nur noch sehr viel lernen, damit sie sich nicht wunderten, wenn sie später verschwunden blieb. Jetzt jedoch, wo sie durch die verlassenen Gänge von Hogwarts lief, fragte sie sich, ob diese Ausrede tatsächlich gut genug gewesen war. Hoffentlich war niemand mehr im Gemeinschaftsraum. Es wäre sehr auffällig, wenn sie und James auf einmal miteinander sprächen, ohne sich wie sonst zu streiten. Rasch durchquerte sie das Treppenhaus im siebten Stock und entdeckte James und Peter sofort, kaum, dass sie in den Korridor einbog, in dem sich das Portrait der Fetten Dame befand. Die beiden blickten sich nervös um und James trug ein seltsames, silbrig glänzendes Stoffstück über dem Arm. Als die beiden Lillyan erblickten, schien ihnen ein Stein vom Herzen zu fallen- ganz offensichtlich hatten sie befürchtet, jemand anders würde ihnen vor ihr begegnen, wie sie untätig vor dem Portraitloch herumlungerten. „Kleine!“ Erleichtert eilte James auf sie zu, Peter auf den Fersen. „Endlich! Ich dachte schon, McGonagall erwischt uns bald. Kommt, wir müssen los. Hier entlang!“ Das „Kleine“ ignorierte Lillyan geflissentlich und beeilte sich, James zu folgen, der ein ordentliches Tempo vorlegte. Zu ihrer Überraschung hatte Peter, obwohl er viel kleiner war als James, absolut kein Problem damit, ihm zu folgen. Trotz seiner pummeligen Statur war er so flink wie die Ratte, in die er sich verwandeln konnte. James führte sie einige Treppen hinab und durch einen Geheimgang, den Lillyan noch nicht kannte, in den vierten Stock hinunter. Anschließend ging es durch einen Wandbehang, der sich zur Seite schieben ließ, hinüber in den anderen Teil des Schlosses. Lillyan war verblüfft, als sie sich plötzlich im Glockenturm wiederfanden, und noch verblüffter, als sie nur wenige Minuten später an einem geheimen Seiteneingang des Schlosses standen. „Wie kommt es, dass ihr so gut über die Geheimgänge von Hogwarts Bescheid wisst?“, fragte sie Peter verblüfft und hätte am liebsten die Augen verdreht, als dieser sie misstrauisch anschaute. Er vertraute ihr nicht. Das war zwar nur natürlich, aber es zerrte an ihren Nerven. „Tatze, Krone und Moony unternehmen seit jeher gerne Streifzüge durch das Schloss und ich bin meistens dabei“, gab Peter zurück und warf ihr ein schleimig-schüchternes Lächeln zu, das Lillyan mit einem Eisblick quittierte. Sie würde wohl niemals verstehen, was James, Sirius und Remus an ihm fanden, aber vielleicht steckte ja mehr in ihm, als er zeigte. Dennoch hatte sie das Gefühl, dass der Schein sie nicht trug. „So“, begann James jetzt und drehte sich zu den beiden um. „Jetzt steht unserer Aktion nichts mehr im Weg. Peter, geh du vor zur Weide. Du weißt, was du zu tun hast. Wir sehen uns später.“ Peter nickte eifrig, öffnete rasch die Türe mit einem Alohomora-Zauber und verschwand flink wie ein Wiesel nach draußen. „Und wir beiden“, fuhr James fort und schaute zu Lillyan, „wir machen uns auf den Weg zum Waldrand. Allerdings…“, er hielt das Stück Stoff hoch, das im schwachen Licht glänzte, „hiermit.“ „Was ist das?“ Neugierig trat Lillyan näher. „Das hier, Kleine, ist ein Tarnumhang. Perfekt für eine solche Aktion, findest du nicht?“ Mit offenem Mund starrte Lillyan den glänzenden Stoff an. „Das ist unglaublich!“, stieß sie hervor und hob andächtig eine Hand, um den federleichten Stoff durch ihre Finger gleiten zu lassen. „Wo hast du ihn her? Er muss ein Vermögen gekostet haben!“ „Mein Vater hat ihn an mich weitergegeben“, sagte James. „Er wird schon seit Urzeiten in unserer Familie weitervererbt.“ „Seltsam.“ Lillyan runzelte die Stirn. „Normalerweise lässt die Wirkung von solchen Umhängen rasch nach, aber dieser hier scheint perfekt zu sein.“ „Ja, ich habe mich auch schon darüber gewundert, aber er hat mich noch nie im Stich gelassen.“ James strich ebenfalls über den Stoff. „Na, hoffentlich tut er das heute Nacht auch nicht“, bemerkte Lillyan sorgenvoll. „Ach was.“ Mit einer Handbewegung tat James ihre Zweifel ab. „Das wird er nicht. Wie du schon gesagt hast, er ist perfekt. Los, komm, wir müssen uns beeilen.“ „Passen wir da beide drunter?“ „Natürlich, würde ich es sonst sagen?“ James schüttelte belustigt den Kopf und begann, den flüssigen Stoff aufzufalten. „Der Umhang ist groß. Jetzt komm schon.“ Rasch schlüpfte Lillyan neben ihm unter den Umhang und war überrascht, dass sie die Veränderung nicht fühlte. „Bist du sicher, dass man uns nicht mehr sehen kann?“, fragte sie zögernd. Kaum, dass sie diese Frage gestellt hatte, schaute sie an sich herab und stieß einen leisen Entsetzensschrei aus. Ihr Körper war verschwunden, ebenso wie der von James, obwohl sie ihn groß und warm an ihrer Seite spüren konnte. „Pssst!“, hörte sie seine Stimme neben ihrem Ohr zischen. „Willst du das ganze Schloss aufwecken? Dann ist Sirius geliefert!“ „Entschuldige“, wisperte Lillyan und begann, sich zu vergewissern, dass von ihr wirklich nichts mehr zu sehen war. „Bereit?“, flüsterte James neben ihr. „Bereit“, gab Lillyan zurück und gemeinsam schlichen sie aus dem Schloss. Der Himmel über den Ländereien von Hogwarts war immer noch wolkenverhangen, doch wenigstens regnete es nicht mehr. Der heftige Sturm, der den ganzen Mittag über das Schulgelände getobt hatte, war vorbei. Das Gras unter ihren Füßen war noch nass und rutschig und Lillyan und James mussten sich mehr als einmal aneinander festklammern, um nicht den Abhang hinunterzurutschen und damit zu riskieren, durch Schlamm auf dem Tarnumhang sichtbar zu werden. Es schien eine halbe Ewigkeit zu dauern, bis sie endlich rutschend und schlitternd den Waldrand erreichten. James zog den Umhang von ihren Köpfen und legte ihn sich wieder über den Arm. „Hier sollte uns niemand mehr sehen. Hör zu: Wenn wir jetzt die Thestrale anlocken, werde ich dir helfen, auf einen hinaufzuklettern und du sagst ihm, wo du hinmöchtest. Er wird dich sicher zur Heulenden Hütte und danach wieder zurück nach Hogwarts bringen. Wir treffen uns dann später im Gemeinschaftsraum, in Ordnung?“ „Geht klar. Hast du an den Schinken gedacht?“ „Natürlich.“ Grinsend holte James einen fingernagelgroßen Fleischklumpen aus seiner Hosentasche, zog seinen Zauberstab aus dem Ärmel hervor und schwang ihn mit einer raschen Bewegung. Im Nu hatte der Schinken wieder seine richtige Größe, und James steckte mit einem selbstzufriedenen Grinsen den Zauberstab wieder weg. „Thestrale haben sehr feine Nasen. Sie sollten das Fleisch bald riechen.“ „Hoffentlich.“ Sorgenvoll sah Lillyan zum Himmel hinauf. Der Vollmond war zwar nicht zu sehen, doch sie wusste, dass er da war. „Wir haben nicht mehr viel Zeit.“ „Mach dir keine Gedanken, das klappt schon alles“, beruhigte James sie und strich sich über das unordentliche Haar. Einige Minuten lang standen sie am Waldrand und warteten, doch nichts geschah. Absolute Stille lag über dem nächtlichen Schulgelände. Lillyan wurde immer unruhiger. Was, wenn es nicht funktionierte? Gerade, als sie James schon fragen wollte, ob sie nicht doch lieber einen Besen nehmen sollte, raschelte es mit einem Mal zwischen den Zweigen, als ob etwas Großes sich dazwischen hindurchzwängte. Suchend sah Lillyan sich um, aber sie konnte nichts entdecken. „Da“, flüsterte James neben ihr. „Unter der großen Eiche! Siehst du ihn?“ Verwirrt schaute sie dorthin, wo er es ihr geraten hatte, aber das Einzige, was sie sehen konnte, war ein Busch, dessen Blätter sich wie wild im Wind bewegten. Im Wind? Moment Mal, es war doch vollkommen windstill. Und dann begriff sie. „Ist dort einer?“, fragte sie James leise. „Ja“, gab dieser zurück, zog seinen Zauberstab, trennte mit einem gezielten Zauber ein großes Stück von seinem Schinken ab und gab es Lillyan. Dann hob er sein eigenes Stück nach vorne und verstummte. Lillyan wagte kaum zu atmen. Kurz darauf hörte das Rascheln im Gebüsch auf und dann begann plötzlich ein unsichtbares Maul, große Stücke aus James‘ Schinkenstück zu reißen. Sie fuhr heftig zusammen. „Keine Angst“, murmelte James halblaut und hob die Hand, um das unsichtbare Tier zu streicheln. „Er tut dir nichts, und ich kann ihn sehen, schon vergessen?“ „Ist er alleine?“, fragte Lillyan unruhig. „Nein. Da hinten kommt noch ein zweiter, und dieser kommt zu dir. Keine Sorge, sie sind friedliche Zeitgenossen.“ Lillyan nickte und zwang sich dazu, ruhig ein- und auszuatmen. Nur wenige Sekunden später zupfte etwas an dem Fleisch in ihrer Hand. Erneut zuckte sie zusammen, riss sich dann aber am Riemen und sah mit beinahe wissenschaftlichem Interesse dabei zu, wie das Fleisch Stück für Stück im Nichts verschwand. Als nichts mehr davon übrig war, fürchtete sie einen Moment lang, der Thestral würde unbeirrt mit ihrer Hand weitermachen, aber stattdessen stupste ihr eine unsichtbare, knochige Pferdenase beherzt ins Gesicht. Lillyan fiel fast um bei der Mischung aus dem freundschaftlichen Stoß und dem Schinkenatem, der in dieser Dosis beinahe überwältigend war. „Hey, schon gut, ich mag dich auch.“ Lachend streckte Lillyan eine Hand aus, bis sie auf unsichtbares, ledriges Material traf, und streichelte es. Als sie James leicht irritierten Blick bemerkte, hielt sie inne. „Was ist?“ „Es ist merkwürdig, wie schnell du Vertrauen zu jemandem fasst“, gab James als Antwort und stand plötzlich direkt vor ihr. „Beeilung jetzt. Komm, ich helfe dir auf seinen Rücken.“ „Auf seinen Rücken?“ Mit einem Mal wurde ihr schwindelig. „Aber ich kann ihn doch nicht sehen.“ „Dann vertraue auf die Physik. Jetzt komm schon.“ Energisch zog James sie neben sich, bückte sich, verschränkte die Hände zu einer Räuberleiter und sah sie herausfordernd an. „Oder traust du dich etwa nicht?“ „Blödmann“, murmelte Lillyan vor sich hin, fasste sich dann aber ein Herz, griff in die Luft, bis sie etwas spürte, dass sich wie eine Mähne anfühlte, legte ihr Schienbein in James‘ Hände und nutzte den Schwung aus, den er ihr gab, um sich auf den unsichtbaren Thestralrücken hinauf zu ziehen. Es war ein seltsames Gefühl, breitbeinig in der Luft zu sitzen und etwas unter sich zu spüren, das sie nicht sehen konnte. „Halte dich mit beiden Händen in der Mähne“, befahl James ihr und wartete, bis sie auf beiden Seiten Halt fand, dann reckte er sich plötzlich nach oben und streifte ihr den Tarnumhang über die Schultern. „Hier, du brauchst ihn dringender als ich“, sagte er und trat rasch zurück. „Was?“ Überrascht sah Lillyan ihn an. „James, nein! Du brauchst ihn doch, damit dich niemand entdeckt!“ „Ich schaffe das schon. Mit Schniefelus werde ich auch ohne den Umhang fertig.“ James schaute sie an, aber sie konnte seinen Blick nicht deuten. „Und jetzt geh, schnell. Ich kümmere mich um den Rest.“ „Danke“, sagte Lillyan ehrlich, atmete noch einmal tief ein, kontrollierte, ob sie ihren Zauberstab noch in der Jackentasche hatte, und sagte dann mit fester Stimme zu ihrem Thestral: „Bring mich zur Heulenden Hütte in Hogsmeade. Aber bitte nicht allzu schnell, so dass mein Umhang nicht wegfliegt, damit man mich nicht entdeckt. Kannst du das für mich tun?“ Einen Moment lang geschah nichts, doch gerade, als Lillyan bereits dachte, es sei hoffnungslos, kam auf einmal Bewegung in den Thestral und James trat zurück. „Viel Glück“, sagte er. „Wünsche ich dir auch!“, rief Lillyan ihm von oben zu und krallte sich im nächsten Moment fest, als der Thestral in einem Tempo losjagte, das sie niemals für möglich gehalten hätte. Sie benötigte all ihre Konzentration, um nicht seitlich vom Rücken des Thestrals zu rutschen und gleichzeitig den Umgang über sich festzuhalten, der wie wild im Wind flatterte. In Windeseile schossen sie am Waldrand entlang und schließlich waren sie am Rande des Schulgeländes angelangt, das von einer hohen Mauer umgeben war, doch für den Thestral war das kein Problem. Mit einem riesigen Satz schwang er sich in die Luft und flog kurzerhand darüber hinweg. Lillyan verkniff sich einen erschrockenen Aufschrei, doch als sie die Mauer überwunden hatten und der Thestral allmählich in einen ruhigen Gleitflug überging, während sie Hogwarts mit einer unglaublichen Geschwindigkeit hinter sich ließen, wurde sie langsam wieder ruhiger und begann sogar, den schnellen Flug ein wenig zu genießen. Die Nachtluft war kühl und sauber vom Regen und mit einem Mal fühlte sie sich frei, als sie wie ein unsichtbarer Vogel durch die Wolken glitt- ein berauschendes Gefühl. Mit einem Mal hätte sie am liebsten die Arme zu beiden Seiten ausgestreckt und alles andere vergessen außer diesem atemberaubenden Flug, den sie gerade erlebte, doch leider musste sie den Umhang festhalten, andernfalls riskierte sie, von jemandem entdeckt zu werden. Einen Augenblick später kam auch schon die Heulende Hütte in Sicht und der Thestral bremste langsam ab. Viel zu schnell setzten sie wieder auf dem Boden auf und von dem plötzlichen Ruck wäre Lillyan beinahe doch noch heruntergefallen. Der Thestral trabte über das feuchte Gras zur Heulenden Hütte hinüber und blieb davor stehen. Mit weichen Knien und völlig außer Atem glitt sie seitwärts vom Rücken des Tieres und musste all ihre Kraft aufwenden, um nicht rücklings zu Boden zu rutschen. Ihre Beine hatten sich in Wackelpudding verwandelt. Vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen, bis sie vor dem Thestral stand, und streichelte ihm sanft die Nase. „Ich danke dir, braves Tier“, murmelte sie ihm zu und erntete einen erneuten freundschaftlichen Stoß in die Rippen. „Ich werde dich Villem nennen, was meinst du? Deinen echten Namen kannst du mir ja nicht sagen.“ Ein zutraulicher Laut drang an ihre Ohren und sie musste lächeln. „Ich nehme das dann mal als ja“, sagte sie leise, schaute sich wachsam um und nickte dann entschlossen. „Warte hier, ich bin gleich wieder da“, bat sie, zog ihren Umhang zurecht, holte dann ihren Zauberstab aus ihrer Jacke und wandte sich der Heulenden Hütte zu. Unwillkürlich erschauderte sie. Sie hatte die Heulende Hütte zwar schon oft aus der Ferne gesehen, aber so nah war sie ihr noch nie zuvor gewesen. In Hogsmeade erzählte man sich, dass es in der Heulenden Hütte spukte, aber seit sie von Remus‘ Geheimnis wusste, war ihr klar, dass Professor Dumbledore dieses Gerücht in die Welt gesetzt haben musste, um ungebetene Gäste fernzuhalten. Dennoch sah die Heulende Hütte einfach unheimlich aus, mit ihren zugenagelten Fenstern, dem schiefen Dach und der dunklen, abgeblätterten Lackierung. In eben diesem Moment riss plötzlich der Himmel über ihr auf und die Welt um sie herum wurde in das helle Licht des Vollmondes getaucht. Rasch hob Lillyan den Zauberstab und konzentrierte sich. Jeden Augenblick konnte Remus auftauchen, sie musste sich beeilen. Hoffentlich klappten die neuen Zauber alle. Mit klopfendem Herzen rief sie die Zauberformeln in ihrem Kopf ab. „Protego Totalum!“ Ihr Zauberstab erbebte und ein kaum sichtbares Leuchten legte sich auf die Wände der Heulenden Hütte. Voller Erleichterung konzentrierte sie sich erneut. „Colloportus!“ Mit einem Glucksen versiegelten die Türe und die Fenster sich von selbst. „Colloportus Maxima!“ Jetzt versiegelten sich auch die Wände. „Salvio Hexia!“ Wieder schoss ein leichter Nebel aus ihrem Zauberstab. Ein Anti-Eindringlings-Fluch folgte. „Cave inimicum“, murmelte sie noch zur Vorsicht und führte sämtliche Zauber dann erneut auf der anderen Seite der Hütte aus. Erst, als sie sich ganz sicher war, dass sie alles getan hatte, was in ihren Kräften stand, drehte sie sich um und ging mit schnellen Schritten zu der Stelle zurück, an der sie ihren Thestral zurückgelassen hatte. „Villem“, flüsterte sie in die Luft und streckte eine Hand unter dem Tarnumhang hervor. „Wo bist du?“ Nichts. Kein Schnuppern, kein Stupsen, nichts. Erschrocken schaute Lillyan sich um, doch natürlich entdeckte sie ihn nicht. Er war für sie unsichtbar. „Villem!“, zischte sie, leichte Panik in der Stimme, und streckte beide Arme nach vorne aus. „Komm her zu mir!“ Wieder nichts, und ihre Hände tasteten ins Leere. Was, wenn er sie einfach hier gelassen hatte? Ganz alleine? „Villem, bitte, komm her!“, flehte sie und machte tastend einige Schritte nach vorne, doch gerade, als sie schon kurz vor dem Durchdrehen war, spürte sie mit einem Mal, wie etwas Großes sich von hinten unter ihrem Arm hindurchschob und etwas an ihrer Jackentasche knabberte. „Villem!“ Erleichtert fuhr sie herum und schlang ihre Arme um den Thestral. „Erschreck mich doch nicht so!“ Villem schnaubte nur belustigt und gab ihr einen freundlichen Schubs in die Seite, ganz so, als wolle er sagen: „Komm jetzt, beeil dich, sonst stehen wir noch die ganze Nacht hier draußen!“ „Jaja, du hast ja Recht.“ Immer noch lächelnd griff Lillyan nach seiner Mähne und führte ihn daran zu einem großen Stein in der Nähe, dann kletterte sie darauf, nahm all ihren Mut zusammen, sprang ab und schwang ihr Bein über seinen Rücken. Gerade noch rechtzeitig krallte sie ihre Hände auf beiden Seiten in seine Mähne und hielt sich fest, packte dann den Tarnumhang, bevor dieser von ihren Schultern rutschen konnte, und flüsterte ihrem Thestral ins Ohr: „Bitte bring mich jetzt zurück nach Hogwarts, Villem. Bring mich nach Hause.“ Villem stampfte wie zur Antwort mit einem Huf auf, trabte los und schwang sich kurz darauf in die Luft. Den Rückflug genoss Lillyan fast genauso sehr wie den Hinflug, aber jetzt, wo sie ihre Mission erledigt hatte, kam die Sorge wieder in ihr hoch und brachte die Angst mit, die an ihren Eingeweiden nagte. Es war nicht einmal nur die Sorge um Sirius und Snape, wie sie erstaunt feststellte. Es war auch James, um den sie fürchtete. Was, wenn er es nicht geschafft hatte? Was, wenn Snape ihn verpfiff? Was, wenn James anstatt Sirius von der Schule flog, nur, weil sie zugelassen hatte, dass er ihr seinen Tarnumhang gab? „Schneller, Villem“, rief sie ihrem Thestral zu und dieser nahm sie beim Wort. In mörderischem Tempo schossen die beiden durch die Luft auf die Ländereien von Hogwarts zu. Die Mauer war erneut kein Problem für den geschickten Thestral, und nur kurze Zeit später landeten sie direkt auf der großen Wiese neben dem Schloss. Rasch glitt Lillyan von Villems Rücken und ging zu ihm nach vorne. „Villem, ich weiß nicht, wie ich dir danken soll“, murmelte sie und lehnte ihr Gesicht nach vorne, bis ihre Wange an seinem warmen Hals lag. „Das werde ich dir nie, niemals vergessen. Ich danke dir so sehr. Für alles.“ Villem stieß ein freundschaftliches Knurrgeräusch aus und stupste sie liebevoll in die Seite. „Ich komme dich bald mal besuchen, ja? Ich bringe dir auch Schinken mit“, versprach Lillyan, löste sich wieder von ihm und grinste, als er ihr zur Antwort ins Gesicht pustete. „Ist gut, das mache ich. Bis dann. Und pass auf dich auf, verstanden?“ Erneut stieß der Thestral sie sanft in die Seite, dann schnaubte er noch einmal, trat einen Schritt zurück, bis sie ihn nicht mehr fühlen konnte, und dann war er fort. Sie hörte nur noch ein leises Geräusch, das klang, als breiteten sich zwei ledrige Flügel zum Fliegen aus, dann wurde es still. Mit einem leisen Lächeln zog sie den Umhang fester an sich und rannte dann los, auf das Schloss zu. Die kleine Seitentüre war wieder verschlossen, als sie dort ankam, doch sie öffnete sie mit einem raschen Alohomora-Zauber und stürmte dann, ohne sich um den Lärm zu kümmern, den sie machte, hinauf in den Gryffindorturm. Hoffentlich hatten James und Peter es geschafft, hoffentlich war Snape in Ordnung und hoffentlich hatte alles geklappt! Lillyan war so in Gedanken versunken, dass sie um ein Haar ausgerechnet in den Schulleiter Professor Dumbledore hineingerannt wäre. Mit einem unterdrückten Aufschrei fuhr sie zurück und blieb stocksteif stehen, doch dank des Tarnumhangs war sie nicht zu sehen. Dumbledore stand am Treppengeländer im vierten Stock, neben ihm Madam Pomfrey, und die beiden sprachen leise miteinander. Was machten sie denn um diese Zeit noch hier? Normalerweise sollten sie doch längst in ihren Privaträumen sein, immerhin war es nach Mitternacht. Gerade wollte sie sich schon leise an ihnen vorbeischleichen, als der Schulleiter das Wort ergriff. „Wie sieht es mit Black aus? Wie geht es ihm?“ Lillyan erstarrte und wartete angstvoll auf die Antwort der Schulkrankenschwester. „Es geht ihm schon viel besser“, antwortete Madam Pomfrey halblaut. „Er wird wohl überleben. Dank Whiteley.“ „Ja, dank ihr.“ Nachdenklich schüttelte Professor Dumbledore den Kopf. „Lillyan Whiteley. Was für ein Mädchen. Wissen Sie, sie überrascht mich immer wieder. Einerseits ist sie unglaublich schlau, lernt schneller als alle Anderen, beherrscht die schwierigsten Zauber auf Anhieb und braut auch komplizierte Zaubertränke mühelos, so dass man sich unwillkürlich fragt, ob sie nicht besser nach Ravenclaw gepasst hätte, aber dann…“ „…geschieht so etwas wie heute Mittag auf dem Quidditchfeld“, beendete Madam Pomfrey den Satz für ihn und seufzte. „Ich verstehe, was Sie meinen, Schulleiter. Mir und allen anderen Lehrern geht es ähnlich. Ihre Heldentat spricht sich herum wie ein Lauffeuer. Spätestens Morgen wissen selbst die Hauselfen in der Küche, dass Lillyan Whiteley Sirius Black das Leben gerettet hat.“ „Ja, und eben das bereitet mir Sorgen.“ Mit einem tiefen Seufzer stützte Dumbledore sich auf dem Treppengeländer auf und blickte gedankenversunken in die Ferne. „Die ganze Schule hat ihr dabei zugesehen, wie sie zusammengebrochen ist, wie sie halb ohnmächtig vor Angst und Schmerzen auf dem Boden im Schlamm lag und trotzdem alles getan hat, um Mister Black das Leben zu retten. Wenn sie sich wenigstens nicht gestritten hätten, aber so…“, er seufzte erneut, „weiß spätestens jetzt die ganze Schule, was sie für ihn empfindet. Bei Merlin, sie fühlt so ehrlich… Sie liebt ihn mehr, als er sich vorstellen kann. Ich glaube, sie würde so ziemlich alles für ihn tun, und wenn er das herausfindet, Poppy… Wenn Mister Potter es ihm erzählt, oder Mister Pettigrew, oder wenn er von selbst darauf kommt… dann fürchte ich, dass er ihre Gefühle nicht zu schätzen wissen wird, so ehrlich sie auch sind.“ „Sie meinen, er wird ihr endgültig das Herz brechen?“, führte Madam Pomfrey aus. „Das arme Mädchen ist doch jetzt schon völlig durch den Wind.“ „Darum geht es“, sagte Dumbledore ernst. „Die ganze Schule weiß Bescheid, alle haben sie in diesem Zustand gesehen, und wenn Black sich jetzt noch gegen sie wendet…“ „Hören Sie, vielleicht wird er das auch nicht“, sagte Madam Pomfrey leise. „Mister Black mag zwar jung und unbedacht sein, aber böse ist er mit Sicherheit nicht. Ich glaube nicht, dass er sie willentlich zerstören wird, noch nicht einmal, wenn Potter ihn dazu zu überreden versucht.“ Dumbledore nickte langsam und wandte den Blick zu Madam Pomfrey. „Das hoffe ich, aber um ehrlich zu sein vermute ich sogar, Sie haben Recht. Vielleicht ist für Black jetzt die Zeit gekommen, in der er sich entscheiden muss, was er wirklich will.“ „Wie meinen Sie das, Albus?“, fragte Madam Pomfrey verwundert. „So, wie ich es gesagt habe“, antwortete Professor Dumbledore geheimnisvoll und richtete sich auf. „Wie dem auch sei, wir beide sollten allmählich auch unsere Betten aufsuchen, Poppy, die Nacht wird nicht jünger dadurch, dass wir hier stehen und über Dinge diskutieren, die uns eigentlich nichts angehen.“ „Einverstanden. Gute Nacht, Schulleiter.“ „Gute Nacht, Poppy.“ Sein Umhang bauschte sich hinter Professor Dumbledore auf, als die Treppe hinaufschritt und durch einen Wandbehang verschwand. Als Lillyan sich wieder nach Madam Pomfrey umsah, war diese ebenfalls verschwunden. Alles war, als wäre nichts gewesen. Verwirrt runzelte sie die Stirn. Was war das denn eben? Und, Himmel, sie hatte noch gar nicht daran gedacht, dass die ganze Schule sie bei ihrem Zusammenbruch auf dem Quidditchfeld beobachtet hatte, so groß war ihre Sorge um Sirius gewesen, doch vielleicht hatte der Schulleiter Recht. Was, wenn Sirius ihr die ganze Sache übel nahm? Rasch schüttelte sie den Kopf, verdrängte die Gedanken so gut wie möglich und machte sich auf den Weg in den Gryffindorturm. Im sechsten Stock wurde sie beinahe von Peeves bemerkt, als sie in seiner Nähe über eine vergessene Tasche stolperte, die auf dem Boden lag, aber schließlich hatte sie es geschafft und kam völlig außer Atem vor dem Portrait der fetten Dame an. Diese schlief bereits und Lillyan musste einiges an Mühe aufwenden um sie dazu zu bringen, ein Auge zu öffnen. „Du lieber Himmel, was soll das denn?“, schimpfte sie, als sie Lillyan erblickte. „Was tust du denn noch hier draußen mitten in der Nacht? Du solltest doch längt im Bett sein!“ „Ich habe mich verlaufen“, flunkerte Lillyan rasch. „Kommt nicht wieder vor, ehrlich. Carpe diem.“ Die fette Dame schnalzte missbilligend mit der Zunge, aber das Portraitloch schwang auf. Erleichtert schwang Lillyan sich hindurch und hörte die fette Dame noch irgendetwas von durchgeknallten Nachteulen murmeln, ehe das Portrait hinter ihr zuschlug. Zu ihrer Überraschung war der Gemeinschaftsraum leer. Ob James und Peter noch nicht zurück waren? In diesem Moment jedoch regte sich plötzlich etwas in einem der Sessel und eine große, schlanke Gestalt mit strubbeligen Haaren richtete sich daraus auf. „James?“, fragte sie leise und streifte rasch den Umhang von ihren Schultern. „Kleine!“ Keine Sekunde später stand James vor ihr und grinste von einem Ohr zum anderen. „Hat alles geklappt? Hast du es geschafft?“ „Klar.“ Lillyan lächelte erschöpft. „Tadellos. Wie lief es bei euch? Was ist mit Snape? Seid ihr erwischt worden?“ „Sag mal, Kleine, für wie unfähig hältst du mich eigentlich?“ Unbeirrt grinsend ließ James sich wieder in seinen Sessel fallen und zog sie auf einen nahegelegenen Sessel. „Es hat alles geklappt, naja, zumindest größtenteils.“ „Was soll das heißen, größtenteils?“ Beunruhigt schaute Lillyan ihn an. „Sag schon.“ „Also, pass auf, es war so“, begann James und fuhr sich mit der Hand durchs Haar, „als du weg warst habe ich mich zur Weide geschlichen, mich versteckt und habe dann gewartet. Kurze Zeit später kam Madam Pomfrey mit Moony und brachte ihn in den Tunnel, aber kaum, dass sie wieder fort war, kam Snape. Der Trottel ist gar nicht so dumm, wie er aussieht. Hatte sich mit einem Desillusionierungszauber belegt und hatte damit diesen Chamäleon-Effekt. Ich wollte ihn eigentlich mit einem Schockzauber überraschen, aber ich war noch zu weit weg und hätte wahrscheinlich nicht getroffen. Ich bin losgerannt, aber da hatte er schon mit einem Ast den Knoten an der Peitschenden Weide berührt und den Geheimgang zwischen den Wurzeln entdeckt. Also bin ich hingerannt, um ihn aufzuhalten, und konnte ihn gerade noch mit einem Schockzauber belegen, als er in den Tunnel hineingeschlittert ist. Ich bin ihm sofort in den Tunnel gefolgt, aber es war zu spät. Snape hat Remus noch gesehen, wie er verwandelt am Ende des Tunnels verschwand. Ich habe ihn gepackt und aus dem Tunnel geschleift, dann habe ich ihn in den Schatten gezerrt, ihm geschworen, dass ich ihn Remus zum Fraß vorwerfe und davor sämtliche Zaubersprüche an ihm ausprobiere, die ich kenne, wenn er zu irgendjemandem auch nur ein Wort sagt. Ich habe ihn dazu gezwungen, mir zu schwören, dass niemand etwas davon erfährt und ihn danach zurück ins Schloss gebracht und freigelassen.“ Lillyan amtete hörbar aus. „Das hast du gut gemacht, James, aber es ist trotzdem schiefgegangen. Jetzt weiß Snape von Remus‘ Geheimnis. Erzähl mir nicht, dass er dieses Wissen nicht benutzen wird, um euch zu schaden.“ „Ich glaube nicht, dass er sich das jetzt noch traut, Kleine. Ich kann nämlich sehr… überzeugend sein.“ James grinste hämisch. „Schniefelus wird nicht gut schlafen in nächster Zeit.“ „Davon bin ich überzeugt“, murmelte Lillyan und gähnte. „Wo ist Peter?“ „Bei Remus. Er braucht jetzt jemanden, der bei ihm ist, nach dem Schreck mit Snape.“ „Dann solltest du wohl auch zu ihm gehen“, bemerkte Lillyan leise, stand auf und gab ihm seinen Umhang zurück. „Ich danke dir dafür. Ohne deine Hilfe hätte ich das nie geschafft.“ „Das ist doch selbstverständlich“, gab James verschmitzt zurück. „Wir sind doch jetzt sowas wie Komplizen, oder?“ Ungläubig starrte Lillyan ihn an, als er ihre eigenen Worte verwendete. James grinste nur noch breiter und stand auf. „Ich geh dann Mal zu Moony. Du hast Recht, er braucht mich jetzt. Also dann, gute Nacht, Kleine. Und mach dich nicht verrückt.“ Dann drehte er sich um, öffnete das Portraitloch, streifte den Umhang über… und war verschwunden. Und Lillyan stand wie angewurzelt im Gemeinschaftsraum und hatte mit einem Mal das Gefühl, dass Professor Dumbledore sich um sie keine Sorgen mehr um sie zu machen brauchte, was James Potter anging.

    15
    15. Das Wunder

    Am nächsten Morgen musste Lillyan nicht früh aufstehen. Es war Sonntag und halb Hogwarts lag noch friedlich im Schlaf. Dennoch- um Punkt sieben Uhr wachte Lillyan so plötzlich auf, als hätte ihr jemand ins Ohr geschrien. Als sie auf ihren Wecker schaute, stöhnte sie genervt auf, zog sich die Decke über den Kopf und versuchte, wieder einzuschlafen, doch es klappte nicht. Es gab viel zu viel worüber sie nachdenken musste. Kein Wunder, bei einem solchen Tag wie gestern… Verschlafen schwang sie die Beine aus dem Bett und torkelte zum Spiegel hinüber. Ihr Zauberstab half ihr dabei, ihre Haare, die sich über Nacht völlig miteinander verknotet hatten, wieder in die üblichen glatten, rückenlangen dunkelbraunen Strähnen zu verwandeln und leistete ihr anschließend gute Dienste beim Verschwinden lassen ihrer Augenringe. Doch selbst bei einer ausgiebigen Dusche konnte sie sich nicht richtig entspannen. Die Erlebnisse des gestrigen Tages schwirrten ihr noch im Kopf herum und ließen sie nicht los. Gestern beim Abendessen hatte sie gar nicht darauf geachtet, wer alles zu ihr hinübersah, aber nach ihrer Panikattacke gestern auf dem Spielfeld würde sie an diesem Morgen beim Frühstück wahrscheinlich die Hauptattraktion sein. Mit einem entnervten Kopfschütteln drehte sie das Wasser ab, trocknete sich ab und zog sich rasch an, föhnte sie ihre Haare mit ihrem Zauberstab trocken und begann dann ziellos durch die verlassenen Gänge von Hogwarts zu laufen. In Gedanken versunken achtete sie nicht darauf, wohin ihre Füße sie führten, und war überrascht, als sie sich plötzlich im Glockenturmhof wiederfand. Tief atmete sie die frische, kühle Morgenluft ein und hielt ihr Gesicht in die warmen Sonnenstrahlen, bis ihr plötzlich klar wurde, warum ihre Füße sie ausgerechnet hierher getragen hatten. Direkt neben dem Glockenturm befand sich der Krankenflügel. Nur drei Treppen und zwei Türen trennten sie von Sirius. Welche Ironie, dass das der Krankenflügel der letzte Ort war, den sie heute Morgen aufsuchen würde. Sie wollte die Abscheu auf Sirius‘ Gesicht gar nicht sehen, wenn er erfuhr, dass ausgerechnet sie es war, die ihm gestern das Leben gerettet hatte. Rasch drehte sie sich um und machte sich auf den Weg zur großen Treppe. Vielleicht war um diese Zeit noch wenig los und sie konnte weitgehend unbehelligt frühstücken. Im Gobelinkorridor begegnete sie zu ihrer Freude Lily und die beiden Mädchen beeilten sich, rasch in die Große Halle zu kommen. Glücklicherweise war tatsächlich wenig los an diesem Morgen. Am Gryffindortisch saßen nur drei Siebtklässler und ein paar Zweitklässler und auch die anderen Tische waren nicht besser besetzt. Am Lehrertisch rührte Professor Flitwick vergnügt pfeifend in seinem morgendlichen Tee und Professor Barry las mit verzogenen Mundwinkeln den Tagespropheten, doch außer ihnen war der Lehrertisch leer. Lily und Lillyan setzten sich auf ihre Plätze und begannen, ihre Teller mit Essen zu beladen, während Lily Lillyan ununterbrochen zu textete, wahrscheinlich, um ihre Freundin von ihren Sorgen abzulenken. Lillyan war ihr dankbar dafür, aber dennoch half es nicht viel. Gerade, als sie sich noch ein Spiegelei nahm und sich insgeheim fragte, ob man Sorgen in Essen vergraben konnte, verstummte Lily auf einmal. Überrascht blickte Lillyan auf. „Lily? Was ist los?“ „Lillyan“, zischte Lily ihr zu, „Regulus Black starrt dich an.“ „Warte mal- Was?“ Entgeistert erwiderte Lillyan ihren Blick. „Aber warum sollte er?“ „Sieh doch selbst“, sagte Lily und deutete unauffällig zum Slytherintisch hinüber. Rasch folgte Lillyan ihrer Handbewegung mit den Augen und traf genau den Blick von Regulus. Er saß auf seinem Platz am Slytherintisch und schaute zu ihr hinüber. Als er ihren Blick bemerkte, wandte er rasch den Blick ab und starrte jetzt auf die Tischplatte unter seinen Händen. Verwirrt schüttelte Lillyan den Kopf. „Das war bestimmt nur Zufall. Vielleicht hat er auch dich angeschaut.“ „Nein, das hat er nicht. Es war eindeutig, dass du es warst, die er angesehen hat.“ Nachdenklich wiegte Lily den Kopf. „Ich werde aus diesem Typen einfach nicht schlau.“ „Versuch es gar nicht erst. Regulus ist ein Rätsel für sich.“ Ungerührt nahm Lillyan sich noch einen Löffel Baked Beans und biss in ihren Toast. „Hey, Lillyan“, erklang da auf einmal eine Stimme von links und als sie überrascht den Kopf wandte sah sie, dass Erin, ihr Quidditchkapitän, sich zusammen mit Aaron Jordan ihnen gegenüber gesetzt hatte und sie direkt anschaute. „Lillyan, wegen gestern…“, Erin räusperte sich, „ihr seid umwerfend geflogen, einfach alle. Weißt du, wie viele Punkte du geholt hast?“ „Ähm…“ Lillyan wusste beim besten Willen nicht mehr, wie oft sie getroffen hatte. „Achtzig Punkte“, sagte Erin mit einem übermütigen Glitzern in den Augen. „Der Spielstand am Ende des Spiels war dreihundertzehn zu zwanzig- einfach genial. Ihr wart toll, ihr alle, und obwohl ich mich zuerst weiß Gott darüber aufgeregt habe, dass du dich vom Besen gestürzt hast, anstatt weiterzukämpfen, obwohl wir doch schon Sirius verloren hatten…“ Nervös fuhr er sich durch das honigbraune Haar. „Ich möchte dir danken, Lillyan. Professor McGonagall hat vorhin mit mir gesprochen und gemeint, ohne dich hätte Sirius es wohl… nicht geschafft. Das war riskant von dir, und sehr gefährlich, aber verdammt noch mal sehr mutig. Du hast einem von uns das Leben gerettet. Ich bin stolz darauf, dich in meinem Team haben zu dürfen.“ Die Ehrlichkeit in seinem Blick brachte alles zum Überlaufen; Lillyan stiegen die Tränen in die Augen. „Hey, ist ja gut“, sagte Erin tröstend, als er sah, wie sie mit den Tränen kämpfte, und im nächsten Moment war er bei ihr und zog sie von der Bank hoch in seine Arme. „Schsch, ganz ruhig. Es ist alles in Ordnung. Du hast es geschafft, Lillyan. Es ist vorbei.“ Sie vergrub das Gesicht in seinem Umhang und hielt sich an ihm fest. Es tat so gut, von jemandem in den Arm genommen zu werden. „Hör mal, Lillyan“, drang Erins Stimme von oben leise an ihr Ohr, „du bist wie eine kleine Schwester für mich geworden in all den Jahren. Jemand, der mir viel bedeutet und den ich beschützen werde, wenn es sein muss. Wenn dir also irgendjemand dumm kommt wegen der Sache gestern, und sei es Sirius selbst, dann werde ich mir diesen Jemand persönlich vorknöpfen, hast du mich verstanden?“ Lillyan schniefte, doch sie ließ ihn los und nickte. „Danke, Erin“, murmelte sie und musste stockend lachen. „Keine Ursache.“ Erin drückte ihr sanft die Schulter und schob sie dann zurück auf die Bank. „Und jetzt iss noch etwas, du brauchst all deine Kräfte. Du weißt ja, wo du mich findest, wenn du mich brauchst.“ Lillyan nickte erneut und grinste verlegen. Erin grinste ihr noch einmal verschwörerisch zu, dann schnappte er sich Aaron und die beiden machten sich auf den Weg nach draußen. „Ach, Erin?“, rief Lillyan ihm noch nach. „Weißt du eigentlich, was mit meinem Besen passiert ist?“ „Dein Besen?“, rief Erin zurück. „Den hat Christina später entdeckt, wie er einsam und allein um den Astronomieturm kreiste. Lea ist hochgeflogen und hat ihn zurückgeholt. Madam Hooch hat ihn mitgenommen, um einige kleinere Schäden auszubessern, sie meinte, sie gibt ihn dir, wenn er wieder heil ist.“ Lillyan fiel ein Stein vom Herzen. „Danke!“ rief sie ihm noch zu und dann verschwanden die beiden nach draußen. „Weißt du“, sagte Lily kopfschüttelnd, „die beiden sind zwar nett aber auch irgendwie verrückt. Total verrückt.“ Lillyan musste lachen. Ihr war schon viel leichter ums Herz. „Was wäre diese Welt ohne ein bisschen Verrücktheit?“, gab sie zurück und aß ihren Toast auf. „Komm, lass uns ein bisschen im Schloss herumlaufen. Wenn jetzt jeder zu mir kommt, um sich bei mir zu bedanken oder mich dumm anzuglotzen, dann bin ich heute Abend ein einziges Nervenbündel.“ „Einverstanden.“ Lily stand auf und nebeneinander liefen sie aus der Halle. Sie waren gerade im dritten Stock angekommen, als es plötzlich über ihnen laut knallte. Lily schrie vor Schreck laut auf und machte einen Satz, während Lillyan beinahe auf dem Konfetti ausrutschte, das plötzlich von der Decke auf sie herabrieselte. Rosa Konfetti. Verwirrt hob sie den Kopf und schaute Lily an. Ihre beste Freundin schaute genauso verwirrt aus der Wäsche wie sie selbst, doch bei ihrem Anblick konnte Lillyan sich nicht mehr halten und begann, schallend zu lachen. Auf Lilys Kopf war ein papierener, rosa-orange gepunkteter Partyhut befestigt und sie war von oben bis unten mit bunten Luftschlangen bedeckt. „Was? Was ist los?“ Verständnislos schaute Lily sich um und sah Lillyan an. „Warum lachst du? Und ist das etwa Herzchenkonfetti?“ Da begann sich plötzlich hinter ihnen jemand vor Lachen auszuschütten und die beiden Mädchen fuhren herum. James Potter stand auf dem Treppenabsatz und musste sich am Treppengeländer festhalten, um nicht umzufallen. Mit tränenden Augen trat er schließlich zu Lily und hielt ihr ein rosafarbenes Herz aus Papier hin. „Evans, willst du nächste Woche mit mir nach Hogsmeade gehen?“ Lillyan konnte nicht mehr an sich halten, als sie Lilys Gesichtsausdruck sah, und musste so heftig lachen, dass sie davon Seitenstechen bekam. „Hast du es nicht ein bisschen übertrieben, James?“, brachte sie schließlich heraus, als Lily stumm blieb und offenbar sowohl überrumpelt, ärgerlich als auch belustigt war. „Naja, ich dachte, vielleicht war ich ihr bisher zu unromantisch, also wollte ich ihr zeigen, dass ich auch anders sein kann“, antwortete James und zerbiss sich dabei fast die Lippe, um nicht erneut laut loszulachen. Lily sah aber auch wirklich zu komisch aus, wie sie mit Partyhut, Konfetti und Luftschlangen bedeckt unter dem herabschwebenden Herzchenkonfetti stand und James mit Todesblicken durchbohrte, obwohl es eindeutig war, dass auch sie sich krampfhaft das Lachen verbeißen musste. „Komm schon, Evans, bitte! Brich mir nicht wieder das Herz!“ Theatralisch fasste James sich an die Brust, doch obwohl er so übertrieb war es doch eindeutig, dass er es ernst meinte. Einige Schüler kamen auf dem Weg zur Großen Halle an ihnen vorbei und lachten, als sie die drei unter dem rosafarbenen Konfettinebel entdeckten. Manche blieben sogar stehen, um zuzusehen, wie die Situation sich weiter entwickelte. Peinlich berührt wischte Lily sich etwas Konfetti von der Nasenspitze, schüttelte die Luftschlangen ab und rang einen Moment lang nach Worten. „Du spinnst doch“, stieß sie schließlich hervor und konnte sich ein Grinsen nicht mehr rechtzeitig verkneifen. „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass du mich auf diese Weise ködern kannst?“ „Ach Evans, sei doch nicht so“, bat James mit einem charmanten Augenaufschlag. „Nur ein Date! Glaub mir: Du hast keine Ahnung, was dir ohne mich entgeht!“ Die Umstehenden lachten. Lily verdrehte die Augen gen Himmel, aber als sie einfach an ihm vorbeilaufen wollte, trat er ihr in den Weg. „Dann nimm wenigstens das hier, Evans. Als kleine Würdigung meiner Mühen.“ Mit beiden Händen hielt er ihr das Papierherz entgegen. Einen Moment lang starrte Lily ihn fassungslos an, dann zuckte sie schließlich die Schultern, nahm es von ihm entgegen und rauschte an ihm vorbei den Gang hinunter. Mit einem Seitenblick auf James, der mit rosa Konfetti im Haar zurückblieb und Lily nachsah, folgte Lillyan ihrer Freundin. „Ach übrigens, Whiteley, denk daran: Du schuldest mir noch was!“, rief James ihr hinterher und sein leises Lachen klang in ihren Ohren. Verwirrt sah Lily sich zu ihr um. „Was meint er?“, erkundigte sie sich. „Keine Ahnung“, murmelte Lillyan und rieb sich angespannt die Stirn. James hatte Recht, sie musste mit Lily reden, und zwar bald. Immerhin hatte er ihr geholfen und jetzt wollte sie sich dafür revangieren. Nachdenklich lief sie neben Lily her, die jetzt fluchend den Partyhut aus ihren Haaren löste und die Luftschlangen abschüttelte. „Wenigstens war er dieses Mal ein bisschen kreativer als sonst“, bemerkte Lillyan trocken und half ihrer Freundin dabei, das Konfetti aus ihrem Haar zu lösen. „Hmpf“, grummelte Lily und zupfte Lillyan ebenfalls Konfetti aus dem Haar. „Wenn du mich fragst, ist er deutlich über sein Ziel hinausgeschossen. So, jetzt ist alles Konfetti weg.“ „Danke.“ Erleichtert betrachtete Lillyan Lily. „Bei dir auch. Ich…“ Sie kam nicht weiter. Aus einem nahegelegenen Gang ertönten schnelle, energische Schritte und keine Sekunde später kam Professor McGonagall um die Ecke gerauscht, Remus dicht auf den Fersen. Überrascht blieb Lillyan stehen, als sie die Gesichter von Remus und ihrer Lehrerin erblickte. Remus war leichenblass im Gesicht und in seinen Augen stand die pure Verzweiflung, während Professor McGonagall verwirrt, irritiert und verärgert zugleich wirkte. „Was ist denn jetzt los?“, murmelte Lily neben Lillyan und hielt ebenfalls inne, als Professor McGonagall sich Lillyan zuwandte und Remus mit aller Macht versuchte, sie aufzuhalten. „Professor bitte, ich kann das erklären… es war nicht die Schuld von Lillyan, dass…“ „Um Himmels Willen, Lupin, es reicht jetzt!“ Ärgerlich fuhr die Lehrerin zu ihm herum und fixierte ihn mit blitzenden Augen. „Ich habe keine blasse Ahnung, wovon Sie reden, und jetzt verziehen sie sich, bevor ich es mir anders überlege und ihnen eine Strafarbeit gebe!“ Resigniert trat Remus einige Schritte zurück, fing aber Lillyans Blick auf und warf ihr einen entsetzten Blick zu. Lillyan wurde eiskalt. Professor McGonagall sah sehr ernst aus. Verdammt. Snape musste gepetzt haben, und jetzt saß sie gewaltig in der Klemme. Sie würde von der Schule fliegen, und Sirius und James gleich hinterher. Wobei- Moment mal, Snape wusste doch eigentlich gar nichts davon, dass sie ihre Finger mit im Spiel gehabt hatte! Hatte James sie verraten? Nein, das würde er nicht tun. Allein schon Lilys wegen. Außerdem hatte sie das Gefühl, dass er sie seit letzter Nacht sogar mochte. Warum aber kam Professor McGonagall dann mit einer Miene zu ihr, als wäre jemand gestorben? Gestorben… Oh Gott. Sirius. Was, wenn… Professor McGonagall setzte Lillyans Gedankenchaos ein Ende, indem sie vor ihr stehen blieb und die Stimme senkte. „Ich bin froh, dass ich Sie endlich gefunden habe, Miss Whiteley. Es handelt sich um eine dringende Angelegenheit. Es geht um Mister Black.“ Lillyan war, als sinke ein Tonnengewicht auf ihre Schultern herab. Oh verflixte Kessel. Das konnte doch einfach nicht wahr sein! Voller Angst starrte sie ihre Hauslehrerin an und brachte kein Wort heraus. Professor McGonagall erwiderte ihren Blick ernst und in ihren Augen lag eine Besorgnis, die Lillyan augenblicklich das Herz in die Hose rutschen ließ. „Ich müsste bitte mal mit Ihnen unter vier Augen sprechen, Miss Whiteley. Jetzt sofort.“ „Oh, ähm- ja klar, natürlich.“ Noch immer völlig unter Schock drehte Lillyan sich zu Remus und Lily um. „Geht ihr beiden schon mal vor in den Gemeinschaftsraum? Ich komme dann später nach.“ Die beiden nickten wortlos. Lily schaute verwirrt und besorgt, Remus jedoch sah genauso ängstlich aus, wie Lillyan sich fühlte. Professor McGonagall wartete noch einen Augenblick lang, bis die beiden um die nächste Ecke verschwunden waren, dann schaute sie Lillyan fest in die Augen. „Hören Sie, Whiteley“, begann sie umständlich, „ich hätte Sie ja nicht damit konfrontiert, wenn es nicht wirklich wichtig wäre. Mir ist durchaus bewusst, dass Sie und Mister Black kein sehr gutes Verhältnis mehr zueinander haben, aber in diesem Fall…“, sie zuckte entmutigt mit den Schultern, „weiß ich einfach nicht, was wir sonst tun sollten. Es ist so: Seit Black gestern nach Ihrer waghalsigen Rettungsaktion im Krankenflügel gelandet ist, verhält er sich sehr seltsam. Madam Pomfrey meint, eigentlich solle der Schlaftrank, den sie ihm gegeben hat, viel länger anhalten, aber seit heute Morgen liegt er nur noch im Halbschlaf, und ist völlig apathisch. Er wälzt sich ununterbrochen von einer Seite auf die andere und murmelt unsinnige Dinge vor sich hin. Naja, zumindest ist das Meiste davon unsinnig, aber…“, Professor McGonagall holte tief Luft, „er sagt auch Ihren Namen. Immer wieder.“ Lillyan war wie vor den Kopf geschlagen. Fassungslos starrte sie die Lehrerin an. „Er tut… was?“, flüsterte sie erstickt. „Er sagt Ihren Namen“, wiederholte Professor McGonagall sanft. „Er schläft, aber er ruht nicht. Er ist unruhig und wiederholt wieder und wieder Ihren Namen. Ich glaube zwar nicht, dass er das bewusst tut, aber wenn sein Unterbewusstsein sich so sehr danach sehnt, bei Ihnen zu sein, dann kann er keine Ruhe finden und somit auch nicht heilen.“ Ein ersticktes Keuchen rang sich aus Lillyans Kehle. Sirius. Nein, nein, nein! Das konnte nicht wahr sein! Nach all der Zeit hatte sie gedacht… aber… Oh Himmel, ob das wirklich stimmte? Ob sich sein Unterbewusstsein nach ihrer Anwesenheit sehnte? Aber warum? Wobei- war der Grund dafür überhaupt wichtig? In ihrer Brust begann mit einem Mal etwas hoffnungsvoll zu pochen, wurde lauter und schneller und ganz plötzlich hatte Lillyan das Gefühl, zum ersten Mal seit vier Monaten wieder richtig Luft zu bekommen. Wie befreit schnappte sie nach Luft, rang nach Atem, konnte nicht genug bekommen von der süßen, kühlen Luft, die in ihre Lunge strömte. Und erst da wurde ihr plötzlich klar, dass es ihr Herz war, das da so verzweifelt pochte. Über all die endlosen Wochen hinweg war es so reglos wie Stein geworden, doch allein die Worte von Professor McGonagall hatten ausgereicht, um den Stein, der sich wie eine Schicht außen um ihr Herz gelegt hatte, in eine Million kleine Teilchen zerbersten zu lassen. „Ist das… ist das wirklich wahr, Professor?“ stieß Lillyan schließlich hervor. „Und sagen Sie: Hat er meinen Vornamen benutzt? Hat er tatsächlich Lillyan gesagt?“ „Ja, das hat er. Und ich kann gar nicht sagen, wie oft.“ Mit nachdenklichem Gesichtsausdruck beobachtete die Lehrerin Lillyan, die krampfhaft versuchte, diese Neuigkeiten zu verarbeiten. Sirius. Er hatte sie beim Vornamen genannt, so, als wären sie noch Freunde. Ob er bereute, was er getan hatte? Was er damals gesagt hatte? Oh Grundgütiger… „Ich weiß, vielleicht kann ich es nicht von Ihnen verlangen, Miss Whiteley“, schaltete sich Professor McGonagall jetzt sanft wieder ein, „aber ich weiß nicht ein noch aus mit diesem Jungen. Wenn er sich nicht entspannt, dann kann sich sein Zustand nicht verbessern und Madam Pomfrey kann ihn nicht heilen. Die Situation ist völlig außer Kontrolle, und da Black Ihnen, als Sie letztes Jahr krank waren, so gutgetan hat und Sie jetzt offensichtlich braucht, dachte ich, es wäre das Beste, Sie zu…“ Weiter kam sie nicht, denn Lillyan umarmte sie so stürmisch, dass sie beinahe das Gleichgewicht verlor. „Huch, Whiteley, was soll das denn werden?“ brachte sie heraus und erwiderte Lillyans Umarmung etwas unbeholfen, doch Lillyan hörte gar nicht hin. Hoffnung keimte in ihr auf, so jäh und hell, dass sie sie fast umwarf. Sirius hatte ihren Namen gesagt. Er war nicht bei Bewusstsein, aber er hatte ihren Namen gesagt. Er brauchte sie. Er wollte sie bei sich haben. Lillyan konnte es kaum fassen. „Ich muss zu ihm“, stieß sie hervor. „Jetzt sofort!“ Erstaunt entdeckte Lillyan ein verstecktes Lächeln auf dem Gesicht ihrer Lehrerin. „Gehen Sie nur, Miss Whiteley. Madam Pomfrey weiß Bescheid. Sie wird Sie hineinlassen.“ Das war alles, was Lillyan wissen musste. Mit einem letzten, eiligen „Vielen Dank, Professor!“ rannte sie los, als wären die dunkelsten Zauberer der Welt geschlossen hinter ihr her. Als sie die große Treppe erreichte, stürmte sie diese in einer Geschwindigkeit hinauf, die nicht nur leichtsinnig, sondern schon beinahe lebensgefährlich war, und rannte dann in einen nahegelegenen Korridor. Da, dort war die Türe zum Krankenflügel. Lillyan hastete darauf zu, wurde dann jedoch langsamer und blieb schließlich unschlüssig vor der Türe stehen. Ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals vor ungeduldiger Erwartung und Nervosität. Was, wenn er erwachte und wütend auf sie war, wenn er sie an seinem Bett vorfand? Nein. Entschlossen schüttelte sie den Kopf. Sirius brauchte sie, und sie würde ihn um nichts in der Welt im Stich lassen. Langsam drückte sie die Türklinke zum Krankenflügel hinunter, um sicherzustellen, dass sie nicht quietschte, dann hielt sie einen Augenblick lang inne und öffnete die Türe einen Spalt. Vorsichtig schob die den Kopf durch die Türe und linste in den Raum. Der Krankenflügel lag still da, die Morgensonne schien durch die großen Fenster in den Raum und erhellte die leeren, weißen Betten und den Gang in der Mitte. Nur in einem der Betten auf der linken Seite lag ein großer, dunkelhaariger Junge… Sirius. Wie von einer unsichtbaren Macht getrieben schob Lillyan sich durch die Türe, schloss sie leise hinter sich und ging langsam auf ihn zu. Sirius lag auf der Seite, seine dichten, schwarzen Locken waren auf seinem Kopfkissen ausgebreitet und sein Gesicht war noch immer blass. Um seinen Kopf war ein riesiger, weißer Verband gewickelt, aber er war am Leben. Das war alles, was zählte. Und dann, gerade, als Lillyan an den ersten Betten vorbeilief, öffnete Sirius plötzlich die Augen. Wie angewurzelt blieb sie stehen, als er blinzelte und sein Blick durch den Raum glitt. Mit einer Hand tastete er nach seinem Kopf, als wunderte er sich darüber, dass er auf einmal so schwer geworden war, doch dann entdeckte er sie, wie sie nur wenige Meter von ihm entfernt stand, und erstarrte mitten in der Bewegung. Die Zeit schien stehen zu bleiben, als Lillyan und Sirius sich zum ersten Mal seit Monaten wieder richtig in die Augen sahen. Lillyans Atem stockte. Und dann blitzten Sirius‘ Augen auf einmal auf und ihr blieb das Herz stehen. „Lilly-An.“ Der Klang ihres Spitznamens, der in der morgendlichen Stille des Raumes in der Luft lag, traf sie wie der zarte Duft von Hyazinthen an einem lauen Frühlingstag. Alle Anspannung fiel auf einmal von ihr ab, alles, was in den letzten Monaten geschehen war, verblasste und wurde zu einem unwichtigen grauen Schleier irgendwo ganz hinten in ihrem Kopf. Es war ein einziges Wort aus seinem Mund- ein Wort, das alles auf einen Schlag veränderte. Lillyan schnappte erstickt nach Luft, das leise Geräusch hallte in dem großen Raum wider. „S… Sirius?“, flüsterte sie fassungslos. „Lillyan!“ Jetzt klang seine Stimme schon kräftiger, entschlossener, und dann breitete sich auf seinen perfekten Gesichtszügen auf einmal ein Lächeln aus, das strahlender war als die Sonne. Ihr Atem ging schnell und flach, als er den Kopf hob und sich auf seinen Ellenbogen stützte, den Blick immer noch auf sie gerichtet, ganz so, als könne er genauso wenig glauben wie sie, was er sah. „Lillyan, du bist hier!“ Die Freude in seinen dunklen Augen kribbelte auf ihrer Haut wie tausend Ameisen und auf einmal vergaß sie alle Bedenken. Ohne Rücksicht auf die Logik, die in ihrem Kopf gerade die Vermutung anstellte, dass er bei seinem Aufprall auf dem Boden vermutlich den Verstand verloren hatte, rannte sie zu ihm hinüber und sank neben ihm auf die Knie. Theoretisch wäre ein Gedächtnisverlust zwar momentan die einzig vernünftige Erklärung für sein Verhalten ihr gegenüber, aber irgendetwas in ihrem Inneren hatte sich ihrer Kontrolle entzogen und scherte sich nicht länger um Vernunft. Sirius‘ Wohlergehen war das Einzige, das ihr jetzt wichtig war. „Wie geht es dir?“, flüsterte sie besorgt und versuchte, ihren wilden, unkontrollierten Herzschlag zu ignorieren, der dafür sorgte, dass das Blut in Rekordgeschwindigkeit durch ihre Adern floss. Sirius‘ Lächeln wurde sanft und ein Hauch von Zärtlichkeit trat auf seine Züge, als er sie ansah, als ob er sie gar nicht lange genug ansehen könnte. „Mir geht es gut, Lilly-An“, sagte er, seine tiefe, warme Stimme war noch ein wenig rau vom Schlaf, als er ihr tief in die Augen sah. „Dank dir.“ Einen Moment lang war Lillyan wie vor den Kopf geschlagen. Er wusste, was geschehen war? Aber woher? War er nicht bis gerade eben noch ausgeknockt gewesen? Und wie… „Es tut mir leid, Lillyan.“ Sie erstarrte. „Was?“ Der erstickte Laut klang selbst in ihren Ohren nicht so, als hätte sie ihn ausgestoßen. „Es tut mir leid“, wiederholte Sirius und seine Augen sprühten vor Ehrlichkeit und tiefem Bedauern. „Erst diese Sache mit Snape vor den Ferien und jetzt das… Ich habe mich wie ein Idiot verhalten, die ganze Zeit, die ganzen letzten Monate lang, und es tut mir unendlich leid. Lillyan- kannst du mir noch einmal verzeihen?“ Alles in ihrem Inneren kam mit einem lauten Krachen zum Stillstand. Alles hatte sie erwartet, alles- aber nicht das. Niemals, dass er sich bei ihr entschuldigen würde. Es tat ihm leid? Es tat ihm tatsächlich leid? Bedeutete sie ihm etwa doch etwas? Hatte James Recht gehabt? War sie ihm niemals wirklich egal gewesen? In ihrem Kopf fuhren die Gedanken Karussell. „Lillyan?“ Ein Hauch von Unsicherheit und leiser Furcht lag in Sirius‘ Stimme, als er zögerlich eine Hand nach ihr ausstreckte und sie sanft auf eine ihrer geballten Fäuste legte. „Meinst du… meinst du das etwa wirklich ernst?“ Lillyan konnte es noch immer nicht fassen. „Selbstverständlich meine ich das ernst!“ Seine dunklen Augen waren voller Reue und voll lebhafter Aufrichtigkeit. „Glaubst du wirklich, dass mir deine Freundschaft jemals nichts bedeutet hat? Wie konntest du nur damals, nach Alledem, was wir zusammen erlebt haben, so leicht denken, dass du mir nichts bedeutest?“ Seine Worte waren wie eine sanfte Liebkosung, wie ein kühler Regenschauer an einem heißen Sommertag. Lillyan konnte nicht mehr denken, sie war wie erstarrt. „Ich wollte dir das damals erklären, als du dich wegen der Sache mit Snape so aufgeregt hast, aber du hast mir keine Zeit dazu gegeben, auch nur den Mund aufzumachen, sondern bist sofort auf und davongerannt. Ich habe versucht, später mit dir zu reden, aber jedes Mal kam etwas anderes dazwischen und dann hast du auf einmal begonnen, mich zu missachten. Aus irgendeinem Grund hat mein Stolz mich davon überzeugt, dass du nichts mehr mit mir zu tun haben willst und ich habe begonnen, unterbewusst einen Groll auf dich zu entwickeln… aber nicht etwa, weil ich dich nicht mehr mochte, sondern weil ich dachte, dass ich dir nichts mehr bedeutete, verstehst du? In den Ferien, ich…“, er schlug schuldbewusst die Augen nieder, „ich wollte zu dir kommen. Mich bei dir entschuldigen, aber ich wusste nicht, wo du wohnst. Als ich dir einen Brief schreiben wollte, hat Krone, der zu diesem Zeitpunkt bei mir zu Besuch war, mich davon abgehalten, weil er gemeint hat, dass du diesen Brief wahrscheinlich gegen mich verwenden würdest, sobald wir wieder in Hogwarts wären. Ich weiß nicht, warum ich ihm geglaubt habe, Lillyan- ich wünschte, ich wüsste es. Und dann, nach den Ferien… ich habe nach einer Gelegenheit gesucht, aber irgendwie hat sich keine geboten und allmählich hatte ich wirklich das Gefühl, dass ich dir völlig egal war, also habe ich es aufgegeben und versucht es zu akzeptieren aber… es war unmöglich.“ Mit weit aufgerissenen Augen starrte Lillyan ihn an. Das was er ihr sagte erschien ihr alles so logisch. Mit einem Mal ergab das Ganze einen Sinn. „Unmöglich?“, hauchte sie tonlos. „Unmöglich“, bestätigte Sirius ernüchtert und sah sie eindringlich an. Seine Augen schienen zu brennen. „Lillyan, die Freundschaft mit dir hat mich gerettet. Du hast mich aufrechterhalten, du hast dafür gesorgt, dass ich nicht vor Arroganz übergelaufen bin, du hast mich zurückgehalten, wenn ich auf Snape losgegangen bin. Du hast mir Sicherheit gegeben, Lillyan, einen Halt- etwas Wertvolleres als alles, was ich je zuvor im Leben erfahren habe. Meine Familie hat es nie vermocht, mir zu geben, was ich brauchte, selbst James, Remus und Peter konnten das nicht, aber du… du kannst das, Lillyan. Und allein der Gedanke, dich verloren zu haben, war für mich unerträglich.“ Sanft bog er mit seiner Hand ihre verkrampften Finger auf, schob seine Hand in ihre Hände. „Ich brauche dich, Lillyan. Ich brauche die Freundschaft mit dir wie nichts Anderes. Was ich getan habe tut mir unglaublich leid, aber ich kann es jetzt nicht mehr rückgängig machen. Nimmst du meine Entschuldigung an?“ Seine Augen brannten noch immer vor Ehrlichkeit, Sorge und Anspannung. Lillyan stiegen bei seinen Worten die Freudentränen in die Augen stiegen. „Ja“, stieß sie schließlich hervor und hatte das Gefühl, als würden ihr tausend Steine gleichzeitig vom Herzen fallen. Ungläubig lachte sie auf, völlig überrumpelt, dass sich all ihre Sorgen auf einen Schlag in Luft aufgelöst hatten. „Ja, das tue ich. Mir tut es übrigens auch leid. Sehr sogar.“ „Das muss es nicht. Es war meine Schuld.“ Sirius‘ tiefe Stimme war ernst, doch seine Augen strahlten vor Freude und Erleichterung wie die Sterne. „Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll, Lillyan.“ „Du musst dich nicht dafür bedanken, dass ich deine Entschuldigung annehme.“ Trotz ihres unbeschreiblichen Glücks runzelte Lillyan verwirrt die Stirn. Was sollte das denn nun werden? „Doch nicht dafür, du Blitzmerkerin“, neckte Sirius sie und sie stellte überrascht fest, dass sie kurz davor war zu kichern. Gott, sie hatte vergessen, wie schön es war, mit Sirius herum zu flachsen. „Nein, es geht nicht darum“, kam er zum Thema zurück und wurde wieder ernst. Sehr ernst. „Es geht um gestern, Lillyan. Ich weiß, was geschehen ist- Krone hat mir einen Brief auf die Krankenstation geschmuggelt, den ich gelesen habe, als ich heute Morgen kurz aufgewacht bin. Darin stand alles, was ich wissen musste. Offenbar wollte James mit diesem Brief einen Fehler wieder gutmachen.“ Lillyan schluckte, sie hatte plötzlich einen Kloß im Hals. James hatte sich bei ihr entschuldigen wollen, dass er zwischen ihr und Sirius Zwietracht gesät hatte, und hatte anstatt einer Entschuldigung alles wieder in Ordnung gebracht. Sie würde sich bei ihm dafür revangieren. So bald wie möglich. „Das gestern Morgen mit Snape…“, fuhr Sirius fort, „ich weiß nicht, was da in mich gefahren ist. Ich hätte es ihm niemals sagen dürfen. Ich weiß, es ist eine schlechte Entschuldigung für mein Verhalten wenn ich sage, dass ich gestern ziemlich durch den Wind war, aber es ist so.“ Er lächelte gequält. „Ich hatte zu jeder Zeit vor, ihn rechtzeitig aufzuhalten, aber ich hatte nicht damit gerechnet, beim Quidditchspiel außer Gefecht gesetzt zu werden. Ich gebe zu, ich kann mich an nichts mehr erinnern, was nach dem Klatscher geschah. Das Letzte, von dem ich weiß, ist ein lauter Knall und ein heftiger Schmerz, und dann… nichts. Totaler Blackout. Erst heute Morgen so um halb fünf bin ich wieder zu mir gekommen, habe James‘ Brief gelesen und bin beinahe durchgedreht. Was du alles für mich getan hast, Lillyan, ist unfassbar. Jeder normale Mensch wäre einfach zu McGonagall oder zu Dumbledore gegangen, und was tust du? Du setzt dein eigenes Leben und deine Zukunft auf einmal aufs Spiel, um dich mit jemandem, der dich auf den Tod nicht ausstehen kann, zu verbünden, dann die halbe Nacht lang draußen herumzurennen und mir damit verflucht noch einmal den Hals zu retten. Nur deinetwegen bin ich nicht schon längst rausgeworfen worden oder in Azkaban gelandet- von deiner lebensgefährlichen Rettungsaktion ganz zu schweigen. Lillyan, ohne dich wäre ich jetzt tot.“ Lillyan wusste nicht, was sie sagen sollte. Sirius‘ Augen hielten ihren Blick gefangen, voller Zuneigung, Erleichterung… Dankbarkeit. „Ich habe nicht verdient, was du für mich getan hast“, sagte er schließlich leise. „Und ein bloßer Dank reicht längst nicht aus, um die Sache wieder gutzumachen, aber ich werde versuchen, mich deines Geschenks würdig zu erweisen. Das ist alles, was ich momentan tun kann. Ich will wieder mit dir befreundet sein, Lillyan- ich will mit dir reden, mit dir lachen, mit dir zusammen irgendwelche Pläne aushecken. Es ist mir völlig gleichgültig, was wir tun, solange wir dabei nur zusammen sind.“ Wie zur Bekräftigung seiner Worte drückte er ihre Hand und sah sie fragend an. „Was… was sagst du?“ Lillyan rang einen Augenblick lang nach Worten, dann nahm sie all ihren Mut zusammen und überwand auch ihre letzten Zweifel. „Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh es mich macht, diese Worte aus deinem Mund zu hören. Natürlich will ich mit dir befreundet sein, Sirius- wie könnte ich das nicht? Du bringst mich zwar manchmal an den Rand der Verzweiflung, aber ich würde dennoch um nichts in der Welt auf deine Gesellschaft verzichten.“ Ein glückliches Grinsen breitete sich auf Sirius‘ Gesicht aus und einen Moment lang dachte sie sogar, dass er sie küssen würde, aber nur einen Moment lang. Wir sind nur Freunde, rief sie sich hastig ins Gedächtnis, er braucht mich vielleicht, aber er liebt mich nicht. Sie musste sich zurückhalten, sonst würde sie seine Freundschaft schneller wieder loswerden als sie ertragen konnte. „Wie geht es deinem Knöchel?“, erkundigte er sich plötzlich sorgenvoll. „In James Brief steht, du hättest ihn dir bei deinem Sturz gebrochen.“ „Alles in Ordnung. Professor McGonagall hat ihn mir in einer Minute geheilt“, beruhigte Lillyan ihn. „Im Übrigen bin ich nicht gefallen.“ Diese letzten Worte waren ihr einfach so herausgerutscht, aber Sirius starrte sie an, als wären ihr drei weitere Köpfe gewachsen. „Was soll das heißen, du bist nicht gefallen? James hat geschrieben, du wärst vor lauter Schreck über meinen Sturz in die Tiefe getorkelt und weiter unten vom Besen gefallen.“ „James hat es nicht gesehen, er war mit dem Schnatz beschäftigt, der just in diesem Moment aufgetaucht ist“, erklärte Lillyan ihm widerwillig. „Als du gestürzt bist, habe ich mit meinem Besen einen Sturzflug gemacht und um schneller bei dir zu sein bin ich die letzten vier Meter… gesprungen.“ „Sekunde mal.“ Ungläubig starrte Sirius sie an. „Du bist aus vier Metern Höhe von deinem Besen gesprungen, nur um schneller bei mir zu sein? Du hast dir für mich DEN KNÖCHEL GEBROCHEN?“ Lillyan biss sich auf die Lippe, wich seinem Blick aus… und nickte. Sirius keuchte nur fassungslos auf. „Wie konntest du nur so leichtsinnig sein? Du hättest dir doch locker das Genick brechen können!“ „Es musste schnell gehen“, sagte Lillyan leise. „Hätte ich auch nur eine Sekunde länger gebraucht, hätte ich es vielleicht nicht mehr geschafft, dich…“ Sie konnte nicht weitersprechen, aber Sirius verlangte es auch nicht von ihr. Er starrte sie nur mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Verärgerung an. „Ich kann nicht sagen, dass ich für deine Rettungsaktion undankbar bin“, sagte er schließlich gedehnt, „aber ich will nicht, dass du wegen mir Schmerzen leidest. Mach so etwas nicht noch einmal, klar?“ „Klar“, murmelte Lillyan lahm, in dem Wissen, dass sie ihr Versprechen jederzeit brechen würde, sobald er auch nur ansatzweise in Gefahr schwebte. Allerdings brauchte sie ihm das ja nicht auf die Nase zu binden. Gerade, als Sirius schon wieder den Mund öffnen wollte, um noch etwas zu ihr zu sagen, flog mit einem Mal die Türe von Madam Pomfreys Büro mit einem lauten Krachen auf und Madam Pomfrey kam herausgestürmt. Blanke Wut legte sich auf ihr Gesicht, als sie Sirius und Lillyan erblickte, die ihr beide mit großen Augen entgegenschauten. „MISTER BLACK, WAS GLAUBEN SIE EIGENTLICH WAS SIE DA GERADE TUN?“, kreischte sie und stürmte wie ein unheilverkündender Teufelsengel auf die beiden zu. „Madam Pomfrey, wir…“ Sirius unterbrach sich und wusste ganz offensichtlich nicht weiter. „SIE DÜRFEN NOCH ÜBERHAUPT NICHT WACH SEIN, GESCHWEIGE DENN MIT JEMANDEM REDEN! WOLLEN SIE IHREN VERSTAND VERLIEREN?“ „Nein, natürlich nicht.“ Zerknirscht sah Sirius zu ihr auf, als sie wutschnaubend vor ihm stehenblieb. „Es tut mir Leid, Madam. Wir mussten dringend etwas klären.“ „Es ist mir egal, was Sie klären mussten“, fauchte Madam Pomfrey und durchbohrte ihn mit zornigen Blicken. „Wenn dabei Ihr Verstand auf dem Spiel steht, dann sehe ich rot! Sie legen sich sofort wieder hin, ab jetzt wird kein Wort mehr gesprochen! Sie brauchen Schlaf!“ Sirius‘ Blick huschte zu Lillyan, aber diese reagierte augenblicklich. „Ich bleibe bei dir“, versprach sie und stand auf, um sich einen Stuhl neben sein Bett zu ziehen. „Schlaf jetzt, Sirius, ruh dich aus. Schlaf dich gesund, damit dein brillantes Gehirn wieder verrückte Ideen ausbrüten kann.“ Sirius ließ sich zurück in die Kissen sinken und erwiderte ihr Grinsen dankbar, bevor er die Augen schloss. „Danke“, murmelte er noch, bereits im Halbschlaf, dann, nach ein paar Sekunden, wurde sein Gesicht friedlich und seine Atmung ruhig. „Er ist eingeschlafen“, sagte Lillyan leise und sah zu Madam Pomfrey auf. Diese war ihr nur einen nachsichtigen Blick zu und stolzierte hocherhobenen Hauptes zurück zu ihrem Büro. „Wehe, Sie wecken Ihn auf“, drohte sie noch über die Schulter, dann verschwand sie im Büro und schloss die Türe hinter sich. Stille legte sich über den Krankenflügel, nur die Vögel hörte man leise durch die Fenster hindurch zwitschern. Und Lillyan saß auf dem Stuhl neben Sirius‘ Bett, lauschte auf seine regelmäßigen Atemzüge und hatte das Gefühl, noch nie zuvor in ihrem ganzen Leben so glücklich gewesen zu sein.

    *
    Eine Woche lang blieb Sirius im Krankenflügel, doch schon diese paar Tage reichten aus, um Lillyan zum glücklichsten Menschen von ganz Hogwarts zu machen. Ihre Freundinnen erkannten sie inzwischen kaum mehr wieder, doch sie selbst wusste insgeheim, wer sie war- sie war wieder zu dem temperamentvollen, fröhlichen, lebensfrohen Mädchen geworden, das sie vor ihrem ersten Streit mit Sirius gewesen war. Beim Essen lachte und scherzte sie so laut mit den anderen Gryffindors, dass immer wieder der ganze Tisch in Gelächter ausbrach, im Unterricht legte sie neue Höchstleistungen an den Tag und in jeder freien Minute rannte sie in den Krankenflügel hinauf, um nach Sirius zu sehen. Mit jedem Tag ging es ihm besser, seine inneren Verletzungen heilten gut und schon bald war es ihm sterbenslangweilig, dauernd im Krankenflügel zu liegen. Glücklicherweise sorgten James, Peter, Remus und Lillyan abwechselnd oder gemeinsam immer wieder dafür, dass diese Langeweile unterbrochen wurde, sehr zu Madam Pomfreys Verdruss, die noch immer der Meinung war, dass Sirius Ruhe sehr viel nötiger hatte als etwas Unterhaltung. Als Lillyan Remus davon erzählt hatte, dass sie und Sirius sich wieder versöhnt hatten, kaum, dass sie am Tag nach seinem Unfall aus dem Krankenflügel gekommen war, war er fast die Wände hochgegangen vor Begeisterung. Schließlich hatte er Lillyan einfach nur angesehen und in wortloser Freude umarmt. Seit dem war alles wieder gut. Eigentlich war es sogar besser als gut, und der Grund dafür hieß überraschenderweise James Potter. Lillyan hatte ihn aufgesucht, sobald es ihr möglich gewesen war, und hatte sich bei ihm bedankt. „Nach Allem, was du für Sirius und mich getan hast, nützt es dir wenig, wenn ich dir mit Worten danke“, hatte sie gesagt. „Aber mit ein wenig Unterstützung kann mich bei dir revangieren. Ich werde es zumindest versuchen.“ Zu ihrer Überraschung hatte James sie nur fröhlich angegrinst und gesagt „Tu dir keinen Zwang an, Kleine. Allerdings schuldest du mir wirklich noch was.“. Daraufhin hatte er ihr freundschaftlich die Schulter getätschelt und war mit einem verschmitzten Zwinkern über die Schulter aus dem Raum verschwunden. Lillyan konnte gar nicht sagen, wie erleichtert sie darüber war, dass James Potter seine Abscheu ihr gegenüber ganz offensichtlich überwunden hatte. Seit die beiden zusammengearbeitet hatten und Sirius zu retten, hatte sie sich anscheinend seinen Respekt eingeholt und inzwischen glaubte sie sogar, dass er sie tatsächlich mochte. Er schien noch nicht einmal mehr etwas dagegen zu haben, wenn sie gemeinsam mit Peter, Remus und ihm bei Sirius am Bett saß, um diesen bei Laune zu halten. Stattdessen alberte er mit ihr herum und behandelte sie im Großen und Ganzen als sei sie seine jüngere Schwester. Noch dazu lief es zwischen ihr und Sirius besser als je zuvor. Jedes Mal, wenn sie in den Krankenflügel gestürmt kam, völlig außer Atem und mit geröteten Wangen vom Treppe hoch- und runterrennen, dann leuchteten seine Augen vor Freude auf und er konnte es kaum erwarten, von den neuesten Geschehnissen zu erfahren, obwohl das Interessanteste, was in dieser Zeit in Hogwarts vor sich ging, noch Peeves war, der am dritten Tag nach Sirius‘ Unfall einen großen Eimer Seewasser mit Algen über ein paar kreischenden Zweitklässlerinnen ausleerte. Alles in Allem: Die Welt war vollkommen. Sirius‘ fröhliches Lachen verfolgte sie selbst bis in die Unterrichtsstunden und beflügelte sie so sehr, dass sie es in einer Stunde Verteidigung gegen die dunklen Künste sogar schaffte, mit einem gezielten Lähmfluch die halbe Klasse mitsamt Lehrer außer Gefecht zu setzten. Dafür holte sie sich fünfzig Punkte für ihr Haus- und Gryffindor einen gewaltigen Vorsprung im Wettstreit um den Hauspokal. Selbst mit Lily hatte sie inzwischen schon gesprochen, um ihrem Versprechen James gegenüber ein Stück näher zu kommen. Zwar freute diese sich ungemein für Lillyan, dass diese endlich wieder glücklich war, ließ sie sich jedoch nur begrenzt von Lillyan beeinflussen. Als diese ihr davon erzählt hatte, dass James in letzter Zeit sehr nett zu ihr war und dass er sich ganz offensichtlich zum Besseren verändert hatte, war Lily kaum darauf eingegangen. Seit James‘ Überfall mit den Luftschlangen war sie merkwürdig still geworden, aber vielleicht kam Lillyan das auch nur so vor, weil es keine Konflikte mehr zwischen James und Snape gab, bei denen Lily hätte eingreifen können. Nein, James verhielt sich wirklich vorbildlich und vielleicht würde alleine schon das Lilys Meinung über ihn im Laufe der Zeit ändern. Doch obwohl sich in diesen Tagen so manches in Lillyan Leben wieder zum Guten wandte, so hatte diese Freude auch ihre Schattenseite, denn es gab jemanden in Hogwarts, der Lillyan diese Freude von ganzem Herzen missgönnte. Und dieser Jemand war- Lillyan hätte es sich eigentlich schon denken können- Mary. Seit dem Moment, in dem sie erfahren hatte, dass sowohl James als auch Sirius sich mit Lillyan ausgesöhnt hatten, war sie noch unausstehlicher geworden als sie bisher gewesen war. Sie weigerte sich jetzt strickt, sich im Unterricht neben Lillyan zu setzen, ließ in ihrer Gegenwart herablassende Kommentare über sie los und ließ keine Gelegenheit aus, um Lillyan bloßzustellen oder ihr im Unterricht zu widersprechen. Das Ganze ging sogar so weit, dass sie, selbstverständlich „ganz aus Versehen“, mitten im Zaubertrankunterricht ein Glas voll toter Spinnen über Lillyans Kopf ausleerte. Olivia und Emily hatten Mary längst genauso satt wie Lillyan, aber auch sie konnten nichts gegen Marys glühenden Hass gegenüber Lillyan tun und außerdem hatten sie genug eigene Probleme. Der nächste Hogsmeadebesuch stand nämlich kurz bevor und es schien so, als wäre Lillyan allmählich die Einzige in ganz Hogwarts, die noch niemanden hatte, mit dem den Tag verbringen würde. Insgeheim hoffte sie, Sirius, Remus, James und Peter würden sie einladen, mit ihnen nach Hogsmeade zu gehen, aber die drei schienen gar nicht auf die Idee zu kommen, sie könne nicht mit ihren Freundinnen hingehen. Die waren jedoch alle bereits verabredet: Lily würde den Tag mit Mandy und ihren beiden Freundinnen verbringen und Lillyan wollte sich da nicht einladen, Olivia war seit Tagen völlig neben sich, weil Jasper Night sie gefragt hatte, ob sie mit ihm hingehen wollte und sie ganz offensichtlich Hals über Kopf in ihn verliebt war und Emily ging zu jedermanns Überraschung mit einem sehr hübschen Hufflepuff nach Hogsmeade, der Dorian McJean hieß. Selbst Lea hatte keine Zeit, da Aaron Jordan sie zu einem spontanen Date überredet hatte und nun jeden Tag mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht durch die Schule lief. Tatsächlich war in diesen Tagen offensichtlich die Liebe in Hogwarts ausgebrochen und breitete sich rasch aus. Jeder schien irgendein Date zu haben und selbst James wirkte irgendwie glücklich, obwohl Lily ihm bei seinem letzten Annährungsversuch in einer Stunde Zauberkunst ein Kissen an den Kopf geworfen hatte. Die Einzige, die sich in diesem rosaroten Schleier der Liebe so überhaupt nicht zurechtfinden konnte, war Lillyan. Obwohl sie genau wusste, dass Sirius sie nur als Freundin sah und nicht als mehr, so konnte sie doch nicht verhindern, dass ihr Herz einen Satz machte, sobald er sie nur ansah, dass sie bei jedem Lächeln oder Lachen von ihm innerlich dahinschmolz und dass seine glänzenden dunklen Augen sie sogar bis in ihre Träume verfolgten. Insgeheim war sie wütend auf das Schicksal, das ganz offensichtlich allen ihre große Liebe schenkte, während Lillyan erneut mit Freundschaft abgekanzelt wurde, aber es half nichts. Sie konnte es ja doch nicht ändern und so genoss sie jede Minute in Sirius‘ Gegenwart und versuchte, nicht an die fehlenden Gefühle zu denken, die sie immer noch voneinander trennten. Zwei Tage vor dem Hogsmeadebesuch war Lillyan noch immer ohne Begleitung, als sie die Treppe zum Gemeinschaftsraum hinaufstieg, begleitet von Sirius und Remus, die gerade über irgendeinen Witz lachten, den Remus erzählt hatte. „Warte, ich kenne noch einen.“ Sirius überholte Remus mit Leichtigkeit und schloss zu Lillyan auf. „Was macht eine Vettel im Scherzartikelladen?“ Lillyan schüttelte nur grinsend den Kopf und bog in den Korridor ein, der zum Portrait der Fetten Dame führte. „Na, weißt du es, Lilly-An?“ „Nein, ich weiß es nicht“, erwiderte sie belustigt und boxte ihn spielerisch in die Schulter. „Sag schon.“ „Ein Lebkuchenhaus kaufen.“ Sirius und Remus erstickten fast an ihrem Lachen. Lillyan verkniff sich ein Grinsen und blieb vor dem Portraitloch stehen. „Deine Witze waren auch schon mal besser“, neckte sie ihn und wandte sich der Fetten Dame zu, die missbilligend auf das Spektakel hinabsah, das Sirius und Remus veranstalteten. „Lieber Himmel, was ist denn in euch gefahren?“, wollte sie wissen, worüber die beiden nur noch mehr lachen mussten. „Ist doch egal“, sagte Lillyan schnell, konnte sich das Grinsen allerdings doch nicht länger verkneifen. „Wenn du dich und den Feind kennst, brauchst du den Ausgang von hundert Schlachten nicht zu fürchten.“ „So ist es“, sagte die Fette Dame mit Nachdruck und das Portraitloch schwang auf. „Meine Güte, seit wann nehmen wir eigentlich solchen philosophischen Schwachsinn als Passwort?“, wollte Remus wissen und kletterte hinter Lillyan durch das Portraitloch. „Irgendwann müssen wir ihr noch ein ganzes Buch vorlesen, bis wir hinein dürfen.“ „Das ist ein Zitat von Sunzi. Er hat ein Buch über die Kriegskunst geschrieben vor tausenden von Jahren. Einige Weisheiten daraus sind bis heute bekannt“, erklärte Lillyan ihm geduldig. „Da haben wir doch wenigstens mal ein sinnvolles Passwort.“ Sirius zog überrascht die Augenbrauen hoch, lächelte aber und warf ihr einen verschmitzten Blick zu. „Alles klar, Lilly-An“, bemerkte er in seinem lässigen Tonfall und verschränkte die Arme vor der Brust. „In Zukunft brauchen wir uns die Passwörter nicht mehr zu merken. Wir gehen einfach immer nur noch mit dir in den Gemeinschaftsraum.“ „Blödmann“, gab Lillyan scherzhaft zurück. „Was, wenn ich dich einfach stehen lasse? Dann darfst du lange vor dem Portraitloch warten, bis jemand dich hineinlässt.“ „Das würdest du mir nicht antun“, schmeichelte Sirius und bedachte sie unter seinen langen, schwarzen Wimpern hindurch mit einem seiner charmantesten Blicke. Lillyan konnte ihm kaum widerstehen, wenn er sie so anschaute. „Warum nicht?“, konterte sie. „Vielleicht bin ich ja gar nicht das Unschuldslamm, für das du mich hältst. Vielleicht bin ich ganz böse, fies und gemein, wer weiß?“ Einen Moment lang betrachtete Sirius sie versonnen, dann schüttelte er langsam den Kopf und ein siegessicheres Grinsen trat auf sein Gesicht. „Oh nein, du bist nicht böse, Lilly-An. Das warst du noch nie. Allerdings wird James wohl böse auf mich sein, wenn ich nicht bald das Zeug hole, um dieses Referat mit ihm vorzubereiten. Wir sehen uns später, ja?“ „Klar, bis dann.“ Lillyan lächelte ihm und Remus noch einmal zu und machte sich dann auf den Weg die Treppe hinauf in die Mädchenschlafräume. Kaum, dass sie die Türe geöffnet hatte, die zu ihrem Schlafsaal führte, stürzten sich auf einmal zwei wohlbekannte Gestalten mit einem lauten Aufschrei auf sie und zerrten sie in den Raum. „Leute, was um alles in der Welt ist in euch gefahren?“, fragte Lillyan entgeistert, als Emily die Türe hinter ihr schloss und wieder zu Olivia trat, die Lillyan mit einem seltsam gehetzten Blick ansah. „Seid ihr verrückt geworden, mich so zu Tode zu erschrecken?“ „Lillyan, reg dich ab, du musst uns jetzt zuhören“, bat Emily sie und Olivia packte sie bei den Schultern, so dass sie ansehen musste. „Lillyan- Mary ist eben hinunter in den Gemeinschaftsraum gegangen“, sagte sie eindringlich. „Sie hat sich ganz groß aufgespielt. Sie will Black fragen, ob er mit ihr nach Hogsmeade geht- jetzt gleich, während alle dort versammelt sind.“ Eine riesige, eisige Hand schien Lillyans Herz zu umklammern und es zusammenzupressen. „Na und? Es ist doch seine Entscheidung, ob er zusagt oder nicht“, presste sie dennoch zwischen den Zähnen hervor und versuchte, sich aus Olivias Klammergriff herauszuwinden. „Was geht mich das an?“ „Verdammt, Lillyan, verstehst du denn nicht?“ Ärgerlich und offenbar voller Sorge trat nun auch Emily zu ihr. „Ganz Gryffindor wird ihr Zeuge sein und vor so vielen Leuten kann er sie unmöglich abkanzeln ohne entweder seinen Ruf zu verlieren oder als Feigling dazustehen. Wenn Mary das auf ihre geschickte Art einfädelt, hat er keine andere Wahl, als ihr zuzusagen.“ Lillyan durchfuhr es wie mit einem Messer. Bei Merlin, Emily hatte Recht. Sirius würde keine Wahl haben. „Und was soll ich eurer Meinung nach bitte tun?“, fragte sie schroff und sah die beiden herausfordernd an. „Wenn sie mit ihm hingehen will, dann soll sie das doch tun. Als ob mir das etwas ausmacht.“ Emily fluchte und öffnete bereits wieder den Mund, doch Olivia war schneller. Erneut fasste sie Lillyan bei den Schultern und zwang sie dazu, sie anzusehen. „Hör zu- wir wissen, dass du ihn liebst“, sagte sie leise, aber eindringlich. „Fang bloß nicht an, es abzustreiten, deine Augen verraten dich. Wie dem auch sei, Mary hat vor, gleich da unten ihr Glück zu versuchen, und du musst dabei sein.“ „Was?“ Entgeistert starrte Lillyan sie an. „Wieso das denn? Soll ich mir das jetzt auch noch mit ansehen müssen?“ „Ach was“, mischte sich jetzt Emily wieder ein. „Lillyan, Black kennt Mary doch überhaupt nicht, aber er weiß sehr wohl, wie sehr sie dir in letzter Zeit zugesetzt hat. Das mit den Spinnen hat sich wirklich rasend schnell herumgesprochen. Wenn du nicht dabei bist, dann wird er gar nicht anders können, als zuzusagen, aber wenn du dabei bist, wenn du in der Nähe sitzt und ihm zuschaust, dann bin ich mir ganz sicher, dass er ihr eine Absage erteilen wird. Er wird ihr niemals zusagen, wenn du dabei bist- Lillyan du musst nach unten gehen!“ „Was? Nein! Warum sollte er denn nur weil ich dabei bin seine Meinung ändern? Das ist doch Schwachsinn.“ Verärgert wollte Lillyan sich von Olivia losmachen, aber diese hielt eisern dagegen. „Natürlich wird er das, weil du ihm etwas bedeutest“, zischte Olivia. „Glaubst du wirklich, er würde lieber mit dieser arroganten Zicke nach Hogsmeade gehen als mit dir?“ Lillyan biss sich auf die Lippe und sagte nichts. In ihrem Inneren tobten zwei verschiedene Stimmen durcheinander. Die eine befahl ihr, auf der Stelle da hinunter zu gehen und diese aufgeblasene Kröte, die es wagte, sich an IHREN Sirius heranzumachen, an ihrer Schulrobe am Kronleuchter im Gemeinschaftsraum aufzuhängen, und die andere wollte sich schnellstmöglich unter ihrer Bettdecke verstecken, um nicht hören zu müssen, wie Sirius auf Marys Avancen einging. „Lillyan, bitte glaub uns! Versuch es doch wenigstens!“, bat Emily sie. Einen Augenblick lang wiegte Lillyan unschlüssig den Kopf, dann aber nickte sie kurzentschlossen und straffte die Schultern. Sie war kein Feigling, sicher nicht. Sie würde nicht kampflos aufgeben. „Na gut, ich werde da runtergehen“, sagte sie schließlich und blickte von einer zur anderen. „Dankeschön“, seufzte Olivia erleichtert. „Geh“, drängte Emily sie. „Du musst dich beeilen! Geh schon!“ Lillyan war es, als wären ihre Beine tonnenschwer, als sie langsam aus dem Schlafsaal und die Treppe wieder hinunterlief, die in den Gemeinschaftsraum führte. Als sie eintrat, sah sie sofort, was Emily und Olivia gemeint hatten. Der Gemeinschaftsraum war brechend voll, offenbar hatte sich tatsächlich ganz Gryffindor hier versammelt, um die freie Zeit in der Mittagspause an diesem Donnerstag auszunutzen und die letzten Schularbeiten zu erledigen. Lillyan ließ ihren Blick durch den Raum schweifen und entdeckte Sirius nicht weit von ihr neben James in einem Sessel und Mary nur wenige Meter von ihm entfernt auf einer Couch. Sie hatte den Blick wie gebannt auf Sirius gerichtet und fixierte ihn wie eine Katze ihre Beute. Es konnte sich nur noch um Sekunden handeln, bis sie ihren Plan in die Tat umsetzen würde. „Lillyan!“, rief da plötzlich eine wohlbekannte Stimme und als sie aufblickte, entdeckte sie Lily, die nur eine Couch von Mary entfernt neben Jessica saß und ihr fröhlich zuwinkte. „Komm, setzt dich zu uns!“, forderte sie Lillyan auf. Lillyan nickte ihr zu, zwang sich zu einem Lächeln und bahnte sich einen Weg zu Lily durch. Allerdings war ihr nicht entgangen, dass Sirius‘ Kopf beim Klang ihres Namens in die Höhe gezuckt war und anscheinend war das auch Mary nicht entgangen. Offenbar entschlossen, ihren Plan sofort auszuführen, stand sie von ihrer Couch auf und stolzierte zu Sirius und James hinüber. Abgelenkt ließ Lillyan sich neben Lily auf die Lehne der Couch sinken und beobachtete mit einem heftigen Stechen im Herzen Mary, die jetzt fast bei den beiden angelangt war. „Hey, Black!“ Bei diesem Ausruf drehten sich alle überrascht zu Mary um. Diese schien sich richtiggehend in den verblüfften Blicken zu sonnen und lehnte sich in einer flirtenden Position gegen einen Sessel gegenüber der beiden Jungen. Sirius und James hoben überrascht die Köpfe. „Wie stets? Wollt ihr beiden euch nicht mal eine kleine Pause vom Lernen gönnen?“ Kokett warf Mary ihr Haar zurück und schenkte Sirius ein einnehmendes Lächeln. „Ihr könntet mir Gesellschaft leisten.“ James‘ Gesichtsausdruck wurde jetzt ärgerlich, während Sirius einfach nur eiskalt überrascht schien. Niemand sprach mehr außer Mary, jeder hatte den Blick wie gebannt auf die beiden Mädchenschwarme und die flirtende Fünftklässlerin gerichtet. Die gespannte Stille war beinahe mit den Händen zu greifen. Lillyan warf einen Seitenblick auf Lily und sah, dass diese Mary mit offenem Mund anstarrte und offensichtlich etwas mehr als nur entrüstet war. Kein Wunder, bei der Art, mit der Mary sich bei den beiden einschleimte, wurde Lillyan übel. James, der die ungewöhnliche Stille im Gemeinschaftsraum sofort bemerkt hatte, schien ebenfalls nicht sehr erfreut zu sein. „Nein, wir können kein Pause machen“, erwiderte er ärgerlich und schlug mit einem lauten Knall das Buch zu, das er auf dem Schoß hielt. „Wir müssen dieses blöde Referat morgen halten und müssen das noch komplett auswendig lernen, also verzieh dich.“ „Ach komm schon, Potter, hab dich doch nicht so.“ Mary warf ihm einen schmachtenden Blick zu und wandte sich dann erneut an Sirius. „Black kann doch sicher auch eine Pause vertragen, oder?“ Alle Blicke richteten sich auf Sirius. Dieser war ganz offensichtlich völlig überfordert mit der Situation und runzelte kaum merklich die Stirn. „Aber wir haben doch gerade erst angefangen“, sagte er schließlich und lehnte sich mit hochgezogenen Augenbrauen in seinem Sessel zurück. „Ihr habt doch sowieso kaum mehr Zeit dafür, das Mittagessen beginnt bald“, konterte Mary und schlug elegant die Beine übereinander, so dass ihr Rock einen Zentimeter höher rutschte. Das machte zwar keinen großen Unterschied, da die Röcke in Hogwarts knapp bis zum Knie reichten und daher in keiner Weise kurz waren, allerdings war es eine wirklich niveaulose Art zu flirten. Auf James‘ Gesicht spiegelte sich erst Unglauben, dann ehrlicher Ärger wider, während Sirius in keiner Weise darauf zu reagieren schien. „Wir hätten mehr Zeit, wenn du uns nicht ständig unterbrechen würdest“, fuhr James sie entnervt an und durchbohrte sie mit Giftblicken. Mary jedoch beachtete ihn gar nicht. „Sag mal, Black, hast du eigentlich schon jemanden, mit dem du nach Hogsmeade gehst?“, pirschte sie sich jetzt an Sirius heran und klimperte mit den Wimpern, als er sie überrascht ansah. „Ähm…“ Ganz offensichtlich hatte Sirius keine Ahnung, was er darauf erwidern sollte. James sah aus, als würde er vor Wut jeden Moment platzen. Im Gemeinschaftsraum war es totenstill, alle Blicke waren auf Mary und Sirius gerichtet. „Naja, ehrlich gesagt…“ „Wie wäre es denn, wenn wir zusammen hingehen?“, unterbrach Mary ihn siegessicher und lächelte breit. „Es gibt da so einige geheime Ecken, die ich dir zeigen könnte. Wir könnten jede Menge Spaß zusammen haben. Was meinst du?“ Lillyan ballte ihre Hände zu Fäusten und starrte Sirius an. Oh Gott, was würde er sagen? Würde er ihr Angebot annehmen? Wenn er das tat, dann würde Lillyan sich auf der Stelle übergeben müssen, so viel stand fest. Einen Moment lang starrte Sirius Mary einfach nur fassungslos an, dann runzelte er wieder leicht die Stirn und rang ganz offensichtlich nach Worten. Allerdings war Lillyan sich sicher, dass sie die Einzige im Raum war, die seine Unsicherheit bemerkte, abgesehen vielleicht von James. Nach außen hin wirkte Sirius so lässig wie immer, er schien nur zu überlegen. Hilfesuchend ließ er den Blick durch den Raum schweifen, und da stieß Lily auf einmal mit dem Ellenbogen gegen einen Bücherstapel, der neben der Couch auf einem kleinen Tischchen lag. Mit einem Poltern fielen die obersten Bücher zu Boden und alle zuckten zusammen. In diesem Moment traf Sirius‘ Blick auf einmal den von Lillyan. Lillyan war klar, dass all ihre verzweifelten Gefühle in ihren Augen zu lesen waren, aber sie konnte nicht wegsehen, musste diesen Blick aus seinen dunklen, grauen Augen erwidern. Einen Wimpernschlag lang schaute Sirius sie einfach nur an, dann trat auf einmal ein kleines, verschmitztes Lächeln auf sein Gesicht und er wandte sich von ihr ab. Mit angehaltenem Atem beobachtete Lillyan, wie Sirius sich wieder Mary zuwandte und ihr eines seiner lässigsten Lächeln schenkte, doch Lillyan bemerkte verblüfft ein schelmisches Blitzen in seinen Augen. Was hatte er vor? Das fragten sich offenbar alle, denn ganz Gryffindor verfolgte gespannt, wie Sirius sich jetzt wieder auf seinem Sessel nach vorne beugte und Mary ansah. „Es tut mir leid, aber ich kann nicht mit dir nach Hogsmeade gehen“, sagte er gelassen und warf Lillyan einen schnellen Blick zu. Der ganze Gemeinschaftsraum sog fassungslos die Luft ein. Marys Lächeln verrutschte. Lillyan wagte kaum zu atmen, so verblüfft war sie. „Was?“, stieß Mary schließlich hervor. „Aber- wieso?“ Ja, das wollte Lillyan allerdings auch gerne wissen. Einerseits wollte sie jubeln, aber andererseits- was, wenn ihn längst jemand anderes gefragt hatte, ob er… „Ich kann nicht mit dir nach Hogsmeade gehen, weil ich schon mit Lillyan hingehe“, sagte Sirius und sah Lillyan an. Lillyan blieb einen Moment lang das Herz stehen. Meinte er das wirklich ernst? „Stimmt’s, Lillyan?“, hakte Sirius nach. In seinen Augen brannte jetzt wieder dieses dunkle Feuer und entflammte ihr Herz. Aller Augen richteten sich auf Lillyan. Mary sah aus, als wolle sie auf der Stelle etwas in Stücke reißen, doch es waren Sirius‘ Augen, die ihr die Kraft zu einer Antwort gaben. „Ja“, sagte Lillyan ruhig in die Stille hinein. „Das stimmt.“ Sekundenlang schien die Zeit stehen zu bleiben, dann hallte Marys wütender Aufschrei durch den Raum. „Das gibt es doch nicht!“, schrie sie und stürmte kreischend wie eine Todesfee zu den Mädchenschlafsälen hinüber. „Es kann doch einfach nicht wahr sein, dass alle gut aussehenden Jungs schon ein Date haben!“ Voller Zorn knallte sie die Türe hinter sich zu und hinterließ erneut tiefe Stille. Einen Moment lang sagte niemand etwas, nur Lillyan und Sirius sahen sich immer noch an. Und dann trat auf einmal strahlendes Lächeln auf Sirius‘ Gesicht und er zwinkerte ihr verschwörerisch zu. Unwillkürlich erwiderte Lillyan sein Grinsen, in ihrem Inneren flatterten tausend Schmetterlinge durcheinander. Himmel, konnte das wirklich wahr sein? Wollte Sirius tatsächlich mit ihr nach Hogsmeade gehen? Schließlich durchbrach Sirius die Stille und die fassungslosen Blicke, die immer noch zwischen Lillyan und Sirius hin und her huschten, indem er aufstand und mit eleganten Schritten zu Lillyan hinüberkam. „Kommst du mit nach draußen?“, fragte er sie und sein Lächeln bekam einen verschmitzten Ausdruck, als er auf sie hinuntersah. „Hier drinnen ist es auf einmal so stickig.“ „Klar, gern.“ Wie in einer Trance stand Lillyan auf und folgte Sirius aus dem Gemeinschaftsraum, mit klopfendem Herzen und verwirrten Gedanken. Sie wusste selbst nicht recht, was hier gerade vor sich ging, aber eines wusste sie: Sirius hatte sie Mary vorgezogen und er würde übermorgen mit ihr nach Hogsmeade gehen und nicht mit Mary. Jetzt stellte sich nur noch die Frage: Wohin führte Sirius sie gerade? Und was hatte er vor?

    16
    16. Am See

    Weder Lillyan noch Sirius sagten etwas, während sie einträchtig nebeneinander durch den Siebten-Stock-Korridor und die Treppen hinunter in die Eingangshalle liefen, doch es war kein unangenehmes Schweigen. Die Gänge von Hogwarts waren leer, offenbar waren alle Schüler noch in ihren Gemeinschaftsräumen. Mehrmals wandte Sirius den Kopf zu ihr, so, als wollte er etwas sagen, schien es sich aber dann doch wieder anders zu überlegen und schwieg. Lillyan hätte nichts sagen können, selbst wenn sie gewollt hatte. In ihrem Herzen flatterten tausend Schmetterlinge durcheinander und sie hatte einen Kloß im Hals. Einerseits war sie außer sich vor Freude, dass er mit ihr nach Hogsmeade gehen wollte, aber was, wenn sie nur eine Ausrede gewesen war, um einem Date mit Mary zu entgehen? So schrecklich wie Mary sich benahm wäre das sogar verständlich gewesen. Es ist nur Freundschaft, rief sie sich immer wieder in Erinnerung, um ihr wild schlagendes Herz ein wenig zu beruhigen. Es ist nur Freundschaft, sonst nichts. Und dennoch konnte sie nicht vermeiden, dass die Seitenblicke, die er ihr aus seinen dunklen Augen zuwarf, ihr Herz einen Schlag lang aussetzen zu lassen. Himmel, sie liebte ihn so sehr. Wenn sie ehrlich war, hatte sie keine Ahnung, wie sie diesen Zustand noch länger überleben sollte. Als sie endlich in der Eingangshalle angekommen waren, wandte Sirius sich dem Schlosstor zu, das aufgrund des schönen Wetters weit offen stand, und zusammen gingen sie nebeneinander hinaus auf die Ländereien von Hogwarts. Das Schulgelände war wie leergefegt, niemand außer ihnen war da, um die warme Spätsommersonne zu genießen, deren Strahlen die Ländereien in helles, goldenes Licht tauchte. Der schwarze See glitzerte und funkelte in ihrem Licht wie pures, flüssiges Gold. (Wer liebt Englisch genauso sehr wie ich? Wenn man das übersetzen würde, hieße es wahrscheinlich: „The black lake shimmered and sparkled in its light like pure, liquid gold.” Hach… ist das nicht schön? ^^ (Sollte ein Übersetzungsfehler drin sein, macht mich gerne darauf aufmerksam xD)) Das Gras war weich und trocken und ihre Schuhe versanken förmlich darin, als die beiden langsam den Weg hinunterliefen, der zum Ufer des schwarzen Sees führte. Eine merkwürdige Stimmung lag zwischen ihnen in der Luft, schon seit sie den Gemeinschaftsraum nach Marys Vorstellung verlassen hatten, aber keiner von beiden schien sich zu trauen, das Schweigen zwischen ihnen zu durchbrechen. Lillyan hatte das Gefühl, sobald einer von ihnen auch nur ein Wort sprach, würde alles zwischen ihnen wieder zu Bruch gehen, und das könnte sie nicht ertragen. Am Ufer des schwarzen Sees angekommen ließ Sirius sich zu den Wurzeln der großen Buche auf den Boden sinken, deren Äste weit auf den See hinausragten. Zögernd ließ Lillyan sich neben ihm ins Gras sinken, betrachtete die Wellen, die sich durch den sanften Wind auf dem See bildeten, lauschte auf das leise Zwitschern der Vögel und wünschte sich unwillkürlich, die Zeit würde stehen bleiben. Vielleicht war das gerade das letzte Mal, dass sie so mit Sirius hier saß, denn wenn er ihr gleich sagen würde, dass er sie nur als Ausrede benutzt hatte, um nicht mit Mary nach Hogsmeade gehen zu müssen, dann würde sie das nicht ertragen können. Dann wäre alles zu Ende. Für immer. Unwillkürlich ballte sie die Hände zu Fäusten und atmete tief durch. Eine Eule flog über ihre Köpfe hinweg auf die Eulerei zu. Bei ihrem Anblick stieg auf einmal eine Erinnerung in Lillyan auf, die sie beinahe schon vergessen hatte. Ein Lichtblitz, der an ihr vorbeischoss, ein wütendes Brüllen, und dann flog Jefferson durch die Luft und krachte gegen die nächste Wand. Sirius hatte sie damals vor ihm gerettet. Und ohne seine Hilfe vor dem Duell hätte sie es vielleicht niemals geschafft, Jefferson unten im Kerker zu besiegen. Oder beim ersten Quidditchspiel damals, als sie sich gerade erst kennengelernt hatten. Als Jefferson sie ausgeknockt hatte und sie vom Besen gefallen war, hatte er sie aufgefangen. Wenn er das nicht getan hätte, wäre sie jetzt vielleicht nicht mehr am Leben. Und in diesem Moment begriff sie auf einmal. Sirius hatte sie damals gerettet, und sie konnte sich noch nicht einmal daran erinnern, jemals bei ihm dafür bedankt zu haben. Falls ihre Freundschaft gleich auseinanderging, sollte er wenigstens wissen, dass sie ihm dankbar war für alles, was er für sie getan hatte. Also gab sie sich einen Ruck, hob den Blick und bemerkte, dass Sirius sie ansah. Er schien sie schon eine ganze Weile lang zu beobachten, denn er hatte den Kopf leicht schiefgelegt und beobachtete sie, als sähe er an ihrer statt etwas unglaublich seltenes und Spannendes. Etwas in ihrem Inneren zerbrach auf einmal bei seinem Blick und das Wort stolperte aus ihr heraus, ohne dass sie es verhindern konnte. „Danke“, sagte Lillyan leise. „Wofür?“ Sirius‘ Stimme klang sanft und ein bisschen rau zugleich, seine dunklen Augen funkelten in der Sonne. Plötzliche Verlegenheit flammte in Lillyan auf und sie senkte rasch den Blick. Nervös strich sie über die Grashalme unter ihrer Hand und fasste sich ein Herz. „Ich glaube, du hast mir innerhalb des letzten Jahres mehr als nur einmal das Leben gerettet.“ „Das beruht auf Gegenseitigkeit.“ Überrascht sah Lillyan auf und sah Sirius sanft lächeln. Erneut setzte ihr Herz einen Schlag lang aus und in ihrem Magen begannen die Schmetterlinge wieder, wie wild durcheinander zu flattern. Sie konnte gar nichts dagegen tun. Sirius‘ Blick blieb an ihrem Gesicht hängen und auf einmal wurde sein Gesichtsausdruck zögerlich, seltsam verletzlich. „Weißt du, Lilly- An…“ Er schaute ihr tief in die Augen. Sein Blick war eindringlich und doch voller Wärme und Zuneigung. Lillyan hatte das Gefühl, in ihrem Magen führe jemand Karussell. „Ich hätte niemals zugelassen, dass dir etwas geschieht. Ich hätte es nicht gekonnt. Selbst wenn ich gegen meinen besten Freund kämpfen müsste, um dich zu beschützen, ich würde es tun.“ Während er gesprochen hatte, hatte er sich immer weiter zu Lillyan hinübergelehnt, bis ihre Gesichter nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt waren. Lillyans Atem ging flach und sie spürte, dass ihr Herz wie wild pochte. Sie konnte sich nicht rühren; ihre Muskeln waren wie erstarrt. Langsam kam Sirius‘ Gesicht auf Lillyans zu, bis sie seinen Atem auf ihrer Haut spürte, und dann, ganz vorsichtig, als hätte er Angst, sie würde es nicht wollen, legte er seine Lippen auf ihre. Unwillkürlich schloss Lillyan die Augen. Sie war überwältigt. Das konnte nicht geschehen. Es war einfach nicht möglich, dass Sirius sie gerade tatsächlich… Sie konnte den Gedanken nicht zu Ende denken, denn just in diesem Moment setzte ihr Gehirn auf einmal aus. Es gab nur noch Sirius und sie, und ganz vorsichtig und zögerlich erwiderte sie seinen Kuss. Es war, als würde etwas in ihrem Inneren explodieren. Wilde, zuckende Flammen schossen durch ihre Glieder, züngelten und zuckten, ohne etwas zu vernichten, wärmten sie von innen heraus und vertrieben mit einen Schlag die Kälte aus ihrem Herzen. Lillyan hatte noch nie zuvor jemanden geküsst, aber zu ihrer Erleichterung ging es ganz von selbst, war ganz einfach. Nach ein paar Sekunden, die Lillyan viel zu kurz vorkamen, lösten sie sich wieder voneinander. Noch immer völlig überwältigt öffnete Lillyan die Augen wieder und suchte Sirius‘ Blick. Dieser hatte sich wieder aufrecht hingesetzt und starrte sie ungläubig an. Anscheinend konnte er es genauso wenig fassen wie sie. „Was?“ brachte er schließlich heraus. „Lillyan- wirklich? Seit wann?“ „Seit wir uns zum ersten Mal begegnet sind“, gestand sie und ein scheues Lächeln trat ohne ihr Zutun auf ihre Lippen. „Nein!“ Entgeistert starrte Sirius sie an. „Doch.“ Verunsichert schaute Lillyan zurück. Hatte sie vielleicht etwas Falsches gesagt? Da verzog sich Sirius Gesicht plötzlich zu einem Strahlen voll wilder Freude. All seine Lässigkeit war von ihm abgefallen und seine Augen leuchteten so glücklich, dass es Lillyan die Sprache verschlug. Ein wahrer Wasserfall aus Glück brach so plötzlich über Lillyan herein, dass sie erzitterte, ihr ganzer Körper schien losgelöst von jeder Schwerkraft. Es hätte sie nicht gewundert, wenn sie auf einmal beide zwei Meter über dem Boden geschwebt hätten. Wenn mir jetzt irgendwer diesen Moment zerstört, dann bringe ich ihn eigenhändig um, dachte Lillyan. Sie war sich sicher, dass ihr Gesicht genauso leuchtete wie das von Sirius. Langsam glitt Sirius‘ Hand durch das Gras und legte sich vorsichtig auf Lillyans. Deren Herz schlug wie ein Bumerang, als sie ihre Hand in seiner drehte und sanft ihre Finger um seine schloss. Er zog sie nicht weg. Lillyans Blick wanderte zu ihren Händen, die jetzt miteinander verschränkt im Gras lagen. Sie spürte Sirius‘ Blick auf sich ruhen, aber sie schaute nicht auf. „Bitte.“ Sirius‘ Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. Fragend hob Lillyan den Blick. Seine dunklen Augen schienen zu brennen. „Sag es mir“, bat er mit einem unwiderstehlichen Lächeln. Wie von selbst formten sich auch Lillyans Lippen zu einem Lächeln, aber dennoch musste sie all ihren Mut aufbringen, um die Worte auszusprechen, die ihr schon seit Monaten auf dem Herzen lagen. „Ich liebe dich“, wisperte sie. Im nächsten Moment verschwand jeder andere Ausdruck von Sirius‘ Gesicht und machte einem Strahlen Platz, neben dem die Sonne verblasste. Er war einzigartig, absolut unglaublich. Sie konnte es immer noch nicht fassen. Wie lange schon hatte sie versucht, sich damit abzufinden, dass er nicht dasselbe für sie fühlte wie sie für ihn, und jetzt… Sirius drückte leicht ihre Hand, dann kam er in einer flüssigen Bewegung auf die Füße und zog Lillyan mit sich hoch. Lillyan erwiderte glücklich sein Lachen und als Sirius die Arme um ihre Taille legte und sie sanft an sich zog, war ihr Glück vollkommen. „Lillyan“, flüsterte er und vergrub sein Gesicht in ihrem Haar. „Sirius“, flüsterte sie, schlang wie von selbst die Arme um ihn, lehnte ihre Wange an seinen Hals und schloss die Augen. Hätte ihr jetzt jemand einen Quaffel gegen den Kopf geschleudert, sie hätte es nicht bemerkt. Die Zeit blieb für ein paar Sekunden stehen, während sie und Sirius im goldenen Sonnenlicht standen und einander wortlos umarmten. „Und ich Idiot dachte die ganze Zeit…“, murmelte Sirius undeutlich vor sich hin. „Was dachtest du die ganze Zeit?“ Widerwillig löste Lillyan sich wieder von ihm und schaute ihn argwöhnisch an. Sirius biss sich verlegen auf die Lippe. „Naja, ich dachte eben… Du hast dich immer so gut mit Remus verstanden, ihr habt so viel miteinander unternommen und so, und da dachte ich…“ Er verstummte. Lillyan brauchte ein paar Momente um zu begreifen, dann lachte sie ungläubig auf. „Was? Ich und Remus? Also wirklich, Sirius, das ist doch lächerlich!“ Sirius zuckte nur zerknirscht die Achseln. Lillyan seufzte und nahm Sirius‘ Gesicht in ihre Hände. „Jetzt hör mir aber mal zu, Sirius Black!“, sagte sie und schaute ihn streng an, was allerdings gar nicht so leicht war. Ihr Herz spielte schon wieder verrückt, weil ihre Hände zum ersten Mal richtig sein Gesicht berührten. „Seit unserer ersten Begegnung warst du in meinem Kopf, du- und nicht Remus. Remus und ich hatten vielleicht viel Spaß miteinander und haben uns gegenseitig geholfen, aber er war für mich niemals etwas anderes als ein Freund, und ihm geht es genauso mit mir. Du warst der Einzige, den es je für mich gegeben hat. Der Einzige.“ Sirius schaute ihr tief in die Augen. „Ich liebe dich, Lillyan Whiteley.“ Sagte er ernst. „Mehr als alles andere auf dieser Welt.“ Lillyans Atem wurde unregelmäßig und ihr Herz pochte wilder als je zuvor, sie hatte das Gefühl, gleich zu zerspringen. Sanft legte Sirius seine Hände an ihre Taille, beugte sich zu ihr herunter und küsste sie vorsichtig zum zweiten Mal. Wieder war es, als hätte jemand eine Bombe in Lillyan angezündet. Sirius‘ Lippen waren so weich und warm auf ihren, dass sie unwillkürlich reagierte; sie schlang die Arme um seinen Hals, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn zurück. Sie konnte spüren, wie sich seine Lippen unter ihren zu einem Lächeln verzogen und das Adrenalin schoss ihr ins Blut. Sirius‘ Lippen öffneten sich und strichen leicht über ihre Unterlippe; er stieß ihren Mund sanft mit der Zunge auf. Lillyan schnappte leise nach Luft, zog ihn näher zu sich heran und fuhr probehalber mit der Zungenspitze die perfekte Linie seiner Zähne nach. Allmählich verlor der Kuss an Vorsicht und wurde intensiver. Lillyan konnte nicht mehr denken, nur eine Sache wusste sie: Davon würde sie niemals genug bekommen. Nach ein paar Sekunden oder Minuten oder vielleicht auch Stunden lösten sie sich wieder voneinander. Auf Sirius‘ sonst so blassen Wangen lag ein Hauch von Röte und seine Augen glänzten stärker als alle Sterne zusammen. Er lachte. „Mutig, fordernd und keine Spur von Zurückhaltung. So kenne ich meine Lillyan“, sagte er. Lillyan grinste. Sie konnte es immer noch nicht glauben. „Sirius?“, fragte sie. „Hm?“, machte er und schaute sie mit einer Mischung aus Zärtlichkeit, Neugierde und glücklichem Triumph an. „Seit wann bist du schon… naja…“ Sie ließ den Satz unvollendet und schaute gespannt zu ihm hoch. Sirius verstand sofort. „Seit ich dich zum ersten Mal gesehen habe und du keinen Strich auf James‘ Getue eingegangen bist“, erzählte er schmunzelnd und Lillyan lachte überrascht auf. „Und ich dachte die ganze Zeit, ich hätte keine Chance bei dir“, gestand sie ihm. „Wir waren beide blind.“ Sirius schob seine Hand in Lillyans und grinste sie an. Es war ein Grinsen voller Freude, voller Triumph und voller Glück, das Lillyan so gar nicht von ihm kannte. „Komm! Wollen wir es gleich Remus erzählen? Das Gesicht will ich sehen!“ Lillyan nickte begeistert. „Und ich Lilys!“ Vor lauter Vorfreude über die dummen Gesichter ihrer Freunde und Freundinnen musste sie lachen. „Und James und Peters!“, spann Sirius weiter. „Mann, die werden Augen machen, vor allem Peter!“ Er ahmte Peters verwirrten Gesichtsausdruck so gut nach, dass Lillyan am liebsten vor Lachen geschrien hätte. „Komm, beeilen wir uns“, feixte Sirius und glücklich liefen sie Hand in Hand zurück zum Schloss. Andauernd musste Lillyan zu Sirius hinüberschauen und auch er konnte den Blick kaum von ihr lassen. Schon in der Eingangshalle schlug ihnen der Lärm entgegen, was bedeutete, dass fast die ganze Schule noch beim Mittagessen saß. Fragend schaute Lillyan zu Sirius hinüber. Der grinste nur und nickte. Seine Hand noch immer in ihrer zog er sie neben sich her in die Große Halle hinein. Lillyan entdeckte ihre Freundinnen nicht weit entfernt von Remus, James und Peter am Gryffindortisch und verkniff sich ein Kichern, dann wartete sie darauf, dass sie jemand entdeckte. James bemerkte sie als Erster. Er ließ den Blick scheinbar gelangweilt über die Schüler schweifen und entdeckte dabei Sirius und Lillyan, wie sie einträchtig nebeneinander in der Tür standen. Lillyan sah, wie sein Blick von ihren Gesichtern bis hin zu ihren verschränkten Händen glitt. James‘ Kinnlade fiel herunter, als ihm klar wurde, was das bedeutete. In diesem Moment bemerkte auch Mary die beiden. Für eine Millisekunde starrte sie entsetzt auf Lillyan und Sirius, dann kreischte sie laut und fiel mit einem markerschütternden Krachen vom Stuhl. „Mary!“, riefen Lily, Emily und Olivia gleichzeitig erschrocken und schauten sich nach der Ursache für Marys plötzliche Ohnmacht um. Alle ihre Blicke glitten gleichzeitig von Lillyan zu Sirius und zu ihrer Hand in seiner. Für einen Moment herrschte Stille, dann- „Nein!“, rief Emily verblüfft. „Das ist jetzt ein Witz, oder?“, fragte Olivia tonlos. Lily und James starrten Lillyan und Sirius nur mit offenem Mund an. Inzwischen hatte auch der Rest der Großen Halle die Situation erfasst und von überall her hörte man überraschte Ausrufe, Freude oder Bedauern. „Sirius, Lillyan! Ist das wirklich wahr?“ Remus hatte sich von seiner Starre erholt und war aufgesprungen, rannte ihnen begeistert entgegen und umarmte sie beide. Lillyan nickte lachend. „Wow, ich glaub es ja nicht!“ „Ich kann‘s immer noch nicht glauben!“ Sirius warf Lillyan einen Blick zu, in dem tiefe Zärtlichkeit lag. „Miss McDonald! Miss North! Was fällt Ihnen ein, hier so herumzuschreien?“ Professor McGonagall war offenbar auf den Lärm am Gryffindortisch aufmerksam geworden und marschierte jetzt zu Lillyans Freundinnen hinüber, blanke Wut auf dem Gesicht. „Sind Sie verrückt geworden? Und warum ist Miss McDonald ohnmächtig?“ Ihr Blick wanderte von Einem zur Anderen und schließlich zu Lily, die immer noch mit offenem Mund zu Lillyan und Sirius hinüberstarrte. McGonagalls Blick folgte Lilys und blieb an Lillyan und Sirius hängen, die beide die Situation beobachteten. Zögernd lächelte Lillyan sie an, und schließlich bildete sich auch in Professor McGonagalls Mundwinkel ein feines, kaum sichtbares Lächeln. „Nun gut, das erklärt die Situation natürlich“, hörte Lillyan sie zu ihren Freundinnen sagen. „Miss Thompson, wären Sie wohl so nett und würden zusammen mit Miss North Miss McDonald hinauf in den Krankenflügel bringen? Ich denke, Madame Pomfrey wird wissen, was zu tun ist.“ Damit drehte Professor McGonagall sich um und kam zu Remus, Lillyan und Sirius hinüber, die immer noch in der Türe standen. „Ich freue mich sehr für Sie beide“, sagte sie so leise, dass es nur Lillyan und Sirius hören konnten. „Wenn Sie mich fragen, war es bereits höchste Zeit!“ Sie zwinkerte den beiden zu und rauschte dann geschäftig aus der Halle. Jetzt regte sich auch Lily wieder. Sie stand auf, rannte zu ihnen hinüber und umarmte Lillyan. „Wow, ich kann es kaum glauben! Ich freue mich ja so für dich!“, flüsterte sie ihr zu, ließ sie wieder los und wandte sich dann, zu Lillyans maßloser Überraschung, an Sirius. „Und du- Pass gut auf meine beste Freundin auf, Sirius Black!“, sagte sie streng. „Wenn ich irgendwie Wind davon bekommen sollte, dass du sie nicht gut behandelst, dann schwöre ich dir, dass du dir wünschen wirst, es hätte dich niemals gegeben, verstanden?“ „Aye aye, my Lady“, antwortete Sirius grinsend. „Ich werde mich zwischenzeitlich an ihre freundlichen Mahnungen erinnern.“ Lillyan stieß ihm den Ellenbogen in die Seite, aber kichern musste sie trotzdem. Lily lächelte. „Ich wusste, dass es so kommen würde“, sagte sie leise, damit nicht die ganze Halle ihr Gespräch mitbekam. „Ich wünsche euch beiden alles Gute.“ „Das heißt übersetzt, sie wünscht uns zwar Glück, aber ist sauer weil sie mich nicht leiden kann“, feixte Sirius. „Ach, Unsinn!“ Lillyan drückte sanft seine Hand. „Lily meint es nicht so.“ Lily grinste nur und ließ ihren Blick wie zufällig zum Gryffindortisch wandern. Lillyan hatte auf einmal eine dunkle Ahnung, wen sie dort suchte, aber es war gar nicht mehr nötig. James stand bereits hinter ihr. „Hey Tatze, Lillyan, ich wusste es!“, sagte er. Erleichtert sah Lillyan, dass er grinste. „Es war mir von vornherein klar, dass es so kommen würde. Voll cool!“ „Danke, Mann!“, sagte Sirius und umarmte ihn. James wuschelte durch sein Haar und umarmte dann die leicht perplexe Lillyan zu ihrer Überraschung ebenfalls. „Hey, Kleine, du warst die Einzige, die Tatze je den Kopf verdreht hat. Erweis dich dessen würdig, klar?“ Lillyan lachte und James zwinkerte ihr zu, dann warf er einen Seitenblick zu Lily herüber. „Was ist, Evans, gehst du jetzt endlich mit mir aus?“, fragte er sie mit einem Unschuldslächeln. „Ach, halt doch die Klappe!“, gab Lily lachend zurück und schlug ihm leicht gegen die Schulter. Verwundert kniff Lillyan die Augen zusammen. Erst vor ein paar Wochen hatte Lily James noch zutiefst verabscheut, und jetzt neckte sie ihn? Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass sie etwas verpasst hatte. „Ich muss jetzt leider in den Unterricht, ihr beiden. Wir sehen uns später!“ Lily winkte noch mal über die Schulter und verschwand dann aus der Halle nach draußen. James schaute ihr geknickt hinterher. „Mach dir nichts draus, immerhin hat sie nicht mehr nein gesagt“, tröstete Lillyan ihn. „Wenn du so weitermachst, sagt sie irgendwann doch noch ja, da bin ich ganz sicher.“ James lächelte sie dankbar an und meinte dann an Sirius gewandt: „Kommst du mit, Tatze? Nicht nur Evans muss gleich in den Unterricht.“ „Ich glaube, ich werde heute schwänzen“, stellte Sirius sachlich fest. „Wetten, Binns merkt nicht mal, dass jemand fehlt. Das letzte Mal hat er mich erst überhaupt nicht wiedererkannt und dann Blueberry genannt, also denke ich, meine Abwesenheit wird nicht so sehr auffallen.“ „Na gut. Komm Remus.“ Ohne eine Antwort abzuwarten zog er Remus mit sich aus der Halle. „Wir sehen uns!“, rief er ihnen noch zu, bevor die beiden die Treppe hinaufrannten und verschwanden. „Komm“, sagte Sirius und zog sie zum Gryffindortisch hinüber. „Bevor die anderen uns alles weggegessen haben. Du hast doch heute Mittag frei weil Astronomie ausfällt, oder?“ Lächelnd folgte Lillyan ihm zu ihrem Stammplatz. Ohne eine Antwort abzuwarten setzte er sich auf den leeren Platz neben ihr und ließ ihre Hand los, um ihnen etwas zu Essen zu sichern. Lillyan hätte später nicht einmal mehr sagen können, was sie genau gegessen hatte, denn sie war so sehr damit beschäftigt, zu Sirius zu schauen, dass sie keinen Blick an ihren Teller verschwendete. Die Schüler, die noch in der Halle waren, murmelten und flüsterten miteinander über die erstaunliche Neuigkeit, dass der Mädchenschwarm schlechthin jetzt ausgerechnet mit der Streberin ging, aber Sirius und Lillyan beachteten das gar nicht. Sie schwebten auf ihrer eigenen kleinen Wolke. „Komm“, sagte Sirius, als sie fertiggegessen hatten, stand auf und griff erneut nach Lillyans Hand. „Ich weiß, wohin wir gehen können.“ Er umfasste Lillyans Hand fester und zog sie aus der Großen Halle. Lillyan glaubte zu wissen, wo er hinwollte, und sie behielt Recht. Keine zwei Minuten später standen sie vor dem Wandbehang von Barnabas dem Bekloppten und Sirius öffnete die gegenüberliegende Tür, die in den Raum der Wünsche führte.

    Hallo und wieder einmal willkommen zurück!
    Na, hättet ihr das erwartet? Lirius hat es doch noch geschafft!: D Hoffentlich war euch das Kapitel nicht zu übertrieben romantisch, ich würde mich wie immer über Feedback freuen! Für die nicht-Romantiker unter euch- sorry ^^ Ich hoffe auf jeden Fall, es hat euch gefallen und ihr freut euch, wenn es weitergeht:)) Das hier ist erst die Hälfte von Kapitel 16 und es kommt noch was- allerdings noch nicht so bald, ich bin gerade sehr viel mit meinem Buch beschäftigt.
    Euch allen auf jeden Fall frohe Ostern und noch schöne Ferien:)
    Eure Johannah

    P.S.: Missetat begangen.

    So, und jetzt für alle, die NEU HIER SIND (der Rest kennt das hier wahrscheinlich schon auswendig xD):

    Wenn ihr informiert werden wollt, wenn diese Geschichte weitergeht, dann schreibt mir doch einfach eine E-Mail in die ihr schreibt, dass ich euch in meinen Rundmailverteiler einfügen soll. Ihr bekommt dann jedes Mal bescheid, wenn es weitergeht. Selbstverständlich könnt ihr mir auch jeder Zeit schreiben, wenn ihr nicht mehr informiert werden wollt, dann nehme ich euch wieder aus dem Rundmailverteiler raus. Wer informiert werden will, weiter oben auf dieser Seite gibt es einen Button "E-Mail an Johannah schreiben", wenn ihr da draufklickt, wird ein Fenster geöffnet, durch das ihr mir schreiben könnt. Ich freue mich über jede Mail und wenn ihr diese Geschichte mögt, dann gebt mir doch bitte ein paar Sternchen, damit auch andere Harry Potter Fans diese Fanfiction finden und lesen können ;) *****

    P.S.: Wie ihr wahrscheinlich wisst, habe ich als Dankeschön an alle, die mir bisher einen Kommentar geschrieben haben, alle Namen oder zumindest die Anfangs/Endbuchstaben der Nutzernamen von allen bisherigen Kommentarschreibern in die Schüler eingebaut, die in der Auswahl vorkommen (Kapitel 12)! Für jeden von euch gibt es einen Schüler oder eine Schülerin, der an euch gerichtet ist! Die Häuser habe ich übrigens zufällig ausgewählt, also ist es nicht persönlich gemeint, wenn der Schüler oder die Schülerin, die euren Buchstaben trägt, z.B. nach Slytherin kommt ;)) Es waren einfach so viele Namen! Ich hoffe, jeder findet sich irgendwo wieder und freut sich darüber:)) Im Folgenden findet ihr jetzt eine Übersicht, welchen Schüler ich wem zugeordnet habe. Viel Spaß damit und LG:)

    Übersicht:
    Sky Roberts: Sky
    Catherine Smith: Cath
    Sophie Ashcroft: So Phie
    Candy Hill: Candy Potter
    Melissa Smith: ZissyMissy
    Lila Williams: Lupa
    Claire Taylor: Clary Potter
    Nathalie Hennig: Queenie Goldstein
    Pauline Head: Potterhead
    Leila Green: Lucy Potter
    Nina King: nymphadora
    Natasha Davies: Nathasha Dudi
    Sascha Lewis: Saphira
    Georgiana Turner: go-girl
    Jasmin Owen: Jasmin Phönix
    Rinah Saunders: Total-ausgezuckerter-Fan-dieser-Geschichte
    Magdalena Reid: Potter
    Stina Ellis: Syrena
    Fanny Grey: Funnylolli
    Alicia Steen: appleheart11
    Emma Rooftop: Die verrückte xD


    Damian Murrey: Fresh D
    Dorian Scott: Dobby
    Oliver Carter: Oliver Wood
    Kristian Hall: Kara
    Phillip Mitchel: Nelly
    Steve Matthews: Shadow x
    Alan Ross: Aära
    Liam Young: LilyPotter
    Theo Brown: Thersa
    Milan Shaw: Moon
    Kilian Robinson: buckbeak
    Tizian Barker: Tatze&Lillyan
    George Winston: Gurke mit Eis
    Stephen Bennet: Snape
    Luke Rose: Lilienkralle
    Geoffrey Fox: Ginnyweasley
    Patrick Edwards: Philina
    Cian Kennedy: Klee
    Marcus Vineyard: lüftermädchen
    Victor Universe: lovelilu

article
1440530008
Das Geheimnis der ersten Auroren
Das Geheimnis der ersten Auroren
Das hier ist die Vorgeschichte von Harry Potter, geschrieben aus der Sicht eines Mädchens Namens Lillyan. Insgesamt ist sie ungefähr so lang wie Harry Potter Band 1, also schon ein richtiges Buch. Schaut doch einfach mal rein!
http://www.testedich.de/quiz37/quiz/1440530008/Das-Geheimnis-der-ersten-Auroren
http://www.testedich.de/quiz37/picture/pic_1440530008_1.jpg
2015-08-25
402D
Harry Potter

Kommentare Seite 7 von 7
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Bitte beachten Sie, dass Sie immer beide Codes, z.B. ((bold)) hier der Text der fett sein soll ((ebold)), gebrauchen, mit dazwischen den Text.

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Cath ( 37015 )
Abgeschickt vor 25 Tagen
Also ich hatte dann auch mal wieder Zeit...😶😥😂 naja egal 😐... auf jeden Fall wie immer war es wieder hammer geschrieben 👌🏽👌🏽👌🏽... GOSH jz sind es schon 16 Kapitel!!!!! Ich glaub ich bin auf die Geschichte gestoßen da waren es 6-7😍😍😍 und sie wird nicht schlechter~ im Gegenteil sie wird immer besser 🎉 🎉 🎉 ich weiß gar ned wat ich sajen soll...! Ich bin ernsthaft platt...😂😉❤️ Weil du so hammer-hammer-hammer-hammer-hammer-hamme r mäßig geil schreibst!!!😍😍😍

Ach Mist das klingt jz voll schleimerisch...🙄😶😬😥😂
Florence Potter ( 19243 )
Abgeschickt vor 37 Tagen
Das neue Kapitel ist so schön und ich finde es überhaupt nicht zu kitschig! Lilyan und Sirius passen perfekt zusammen! Ich freu mich schon total darauf, dass es weitergeht!❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️
Emilia Lillyan v. R. ( 88499 )
Abgeschickt vor 37 Tagen
Deine Geschichte ist soo toll! ❤️ Ich hab mich nach einer neuen FF umgesehen und bin dann zufällig auf diese hier gestoßen. Ich konnte nicht mehr aufhören mit lesen! Die Geschichte ist einfach Super !! 🍀
Lou ( von: Louna )
Abgeschickt vor 41 Tagen
Die Gesichter der anderen hätte ich so gerne Live gesehen! *lachflash*
Lupa ( 69472 )
Abgeschickt vor 42 Tagen
Also... ich bin ja nicht so die Romantikerin... Aber das Kapitel ist schon süß... Und dann so "hey, lass uns zu unseren Freunden gehen, ich will ihre [BEEP]en Gesichter sehn" xD *vor lachen einen auf Mary machen*
Also wieder einmal ein gutes Kapitel, auch wenn es nur halb war.

Frohe Ostern!
Professor Cathy ( von: CathyMaus )
Abgeschickt vor 60 Tagen
Einfach nur wow.. Die Filme sind dagegen nichts! Wirklich großes lob. Ich freu mich schon auf das neue kapittel bei der 'Harry Potter' Geschichte. . Bitte weiter so
Lg Cathy
Lissy ( 26612 )
Abgeschickt vor 61 Tagen
Die Geschichte ist SOOOOO toll geschrieben!!! :) Ich bin Sonntagabend zufällig auf diese Seite gestoßen und habe seitdem in jeder freien Minute gelesen. ;) Ich freue mich schon total auf das nächte Kapitel, kanns kaum erwarten.
Miss Slytherin ( von: Miss Slytheri )
Abgeschickt vor 62 Tagen
@Johannah finde die Story Mega Mega mäßig ach nein überdimensional cool liebe sie!!!!!❤❤❤❤❤❤
Lou ( von: Louna )
Abgeschickt vor 66 Tagen
Florence hat Recht, das Kapitel ist super! ^^
Florence Potter ( 49574 )
Abgeschickt vor 66 Tagen
Wow! Das neue Kapitel ist SO schön und ich kann es jetzt schon kaum mehr erwarten, dass es weitergeht❤️❤️❤️
Johannah ( von: Johannah )
Abgeschickt vor 67 Tagen
@LILY LUNA Dankeschön :D und kein Thema ;))
@Lou Das freut mich total Danke:D
@Florence Potter Haha ich hoffe du bist zufrieden mit Kapitel 15 xda
@Santa Muerte schön das freut mich Dankeschön:))
@Lupa Super Danke ich freue mich auch schon;))
@So Phie Danke für den Tipp mit der Beschreibung ich habe an das Testedich Team geschrieben und sie haben das geändert aber ohne dich wäre mir das nie aufgefallen Danke;))
Lupa ( 17299 )
Abgeschickt vor 68 Tagen
awwwwwwwwwwwwwwwwwwwwwwwwwwww

Sirius... xD

Wieder einmal ein super geschriebenes Kapitel, das Lust auf mehr macht! Ich könnte jetzt noch mehr sagen, aber dann wird der Kommentar zu lang... xD lass dir einfach gesagt haben, dass ich die geschichte liebe, mich super mit Lillyan indentifizieren kann... Und mich auf das 16. Kapitel freue
Florence Potter ( 19291 )
Abgeschickt vor 74 Tagen
Hab ich erst jetzt bemerkt: unter den neuen Erstklässlern ist einer dabei der Stephen Bannet heißt!!!!😃😃😃
Vampire Diares!!!🎉🎉🎉🎉🎉
Auch wenn man die Namen ein bisschen anders schreibt
Santa Muerte ( von: Santa Muerte )
Abgeschickt vor 83 Tagen
Oh Mann, ich liebe diese FF einfach! Sie ist total unglaublich, ich könnte nie so gut schreiben! Übrigens, ich finde auch, dass Lillyan sich wieder mit Sirius vertragen sollte. Und das mit dem Hörspiel ist auch keine schlechte Idee.
Florence Potter ( 45008 )
Abgeschickt vor 85 Tagen
Jaaa, ich freu mich auch schon so! Ich find's schön, dass Lillyan und James jetzt "befreundet" sind. Aber sie muss sich unbedingt wieder mit Sirius vertragen!!!!🙏 Ich glaube ich lese es nochmal von vorne😏
Lou ( von: Louna )
Abgeschickt vor 87 Tagen
Wow....... Hammer FF, fantastisch geschrieben, super Story! Ich freue mich schon total auf das nächste Kapitel!
LG Lou
LILY LUNA=Nelly ( 04884 )
Abgeschickt vor 87 Tagen
(Ich bin Nelly,Sorry...)

LILY LUNA ( 04884 )
Abgeschickt vor 87 Tagen
Ich bin auf jeden Fall noch dabei und ein Hörspiel wäre echt toll!!!!!!!!
:))))))
Johannah ( von: Johannah )
Abgeschickt vor 88 Tagen
@Florence Potter Ohh das freut mich :D schön, dass du auf meine Ff gestoßen bist ;) und krass, dass du dir extra die Nacht um die Ohren geschlagen hast😮😉 ich freue mich, auf jeden Fall sehr, dass du dabei bist ;)) Es geht jetzt auch sehr bald weiter 😁😉🐿
Florence Potter ( 10968 )
Abgeschickt vor 88 Tagen
Also ein Hörspiel fänd wär denke ich nicht schlecht