Das Biest und der Tyrann - Teil 16

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1 Kapitel - 4.090 Wörter - Erstellt von: Ronja - Aktualisiert am: 2015-05-29 - Entwickelt am: - 1.585 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

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    Kids Sicht
    Bevor ich zu Grit an den Tisch gehe, mache ich einen Abstecher zu den Bullaugen, die aufs Deck zeigen. In der zweiten Gruppe hat Killer die Aufsicht, Verantwortung und auch das Sagen. Nach Mika weiß er am meisten übers Navigieren. Er löst Mika ab, damit er auch eine Pause bekommt. Durch das Bullauge kann ich nicht viel erkennen. Es ist dunkel und regnerisch, außerdem läuft draußen ständig jemand hin und her. Das Einzige, das ich mit Sicherheit sagen kann, ist, dass Killer alles im Griff hat. Es sieht nämlich nicht so aus, als ob da draußen Chaos herrschen würde. „Kid! Jetzt iss endlich etwas!“ Ich drehe mich um und sehe, wie Grit auf ihrem Stuhl steht und die Hände in die Seiten stemmt. Grinsend schlendere ich zu meinem Platz. Ganz ruhig setze ich mich hin und tue mir etwas zu essen auf. „Zufrieden?“, frage ich lächelnd. Grit klettert von ihrem Stuhl runter, setzt sich ebenfalls hin und lächelt ihr unglaubliches und fröhliches Lächeln. „Ja“, antwortet sie und beginnt zu essen.

    Die Pause geht viel zu schnell zu Ende. Die Meisten Männer haben sich für eine halbe Stunde hingelegt um sich auszuruhen. Der Rest hängt im Speisesaal rum und versucht sich anders ein bisschen zu erholen. Ich bin schon fast die ganze Zeit vorne im Bug im Navigationsraum. Durch die Bullaugen beobachte ich das Unwetter. Mal sind wir oberhalb des Wassers und mal sind wir unterhalb. Während der ganzen Zeit kann ich nicht einen Blick auf die Insel erhaschen. Sie ist noch lange nicht in Sichtweite. Das Unwetter ist einfach zu dicht. Ich frage mich, ob wir überhaupt noch auf dem richtigen Kurs sind. Hat uns nicht vielleicht schon irgendeine Strömung weggespült? Steuern wir eigentlich noch auf die Insel zu und nicht schon davon weg? Tja… da muss ich Killer und Mika einfach vertrauen. Die wissen schon, wie man eine Insel im Sturm findet. Es wird Zeit! Ich drehe mich vom Bullauge weg und gehe die Gänge zum hinteren Teil des Schiffes, wo auch der Speisesaal ist, entlang. Die Stunde ist vorbei. Jetzt sind wir wieder dran. Ich stoße die Tür auf. Es sind bereits alle bereit und schauen mich erwartungsvoll an. Während ich eintrete, kommt Grit mir mit meinem Mantel entgegen. „Hier“, sagt sie und überreicht ihn mir. „Er ist so gut wie trocken.“ „Danke“, sage ich und lächle sie an. Ich ziehe den Mantel an und gehe zur Tür. Bevor ich sie öffne, drehe ich mich noch einmal um. Mein Mantel ist tatsächlich fast trocken. Und warm ist er auch noch! „Seid ihr bereit? Dann los!“, sage ich laut und mache die Tür auf. Sofort werden die Sturmgeräusche wieder lauter. Nasskalter Wind peitscht mir ins Gesicht. „Gruppe eins!“, schreie ich über den ganzen Lärm hinweg. Einer nach dem anderen drängt sich aus der Tür. Sobald alle draußen sind, kommt Gruppe zwei erschöpft und durchnässt rein. Killer kommt als letzter. „Pass auf!“, sagt er laut und dass obwohl sein Gesicht nah an meinem Ohr ist. Er packt mich an der Schulter. „Wir hatten es eben mit Seekönigen zu tun.“ Ich nicke und schlage die Tür hinter ihm zu. Seekönige. Das waren also die dunklen Flecken, die ich vorhin aus dem Bug heraus gesehen habe. Also gut. Die Männer sind eindeutig erschöpfter, als vorhin. Aber sie schlagen sich gut. Es tauchen tatsächlich zwei Seekönige innerhalb der Stunde auf. Die sind absolut kein Problem für uns. Das Wetter bereitet uns mehr Probleme. Wir nähern uns immer mehr der schwarzen Wolke, welche am Horizont zu sehen ist. Dort ist Hawkins Insel. Wer weiß, was wir bis dahin noch bekämpfen müssen. „HART BACKBORD! STRUDEL AUF ZWÖLF UHR!“, schreit Mika von vorne übers Deck. Er steuert, aber hier hinten muss das Segel bedient werden. Es ist nicht einfach das Großsegel im Sturm anders auszurichten. Aber mit vereinten Kräften gelingt es. Wir nehmen so etwas mehr Fahrt auf und entkommen so der Gefahrenzone. „STEUERBORD!“, ertönt Mikas Befehl. „HILFE!“, höre ich plötzlich einen Schrei. Reflexartig drehe ich mich in die Richtung aus der der Schrei kam. Grit ist an die Reling gedrückt. Von ihr kam der Schrei, aber sie ist nicht unmittelbar in Not. Was macht sie da? Ich schlittere zu ihr herüber und sehe, was los ist. Grit hat ein Seil um die Hüfte gebunden und hält es unter Anstrengungen fest. Am anderen Ende baumelt Steve und hält sich ebenfalls verkrampft am Seil fest, während er hin und hergeworfen wird und andauernd von einer Welle überspült wird. „John! Hilf mir!“, rufe ich John zu, der gerade in meiner Nähe ist. Ich lehne mich über die Reling und packe das Seil fest an. John kommt zur Hilfe. Gemeinsam ziehen wir Steve ein Stück höher. Grit hilft mit und zieht ebenfalls. Es ist gar nicht so leicht auf dem schwankenden Schiff Gleichgewicht zu halten. Ein Glück, dass Grit so gut reagiert hat, sonst wäre Steve jetzt weg. Noch ein letztes Stück und er taucht an der Reling auf. Ich packe seinen einen Arm und John den anderen. Wir ziehen ihn über die Reling auf das etwas sicherere Deck. Erleichtert klopfe ich Steve auf die Schulter. Er kniet auf dem Deck und ist noch unfähig sich zu bewegen. „Mach eine Pause!“, rufe ich ihm zu. Er schüttelt den Kopf, rappelt sich auf und geht an die Arbeit. Ich streiche Grit etwas Wasser von der Stirn und nicke ihr dankend zu. Sie lächelt schwach zurück. Viel mehr Zeit bleibt leider auch nicht! Der nächste Wellenberg türmt sich vor uns bereits auf. Schöne Scheiße! Schließlich reiße ich wieder die Tür zum Speiseraum auf und schreie: „GRUPPE ZWEI!“ Die Gruppen werden ausgetauscht und ich sperre zu Mindestens die Kälte und die Nässe mit einem lauten Knall aus. Als ich in meine Kajüte komme, liegt Grit noch in ihren nassen Klamotten auf dem Bett. Sie liegt auf dem Bauch, die Arme von sich gestreckt. „Komm schon!“, sage ich und stupse sie an. „Du musst wenigstens aus den nassen Sachen raus.“ Sie seufzt. „Kann mich nicht bewegen“, antwortet Grit mit erschöpfter Stimme. Ich grinse und sage mitgespielt verführerischer Stimme: „Ich kann dir ja dabei helfen.“ Der Spruch zeigt sofort seine Wirkung. Grit richtet sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit abrupt auf. Sie schaut mich einen Augenblick mit großen Augen an und geht dann schlurfend ins Badezimmer. Eine Minute später ertönt das Rauschen der Dusche. In mich hinein grinsend, entledige ich mich meiner nassen Kleidung. Mit dem Handtuch, welches ich vorhin hier liegengelassen habe, trockne ich mich ab. In trockenen Sachen setze ich mich in meinen Sessel und ruhe mich erschöpft aus. Der Regen schlägt mehr auf meine Kräfte, als mir lieb ist. Ich wünschte, das Wasser würde mir nicht ständig die Kraft rauben. „Kid?“, höre ich Grit mit leiser Stimme sagen. Erstaunt schaue ich auf. Sie hat ihren Kopf durch den geöffneten Spalt der Badezimmertür gesteckt. „Kannst du mir eine Jeans, ein Top und einen Pullover geben?“ Ein Grinsen breitet sich auf meinem Gesicht aus. Hat da etwa jemand vergessen trockene Kleidung mitzunehmen? Ich stehe auf und gehe zum Schrank. Es ist gar nicht so leicht die drei Kleidungsstücke zu finden, da Grits Schrankseite total unordentlich ist. Alles ist zusammengeworfen und überhaupt nicht mehr gefaltet und sortiert. Ich ziehe aus dem Haufen eine Jeans, ein rotes Top und einen schwarzen Pullover raus. Seit wann hat sie denn schwarze Pullis? So etwas würde sie sich doch niemals kaufen. Ich halte den Pullover vor mich und erkenne den Jolly Roger auf der Vorderseite. Es ist MEIN Pullover! Mit den Sachen in der Hand gehe ich zur Badezimmertür. Ich lehne mich an den Türrahmen und beuge meinen Kopf ein wenig zu ihr runter. Sie guckt mir geradewegs in die Augen. Grit hat wunderschöne grüne Augen. Ich kann nicht anders, ich muss einfach lächeln, wenn ich sie so direkt vor mir habe. Sie muss unglaublich erschöpft sein. Die Arbeit da draußen ist kräftezehrend auch wenn man keine Teufelsfrucht besitzt. Ein Wassertropfen läuft über ihre Stirn. Mit meiner freien Hand wische ich ihn vorsichtig weg. Wie viel würde ich geben, wenn ich nur ein einziges Mal ihre Gedanken lesen könnte… Was geht in Grit vor, wenn sie mich so anschaut? Das, was in mir vorgeht, ist schwer zu beschreiben und am einfachsten noch mit drei einfachen Worten auszudrücken. „Ich liebe dich“, sage ich mit ruhiger tiefer Stimme. Grit wird sofort rot und ein Lächeln verzaubert ihr Gesicht. „Ich liebe dich auch“, antwortet sie flüsternd. Sie macht mich zum glücklichsten Mann auf der Welt. Letztendlich reiße ich mich von ihren Augen los. „Hier ist deine Kleidung“, unterbreche ich die Stille und halte Grit die Sachen hin, welche ich schon die ganze Zeit in der Hand halte. Ich scheine damit Grit aus irgendeiner weit entfernten Welt zurückzuholen, denn sie schüttelt kurz den Kopf, nimmt die Sachen entgegen und schließt leise die Tür. Lächelnd wende ich mich ab und bin schon im Begriff zu gehen. „Kid?“ Die Tür geht wieder auf. Ich drehe mich erstaunt zurück. Grit verzieht ihr Gesicht und vermeidet Augenkontakt. Sie zögert. Was ist jetzt los? Habe ich was Falsches gemacht? „Ich brauche noch Unterwäsche“, flüstert Grit und wird rot. Bevor ich mich irgendwie kontrollieren kann, fange ich laut an zu lachen. Ich gehe zum Schrank und fange an zu suchen. Irgendwo muss das Zeug ja sein. Vielleicht in einer der Schubladen… Ne! Das ist mein Zeug. Ich grinse. Und darunter? Jap! Oke… mir fällt gerade auf, dass ich mir Grit noch nie in Unterwäsche vorgestellt, geschweige denn gesehen habe. Ich habe bisher noch keinen einzigen Gedanken an ihre Unterwäsche verschwendet. Wenn ich da an Früher denke, als ich die Unterwäsche immer gleich als erstes gecheckt habe… Ich fische irgendetwas aus der Schublade raus, ohne groß darauf zu achten, wie Grits Unterwäsche aussieht. Es interessiert mich auch nicht sonderlich, was sie trägt. Nur eins kriege ich mit. Sie trägt keine Tangas. Ich halte Grit die zwei Kleidungsstücke hin und sie nimmt sie schnell an sich. Noch kurz ein „Danke“ murmelnd, schließt Grit die Tür. Ein lautes Knurren entfährt meinem Magen. Ich muss unbedingt etwas essen. Mein Magen ist vollkommen verhungert. Aber vorher will ich versuchen etwas Wasser aus meinem Mantel zu drücken, damit ich ihn wieder aufhängen kann. Da Grit noch im Badezimmer ist, mache ich das einfach hier. Es kommt einiges an Wasser raus. Ich schmeiße mein Handtuch auf die Pfütze. Ach, passt schon! Mit dem nassen Mantel in der einen und meinem Waffengurt in der anderen Hand gehe ich zum Speisesaal. So wie vorhin auch schon, hänge ich den Mantel neben dem Ofen auf. ich vergewissere, dass es draußen keine größeren Probleme gibt und setze mich dann an den Tisch. Das Essen tut meinem Körper gut. Ich trinke heißen Tee dazu und spüre, wie mir von innen wieder warm wird. Wire setzt sich zu mir. „Käpt’n?“, sagt er mit seiner pessimistischen Stimme. „Hm?“, antworte ich. „Ich habe schon mit Mika gesprochen und er meinte, die Insel wäre schon zu sehen gewesen. Er konnte einige Lichter sehen und sogar das Land. Es ist nicht mehr weit.“ Ich nicke zufrieden. Das klingt gut. „Was sind deine Pläne?“, fragt Wire mich. Ich lege meine Gabel zur Seite und drehe mich etwas zu ihm hin. „Heat macht die Vorhut. Ich gehe mit Killer rein und du hast solange das Kommando“, erkläre ich ihm. „Ich will aber auch mit rein!“, sagt Grit entschlossen. Langsam drehe ich mich zu ihr um. Ich ziehe eine Augenbraue hoch. Grit hält meinem Blick stand. Wir schauen uns eine Weile grimmig an. „Nein!“, sage ich schließlich sehr bestimmt. Grit verschränkt ihre Arme vor der Brust. „Ich werde mitgehen!“, sagt sie ebenfalls mit fester Stimme. „Nein!“, sage ich wieder. Das lasse ich nicht zu. Das ist ein Treffen mit zwei Rockies aus der schlimmsten Generation. Da lasse ich Grit doch nicht mit rein. Ich weiß nicht genau, wie viel Hawkins und Apoo die Allianz wert ist. Es ist nicht hundertprozentig sicher, dass sie meine Leute zufriedenlassen. „Bitte Kid! Lass mich mit rein! Die werden mir nichts antun. Ich bin stark!“, sagt Grit bittend, aber immer noch fordernd. „Ich weiß, dass du stark bist, aber meine Antwort lautet Nein! Es gehen nur Killer und ich da rein“, antworte ich klar und deutlich. Ich zeige mit einem Finger auf Grit. „Du nicht!“ Sie verzieht erbost ihr Gesicht. „Ich MUSS da rein!“, versucht Grit mich zu überzeugen. Ich schüttle den Kopf. „Nein musst du nicht. Ich befehle dir auf dem Schiff zu bleiben und Wire wird darauf aufpassen, dass du das auch tust.“ Wire macht einen zustimmenden Laut. Ich wollte nicht so weit gehen, aber Grit lässt mir keine andere Wahl. Sie lässt empört die Arme fallen, schnappt sich ihre Gabel und spießt angepisst eine Kartoffel auf. „Das werden wir ja sehen“, murmelt sie. „Blödmann!“ Sie führt die Gabel zum Mund und kaut energisch auf ihrem Essen rum. Ich seufze. Na toll! Grit haut ordentlich rein beim Essen, aber sie isst schnell. Als sie fertig ist, steht sie einfach auf und verschwindet. Hoffentlich powert sie sich jetzt nicht in der Gummizelle aus. Sie muss ihre Kräfte schonen. Nachdem ich fertig mit essen bin, schaue ich mich um, ob ich Steve irgendwo entdecken kann. Tatsächlich sitzt er etwas weiter rechts von mir am Tisch und isst noch. Ich gehe zu ihm hin und lege ihm eine Hand auf die Schulter. „Na Kumpel! Wie geht’s?“, frage ich freundschaftlich. Steve schaut auf und grinst schief. „Ganz gut“, antwortet er. Ich drücke aufmunternd seine Schulter. „Ruh dich ordentlich aus. Wir brauchen dich da draußen.“ Er nickt. Ich schaue mich noch einmal im Raum um. Es sind nicht viele da. Die meisten haben sich wohl hingelegt. Ich muss noch einmal beim Doc vorbeischauen.

    Während ich eintrete, klopfe ich an den Türrahmen. Der Doc schaut kurz auf und widmet sich dann gleich wieder Johns Hals. „Hey Käpt’n“, sagt dieser und beißt sofort die Zähne zusammen, als der Doc eine Salbe aufträgt. „Was ist passiert?“ „Ein Seil ist an seinem Hals entlanggezogen und hat ihn verbrannt“, erklärt der Doc. „Kalle kam vorhin auch mit so einer Verletzung. Allerdings an den Händen, weil er ein Seil nicht richtig zupacken konnte.“ Ich schüttle grinsend den Kopf. „Müsst ihr zwei Idioten denn auch immer alles gleich machen?“, frage ich sarkastisch. John grinst gequält. „War noch jemand hier?“, frage ich den Doc. Er schüttelt den Kopf. Ich höre wie mehrere Personen hastig durch den Gang laufen. „Doc!“, ruft jemand, noch bevor sie die Tür erreichen. Vier Personen tragen eine weitere durch die Tür. Doc scheucht John vom Krankenbett runter und hilft die Person auf das Bett zu legen. Er schaut die Person prüfend an. „Was ist passiert?“, frage ich fordernd. Sofort geht das Gequassel los. Alle reden durcheinander. „Ruhe!“, befehle ich laut und genervt. „Nur einer!“ „Jaik musste ein Seil am Segel festmachen und dann ist er plötzlich gefallen. Wir konnten ihn nicht mehr auffangen. Er ist direkt aufs Deck geknallt.“ „Raus jetzt! Alle raus! Ihr nervt!“, sagt der Doc aufgebracht und schiebt uns auf den Flur. Also eigentlich schiebt er nur die anderen auf den Flur. Ich folge ihnen. Dem Doc kann ich eh nicht helfen. Außerdem habe ich ja bereits die Informationen. „Zurück nach draußen!“, befehle ich den vieren, die Jaik reingetragen haben. „Ihr hab noch eine gute halbe Stunde!“ Die vier nicken und laufen durch die Gänge nach draußen aufs Deck. Ich mache mich auf den Weg nach vorne in den Bug. Das Schiff schwankt und ich muss ständig mein Gleichgewicht neu finden. Zum Glück bin ich nach all den Jahren seefest geworden. Wenn ich mich da an die anfängliche Kotzerei erinnere… Richtig übel! Aber jetzt wiegt mich das Schaukeln in den Schlaf. Ich setze mich vor die in den Bug eingelassenen Bullaugen und lege die Füße hoch. Jedes Mal, wenn das Schiff einen Wellenberg hochfährt, kann ich für einen Augenblick die Insel sehen. Man kann schon Einiges erkennen. Es ist zwar immer noch dunkel, aber es scheint eher, als wäre zwischen uns und der Insel ein dunkler Schleier. Von der Küste kann ich kaum was erkennen. Für irgendwelche Details sind die Bedingungen zu schlecht. Ich strecke mich und lockere meine Nackenmuskeln ein wenig. Grit wird nicht lockerlassen. Sie will unbedingt mit auf diese Insel. Aber warum? Es ist absolut gefährlich. Vor allem wenn sie alleine als Vorhut geht. Klar sie kann sich verteidigen, aber Hawkins und Apoo sind noch eine ganz andere Klasse. Grit wird es gar nicht gern sehen, wenn ich sie auf dem Schiff einsperre, aber es ist schließlich zu ihrem Besten. Oder rede ich mir das nur ein, weil ich mich dadurch besser fühle… Ach zum Geier! Zu der Besprechung kann ich sie auch nicht mitnehmen. Was dort besprochen wird, geht nur die Kapitänen und die Vizekapitäne was an. Auch wenn ich Grit absolut vertraue, kann ich sie einfach nicht einweihen. Die Allianz hat das so abgemacht. Nur sechs Leute. Mehr nicht! Warum verdammt noch mal will sie denn so unbedingt auf diese Insel? Das macht keinen Sinn! Will sie zeigen wie stark… Oh Scheiße! Die Stunde ist fast vorbei. Wir müssen die andere Gruppe ablösen. Ich stehe auf und marschiere forschen Schrittes in den Speisesaal zurück. Als ich den Raum betrete, richten sich alle Augenpaare auf mich. Alle warten schon darauf, wieder in die Nässe gestoßen zu werden. Ich hole meinen Mantel vom Ofenrohr ab und gehe Richtung Tür. Grit lehnt neben der Tür an der Wand und hat die Arme verschränkt. Sie guckt grimmig. Als ich neben ihr stehe, um die Tür aufzumachen, schaue ich ihr in die Augen. Für einen Moment lockern sich ihre Züge, doch sie schaut leicht neben mir vorbei und verfinstert wieder ihren Blick. Ich seufze. Da müssen wir jetzt beide wohl durch. Ich stoße die Tür auf und schreie gegen den Sturm: „GRUPPE EINS!“ Ab jetzt brauche ich wieder Konzentration für den Sturm und die Sicherheit meiner Crew. Sobald Killer als letzter Mann aus Gruppe zwei das deck verlässt, schlage ich die Tür zu. Ich besetze eine freie Position und führe die Ansagen Mikas durch.

    „HALTET EUCH BEREIT! ES WIRD MERKWÜRDIG!“ Genervt blicke ich zum Bug und kann nur erahnen, wo Mika sich gerade befindet. Was ist das denn für eine Ansage? Was soll der Scheiß? Ich versuche durch den Sturm zu erkennen, was vor unserem Schiff los ist, aber es ist unmöglich irgendetwas zu sehen. Eine starke Windböe bläst auf einmal ins Segel. Das Tau in meinen Händen versucht sich loszureißen, aber ich packe es nur noch fester. Plötzlich lässt der Druck wieder nach und liegt ruhiger in meinen Händen als zuvor. Das Schiff richtet sich wieder normal auf und bleibt auch so. Es ist hell. Erstaunt schaue ich mich um. Der Sturm ist vorbei. Ganz plötzlich hat der Sturm aufgehört. Das Wasser ist glatt, der Himmel ist blau und es weht ein normaler Wind. Ich gehe mit schnellen Schritten zu Mika aufs Vorderdeck. „Was soll das?“, rufe ich laut und angepisst aus. Um die Insel, welche nun klar erkennbar vor uns liegt, ist ein breiter Ring aus schönem Wetter. Drumherum ist eine schwarze Wand. Wie viel Macht hat dieser verdammte Vogel eigentlich? Das pisst mich an. Er hätte uns den Weg auch einfacher machen können. Dieses Arschloch. Ich höre neben mir ein Zischen. Erstaunt schaue ich zur Seite. Grit hat sich, mit etwas Abstand zu mir, weit über die Reling gebeugt und scheint die Insel genau ins Auge zu fassen. Täusche ich mich, oder hat sie gerade tatsächlich sadistisch gegrinst? Was ist nur mit ihr los? Warum ist so versessen darauf mitzukommen? Ich wende mich wieder der Insel zu. Im Hafen, welcher etwas weiter zu unserer linken liegt, liegen zwei große Schiffe vor Anker. Hawkins und Apoo. In der Mitte der Insel ist ein Hügel, der sich etwas über den Rest erhebt. Oberhalb des Hafens ist ein stattliches Herrenhaus zu sehen. An einem Fahnenmast auf dem Dach des Hauses ist die Totenkopfflagge von Hawkins gehisst. Alles klar! Da oben verschanzt sich der Feigling also. „Wie lange?“, frage ich Mika laut, ohne mich umzudrehen. „Halbe Stunde, falls der Wind sich nicht dreht“, antwortet er. Ich drehe mich abrupt um und gehe die Treppen runter. „Killer! Heat! Wire!“, rufe ich laut. Ich gehe in den Navigationsraum und kurz nach mir treten auch die anderen drei ein.

    Grits Sicht
    Das ist meine Chance. Vielleicht ist das der letzte Augenblick, bevor ich an einen Stuhl gefesselt werde, damit ich nicht mit auf die Insel gehe. Eins ist sicher: Ich muss unbedingt da rein. Hawkins ist so nah… Als die Tür zum Navigationsraum zuknallt, wirble ich herum und laufe in meine Kajüte. Ich ziehe mir schnell eine sportliche Jeans an und über mein Top ziehe ich eine dünne Weste mit Kapuze an. Schuhe brauche ich nicht. Wenn ich mich da reinschleiche, sind die nur unnötig laut. Barfuß bin ich viel leiser. Ich lade meine Revolver und binde mir den Waffengürtel wieder um. So! Jetzt bin ich bereit! Sobald wir anlegen, stehle ich mich davon. Hoffentlich sieht mich Kid dabei nicht, sonst zerrt er mich an meinen Waffen zurück aufs Schiff. Ich gehe wieder aufs Deck. Die Sonne ist angenehm warm und das Deck fängt allmählich an zu trocknen. Noch genießen die Jungs an Deck die Sonne und die Ruhe nach dem Sturm. Ich nehme an, sobald wir anlegen und Kid und die anderen von Bord sind, wird hier alles wieder Klarschiff gemacht. Nicht nur an Deck. Innen dürfte auch einiges durcheinander geworfen sein. War in unserer Kajüte ja auch so. Ich seufze. Kid wird sehr sauer sein, wenn er mitbekommt, dass ich auf der Insel bin. Es tut mir Leid, dass er sich so Sorgen macht, aber er versteht ja auch nicht, weshalb ich auf jeden Fall mitkommen muss. Er will nicht, dass mir etwas passiert, aber ich bin da drin absolut sicher. Es sei denn der Frosch dreht durch, aber Hawkins wird mir nichts antun. Wie dem auch sei, ich hoffe Kid ist mit nicht ewig böse. Falls doch, weiß ich nicht, wie ich das überleben sollte. Ich liebe ihn! Eine kreischende Möwe fliegt an unserem Schiff vorbei. Ich schaue mich um. Der Hafen ist sehr nah. Nicht mehr lange und wir legen an. Kid und die anderen drei sind immer noch im Navigationsraum. Ich hoffe die bleiben da auch noch ein bisschen. Schon bald ertönt der Ruf „Alles klar zu anlegen!“ übers Deck. Ich helfe fleißig mit und springe auf den Pier, um die Leinen zu befestigen. Mit mir sind noch ein paar weitere auf dem Pier und wuseln hin und her. Unbemerkt stehle ich mich davon und verschwinde in der ersten Gasse, die ich finde. Ich höre keine Rufe hinter mir. Scheint, als hätte ich es geschafft.

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