Und dann konnte ich fliegen

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1 Kapitel - 1.302 Wörter - Erstellt von: Amaraen - Aktualisiert am: 2015-03-01 - Entwickelt am: - 624 mal aufgerufen- Die Geschichte ist fertiggestellt

Es war der eine Tag, an dem wir frei waren.
Der eine Tag, an dem wir zurückkehrten, ohne bemerkt zu werden.
Der eine Tag, an dem unsere Liebsten den Blick zum Himmel richteten und an uns dachten.
Es war der eine Tag, an dem wir ins unsere Welt zurückkehrten.

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    Es war der eine Tag, an dem wir frei waren.
    Der eine Tag, an dem wir zurückkehrten, ohne bemerkt zu werden.
    Der eine Tag, an dem unsere Liebsten den Blick zum Himmel richteten und an uns dachten.
    Es war der eine Tag, an dem wir ins unsere Welt zurückkehrten.

    Es war ein Fluch, ungeahntes Pech oder einfach nur das harte Schicksal, wenn einer von uns Menschen verschwand und nie wieder gesehen wurde. So erging es uns allen hier. Keiner war freiwillig in die Welt der Geister eingetaucht und keiner konnte freiwillig gehen. Einmal im Jahr war es uns vergönnt zurückzukehren und einmal im Jahr fühlten wir uns wieder lebendig.
    Manche von uns wollten die Geisterwelt nie wieder verlassen und andere wollten sie nie wieder betreten. Ich gehörte zu den Letzteren, aber es gab keinen Ausweg. Sobald wir einen Fuß in ihre Welt setzten, waren wir ein Teil von ihr und nur die wenigen Auserwählten konnten zwischen den Welten umherpendeln. Sie wollten alle bleiben, denn sie hatten die Wahl.
    Von böswilligen Geistern wurden wir verschleppt, die ihre Macht mit dem Leid der Menschen steigerten. Je mehr wir litten, desto stärker wurden sie und umso mehr Menschen wurden von ihnen entführt, um für immer zu bleiben und niemals Frieden zu finden. Einmal in ihrer Welt gab es keine Zeit, die für uns tickte und ohne Zeit gab es keinen natürlichen Tod, der uns erlöste.
    An dem einen besonderen Tag im Jahr, an dem der süße Geruch der Freiheit uns umhüllte, konnten wir nicht einmal wählen, wohin wir gehen wollten. Jeder von uns landete an einem anderen Ort. Dort, wo die Welten so nah beieinander liegen, dass wir den Unterschied zuerst nicht einmal bemerkten, als wären wir in einem Traum. Es waren oft große Märkte und Basare, denn an diesen Orten versammelten sich Horden von Menschen und Geistern und die Welten rückten näher.
    Als Kinder fürchteten wir uns vor Bettlaken, die im Wind wehten und die wir für tote Menschen hielten, aber sie waren nur ein kleiner Teil der Wesen, die wir jeden Tag zu sehen bekamen. Manche waren uns sehr ähnlich und nur ihre fremden Stimmen erinnerten uns daran, was sie waren. Und andere hätten uns nicht unähnlicher sein können. Sie waren seit Anbeginn der Zeit in der Geisterwelt und sie wären noch immer dort, wenn die Menschheit nicht mehr wäre.
    Die Geister unserer Verstorbenen lebten in einer heruntergekommenen Stadt und warteten auf das Gericht, das sie entweder zu den menschenähnlichen Wesen machte oder zu unwürdigen Kreaturen, die in den Schatten vor sich hin siechten. Schlussendlich war beides wie die Hölle. Aber einige nutzen die Chance, um ein zweites Leben zu beginnen und die anderen warteten auf ihre Liebsten.
    Ich war nicht tot, aber lebendig fühlte ich mich trotzdem nicht.

    Dieses Jahr war ich in China gelandet. Der Markt war weitläufig und keinem von uns war es gestattet ihn zu verlassen. Unter dünnen Planen oder Leinen standen Männer, Frauen und Kinder und boten Speisen, Getränke und selbstgefertigte Schmuckstücke an. Der schwere Geruch von gekochtem Fleisch und scharfen Gewürzen lag in der Luft, als ich den dünnen Pfaden durch die Stände folgte. Das Gedränge war fast unausstehlich, aber ihre Unbeschwertheit und die schlagenden Herzen waren meine Erlösung. Ich war unter den Lebenden und konnte ihre Wärme spüren.
    An manchen Ständen blieb ich stehen und hörte den Unterhaltungen zu, auch wenn ich von ihrer Sprache nichts verstand. Ich wollte nur ihre Stimmen hören, die sich mit ihren Gefühlen scharf zuspitzten oder sanft senkten. Und jeder Augenkontakt mit ihren warmen Augen, auch wenn sie mich anfunkelten, war eine Erlösung aus dem Fluch. Sie alle hatten ein Zuhause, auf das sie sich freuen konnten. Vielleicht sogar jemanden, der auf sie wartete.

    Die Zeit verflog viel zu schnell und schon bald ging die Sonne unter. Überall wurden Lampen aufgehängt und ihr flackerndes Licht entzündet. Der Himmel verfärbte sich und ein warmes Orange und freches Rosa zog über das Firmament. Es waren die letzten Farben vor der schwarzen Nacht, die alles in sich verschlang. Und sobald die Sonne verschwunden war, war ich wieder in der Geisterwelt. Gefangen.
    Vor einem der Pfade lag ein einzelnes Haus. Es sah vollkommen fehl am Platz aus, aber die Stände hatten sich um das Haus herumgeschlängelt, als wäre es dort schon immer gewesen und niemand störte es. Sein Dach stand weit über und berührte beinahe den Boden, so dass man leicht hätte hinauf klettern können.
    Innerhalb einer Sekunde war ich auf dem Dach und folgte den letzten Sonnenstrahlen. Wie eine Schnur zog mich das Licht empor und als ich meinen Kopf über die Seite des Daches steckte und über all die Stände blicken konnte, blieb mir der Atem weg. Das Haus war höher als ich gedacht hatte und der Wind, der unten kaum zu bemerken war, riss erbarmungslos an meinen Kleidern. Ich musste mich gut festhalten, um nicht auszurutschen und hinab zu stürzen. Neugierig setzte ich mich an die Spitze des Daches und sah über das Meer aus weißen Leinen, die durch den Wind zu einer einzelnen Woge anschwollen und an dem Haus zerschellten, als wäre es aus Stein.
    Am Horizont konnte ich noch die Sonne sehen und ihre Wärme durchfloss meinen ganzen Körper, als würde sie mir Kraft geben für das nächste Jahr unter den Toten. Aber ich wollte kein weiteres Jahr bei ihnen verbringen. In der Dunkelheit sitzend und dabei zusehend, wie meine Haut ihre Farbe verliert, biss sie grau und spröde wäre wie altes Papier. Merken wie meine Seele zerfressen wird und geisterhaft um mein altes Herz weht, wie das Segel eines Geisterschiffes.
    Langsam stand ich auf und eine eiskalte Böe schlug mir entgegen. Trotzig setzte ich einen Fuß vor den anderen, bis vor mir nur die Leere war und unter mir der Markt. Keiner der Menschen beachtete mich, keiner von ihnen kannte mich und alle meine Liebsten waren in ihrer Heimat und fragten sich vielleicht wo ich war ohne jemals eine Antwort zu erhalten. Ich konnte ihnen nicht sagen, dass ich lebte und mir selbst konnte ich es nicht weiter vorlügen.
    Ich war bereits tot.
    Ich war bereits ein Geist.
    Von der Sekunde, als ich in ihre Welt gezogen worden war. An diesem Tag starben all meine Träume, ich verlor alles, was ich liebte und ich verlor mich selbst. Manche unserer Toten vergessen alles, was war, wenn das Gericht ihr Schicksal bestimmte. Ich wollte vergessen, ich wollte fliehen, ich wollte die Freiheit!

    Ich schloss langsam meine Augen, folgte dem singenden Wind… und dann konnte ich fliegen.


    Für mehr Geschichten:
    http://www.fanfiktion.de/u/Amaraen

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hogwarts & manga fan ( 04206 )
Abgeschickt vor 589 Tagen
Wunderschön^^

Mir fehlen die Worte
jackii ( 30039 )
Abgeschickt vor 619 Tagen
Wow ich bin.. einfach nur sprachlos. Das ist wirklich wirklich wundervoll- alle deine Geschichten sind wundervoll! Ich wünschte ich könnte auch so schreiben, aber viel mehr wünsche ich mir das du ein richtiges Buch schreibst und es veröffentlichen lässt. Damit man mehr als "nur" diese paar wunderschönen Seiten zu lesen hat :) Lg
Amaraen ( 29824 )
Abgeschickt vor 757 Tagen
Es ist eine einfache Kurzgeschichte, die ich für einen Wettbewerb geschrieben habe. Daher kommt auch alles von mir. Dank einem Traum kam ich auf die Idee und ich setzte es auf meine Liste für Buchideen, haha ^^
Und vielen lieben Dank :D

LG Amaraen♥
Nikau ( 78681 )
Abgeschickt vor 758 Tagen
Wunderschön! Einfach nur wunderbar!
Darf ich fragen, ob das 'nur' eine Geschichte ist, oder eine Geschichte, die auf einem Buch/Film basiert? Wenn sie letzteres täte...ich würde es, dank deiner Story, sofort lesen/anschauen