Wächter der Städte

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1 Kapitel - 3.953 Wörter - Erstellt von: Tariel - Aktualisiert am: 2014-08-15 - Entwickelt am: - 769 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Roa lebt in unserer Zukunft...

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Kapitel 1

„Verdammt, Roa! Steh jetzt endlich auf!“, höre ich Carry rufen. Mit einem leisen Seufzer setze ich mich im Bett auf und blinzle kurz. Ich schlage die rot und gelb gemusterte Bettdecke zurück und schlurfe langsam hinüber ins Badezimmer.
Als ich eine halbe Stunde später in ein Handtuch gewickelt in das kleine Schlafzimmer zurückkehre, das ich mir mit Sim teilen muss, versuche ich vergeblich mein Lieblingsshirt zu finden.
Ein paar Minuten darauf, als ich eingesehen habe, dass ich mir wohl ein anderes Shirt anziehen muss, stürme ich die schmale Treppe hinunter in unsere kleine Küche.
„Na endlich! Ich dachte schon, du würdest heute gar nicht mehr aus dem Bett steigen“, schimpft Carry und wendet sich dann wieder Mel zu. Ich bleibe im Türrahmen stehen und sehe meinen Geschwistern dabei zu, wie sie frühstücken.
Die Jüngste, Theresa, von uns Tess genannt, sitzt auf ihrem Stuhl und mampft mit offenem Mund ihr Marmeladebrot. Ab und zu hält sie auch ihrer Puppe Lotta etwas hin, aber die scheint keinen Hunger zu haben.
Gleich daneben liegt Sim, der eigentlich Simon heißt, auf dem Boden, liest in irgendeinem Buch mit grünem Einband und stopft sich sein Frühstück in den Mund. Er ist nur ein Jahr jünger als ich, doch auch das komplette Gegenteil von mir. Ich könnte niemals einen ganzen Tag lang in ein Buch starren.
Ein paar Schritte weiter stehen Carry und Melissa und streiten sich lautstark. Obwohl Mel erst neun ist, kann sie sich meistens durchsetzen. Sie verfügt über einen unglaublichen Dickkopf.
Carry heißt eigentlich Cara. Sie ist schon neunzehn und somit die Älteste von uns und normalerweise gibt sie bei Auseinandersetzungen schnell nach.
Benjamin, mein siebzehn jähriger Bruder, sitzt schräg gegenüber von Tess und lacht immer wieder, wenn sie sich darüber ärgert, dass ihre geliebte Puppe nicht essen will.
Und dann gibt es noch mich. Mein Name ist Aurora Johnson-Steel und ich bin derzeit fünfzehn Jahre alt. Von meinen Geschwistern (insgesamt fünf) werde ich Roa gerufen, doch meine Eltern wehren sich strikt dagegen, auch nur einen von uns bei unseren Spitznamen zu rufen. Ich wurde zwei Jahre nach Benny, also als drittes Kind in diese Familie hineingeboren. Eigentlich hätte ich das letzte Kind sein sollen, doch schon ein Jahr drauf kam Simon zur Welt, dann Mel und zuletzt auch noch Tess.
Nun stehe ich hier im Türrahmen und beobachte die anderen dabei, wie sie sich über ihr Frühstück hermachen. Als Benny mich bemerkt, klopft er mit einer Hand auf den Stuhl neben sich und mit der anderen greift er nach seinem Glas. Doch statt seinem Wasserglas greift er ins Leere und stößt das Glas versehentlich um. Schon im nächsten Moment schreit Tess auf und zeigt kreischend auf die Pfütze, die sich langsam über den ganzen Tisch ausbreitet. Ich schnappe mir ein Geschirrtuch und reiche es Benny. Noch bevor er fertig aufgewischt hat, lässt sich Melissa wütend auf den Sessel neben Tess fallen und blickt böse zu Cara hinüber. Die ignoriert Mel einfach und hält mir das Geld für die Pause hin. Ich strecke meine Hand danach aus und stecke es in meine rechte Hosentasche.
„Kommt jetzt, wir müssen los!“, ruft Carry, zieht sich ihre Schuhe an und wirft sich den Rucksack über die Schulter. Morgens, wenn Mom und Dad bereits in der Arbeit sind, übernimmt sie die Verantwortung für uns. Sie kann das auch ganz gut, wenn da nur nicht die sture Mel wäre. Ich schnappe mir ebenfalls meinen orangen Rucksack und schlüpfe in meine Schuhe. Alle unsere Rucksäcke sind orange. Orange ist die Farbe unserer Schule und da Mom und Dad keine Schwierigkeiten mit der Schulauswahl haben wollten, steckten sie uns alle in die King-Yula-School. Die King-Yula-School ist Kindergarten, Volksschule, Unter- und Oberstufe in einem. Im Keller befindet sich der Kindergarten, ein Stockwerk darüber ist die Volksschule, im zweiten Stock werden die Schüler der Unterstufe unterrichtet und im dritten Stock die, der Oberstufe. Wir laufen gemeinsam fünfzehn Minuten lang durch die Großstadt und kommen dann endlich auf dem Platz vor der Schule an. Es ist ein großer Platz mit vielen Bänken und Bäumen. Vor vielen, vielen Jahren gab es noch viele Grünflächen in der Stadt, doch heute gibt es nur noch zwei, den Yula-Platz, auf dem ich stehe und den Kingspark. Eilig laufe ich hinter meinen Geschwistern her und betrete schließlich als Letzte das Schulgebäude. Die Innenwände der Schule sind orange angestrichen. Es läutet und ich stürme neben Benny und Cara die Treppe hoch und erreiche mein Klassenzimmer. Ich reiße die Türe auf und starre auf Herrn Budg. Tja, war doch voraussehbar, dass ich wieder einmal zu spät kommen würde. Ich murmle eine Entschuldigung und lasse mich auf meinen Platz neben Iris sinken. Mein Stundenplan: Mathe, Englisch, Informatik und dann Geschichte. Geschichte ist mein Lieblingsfach, da wir gerade den Meteorabsturz durchmachen. Der einzige Nachteil ist, dass ich heute zu spät gekommen bin und mich Herr Budg, unser Geschichte- und Mathelehrer, ganz bestimmt wiederholen lassen würde, was wir in den letzten Stunden durchgemacht hatten. Ich verbringe also die erste Stunde damit, mich mit Iris über die neusten Ereignisse zu unterhalten (mit ein paar Unterbrechungen von Herrn Budg). Auch Englisch und Informatik vergehen schneller als gedacht und schließlich läutet es schon zur Geschichtsstunde. Sofort erscheint auch Herr Budg und bittet mich vor zur Tafel. Was hatte ich anderes erwartet? Ich erhebe mich also und steuere langsam durch die Tischreihen.
„Vor zweihundert Jahren stürzte ein riesiger Meteor auf die Erde und zerstörte fast alles, was es auf unserem Planeten gab“, beginne ich und fahre nach einer kurzen Pause fort. „Damals gab es statt unseren zwei Kontinenten gleich fünf verschiedene. Auf diesen fünf Erdteilen lebten ungefähr zehn Millionen Menschen, heute sind es nur mehr elftausend. Zu dieser Zeit gab es in manchen Ländern Demokratische Regierung und in den anderen eine Diktatur, wie auch bei uns heute. Damals waren auch Entführungen und Folter noch nicht an der Tagesordnung, die Menschen lebten frei und durften alles selbst entscheiden.“ Ja, ihr habt richtig gehört: Entführungen und Folter. Meistens betrifft es Menschen, die gegen den König, den Cara, Benny, Simon und ich heimlich Diktator nennen, sind. Seit einer oder zwei Wochen ist auch immer wieder in den Zeitungen zu lesen, dass es nun schon eine Rebellengruppe geben soll, der heute Nachmittag der Prozess gemacht wird. Dad besteht darauf, dass die vier Älteren seiner Kinder, also Carry, Benny, Sim und ich, mit ihm den Prozess besuchen, da dieser öffentlich ist.
„In Ordnung, Miss Johnson-Steel. Sie können sich nun setzen, aber das nächste Mal denken Sie daran früher zur Schule zu kommen.“ Ich werde rot und gehe schnell wieder zu meinem Platz zurück. Katie beginnt zu kichern. Das letzte Mal, als ich zu spät kam, musste ich zu unserem Direktor gehen und meine Eltern bekamen von ihm einen Brief, in dem stand, dass wir besser nicht mehr auffallen sollen. Erst nach zwei weiteren Stunden ertönt das Läuten, das das Ende eines ewig langen Schultages ankündigt. Ich packe meine Sachen und verlasse als letzte den Klassenraum. Die Schule ist bereits so gut wie leer, als ich die Treppen hinuntersteige. Ich trete aus dem Schulgebäude und kneife meine Augen zusammen. Die Sonne scheint grell auf mich herab. Vor mir stehen Cara, Benny und Sim. Ich stelle mich neben sie und warte darauf, dass das Auto unseres Vaters um die Ecke kommt. Er wollte uns gleich nach der Schule hier abholen, da wir uns beeilen müssen, wenn wir noch rechtzeitig zum Prozess kommen wollen. Endlich hält Dad ein paar Minuten später direkt vor unseren Nasen. Eine fast zweistündige Autofahrt steht uns bevor. Ben, Sim und ich quetschen uns auf die Rückbank und Carry setzt sich auf den Beifahrersitz.
„Hattet ihr auch einen schönen Schultag?“, fragt Dad uns fröhlich und ein wenig überschwänglich und wir nicken alle gleichzeitig.
„Ich bin schon wieder zu spät zu kommen“, flüstere ich Sim ins Ohr und er grinst.
„War ja klar, dass wir wieder zu spät kommen würden. Mir ging es genauso“, meint er und holt ein dickes Buch aus seinem Rucksack.
„Du trägst den ganzen Tag dieses Buch mit dir mit?“, frage ich entsetzt und starre auf den Schmöker in Sims Händen.
„Na ja, was soll ich denn sonst in der Englischstunde machen?“, erwidert er sarkastisch, und grinst noch breiter. Ich drehe meinen Kopf weg und schaue aus dem Fenster. Cara und Dad unterhalten sich, doch ich nehme das Gespräch nicht wirklich war. Ich muss die ganze Zeit an den bevorstehenden Prozess denken. Wen sie wohl diesmal wieder verurteilen? Wird es jemand sein, den ich kenne? Eigentlich habe ich gar keine Lust mir das anzuhören, was die alle zu sagen haben.
Irgendwann schrecke ich hoch. Ich muss wohl während der Fahrt eingeschlafen sein. Ben rüttelt mich vorsichtig an der Schulter.
„Hey Roa, wir sind da“, sagt er leise und lächelt mich schief an. Ich lächle ebenfalls und steige aus dem Auto. Ich stehe nun vor einem riesigen Gebäude, dessen zweiter und dritter Stock verglast ist, der Rest besteht nur aus grauem Beton, sowie alle anderen Häuser, die ich kenne auch. Ich habe schon viel von diesem Gebäude gehört. Es wird das Gericht genannt, da hier mit allen Verbrechern gesprochen und gehandelt wird. Ab und zu findet, wie heute, auch ein Prozess statt. Dad setzt sich, ohne ein Wort zu sagen, in Bewegung und ich folge ihm sofort. Wir betreten den hohen Eingangsbereich, der genauso grau ist wie die Außenseite. Vater lotst uns durch eine breite Metalltüre. Als ich an Dad vorbei gehe staune ich nicht schlecht. Wir befinden uns in einem riesigen Saal, in dessen Ecken jeweils ein Bildschirm hängt. Der Großteil des Raumes wird von Stuhlreihen eingenommen, ein kleinerer Teil ist, sozusagen, die Bühne. Dad hat uns Sitzplätze in der vierten Reihe reserviert und ich lasse mich auf einen der Klappstühle fallen. Aufgeregt rutsche ich hin und her und warte darauf, dass etwas passiert. Im ganzen Saal wird gemurmelt, doch als das Gesicht einer zirka vierzigjährigen Frau auf den Leinwänden erscheint, ist plötzlich alles still. Ihre schulterlangen dunkelblonden Haare fallen locker an ihrem Gesicht herab. Ihre Augen scheinen viel zu groß neben der zierlichen Nase und ihre Lippen viel zu sehr geschwungen.
„Guten Tag meine Damen und Herren!“, begrüßt uns die Frau mit einer kindlich hohen Stimme. „Unsere heutigen Angeklagten heißen Christian Ammer, Sina Fox, Eric Fox und Samuel Kay. Sie werden des Verrats beschuldigt. Wir werden nun mit dem Verhör beginnen.“
Ein rundlicher Mann betritt die Bühne und stellt sich als Patrick vor. Dann wird Christian Ammer von zwei bewaffneten Männern in Schutzkleidung, den Wachen, hereingebracht. Seine Haare sind schweißnass und seine dunklen Augen suchen im Publikum angespannt nach Verwandten und Freunden. Doch so wie es aussieht ist niemand gekommen. Das war von Anfang an klar, denn sobald jemand beschuldigt wird, sagen sich sofort alle seine Familienmitglieder und Freunde von ihm los, um nicht selbst unter Verdacht zu geraten. Der Mann wird auf einen Stuhl gesetzt und der rundliche Mann beginnt mit der ersten Frage.
„Sie sind also Christian. Wie geht es ihnen denn?“, fragt Patrick und lächelt kalt. Christian gibt ein gurgelndes Geräusch von sich, blickt aber nicht auf.
„Ich nehme an, das bedeutet, dass es ihnen halbwegs gut geht“, sagt Patrick und geht auf der Bühne vor Christian auf und ab. Irgendwie ist mir Patrick extrem unsympathisch. Am liebsten wäre ich nun auf die Bühne gelaufen und hätte ihm eine Ohrfeige verpasst. Ich weiß auch nicht, warum.
„Ich komme nun gleich zur Sache, also. Hast du dich gegen unseren König gewandt und eine Rebellion angezettelt? Ich stelle diese Frage nur ein einziges Mal“, fährt Patrick fort und bleibt vor Christian stehen. Er blickt ruhig auf ihn hinab. Ich sehe Christians Hände zittern. Jeder vernünftige Mensch würde in dieser Lage lügen, oder?
„Natürlich nicht! Aber ich kenne jemanden, der es getan hat. Ich beobachte ihn jedes Wochenende dabei, wie er sich mit seinen verräterischen Freunden trifft!“, stößt Christian hervor und nun ist es wirklich mucksmäuschenstill im Saal. Wen würde Christian verraten?
„Wie, wie ist sein Name?“ Patrick wird immer lauter und seine Stimme füllt den ganzen Raum. Christian zittert noch stärker und zögert.
„Valentin. Valentin Peters“, antwortet er schließlich und wird dann von den Wachen hinausgeführt.
Patrick geht zu einem kleinen Tisch, der neben dem Stuhl steht und schreibt etwas in ein kleines Buch. Vermutlich den Namen. Dann werden eine abgemagerte Frau und ein hagerer Mann hereingebracht. Die Frau fällt müde auf den Sessel, während der Mann hinter ihr stehen bleibt. Die Wachen lassen keinen von ihnen aus den Augen. Ihre aufmerksamen Augen schüchtern sogar mich ein und glaubt mir, das kann manchmal echt schwer sein. Anfangs stellt Patrick die gleichen Fragen wie bei Christian. Endlich ist er bei der letzten Frage angelangt.
„Ich komme nun wieder einmal zu dieser Frage. Haben Sie sich gegen unseren geschätzten König gewandt und eine Rebellion angezettelt?“, fragt Patrick mit ruhiger Stimme. Die beiden Angeklagten sehen sich kurz an.
„Wir werden für unser Land gemeinsam in den Tod gehen“, verkündet der Mann, Eric Fox, die Antwort. Ein Raunen geht durch den gesamten Saal. Auch Sim dreht den Kopf zu mir.
„Was hältst du davon?“ Ich zögere.
„Mutig, aber ich glaube, das Land ist sowieso schon lange verloren“, flüstere ich so leise wie möglich zurück und verziehe dabei mein Gesicht. Auch Patrick scheint verwirrt. Er winkt die Wachen herbei und lässt Sina und Eric Fox wieder fortbringen.
„So, nun fehlt nur noch unser letzter Gast. Samuel Kay“, erklärt Patrick und stellt sich direkt hinter den Stuhl. Die Doppeltüre am einen Ende der Bühne wird zum dritten Mal aufgestoßen und Samuel wird herein geführt. Seine dunklen Haare sind ebenso schweißnass wie die von Christian, aber seine Augen sind heller. Außerdem trägt er statt den schwarzen Stoffhosen von Christian und dem grauen Pullover, eine ausgewaschene Jeans und ein gelbes Shirt. Ich kenne ihn. Samuel kommt genau wie meine Geschwister und ich, fast immer zu spät zur Schule. Er ist zwei Jahre älter als ich und geht mit Benny in eine Klasse. Außerdem wohnt er nur ein paar Straßen weiter mit seinen Eltern und seinen drei Geschwistern. Kann es wirklich sein, dass er schon mit siebzehn sein Leben aufs Spiel setzt? Die Männer ziehen ihn zu dem Sessel und drücken ihn dort nieder. Sam wehrt sich dagegen so gut er kann. Doch schließlich können ihn die bewaffneten Männer auf dem Stuhl festhalten.
„Ist es denn so schwer sich zu setzen?“, fragt Patrick und in seiner Stimme klingt etwas Herausforderndes mit. Sam schweigt und starrt nur auf den Boden zwischen seinen Füßen.
„Du bist wohl nicht besonders gesprächig, was?“, fährt Patrick unberührt fort, legt eine Hand unter Samuels Kinn und hebt seinen Kopf hoch. Erst jetzt sieht ihn Sam das erste Mal richtig an.
„Nein, wohl eher nicht“, entgegnet er und versucht seine Hände freizubekommen, die die Wachen auf seinen Rücken drücken. Patrick lässt ihn los und marschiert wieder auf der Bühne auf und ab.
„Dass sie auch siebzehn Jährige verhören, ist eine Frechheit!“, höre ich Dad murmeln und auch Cara scheint es bemerkt zu haben, denn auch sie dreht ihren Kopf in seine Richtung. Dad blickt uns entschuldigend an und wendet sich dann wieder dem Geschehen auf der Bühne zu.
„Mir ist zu Ohren gekommen, dass du dich einer Rebellengruppe angeschlossen hast, ist das richtig?“, lautet Patricks nächste Frage.
„Kommt drauf an, was du glaubst, ob unsere Stadt und das Land frei sind oder nicht“, erwidert Sam. Es klingt angriffslustig.
„Ein bisschen mehr Höflichkeit!“, ermahnt ihn Patrick und klingt nun schon ziemlich gereizt.
„Oh, entschuldigen Sie bitte! Ich wollte doch niemanden beleidigen“, verteidigt sich Samuel mit gespielter Höflichkeit.
„Hör mir jetzt mal gut zu, Junge! Entweder du beantwortest meine Fragen oder ich lasse dich wieder abführen!“, schießt Patrick sofort zurück.
„Ich bevorzuge zurzeit die Variante mit der Nummer drei“ Im nächsten Moment schießt Sam in die Höhe, reißt seine Hände los und verhakt seine Finger in den Haaren einer Wache. Sam donnert den Kopf des Mannes dreimal gegen die Tischkante und steht nun dem Anderen gegenüber. Der scheint noch vollkommen fassungslos zu sein und greift erst nach einer ganzen Weile nach seiner Waffe. Erst als er Sam, der sich inzwischen auf Patrick gestürzt hat, den Lauf der Pistole an den Kopf drückt, jeden Moment bereit dazu abzudrücken, hält dieser wieder still. Jetzt erst fällt mir auf, dass schon einige Menschen von ihren Klappstühlen aufgesprungen sind und sich ins Freie stürzen. Haben die etwa Angst vor Sam? Auch Cara und Benny springen nun auf und Ben zieht mich am Handgelenk hinter sich her. Doch als wir näher an die Tür herankommen, werde ich plötzlich zu Boden geschleudert und dann wieder hoch gezogen. Ich starre in Samuels Gesicht und spüre den Lauf einer Pistole an meinem Kopf. Er muss der Wache die Waffe entwendet haben.
„Ich werde dir nichts tun, verstanden? Ich versuche nur hier heil rauszukommen“, flüstert er mir ins Ohr. Ich spüre den Lauf der Waffe kalt an meinem Hinterkopf und höre Cara meinen Namen rufen. Sam schlingt seinen freien Arm um meinen Bauch und zog mich dann mit sich rückwärts auf die Türe zu, durch die ihn die Wachen hereingebracht hatten. Nun starrten uns wirklich alle an. Carry will auf uns zulaufen, doch Sim und Benny halten sie fest. Auch Dad blickt mich angsterfüllt an. Eine der Wachen macht ein paar Schritte auf uns zu, aber Samuel drückt die Waffe noch fester an meinen Hinterkopf.
„Wenn du noch einen Schritt machst, schieße ich“, sagt er mit fester Stimme und zieht mich mit durch die Türe. Erst als die Flügel der Doppeltüre sich schließen lässt Sam mich los und beginnt zu laufen. Ich will hier nicht alleine stehen, aber zurück in den Saal will ich erst recht nicht, also folge ich ihm so schnell ich kann. Ich sehe immer nur ein Stück seiner Kleidung oder seinen Fuß, wenn er um eine Ecke biegt, doch es reicht um ihn nicht zu verlieren. Wir stürmen hintereinander Gänge entlang und Treppen hinunter. Ich wage es nicht ihn zu rufen, damit er auf mich wartet, denn sonst würde ich nur uns beide verraten. Endlich, nach einer Ewigkeit erreiche ich das Ende eines Ganges. Hier gibt es nur noch eine Tür und bestimmt führt sie ins Freie. Weitere Abzweigungen kann ich nirgends entdecken. Ich reiße die metallene Türe auf und trete hinaus. Vor mir sehe ich das Geländer eines Balkons und als ich noch weiter vortrete erkenne ich, dass es gut fünf Meter sind, die mich und den Erdboden trennen. Unten sehe ich Sam. Er steht dort und sieht vollkommen unverletzt aus. Er sieht zu mir hoch und schüttelt dann verwundert den Kopf. Wie konnte er so weit nach unten springen, ohne sich dabei zu verletzen?
„Entweder du springst oder du suchst dir einen anderen Weg aus dem Gebäude“, ruft er mir zu und verschränkt seine Arme vor der Brust. Ich will gerade einen Schritt zurückmachen, doch da nehme ich hinter mir Stimmen wahr. Mir bleibt wohl nichts anderes übrig als zu springen. Im nächsten Augenblick wird hinter mir die Tür aufgerissen und ein großgewachsener Mann tritt zu mir auf den Balkon. Jetzt oder nie, denke ich und schwinge mich über das Geländer. Ich kreische kurz und schlage dann auch schon auf dem Boden auf. Ich fühle nichts mehr, außer meine schmerzenden Körperteile. Sam packt mich, reißt mich hoch und rennt los. Ich schaffe es einfach nicht mehr sein Tempo mitzuhalten, nicht nachdem ich fünf Meter in die Tiefe gesprungen bin. Nur noch meine Angst treibt mich immer weiter und weiter voran. Wenn sie mich jetzt erwischen würden, würden sie mich als Mittäterin ansehen, da ich statt zurück in den Saal gegangen, einfach weggelaufen bin. Nach ungefähr fünf Minuten bleibe ich stehen und kauere mich gegen eine Hauswand. Was hat es für einen Sinn weiterzulaufen, wenn ich nicht einmal mehr weiß wohin? Die Sonne wandert unaufhaltsam, aber dafür extrem langsam über den Himmel. Ich schließe die Augen und atme ein paarmal tief ein und wieder aus. Dann schlage ich die Hände vors Gesicht. Ich spüre eine Hand auf meiner Schulter und zucke stark zusammen.
„Kannst du noch laufen?“, meint Sam und mustert mich fragend. Ich denke kurz nach und nicke dann.
„Wenn es nicht mehr allzu weit ist, schaffe ich es wahrscheinlich“, antworte ich ihm und rapple mich wieder auf.
„Nein, nicht mehr weit.“ Nun laufen wir nebeneinander ein paar Straßen entlang. Alle Häuser sehen hier gleich aus. Grau, hoch und mit einem kleinen Vorgarten. Endlich hält Sam an und deutet auf eines der Häuser, die dicht aneinandergereiht sind.
„Da müssen wir rein“, sagt er und nimmt einen kleinen Stein, der auf der Straße liegt. Sam holt aus und schleudert ihn gegen eines der Fenster. Wollte er, dass das Fenster zerspringt? Einen Moment später blickt eine Frau zu uns herab. Sollten wir nicht lieber wieder abhauen?
„Was soll das? Du verrätst uns doch nur!“, zische ich angespannt.
„Ich besorge uns nur einen Schlafplatz, denn ich glaube wohl kaum, dass du jetzt noch zu deiner Familie zurück gehen kannst oder willst“, antwortet er und sieht mich herausfordernd an. Die Frau von vorhin tritt auf die Straße und winkt uns zögernd zu sich. Ich folge Samuel unsicher.
„Ann, ich habe noch jemanden mitgebracht und nun sieh mich nicht so wütend an! Ich habe dir doch gesagt, ich würde da wieder rauskommen!“, erklärt Sam und umarmt die dunkelhaarige Frau flüchtig. Sie ist mollig und auf ihrer langen Nase thront eine riesige Brille. Sie beäugt mich ein wenig verächtlich und winkt uns dann ins Haus.

Kommentare Seite 1 von 1
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Tariel ( 5.180 )
Abgeschickt vor 34 Tagen
@DarkDragon

Tja, es hat tatsächlich lange gedauert, doch jetzt lese ich deine Nachricht doch noch. Vielen Dank für die vielen Tipps! Ich werde versuchen sie auch umzusetzen.

Liebe Grüße,
Tariel :)
DarkDragon ( )
Abgeschickt vor 397 Tagen
Liebe Tariel,

Ich bezweifle, dass du das hier je lesen wirst. Trotzdem schreibe ich es, warum? Ganz einfach. Du hast riesengroßes Potenzial, weißt du das? Ich kann das erkennen. Du hast nur noch nicht gelernt, es ganz auszunutzen. Deine Geschichte ist sehr gut. Vor allem die verschiedenen, kleinen Details bringen richtig Leben in die Handlungen. Außerdem hast du gute Ideen, was diese Handlungen betrifft. Aber ich habe "sehr gut" gesagt, und was du werden könntest, ist "perfekt". Dazu musst du dich auf die Gefühle konzentrieren. Wie fühlt man sich, wenn man über die Ungerechtigkeiten und den Tod im eigenen Land erzählt? Was für Gedanken, Sehnsüchten gehen dabei durch den Kopf? Und wie ist es, so einen Prozess dann selbst zu erfahren? Versetze dich mehr in deine Personen hinein, und spüre, wie sie sich fühlen, was sie tun und wie ihre Körpersprache aussehen würde.

Beim nächsten Mal bist du perfekt.

DarkDrago
Tariel ( 6.231 )
Abgeschickt vor 848 Tagen
Hallo liebe Leser, es würde mich wirklich sehr freuen, wenn ich vielleicht ein paar Rückmeldungen bekommen würde! ;D

Lg Tariel ♥
Tariel ( 7.206 )
Abgeschickt vor 866 Tagen
Hey, ich habe noch eine zweite Fanficiton erstellt, kann sie aber irgendwie nicht speichern...

Diese Fanficiton ist nur geeignet für Leute mir Schreibblockaden, da ich hier nur Tipps gebe und es keine Geschichte ist!

http://www.testedich.at/quiz34/quiz/1409927763/Schreibanregungen

Liebe Grüße,
eure Tariel ♥
Tariel ( 121.9 )
Abgeschickt vor 882 Tagen
Vielen Dank! Die Fortsetztung kommt bald! ♥
Solea ( 8.185 )
Abgeschickt vor 893 Tagen
Wow !!!! Total gut geschrieben!!!! Du hast echt Talent. Ich bitte um Fortsetzung ;-)