Jashins erbe

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21 Kapitel - 41.328 Wörter - Erstellt von: Celica - Aktualisiert am: 2014-06-01 - Entwickelt am: - 2.533 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Diese Idee hat sich seit einigen Tagen in meinen Kopf festgebrannt. Sie ist noch nicht wirklich durchdacht und ich bin mir auch nicht sicher, ob sie es Wert ist.
Grund dafür ist, dass ich ein eher befremdliches Bild von Hidan und vor allem dem Jashinismus darstellen würde, wie ihr gleich lesen werdet.
Ausgehend davon, dass das folgende "Märchen" den Ursprung des Jashinismus beschreibt, würde ich gerne von euch erfahren: Wollt ihr mehr oder ist euch die Idee zu... absurd?
Ich danke schon jetzt für jede Rückmeldung!
Und jetzt:
Viel Spaß beim Lesen:)

    1
    Es war einmal ein mächtiges Kaiserreich, in dem war einst ein Junge geboren, der einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn entwickelte. Er verurteilte schon von klein auf die Bösen und tat sein Bestes, die Guten zu schützen.
    Und so kam es, dass dieser Junge vom Kaiser zum Samurai ernannt wurde und seit jeher als seine rechte Hand agierte.
    Im Namen des Kaisers urteilte er all jene, die Schuld auf sich geladen hatten.
    Er war Richter.
    Er war Vollstrecker.
    Als aber der Kaiser eines Tages Schuld auf seine eigenen Schultern geladen hatte, musste der Ritter auch ihn richten und sein Urteil vollstrecken. So tötete er den Kaiser, wie man es ihn gelehrt hatte.
    Als ihm niemand Glauben schenken wollte, floh der Samurai in den Wald und war nie mehr gesehen.
    Doch der Samurai lebte und diente der Gerechtigkeit im Schatten des neuen Kaisers. Noch immer urteilte er und vollstreckte er. Und weil er nicht im Namen des Kaisers handeln konnte, und weil die Menschen wussten, dass seine Präsenz Unheil bedeutete, gab er sich einen eigenen: Jashin - Unheilverkünder. Denn sein Auftauchen würde mindestens einen Tod fordern.
    Andere schlossen sich Jashin an und er nannte sie Jashinisten. Sie urteilten in seinem Namen, waren Richter und Vollstrecker, so wie er es für den vorherigen Kaiser tat.
    Und es kam der Tag, an dem Jashin selbst dem Tod nahe war. So sprach er zu seinen Anhängern: „Euch soll es nicht so ergehen wir mir. Geht in die Welt und opfert mir all jene, die den Tod verdienen. Schützt jene, die euren Schutz benötigen. Dann will ich euch auf ewig leben lassen.“
    Die Jahre vergingen, das Kaiserreich fiel und die Ninja in ihren Clans suchten die Länder heim. In all den Jahren opferten die Jashinisten ihrem Anführer, den sie seither als Gott verehrten, einen Menschen nach dem anderen.
    Doch irgendwann akzeptierte Jashin die Opfergaben nicht mehr. Seine Anhänger töteten nur noch um des Tötens willen, nicht um zu strafen.
    Und so kam es, dass Jashin sich ein letztes Mal auf die Erde begab, um seinen Gläubigen ein Zeichen zu senden. In seinem Schrein im tiefen Wald von Yugakure, zeigte er ihnen das Amulett Yasakani, und sprach: „Dieses Amulett ist von mir selbst geschaffen. Yasakani wird nur einen von euch akzeptieren. Jenen Jashinisten, der mein rechtmäßiger Erbe ist. Nur dieser wird Yasakani berühren und tragen können, ohne Schaden zu erleiden und fortan unter meinem absoluten Schutz stehen. Der Träger des Amuletts wird mein Prophet sein. Durch ihn werde ich zu euch sprechen. Er wird meine Stimme werden. Er wird mein Richter werden. Er wird der Anführer von euch, meinen Vollstreckern werden.“
    Wenn das Amulett nicht mehr im Tempel zu finden ist, hat Jashin seinen Propheten gefunden. Es liegt fortan an diesem, sich die Jashinisten Untertan zu machen und die Lehre des Gottes unter den Menschen zu verbreiten.

    2
    Ich hatte mir nie Gedanken darüber gemacht, für welchen Zweck ich lebte. Ich war einfach da, ein Teil dieses großen Ganzes. Ich wusste nicht, warum ich geboren war.
    Noch weniger hatte ich über meinen Tod nachgedacht. Als Jashinistin gab es auch keinen Grund dafür.
    Doch nun musste ich mich damit auseinandersetzen. Akito stand neben mir, am Ende seiner Kraft. Keiner von uns war an das Blut unserer Gegner gekommen. Wir konnten sie nicht verfluchen. Es war aus.
    Obwohl diese Situation - dem Tode nahe zu sein - für mich utopisch sein sollte, war ich unerwartet ruhig. Es ließ sich nicht mehr vermeiden und ich konnte nur noch hoffen, keine Qualen zu erleiden.
    Ich griff ein letztes Mal zu meinem Hals und umschloss mit der Faust das blutrote Amulett. Mit geschlossenen Augen sendete ich ein letztes, stummes Gebet zu dem Gott, in dessen Schrein ich dieses Schmuckstück gefunden hatte. Meine Bitte war leicht: ein schmerzfreier, kurzer Tod. Dann wartete ich auf diesen.

    Wartete.

    Und wartete.

    Und wartete.

    3
    Gelangweilt hockte ich in der Höhle, meine Sense auf dem Schoß. Nachdem Kakuzu und ich unseren letzten Auftrag ausgeführt hatten, musste ich meine Sense säubern. Wie nach jeder anderen Mission auch. Nicht nur, dass es meiner Kunst wegen sein musste, es sah auch einfach besser aus.
    Leider war der Kampf mit diesen blöden Jounin etwas schwerer als gedacht gewesen und meine geliebte Sense hatte nicht nur ein paar Kratzer abbekommen. Sie war stumpf geworden. Aber was viel schlimmer war: eine der Ecken war abgebrochen.
    Als meine Waffe wie neu glänzte, suchte ich Sasoris Werkstatt auf. Er würde da bestimmt das eine oder andere Wundermittel haben.
    Ich stand vor der Werkstatt und klopfte an, in der Hoffnung, dass er gute Laune hatte. Er konnte unerträglich sein.
    „Herein“, knurrte er und ich seufzte erleichtert. Es hätte mich schlimmer treffen können.
    „Sasori-chan“, begrüßte ich ihn so freundlich wie möglich und ignorierte seinen strengen Blick. Warum versteckte sich dieser Typ eigentlich immer in seiner Puppe. Auf Mission konnte ich es ja irgendwie verstehen, aber hier? „Meine Sense ist etwas in Mitleidenschaft gezogen worden. Kannst du mir helfen, sie zu reparieren?“
    Ich hielt ihm die Waffe ihn und er begutachtete sie. Ohne etwas zu sagen schlurfte er zu seinem Regal, holte etwas Schleifpapier und kramte aus einem anderen Schrank schließlich ein neues Sensenblatt.
    „Da ist die Werkbank. Hier ist alles, was du brauchst. Den Rest wirst du wohl alleine hinbekommen“, murrte er und wand sich wieder seiner Marionette zu. Wenn er mit den Frauen so umgehen würde wie mit seinen Puppen... Sie würden ihn alle lieben.
    „Danke, Kumpel“, erwiderte ich, ließ ihn seine Arbeit machen und befestigte meine Sense an der Werkbank. „So Süße, dann wollen wir dich mal wieder herrichten“, meinte ich grinsend und machte mich ans Werk.

    Eine Stunde später war ich fertig. Sie sah hinreißend aus. Wie neu, unverbraucht und so unschuldig wie noch nie zuvor. Stolz verließ ich die Werkstatt wieder und lief durch die Gänge in die Küche, um dort all die anderen Chaoten dieses zwielichtigen Vereins vorzufinden.
    Sasori, der wenige Minuten vor mir die Werkstatt verlassen hatte, saß in einer Ecke, übte mit seiner Puppe und stritt gleichzeitig mit Deidara, der seinen Ton zu irgendwelchen Skulpturen formte, über Kunst. In der gegenüberliegenden Ecke saß Kakuzu und zählte konzentriert unser Geld. In der Nähe des Fensters beobachtete Kisame die Fische im Aquarium mit einem merkwürdigen Blick. Ich war mir nicht sicher, ob der Blauhäutige einfach nur neidisch auf die kleinen Dinger war oder sie jeden Moment als Snack verspeisen würde. Dann war da noch Itachi, der entspannt auf der Couch lag und an die Decke starrte. Zetsu stand neben der Zierpflanze und goss sie, während er vor sich hin murmelte. Ob seine beiden Seiten miteinander sprachen oder er einfach nur die Pflanze zutextete - bei ihm wusste man nie.
    Die einzigen, die fehlten, waren Konan und Pain. Er würde wahrscheinlich gerade über seinen Schreibtisch hocken und Aufträge für uns raussuchen, während sie neben ihm saß und Papierblumen faltete.
    Und so etwas sollte die gefürchtete Verbrecherorganisation Akatsuki sein? Die alle behaupteten Schwerverbrecher der Stufe S zu sein? Pah, dass ich nicht lachte. Ein Haufen Schlappschwänze waren das. Nicht mehr, aber vielleicht sogar noch weniger.
    Gerade hatte ich mich umgedreht und wollte die Küche verlassen, als ein Papierschmetterling neben der Tür landete und dort verweilte. Er konnte nur von Konan sein. Und weil Konan stets bei Pain war, konnte das nur eines bedeuten...
    „Was will der Boss denn jetzt schon wieder“, knurrte ich genervt und faltete das Papier auseinander. Er verlangte nach Kakuzu, Itachi, Kisame und mir.
    „Kakuzu“, brüllte ich in die Küche zu meinem Teampartner, welcher mich mit einem wütenden Blick strafte. Hatte er sich verzählt? Wie Schade.
    „Was?“, drang sein drohendes Brummen zu mir herüber. Alles schauten auf.
    „Wir müssen zum Boss“, meinte ich schulterzuckend.
    „Das kann warten.“
    „Wir müssen jetzt zum Boss, du geldgeiler Sack“, wiederhole ich. Kakuzu seufzte genervt, verstaute das Geld in seinem Koffer, schloss ihn und stürmte an mir vorbei. „Itachi, Kisame, ihr auch.“
    „Ich bring dich irgendwann um. Irgendwann bringe ich dich wirklich um“, zischte er mir noch zu.
    „Versuchs doch“, provozierte ich ihn entspannt und folgte ihm gemütlich zu Pains Büro. Er konnte mir nichts.
    Das wusste ich.
    Das wusste er.
    Das wussten alle.
    Ich war Jashinist und hatte meinen Gott auf meiner Seite. Er hatte mich auserwählt, seine Botschaft der Welt mitzuteilen. Ich würde nicht sterben. Jashin-sama würde das nicht zulassen.
    Wir betraten also das Büro des Bosses und ich ließ mich in einen dieser supergemütlichen Sessel fallen. Kisame tat es mir gleich, während Itachi und Kakuzu an der Tür stehen blieben. Diese Sessel waren eigentlich der einzige Grund, warum ich gerne in diesen Raum kam. Pain schwafelte nicht lange um den heißen Brei, sondern kam gleich zum Wesentlichen.
    „Ich will, dass ihr mir ein Amulett besorgt. Es nennt sich Yasakani und soll im Besitz einer jashinistischen Gruppe in der Nähe von Yugakure sein“, befahl er in seinem etwas herrischen und gleichzeitig emotionslosen Ton.
    „Yasakani gibt es nicht“, warf ich in den Raum, bevor er uns mit weiteren Einzelheiten langweilen konnte oder irgendeiner der anderen auf die Idee kommen konnte dumme Fragen zu stellen. Es war nichts weiter als eine Legende. Dieses Amulett war ein Mythos. Ein Hirngespinst der Idioten, die in Jashin den Gerechten, den Helden sehen wollten.
    Aber Jashin war der König der Unterwelt. Er war der Gott des Unheils, des Todes. Er verfluchte und bestrafte. Er war alles, aber kein Held. Und erst recht niemand, der Gerechtigkeit forderte.
    „Es gibt Beweise“, wollte der Boss sich mir widersetzen und betrachtete mich ernst.
    „Einen Scheiß gibt es“, wütete ich, sprang aus dem Sessel und gestikulierte wild. „Diese Geschichte ist eine Lüge. Ein dummes Märchen, dass man den kleinen Kindern erzählt. Sie ist eine Beleidigung für jeden Jashinisten. Jene, die behaupten es zu besitzen, sind Hochstapler. Ich werde einen Teufel tun und meine Zeit für dieses idiotische, nicht existierende Amulett verschwenden. Das wäre Gotteslästerung!“ Meine Muskeln verspannten sich und ich bemühte mich ruhiger zu werden. Dieser Mistkerl Pain hatte keine Ahnung.
    Wäre an diesem Märchen etwas Wahres dran gewesen, hätte es längst einen Propheten Jashins gegeben. Wir Jashinisten hätten mehr Macht gehabt und wären nicht in aller Welt verteilt gewesen. Jashin hätte auf sich aufmerksam gemacht und zu uns gesprochen. Er hätte uns wissen lassen, dass er unter uns verweilte, dass er uns anführte.
    Ich ließ mich wieder in den Sessel fallen, atmete tief durch und sah Pain an. „Selbst wenn es stimmen sollte und der Träger des Amuletts in dieser Gruppe verweilen würde, würden wir nie an ihn herankommen. Kein Jashinist würde es zulassen, dass man dem Erbe unseres Gottes Schaden zufügt.“
    „Deshalb brauche ich dich bei der Mission“, argumentierte Pain weiter. „Nur du kannst sicherstellen, ob es die Wahrheit oder eine Lüge ist. Und nur dich werden sie an das Amulett und seinen Träger heranlassen.“
    „Ich hab doch gesagt, ich werde diese Mission nicht bestreiten“, protestierte ich. Bei Jashin, wie gerne ich diese Piercingfresse jetzt gerne töten würde.
    Pain seufzte leicht genervt, klappte eine Akte zu und sah nun zu Kakuzu. „Selbst wenn das Amulett nicht die Kräfte hat, die ihm im Märchen und den Gerüchten zufolge zugeschrieben werden, ist es ein kostbares Schmuckstück.“ Es war so klar, dass er sich damit an diesen geldgeilen Sack Kakuzu wendete. Für Geld tat der doch alles. „Bringt es mir.“
    „Was für Kräfte soll es denn besitzen?“, fragte Kisame neugierig und mit seinem typischen, breiten, hässlichem Grinsen.
    „Hidan wird euch alles zu dem Amulett während der Mission erzählen.“ Bevor ich den Mund aufmachen konnte, sprach der Boss auch schon weiter. „Keine Diskussion. Und jetzt raus hier.“
    Vor mich hinfluchend stürmte ich aus dem Büro die Flure entlang.
    Dieser dumme Pain.
    Dieses blöde Märchen.
    Dieses verfluchte Amulett.
    Diese jashinverdammte Mission.
    Sie würde mir alle meine Mühe kaputt machen. Wie würde ich denn vor Jashin dastehen, wenn ich für solch einen Humbug meine Zeit verschwendete? Ich konnte mir mein Grab schaufeln, mein einziges und endgültiges Grab. Diese Mission konnte meinen tatsächlichen Tod bedeuten.
    „Hidan, wo willst du hin?“, wollte Kakuzu etwas säuerlich wissen, als ich geradewegs Richtung Ausgang schritt.
    „Amok laufen!“

    4
    Den ganzen Vormittag hatte ich schon auf meinem Bett gesessen und dieses blutrote Amulett angestarrt. Es war an seiner Spitze an einem einfachen Lederband befestigt und hatte die Form eines etwas stärker gebogenen Kommas, auf dessen Vorder- und Rückseite das Symbol der Jashinisten zu sehen war. Ein Kreis mit umgedrehtem Dreieck.
    Ich hatte es vor wenigen Monaten in den Ruinen eines alten Tempels gefunden. Im Nachhinein kann ich nicht mehr sagen, wie ich diesen Tempel gefunden habe. Ich war wie ferngesteuert. Als es dann vor mir lag, murmelte mir ein Stimme immer wieder zu, ich sollte es nehmen, es würde mir gehören und mich beschützen.
    Also hatte ich es an mich genommen.
    Es klopfte an der Tür. Ich legte mir die Kette mit dem Amulett um und versteckte es unter meiner weiten, dunkelgrauen Robe.
    „Yumiko? Kann ich rein kommen?“, fragte Akito.
    Er war es, der mich vor drei Jahren an den Jashinismus herangeführt hatte. Es war seine Aufgabe gewesen, meine Familie für ihre Sünden zu strafen. Doch mich ließ er am Leben. Denn Jashin schützte die Unschuldigen.
    Ich war mir noch nicht sicher, worin der Unterschied zwischen Schuld und Unschuld lag, aber Akito gab mir Zeit, um dies herauszufinden. Er wohnte den Zeremonien bei, betete mit den anderen zu Jashin und urteilte mit ihnen in seinem Namen, jedoch hatte ich noch nie eines der Urteile vollstreckt.
    „Ja, kannst du, Akito-sama.“ Er streckte erst den Kopf zur Tür hinein, bevor er mein Zimmer betrat und sich zu mir auf die Bettkante setzte.
    „Du warst nicht beim Frühstück“, meinte er nachdenklich und strich mir eine Haarsträhne hinter das Ohr. „Ich habe mir Sorgen gemacht.“

    Bleib auf Abstand.

    Ich legte die Stirn etwas in Falten, wich zurück und schüttelte den Kopf. Da war sie wieder. Diese Stimme. Immer und immer wieder sprach sie zu mir, sagte mir, was ich tun oder lassen sollte. Sie hatte mich zu dem Amulett geführt, hatte mich aufgefordert sie zu nehmen und meinte seitdem, ich sollte mich von Akito und den anderen fern halten.
    „Tut mir Leid“, murmelte Akito und ließ seine Hand sinken. „Ist alles okay mit dir, Yumiko? Du wirkst in letzter Zeit angespannt und unruhig.“
    Sollte ich ihm von der Stimme und dem Amulett erzählen? Eigentlich wollte ich keine Geheimnisse vor ihm haben, aber...

    Kein Wort zu ihm. Er ist ein böser Mensch!

    Woher wollte diese Stimme es wissen? Was war sie und warum suchte sie mich heim? Als ich Akito fragen wollte, versagte mir mein eigener Körper den Dienst. Er gehorchte mir nicht.
    „Alles okay“, brachte ich nur über die Lippen- eine Lüge. Es war nichts okay. Ich war verunsichert und verwirrt, konnte nicht einschätzen, was das alles zu bedeuten hatte. Ich wollte jemandem davon erzählen, jemanden, der mir half. Wurde ich verrückt und hörte deshalb diese Stimme?
    Akito betrachtete mich noch einen Moment nachdenklich, bevor er aufstand. Ich hoffte, dass er in meinem Blick sah, was für verrückte Dinge in mir vorgingen, gleichzeitig hatte ich Angst davor. Angst, dass er es erkannte und wusste, was es mit der Stimme auf sich hatte. Angst, dass er mich verstoßen würde.

    Du musst keine Angst haben. Ich beschütze dich.

    „Ich wollte dich eigentlich nur zum Beten abholen“, erklärte er nach einigen Sekunden und versuchte noch immer in meinem Blick zu lesen.

    Geh mit.

    Ich nickte. „Bin gleich da.“
    Im selben Moment, wie Akito mein Zimmer verlassen und die Tür geschlossen hatte, nahm ich das Amulett von meinem Hals, warf es auf das Bett und ging auf die andere Seite des Zimmers.
    Aus irgendeinem Grund hatte dieses Schmuckstück Macht über mich. Meiner Meinung nach zu viel Macht. Wie konnte das sein? Es war doch nur ein Amulett. Hätte ich es vielleicht nicht aus der Tempelruine nehmen dürfen? Aber die Stimme hat es mir doch befohlen.

    Ich saß auf dem Rücken des riesigen Tigers und ritt zum Schrein den die Jashinisten mir zu Ehren errichtet hatten. Ich musste all dem ein Ende setzen. Dieses grundlose Morden - in meinem Namen - musste ein Ende finden. Sofort.
    Sie waren leicht zu finden. Jeder von ihnen trug eine große Waffe über der dunklen Robe. Mir viel auf, dass es alles Männer waren. Der Job eines Vollstreckers war wohl nichts für eine sensible Frau. Aber die Zeiten änderten sich. So wie die Ninja immer mehr an Bedeutung in dieser Welt gewannen, so würde vielleicht auch die Macht der Jashinisten wachsen und auch Frauen eine wichtigere Rolle spielen. Ich hoffte es.
    Als die jungen Männer mich entdeckten, betrachteten sie mich abschätzend. Sie waren es nicht gewohnt, dass jemand ihr Terrain betrat.
    „Ich komme in friedlicher Absicht“, stellte ich klar, stieg von meinem Tiger und warf mein Schwert zum Boden.
    „Wer bist du?“, wollte einer von ihnen wissen. Seine Robe war mit goldenen Fäden bestickt und hob sich somit von den anderen ab. Er war es anscheinend, der sich der Hohepriester nannte und behauptete, meine Worte zu empfangen und weiterzuleiten. Ein Hochstapler.
    „Ich bin der, der dem Kaiser dient“, stellte ich mich vor. Sie würden mir ohnehin nicht glauben. „Ich soll euch von seinem Richter und Vollstrecker eine Nachricht überbringen.“
    „Es gibt schon seit hunderten von Jahren keinen Kaiser mehr“, lachte der Hohepriester und zückte seine Waffe. „Töten wir ihn und bringen Jashin ein weiteres Opfer da.“
    Kaum hatte er den Satz beendet fiel er leblos zu Boden.
    Niemand würde mich töten.
    Niemand konnte mich töten.
    Niemand würde mich Jashin opfern.
    Niemand konnte mich Jashin opfern.
    Denn ich war des Kaisers Richter.
    Denn ich war des Kaisers Vollstrecker.
    Die anderen Jashinisten versammelten sich um ihren toten Hohepriester und murmelten in einem unverständlichen Durcheinander. Sie waren verwirrt, entsetzt und überrascht. Doch nach wenigen Minuten stand einer von ihnen auf, ließ den Hohepriester tot sein und kam zu mir herüber, um sich auf die Knie fallen zu lassen und sich vor mir tief zu verbeugen.
    „Willkommen zurück, Vollstrecker“, meinte er und verharrte in seiner Position. Die anderen starrten ihn an. Sie starrten mich an. Dann taten sie es ihrem Bruder gleich.
    „Steht auf“, befahl ich mit ruhiger, weicher Stimme, schritt an ihnen vorbei und auf die Treppe des Schreins. Aus meiner Tasche holte ich ein blutrotes Amulett, geformt wie ein Komma und versehen mit meinem Zeichen.
    „Das“, verkündete ich meinen Anhängern, „das ist Yasakani. Ein Amulett von mir selbst erschaffen. Es soll nur von jenem getragen werden, der mein rechtmäßiger Erbe ist, der meinen Willen in sich trägt. Nur dieser wird es ohne Schaden zu erleiden berühren können und wird unter meinem absoluten Schutz stehen. Niemand wird ihn töten können. Nichts wird seinem Leben ein Ende setzen.“ Ich ließ meinen Blick über die Jashinisten schweifen. Sie verstanden meine Worte und doch zogen sie es alle in Erwägung, mein Erbe zu sein. Aber keiner von ihnen war Yasakani würdig. Niemand von ihnen würde es tragen können. „Yasakani wir meinen Propheten bestimmen. Denjenigen, durch den ich in Zukunft zu euch sprechen werde. Denjenigen, der meine Stimme sein wird. Denjenigen, der mein Richter sein wird. Und denjenigen, der euch, meinen Vollstreckern, ein Anführer sein wird.“


    Ich schnappte nach Luft und kniete mich erschöpft auf den Boden. Was war das für eine Vision? Was hatte das alles zu bedeuten?
    Ich sah auf das Bett zu dem Amulett. Es war das selbe wie in der Vision.
    Ich hatte nie von dieser Geschichte gehört.
    Es war auch noch nie ein Wort über Yasakani gefallen.
    Warum war es in meinen Besitz gekommen? Wie magisch angezogen stand ich wieder auf, ging zum Bett herüber und nahm das Amulett an mich.
    Wer war dieser Vollstrecker gewesen und was hatte er mit den Jashinisten zu tun gehabt? Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass Akito oder sonst jemand ihn je erwähnt hatte. War es seine Stimme, die ich hören konnte? Aber wie war das alles möglich? Wie konnte er zu mir sprechen oder diesem Amulett die Macht geben, wie er es behauptet hatte?
    Ich legte das Amulett wieder an und verbarg es unter meiner Robe, bevor ich aus meinem Zimmer ging und schnellen Schrittes den Gebetsraum aufsuchte. Darüber musste ich mir später Gedanken machen, die anderen warteten bereits auf mich.
    Als ich den Gebetsraum betrat, warf Akito mir einen etwas besorgten Blick zu, doch ich schüttelte nur den Kopf und bezog meinen Platz. Saeko lag in der Mitte. Tot.
    Sie war eine großartige junge Frau gewesen. Ich kannte kaum jemanden, der Jashin mehr ehrte und fürchtete als sie es getan hatte. Wie wir alle hätte sie eigentlich unsterblich sein sollen, doch aus irgendwelchen Gründen war sie gestorben. Genau wie Tamaki und Yuuto zuvor.
    Als ich saß und die Augen geschlossen hatte, klang auch schon Akitos Stimme melodisch durch den Raum: „Jashin, dem Gott des Todes. Unser eins sind deine treusten Diener, unsere Qualen diene tiefsten Freuden, unsere Tode deine Göttlichkeit. Geboren, um dir zu dienen. Geschaffen, um deinen Willen Wirklichkeit werden zu lassen. Gelebt und wieder gelebt, um in deinem Willen zu sterben und wieder zu sterben...“
    Wir waren offensichtlich nicht so unsterblich, wie wir alle gedacht hatten. In unserem Ritual, in unserem Glauben lag eine Schwäche, von der wir nichts wussten. Ich zweifelte nicht an der Unsterblichkeit selbst - dafür hatte ich schon viel zu skurrile Bilder gesehen: Enthauptungen, vertikale Zweiteilungen, in Fetzen gerissene Körper. Aber ich zweifelte an ihrer Vollkommenheit. Es gab anscheinend eine Bedingung, die uns nicht bekannt war. Mir fiel jedoch nicht ein, was Tamaki, Yuuto und Saeko anders gemacht hatten oder womit sie Jashin erzürnt haben könnten.
    Wenn wir unsere Unsterblichkeit behalten wollten, mussten wir dies herausfinden. Wir konnten es uns nicht leisten, noch jemanden aus unseren Reihen zu verlieren.
    „...Da wo Chaos und Zerstörung herrscht, liegt dein Reicht. Und da wo Tod und Krankheit wachen, bist du anwesend. Amen Jashin, du heiliger Engel des Todes und lass uns einen ehrenvollen Tod sterben“, beendete Akito das Gebet.
    „Amen Jashin“, wiederholten wir anderen wie aus einem Munde.


    Es war der nächste Tag, an dem Akito und ich mit fünf weiteren Jashinisten im Wald zum Tempel liefen. Wir wollten ihm hier ein Opfer darbieten und um seine Gnade bitten. Er sollte uns ein Zeichen geben, uns sagen, was wir falsch machten. Wir wollten unseren Fehler korrigieren. Doch den Tempel sollten wir nicht erreichen. Drei maskierte und bis zum äußersten bewaffneten Männer stellten sich uns in den Weg.
    „Wir wollen das Mädchen“, sagte einer von ihnen und deutete mit seinem Katana auf mich. Überrascht betrachtete ich ihn einen Moment, sah dann zu Akito. Dieser stellte sich vor mich. Auch die anderen schützten mich vor den Blicken der Maskierten.
    „Es ist keine gute Idee, sich gegen uns zu stellen“, meinte Akito nur ruhig und griff nach seiner Axt.
    „Das werden wir ja sehen“, entgegnete der Mann in arrogantem Ton. Akito und die anderen Jashinisten um mich griffen nach ihren Ketten und murmelten ein kurzes Gebet.
    „Bitte gib uns die Kraft, dir viele Opfer zu schenken“, sprach Akito etwas lauter.
    „Amen Jashin“, ergänzten die anderen und stürzten sich auf die Männer.
    „Bleib zurück, Yumiko“, befahl Akito und folgte den anderen. Ich zog mich auf die Bäume zurück, versteckte mich und hoffte, nicht gefunden zu werden.
    Der Kampf zog sich immer mehr in die Länge.
    „Shigeru!“, brüllte Akito verzweifelt. Ich kroch aus meinem Versteck und mir stockte der Atem, als Shigeru leblos in sich zusammensackte. Er stand in seinem Diagramm, die Farbe seine Haut hatte sich verändert. Er hatte einen der anderen verflucht, das stand fest. Er war im Begriff, Jashin ein Opfer zu machen und doch hatte unser Gott ihm die Unsterblichkeit genommen.
    Auch Hiroto und Eita lagen reglos am Boden, Akito und Taiga waren erschöpft. Zum ersten Mal bereitete sich in mir Angst aus. Angst um das Leben der anderen und Angst um mein eigenes Leben.
    Ich spürte eine Bewegung hinter mir, drehte mich um, nur um den Tritt in letzter Sekunde abblocken zu können. Dennoch stürzte ich von dem Baum in die Tiefe. Akito fing meinen Sturz ab und stöhnte beim Aufprall.
    „Euer Gott hat euch wohl verlassen“, höhnte einer der Maskierten.
    „Mistkerl“, zischte Taiga und hievte sich auf die Beine. Unsere Gegner umkreisten uns wie wilde Raubtiere, die im Begriff waren über ihre Beute herzufallen. Und wir waren die Beute. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie dieses Spiel beenden würden.
    Langsam stand ich auf, beäugte unsere Gegner und half auch Akito auf die Beine, während ich auf den Angriff wartete.

    Dir wird nichts passieren.

    Ich hatte mir nie Gedanken darüber gemacht, für welchen Zweck ich lebte. Ich war einfach da, ein Teil dieses großen Ganzes. Ich wusste nicht, warum ich geboren war.
    Noch weniger hatte ich über meinen Tod nachgedacht. Als Jashinisten gab es auch keinen Grund dafür.
    Doch nun musste ich mich damit auseinandersetzen. Akito stand neben mir, am Ende seiner Kraft. Keiner von uns war an das Blut unserer Gegner gekommen. Wir konnten sie nicht verfluchen. Es war aus.
    Obwohl diese Situation - dem Tode nahe zu sein - für mich utopisch sein sollte, war ich unerwartet ruhig. Es ließ sich nicht mehr vermeiden und ich konnte nur noch hoffen, keine Qualen zu erleiden.
    Ich griff ein letztes Mal zu meinem Hals und umschloss mit der Faust das blutrote Amulett. Mit geschlossenen Augen sendete ich ein letztes, stummes Gebet zu dem Gott, in dessen Schrein ich dieses Schmuckstück gefunden hatte. Meine Bitte war leicht: ein schmerzfreier, kurzer Tod. Dann wartete ich auf diesen.

    Wartete.

    Und wartete.

    Und wartete.

    Niemand wird dich töten.
    Niemand kann dich töten.

    Niemand wird dich Jashin opfern.
    Niemand kann dich Jashin opfern.

    Denn ich bin des Kaisers Richter.
    Denn ich bin des Kaisers Vollstrecker.
    Denn ich bin Jashin.

    5
    Zwei Tage wanderten wir nun durch die Gegend. Unser Ziel waren die Wälder um mein ehemaliges Heimatdorf Yugakure. Hier sollten wir die Jashinisten finden, die dieses verdammte Heuchler-Amulett besaßen.
    „Was hat es mit dem Amulett eigentlich auf sich?“, fragte Kisame und schwang Samehada lässig über seine Schulter.
    Für die anderen war es wahrscheinlich nur ein kleiner Spaziergang durch die Gegend, um ein dummes kleines Schmuckstück zu unserem ehrenwerten Boss zu bringen.
    Für mich war es ein Gang durch die Hölle. Nicht nur, dass ich ein Amulett finden sollte, dass in dieser Form nicht existierte, sondern auch die Tatsache, dass ich mich mit diesem Idiotenhaufen beschäftigen musste. Ob ich mich dabei nun auf meine Teampartner oder die Jashinisten um Yugakure bezog, konnte ich nicht sagen. Es waren einfach alles Idioten.
    „Ich hoffe nur, es ist viel Wert, damit wir es teuer verkaufen können“, brummte Kakuzu.
    „Pain wirkte nicht so, als ob er es verkaufen wollte“, entgegnete Kisame und spielte weiter gelangweilt mit seinem Schwert.
    Ich brummte nur fluchend vor mich hin. Oh Jashin, was habe ich nur verbrochen, dass ich durch diese Hölle gehen muss? In meiner gebeteten Flucherei bemerkte ich nicht, wie die anderen stehen geblieben waren. Ich schritt weiter vor mich hin, bis Itachi mich rief.
    „Hidan“, drang seine tiefe Stimme zu mir und riss mich aus meinen Gedanken. Ach verdammt, ich hätte diesem Geldsack fast das Genick gebrochen!
    Genervt stapfte ich zurück zu den anderen, ließ mich auf den Boden fallen und lehnte mich an den Baum.
    „Jetzt erzähl doch mal von diesem wahnsinnigem Amulett Yasukini, Hidan“, quengelte Kisame wie ein kleines Kind.
    „Es heißt Yasakani“, zischte ich gereizt. Einmal mit Profis arbeiten. Aber warum kümmerte es mich überhaupt, wie er dieses Schmuckstück nannte? Es war bedeutungslos. Das Amulett, der Name, das Märchen, einfach alles.
    „Es heißt, dass Yasakani von Jashin selbst erschaffen wurde. Dem Träger werden absolute Unsterblichkeit und Unverwundbarkeit zugesprochen“, erklärte ich kurz, was das Märchen behauptete. „Der Haken an der Sache: Es gibt dieses Amulett nicht. Es ist nichts anderes als ein Märchen, eine dumme Legende.“
    „Warum glaubst du das?“, fragte Itachi und sah mich mit seinen blutroten Sharingan an. Man sah seinem Blick an, dass seine Augen nicht mehr ganz okay waren und auch seine Blässe zeugte von seiner Krankheit. Wir alle wussten, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis wir ohne Itachi leben mussten. Den einen freute es, den anderen weniger.
    „Laut dem Märchen kann es nur einen Träger dieses Amulettes geben. Aber diesen gab es nicht. Derjenige hätte uns Jashinisten auf sich aufmerksam gemacht, hätte uns mobilisiert. Jashin selbst hätte ihn genutzt und zu uns gesprochen.“
    „Dann können wir es ja verkaufen und das Geld für sinnvolle Dinge nutzen“, knurrte Kakuzu. In seinen Augen glänzte das Ryozeichen und ich sah ihn schon das Geld zählen. Wie kann man nur so geldgeil sein?
    Ich hätte am liebsten einen dummen Spruch in seine Richtung geworfen, wenn Itachi nicht seine Hand gehoben hätte und sich umsah. Kisame griff nach Samehada und auch Kakuzu und ich machten uns angriffsbereit. Itachi schüttelte den Kopf und deutete uns, dass es sich um drei Ninja handelte, die auf uns zu kamen. Dann wies er uns an, auf die Bäume zu flüchten.
    Die Maskierten liefen unter uns entlang, bemerkten uns aber nicht. Selbst wenn, diese Schwächlinge hätten keine Chance gehabt. Nicht nur, dass ich dabei war und wir demnach unbesiegbar waren. Spätestens an Itachi und seinen Genjutsu wären sie gescheitert. Vielleicht waren wir doch ein ziemlich grausamer Haufen und nicht nur ein paar Idioten, die sich mit Verbrechen die Zeit vertrieben.
    Wenige Meter weiter blieben sie stehen, sahen sich um und schienen sich zu beraten. Auf einmal riss einer von ihnen den Kopf hoch und sein Blick wanderte langsam über seine Schulter. In seinen Augen stand der pure Wahnsinn, als wäre er besessen.
    „Sie sind ganz in der Nähe“, sagte er und ein fieses Grinsen bereitete sich über seinen Gesicht aus. Der Kerl war definitiv verrückt. Das bemerkten auch seine Kameraden und wichen einen Schritt zurück. Ich warf Itachi einen Blick zu.
    „Wir verstecken uns vor denen auf den Bäumen, weil?“, formte ich mit den Lippen als er zu mir sah und deutete auf die drei Möchtegern am Boden. Itachi reagierte nicht sofort, sah wieder zu den Maskierten und deutete dann auf sein Brustbein. Ich zog fragend eine Augenbraue in die Höhe, begutachtete die drei dann aber erneut. Schließlich fielen mir ihre Ketten auf. Der Kreis mit umgedrehtem Dreieck. Jashinisten.
    Waren sie es, die wir suchten?
    Sie liefen weiter. Itachi schickte eine seiner Krähen hinterher und schloss die Augen für einige Minuten. Als er sie wieder öffnete sah er mich etwas verwundert an. „Sie kämpfen gegen andere Jashinisten.“
    „Dann sind sie eine Weile beschäftigt“, knurrte ich. Wen interessierte das, verdammt?
    „Einer von den anderen ist gerade gefallen.“
    „Hoffentlich jammert er nicht wie eine Heulsuse“, gab ich bissig zurück. Was zur Hölle wollte Uchiha mir damit sagen?
    „Er ist tot.“
    Ich lachte. Ich lachte laut, aus tiefstem Herzen und hatte nicht das Bedürfnis, wieder aufzuhören. Dieser Gedanke war so absurd, es war wirklich zum Brüllen. Ein Jashinist, tot? Nicht in diesem Leben.
    Aber Itachi blieb ernst. Sein Blick hatte schon fast etwas verstörtes, als hätte man seine ganze Welt auf den Kopf gestellt. So hatte ich mir sein Gesichtsausdruck vorgestellt, wenn sein kleiner Bruder eines Tages vor ihm stehen würde, ihn aber nicht töten wollte, sondern in den Arm nehmen würde und „Ich hab dich lieb, Itachi“, sagen würde.
    Und so verstummte ich. Itachi musste einen Scherz gemacht haben. Ein toter Jashinist, davon hatte ich noch nie gehört. Aber ausnahmsweise ließ sich seine Mimik recht leicht lesen. Er meinte das so, wie er es gesagt hatte.
    „Das ist unmöglich!“, meinte ich halb lachend, als würde mir ein kleines Kind von einem Monster unter seinem Bett erzählen wollen. „Bist du dir sicher?“
    „Er liegt in einem Diagramm, wie du es auf den Boden zeichnest. Seine Haut hat sich ebenfalls ähnlich verfärbt.“
    Ohne nachzudenken oder auch zu wissen, wo ich diesen ach-so-toten Jashinisten finden würde, lief ich los. Das musste ich mit eigenen Augen sehen. Es war wahrscheinlich nur ein Trick von irgendwelchen Heuchlern. Gotteslästerung, nicht mehr und nicht weniger.
    Ich hatte das Kampffeld der Jashinisten nicht ganz erreicht, als ich diese unglaublich mächtige Aura wahrnahm. Sie strotzte nur so von Macht. Der Geruch von Tod und Blut stieg mir in die Nase. Ein herrlicher Duft. Aber ich dürfte ihn hier nicht riechen. Langsam schritt ich weiter durch den Wald und entdeckte die erste Leiche zwischen den Bäumen. Die Haut schwarz verfärbt, mit dem weißen Muster eines Skeletts. Unter der Leiche auf den Boden war mit Blut das Zeichen der Jashinisten gemalt worden. Die Leiche selbst war in Stücke gerissen worden. Keines der Körperteile regte sich, auch vom Kopf war kein Laut zu hören.
    „Das ist unmöglich“, murmelte ich, schlich weiter und entdeckte weitere Leichen, die ähnlich zugerichtet waren. Nicht alle hatten den Fluch wirken könne, doch sie waren als Jashinisten zu erkennen - zumindest ihre Überreste.
    Dann entdeckte ich in der Mitte von Tod und Blut eine eher winzige Gestalt in langer, dunkelgrauer Robe. Die Arme hingen schlaff neben dem Körper herunter. Langsam hob sie den Kopf und sah in meine Richtung. Nein, sie sah nicht nur in meine Richtung, sie sah mir direkt in die Augen. Dabei wirkte sie nicht erschrocken. Es war so, als hätte ich wie eine Herde Elefanten getrampelt und sie hätte daher von meiner Anwesenheit gewusst. Dieser unerschrockene Blick ließ mir im nächsten Moment einen Schauer über den Rücken laufen. Diese Gestalt hatte die anderen auf diese brutale Art und in kürzester Zeit umgebracht und zerstückelt. Ich könnte der nächste sein.
    Zum ersten Mal spürte ich so etwas wie Angst.
    Über mir bemerkte ich die anderen, wie sie sich aufteilten und einen Angriff vorbereiteten. Unterdessen hob die Gestalt ihre zierlichen Hände und griff nach der weiten Kapuze, die sie langsam von ihrem Kopf streifte. Wie gefesselt beobachtete ich jede ihrer Bewegungen und sog sie in mir auf, als wären sie meine Luft zum Atmen. Als ich dann aber das Gesicht der jungen Frau sah, hätte ich fast wieder lachen müssen.
    Angst, vor so einem kleinen, schlanken Mädchen? Hidan, was für ein Idiot du doch sein konntest. Als könnte dieses Gör mir das Wasser reichen. Dann kamen mir wieder die Leichen in den Sinn.
    Die Kleine könnte mich töten.
    Sofort.
    Ich musterte sie und suchte nach etwas, dass sie diese Unmöglichkeit möglich machen ließ. Sie trug keine Waffe bei sich und wirkte an sich nicht besonders stark. In diesem Punkt unterschätzte ich sie - wie vermutlich jeder andere auch. Sie musste wahnsinnig stark sein, die ganzen Leichen waren der Beweis.
    Mit der abgelegten Kapuze hatte ich nun auch freie Sicht auf ihren Hals, an dem eine Kette mit dem blutroten Amulett, welches die Form eines gebogenen Kommas hatte. Ich sah es mit eigenen Augen, das Amulett, dessen Existenz ich immer angezweifelt hatte. Keine Ahnung warum, aber ich war mir sicher, nein, ich wusste, das war es.
    Das war Yasakani.
    Hatte dieses Märchen demnach einen wahren Kern? War dieses Mädchen von Jashin auserwählt worden?
    Eigentlich war das die einzige Erklärung, warum sie einen von uns töten konnte. Aber warum hätte Jashin einen seinen Anhänger ins Jenseits befördern wollen?
    Bevor ich über diese Frage nachdenken konnte, sah ich Kakuzu, der sie von hinten angreifen wollte. Wie von selbst bewegten sich meine Beine. Meine Arme griffen nach meiner Sense und schleuderten sie an der jungen Frau vorbei, um Itachis Kunai abzuwehren. Bei ihr angekommen zog ich sie hinter mir und schlug Kakuzu zur Seite weg, um unmittelbar darauf wieder nach meiner Sense zu greifen und einen Schwerthieb Kisames zu parieren. Die drei gingen auf Abstand, während ich die junge Frau an meine Brust drückte, mit meiner geliebten Waffe ihren Rücken deckte und meine Teampartner knurrend anstarrte.
    „Hidan, was machst du da?“, wollte Kakuzu genervt wissen und zückte ein Kunai. „Wir bringen dich mit ihr um.“
    Keiner von ihnen, niemand würde ihr ein Haar krümmen. Nicht solange ich bei ihr war. Sie müssten erst mich aus dem Weg räumen und das war unmöglich.
    „Ihr könnt mich nicht töten“, brummte ich.
    „Wir brauchen nur das Amulett, das Mädchen ist egal“, meinte er nur wieder, was ich mit einem bösen Zischen beantwortete. Vielleicht war sie für Pein oder die Organisation unwichtig. Aber sie war alles andere als egal. Für mich war sie in diesem kleinen Augenblick - Jashin weiß warum - das wichtigste in meinem Leben geworden. Sie war der einzige Mensch, den ich nicht töten konnte und durfte, der einzige, dessen Leben ich in Sicherheit wissen wollte. War es die Wirkung des Amuletts? Weil sie Jashins Erbin war? Keine Ahnung.
    „Entspann dich, Hidan“, murmelte Itachi, machte einen langsamen Schritt auf mich zu und ließ die drei Kunai in seiner rechten Hand zu Boden fallen. „Wir tun ihr nichts.“ Der Griff um meine Sense wurde fester. Täuschte Itachi mich oder meinte er seine Worte ernst? „Senkt eure Waffen, Kisame, Kakuzu“, fügte er hinzu, um seine Aussage zu untermauern. Nach einem verwunderten Blickwechsel befestigte Kisame sein Samehada wieder an seinem Rücken und Kakuzu verstaute das Kunai wieder in seiner Tasche.
    Ich musterte die drei weiter misstrauisch. Ich war nicht der hellste, das wusste die drei und das wusste ich. Ich würde Itachi nie durchschauen können. Doch etwas in seinem Blick zeigte mir, dass es zumindest in diesem Moment nichts zu befürchten gab. Der Griff um meine Sense wurde lockerer und ich senkte sie etwas. Ich entspannte mich, war aber noch immer angriffsbereit.
    „Bitte tötet mich nicht“, flehte die junge Frau auf einmal schluchzend. Ich spürte wie sie zitterte und sich ihre Muskeln verkrampft hatten. Sie hatte nichts mehr mit der Gestalt gemein, die ich wenige Momente zuvor zwischen den Leichen gesehen hatte und für die ich mein unsterbliches Leben geben würde. Sie schien nichts weiter als ein Häufchen Elend, dass um sein Überleben bettelte. Ich löste mich von ihr und bemerkte neben Yasakani die Kette der Jashinisten. Im selben Moment verabscheute ich dieses Weib. Kein Jashinist bettelte um sein Leben. Ich stieß sie von mir in Itachis Richtung, warf mir die Sense über die Schulter und machte mich kommentarlos auf den Rückweg.
    Wir hatten, was der Boss wollte. Alles andere war mir egal.

    6
    Plötzlich, als hätte man mich aus dem Schlaf gerissen, war ich wieder wach. Ich wurde an einen starken Körper gedrückt. An meinen Kopf ruhte eine Hand und der gleichmäßige und kräftige Herzschlag meines Gegenübers sowie ein tiefes, drohendes Knurren drangen an mein Ohr.
    Anscheinend hatten die anderen von unserem Kampf Wind bekommen und hatten uns gerettet. Gleich würde mir Akito versichern, dass alles in Ordnung war, dass keine Gefahr mehr drohte.
    „Hidan, was machst du da?“, fragte eine tiefe Stimme mit leicht genervtem Unterton. Sie war mir fremd, diese Stimme. War es einer der Maskierten? „Wir bringen dich mit ihr um.“
    Mein Herz setzte einen Schlag aus und meine Muskeln verkrampften sich. Wer auch immer sie waren, anscheinend wussten sie von unserer Schwäche, von der Sterblichkeit eines Jashinisten. Aber wie war das alles überhaupt möglich? Und woher wussten sie davon?
    Hab keine Angst.
    Mein Kopf wurde etwas kräftiger gegen die Brust meines Gegenübers gedrückt und ich hörte das Knirschen seiner Zähne.
    Obwohl mir ein Teil meines Verstandes zur Flucht riet, sich losreißen und einfach nur laufen, war ich wie gelähmt. So wie sich die Panik in mir ausbreitete zog sich alles in mir zusammen. Ich war ausgeliefert. Mein Schicksal lag in ihren Händen. Oh Jashin, bitte lass das nicht mein Ende sein.
    Bei ihm bist du sicher.
    „Ihr könnt mich nicht töten“, brummte er aus tiefster Kehle. Durch den Wiederhall in seiner Brust klang er äußerst bedrohlich. Wusste dieser Mann von der Schwäche der Jashinisten? Wusste er, wie man die vollkommene Unsterblichkeit erreichen konnte?
    „Wir brauchen nur das Amulett, das Mädchen ist egal“, argumentierte der andere wieder. Sprachen sie von Yasakani? Aber wie hatten sie davon erfahren?
    Noch immer fühlte ich diese Lähmung und verharrte in dieser Position. Diese Angst, nicht zu wissen was um mich herum geschah, mit wem ich es zu tun hatte und wie es um mich bestellt war, brachte mir brennende Tränen in die Augen, die ihren Weg über meine Wangen suchte. Hatte ich dem Tod eben noch entspannt entgegensehen können, fürchtete ich ihn in diesem Moment. Ich wollte nicht sterben. Nicht in diesem Augenblick. Nicht durch die Hände dieser Männer. Nicht so wehrlos.
    „Entspann dich, Hidan“, meinte schließlich eine weitere männliche Stimme ruhig. Etwas fiel auf den Boden und ein klirrendes Geräusch durchbrach die spannungsgeladene Stille. „Wir tun ihr nichts.“ Ich atmete vorsichtig aus. „Senkt eure Waffen, Kisame, Kakuzu.“ Es folgten brummende Proteste, doch mein Beschützer schien sich tatsächlich etwas zu entspannen.
    Mit der wachsenden Sicherheit und der Hoffnung vorerst unversehrt zu blieben, wurde ich wieder Herr meiner Sinne und erlangte die Kontrolle über meinen Körper zurück. Dies änderte nichts an der Tatsache, dass die Tränen unnachgiebig über meine Wangen strömten und ich sie auch nicht weiter gewaltsam zurückhalten konnte.
    „Bitte tötet mich nicht“, schluchzte ich verzweifelt. Ich würde ihnen dieses Amulett geben. Ich würde ihnen Yasakani geben, solange sie mich einfach nur am Leben ließen.
    Einen Moment später wurde ich mit aller Kraft weggestoßen. Erschrocken schrie ich auf und zuckte zusammen, als ich aufgefangen wurde.
    „Nein, bitte nicht“, murmelte ich und griff nach dem Amulett
    „Shhht“, vernahm ich es an meinem Ohr. Eine Hand legte sich über meine, ein anderer Arm drückte mich an einen warmen Körper. „Wir tun dir nichts.“

    Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis ich mich beruhigt hatte. Es war schwer das Ausmaß dieses Angriffes zu verstehen. Sie waren alle umgekommen. Die drei fremden Jashinisten. Shigeru, Hiroto, Eita, Taiga. Akito. Acht tote Jashinisten, auf übelste Weise hingerichtet. Ich kann mich nicht einmal mehr erinnern, wie das geschehen war. Nur ich hatte - aus welchen Gründen auch immer - überlebt und mich in der Mitte dieser vier Männer in schwarzen Mänteln wiedergefunden.
    Sie hatten mich in eine Höhle gebracht, mir Wasser und etwas Brot gereicht und eine Decke um meine Schultern gelegt. Ich hatte mich in die hinterste Ecke der Höhle verkrochen und behielt diese vier merkwürdigen Gestalten genau im Auge, während sie sich kaum um mich zu kümmern schienen.
    Der größte von Ihnen - er hatte sich als Hoshigaki Kisame vorgestellt und war nicht ganz zwei Köpfe größer als ich - hatte eine blaue Haut sowie blaue, kurze Haare. Auch sein markanter Kiefer und die Reißzähne fielen auf. Trotz seiner einschüchternde Art, war er sehr freundlich zu mir, erkundigte sich mehrfach nach meinem Wohlsein und saß zeitweise auch einfach nur neben mir und leistete mir Gesellschaft.
    Er schien mit dem jüngsten der Gruppe - Uchiha Itachi - ziemlich vertraut zu sein. Sie schienen sich fast ohne Wort recht gut zu verstehen. Itachi hatte lange dunkle Haare, die er in seinem Nacken zu einem Zopf gebunden hatte. Seine Augen waren ebenso dunkel und unscheinbar. Er war sehr ruhig, sagte kaum ein Wort und bewegte sich lautlos. Erschreckend, aber nicht so furchteinflößend wie Kisames Auftreten. Kisame hatte erzählt, dass er es gewesen war, der mich aufgefangen und gemeint hatte, sie würden mir nichts tun.
    Der Dritte im Bunde war ein ebenfalls recht großer Mann - Kakuzu - nicht so groß wie Kisame, aber doch ein Stück größer als Itachi. Sein Gesicht hielt er hinter einer Maske verborgen. Nur seine stechend grünen Augen waren zu sehen, denen anscheinend keine Bewegung entging.
    Zu guter letzt war da dann noch der Jashinist - Hidan. Seine grauen Haare hatte er nach hinten gegelt und seine violetten Augen fixierten seine Sense, die im schwachen Licht des Feuers glänzte. Er schien sie sehr zu pflegen. Im Gegensatz zu den anderen war sein Mantel etwas aufgeknöpft, sodass ich seine Kette sehen konnte - und die vielen Narben.
    Für einen Moment hob er den Blick und sah zu mir herüber.
    „Was?“, blaffte er gereizt und ich wand mich schnell ab.
    „Tut mir Leid“, murmelte ich schnell und drückte mich weiter an die Wand. Ich fühlte mich unwohl, auf dem Silbertablett serviert, aber vor allem unerwünscht.
    „Weiber“, zischte Hidan, griff nach seiner Sense und stürzte aus der Höhle. Unvermittelt sah ich ihm nach. Was hatte ich ihm getan? Warum war meine Anwesenheit anscheinend so unerträglich für ihn?
    „Mach dir keine Gedanken, Yumiko-san“, meinte Kisame und zog meine Aufmerksamkeit auf sich. „Der beruhigt sich wieder.“ Verlegen sah ich zum Boden. Hidan war derzeit der einzige Jashinist um mich, der einzige, der mich vielleicht verstehen könnte. Anscheinend wusste er, wie man die vollkommene Unsterblichkeit erreichen konnte. Ich würde ihn gerne danach fragen. Ich würde ihm gerne so viele Fragen stellen. Doch er schien mich zu verachten und strafte mich mit Abneigung und Ignoranz.
    „Warum?“, hauchte ich unsicher. Ich hatte keine Ahnung, ob ich diesen Männern vertrauen konnte. Ich war mir lediglich sicher, dass ich Hidan trauen konnte - auch wenn es bisher nicht so wirkte.
    „Du hast seine Welt ziemlich auf den Kopf gestellt“, erklärte Kisame und sah nach draußen. „Bis vor wenigen Stunden wollte er uns noch weismachen, dass es Yasakani nicht gibt. Dann kommst du daher, das Amulett um deinen Hals, und um dich liegen acht tote Jashinisten.“
    Ich sah verwirrt zu Kisame. Woher wussten er und die anderen von Yasakani? Was wussten sie über das Amulett? Wieder fiel mein Blick zum Höhlenausgang, aus dem Hidan geflüchtet war. Was wussten sie über Jashin?
    „Hidan ist äußerst fromm. Es ist für ihn nicht leicht, diese neue Wahrheiten zu verstehen“, fügte Itachi mit ruhiger, monotoner Stimme hinzu. Vorsichtig sah ich zu dem dunkelhaarigen herüber. Ohne eine Regung in seinem Gesicht sah auch er zum Höhlenausgang, durch den in genau diesem Moment Hidan trat.
    „Wir müssen weiter“, knurrte er ohne mich eines Blickes zu würdigen. Es machte mich wütend. Es war nicht meine Absicht gewesen, seinen Glauben durcheinander zu bringen. Ich musste schließlich selbst mit dem Tod einiger Jashinisten zurechtkommen. Daher konnte ich ihn zwar verstehen, aber gleichzeitig war mir sein Verhalten ein Rätsel. Es musste mit Yasakani zusammenhängen. Solange ich nicht wusste, welche Bedeutung dieses Amulett für einen Jashinisten hatte, solange würde ich Hidan wohl nie wirklich verstehen können.
    „Yumiko-san sollte sich noch ein paar Stunden ausruhen“, gab Kisame zu bedenken, als Kakuzu bereits aufgestanden war.
    „Es ist mir egal, was mit dem Weib ist. Pein wartet“, brummte er ohne die Miene zu verziehen. Ich hatte genug, mehr als genug. Mir wäre es auch lieber gewesen, wenn ich mit Akito und den anderen unversehrt in unseren Tempel hätte zurückkehren können. Wenn sie noch am Leben wären. Mir wäre alles andere lieber gewesen als mich mit diesem Kotzbrocken von unhöflichem, arrogantem Jashinisten auseinandersetzen zu müssen.
    „Was ist dein Problem?“, brüllte ich, sprang auf und ging auf ihn zu. Er zuckte leicht zusammen und sah mich überrascht an. Etwas in seinem Blick änderte sich. Zwischen Verachtung und Hohn mischte sich Neugier. „Was zur Hölle habe ich dir getan? Warum hasst du mich?“ Direkt vor ihm blieb ich stehen und sah zu ihm hoch.
    Es war mir egal, dass er gut einen Kopf größer war.
    Es war mir egal, dass er unsterblich war.
    Es war mir auch egal, dass er seine Sense in der Hand hielt und mich jederzeit angreifen und ich mich nicht wehren konnte.
    Es war mir auch egal, dass er mich eventuell töten würde.
    Ich vertraute einfach darauf, dass die Stimme meinte, was sie sagte.
    Niemand wird dich töten.
    Niemand kann dich töten.
    Das war meine einzige Hoffnung. Der einzige Grund, weshalb ich dem Impuls, den Jashinisten anzuschreien und zu provozieren nachgab. Das einzige, auf das mein Selbstvertrauen derzeit aufbauen konnte.
    Hidan blieb mir eine Antwort schuldig. Er zitterte vor Anspannung, starrte mir in die Augen, sämtliche Muskeln angespannt. Wenn er könnte, würde er mich auf der Stelle töten. Ich sah es in seinem Blick. Vor seinem inneren Auge starb ich in diesem Moment nicht nur einmal. Immer und immer wieder tötete er mich auf unterschiedlichste Art und Weise.
    „Übertreib es nicht, Weib“, murrte er drohend und erwiderte unbeeindruckt meinen Blick.
    „So, das reicht jetzt“, mischte Kisame sich anscheinend völlig entspannt ein. Er schlenderte zu uns herüber. „Du scheinst ja doch schon wieder ziemlich fit zu sein, Yumiko-san. Lasst uns aufbrechen.“
    Im Augenwinkel bemerkte ich, wie Kisame mir seine blaue Hand auf die Schulter legen wollte. Doch dazu kam es nicht. Das nächste, was ich wahrnahm war ein Aufprall und leises fluchen. Hidan stand nicht länger vor mir. Ich sah mich kurz um, erst nach rechts, dann nach links, schließlich hinter mir. Diese Geschwindigkeit war erschreckend.
    Hidan stand mit dem Rücken zu mir und hielt seins Sense nahe der drei Sensenblätter, die in der Wand steckten. Zwischen den unteren beiden war Kisames Kopf gefangen.
    „Lass deine Flossen von ihr, Hoshigaki“, fauchte Hidan leise. Verwundert wanderte mein Augenmerk von Kisames Gesicht zu Hidans Rücken. Das hatte ich nicht erwartet und war sichtlich verwirrt. Ich musste mich verhört haben.
    Keiner der anderen zwei Männern machte Anstalten, in dieses Gerangel einzuschreiten und die Streithähne zur Besinnung zu bringen. Kisame wirkte aber auch nicht wirklich so, als wollte er Hilfe haben.
    „Wenn du dich nicht um sie kümmerst, müssen wir das wohl tun“, entgegnete er nur gelassen und sah auf Hidan hinunter, der ihm nur bis zur Schulter ging. Der Kleinere antwortete mit einem tiefen Knurren, sagte aber nichts weiter. Die Spannung zwischen den beiden war nahezu greifbar.
    „Reiß dich zusammen, Hidan“, forderte Kakuzu genervt.
    Keiner der beiden regte sich für einen Moment. Schließlich riss Hidan seine Sense aus der Wand und stampfte davon. Kisame atmete erleichtert aus und lockerte seine Schultern. An seinem Hals waren seitlich zwei kleine Schnitte, aus denen eine minimale Menge Blut floss. Er schien die Wunden gar nicht zu spüren. Sein ernster Blick ruhte noch immer auf Hidan
    Etwas unschlüssig lief ich auf ihn zu. Ich wollte mich erkundigen, ob er auch wirklich in Ordnung war. War Hidan immer so brutal, so impulsiv, so unberechenbar?
    Ich hatte keine zwei Schritte in Kisames Richtung gesetzt, als ich in die entgegengesetzte Richtung strauchelte. Hidan hatte meine Hand mit festem Griff gepackt und zog mich hinter sich her. Ich tat mich schwer mit ihm Schritt zu halten.
    Ich versuchte mich aus seinem eisernen Griff zu befreien, wehrte mich, schlug auf seine Hand und gegen seinen Arm.
    Aber er ignorierte mich. Beharrlich und rücksichtslos zerrte er mich weiter hinter sich her.
    „Hidan, was... Du tust mir weh!“
    Kaum spürbar löste er seinen Griff etwas, ohne jedoch meine Hand freizugeben. Ich musste mich wohl mit diesem mäßigem Erfolg zufrieden geben.
    Nach einer zehnmütigen Wanderung durch den nächtlichen Wald, Wurzeln, die mich stolpern ließen und das anhaltende Gefluche von Hidan, blieb der Jashinist abrupt stehen. Ich prallte gegen seinen Rücken.
    So, wie ich ihn bisher kennengelernt hatte, würde Hidan mich entweder ignorieren und einfach weiterlaufen oder sich zu mir umdrehen, mich anbrüllen, was für ein unfähiges Weib ich doch wäre und einmal mehr seine Stärke demonstrieren.
    Vertrau ihm.
    Doch es geschah nichts von dem. Er packte mich an den Schultern und drückte mich gegen den nächsten Baum. Seine Hände hatten meine Schultern fest im Griff und beugte sich zu mir herunter. Ich konnte ihm wieder nicht entkommen. Aber er war nicht so fest wie der um mein Handgelenk wenige Minuten zuvor. Er suchte meinen Blick, fesselte ihn und ließ ihn nicht mehr los.
    „Mein Problem“, raunte er mit offenbar kontrolliert ruhiger Stimme, „ist dieses verdammte Amulett um deinen kleinen, süßen Hals. Du und deine Macht seid der lebende Beweis für die Richtigkeit dieses beschissenen Märchens. Das gefällt mir ganz und gar nicht. Aber ich könnte eine Frau deines Kalibers nicht hassen.“
    Seine Stimme jagte mir einen Schauer über den Rücken, verursachte eine Gänsehaut auf meinem ganzen Körper.
    Obwohl dieser Mann sämtliche schlechten Eigenschaften eines Menschen in sich vereinte - er fluchte, war respektlos und beleidigend, impulsiv, brutal, auch zu seinen Partnern - und trotzdem verspürte ich keine Angst. Keine Scheu. Keine Abneigung.

    7
    Unerschütterlich sah sie mir in die Augen. Das konnte die Kleine ziemlich gut, soviel musste ich ihr lassen. Entweder war sie lebensmüde oder aber verdammt von sich überzeugt.
    Innerlich schlug ich mir mit der Hand an die Stirn. Natürlich war sie das. Sie hatte Yasakani und mit dem Amulett genoss sie Jashins absoluten Schutz. Wie hätte sie da nicht von ihrer Unverwundbarkeit überzeugt sein können. Daran zu zweifeln wären Zweifel an Jashin selbst gewesen.
    Dennoch machte mich diese Scheiße unglaublich wütend. Ich wollte nicht an Yasakani und damit dieses bescheuerte Märchen glauben. Aber hier war es nun, direkt vor meiner Nase. An sich noch nicht weiter schlimm, wenn diese Unverwundbarkeit nicht wäre. Hätte man mir davon erzählt, hätte ich wahrscheinlich nur laut aufgelacht. Aber ich hatte es selbst erlebt, am eigenen Leib gespürt, was mit einem passiert. Als sie mich in der Höhle angeschrieen hatte, hätte ich sie am liebsten umgebracht und Jashin als Opfer dargeboten. Niemand, absolut niemand, sprach so mit mir und kam ungestraft davon.
    Außer ihr.
    Es war, als wäre ich gefesselt gewesen, unfähig mich zu bewegen, solange meine Wut nicht abklang. Und je länger dieser Moment dauerte, desto mehr Schmerzen spürte ich. Diesen süßen, unerträglichen Schmerz, den ich ihr zufügen wollte. Erst als ich mich beruhigt hatte, war die Kontrolle über meinen Körper wieder mein gewesen und die Schmerzen hatten aufgehört.
    War es ihr auch aufgrund dieses einzigartigen Bundes zu Jashin möglich gewesen, die Jashinisten zu töten?
    „Mein Problem ist dieses verdammte Amulett um deinen kleinen, süßen Hals“, raunte ich ihr zu. Es fiel mir alles andere als leicht ruhig zu bleiben und die Kontrolle zu bewahren. Diese Frau, ihr Amulett, ihre Macht. All das brachte mich um den Verstand. „Du und deine Macht seid der lebende Beweis für die Richtigkeit dieses beschissenen Märchens. Das gefällt mir ganz und gar nicht. Aber ich könnte eine Frau deines Kalibers nicht hassen.“
    Verdammt, Jashin, was für eine Scheiße gab ich da von mir?
    Sie war nur ein kleines, dummes Weib mit einem bedeutungslosen Schmuckstück um den Hals, die sich als Jashinistin schimpfte und dennoch um ihr Leben bettelte. Und doch ist sie es gewesen, die zwischen den Leichen von acht untersterblichen Jashinisten unversehrt gestanden hatte.
    Sie hatte Macht, mehr Macht als ihr anscheinend bewusst war. Es war ihr hoch anzurechnen, dass sie nicht mit ihrem Können spielte um sich so an ihre Grenzen zu tasten. Wenn sie damit beginnen würde, hätte niemand mehr Grund zu lachen. Sie könnte unser aller Untergang sein.
    Unerschrocken erwiderte sie meinen Blick und verzog keine Miene. Sie hatte keine Angst, nicht das Bedürfnis zu fliehen und sich in Sicherheit zu bringen. Vielmehr wartete sie ab, was ich als nächstes tun würde. Sie beobachtete mit einem Blick, der nicht nur über die Oberfläche strich, sondern der bis tief unter die Haut ging und sah so mehr, als einem lieb war. Hatte sie deshalb Abstand zu Kakuzu gehalten und sich eher an Kisame und Itachi orientiert? War es Intuition oder hing es mit Yasakani zusammen?
    „Du fürchtest dich nicht vor mir“, stellte ich ruhig fest und brachte etwas Abstand zwischen uns. Eigentlich hätte ich über dieses blauäugige, dumme Verhalten von ihr Lachen müssen. Eigentlich hätte ich sie verfluchen, ihr wahre Schmerzen zeigen und sie töten wollen. Doch ich konnte es nicht. Und wollte nicht.
    „Weil ich dich nicht fürchten muss“, entgegnete sie ebenso ruhig. Sie schien sich zu entspannen. Ihre Gesichtszüge wurden weicher und ihr Blick wirkt weniger streng. Sie hob ihren linken Arm und versuchte mit dem Handrücken sanft meine Hand von ihrer Schulter zu drücken. Selbstverständlich ließ mein Körper sie gewähren. Er machte keinerlei Anstalten, sich ihr zu widersetzen. Es war als wäre ich ihre Marionette. Ätzend.
    Ich schubste sie etwas zur Seite weg und drehte mich in Richtung Höhle. Sie durfte nicht wissen, dass ich mich ihr nicht widersetzen konnte, dass ich wie ein treudoofes Schoßhündchen ihrem Befehl folge leisten würde. Ich ließ mir von niemandem etwas vorschreiben. Erst recht nicht von so einem kleinen, süßen, dummen, wunderschönen Biest wie ihr.
    „Yumiko-san! Hidan! Wo zur Hölle seid ihr?“, hörte ich Kisame durch den Wald brüllen. „Wir wollen weiter.“

    Am Morgen legten wir am Flussufer eine Pause ein, damit wir uns frisch machen konnten. Kisame nutzte die Gelegenheit natürlich und sprang in das kühle Nass. Kakuzu rationierte unterdessen das Essen. Wir hatten nun fünf Mäuler zu stopfen und der geldgeile Sack war natürlich nicht bereit zusätzliches Proviant zu kaufen. Dann würde ich später eben über den Kühlschrank im Hauptquartier herfallen.
    Yumiko hockte im flachen Wasser. Nur ihre Füße berührten es. Ihre Robe wurde unten nass und das Wasser zog sich an dem Stoff hoch, jedoch schien es sie nicht zu stören, als sie ihre Arme um und ihren Kopf auf die Knie legte und in das Wasser schaute. Es war als wollte sie so wenig Raum wie möglich einnehmen.
    „Sie ist eine interessante junge Frau“, gab Itachi neben mir von sich. Wir saßen im Schatten der Bäume und lehnten an einem kräftigen Stamm. Ich räusperte mich nur etwas, ging aber nicht weiter auf seinen Kommentar ein. „Was willst du jetzt machen?“
    Ich warf ihm kurz einen Blick zu, sah aber nach einer Sekunde wieder zu Yumiko, deren Blick auf einem Vogel auf der anderen Seite des Flusses gefallen war. Ohne sich auch nur einen Millimeter zu rühren beobachtete sie das Federvieh, wie es erst im Boden vor sich herum pickte und schließlich über den Fluss auf unsere Uferseite flog. Er landete keine Armlänge von ihr entfernt, hopste im flachen Gras hin und her und ließ sich von der jungen Frau nicht irritieren.
    „Du lässt sie nur ungern aus den Augen“, bemerkte Itachi ruhig. Fast hätte ich behauptet, er hätte kurz gekichert.
    „Wer weiß, was Kisame anstellt“, knurrte ich.
    Ich beugte mich leicht nach vorne, als Yumiko aufstand. Kisame schwamm mit kräftigen Zügen in ihre Richtung. Meine Hand umfasste den Griff meiner Sense fest. Der Bastard täte gut daran, ihr fern zu bleiben.
    „Yumiko-san“, brüllte er mit seinem breiten Grinsen, das seine Reißzähne entblößte. Wenn er sie nicht in Ruhe lassen würde, würde der Tag kommen, an dem ich ihm jeden einzelnen von ihnen ausreiße. „Kannst du mir ein paar Fische abnehmen?“ Er deutete mit seiner Hand auf einen Korb, zu dem sie unmittelbar lief und ihn dem Möchtegern-Hai brachte. Eines musste man ihm anrechnen: Er dachte mit, denn so würde unser Proviant etwas länger halten.
    „Ist es wirklich nur Kisame?“ Verdammte Scheiße, dass Itachi so ein beschissen guter Menschenkenner sein musste.
    Es war mir schon immer ein Rätsel, warum Itachi und ich uns so gut verstanden. Während er jashinverdammt alles tat, um seinem kleinen Bruder und Konoha den Arsch zu retten, würde ich am liebsten alles abschlachten und meinem Gott viele Opfer bringen. Er war ruhig, drückte sich gewählt aus und war mehr als intelligent. Ich dagegen war laut, vulgär, redete ohne zu denken und war nicht gerade der hellste - das war mir klar, aber egal. Ich konnte es mir leisten. Und trotzdem waren Itachi und ich mit der Zeit gute Freunde geworden.
    Ich fluchte tonlos, stand auf und schlug gegen den Baum. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun wollte und warum ich diese Frau einfach die ganze Zeit anstarren musste. Sie verdrehte mir auf böse, süße Art den Kopf und ich war bereit, mein Leben für sie zu geben - wenn ich den sterben könnte.
    Scheiße, was dachte ich denn da überhaupt?
    „Was würdest du an meiner Stelle tun?“, fragte ich Itachi. Er würde nie in diese Situation geraten. Wie denn auch? Er dachte nur an seinen dummen, kleinen Bruder. Sorry Ladies, für eine Frau war da einfach kein Platz mehr.
    „Zuerst einmal den Baum in Ruhe lassen“, murmelte er und bedachte mich mit einem nachdenklichen Blick. „Es ist das erste Mal, dass ich dich so durcheinander sehe.“
    „Natürlich bin ich durcheinander. Hast du dir die Kleine mal angesehen?“ Itachi drehte seinen Kopf in ihre Richtung. „Untersteh dich, Uchiha“, fauchte ich ihn sogleich an.
    Er sah unbeeindruckt zu mir auf. „Was beschäftigt dich genau?“
    „Sie. Das Amulett. Was weiß ich, verdammt!“ Wie ein trotziges Kind ließ ich mich wieder auf den Boden fallen und sah zu Yumiko herüber. Sie stellte den Korb mit den Fischen ab und wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Dann sah sie sich kurz um und ging ein kleines Stück flussaufwärts, wo sie einige trockene Zweige fand, die wir für ein Feuer nutzen könnten. „Warum hat Jashin ein solch unschuldiges Mädchen zu seiner Erbin ernannt?“, murmelte ich vor mich hin.
    „Unschuldig? Sie hat die Jashinisten...“
    „Nein, hat sie nicht“, fiel ich Itachi ins Wort. „Sie hat noch nie getötet.“
    „Woher weißt du das?“
    Ich schwieg. Keine Ahnung, woher ich das wusste. Es war einfach so. Yumiko hatte noch keinen Menschen getötet. Warum die Jashinisten um sie tot gewesen waren, konnte ich auch nicht erklären. Sie war es auf jeden Fall nicht gewesen und mit der Zeit würden wir bestimmt eine Erklärung finden. Ich ging dennoch davon aus, dass sie Tote gesehen, hatte. Wahrscheinlich war sie auch bei Opferungen beteiligt gewesen und hatte den anderen Jashinisten geholfen, ihre Opfer zu verfluchen. Aber sie selbst hatte Jashin nicht ein Opfer gebracht.
    Und dennoch war sie mächtiger als jeder Jashinist.
    Während ich sie so betrachtete, spürte ich die Macht, die von ihr - nein - die von Yasakani ausging. Ich hatte sie gespürt kurz bevor ich die toten Jashinisten gesehen hatte und als sie in der Höhle wütend vor mir gestanden hatte. Es war die selbe Macht, die mich lähmte und auch immer wieder in ihre Richtung zog. Irgendwie war es faszinierend, wie so ein kleines Schmuckstück so eine Gewalt ausüben konnte.
    „Spürst du das auch, Itachi?“, fragte ich ihn leise. War ihr selbst überhaupt bewusst, was sie da um ihren Hals trug?
    „Was soll ich spüren?“, fragte er ebenso leise.
    „Diese gewaltige Aura, die sie umgibt und einhüllt. Es ist unmöglich, bis zu ihr durchzudringen. Je näher du ihr kommst, umso mehr verlierst du die Kontrolle über deinen eigenen Körper. Je näher du ihr bist, desto abhängiger wirst du von ihr. Sie scheint der Tod höchstpersönlich zu sein und gleichzeitig ist sie das pure Leben. Sie selbst ist schwach, so schwach wie ein kleines Kind, aber das Amulett macht sie unglaublich stark.“
    „Glaubst du an die Macht von Yasakani? An das Märchen?“, bohrte der Uchiha weiter nach.
    „Verdammt, nein“, raunzte ich. Als würde Jashin töten um die Unschuldigen zu schützen. Das war der absolut größte Schwachsinn, denn ich je gehört hatte.
    Aber dann war da Yumiko, die das Amulett um den Hals trug. Obwohl ich es aus tiefstem Herzen wollte, konnte ich ihr kein Haar krümmen. Sie war unverwundbar, unterstand dem Schutz meines Gottes. Ich wollte nicht daran glauben und doch sah ich es mit eigenen Augen.
    „Itachi-san, wir brauchen Feuer“, rief Kisame zu uns herüber und zeigte auf den kleinen Holzstapel, über den wir die Fische grillen würden.
    „Wenn wir zurück sind, werden wir zusammen herausfinden, was es mit Yasakani wirklich auf sich hat“, meinte Itachi nur noch und ging zu Kisame herüber.
    Wenige Minuten später saßen wir um das Feuer, welches Itachi entfacht hatte, herum und grillen die von Kisame gefangenen Fische. Das Essen verlief ruhig, keiner sagte etwas. Nicht verwunderlich, wenn im Vergleich zu dem Billigfraß, den Kakuzu uns besorgt hatte, waren diese paar Fische ein Festmahl.
    Wir entsorgten die Überbleibsel und löschten das Feuer. Dann ging es weiter.
    War Yumiko am Morgen noch neben Kisame gegangen, gesellte sie sich nun zu mir. Sie sagte nichts und schaute mich auch nicht an, sondern ging einfach nur neben mir her.
    „Ist was?“, fragte ich leicht gereizt.
    „Ich...“ stotterte sie und sah kurz zu mir. Dann senkte sich ihr Blick wieder. „Tut mir Leid.“ Sie beschleunigte ihre Schritte und wollte anscheinend wieder zu Kisame aufschließen. Wie von selbst griff meine Hand nach ihrem Arm und hielt sie davon ab. Kann mir jemand erklären, warum ich meinen eigenen Körper nicht unter Kontrolle habe? Das nervt!
    Wieder sah sie mich an. Ich musste zugeben, dass mich ihr Blick auch dieses Mal faszinierte. Sie war die erste, die mich nicht ängstlich betrachte oder verachtend auf mich hinab sah. Vielmehr zeugte der Glanz in ihren Augen von der Neugier, die in ihr steckte. Auch wenn sie etwas schüchtern und vielleicht unsicher wirkte, war ihr Blick fest und unerschrocken. Sie scheute anscheinend Konfrontationen, nahm eine Herausforderung aber gerne an.
    In den wenigen gemeinsamen Stunden war mir aufgefallen, dass sie wie Itachi eher zu den schweigsamen Menschen gehörte, doch ihre Augen und wahrscheinlich auch ihre Ohren schienen überall zu sein.
    „Du bist ein interessanter Kerl, Hidan“, meinte sie ruhig. „Anders als die anderen.“
    „Anders als wer?“, entgegnete ich. Sollte sie von Itachi, Kisame und Kakuzu sprechen, hätte sie das Offensichtliche in Worte gefasst. Ich würde mein Bild von ihr grundlegend überdenken müssen. Denn dass ich nicht wie der Mr Perfect, die Haifresse oder der geldgeil Sack war, bedurfte ja wohl keiner Worte.

    8
    Nachdem ich einige Zeit neben Kisame gelaufen war und mich mit ihm unterhalten hatte, ließ ich mich zurück fallen und ging neben Hidan her. Obwohl er mich anscheinend kein bisschen leiden konnte, fühlte ich mich bei ihm am wohlsten. Vielleicht lag es an unserem gemeinsamen Glauben. Letztendlich konnte nur ein Jashinist einen anderen Jashinisten wirklich verstehen.
    „Ist was?“, fragte er schroff und warf mir einen wütenden Blick zu. Ich hätte nie gedacht, dass in zwei solch kleinen Worte so viel Verachtung und Ablehnung liegen könnte.
    „Ich...“, wollte ich erklären und erwiderte für einen kurzen Moment seinen Blick. Doch ich entschied mich anders und senkte meinen wieder. „Tut mir Leid“, murmelte ich und machte größere und schnelle Schritte. Ich hatte doch vorne bei Kisame bleiben sollen.
    Dann griff er mein Handgelenk und zog mich zurück. Etwas erschrocken sah ich auf und suchte seinen Blick. Hatte ich ihn nicht genervt? Er wollte meine Gegenwart doch nicht, warum ließ er mich dann nicht gehen? Weiß er mehr als diese Stimme? Könnte er meinem Leben ein Ende setzen? Nein, Yasakani würde das nicht zulassen.
    Oder?
    Vertrau mir. Und vertrau ihm!
    Leichter gesagt, als getan. Immer wieder sah mich Hidan an, als würde er mich töten wollen. Sein Blick zeugte von seinem Hass auf mich.
    Ich hatte keine Angst davor, dass er mir etwas antun würde, denn ich glaubte daran dass diese Stimme, mich nicht anlog. Ich würde nicht sterben und Hidan könnte mich nicht töten. Zumindest hoffte ich das. Dennoch wusste ich nicht, ob ich diesem Jashinisten vertrauen konnte. Wie sollte das auch funktionieren? Man kann sein Vertrauen doch keinem Menschen schenken, der einen loswerden, am liebsten noch tot sehen wollte.
    Aber trotz dieser offensichtlichen Ablehnung Hidans drängte mich die Stimme immer und immer wieder in seine Nähe. Von Akito, dem ich vertraut hatte und der mich beschützt hatte, hielt sie mich fern. Zu Hidan, der mich verachtete und töten wollte, trieb sie mich hin.
    „Du bist ein interessanter Kerl, Hidan“, gestand ich. „Anders als die anderen.“
    Ich hatte keine Ahnung, was er hatte, das den anderen Jashinisten gefehlt hatte. Es musste einen Grund geben, warum die Stimme ihm vertraute. Dieses Vertrauen anzuzweifeln war falsch, dennoch war ich skeptisch. Er hatte gemeint, dass dieses Amulett ein Problem für ihn war und hatte in dem Zusammenhang ein Märchen erwähnt. Was es damit wohl auf sich hatte?
    „Anders als wer?“, fragte er und zog eine Augenbraue in die Höhe. Zum zweiten Mal betrachtete er mich nicht mit Mordlust und Hass, sondern mit einem neugierigen Glanz in seinen Augen.
    „Anders als die anderen Jashinisten“, entgegnete ich. Man konnte deutlich beobachten, wie sich zu der Neugier Skepsis mischte.
    „Ach ja?“, erwiderte er gleichgültig, verschränkte die Arme hinter seinem Kopf und lief weiter.
    „Ja.“ Wieder sah er zu mir, nachdenkend, berechnend.
    „Du scheinst dir dessen ziemlich sicher zu sein“, stellte er fest und musterte mich intensiv. Ihm entging nicht die kleinste Regung meiner Miene, nicht die unauffälligste Geste meines Körpers. Dann verengten sich seine Augen etwas. „Warum?“
    „Weil er es sagt.“ Als mir bewusst wurde, was ich da gesagt hatte, richtete ich meinen Blick zum Boden vor mir. Ich würde es ihm erklären müssen, würde Hidan von der Stimme erzählen müssen.
    Bei Akito hatte sie mich vor dieser Situation bewahrt. Bei Hidan ließ sie mich ins offene Messer laufen. Warum? Warum durfte Hidan von ihr erfahren? Warum sollte ich Hidan von der Stimme erzählen?
    „Wer sagt das?“, hakte Hidan nach. Es gab kein Zurück mehr. Aber was sollte ich ihm sagen. Dass es diese Stimme in meinem Kopf war? Dass Yasakani zu mir sprach? Er würde es mir nie glauben. Wie denn auch? Ich konnte es selber kaum glauben.
    Er wird es verstehen.
    Meine Hand griff nach dem Amulett und umfasste es. Warum wusste diese Stimme Dinge, die ich nicht wusste? Gab es etwas, dass sie nicht wusste? Und was würde passieren, wenn sie sich irrte?
    Sag es ihm.
    Hidan umfasste mein Handgelenk und zog mich ein Stück zur Seite, weg von dem Pfad und zwischen die Bäume, raus aus dem Blickfeld der anderen, wo er meine Schulter wieder einmal festhielt. Er warf einen letzen Blick über die Schulter und vergewisserte sich, dass die anderen es nicht bemerkt hatten.
    „Wer sagt das?“, wiederholte er seine Frage.
    Noch immer war ich mir nicht sicher.
    Vertrau ihm. Er wird dir glauben.
    „Die Stimme“, antwortete ich zögerlich.
    „Die Stimme!“ fragte er in einem amüsierten Ton. Er nahm mich nicht ernst, das war klar. Für ihn war ich nur ein kleines, dummes Weib mit einem scheinbar kostbaren Schmuckstück, dass in irgendeinem Märchen vorkam und jetzt auch noch Stimmen hörte. Warum hätte er mir auch glauben sollen? Warum hatte ich überhaupt gehofft, dass er es tun würde?
    Sag ihm, wer ich bin.
    Ich zögerte. Mir war bewusst, dass ich es könnte und in wenigen Sekunden würden die Worte auch über meine Lippen kommen. Aber wie sollte ich einfach so etwas aussprechen und einem anderen glauben machen, wenn ich es selbst doch noch nicht begriffen hatte?
    Sag ihm, dass ich Jashin bin.
    „Jashins Stimme“, flüsterte ich so leise wie möglich. Hoffentlich hatte er mich nicht gehört.
    Im selben Moment schaute ich zum Boden. Ich wollte in seinem Gesicht nicht sehen, wie verrückt das klang. Während ich so auf den Boden starrte und mir wünschte in ihm versinken zu können, stellte ich mir vor, wie Hidan laut loslachte, mir an den Kopf warf, wie dumm ich denn wäre und einfach nicht aufhörte mich auszulachen. Er warf mir alle möglichen passenden und unpassenden Beleidigungen an den Kopf, lachte unaufhörlich.
    Ich war verwirrt, als nichts dergleichen zu hören war.
    Kein Gefluche, keine Beleidigung, kein Lachen.
    Verunsichert hob ich den Blick und suchte Hidans Augen. Ob in ihnen auch dieses Mal recht offensichtlich zu lesen war, was ihm durch den Kopf ging?
    Noch mehr verwirrte mich, was ich sah. Der sonst so fiese Ausdruck in seinem Gesicht, das breite Grinsen, mit dem er immer wieder an seine Überlegenheit erinnerte, die Mordgier und der Hass in seinen Augen - all das war spurlos verschwunden und hatte einen Chaos an Gefühlen und Gedanken zurückgelassen.
    Er ließ seine Hände von meinen Schultern gleiten. Der eine Arm fiel neben seinen Körper, den anderen hob er zitternd. Angespannt hielt ich den Atem an. Was hatte er vor? Was dachte er? Warum war er auf einmal so undurchschaubar?
    Seine Fingerspitzen berührten leicht meine Wange. Ich schloss die Augen. So sanft, so unglaublich sanft berührte er meine Wange, als würde eine leichte Briese sie streichen und doch war es wie tausend Stiche in meinen gesamten Körper. War das der Blick, mit denen er Jashins Opfer tötete? Spielte er immer so mit ihnen? War ich an einen wahnsinnigen Jashinisten geraten?
    Hab keine Angst. Vertrau ihm!
    So sehr ich meinem Gott auch glauben wollte, so sehr ich seine Worte auch als wahrhaftig ansehen wollte...
    Ich konnte es nicht. Als die drei fremden Jashinisten Akito, die anderen und mich angegriffen hatten, glaubte ich, dass ich Angst hatte. Aber in diesem Moment, begriff ich, dass es keine war. Es war eine Unsicherheit, ein Unwohlsein gewesen. Aber keine Angst. Das hier, das war wahre Angst. Angst in ihrer reinsten und vollkommensten Form.
    Es schnürte mir die Kehle zu, bis ich nicht mehr atmen konnte.
    Mich überkam Schwindel und Übelkeit, bis ich nicht mehr stehen konnte.
    Alle Musken verkrampften sich, bis ich keine Kraft mehr hatte.
    Mein Kopf war leer und doch fuhren meine Gedanken Achterbahn.
    Mein Herz blieb stehen und raste zur selben Zeit schneller als je zuvor.
    Die Sekunden wurden zu Minuten.
    Die Minuten zu Stunden.
    Stunden zu Tagen.
    Zu Wochen.
    Jahre.
    Als sich seine Fingerspitzen von meiner Wange lösten, keuchte ich erleichtert aber auch erschrocken auf. Was würde er als nächstes tun?
    Ich spürte seine Finger auf meinem Schlüsselbein, wie sie langsam zu Yasakani strichen.
    „Seine Stimme?“, hauchte er kaum hörbar. „Du hörst die Stimme von Jashin-sama?“
    Am liebsten hätte ich alles abgestritten, behauptet es wäre nur ein dummer Witz eines dummen Weibes gewesen, aber ich brachte keinen Ton heraus. Alles in mir war bis zum Zerreißen gespannt. Jashin, bitte mach dem ein Ende.
    Um Hidan nicht zu verärgern, sammelte ich all meine Kraft und brachte ein schwaches Nicken zustande.
    „Was sagt er?“ Hidans Stimme wurde wieder fester, lauter und war voller Ehrfurcht. Es kostete all meinem Mut meine Augen zu öffnen und seinen Blick zu suchen, der fasziniert auf das Amulett gerichtet war.
    Ich sage, dass du, Sentaku Yumiko, meine Erbin bist und es seine Aufgabe ist dich zu begleiten.
    „E-er sagt...“, stotterte ich und brach den Satz ab. Meine Kehle war noch immer wie zugeschnürt. Mein Hals ganz trocken. Ich bekam kaum noch Luft und brachte erst recht keine weiteren Worte über meine Lippen.
    „Beruhig dich“, meinte Hidan sanft und strich mir über den Kopf. „Tief durchatmen.“
    Ich folgte seinem Rat, holte so tief Luft wie möglich und atmete langsam wieder aus. Noch einmal und noch einmal, bis sich zumindest meine Brust entspannte und ich nicht länger das Gefühl hatte zu ersticken.
    „Er sagt“, setzte ich zum zweiten Versuch an, „dass ich seine Erbin sei und es deine Aufgabe wäre mich zu begleiten.“
    „Begleiten? Wohin?“, wollte Hidan wissen. Ich schwieg. Das hatte Jashin nicht gesagt. Er hatte auch nicht gesagt, welche Aufgabe wir eigentlich haben sollten. Während Hidan mich erwartend ansah wartete ich auf Jashins Antwort.
    Vergebens.
    Leicht schüttelte ich den Kopf. Unser Gott schwieg, ließ uns im Unwissen. Vielleicht lief gerade alles nach seinem Plan, vielleicht war die Zeit auch noch nicht gekommen. Wir würden warten müssen. Denn ich war mir sicher, dass Jashin wieder zu mir sprechen würde.
    „Hidan!“, brüllte jemand durch den Wald. „Komm mit dem Mädchen sofort wieder hier her oder ich bringe dich um!“
    Der Jashinist fluchte leise, griff nach meiner Hand, die er dieses Mal nur leicht drückte. Es wäre ein leichtes für mich gewesen, mich von ihm zu lösen.
    „Versuch‘s doch, du geldgeiler Sack. Du schaffst es nicht!“, brüllte er zurück und zog mich mit sich. Doch ich blieb stehen, umfasste seine Hand und deutete ihm so, einen Moment zu warten.
    „Doch, er kann.“

    9
    „Hidan!“, brüllte Kakuzu durch den Wald. Es war nicht zu überhören, dass er richtig angepisst war. „Komm mit dem Mädchen sofort wieder hier her oder ich bringe dich um!“
    Ich fluchte leise. Die anderen sollten nicht bemerken, dass ich mich mit Yumiko zurückgezogen hatte. Ich hatte es eigentlich auch gar nicht vorgehabt, doch wie sie nach dem Amulett gegriffen hatte und so verzweifelt nach Halt gesucht hatte - es war für sie anscheinend ein schwieriges Thema gewesen. Wann erzählte man auch jemandem, dass man Stimmen hörte?
    Aber ich war froh, dass sie den Mut gefunden hatte, es mir zu erzählen. Auch wenn es mich eigentlich nervte, dass es dieses Amulett tatsächlich gab, machte es mich unglaublich glücklich, dass Jashin mehr oder weniger unter uns verweilte. Dass er seinen Propheten gefunden hatte und durch diesen zu uns Jashinisten, zu mir sprach. Vor allem die Tatsache, dass ich derjenige war, der sie begleiten sollte - nicht einer der Jashinisten, bei denen wir sie gefunden hatten - ehrte mich. Bisher hatte ich wohl alles richtig gemacht.
    Ich umschloss vorsichtig ihre Hand, darauf bedacht, Jashins Sprecher nicht zu verletzen und zog sie hinter mir her, zurück zu den anderen.
    „Versuch‘s doch, du geldgeiler Sack. Du schaffst es nicht!“, provozierte ich ihn. Der sollte es nur immer und immer wieder versuchen. Bis jetzt hatte er schon nie eine Chance gehabt. Mit Jashins Erbin an meiner Seite würde er erst recht haushoch verlieren. Er würde nicht nur versagen, er würde sterben und zerstört werden.
    Dass sie Jashins Erbin war erklärte auch, warum die Jashinisten tot waren. Jashin gab uns die Unsterblichkeit und er könnte sie uns auch wieder nehmen. Ganz einfach.
    Yumiko blieb stehen, umfasste meine Hand und zog mich leicht zurück. Fragend sah ich in ihre Augen, die mich unendlich traurig und verunsichert betrachteten.
    „Doch, er kann“, flüsterte sie eben so laut, dass ich es hören konnte.
    „Hat er es gesagt?“, harkte ich nach. Sie schüttelte nur leicht den Kopf.
    „Aber ich habe es gesehen. Wie Jashinisten trotz des Fluches und täglichen Opfergaben gestorben sind. Wie...“ Tränen sammelten sich in ihren Augen. Sie hatte diese toten Jashinisten anscheinend gekannt. „Es waren grausame Tode, einer schmerzvoller als der andere.“
    „Warum sollte Jashin das zulassen?“, fragte ich. Es war lächerlich. Aber dann hatte auch die toten Jashinisten gesehen.
    „Ich weiß es nicht“, schluchzte sie, hob die Hände und verdeckte mit ihnen die einzelnen Tränen in ihrem Gesicht. „Ich weiß es nicht.“
    Verdammt, wieso weinte sie denn jetzt? Was zur Hölle sollte ich machen? Oh Jashin, warum hattest du dieses Kind zu deiner Erbin gemacht?
    Ich erinnerte mich, mit einem leichten Stich in mein Herz, wie Itachi sie - kurz nachdem wir sie gefunden hatten - in den Arm genommen hatte, um sie zu beruhigen. In der Hoffnung, dass es auch dieses Mal funktionieren würde, ging ich zwei Schritte auf sie zu und legte meine Arme um ihre Schultern, an denen ich sie schließlich zu mir zog.
    „Beruhig dich. Ist doch alles okay.“
    Jashin wird sich etwas dabei gedacht haben. Außerdem musste er uns ja nicht alles bis ins Detail erklären. Wahrscheinlich haben sie ihn genervt oder irgendeine Scheiße verbockt. Es kann ja nicht jeder so ein toller Anhänger sein, wie ich es bin.
    „Hidan!“, brüllte Kakuzu wieder. Yumiko zuckte erschrocken zusammen und krallte sich an meinen Mantel. Kurz darauf erblickte uns der Geldsack und stampfte wütend zwischen den Bäumen in unsere Richtung.
    „Wenn ihr euch nicht sofort in Bewegung setzt, dann...“
    „Wage es nicht, ihr zu drohen!“, zischte ich wütend und drückte sie noch etwas näher an mich. „Niemand droht mir, Jashin oder seiner Prophetin.“ Und diejenigen, die es wagten, würden nicht mehr lange leben.
    Tatsächlich verstummte Kakuzu für den Moment. Also damit hatte ich ja überhaupt nicht gerechnet. Vielleicht hatte der geldgeile Sack ja kapiert, dass er gegen mich nie eine Chance hatte.
    „Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit“, meinte er nur noch und drehte sich um.
    Als er aus meinem Blickfeld verschwunden war, löste ich mich von Yumiko und betrachtete sie einen Moment. Es schien, als hätte sie sich wieder beruhigt, also nickte ich in die Richtung, in die Kakuzu vorausgelaufen war.
    „Wir müssen weiter.“
    Die junge Frau nickte nur und folgte mir.

    „Nein. Nein. Und noch einmals: Nein!“ Kakuzu schüttelt energisch den Kopf. „Warum habe ich denn die Schlafsäcke gekauft?“
    Es war der letzte Abend, bevor wir Amegakure wieder erreichen würden, als die tägliche Diskussion losging: Höhle oder Hotel? Generell war es mir egal. Solange ich Leute hatte, die ich opfern konnte, war ich glücklich. Mehr brauchte und wollte ich nicht.
    Aber das sah jetzt anders aus. Unter uns verweilte Jashins Erbin, seine Prophetin, seine Auserwählte. Für sie durfte es nur das Beste vom Besten geben. Selbst ein 5-Sterne-Hotel wäre meines Erachtens nicht gut genug gewesen, aber manchmal musste man sich mit dem zufrieden geben, was man hatte.
    „Da gibt es keine Diskussion, Kakuzu“, meinte ich entspannt und lehnte mich lässig gegen den Baum. Itachi, Kisame und Yumiko sahen uns nur zu. „Das Hotel und basta!“ Es war schon schlimm genug, dass wir die letzten Tage durch die Pampa gelaufen waren unter freiem Himmel übernachten mussten, und nun nur eine mittelklassiges Hotel mit lächerlichen drei Sternen in Aussicht hatten.
    „Das wüsste ich, Jashinist“, brummte er abfällig. „Höhle. Ende der Diskussion!“
    Bedrohend baute ich mir vor ihm auf und sah hoch in seinen grünen Augen.
    „Und wenn nicht?“, fragte ich provozierend und grinste breit.
    „Bringe ich dich um!“
    „Versu...“
    „Die Höhle ist okay, Hidan!“, schnitt Yumiko mir hastig das Wort ab und sah besorgt zu Kakuzu. Als dieser mit hochgezogener Braue in ihre Richtung schaute, zog sie den Kopf etwas ein und machte einen Schritt zurück.
    „Wir könnten natürlich auch das Amulett verkaufen. Du meintest ja ohnehin, dass es nicht echt ist.“
    Ich ging an Kakuzu vorbei und zog Yumiko hinter mich.
    „Nur über meine Leiche!“
    „Hidan!“, murmelte sie tadelnd. Anscheinend missfiel ihr der Gedanke, dass ich starb, was mir ein Grinsen entlockte. Ich wusste, dass ich unwiderstehlich war.
    „Leg es nicht darauf an, Hidan“, drohte Kakuzu.
    Ich schwang meine Sense nach vorne. „Sonst was?“
    „Sonst töte ich dich wirklich.“
    Ich konnte nicht anders und lachte laut auf. Als könnte Kakuzu mich umbringen. Als könnte irgendjemand mich umbringen! Ich war von Jashin auserwählt worden, seine Prophetin zu begleiten, sie zu schützen. Er würde mich genauso wenig sterben lassen wie man ihr ein Haar krümmen konnte - nämlich gar nicht. Auch wenn Yumiko daran zweifelte, war ich mir sicher.
    Wieder griff ich nach Yumikos Hand und zog sie hinter mir her zum Hotel, bevor Kakuzu noch etwas dummes von sich geben konnte. Sie sagte nichts weiter, ließ mich zwei Zimmer buchen - ein Doppelbettzimmer und eines mit drei Einzelbetten - und folgte mir schweigend auf unser Zimmer. Sie sah sich unsicher um und ging schließlich mit leisen Schritten zu einem der Sessel, auf dessen Kante sie sich setzte.
    „Das ist alles unnötig, Hidan“, meinte sie ruhig und strich langsam über den Stoff des Sessels. „Ich brauche das nicht. Die Höhle wäre völlig in Ordnung gewesen.“
    „Red keinen Schwachsinn, Yumiko“, hielt ich ihr lauter als nötig entgegen. „Jashin hat dich zu seiner Erbin auserwählt. Ob du willst oder nicht, du bist etwas besonderes und solltest entsprechend behandelt werden.“
    „Aber wenn ich dir doch sage...“
    „Halt die Klappe!“, brüllte ich sie an. Konnte sie nicht einfach akzeptieren, dass ich hier jetzt die Entscheidungen traf und sie nichts zu melden hatte? „Es ist meine Aufgabe, dich zu begleiten! Und wenn ich verdammt noch einmal sage, wir übernachten in diesem beschissenen Hotel hier, dann tun wir das. Hast du mich verstanden?“
    Sie nickte und zum ersten Mal hatte ich den Eindruck, dass ich sie eingeschüchtert hatte. Wie sie die Schultern leicht hob und ihren Kopf einzog, ihren Blick zum Boden richtete und sich insgesamt sehr klein machte. Es tat mir im selben Moment leid, sie so angegangen zu haben. Bei Jashin, warum musste sie alles so kompliziert machen?
    „Ich will doch nur das Beste für dich“, erklärte ich ihr ruhiger, nachdem ich einmal tief durch geatmet hatte. „Du bist meine einzige Verbindung zu ihm. Du hast nur verdient, was ihm selbst gerecht werden könnte.“
    Ich hockte mich vor sie und strich sanft über ihre Wange. Noch immer verstand ich nicht, warum gerade dieses Mädchen Jashins Erbin sein sollte. Sie war so unschuldig wie ein Neugeborenes, schwach und naiv wie ein Kind und generell viel zu gutmütig. Sie ließ sich einiges gefallen und schlug nur selten mit der Hand auf den Tisch.
    Sie war vieles aber keine Verbrecherin, keine Mörderin und keine Jashinistin, wie man es vermuten wollte.
    Gleichzeitig war ich fasziniert davon, wie unerschrocken sie sein konnte, wie sie trotz ihres Unbehagen die Dinge aussprach und zu ihrer Meinung stand.
    „Was sagt er dazu?“, fragte ich sie leise, strich über ihren Hals zu dem blutroten Amulett auf ihrem Brustbein.
    „Er hat nicht wieder zu mir gesprochen“, murmelte sie und zog sich zurück.
    „Hat das etwas zu bedeuten?“, wollte ich wissen.
    Durch sie konnte ich auf eine ganz neue Weise mit Jashin kommunizieren, konnte mich überhaupt mehr oder weniger direkt mit ihm auseinandersetzen. Das bedeutete aber auch, dass ich viele Sachen neu lernen musste.
    „Ich weiß es nicht“, flüsterte sie. „Ich weiß generell nicht viel über dieses Amulett und meine Verbindung zu Jashin.“
    „Hör mir zu“, forderte ich von ihr und erzählte ihr in groben Zügen das Märchen von Jashin und Yasakani. Als ich mit der Erzählung geendet hatte, wartete ich auf ihre Reaktion. Ein „Ach so war das“ oder „Okay, verstehe“ - irgendetwas in diese Richtung. Yumiko verharrte jedoch ruhig, starrte auf den Boden zwischen uns.
    „Yumiko“, sprach ich sie nach einigen Minuten an. Ihr Atem ging etwas unregelmäßig und war ziemlich flach, auf ihrer Stirn bildete sich kalter Schweiß und mir viel auf, wie das Amulett um ihren Hals eine kräftigere Farbe als sonst annahm. Als ich es berührte, verbrannte ich mir beinahe die Finger, doch ihr schien es nichts auszumachen.
    „Yumiko“, rief ich sie nun lauter, schüttelte sie etwas an den Schultern und hob ihren Kopf an. Ihre Augen starrten ins Leere als hätte ich nur eine Hülle vor mir. Was passierte mit ihr?
    Dann keuchte sie auf, lehnte sich nach vorne und schnappte nach Luft. Mir fiel ein Stein vom Herzen, weil sie doch noch lebte, aber bevor ich sie warnen konnte, griff sie um das Amulett, riss es sich vom Hals und warf es in die hinterste Ecke des Zimmers.
    „Hör auf“, murmelte sie. „Hör auf damit.“
    War sie jetzt völlig durchgedreht? Sie stammelte irgendeinen Unsinn vor sich hin, schien komplett durch den Wind und ignorierte mich. Ich hätte sie am liebsten angebrüllt, was ihr Bitch einfiele, aber ich verharrte in meiner Position neben dem Sessel und beobachtete einfach nur, wie sie auf das Amulett starrte. Es war als ob sie sich auf es stürzen und an sich reißen wollte, gleichzeitig aber unendliche Angst hatte und verunsichert war. Wie ein Raubtier, das um seine Beute schlich und auf eine Gelegenheit zum Angriff wartete, aber auch schmerzvoll gelernt hatte, dass sich seine Beute zu wehren wusste.
    Mal wieder rannen ihr Tränen über das Gesicht, während sie ununterbrochen und völlig verstört dieses blöde Amulett anstarrte. Zögernd griff sie nach dem Schmuckstück und umklammerte es mit der Hand. Sie zitterte am ganzen Leib und nach einigen Sekunden vernahm ich ein erstes Schluchzen.
    Bei Jashin, was zur Hölle sollte ich mit dieser Heulsuse machen?
    „Komm her“, flüsterte ich leise, umfasste ihr Handgelenk und zog sie zu mir. Als ich sie in meine Arme geschlossen hatte, fielen die Mauern und sie weinte bitterlich.
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    10
    Es war eine Vollmond-Nacht, als sie den Kaiserpalast angriffen. Wie mir befohlen worden war, bezog ich Stellung am Gemach des Kaiserpaares und würde jeden töten, der die große Flügeltür hinter mir passieren wollte. Ich hatte wenig zu tun, meine Kameraden machten einen großartigen Job.
    Bis ich einen Schrei aus dem Raum hinter mir hörte.
    Ich handelte ohne nachzudenken und stieß die Tür auf. Hinter den Vorhängen am Bett sah ich die Silhouette eines Mannes, der einen Dolch in der Hand hielt, bereit zuzustechen. In meinem Kopf startete der Leerlauf. Ich dachte nicht mehr, mein Körper handelte nur noch, reagierte auf die Reize, die er wahrnahm. Mit gezückten Schwert rannte ich auf das große Bett des Kaiserpaares zu, stürzte mich auf den Mann, der meinen Kaiser und seine Frau bedrohte und stach zu. Durch den Schwung riss ich ihn vom Bett zu Boden, auf den ich ihn drückte.
    Ich hörte die Kaiserin erleichtert aufseufzen. Aber was war mit dem Kaiser?
    „Du machst einen außerordentlich guten Job, Krieger. Ich hätte nicht gedacht, dass du mich selbst angreifen würdest.“
    Entsetzt sah ich auf den Mann unter mir, dessen Brust ich mit meinem Schwert durchbohrt hatte. Diese Verletzung würde er niemals überleben. Ich hatte meinen Kaiser getötet.
    „Es tut mir Leid, mein Kaiser“, murmelte ich und zog meinen Dolch. Ich hatte unbedacht gehandelt und so eine Schuld auf mich geladen, die ich niemals schultern konnte. „Ich habe versagt.“
    Bevor ich die gebogene Klinge in meiner Brust versenken konnte, griff der Kaiser nach meiner Hand und hielt sie fest.
    „Du hast alles richtig gemacht. Schütze die Unschuldigen. Bestrafte die Verbrecher.“ Er keuchte. Jedes Wort, jeder Atemzug musste ihm Schmerzen bereiten. „Meine Frau, die Kaiserin... Sie ist unschuldig. Und ich... Ich habe mich schon vor langer Zeit schuldig gemacht... Ich verdiene weder deinen Schutz... noch den Titel Kaiser... noch das Leben.“ Sein Atem wurde flacher. „Aber ich bin stolz, dass ich zumindest eine Sache richtig gemacht habe.“ Ein leichtes Lächeln huschte in sein Gesicht. Aus den Mundwinkeln floss das Blut. „Du bist ein anständiger Soldat geworden. Ich bin stolz auf dich, Junge.“ Seine Hand drückte meine leicht, ließ sie locker und fiel zu Boden. Sein Kopf kippte etwas zur Seite und sein leerer Blick starrte zur Wand.
    Ich hatte ihn getötet. Ich hatte meinen eigenen Kaiser getötet. Den Mann, der mich aufgezogen hatte, die Kosten für meine Ausbildung zum Leibwächter getragen hatte und mich gelehrt hatte, was Gerechtigkeit bedeutete, was Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld ist.

    Erschrocken keuchte ich auf, lehnte mich nach vorne und schnappte nach Luft. Mein Hals war wie zugeschnürt. Wie bei der letzten Vision.
    Ich riss das Amulett von meinem Hals, versuchte meine Lungen wieder mit ausreichend Sauerstoff zu füllen.
    „Hör auf“ murmelte ich vor mich hin. „Hör auf damit.“ Dieses Erwachen in einer völlig anderen Situation eines ganz anderen Menschen zu einer längst vergangenen Zeit ohne jede Form der Vorwarnung machte mich fertig. Sobald ich mir bewusst war, dass ich eine Vision sah, wurde ich in meine Gegenwart gerissen. Es machte mich fertig.
    Was wollte Jashin mir damit nur sagen? War er es denn wieder gewesen? Warum wollte der Kaiser die Kaiserin umbringen. Und was hatte das alles überhaupt mit mir oder Hidan zu tun?
    Am liebsten hätte ich das Amulett weggeschmissen, es zerstört und für immer hinter mich gelassen, doch gleichzeitig war mir klar, dass ich ohne Yasakani keine Antworten bekommen würde. Auf kurz oder lang brauchte ich das Amulett. Vielleicht würde ich ja noch lernen, damit richtig umzugehen. Vielleicht ließen sich die Visionen irgendwie steuern.
    Der innere Schmerz, den Jashin - oder wer auch immer es war - in den letzten Sekunden verspürt haben musste, dringt zu mir durch, entlockt mir ein Schluchzen und einige Tränen. Der Kaiser war wie ein Vater für ihn gewesen, hatte ihn Gerechtigkeit gelehrt und nach eben dieser Leere war er gezwungen gewesen, den Kaiser umzubringen. Grausam, so schrecklich grausam.
    Was war danach geschehen? Was wurde aus dem Krieger, was aus der Kaiserin? Zögernd griff ich nach dem Amulett. Würde ich es noch erfahren? Wenn ja, wann? Mit festem Griff umklammerte ich Yasakani. Es war, als hätte ich etwas lebensnotwendige von mir gegeben und nun endlich wieder, als würde nicht nur das Schicksal der Jashinisten, sondern auch mein Leben davon abhängen.
    „Komm her“, meinte Hidan leise und zog mich am Handgelenk auf seinen Schoß.
    Es war erstaunlich, wie sicher ich mich fühlte, als er mich in seine Arme geschlossen hatte. Diese ganze Situation - der Tod von Taiga, Akito und den anderen Jashinisten, Jashins Stimme in meinem Kopf und diese Visionen - all das überforderte mich. Wenn Hidan - auch wenn er ein unsensibler Mistkerl sein konnte - nicht gewesen wäre, hätte ich damit allein klarkommen müssen. Ob ich das geschafft hätte, bezweifelte ich.
    Ich genoss das Gefühl der Sicherheit in seinen Armen. Ja, ich fühlte mich schon fast geborgen. Auch wenn er mich vielleicht nicht ganz verstand, so versuchte er zumindest einfühlsam zu sein und das nötige Verständnis aufzubringen. Und letztendlich konnte er mich besser verstehen als alle anderen.
    Er drückte mich leicht an sich, strich mir über das Haar und den Rücken und hielt meine Hand fest in seiner.
    „Schlaf etwas, Yumiko“, murmelte er mir ins Ohr.
    Ich lehnte meinen Kopf an seine Brust, lauschte seinem Herzschlag. Sein kräftiger, gleichmäßiger Rhythmus war genauso beruhigend wie die Wärme, die von Hidan ausging. Es ließ sich schwer beschreiben, warum gerade dieser vulgäre, grobe Kerl, mit ganzen Lagerhäusern voller Leichen, der laut, beleidigend und gefährlich war, in mir eine Ruhe erzeugen konnte, die seines Gleichen suchte. Ich hatte keine Ahnung, warum ich mich bei diesem todbringenden Jashinisten so lebendig fühlte.
    Noch weniger wusste ich, welche Verbindung wir genau zueinander hatten. Wir wussten bisher nur, dass er mich begleiten sollte. Aber ich war mir sicher, dass da mehr war. Viel mehr. Ob mir das allerdings gefallen würde, würde sich erst mit der Zeit zeigen.

    Die weitere Reise verlief ohne Probleme und so erreichten wir am späten Nachmittag Amegakure. Der Regen war deprimierend, er hatte nicht einen Moment aufgehört und Kisame erklärte mir, dass es auch nur selten trocken wurde. Der Regen gehörte einfach zu dem Dorf.
    Die Straßen waren entsprechend menschenleer. Vielleicht lief jemand mit der Zeitung über dem Kopf von einer Tür zur anderen oder ein anderer spazierte mit Regenschirm durch das Dorf.
    „Bleib in meiner Nähe“, raunte mir Hidan zu und musterte genervt die Umgebung. Er schien etwas Unangenehmes zu erwarten.
    „Warum?“, wollte ich wissen und musterte ihn einen Moment.
    „Frag nicht. Tu es einfach“, knurrte er eine Antwort, griff nach meiner Hand und zog mich hinter sich her, als wollte er sicher gehen, dass ich auch wirklich in seiner Nähe war. Ich wollte verärgert widersprechen, als der Regen plötzlich aufhörte und ein Schmetterling aus Papier mein Augenmerk auf sich lenkte. Zu ihm gesellten sich noch viele weitere, die sich wie von Zauberhand auseinanderfalteten und sich zu einer hübschen Frau wieder zusammensetzten. Es war ein etwas merkwürdiges Bild. In ihr blaues Haar war eine Rose aus Papier gesteckt, ihre bernsteinfarbenen Augen sahen uns entspannt an. Sie trug denselben Mantel wie Kakuzu, Itachi, Kisame und Hidan. Das eigentlich Spannende war, dass das Papier nur ihren Oberkörper, einen Großteil der Arme und den Mantel vielleicht bis zu den Knien geformt hatte, dafür zwei Papierflügel am Rücken.
    „Pein erwartet euch umgehend in seinem Büro“, teilte sie uns mit. Dann löste sie sich wieder in Papierschmetterlinge auf, verschwand und der Regen fiel wieder. Hatte ich mir das gerade eingebildet?
    „Was war das?“, fragte ich etwas verunsichert.
    „Das“, entgegnete Kisame mit breitem Grinsen, als wir weitergingen, „das war Konan, die bessere Hälfte unseres Bosses.“
    „Und die regelmäßig Hand an ihm anlegt“, meinte Hidan und lächelte wissend.
    „Das sind bloß Gerüchte“, meinte Kakuzu desinteressiert.
    „Ich hätte nichts dagegen, wenn sie mal an mir Hand anlegen würde“, lachte Kisame und sah schon fast etwas verträumt in die Ferne.
    „Wovon träumst du nachts?“, neckte Hidan ihn, als wir ein hohes Gebäude betraten.
    „Mit Yumi...“ Kisame wurde von einem Geplärre unterbrochen.
    „Senpai! Ihr seid wieder zu Hause!“ Hidan zog mich hinter sich, sein Griff fester um meine Hand geschlossen, mit der anderen warf er mir meine Kapuze über den Kopf und zog sie mir tief ins Gesicht. Ein Typ, der ebenfalls den Mantel mit den roten Wolken trug und sein Gesicht hinter einer orangefarbenen Maske versteckte, kam um die Ecke gestürmt. „Ehhh, ist das die Trägerin des Amuletts?“
    Halt dich von ihm fern! Er ist gefährlich!
    „Das geht dich nichts an, Tobi“, meldete sich Itachi zu Wort, bevor Hidan vor mir explodieren konnte. Man sah ihm seine Anspannung geradezu an.
    „Aber Tobi ist doch ein gutes Kind!“ Anscheinend schmollte er und verschränkte dabei trotzig die Arme vor der Brust. „Ich will nur kurz ihr Gesicht sehen.“
    „Lass sie in Ruhe“, zischte Hidan drohend. Doch der Kerl ließ sich nicht beeindrucken, versuchte an Hidan vorbeizuschauen. Schließlich löste er sich in einem Wirbel in Luft auf, stand dann plötzlich neben mir. Erschrocken sah ich zur Seite.
    Wie hatte er das gemacht? Ich dachte schon, Hidan sei schnell, erst recht Itachi. Aber der Typ...
    „Hübsch. Wirklich Schade, dass Sasori keine Marionette mehr aus dir machen kann, nachdem Pein dich getötet hat.“
    „T-töten?“, stammelte ich. Das Selbstbewusstsein, das in der Stimme des Maskierten lag, ließ mich nicht daran zweifeln, dass Pein mich töten könnte.
    Niemand kann dich töten!, rief mir Jashin in Erinnerung, aber ich hatte noch immer meine Zweifel. Die anderen waren auch gestorben. Es gab die absolute Unsterblichkeit nicht. Niemand kann dich töten!
    Ich zerrte an Hidans Griff, versuchte mich zu befreien. Erst etwas, dann mit mehr Kraft und schließlich verzweifelt. Ich wollte nicht sterben. Nicht so. Nicht wenn ich nicht einmal wusste, warum ich sterben sollte, was ich verbrochen hatte. Ich hatte doch niemandem etwas getan!
    Der Maskierte streckte seine Hand in meine Richtung aus, unmittelbar darauf schoss ein Energieschub durch meinen Körper. Der Typ schreckte zurück und Hidan löste seinen Griff. Die Gelegenheit ließ ich nicht an mir vorbeiziehen und rannte los. Ich rannte, wie ich noch nie zuvor gerannt war.
    „Yumiko!“, schrie Hidan mir hinter her. Hatte er es gewusst? Dass man mich töten wollte? Aber warum sollte er jemanden desselben Glaubens ausliefern? Lag es an Yasakani? Er hatte selbst gesagt, dass ihm das Amulett und dessen Macht nicht gefielen. Wollte er mich deshalb loswerden?
    „Yumiko, warte!“, brüllte Hidan, packte mich an den Schultern und drückte mich an die nächste Wand. „Beruhig dich, verdammt noch einmal!“
    „Beruhigen? Beruhigen! Er will mich töten. Hast du davon gewusst, Hidan? Hast du gewusst... Du weißt, wie man einen Jashinisten tötet, oder? Du weißt, dass...“
    „Ich weiß, dass niemand dich töten wird!“, unterbrach er mich barsch. „Niemand, Yumiko, hörst du? Weil sich dir keiner nähren kann, der dir etwas antun will.“ Er sah mir fest in die Augen, ohne einen Hauch von Zweifel in seinem Blick oder in seiner Stimme. „Vertraue darauf, dass ich und Jashin dich beschützen werden. Vertraue auf die Macht von Yasakani!“
    War ihm eigentlich klar, was für widersprüchliche Dinge er da von sich gab? Er selbst hasste dieses Amulett, aber ich sollte mich darauf verlassen? Ich sollte mit der Überzeugung durch die Welt laufen, dass absolut niemand mich töten könnte, obwohl ich Leichen unsterblicher Jashinisten gesehen hatte?
    „Lass mich gehen“, murmelte ich. Hidan regte sich nicht. „Du sollst mich gehen lassen, verdammt!“, schrie ich schließlich, doch er blieb weiterhin unbeeindruckt. „Du hast doch keine Ahn...“
    Yumiko!
    Hatte Hidan mich unterbrochen? Ich sah auf in sein verwirrtes Gesicht. Nein, er hatte nicht meinen Namen gerufen. Mein Blick wanderte zur Seite. Vielleicht Kisame und Itachi? Doch von ihnen fehlte jede Spur.
    Warum vertraust du mir nicht, Yumiko? Warum zweifelst du an deinem Gott?
    „Jashin-sama... Ich...“, stammelte ich vor mich hin. War es denn verwerflich, dass ich zweifelte? Dass ich Fakten und Glauben nicht miteinander vereinen konnte?
    Solange du Yasakani trägst, kannst du nicht sterben.
    „Was macht dich da so sicher? Die anderen Jashinisten...“
    Fühl deinen Puls.
    „Mein Puls?“ Mit dem Mittel- und Ringfinger meiner rechten Hand tastete ich nach dem Puls an meiner linken. Als ich nichts spürte versuchte ich es an meinem anderen Handgelenk, nichts. „Wie...“ Das konnte nicht sein. Das war unmöglich!
    Hidan musste bemerkt haben, dass etwas nicht stimmte und umfasste nun seinerseits meine Handgelenke, um nach dem Pulsschlag zu tasten.
    „Dein Pulsschlag... Er... Du... Du bist tot.“

    11
    „Yumiko, warte!“ brüllte ich ihr hinterher. Wenige Schritte später konnte ich ihre Schulter packen, riss sie zurück und drückte sie an die Wand. Was war auf einmal in sie gefahren. „Beruhig dich, verdammt noch einmal!“
    „Beruhigen?“, fauchte sie mich an. „Beruhigen!“
    Eigentlich war sie ja ein liebes, braves Schmusekätzchen, das zu allem Ja und Amen sagte und bloß jeden Streit vermeiden wollte. Doch das war der zweite Augenblick, in dem ich die wilde Löwin in ihr erkannte, die keine Konfrontation scheute.
    „Er will mich töten. Hast du davon gewusst, Hidan? Hast du gewusst... Du weißt, wie man einen Jashinisten tötet, oder? Du weißt, dass...“
    „Ich weiß, dass niemand dich töten wird!“, unterbrach ich sie barsch. So langsam sollte sie es doch kapiert haben. Warum zweifelte sie nur so sehr daran? Wegen diesen toten Jashinisten? Sie unterstand dem persönlichen Schutz unseres Gottes. Wie sollte ihr da jemand ein Haar krümmen und ungeschoren davon kommen?
    „Niemand, Yumiko, hörst du?“, versuchte ich ihr in Erinnerung zu rufen. „Weil sich dir keiner nähren kann, der dir etwas antun will.“ Sie sah mir unbeirrt in die Augen, suchte Zweifel und Unsicherheit, blieb aber erfolglos. „Vertraue darauf, dass ich und Jashin dich beschützen werden. Vertraue auf die Macht von Yasakani!“
    Aber sie beruhigte sich nicht. Ich spürte, wie sie zitterte, wie die Panik noch mehr in ihr ausbrach. Flucht war für sie ihre einzige Rettung, egal wie unsterblich sie war.
    „Lass mich gehen“, bat sie mich leise und mit brüchiger Stimme. Sie tat gefasst, entschlossen, ruhig, aber ihre Augen, die noch immer hin und her huschten, nach der unmittelbaren Gefahr und einem Fluchtweg suchend, verrieten sie. Deshalb hielt ich sie weiter fest. Ich hätte nicht zugelassen, dass sie floh.
    „Du sollst mich gehen lassen, verdammt!“, schrie sie.
    Ich dachte nicht einmal daran, sie gehen zu lassen. Vielmehr fragte ich mich, was passiert wäre. Wo wäre sie hingerannt? Wie hätte ich sie vorgefunden? Hätte Jashin mit ihr gesprochen? Was wäre passiert, wenn sie in die Arme anderer Shinobi oder Jashinisten gerannt wäre?
    „Du hast doch keine Ahn...“, keifte sie weiter.
    Dann verstummte sie.
    Was war denn jetzt schon wieder mit ihr los? Dieses Kind war echt anstrengend.
    Aus ihrer panischen und verzweifelten Miene wurde eine verwirrte. Sie sah kurz zu mir auf, schüttelte dann leicht den Kopf. Schließlich sah sie zu den Seiten und schüttelte abermals den Kopf. Dann weiteten sich ihre Augen überrascht.
    „Jashin-sama... Ich...“, stammelte sie kaum hörbar vor sich hin. Ich wurde hellhörig. Sprach er zu ihr? In diesem Augenblick?
    „Was macht dich da so sicher? Die anderen Jashinisten...“
    Ich legte ihr eine Hand auf den Kopf und strich über ihr Haar. Konnte er sie überzeugen? Würde sie mir nun vertrauen können? Was würde ich tun, um seine Worte ebenfalls zu hören.
    „Mein Puls?“, fragte sie verwundert und sah auf ihre Handgelenke hinunter. Mit zwei Fingern der rechten Hand fühlte sie nach dem Puls an ihrem linken Handgelenk. Ihre Augenbrauen zogen sich leicht zusammen, als sie die Hände wechselte und an ihrer Rechten nach dem Puls tastete. „Wie...“ Wieder trat die Panik in ihr Gesicht, als sie ihre Hände hob und am Hals fühlte.
    Was zur Hölle war los?
    Ich löste meinen Griff um ihre Schulter, ließ von ihrem Haar ab und fasste nach ihren Handgelenken. Mit drei Fingern strich ich an ihrem Daumen entlang zum Handgelenk.
    Nichts.
    „Dein Pulsschlag...“, murmelte ich und sah fassungslos in ihre Augen. „Er... Du...“ Das war unmöglich! „Du bist tot.“
    Vorsichtig streichelte ich über ihre Wange, als diese Tatsache auf uns beide einwirkte. Sie war klinisch tot, der fehlende Pulsschlag war der Beweis. Und doch stand sie atmend vor mir.
    Lebendig.
    Nein.
    Untot.
    Mein Blick fiel auf Yasakani. Dieses Amulett war unglaublich. Mir war in den letzten Tagen bewusst geworden, wie mächtig es sein musste, um Yumiko so unverwundbar zu machen. Aber dass es sie den Tod übergehen ließ... Wir Jashinisten waren vielleicht wirklich sterblich. Aber nicht Yumiko. Wie sollte man auch jemanden töten, der bereits tot war?
    „Unglaublich“, murmelte ich und sah in ihre Augen, die in die Leere starrten. Kraftlos ließ sie den Kopf nach vorne fallen und sämtliche Körperspannung entwich ihrem Körper.
    Im nächsten Moment richtete sie sich wieder zu voller Anmut vor mir auf. Ihre Bewegungen erinnerten mich an die Gestalt, die auf der Lichtung zwischen den Leichen gestanden hatte. Auch diese gewaltige Aura, die damals von ihr ausging, war greifbar nahe. Das war der Grund, warum ich sie schützen musste. Weil diese unfassbare Macht in ihr schlummerte.
    „Hidan!“
    Ich zuckte zusammen, als sie sprach. Ihre Stimme hatte ein ungewohnt tiefes und kräftiges Echo, als würden zwei Personen gleichzeitig sprechen. Sie war durch und durch anders, wie ausgewechselt.
    „Ich, Jashin, spreche durch Yumiko zu dir.“
    Jashin! Das... Wie...
    Meine Knie wurden weich, gaben unter meinem Gewicht nach.
    „Jashin-sama“, murmelte ich ungläubig und starrte in die Augen der jungen Frau, denen jeder Glanz fehlte und die mein Gott in diesem Moment nutzte. Dann ließ ich meinen Oberkörper nach vorne Fallen und verbeugte mich so tief wie möglich. Um ihm zu huldigen, meinen Respekt zu zollen und meine Ehrfurcht vor seiner Göttlichkeit zu beweisen, sprach ich die Worte der Zeremonie. „Jashin, dem Gott des Todes. Unser eins sind deine treusten Diener, unsere Qualen dien...“
    „Ach, halt doch die Klappe!“, unterbrach er mich mit abwertendem Ton. Ich sah verwundert auf und erkannte noch, wie er abwehrend mit der Hand gewedelt hatte. „Von diesen verdammten Worten kann ich mir auch nichts kaufen! Und nun steh endlich auf. Ich war auch nur ein dummer Mensch.“
    Ich folgte seinem Befehl. Wie sollte ich mich verhalten? Niemand geringeres als mein Gott stand mir gegenüber - zwar in der Gestalt einer zierlichen Frau - aber es war noch immer Jashin! Viele hätten sich vielleicht gefragt, warum ich mir dessen so sicher war. Ich wusste es selbst nicht, ich hatte nicht einen verfluchten Beweis. Ich spürte einfach nur seine Präsenz, die so gigantisch war, dass ich keine Worte dafür fand.
    „Du hast Fragen. Ihr beide habt viele Fragen. Ich habe nicht viel Zeit, um sie jetzt alle zu beantworten. Yumiko ist zu noch zu schwach. Aber einen Moment kann ich dir geben.“
    Ich musste nicht lange darüber nachdenken, was meine erste Frage sein würde.
    „Warum sie?“ Ich hörte Jashin lachen, aber das Gesicht von Yumiko verzog nicht eine Miene.
    „Du bist ein unterhaltsamer Geselle, Hidan. Mit der Frage habe ich nicht gerechnet.“ Er räusperte sich und als er weiter sprach, war seine Stimme wieder so autoritär wie zuvor. „Nun gut, zu der Antwort. Yumiko hat noch keinen Menschen getötet.“
    Als er nicht weitersprach, legte ich meine Stirn in Falten. „Das weiß ich doch, aber warum sie?“
    „Du weißt das?“ Er klingt überrascht. „Das ist interessant“, murmelte er, wurde dann aber wieder etwas lauter. „Genau das ist der Grund. Der Richter muss unschuldig sein. Der Vollstrecker führt das Urteil aus.“
    Richter? Vollstrecker? Was zum Henker wollte er mir damit sagen?
    „Das findet ihr noch früh genug heraus, Hidan. Deine nächste Frage, wie lautet sie?“
    In meinem Kopf rotierte es. Laut Märchen war Jashin Richter und Vollstrecker, aber jetzt klang es so, als wären es zwei Personen. Wenn Yumiko der Richter war, wer war der Vollstrecker? Über was sollte sie urteilen? Und warum zur Hölle war ich derjenige, der ihren Babysitter spielen musste?
    Aber das war uninteressant, Itachi würde bestimmt ein paar Antworten aus dem Hut zaubern können. Was in diesem Moment viel Wichtiger war...
    „Yasakani, wie funktioniert es?“
    „Es schützt Yumiko. Solange sie es trägt, ist sie unsterblich, so wie du es bist. Wenn sie es jedoch abnimmt, kann sie wie jeder andere ster...“
    „Aber sie ist doch schon tot!“
    „Es dauert zu lange, das zu erklären. Mit der Zeit werden ihr es erfahren. Stück für Stück. Sorge dafür, dass sie das Amulett nicht ablegt! Unter keinen Umständen.“ Aber wir hatten keine Zeit. „Lass dir noch eines gesagt sein, Hidan. Die Leben von Richter und Vollstrecker sind eng miteinander verwoben. So eng als wären sie eines. Ein Fehltritt und ihr beide sterbt.“
    „Hä?“ Ich verstand absolut nicht, worauf er hinaus wollte. „Damit willst du mir jetzt was sagen?“ Er blieb mir eine Antwort schuldig.
    Stattdessen kehrte in Yumikos Augen der Glanz zurück und die machtvolle Aura verzog sich. Sie keuchte erschrocken auf und ließ sich nach Atem ringend auf den Boden fallen. Schweiß lief ihr über das leichenblasse Gesicht. Mit aufgerissenen Augen starrte sie auf den Boden, zitterte am ganzen Körper, bis sie die Augen verdrehte und zusammenbrach.
    Ich fing sie auf, kurz bevor sie mit dem Kopf auf dem Boden knallte, hob sie auf meine Arme und brachte sie geradewegs ins Hauptquartier. Dabei ignorierte ich die anderen, vor allem Tobi und Deidara, sowie ihre blöden Sprüche. Yumikos unruhiger Atem, die hin- und herzuckenden Augen hinter den geschlossenen Lidern und das andauernde Zittern bereiteten mir Sorgen.
    Es waren keine zehn Minuten vergangen, als ich sie in mein Bett legte, die Decke bis zum Kinn hochzog und eine Schale mit lauwarmen Wasser sowie einen Lappen holte, um ihr den Schweiß von der Stirn zu wischen. Schließlich zog ich einen Hocker heran und setzte mich neben das Bett.
    Das war vielleicht ätzend, denn ich hatte so überhaupt gar keinen Bock mich um die Gesundheit so eines dummen Weibes zu kümmern. Aber was tat man nicht alles für seinen Gott! Dass sie den Kopf immer wieder zu den Seiten warf, machte es mir auch nicht viel leichter.
    Ich wrang den Lappen zum gefühlt hundertsten Mal aus, als sie sich endlich etwas beruhigt hatte. Ihr Kopf lag ruhig und auch ihr Gemurmel verstummte nach und nach. Vorsichtig strich ich ihr eine schweißnasse Strähne aus dem Gesicht. Der gequälte Ausdruck in ihrem Gesicht versetzte mir einen Stich ins Herz. Sie sollte so etwas wie Schmerz oder Qualen irgendeiner anderen Natur eigentlich gar nicht kennen.
    „Was ist passiert?“ Ich fuhr zusammen, sprang auf und drehte mich zur Tür. Itachi lehnte an der Tür und sah zu der jungen Frau in dem Bett hinter mir.
    „Jag mir nie wieder so einen Schrecken ein!“, drohte ich ihm und ließ mich wieder auf den Hocker fallen. Ich fühlte mich erschöpft und wurde den Gedanken nicht los, dass das mit dieser verdammten Frau zu tun hatte. Seit ich mich rund um die Uhr um sie kümmern musste, waren meine Nerven gereizt und sämtliche Muskeln pausenlos angespannt, um jederzeit schnellstmöglich reagieren zu können. Das schlauchte.
    Itachi schloss die Tür hinter sich und kam zu uns herüber. Sein Blick wanderte kurz über ihr Gesicht, dann warf er mir einen fragenden Blick zu. Ich reagierte nicht weiter. Weder hatte ich eine Ahnung, was er von mir wollte noch was zu tun war. Wahrscheinlich wusste er besser Bescheid.
    Der Uchiha kniete sich an das Kopfende des Bettes, nahm den Lappen von Yumikos Stirn und legte seine Hand darauf. Mit einem Nicken drehte er sich zur Seite, tauchte den Lappen in die Schale, wrang ihn aus und platzierte ihn wieder sorgsam auf der Stirn der jungen Frau.
    „Sie hat kein Fieber, ihre Temperatur ist nur leicht erhöht.“ Seine rechte Hand legte sich auf ihre Schulter und strich am Arm entlang zur Hand, die er unter der Decke hervor holte.
    „Lass es“, knurrte ich. Meines Erachtens hatte er sie viel zu grob angefasst.
    „Ich will nur ihren Puls messen“, meinte er und griff um ihr Handgelenk.
    „Du wirst keinen spüren“, meinte ich ruhig und beobachtete ihn, wie er dasselbe keine Sekunde später selber feststellte. „Sie ist...“ Weder tot, noch wirklich lebendig. Der Gedanke, dass ich einfach weitersprach, obwohl man mich enthauptet hatte, war schon absurd. Aber dass sie klinisch mausetot war und dennoch vor einem stand, wollte selbst mir nicht normal vorkommen.
    „Das ist interessant“, meinte er und wirkte fasziniert. Das letzte Mal habe ich diesen Blick in seinen Augen gesehen, als ich von seinem Susannoo in zwei Hälften gerissen worden war und ihm Beleidigungen an den Kopf geworfen hatte, die er wohl noch nie zuvor gehört hatte.
    „Jashin hat irgendetwas von Richter und Vollstrecker gesagt“, werfe ich in den Raum, während Itachi sich einen Hocker holt und sich zu mir gesellt. „Yasakani hat sie ausgewählt, gerade weil sie noch keinen Menschen getötet hat. Er sagte Der Richter muss unschuldig sein. Der Vollstrecker führt das Urteil aus. Habe keine Ahnung, was er damit meint.“
    „Klingt, als sei Yumiko der Richter.“
    Ich sah zu ihrem Gesicht, dass mittlerweile etwas mehr Farbe bekommen hatte. Sie sah fast wieder leben... weniger tot aus. Sie wirkte entspannter als zuvor und auch ihre Atmung war nicht mehr so flach. Zögernd griff ich nach ihrer Hand. Sie musste schnell wieder zu Kräften kommen. Jashin hatte uns eine Aufgabe gegeben.
    „Warum Richter? Wen oder was soll sie verurteilen? Wir töten doch einfach nur“, wand ich ein.
    „Ich hatte dir versprochen, dass wir herausfinden, was es mit Yasakani auf sich hat“, erklärte Itachi, während er einen kleinen Block sowie Stift aus seinem Ärmel hervorholte. Zwischen dem Einband und der ersten Seite war ein einzelnes Pergament, welches Itachi auseinanderfaltete und schließlich überflog er die Zeilen. „Hier“, er deutete auf eine der letzten Zeilen.
    Ich las erst den Titel, dann den gesamten Absatz, um den Zusammenhang zu verstehen. Der Titel lautete „Die Geschichte des Vollstreckers“ und in der von Itachi hervorgehobenen Stelle ging es um den Träger des Amuletts Yasakani. „‚Er wird mein Richter werden. Er wird der Anführer von euch, meinen Vollstreckern werden‘“, las ich leise vor mich hin und sah Itachi vernichtend an. „Du erwartest doch nicht im Ernst, dass ich diesen Schwachsinn ernst nehme, oder?“
    „Es gibt zu Yasakani nur zwei Geschichten. Das eine ist ein Märchen für Kinder, in denen es dieselbe Funktion wie das Schwert eines Prinzen hat. Das andere ist diese Legende, deren Verfasser und Ursprung unbekannt sind.“
    „Jashin hatte angedeutet, dass sie der Richter ist“, murmelte ich nachdenklich und sah wieder einmal zu Yumiko. Sie sollte die Jashinisten anführen? Sie sollte mir in Zukunft sagen, was ich zu tun und zu lassen hatte? Dafür war sie doch gar nicht der Mensch gewesen. Sie platzte, wenn ihr etwas gegen den Strich ging, aber dennoch strebte sie die Harmonie zwischen den Menschen an. Wie sollte sie uns anführen? „Hast du eine Idee, was meine Aufgabe als Vollstrecker ist?“
    Wieder widmete Itachi seine Aufmerksamkeit dem Schriftstück und deutete dieses Mal auf drei Stellen. „‚Er verurteilte schon von klein auf die Bösen... All jene, die Schuld auf sich geladen hatten...opfert mir all jene, die den Tod verdienen‘“, las er vor. „Wenn der Richter unschuldig sein muss, agierst du als seine Hand. Er fällt das Urteil, du vollstreckst es. Yumiko verurteilt, du tötest.“
    „Sie sagt mir, wen ich opfern soll?“, harkte ich nach. Dieses Mädchen machte nicht den Eindruck, als könnte sie jemanden den Tod wünschen oder ein Todesurteil aussprechen. Das war es dann wohl mit den Opfern, Jashin. Hast du dir selbst eingebrockt.
    „Genau.“
    „Und wann bitte verurteilt sie jemanden?“, fragte ich ihn gereizt. Es passte mir ganz und gar nicht, dass ich mir von diesem Weib sagen lassen sollte, wann, wen und vielleicht auch noch wo und wie ich jemanden zu töten hatte.
    „Tut mir leid, Hidan. Ich weiß nicht alles“, erklärte Itachi entschuldigend und stand auf. „Vielleicht erfahrt ihr mehr, wenn sie wieder wach ist.“
    Dann verließ er mein Zimmer und ließ mich mit Yumiko alleine.

    12
    Ich spürte, wie ich drohte zusammenzubrechen und gleichzeitig war ich kurz davor zu explodieren. Ich konnte mich nicht länger auf den Beinen halten, so schwer war diese Last, aber sie war es auch, die mir die Kraft gab stehen zu bleiben. Es war etwas, dass mich vorantrieb und zur selben Zeit zurückschmiss.
    Eine Macht, die mich unbesiegbar machte und zerstörte.
    Das war der Preis.
    Der Preis wofür?
    Die Last wurde immer größer, drohte mich zu zerquetschen. Von allen Seiten engte sie mich ein, nahm mir die Luft zu atmen. Von innen heraus kämpfte etwas dagegen an. Es wollte nicht zerquetscht werden, wollte sich retten. Welche Seite wohl gewinnen würde? Es war ein Kampf, der unfairer nicht sein konnte. Es war wie David - dieser kleine Funken Hoffnung in mir, der nicht aufgeben wollte - gegen Goliath - dieser allgegenwärtigen Macht um mich herum, die mich schützte und mir mein Leben kosten würde.
    Irgendwie widersprach sich das.
    War es denn möglich? Dass etwas, das einem gut tat, einem gleichzeitig schaden konnte? Anscheinend schon. Zumindest hatte ich den Eindruck.
    Ich hörte Stimmen. Sie waren weit entfernt. Ich vernahm nur ihren Klang, nicht worum es ging oder ob es überhaupt ein Gespräch war. Wie ein dumpfes Dröhnen drangen sie an mein Ohr. Es hätte auch das Rauschen von Blättern oder das Summen eines Insekts sein können, doch ich war mir sicher, dass ich Stimmen hörte. Sie ließen mich diesen Kampf um mein Leben vergessen. Was hätte ich auch schon tun können? Wenn David gegen Goliath kämpfte, konnte ich nichts machen. Sie würden mir keinerlei Aufmerksamkeit schenken. Die Stimmen wahrscheinlich auch nicht, aber es war spannender ihnen zu lauschen.
    Goliath wurde zurück getrieben, verlor an Macht, während David anscheinend stärker geworden war. Ich hatte das Gefühl, mich wieder freier bewegen zu können und endlich wieder Luft zum Atmen zu haben. Die Last auf meinen Schultern war nicht mehr ganz so schwer und auch meine Beine hatten wieder einen sicheren Stand gefunden.
    Dann spürte ich etwas Kaltes an meiner Stirn und seufzte erleichtert auf. Es tat gut, diese Kälte. Nicht, dass mir warm war, aber diese Kälte war angenehm, machte das alles irgendwie erträglich. Endlich konnte ich mich etwas entspannen und diesen Kampf Kampf sein lassen.
    Mit der Entpannung wurden auch die Stimmen klarer und ich verstand das ein oder andere Wort. Fieber... Geschichte... Aufgabe... Urteil... Sie machten keinen Sinn, die Worte. Waren sinnlos aneinander gereiht. Und doch glaubte ich, sie waren vollkommen.
    Ich hatte keine Idee, was es mit dem Fieber auf sich hatte und schenkte dem auch keine weitere Aufmerksamkeit. Vielmehr wollte ich wissen, um welche Geschichte es sich handelte. Sie musste gut sein. Die Leute tauschten sich nur über gute Geschichten aus.
    „... wenn sie wieder wach ist“, hörte ich eine der Stimmen so klar wie bisher nicht. Wenn wer wach ist?
    Goliath ging in die Knie, während David sich triumphierend über ihn stellte. War der Kampf entschieden? Der entscheidende Stoß blieb aus, denn diese allgegenwärtige Macht zog sich zurück. Es war, als hätte es sie nie gegeben. Ich schloss die Augen und atmete erleichtert durch. Endlich war es vorbei.
    Als ich sie wieder öffnete, befand ich mich an einem völlig anderem Ort und fühlte mich so erschreckend kraftlos, dass jeder Atemzug erschöpfend war. Mein Kopf fiel zur Seite und ich beobachtete einen Mann, wie er den Raum verließ. Dann war da ein fluchendes Gemurmel. Es stammte nicht von demjenigen, der von „wenn sie wieder wach ist“ sprach, aber dennoch war die Stimme vertraut.
    „Yumiko!“, rief er aus.
    Zwei große Hände umfassten meinen Kopf. Sie waren etwas rau, aber das störte mich nicht, denn sie hatten eine Kraft, die ich nicht hatte. Eine von ihnen legte sich auf meine Stirn und strich mir dann über den Kopf, während der Daumen der anderen sanft meine Wange streichelte. Trotz dieser großen, rauen Hände hatte ich nichts zu befürchten. Vielleicht konnte ich mich ja sogar fallen lassen und wurde aufgefangen. Ob ich es versuchen sollte?
    „Hörst du mich?“ Die lilafarbenen Augen mustern mich. Sie waren in stetiger Bewegung, ganz klein, sodass es aus der Ferne wohl kaum zu erkennen war.
    „Yumiko, sag ein verdammtes Wort.“
    Meinte er mich? War Yumiko mein Name? Es hörte sich richtig an, aber auch falsch.
    Erschöpft schloss ich meine Augen wieder. Es war anstrengend, so viel zu sehen und zu hören. Ein wenig Schlaf tat mir vielleicht ganz gut. Wahrscheinlich könnte ich dann auch wieder einen klaren Gedanken fassen.
    „Scheiße, Yumiko, bleib wach!“, forderte der Mann von mir. „Hörst du? Bleib bei mir, du dummes Weib!“
    Seine Stimme entfernte sich immer weiter, wurde leiser und verlor an Schärfe. Die Worte gingen ineinander über, sodass nur ein undefinierbares Brummen übrig blieb, dass schließlich auch verstummte.
    Gleichzeitig ließ ich mich immer weiter fallen. Auch wenn er von mir forderte, bei ihm zu bleiben und wach zu bleiben, ließ ich mich fallen. Es würde keinen Aufprall geben. Ich war mir sicher, dass er mich auffangen würde.
    Aber anstatt wirklich zu fallen, befand ich mich in einer ganz anderen Szenerie. Ich war mir nicht mehr sicher, was Realität und Traum war, Tatsache oder Einbildung. Ich ließ es einfach zu. Irgendwann würde ich es erfahren.
    Der Raum, in dem ich nun stand, war groß. Sehr groß. Genau so waren auch die Fenster, die Möbel, einfach alles. Die gesamte Einrichtung war aus massiven Materialien, die sehr sauber verarbeitet worden waren. In diesem Raum musste ein Vermögen investiert worden sein.
    „Sadako-kougou*.“ Ich drehte mich zu der Stimme um, die sehr jung klang. Die Tür war aufgeschoben worden und am Boden kniete, in einem einfachen Kimono gekleidet, eine Frau und verbeugte sich sehr tief. Weniger die Verbeugung an sich, vielmehr ihre Haltung dabei, die so unglaublich steif und korrekt wirkte, verwunderten mich. Mir war noch nie jemand begegnet, der sich so bewegte, und doch war es so vertraut.
    „Ihr Gemahl erwartet Sie in seinem Gemach.“ Ohne mir der Bewegung bewusst gewesen zu sein, nickte ich.
    „Ich habe verstanden, Aimi. Du darfst gehen. Gute Nacht.“ Erst nach einem Moment begreife ich, dass ich selbst gesprochen habe.
    „Vielen Dank, Sadako-kougou. Gute Nacht.“
    Während die Frau die Tür wieder zuschob, löste ich den Zopf, sodass mir die Haare offen über die Schultern fielen. Den Morgenmantel ließ ich von meinen Schulter gleiten und legte ihn über einen der fein verarbeiteten Stühlen und ging schließlich zu der anderen Tür im Raum, die rechts von mir lag. Ich kniete mich auf den Boden, schob sie auf und deutete eine kleine Verbeugung an.
    „Oukimi-sama**“, kam es über meine Lippen.
    „Nicht so höflich, Sadako“, hallte seine Stimme zu mir herüber. „Komm her, meine Gemahlin.“
    Zögerlich stand ich auf. Obwohl alles in mir danach schrie, wegzulaufen, setzte ich einen Schritt nach dem anderen in seine Richtung, ging auf das große Bett zu, in dem er thronte. Kaum war ich in seiner Reichweite zog er mich auf das Bett und rollte sich auf mich. Sein Gewicht drückte mich in die Matratze, während er über meine Seite strich, meinen Hals küsste und seine Hände mir nach und nach die Kleidung abnahmen.
    „Es wird Zeit“, keuchte er, „dass du deine Pflichten als Kaiserin erfüllst.“
    „Ich habe keine Pflichten“, murmelte ich.
    Plötzlich spürte ich einen brennenden Schmerz in meiner linken Wange. Mein Blick ruhte zudem nicht länger auf dem Mann, der mich zu erdrücken drohte, sondern an der Wand zu meiner Rechten.
    „Widersprich mir nicht, Weib! Nur weil du besonderes Blut hast, kannst du dir nicht alles erlauben!“
    „Meine Aufgabe ist es, Sie zu unterstützen, Oukimi-sama. Es ist aber nicht meine Pflicht, Ihnen im Bett Vergnügen zu bereiten.“
    „Schweig still!“
    „Ohne mich sind Sie machtlos.“ Es erschien mir nicht besonders klug, weiterzusprechen, doch ich hatte längst begriffen, dass ich keinen Einfluss auf das Geschehen hatte. Ich war nur ein Beobachter und doch mittendrin.
    „Ich brauche nur dein Blut. Du bist egal.“ Der Mann zog ein Dolch unter dem Kissen hervor und hob es über seinen Kopf.
    Würde dieser merkwürdige Traum so ein Ende finden? Oder stand ich kurz vor meinem Tod? Was würde wohl als nächstes passieren? So viele Fragen schossen mir durch den Kopf, als ich die Augen schloss und den Atem anhielt. Es war alles so irreal geworden. Ich wusste nicht, was von Bedeutung war und eine wichtige Rolle spielte, was Realität war und was eine Einbildung. Oder war das alles ein Gespinst meiner Fantasie? Aber wer war ich dann wirklich?
    Ich hörte eine Tür aufknallen und Bruchteile einer Sekunde später den Mann aufschreien, als sein Gewicht von mir gerissen wurde. Endlich wieder frei. Ich öffnete die Augen wieder und sah zur Seite, wo ein junger Soldat über dem Mann saß und ihn fest hielt. Mit einem erleichterten Seufzen schloss ich die Augen wieder. Ich war gerettet.
    Als ich meine Augen abermals öffnete, saß ich auf einer schmalen Treppe, das Gesicht in den Händen vergraben. Leise Schluchzer schüttelten meinen Körper, während aus der unteren Etage ein lautes Streitgespräch an meine Ohren drang.
    „Du bist betrunken! Wie jeden Abend bist du sturzbetrunken!“, schrie eine Frau verzweifelt. Dann kreischte sie vor Schmerz auf.
    „Dasch gibt da no l-lange nischt da Recht, mich schu beleidig‘n“, war die Antwort und wieder schrie die Frau. „Sei schill, du blöd‘s Weib. Die kleine Kimiko wird schonst no wach.“
    Ich tapste vorsichtig die Treppe hinunter, darauf bedacht, kein Geräusch zu verursachen. In einem kleinen Wohnzimmer fand ich dann die Streitenden. Die Frau kniete auf dem Boden, Tränen flossen ihr über das Gesicht. Ihr Gesicht und die Arme waren von blauen Flecken übersäht, ein Verband um ihre Handgelenke gewickelt. Der Mann hielt sie an den Haaren und hob die Hand zum Schlag aus. Auf dem Tisch und neben dem Sofa standen mehrere geleerte Bierflaschen, zwischen ihnen die eine oder andere Sakeflasche.
    Die Frau war die erste, die mich bemerkte.
    „Kimiko“, murmelte sie leise. „Du solltest doch schon schlafen.“
    „Ihr streitet so laut“, antwortete ich in einer mir befremdlichen Stimme, die meiner dennoch ähnlich war. Sie klang jung, wie die eines Mädchens, vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre.
    „Geh insch B-bett, Kind“, meinte der Mann und deutete auf die Treppe.
    „Schlägst du Mama wieder, Papa?“, fragte ich. Diese Frage war eigentlich völlig unnötig. Natürlich schlug er sie. Das Bild vor mir war eindeutig.
    „Isch schlag n‘manden!“, brüllte der Mann, warf die Frau zu Boden und stürmte auf mich zu.
    „Lass sie in Ruhe!“, keifte die Frau und klammerte sich an einem seiner Beine. Ich nutzte die Gelegenheit und rannte die Treppe hoch. Die Frau schrie abermals auf, wimmerte und schrie immer und immer wieder, bis sie plötzlich verstummte. Ich hatte mich derzeit in eines der Zimmer zurückgezogen und saß auf dem Bett, die Decke eng um mich geschlungen.
    Diese gesamte Situation verwirrt mich. Zuerst war da dieser Kampf innen gegen außen, David gegen Goliath. Nachdem David gewonnen hatte, war da dieser Mann mit den lila Augen und den rauen und doch sanften Händen, der mich Yumiko genannt hatte. Nach ihm hatte mich die junge Frau Sadako-kougou genannt, genauso wie dieser alte Mann, der mir den Dolch in die Brust jagen wollte, gefolgt von diesem Schläger, der mich eventuell zu Tode prügeln wollte und in dessen Augen ich Kimiko war. Was passierte mit mir?
    „Kimiko!“, rief der Mann die Treppe hoch und folgte mir. Er schlug die Tür auf, zerrte mich vom Bett und schlug mit offener Hand zu. „Du unerzohogen‘s Gör‘“, brüllte er und schlug immer wieder auf mich ein. Ich verlor jegliche Orientierung sowie das Gefühl für Raum und Zeit, dennoch nahm ich jeden einzelnen Schlag war. Etwas in mir wusste, was als nächstes kommen würde, wohin er als nächstes schlagen würde, doch ich konnte nicht entsprechend reagieren sondern ließ die Prügelei über mich ergehen. Irgendwann packte er meinen Kopf mit beiden Händen, zog ihn mit aller Kraft hinunter und trat mit dem Knie zu. Ich fiel zu Boden, war wie gelähmt. Die Schmerzen waren unerträglich, doch der Mann trat immer wieder zu als wäre mein Kopf ein Ball gewesen.

    Keuchend und nach Luft ringend setzte ich mich auf.
    War das jetzt noch immer dieser Traum - oder doch schon Realität?
    „Yumiko!“ Mein Gesicht wurde wieder von zwei rauen Händen umfasst und die lila Augen musterten mich abermals besorgt. Das silberne Haar saß nicht mehr perfekt, aber das schien in diesem Moment nicht zu interessieren. „Bei Jashin, Yumiko, was ist los! Hey, rede mit mir verdammt! Hattest du wieder eine Vision? Hat er mit dir gesprochen? Scheiße, mach doch endlich die Klappe auf!“
    Je wacher ich wurde, desto mehr fokussierte sich meine Aufmerksamkeit auf Kleinigkeiten. Mein Blick wanderte vom Gesicht über den vernarbten Hals zur entblößten Brust, wo ich das Amulett der Jashinisten fand. Der Mann vor mir war Jashinist.
    „Hidan“, murmelte ich mit trockener Stimme. Die Erinnerungen stürzten auf mich ein. Die toten Jahsinisten um mich herum, wie Hidan mich vor seinen Kameraden geschützt hatte. Dass ich ihn begleitete und wir viel miteinander über Jashin gesprochen hatten. Die Visionen, von denen ich ihm erzählt hatte. Das letzte war der kurze Dialog, den ich mit meinem Gott bezüglich meines fehlenden Pulses geführt hatte.
    „Jashin sei Dank, es geht dir gut“, knurrte Hidan und zog mich in eine Umarmung. „Mach mir nie wieder... Mach keinen Unsinn, hörst du?“
    Ich lauschte seinem Herzschlag, der auch dieses Mal so unglaublich beruhigend war. Seine Arme, die mich festhielten und mich vor dem Zerbrechen bewahrten. Das erste Mal hatte ich das Gefühl, mich sicher fühlen zu können. Bei ihm würde mir nichts passieren. Hidan würde es nicht zulassen.
    Aber vor allem seine Wärme war es, die mir bewusst machte, dass ich mich in der Realität befand. Dass dieser Moment das Hier und Jetzt war. Dass ich Yumiko war. Ich schmiegte mich in seine Arme und unmittelbar wurde die Umarmung etwas fester. Er drückte mich an sich, aber trotzdem fühlte ich mich nicht eingeengt.
    Es sollte so nicht auf ewig bleiben, gewiss nicht. Aber für den Moment tat es verdammt gut und ich wünschte mir, wir könnten so verharren, bis ich mich wieder stärker fühlte, bis ich an mich glauben konnte.
    „Du hast etwas gesehen, oder, Yumiko?“, fragte er mit heiserer Stimme. Der Klang seiner Stimme ließ mir einen Schauer über den Rücken laufen, der meine Atmung stocken ließ. Für einen Moment verspannten sich die Muskeln, um kurz darauf unter dem sanften Streicheln seiner Hand wieder zu entspannen.
    Ich fragte mich, warum Hidan so eine beruhigende Wirkung auf mich hatte. Warum vermochte nur er mich zu bestärken und mir das Gefühl von Schutz und Geborgenheit zu geben? Warum war er es - der vulgären Massenmörder, dem blutdurstigen Jashinisten, dem brutalen Gläubiger - der mich zum Schwärmen brachte?
    ________________________________________ __________

    *kougou: Kougou (皇后) bedeutet so viel wie „Kaisergemahlin“, wenn ich Wikipedia zu Michiko, Japans Kaiserin, trauen darf ;)

    **oukimi: Oukimi (大王) bedeutet in etwa „Großkönig“ und war früher der Titel für das Staatsoberhaupt Japans bis 672 n. Chr. Temmu den Titel „Tennou“ einführte

    13
    Mir viel ein Stein vom Herzen, als Yumiko sich nach Luft ringend aufsetzte. Ich wollte von ihr Antworten. In den letzten zwei Stunden hatte sie nur irgendeinen Unsinn vor sich hin gemurmelt und ich wollte endlich wissen, was es damit auf sich hatte.
    „Yumiko!“ Ich umschloss ihr Gesicht mit meinen Händen und suchte ihren Blick. Damit ich meine Antworten bekam, durfte sie nicht wieder in diese Bewusstlosigkeit fallen. „Bei Jashin, Yumiko, was ist los! Hey, rede mit mir verdammt! Hattest du wieder eine Vision? Hat er mit dir gesprochen? Scheiße, mach doch endlich die Klappe auf!“
    Noch vollkommen benebelt musterte Yumiko mich Stück für Stück, bis ihr Blick schließlich an meiner Kette hängen blieb. Sie betrachtete das Amulett einen Moment, bevor sie zu verstehen schien.
    „Hidan“, murmelte sie leise.
    In diesem Augenblick vielen mir ganze Felsen vom Herzen und erleichtert zog ich die junge Frau in eine Umarmung. „Jashin sei Dank, es geht dir gut“, knurrte ich. „Mach mir nie wieder… Mach keinen Unsinn, hörst du?“
    Nur mein Gott wusste, was für Sorgen ich mir gemacht hatte. Nicht weil sie bewusstlos war oder Fieber hatte. Das stand wohl im Zusammenhang mit Jashins Besetzung, als er durch sie direkt zu mir gesprochen hatte. Es waren das wirre Zeug, das sie gemurmelt hatte, die Schreie und die Unruhe gewesen, die mich verunsicherten.
    Sie schmiegte sich an mich, ihre Hände krallten sich in meinen Mantel, woraufhin ich sie etwas fester an mich drückte. Was auch immer sie in diesen Fieberträumen erlebt hatte, es musste schrecklich gewesen sein und sie furchtbar erschrocken haben.
    „Du hast etwas gesehen, oder, Yumiko?“, fragte ich vorsichtig und erschrak über meine heisere Stimme. Sie zitterte für einen kurzen Moment, bis sich ihre Muskeln anspannten. In der Hoffnung sie zu beruhigen strich ich ihr über Schultern, Rücken und Arme und atmete erleichtert aus, als sie sich wieder entspannte.
    „Er wollte sie ihres Blutes wegen töten“, murmelte sie schluchzend. „Er hat sie getötet, nachdem er ihre Mutter erschlagen hatte.“
    Unentschlossen öffnete ich den Mund, schloss ihn aber wieder. Was sollte ich ihr jetzt auch sagen. Von wem redest du? So ist das Leben? Mach dir nichts draus, du kannst ja nicht sterben?
    „Beruhig dich erst mal und erzähl mir dann alles in Ruhe. Dir passiert hier nichts.“ Yumiko löste sich aus meiner Umarmung und wischte die letzten Tränen aus ihrem Gesicht. Sie schloss ihre Augen und atmete tief durch. Dann erzählte sie von ihrem Traum. Es überraschte mich, wie viele Details sie geben konnte, waren die meisten Träume doch nur verschwommene Bilder.
    „Das verwirrende ist“, meinte sie abschließend, „dass es so real war. Als wäre ich mittendrin gewesen.“
    „Du meinst, du standest neben dem Geschehen und hast alles beobachtet, ohne eingreifen zu können?“, harkte ich nach und verschränkte die Arme vor der Brust. Irgendetwas an dieser Geschichte stinkte bis zum Himmel und das passte mir so gar nicht.
    Yumiko überlegte einen Moment und schüttelte dann den Kopf. „Ich stand nicht daneben. Ich…“
    Ihre Augen wurden großer, während ihr Gesicht an Farbe verlor. Sie sprang vom Bett auf und lief in das kleine Badezimmer. Ist sie total bescheuert? So blass wie sie war könnte sie jeden Moment wieder das Bewusstsein verlieren. Ich hechtete ihr hinterher und beobachtete, wie sie mit zitternder Hand über ihr Spiegelbild strich.
    „Gibt es im Jashinismus so etwas wie Reinkarnation?“, fragte sie und sah mich an.
    „Was?“ Wovon sprach sie verdammt?
    „Wiedergeburt. Ist das ein Bestandteil des Jashinismus?“
    „Jashin bewahre, nein. Was würde das für einen Sinn ergeben? Wir töten, damit man in irgendeinem anderen beschissenen Körper wiederbelebt wird?“
    Sie wendet den Blick ab, schaut erst zum Boden und dann wieder zu ihrem Spiegelbild. Ein Blinder konnte sehen, dass sich die Gedanken in ihrem Kopf überschlugen.
    „Warum fragst du?“, erkundigte ich mich. Die einzige Erklärung die ich spontan aufbringen konnte, war gewesen, dass es mit ihrem Traum zu tun hatte. Aber das war doch scheißegal, es war schließlich nur ein Traum. Ein bloßes Hirngespinst ihrer Fantasie, die während des Fiebers verrückt gespielt hatte.
    „Weil ich das alles als Sadako beziehungsweise Kimiko erlebt habe.“
    „Das war ein Traum, Yumiko.“
    „Nein, war es nicht!“, erwiderte sie entschlossen und mir mit festem Blick in die Augen.
    „Dann war es eine Vision?“
    Sie öffnete ihren Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn wieder und sah zur Seite. Ihre Stirn legte sich wieder in leichte Falten, als sie nachdachte und unsicher auf ihre Unterlippe biss.
    „Ich weiß nicht, was es war“, gestand sie leise. „Ich weiß nur, dass es keine Einbildung war. Das ist wirklich passiert. Die Vision, die ich im Hotel hatte, zeigte dieselben Bilder wie… das heute, nur aus einer anderen Perspektive. In der Vision habe ich das Szenario aus der Sicht des Soldaten gesehen, der die Kaiserin gerettet und den Kaiser getötet hatte. Heute steckte ich in der Haut der Kaiserin, die von dem Kaiser bedroht und von dem Soldaten gerettet worden war.“
    „Und was hat es mit Kimiko auf sich?“
    Wieder wollte sie mir antworten und entschied sich dann doch für ein Kopfschütteln. Sie wusste es nicht. Seufzend fuhr ich mir durch die Haare. Kaum war dieses doofe Amulett in mein Leben getreten, musste ich mir über solche komplizierten Sachen den Kopf zerbrechen. Darauf hatte ich absolut keinen Bock.
    Mein Magen ließ mich wissen, dass es Zeit zu Essen war und auch Yumikos Bauch knurrte lautstark. Verlegen sah sie zur Seite und verschränkte die Arme vor der Brust, was mich grinsen ließ. Auch wenn ich auf dieses beschissene Amulett verzichten konnte, so war ich doch irgendwie froh Yumiko kennengelernt zu haben. Sie konnte ja schon ganz süß sein.
    „Lass uns die Küche plündern, damit Kakuzu beim nächsten Einkauf einen Herzinfarkt bekommt.“
    „Hidan! Sowas wünscht man doch niemandem“, tadelte sie mich. Ich lachte, legte ihr einen Arm um die Schultern und zog sie mit mir.
    „Keine Sorge, der hat noch ein paar in Reserve.“

    Nach dem Essen lag ich in der Lounge auf der Couch und starrte an die Decke. Yumikos Erzählungen ließen mich nicht zur Ruhe kommen. Es hörte sich absolut absurd an und wenn ich Yumiko nicht bereits etwas kennengelernt hätte, hätte ich sie für absolut verrückt erklärt. Aber sie war keine junge Frau, die nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte, sich Dinge ausdachte oder sonst irgendwie unerklärliche Sachen von sich gab.
    Also musste an all dem etwas dran sein.
    Es wäre ein leichtes gewesen, wenn Jashin selbst erklären hätte, was es mit diesen Visionen und diesem merkwürdigen Traum von ihr auf sich hatte. Aber da der werte Herr uns mit seiner Weisheit nicht beehren wollte, mussten Alternativen her.
    Ich stand auf, verließ die Lounge und begab mich in einen Teil des Hauptquartiers, um den ich bisher immer einen weiten Bogen gemacht hatte: Die Bibliothek. Es war zwar unwahrscheinlich hier etwas zu finden, aber es wäre ein Anfang. Zudem hätte mir niemand vorhalten können, ich hätte nichts getan.
    „Hidan?“ Itachi bog um die Ecke. Er schien für einen Moment doch tatsächlich überrascht mich hier zu sehen, bevor er sich fing und so emotionslos wie sonst wurde. „Hast du dich verlaufen?“
    „Nein“, brummte ich missmutig und betrachtete die Tür zur Bibliothek. Meine Motivation fiel rapide in den unterirdischen Bereich hinunter. „Muss was rausfinden.“
    „Über das Amulett?“
    „Nein, den Jashinismus.“ Itachi zog eine Augenbraue in die Höhe. „Nichts passt mehr, wie es passen sollte und ich brauche verdammt noch einmal ein paar Antworten. Und weil Jashin selbst nicht mit mir reden will, müssen diese Dinger hier wohl herhalten.“
    „Soll ich dir helfen?“
    Ich nickte. Mit Itachi war die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg um einiges größer. Ich schilderte ihm die Situation und was Yumiko mir erzählt hatte, während wir in der Bibliothek suchten. Was hieß wir. Ich setzte mich auf einen Stuhl und beobachtete Itachi beim Suchen. Sobald er in den nächsten Gang ging, folgte ich brav, um ihn ja nicht aus den Augen zu verlieren. Er sollte gefälligst einen guten Job machen. Hin und wieder stellte er eine Frage, wenn meine Erläuterungen zu ungenau waren.
    „Fakt ist“, meinte er schließlich, während er die Schriftrollen im letzten Regal überflog, „dass der Richter und der Vollstrecker aus der Legende zwei verschiedene Personen sind.“ Mit einem Kopfschütteln rollte er sie wieder zusammen, legte sie zurück an ihren Platz und nahm die nächste. „Fakt ist auch, dass Yumiko der Richter ist. Du meintest Jashin selbst hätte das mit der Begründung, sie habe noch keinen Menschen getötet, geäußert.“
    Gelangweilt schaute ich zu ihm. „Ach wirklich? Das sind ja ganz neue Neuigkeiten“, meinte ich trocken. Soweit waren wir schon vor der bislang erfolglosen Suche hier in der Bibliothek gewesen.
    Aber Itachi ließ sich nicht beirren, legte die Schriftrolle zurück und nahm sich die nächste vor. „In Anbetracht der Tatsache, dass Jashin einen Erben gesucht hat und Yumiko anscheinend dieser Erbe ist, scheint ihre Reinkarnationstheorie gar nicht so falsch.“ Hätte ich gerade einen Schluck Wasser zu mir genommen, hätte ich mich bei dieser Aussage garantiert verschluckt. Erst bewahrheitete sich das Märchen, dann stellte sich heraus, dass Jashins Erbin ein kleines, unschuldiges Gör war und jetzt noch Reinkarnation? Was lief in dieser verdammten Welt nur falsch?
    „Wie kommst du darauf?“ Aber wenn sogar Itachi auf diesen Zug aufsprang, musste an der Sache was dran sein. Ich war auf seine Antwort wirklich gespannt.
    „Ich habe folgende Theorie: Yumiko ist eine Nachfahrin der Kaiserin Sadako. Diese hatte anscheinend ein besonderes Blut. Das würde erklären, warum es nur Yumiko möglich ist, Yasakani zu berühren. Es muss eine Verbindung zwischen der Kaiserin und dem Amulett geben. Vielleicht ist auch dieses besondere Blut auf irgendeine Art für die Unsterblichkeit von euch Jashinisten verantwortlich. Jashin selbst war der Vollstrecker, agierte unter der Kaiserin und genoss deshalb ihren Schutz.“
    „Du meinst so etwas wie ein Kekkei Genkai? Was soll das für eines gewesen sein?“, fragte ich und stützte den Kopf auf meinem Arm ab. Noch war ich alles andere als überzeugt.
    Itachi ignorierte meine Frage einige Minuten, in denen er gefesselt den Inhalt der Schriftrolle las. Also musste ich mich wohl gedulden. Wie das nervte. Nach gefühlten Stunden legte er die Schriftrolle behutsam wieder zurück, machte jedoch keine Anstalten, sich sonst irgendwie zu regen.
    „Was gefunden?“, wollte ich aus langerweile wissen. Itachi blieb für ein paar weitere Minuten wie versteinert, bevor er auf mich zukam.
    „Ich brauche dein Amulett.“
    „Vergiss es!“ Ich tat viel um dieses blöde Rätsel um Yasakani und Yumiko zu lösen, aber nicht alles. Das Ablegen des Amulettes galt im Jashinismus als Todsünde.
    „Nur für einen Moment. Ich will es mir ansehen.“
    „Was soll mein Amul… Ey!“ Itachi griff danach und hielt es sich nah vor die Augen, während er mit seiner anderen Hand meinen Arm abwehrte
    „So ist das also“, murmelte er und strich über das heilige Schmuckstück, welches ich ihm augenblicklich entriss und gleichzeitig einen Satz zurück machte. Ich schätzte Itachi als guten Freund und Mitglied bei Akatsuki, aber mit diesem Glanz der Faszination in seinen Augen und dieser unerträglichen Nähe war er mir eindeutig zu unheimlich um mir so nahe zu sein!
    „Was ist wie?“, erkundigte ich mich hastig und stellte sicher, dass Itachi seinen Abstand wahrte.
    „Das erkläre ich dir später. Ich muss mit Yumiko reden.“
    „Du hast mir immer noch nicht von dieser Reinkarnationstheorie überzeugt.“
    „Glaub mir, Hidan. Yumiko ist eine Wiedergeburt der Kaiserin Sadako.“ Für seinen Ton, der das alles so selbstverständlich scheinen ließ, könnte ich ihn schlagen.
    „Und was ist mit diesem anderen Mädchen, dass von ihrem Vater erschlagen worden ist? Kimiko?“
    „Das will ich jetzt herausfinden“, meinte Itachi und ließ mich dann völlig fassungslos in der Bibliothek zurück.

    14
    Als Hidan nach dem Essen spurlos verschwunden war, hatte ich mich in sein Zimmer zurückgezogen und auf das Bett gelegt. In Gedanken vertieft starrte ich an die Decke. Was hatte es nur mit diesem Traum oder Vision oder was auch immer auf sich? Ich konnte mir absolut keinen Reim darauf machen. Ich sah die Visionen aus Jashins Sicht und er nannte mich seine Erbin. Aber warum bin ich in seinen Visionen eher nur ein Beobachter und war dieses Mal… ja, was war ich dieses Mal denn gewesen?
    Genervt von meinen kreisenden Gedanken drehte ich mich auf den Bauch und vergrub mein Gesicht im Kissen. Ich könnte schwören, ich selbst war Sadako und Kimiko. Aber wie sollte das möglich gewesen sein? Sadako lebte in einer ganz anderen Zeit und Kimikos Erlebnisse waren mir fremd. Es war schier unmöglich.
    Ein Klopfen riss mich aus meinen Gedanken und ich hob den Kopf etwas.
    „Yumiko-san? Bist du da? Hier ist Itachi.“
    „Komm herein“, bat ich ihn und setzte mich auf. Neben Hidan war er der einzige in dieser Organisation, vor dem ich anscheinend nichts zu befürchten hatte. Ich hatte weder das Gefühl, in Gefahr zu sein, noch machte Jashin irgendeinen Kommentar in diese Richtung. Dabei war die Ermordung des eigenen Clans in so jungen Jahren ein wirklich grauenvolles Verbrechen.
    „Hidan hat mir von dem Traum erzählt“, erklärte er. „Wie geht es dir?“
    „Ganz gut, glaube ich“, antwortete ich zögernd. „Ich weiß nur noch nicht, was ich davon halten soll.“
    „Darf ich dir diesbezüglich ein paar Fragen stellen?“
    „Ja, klar“, erwiderte ich verwirrt. Hidan hatte zwar gesagt, dass Itachi äußerst intelligent war, aber ich glaubte kaum, dass er in dieser Situation helfen konnte. Nicht einmal Hidan als langjähriger, treuer Jashinist, noch ich als die Erbin unseres Gottes hatte Antworten. Es schien mir unwahrscheinlich, dass ein Ungläubiger mehr wissen konnte.
    „Wie bist du an den Jashinismus geraten?“, wollte er wissen, zog sich den Stuhl heran und setzte sich mir gegenüber.
    „Ich…“, begann ich die Antwort, brach aber ab. Wie war ich zur Jashinistin geworden? „Solange ich denken kann, lebte ich mit Akito und den anderen Jashinisten in dem Tempel bei Yugakure.“
    „Was ist mit deinen Eltern?“
    „Meine Eltern?“, wiederholte ich. Worauf wollte Itachi hinaus?
    „Sind sie auch Jashinisten?“
    „Akito meinte, sie seien tot“, erklärte ich und sah zum Boden. „Ich weiß nicht, wer oder was sie waren. Er sagte, Jashin hätte mich gerettet und ihn zu mir geführt und dass er sich um mich kümmern würde.“
    „Wann hat Akito dir das gesagt?“
    Ich rutschte auf dem Bett ein Stück zurück und zog die Beine an. Irgendetwas an Itachis Fragen beunruhigte mich. Warum wollte er das überhaupt wissen? Um mir zu helfen? Oder…
    Haltsuchend griff ich nach dem Amulett und umschloss es mit meiner Faust.
    Warum sagte Jashin nichts? Warum gab er mir keinen Hinweis oder sagte mir, was ich tun musste?
    „Yumiko-san?“
    Mein Blick löste sich einen Moment von Itachi und huschte zur Tür. Wo blieb Hidan überhaupt? Wusste er, dass Itachi hier war? Wusste er von diesen Fragen? Dann sah ich wieder zu Itachi. Ihm nicht zu antworten war keine gute Idee, aber was würde er mit meinen Antworten machen?
    „Als ich aufgewacht bin“, sagte ich leise und drückte mich an die Wand. Warum sagte Jashin nichts? Und wo blieb dieser Nichtsnutz von Jashinist Hidan?
    „Als du aufgewacht bist?“, harkte er verwirrt nach und zog eine Augenbraue hoch.
    Ich nickte. „Akito sagte, sie hätten mich gefunden, nachdem Jashin mich gerettet hatte. Er meinte, sie würden sich um mich kümmern und mich Yumiko nennen.“
    „Warum hast du Jashin nie ein Opfer gebracht?“, erkundigte Itachi sich.
    „Ich kann nicht“, flüsterte ich und sah auf die Bettdecke herunter. Als Itachi nichts weiter sagte, fuhr ich fort: „Mir wurde schlecht und schwindelig, wenn ich jemanden töten sollte. Es wäre nur ein Schnitt durch die Kehle gewesen, aber ich fühlte mich jedes Mal wie gelähmt.
    „Und trotzdem bist du unsterblich“, murmelte Itachi anscheinend mehr zu sich selbst.
    „Bin ich das?“, fragte ich. Ich hatte merkwürdigerweise keinen Puls, aber machte mich das gleich unsterblich? Jeder Jashinist konnte sterben, warum also nicht auch ich? Ich war ja nicht einmal eine richtige Jashinistin, sondern nur die Auserwählte von Jashin. Wenn er mich fallen ließ, war es vorbei.
    „Itachi!“, brüllte jemand im Flur. Einige Sekunden später wurde die Tür aufgeschlagen und Hidan stampfte wutgeladen in sein Zimmer. Er packte Itachi am Kragen, schubste ihn gegen die Wand und baute sich drohend vor ihm auf. „Ich will eine Erklärung! Sofort! Und was machst du hier überhau…“
    „Hidan…“, flüsterte ich leise und kämpfte mit den Tränen. Keine Ahnung, was mit mir los war. War es die Angst vor Itachi? War es die Angst davor, was es mit Yasakani, meinem nicht vorhandenen Puls oder meine Rolle als Jashins Richter auf sich hatte? Oder war es, weil Itachi mich auf Dinge aufmerksam gemacht hatte, die mir nie bewusst waren und die nun ein Gefühl des Unwohlseins in mir auslösten? Ich hatte absolut keine Ahnung, ich war nur so verdammt froh, dass Hidan da war und ich nicht mehr alleine war.
    Hidan ließ von Itachi ab und kam zu mir herüber.
    „Was ist passiert?“, fragte er ungewohnt vorsichtig und legte mir eine Hand auf den Kopf. „Hat er dir wehgetan?“
    Ich schüttelte den Kopf und lehnte mich gegen Hidan.
    „Er hat zu meinem Traum merkwürdige Fragen gestellt. Ich war mir nicht sicher, ob und was ich ihm erzählen sollte und durfte. Er ist doch kein Jashinist. Aber Jashin hat mir nichts gesagt und du warst nicht hier und ich hatte keine andere Wahl…“
    „Du hast immer eine Wahl, Yumiko. Jashin würde nicht zulassen, dass du stirbst.“
    „Aber ich bin doch schon gestorben“, murmelte ich und tastete wieder nach dem fehlenden Puls. Dann kam mir ein Gedanke. Im Tempel hatten wir nie nach dem Puls anderer gefühlt, wenn einer aus unseren Reihen zum Beispiel bewusstlos war. Weil wir nicht sterben konnten? Oder… Ich griff nach Hidans Handgelenk und tastete nach seinem Puls. Keiner vorhanden.
    Ich drehte den Kopf etwas und lauschte seinem Herzschlag. Wie war es möglich, dass sein Herz schlug, aber der Puls ausblieb? Beides gehörte doch zusammen.
    „Was hat das alles zu bedeuten, Itachi? Du hast doch eine Idee, oder nicht?“, fragte ich und löste mich von Hidan. Allein seine Anwesenheit beruhigte mich schon um einiges und ließ mich wieder durchatmen.
    „Ich habe keine Beweise für meine Theorie, es gibt nur viele, kleine Indizien, die sich so deuten lassen. Ob daran etwas dran ist, kann euch nur Jashin selbst sagen“, erläuterte Itachi und setzte sich wieder auf den Stuhl. „Wollt ihr es trotzdem hören?“
    Hidan und ich tauschten einen Blick aus, dann nickte er.
    Itachi begann mit seiner Erklärung: „Laut den Schriftrollen gab es zwei Clans, die mit besonders langen Leben gesegnet worden waren. Neben dem Uzumaki-Clan war das der Shousangai-Clan.“
    „Langweile uns nicht mit diesen alten Geschichten, Itachi!“, klagte Hidan und ließ sich neben mir auf das Bett fallen.
    „Shousangai?“, fragte ich nach und lehnte mich interessiert nach vorne. „Meinst du den Clan, der die Göttin Eien angebetet hatte?“
    Itachi sah mich etwas überrascht an und Hidan schaute schräg von der Seite zu mir. „Du kennst diese Geschichte?“
    „Akito hat sie mir einmal erzählt. Er sagte, dass die Shousangai das Leben schätzten und würdigten und den Tod entsprechend verachteten. Man hatte sich damals gesagt, dass sie keine Feinde hatten und im Frieden mit den anderen Clans lebten. Eines Nachts jedoch griff man die Shousangai an und tötete Eiens junge Priesterin und treuste Anhängerin. Verzweifelt suchte die Göttin den Todesgott Jashin auf, um eine Wiederbelebung ihrer Priesterin auszuhandeln. Jashin handelte einen Deal mit ihr aus: Eien sollte seinen Anhängern Unsterblichkeit zusichern.“
    „Und diese dumme Göttin lässt sich darauf ein?“, brummte Hidan unzufrieden. Ich nickte.
    „Was Eien nicht wissen konnte, war die Angst vor dem Tod, die ihre Priesterin durch das erste Ableben entwickelt hatte. Als sie dann von der Unsterblichkeit der Jashinisten gehört hatte, betete sie zu Jashin und bat darum, in seine Reihen aufgenommen zu werden. Um ihre Treue zu beweisen, sollte sie Eien töten.“
    „Was sie selbstverständlich getan hat“, knurrte Hidan, ließ sich nach hinten fallen und legte die Arme unter seinen Kopf. „Schon klar.“
    „Du kannst auch gehen, wenn es dich nicht interessiert“, fauchte ich leicht. „Ich wüsste schon gerne, was es mit Yasakani auf sich hat. Im Gegensatz zu dir scheint Itachi eine Ahnung zu haben.“
    Hidan setzte sich auf, stieß mich um und beugte sich über mich. „Willst du mich ernsthaft aus meinem eigenen Zimmer schmeißen, Weib?“
    Ein lautes Seufzen ließ uns unseren Streit für einen Moment vergessen und zur Seite schauen. „Soll ich später wiederkommen?“
    „‘Tschludige“, brummte Hidan, ließ von mir ab und setzte sich wieder auf.
    „Ich habe keine Ahnung, was es mit Akitos Geschichte auf sich hat, aber in den Schriftrollen wird erwähnt, dass der Kaiser von Yu no Kuni der Macht wegen die Stammhalterin der Shousangai, Sadako, heiratete. Wenige Tage später kam er bei einem Angriff auf seinen Palast ums Leben und Sadako übernahm die Herrschaft.“
    „Ich habe noch immer keine verdammte Ahnung, was das mit Jashin zu tun haben soll“, beschwerte sich Hidan. Ich musste zustimmen, denn auch mir war der Zusammenhang noch nicht weiter bewusst.
    Itachi zog eine Schriftrolle aus seinem Mantel hervor und zeigte uns ein Bild auf dem Pergament.
    „Das sieht aus wie Yasakani“, stellte ich fest, fasste nach meiner Kette und hielt es daneben. „Nur die Gravur ist nicht auf der Zeichnung zu sehen.“
    „Es war das Stammessymbol der Shousangai“, erklärte Itachi, „und später das Siegelzeichen der Kaiserin Sadako.“ Dann rollte er die Schriftrolle weiter auseinander, sodass ein weiteres Bild zu sehen war.
    „Jashins Symbol“, stellte Hidan unbeeindruckt fest.
    „Dieses Zeichen hat man bei all den Leichen gefunden.“
    „Was für Leichen?“, fragte ich und sah von der Schriftrolle auf.
    „Nachdem Sadako zur Kaiserin ernannt worden war, gab es eine Mordserie. Unter den Opfern befanden sich nur Schwerverbrecher: Mörder, Räuber, Schläger, Vergewaltiger. Bei allen fand man dieses Symbol.“
    Langsam, ganz langsam begann ich zu verstehen. Damals war Jashin noch kein Gott. Er war nur ein einfacher Soldat mir ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn. Ein Soldat, der die Unschuldigen schützte und die Schuldigen bestrafte. Er tötete den Kaiser, der die Kaiserin angegriffen hatte.
    Jeder Tag im Palast erinnerte mich an dieses Verbrechen.
    Ich riss den Kopf hoch und sah zu Itachi, dann zu Hidan bevor ich verstand, dass es Jashins Stimme war, die in meinem Kopf zu mir gesprochen hatte.
    Aber es war kein Verbrechen gewesen, dass hatte ich den Kaiser sagen hören.
    Ich bat Sadako-kougou, mich für meine Tat zu verurteilen und zu hängen. Ich hatte den Kaiser getötet, ein unverzeihliches Verbrechen. Aber sie verweigerte mir diese Bitte. Stattdessen gab sie mir ein Amulett und meinte, ich sollte auf ewig mit meiner Sünde leben. Um meine Schuld zu begleichen, sollte ich meinesgleichen, Mörder und andere Verbrecher, töten.
    „Sadako war der Richter“, murmelte ich. „Der Soldat, Jashin, war der Vollstrecker.“
    Die Shousangai waren nicht nur mit einem überdurchschnittlich langen Leben gesegnet, sondern lebten über den Tod hinaus. Doch dafür brauchten sie…
    „Yasakani“, flüsterte ich. Ich nahm es in die eine, das Jashin-Amulett in die andere Hand. Sie hatten beide dieselbe blutrote Farbe und ihr Glanz schien zu pulsieren. Auch das Material fühlte sich gleich an. Es war, als wären es dieselben Schmuckstücke gewesen, nur anders geformt.
    Ein Puzzleteil nach dem anderen setzte sich zusammen und das Gesamtbild wurde immer deutlicher. Meine Gedanken überschlugen sich, dennoch wurden sie immer klarer.
    Ich begann die Zusammenhänge zwischen meinen Visionen und Itachis Erläuterung zu verstehen. Ich begriff die Verbindung zwischen Jashin und Sadako, Vollstrecker und Richter, Hidan und mir.
    Und je mehr ich verstand, desto genauer wurde mein Bild von Jashin selbst. Bis mir bewusst wurde, warum Jashinisten sterblich waren.

    15
    Itachi zeigte uns den Inhalt der Schriftrolle.
    „Das sieht aus wie Yasakani“, stellte Yumiko mit weicher Stimme fest. Sie griff nach ihrer Kette und hielt das Amulett neben die Abbildung. „Nur die Gravur ist nicht auf der Zeichnung zu sehen.“
    „Das war das Stammessymbol der Shousangai und später das Siegelzeichen der Kaiserin Sadako“, erklärte Itachi und rollte die Schriftrolle weiter auseinander, sodass ein weiteres Bild zu sehen war.
    Vorsichtig schielte ich zu ihm rüber. Es schien doch noch interessant zu werden. „Jashins Symbol“, stellte ich trocken fest. Ich wollte nicht zugeben, dass er nun doch meine Neugier geweckt hatte.
    „Dieses Zeichen hat man bei all den Leichen gefunden.“
    „Was für Leichen?“, sprach Yumiko meine Frage aus. Ich setzte mich auf, musterte die Bilder noch einmal und sah schließlich zu Itachi. Gab es überhaupt etwas, dass er nicht wusste oder herausfinden konnte?
    „Nachdem Sadako zur Kaiserin ernannt worden war, gab es eine Mordserie“, erklärte Itachi, während er die Schriftrolle wieder schloss und in seinem Mantel verstaute. „Unter den Opfern befanden sich nur Schwerverbrecher: Mörder, Räuber, Schläger, Vergewaltiger. Bei allen fand man dieses Symbol.“
    Mir wollte noch immer nicht so ganz einleuchten, was diese Shousangai jetzt mit der Mordserie zu tun haben sollte und in welchem Zusammenhang das mit Jashin stand. Itachi hätte nie Lehrer werden dürfen, er hätte gnadenlos versagt. Ich musste grinsen. Mr Uchiha war wohl doch nicht so perfekt.
    Neben mir riss Yumiko den Kopf hoch und sah etwas verwirrt von Itachi zu mir. Ihr Blick senkte sich wieder auf die Decke, während sie anscheinend nachdachte…Nein, den Blick hatte ich schon einmal bei ihr gesehen. Jashin sprach mit ihr.
    „Sadako war der Richter“, murmelte sie leise. Ich ignorierte Itachis fragenden Blick, weshalb er sich nach vorne lehnte und Yumikos Miene genau beobachtete. Der wagt es tatsächlich, sie in meiner Gegenwart so anzustarren?
    „Der Soldat“, fuhr Yumiko fort und ich schluckte den Spruch, den ich Itachi an den Kopf werfen wollte, herunter. Es hätte Yumiko nur abgelenkt. „Jashin, war der Vollstrecker.“
    Man sah ihr an, wie es in ihrem Kopf rotierte, wie sie die Gedanken miteinander verband, Zusammenhänge erkannte und das Mysterium, mit dem wir uns befassten, immer klarer wurde. Jashin gab ihr die Informationen, die uns fehlten.
    „Yasakani“, flüsterte sie, griff nach dem Amulett unter der Jashinkette und musterte die Anhänger. Ich spürte, wie sie der Lösung immer näher kam, sich vorsichtig herantastete und langsam den Arm nach ihr ausstreckte.
    Nur noch ein bisschen…
    Gleich wussten wir…
    „Itachi-san“, sagte sie und versteckte die Ketten wieder unter ihrer Robe. „Ich muss dich leider bitten rauszugehen.“
    Itachi nickte nur und verließ mein Zimmer. Aber warum hat sie ihn rausgeschickt? War es ein Befehl von Jashin? Durfte er nicht wissen, was sie mir mitteilen würde?
    Ich griff nach ihrer Hand und suchte ihren Blick. Was war es, dass Jashin ich gesagt hatte? Was würde sich mir jetzt offenbaren?
    „Verbrecher“, flüsterte sie leise.
    „Was?“
    „Jashin tötete nur Verbrecher.“
    „Ja, und?“ Warum konnte nicht einmal jemand Klartext sprechen?
    Yumiko sprang vom Bett auf und ging neben dem Bett auf und ab.
    „Alles ergibt jetzt einen Sinn.“ Ich lehnte mich wieder zurück und verschränkte die Arme hinterm Kopf. Vermutlich würde jede Fragerei nichts bringen und ich müsste ihr einfach nur zuhören um zu verstehen. „Jashin hat den Kaiser von Yu no Kuni umgebracht. Er hat die Kaiserin Sadako geschützt. Er fühlte sich schuldig und hatte von ihr den Auftrag bekommen, seinesgleichen zu töten. Mörder, Räuber und andere Verbrecher.“ Sie blieb stehen, kam zu mir herüber und beugte sich über mich. „Verstehst du nicht, Hidan? Das ist unsere Aufgabe.“
    „Was ist unsere Aufgabe?“, murmelte ich und versuchte ihren Worten weiterhin Aufmerksamkeit zu schenken und mich nicht von ihrer Nähe ablenken zu lassen. Ich mustere ihre Augen, ihre Wangen und schließlich ihre Lippen. Bei Jashin, wie gerne würde ich sie jetzt zu mir herunterziehen und küssen.
    Verdammt, was dachte ich da?
    „Als Richter und Vollstrecker. Wir müssen die Verbrecher finden und töten.“ Sie runzelte die Stirn etwas. „Also, du als Vollstrecker tötest. Und ich…“
    Sie richtete sich auf und setzt sich neben mich. „Sadako hat doch schon das Urteil gesprochen, wofür braucht ihr dann mich?“ Mit traurigem Blick schaut sie zum Boden. Das Gefühl, keine Aufgabe zu haben, scheint sie ziemlich niederzuschmettern. Dabei hat sie eine Aufgabe. Sogar eine durchaus wichtige.
    „Für die Unsterblichkeit muss ich also Verbrecher töten?“
    „Klang so“, meinte sie betrübt. Ich schielte zu ihr herüber. Mir fiel sofort auf, dass sie die Schultern hängen ließ und mehr ihren Gedanken nachging als mir Beachtung zu schenken.
    „Was passiert, wenn ich einen Unschuldigen töte?“, fragte ich, setzte mich auf und musterte ihr Gesicht.
    „Wahrscheinlich kannst du dann sterben. Ich eventuell auch, schließlich hätte ich dann als Richter versagt“, erklärte sie sachlich. Dann weiteten sich ihre Augen und sie sah zu mir. „Bitte sag mir, dass du noch keinen Unschuldigen geopfert hast!“
    „Nicht, dass ich wüsste. Normalerweise hat jeder Ninja die eine oder andere Leiche in seinem Keller liegen“, erwiderte ich breit grinsend. Süß, was für Sorgen sie sich um mich machte. Ich wusste, dass ich unwiderstehlich war.
    „Warum grinst du so?“, wollte sie wissen und betrachtete mich skeptisch.
    Ich ließ mich wieder nach hinten fallen und schloss die Augen. „Wer weiß.“ Ich spürte wie sich die Matratze bewegte. Wahrscheinlich setzte Yumiko sich jetzt so, dass sie mich genau im Auge behalten konnte, vielleicht verschränkte sie auch leicht schmollend die Arme vor der Brust.
    „Raus mit der Sprache“, forderte sie. Ich ignorierte sie, bis sie mir immer wieder mit dem Finger in die Seite oder den Arm piekte. Stöhnend öffnete ein Auge und sah sie an.
    „Du kannst ganz schön nerven, weißt du das eigentlich?“
    „Dann ignorier mich nicht“, beschwerte sie sich und verschränkte die Arme vor der Brust. Es sah ja schon niedlich aus, wie sie auf ernst machen wollte, ich sie aber so gar nicht ernst nehmen konnte. Sie war einfach zu sehr Kind, als dass ich mir von ihr etwas sagen lassen konnte. Und doch…
    „Ich bin mir nur wieder bewusst geworden, was für ein toller Kerl ich doch bin.“
    Sie zog eine Augenbraue hoch und sah mich fragend an.
    „Ernsthaft?“ Auf mein Nicken antwortete sie mit einem Augenverdrehen, stand auf und holte Itachi wieder ins Zimmer. Meine Laune machte einen Sprung in den Keller. Das war es dann wohl mit der trauten Zweisamke… Konnte jemand diese beschissenen Gedanken aus meinem Kopf verbannen? Das hielt ja keiner aus!
    „Ihr habt alles geklärt?“, fragte er beiläufig und setzte sich wieder auf den Stuhl. Yumiko und ich nickten nur, während sie wieder neben mir Platz nahm. Mir entging nicht, dass sie einige Zentimeter von mir weggerutscht ist. Hatte ich sie abgeschreckt?
    „Die Sache mit Sadako ist jetzt geklärt“, griff ich das Gespräch vor seinem Verlassen auf. „Was hat das alles mit Kimiko zu tun?“
    „Nach unseren bisherigen Erkenntnissen behaupte ich, Yumiko-san ist Kimiko.“
    Sofort sah ich zu Yumiko. Wenn dem so wäre, würde Jashin ihr ein Zeichen geben und wie würde auf dieses Zeichen reagieren. Man würde es ihr wie immer ansehen, wenn er zu ihr sprach. Aber die entsprechende Reaktion blieb aus.
    „Wie kommst du darauf?“, fragte ich Itachi und griff nach Yumikos Hand. Sie schien die Möglichkeit selbst in Betracht gezogen haben, wollte aber wohl nicht daran glauben. Wer mochte schon wissen, wie er getötet worden ist und das auch noch in einem Traum erleben? Auch die Tatsache, dass sie von ihrem eigenen Vater erschlagen worden war… Das hätte ihr erspart bleiben können.
    Dass Itachi jetzt aber dieselbe Vermutung äußerte, erhöhte die Wahrscheinlichkeit dass Yumiko Kimiko war. An ihrem Blick sah man, was für ein Schlag ins Gesicht das für sie war.
    „Yumiko-san hat keine Erinnerungen an ihre Kindheit, bevor sie bei Akito aufgewacht ist. Die Tatsache, dass Kimiko im selben Traum wie Sadako aufgetaucht ist lässt auf eine direkte Verbindung schließen.“
    Yumiko schluckte schwer und krallte sich am Bettlaken fest. Wenn ich doch nur ihre Gedanken lesen könnte, während sie so auf den Boden starrte.
    „Aber du hast keine Beweise“, stellte ich eher fest, als dass ich nachfragte.
    „Nein, habe ich nicht“, entgegnete Itachi.
    „Wenn wir zurück nach Yugakure gehen“, murmelte Yumiko und hob den Kopf. Ein kleiner Funken Hoffnung lag in ihren Augen. Hoffnung, dass wir herausfanden, wer sie wirklich war, und Hoffnung, dass sich herausstellte, dass sie nicht die von ihrem Vater erschlagene Kimiko war. „Wenn wir zurück nach Yugakure gehen, können wir das herausfinden, oder?“
    Sie sprang auf, griff nach ihrem Rucksack und stopfte ein paar Sachen herein, als würden wir in fünf Minuten aufbrechen. Es musste sie wirklich fertig machen.
    „Wir können nicht einfach tun, was wir wollen, Yumiko-san“, erklärte Itachi ihr in einem ungewohnt strengen Tonfall. Sie hielt in ihrer Bewegung inne, ließ den Rucksack fallen und senkte ihre Schultern. „Pein will mit dir sprechen und es muss geklärt werden, wie wir jetzt verfahren. Er…“
    „Aber er will mich doch umbringen. Du glaubst doch nicht…“
    „Er wird dich nicht umbringen!“, fiel ich Yumiko ins Wort, die erschrocken zu mir sah. „Er kann es nicht und er wird es deshalb auch nicht. Was er wollte war das Amulett und seine Macht und dafür wird er zwangsläufig dich brauchen. Glaub mir doch einfach mal, wenn ich sage, dass dich niemand umbringen wird.“
    „Pein wird bis morgen warten müssen“, meinte Itachi und stand auf. „Ruh dich noch etwas aus, Yumiko-san. Und mach dir keine Sorgen. Er macht zwar nicht den Eindruck, aber dieser nichtsnutzige Jashinist da neben dir würde sich den…
    „Verschwinde, Uchiha!“, brüllte ich. Mit einem Satz sprang ich vom Bett auf, schob ihn aus meinem Zimmer und schloss die Tür hinter ihm. Der Mistkerl sollte ja die Klappe halten und nicht so einen Scheiß von sich geben. Auch wenn er recht hatte, musste man es ihr ja nicht gleich unter die Nase reiben, oder?
    Hinter mir hörte ich ein leises Kichern, weshalb ich mich mit finsterem Blick umdrehte. Yumikos Kichern verstummte so gleich und sie nuschelte ein „Entschuldigung“, während sie sich eine Decke und ein Kissen griff und auf den Boden legte.
    „Was zur Hölle machst du da?“, fragte ich und stellte mich über sie. Wollte sie wirklich auf dem Boden schlafen? Frauen.
    „Mich ausruhen und mir keine Sorgen machen?“, erklärte sie fragend und sah mich unsicher an. Ich verdrehte nur die Augen. Als könnte man sich auf dem harten, kalten Boden wirklich ausruhen. Ehe sie sich versah hob ich sie auf meine Arme und trug sie zum Bett herüber.
    „Hidan!“, beschwerte sie sich und wich etwas zurück. „D-das ist doch dein Bett.“
    „Und?“, entgegnete ich ruhig.
    „Ich kann doch nicht…“
    „Doch.“
    „A-aber wo…“
    „Hier.“
    Ein zartes Rot zierte ihre Wangen, als sie verlegen zur Seite blickte und das Kissen an ihre Brust drückte. Ich glaube ich verstand doch, warum sie Jashins Erbin war. Es war nahezu unmöglich ihrem Charme zu widerstehen.
    Ohne ein weiteres Wort mit ihr zu wechseln, machte ich das Licht aus und legte mich rücklings neben sie. Meinen Kopf bettete ich auf meinem rechten Arm, während ich sie mit dem linken zu mir zog, woraufhin ihr ganzer Körper verspannte.
    „Du solltest wirklich schlafen“, meinte ich ernst und schielte zu ihr herüber. Verdammt, warum hatte ich nur das Licht ausgemacht? So sah ich doch nichts.
    Ganz langsam entspannte sie sich und seufzte schließlich, als sie sich mit der Situation abgefunden hatte. Daran könnte ich mich gewöhnen. Ein Grinsen zog sich über meine Lippen und ich schloss meine Augen. Ich hatte ihr doch gesagt, dass ich hier das Sagen hatte.
    „Danke, Hidan“, murmelte sie und kuschelte sich an mich. „Danke für alles.“

    16
    Nervös knetete ich meine Hände, während ich im Flur auf und ab ging. Hidan lehnte gelangweilt neben der Tür zu Peins Büro und verfolgte mit seinem Blick jeden meiner Schritte.
    „Kannst du aufhören, mich so anzustarren?“, fragte ich etwas barsch, drehte mich um und ging in die andere Richtung.
    „Kannst du aufhören, hin- und herzulaufen?“, entgegnete er gereizt und verschränkte die Arme vor der Brust.
    Wieder wechselte ich die Richtung und warf einen kurzen Blick zu Hidan. Er war den ganzen Tag schon so genervt. Am Morgen hatte er ohne ein Wort das Zimmer verlassen und auch als ich in die Küche gekommen war, hatte er keinen Ton von sich gegeben. Hatte ich irgendetwas falsch gemacht? Er hatte mich doch zu sich ins Bett geholt. Vielleicht hatte er meinetwegen schlecht geschlafen?
    „Was?“, knurrte er und funkelte mich zornig an.
    Ich wendete den Blick Richtung Boden. „Nichts“, nuschelte ich, wechselte abermals die Richtung und ging weiter auf und ab.
    Ich hatte keine Ahnung, was mich mehr beunruhigte: Die Tatsache, dass Hidan auf einmal so abweisend war, oder weil ich nicht wusste, wer dieser Pein war und was genau er mit mir vorhatte. Die anderen meinten, er wollte Yasakani, und dieser maskierte Kerl hatte gesagt, Pein würde mich umbringen wollen. Das eine schloss das andere nicht unbedingt aus.
    Mein Herz zog sich zusammen und ich keuchte auf. Ich sollte keine Angst vor dem Tod haben. Hidan meinte immer wieder, ich könnte nicht sterben und auch Jashin versuchte mir ein ums andere Mal klar zu machen, dass mir nichts passieren konnte. Trotzdem hatte ich furchtbare Angst davor. Ich tat nichts für diese Unsterblichkeit. Ich tötete nicht, betete nicht und hatte nicht ein Urteil gesprochen. Aus welchem Grund sollte ich dann…
    „Verdammt, Yumiko!“, brüllte Hidan und riss mich rum. Erschrocken starrte ich in seine Augen, die mich ziemlich wütend musterten. „Fahr endlich einen Gang runter. Bei Jashin, Sadako oder wem auch immer, dir passiert nichts!“
    Ich würde ihm so gerne glauben wollen. Ich würde ihm so gerne zustimmen können.
    „Hidan“, ertönte eine tiefe Stimme zu meiner Linken.
    Mit angehaltenem Atem drehte ich meinen Kopf in die entsprechende Richtung und entdeckte einen Mann, um die dreißig, in dem selben Mantel wie ihn Hidan, Itachi und die anderen trugen, mit orangenem Haar und irgendetwas Komischem im Gesicht, dass ich nicht definieren konnte. Es waren keine Piercings, zierten aber seine Nase, seine Ohren und seine untere Lippe. In Kombination mit seinem strengen, kalten Blick sah er ziemlich furchterregend aus.
    Bei seinem Anblick lief mir ein Schauer über den Rücken und ließ mich erzittern, woraufhin Hidan genervt seufzte.
    „Boss, kannst du diesem Weib klarmachen, dass du sie nicht töten, foltern oder anderweitige Grausamkeiten an ihr ausüben wirst?“
    Der Blick des Mannes wanderte von Hidan zu mir. Einige Sekunden – nein Minuten, wenn nicht sogar Stunden – musterte er mich und sah dann wieder zu Hidan. „Du solltest unseren Gast nicht so grob behandeln“, meinte er ruhig und deutete in sein Büro, in das er kurz darauf ging.
    „Siehst du“, knurrte Hidan und schob mich in das Büro. Ja klar, als würde mir dieser Typ einfach so ins Gesicht sagen, dass er mich in den nächsten Minuten umbringen wird. Warum verdammt übte sich Jashin ausgerechnet in diesem Moment im Schweigen?
    „Nimm doch bitte Platz, Sentaku-san.“
    Hidan ließ mich an der Tür stehen und ließ sich in einen der Sessel fallen. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen waren sie wirklich gemütlich und er entspannte sich zum ersten Mal seit dem Morgen. Aber ich rührte mich nicht vom Fleck. In der Mitte des Raums stand ein massiver Schreibtisch, davor zwei Sessel. Es gab keine Fenster. Der einzige Fluchtweg war die Tür hinter mir.
    „Warum bin ich…“ Ich unterbrach meine Frage als ich das Papier sah, dass sich neben dem Mann zu einer Frau formte. Kisame hatte sie Konan genannt.
    „Pein-sama“, grüßte sie ihn, bevor sie ganz zum Menschen wurde, nicht wie bei unserer ersten Begegnung. Dann kam sie langsam auf mich zu. Mein Brustkorb schnürte sich zu, während ich nach der Türklinke suchte.
    „Yumiko-san“, sprach sie mich mit einem Lächeln an und streckte mir die Hand entgegen. „Es freut mich, dich endlich kennen zu lernen.“
    Ich betrachtete ihre ausgestreckte Hand einen Moment und sah schließlich unsicher zu Hidan, der mir nur aufmunternd zunickte. Vorsichtig ergriff ich ihre Hand, die meine leicht drückte.
    „Mein Name ist Konan und das“, sie deutete auf den Mann, „das ist Pein, der Anführer von Akatsuki.“ Sie beugte sich zu mir und flüsterte: „Er hat es nicht so mit den Formalitäten, nimm es ihm nicht übel.“ Dann kicherte sie leise und zwinkerte mir zu, während sie mich zu dem noch freien Sessel dirigierte und in ihn drückte.
    „Warum bin ich hier?“, fragte ich leise und sah zu Pein. Seine ausdruckslose Miene verunsicherte mich, sodass ich den Blick abwendete und doch lieber auf eine Antwort von Konan hoffte.
    „Uns ist zu Ohren gekommen, dass dein Amulett ziemlich machtvoll ist.“ Unvermittelt griff ich nach Yasakani. „Seitdem fragen wir uns, ob uns deine Macht von Nutzen sein könnte.“
    Sei vorsichtig, Yumiko. Der Körper vor dir ist schon tot.
    „Was?“, rief ich erschrocken aus und verfluchte mich keine Sekunde später dafür. Wenn er tot war, könnte weder Hidan noch Jashin ihn töten, um mich zu schützen.
    Es liegt nicht in seinem Interesse, dir zu schaden. Im Gegenteil, sie wollen deine Hilfe.
    Meine Hilfe? Aber wofür?
    „Welche Kraft genau steckt in diesem Amulett?“, fragte Pein und beugte sich nach vorn.
    Wahrscheinlich um die Ziele ihrer Organisation zu erreichen. Ich weiß nichts darüber, du musst auf Hidan vertrauen.
    „Das wissen wir noch nicht genau“, erklärte Hidan anstatt mir. „Wir haben bisher nur vage Vermutungen, die noch bestätigt werden müssen.“
    „Aber das Amulett kann uns von Nutzen sein?“, wollte Pein bestätigt wissen. Hidan warf mir einen Blick zu.
    „Auch das müssen wir noch herausfinden“, antwortete er. Erleichtert seufzte ich. Hidan wusste, was gesagt werden musste und wann wir gut daran taten, uns im Schweigen zu üben.
    „Sentaku-san, können Sie diese Fragen nicht beantworten?“, wollte Pein nun von mir wissen.
    „I-ich…“ stotterte ich und sah hilfesuchend zu Hidan, der seinen Blick stur auf den anderen Mann gerichtet hielt. Was sollte ich jetzt am besten sagen? Was durfte ich Pein letztendlich erzählen und was behielt ich besser für mich? Würde er es durchschauen, wenn ich log? Verdammt, Hidan, warum hilfst du mir nicht? „B-bis vor kurzem… wusste ich nichts von... den besonderen Eigenschaften des Amuletts“, brachte ich mühsam hervor und sah zu Boden. Es war nicht ganz die Wahrheit, aber auch nicht wirklich gelogen.
    „Ach ja?“, harkte Pein nach und ich zuckte zusammen.
    „Die hat keine Ahnung“, brummte Hidan, bevor ich eine Reaktion von mir geben konnte. „Sie ist nicht einmal eine richtige Jashinistin.“
    Bitte…Was!
    Entgeistert starrte ich Hidan an. Hatte er das wirklich gerade gesagt? Behauptete er tatsächlich, ich wäre keine richtige Jashinistin? Wenn Konan und Pein nicht hier wären… Oh Jashin, Hidan würde sein blaues Wunder erleben!
    „Was müsst ihr tun, um mir die entsprechenden Informationen zu sammeln?“, fragte der Anführer von Akatsuki ungeduldig und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
    „Nach Yugakure reisen. Dort liegt der Ursprung des Jashinismus, des Amuletts und dort haben wir auch das Gör gefunden.“, erläuterte Hidan und beugte sich nach vorne. „Ich würde auch gerne Itachi mitnehmen, er wird uns wohl am ehesten helfen können.“
    Ich ermahnte mich selbst zur Ruhe und sah zu Pein. Er traf hier die Entscheidungen und deshalb würde es von ihm abhängen, ob wir weitere Recherchen in Yu no Kuni machen könnten. Er schien kurz zu überlegen und nickte dann.
    „Itachi und Kisame begleiten euch. Ihr habt maximal zwei Wochen. Dann will ich Ergebnisse sehen!“
    „Jaja, geht klar, Boss“, meinte Hidan genervt und erhob sich aus dem Sessel. „Wir machen uns morgen auf den Weg.“ Dann öffnete er auch schon die Tür. Hastig sprang ich auf und folgte ihm aus dem Büro in den Flur, aber Hidan machte keinerlei Anstalten auf mich zu warten.
    „Nimm das zurück!“, fauchte ich, als ich zu ihm aufgeschlossen hatte. Keine Reaktion. „Ich habe gesagt, du sollst das zurücknehmen!“, brüllte ich und schubste Hidan mit all meiner Kraft gegen die Wand.
    „Was soll ich zurücknehmen?“, wollte Hidan wissen und sah zu mir herab. Sein Gesicht zeigte keinerlei Emotionen und auch sein Blick war ungewohnt kalt. Erschrocken und mit einem Gefühl des Unwohlseins wich ich einige Schritte zurück. „Dann wäre das ja geklärt“, brummte er und ging wieder seines Weges.
    Entgeistert sah ich ihm nach, während Tränen die Sicht verschleierten. Was zur Hölle war auf einmal los mit ihm? Hatte er gestern noch bestanden, dass ich in seinem Bett schlief, so ging er mir heute möglichst aus dem Weg, bezeichnete mich als Gör und war plötzlich der Meinung, dass ich weder Ahnung hatte noch eine richtige Jashinistin war.
    Ich schluchzte leise und wischte mir trotzig die Tränen von der Wange. Und warum verdammt tat sein abweisendes Verhalten so weh?
    Wütend auf Pein, ihn, mich und einfach alle ging ich in die entgegengesetzte Richtung und machte mich auf die Suche nach Itachi. Vielleicht wusste der ja, was in diesen Mistkerl von Jashinisten geraten war und konnte dem mal gehörig den Kopf waschen. Von ihm ließ er sich anscheinend noch am ehesten etwas sagen.
    Auf meiner Suche bog ich spontan in den nächsten Gang rechts ein und nahm dann den dritten links. An der wiederum vierten Ecke blieb ich stehen und sah verwirrt in jede Richtung. Wo war ich?
    Wieder stiegen mir Tränen in die Augen. Es war ja auch zum Heulen. Anscheinend war ich völlig nutzlos, anderen nur ein Klotz am Bein und selbst in diesem kleinen Unterschlupf verlief ich mich.
    „Scheiße!“, fluchte ich und schlug mit der Hand gegen die Wand, was ich sofort bereute. Es tat verdammt weh und war der Tropfen, der das Fass meiner Tränen zum Überlaufen brachte. Verzweifelt rutschte ich an der Wand herunter und weinte einsam und verlassen vor mich hin, die Arme um die Knie geschlungen und den Kopf auf diesen gelegt.
    Kein Wunder, dass Hidan mich mied und nichts mit mir zu tun haben wollte. Ich konnte mich ja selbst nicht leiden, so unerträglich war ich. Außerdem hatte er ja Recht, ich hatte keine Ahnung, welche Kraft eigentlich hinter Yasakani steckte und war längst keine Jashinistin. Ich konnte ja nicht einmal einer Fliege etwas antun, wie sollte ich dann Menschen töten?
    „Eh, Yumiko-san?“
    Enttäuscht wischte ich mir die Tränen aus dem Gesicht. Hatte ich wirklich gedacht, Hidan würde mich suchen und mir in dieser Situation helfen? Wie tief sollte ich noch sinken? Vorsichtig sah ich auf und seufzte erleichtert, als ich Kisames blaue Haut erkannte.
    „Hattest du Streit mir Hidan?“, fragte er und hockte sich vor mich.
    „Wie kommst du darauf, dass ich wegen ihm heule?“, fauchte ich bissig und sah zur Seite. Man konnte mich sogar wie ein offenes Buch lesen. Konnte ein Mensch wirklich so unfähig sein?
    „‘tschuldigung“, murmelte ich, bevor Kisame antworten konnte. Es stand mir nicht zu, ihn so anzufahren. Weder hatte er dazu beigetragen, dass ich die ganze Welt und vor allem mich in diesem Moment hasste, noch wollte er mir was Böses.
    „Nah, schon okay“, entgegnete er mit einem Schulterzucken und reichte mir die Hand. Zögernd nahm ich sie an und ließ mich von ihm auf die Beine ziehen. „Komm.“
    Ich blieb erst etwas unerschlossen stehen, folgte Kisame aber dann doch durch die Flure, bis wir in der Küche ankamen.
    „Setz dich“, meinte er, setzte Wasser auf und bereitete zwei Tassen mit Tee zu. Als das Wasser kochte, goss er den Tee auf und stellte schließlich eine Tasse vor mich. „Und jetzt erzähl mir mal in aller Ruhe, was passiert ist.“

    17
    „Itachi und Kisame begleiten euch“, verkündete Pein und gab Konan ein Zeichen, damit sie die beiden von der anstehenden Reise nach Yugakure unterrichtete. „Ihr habt maximal zwei Wochen. Dann will ich Ergebnisse sehen!“
    „Jaja, geht klar, Boss.“ Endlich war dieses Gespräch beendet. Ich wollte hier einfach nur raus und endlich irgendjemanden abschlachten. So stand ich auf und ging zur Tür rüber. „Wir machen uns morgen auf den Weg.“
    Und nichts wie weg. Ich hörte, wie Yumiko mir hinterher eilte, an der Tür stehen blieb und mir dann nachlief.
    „Nimm das zurück!“, fauchte sie bissig, als sie neben mir war. Dieses Weib sollte mich bloß in Ruhe lassen, sonst… sonst… „Ich habe gesagt du sollst das zurück nehmen!“, brüllte sie und schubste mich doch tatsächlich gegen die Wand. Wenn sie wüsste, wie sehr ich ihre impulsive… Verdammt, ich musste aufhören, so eine Scheiße zu denken!
    „Was soll ich zurücknehmen?“, fragte ich desinteressiert und sah auf den Zwerg herunter. Es war nicht leicht, sie ernst zu nehmen, wenn so wütend zu mir herauf schaute. Als könnte dieses Kätzchen mir was antun.
    Plötzlich wich aller Zorn aus ihrem Gesicht und man sah ihr deutlich an, dass sie sich unwohl fühlte, während sie einige Schritte zurück tapste. Hatte ich ihr Angst gemacht? Sie müsste doch wissen, dass ich ihr nichts tue. Fast hatte ich den Arm nach ihr ausgestreckt um sie zu beruhigen, aber ich rief mir in Erinnerung, dass es so besser war. Für mich, weil ihre Nähe mich einfach nur noch verwirrte. Für sie, weil sie nur so lernen konnte sich auf ihre eigene Kraft zu verlassen. Auch wenn sie es glaubte, so brauchte sie mich nicht. Sie würde niemanden brauchen, solange sie Yasakani trug.
    „Dann wäre das ja geklärt“, brummte ich und setzte mich wieder in Bewegung. So wie ich Yumiko kennengelernt hatte, war sie jetzt zu tiefst verletzt, und dieser Gedanke versetzte meinem Herzen einen Stich.
    Das war einer der Gründe, warum ich sie hier wegbringen musste. Weg von Akatsuki, raus aus Amegakure. Sie hatte hier nichts verloren und was auch immer Pein mit ihr vorhatte, ich konnte es nicht zulassen. Doch so wie sich das momentan entwickelte, würde sie nicht von meiner Seite weichen. Wir mussten zurück nach Yugakure, den Kontakt mit anderen Jashinisten suchen und sie bei diesen unterbringen. Die hatten wahrscheinlich ohnehin mehr Ahnung als ich, was es mit Yasakani und all dem auf sich hatte.
    „Hidan!“, rief mich Kakuzu, während er mir im Flur entgegen strolzierte. „Ich will endlich mein Geld für dieses Hotel zurück!“
    „Halt die Fresse, Kakuzu“, knurrte ich und stieß ihn zur Seite. „Ich habe andere Probleme.“
    „Deine Probleme interessieren mich nicht, Jashinist“, meinte er abfällig.
    „Und dein Scheißgeld interessiert mich nicht, Geizkragen!“ Wutgeladen bog ich in den Flur Richtung Ausgang.
    „Ich bring dich um, Hidan! Eines Tages bringe ich dich wirklich um!“, brüllte mir Kakuzu hinterher.
    „Versuch’s doch!“, entgegnete ich schreiend und ließ den geldgeilen Sack hinter mir.
    Unbeirrt lief ich weiter, raus aus dem Gebäude und in die heruntergekommene Seitengasse, wo ich erst einmal kräftig gegen die Wand schlug.
    „Scheiße“, murmelte ich leise.
    Ich konnte das nicht, verdammt! Ich konnte Yumiko nicht einfach so zu anderen Jashinisten abschieben und von dannen ziehen. Ich konnte ihr nicht das Herz brechen, in dem ich sie verließ und so tat, als wäre sie mir völlig egal. Warum zur Hölle musste Jashin sie gerade zu mir führen? Was hatten diese anderen Jashinisten angestellt, dass er ihnen nicht traute? Als könnte Yumiko hier bei Akatsuki bleiben. Pein würde es nie gestatten, dass sie einfach nur dabei stand und Däumchen drehte. Entweder sie machte ihren Job hier oder sie konnte das Weite suchen.
    „Scheiße!“, brüllte ich und schlug wieder gegen die Wand. Ich musste wieder klar im Kopf werden. Irgendwie musste es doch möglich sein, Ordnung in dieses Chaos zu bringen und endlich wieder einen klaren Gedanken zu fassen.
    Aber wie konnte ich das machen? Wenn mir irgendetwas auf die Nerven ging, brachte ich es für gewöhnlich einfach um oder lief Amok. Aber ich konnte Yumiko unmöglich umbringen und ohne ihr Kommando auch nicht Amoklaufen. Das war doch verflucht!
    Abermals schlug ich auf die wehrlose Wand ein, als ich Itachis Präsenz neben mir spürte.
    „Was würdest du tun?“, fragte ich brummend und ließ den Kopf gegen die Wand fallen. Diese ganze Nachdenkerei bereitete mir nichts als Kopfschmerzen und zu einer Lösung fand ich auch nicht.
    „Zu aller erst das Haus stehen lassen“, meinte er trocken und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand. „Es ist das erste Mal, dass ich dich so durch den Wind sehe.“
    Ich schielte zu ihm herüber. Durch den Wind, hm? Das traf es eigentlich schon ganz gut.
    „Was hat es mit der Mission nach Yugakure auf sich?“, wollte er wissen, als ich nicht weiter auf seinen Kommentar eingegangen war.
    „Wir sollen die Hintergründe zu Yasakani lückenlos herausfinden, damit es Pein von Nutzen sein kann“, erklärte ich, drehte mich um und ließ mich auf den Boden fallen.
    „Aber du hast dort etwas anderes vor, oder?“
    Genervt sah ich zu ihm hoch. Warum war er so ein verdammt guter Menschenkenner? Ihm konnte man nichts vormachen, es war unmöglich. Schlicht und ergreifend unmöglich.
    „Selbst wenn“, brummte ich und verschränkte die Arme vor der Brust. „Es geht niemanden etwas an.“
    Itachi seufzte. „Ich weiß es doch eh schon. Also raus mit der Sprache.“
    „Gar nichts weißt du“, knurrte ich. Hoffentlich lag er mit seiner Vermutung falsch. Bei Jashin, nur dieses eine Mal soll er im Unrecht sein.
    „Pein will Yasakani für sich nutzen und wird dafür Yumiko brauchen. Sie wird tun müssen, war er sagt, wenn sie hier bleibt. Entweder willst du ihm weißmachen, dass Yasakani nutzlos ist, müsstest dann aber erklären, warum Kakuzu es nicht verkaufen war. Also willst du…“
    „Schnauze, ich hab’s kapiert“, beschwerte ich mich und hielt mir die Ohren zu.
    Ich wollte es nicht aus seinem Mund hören. Ich wollte nicht hören, dass die einzige Möglichkeit Yumiko zu schützen darin bestand, sie in die Obhut anderer Jashinisten zu geben und sie nie wieder zu sehen.
    „Aber ich kann das nicht, Itachi“, gestand ich leise. „Ich kann sie nicht zu irgendwelchen Idioten geben, die keine Ahnung haben. Ich kann Yumiko nicht… Jashin hat gesagt, es wäre meine Aufgabe, sie zu begleiten.“
    Itachi schüttelte nur den Kopf. „Wir machen die Recherchen in Yugakure und denken uns dann eine plausible Erklärung aus, warum du nicht von Yumiko Seite weichen darfst, die wir Pein dann vorlegen.“
    Er hob den Kopf und sah gedankenverloren in den Himmel. Seit wir vor zwei Jahren erfahren hatten, dass Uchiha Junior Konoha verlassen hatte und zu Orochimaru gegangen war, war Itachi in ziemlicher Sorge um ihn. Er musste sich vorläufig keine Gedanken machen, dass die Schlange den Körper des Jungen übernahm, aber mit den wachsenden Fähigkeiten seines Bruders und der steigenden Vorsicht Orochimarus wurde es schwieriger, ihnen auf der Fährte zu bleiben.
    „Sie haben wieder das Versteck gewechselt?“, fragte ich, erhob mich und klopfte den Dreck von meinem Mantel. „Das ist dein Bruder, verdammt. Du solltest etwas mehr an seine Fähigkeiten glauben. Die Schlange hat keine Chance gegen eure Sippe.“
    Itachi senkte den Kopf wieder, legte den Kopf etwas schief und bedachte mich mit einem merkwürdigen Blick. Er schien nicht zu kritisieren, was oder wie ich es von mir gegeben habe, sondern schien eher etwas überrascht.
    „Du hast recht“, meinte er schließlich und warf noch einen kurzen Blick zum Himmel. „Orochimaru hat keine Chance gegen Sasuke.“ Dann deutete er mit dem Kopf zurück zur Straße. „Lass uns reingehen. Es wird gleich wieder regnen.“
    „Was findet Pein nur an diesem beschissenen Regen?“, murmelte ich und trottete hinterher.
    Kaum hatten wir das Gebäude betreten, goss es aus Eimern. Dass nannte ich Timing. Ich folgte Itachi durch die Flure zur Küche, wo ich einen absolut überforderten Kisame mit einer völlig niedergeschlagenen Yumiko fand. Was zur Hölle machte der Fisch hier mit mei… Was hatte er ihr getan?
    „Kopf hoch, Yumiko-san. Das wird…“, versuchte er sie aufzumuntern, als er uns erblickte. Yumiko, die mit dem Rücken zur Tür saß, schaute auf, vermutlich durch Kisames Verstummen irritert, und drehte sich dann zu uns um. Ihre Augen weiteten sich erschrocken, doch dann bemühte sie sich, sämtliche Emotionen aus ihrem Gesicht zu verbannen. Sie ließ ihren Kopf wieder etwas hängen, drehte sich zu Kisame und griff nach seiner Hand.
    „Danke, Kisame-san“ sagte sie. „Mir geht es schon viel besser. Danke.“
    Dann erhob sie sich, den Kopf gesunken und bemüht, ihr Gesicht vor mir zu verbergen.
    „Yumiko-san!“, rief Kisame ihr nach und machte Anstalten ihr zu folgen.
    Nur über meine Leiche!
    Als er an Itachi vorbei war, packte ich ihn am Kragen und drückte ihn gegen die Wand. „Wo willst du hin, Fisch?“, knurrte ich und versuchte nicht sofort auf ihn einzuschlagen.
    „Yumiko scheint dir anscheinend nicht so viel zu erzählen, wie du gerne hättest, hm?“, entgegnete er grinsend, sodass seine Reißzähne zum Vorschein kamen. „Du bist der letzte, den sie sehen will. Von daher solltest du mich gehen lassen, damit sich zumindest einer um sie kümmern kann.“
    Yumiko wollte mich nicht sehen? Waru… Scheiße!
    „Lass deine Drecksflossen von ihr, sonst gibt es demnächst Fischstäbchen“, drohte ich und rannte Yumiko hinterher.
    Ich hätte mich am Morgen doch anders verhalten sollen. Mir war doch eh schon klar gewesen, dass ich nicht mehr von ihrer Seite weichen würde, warum hatte ich es überhaupt versuchen und durch meine abweisende Art ihr das Ganze erleichtern wollen? Ich war so ein verdammter Idiot!
    Ich dachte nicht darüber nach, wohin Yumiko vielleicht flüchten würde. Sie konnte nicht weit sein und so groß war das Hauptquartier hier nun auch wieder nicht. Ich lief an der Treppe vorbei, kam schlitternd stehen und ging zurück. Mein Bauchgefühl schrie mich an, ich sollte gefälligst da hoch rennen, also vertraute ich auf meinen Instinkt und nahm mehrere Stufen auf einmal. Ganz oben angekommen schlug ich die Tür zum Dach auf, rang nach Luft und ging in den kühlen Regen hinaus. Mein Blick glitt über die ebene Fläche, aber von Yumiko war keine Spur.
    Ich war schon dabei wieder zurück zur Treppe zu gehen, als ich bei einem der Schornsteine eine Bewegung bemerkte. Ohne nachzudenken lief ich zum Schornstein, doch kaum war ich angekommen, rannte Yumiko zur Tür und flüchtete weiter. Einen Moment blieb ich stehen und sah ihr einfach nur nach. Hatte ich sie so sehr mit meinem Verhalten verletzt? Hasste sie mich und wollte mich wirklich nicht mehr sehen? Das konnte ich so unmöglich stehen lassen.
    Ich nahm wieder die Verfolgung auf und hatte Yumiko sehr bald in der zweiten Etage eingeholt.
    „Yumiko, warte!“, forderte ich von ihr.
    „Lass mich in Ruhe“, entgegnete sie wenig überzeugend und mit weinerliche Stimme. Was hatte ich Vollidiot nur angestellt? Aber wenn sie, die bisher meinen Schutz gesucht hatte, mit dieser offensichtlichen Verwundbarkeit vor mir floh… Sie würde mir nicht zuhören und mich erklären lassen.
    Ich sprintete hinter her und konnte schon nach wenigen Sekunden ihre traurigen Schluchzer hören, die verzweifelten Tränen sehen und ihren unwiderstehlichen Duft riechen.
    Auch wenn es mir widerstrebte, es gab nur diese Lösung. Ich hatte keine Wahl, wenn ich Yumikos Aufmerksamkeit wollte. Auch wenn es nur für ein paar Sekunden war. Nur so würde ich sie jetzt wahrscheinlich erreichen können. Nur so würde sie vielleicht verstehen, warum ich das getan hatte.
    Ich packte sie am Handgelenk und riss sie zu mir herum.
    Ich hatte nur diese Chance.
    Eine einzige Chance.
    Nur diese.

    18
    Kisame hatte mir äußerst geduldig zugehört und sich sehr verständlich gezeigt, schien jedoch wie ich in dieser Angelegenheit ziemlich ratlos. Es wunderte mich kaum, immerhin war der Umgang mit Hidan nicht gerade leicht, das habe ich schon lernen müssen. Auch die anderen hier schienen ihre Schwierigkeiten mit ihm zu haben. Es wäre dumm gewesen zu glauben, dass mir auch nur einer sagen konnte, was ich zu tun hatte.
    „Kopf hoch, Yumiko-san“, versuchte Kisame mir Mut zu zusprechen und lehnte sich über den Tisch. „Das wird…“ Dann verstummte er. Ich hob meinen Blick etwas und sah zu ihm. Seine Miene hatte sich etwas verzogen und wirkte trotz des breiten Grinsens alles andere als freundlich. Ich drehte mich neugierig zur Tür. War war… Hidan?
    Was machte er hier? Warum war er hier? Er sollte mich so nicht sehen, so schwach und ahnungslos und…
    Meine Beherrschung suchend wendete ich mich wieder ab. Ich musste lernen, auch ohne Hidan stark zu sein. Irgendwie würde ich das schaffen. Wenn ich schließlich auf mich selbst achtgeben konnte, würde er mich vielleicht nicht mehr wie ein kleines, dummes Kind behandeln.
    Aber ich musste hier raus. Seine Anwesenheit war unerträglich schmerzhaft und seinen Blick, denn ich auf meinem Rücken spürte, zerriss mein Herz in abertausend Teile.
    Zögernd griff ich nach Kisames Hand, der sofort zu mir sah. „Danke, Kisame-san. Mir geht es schon viel besser“ log ich. Ich zwang mich zu einem Lächlen. „Danke.“
    Dann ergriff ich die Flucht und vermied es, Hidan ins Gesicht zu schauen oder ihm eine Gelegenheit zu geben meines zu sehen. Als ich mit jemandem auf dem Flur zusammenstieß, sah ich erschrocken auf und in Itachis Gesicht. Er trat zur Seite und ließ mich gehen, weswegen ich ihn dankbar anlächelte, sofern es mir mit all den Tränen in meinem Gesicht möglich war.
    „Yumiko-san!“, hörte ich Kisame nach mir rufen, als ich um die Ecke bog.
    Aber ich wollte nicht aufgehalten oder zurück in die Küche geschleift werden. Nicht so lange Hidan da war. Ich wusste, dass ich nicht die Stärke besaß, um an seiner Seite zu sein, noch dass ich seine Aufmerksamkeit wert war. Er hatte Recht, ich war keine Jashinistin, hatte keine Ahnung, wenn es um Yasakani ging und war nur ein Klotz am Bein. Es würde mich nicht wundern, wenn er mich in Yugakure einfach nur abschieben würde.
    Ohne mich umzusehen rannte ich durch die Flure zur Treppe und diese einfach hoch. Anfangs nahm ich noch zwei Stufen auf einmal, doch im zweiten Obergeschoss wurde es mir zu anstrengend und ich nahm die Stufen einzeln. Ich öffnete die Tür zum Dach und schloss sie leise hinter mir, damit sie mich nicht verriet. Sicherheitshalber hockte ich mich hinter einen Schornsteine, sodass man mich von der Tür nicht sehen konnte. Ich bettete meinen Kopf auf den Knien und schlang meine Arme um die Beine, während ich die Fassade einbrechen und den Tränen freien Lauf ließ.
    Der Regen war mir egal. Dann wurde ich eben nass und erkältete mich vielleicht. Nichts könnte diesem Schmerz in meiner Brust gerecht werden.
    Dass ich Hidan nur ein Dorn im Auge war, etwas, um das er sich kümmern musste und das alles komplizierter war, war ein unsagbar unerträglicher Gedanke. Warum konnte er in mir nicht einfach Jashins Erbin sehen? Seine Verbindung zu unserem… seinem Gott? Solange er mich brauchte, würde ich auch seinen Hass ertragen. Aber anscheinend war ich eine solch große Last, dass er mich nicht einmal als Jashins Prophetin an seiner Seite wissen wollte.
    Plötzlich hörte ich wie die Tür aufgeschlagen wurde und verstummte. Ich glaubte nicht, dass es Hidan war, vielleicht Kisame oder Itachi. Aber es hätte genauso einer der anderen sein können. Alles zog sich in mir quälend langsam zusammen, als der Kies unter den Schritten des anderen knirschte.
    Vielleicht sollte ich mich zeigen, wenn es Kisame oder Itachi waren? Sie würden sich sonst unnötig Sorgen. Dass Hidan mir nachgelaufen kam, war doch ohnehin unmöglich. Er hatte keinen Grund und war bestimmt froh, dass ich ihm nicht mehr auf die Pelle rückte. Mir zu folgen wäre unter diesen Aspekten kontraproduktiv gewesen. Warum also versteckte ich mich überhaupt?
    Mit diesen Gedanken lugte ich vorsichtig um die Ecke. Dann riss ich den Kopf wieder zurück.
    Warum zur Hölle war ausgerechnet Hidan auf dem Dach?
    Als ich hörte, wie er zu mir gerannt kam, unterdrückte ich ein Fluchen, sprang auf und rannte zur Tür, die Treppen hinunter in den zweiten Stock und in den Flur links. Ich wollte ihn nicht sehen, nicht mit diesem kalten, verachtenden Blick in seinen Augen.
    „Yumiko, warte!“, forderte Hidan, der mir auf den Fersen geblieben war und schneller aufholte, als mir lieb war. Hätte er nicht einfach in der Küche bleiben könne? Ich war doch gegangen?
    „Lass mich in Ruhe“, erwiderte ich und unterdrückte ein Schluchzen. Doch gegen die Tränen konnte ich nichts machen. Warum rannte ich überhaupt davon? Hidan würde mich einholen und sehen wie erbärmlich ich eigentlich war.
    Dann war er direkt neben mir, packte mich am Handgelenk und riss mich zu sich rum. An Flucht war nicht mehr zu denken, denn er zog mich zu sich, beugte sich zu mir herunter und… Ich verstand die Welt nicht mehr.
    Wo…?
    Wie…?
    Wann…?
    Warum…?
    War das…?
    Ich schien erst wieder in der Gegenwart zu sein, als Hidan mich an seine Brust drückte. So standen wir dann einige Zeit, während die Gedanken in meinem Kopf rasten und mein Verstand versuchte zu begreifen, was passiert war.
    Hidan war mir gefolgt. Hatte mich gesucht. Und gefunden. Er war mir hinterhergerannt. Hat mich eingeholt. Mich festgehalten. Und…
    Hatte er das wirklich oder war es nur ein Hirngespinst meiner Fantasie, ein Wunschdenken? Ich wüsste nicht, dass Hidan einen Grund hätte, aber…
    Da waren dieses Kribbeln in meinem Bauch und diese wunderschöne Wärme, als er mich in seinen Armen hielt. Noch immer dieses leichte Brennen auf meinen Lippen und ein Geschmack, der mir fremd war.
    Das war schon fast ein Beweis. Hidan hatte mich wirklich geküsst.
    Ich sollte mich freuen und überglücklich sein, aber was konnte mir sagen, dass er nicht nur mit mir spielte? Immerhin war er nach dem Gespräch mit Pein erschreckend abweisend gewesen. Allein der Gedanke an seinen Blick versetzte mir noch immer einen Stich. Meinte er es ernst? Oder nicht? Oder vielleicht doch? Oder…
    Verzweifelt von diesen widersprüchlichen Gedanken, die nie zu einem Ergebnis kommen konnten, stieß ich Hidan von mir, taumelte selbst etwas zurück und suchte an der Wand hinter mir Halt.
    Hidan sah mich überrascht an.
    „Yumiko, ich…“ In seinem Gesicht war deutlich zu sehen, wie er nach den richtigen Worten und einer angemessenen Erklärung suchte, während er auf mich zukam. „Tut mir leid, ich habe keine Ahnung was da gerade in mich geraten ist.“
    Ich wendete den Blick ab und sah zum Boden. Ich hatte gehofft, das Hidan wusste, was er tat. Es war dumm und naiv und ich hätte wissen müssen, dass mir diese Hoffnung nur das Herz brechen würde, aber trotzdem…
    „Du bist ein Mistkerl, Hidan“, murmelte ich, drückte mich an die Wand und verschränkte die Arme vor der Brust. „Du bist ein verdammter Mistkerl! Nur weil du mich hasst, musst du nicht auf meinen Gefühlen herumtrampeln!“
    „Was… wieso herumtrampeln?“, fragte Hidan sichtlich verwirrt. „Ich würde nie…“
    „Hast du aber!“, schrie ich ihn an, stampfte auf ihn zu und schubste ihn wieder. Er leugnete nicht einmal, mich zu hassen! „Warum sonst solltest du mich denn dann küssen? Ich bin doch nur eine unfähige Möchtegern-Jashinistin, die keine Ahnung hat und dir nur ein Klo…“
    Plötzlich spürte ich die kalte Wand in meinem Rücken.
    Meine Hände waren in einem festen Griff über meinem Kopf an die Wand gepinnt.
    Ich wurde unterbrochen.
    Von Hidan.
    Mit einem Kuss.
    Er war nicht so sanft und zurückhaltend wie bei dem ersten, den ich in meiner Überraschung kaum wahrgenommen hatte. Er war fordernd. Aggressiv. Leidenschaftlich. Emotional.
    „Glaube nie“, brummte Hidan als er den Kuss löste und sah mir dabei entschlossen in die Augen, „Glaube niemals, dass ich auf deinen Gefühlen herumtrampeln würde, Yumiko.“
    Ich versuchte das alles kalt an mir vorbeiziehen zu lassen und redete mir ein, dass es nur eine Traumvorstellung war. Hidan würde in mir nie mehr sehen als seine Verbindung zu Jashin.
    „Der einzige Grund“, murmelte ich mit möglichst fester Stimme, konnte ein leichtes Zittern jedoch nicht unterdrücken, „warum du mich erträgst, ist, weil Jashin es dir befohlen hat.“
    „Das hat nichts mit Jashin zu tun, Yumiko.“
    „Wäre Yasakani nicht, hättest du mich längst getötet.“
    „Es hat rein gar nichts mit Jashin oder Yasakani zu tun“, beharrte er.
    „Dann töte mich“, forderte ich. „Pein will doch nur das Amulett.“ Ich hatte keine Ahnung, was ich da von mir gab. In mir bereitete sich ein kleiner Funken Hoffnung aus, dass Hidan in mir vielleicht doch mehr sah. Selbst wenn ich ihm nur eine Freundin sein sollte, war es mir lieber als sein Hass und seine Verachtung.
    „Warum sagst du sowas?“, fragte er irritiert und lockerte seinen Griff. „Ich kann dich doch nicht töten.“
    „Wenn du mir Yasakani abnimmst, kannst du es“, flüsterte ich so leise, dass Hidan es gerade so hören konnte. Niemand sonst durfte davon wissen. „Du kannst es, Hidan. Du kannst mich töten. Wo immer du willst. Wann im…“
    „Aber ich will dich nicht töten!“, brüllte er, ließ meine Hände los und drückte mich an den Schultern gegen die Wand. „Hör auf, so eine Scheiße zu labern! Ich will und werde dich nicht töten, Yumiko. Wenn ich könnte, würde ich dafür sorgen, dass du nie mit dem Jashinismus in Berührung gekommen wärst.“
    „Weil du…“
    „Weil diese ganze Welt nichts für dich ist, verdammt! Du bist für den Jashinismus viel zu schwach, zu sanft, zu freundlich, zu leichtgläubig, zu unsicher, zu nett, zu unschuldig. Ich könnte es mir nicht verzeihen, wenn meine Welt die Eigenschaften an dir kaputt macht, die ich an dir so sehr liebe.“
    Überrascht schaue ich zu ihm auf. Er nahm eine Hand von meinen Schultern und strich mir mit ihr über meine Wange. Hatte er gerade behauptet, diese Charakterzüge, die ich mittlerweile so sehr verachtete, zu lieben? Ich musste mich verhört haben.
    „Ich gebe zu, dass mich deine Verbindung mit Jashin fasziniert. Ich gebe auch zu, dass es mir Unbehagen bereitet, nicht genau zu wissen, was uns bevorsteht und ich dich deshalb in Yugakure zurücklassen wollte.“ Seine Hand strich mir die Haare aus dem Gesicht, während er seine Stirn an meine legte. „Aber ich kann das nicht, Yumiko“, flüsterte er kaum hörbar. „Ich kann dich nicht zu irgendwelchen Idioten geben, die dich nur für ihre Zwecke missbrauchen würden. Ich kann dich nicht weggeben und zulassen, dass andere dich verletzten. Ich kann einfach nicht von deiner Seite weichen, weil ich nur so sicherstellen kann, dass es dir gut geht.“
    Ich gab dem Kribbeln in meinem Bauch nach und ließ zu, dass es sich in meinem gesamten Körper verteilte. Ich erlag dem Glücksgefühl, das Hidans Worte in mir auslösten und mich lächeln ließ.
    „Du willst mich also nicht loswerden?“ Zögerlich schob ich Hidan etwas von mir, sodass ich ihn besser beobachten konnte. Ich brauchte trotz allem Gewissheit. Er sollte es mir selbst sagen, damit ich mich nicht in dumme Hoffnungen verrannte.
    „Nein.“
    „Ich bin dir kein Klotz am Bein?“
    „Verdammt, natürlich nicht“, erwiderte er sanft, strich mir wieder über den Kopf und griff nach meiner Hand. „Nur der Tod wird dich von mir erlösen können.“
    „Wer sagt, dass ich erlöst werden will?“, entgegnete ich neckend und sah ihm mit wiedergewonnenem Selbstbewusstsein in die Augen.
    Hidan grinste breit, schlang seinen Arm um meine Schulter und zog mich an sich.
    „Das ist meine Yumiko!“, lachte er. Ich stimmte in das Lachen ein und schmiegte mich an ihn. Endlich war er wieder der Alte. Endlich hatte ich meinen Hidan wieder.

    19
    "Ist es wirklich in Ordnung für dich, einfach so in die Stadt zu spazieren?“, fragte Yumiko mich unsicher und sah sich um.
    Ich zuckte nur mit den Schultern. „Die können mir eh nichts.“
    „Hidan, ich meine es ernst. Vielleicht wäre es besser, wenn nur Kisame, Itachi und ich in Yugakure nach Informationen suchen.“
    „Kommt nicht in Frage.“ Sie machte Anstalten, etwas zu erwidern, doch ich unterbrach sie sofort und deutete auf Kisame. „Der Kerl steht in sämtlichen Bingo-Büchern und ist einer der bekannten Schwertkämpfer aus Kiri. Und Itachi hat mit dem Massaker an seinem Clan Geschichte geschrieben. Seine Geschichte ist nicht nur in Konoha bekannt. Er gehört zu den meist gesuchten Verbrechern aller Zeiten.“
    „Die Jashinisten sind hier zu Hause, Yumiko-san. Hidan wird am wenigsten auffallen“, mischte Itachi sich ein und versuchte Yumiko zu beruhigen. Dann wendete er sich an mich. „Aber ich glaube auch, dass ihr beide direkt zu den Jashinisten gehen solltet. Euch wird man zuhören und Zugang zu den Schriftrollen geben, uns nicht.“
    Ich nickte. Das machte Sinn.
    „Aber Itachi-san, für euch ist es doch auch gefährlich“, warf Yumiko in den Raum und sah besorgt zu ihm.
    Sie war viel zu gut für diese Welt. Yumiko hatte bisher keinen von Akatsuki für seine Verbrechen verurteilt. Selbst Itachi, von dem man sagen kann, dass er das grausamste Massaker der Geschichte begangen hatte, begegnete sie mit offenen Armen. Diese Art könnte ihr eines Tages das Herz brechen. Ich griff nach ihrer Hand und drückte sie leicht. Aber das würde ich nicht zulassen.
    Itachi warf mir einen Blick zu, bevor er sich an Yumiko wendete.
    „Es ist wichtig, dass du die Jashinisten von dir und deiner Aufgabe überzeugst, Yumiko-san. Alles andere kannst du Kisame und mir überlassen.“ Sie nickte etwas, schien aber noch lange nicht überzeugt. „Mach dir um uns keine Sorgen. Wir werden nicht umsonst von den meisten Staaten gesucht.“ Itachi sah zu mir auf. „Morgen bei Sonnenuntergang, treffen wir uns hier wieder. Sollte jemand nicht pünktlich sein, warten wir bis zum Sonnaufgang, dann kehren wir zurück.“
    „Geht klar“, knurrte ich und deutete Yumiko mir zu folgen, während ich ihr die Kapuze ihrer Robe über den Kopf zog.
    „Pass auf dich auf, Yumiko-chan!“, rief Kisame mir nach. Demonstrativ legte ich meinen Arm um ihre Schultern, zog sie näher zu mir und warf der Haifresse einen vernichtenden Blick zu. Sie war meine Yumiko!
    Wir spazierten gemütlich durch den Wald und mit der Zeit lockerte ich meinen Griff um ihre Schultern, während ich zu ihr herunter sah. Yumiko betrachtete die Umgebung genau und schien sich hier ganz gut auszukennen. Was mich aber am meisten erleichtert, war der friedliche Ausdruck auf ihrem Gesicht.
    Ich war froh, dass wir uns vor dem Antritt der Reise nach Yugakure ausgesprochen hatten. Sie hatte noch lange mit sich gehadert und eher weniger selbstbewusst gewirkt, aber nach intensiven Gesprächen schien sie mit der jetzigen Situation leben zu können.
    Entschlossen griff ich nach ihrer Hand, zog sie zu mir und küsste sie auf die Schläfe.
    „Denk nicht so viel nach. Das wird schon“, munterte ich sie auf.
    „Ja…“, murmelte sie nachdenklich. „Ja, wahrscheinlich hast du recht.“
    Plötzlich blieb sie stehen. Ihr Blick wirkte etwas distanziert, wie immer, wenn Jashin zu ihr sprach. Manchmal hasste ich es, nicht mithören zu können. Es waren die einzigen Momente, in denen Yumiko für sich alleine war. Ich würde sie nie vor dem schützen können, was Jashin ihr offenbarte.
    „Hey, ihr da!“ Ich warf einen Blick über die Schulter und sorgte dafür, dass Yumiko nicht in seinem direkten Blickfeld stand. „Das ist unser Gebiet.“
    Ich musterte den Typen. Er war einige Zentimeter größer als ich und schien auch ein paar mehr Kilos auf die Waage zu bringen. Jashins Amulett hing um seinen Hals. Seine behandschuhte Hand griff um den Knauf seines Schwertes. Er trug eine ähnliche Robe wie Yumiko bei unserer ersten Begegnung, allerdings war seine bordeauxrot.
    „Botan-sama“, murmelte Yumiko, trat an mir vorbei und schob ihre Kapuze zurück.
    „Yumiko?“ Er schien überrascht, sein Griff um das Schwert löste sich. „Wie… Wir dachten du wärst wie die anderen…
    „Nein. Ich habe überlebt.“
    „Wie? Was ist das Geheimnis, Yumiko?“ Sie schwieg und senkte den Blick. „Yumiko, wenn du etwas weißt, musst du es uns sagen.“
    „Es tut mir Leid“, murmelte sie.
    „Yumiko, Jashin schätzt Verräter nicht.“ Wie mir dieser Kerl gerade auf den Sack ging.
    „Wer sagt, dass ich sein Verräter bin?“, fragte Yumiko und sah diesem Botan fest in die Augen und ein leichtes Lächeln zierte ihre Lippen. Sie wusste, dass sie in diesem Moment an dem längeren Hebel saß. „Hat er es dir gesagt?“
    „Jashin spricht nicht zu uns, das weißt du.“
    Mit einem Mal wurde ihr Blick panisch und sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich… ich kann das nicht“, murmelte sie leise und setzte einen Schritt zurück.
    „Was ist, Yumiko?“, fragte ich und schirmte sie wieder von diesem Typen ab.
    „Ey, wer bist du überhaupt?“, wollte er wissen und kam auf uns zu. Ich ignorierte ihn und musterte Yumiko weiterhin.
    „..teil… Ich soll Botan verurteilen“, antwortete sie mir leise. Sie zitterte am ganzen Körper und kalter Schweiß brach auf ihrer Stirn aus. Verdammt, Jashin, warum muss sie ihr erstes Urteil über einen Bekannten fällen?
    „Yumiko, kennst du den etwa?“, fragte der Typ auf dem Billigplatz da hinten.
    „Wie lautet das Urteil?“, erkundigte ich mich leise und schloss sie in meine Arme. Sie musste da nicht alleine durch. Ich war hier bei ihr.
    „Tod.“
    Ich hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn, zog ihr die Kapuze tief ins Gesicht und setzte sie an einen Baum. „Ich bin gleich wieder zurück.“
    Dann machte ich mich daran, meine Aufgabe zu erfüllen. Ich zog meine Sense hervor und drängte Botan zurück.
    „Was ist hier los?“, fragte er irritiert und sah zu Yumiko. „Yumiko, was hat dieser Irrer mit mir vor?“
    Ich warf einen Blick zurück und bemerkte, wie sie den Kopf leicht hob, ihn dann aber wieder fallen ließ. Würde jede Verurteilung so sehr an ihren Kräften zehren? Jashin, warum hast du dir nicht einen stärkeren Richter ausgesucht?
    „Der Richter hat sein Urteil gesprochen“, erklärte ich und wendete mich wieder dem Jashinisten vor mir zu. Noch bevor ihm bewusst war, was geschah, hatte ich ihm mit meiner Sense in den Oberschenkel geschnitten. Das war echt zu einfach gewesen. Ich leckte sein Blut von der Spitze des obersten Sensenblattes und grinste ihn an.
    Auch wenn ich es liebte, meine Gegner zu Tode zu quälen, so konnte ich Yumiko nicht zu lange alleine lassen. Kurzer Prozess war angesagt. Ich löste den Stab von meiner Sense, während ich das Symbol meines Gottes mit dem Blut des Jashinisten auf den Boden zeichnete, und ließ sie Sense schließlich fallen, um nach meinem Speer zu greifen.
    „Du stirbst.“
    Dann stach ich durch mein Herz und der Typ fiel mausetot um. Jetzt musste ich nur noch durch die Zeremonie.
    „Lass das, Hidan. Dafür haben wir keine Zeit!“ Überrascht sah ich auf und zu Yumiko. Da war wieder dieser merkwürdige Klang in ihrer Stimme. Sie stand mit ungewohnt selbstbewusster Haltung vor mir und sah sich um. Ihr Blick musterte die Gegend genau. Aber nein, das war nicht sie, die hier vor mir Stand. Es war Jashin. „Hübsch hier.“
    „Jashin?“
    „Diese Zeremonie ist der größte Schwachsinn, den sich irgendein Idiot einfallen lassen konnte. Eure Unsterblichkeit hat damit rein gar nichts zu tun.“
    „Also gibt es nur eine Verbindung zwischen der Unsterblichkeit und der Auswahl der Opfer?“
    „Ja, auch. Ich wollte dir nur sagen, dass ihr nach Akitos Tagebuch suchen sollt. Darin werdet ihr mehr Details dazu erfahren, wie Yumiko zu den Jashinisten gekommen ist.“
    Ich nickte. „Geht klar. Und wärst du jetzt bitte so nett und gibst mir meine Yumiko zurück? Deine letzte Besetzung tat ihr alles andere als gut.“
    „Deine Yumiko?“ Ich warf ihm einen finsteren Blick zu. Das wollte ich nicht unbedingt mit ihm ausdiskutieren. „Schon verstanden, Hidan.", lachte er. "Ich verlasse mich darauf, dass du auf sie aufpasst.“
    Kaum hatte er es gesagt, verschwand seine Aura, der Glanz kehrte in Yumikos Augen zurück, während sie aufkeuchend nach vorne taumelte. Ich schloss sie in meine Arme. Sie war nicht so blass wie beim ersten Mal und zitterte nicht so heftig, aber man merkte ihr an, dass etwas passiert war. Die Orientierung wieder suchend sah sie sich um und ich seufzte erleichtert, weil sie wohl nicht wieder das Bewusstsein verlieren würde.
    „Was war das?“, fragte sie und warf einen Blick über die Schulter. Ich runzelte die Stirn etwas. Hatte sie etwas von der Besetzung mitbekommen? Beim letzten Mal war sie dem Tod näher gewesen als dem Leben und nun steckte sie es anscheinend weg, als sei nichts gewesen und hatte zudem bemerkt, dass etwas passiert war?
    Sie versteifte sich, lehnte sich zur Seite und sah an mir vorbei. Ihr Blick hatte sich wieder geändert.
    Was zur Hölle ging hier vor?
    „Was wollt ihr?“, fragte sie. Sofort sah ich nach hinten und entdeckte die vier Jashinisten, war aber von dem Klang ihrer Stimme irritiert. Ich hörte nicht ihre übliche Unsicherheit. Sie war ungewohnt tief und fest, fast als würde… Ich warf einen kurzen Blick zu Yumiko. Nein, Jashin hatte damit nichts zu tun, sie war ganz sie selbst. Aber dennoch…
    Die anderen gingen in Kampfstellung über und kreisten uns langsam ein. Wir beobachteten jeden ihrer Schritte und Yumiko blieb in Anbetracht der drohenden Gefahr ausgesprochen ruhig. Was zur Hölle war mit diesem Weib gerade los?
    „Hat er Botan getötet, Yumiko-san?“, fragte einer von den Typen. Ich wollte dem Kerl sagen, dass es ihm scheißegal sein konnte und er sich um seinen eigenen Kram scheren sollte. Aber es ging nicht. Ich konnte auch nicht nach meiner Sense greifen oder sonst irgendwelche Maßnahmen ergreifen, um Yumiko vor diesen Kerlen zu schützen.
    Verdammt, was ging hier vor?

    20
    Plötzlich war sie wieder da. Diese allgegenwärtige Macht um mich herum, die mich schützte und mir mein Leben kosten würde. Goliath. Aber er kämpfte nicht gegen mich, noch versuchte er mich herauszufordern oder anzugreifen. Er stand einfach nur neben mir, sah mich einen Moment an und stellte sich dann vor mich, wo er eine Weile verweilte.
    Skeptisch musterte ich ihn. Er trug die Rüstung eines Soldaten, ähnlich der eines Samurai, unter der sich der muskulöse Körper nur erahnen ließ. Er war groß und hatte breite Schultern und einen festen Stand. Ich fragte mich, wie ich nur gegen diesen Typen hatte gewinnen können.
    Als er einen Blick über seine Schulter zurück zu mir warf, starrte ich ihn überrascht an. Dieses Gesicht hatte ich schon einmal gesehen. In dem Traum oder Vision oder was auch immer das mit Sadako und Kimiko war. Er war es gewesen, der Sadako gerettet hatte.
    Er war Jashin. Aber warum… Er drehte sich zu mir um und legte mir eine Hand auf die Schulter. Dann warf er mir ein kurzes Lächeln zu.
    Du bist stark geworden, Yumiko.
    Dann verschwand er.
    Erschrocken taumelte ich nach vorne und keuchte auf, woraufhin Hidan mich in seine Arme schloss. Für einen Moment lauschte ich seinem Herzschlag, dann sah ich mich um. Botan lag regungslos – vermutlich tot – auf dem Boden. Wenige Stunden zuvor hatte er eine ganze Familie umgebracht. Der Vater war ein einfacher Kaufmann gewesen, die Mutter hatte sich als Hausfrau um die zwei-jährigen Zwillinge gekümmert. Botan hatte sie getötet. Unschuldige. Deshalb hatte ich ihn in Jashins Namen verurteilt.
    Hidan seufzte erleichtert auf und drückte mich noch etwas fester an sich.
    Jashin…
    „Was war das?“, fragte ich und warf einen Blick über die Schulter. Jashin war nicht mehr hier, und doch… Irgendetwas war anders als zuvor. Ich spürte seine Präsenz direkt hinter mir und seine Hände auf meinen Schultern.
    Spürst du es?
    Jashins Stimme klang anders. Tiefer. Näher. Als wären sie meine eigenen Gedanken. Spüren? Ja, ich spürte etwas. Etwas Dunkles, Böses.
    So fühlt sich die Gegenwart eines Verbrechers an.
    Verbrecher? Hier? Ja klar, Hidan hatte… Nein, Jashin sprach nicht von Hidan. Hier waren noch andere.
    Sie stehen hinter Hidan.
    Ich lehnte mich zur Seite und sah an Hidan vorbei. Zwischen den Bäumen kamen vier Jashinisten hervor, die ungläubig auf Botan und wütend zu Hidan sahen und mir nicht unbekannt waren. Sie waren aus demselben Zirkel wie Akito, Botan und ich.
    „Was wollt ihr?“, hörte ich mich mit fester Stimme sagen. Es waren nicht meine Worte, aber sie kamen aus meinem Mund in einer etwas tieferen Stimme.
    Ich werde dir ab sofort zeigen, zu was du fähig bist. Du wirst keine Angst mehr haben müssen. Vor nichts und niemandem.
    Die Jashinisten sahen überrascht zu mir, schienen mich aber nicht zu erkennen. Sie kreisten mich und Hidan langsam ein und machten sich für einen Kampf bereit.
    Jashin übernahm die Kontrolle über meinen Körper, aber nicht die über mein Bewusstsein.
    Schau zu und lerne.
    „Hat er Botan getötet, Yumiko-san?“, fragte einer der Jashinisten, Momiji. Sie hatten mich also doch erkannt. Griffen sie deshalb noch nicht an?
    Beruhig Hidan, Yumiko.
    Ich sah verwirrt zu Hidan und musterte ihn. Er zittert, sämtliche Muskeln angespannt, der Blick voller Wut, Mordlust und einen Hauch von Panik. Er konnte sich nicht rühren. Hinderte ich ihn daran? War es Yasakanis Schuld?
    „Es ist alles in Ordnung, Hidan“, erklärte ich ihm. Er sah mit forschendem Blick zu mir herunter.
    „Yumiko?“, fragte er und legte die Stirn in Falten. Ich nickte nur und griff nach seiner Hand, um ihn besser beruhigen zu können. Moment… ich tat das? Aber hatte Jashin nicht die Kontrolle über meinen Körper übernommen?
    Es ist eine Koexistenz, erklärte er mir. Bis du dir deiner Fähigkeiten bewusst bist, werde ich dich auf diese Weise unterstützen können.
    „Du hast das schon einmal getan, oder?“, fragte ich ihn leise und sah wieder zu Momiji, der mich und Hidan intensiv musterte. Hielt Yasakani ihn und die anderen von einem Angriff ab genauso wie es das bei Hidan tat?
    Das ist jetzt das vierte Mal. Das erste Mal war kurz nach deinem ersten Tod, dann bei dem Kampf gegen die anderen Jashinisten kurz vor deiner Begegnung mit Hidan und nachdem ich dich auf den nicht vorhandenen Puls aufmerksam gemacht habe.
    „Das heißt, ich habe Akito und die anderen damals getötet?“, wollte ich entsetzt wissen.
    Ich habe sie getötet. Ich bin wie alle anderen Jashinisten dein Vollstrecker.
    „Yumiko-san!“, forderte Momiji meine Aufmerksamkeit ein. In seinem Blick stand die Panik, weil er die Situation, nein, seinen eigenen Körper nicht mehr unter Kontrolle hatte.
    „Senkt eure Waffen!“, rief ich.
    „Was hast du vor, Yumiko?“, fragte Hidan murmelnd und beobachtete die anderen Jashinisten, die ihre Sensen und Schwerter zu Boden legten. Momiji warf mir einen erschrockenen Blick zu.
    „Sie werden uns zum Tempel bringen und uns bei der Recherche helfen.“
    „Wirst du ihnen von Yasakani erzählen?“
    Ich schüttelte den Kopf. „Noch nicht.“

    Es war keine halbe Stunde vergangen, als wir am Tempel angekommen waren. Momiji und die anderen hatten mich aber vor allem Hidan genau im Auge behalten, während dieser die ihm fremden Jashinisten immer und immer wieder gemustert hatte. Am Tempel angekommen sah ich mich um, berührte mit den Fingerspitzen den rauen Stein und atmete tief durch. Es hatte sich nichts verändert.
    „Yumiko-san, du kannst hier nicht einfach hereinspazieren. Der Hohepriester…“
    „Ist überflüssig“, hörte ich mich sagen. Verdammt, Jashin, du konntest denen doch kein Selbstbewusstsein, wenn nicht sogar Arroganz zeigen, die ich mir nicht leisten konnte.
    Oh doch, die kannst du dir leisten!
    „Yu-yumiko-san…“, stotterte Momiji erstaunt.
    Die Jashinisten vor uns blieben stehen und verbeugten sich. Momiji tat es ihnen gleich. Hidan warf mir einen fragenden Blick zu, doch ich zuckte nur die Schultern. Vermutlich waren das die Regeln des neuen Hohepriesters. Was für ein Mistkerl.
    „Oh, wir haben Gäste?“, hörte ich die Stimme einer jungen Frau, allerdings klang sie alles andere als erstaunt.
    Nein!
    Überrascht von Jashins plötzlichem Ausruf zuckte ich zusammen und griff nach Hidans Arm. Was zur Hölle war in ihn gefahren?
    Das ist unmöglich!
    Die Lippen der Frau formten sich zu einem leichten Lächeln, während sie mit eleganter Geste und einer angedeuteten Verbeugung in den Tempel einlud. „Kommt, kommt nur. Heute seid ihr meine Gäste.“ Sie hob ihren Kopf wieder. „Momiji, du sorgst mit den anderen sofort dafür, dass die beiden eines der Gästezimmer beziehen können. Und sag in der Küche Bescheid.“
    Sie müsste längst tot sein.
    „Kein Grund für die Umstände, wir brauchen kein Zimmer“, knurrte Hidan und warf der Frau einen abschätzigen Blick zu.
    „Nicht?“, harkte sie mit engelsgleicher Stimme nach. „Wie kann ich euch dann dienen?“
    „Ein Jashinist dient nicht!“ Hidan schob mich hinter sich und griff nach seiner Sense. Er fühlte sich sichtlich unwohl und traute weder den Jashinisten noch der Hohepriesterin.
    Sie lachte, hielt sich die Hand vor den Mund, beruhigte sich aber schnell wieder. „Gewiss doch. Mit welcher Absicht beehrt ihr mich und mein Gefolge mit eurer Anwesenheit?“
    Ich stutzte und musterte sie. Sie trug eine ähnliche Robe wie Akito, schwarz und mit goldenen Fäden bestickt, allerdings wirkten der Stoff weicher und die Bestickung ordentlicher. Ihre blonden, lockigen Haare hat sie zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden, nur einige wenige Strähnen hingen ihr ins Gesicht und umrahmten dieses. Erstaunlich waren ihre stechend grünen Augen, die einen mit einer Eindringlichkeit betrachten, die einen unterwürfig machte.
    Irgendetwas stimmte nicht. Ihre Wortwahl, ihre Aussprache, ihr Erscheinungsbild, ihre Bewegungen, ihre ganze Art… Aber mir wollte bei bestem Willen nicht auffallen, was es war.
    „Wir wollen lediglich ein paar Schriftrollen einsehen und uns im Zimmer von Akito umsehen“, erklärte Hidan ruhig.
    „Akitos Zimmer? Ich muss euch enttäuschen. Als neue Hohepriesterin habe ich jenes Zimmer bezogen und wir haben das Hab und Gut Akitos im Feuer vernichtet. Des Weiteren steht die Bibliothek nur den Mitgliedern des Zirkels zur Verfügung.“
    „Red’ keine Scheiße!“, brüllte Hidan und schwang seine Sense. Die Jashinisten wichen zurück, nur die Hohepriesterin rührte sich keinen Millimeter. „Du führst uns jetzt in diese beschissene Bibliothek oder du hast deine längste Zeit gelebt.“
    Wieder kicherte sie.
    Der Idiot! Ihr müsst hier weg, Yumiko!
    Ich kam mit den Gedanken nicht mehr mit. Jashin hatte sich beim Anblick der Hohepriesterin erschrocken. Hidan wollte aus irgendwelchen Gründen in Akitos Zimmer. Vor uns stand die Hohepriesterin, die uns keinen Zugang zu der Bibliothek geben wollte. Jetzt wollte unser Gott, dass wir die Flucht ergriffen.
    Was zur Hölle ging hier vor?
    „Du wirst mich nicht töten“, meinte sie amüsiert und sah Hidan herausfordernd an.
    „Und ob ich das werde, Zuckerstück. Beweg also deinen Arsch aus dem Weg, wenn dir dein Leben etwas bedeutet.“
    Pack ihn und lauf!
    „Du kannst mich nicht töten“, beharrte sie.
    Er konnte sie nicht töten? Weil sie keinen Unschuldigen getötet hatte. Aber wie hatte sie das herausfinden können?
    „Schätzchen“ meinte Hidan breit grinsend und leckte über die Spitze des obersten Sensenblattes. „Ich werde dich Jashin opfern.“
    „Du wirst und kannst mich Jashin nicht opfern.“
    Sie hat recht, Yumiko! Bring Hidan hier raus, bevor er irgendetwas Dummes anstellt!
    „Was… Warum… Wie…“, murmelte ich vor mich hin.
    Meine Gedanken überschlugen sich. Es fehlte etwas. Nein, ich übersah etwas. Etwas, das Ordnung in dieses Chaos bringen würde. Was war es nur?
    Nicht getötet werden können.
    Ihre Wortwahl.
    Jashins Reaktion.
    Ihre Bewegungen.
    Nicht geopfert werden können.
    Ihre Aussprache.
    Jashins Panik.
    Ihr Erscheinungsbild.
    Ihre Augen. Diese grünen Augen. Ich hatte sie schon einmal gesehen. Als ich in Sadako war. Ich hatte in einen Spiegel geschaut. Auch Sadako hatte solche ausdrucksstarken grünen Augen. War die Hohepriesterin also Sadako?
    Nein.
    Natürlich nicht. Ich war Sadakos Nachfolgerin, ihre Erbin, der neue Richter. Welche Verbindung hat sie zu Sadako?
    Sie sah zu mir herüber und musterte mich, bis ihr Blick an Yasakani hängen blieb. Ihr Lächeln erstarb, die Farbe wich aus ihrem Gesicht und ihre Augen fingen an, böse zu funkeln.
    Das ist ihre Schwester, Fuunko.

    21
    Yumiko griff nach meiner Hand und rannte los. Mit ungeahnten Kräften stieß sie die anderen Jashinisten aus dem Weg und hielt mich in eisernem Griff, ohne sich darum zu kümmern, ob ich ihr folgen wollte oder nicht. Da hinten stand eine scharfe Braut, die ich Jashin opfern wollte, und sie rennt einfach davon. War das denn zu glauben?
    „Warum verdammt hast du nie erwähnt, dass Sadako eine Schwester hatte?“, fragte sie auf einmal verärgert.
    Ungläubig starrte ich sie an, als wir an den Stufen vorbei und direkt in die Bäume hinein rannten. Ich wusste über diese Sadako genauso viel wie sie selbst, das wusste sie. Was sollte diese Frage also?
    „Ähm.. woher…“
    „Und warum erwähnst du das erst jetzt?“
    Führte Yumiko ein Selbstgespräch? Mit mir sprach sie augenscheinlich nicht, schien mich sogar zu ignorieren, und ich erinnerte mich nicht, dass Itachi und sie über Funk verbunden waren.
    „Auf mich wirkte sie ziemlich lebendig.“
    Am Fuße des Berges angekommen wurde sie langsamer, blieb schließlich stehen und sah zurück, während sie sich den Schweiß von der Stirn wischte.
    „Sicher? Ich habe keine Lust auf noch so eine Überraschung.“
    Noch immer von ihrem merkwürdigen Verhalten irritiert betrachtete ich Yumiko eingehend. Von der versteckenden, schüchternen und unsicheren Art war nichts mehr zu sehen. Sie schien mit einem Mal sehr viel selbstbewusster und irgendwie launischer. Weil ich keine Ahnung hatte, wie ich damit umgehen sollte und ihre leicht zornige Art auch nicht auf mich lenken wollte, hielt ich für den Moment einfach die Klappe und regte mich keinen Zentimeter, während sie sich am Fuße eines Baumes fallen ließ und sich an dessen Stamm anlehnte.
    Wenn sie nicht mit mir oder Itachi sprach, blieb nur noch Jashin. Aber das erklärte nicht, was mit ihr los war…
    „Hidan, wie finden wir Itachi-san und Kisame-san am schnellsten?“ Das war’s dann wohl mit dem nicht bemerkt werden.
    „Keine Ahnung, wohin es die beiden verschlagen hat. Mir ist wie dir nur der Treffpunkt für morgen Abend bekannt.“ Ich zögerte kurz und hockte mich vor sie, um sie genauer mustern zu können. „Hättest du die Güte und erklärst mir endlich, was hier los ist?“
    „Die Hohepriesterin des Tempels heißt Fuunko. Sie ist Sadakos Schwester“, erklärte Yumiko. „Sie hatte den Kaiser Yu no Kunis, den Sadako heiraten musste, geliebt und ihre Schwester dafür gehasst. Was sie ihr aber nie verzeihen konnte war der Tod des Kaisers. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Kaiser zu rächen und sowohl Sadako als auch Jashin zu töten.“
    „Warum töten wir sie dann nicht einfach?“
    Yumiko schwieg einen Moment, zog die Stirn kraus und wirkte alles andere als überzeugt, während sie anscheinend Jashins Erläuterungen lauschte.
    „Und wie soll das bitteschön möglich sein?“, fragte sie gereizt und verschränkte die Arme. Warum war sie nur so schlecht gelaunt?
    Dann wurden ihre Gesichtszüge wieder weicher, jedoch schien sie noch immer etwas skeptisch zu sein. „Was meinst du damit?“
    Yumiko hielt sich Yasakani vors Gesicht und betrachtete das Amulett, während ihre andere Hand nach Jashins Amulett griff. Ihre Augen huschten für einen Moment leicht panisch zu mir herüber, während sie mich musterte und erleichtert seufzte.
    „Das heißt ohne sie können wir nicht überleben?“
    Ich wartete weiterhin, bis Yumiko Yasakani wieder unter ihrer Robe versteckte und sich umsah. „Ich muss dir etwas erzählen, Hidan. Aber das kann ich nicht hier machen.“
    Ich griff ihre Hand, zog sie auf die Beine und hinter mich her. „Schon verstanden.“
    „Ehh?“
    Ich ignorierte sie, ihre Hand fest um schlossen und lief Richtung Yugakure.

    Fast vier Stunden später bezogen wir das Zimmer in dem Gästehaus.
    Yumiko stellte sich dicht an die Tür und lauschte auf den Flur.
    „Glaubst du, dass man uns verfolgt hat?“
    „Ich habe nichts bemerkt“, meinte ich schlicht und winkte sie zu mir. In dem Augenblick, in dem sie in meiner Reichweite war, packte ich sie, zog sie zu mir und vergrub mein Gesicht an ihrem Hals. Ich atmete tief ein, nahm ihren unglaublich süßen Duft in mir auf und genoss das Gefühl ihres zierlichen Körpers, der meinem ganz nahe war.
    Immer wieder musste ich daran denken, dass sie manchmal so distanziert wirkte und mir fremd vorkam, wenn Jashin mit ihr sprach. Er schien ihr wesentlich näher zu sein, als ich es sein konnte, und sie um Längen besser zu kennen. Ich musste es so akzeptieren, es war ein Teil von ihr. Und doch machte es mich wahnsinnig und ich wünschte, ich würden ihn irgendwie loswerden können. Soll er sich doch jemand anderen suchen, Yumiko sollte allein mir gehören.
    „Du wolltest mir etwas erzählen“, erinnerte ich sie.
    Yumiko nickte nur, entwand sich meiner Umarmung und setzte sich mir gegenüber hin, sagte jedoch nichts. Als sie meinen fragenden Blick bemerkte, senkte sie den Kopf und schüttelte ihn leicht. „Ich habe keine Ahnung, wo ich anfangen soll.“
    „Warum sind wir aus dem Tempel geflüchtet?“, fragte ich, um ihr auf die Sprünge zu helfen.
    „Weil die Hohepriesterin Sadakos Schwester Fuunko ist. Jashin war davon ausgegangen, dass sie tot war. Er hätte sie mit seinen eigenen Händen getötet. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Jashinismus auszulöschen.“
    „Sie war alles andere als tot“, entgegnete ich und zog die Augenbraue hoch.
    „Weil sie nicht wieder gestorben ist“, erklärte Yumiko und verwirrte mich endgültig. „Jashin hatte mir erklärt, dass die Shosangai nicht nur ein langes Leben hatten, sondern über den Tod hinaus leben konnten. Allerdings gelten dafür einige Voraussetzungen. Eine davon ist das Amulett der Jashinisten.“
    „Das heißt, jeder Jashinist stammt von diesem Clan ab?“
    Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen während sie angestrengt nachdachte und den Kopf schüttelte. „Nein, das Amulett überträgt diese Eigenschaften des Clans.“
    „Und wie funktioniert dieses Überleben des Todes?“
    Lange schwieg Yumiko, schloss die Augen und nickte immer wieder. Anscheinend beantwortete Jashin ihr die Frage und ich musste geduldig warten, bis sie übersetzen würde.
    „Das heißt, wir haben noch zwei“, murmelte sie. „Die Verbrecher…“
    Ich wusste nicht, warum ich immer wieder versuchte, durch ihre Wortfetzen dem Gespräch zwischen ihr und Jashin zu folgen. Es war einfach unmöglich. Dennoch wollte ich mich nicht damit zufrieden geben, das fünfte Rad am Wagen zu sein. Vielleicht hatte mein Gott ja irgendwann die Güte und würde mich in die Gespräche mit einbeziehen.
    „Ich verstehe.“ Yumiko öffnete die Augen. Sie nahm das Jashin-Amulett ab und legte es zwischen uns auf das Bett. Als sie nach Yasakani griff, hielt sie plötzlich inne und ließ schließlich davon ab. Wieder nickte sie und sah zu mir. „Es ist so…“
    Ein Klopfen unterbrach sie. Sie legte sich Jashins Kette wieder um und versteckte beide Amulette unter ihrer Robe. Ich stand in der Zwischenzeit auf und deutete ihr leise zu sein, während ich zur Tür ging.
    Dann öffnete ich den Tür einen Spalt und stand einer mittelgroßen, kräftig gebauten jungen Frau gegenüber, mit einem Wäschekorb in der Hand. „Wie kann ich dir helfen?“
    „Sie hatten…“ Sie ließ den Korb zu Boden fallen und starrte ungläubig an mir vorbei. „Wie ist das möglich?“, hauchte sie.
    Ihrem Blick folgend sah ich zu Yumiko, die genauso verwirrt schien wie ich. Was zur Hölle meinte diese Frau? Ohne mir weitere Beachtung zu schenken oder auch nur einen Hauch Respekt den Gästen des Hauses gegenüber zu zeigen, stieß sie mich zur Seite, lief ins Zimmer und fiel Yumiko um den Hals.
    „Es ist ein Wunder“, meinte sie erfreut und drückte Yumiko an sich. „Ich kann es nicht fassen und habe schon fast nicht mehr daran glauben wollen. Du lebst! Kimiko, du lebst!“


    den rest werde ich irgendwannmal fertig schreiben.

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Chadur ( 53133 )
Abgeschickt vor 182 Tagen
Ich muss sagen das deine Story sehr spannend ist und einen die Gänsehaut bringt. Einige Rechtschreibfehler, aber das passiert jedem( keiner ist perfekt ) Lustig war es auch an manchen Stellen und das fand ich super. Also schreib bitte schnell weiter,wenn es möglich ist.
Sayuri Kurusu ( 92933 )
Abgeschickt vor 645 Tagen
man handy hat's
zu oft geschickt sorry
und dann auch nur die
Hälfte-.-
also nochmal:
bitte schreib weiter
beste Hidanstory ever
>\\\< ♡
eig. keine Fehler
Außer paar Recht-
schreib fehler
(passiert aber jedem :D)
schreib unbedingt weiter
*kekse hinstell*
lg Sayuri Kurusu♥
Sayuri Kurusu ( 92933 )
Abgeschickt vor 645 Tagen
bitte,
schreib schnell weiter.
Beste Hidanstory ever.
Bin süchtig nach der Story, >\\\
MarieUchiha ( 93216 )
Abgeschickt vor 780 Tagen
Bitte schreib weiter. Ich flehe dich an*auf knie fall und dich anfleh:,,Oh,große Celica,bitte schreib weiter."* Ich liebe deine FF. Das ist die schönste,die ich je gelesen habe. Kaum Fehler. Und...WOW! ich bin einfach sprachlos(was seeeeeeeehr selten vorkommt) Ich bon auch überzeugte Jashinisten und oßfere Insekten(mit Tachenmesser in Finger und Hand schneiden) Egal,was ich mache^^Du MUSSTbitte weiter schreiben,das ist ein Befehl des großen Jashin-sama. Lg Marie Uchiha
nuri ( 17661 )
Abgeschickt vor 1040 Tagen
die Geschichte ist unglaublich du must unbedingt weiter schreiben. Es ist sehr spannend und trotzdem lustig an einigen stellen. Ich hoffe das du bald weiter schreiben wirst.
Freu mich schon auf den nesten teil ; )
Anime-Fan ( 25325 )
Abgeschickt vor 1098 Tagen
Schreib weiter sonst weine ich. Du hast schon fast
zu spannend aufgehört, deshalb möchte ich das du
weiter schreibst. Diese Geschichte ist die beste die ich
in meinem ganzen Läben gelesen habe. Also bitte schreib
schnell weiter.