Mein Schicksal in Panem (1) - Jeder von uns ist sein eigener Teufel, und wir machen uns diese Welt zu Hölle (Oskar Wilde)

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6 Kapitel - 7.352 Wörter - Erstellt von: AllJustDestiny - Aktualisiert am: 2013-12-01 - Entwickelt am: - 3.155 mal aufgerufen- Die Geschichte ist fertiggestellt

Es sind die 66. Hungerspiele. Distrikt 6. Josy klaut von ihren Brüdern Morfix, um diese Droge mit ihren Freunden vor der Ernte einzuwerfen. Was danach geschieht, kann niemand erahnen. Doch es ist, als hätte der Teufel seine Hand im Spiel: Die Katastrophen nehmen ihren Lauf. Und schon bald findet sich Josy im Eingangsbereich der Hölle wieder - als Tribut von Panem inmitten der Hungerspiele!
(Die ersten 6 Kapitel von Josys Geschichte)

    1
    Willst du mit mir Drogen nehmen? Dann wird es rote Rosen regnen. – Alligatoah, Willst du

    Die Friedenswächter beobachteten mich mit aufmerksamen Augen, als ich durch die grauen Gassen von Distrikt 6 streifte. Es waren noch ungefähr anderthalb Stunden Zeit, bis die Ernte stattfand. Mein Herz hämmerte wie verrückt und ich zwang mich ruhig zu bleiben. Wenn ich nicht ruhig bleiben würde, würde ich anfangen zu schwitzen. Wenn ich schwitzen würde, hatte mir meine Mutter umsonst mit dem Make-up geholfen.
    Ich öffnete die Tür eines heruntergekommenen Hochhauses und lief die Treppen empor, um schließlich an einer Wohnungstür anzuklopfen.
    „Hey Josy. Wow, du siehst ja echt heiß aus“, kommentierte Ben mein Auftreten.
    „Leck mich“, erwiderte ich genervt um schob mich an ihm vorbei ins Zimmer.
    „Nur zu gerne“, lachte er und schloss die Tür hinter mir. Ich wusste, dass er mir auf den Hintern starrte. Auch egal. Ben verhielt sich gerne wie ein Schwein, insbesondere heute. Am Tag der Ernte durfte er das auch.
    Ich setzte mich auf das zerschlissene Sofa neben Shane. Gegenüber von uns saß meine beste Freundin Abby auf Tylers Schoß. Sie waren eng umschlungen und ich fürchtete, dass er ihr Gesicht noch aufessen würde.
    „Schon wieder?“, fragte ich Shane und zuckte mit einem Kopf in Richtung der beiden. Jedes verdammte Jahr auf's Neue. Abby und Tyler konnten nicht miteinander. Sie hatten es die beiden Jahre zuvor schon versucht. Am Tag der Ernte wurde ihnen wie durch ein Wunder klar, dass sie sich liebten, einer von ihnen gezogen werden könnte und das womöglich ihre letzte Chance wäre. In spätestens einem Monat waren sie dann wieder auseinander.
    „Hast du etwas anderes erwartet?“, fragte Shane mit einem halben Lächeln.
    „Macht dich das nicht an, Josy?“, fragte Ben und setzte sich auf meine andere Seite, um einen Arm um mich zu schlingen. „Was ist? Auch Lust ein bisschen zu knutschen?“
    Ich stieß seinen Arm weg.
    „Küss meinen Arsch, Ben!“, schlug ich ihm vor. Wie nicht anders zu erwarten grinste er.
    „Hört sich doch gar nicht so schlecht an. Wollen wir kurz in mein Zim…“
    „Benedict Fars!“, fuhr ich ihn an. „Beende diesen Satz und ich schlitz dir die Kehle auf! Dafür muss ich nicht mit dir in der Arena sein!“
    „Josy, du bist ja da!“, rief Abby, die mich erst jetzt bemerkt hatte.
    „Hast du den Stoff?“, fragte Tyler ohne Vorrede.
    „Ja“, antwortete ich. Absichtlich drehte ich mich von Ben weg, als ich mir in den Ausschnitt meines grauen Kleides griff. Shane hob die Brauen.
    „Wo sollte ich es denn sonst verstecken?“, fragte ich ihn. „Es ist Tag der Ernte! Die Friedenswächter rennen hier überall herum! Wenn sie mich angehalten hätten, dann hätten sie eine Tasche durchsucht, genauso wie Hosentaschen, wenn ich denn welche hätte!“
    Shane zuckte zustimmend mit dem Kopf, als ich die Drogen auf den Tisch vor dem Sofa warf. Morfix.
    Das Zeug war in Distrikt 6 weit verbreitet. Nachdem die Leute hier von ihrer Arbeit nach Hause kamen, erstickten sie die Rücken- und Gliederschmerzen, die durch die Bauarbeiten an Verkehrsmitteln entstanden waren, gerne durch die ein oder andere Tablette Morfix. Das Zeug war extrem stark und machte extrem abhängig. Noch nie hatte ich es genommen, obwohl es körperliche, sowie seelische Schmerzen ersticken sollte. Außerdem konnte es Halluzinationen verursachen.
    „Merken deine Brüder nicht, wenn die weg sind?“, fragte Shane vorsichtig.
    „Schiss?“, wollte Tyler wissen. „Wenn du einen Rückzieher machen willst, dann mach doch. Niemand zwingt dich, das Zeug zu schlucken.“
    „War nur eine Frage“, wich Shane aus.
    „Keine Sorge“, erwiderte ich mit bitterer Stimme. „Meine Brüder werden das nicht bemerken. So dicht, wie die andauernd sind, haben die noch nicht einmal bemerkt, dass Tag der Ernte ist.“
    Mein ältester Bruder war nun einundzwanzig. Er war abhängig geworden, als sein Freund bei den Hungerspielen draufgegangen ist. Da war er sechszehn gewesen, genau in meinem Alter. Mein anderer Bruder war nun neunzehn. Er war seit zwei Jahren süchtig, seit er angefangen hatte zu arbeiten. Nach dem Tod meines Vaters. Auch er war Morfixer gewesen. Allein meine Mutter war nicht abhängig. Sie würde mich wahrscheinlich umbringen, wenn sie wüsste, was ich vorhatte.
    „Das ist nicht dein Ernst“, mutmaßte Abby schockiert.
    „Sie werden nicht zur Auslosung erscheinen“, erzählte ich ihnen und meine Kehle schnürte sich bei dem Gedanken daran fest zusammen. Ich unterdrückte Tränen.
    „Wir sind ja alle da“, sagte Ben aufmunternd und schlang einen Arm um mich. Ich brachte ein Lächeln zustande, ehe seine Hand zu meinen Brüsten wanderte.
    „Ben, du Arsch!“, rief Shane und schlug seine Hand für mich weg. „Derartig taktlos!“
    „Wollen wir den Scheiß jetzt schlucken, oder nicht?“, hakte Tyler nach.
    „Wollen wir“, bestimmte Abby und nahm sich die Verpackung, um eine Tablette für sich und eine für Tyler herauszudrücken.
    „Wartet mal!“, rief Ben und sprang auf, um sich umzusehen.
    „Wir sind doch allein, oder?“, fragte ich vorsichtig.
    „Ja, klar“, versicherte er mir, schien gefunden zu haben, was er gesucht hatte und setzte sich wieder neben mich. Ich erkannte, dass es ein Messer war.
    „Wofür?“, fragte ich misstrauisch.
    Ben grinste und ließ das Messer lässig um seinen Finger kreisen, ehe er es wieder in der Hand hielt. Man kann ihm so einiges vorwerfen, dachte ich. Aber der Spruch „große Klappe, nichts dahinter“ trifft nicht auf ihn zu. Ben redete nicht nur, Ben handelte auch. Außerdem war er breitschultrig und muskulös, wenn auch nicht so groß wie Tyler und Shane. Doch er sah mit seinen dunklen Haaren und den noch dunkleren Augen gar nicht mal so schlecht aus.
    „Ich dachte mir“, sagte er nun, „dass es doch sinnlos wäre ein Schmerzmittel zu schlucken, ohne Schmerzen zu haben.“
    „Was?“, fragte Shane in dem Moment, in dem Ben ihm das Messer in den Oberschenkel rammte. Ich schrie auf, ebenso wie Shane. Sein schmales Gesicht verzog sich vor Schmerz, als er die gesamte Wohnung niederbrüllte und mit seinen großen Händen sein Bein umklammerte.
    „Zieh es raus!“, rief er. „Zieh es da raus!“
    Ben reagierte nicht, also packte ich den Griff des Messers und zog die Klinge aus Shanes Bein. Seine Hose färbte sich dunkel, als das Blut aus der Wunde quoll.
    „Du Missgeburt!“, brüllte er nun zornig und stürzte sich auf Ben. Er rang ihn zu Boden, hielt mit einer Hand seinen Hals fest, ballte die andere zur Faust und schlug ihm ins Gesicht. Ben stieß ihn von sich herunter, Shane trat auf dem Boden liegend mit seinem unverletzten Bein nach ihm.
    „Lasst den Scheiß!“, schrie ich.
    „Jungs! Hört auf!“, kam Abby mir zur Hilfe.
    Sie taten uns den Gefallen. Ben sprang auf die Beine und auch Shane richtete sich mühsam auf und humpelte mit angespanntem Kiefer zu uns herüber.
    „Gib mal her“, forderte Tyler nun und nahm das Messer von Ben entgegen.
    „Tyler, nicht…“, begann Abby, doch Tyler hatte sich das Messer schon in den linken Unterarm gerammt. Er fluchte, biss die Zähne zusammen und zog das Messer mit einer bebenden Hand aus seinem Körper.
    „Das ist unnötig!“, schrie Abby ihn an. Tyler antwortete, indem er sie küsste. Ich wusste, er hatte es getan, um sie zu beeindrucken. Kein Wunder. Mit ihren braunen Haaren, der Modelfigur und der glatten, reinen Haut war Abby eine wahre Schönheit.
    Ben beugte sich vor und nahm sich das Messer wieder, um es mir zu reichen.
    „Was soll ich damit?“, fragte ich.
    „Komm schon!“, lachte er. „Ich weiß, dass du mich schon immer mal abstechen wolltest!“
    „Du bist krank!“, fuhr ich ihn an.
    „Bitte, Josy!“, flehte er.
    „Ich mach's“, bot Shane wütend an.
    „Du würdest mich umbringen“, erwiderte Ben. „Los, Josy. Stich zu! Gleich spüre ich sowieso nichts mehr!“
    „Der ganze Scheiß, von wegen high zur Ernte zu gehen, war eine Drecksidee!“, rief Abby. „Jungs! Lasst das bitte!“
    „Du willst das wirklich?“, überging ich sie und schaute Ben ernst an. Er nickte und zog sein Oberteil aus, um es nicht kaputt zu machen. Ich hielt das Messer fest und schnitt ihm quer über die Brust. Er atmete zischend ein und krümmte sich kurz, ehe er sich zusammenriss und mir das Messer wegnahm.
    „Was ist mit dir, Abby?“, fragte er nun.
    „Du fasst sie nicht an!“, warnte Tyler ihn sofort und zog sie an sich.
    „Ihr kranken Masochisten!“, grummelte ich gerade verständnislos, als Ben mir mit seinem Messer über meinen Oberarm schnitt. Ich schrie auf und schlug ihm ins Gesicht.
    „Du bist so ein geisteskranker, minderbemittelter Vollidiot!“, kreischte ich und schluchzte auf.
    „Morfix?“, bot er mir an.
    „Leck mich!“, schrie ich.
    Ben schüttelte amüsiert den Kopf, legte sein Messer zur Seite und holte eine Tablette aus der Verpackung, um sie mir in den Mund zu schieben. Instinktiv schluckte ich. Auch Abby und Tyler schluckten ihre und Shane und Ben nahmen sich eine.
    „Auf Panem“, sagte Shane sarkastisch, bevor er sie einwarf.
    Ich schloss die Augen. Mein Herz hämmerte mir bis zum Hals. Ich spürte gar nichts. Nur den Schmerz an meinem Arm, der sich brennend und stechend von Sekunde zu Sekunde verschlimmerte. Schmerzlinderndes Medikament? Sicher! Funktionierte ja ausgezeichnet!
    Etwas benommen lehnte ich mich auf dem Sofa zurück. Hoffentlich wurde mein Kleid nicht völlig mit Blut beschmiert! Ben, dieses Arschloch!
    Plötzlich spürte ich etwas. Der Schmerz in meinem Arm ließ nach. Ich stöhnte leise, als das Brennen nachließ. Das heftige Stechen wurde immer schwächer, bis es sich in Luft auflöste. Ich lächelte. Was für ein schönes Gefühl!
    Ich schlug die Augen auf. Bis auf den schwindenden Schmerz bemerkte ich keine Wirkung. Halluzinationen blieben aus. Ich konnte auch noch klar denken und scharf sehen.
    Gegenüber von mir hatten Abby und Tyler wieder mit dem Knutschen angefangen, während Shane links von mir die Augen geschlossen und sich lächelnd zurückgelehnt hatte. Ben musterte mich. Seine Pupillen waren leicht geweitet.
    „Spürst du was?“, fragte ich ihn.
    „Weder Schmerz, noch irgendeine andere Wirkung“, erklärte er.
    „Deine Augen sehen etwas verschwommen aus“, bemerkte ich nachdenklich.
    „Tatsächlich?“, fragte er. „Deine sind so schön wie immer.“
    „Da läuft nichts zwischen uns, Ben!“, erinnerte ich ihn. Shane gluckste, doch er schlug die Augen nicht auf.
    Tyler stöhnte, als Abby sich über ihn kniete und seinen Hals küsste.
    „Nehmt euch ein Zimmer!“, rief ich und war doch überrascht, dass die beiden sich das nicht zweimal sagen ließen. Im nächsten Moment waren sie schon verschwunden.
    „Die Zeit vergeht schneller, kann das sein?“, fragte ich und beobachtete die Uhr an der Wand, deren Zeiger über das Ziffernblatt rauschte.
    „Das ist so cool“, murmelte Ben. Ich sah zu ihm und erkannte, dass er mich gar nicht wahrgenommen hatte. Stattdessen stocherte er mit seinem Messer in seiner Haut herum und begutachtete, wie das Blut aus den Wunden seines nackten Oberkörpers quoll.
    „Lass das!“, mahnte ich ihn und nahm ihm das Messer weg, ehe er es sich noch in den Bauch rammte und lebenswichtige Organe verletzte. Mein Blick fiel auf Shane und ich schüttelte sanft seine Schulter.
    „Bist du tot?“, fragte ich besorgt.
    Er brummte genervt und schlug meine Hand mit einer schwachen Bewegung weg.
    „Der Typ ist voll weggetreten“, meinte Ben und schaute an mir vorbei auf Shane. „Komisch. Ich spür gar nichts.“
    „Wird ja auch nicht bei jedem gleich wirken“, vermutete ich.
    „Wie fühlst du dich?“, wollte er wissen.
    „Irgendwie ein bisschen außer Gefecht gesetzt“, gestand ich und fasste mir an den Kopf.
    „Bisschen benommen, oder?“, fragte Ben grinsend. Ich nickte.
    „Komm her“, sagte er sanft und lehnte sich zurück, um mich an sich zu ziehen. Ich lehnte mich an seiner Schulter an und achtete darauf mich nicht an seinem oder meinem Blut schmutzig zu machen.
    „Bei dir müsste es eigentlich viel stärker wirken“, murmelte er.
    „Wieso?“, fragte ich.
    „Weil du so klein bist“, antwortete er. „Und ich dir zwei Tabletten reingeschoben hab.“
    „Dein Ernst?“, wollte ich eigentlich entsetzt rufen, doch stattdessen nuschelte ich es bloß.
    „Ja“, sagte er gelassen. „Ich muss dich doch irgendwie rumkriegen.“
    „Und das machst du mit Schmerztabletten?“, kicherte ich und blinzelte. Als ich die Augen nun wieder aufschlug, war alles viel heller. Die graue Wohnung schien zu strahlen, als würde die Sonne gleich neben uns scheinen.
    „Schade, dass ich dich bloß noch verschwommen sehe“, murmelte er.
    „Schade, dass du ein Arsch bist“, erwiderte ich.
    „Ein sexy Arsch, den du ausgesprochen gern hast“, erinnerte er mich. Er kam mit seinem Gesicht etwas näher. Ich zog die Augenbrauen zusammen und strich durch seine Haare, sah in seine Augen. Alles war hell geworden, nur sie blieben dunkel. So dunkel…
    „Ist was?“, fragte er.
    „Dein Gesicht ist so hell“, flüsterte ich verständnislos. „Alles ist so hell, nur deine Augen…“
    Weiter kam ich nicht, denn er küsste mich. Ich versuchte ihn fortzuschieben, doch inzwischen war ich so schwach, dass er es wahrscheinlich gar nicht bemerkte. Doch auch ich spürte seine Lippen, seine Berührungen kaum. Ben biss mir in die Lippe, biss mir auf die Zunge und für den Bruchteil einer Sekunde merkte ich es kurz, ehe sofort alles in dieser Gefühlslosigkeit erstickte.
    „Ich will dich, Josy“, raunte er mir zu.
    „Das ist eine dumme Idee“, murmelte ich. Erst, als ich herabsah, merkte ich, dass seine Hände unter mein Kleid gegriffen hatten. Merkwürdig. Davon spürte ich gar nichts. Ebenso wenig, wie ich seine Lippen spürte.
    „Josy?“ Verwirrt sah ich auf und erkannte, dass Abby und Tyler aus einem der Zimmer getreten waren. Sie hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten und Tyler hatte Mühe sie zu stützen. „Was tust du denn da? Ben! Lass sie in Ruhe!“
    „Leute, wir müssen langsam los“, machte Tyler uns mit einem Blick auf die Uhr aufmerksam.
    „Scheiße“, murmelte Ben und ließ mich sitzen, um zu einem Küchenregal zu torkeln, während Tyler Shane weckte, der eingeschlafen war.
    „Was ist los?“, murmelte er und blinzelte verschlafen.
    „Wir müssen zur Ernte“, murmelte ich und kroch von dem Sofa hinunter, wo ich gleich auf den Boden brach.
    „Gib mir deinen Arm“, hörte ich Bens Stimme. Ich musste die Augen öffnen, um zu bemerken, dass er mir den Arm verband. Abby versorgte Tylers Wunde, während Ben sich nun aufrichtete und seine Brust verband. An Shanes Hose war jedoch nichts mehr zu verstecken.
    „Wenn dich jemand fragt, hast du bei der Arbeit einen Unfall gehabt“, riet Abby ihm.
    „Ben, ich hasse dich“, murmelte dieser und stand schwankend auf.
    Alles leuchtete, alles war so hell.
    „Komm, Josy“, forderte Ben mich auf und nahm meine Hand, um mich auf die Beine zu ziehen.
    „Ich will nicht“, nuschelte ich. Alles war hier so schön warm und hell! Ich wollte liegen bleiben!
    „Komm schon!“, rief Shane und ächzte, als er mich mit Ben auf die Beine zog oder es zumindest versuchte. Ich spürte gar nichts mehr. Ich konnte meine Beine nicht einmal mehr aufrecht halten. Abby zog den Rock meines Kleides nach unten. Ich hatte nicht einmal gemerkt, dass Ben ihn mir die Hüften hochgeschoben hatte.
    „Komm her“, sagte dieser nun und nahm mich vorsichtig auf den Arm. Ich lehnte mich an seiner Brust an. Wann hatte er denn sein Hemd wieder angezogen? Ich schloss die Augen. Alles war zu hell…
    „Verdammt“, murmelte Tyler. „Was machen wir denn jetzt mit ihr?“
    „Wir nehmen sie mit zur Ernte“, beschloss Shane. „Was bleibt uns anderes übrig?“

    2
    Kapitel 2


    And she doesn't want to cry, but she probably will - Marc Cohn, She's becoming gold

    „Josy! Josy, mein Engel! Was ist mit dir?“
    „Mami?“, fragte ich verwirrt, als ich plötzlich ihre Stimme hörte. Was machte sie denn in Bens Wohnung?
    „Josy?“ vorsichtig beugte sie sich über mich und strich mir Haare aus dem Gesicht.
    „Mami, du leuchtest“, murmelte ich. „Was machst du hier?“
    „Du bist eingeschlafen“, erklärte Ben, der mich noch immer trug. „Wir sind da, Josy.“
    „Oh“, murmelte ich, als meine Mutter mein Kinn packte und mich zwang ihr direkt in die Augen zu sehen. Das Licht blendete mich.
    „Sag mir, dass das nicht dein Ernst ist, Josy“, hauchte sie entsetzt.
    „Es tut mir leid“, nuschelte ich schwach. „Es tut mir echt, echt furchtbar leid. Ich wollte auch gar nicht zwei nehmen. Ich wollt eine nehmen.“
    „Ihr auch?“, fragte sie nun die anderen.
    „Nicht so viel“, sagte Shane.
    „Ich hab ihr die zwei gegeben“, gestand Ben so kleinlaut, wie ich ihn nie gehört hatte. Ich blinzelte und fragte mich, wieso denn niemand das Licht abstellte.
    „Was ist nur in euch gefahren? Wie kommt ihr nur auf diese idiotische Idee…“ Sie unterbrach sich mitten im Satz und atmete tief durch. „Josy, kannst du stehen?“
    „Ja“, antwortete ich ohne nachzudenken. Ben setzte mich vorsichtig ab und ich schaffte es zu stehen, indem Shane mich stützte.
    „Abby, geh bitte mit ihr zu den anderen. Nach der Auslosung kommst du sofort zurück zu mir, Josy! Wir gehen nach Hause und du schläfst dich aus. Ich möchte nicht noch einmal, dass du diesen Stoff nimmst. Aber da reden wir später drüber.“
    Ich nahm unterschwellig wahr, wie sie mich an sich drückte und meinen Kopf küsste.
    „Ich liebe dich, mein Engel. Viel Glück.“
    „Ich liebe dich auch“, raunte ich ihr zu. Im nächsten Moment verschwand sie im Licht.
    „Reiß dich bitte zusammen“, flehte Abby mich an. Ich sah meine Freunde an. Shane blinzelte verschlafen, Tyler sah merkwürdig ausdruckslos aus und Abbys Kleid war blutverschmiert. Ben schien wohlauf zu sein.
    Gemeinsam mit Abby registrierten ich mich bei den Sechszehnjährigen, während Ben und Tyler zu den siebzehnjährigen Jungs und Shane zu den Sechszehnjährigen ging. Abby führte mich mit sich und schließlich blieben wir zusammen stehen. Ich war klein genug, um von den Mädchen vor uns größtenteils verdeckt zu werden. Die Kameras würden mich kaum einfangen.
    Ich merkte kaum, wie die Zeremonie losging. Nur immer weiter auf den Beinen bleiben, erinnerte ich mich krampfhaft, doch das war leichter gedacht, als getan. Wäre Abby nicht bei mir, wäre ich umgefallen. Ich war so müde und geschafft. Die Bühne erstrahlte in einem Licht tausender Sonnen und war zu grell, als dass ich sie hätte angucken können.
    „Ich bringe Ben um“, grummelte Abby zornig. „Nach der Auslosung schlitze ich ihn der Länge nach auf!“
    „Tut mir leid“, sagte ich.
    „Du wolltest doch gar nicht so viel einwerfen“, widersprach sie leise und beruhigend.
    Ich bemerkte den Blick anderer Mädchen auf mir und schloss die Augen. Alles war so still, außer die verschwommenen Stimmen, die von der Bühne aus zu uns herüberhallten. Es schien kein Ende nehmen zu wollen. Das war die längst Ernte, auf der ich jemals war. Die Vorstellung etwas verpeilt und high hier zu erscheinen war vielleicht lustig gewesen. Aber das? Es war schrecklich. Ich konnte mich kaum halten, war so müde, wollte einschlafen und es zog und zog und zog sich in die Länge…
    Abbys Körper versteifte sich. Ich sah sie verwundert an. Sie zitterte. Hatte sie Tränen in den Augen? Wieso stieß sie mich an? War es vorbei? Konnten wir nach Hause gehen? Durfte ich jetzt schlafen?
    Trat einen Schritt nach vorne, als Abby mich drückte. Die Hände von Mädchen griffen meine Schultern und schoben mich weiter. Ich trat in die Richtung, die sie mir wiesen, bis die Hände verschwanden. Niemand war nun mehr neben mir, außer die Männer in der hellen Uniform. Friedenswächter. Ich ging an ihnen vorbei. Meine Mutter würde mich abholen und dann konnten wir endlich nach Hause, dann konnte ich schlafen.
    Wo kam denn die Treppe her? Ich kämpfte mich verständnislos die Stufen hinauf und wandte mich um. Wo war ich? Wieso waren da so viele Leute? Wieso starrten sie mich an?
    Ich hörte eine Stimme neben mir. Verstört bemerkte ich, dass mir etwas unter die Nase gehalten wurde. Ein Mikrofon?
    „Was ist hier los?“, fragte ich verwirrt und kniff die Augen zusammen, um bei dem Licht besser sehen zu können.
    „Willst du uns irgendetwas mitteilen?“, wiederholte die Frau mit dem Mikro ihre Frage liebenswert.
    „Nein“, antwortete ich. „Wer sind Sie eigentlich?“
    Die Menge flüsterte, einige lachten leise. Ich hatte die Frau offensichtlich verstört.
    „Entschuldigen Sie“, murmelte ich und sah sie benommen an. „Kennen wir uns? Oder… Was ist hier eigentlich los? Wieso starren mich alle an?“
    Mit offenem Mund wandte sie sich an den Mann neben sich, der sich nervös umblickte. Ich sah auf meine Füße, sah auf die Treppe vor mir, das Mikro, die Menge…
    „Nein“, flüsterte ich schwach. Ich verstand und mein Magen zog sich heftig zusammen. Tränen stiegen in meine Augen, ohne dass ich es verhindern konnte. Ich war gezogen. Jetzt war es zu spät, um sich zu verstecken oder herauszureden. Alle hatten sie gemerkt, dass ich auf Drogen sein musste. Ein Skandal! Verflucht! Ich war erledigt! Jetzt war alles aus! Aus und vorbei!
    „Wie alt bist du, Josephine?“, überspielte die Tante vom Fernsehen das alles nervös lächelnd.
    „Sechszehn“, murmelte ich.
    „Einen riesen Applaus für unsere Tributen für die sechsundsechzigsten Hungerspiele, Miss Josephine Greyheart!“, rief sie.
    Einige Sekunden lang herrschte Stille. Dann erhob sich ein Händepaar nach dem anderen, um zu klatschen.
    „Kommen wir nun zu den Jungen“, sagte sie hastig, als könnte sich nicht schnell genug zu den Jungen kommen und spurtete zu dem riesigen Glas, um einen Zettel herauszuziehen.
    „Benedict Fars“, hörte ich sie schon in meinem Kopf sagen. „Shane Rolands. Tyler MacRoy.“
    Auf den Beinen bleiben, erinnerte ich mich. Verdammt, und halte die Tränen zurück! Doch es ging nicht. Sie strömten ohne Einhalt über meine Wangen.
    „Kendrick Tucker“, rief die Frau ins Mikrofon. Ich schämte mich nur noch mehr, als ich erleichtert war, dass es wenigstens niemanden meiner Freunde getroffen hatte.
    Ein Junge trat nach vorne. Groß und breitschultrig war er. Die braunen Haare waren zerzaust und hingen ihm ins Gesicht, sodass sie seine leuchtend grünen Augen beinahe verbargen.
    „Wie alt bist du, Kendrick?“, fragte sie ihn.
    „Siebzehn“, antwortete er mit fester Stimme, doch selbst die Haare in seinem Gesicht konnten seine Anspannung nicht ganz verbergen. Selbst nicht vor mir und ich war völlig weggetreten.
    „Willst du irgendetwas sagen?“, wollte die Dame wissen.
    „Auf dass Distrikt 6 mal wieder einen Sieger hat! Die sechsundsechzigsten Hungerspiele! Das wird unser Jahr!“, rief er ins Mikrofon und hielt es dann wie ein Sieger nach oben. Die Menge jubelte auf und applaudierte tosend.
    „Gibt es irgendwelche Freiwilligen?“, fragte die Tante nun.
    Ich sah mich verzweifelt um. Das war meine letzte Chance! Bitte! Irgendjemand! Nein?
    „Niemand“, seufzte sie nun. „Na schön. Tribute, gibt euch die Hand!“
    Kendrick Tucker streckte mir die Hand hin und ich hielt ihm die meine entgegen. Er ergriff sie und schüttelte sie so abrupt, dass meine schwachen Beine nachgaben. Blitzschnell packte er mir unter den Arm und hielt mich aufrecht. Scheiße, dachte ich schon. Jetzt blamiere ich mich auch noch, indem ich mich vor allen Leuten von dem anderen Tribut auffangen lasse!
    Doch er zog mich an sich, ehe jemand bemerken konnte, dass etwas merkwürdig war. Um mein Fallen und sein Eingreifen zu überspielen, hob er mich hoch und setzte mich auf eine seiner breiten Schultern, um mich mit einem Arm zu halten und dem anderen zu winken. Auch ich riss mich nun zusammen und winkte lächelnd. Distrikt 6 tobte. Der Applaus wollte nicht aufhören, selbst dann nicht, als er mich herunterließ und mich an sich drückte. Ich wusste, er wollte vorsorgen, damit ich nicht noch einmal fiel.
    „Alles okay?“, raunte er mir leise zu.
    „Geht schon. Danke“, flüsterte ich.

    3
    Friends they come and friends they go, nothing really lasts forever – Stella Getz, Friends

    „Maaamaaaaaaa!“ Heulend schlang ich die Arme um sie und konnte nicht mit dem Schluchzen aufhören. Wir befanden uns in einem schönen Zimmer im Rathaus. Sie hielt mich fest, wir hatten uns nichts mehr zu sagen. Sie wusste, dass ich sie liebte. Mehr als alles andere. Und ich wusste, dass sie mich liebte und mehr litt als ich.
    „Mama? Kommen… Kommen…“ Ich brachte die Frage, ob meine Brüder kommen konnten, nicht hervor. Meine Mutter zögerte, dann schüttelte sie schließlich den Kopf. Ich vergrub mein Gesicht in ihrem Kleid und weinte. Alles wurde immer schlimmer! Nicht einmal meine Brüder konnte ich mehr sehen, nicht einmal für diesen Tag hatten sie nichts einwerfen können!
    Nach meiner Mutter kamen Abby, Shane, Tyler und Ben. Sie setzten sich zu mir auf das Sofa und umarmten mich alle zusammen.
    „Lebt wohl“, flüsterte ich leise.
    „Sag das nicht!“, schluchzte Abby.
    „Du kannst das“, sagte Tyler. „Du machst das! Du bist schnell.“
    „Du bist geschickt“, ergänzte Shane.
    „Du bist wunderschön und die Sponsoren werden dich lieben“, versicherte Ben mir. Ich lachte unter Tränen.
    „Ich habe nicht einmal eine Waffe, die ich benutzen kann“, gab ich zu bedenken.
    „Du kannst wunderbar mit Messern umgehen“, widersprach Abby mir. So geschickt, wie du bist. Du musst sie nur werfen lernen. Vielleicht bist du nicht besonders stark und kannst mit Äxten und Schwertern nicht umgehen. Aber niemand macht dir im Stehlen, Laufen und Verstecken etwas vor.“
    „Ich liebe euch, Leute“, flüsterte ich.
    Abby fiel mir zum Abschied um den Hals, Tyler und Shane drückten mich an sich. Ben kam auf mich zu und nahm mein Gesicht in seine Hände, um mir einzuschärfen: „Ich weiß, ich habe dich immer wie ein Stück Fleisch behandelt. Aber du bist mir wichtig. Du bist meine beste Freundin, obwohl du scharf bist. Ich hoffe, dass du gewinnst. Und wenn nicht, dann wird es nicht…“ Er biss sich kurz auf die Lippe, um sich zusammenzureißen, ehe er weitersprach. „Dann wird es nicht dein Körper sein, den ich vermisse. Es wird deine freche Art sein, deine taffen Sprüche und deine verrückten Ideen. Du bist meine beste Freundin!“
    Er küsste mich und diesmal war es nicht Morfix, das mich den Kuss erwidern ließ. Ich presste mich an ihn und wollte ihn für immer festhalten. Es war kein Akt der Liebe. Er war einer der wichtigsten Menschen für mich, wie ich es für ihn war. Und allein, um uns das zu zeigen, küssten wir uns.

    4
    I'd sail across the ocean, I'd walk a hundred miles, if I could make it to the end - Iron Maiden, Childhood's end

    Der Zug, der uns in das Kapitol bringen sollte, war einer der besten, die aus unserem Distrikt kamen. In meinem Abteil sah ich mich um und entdeckte einen Schrank. Ich wollte aus dem grauen, tristen Kleid heraus und so öffnete ich die Tür. Die Wirkung des Morfix hatte sich weitestgehend verflüchtigt, nachdem ich im Zug etwas geschlafen hatte. Ich zog ein rotes Kleid hervor und zog es mir an. Es war oben eng geschnitten, der Rock war weit. Die dünnen Träger schnitten ein wenig in meine Schultern, doch das ignorierte ich. Ich löste die Hochsteckfrisur und schminkte mich völlig ab, ehe ich das Abteil wechselte.
    „Hey“, sagte Kendrick, der auf dem Sofa saß und den Fernseher betrachtete.
    „Hey“, sagte ich und setzt mich zu ihm. „Was du bei der Auslosung getan hast… ich weiß nicht, wie ich dir jemals danken soll!“
    „Lass stecken“, wehrte er ab und strich die Haare aus seinem Gesicht, als er mich ansah. „Du kannst mich übrigens Rick nennen.“
    „Und du mich Josy“, erwiderte ich und reichte ihm zur Begrüßung noch einmal die Hand. Er schüttelte sie absichtlich so vorsichtig, dass ich lachen musste.
    „Geht es dir besser?“, fragte er nun.
    „Ja“, antwortete ich knapp. Er musterte mich misstrauisch.
    „Du siehst nicht aus wie ein Morfixer“, stellte er nun fest. „Jetzt jedenfalls nicht mehr. Du siehst zu gesund aus.“
    „War ja auch einmalig. Wir dachten uns, es wäre erträglicher bei der Ernte zu gedröhnt zu sein. Mein Freund hat mir zu viele Tabletten in den Mund geschoben“, erzählte ich ihm.
    „Dein Freund?“, wiederholte er.
    „Guter Freund“, korrigierte ich mich, als ich merkte, wie sich das anhörte.
    „Du bist ganz schön gut gewesen, da auf der Bühne. Die Leute lieben dich jetzt schon“, gab ich zu.
    „Du aber nicht.“ Ich fuhr herum. Hinter der Couch stand ein Mann und sah uns mit strengen Augen an. Vincent Brookstone, fiel mir sofort auf. Er war der Sieger der neunundfünfzigsten Hungerspiele. Damals war er gerademal vierzehn Jahre alt gewesen. Er war eine Legende. Nun müsste er gerade erst einundzwanzig sein. Er sah schon etwas älter aus. Seine reifen Gesichtszüge und seine weisen, grauen Augen taten einiges dafür. Seine Wangen waren eingefallen, sein Gesicht markant, die Haare kurz und rabenschwarz. Inzwischen war er groß und Kräftig. Blaue Venen traten unter seiner Haut hervor, als seine Arme sich auf die Lehne des Sofas stützte.
    „Ja. Tut mir leid“, murmelte ich.
    „Entschuldige dich nicht bei mir. Ich hab schon gewonnen“, erinnerte er mich. „Du bist am Arsch. Dein schlechter Eindruck konnte gerade noch ein wenig von Kendrick wettgemacht werden. Aber verlass dich drauf: Beim Kapitol bist du jetzt schon unten durch. Die werden dich wie eine Ratte ansehen, wenn ihnen nicht spektakulär das Gegenteil beweist.“
    „Und wie?“, fragte ich nervös.
    „Das ist dein Problem, meine Liebe“, erwiderte er.
    „Genau“, stimmte ihm jemand zu. Die Tante von der Bühne stand bei uns. Nun erinnerte ich mich auch wieder an ihren Namen: Florence Windshire. Sie leitete die Fernsehshow jedes Jahr und war verantwortlich für den Ruf der Tribute und des Distrikts. Verdammt, und ihre Augen glühten wie die eines zornigen Drachens. Gleich würde sie Feuer speien! Oh Gott, sie musste mich hassen! „Und du kannst meine Hilfe schon einmal vergessen! Ich wusste genau, wieso ich das dieses Jahr nicht machen wollte! Die sechsundsechzigsten Spiele in Distrikt sechs! Sechs, Sechs, Sechs! Satan hat uns alle befallen! Wir werden das nie wieder hinbekommen! Du!“ Sie beugte sich zu mir hinunter und funkelte mich zornig an. „Du hast uns alle ein Ticket für die Hölle reserviert!“
    „Ein Ticket für die Hölle?“, wiederholte ich fasziniert.
    „Ja, ein Ticket für die Hölle!“, schrie sie.
    „Das ist genial“, murmelte ich. „Das könnte hinhauen.“
    „Was?“, fragte Vincent Brookstone.
    „Wir machen das Jahr zu unserem Jahr“, erklärte ich ihm. „Florence hat Recht. Die sechsundsechzigsten Hungerspiele, Distrikt sechs. Es ist so furchtbar einfach!“

    5
    I'm on a Highway to Hell! – ACDC, Highway to Hell


    “Au. Au. AU!”, kreischte ich, als jeder an mir herumzupfte. Besonders das Augenbrauenzupfen tat weh.
    „Tut mir leid, aber von uns bekommst du kein Morfix!“, machte einer der Stylisten vom Kapitol mich aufmerksam.
    „Haha“, sagte ich trocken.
    „Jetzt sei nicht so undankbar!“, fuhr mich meine Chefstylistin an. Ich mochte sie nicht. Sie war lang gewachsen, weiße Haare, Gesicht merkwürdig operiert und die Lippen viel zu groß. „Wegen dir habe ich das komplette Outfit neu entwerfen müssen!“
    „Weil meine Idee besser war, als sich als Motorgetriebe zu verkleiden!“, fuhr ich sie an.
    Sie schwieg und begutachtete meinen nackten Körper und meine blonden, lockigen Haare, die sie offen lassen wollte. Dann schmiss sie mir ein Bündel schwarzen Stoff gegen die Brust.
    „Und was ziehe ich über die Unterwäsche?“, fragte ich, als ich angezogen hatte, was sie mir gegeben hatte. Das schwarze, trägerlose Top war vorn zusammengeschnürt und hatte unheimliche Ähnlichkeit mit einem Korsett. Die Hose - wenn man sie überhaupt so nennen konnte - war kaum vorhanden, so knapp war sie.
    „Das ist keine Unterwäsche. Mehr bekommst du nicht“, erklärte sie.
    „Was?“, schrie ich. „Nein! Ich fahr doch nicht auf einem Wagen durch das Kapitol, als hätte der Präsident mich als Domina bestellt!“
    „Wir wollen doch nur, dass du Aufmerksamkeit bekommst“, erwidert sie.
    „Und was soll das?“, fragte ich und zupfte angewidert an dem Oberteil herum.
    „Dein Bauch ist nicht der schönst, aber dein Busen sieht gut aus. Deswegen das Oberteil“, zickte sie mich an, während die anderen mir einen Umhang anzogen, wie den von Dracula, nur dass sie ihn ebenfalls an meinen Armen und Händen befestigten. Wieso nicht gleich eine Peitsche?, dachte ich verbittert.
    Immerhin würde es Ben gefallen, schoss es mir plötzlich durch den Kopf und ein Lächeln huschte über meine Lippen.
    Ich wurde hinausgeschoben und in einen Raum zu den anderen Tributen verfrachtet. Mir blieb jedoch keine Zeit, mich umzusehen. Ich wurde sofort zu Rick geführt. Seine braunen Haare waren nach hinten gegelt, sodass man sein doch recht anschauliches Gesicht sehen konnte. Doch mein Blick galt seiner Kleidung.
    „Euer Ernst?“, fragte ich wütend und wies auf seinen Anzug, der seinen Körper bis auf den Kopf komplett bedeckte.
    „Nett“, kommentierte er, als er mich sah. Ich schnitt ihm eine Grimasse.
    Zusammen stiegen wir auf den Wagen.
    „Ihr wisst, was ihr zu tun habt?“, fragte unser Mentor Vincent Brookstone uns.
    „Klar“, antwortete ich und Rick nickte zustimmend.
    Danach wechselten wir kein Wort mehr miteinander. Die Wagen setzten sich einer nach dem anderen in Bewegung. Als unserer dran war und durch das Tor fuhr, winkten wir dem Kapitol, dass sich auf beiden Seiten der Zufahrt auf Rängen angefunden hatte, zu. Distanziert wie alle anderen standen wir da. Einige Zuschauer sah ich verwirrt miteinander flüstern, als unser Wagen vorbeifuhr. Ich wusste, was sie dachten: Nicht besonders spektakulär. Und was hat das mit Distrikt 6 zu tun?
    „Jetzt“, zischte ich Rick zu, als alle Wagen auf dem Weg waren.
    Er reagierte sofort, stellte sich vor mich, kniete sich hin und hob mich auf seine Schultern. Ich beugte mich nach vorn, sodass er mir zwei riesige Teufelshörner aufsetzen konnte, dann richtete er sich auf und mit einem Schwung breitete auf seinen Schultern sitzend ich die Arme aus. Der Umhang spannte sich wie ein Segel im Fahrtwind und glättete, sodass er bald die Form von Flügeln einer Fledermaus angenommen hatte. Die Zuschauer schreien begeistert auf und klatschten.
    „DAS IST UNSER JAHR!“, brüllte Rick so laut er konnte und übertönte die Menge.
    „DIE SECHSUNDSECHZIGSTEN HUNGERSPIELE GEHÖREN DISTRIKT SECHS!“, schrie ich.
    „SECHS, SECHS, SECHS!“, riefen wir im Einklang.
    „Hey, Tribute!“, brüllte Rick und tatsächlich drehten sich die Tribute aus Distrikt 5 nach uns um. „WIE HABEN EUCH EUER TICKET FÜR DIE HÖLLE RESERVIERT!“

    „Das. War. Episch“, stieß ich stockend hervor, als ich Rick in unserer Sweet wiedertraf.
    „Das war grandios!“, rief er, hob mich hoch und wirbelte mich herum. „Wir sind ein klasse Team!“
    „Das war wundervoll!“, schrie Florence und stöckelte aufgeregt auf uns zu. „Jeder hat nur auf euch geachtet! Das wird in Erinnerung bleiben!“
    „War das nicht vom religiösen Standpunkt aus etwas inkorrekt?“, gab ich nun jedoch zu bedenken.
    „Religiöser Standpunkt!“, schnaubte unser Mentor verächtlich und hielt uns die Hand zu einem Highfive hin. Beide schlugen wir ein. „Wie würde Gott es sehen, vierundzwanzig Kinder in eine Arena zu schicken und sie zu zwingen sich gegenseitig zu töten? Das sind die Hungerspiele! Und ihr habt euch verdammt noch mal hervorgehoben!“
    „Auf direktem Weg zur Hölle!“, rief ich und hüpfte aufgeregt auf und ab.
    „Und das mit bester Laune!“, ergänzte Rick, packte meine Hände und tanzte mit mir durch den Raum.
    „Das war aber noch längst kein Sieg!“, mahnte Vincent uns.
    „Doch!“, rief Rick. „Für heute war es ein Sieg!“

    6
    Cause life's a bitch and then you die – Eminem, Down for me

    „Unterschätzt die Überlebenstaktiken nicht! Die meisten von euch werden an natürlichen Ursachen sterben! Ich rate euch DRINGEND…“
    „Was ist deine Stärke?“, fragte ich Rick, als der Typ vor uns sich zum tausendsten Mal wiederholte. Es war unser erster Trainingstag und diese Kapitol-Futzis dachten ernsthaft, wir hätten nichts Besseres zu tun, als uns von ihnen volllabern zu lassen?
    „Schwert“, antwortete Rick. „Und deine?“
    „Weglaufen“, sagte ich. Rick gluckste und hinter uns hörte ich ein Kichern. Als ich mich umwandte, entdeckte ich eine Tributin, etwa ein Jahr jünger als ich. Erschrocken, dass ich sie nun ansah, wandte sie sich dem Boden zu, sodass ihre schwarzen Locken ihr vor das Gesicht fielen.
    „Schwert also?“, fragte ein großer blonder Junge, der es anscheinend ebenfalls satt hatte zuzuhören und lehnte sich zu Rick herüber. „Lust auf kleines Duell? Was ganz Harmloses.“
    „Distrikt 1, nicht wahr?“, fragte Rick ihn. „Dein Name ist Derek, oder? Karriero?“
    „In der Tat“, sagte er und streckte ihm die Hand hin. Rick ergriff sie zögernd. „Du bist der Satan, oder? Cooler Auftritt gestern. Kendrick?“
    Rick nickte zustimmend.
    „Ich bin Pearl“, stellte sich ein Mädchen mir vor. Ebenfalls blond überragte sie mich um fest einen Kopf. Ich kam mir vor wie ein Zwerg. „Auch Distrikt 1.“
    „Hey! Würdet ihr dahinten zuhören? Es geht hier um euer Leben!“, rief der Mann vorn wütend. Wir wandten uns alle schnell um und verstummten.
    Nachdem der Mann fertig mit seinem Vortrag war, stellten sich die aus Distrikt 1 wieder zu Rick und mir.
    „Wie wäre es?“, wiederholte Derek noch einmal seine Aufforderung.
    „Jetzt sofort?“, fragte Rick überrascht.
    „Wieso nicht? Ich kämpfe auch mit Schwert“, erklärte er.
    „Na gut“, willigte Rick ein und beide holten sich ein Schwert.
    „Willst du wetten?“, fragte Pearl mich. „Ich setzte auf Derek.“
    „Wenn ich etwas zum Einsetzen hätte, dann würde ich auf Rick setzten!“, stellte ich klar.
    „Der Einsatz ist ein Kuss“, sagte sie. „Wenn Rick verliert, musst du ihn küssen. Wenn Derek verliert, küsse ich ihn.“
    „Abgemacht“, stimmte ich zu und gab ihr die Hand darauf.
    „Also wirklich, Ladys!“, rief Derek, als er und Rick bewaffnet zurückkamen. „Das haben wir gehört! Wollt ihr etwa, dass wir absichtlich verlieren?“
    „Rede keinen Scheiß und schwing deinen Arsch da rauf!“, rief Pearl und deutete auf ein Gitter aus Holzbalken, die etwa 1m² große Quadrate formten. Das Gitter war waagerecht etwa einen Meter über den Boden angebracht.
    „Was? Da drauf kämpfen? Gleich zu Anfang?“, fragten die Jungs verunsichert.
    „Nein, das müsst ihr nicht, wenn ihr nicht wollt“, sagte ich sofort.
    „Doch“, widersprach Pearl. „Es sei denn, ihr traut euch nicht.“
    „Doch natürlich“, erwiderten die Jungen und stellten sich auf das Gitter.
    „Los!“, schrie Pearl und Derek holte gleich aus. Rick parierte und trat vorsichtig einen Schritt zurück. Noch einmal griff Derek an, doch Rick sprang einen Balken nach hinten und wich somit aus. Er trat einen Schritt zur Seite, trat vor und wieder zurück, als wolle er ein Gefühl für das Gitter bekommen. Dann, urplötzlich, trat er noch vorn und holte aus. Der Karriero schaffte es gerade noch so den Schlag abzublocken, da griff Rick schon wieder an. Ich jubelte begeistert auf. Mann, war er gut!
    „Du schaffst das, Rick!“, feuerte ich ihn an.
    „Kriege ich auch einen Kuss, wenn ich gewinne?“, rief er mir lachend zu, als er auf Derek einschlug. Dieser drehte sich jedoch um, sprang auf den Balken neben ihn und schlug auf Ricks Hüfte ein. Diesem blieb gerade noch Zeit sein Schwert zum Schutz zu heben.
    Der Kampf wurde immer spannender, die Jungs immer schneller. Ich zitterte vor Aufregung. Derek und Rick schwitzten. Ich hatte keine Ahnung, wie lang es schon dauerte. Beide hielten sich sicher auf den Balken, niemand schwankte auf nur.
    Doch in jenem Moment holte Rick heftig mit dem Schwert aus. Der Karriero schaffte es den Angriff abzuwehren, jedoch nicht, der Wucht des Schlags standzuhalten. Er kippte nach hinten, ich wollte gerade aufjubeln, als er Rick vorn am Oberteil packte und mit sich hinunterriss. Derek knallte mit dem Rücken gegen einen Balken, Rick mit dem Kopf und beide stürzten sie zu Boden.
    „Sieht nach einem Unentschieden aus“, sagte Derek, als ich sich aufsetzte. Rick gab keine Antwort. Misstrauisch beäugte der Karriero ihn.
    „Was ist los?“, fragte ich und kletterte über die Balken zu ihnen herüber, um durch ein Loch zu schlüpfen und mich über Rick zu beugen. Ich schüttelte ihn leicht an der Schulter. Er rührte sich nicht. Plötzlich fiel mir auf, dass sein Kopf seltsam verrenkt da lag…
    „Rick?“, fragte ich und schüttelte ihn heftiger. Keine Reaktion. „RICK! RICK, WACH AUF!“
    Doch Rick wachte nicht auf, ich schüttelte ihn nur immer heftiger mit bebenden Händen.
    „Er ist tot“, flüsterte Derek schockiert. „Oh mein Gott, er ist tot!“
    „RICK!“, schrie ich und wollte es einfach nicht wahrhaben. Tribute starben in der Arena! Nicht beim Training! „RICK!“
    Er wachte nicht auf. Er war tot. Ich brauchte Minuten, bis es zu mir durchdrang. Rick war tot. Wie würde es denn jetzt weitergehen?

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smily ( 21892 )
Abgeschickt vor 363 Tagen
einfach hammer geschrieben. Bitte mehr!
(: ( 30608 )
Abgeschickt vor 366 Tagen
Das ist schrecklich!!!!Total gut geschrieben
Serena123 ( 95640 )
Abgeschickt vor 435 Tagen
Ich hab Gänsehaut bekommen umd musste heulen. Bitter schreib noch andere FF
Flocke ( 99221 )
Abgeschickt vor 467 Tagen
Super cool geschrieben 👍🏼🍀
Natalie ( 95825 )
Abgeschickt vor 544 Tagen
Absolut geil, wirklich gut geschrieben
clato ( 70644 )
Abgeschickt vor 644 Tagen
Wow! Unglaublich geschrieben! Mein Herz hat wie wild geklopft und ich hatte eine Gänsemarkt.
XD ( 23555 )
Abgeschickt vor 732 Tagen
Einfach perfekt geschrieben muss ich sagen.✔✅☑
Juno ( 86124 )
Abgeschickt vor 742 Tagen
Geil GEIL Geil 😃😃😃😃 8515;😃😃😃😃 ;😉😉😉😉 28521;😉😉😉㈳ 9;😇😇😇😇&# 128540;😜🗽🗽ԅ 09;🗽✅✅✅✔ ;✔✔✔💍ԁ 41;💐💐💐💐& #128144;
Peeta ( 42841 )
Abgeschickt vor 743 Tagen
Bitte schreib weitere Geschichten bitte bitte bitte
Allissalein ( 42841 )
Abgeschickt vor 743 Tagen
GEIL Geile Geil 😃😃😃😃
Bella ( 61804 )
Abgeschickt vor 743 Tagen
Ist echt geil 😃😄
Aqualia ( 19609 )
Abgeschickt vor 769 Tagen
Eine der besten Fanfiktions die ich je gelesen habe!!
neverland ( 53705 )
Abgeschickt vor 772 Tagen
Wirklich eine super Geschichte! Du hast die Welt und das Gefühl von den Hungerspielen perfekt erzählt und auch das Ende passt dazu:-)
Satan007 ( 50924 )
Abgeschickt vor 819 Tagen
Absolut Hammma!!!
LE - GEN - warte ich habs gleich - DÄÄÄÄR...
Weiter so bitte!
Mrs. Weasley ( 77141 )
Abgeschickt vor 1030 Tagen
Wow das war echt der Hammer!!!! Ich voll der teste dich suchti und habe selten so geile geschichten gelesen. Mach weiter so👍
OMG ( 46922 )
Abgeschickt vor 1065 Tagen
Omg die Geschichte war so geil ich hab voll geheult mach noch so n Geschichte von de Tribute von panem
Bella ( 09496 )
Abgeschickt vor 1068 Tagen
Die Story ist HAMMER!!!!!!!!!
christina15 ( 09799 )
Abgeschickt vor 1077 Tagen
ich habe ne Gänsehaut von der story!
Schreib bitte so weiter.
Unglaubliche Geschichte!
mx ( 25789 )
Abgeschickt vor 1173 Tagen
Hammer Geschichte! Das Ende ist zwar traurig, aber das Einzige, das wirklich passt und es trifft die Situation derSchreckensherrschaft und Rebellion in Panem sehr genau. Hut ab!
Foxface ( 54074 )
Abgeschickt vor 1200 Tagen
Ja habe den Kommentar unter den Teil 2 geschrieben, habe die weiteren Teile erst nicht gesehen. :) Ist wirklich eine super Geschichte!